Soll man Menschen wirklich „menschliche TIERE“ nennen?

Die 22. Frage der „unerhörten Fragen“…

Von Christian Modehn am 27. November 2024

1.
Manchmal stolpert man bei der Lektüre wichtiger Bücher sogar angesehener AutorInnen über verstörende Formulierungen. Man muss jetzt die unerhörte Frage stellen: „Sind Menschen denn wirklich nur menschliche Tiere?“

2.
Dies ist keine Frage, sondern eine Erkenntnis der prominenten Soziologin Prof. Eva Illouz (Paris/Jerusalem) in ihrem lesenswerten Buch „ Explosive Moderne“ (Berlin, 2024). Dort schreibt Eva Illouz auf Seite 106 eher nebenbei, so dass man die Worte leicht ignoriert: “Sogar bei nichtmenschlichen Tieren lässt sich beobachten…“ usw. Sie spricht von Versuchen mit „nichtmenschlichen Tieren“, mit Affen. Bei den Affen – Tests geht es um ein gewisses Vorhandensein von Neid und Gleichheit unter den Affen. Also ein Thema, um im Sprachspiel zu bleiben, dass nicht nur bei nichtmenschlichen Tieren, sondern auch auch bei „menschlichen Tieren“ (den Menschen) sehr relevant ist.

Wenn es, wie Eva Illouz schreibt, „nichtmenschliche Tiere“ gibt, dann muss es auch menschliche Tiere geben.

3.
Es ist keine Frage: Menschen sind Teil der Natur, sie haben sehr viele Verbindungen mit der Tierwelt. Es geht gar nicht darum, die Erkenntnisse der Evolution zu ignorieren. Differenziertes Denken und Sprechen mit Sinn für Nuancen ist erforderlich.
Trifft es die Bedeutung des Menschen im Gesamtzusammenhang der Natur, ihn, den Menschen, als „menschliches Tier“ zu beschreiben?

4.
Wenn – leider – viele Tiere in den Zoologischen Gärten zu besichtigen sind, sollten dann nicht auch wieder menschliche Tiere, also Menschen, dort ausgestellt werden? Das wurde schon in den Zoologischen Gärten und Tierparks im 19. Jahrhundert praktiziert, bei den sehr beliebten „Völkerschauen“ im „Menschenzoo“ in allen Staaten Europas, die Kolonien „besaßen“. LINK:

5.
Doch über diese ironische Frage hinaus: Man stelle sich vor, die Definition des Menschen als „menschliches Tier“ setzt sich in den Köpfen und Gefühlen der Menschen fest: Wir sind als Menschen eben „letztlich“ Tiere… Das heißt: Als „Tiere“ eben nicht gebunden an Vernunfterkenntnis und Respekt vor ethischen Grundsätzen.

6.
Die philosophische Anthropologie hat schon sehr früh, mit Aristoteles etwa, den Menschen als „Zóon lógon échon“ definiert, auf Latein dann „animal rationale“, also „vernünftiges Lebewesen“ bzw. als „vernünftiges Tier“. Aber durch die Qualifizierung dieses Lebewesens, dieses Tieres, durch die Vernunft, durch den Geist, wird der Mensch als etwas Besonderes und Einmaliges gegenüber der Naturwelt der Tiere herausgestellt. Ich weiß, in dieser Sonderrolle des Menschen haben viele unvernünftige Menschen viel Unsinn und Unheil in die Welt gebracht durch ihre nationalistischen, egoistischen, kriegerischen Ambitionen.

7.
Aber diese traurigen Erfahrungen mit der praktizierten Unvernunft so vieler Menschen sind kein Grund, das Tierische als den gemeinsamen Nenner von Tieren und Menschen zu propagieren. Mir scheint, diese Beschreibung des Tierischen als der gemeinsamen Grundlage von Tier und Mensch, ist eine unsinnige und falsche Anbiederung an den Naturalismus.

8.
Wer die nichtmenschlichen Tieren ganz dicht an die menschlichen „Tiere“ rückt und etwa schwärmend von den intelligenten Affen spricht, sollte bitte zeigen, wie diese nichtmenschlichen Tiere kulturelle Leistungen der Musik und Dichtung hervorbringen, wie sie Gesellschaft politisch durch Gesetze organisieren und so weiter.

9.
Sollen die universell gelten Menschenrechte etwa nun im Rahmen einer naturalistischen Korrektheit „Rechte der menschlichen Tiere“ heißen …?

10.
Wenn man heute zurecht von Tierrechten spricht und diese fordert und fördert, dann sind es immer Menschen, die diese Gesetze formulieren. Tiere als Tiere können für sich selbst keine universell geltenden Tier – Rechte formulieren. Das wäre nicht „artgerecht“… sie sind halt bloß Tiere.

11.
Dass es hingegen unter den „menschlichen Tieren“ viele „tierische Menschen“ gibt, ist zweifelsfrei. Es sind Menschen, die wie aggressive Raub – Tiere handeln, nur an der Befriedigung des eigenen maßlosen „Hungers“ interessiert. Man denke an alle Kriegstreiber und gewalttätigen Autokraten, die sich moralisch auf einem tierischen, d.h.unvernünftigen Niveau bewegen. Sie wieder in die humane vernünftige Menschenwelt zurückzuholen, wird eine mühsame Sisyphus – Arbeit werden.

12.

Warum also diese etwas ausführliche „unerhörte Frage“? Wir Menschen sollten uns nur dann „menschliche Tiere“ nennen, wenn dies in biologischen, genetischen, evolutionsgeschichtlichen Studien geboten erscheint. Sonst eben bleiben wir Menschen und nennen uns Menschen (die sehr gern die Natur und die Tiere wirksam respektieren müssen). Nebenbei: In den Kirchen werden die Christen ja gern als „Christen-Menschen“ angesprochen. Ziemlich problematisch wäre es z.B., wenn die PfarrereInnen die Christen ansprechen „liebe menschliche Christen- Tiere“…Oder wenn man eine prominente Autorin vorstellen würde mit den Worten: Sie ist ein prominentes nicht-tierisches Tier. Welch ein Blödsinn wäre dies. Wichtiger wäre es zwecks politischer Aufklärung, von tierischen Menschen unter den brutalen und verblendeten Dikatoren dieser Welt zu sprechen. 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

Warum sehen wir zu, wie Millionen Menschen verhungern? Weil es „bloß“ im Sudan ist?

