Attar und Hiob: Wenn die Frommen Gott anklagen. Zu einem Salonabend am 27.3.2015

ATTAR und Hiob: GOTT anklagen angesichts des Leidens

Einige Hinweise für das Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 27.3.2015

Von Christian Modehn

Wir wollen in gewisser Weise unser Gespräch vom Februar 2015 fortsetzen, darum zuerst einige Hinweise zum islamischen Mystiker Attar aus Nischapur, Persien (1145-1220) und sein Werk „Das Buch der Leiden“. Dabei beziehen wir uns auf die Ausführungen von Navid Kermani „Der Schrecken Gottes“, Becksche Reihe, München 2011. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch. —-Zu einer systematischen Reflexion „Über das Böse“ klicken Sie hier

Attar war Apotheker, also „Heiler“, in einem Persien, das von den Mongolen bedroht und dann brutal überrannt wurde. In seiner persönlichen wie auch gesellschaftlichen Verzweiflung wendet sich Attar an Gott. Er ist in der damaligen Kultur sozusagen die oberste „Beschwerdestelle“. Aber die islamischen Herrscher dulden die Anklage Gottes nur für einen ganz kleinen Kreis, für die Narren und Weisen. Das normale Volk darf nicht Gott anklagen. In jedem Fall sagt „Das Buch der Leiden“ etwas, was der islamischen Elite nicht gefällt! Sie kennen die Hiob-Gestalt, die im Hintergrund zu Attars Aussagen steht, wohl eher aus dem Koran, dort wird an nur 4 Stellen recht kurz und knapp von dem geduldigen Hiob gesprochen (Sure 38, 41-44; Sure 6, 84; Sure 21,83-84; Sure 4, 16). Attar ist ein Autor (ein Sufi) mit einem umfangreichen Werk, bekannt sind hier auch „Die Vogelgespräche“, die sogar in der Schaubühne (Berlin) aufgeführt wurden. Zur Form von „Das Buch der Leiden“ nur so viel: Es ist eine Seelenreise von 40 Tagen durch den Kosmos auf der Suche nach einem barmherzigen Gott…Der Text liegt in deutscher Sprache in der Übersetzer des berühmten Orientalisten Hellmut Ritter (zu teurem Preis) vor.

„Das Buch der Leiden“

Navid Kermani schreibt: Dies ist ein „Furcht erregendes und verstörendes Stück Weltliteratur“(95). „Erkenntnis wird hier darauf reduziert, die Sinnlosigkeit zu erkennen“. (96). Die Grundaussage ist: Gott quält. Er verachtet das Leiden der Menschen, er ist unbarmherzig, ohne Großmut, Gott erlaubt dem Menschen noch nicht einmal, sich von ihm zu befreien.

„Aber das soll man bloß nicht Gott sagen, dann macht er alles noch hundertmal schlimmer“, sagt ein weiser „Narr“ im Text: „Gott hat mir auf mein Bitten um Brot geantwortet: Ich solle doch Schnee essen. Selbst ein Irrer sagt so etwas nicht“. (S.131)

Wie später auch, etwa bei dem Philosophen Emil Cioran, kommt das Motiv vor: „Es sei ein Nachteil geboren zu sein (98). Der fromme Mensch will „in diesem Leben nicht leben“ (99). „Wer an ein Jenseits glaubt, muss sich eingestehen, dass es nach dem Tod im Himmel mit dem schrecklichen Gott weitergeht“ (100) … und das will man nicht. Es gibt also eine Jenseits-Abwehr bei frommen Leuten.

„Mit Gott geschimpft hat niemand so leidenschaftlich wie Attar“ (170). „Mit Attar wird Gott attackiert, und zwar von einem, der Gott verfallen ist“ (172). „Die meisten Narren Attars klagen ohne Hoffnung. Frieden finden sie nur in der Resignation oder im Irrsinn. Weil Gott für sie der Schrecken ist, fürchten viele Narren gar, das ER sie erhöre, und dann würde er sie noch ärger quälen“ (243).

Im Islam bleibt dieser radikale Protest gegen Gott nur dem Heiligen, dem Propheten und dem Narren vorbehalten, Protest kann nicht Sache aller Frommen sein (209). Und nur in der Mystik ist diese Klage möglich. Im Koran selbst ist diese An-Klage nicht zu finden. (S. 230)

HIOB, aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament.

Attar kennt die Geschichte von Hiob (176), aber nicht den Text, wohl kennt er die Erzählung, die mündlich in dieser islamischen Kultur verbreitet wurde. Bei Attar werden viele Hiob Motive des AT variiert. Es ist interessant, dass in der noch recht frühen islamischen Kultur die Kultur der Bibel (AT) irgendwie populär bekannt war. Also religiöse Abgrenzungen nicht so deutlich waren. (182). Unsere philosophische Mitstreiterin Heike schreibt dazu: „Die Hiob Geschichte ist immer weiter geschrieben worden. Die Urform, die Rahmenhandlung als Volksmärchen wurde um 900 v. CHR. aufgeschrieben. Nach der Exilserfahrung (und dem Erleben des Bösen) kam der Teufel in der Erzählung dazu (520 v.Chr.). Und damit ist Gott nicht mehr der Verursacher des Unglücks. Hiobs Monolog und die Gespräche der Freunde entstanden wohl um 450 v. Chr. (Rede Elihus 430 vor) und das Lob der Weisheit um 300 v. Chr. Das Kapitel 28, um Hiobs Begegnung mit Gott vorzubereiten“.

Der fromme und vorbildliche Hiob leidet ohne jeden für ihn erkennbaren Grund. Gott spielt auf Vorschlag des Teufels ein Spielchen mit ihm, will ihn testen.

Kermani meint: Gott straft in diesem Text ohne Ansehen von Sünden, ohne erkennbaren Grund. Gott kann ungerecht sein (S.153). Ein Hinweis auf die Klagelieder des Jeremias. „Du hast ohne Barmherzigkeit Menschen geschlachtet“ (Klagelieder 2.21)

Der Beter des AT klagt nicht nur, er klagt Gott an. Etwa Psalm 88 ist da wichtig.

