Böse Diktatoren und grausame Herrscher: Zur Aktualität des Schriftstellers de Sade.

Hinweise zum „Marquis de Sade“

Von Christian Modehn

Haben die grausamen und bösen Herrscher heute, die sich Politiker nennen und als solche auch in der internationalen Gemeinschaft behandelt werden, haben diese Herren also de Sade gelesen? Wahrscheinlich nicht. Aber sie handeln wie der Marquis aus dem 18. Jahrhundert: Er hat offenbar in seinen Texten seelische Dimensionen freigelegt, die nicht nur ihn allein betreffen, sondern eben auch andere Menschen, Herrscher, Übermenschen, Halbgötter. Angesichts der bestialischen Brutalität so vieler, etwa in Syrien jetzt, in Yemen, im Südsudan oder am Kongo usw., von der indirekten Grausamkeit der Waffenproduzenten usw. ganz zu schweigen, ist eine Reflexion auf die (viel beachtete) Schriftstellerei des Marquis de Sade vielleicht hilfreich. Denn Hintergrund seiner grausamen Lebenspraxis und „Philosophie“ ist die Erfahrung der total bösen Welt bzw. Natur und dem entsprechend: die Erfahrung eines Gottes, der selbst grausam ist. Und was tun solche Menschen, die solches erleben und meinen erkannt zu haben, etwa als Herrscher und Dikatoren: Sie folgen eben dieser bösen Natur, diesem bösen Gott, diesem göttlichen Bösen … und gerieren sich selbst grausam. Wie Diktatoren und gewalttätige Herrscher das göttlich empfundene Böse verehren, wäre ein eigenes Thema.

Aufgrund zahlreicher Diskussionen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin wird hier noch einmal ein Text über de Sade vorgestellt und zur Diskussion empfohlen, verfasst Ende 2014.

Vor 200 Jahren, am 2. Dezember 1814, ist der Marquis Donatien Alphonse François de Sade im Alter von 74 Jahren im Hospiz zu Charenton gestorben.

Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ein Anlass, an den sich Philosophen nennenden Schriftsteller und sein umfangreiches Werk zu erinnern: „Sein Angriff auf Gott übertrifft an Unerbittlichkeit alles Dagewesene“, so die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch „Das Böse denken“ (Suhrkamp Verlag, 2006, Seite 286). De Sades Werk (und sein Leben) können – wenn man denn sehr starke Nerven hat – Einsichten gewähren in die widerwärtigsten Aspekte und Abgründe der menschlichen Existenz. „Sade wollte, dass seine Leser (durch die geschilderte Flut von Schreckensbildern,CM) leiden“ (S. 259). „Für diesen Philosophen haben sogar deskriptive Schilderungen normative Kraft“ (S. 262). Und diese Beschreibungen sind fast immer ausführliche Darstellungen von Qualen und Leiden, die Herrenmenschen, Männer, gelegentlich auch Frauen (Juliette usw) unschuldigen Opfern der eigenen Lust wegen antun. De Sade kennt absolut kein Mitleid, keine Empathie; die Protagonisten seiner umfangreichen Texte töten und zerfleischen z.B. ihre eigenen Kinder, aus dem einzigen Grund, „ihre Orgasmen zu steigern“, betont Susan Neiman (ebd.).

Interessant und weiter zu diskutieren ist ein Hinweis zur aktuellen Bedeutung des „Philosophen“, den jetzt der de Sade Biograph, der Historiker Prof. Volker Reinhardt mitteilt: „Mit dem Grauen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der stalinistischen Gulags … gewannen die de Sadeschen Visionen einer entmenschlichten Welt unheilvolle Aktualität. Ähnlichkeiten zwischen den Folterschlössern seiner Romane und den Vernichtungslagern der SS traten im Licht der historischen Erfahrung gespenstisch hervor. In Auschwitz wie in Silling (einem der Lust-Folterorte de Sades, CM) galt das Töten wehrloser Opfer als verdienstvolle Tat, der ein höherer Befehl zugrunde lag. Für die „Libertins“ (also jene sich absolut frei=unverantwortlich  fühlenden „Philosophen“ des 18. Jahrhunderts CM) in den Werken de Sades war es der Wille der Natur, der die Schwachen ausgelöscht sehen wollte“ (Volker Reinhardt, De Sade. C.H. Beck Verlag München 2014, S 414f).

„Die Natur“ deutet de Sade als System allgemeiner Unordnung, Brutalität und Ungerechtigkeit. Es gibt für ihn keinen göttlichen Plan im Ganzen der Welt. Die einst religiös verklärte „Vorsehung“ (also das Gelenktsein der Welt durch einen guten Gott auch in allen Schicksalsschlägen) wird nun „barbarisch“ (siehe S. Neiman, S. 275) genannt. In einer solchen sinnlosen wie grausamen Welt/Natur, meint de Sade, sei es für den gebildeten Menschen nur konsequent, dieser Natur eben zu entsprechen und also seinerseits grausam zu leben und zu handeln. Brutalsein heißt also nur Natürlichsein in dieser oberflächlichen „Philosophie“. In einer eigentlich bösen Schöpfung ist es sozusagen das Beste, wenn der Mensch böse handelt. Dass dabei nur die Wahnvorstellungen einer kleinen Clique von absoluten Herrschern und Herrenmenschen bedient werden, kann de Sade nicht wahrnehmen. Mir scheint, er kann seinen eigenen hermeneutischen Standpunkt nicht reflektieren; das ist ein entscheidender Mangel für einen, der sich Philosoph nennt.

Georges Minois fasst in seiner umfangreichen Studie „Geschichte des Atheismus“ (Weimar 2000, S. 443) dieses besondere Profil des Schriftstellers de Sade zusammen: „Das Abgleiten zur Moral des Übermenschen ist hier offenkundig, jedoch mit jenem =sadistischen= Akzent, bei dem das individuelle Glück im Unglück der anderen besteht. Der Mensch, der mit der Natur im Einlang lebt, ist der böse Mensch. Es ist die Natur, die die Verbrecher hervorbringt“.

Wenn man aber noch –traditionsbedingt – die Natur/Welt für eine Schöpfung Gottes hält, dann muss man – so de Sade – selbst Gott für eine „ungebrochen bösartige Macht“ (so die Interpretation von Susan Neiman) halten. De Sade schreibt: Ein solches göttliches Wesen muss „äußerst rachsüchtig, barbarisch, ungerecht und grausam sein … grausamer noch als jeder Sterbliche (Zit. von Susan Neimann, S. 283). Der Gott de Sades ist ein grausamer Gott. De Sade lässt über seinen Protagonisten Saint Fonds den Gott sagen: „Hat euch das immer wiederkehrende Unheil, mit dem Ich das Universum überflute, nicht davon überzeugt, dass ich einzig Aufruhr und Chaos liebe und ihr mir nacheifern müsst, um mir zu gefallen“ (zit in S. Neiman, S. 285).

Der „Philosoph“ de Sade lehnt Gott total ab, ist aber doch bereit, diesem grausamen sozusagen „atheistisch fromm“ zu entsprechen: Indem er – in seiner Praxis und schlimmer noch in seinen unerträglichen Texten – selbst grausam wird.

Wenn sich die Frage nach der Geltung von Tugenden und ethisch gutem Leben stellt, so bietet de Sade eine – es sei erlaubt dies zu sagen – eine postmoderne Antwort: „Tugend und Laster sind einzig eine Frage der Sitten und Gebräuche eines Landes, nichts anderes“ (interpretiert Susan Neiman diese Überzeugung de Sades, S. 279). Noch einmal: „Tugend und Laster sind lediglich eine Sache der Meinung und der Geographie“ (S. 278). Bei dieser total gewollten und behaupteten (!) Relativität gibt es also keinen verpflichtenden Grund, selbst tugendhaft zu sein, im Gegenteil: Bei dem bösen Gott und der ohnehin grausamen Natur soll der Herrenmensch bitte schön seinerseits grausam sein. Das ist seine wahre Tugend. „Juliette (die grausame Protagonistin eines der berühmten Romane) vergottet die Sünde“ (S. 282).

Dass die Welt insgesamt von Grausamkeit geprägt ist, bedarf keiner Verdeutlichung, wenn es um eine bloße Phänomenbeschreibung geht. Bei de Sade kommt eine neue Dimension hinzu: Die letztlich totale Zerstörung selbst wird als Projekt und als Ziel behauptet. Und in der grausamen Zerstörung wollen bestimmte Herrenmenschen noch ihre letzte Lust erleben. Und dieser Aspekt interessiert die Menschen. „Wie jedem großem Verbrecher gelingt es de Sade, uns durch sein Werk zu faszinieren, und es sieht nicht so aus, als würde es an Anziehungskraft verlieren“ (S. 286).

Interessant ist, dass die Philosophin Susan Neiman de Sade mutig einen „großen Verbrecher“ nennt. Dem stimmen einige französische Schriftsteller und Künstler überhaupt nicht zu. Volker Reinhardt skizziert im Schlusskapitel seiner genannten, umfangreichen Studie von 2014 einen breiten Strom von französischen Autoren (Nietzsche kannte den Marquis offenbar nicht. Volker Reinhardt weist auf durchaus inhaltlich ähnliche Perspektiven hin).

Diese französischen Schriftsteller gehören, voller Wohlwollen und Sympathie für den Marquis, zur positiven Wirkungsgeschichte des „großen Verbrechers“ (Neiman). Allein die Tatsache erweckt schon Erstaunen, dass die Werke de Sades in der berühmten „Bibiothèque de la Pléiade“ (im durchaus „berühmten“ und hochangesehenen Verlag Gallimard, Paris) vorliegt, sozusagen neben den Werken von André Malraux und Milan Kundera steht. Darf man fragen, ob dorthin de Sade gehört? Aber etliche große Autoren wie Baudelaire, Apollinaire, Bréton usw. haben de Sade als Helden der Freiheit und Emanzipation gefeiert und von dem „guten Menschen de Sade“ allen Ernstes gesprochen. Selbst Albert Camus, sonst kritisch gegenüber Gewaltideologien wie dem Stalinismus, wollte de Sade „Ehre erweisen“. Viele die sich mit diesem gewalttätigen „Philosophen“ befasst haben, sagt Volker Reinhardt (S. 392) „haben seine (de Sades) Sprache und Ideen entschärft, indem sie ihn für ihre eigenen Vorstellungswelten und Theorien vereinnahmt haben“ Reinhardt spricht sicher zu Recht bei diesen von Sympathien für de Sade dahinschmelzenden Autoren von „selektiver Lektüre und der „Kunst des zielgerichteten Weglassens“ (ebd.).

Der Historiker Volker Reinhardt hat zweifelsfrei recht, wenn er nicht als Moralapostel auftritt, sondern den Menschen de Sade und sein Werk verstehen will. Sicher sind die entsetzlichen Dimensionen, die er beschreibt, doch Teil der menschlichen Psyche. Und wer verstehen will, muss auch die historischen Umstände seiner Zeit, auch der früheren Zeit der Kirche, verstehen: Haben wir vergessen, wie der Dominikanermönch Las Casas voller Abscheu die Morde an den „Indianern“ durch die spanischen Eroberer, allesamt strenge Katholiken, beschreibt? Haben wir vergessen, wie die Opfer der Inquisition nach langem Foltern auf den Scheiterhaufen verbrannt wurden? Über erotische Empfindungen der Henker ist dabei kaum die Rede. Dies ist der Unterschied zu de Sade. Er erlebte einen Staat und eine Kirche, die voller Lüge und voller Gewalt waren. Beides hat der heranwachsende junge de Sade gesehen und gern übernommen.

Der Marquis wuchs in einer Region auf, die weitgehend noch zum Herrschaftsgebiet des Papstes gehörte, es handelte sich um das „Comtat Venaissin“, das nach dem Sieg über die ketzerischen Katharer (Albigenser, die „Reinen“) im 13. Jahrhundert dem römischen Oberhaupt zufallen war. Wie die Katharer, so Reinhardt, meinte de Sade, noch gegen die Diktatur des offiziellen Christentums, der Kirche, vorgehen zu müssen.

Der kleine Marquis Donatien Alphonse François de Sade (geboren am 2. Juni 1740) wurde vor allem von seinem Onkel, dem Weltpriester Abbé Jacques Francois de Sade, erzogen, dieser war, wie Reinhardt schreibt, „den fleischlichen Genüssen überaus zugetan“. In seinen ersten literarischen Texten verarbeitet der junge Marquis seine Erfahrungen mit dem auf Lust und Pfründen bedachten Klerus; de Sade zeigt sich, so Reinhardt, „als konsequenter Gegner des Christentums, das er als Betrug im Dienste der Mächtigen demaskieren will“ (S. 47). „Der Klerus ist für den Marquis eine gigantische Hilfstruppe der Despoten zur Verdummung und Ausbeutung der Masse, die es ihren Blutsaugern durch ihren stumpfen Abergauben nur zu leicht macht (ebd).

Die „Wurzeln“ für die spätere radikale Gottesleugnung des Marquis wurden also in praktischen Erfahrungen in der Jugend schon gelegt. „Bruder Raffael etwa, der einflussreichste unter den mörderischen Mönchen des Horror Klosters Saite Marie des Bois genießt die besondere Gunst des Papstes, damit ähnelt der Mönch von ferne dem Abbé de Sade…“(S. 49).