Die 21. der „unerhörten Fragen“.
Von Christian Modehn am 18. August 2024.

Das Motto: „Speise den vor Hunger Sterbenden, denn ihn nicht speisen heißt: ihn töten“ (Weisheit der alten Kirche, „Decretum Gratiani“ C 21, dist.86).

1.
Wer weiß auf diese unerhörte Frage eine treffende Antwort? Oder vielleicht Antworten? Solche, die mehr sind als diplomatisch verpackte Entschuldigungen?

Wer sucht überhaupt noch Antwort auf diese unerhörte Frage? Wer glaubt noch, etwas Sinnvolles bei der Frage tun zu können?

Wer ist angesichts der Tatsachen vom tausendfachen (welch anonyme Zahlenangabe ohne die Gesichter und Namen) Hungersterben in Sudan und Ost – Kongo am Rande der Verzweiflung?

„Was derzeit im Sudan passiert, ist absolut intolerabel. Fast vier Millionen Kinder sind dort akut unterernährt, 730.000 laut UNICEF besonders schwer betroffen. Diese Kinder werden innerhalb weniger Wochen tot sein, wenn nichts geschieht“ (Der Arzt Nicolas Aschoff, am 17.8.2024, SZ)

2.
„Der nicht-vor Hunger sterbende Teil unserer Welt“, zum Beispiel Europa und Nordamerika, kreist heute, wie immer schon, um sich selbst. Man könnte von Egozentrismus, Nationalismus, Rassismus, Verachtung der „anderen“ sprechen.

Die westliche, nicht-hungernde Welt, ist auf ihre eigenen, unmittelbaren Wichtigkeiten mit einer solchen Bravour und Totalität fixiert, dass weite Teile menschlichen Lebens und gesellschaftlichen Zusammensein in „entlegenen“ Regionen kaum beachtet werden.
Die Armen, die Hungernden, die Verhungernden und Verdurstenden stören in der herrschenden Welt der Nicht – Hungernden, der Reichen, der Kapitalisten. Dabei ist auch der jetzige europäische Wohlstand Resultat des Kolonialismus, des damaligen wie des heutigen Kolonialismus.

3.
Zum Beispiel:
Ist die üblich gewordene, höchste Ausführlichkeit der deutschen Medien tagtäglich für die Wahlkämpfe in den USA jetzt wirklich ein absolut dringendes Thema, das in breitester Breite „behandelt“ werden muss? Oder ist dies auch eine letztlich unterhaltsame Ablenkung von humanen Katastrophen, etwa in Afrika. Damit leugnen wir nicht, dass Trump eine Katastrophe ist, vor der gewarnt werden muss…

Und weiter: Sind die einigen tausend Toten im Krieg Israel – Gazastreifen, Palästina, etwa wertvoller und wichtiger und bedeutender als die vielen Zehntausenden von Toten und Verhungernden im Krieg im Süden oder in Ost-Kongo?

4.
Wie lässt sich unser Blick auf die Welt im ganzen befreien von der eurozentrischen bzw. us-amerikazentrischen Ideologie?

Wahrscheinlich ist die ideologische Befangenheit der nicht – hungernden Welt die Ursache: Diese armen Menschen haben keinen Namen, werden nicht interviewt, dazu sind sie vielleicht längst schon zu schwach … in den KZ ähnlichen grausamen Hilfs-Unterkünften irgendwo im Zufluchtsort Tschad. Es ist die Ideologie der Herrenmenschen, die das humane Leben weltweit zerstört.

5.
Tatsache ist in unserer Welt 2024: Wir lassen mit vielen diplomatischen Worten die Hungernden – weltweit – krepieren, selbst wenn manche Hilfsorganisationen spärlich Hilfe leisten und internationale Organisationen zu Beratungen in New York oder Genf zusammenkommen…um danach zu sagen: „Das Gespräch war wichtig, aber mit Ergebnissen haben wir nicht gerechnet.“ Wie lange wollen wir solches noch hören?

6.
Die Sorge um die praktisch gelebten Menschenrechte ist nicht nur ein berechtigter Kampf hier in Deutschland gegen die rechtsextreme AFD und ihre (Neo-) Nazi – Führer.
Die Sorge um die Realisierung der Menschenrechte verpflichtet uns als Menschen, Menschsein heißt: Über die engen Grenzen unserer „Heimat“ und unserer Nation hinauszuschauen, hinauszudenken. Und entsprechend zu handeln. Wagt jemand noch zu sagen: Dass dieses unser Verhalten, dieses unser Leben, uns glücklich macht, uns Sinn stiftet, aus Einsamkeit befreit? Diese Frage klingt ein bißchen religiös, ein bißchen christlich, aber davon wollen die meisten ja nichts mehr wissen hierzulande…

7.
Bekanntlich nehmen arme afrikanische Staaten wie Tschad und Kenia – mit Mühe zwar, aber immerhin – sehr viele tausend Flüchtlinge aus dem Sudan und anderen Terror – Staaten auf.
„Toll“, „vorbildlich“ sagen dann Politiker der satten Staaten Europas, einige nennen sich noch christlich, und versuchen die Grenzen für Flüchtlinge fast total zu schließen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kann man Staat und Gesellschaft Mexikos heute in einem Satz definieren?

Die 20. der „unerhörten Fragen“.
Von Christian Modehn am 2.Juni 2024

Die Antwort auf unsere Frage:
„Unsere mexikanische Gesellschaft ist katholisch, machistisch und mit Blick auf Frauenrechte misogyn“.