Einige Zitate:

Hiob 3,11: „Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt…“

Hiob 7,16:“Ich vergehe. Ich leb ja nicht ewig. Gott, lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch“. … 9, 18: „Gott lässt mich nicht Atem schöpfen.. Geht es um Recht, wer will ihn vorladen“ (schon damals die richtige Erkenntnis, wie sinnlos ein Blasphemie Gesetz ist: Gott ist kein Rechtssubjekt und kann es als Gott gar nicht sein).

Hiob 12, 23: „Gott macht Völker groß und bringt sie wieder um“

Hiob 16,11: „Gott mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen, ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht. Er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert“. Und so weiter und so weiter.

Einer der wichtigsten Texte der Empörung gegen den Gott. Er hat zahlreiche  Autoren, wie Attar, und andere (wie Joseph Roth) zu literarischen Aktualisierungen eingeladen…

Die Übersetzungen aus Hiob stammen aus der LutherBibel, 1985.

Copyright: Christian Modehn Berlin

 

 

Ein Film über Pepe Mujica, Staatspräsident von Uruguay. Und sein Text: Der Gott des Marktes: Kritik des Kapitalismus und des Konsumismus.

Pepe Mujica: Der Staatspräsident von Uruguay. Ein FILM.

Und ein Text: Der Gott des Marktes
Von José Mujica, Staatspräsident von Uruguay

Dieser Beitrag von José Mujica wurde bei uns zum ersten Mal am 26. November 2013 von Christian Modehn veröffentlicht. Anläßlich des Films über José Mujica, in Deutschland in den Kinos ab 5. März 2015, haben wir den Beitrag aktualisiert.

Am 23. Mai 2025: Pepe Mujica ist am 13. Mai 2025 im Alter von 89 Jahren in der Nähe von Montevideo gestorben. Er lebte bis zum Schluss auf seiner Blumenfarm. „Als Präsident hinterließ er ein Land, in dem es bis heute stabil und gerecht zugeht, gerade für lateinamerikanische Verhältnisse“, schreibt die SZ am 15. Mai 2025.

Zum Film: Pepe Mujica – Der Präsident. Er ist ein anständiger Kerl, dieser „ärmste Präsident der Welt“, der seit bald fünf Jahren Uruguay regiert: Der Film über Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky handelt von ihrem Leben, vom gemeinsamen Kampf gegen die frühere Militärdiktatur, von ihrem Weg aus dem Widerstand in die offizielle Politik bis zum heutigen Präsidentenpaar, das immer noch einen kleinen Bauernhof bewirtschaftet.

Die Filmemacherin Heidi Specogna kennt den ehemaligen Tupamaro-Kämpfer Pepe Mujica seit vielen Jahren und setzt dem mittlerweile fast Achtzigjährigen ein liebevolles filmisches Denkmal.

Webseite: www.piffl-medien.de. Ein Film von Heidi Specogna. 90 Minuten. Eine ausführliche Würdigung des Films: Siehe am Ende dieses Beitrags.

…… Dieser grundlegende Beitrag wurde im November 2013 im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon publiziert:

Der uruguayische Präsident José Mujica, immer wieder der ärmste Staatspräsident der Welt genannt,  da er 90 % seines Einkommens sozialen Projekten spendet, hielt bei der 68. Vollversammlung der Vereinten Nationen im September dieses Jahres (2013) eine bemerkenswerte Ansprache. Seine Kapitalismus – und Konsumismuskritik haben wir in Auszügen ins Deutsche übersetzt.