Später studierte der junge Marquis im hoch angesehenen und sehr teuren Jesuitenkolleg Louis le Grand in Paris, dort wurde er in die Welt des Theaters eingeführt und erlebte zum ersten Mal die Qualen christlicher Blutzeugen, der Märtyrer, aber auf der Bühne. Kaum verheiratet, in einer arrangierten Ehe, kümmert sich der Marquis um „Lust-Stützpunkte“ (S. 76) in Versailles und anderswo, wo er seine Damen zwingen will, heilige Gegenstände, Kreuze usw. zu entehren. Wenn die gekauften Damen sich weigerten, vollzog er selbst allein die Profanierungen (78). Er hatte eine tiefe „Wut darüber, (religiös) in die Irre geführt und mit der falschen Religion abgespeist worden zu sein. Damit protestierte der Marquis gegen eine Gesellschaft, die sich mit dem wirkungslosen, bedeutungslosen Gott eingerichtet hatte, sein Atheismus war auch eine „Rebellion gegen die Gesellschaft“ S. 79). Diese verlogene Gesellschaft hindert den Marquis daran, so meinte er, seine eigenen sexuellen Gelüste umfassend ungestört auszuleben.

Zur weiteren Biographie verweisen wir gern auf das Buch von Volker Reinhardt, dabei wird deutlich, wie stark der Marquis einerseits von Lügen lebte, etwa auch im Umfeld der Französischen Revolution in Paris. Er selbst wollte unbedingt durch Lügen sein eigenes Leben schützen. Den Nihilismus, den er gegenüber seinen Opfern anwandte, galt nicht für ihn selbst. Der nihilistische Denker wollte sehr gern gut leben. Das Leben war ihm doch ein positiver Wert…

Jedenfalls erobert sich de Sade seine absolute Herrschaft über die dann nur als Dinge, als Gegenstände, verstandenen Menschen.

Eine von vielen Fragen zu de Sade bleibt weiter offen: War er psychisch krank und wenn ja, was wahrscheinlich ist, wie bestimmt war die seelische Krankheit.

Fest steht: Das Leiden der sexuellen Opfer wurde von de Sade als Lustmaximierung erlebt (S. 39). Reinhardt spricht auch von einem „völligen Mangel an Empathie“ (S. 81). „De Sade nahm mit seiner üblichen Gleichgültigkeit für das Leiden der anderen den gesundheitlichen Ruin und sogar den Tod seiner Lustobjekte in Kauf“ (S. 121). Hatte sein Gehirn vielleicht bestimmte physische Schäden, aufgrund derer er sozusagen von einer moralischen Verantwortung entlastet werden könnte?

Wie weit kann das Ausleben der Lust gehen: Das ist die Kernfrage der Texte de Sades. Hintergrund für diese (kranke) Lebenspraxis ist die Überzeugung: Der Mensch ist nur Materie, sonst nichts (S. 180). Eine Überzeugung, die man auch heute oft hört. Diese Natur zwingt förmlich bestimmte Menschen dazu, Laster zu haben. Dies ist das Glaubensbekenntnis des Herrn de Sade. „Der Mensch ist ein zum Egoismus verdammtes Triebwesen“ (S. 278).

Soll dieser Egoist nur aufpassen, dass er nicht von anderen Egoisten erschlagen wird, um es einmal in einer schlichten utilitaristischen „Ethik“ zu sagen. Dass de Sades Denken auch heute nicht von gestern ist, haben diese knappen Hinweise sicher gezeigt. Über die aktuelle Gewalt in der Welt, den Städten, könnte durchaus einmal im Zusammenhang mit de Sade gesprochen werden. Warum hat P.P. Pasolini 1975 den Film „Die 120 Tage von Sodom“ realisiert? Was spürte er, wie stark war sein Wissen, dass die von de Sade beschriebene Grausamkeit heute lebt? Wie außergewöhnlich und „einmalig“ ist die von de Sade beschriebene Grausamkeit? Braucht „man“ die Schilderungen solcher Monstrositäten, um an die eigenen Möglichkeiten der eigenen Verirrung erinnert zu werden? Haben diese bestialischen Schilderungen de Sades als Schilderungen dann einen gewissen Charakter der „Reinigung“? Sind etwa Menschen, die de Sade gelesen haben, dadurch bessere Menschen geworden? Darüber wurde bisher nicht berichtet.

Die Bücher von Volker Reinhardt und Susan Neiman liegen zur weiteren Diskussion vor. Über den radikalen Atheismus des Marquis wäre noch ausführlicher zu sprechen. „De Sade und die Gottesfrage heute“ wäre ein Thema auch für (christliche) Akademien. Die Frage ist: Wie kann Gott als gut bezeichnet werden in einer Welt der Grausamkeit (auch heute)? Ist Gott nun gut oder grausam? Ist er beides? Oder sind es zwei Götter? Ist die Frage nach Gott in dem Zusammenhang vielleicht gar abwegig? Aber: Diese Frage bewegt die Menschen seit Urzeiten. Sie könnte doch wieder einmal gestellt werden, ohne dogmatische Scheuklappen oder vorgegebene Katechismuswahrheiten.

In unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ werden wir diese Frage aufgreifen.

Copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Ein Gerichtsprozess im Vatikan: Der Legionär Christi Pater John O Reilly

Ein Hinweis von Christian Modehn

Im Rahmen unserer nur exemplarisch zu verstehenden religionskritischen Studien hat der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ seit über 10 Jahren über den offiziellen katholischen Orden „Legionäre Christi“ wie über die mit ihm verbundene Laien-Bewegung „Regnum Christi“ berichtet. Weil sich kein anderes publizistisches oder religionswissenschaftliches oder wenigstens theologisches Zentrum in Deutschland ausführlich und ständig um diese weltweit einflussreichen Gruppen kümmert, nun also hier ein weiteres Kapitel aus diesem klerikalen Sumpf…

Jetzt wird erneut einem prominenten Priester, Pater O Reilly aus Chile, wegen pädophiler Verbrechen der Prozess im Vatikan gemacht. Das berichten am 9. August 2016 „Le Monde“ und „Figaro“.

Zur Erinnerung: Schon gegen den ebenfalls „betroffenen“ Nuntius in der Dominikanischen Republik, Erzbischof Jozef Wesolowski, wollte ein päpstliches Gericht ein Urteil fällen, aber der pädophile Erzbischof verstarb am 27.8.2015 kurz vor Prozessbeginn in Rom … an „Herzstillstand“, so heißt es …. Während Nuntius Wesolowski sich den Knaben „zuwandte“, hat sich der aus Irland stammende Pater John O Reilly an Mädchen vergriffen. Das haben Gerichte in Chile erwiesen. Weil dem Priester die Ausweisung aus Chile droht, soll er nun sozusagen im sicheren Vatikan „untergebracht“ werden… Konkrete Daten für den Prozess gibt es noch nicht.

Pater John O Reilly LC, 69 Jahre, wurde schon von chilenischen Gerichten verurteilt. In den Jahren 2010 bis 2012, so wissen die Gerichte, habe er als „spiritueller Meister“ im Legionärs Kolleg „Cumbres“ mehrfach ein ihm anvertrautes Mädchen von 9 Jahren sexuell missbraucht. Er wurde im November 2014 zu 4 Jahren „überwachter Freiheit“, „liberté surveillée“, wie Le Monde schreibt, verurteilt. Seine chilenische Staatsbürgerschaft wurde ihm im März 2015 aberkannt, nun soll er aus Chile abgeschoben werden. Ist das Grund, dass der Vatikan den alsbald wohl staatenlosen Pater zu sich holt? Oder sind die Hintergründe der Tat so belastend, dass sie besser im sehr schweigsamen Vatikan verhandelt werden? Warum also diese Sonderbehandlung für Pater O Reilly? Denn allein in Chile sind über 20 pädophile Priester nun auch kirchenamtlich „enttarnt“. Wenn allein diese im vatikanischen Gefängnis untergebracht würden, wären die eher bescheidenen Gefängniskapazitäten des Vatikans wohl bald erreicht … und der „Apostolische Palast“ müsste umgebaut werden…

Merkwürdig ist, dass die pädophilen Aktivitäten von Pater O Reilly aus dem Orden der Legionäre Christi auch dann kein Ende fanden, als der Ober-„Verbrecher“ im Orden, so fast wörtlich Papst Benedikt XVI., also der Gründer Pater Marcial Maciel, zahlreicher Untaten 2006 definitiv überführt wurde und der Orden danach sozusagen auf der Kippe stand: Denn viele kluge Leute meinten, dieser katholische Club solle besser aufgelöst werden. Aber Pater O Reilly wurde wohl in seinem Tun „gedeckt“; er war offenbar unersetzlich, denn er galt als wichtiger „Geldeintreiber“ im bekanntermaßen geldgierigen Orden. Sie leben in den teuersten Vierteln von Santiago, etwa Las Condes. Über den Reichtum des Ordens allein in Chile haben die Journalisten Andrea Insunza und javier Ortega ein Buch publiziert: “Los Legionarios de Cristo en Chile. Dios, Dinero y Poder”,

John O Reilly wurde in der Nähe von Dublin geboren, sein Vater widmete sich vor allem der Hühnerzucht. Das Kind wurde bei den Großeltern erzogen. „Aber von seiner sehr bescheidenen Vergangenheit sprach er in Chile nie“, berichten ehemalige Bekannte, wie der Ex-Legionär Glenn Favre. 1965 trat O Reilly in den Orden der Legionäre Christi ein. An dem bewiesenen verbrecherischen Leben des Ordensgründer Maciel hatte er stets seine Zweifel, BBC zitiert O Reilly aus dem Jahr 2006: „Nadie duda de la absolutísima inocencia del padre Marcial Maciel, por su vida y por sus obras, por lo que ha entregado a cada uno de nosotros, a la Iglesia y al mundo“, comentó O’Reilly en 2006 en entrevista con el sitio web Emol al conocerse la decisión vaticana“… „Niemals zweifle ich an der aboluten Unschuld Pater Maciels….“

Nach Chile kam O Reilly 1984, er arbeitete in den Kollegien „für Kinder aus reichem Hause“. Die Tageszeitung „El Mercurio“ beschrieb 2002 die Beziehung des Priesters zu den ihm anvertrauten Mädchen:“ „Parece una gallina con sus pollos, rodeado de niñitas que le conversan y le piden ’nosotras queremos quedarnos contigo, padre‘: „Er erschien wie ein Huhn mit seinen Hühnchen, umringt von kleinen Mädchen, die ihn unterhielten und ihn baten: Wir bitten, bleibe mit uns, Pater“., so BBC, http://www.bbc.com/mundo/noticias/2014/11/141111_perfil_oreilly_legionarios_millonarios_ch

Mit dem bevorstehenden Prozess im Vatikan wird erneut das öffentliche Interesse auf die Aktivitäten der Legionäre Christi und des Regnum Christi in CHILE gelenkt. Dieser Orden kam erst 1980 nach Chile, zu der Zeit, als der Diktator Pinochet (seit 1973) herrschte. Der Journalist Alfonso Torres Robles berichtet in seinem Buch „La prodigiosa aventura de los Legionarios de Cristo“ (Madrid 2001), Seite 58 f., dass die Legionäre in Chile sofort Anschluss fanden an zahlreiche große Unternehmer und Politiker. Vor allem mit dem rechtsextremen Innenminister Pinochets, Carlos Cáveres Contreras (geboren 1940), gab es enge Kontakte. Dieser Herr hat noch den Diktator Pinochet in seinem Londoner Gefängnis besucht und unterstützt. Bekanntlich setzte sich der so genannte „Heilige Stuhl“ (Vatikan) ebenfalls für die Freilassung Pinochets ein. Unter der Herrschaft von Pinochet war Erzbischof Angelo Sodano Nuntius des Vatikans dort, mit Pinochet verband ihn eine herzliche Verbundenheit. So lernten auch die Legionäre und Erzbischof Sodano einander schätzen, was sich dann beim späteren Aufenthalt Sodanos im Vatikans sehr gewinnbringend für die Legionäre auswirkte, aber das nur nebenbei…

Caveres Contreras jedenfalls wurde schon in den neunzehnhundertachtziger Jahren als einer der einflussreichsten Männer Chiles betrachtet, zugleich wurde Präsident des von den Legionären Christi gegründeten „Rates der unternehmerischen Generation“. Mit diesem elitären Finanz-Club wollte Marcial Maciel, der Legionärs Gründer, nach bewährter und bekannter Art „Kontakte knüpfen“ und sich beliebt machen in der Welt der Reichen und Einflussreichen. Warum wohl? Um, ebenfalls nach bekannter Manier, immer mehr Geld zu gewinnen. Gleichzeitig „kümmerte“ sich der Orden, seinem Hauptinteresse folgend, um gute Kontakte zum Militär und zur einflussreichen Tages-Zeitung „El Mercurio“. Darüber hinaus gründeten die Legionäre Collegien, etwa die in Chile ziemlich berühmten „Cumbres“ und „Everest“, „die von den Politikern der Rechten bevorzugt worden“, so in dem genannten Buch von Torres Robles, S. 60. Pater O Reilly arbeitete auch an dem Legionärs-Radiosender „Santa Maria de Guadelupe“ als Programmdirektor.