Ein denkwürdiger Satz der mexikanischen Politikwissenschaftlerin Yomara Guerra Aguijosa, Professorin an der Georgetown University Washington D.C. Eine Erkenntnis, die Wesentliches auf den Punkt bringt zum Zustand der mexikanischen Gesellschaft heute. (Quelle: Tagesspiegel, 1.6.2024)

1.
Mexikos Gesellschaft ist auch heute noch katholisch bestimmt, trotz der Trennung von Staat und Kirche, auch wenn der Anteil der fundamentalistischen Evangelikalen immer mehr zunimmt genauso wie der Anteil derer, die sich als Atheisten bezeichnen.
Etwa 77 % der Bevölkerung nennen sich 2020 katholisch, etwa 11% evangelisch, etwa 8 % „ohne Religion“ bzw. atheistisch…LINK 

2.
Zum Begriff „katholisches Mexiko“: Da muss an die tiefe katholische Prägung erinnert werden mit der heftigen populären Verehrung der Jungfrau Maria in der Gestalt der Jungfrau von Guadalupe mit jährlich 20 Millionen Besuchern, LINK
Da muss an den Ausschluß von Frauen vom Amt der Diakonin und Priesterin der katholischen Kirche erinnert werde. Es folgt logisch die zweite Definition der Gesellschaft Mexikos: Sie ist machistisch geprägt:
Das heißt: Die Herrschaft der sich männlich gebenden herrschenden Männer (auch in der katholischen Kirche) ist in Mexiko total, selbst wenn jetzt zwei (explizit nicht – feministische) Frauen als Präsidentschafts – Kandidatinnen antreten. Frauen sind in dieser vom Marien – Jungfrau – Bild bestimmten Ideologie eher Wesen, die mit Göttlichem zu tun haben und nicht mit Weltlichem. Und Machismo bedeutet immer auch Gewalt, tötende Gewalt, die Kriege der Drogenbanden in Mexiko sind dafür deutlichster Ausdruck. Seit 2016 werden jährlich (!) mindestens 25.000 Tote als Opfer der Kriege der Drogenbanden in Mexiko genannt, von den vielen tausend jährlich „Vermissten“ und „Verschwundenen“ ganz zu schweigen.. LINK.

3.
Aus diesem ins Transzendente gehobenen Frauenbild folgt der Frauenhass, das Misogyne: Die ins Transzendente gehobenen Frauen werden als unerreichbare Wesen „beneidet“, sie können aber auch schnell als Hexen abgewertet werden: In dieser doppelten Deutung werden Frauen gehasst, als wertlos verachtet und … je nach Laune der Männer auch von Männern ermordet: Der Femizid ist in Mexiko weltweit an höchster Stelle. 2022 wurden 3.800 Frauen ermordet, 100.000 Frauen wurden als 2022 als vermisst gemeldet. LINK

4.
Nicht erwähnt wird von der mexikanischen Politikwissenschaftlerin der mit den genannten drei Qualitäten Mexikos zusammenhängende Kult um den Tod, der im „Dia de los muertos“ (1.November) seinen Höhepunkt findet. Dahinter steht eine in die Frühzeit Mexikos reichende Verehrung „des“ Todes… (unter anderen Quellen: LINK

5.

Man sollte also zusammenfassend sagen: Das so genannte katholische Mexiko mit seinem so inbrünstigen Volksglauben und exzessiven Marien- Kult, ist, so die Fakten, von den humanen Werten des christlichen Glaubens nicht bestimmt.

Der offenkundige Volksglaube in Mexiko ist außerstande, demokratische Werte und Menschenrechte definitiv als die obersten Werte überhaupt zu befreifen und dann auch durchzusetzen. Man sollte also in aller Ehrlichkeit von einem gescheiterten Katholizismus in Mexiko (und anderswo) sprechen.

Von Mord und Totschlag und Verschwinden von Journalisten und Politikern war hier noch keine Rede.

Dass es auch in Mexiko kleine Gruppen von Katholiken, vor allem auch einige Ordensleute, gibt, die die Menschenrechte praktisch (!) an die oberste Stelle des katholischen Lebens setzen, ist genauso unzweifelhaft. Aber es handelt sich dabei eben nicht um den „katholischen mainstream“.

Und man bedenke auch: Der katholische Orden der „Legionäre Christi“ ist in der (obersten) Oberschicht Mexikos immer noch stark verwurzelt, mehr als ein Drittel der Mitglieder stammen aus Mexiko selbst. Diese – immer auch materielle – „Blüte“ der Legionäre Christi in Mexiko ist um so erstaunlicher, als die Verbrechen des mexikanischen Ordensgründers Pater Marcial Maciel selbst von den obersten päpstlichen Instanzen des Vatikans bekannt gemacht und eingestanden wurden. Die vielen nachgewiesenen pädosexuellen Verbrechen Pater Maciels scheinen also so viele Katholiken in Mexiko nicht zu stören…

Ergänzung am 4.6.2024:

Der Vorgänger der neu gewählten mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum war López Obrador, schreibt Tjerk Brühwiller in der FAZ. Aber die Gewalt konnte er mit seiner Politik unter dem Motto „Umarmungen statt Kugeln“ nicht eindämmen: „Während López Obradors Amtszeit wurden 180.000 Menschen umgebracht, 50.000 verschwanden. Mehr als 60 Prozent der Mexikaner fühlen sich in ihren Städten nicht sicher, auch weil die staatlichen Sicherheitskräfte und nicht selten auch die lokale Politik in Diensten der Kartelle stehen. Sheinbaum hat keine revolutionären Vorschläge präsentiert, wie sie Mexiko sicherer machen will.“

Copyright: Christian Modehn www.religionsphilosophischer-salon.de

Gibt es wichtige Opfer in Kriegen und Krisen und weniger wichtige?

Die 19. der „unerhörten Fragen“.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.5.2024.

Aktuell (am 25.6.2024) zu den „Verhältnissen“ der vor aller Welt verhungernden Menschen im Sudan: Siehe unten den TEXT bzw. LINK

1.
Diese Frage ist unerhört, sie wird kaum gehört und ist wahrscheinlich etwas frech und provokativ, eben unerhört.
2.
Es ist ja richtig und gut, dass wir stündlich, oft rund um die Uhr über die Entwicklung des Krieges Putins gegen die Ukraine und auch über den Mord der Hamas an 1.200 Juden und den Krieg Israels im Gaza-Streifen informiert werden, mit bisher ca. 36.000 von Israels Armee erschossenen, ermordeten Palästinensern, von den vielen tausend Verletzten ganz zu schweigen.