„Wir haben unsere alten, spirituellen Götter geopfert und den Tempel dem Gott des Marktes überlassen. Nun organisiert dieser Gott uns Wirtschaft und Politik, Leben und Alltagsgewohnheiten. In Raten und per Kreditkarte finanziert er uns den Anschein von Glückseligkeit. Konsum scheint der Sinn des Lebens zu sein, und können wir nicht konsumieren, sind wir frustriert, fühlen uns arm und ausgeschlossen. Wir verbrauchen und hinterlassen Abfall in solchen Mengen, dass die Wissenschaft meint, wir bräuchten drei Planeten, wenn die gesamte Menschheit leben wollte wie ein Mittelschichts-US Amerikaner. Unsere Zivilisation basiert also auf einer verlogenen Versprechung. Der Markt stilisiert unseren heutigen Lebensstil zur allgemeingültigen Kultur, obwohl es niemals für ALLE möglich sein wird, diesen angeblichen „Sinn des Lebens“ zu finden. Wir versprechen ein Leben der Verschwendung und Freigiebigkeit und stellen es zukünftigen Generationen und der Natur in Rechnung. Unsere Zivilisation richtet sich gegen alles Natürliche, Einfache und Schnörkellose. Aber das Schlimmste ist, dass uns die Freiheit beschnitten wird, Zeit zu haben für zwischenmenschliche Beziehungen, für Liebe, Freundschaft und Familie; Zeit für Abenteuer und Solidarität, Zeit, um die Natur zu erforschen und zu genießen, ohne dafür Eintritt zu zahlen. Wir vernichten die lebendigen Wälder und pflanzen anonyme Wälder aus Zement; Abenteuerlust begegnen wir mit gepflegten Wanderwegen, Schlaflosigkeit mit Tabletten, Einsamkeit mit Elektronik … Können wir überhaupt glücklich sein, wenn wir uns dem zutiefst Menschlichen entfremdet haben? Wie benommen fliehen wir vor unserer eigenen Natur, die das Leben selbst als letzten Grund für das Leben definiert und ersetzen sie durch, nur dem Markt dienliche, Konsumorientierung. Und die Politik, ewige Mutter des menschlichen Schicksals, hat sich längst der Wirtschaft und dem Markt unterworfen.
Nach und nach ist Selbsterhalt zum Ziel von Politik geworden, weshalb sie auch die Macht abgab und sich einzig und allein mit dem Kampf um Regierungsmehrheiten beschäftigt. Kopflos marschiert die Menschheit durch die Geschichte, alles und jedes kaufend und verkaufend, Mittel und Wege findend, selbst das Unverkäufliche zu vermarkten. Es werden Marketingstrategien für Friedhöfe und Beerdigungsunternehmen, ja selbst für das Erlebnis Schwangerschaft erdacht. Vermarktet wird von Vätern über Müttern, Großeltern, Tanten und Onkeln bis hin zur Sekretärin, Autos und Ferien, alles. Alles, alles ist Geschäft. Marketingkampagnen fallen sogar über unsere Kinder und ihre Seelen her, um über sie Einfluss auf die Erwachsenen nehmen zu können und sich ein zukünftiges Terrain abzustecken.
Der Mensch unserer Tage taumelt zwischen Finanzierungsverhandlungen und routinierter Langeweile wohl klimatisierter Großraumbüros hin und her. Ständig und immer träumt er von Urlaub, Freiheit und Vertragsabschlüssen, bis eines Tages sein Herz zu schlagen aufhört und „Tschüss!“… Sofort wird es einen anderen Soldaten geben, der das Maul des Marktes füllt und die Gewinnmaximierung sicherstellt.
Die Ursache für die heutige Krise liegt in der Unfähigkeit der Politik begründet. Die Politik hat nicht begriffen, dass die Menschheit das Nationalgefühl noch nicht überwunden hat und sich nur schwer davon lösen kann, denn es ist tief verankert in unseren Genen. Dennoch ist es heute notwendiger denn je, den Nationalismus zu bekämpfen, um eine Welt ohne Grenzen zu schaffen.
Die größte Herausforderung heute ist, das Ganze im Blick zu haben. Doch die globalisierte Wirtschaft wird nur von Privatinteressen einiger weniger gesteuert, und jeder Nationalstaat hat nur seine eigene Stabilität im Blick. Als wäre das nicht schon genug, werden die produktiven Kräfte des Kapitalismus auch noch gefangen in den Tresoren der Banken, die letztendlich der Auswuchs der Weltmacht sind.
Veränderungen sind dringend notwendig, setzen aber voraus, dass das Leben und nicht die Gewinnmaximierung kursbestimmend wird. Ich bin allerdings nicht so naiv zu glauben, dass Veränderungen leicht zu erreichen wären. Uns stehen noch viele unnötige Opfer bevor. Die Welt von heute ist nicht in der Lage, die Globalisierung zu regulieren, weil die Politik zu schwach ist.
Eine Zeitlang werden wir uns an den mehr oder weniger regionalen Abkommen, die einen Freihandel vorgaukeln, beteiligen. Dann wird sich zeigen, dass sie in Wahrheit von notorischen Protektionisten erdacht wurden. Wir lassen uns trösten von wachsenden Industrie- und Dienstleistungszweigen, die sich der Rettung der Umwelt widmen. Gleichzeitig wird die skrupellose Gewinnsucht zum Wohlwollen des Finanzsystems weiter existieren. Weiterhin werden Kriege stattfinden, die Fanatismus schüren, bis endlich die Natur unserer Zivilisation Grenzen setzt. Vielleicht sind meine Vision und mein Menschenbild grausam, aber für mich ist der Mensch die einzige Kreatur, die in der Lage ist, gegen die Interessen der eigenen Spezies zu agieren.
Die ökologische Krise des Planeten ist die Konsequenz des überwältigenden Triumphs menschlichen Strebens. Die ökologische Krise wird dem menschlichen Streben aber auch ein Ende setzen, wenn die Politik unfähig ist, einen Epochenwechsel einzuläuten.“
Übersetzung: Anne Nibbenhagen (Christliche Initiative Romero)
Quelle: Magazin presente 4/2013 „Kaufst du noch oder denkst du schon? Konsumethik im Wandel“ der Christlichen Initiative Romero (CIR)

Wir empfehlen dringend die Zeitschrift der Christlichen Initiative Romero in Münster. Die Anschrift: Christliche Initiative Romero (CIR): Breul 23, D – 48143 Münster
Die website: http://www.ci-romero.de/ Mit vielen aktuellen Informationen.

Eine ausführliche Würdigung des Films von Gaby Sikorski:

José Alberto Mujica, genannt „Pepe“, ist nicht nur bescheiden und volksnah, sondern auch ein außergewöhnlich willensstarker Mensch, der – so wie es in Lateinamerika üblich ist – seine Botschaften gern in blumige Formulierungen packt. Der überzeugte Sozialist glaubt an das Gute im Menschen, und er selbst ist dafür das beste Vorbild. Anders hätte er vermutlich weder die vielen Jahre in Einzelhaft und die Folterungen durch das Militärregime in Uruguay überlebt noch die Kraft gehabt, im Alter von 75 Jahren Präsident seines krisengeschüttelten Landes zu werden. Seine Amtszeit endet 2015 – und in den letzten fünf Jahren hat er viel erreicht. Uruguay gilt heute als eines der freiheitlichsten Länder der Welt: Legalisiert wurden Eheschließungen zwischen Gleichgeschlechtlichen ebenso wie Abtreibungen und der Genuss von Cannabis.

Heidi Specogna begleitet Pepe Mujica und seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky auf ihren Wegen zwischen Regierungsaufgaben und dem Privatleben auf einem Bauernhof mitten in der – und hier stimmt‘s tatsächlich: Pampa. Überall schafft es Pepe Mujica, sich mit Gelassenheit, Freundlichkeit und seinem ganz eigenen pfiffigen Charme durchzusetzen. Er wirkt ganz anders, als sich Klein-Fritzchen ein Staatsoberhaupt vorstellt, dabei aber so authentisch und würdevoll, als habe er eigenhändig das Präsidentenamt erfunden. Und natürlich hat er, der sprichwörtliche einfache Mann von der Straße, sich auch ein wenig anpassen müssen, trägt eher widerwillig schicke Anzüge, lässt sich aber auch gern mal feiern. Rundfunkreden, Ansprachen und Privatinterviews zeigen ihn als lebensklugen und hoch gebildeten Mann, der in jeder Lebenslage hundertprozentig authentisch bleibt.