Im Umfeld des Prozesses gegen O Reilly in Santiago wurde ein psychologisches Gutachten erstellt, das ein journalistisches Netzwerk in Chile dann ausführlich publizierte. Darin heißt es über den Legionärs-Priester: „Se vincula con personas que posean poder, riqueza o influencia, en busca de prestigio personal y de mayor liderazgo”. „Er verbündete sich mit Personen, die Macht, Reichtum oder Einfluss besitzen, auf der Suche nach persönlichem Prestige und einer größeren Führungsrolle“. Quelle: http://ciperchile.cl/2015/01/22/el-desconocido-perfil-sicologico-de-oreilly-rasgos-narcisistas-sexualidad-infantil-y-busqueda-de-poder/

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die reaktionären Piusbrüder sind bald wieder offiziell römisch-katholisch.

Die Reaktionären setzen sich durch: Die Piusbrüder sind bald wieder offizieller Teil der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Ein aktueller Hinweis am 17.10.2016: Oberster Traditionalist beim Chef der Glaubenskongregation: So berichtet die Tageszeitung La Croix am 14.10.2016:  Le supérieur de la Fraternité S. Pie X. a rencontré le préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Mgr Bernard Fellay, supérieur de la Fraternité sacerdotale Saint-Pie-X (FSSPX), a été reçu jeudi 13 octobre pour la deuxième fois par le cardinal Gerhard Ludwig Müller, préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Peu avant cette rencontre, le chef de file des lefebvristes a brièvement rencontré le pape François, a indiqué la fraternité.

Die Versöhnung macht also Fortschritte!

Am 12.5. 2017 veröffentlichte ich einen Beitrag, der sich auf den Besuch von Papst Franziskus in Fatima bezog:

Piusbrüder und Traditionalisten mit Rom versöhnt?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12. Mai 2017

——————————

Wir beziehen uns auf den aktuellen Beitrag in La Croix vom 12.5. 2017: http://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/France/En-France-FSSPX-releve-fonctions-pretres-resistants-rapprochement-Rome-2017-05-12-1200846684

——————————-

Wird sich Papst Franziskus bei seinem Aufenthalt am 13.Mai 2017 im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima mit den Traditionalisten offiziell versöhnen? Das ist die viel diskutierte Frage. Wird diese Versöhnung dann förmlich Maria gut geschrieben, die dort genau vor 100 Jahren, angeblich persönlich, ausschließlich drei Hirtenkindern vom Himmel herab erschien und allerlei Geheimnisse hinterließ, die peu à peu von den Päpsten veröffentlicht werden.

Die katholische Tageszeitung „La Croix“ aus Paris, oft sehr gut informiert über römische Interna, hält diese Versöhnung Roms mit den Erzreaktionären (den Piusbrüdern und ihren Gemeinden) am 13. Mai 2017 für möglich, so in einem Beitrag vom 12. 5. 2017. Der Papst denkt daran, diese Herrschaften in die Kirche wieder als volle Mitglieder aufzunehmen und ihnen den kirchenrechtlichen Status eines „Prälatur“ zu verleihen, die direkt dem Papst unterstellt ist und in die Bischöfe vor Ort nicht hineinreden dürfen. Diese exklusive rechtliche Struktur gilt auch seit Jahren schon für den internationalen mächtigen Geheimclub OPUS DEI.

Die Annäherungen der offiziellen römischen Kirche und der eigenständigen, schismatischen Traditionalistenkirche dauern schon einige Zeit, wir haben auf dieser website darüber berichtet. Papst Benedikt XVI. hat die vier Traditionalistenbischöfe von der Exkommunikation befreit. Papst Franziskus, der angeblich progressive oder auch der Taktierer mit den reaktionären Kräften im Vatikan, wer weiß, hat erst kürzlich noch erlaubt, dass die Eheschließungen durch Pius-Brüder-Priester auch vom Vatikan als gültig anerkannt werden. Das sind Kleinigkeiten für Außenstehende, haben aber einige Bedeutung als Gesten der Annäherung. Bezeichnenderweise haben sich einige Hardliner unter den Piusbrüdern gegen diese Vereinnahmung durch Rom ausgesprochen, auch darüber berichtet La Croix.

Diese Versöhnung von Vatikan und reaktionären Piusbrüdern ist keine politische und theologische Kleinigkeit. Denn deutlich wird: Im Vatikan gibt es viele einflussreiche Kardinäle usw., die mit diesen Piusbrüdern sympathisieren und deren Theologie, die im Jahre 1950 abbricht, richtig finden. Das wirft ein bezeichnendes Bild auf die Verfassung der römischen Kirche. Sie ist viel konservativer als alle Ökumene Dokumente der wenigen aufgeschlossenen Vatikan-Herrscher ahnen lassen. Rom bleibt Rom, da hat sich seit Luther fast nichts verändert. Man glaubt an Marien-Erscheinungen wie in Fatima und findet die alte Messe aus dem 16. Jahrhundert, wie sie die Piusbrüder still vor sich hin lesen, manche sagen brabbeln, ebenfalls toll. Man darf auch nicht vergessen, dass Rom seit 30 Jahren versucht, die Traditionalisten zu spalten: Rom hat eine eigene, mit dem Papst versöhnte Priestergemeinschaft gegründet, sie heißt bezeichnender weise Petrusbruderschaft: Ihre Mitglieder denken wie die Traditionalisten, bekennen sich aber formal zum Papsttum und zu einigen Aspekten des 2. Vatikanischen Konzils. So haben reaktionäre Traditionalisten längst Einfluss in Rom und der ganzen Kirche.

Aber wird es nun wirklich zur Versöhnung mit den Leuten kommen, die ihren Führer in Erzbischof Marcel Lefèbvre sehen? Denjenigen, der die Konzilsbeschlüsse nicht akzeptierte (etwa die Anerkennung der Religionsfreiheit und die Ablehnung der Kirche, Juden zu missionieren) und mit der unerlaubten Weihe von Bischöfen eine eigene Kirche schuf? Genaues wird wie üblich auch jetzt nur angedeutet. Journalisten fühlen sich in dieser Pressepolitik des Vatikans etwas an den Hof Ludwig XIV. erinnert.

Der Vatikan und die schismatischen Piusbrüder als Anführer der traditionalistischen Theologie und damit verbunden der Vorliebe für reaktionäre Politik (Marine Le Pen ist mit der Traditionalisten-Gemeinde St. Nicolas du Chardonnet in Paris als Mitglied verbunden) lieben das dunkle Reden, das Vermuten, das Andeuten, wenn es um die Frage geht: Wann integriert denn der Papst den zahlenmäßig eher überschaubaren Kreis der Traditionalisten mit der römischen Weltkirche? Seit 1988 bilden die unabhängigen Gemeinden der Piusbrüder förmlich eine eigene katholische Kirche, trotz aller Behauptungen der Piusbrüder, nur 100prozentig katholisch zu sein.

Wenn es zur Integration der reaktionären Piusbrüder in die katholische Kirche kommt, rückt diese römische Kirche noch mehr nach rechts und entfernt sich von der Ökumene und dem Dialog mit der modernen Welt. Man denke daran, dass Bischof Lefèbvre in seiner pauschalen Verurteilung immer „die Protestanten, die Liberalen, die Demokraten, die Freimaurer, die Sozialisten“ explizit und ständig giftend verurteilte. Rom, mit den Traditionalisten vereint, entzieht sich dem Respekt einer kritischen demokratischen Öffentlichkeit noch mehr. Ob das Papst Franziskus weiß? Warum will er diese Brüder um sich haben? Die Antwort ist in dem klerikalen System der römischen Kirche klar: Diese Piusbrüder haben in Europa noch viele junge Priester, im Unterschied zu offiziellen römischen Kirche. Von Polen abgesehen, will fast kein junger Mann in Europa noch Priester werden. Die Piusbrüder garantieren die Vorherrschaft des Klerus, wie dies schon die konservativen Neokatechumenalen Priester, die Legionäre Christi und andere alles andere als moderne Kreise und Orden tun.

Katholizismus und Moderne passen überhaupt nicht zusammen. Das begreifen leider nicht sehr viele. Aber das bestätigen diese Vorgänge, selbst wenn es in Fatima jetzt noch nicht zur Versöhnung kommen sollte.

Copyright: Christian Modehn

Der Beitrag von  September 2016:

Religionen verändern heute – wie immer schon – auch inhaltlich ihre Schwerpunkte. Religiöser Wandel ist niemals nur Wandel im äußeren Erscheinungsbild. Diese „inneren“ religiösen Entwicklungen betreffen dann aber auch das Zusammenleben in der Gesellschaft. Jetzt ist es absehbar, dass die theologisch reaktionäre, auch politisch, ethisch, philosophisch reaktionäre, „Priesterbruderschaft Sankt Pius X.“ wieder offiziell in die römisch-katholische Kirche integriert wird. Das ist auch politisch und sowieso auch religionsphilosophisch eine wichtige Neuigkeit, die das „Gesicht“ der römischen Kirche langfristig verändern wird. Deswegen lohnt es sich auch für philosophisch Interessierte, sich mit dieser bevorstehenden Integration der Reaktionären auseinanderzusetzen. Wir gehen in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon davon aus, dass die Grundbegriffe und die wichtigen Daten zu den Piusbrüdern bekannt sind bzw. leicht nachgelesen werden; beschränken uns also weitgehend auf die aktuelle Entwicklung (Stand 3.8.2016). Die populäre, aber naive Meinung, der Katholizismus sei doch „modern“ bzw. werde immer „zeitgemäßer“, wird nun einmal mehr als Irrtum erscheinen. Das wahrzunehmen, gehört zu den Aufgaben religionsphilosophisch Interessierter. Denn Philosophien und Religionswissenschaften in ihrer Distanz zu den katholischen Institutionen sind viel mehr als die institutionell nun einmal von Amts wegen immer kirchen/obrigkeits-abhängigen Theologen in der Lage, eine freie und objektive Analyse zu bieten.

Der Zeitpunkt ist interessant: Im Vorfeld der Reformationsfeierlichkeiten und hoffentlich umfassenden theologisch-philosophischen Besinnungen auf Luther und die anderen Reformatoren stellt die katholische Kirche jetzt deutlich wieder ihr konservativ- römisches Profil in den Mittelpunkt. Dass es wieder Ablässe gibt und dafür ganz ausdrücklich geworben wird, dass der Marienkult blüht und die Heiligenverehrung auch unter Papst Franziskus, ist allgemein bekannt. Nun aber geht es um die Integration (das ist mehr als „Versöhnung“) der Piusbrüder in die offizielle Kirche: Es ist jene inzwischen international verbreitete traditionalistische Gemeinschaft, die sich auf Erzbischof Marcel Lefèbvre (1905 – 1991) als „Gründergestalt“ beruft.

Zur Erinnerung: Erzbischof Lefèbvre hatte drei Feinde der Religion und des Staates (an Demokratie dachte er nicht!) immer wieder benannt: „Die Protestanten, die Sozialisten, die Freimauer bzw. die Liberalen“. Religionsfreiheit war für ihn, den Päpsten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts treu folgend – ein Wahnsinn, der zur Zerstörung der menschlichen Kultur führe genauso wie auch die Ökumene und der Dialog der Religionen schädlich seien. Daran halten die Piusbrüder und ihre weltweiten Gemeinden bis heute selbstverständlich fest.

Lefèbvre wurde aber 1988 exkommuniziert, nicht etwa wegen seiner Lehren, sondern weil er ohne päpstliche Erlaubnis vier seiner Priester zu Bischöfen weihte. Ungehorsam gegen den Papst wiegt also schwerer als Verdammung der Religionsfreiheit und Demokratie…

Die Kreise, die sich um ihn international scharten, es sind wahrscheinlich 150.000 weltweit, wurden –bis vor einigen Jahren – von Rom eher wie eine Sekte außerhalb der römischen Kirche behandelt und eben eher rechts liegen gelassen. Rom gründete die konservative Konkurrenz „Petrusbruderschaft“ (Wigratzbad) wohl in der Meinung, dass die Leute um Lefèbvre für Rom sowieso wohl für Rom „verloren“ sind… Über die Nähe etwa der französischen Traditionalisten bzw. Piusbrüder zu den Parteien des Rechtsextremismus (Le Pen und co.) ist viel, auch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon geschrieben worden. Interessant ist auch immer noch der Beitrag von 2009, der auf Verbindungen Lefèbvres zu Pinochet, Franco, Salazar hinweist: „A l extreme droite de Dieu“,http://www.resistances.be/fsspx01.html

Aber Papst Benedikt XVI. selbst sehr konservativ, meinte es gut mit den Reaktionären und hob die Exkommunikation der Lefèbvre Bischöfe auf. Und jetzt? Seitdem Papst Franziskus Erzbischof Guido Pozzo als Sekretär für den Dialog mit dieser traditionalistisch-reaktionären Gemeinschaft bestätigt hat, wird die Intergration betrieben. Zwischendurch hatte Papst Franziskus schon für einen gewissen „Dialog“ gesorgt, als er seinen Katholiken die Beichte bei einem eigentlich schismatischen Lefèbvre- Priester als gültiges Sakrament gestattete. Zudem hat er den Chef der Bruderschaft, Bischof Bernhard Fellay, in Privataudienz empfangen. Papst Franziskus will ausdrücklich einen freundschaftlichen Dialog mit den Traditionalisten, wie Bischof Pozzo in einem ausführlichen Interview mit der Zeitung „Christ und Welt“ vom 28. Juli 2016, Seite 5, darlegt.