3.
Aber diese Fixierung der Informationen auf zwei Regionen – lenkt auch ab von den Krisen und Kriegen, dem Mord und Totschlag in anderen Regionen der Welt! Wieviele unschuldige Opfer werden in den großen Medien verschwiegen oder kurz vor dem Wetterbericht in den TV Nachrichten erwähnt? Wir denken jetzt an den Krieg in dem afrikanischen Staat Sudan. Natürlich könnte man auch von Mord und Totschlag in Haiti sprechen oder vom Abschlachten der Menschen im Osten der Demokratischen Republik Kongo im Konflikt mit Ruanda. Dort landen demnächst die in England abgewiesen afrikanischen Flüchtlinge…Auf die das Morden und Totschlagen in den Kriegen in Syrien, Jemen, Nigeria und so weiter und so weiter soll hier nur hingewiesen werden. Überall, diese „weniger wichtigen Menschen, diese weniger wichtigen Opfer“.

4.
Das objektive „Clingendael-Institute“ in Wassenaar (Niederlande) LINK ,  berichtet, dass im Sudan mindestens sieben Millionen Menschen vom baldigen Hungertod bedroht sind. LINK. Die verhungernden sieben Millionen sind auf der Flucht im eigenen Land, aber auch in die armen Nachbarstaaten… nur, weil sich zwei Herrenmenschen, die Generäle Mohammed Hamdan Daglo und Abdel Fattah al-Burhan, um die Macht streiten und dabei den Staat Sudan mit seinen 50 Millionen Einwohnern zugrunde richten.

5.

Wer zählt jetzt noch die vielen Tausend Hunger – Toten im Sudan? Wer hat praktisches Erbarmen mit den dort noch lebend-hungernden-durstigen Menschen? Zur aktuellen Situation, siehe auch im Deutschlandfunk, LINK

6.
Unsere unerhörte Frage also: Warum schaut die demokratisch verbliebene Welt diesem Massen – Sterben und Verhungern seit Monaten zu? Es gibt ja dort noch Netzwerke von Hilfswerken, wer organisiert wirksame Hilfe? Wer überlegt in den wichtigen demokratischen Gremien der Welt, wie die beiden absoluten Gewalttäter dort definitiv „zur Vernunft gebracht“ werden können? „Dafür braucht es einen viel stärkeren politischen Einsatz, ein Krisenmanagement auf höchster Ebene“, schreibt Arne Perras in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 24.5. 2024.

7.
Ist die Ignoranz gegenüber den krepierenden afrikanischen Menschen in Sudan auch Ausdruck eines Rassismus?

Wie soll ein vernünftiger Mensch mit der Aussage des bekannten Gastrokritikers Andrea Petrini umgehen: „Im Moment reisen zu wenige wegen des Essens nach Afrika“ (Tagesspiegel, Wochende, 1. Juni 2024, S. 12). Eine weiterführende Idee: Warum wird nicht gefragt: Wo finden die besten wirksamen Abspreck – Kuren für stark Übergewichtige aus Europa in den Hungerzonen Afrikas statt?

8.
Weil wirksame Hilfe nicht geschieht, darf man doch die begründete Meinung haben: Es gibt auch in der demokratischen Welt eben wichtige Opfer und weniger wichtige Opfer. Die einen werden ständig beachtet, ihnen wird geholfen mit Milliarden Dollars und Waffen…. die anderen überlässt die demokratische Welt eher dem langsamen Tod.

9.
Ich höre es schon: „Aber diese Opfer in der Ukraine und in Israel stehen uns Deutschen (und allen Europäern) doch näher!“ Mag ja sein. Wenn die Ukraine von Putin beherrscht werden sollte, ist Putins Krieg im übrigen Europa nicht mehr weit… und Deutsche fühlen sich zurecht den jüdischen Menschen in Israel verbunden. Aber Deutschland ist nicht absolut ergeben und gehorsam gegenüber einer Netanyahu Regierung, das sagen bekanntlich auch kritische jüdische Intellektuelle in Deutschland…

10.
Darum gilt dieser Imperativ. Menschlichkeit, auch als Rettung von Hungernden in höchster Not, hat nichts damit zu tun, ob uns Menschen „nahe“ stehen. Eine humane Menschheit muss alles tun, den in größter Not Leidenden zu helfen, egal, welche Religion sie haben, egal, welche Hautfarbe sie haben, wie gebildet oder ungebildet sie sind. Egal, ob die Leidenden in einem “für uns“ ökonomisch wichtigen Land leben, das wir ja dann aus ökonomischem Eigeninteresse schützen.

11.
Im Gedenkjahr „75 Jahre Grundgesetz“ wird die unantastbare Würde eines jeden Menschen ganz groß verbal herausgehoben. Auch die fernen Nächsten in Sudan haben diese absolut zu schützende Würde. Es gibt also keine moralische und ethische und deswegen auch keine politisch relevante Unterscheidung zwischen wichtigen Opfern und unwichtigen Opfern, d.h. es gibt keinen Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen. Solches zu denken zu sagen, ist Rassismus. Damit ist unsere 19.  unerhörte Frage definitiv beantwortet.

12.
In Paris fand im April 2024 eine Konferenz statt, um den leiden Menschen im Sudan zu helfen. „Zum Auftakt der Konferenz in Paris kündigte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock an, Deutschland werde dem Sudan weitere 244 Millionen (sic) Euro an humanitärer Hilfe zur Verfügung stellen. Gemeinsam kann es uns gelingen, eine furchtbare Hungerkatastrophe zu verhindern, aber nur, wenn wir jetzt gemeinsam aktiv werden“, betonte Baerbock. LINK .