Lucia Topolansky, seit vielen Jahren seine Lebensgefährtin und ebenfalls Regierungsmitglied, kann mit Pepe in allem locker mithalten. Sie ist vielleicht noch ein bisschen radikaler in ihren Ansichten, besonders wenn es um Frauenpolitik geht, und sie scheint noch umtriebiger zu sein als er, dem man bei aller Rüstigkeit die Last der Jahre und die Spuren der jahrzehntelangen Verfolgung und Inhaftierung doch ansieht. Während Pepe eigentlich eher harmlos wirkt und zunächst nur seine sehr wachen Augen verraten, dass hinter der schlichten Fassade ein außergewöhnlich intelligenter Mensch darauf wartet, seine Philosophie zu verbreiten, ist Lucia schon äußerlich eine willensstarke Dame, der man lieber nicht widersprechen möchte. Die beiden ergänzen sich perfekt zu einem Paar, das von einer tiefen Liebe ebenso geprägt wurde wie von den gemeinsamen politischen Zielen. Die Botschaft des Films stimmt optimistisch: Ja, es gibt sie noch, die Vorbilder und Idealisten in der Politik, die fest daran glauben, dass man durch gute Taten die Welt verändern kann und muss. Hier ist der lebende Beweis dafür, dass Macht nicht unbedingt korrumpiert. Dieses Präsidentenpaar, das lediglich ein Zehntel seiner Einkünfte behält und den Rest an NGO’s spendet, verkörpert eine soziale und tolerante Politik, von der viele träumen, die aber kaum jemand für möglich hält. Heidi Specogna, die seit ihrem Film TUPAMAROS mit beiden bekannt und offenbar gut befreundet ist, zeigt in ihrem kleinen und angemessen prunklosen Film das Leben dieser beiden Kämpfer und Träumer, die noch immer Visionen haben und dazu stehen. Sie erzählt gemächlich und mit kleinen Exkursen in die Vergangenheit.

Ein Höhepunkt des Films ist Pepes Staatsbesuch in Berlin inklusive Treffen mit Angela Merkel und Mitgliedern des Bundeskabinetts, die mit dem alten Herrn ihr Standardprogramm abziehen. Und wenn es so ist, dass jedes Land die Politiker hat, die es verdient, dann wären allein schon diese Bilder ein Grund, nach Uruguay auszuwandern. Muss ein sehr schönes Land sein!

Gaby Sikorski. http://www.programmkino.de/content/Filmkritiken/pepe-mujica-lektionen-eines-erdklumpens/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei: Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit. Teil Zwei:

Französische Bischofskonferenz gegen eine Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“

Von Christian Modehn.

Am 5.2. 2015: Kurz nach der Veröffentlichung unseres Beitrags „Meinungsfreiheit geht vor Religionsfreiheit“ gibt es einen weiteren Beweis für die Aktualität des Themas: Die französischen Bischöfe haben ihreMühe, Meinungsfreiheit vollständig zu unterstützen…

Die französische Sektion von „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) hat am 3. Februar 2015 eine Erklärung veröffentlicht. Sie gehört zur Kampagne „Die Meinungsfreiheit kennt keine Grenzen“. Gerade nach der Ermordung etlicher „Charlie-Hebdo“ Journalisten und Künstler am 7. Januar 2015 ist die Erkenntnis wichtig, das Grundprinzip einer Demokratie erneut auszusprechen: „Jeder ist frei, Kritik auszudrücken und zu verbreiten, selbst respektlose Kritik, und zwar gegen jedes System politischen, philosophischen und religiösen Denkens“. So „Reporter ohne Grenzen“.

Christophe Deloire, der Generalsekretär von RFS, betonte im Rahmen einer Pressekonferenz am 3. 2. 2015 im Palais Brogniart in Paris: „Es gibt sehr mächtige Kräfte in der Welt, die wünschen, dass die Kritik an Gedankensystemen, besonders religiösen, verdammt werden“.

Die Initiative von RSF wird u.a. unterstützt von Jean-Louis Bianco, dem Präsidenten des „Observatoriums der Laizität“.

Es gibt im – Unterschied zu Deutschland – in Frankreich kein Gesetz, das sich auf Blasphemie oder Sakrileg bezieht. Die Erklärung von RSF erinnert ausdrücklich daran. „Niemand kann sein Verständnis des Heiligen dem anderen aufdrängen“.

„Reporter ohne Grenzen“ hat die religiösen Führer Frankreichs aufgefordert, die deutliche Erklärung zugunsten umfassender Presse- und Meinungsfreiheit zu unterzeichen. Die Reaktionen vonseiten der Führer religiöser Gemeinschaften in Frankreich sind unterschiedlich: Dalil Boubakeur, Präsident des „Französischen Rat für den muslimischen Kult“ hat den Text unterzeichnet. Ebenso der „Präsident der Protestantischen Föderation“, Francois Clavairoly. „Ich begleite dieses Unternehmen, weil die Freiheit des Gewissens und die Meinungsfreiheit auch Früchte des Protestantismus sind“. Und weiter: „Es gibt bei mir gewisse Reserven, aber die beziehen sich mehr auf die Form der Erklärung als auf die geistige Grundlage. Warum werden nur die Religionen ausdrücklich zur Meinungsfreiheit aufgefordert. Denn die Bedrohungen der Meinungsfreiheit kommen weniger von den Religionen, und da besonders von den Christen, sondern eher von den totalitären Staaten, die die Religion zu ihren eigenen Gunsten instrumentalisieren“.

Die katholische Bischofskonferenz hat diese Erklärung von „Reporter ohne Grenzen“ zugunsten umfassender Pressefreiheit NICHT unterzeichnet. Die Begründung ist – mit Verlaub gesagt, in unserer Sicht – hoch merkwürdig, sie passt zu einer autoritären, auf sich selbst bezogenen Institution. Die Begründung heißt: Die Bischofskonferenz „kennt nicht den Brauch, einen Text zu unterzeichnen, den sie nicht selbst verfasst hat“! Damit begibt sich jeder Lernbereitschaft von den Gruppen der Zivilgesellschaft! Diese Begründung brachte Olivier Ribadeau Dumas vor, der Generalsekretär der Bischofskonferenz. Diesen Satz darf man wohl als Ausdruck einer extremen Getto-Mentalität bezeichnen. Und der Ton wird noch polemischer: „Was würde wohl „Reporter ohne Grenzen“ tun, wenn die katholische Kirche sie auffordern würde, eine Erklärung über den Umgang mit den religiösen Fakten in der Medien zu unterzeichnen ?“ Offenbar haben die Bischöfe das Gefühl, ständig von „den“ Medien schlecht behandelt zu werden.

Die Präsidentin der „Buddhistischen Union Frankreichs“ , Marie Stella Boussemart, hat persönlich diesen Aufruf unterzeichnet. Auch der Groß-Rabbiner von Frankreich, Haim Korsia, ließ wissen, dass er absolut einverstanden ist im Prinzip mit dem Aufruf der „Reporter Ohne Grenzen“. Aber er wünsche sich eine einmütige Erklärung aller religiösen Führer Frankreichs. Die katholischen Bischöfe aber sagen „nein“, siehe oben.