Nur so viel aus dem ausführlichen Interview, das Julius Müller-Meiningen führte: Es werden jetzt gezielt in Rom Schritte unternommen, die „zur vollen Aussöhnung mit den Traditionalisten“ führen, so Pozzo. Rom scheint beruhigt zu sein, dass der bekannte antisemitische traditionalistische Bischof Richard Williamson aus der der Pius-Bruderschaft 2012 (von dieser) ausgeschlossen wurde. Ob antisemitische, xenophobe und homophobe Kreise – etwa in Frankreichs traditionalistischen Gemeinden – noch bestehen, scheint den Vatikan nicht zu interessieren. Zentraler Punkt in der Integration der Reaktionären ist die Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es wurde bisher von ernstzunehmenden Theologen immer als Reformkonzil, als Neubeginn, wenn nicht als „Einschnitt“ in der theologischen Entwicklung gedeutet. Diese Theologen, wie Küng, Schillebeeckx, Rahner usw. sahen darin vernünftigerweise einen Ausdruck von Leben und geistvoller Lebendigkeit. Früher verdammten Päpste die Religionsfreiheit, im Konzil wird sie gelobt. Früher verdammten Päpste die Reformation, nun wird Ökumene offiziell gepflegt. Wenn das kein Einschnitt, kein Bruch, kein Neubeginn ist? Aber Rom liebt heute wieder das Starre und Ewige, das Depositum, den uralten Text usw. mehr als die Lebendigkeit und die zum Leben immer gehörende Veränderung. Über die psychischen Strukturen solcher erstarrter Bürokraten hat Erich Fromm Wichtiges geschrieben und sie treffend als Nekrophilie, Liebe zum Toten und Erstarrten, gedeutet…

Aber Pozzo und mit ihm wohl auch der Vatikan behaupten stur: Das Zweite Vatikanische Konzil liegt ganz auf der Linie der früheren Konzilien und der Tradition, die ja bekanntlich das römische Lehramt festlegt. Also: Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz gehören gar nicht ins Zentrum katholischen Glaubens. Deswegen können die Piusbrüder auch guten Gewissens dieser römischen Kirche wieder beitreten. Denn sie halten – wie gesagt – gar nichts von Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz…Vielleicht gelingt dann eine hübsche Ökumene der Piusbrüder mit den fundamentalistischen Muslims und den Wahabiten… Dies als kleiner, nicht ganz falscher Scherz zur Auflockerung dieser trübsinnigen Entwicklung.

Wenn die Integration der Piusbrüder also zustande kommt, und wenig spricht in römischer Sicht dagegen, dann wird also Profil der römischen Kirche selbst unter Papst Franziskus wieder reaktionärer. Denn er will ja diese Piusbrüder wie eine Art katholischer Sondergemeinschaft, als „Prälatur“, wie das ähnlich organisierte Opus Dei, IN die römische Kirche integrieren. Noch einmal: Für Erzbischof Pozzo vom Vatikan sind die Lehren vom Dialog und der Religionsfreiheit, die das Zweite Vatikanische Konzil einschärfte, „nicht Glaubenslehren oder definitive Aussagen, sondern bloß Anweisungen oder Orientierungshilfen für die pastorale Praxis. Über diese pastoralen Aspekte kann auch nach der kanonischen Anerkennung (der Piusbrüder, also ihrer definitiven Integration in die römische Kirche) weiter diskutiert zu werden, um sie einer Klärung zuzuführen“. Soweit Pozzo. Nebenbei: „Pastoral“ heißt in vatikanischer Bedeutung immer: „weniger wichtig“, „relativ“…Diese Worte Pozzos muss man sich förmlich auf der Zunge zergehen lassen: Sind denn nicht Religionsfreiheit und Ökumene ein für allemal beschlossene Sache auch unter Katholiken? Was soll denn da noch weiterdiskutiert werden mit den reaktionären Piusbrüdern? Ja, es kann weiter diskutiert, damit auch relativiert werden zur Ökumene und Religionsfreiheit, so Pozzo… Hingegen, so meint er, darf überhaupt nicht im entferntesten „die Sakramentalität der Bischöfe“ (also die Klerus-Vorrangstellung) und „die Lehre über den Primat des Papstes und des Bischofskollegiums“ diskutiert werden, so in der 3. Spalte des genannten Artikels in „Christ und Welt“. Noch einmal: Katholisch ist für diesen Herrn, wer an den Primat des Papstes glaubt und an den gottgewollten Vorrang des Klerus. Alles andere, Menschlichkeit, Toleranz, Religionsfreiheit, Liberalität, Ökumene ist verhandelbar, also auch einzuschränken. Kann man im Ernst theologisch so tief sinken, fragen Mitglieder des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons? Welche Schande auch, wenn Pozzo ausdrücklich eine „Anpassung an irgendeine Kultur der Gegenwart“ zurückweist  (5. Spalte im genannten Artikel). Die Anpassung an sein Luxusleben im Vatikan und anderswo wird er wohl gern genießen…Dass Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Konzils immer wieder zustimmend vom aggiornamento der Kirche sprach, wird unterdrückt von diesen Klerikern. Aggiornamento heißt ja wohl Anpassung. Papst Johannes XXIII. ist wohl nun ein Ketzer, wenn er ausdrücklich Anpassung der Kirche wünschte.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist nun in römischer Sicht eines von vielen Konzilien, Teil einer großen Tradition, die sich Erzbischof Pozzo allerdings hütet, genauer zu beschreiben: Denn dann würde er das ganze Grauen dieser Tradition sehen: Päpstliche Macht in einem korrupten Staat, Hexenverfolgung, Ketzerverbrennung, aggressive Mission, Frauenunterdrückung usw.

Was sind die tieferen Gründe für das Versöhnungsbedürfnis des Papstes mit diesen Kreisen? Eine praktische Antwort: Bei einer immer noch auf den Klerus fixierten römischen Kirche gelten alle Kreise sehr viel, die noch viele junge Priester „stellen“ können, das sah man etwa, als der hoch umstrittene Orden „Legionäre Christi“ mit seinem verbrecherischen Gründer Marcial Maciel eben NICHT aufgelöst wurde. Warum? Weil die Legionäre Christi immer noch viele junge Priester haben. Zur Piusbruderschaft gehören heute 600 (meist jüngere) Priester und 200 Seminaristen. Diese könnten doch den allgemeinen Mangel an Priestern gut „beheben“ und man bräuchte nicht über eine Aufhebung des Zölibates nachzudenken.

Eine theologische Antwort: Es ist für den Vatikan unerträglich, dass es noch eine weitere (kleine) Kirche gibt, die sich auch katholisch nennt und das Papsttum als solches so liebt und die Traditionen, die Rosenkränze, die Sühneandachten, das Sich Aufopfern für Maria usw… Diese Konkurrenz ist für eine große Kirche, die alles auf Uniformität und Einheit setzt, unerträglich.

Journalisten und Theologen sollten sich wirklich mal die Mühe machen und das offizielle Mitteilungsblatt der Piusbrüder etwa in Deutschland lesen, das „Mitteilungsblatt Omnia instaurare in Christo“ („Alles in Christus wieder aufrichten“). In der Ausgabe vom Juli 2016 ist ein Vortrag des Piusbruderchefs Bischof Bernard Fellay vom 1. Mai 2016 publiziert. Darin bestätigt Fellay die Aussagen des vatikanischen Erzbischofs Pozzo. Fellay betont: „Kürzlich durften wir in Rom zum ersten Mal hören, dass wir das (Zweite Vatikanische) Konzil nicht mehr akzeptieren müssen. Stellen Sie sich das vor: das ist enorm. Man sagte uns: Sie dürfen bei Ihrer Meinung bleiben…Man sagt uns: Das Konzil ist nicht verpflichtend, man muss niemanden zur Annahme des Konzils zwingen, um katholisch zu sein...Man sagt uns: Das Konzil ist nicht doktrinal (von der Lehre her maßgebend), es ist pastoral. Das ist ungefähr das, was wir selbst immer gesagt haben…“ (Seite 24 f. in dem genannten Heft der Piusbrüder). Aber: Für die Piusbrüder ist diese Entwicklung noch kein „Triumph, „es handelt sich um eine neue Phase im Krieg (mit Rom)“, so der Traditionalisten Chef Fellay wörtlich (Seite 25)

Die Traditionalisten fühlen sich nach wie vor so stark und selbstbewusst, dass sie in ihren Heftchen und Publikationen heftig Papst Franziskus kritisieren, etwa sein Schreiben „Amoris laetitia“. Dieses stelle „einen Dammbruch dar, der die gesamte katholische Morallehre in Frage stellt“, so der Piusbruder Pater Matthias Gaudron, im Mitteilungsheftchen vom Juni 2016, Seite 33.

Aber im Vatikan selbst gibt es bedeutende Stimmen machtoller Kleriker, die ähnlich denken. Von daher sind solche Attacken der Piusbrüder gegen den Papst nicht hinderlich für die bevorstehende Integration.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Wegen der Wahrheit in der Kirche muss man streiten, nicht morden. Ein Hinweis auf den Philosophen Hieronymus von Prag.

„Um die Wahrheit des Glaubens muss in aller Freiheit gestritten werden“. Ein Buch über den Prager Philosophen Hieronymus von Prag.

Von Christian Modehn

Die Erinnerung an die Reformation, die 1517 deutliches und wirksames Profil gewann, geht über die Erinnerung an Martin Luther hinaus. Endlich! Und zurecht! Denn Luther hatte z.B. auch viele Vorläufer, die hierzulande angesichts der Jahrhunderte langen Luther-Dominanz (und Luther-„Verehrung“) eher am Rande stehen oder in Vergessenheit belassen wurden.

Immer geht es diesen gebildeten Theologen und Philosophen, diesen Reformatoren, um eine heftige Kritik am Klerus, es geht immer um ein Insistieren auf dem Evangelium als der maßgeblichen Orientierung auch für Päpste und Prälaten. Wer sich das ganze Ausmaß des heftigsten und legitimen Antiklerikalismus schon seit Petrus Valdes (Waldenser) und dem dann ins römische System wieder integrierten Franz von Assisi seit dem 13. Jahrhundert anschaut, stellt immer noch voller Erschütterung fest: Das klerikale System mit dem allmächtigen Papst an der Spitze, hat alle Kirchenreformer, vom Evangelium bewegte Männer und Frauen, unterdrückt, meistens getötet, ausgelöscht, verbrannt. Dieser Dogmen-Wahn ist ja bis heute nicht verschwunden, der Wahn, den Katholiken auch heute immer noch hinnehmen und ertragen, dass nämlich der Klerus die Wahrheit besitzt und über die göttliche Wahrheit verfügt. Kirchenbehörden mit Milliardenetats wagen es allen Ernstes, den armen Jesus von Nazareth authentisch zu lehren… Dieser Wahrheitswahn, der bei angeblichen Ketzern wert legt auf die Wiederholung bestimmter traditioneller Floskeln und dogmatische Formeln, lebt bis heute. Er zeigt sich nur etwas milder als vom 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Gott wird damit förmlich in ein Gefängnis des Denkens eingesperrt… Mit Luther begann tatsächlich eine radikale Wende, die dann aber zur Abhängigkeit der lutherischen Kirche von den Fürsten führte. Aber das ist ein anderes Thema.

Über den böhmischen Reformator Jan Hus sind in den letzten Monaten einige Schriften publiziert worden. Nun wird erfreulicherweise, sozusagen auch als Vertiefung, an seinen Freund und Mitstreiter, den Philosophen Hieronymus von Prag (um 1379 bis 30. Mai 1416) erinnert. Das lesenswerte Buch „Hieronymus von Prag“ ist im Südverlag in Konstanz erschienen, es ist für weite Kreise bestimmt. Die Autoren sind Jürgen Hoeren und Winfried Humpert. Eugen Drewermann hat ein ausführliches Vorwort verfasst zu dem treffenden Motto „Wenn Menschen selber zu denken wagen“. Hieronymus war mehrfach philosophischer Magister, ein umfassend gebildeter Denker; unter anderem auch Magister an der Universität von Köln, er verbreitete und verteidigte die Philosophie von John Wyclif.