13. Wie fern ist uns der Sudan?
Die Entfernung (Luftlinie) Berlin – Khartum (Sudan): 4.400 KM.
Die Entfernung (Luftlinie) Berlin – Washington DC (USA): 5.900 km.

14. ERGÄNZUNG am 25. Juni 2024:

Südsudan: Hilfswerk prangert Lage in Flüchtlingscamps an

Das österreichische Hilfswerk „Don Bosco Mission Austria“ hat die Lage in den Flüchtlingscamps im Südsudan als „kritisch“ bezeichnet. Das katholische Hilfswerk äußerte sich am Dienstag unter Berufung auf den Salesianerpater Allen Chrisrea, der vor Ort ist. Er erklärte, Hunderttausende in den Südsudan Geflüchtete bräuchten Lebensmittel, Trinkwasser, medizinische Versorgung und sichere Unterkünfte. Die Notwendigkeit für Hilfe wachse täglich.

Der Bürgerkrieg im Sudan führt weiter zu einer Massenflucht in die Nachbarstaaten. Seit Ausbruch des Machtkampfs zwischen rivalisierenden Generälen in Khartum sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR neun Millionen Menschen im Sudan vertrieben worden. Fast zwei Millionen von ihnen sind ins Ausland geflohen. UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi warnte nach einem Besuch im Bundesstaat Weißer Nil vergangene Woche davor, dass durch die anhaltenden Kämpfe die Stabilität in der gesamten Region auf dem Spiel stehe: „Die militärischen Führer und diejenigen, die Einfluss auf sie haben, müssen den Frieden zur Priorität machen“, verlangte Grandi. Andernfalls würden die Menschen weiter in Nachbarländer wie den Tschad und den Südsudan fliehen. Diese hätten gerade erst eigene Konflikte überwunden und seien nicht in der Lage, weitere Millionen Menschen zu ernähren.
„Die militärischen Führer und diejenigen, die Einfluss auf sie haben, müssen den Frieden zur Priorität machen“
Don Bosco Mission Austria unterstützt mit finanziellen Mitteln die humanitäre Hilfe der Salesianer Don Boscos in der Region, etwa im Flüchtlingscamp in Kuajok, wie das Hilfswerk berichtete. Die geflüchteten Menschen fänden hier eine sichere Bleibe und erhielten Lebensmittel, Hygieneartikel sowie medizinische Hilfe. Sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen verhinderten den Ausbruch von Krankheiten. Therapeutische Angebote sollen den Geflüchteten helfen, erlittene Traumata zu verarbeiten.

Neben Kuajok betreiben die Salesianer im Südsudan auch in Gumbo, Juba, Maridi, Wau und Tonj Gesundheitsstationen, Krankenhäuser, Schulen und Berufsbildungszentren. Mittlerweile versorgen sie an diesen Orten nach eigenen Angaben mehrere Zehntausend Menschen.
Hintergrund
Seit April 2023 liefern sich im Sudan die Armee von Militärherrscher Abdel Fattah al-Burhan und die RSF-Miliz (Rapid Support Force) seines früheren Stellvertreters Mohamed Hamdan Daglo einen blutigen Machtkampf. Zehntausende Menschen sollen bereits getötet worden sei. Manche Schätzungen gehen von bis zu 150.000 Toten aus.
Quelle: Vatican news am 25.6.2024

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

Entspricht es der Menschenwürde, mit einem Diktator und Kriegsherren befreundet zu sein?

Die 18. der „unerhörten Fragen“.

Zugleich ein Beitrag zur aktuellen politischen Anwendung von Kants „Kategorischem Imperativ“.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 9.4.2024. „Es geht doch dabei nicht um eine moralische Frage !!!“  Doch, natürlich…

1.
Unter welchen Bedingungen darf ich als Demokrat, der universell geltenden Menschenwürde entsprechend, mit einem Diktator und Kriegstreiber (oder auch auch Verbrecher, Mafioso etc…) befreundet sein?

2.
Vorausgesetzt, Freundschaft ist dabei ein intensiveres geistiges Einvernehmen mit einer anderen Person als eine oberflächliche „Bekanntschaft“ mit irgendjemandem.

3.
Dann kann die Antwort auf diese Frage nur heißen: Diese Freundschaft sollte alles daran setzen, den Diktator, den Kriegstreiber usw. von seinem inhumanen Irrweg zu befreien. Und zwar möglichst umgehend und definitiv und objektiv kontrollierbar.

4.
Sollte aber diese Überzeugungsarbeit zum ethisch guten Leben gegenüber dem Diktator – Freund, Kriegstreiber – Freund nicht gelingen: Dann soll ich, soll jeder,  diese Freundschaft aufkündigen, mindestens nach einigen Monaten der Geduld und „Wartezeit“. Freundschaften haben im Unterschied zu „Ehe – Verträgen“ die Eigenschaft, sofort – auch einseitig – kündbar zu sein.

5.
Es kann aber auch sein: Der besagte Freund des Diktators denkt selbst so wie sein Diktator – Freund, und dabei nur an den eigenen riesigen materiellen Profit: Und dieser sich nach außen so human zeigende Freund verschweigt diese seine Interessen raffiniert – diplomatisch und in der Öffentlichkeit blasiert: Dann muss dieser Zusammenhang eigens öffentlich freigelegt und analysiert werden. Denn dann lässt der Freund die universal geltenden Menschenwürde de facto auch für sich selbst nicht gelten, er entzieht sich dann selbst – wie sein Freund, der Diktator – den universal geltenden moralischen Prinzipien. Wen interessiert das noch?

6.
Diese Haltung wird immer dann sichtbar, wenn diese Leute, also etwa diese „Freunde“, die Geltung moralischer Prinzipen für sich selbst abweisen und Moral im allgemeinen lächerlich machen, und so tun, als wäre Moral immer nur spießige Sexual – Moral. Und für sie gelte Moral nicht! Damit verabschieden sich diese Leute aus der humanen Menschengemeinschaft, die ohne universell geltende Normen nicht (über)leben kann. Dass diese Weltordnung heute zerbricht, liegt an der egoistischen Ignoranz derer, die universell geltende humane Moral für sich selbst ablehnen.