Um mit den Bischöfen ins Gespräch zu kommen, hat sich Christophe Deloire bemüht, sein Anliegen bei der nächsten Sitzung der Bischofskonferenz am 11. Februar 2015 persönlich dort zu erläutern. Aber es ist keineswegs sicher, dass dieser Dialog mit den Bischöfen zustande kommt, berichtet die katholische Tageszeitung „La Croix“ am 5.2., denn, so sagen die Bischöfe auf ihre Art, diese Bischofsversammlung sei eine informelle Versammlung des Klerus. Mit anderen Worten: Auf diese Weise zeigt sich die Bischofskonferenz als abweisend, dialog-unwillig.

Der Text von Reporter sans Frontières: :

http://fr.rsf.org/france-reporters-sans-frontieres-rsf-03-02-2015,47553.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon-Berlin.

 

 

 

 

 

Meinungsfreiheit ist die Voraussetzung für Religionsfreiheit

Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Religionsfreiheit

Grundlegende Hinweise zur Debatte um die Blasphemie

Von Christian Modehn

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ wurden bereits mehrere Hinweise, Interviews und Diskussionsbeiträge zum Thema Gotteslästerung veröffentlicht. Kürzlich erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK – FORUM im Rahmen der beliebten PRO und CONTRA Debatten des Blattes Beiträge zu: Ja oder Nein zur Blasphemie.

Britta Baas, die verantwortliche Redakteurin, gab dieser Diskussion das einleitende „Vorwort“:

Weltweit morden Killerbanden mit heiligen Büchern im Gepäck. Kein Kontinent bleibt verschont. Auch die Redakteure von »Charlie Hebdo« wurden Opfer einer Gewalt, die sich auf Gott beruft. Vermeintlich verteidigten die Täter dessen Ehre, die sie d urch Satire beleidigt sahen. Ist Blasphemie nötig? Stimmen Sie hier ab:  http://www.publik-forum.de/umfrage/gott-in-der-satire?idw=20159880

Wer will, kann also abstimmen, am besten, wenn man vorher die beiden Beiträge liest. Klicken Sie bei Lektüre-Interesse hier.

……..

Es ist für uns wichtig, noch einmal, Anfang Februar 2015, ausführlicher an philosophisch Grundlegendes zu erinnern und zur Diskussion zu stellen: Inzwischen ist die Diskussion in Frankreich weiter zugespitzt, klicken Sie bitte hier.

Jene Länder und Staaten, die keine Meinungsfreiheit, also keine freie Presse und keine Freiheit der Aussage subjektiver Meinungen in der Öffentlichkeit kennen, diese Staaten haben auch keine Religionsfreiheit. In diesen Staaten herrscht die eine und einzige Staatsreligion absolut vor, andere Religionen sind verboten bzw. dürfen nicht öffentlich auftreten: Deutliches Beispiel dafür ist Saudi-Arabien. Dort gibt es als Voraussetzung dafür konsequenterweise auch keine Presse- und keine subjektive Meinungs-Freiheit. Oder auf andere Art, wenn man denn auch totalitäre Staatsideologien als Weltanschauungen/“Religionen“ betrachtet, ist Nord-Korea ein treffendes Beispiel. Dort gibt es konsequenterweise zum Staats/Führer-Kult auch keine Meinungs/Pressefreiheit.

Früher zählte auch Spanien (Franco) dazu oder Portugal (Salazar-Diktatur) oder der Vatikanstaat zu diesen Staaten. Ob es innerhalb der römischen Kirche eine freie, unabhängige und allseits kritische Presse geben kann, ist eine andere Frage. Natürlich gibt es Abstufungen: Ein wenig Presse/Meinungsfreiheit entspricht dann ein wenig Religionsfreiheit,  wie vielleicht in Marokko oder dem einen oder anderen „Golf-Staat“. Da, wo die Meinungsfreiheit und Pressefreiheit vollständig Realität ist, wie etwa in Holland, ist auch die Religionsfreiheit sehr umfassend möglich.

Wichtiger ist die philosophische Beweisführung: Entscheidend ist dabei: Weil das religiöse Bekenntnis in der Öffentlichkeit nur verstanden werden kann als ein Ausdruck der eigenen, eben religiösen Meinung und Überzeugung, ist die Meinungsfreiheit die notwendige Bedingung und notwendige Voraussetzung auch für Religionsfreiheit. Ohne Meinungs- und Pressefreiheit kann es keine Religion(sfreiheit) geben. Nebenbei: Religionsfreiheit als Menschenrecht bedeutet nicht, dass Religionen und religiöse/weltanschaulich gebundene Menschen und ihre Instititionen besondere Schonung und heilige Achtung a priori verdienen. Es bedeutet nur, dass Menschen ihre religiöse Meinung, also ihre Konfession, persönlich leben wie auch in der Gesellschaft/im Staat gestalten und ausdrücken können, wenn denn diese Überzeugungen den übergeordneten Menschenrechten nicht konträr sind.

Wenn Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, dann wird im zweiten Schritt auch Religionsfreiheit eingeschränkt. In Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern gibt es keine Meinungsfreiheit und DESWEGEN auch keine Religionsfreiheit, obwohl so viele Herrscher dort ständig etwas von ihrer Religion behaupten und diese als die alleinige gewalttätig durchsetzen.

Gotteslästerung, also Ausdruck meiner Meinung,  wird von den Frommen als Einschränkung der Religionsfreiheit angesehen, so, als würde ein Lästerer einem Frommen seinen Glauben „nehmen“ wollen. Gotteslästerung will hingegen Raum auch schaffen für einen menschenwürdigen, kritischen Glauben.

Zunächst: Gotteslästerung kann es auch für klar denkende religiöse Menschen „eigentlich“ nicht geben, weil Gott im Himmel oder in der eigenen Seele unsichtbar „sitzt“, wohnt, deswegen kann er als irdisch-greifbares Rechtssubjekt gar nicht in Frage kommen. Der himmlische und transzendente (oder eben auch seelisch immanente) Gott kann gar nicht als solcher Klage führen gegen die Lästerer. Das haben die meisten nachdenklichen Demokratien längst auch in der Gesetzgebung anerkannt. In Saudi-Arabien hingegen und anderswo ist „man“ nicht so weit. Da können die Diktatoren die Gotteslästerungsparagraphen sehr bequem zum Erhalt ihres eigenen Unrechtssystems einsetzen. Und sie tun dies. Was ist leichter als zu behaupten, Gott ist beleidigt? Also dann eben schnell und ohne vernünftig-nachvollziehbare Begründung: „Hand ab“. Mindestens. Gotteslästerung ist für Diktatoren nicht als ein Freibrief für inhumanes Verhalten.

Gotteslästerung ist also und will nichts anderes sein als „Frommenlästerung“ und politische Kritik. Da werden die religiösen Gefühle gelästert, so wie man bei Musikfreunden etwa ihre „Wagnermacke“ oder ihren „Mozart-Wahn“ als absolute Gefühle belästern kann. Viele sind dann dankbar, dass sie dadurch aus dem „Schlaf der eigenen Vernunft“ aufwachen können.

Religiöse Gefühle zu kritisieren, dazu hat man allen Grund in einer normativen Sicht der Menschenrechte. Weil diese Frommen vielleicht zu merkwürdige und gesellschaftlich schädigende Glaubensinhalte haben, etwa: „Homosexuelle dürfen sich nicht lieben, dürfen nicht heiraten, weil sie letztlich Menschen zweite Klasse sind“. Das würde zwar kein kluger Frommer in Europa so laut sagen, de facto ist die Lage klar: Man denke an die „Ehe-Demonstrationen“ (nur Hetero-Ehen sind gottgewollt) kürzlich in Frankreich…

Gotteslästerung ist als Frommenlästerung rechtlich noch nicht klar geregelt: Denn in Deutschland gibt es den § 166 im Strafgesetzbuch. Danach werden die Gotteslästerer bestraft, wenn sie, so wörtlich, den „öffentlichen Frieden stören“. Wann und wie dieser „öffentliche Friede“ aber durch Lästerer gestört wird, wissen die Lästerer ja nie im voraus. Sie müssen also lästern, um die Möglichkeiten zu erkunden, abgesehen davon, dass es ihr gutes Recht ist, diese ihre Meinung frei darzustellen. Plötzlich aber, nach der Veröffentlichung einer angeblich „lästerlichen“ Karikatur, melden sich bestimmte Fromme und schreien und handeln gewalttätig: „Wir sind in unserer religiösen Gefühlen verletzt, entfernt die Lästerer“. Beweisen kann man von außen nie, wie viel Show dabei ist, wenn jemand seine Gefühle verletzt sieht. Vielleicht hat er ganz andere, naämlich politische Interessen. Mit dem Begriff der Verletzung von Gefühlen zu argumentieren, ist also ziemlich abwegig. In einem solchen diffusen Klima wird kritische Meinungsäußerung nicht gerade gefördert. Angst vor der Klage der Frommen macht sich breit.

„In religiösen Gefühlen verletzt sein“ ist einer der schwammigsten und missbräuchlichsten Begriffe: Jeder kann ständig behaupten, seine Gefühle seien verletzt. Da ist der willkürlichen Behauptung (oder dem darin sich zeigenden Gehorsam gegenüber religiösen Autoritäten) Tür und Tor geöffnet. Erst, wenn man diese Gefühle in begriffliche Sprache übersetzt, gibt es Klarheit: Also man sollte als religiös Verletzter klar sagen: „Mein Gott will nicht, dass Frauen völlig gleichberechtigt sind“. Mein Gott will, dass Andersdenkende am besten nicht so viele Lebensrechte haben“. „Mein Gott will, dass der Klerus, die Rabbiner oder die Imame auch politisch im Staat bestimmen dürfen“. „Mein Gott will, dass Menschenrechte bestenfalls an zweiter Stelle stehen hinter den religiösen und geoffenbarten Gottesrechten“.

ERST wenn diese Gefühle eben Wort werden, dann kann man sehen, was Frommenlästerung bedeutet. Dann kann man darüber in einen Dialog eintreten. Und möglicherweise auf diese Weise (!) für den öffentlichen Frieden weiterhin sorgen. Aber solche Übersetzungsarbeit geschieht nicht öffentlich. Alle Lästerer und andere kritischen demokratischen Bürger gucken nur mitleidvoll auf die verletzten religiösen Gefühle der Frommen und tun alles, um diesen saften Seelen künftig alle Irritation zu ersparen. Und dann werden keine angeblich lästerlichen Dinge mehr gesagt und veröffentlicht. Siehe die große Angst in den USA Medien, angeblich Lästerliches zu drucken. Die verwirrten frommen Seelen haben also gesiegt und bestimmen das kulturelle Klima, das den Titel frei und meinungsfrei nicht mehr verdient. Eine offene und aufgeklärte Gesellschaft braucht keinen Paragraphen, der Gotteslästerung verbietet. Zu nebulös sind die Klagen derer, die angebliche Frommenlästerung ertragen können.

Es gibt ja ohnehin nicht mehr „den“ Gott in den demokratischen Gesellschaften und Staaten, sondern eben viele Götter vieler unterschiedlicher religiöser Menschen. Vielleicht ärgert sich ein frommer Hindu, wenn eine heilige Kuh durch eine Karikatur entheiligt wird, worüber sich vielleicht ein Moslem aber eher freut. Wie soll die Klage ausgehen, welcher Gott soll da respektiert werden, wenn die Götterfreunde selbst unter sich so uneins sind.

Am wichtigsten ist: Und das ist die unaufgebbare, weil evidente (!) Basis offener, demokratischer Staaten und Gesellschaften: Zuerst und an erster Stelle kommt das Humanum, d.h. der Mensch und sein Wohl, die sich in der allgemeinen, also eigentlich allen gemeinsamen VERNUNFT erschließen. Und dann, also deutlich nachgeordnet und weniger wichtig, also an zweiter Stelle, kommt das religiöse Bekenntnis, kommt die Religion. Die Krise heute ist, so scheint uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, dadurch verursacht: Dass so viele Menschen Religionen wichtiger nehmen als das Humanum, als die Menscherechte. Religion und religiöse Autoritäten können niemals an erster Stelle der Wertigkeit stehen. Wer es theologisch will: Gott hat Menschen geschaffen. Nicht zuerst Fromme! Das wäre doch eine spekulative Frage für Metaphysiker: Waren Adam und Eva im Paradies, vor dem „Sündenfall“, religiös oder nur Menschen, nur menschlich?