Hieronymus von Prag war ein wahrer Europäer: Von Prag aus reiste er bis nach England, wurde dort mit der Klerus/Kirchenkritik des Theologen Wyclif vertraut, dann zog es ihn über Krakau bis nach (Weiß) Russland, nach Wilna und Witebsk. Dort lernte er einige Aspekte der orthodoxen Kirche schätzen, froh darüber, dass dort beim Abendmahl Brot UND Wein gereicht wird: Der reformatorische Kampf um den Laienkelch war ja keine nebensächliche Marotte, sondern das Eintreten für die Gleichheit von Priestern und Laien. Priester haben ja bekanntermaßen in der Eucharistie das Privileg, aus dem Kelch den Wein („das Blut Christi“, heißt es offiziell bis heute) zu trinken…Laien müssen sich mit dem Brot, d.h. der winzigen Hostie, begnügen…

Hieronymus von Prag wollte seinen Freund, Jan Hus, beistehen, als dieser beim Konstanzer Konzil die Sache der böhmischen Reformation verteidigte. Hieronymus wurde gewarnt, er fuhr trotzdem zum Konzil am Bodensee und wurde selbstverständlich ins Gefängnis gesteckt, unter erbärmlichsten Bedingungen wurde er festgehalten. Zermürbt von der Allmacht des Klerus, hat Hieronymus dann erst seine Thesen der Kirchenreform widerrufen, aber später hat er doch seine Lehre vorgetragen. „Er beharrte auf seiner Position und bestand darauf, in keinem Punkt geirrt zu haben. Er bekräftigte seine Übereinstimmung mit Jan Hus. Dieser sei ein guter, gerechter und heiliger Mann gewesen, der nie den Tod verdient hätte. Hieronymus kritisierte auch den Pomp und Lebensstil der Prälaten“ (S. 68).

Im Mai 1416 wurde Hieronymus öffentlich bei lebendigem Leibe verbrannt. Als Laie musste er sich aller seiner Kleider dabei entledigen. Priester, wie Jan Hus, wurden nicht nackt verbrannt. Doch eine freundliche Geste der Henker, oder?

Jedenfalls war Hieronymus von Prag ein hoch gebildeter, bestens argumentierender Philosoph, vor allem ein sympathischer Mensch, ein Freund. Das Buch ist auch deswegen so wertvoll, weil es eine ausführliche Würdigung eines Zeitgenossen des Hieronymus bietet, verfasst von dem Humanisten Poggius Florentinus bzw. Poggio Bracciolini (1380 bis 1459), der den Prozess gegen Hieronymus in Konstanz beobachtete und einem Freund (Leonardo Arentino) einen ausführlichen, eher objektiv gestimmten Bericht schickte (Seite 69 bis79, ins Hochdeutsche von Jürgen Hoeren überragen). Darin heißt es: „Hieronymus verwies darauf, dass sich in der Kirchengeschichte selbst die allergelehrtesten und heiligsten Männer in den Dingen des Glaubens nicht immer einig gewesen seien, sich entzweit hätten. Das aber hätte nicht zur Schwächung des Glaubens, sondern zur Findung der Wahrheit geführt“ (S. 75). Aber diese Worte fanden keine Beachtung bei den „Alleswissern“ beim Konzil.

Offenbar sind so wenige auch philosophische Texte von Hieronymus von Prag erhalten, dass das Buch dann doch eher noch auf das weite Umfeld der böhmischen Reformation, der Hussistenkriege und die Kirche der Böhmischen Brüder hinweist bzw. ausweicht.

Eugen Drewermann erläutert eindringlich u.a. einige Aspekte auch zu John Wyclif. Bei einer zweiten Auflage sollte die unzutreffende Behauptung Drewermanns zu Thomas Müntzer (nicht „Münzer“, wie Drewermann schreibt) korrigiert werden, Drewermann behauptet: „Münzer säte Gewalt“ (S. 15). Aber: Er hat nicht Gewalt propagiert, auch nicht gesät! Er sah nur die Bauern in einer ausweglosen Lage unterstützt, in die sie durch die Gewalt der Fürsten gekommen waren. Wenn einer Gewalt gesät hat, dann waren es und sind es bsi heute die Herrscher. Müntzer wollte die Bauern nur unterstützen und inspirieren in ihrem Kampf; er dachte dabei  – aus heutiger Sicht: leider – apokalyptisch, wie auch Luther und die anderen Müntzer – Feinde apokalyptisch dachten. Was dieses grausige neutestamentliche Buch „Apokalypse“ für Unsinn bewirkt hat, wäre eine eigene Untersuchung wert, zumal heute wieder angesichts dieser Welt das Stichwort Apokalypse allerorten fllt.

Jedenfalls: Das von Drewermann verbreitete, übliche Müntzer – Vorurteil ist übrigens längst widerlegt, man lese etwa die ausführlichen Müntzer Studien von Hans-Jürgen Goertz.

Nebenbei: Müntzer hielt sich übrigens Ende 1524 bis Anfang 1525 auch in Süddeutschand, Schwaben, auf: Vielleicht wäre dies ein Thema für den Südverlag in Konstanz.

Jürgen Hoeren und Winfried Humpert, „Hieronymus von Prag. Der Philosoph im Schatten von Jan Hus“. Südverlag Konstanz 2016, 112 Seiten.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Walross wird vom Erzbischof gesegnet

Das Walross Raisa (Hamburg) erhält den Segen des Erzbischofs

Ein theologischer Hinweis von Christian Modehn

Auf dieser website haben wir seit 2010 diese kritikwürdigen Segnungen von Tieren, Autos, Oldtimern und Handys, Waffen, Gebäuden, durch die römisch-katholische Hierarchie dokumentiert, zur Lektüre klicken Sie hier.

Nun also ein weiteres Beispiel für eine in unserer Sicht irregeleitete, populistische, infantil wirkende kirchliche Praxis. Ein weiteres Kapitel, passend in die Vorbereitungen des Reformationsgedenkens 2017: Da sage einmal ein katholischer Bischof angesichts dieser Segnungen oder des Ablasses usw., er hätte von Luther gelernt …

Nun also zur Segnung des Walrosses Raisa am 29.6.2016. Warum diese Sach – und Tiersegnungen in unserer Sicht irregeleitet und geradezu zynisch sind, wird weiter unten erklärt.

Das Walross Raisa, eingesperrt im Hamburger Tierpark Hagenbeck, kniet förmlich und brav nieder in seinem steinigen Zoo-Gehege, assistiert und beruhigt von einer freundlichen Tierpflegerin, die offenbar die Rolle eines Ministranten übernommen hat: Das Walross empfängt den bischöflichen Segen, wie üblich mit Weihwasser, gespendet von keinem Geringeren als dem katholischen Erzbischof Stefan Hesse, ebenfalls Hamburg. Er hat sich für diese Form von Gottesdienst Zeit genommen, begleitet er doch Schüler im Zoo, damit sie lernen, mit Tieren respektvoll umzugehen, doch bitte schön auch im Zoo …

Der Bischof, wie bei wichtigen Amtshandlungen und Gottesdiensten üblich, steht da in vollem Ornat, mit Kreuz und Bischofskäppi, dem so genannten Pileolus, in violetter Farbe, natürlich angetan im Talar mit den 33 roten Knöpfchen, die an die 33 Lebensjahre des armen Mannes von Nazareth, Jesus, erinnern. „Möge Raisa glücklich sein und die Zoo-Fans weiterhin begeistern“: War dies vielleicht das Segens-Gebet? Oder gar: „Großer Gott wir danken wir für dieses ansehnliche Walross?“ Genaues wissen wir nicht. Jedenfalls wissen wir: Das Walross war lange Zeit das Symbol des NDR. Wurde nun gar der NDR symbolisch gesegnet, hoffentlich auch die Redaktion von Panorama..

In jedem Fall muss die viel dringendere, aber weiterführende Frage gestellt werden: Haben die Bischöfe auch die fertig gestellten Flüchtlingsunterkünfte gesegnet, damit sie mit Gottes Beistand Sicherheit gewähren angesichts der Attacken der sehr rechtslastigen und fremdenfeindlichen (oft christlichen) Gruppen? Ich habe von solchen Segnungen von Häusern bedrohter Menschen nichts gehört. Jedenfalls kann sich das Walross Raisa nun selig freuen, vielleicht ein bisschen katholisch fühlen. Gab es einen Festtagsschmaus? (um entsprechende Fotos zu betrachten: Etwa „Der Tagesspiegel“ vom 30. Juni 2016, Seite 24).

Meine theologische Meinung ist klar: Die römische Kirche will sich mit solchem Trallala anbiedern, sie will modern wirken, wenn sie alles nur Denkbare und Tierische segnet, also ausdrücklich in den schützenden Bereich göttlicher Wirklichkeit stellt. Waffen wurde ja immer schon gesegnet, mit denen katholische Franzosen im Ersten Weltkrieg ihre katholischen (oder evangelischen) Glaubensbrüder erschossen haben oder eben umgekehrt. Bald werden wohl Wahlurnen in Österreich gesegnet, damit bei einer Zweiten Präsidentenwahl alles bestens, göttlich, klappt. Warum sollten nicht auch Computer gesegnet werden, auf den der Osservatore Romano vorbereitet wird. Oder die Kontoauszüge der Milliarden-Euro-reichen Erzdiözese München?

Indem prinzipiell die gesamte Weltwirklichkeit, auch die Tiere, auch die Handys usw. gesegnet werden, sollen sie förmlich eintreten in den katholischen segnenden Raum. Man muss kein Religionskritiker sein, um zu sehen, wie mit diesem Segnungs-Wahn ein letzter verzweifelter Herrschaftsanspruch der Kirche über die Welt symbolisiert wird. Das ist unausgesprochen anwesend: Alles untersteht Gott, und die Kirche ist es, die dieses Unterstelltsein unter Gott feiert und verfügt.

Das alles wäre als skurrile Form der Theologie zu belächeln und als philosophisch-theologische Satire zu behandeln, wenn nicht explizit und ständig bestimmte Katholiken aus dem Segens-Bereich herausfallen würden, über den die katholische Kirche zu verfügen meint. Schon in früheren Beiträgen haben wir darauf hingewiesen, dass katholische homosexuelle Paare KEINEN Segen der sonst alles und jedes segnenden Kirche erhalten. Homosexuelle Liebe ist nicht gesegnet, also nicht gewollt. Homosexuelle Ehen natürlich ebenfalls nicht. Es ist diese dogmatische- fundamentalistische Dreistigkeit, mit der die segnenden Hierarchen bestimmte Menschen aus dem göttlichen Bereich des Segens ausschließen. So, wie sie wiederverheiratet geschiedene heterosexuelle Paare von der Teilnahme an der Kommunion ausschließen. Das liegt alles auf derselben Linie des theologischen Machtwahns der Hierarchie.

Wer spricht heute noch davon? Die Theologen an den Unis schweigen dazu, wahrscheinlich sind sie dankbar, dass gerade ihre bestens ausgestatteten Büros gesegnet wurden oder ihre Kugelschreiber. Wann werden endlich Banken gesegnet, wann die wallstreet? Sind wirklich schon alle Parteibüros aller Parteien gesegnet? Welche Parteien sind vom Segen ausgeschlossen? Ist der Bundestag gesegnet, wenn ja, von wem? Arbeitet Kanzlerin Merkel in ihrem Amt unter katholischem Segen? Fragen über Fragen…

Uns interessiert das Thema einzig aus religionskritischem Interesse. Es gibt wahrlich sehr viel Wichtigeres. Die Segnung des Walrosses Raisa zeigt nur, welchen doch zeitaufwendigen Blödsinn manche Hirten (Bischöfe) begehen. Man wird sich entschuldigen, die lieben Kinder aus katholischen Schulen wollten das doch so.

Nebenbei: Falls es noch katholische homosexuelle Paare gibt, die trotz dieses Ausschlusses von Segnungen immer noch katholischen Segen für ihre Liebe und ihre homosexuelle Ehe wünschen: Da gilt unser Vorschlag: Sie mögen sich bitte bei einer der üblichen Autosegnungen einfach in ein Auto setzen. Sie werden dann, so Gott will, mit dem Auto irgendwie indirekt mit-gesegnet. Sie sollen sich bitte nur nicht küssen, wenn der Bischof, Weihwasser spritzend, an dem Auto vorbeigeht. Ich verbürge, dass diese indirekte Segnung im Auto zwar unerlaubt, aber gültig ist, um eine feine Nuance des Katholischen Kirchenrechts zu verwenden.

Noch ein Hinweis: Wer als homosexuelles Paar in seiner Ehe dann doch noch unbedingt gesegnet sein möchte, kann sich gern sich an protestantische Kirchen wenden, in ökumenischem Geist segnet etwa die Remononstranten Kirche in Holland seit 1987 (!) homosexuelle Paare, gleich welchen christlichen Bekenntnisses. So ist das: Die einen segnen halt ihre Walrösser, die anderen alle liebenden Menschen. So einfach ist es manchmal in der Ökumene.