7.
Diese selbstverständlich (!) nur sehr allgemein formulierte (!) unerhörte Frage findet eine Antwort in einer Formulierung Kants über den von ihm entdeckten universal geltenden „Kategorischen Imperativ“: „Handle nur nach derjenigen Maxime (also deinem Grundsatz fürs Leben), durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Konkret übersetzt heißt diese gültige Erkenntnis Kants: Der Freund eines Diktators kann niemals – falls Vernunft beim Freund vorhanden ist – annehmen, dass Freundschaft mit einem Diktator von allen Menschen als Lebens- Maxime gelebt werden sollte.

Denn dann würde diese Welt in viele egoistisch fundierte Diktatoren – Freundschaften versinken und sich selbst zerstören. Auf diesem Weg als Abschied von der Demokratie sehen leider manche Beobachter diese heutige Entwicklung der Welt, besonders, wenn man an die immer noch unterstützenden Freundeskreise der hier nur selbstverständlich philosophisch – abstrakt genannten Freunde von Diktatoren etc. denkt.

8.

Es bedarf wohl keiner ausführlichen Erläuterung: Die ökonomischen Beziehungen demokratischer Staaten mit Regimen, die nicht die Menschenrechte respektieren, (Öl produzierende Staaten etwa), sind überhaupt keine Beziehungen von Freunden. Diese wirtschaftlichen Beziehungen sind keine Freundschaften, sondern einzig rechtlich gestaltete Handelsbeziehungen. Bei denen Demokraten trotzdem alles daran setzen sollten, dass Menschenrechte in den genannten Staaten, in vollem Umfang respektiert werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Hat Kant die Metaphysik vernichtet? Also die Frage nach Gott, der Freiheit, der Unsterblichkeit der Seele?

Die 17. der unerhörten Fragen.
Von Christian Modehn

1.
Kaum eine andere philosophische Vorstellung hat sich bis heute so durchgesetzt und verbreitet wie die Frage: Hat Immanuel Kant die Metaphysik vernichtet? Meist wird diese Vorstellung nicht als Frage, sondern als These, als Behauptung, wenn nicht als Erkenntnis propagiert und einfach so … geglaubt und weitererzählt.

2.
Es war der Philosoph Moses Mendelssohn (1729 – 1786), der die These verbreitete: Kant habe die Metaphysik, so wörtlich, „zermalmt“, also zerstört und unmöglich gemacht. Mendelssohn spricht davon in seinem Buch „Morgenstunden oder Vorlesungen über das Dasein Gottes“ (1785). Auch Heinrich Heine behauptete, Kants Äußerungen zu einem religiösen Glauben seien nicht ehrlich gemeint. Manfred Kühn hat in seiner Kant – Biographie von 2004 behauptet, Kant sei ein Atheist. Marcus Willaschek (Kant, München, 2024, S. 361) hat hingegen gezeigt, „dass Kant tatsächlich an einen personalen Gott geglaubt hat“ (ebd.).

3.
Es gehört sozusagen zu einer „Pflicht – Erkenntnis“ in diesem Jahr des Kant – Jubiläums (300. Geburtstag am 22.4.2024): Jeder und jede muss sich von diesem Vorurteil verabschieden, „Kant als Zermalmer, als Vernichter, der Metaphysik“ zu deuten. Und einzusortieren. Es gilt hingegen: Kant hat weiterhin von einer Metaphysik gesprochen, und diese begründet, er hat sie inhaltlich entwickelt und verteidigt. Aber es geht ihm um eine Metaphysik, die man zuvor gar nicht kannte. Die aber den Namen Metaphysik zurecht verdient, als Ausdruck von Argumenten und Erkenntnissen der Erforschung der inneren Welt der Vernunft.

4.
Metaphysik als Beschäftigung der Philosophierenden untersucht den Alltag der Menschen hinsichtlich der grundlegenden Sinnfragen, der Frage nach einem alles gründenden Göttlichen, nach dem, was Seele meint, was Freiheit bedeutet. Hintergrund ist dabei die entschiedene Abwehr der oberflächlichen Behauptung: Der Mensch sein „nichts als“ ein Naturwesen, eigentlich ein etwas anspruchsvolleres Tier, ein Wesen, das eher nach festgelegten Prägungen und Determinanten handelt und die Frage nach einem göttlichen Gründenden usw., als überholten Unsinn „entlarvt“. Aber der Mensch ist eben kein Wesen, das bloß im banalen Alltag auf-geht und dann aus ihm wieder ab-geht (ins Nichts?)

5.
Dieter Henrich, ein international hoch geschätzter Philosoph, schreibt in seinem Aufsatz „Warum Metaphysik“ (Reclam, „Bewusstes Leben“, 1999, S. 75): „Die metaphysischen Fragen bilden sich spontan zusammen mit jedem Bewusstsein aus, das zur Lebensreife kommt – oft schon in der frühen Kindheit“.

6.
Was versteht Kant unter lebendiger und vernünftiger Metaphysik?
Metaphysik ist als eine Weisheit zu verstehen, „die nicht zur Wissenschaft umgebildet werden kann“ (Henrich, S. 76). Kant hat in einer seiner grundlegenden Schriften, „Kritik der reinen Vernunft“, die bis zu ihm überlieferte Metaphysik tatsächlich „zum Einsturz gebracht“(ebd.) Es gibt für Kant keine wissenschaftlichen Beweise, es keine strengen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die Antwort geben könnten auf unsere metaphysischen Fragen nach dem Göttlichen, nach der Freiheit, der Seele usw. „Aber Kant hat sein eigenes philosophisches Programm wiederum als eine Art von Metaphysik dargestellt“ (ebd.) Und diese Metaphysik Kants argumentiert nicht mehr nach Art eines Leibniz oder Thomas von Aquin, sie konnten noch ihre Einsichten als objektive wissenschaftliche Erkenntnisse ausgeben. Kant hingegen studiert die innere Welt der menschlichen Vernunft, und was er da wahrnimmt, das sind ja durchaus auch „Erkenntnisse“, aber eben keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, schon gar keine Beweise. Kants metaphysische Einsichten werden ausgesagt als wahre Überzeugungen oder als notwendige Postulate des Denkens, ohne die ein vernünftiges humanes Leben nicht auskommt.

7.
Die metaphysischen Überzeugungen, an denen Kant unbedingt festhält, sind fundiert im sittlichen Bewusstsein, also der vernünftigen Lebenspraxis in Freiheit. Und diese „Entdeckung“ der Metaphysik inmitten der ethischen Lebenspraxis wird von Kant ausführlich herausgearbeitet. Die unbedingte Geltung moralischer Gebote können die Menschen, Kant folgend, durchaus als göttliche Gebote betrachten. Aber es eben nicht Gott, der den Menschen diese Gebote auferlegt.Die moralischen Gebote sind Ausdruck der menschlichen Vernunft. Denn das Bewusstsein des Sittengesetzes, des Kategorischen Imperativs, ist in jedem Menschen aufgrund der Vernunft lebendig, Kant bezeichnet diese Präsenz des Sittengesetzes sogar als „Offenbarung“ (Marcus Willaschek, Kant, 2024, S. 204.
8.
Der Philosoph Otfried Höffe schreibt (In „Philosophie Magazin“, Sonderausgabe, 2024, S. 101): „Kant beendet alle drei Kritiken („Kr. der reinen Vernunft“, „Kr. der praktischen Vernunft“, „Kr. der Urteilskraft“) mit einem moralphilosophisch begründeten Fürwahr-Halten der Existenz Gottes und der Unsterblichkeit der Seele. Allein sie garantieren nämlich, dass die Welt als jene am Ende doch vernünftige Ordnung gedacht werden kann, in der der Rechtschaffene nach Maßgabe seiner Rechtschaffenheit des Glücks teilhaftig wird…“

9.
Im unvollendeten Spätwerk, dem Opus postumum, betont Kant: „Gott ist kein hypothetisches Ding, sondern er ist die reine Vernunft selbst“ (zit. Willaschek, S. 97). Das heißt: „Die Vernunft hat für Kant etwas Göttliches an sich“ (ebd.). Könnte man ins Theologische übergehend, dann die Vernunft im Sinne Kants als den „heiligen, den göttlichen Geist“ nennen? Ich denke: Ja! Aber darüber sollte man diskutieren.

Zum christlichen Glauben in der Sicht Kants: LINK.

Copyright:Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Die weiße Flagge des Papstes: Für den Sieg Putins?

Ein Hinweis  von Christian Modehn am 11.3.2024.

Darüberhinaus stellen wir die 16. der „Unerhörten Fragen“:
„Warum hisst der Papst nicht selbst die weiße Fahne in seinem Vatikan und ruft endlich den Reform-Katholiken entgegen: Ihr habt recht, Ihr habt mit euren richtigen Reform-Vorschlägen gesiegt. Meine theologischen Positionen waren falsch“…

1.
„Die weiße Fahne hissen“ – das bringt Papst Franziskus jetzt in die Debatten ein auf der Suche nach einem gerechten Frieden für die Ukraine. Der Papst wünscht offenbar, dass die Ukraine die weiße Flagge hisst. Eine Niederlage wäre das, für die Ukraine und die demokratische Welt. Die Idee der weißen Flagge hat uns aber nicht losgelassen und wir bedenken dieses Symbol eben in anderem Zusammenhang auch, darum diese 16. „Unerhörte Frage“.
Man könnte nun meinen, diese 16. Frage in unserer Reihe „Unerhörte Fragen“ sei nun wirklich unerhört und etwas frech. Denn angesichts der Äußerungen des Papstes für das Schweizer Fernsehen RSI im März 2024 geht es um Leben und Tod, nicht um die ewige Leier der ständig besprochenen theologischen Querelen. Ihnen ist im katholischen Zusammenhang sicher nur mit Ironie noch beizukommen.

Darum vorweg diese Informationen: Was sagte der Papst, veröffentlicht am 11.3.2024, im Interview für den Schweizer Sender RSI: Die Ukraine (und damit der Westen) möge doch die „Weiße Flagge“ der Unterwerfung hissen und diese offenbar ehrerbietig Putin entgegen halten… Was der greise Papst Franziskus da so alles plaudert, ist verstörend und zumal für die UkrainerInnen und ihre UnterstützerInnen ein Skandal.

2.
Man muss sich zunächst fragen: In welcher Funktion spricht da eigentlich Franziskus/Mario Bergoglio? Spricht er als Papst, also als oberster Seelsorger und Hirte der Katholiken? Oder spricht er – seiner immer problematischen Doppelrolle entsprechend – als Chef des Staates Vatikanstadt: Diese politische Rolle als politischer Wahl – Monarch eines Zwergen – Staates (ca.700 Bürger) nützt der spirituelle Chef „Papst“ öfter aus, um sich weltpolitisch einzuschalten. Und um aufgrund seiner Heiligkeit („Heiliger Vater“) und des ehrwürdigen Ambiente des Vatikans von vielen noch ernst genommen zu werden. Sollen die Leute denken: Der „heilige Vater“ sagt etwas, o Gott, da muss man in die Knie gehen, wird schon stimmen, was er sagt… Aber hat der greise Wahlmonarch im Vatikan wirklich so viele intime und geheime Kenntnisse des Weltgeschehens, dass er meint, sich in die Debatten kompetent einmischen zu dürfen? Oder setzt er nur auf seine angeblich Autorität als „heiliger Vater“…Vielleicht sollte man mal den Dalai Lama fragen, wie es mit der Ukraine weiter geht. Und vielleicht sagt er dann nach altbekannter Manier die wegweisenden Worte: „Die Liebe ist das Höchste“.
Nebenbei: Papst Pius XII. schaltete sich öffentlich viel zu selten ein, um den Massenmord an den europäischen Juden zu verhindern. Vielleicht will da der Staatschef Papst Franziskus irgendwas „gut machen“? Bloß wem nützt er tatsächlich? Im Falle der Interview-Äußerung eindeutig dem Diktator Putin.

3.
Der „Spiegel“ berichtet, das genannte Interview mit dem Schweizer Fernsehen RSI wurde bereits im Februar 2024 geführt, es soll aber erst am 20.März 2024 gesendet werden.
Man darf sich fragen: Hatte der Papst vor diesem Interview mit dem russischen Patriarchen und Putins Chefideologen Kyrill telefoniert? Im März 2022 sagte Kyrill nach dem Telefongespräch mit dem Papst: Er hoffe, „dass so bald wie möglich ein gerechter Frieden erreicht werde“ (SZ, 24.3.2022). Der Papst ist bekanntermaßen von Kyrill I . sehr angetan, der Papst will unbedingt die Ökumene mit Russland, mit den Orthodoxen, fördern; der Papst war sich nicht zu schade, schon 2016 den Patriarchen Kyrill ausgerechnet in KUBA zu treffen, in diesem kommunistischen Regime fühlte sich der ehemalige KGB Mitarbeiter Kyrill besonders wohl.
Wie wäre es, wenn der Papst mal nach Kiew fährt? In der hübschen Mongolei war er im vergangenen Jahr einige Tage lang (offenbar in Erwartung, dort den Patriarchen Kyrill zu treffen), in diesem Jahr will der Papst nach Belgien reisen, warum also nicht alsbald mal nach Kiew?? „Falls er dort von russischen Attacken ermordet wird, hätte er große Chancen, sofort als Martyrer zu gelten und damit den wichtigsten Schritt zur Heiligsprechung erreicht zu haben“, das schreibt uns ein Freund aus Kiew, sichtlich erregt über die Äußerungen des Papstes.

4.
Der Papst sagte also in dem Interview mit dem Sender RSI den Ukrainern und dem Westen: „Schämt euch nicht, zu verhandeln, bevor es noch schlimmer wird“. „Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben, zu verhandeln“, Er sei der Ansicht, dass derjenige Stärke zeige, „der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut hat, die weiße Flagge zu hissen und zu verhandeln.“ Welche Verdrehung der Tatsachen: Die Ukraine ist doch nicht besiegt! Und Putin lehnt echte Verhandlungen, die den Namen verdienen, ab. Friede heißt für ihn: Die besetzten Gebiete der Ukraine zu Russland zuschlagen und dann weiter gegen Europa zuschlagen.

5.
Woher nimmt Papst Franziskus seine Kenntnis, um zu behaupten: Die Ukraine sollte den Mut haben, eine »weiße Fahne« zu hissen und ein Ende des Kriegs mit Russland auszuhandeln. Der Papst denke, »dass der Stärkste derjenige ist, der die Situation betrachtet, an die Menschen denkt, den Mut der weißen Fahne hat und verhandelt«, sagte Franziskus in dem Interview mit dem Schweizer Sender RSI. (Quelle, Spiegel online. 9.3.2024).
Denkt der Papst in den Kategorien der schlichten Alltagsweisheit „Der Klügere gibt nach“? Dies ist ein Spruch, der seine Gültigkeit etwa hat, wenn sich zwei Nachbarn streiten über die Farbe des Gartenzaunes. Aber gilt diese Alltagsweisheit noch angesichts eines Diktators Putin? Hätte Papst Pius XII. etwa den wenigen Widerstandskämpfern gegen die Nazis zurufen sollen: Der Klügere gibt nach, hört auf mit eurem Widerstand“?

6.
Über diese Vorschläge des Papstes im März 2024 kann sich nur Russland freuen, und auch die mit Russland verbundenen rechtsradikalen und linksradikalen Parteien in Europa: Die Diktatur Putins reagierte prompt und hoch erfreut: “Einer der wenigen zustimmenden Kommentare zu den Vorschlägen des Papstes kam aus Moskau. Dort erklärte die Sprecherin des Russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, Franziskus habe eigentlich nicht Kiew, sondern dem Westen geraten, Verhandlungen zu beginnen. Leider habe der Westen das ukrainische Volk und den Weltfrieden geopfert, um seine Ziele zu erreichen. Nun bittet der Papst „den Westen, seine Ambitionen aufzugeben und einen Fehler zuzugeben“, sagte Sacharowa laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass; sie fügte hinzu, Russland habe nie Verhandlungen blockiert.“ (Quelle: am 10.3.2024: https://www.katholisch.de/artikel/51745-viel-kritik-am-werben-des-papstes-fuer-weisse-fahne-der-ukraine).

7.
Nun zu unserer 16. der „unerhörten Fragen“: 
Sollte Papst Franzislkus nicht am besten sofort eine große weiße Fahne im Vatikan anfertigen lassen (ein großes päpstliches Laken reicht nicht) und diese weiße Flagge im Apostolischen Palast auch Richtung Deutschland oft schwenken?? Und laut verkünden, am besten mehrfach: „Ich ergebe mich, ich bin auch theologisch etwas veraltet und nicht mehr mutig: Und ich sage nun als Papst feierlich: Die Reformkatholiken in Europa haben recht: Ab sofort wird dieser theologische und menschliche Unsinn „Zölibatsgesetz“ für Priester abgeschafft. Und: Ab sofort sind die Frauen voll respektierte, vollständig gleichwertige Mitglieder der römisch – katholischen Kirche. Frauen können selbstverständlich auch ab sofort Priesterinnen werden.“

8.
Der Papst hat also seine Niederlage gegenüber den Reformkatholiken weltweit zugegeben, die weiße Flagge schwenkend ruft er: „Ich hisse meine weiße Flagge auf dem Petersplatz. Jetzt kann die Kirche endlich eine Gemeinschaft werden, die den Namen Kirche Jesu Christi wirklich etwas mehr verdient.

9. Am 15.3.2024 ergänzt: Dr. Regina Elsner, Mitarbeiterin am „Zentrum für Osteuropa „in Berlin (ZOIS) hat einen ergänzenden interessanten Beitrag verfasst in „Christ in der Gegenwart“: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.