Noch einmal: In einer offenen und humanen und dem Ideal der Demokratie verpflichteten und der Vernunft  folgenden Gesellschaft sind alle Formen aller konkreten Religionen mit allen ihren Offenbarungen und Klerikern und Päpsten und Kalifen und Bonzen absolut an der zweiten Stelle. Sie alle haben sich, wie alle Menschen, zuerst nach den Menschenrechten zu richten, dann, wenn sie wollen, können sie ihre religiösen Sondertraditionen hegen und pflegen. Aber die müssen sich alle am Maß der Menschenrechte messen und von daher kritisieren lassen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon-berlin.

 

Wir brauchen Gotteslästerung, wir brauchen Religionskritik. Ein Hinweis auf einen Beitrag in PUBLIK FORUM

Wir brauchen Gotteslästerung! Wir brauchen Religionskritik.

»Je suis Charlie« – »Ich bin Charlie«: Überall in Frankreich – und nicht nur dort – ist diese Parole zu lesen. Sie war allgegenwärtig, als sich am 11. Januar in Paris zwei Millionen Menschen zur größten Demonstration in der französischen Geschichte versammelten. Ihr Bekenntnis zur Demokratie, Pressefreiheit und Trauer über die ermordeten Journalisten und Künstler von »Charlie Hebdo« teilt jetzt der Prophet Mohammed auf dem neuen Titelbild der Wochenzeitung. Dort bekennt er selbst: »Je suis Charlie.«

Die Frage muss offen und ohne Vorbehalte diskutiert werden: Ist dieses Titelbild etwa Blasphemie, eine heftige Form der Religionskritik? Ist es nicht heilsam, in den eigenen Überzeugungen auch erschüttert zu werden? Um besser zu verstehen, klarer zu sehen, dass Gott kein Hampelmann ist, den man bei jeder noch so perfiden Aktion an seiner eigenen Seite glaubt? Darum brauchen auch die Frommen Licht und Klarheit, also Vernunft. Sie brauchen auch das heftige Lachen über den eigenen Glauben bzw. Unglauben, sie brauchen also die Gotteslästerung, die Religionskritik, wie die Luft zum Atmen!

Lesen Sie einige Vorschläge von Christian Modehn auf der website der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, klicken Sie hier.

Katholiken für Charlie Hebdo: Die katholische Zeitschrift LA VIE (PARIS) trauert nicht nur um Charb

CHARLIE HEBDO ist eine religionskritische Zeitung. Eine Zeitung im Dienst der Aufklärung. Und diese Zeitung findet Respekt nicht nur im „antiklerikalen Milieu“ oder bei den „letzten Achtundsechszigern“, sondern, und das freut den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, auch in explizit katholischen Kreisen Frankreichs, etwa bei der Zeitschrift LA VIE.

Die angesehene und weit verbreitete Katholische Wochenzeitung LA VIE (PARIS), die den offenen, ökumenischen Geist des Katholizismus deutlich vertritt und verteidigt, hat zum grauenhaften Mord an den Mitgliedern der Redaktion von CHARLIE HEBDO am 7. Januar 2015 eine Erklärung veröffentlicht. Wichtig ist, dass nun bekannt wird, dass Charlie Hebdo durchaus auch in progressiven katholischen Kreisen geschätzt wurde! Dabei haben die Bischöfe Frankreichs in ihrer Angst und „Kleinkariertheit“ mehrfach Prozesse gegen die auch Katholizismus-kritische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ angestrengt, und – Gott sei Dank- immer verloren, wie berichtet wird. Im Jahr 2006 brachte Charlie Hebdo etwa eine Zeichnung, die das OPUS DEI darstelle: Der Gekreuzigte wurde gezeigt mit einem Koffer, aus dem massenweise Geld herausfällt. Fromme Kathliken (Opus Dei Leute?) haben darauf hin Charlie Hebdo diffamiert (siehe unten, (1) )

Uns freut, dass von „La Vie“ nachdrücklich die umfassende Meinungsfreiheit verteidigt wird. Der Text stammt von La Vie Chefredakteur Jean Pierre Denis. Die Übersetzung machte Christian Modehn (CM), Berlin.

Nebenbei: In philosophie-historischer Perspektive: Uns scheint, dass der Mord an den Redakteuren von „Charlie Hebdo“ und der nun möglichen Unterbrechung im Erscheinen dieser Zeitschrift  vergleichbar wäre: Wenn man damals, im 18. Jahrhundert, den religionskritischen Salon von Diderot und d Holbach in der Rue des Moulins in Paris in die Luft gesprengt hätte. Oder wenn man Voltaire in jungen Jahren ermordet hätte. Damals waren die Reaktionären aber offenbar noch etwas freundlicher, sie sorgten „nur“ für längere Gefängnisstrafen der Religionskritiker in der Bastille…. Zur weiteren Information zum 7.1.2015 besonders über den Slogan „Je suis Charlie“ klicken Sie hier.

……………..DER TEXT VON LA VIE: ………

Das gemeine und schändliche Attentat gegen „Charlie Hebdo“ stürzt die Redaktion von LA VIE in tiefe Trauer. Unser Denken gilt den Mitbrüdern und Mitschwestern (französische Journalisten sprechen sich oft in dieser Weise an, CM), die feige ermordet wurden, sie gilt auch den Polizisten, die getötet wurden, weil sie Journalisten zu schützen versucht sowie den Familien aller Opfer.  „Der freie Austausch der Gedanken und Meinungen ist eines der wertvollsten Menschenrechte“. Das haben 1789 die Autoren der Erklärung der Menschen – und Bürgerrechte geschrieben. Mehr als je zuvor, erscheint uns diese Maxime wertvoll und wahr! Ohne Freiheit der Presse, gibt es keine Demokratie.

Und auch der Spott gehört zu dieser Freiheit! Selbst wenn er unser religiöses Gefühl verletzt.

In jedem Jahr werden deswegen viele Reporter, Karikaturisten und Photographen ermordet. Wenn nun dieser Horror auch uns heimsucht in unserer Redaktionskonferenz, sind wir genauso bestürzt und beunruhigt ohne dafür Worte zu finden.

Unsere Zeitschrift „La Vie“ kann es sich als Ehre anrechnen, oft die Illustrationen von Charb (er wurde ermordet, CM) und anderer Mitarbeiter von Charlie Hebdo veröffentlicht zu haben. Die Zeichnungen, die Charb für „La Vie“ gestaltet hat, waren nicht nur immer voller Humor und voller Talent. Sie waren auch immer von tiefem Respekt gegenüber unseren Lesern und deren Überzeugungen. Sicherlich, nicht alle und nicht immer waren wir einverstanden mit Charlie Hebdo. Aber viel stärker war immer das, was uns miteinander verband! Und das ist der Geschmack und die Lust an der Meinungsfreiheit, das ist die Suche nach der Wahrheit, was immer es kosten möge, sowie der Kampf für die Menschenrechte.

Mehr als je zuvor halten wir uns alle daran, wie die größte Mehrheit der Journalisten, wie die immense Mehrheit der Bewohner dieses Landes, woher auch immer sie kommen und wie auch immer ihre philosophische oder religiöse Überzeugung sein mag.

(1)  Quellenangabe zu Opus Dei und Charlie Hebdo:  21 octobre 2009 : Avec un clin d’oeil à sa Une de 2006 s’en prend à l’Opus Dei

Huit mois après la fin du procès de l’affaire des caricatures de Mahomet, Charlie Hebdo fait un clin d’oeil à sa fameuse couverture de février 2006 pour parler du financement de l’Opus dei, une organisation de l’Église catholique. Le dessin de couverture y représente un homme crucifié, porteur de valises, d’où s’échappent des billets de banques. Là encore, Charlie Hebdo reçoit de nombreuses menace de croyants, persuadés de reconnaître Jésus Christ dans cette caricature.

Quelle: http://www.msn.com/fr-fr/actualite/france/charlie-hebdo-et-la-religion-de-la-provocation-aux-repr%C3%A9sailles/ar-AA7SvcN. Gelesen am 7.1.2015

 

copyright: Christian Modehn

 

 

Gotteslästerung: Sinn und Unsinn, ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Erneut publiziert – angesichts des Films in ARTE am 14. 12. 2016 um 22.05.

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Die Fragen stellte Christian Modehn.

Wenn man beim Thema „Gotteslästerung“ nur die so genannten christlich geprägten Länder beobachtet: Dann fällt auf, dass in letzter Zeit immer wieder Künstler angeklagt wurden (wie in Moskau beim Pussy Riot – „Prozess“), in ihren Aktionen und künstlerischen Arbeiten „Gott zu lästern“. Warum reagieren vor allem Politiker und Kirchenführer so heftig?

Auffällig ist in der Tat, dass immer wieder Künstler der Vorwurf der Gotteslästerung trifft. Denken wir an Madonnas Video-Clip „Like a Prayer“, die Madonna als Gekreuzigte zeigt, an die Jeans-Werbung von Otto Kern, die das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci persiflierte oder an den Film „Die letzte Versuchung“ von Martin Scorsese, in dem Jesus im Liebesakt mit Maria Magdalena gezeigt wird – immer waren Vertreter der Katholischen Kirche und fundamentalistische Protestanten mit dem Blasphemie-Vorwurf zur Stelle. Die Koalition mit der politischen Macht, die jetzt im „Prozess“ gegen Mitglieder der russischen Rockband „Pussy Riot“ offenkundig wurde, ist in den demokratischen westlichen Gesellschaften so allerdings nicht mehr gegeben – bislang jedenfalls nicht.

Nach der Revision des STGB in den 1960 Jahren ist die „Gotteslästerung“ in der Bundesrepublik Deutschland nur noch strafbar, wenn sie den „öffentlichen Frieden stört“.  Es wäre zutreffender gewesen, hätte man damals den Gotteslästerungsparagraphen ganz aus dem Strafgesetz herausgenommen. In dem Zusammenhang wird deutlich:  Der sog. Gotteslästerungsparagraph, also STGB § 166, aber auch § 167, soll den religiösen Pluralismus gewährleisten, nicht aber die freie und kritische Äußerung in Religionsangelegenheiten einschränken. Es sei daran erinnert, dass es gerade protestantische Kirchenführer wie der Präses der Rheinischen Kirche, Joachim Beckmann (1901 – 1987), waren, die anlässlich der Strafrechtsreform in der Bundesrepublik in den frühen 1960er Jahre angemahnt hatten, dass der Gotteslästerungs – Paragraph überhaupt nicht mehr in die Verhältnisse einer pluralistischen Gesellschaft passe, weil er politisch dazu missbraucht werden könne, die Meinung Andersdenkender zu unterdrücken. Präses Beckmann war übrigens ein Mann der „Bekennenden Kirche“ im Kampf gegen das Nazi Regime und die „Deutschen Christen“: Es steht, so sagte Beckmann in den 1960 Jahren, der Kirche gut an, „dass sie von sich aus auf einen weitergehenden strafrechtlichen Sonderschutz gegen Religionsdelikte verzichtet und jede auch nur entfernte Erinnerung an eine strafrechtliche Verketzerung Andersdenkender vermeidet“.

In letzter Zeit mehren sich allerdings auch in Deutschland wieder Stimmen, sie kommen vorwiegend  aus dem katholischen Raum, die das Verbot der Gotteslästerung wieder ernster genommen wissen möchten. Gotteslästerung wittern sie dort, wo christliche Symbole in die Regie freier, kritischer, auch vor der Persiflage nicht zurückschreckender Darstellung genommen werden – also insbesondere in der Bildenden Kunst, in der Literatur, im Film, im freien Journalismus, in der Popmusik. Der renommierte katholische Schriftsteller Martin Mosebach oder auch der katholische Philosoph Robert Spaemann haben sich diesbezüglich zuletzt besonders hervorgetan. Sie meinen daran erinnern zu müssen, dass der Gottesbezug in unserer Verfassung stehe und fordern, da der die Wertgrundlagen der Gesellschaft garantierende Gott nur der christliche Gott sein könne, den politisch und rechtlich sanktionierten Schutz des christlichen Gottes. Es sei, so meinen sie, nicht länger zu ertragen, dass die Muslime ein Anrecht auf den Schutz ihrer religiösen  Gefühle geltend machen könnten, Christen hingegen sich jede öffentliche Schmähung ihres Gottes gefallen lassen müssten. Weiterlesen ⇘