Einige LeserInnen fragten: Habt Ihr etwas gegen Tiersegnungen? Der heilige Franziskus soll doch den Vögelchen so hübsch gepredigt haben… Natürlich ist es wichtig, eine Spiritualität und Philosophie der „Mutter Erde“ zu pflegen. Aber diese Schöpfungsspiritualität hat sehr viel mit Politik zu tun: Wir meinen: Der beste „Tiersegen“ ist heute umfassender Tierschutz und Bewahrung der vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten; der beste Segen für Tiere ist artgerechte Tier-Haltung, ist drastische Reduzierung des Fleischkonsums, ist Neugestaltung unserer Ernährung, Ende der Tierquälerei, und Ende der Abholzung von Regenwald am Amazonas und anderswo, bloß um Viehfutter für die reiche Gesellschaft des Nordens zu erzeugen. Ein echter Segen für Tiere wäre auch: Ende der maßlosen und Milliarden Euro (für Tiernahrung) verschlingenden Verwöhnung von Schoßhunden und süßen Kätzchen in den reichen Ländern. Stattdessen: So viel gute Nahrung und so viel Geld bitte den Hungernden, den Menschen, geben. Wir könnten uns auch „normal“ an unseren Tierchen erfreuen… wenn wir denn schon keine Menschen haben (wollen), die sich um uns „kümmern“ oder um die wir uns sorgen wollen.

Wenn schon Tier/Sach/Auto-Segnungen durch Erzbischöfe und Co.: Dann bitte vor allem Segnungen von expliziten Sozialprojekten, wie den ultra bescheidenen Flüchtlingsunterkünften in Deutschland, die den göttlichen Segen und absoluten Schutz brauchen, angesichts rechtsextremer Gewalt. Solche Segnungen können geschehen in einem offenen ökumenischen und inter-religiösen Vollzug. Dafür gibt es noch kein Modell, wurde noch nicht probiert.

Und vor allem noch einmal: Es gibt heute in dieser Welt sehr, sehr viel Dringenderes zu tun, als Walrösser zu segnen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Die AFD – ihre Widersprüche, ihr Zorn. Ein philosophischer Hinweis.

Zugleich eine begründete Meinungsäußerung von Christian Modehn

Philosophisch gesehen ist es evident: Wer sich selbst in seinen verbalen Äußerungen (sie sind bekanntlich immer Ausdruck des eigenen Denkens) widerspricht und die allgemeinen, für alle geltenden Gesetzen der Logik ignoriert, der lebt nicht-konsistent, der zeigt sich zerrissen, doppelbödig, widersprüchlich. Deswegen sollten solche Leute eigentlich ihre nicht-konsistenten Äußerungen korrigieren; es sei denn, sie wollen esoterische Weisheiten verbreiten, die nur Eingeweihten zugänglich sind. Damit gehören sie zu einer kommunikativ „abgekoppelten“ Sekte.

1. Sprechen, falls logisch, ist der Allgemeinheit verpflichtet

Leute, die in politischen Debatten bewusst logische Inkonsistenz zeigen und praktizieren, sind im sonstigen Leben  zumeist – notgedrungen von der Lebenspraxis – doch logisch konsistent. Sie benutzen wie alle anderen technische Geräte, verwenden im Alltag die allgemeinen üblichen Begriffe, um sich bei anderen verständlich zu machen. Aber sie schützen ihre politische Haltung vor der Logik, werfen Nebel um sich, bleiben bewusst unpräzise, wecken Ahnungen, wenig Einsicht. Logik hat immer mit Allgemeinheit zu tun.

2. Gilt die These: AFD gehört nicht zu Deutschland, aber AFD-Wähler durchaus“?

Die Führer der AFD behaupten als zentrale These, die so einfach klingt und deswegen so viel Wirkung erzielt in Kreisen, die gerne ohne lange nachzudenken autoritären Sprüchen folgen: Diese AFD Kernthese also heißt: „DER Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber damit (so wird beschwichtigend gleich hinzugefügt, CM) ist nichts gegen einzelne Muslime gesagt“. Diese Aussage darf man nicht schnell übergehen wie es viele Journalisten tun, sondern eben auf seine Konsistenz prüfen: Gemeint ist nämlich: Die einzelnen Muslime dürfen bei einer Zurückdrängung und dann wohl auch bei einem Verbot DES Islam durchaus hier weiterleben. Sie dürfen wohl privat ihren Koran lesen und nicht nach außen hin erkennbaren Moscheen auch beten.
Diese These ist irrig und falsch: Der einzelne religiöse Mensch, eben auch ein Muslim, kann ohne den institutionellen Rahmen seine Religion, also ohne Gemeinde, ohne Lehrer, ohne Pfarrer wie auch immer, nicht als solcher leben. Auch der einzelne fromme Muslime, den die AFD ja freundlicher nicht vertreiben, sondern leben lassen will, braucht logischerweise die islamische Institution. Er braucht, wenn man den von der AFD verwendeten pauschalen Ausdruck verwendet, DEN Islam.

Zur weiteren Klärung des Problems: Die AFD Führer sollten sich mit dem Satz als „Gedankenspiel !“  auseinandersetzen, der der gleichen (un)logischen Struktur folgt: Der Satz heißt: „Die Partei AFD passt nicht zu Deutschland. Hingegen kann das einzelne AFD Mitglied und der einzelne AFD Sympathisant durchaus in Deutschland leben“.  Kann man AFD-Mitglied sein, ohne Bindung an die AFD-Führer, ohne Verbindung zur AFD Institution? Eher wohl nicht.

3. Ohne Islam gäbe es kein Europa, ebenso ohne Judentum und ohne Humanismus gäbe es kein Europa.

Zur üblichen und schon floskelhaften Beschwörung „des“ christlichen Abendlandes durch die AFD Führer: Da wird das christliche Abendland nur als polemischer Gegen-Begriff zum verhassten Islam verwendet. Diese Ideologie des gepriesenen „Abendlandes“ beruht auf historischer Unkenntnis: Wesentliche Erkenntnisse verdanken die Abendländer der intellektuellen Leistung des Islam, etwa in der Zeit von al andalus. Die Philosophie des Aristoteles (kaum zu überschätzen für die Entwicklung des modernen Europa) oder die Grundlagen der Medizin usw. verdanken „wir“ „dem“ Islam. Und das Abendland war also nie „nur“ christlich, sondern verdankt den muslimischen Gelehrten viel, und das Abendland ist auch noch humanistisch, seit der Renaissance. Und es ist jüdisch geprägt, die Zehn Gebote sind bekanntlich jüdischen Ursprungs, die Prophetische Rede von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist jüdisch. Europa ist auch jüdisch. Diese zweifelsfreie Erkenntnis wird von AFD Leuten und deren Führern nicht genannt. Und Journalisten sollten in ihren Interviews – zwischen den Zeilen – auf das hören, was von AFD nicht gesagt wird. Und wer „das Christentum“ authentisch verstehen will, weiß, dass die Liebe zum Fremden zum KERN des Christentums gehört. Wer sich zum christlichen Abndland bekennt, bekennt sich automatisch zur Liebe gegenüber den Fremden und Flüchtlingen. Wenn die AFD dieses authentische Christentum nicht mag, und vieles spricht dafür, dass sie es nicht mag, dann sollte sie wie Herr Gauland (AFD) ehrlich sein und sagen: „Wir von der AFD sind nicht christlich, sondern heidnisch“

Nebenbei: Zwar utopisch, aber möglich: Es könnte ja sein, dass eines Tages AFD Leute auch irgendwo als Fremde im Ausland auftauchen und um Asyl bitten: Was machen sie dann, wenn sie im Zufluchtsland hören: „Die AFD passt nicht in unser Land“.

Immanuel Kant hat, immer logisch völlig überzeugend, empfohlen zur Überprüfung der eigenen ethischen Haltung sich selbst zu fragen: „Ist meine Maxime („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) als Gesetz für alle möglich?“ Kant hätte diese genannte Maxime als Unsinn und Irrsinn zurückgewiesen.

Also noch einmal: Die Führer der AFD haben vom Christentum keine Ahnung, sie bedienen sich des „Christlichen Abendlandes“ nur, um ihre ANTI-Islam-Haltung polemisch und dem Scheine nach ein bisschen hübsch- freundlich und fromm zu kaschieren. Es gibt keine Wertschätzung des christlichen Abendlandes bei den AFD Führern. Das ist ideologische Propaganda. Frau von Storch hätte – als explizite Pro-Life-Verteidigerin – am liebsten auf Frauen und Kinder an der Grenze geschossen (wurde später von ihr irgendwie revidiert und wie immer von der „Lügen-Presse falsch verstanden).

Politische Gegner werden Feinde, und in der AFD selbstverständlich – so lange „man“ noch nicht an der Macht ist – bloß bedrängt usw. In der FPÖ hingegen wurde nach dem knappen Wahlsieg des Demokraten Alexander van der Bellen gesagt: „Na wartet ab, wenn wir FPÖ Leute erst mal die Macht haben, dann, ja dann…“  wird’s keine Demokratie mehr geben, möchte man sinngemäß fortsetzen. Der AFD Philosoph Marc Jongen hat in einem Interview mit der „ZEIT“ (vom 25. Mai 2016, Seite 42 im Feuilleton, nicht in der ZEIT Rubrik Politik, auch seltsam …) frei und offen das demokratische System –etwa Österreichs – MORSCH genannt. In Österreich habe man noch alle Ressourcen gegen die FPÖ zusammengekratzt, „bevor es (das System) um so eindrucksvoller (eben morsch) einstürzen wird“. Zu der Aussage vom Zusammenbruch des angeblich morschen demokratischen Systems wird von den Journalisten nicht weitergefragt….Später wird AFD Jongen noch in der ZEIT sagen, dass aufgrund eines deutschen Passes niemand automatisch Deutscher sein sollte. Wie denn sonst? Offenbar ist in der Sicht des AFD Jongen ein Deutscher nur, wer sein deutsches „reines Blut“ nachweisen kann. Das führt gedanklich in die Nähe von 1933 usw ist meine Meiungsäußerung. Und wenn die demokratische Legislative der Bundesrepublik das Gesetz verabschiedet hat, dass mit dem deutschen Pass jemand Deutscher ist, dann ist an diesem Rechtsverhältnis NICHTS zu deuteln. Genau diese demokratische Überzeugung aber will die AFD aushebeln.

4. Das diffuse Plädoyer für den Zorn. Zugleich ein Hinweis zum Thema Sloterdijk und die AFD

Ein neuer, klug klingender Begriff taucht unter AFD Führern oft auf, der Begriff „Thymos“, der gern von der AFD-Philosophen mit „Zorn“ übersetzt wird. Dabei ist diese enge Bedeutung eher selten, Thymos heißt eigentlich im Alt-Griechischen Gemüt und Lebenskraft, nur selten Leidenschaft und Zorn.

Aber seit dem Buch „Zorn und Zeit“ mit dem Untertitel „Politisch-psychologischer Versuch“ (erschienen bei Suhrkamp, 2006) wird viel von Thymos und der wichtigen Rolle des Zorns im „(deutschen) Volk“ schwadroniert, auch in den Kreisen der intellektuell noch etwas interessierten AFD Führung. Sloterdijk ist in seinen Thymos-Reflexionen von 2006 von Francis Fukuyama angeregt worden, der schon 1989 (!) den Begriff einführte in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. Marc Jongen, der AFD-Philosoph, zeigt in dem ZEIT Interview vom 25. Mai 2016 Verständnis für die rebellische Form des Thymos : „Wenn die Regierung den Bürgern von oben etwas aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien noch“. Und es ist im Zusammenhang klar, dass er mit den „rebellischen Reaktionen“ die AFD Aktionen und wohl auch Pegida Attacken meint. Denn er fährt fort: “Wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe?“ Da wird wieder nicht nachgefragt: Denn mit dem eher noch ein bisschen freundlichen Wort „Abwehrreaktionen“ sind wohl auch Attacken gegen Flüchtlingsheime und Drohungen gegen demokratisch gewühlte Politiker gemeint. Dabei wird von Jongen indirekt behauptet: Nur die AFD (bzw. wohl auch Pegida) gestalten die richtigen Abwehrattacken gegen die Demokratie, die „von oben etwas aufdrückt“, so Jongen. Demokratie wird in diesen undemokratischen Kreisen bereits als etwas erlebt, das „von oben aufdrückt“…

Die in der AFD verhassten Linksradikalen („sie reißen alle Grenzen ein“, so wörtlich Jongen) gelten in der AFD als „verirrte Abkömmlinge des Christentums“, sie sind die eigentlichen Übeltäter. Warum? Weil sie das deutsche Volk und die deutsche Nation in ihren Grenzen nicht mehr lieben. Volk und Nation werden wieder zum Maßstab von anständig und unanständig. Man erinnere sich bitte …

Jongen ist zwar im ZEIT Interview ein bisschen sauer, dass Sloterdijk offenbar die AFD kritisiert. Der Sloterdijk Assistent, wohl ein intimer Kenner seines einstigen Meisters, meint dann aber doch glücklich: „Mein Eindruck ist, dass seine, Sloterdijks, Äußerungen zur Flüchtlingskrise so fern zu dem nicht stehen, was ich sage und was auch die Position der AFD ist. Und das ist letztlich wichtiger und auch wirksamer (!) als seine oder meine persönlichen Befindlichkeiten“. Mir ist nicht bekannt, dass Sloterdijk sich gegen diese Einbeziehung seines Denkens zur Flüchtlingsfrage in die AFD Ideologie öffentlich gewehrt hat.

Auf diese aktuelle Bedeutung des Sloterdijkschen Thymos-Begriffs weist jetzt Ijoma Mangold in DIE ZEIT vom 2. Juni 2016, Seite 37, hin. Der ZEIT-Journalist zeigt in seinem sehr lesenswerten Artikel, dass AFD und Pegida gern vom „Ausnahmezustand“ sprechen, als dem Moment, wo die geltenden Gesetze der Demokratie eben nicht mehr gelten und eben besonders Berufene, eben die AFD etc., in tiefster Not zur Rettung des Volkes die Macht ergreifen. Mangold schreibt: „Sie (die AFD Leute) sprechen gern vom Ausnahmezustand, denn der beendet qua Gewalt die (angeblichen, in der AFD Sicht) bloß künstlich-abstrakten Rechtsverhältnisse. Der Ausnahmezustand, der Ausbruch des Volkszorns (also Thymos, siehe Sloterdijk), ist der feuchte Traum aller Rechten. Der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht vom Ernstfall. Marc Jongen, Solderdijks Assistent bis vor kurzem, bezeichnet das mit dem griechischen Begriff Thymos und fügt hinzu, dass es sich dabei hoffentlich um einen gerechten Zorn handelt“. (Vielleicht irrt diese AFD/Pegida-Masse auch in ihrer Wut, rechnen damit AFD Führer?

Man sieht, wie dieser schwammige und diffuse Thymos Begriff und diese Thymos, also Wut Ideologie, durch Sloterdijk 2006 verbreitet, Wirkungen im rechtslastigen Lager hat. Auch Martin Lichtmesz, ein rechter Ideologe, sprach nach der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich im Mai 2016 diese verschwommen-drohenden Worte: „Ein Freund meinte, sein Thymos Spiegel wäre gerade am Platzen“ (Heißt das, er wäre bereit, seinen Zorn öffentlich auszutoben?) “Der Rekurs auf den Volkszorn ist immer eine verhohlene Gewaltanwendung. Wenn dem Volk erst mal der Geduldsfaden reißt, dann schützen euch eure Schein-Wahlergebnisse auch nicht mehr“: Mit diesen Worten fasst Ijoma Mangold die Thesen der Thymos-Besessenen neu rechten Ideologen zusammen.

5. Nietzsche wieder einmal der Meisterdenker ganz rechts

Es wäre wichtig, erneut auf das allen rechtslastigen und populistischen Zorn stimulierende Buch „Zorn und Zeit“ von Sloterdijk näher einzugehen. Schon dieser Titel hat ja für Philosophen einen gewaltigen Anspruch, er erinnert an Martin Heideggers grundlegendes Werk „Sein und Zeit“ (1927). Heidegger wollte den Sinn von Sein aus der Zeit verstehen. Sloterdijk will jedenfalls hohe Ansprüche wecken und möchte wohl unsere Zeit im Horizont des Zorns neu lesen oder, wer weiß das schon genau bei der Unschärfe der Formulierungen, den Sinn von Zorn aus unserer Zeit verständlich machen… Sloterdijk lobt den Thymos im Blick auf die frühe griechische Mythologie: Homers Thymos-Lehre wird freundlich zugestimmt, von den mythischen Helden ist die Rede, die zum Hüter des Zorns auserkoren sind. Und Heidegger wird fiktiv in das Thymos-Geschehen eingereiht: Sloterdijk legt dem Meister aus Messkirch die vielleicht sogar treffenden thymotischen Worte in den Mund: “Auch kämpfen heißt danken“ (S. 24). Nebenbei: Heidegger konnte (dem Sein) danken, dass er nur am Schreibtisch „kämpfen“ musste in seinem antisemitischen Wahn ab 1933… Aber man könnte den Satz auch allgemeiner verstehen: Der thymotische Mensch kämpft also für seine Sache und ist dankbar, dass er kämpfen, also auch töten und ausmerzen kann. Für Sloterdijk hat die platonische Philosophie (leider) „die Austreibung des großen (!) Zorns aus der Kultur“ begonnen… O ihr Helden des Homer, möchte man weiter fantasieren, was wart ihr doch für thymotische Kämpfer. Ihr hattet wenigstens noch den „Mannesmut“ (so Sloterdijk, S. 26) und wart nicht in die furchtbaren (menschlichen) „demuts-trunkenen Subkulturen“ versackt, „in denen schöne Seelen sich (in der Demokratie, CM) gegenseitig (bloß) Friedensgrüße schicken“(so Sloterdijk, S. 31). O ihr thmyotischen und mythischen Kämpfer, möchte man im Sinne Slotderdijks weiter schwadronieren, ihr hieltet – den Göttern sei Dank – nichts von Frieden und Friedensgrüßen….Kein Wunder also, wenn Sloterdijk explizit den Egoismus lobt als „die beste der menschlichen Möglichkeiten“. (Seite 31).

Und dann kommt die zentrale Aussage. Sie zeigt Sloterdijks meist in der Schwebe belassene, oft aber auch offene Vorliebe für Nietzsches radikales „Reformatorentum“, wie er sagt. Dieses bedeutet für Sloterdijk: Nietzsche vollbringt eine wertvolle Leistung, er schafft neue, eben „nicht-metaphysische, nicht-christliche moralische Gesetze“ (so Sloterdijk in seine Buch „Philosophische Temperamenten, 2009, Seite 116f.). Sloterdijk schreibt in „Zorn und Zeit“: „Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“. Das heißt im Sinne des Übermenschen, wie es Nietzsche in seinen sehr späten Werken lehrte, etwa im „Antichrist“ (verfasst 1888) heißt es gleich am Anfang: „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen (den Schwachen und Missratnen) noch dazu helfen, zugrunde zugehen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum…“

Aber solche unmittelbaren Nietzsche-Zitate erspart sich Sloterdijk in seinem Plädoyer für den Egoismus „als der besten Möglichkeit“. Er lässt mit großen Worten und großer Geste vieles schön schwammig und ahnungsvoll offen. Marc Jongen etwa, der AFD Philosoph, versteht seinen Meister in Karlsruhe. Jongen sagt: „Es wäre abwegig zu meinen, der Zorn (Thymos) haben seine besten Zeiten bereits hinter sich“. Also:Der Zorn gegen das angebliche „morsche demokratische System“ wird bald stärker werden.

Sind Demokraten nun noch mehr gewarnt? Oder versuchen demokratische Politiker jetzt, bloß um zu verhindern, dass die AFD die Mehrheit erlangt, die AFD ihrerseits zu imitieren und Forderungen der AFD zu übernehmen? Man hat stark diesen Eindruck in der Flüchtlingspolitik jetzt, Juni 2016. Offenbar fehlt den Politikern und den Bürgern der demokratische Thymos. Und es fehlt das Bewusstsein, dass Politik eben auch etwas mit Moral und Menschenrechten zu hat.

6.Nietzsche -ein philosophisch-politischer Schwerpunkt ab sofort 

Die bisherigen Hinweise machen deutlich: Die so freundliche, so wohlwollende Rezeption zentraler Behauptungen des Spätwerkes Nietzsches zur neuen In(Un)-Humanität durch die neue Rechte, auch durch die AFD, angefeuert durch die eher undeutlichen Aussagen Sloterdijks zu Nietzsche, muss weiter bearbeitet werden. Nietzsche ist „am Kommen“, das ist keine Frage. Er ist ohnehin schon der Meisterdenken der Nouvelle Droite, die es bekanntlich seit 1970 in Frankreich gibt; es ist Nietzsche, den die extreme Rechte in ihre eigene Weltanschauung als Chefdenker eingliedert.

Dabei darf es nicht bleibe: Als erste Einführung zur kritischen Nietzsche Lektüre empfehle ich in dem Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H.Beck Verlag, München, 2013), das Nietzsche Kapitel mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral“ (Seite 185-207). Nietzsche und mit ihm seine Freunde und Deuter heute in der AFD und anderswo, so die Erkenntnis, wehren sich gegen die universalistische Moral, also gegen die allgemeinen und für alle (auch für Flüchtlinge) geltenden Menschenrechten. Es wird ein Regime etabliert von wertvollen und weniger wertvollen Menschen, die Ideologie der Herrenmenschen.

7.Wer wird die universalen Menschenrechte verteidigen?

Es geht also heute an erster Stelle für alle Demokraten darum, dass nicht noch die Geltung der Menschenrechte ertrinkt, untergeht und verschwindet. Dies zu debattieren hat absoluten Vorrang, auch in den Kirchen. Aber wie kann eine multinationale Organisation, wie die römische Kirche, im Ernst die Menschenrechte verteidigen, wenn sie in sich selbst, in ihrer eigenen Struktur, die Menschenrechte und damit die Demokratie nicht realisieren will (weil Gott es nicht will, wie es im Vatikan fundamentalistisch heißt..). Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan bekanntlich NICHT unterzeichnet. Alle netten, menschenfreundlichen Aktionen von Papst Franziskus sollten auch in diesem Licht gesehen werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.
Dieser Beitrag ist eine begründete Meinungsäußerung.

Cioran: Stören und verstören.

CIORAN: Stören und verstören. Zum religionsphilosophischen Salon am 20.5. 2016 über Emile Cioran.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 21. 5. 2016

Der Berliner Philosoph Dr. habil Jürgen Große (Autor, u.a. auch der neuen umfangreichen Cioran-Studie „Erlaubte Zweifel“, 2015) hat uns am 20.5. in das Denken Ciorans, besonders unter der Perspektive der Skepsis, eingeführt. Dafür noch einmal besten Dank.

Ergänzend erlaube ich mir einige Hinweise aus meiner, zweifellos eher fragmentarischen Beschäftigung mit Cioran. Es sind Hinweise, die schon früher einmal entwickelt wurden; um die Veröffentlichung haben mich einige TeilnehmerInnen des Salons gebeten.

1. Emil Cioran (1911-1995) ist ein ungewöhnlicher Autor. Er nannte sich „Denker“, lehnte den eher üblichen Titel „Philosoph“ ab. Dabei kannte er viele Philosophen sehr gut, wie Nietzsche oder Schopenhauer. Cioran wusste, dass er eine Ausnahmeerscheinung ist. Und so wird er auch wahrgenommen in seinen verstörenden Aussagen. Er wusste, dass er aus einer tiefen inneren (persönlich grundierten) Ablehnung dieser Welt schreiben muss. Sie ist in seiner Sicht zutiefst von Leiden und Unerträglichkeiten geprägt. Er lebte in einer weitest gehenden und möglichst allumfassenden schonungslosen Frage-Bewegung; er dachte und schrieb im ständigen Zweifel und in der Skepsis. Darin sind seine Beiträge, Aufsätze und Aphorismen vor allem, für die LeserInnen durchaus Übungen zur Selbst-Infragestellung, es sind Exerzitien, Übungen, den bisherigen Boden unter den Füßen schwankend zu sehen. Und auch Übungen der Geduld, mit diesem Denker des Nichts „es“ auszuhalten.

Cioran rüttelt an Sicherheiten, und er will das auch bewusst tun, sonst würde er nicht ja schreiben und publizieren. Ob er immer dabei der intensiv „Leidende“ war, ist eine offene Frage, vielleicht war sein Leiden auch „erschrieben“.

Jedenfalls: Er hält alle unserer existentiellen Sicherheiten und Wahrheiten für vorübergehende und zu überwindende Sicherheiten und Wahrheiten, oft für Illusionen. Die offene Frage ist: Seine eigenen tiefen, also sein Über-Leben tragenden Überzeugungen, die er ja zweifelsfrei als ausgesprochenen oder unausgesprochenen Hintergrund hat: Bezweifelt er diese auch? Schaut er noch einmal über seine eigene „absolute“ Skepsis hinaus. Ist er skeptisch zu seiner eigenen Skepsis? Diese Frage lasse ich hier offen.

Es lohnt sich, Ciorans Aufsatz mit dem Titel: „Der böse Demiurg“ (Suhrkamp Taschenbuch unter dem Titel: „Die verfehlte Schöpfung“, dort S. 7 bis 37) etwas genauer anzusehen.

Dabei fällt auf: Ciorans Denken und Schreiben ist meines Erachtens bewusst nicht-systematisch. Und auch bewusst nicht widerspruchsfrei. Sein Denken ist geprägt von der subjektiven Daseinserfahrung in unterschiedlicher Intensität, in unterschiedlichen seelischen Schmerzen und physischen Leiden. Selbst dieser etwas längere Text ähnelt doch eher den Aphorismen, den kurzen Sprüchen, die sprachlich oft ausgefeilt sind und deswegen schon stilistisch bedenkenswert sind. In dem genannten Aufsatz scheint mir als ausgesprochener Hintergrund seines Denkens deutlich zu sein: Die Basis für Ciorans Denken ist eine Art Abweisung des Lebens, so, wie es in dieser Welt von ihm erfahren wurde. Das Leben ist für ihn ein

Fehlschlag, und ein Fehlschlag ist auch die Welt (16). Dennoch schreibt er wenige Zeilen später widersprüchlich weiter „Das Leben selbst ist hinreichend geheimnisvoll und erschöpfend“ (15). Trotzdem fordert er praktisch: „Bitte weniger Geburten“. Er möchte eher die Unfruchtbarkeit – so wörtlich – „bejubeln“. (15). Sehr polemisch und sogar böse spricht er davon, dass „es immer genug Blöde geben wird, die nichts Besseres wünschen, als sich fortzusetzen… es wird sich auch immer irgendein widerliches Paar finden, dass sich dafür (d.h. für Zeugung und Geburt, CM) opfert“ (14). „Wachset und mehret euch“, diese Aufforderung Gottes in der Bibel nennt Cioran, so wörtlich, „kriminell“. „Jedes Gebären ist verdächtig“ (13). Diese seine Überzeugungen hält Cioran für „Klarsicht“ (17). Cioran ist also meines Erachtens durchaus ein Verkünder einer Botschaft!

Es wird also deutlich, dass Cioran seine festen Überzeugungen hat, und diese auch, deutlich schockierend für viele, veröffentlicht. Er will stören und verstören. Dies ist seine Aufgabe als Denker sozusagen aus der kühlen, klar sehenden Distanz alles voller Degout betrachtend und beurteilend. Er will uns lehren, den fröhlichen Optimismus, den er sicher treffend für naiv hält, zu überwinden. Herauszutreten aus der hübsch gemachten Gewöhnlichkeit des gut eingerichteten Alltags. Er meint: Überleben kann ein Mensch auf Dauer nur in und mit Ignoranz, (16), also mit dem Willen, nicht zu tief zu schauen, nicht zu konsequent ewig weiterfragen. Cioran tut sich hingegen die schwere Last und Lust an, immer weiter zu fragen. „Vom Nachteil geboren zu sein“, ist der treffende Titel seines wohl wichtigsten Buches von 1979. Wenn denn diese erlebte Welt (eine Last, nichts Erfreuliches) von einem Gott stammt, dann hat Cioran doch diese explizite Idee, diese Gedanken-Konstruktion möchte man sagen: Es gibt eine Art zweiten (kleineren) Gott, den Demiurgen, der diese verrückte Welt geschaffen hat. Der absolute Gott habe sozusagen einen Hilfsgott geschaffen, der diese blöde Welt gemacht hat, so Ciorans Vorschlag, der sich damit an alte Traditionen der Gnosis anschließt. Der Demiurg ist die Ursache aller Übel in der Welt, also nicht der absolute Gott, die Gottheit, er wird damit nicht belästigt. Und auch nicht der Mensch, sondern eben die Hilfskonstruktion Ciorans und anderer schon im Mittelalter, dies ist der Demiurg. Bloß was ist damit an Einsicht gewonnen? Denn dieser schreckliche Demiurg, der Schöpfer dieser verrückten Welt, ist doch auch ein Werk des absoluten Gottes. Also ist dieser oberste Gott sekundär dann doch für den Schrecken der Welt verantwortlich? Diese Themen schneidet Cioran jedenfalls in dem Aufsatz nicht an, diese entscheidende Frage bleibt offen. Leider, muss ich sagen, sie würde ganz neue Dimensionen erschließen.

Im Zusammenhang des Demiurgen und des – in meiner Sprache- absoluten Gottes, also der Gottheit im Hintergrund von allem, taucht dann ziemlich unvermittelt die Mystik auf. (Seite 11f). Die Mystik bezieht sich auf diese Gottheit hinter dem Demiurgen. Der Mensch kann in diese Gottheit, so wörtlich „eintauchen,“ jedoch: „So ist man dennoch jenseits aller Form der Göttlichkeit“. Was das bedeutet, wird nicht gesagt. Und Cioran fährt leider viel zu knapp, nur andeutend, fort: „Das ist die letzte Etappe, der Ankunftsort der Mystik, während ihr Ausgangspunkt (der Mystik) der Bruch mit dem Demiurgen ist, die Weigerung, noch mit ihm umzugehen und seinem Werk Beifall zu klatschen. Niemand kniet vor ihm (dem Demiurgen), niemand verehr ihn“ (S. 12.

Ist also Mystik doch die Zuwendung zu der – in meinen Worten – absoluten Gottheit? Cioran spricht dabei von „göttlicher Wesenheit“ (11). Wenn die Mystik diese seltsame Hilfskonstruktion des Demiurgen zurückweist, ist sie dann nicht auch gesellschaftskritisch, denn der Demiurgen-Wahn hat ja auch soziale Wirkungen…Das wird in dem knappen Text von Cioran nicht besprochen. Der systematisch-philosophische Übergang von der Skepsis zur Mystik – hoch interessant und wichtig – fehlt mir bei Cioran an dieser Stelle.

2. Ich möchte noch auf eines der vielen interessanten Interviews eingehen, die Cioran immer wieder gern gegeben hat. Ich verweise auf das Interview, das Michael Jakob in dem Buch „Aussichten des Denkens“ (Wilhelm Fink Verlag, München 1994 auf den Seiten 9 bis 38) publiziert hat.

Es handelt sich um knappe Zitate, die hier zur weiteren Lektüre ermuntern können und sollen. Eine entscheidende biographische Auskunft: „Als ich ungefähr 20 Jahre alt war, verlor ich meinen Schlaf“. „Die Nächte von Sibiu wurden so zum Ursprung meiner Sicht der Welt“ (11). Sein Buch „Von Tränen und Heiligen“ (1937 auf Rumänisch) ist „das Ergebnis von 7 Jahren Schlaflosigkeit“ (14). „In der Schlaflosigkeit gibt es keine Diskontinuität, es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht“. „Der Schlaflose bleibt mitten in der Nach luzide“ (14).

„Das Geheimnis des Lebens ist der Schlaf, er ist das, was das Leben möglich macht“ (15)

Die Schlaflosigkeit hat den Glauben an die Philosophie, Cioran spricht von Aberglauben an die Philosophie, weggewischt. (15)

Philosophie, so entdeckte er, ist zu nichts nutze (15). Ist Schlaflosigkeit also ein Maßstab, um die Qualität der Philosophie beurteilen zu können? Cioran würde wohl dem zustimmen.

Er schätzt den russischen jüdischen Leo Schestow, also Jehuda Leib Schwarzmann. Auch er ist, schnell gesagt, ein Philosoph der Verzweiflung, seine Werke sind bei „Matthes und Seitz“ erschienen. Ein hierzulande eher unbekannter Autor.

Für Cioran ist Geborensein, also „auf Erden sein“, „das Ergebnis des Zufalls und nicht der Notwendigkeit zu sein. Dies bedeutet eine gewisse Befreiung, und dieses Gefühl hat bis heute fortgewirkt“ (12).

1937 machte er religiöse Krise durch (17). Damals „stellte sich für ihn heraus“, „dass es für mich keine Zukunft in der Religion geben würde“ (16). Damit meint Cioran wohl die christliche Religion, also das, was er später Glaube nennt. Aber schon damals wusste er, „dass ich den Glauben NIE besitzen würde“ (17). Darf man das seine Basis-Überzeugung nennen? Ich denke ja, auch Cioran hat notwendigerweise und logischerweise eben seine „Lehren“, seine Grundthesen, d.h. er stellt eben nicht alles total und immer in Frage.

Dann aber sagt Cioran: „Ich bin nicht gänzlich areligös. Doch weiß er von der Unmöglichkeit für ihn, glauben zu können (17). Er sagt in voller subjektiver, also gar nicht skeptischer Überzeugung :„Ich war einfach nicht für den Glauben geschaffen“. Wie ein guter dialektischer Theologe (Barth) sagt Cioran: „Glauben ist eine Gabe… Man kann nicht glauben wollen, das ist einfach lächerlich“ (17).

Über die Frage, ob man glauben wollen kann, wäre weiter zu diskutieren. Kann man etwa Kunst schätzen wollen, Musik hören lernen wollen? Sind das verwandte Beispiele? Ich denke ja. Man kann sich zumindest bemühen, an Gott, die Gottheit, glauben zu wollen. Wer das Gegenteil behauptet, macht Gott zu einem Tyrannen, der dem einen den Glauben schenkt, dem anderen eben nicht. Diese furchtbare, merkwürdige These etwa des Reformators Calvin wird Gott sei dank von einigen wenigen Christen (wie den Remonstranten) zurückgewiesen, aber das nur nebenbei.

3.THERESA VON AVILA

schätzt Cioran besonders:
Sie hat, so sagt er, einen „gewissen Ton“, der einen im Innern erschüttert. Sie hat mir viel beigebracht, ich bin von ihr im wahrsten Sinne erschüttert worden“ (18). Cioran hat die Mystik der Theresa von Avila aber nur, so scheint es, von außen kennen gelernt, „so hegte ich doch eine unendliche Bewunderung für die heilige Theresia, für das Persönliche und Fieberhafte an ihr, für das KRANKHAFTE. Es war eine ansteckende Krankheit (sie zu lesen)… Sie war einer der außerordentlichsten Geister“. „Ich sprach die ganze Welt überall und zu jedem nur von ihr“ (19).

In dem Zusammenhang ein Bekenntnis von Cioran: „Ich bin weniger ein leidenschaftlicher als eigentlich ein besessener Mensch…Ich muss in allen Dingen bis ans Ende der Möglichkeiten gehen, bis zur Erschöpfung… (19). „Ich habe Nähe zu Menschen, die gestört sind, (19), zu den Morbiden, den Versagern. (29).

Zu seiner spirituellen Vorliebe: BACH ist für mich ein Gott. (24) Und weiter: „Jemand, der Bach nicht versteht, ist verloren, es ist eigentlich etwas Unvorstellbares, aber es kommt vor“ (24). Cioran hat also doch spirituelle Interessen am Göttlichen = Bach. Andererseits sagt er dann unvermittelt: „Ich bin doch etwas buddhistisch eingestellt… Der Buddhismus verlangt keinerlei Bekenntnis“ (31). Zu seiner sozialen, vielleicht sogar etwas politischen Ambition sagt Cioran: „Ich habe mich stets bemüht, anderen behilflich zu sein, den Schmerz der anderen zu mildern“ (33). Sehr verhaltenstherapeutisch orientiert schreibt er: „In Sinnkrisen empfehle ich den Verzweifelten: Geht auf die Friedhöfe“. (34).

4.Zur Skepsis: Cioran plädiert für die Skepsis als Haltung, aber er hat keine Erwartung, dass Skepsis heilen kann. Das glaubte etwa noch Moses Mendelssohn: Skepsis weckt förmlich die Trägheit des Denkens, meinte er.   Hingegen sagt Cioran: In einem seiner Aphorismen: „Die Skepsis, die nicht zur Zerrüttung unserer Gesundheit beiträgt, ist nur ein intellektuelles Exerzitium“ (Syllogismen Nr. 43). So das Zitat aus Andreas Urs Sommer, „Die Kunst des Zweifelns“, (105).

Skepsis soll also im Sinne Ciorans gerade nicht im Leben „helfen“; soll nicht Gelassenheit erzeugen, wie einst in der Antike, da erzeugte Skepsis die Ataraxia. Andreas Urs Sommer schreibt: „Cioran liebäugelt mit einer Skepsis als beinharter Praxis der Selbstverschleißung und Selbstzerfleischung,denn er ist nicht, wie der Aphorismus vielleicht vermuten lässt, darauf aus, die Skepsis zu überwinden“. Cioran gilt für Andreas Urs Sommer „als skeptischer Entschlossenheits- und Selbstvernichtsungsfetischist, (105 in Sommer). Sommer vermutet da eine , so wörtlich, dekadente Haltung der Gesunden, die sich gern mit der Aura der Liebe zur Krankheit umgeben (ebd).

5.Ein Hinweis zur Mystik:   Mystik hat mit Wanderungen des religiösen Suchens, des Glaubens zu tun: Michel de Certeau SJ (1925-1986, Kulturanthropologe und Religionshistoriker der besonderen, der wichtigen Art, schreibt: „Ein Mystiker macht sich nicht zum Sachwalter institutioneller Interessen, er sucht nach Möglichkeiten, wie Religionen in ungeahnten Wirklichkeiten ungeahnt lebendig sind. Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit des Fehlens von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist ist es nicht. Er kann nicht hier stehen bleiben und sich mit diesem da zufrieden geben. Das Verlangen drängt voran, weiter, anderswohin. Es wohnt nirgendwo“. (in: de Certeau, La fable mystique, Bd I, S.411.) Die Mystik liest religiöse Traditionen anders und „gegen den Strich. „Mysik ist weniger eine Häresie… als vielmehr ein Arbeitsinstrument, das darauf zielt, innerhalb der Religion eine Wahrheit zu enthüllen, die zuerst Randbemerkungen war, nun aber wieder ins Licht gehoben werden soll“. (Michel de Certeau, Mystique, Encycl. Univers. Bd II. s 526). Über den Zusammenhang von de Certeau und Cioran wäre näher nachzudenken.

6. Ob Cioran als der Grund-Erschütterer eine Zukunft hat auch in den Theologien, selbst wenn er solche Kreise eher gemieden hat, ist offen, aber wünschenswert. Cioran könnte den gegenwärtigen Verfall der christlichen Kirchen in charismatisches Trallala oder dogmatische und fundamentalistische Borniertheit in Frage stellen, wenigstens dies, einmal mehr. Wann also findet der erste Cioran-Kongress im Vatikan statt? Oder in den orthodoxen Kirchen Rumäniens und Moskaus? Grundlegende Zweifel und absolute Skepsis sich selbst gegenüber würden doch Herrn Putin sehr gut tun… Oder zweifelt jemand daran?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn.