Vorhof der Völker, Gespräche mit Atheisten in Berlin

In der religiösen Wüste Berlins
Die katholische Kirche suchte das Gespräch mit Atheisten. Doch so richtig erfolgreich war das Unternehmen nicht
Von Christian Modehn
Veröffentlicht in PUBLIK FORUM am 6. 12.2013

Ihre Bücher wurden wie Gift hinter dicken Schranktüren verschlossen, die Autoren verfolgt, gequält, verbrannt: Atheisten hatten in den vergangenen Jahrhunderten keine Chancen in einer katholisch dominierten Kultur. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts begnügt sich die römische Kirche damit, die Gottlosen mit den Waffen der Polemik zu bekämpfen.

»Nun aber ist der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen vorbei«, sagt jetzt Berlins Kardinal Rainer Woelki. Er darf das sagen, weil der Vatikan selbst seit drei Jahren offiziell Atheisten zum Gespräch einlädt – »auf Augenhöhe«, wie der zuständige Kardinal Gianfranco Ravasi betont. Er ist der »Kulturminister« des päpstlichen Staates. Unter Benedikt XVI. wurde diese anspruchsvolle Dialog-Initiative ins Leben gerufen. »Vorhof der Völker« wird sie genannt. In Paris, Palermo, Stockholm und Tirana fanden diese Dialoge bisher statt.

In Berlin wurden kürzlich erneut einige »Vorhöfe« eröffnet: der Festsaal des Roten Rathauses, das Deutsche Theater, das Bode-Museum oder ein Hörsaal der Klinik Charité. Dort trafen sich Christen mit Menschen, die sich als Ungläubige verstehen.

Einst baten fromme Juden ihre heidnischen Mitbürger auf den Tempelvorplatz zum Disput. Das Heiligtum selbst blieb ihnen verschlossen. Ob die Erinnerung daran heute hilfreich ist, bleibt fraglich. Schließlich lädt man verfeindete Nachbarn, mit denen man wieder ins Gespräch kommen möchte, direkt ins eigene Haus ein und speist sie nicht auf der Terrasse ab. Auf einem »Vorhof« fühlen sich Gäste doch eher brüskiert.

So war das Interesse der Berliner Atheisten an den Veranstaltungen auch eher gering. Wer outet sich schon gerne als Ungläubiger? In Berlin nennen sich mehr als sechzig Prozent der Bewohner konfessionslos. Unter ihnen sind sicher viele Atheisten. Daran wohl hat Kardinal Ravasi gedacht, als er zu Beginn betonte: »In religiösen Dingen ist Berlin eine Wüste.« Will er die Wüste nun zum Blühen bringen, fragen sich nicht wenige Atheisten. Und sollen wir die neuen Oasen kirchlichen Glaubens etwa begründen helfen?
Irritationen gab es also von Anfang an. So meldete sich auf dem »Vorhof« kein einstiger DDR-Bürger atheistischen Bekenntnisses zu Wort und auch kein an Gott verzweifelnder Hartz-IV-Empfänger aus Neukölln. Auch der Humanistische Verband Deutschlands, der mehr als 16 000 atheistische Mitglieder hat, oder die entschieden kirchenkritische Giordano Bruno Stiftung waren auf den Podien nicht vertreten. Haben Kirchenvertreter Angst vor diesen Kreisen?

Auf einem der Podien sprach der bekennende »fromme Atheist« Herbert Schnädelbach, ein Philosoph. Er fand sehr persönliche Worte angesichts tiefer existenzieller Verunsicherungen: »Ich kann mir vorstellen, dass man unglaublich dankbar ist, wenn etwas gut gegangen ist. Man möchte sich bei jemandem bedanken. Aber man weiß nicht, bei wem. Oder man möchte sich beklagen. Aber da ist für mich niemand. Das ist der Punkt, der mich zu dem macht, was ich einen frommen Atheisten genannt habe.« Wichtiger war ihm allerdings, entschieden an die inzwischen allgemein akzeptierte Erkenntnis Immanuel Kants zu erinnern: »Eine allen gemeinsame Moral kann sich nur aus der Vernunft entwickeln und nicht aus religiösen Traditionen.« Bei dem bekannten katholischen Religionssoziologen Hans Joas fand er dafür volle Zustimmung: »Die Kirche ist keine Agentur für Moral.«

Insgesamt erinnerten die Dispute an Veranstaltungen katholischer Akademien. Debattiert wurde über Fragen der Anthropotechnik oder über die künstlerische Freiheit im Blick auf Gotteslästerungen. Nette Themen, aber nichts Neues. Traurig vor allem, dass das Publikum nicht in das Gespräch einbezogen wurde. Die Gäste auf dem »Vorhof« hatten zu schweigen. Überhaupt nicht klar ist, wie solche »hochkarätigen« Themen eine Verständigung, gar die »Versöhnung« von Glaubenden und NichtGlaubenden bewirken sollen.

Schon die Fixierung des Vorhabens auf »den« Glaubenden und »den« Atheisten ist problematisch. Es gibt ja auch den sich gelegentlich gottlos fühlenden Glaubenden. Und es gibt auch den spirituellen Atheisten, der das Erhaben-Transzendente in der Kunst erlebt, ohne an einen persönlichen Gott zu glauben. Wäre diese Erkenntnis die Ausgangsbasis des Gesprächs, dann könnten Christen wie Atheisten erkennen: Wir sind Verwandte, deuten nur unser Leben unterschiedlich. Uns verbindet das Humanum, die Sorge um uns selbst und das bedrohte Menschsein. Diese gemeinsame Basis gilt es zu pflegen. Dogmen und Philosophien, seien sie theistisch oder nicht, sind dann zweitrangig.

Zu einer solchen Haltung ist die katholische Kirche von ihrer eigenen Lehre allerdings (noch) nicht in der Lage. Sie schwankt unentschieden hin und her zwischen höflich-diplomatischer Toleranz und der alten missionarisch-rechthaberischen Position.

Traurig auch, dass der »Vorhof der Völker« in Berlin ohne die protestantische Kirche meinte auskommen zu können. Wenn ein Atheist die Taufe »begehrt«, dann bitte doch die katholische! So lautet wohl insgeheim die Parole. Dabei könnte doch angesichts atheistischer Glaubenshaltungen eine einzige christliche, also überkonfessionelle Theologie entstehen. Eine Theologie, die von altem dogmatischem Schrott befreit ist und vor allem fragt: Was ist menschliches Leben und Lieben?

Jedoch zu solchen Fragen fehlt es dem »Vorhof der Völker« am erforderlichen Mut. Er ist, mit Verlaub, zu klerikal, was angesichts seiner vatikanischen Herkunft kein Wunder ist. Das ließe sich aber, Impulsen des neuen Apostolischen Schreibens von Papst Franziskus folgend, ändern: Nur eine auch theologisch arme, auf Grundfragen konzentrierte Theologie hat Chancen, bei Atheisten, Agnostikern, Konfessionslosen gehört zu werden. Dann geht es um Fragen wie: Verhindert unsere auf Konsum und Wachstum ausgerichtete Kultur nicht jede Form von Spiritualität? Drängt diese Kultur oder eher Unkultur uns nicht den neuen Gott, das Geld, förmlich auf? Ist der gemeinsame Glaube von religiösen und nichtreligiösen Menschen nicht längst der »Glaube« an die absolute Macht des Geldes und des Kapitals?

Über solche Fragen aber lässt sich besser in kleinen Gruppen sprechen, in den (Nebenzimmern von) Bars und Restaurants, in Galerien und privaten Salons. Für eine solche Basis-Kultur interessieren sich die Menschen, gerade auch jüngere. Dabei sollte man sich in der Tat ein Bonmot von Oscar Wilde zu Herzen nehmen, das immerhin Kardinal Gianfranco Ravasi zitierte: »Die richtigen Antworten geben, das können viele. Aber um die richtigen Fragen zu stellen, muss man ein Genie sein.«

Vorhof der Völker – ein Dialog mit Atheisten? Nun auch in Berlin

Der „Vorhof der Völker“ – in Paris (2011) und jetzt auch in Berlin:
Zum Dialog mit „Heiden“ und Atheisten
Von Christian Modehn und dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

Zum aktuellen Bericht über den „Vorhof der Völker“ in Berlin vom 26. bis 28. November 2013 klicken Sie bitte HIER.

Ende November 2012 (!) hat der Religionsphilosophische Salon Berlin einen Beitrag publiziert zum Vorhaben „Vorhof der Völker“ in Berlin. Dabei geht es um einen Dialog zwischen Katholiken (!, Ökumene findet da offenbar nicht statt), vor allem zwischen Kardinälen, Prälaten und Theologie-Professoren und so genannten Atheisten, ebenfalls oft Professoren. Wir haben damals an die ähnliche Veranstaltung in Paris im Jahre 2011 erinnert.
Aus aktuellem Anlaß bieten wir nun aufgrund vielfältiger Anfragen noch einmal diese Beiträge.
Denn vom 26. bis 28. November 2013 findet die Veranstaltung „Vorhof der Völker“ in Berlin statt; diese „Vorplätze“, also die offenen Räume, das meint ja „Vorhof“, sind nun – merkwürdigerweise – das Berliner Rathaus (mit dem Bürgermeister als politischem Schutzpatron und offenbar Mitfinanzier), die Charité und das Bodemuseum…Sogar in den abgeschlossenen Räumen der „Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft“ findet ein Vorhof statt. Sind das alles wirkliche „Vorhöfe“, also eine Art offene und allgemein zugängliche AGORA? Wir wagen das zu bezweifeln und fragen: Vor wem haben diese Katholiken Angst, wirklich auf einem Vorhof, auf einer Agora, mit den Tausenden von Atheisten und Skeptikern Berlins in Kontakt zu kommmen und einen Dialog in „Augenhöhe“ also Gleichberechtigung, zu führen? In Berlin sind bekanntlich etwa eine Million Menschen „konfessionsfrei“. Und wie viele „Atheisten“, Skeptiker, Agnostiker usw. es in den Kirchen selbst gibt, ist noch einmal die Frage. Warum also dieser Rückzug in abgeschlossene, hohe Mauern? Und wer wird später die Millionen Euro bedauern, die solch ein Unternehmen gekostet hat?
In Paris hieß im Jahre 2011 die Veranstaltung „Au parvis de gentils“, also auf dem „Vorplatz der Heiden“ authentisch und wörtlich übersetzt. Aus den „Heiden“ wurden nun schlicht die „Völker“…Und die Völker in Berlin werden von dem Chef des Unternehmens, Kardinal Ravasi, vorweg als ziemlich säkular und leider nicht katholisch beschrieben.

Im November 2011 publiziert:
In Berlin, so berichtet „Christ und Welt“, die Beilage zur Wochenzeitung Die Zeit, am 22. 11. 2011, soll im kommenden Jahr ein Dialog mit Atheisten stattfinden, organisiert von einer vatikanischen Kultur – Behörde. Diese Initiative bezieht sich auf eine Veranstaltung, die schon im Frühjahr 2011 in Paris stattfand, unter dem Titel: „au parvis des gentils“, wörtlich und korrekt aus dem mittelalterlichen Latein übersetzt, „Auf dem Vorplatz der Heiden“. „Les gentils“, sind die Heiden, siehe Thomas von Aquin „Summa contra gentiles“. Im Rheinischen Merkur wird berichtet, wie die päpstlichen und sonstigen Veranstalter daraus den weniger belasteten Titel „Vorhof der Völker“ gemacht haben.

Wir dokumentieren hier einen Beitrag aus der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, der anläßlich der mit einem Riesen – Aufwand gestalteten Veranstaltung in Paris 2011 geschrieben wurde. Dieser sogen. Dialog war, so einhellig die große, die „nicht – klerikale Presse“, ein ziemliches Fiasko, für das sich kaum ein normaler „Heide“ oder Atheist in Paris interessierte. Eher waren es die charismatisch-missionarischen Katholiken aus fundamentalistischen Bewegungen, die da – meist vergeblich – auf atheistisch-heidnische Gesprächspartner warteten.. .auf dem Vorplatz der Heiden, nämlich auf dem parvis de Notre Dame, dem Vorpöatz der Kathedrale, im Herzen der angeblich gottlosen Metropole PARIS…

Auf dem Vorhof der Heiden
Wenn der Vatikan mit Atheisten sprechen will
Von Christian Modehn, am 4.4.2011
Diesem Beitrag liegt ein Artikel für PUBLIK FORUM zugrunde.

Papst Benedikt gibt sich dialogfreundlich. Er hat kürzlich in Paris Atheisten drei Tage lang zum Gespräch mit Theologen eingeladen. Zu den Organisatoren gehören Mitarbeiter des „Päpstlichen Rates für die Kultur“, wichtigster Manager ist Pater Laurent Mazas von der äußerst konservativen „neuen geistlichen Gemeinschaft“ der Johannesbrüder. Die Tagungsorte hatten den Charme des Exklusiven, wie die UNESCO oder das akademische „Institut de France“. Aber organisierte Atheisten, wie die Freidenker, blieben fern. Selbst der spirituell interessierte Atheist und Buchautor André Comte – Sponville zeigte kein Interesse. Der populäre, aber deutlich antiklerikale Philosoph Michel Onfray wurde erst gar nicht eingeladen. So umkreisten denn 45 Wissenschaftler, darunter 5 Frauen, eher abstrakte Themen, wie das „Universale und Individuelle“ oder die „gerechte Ökonomie“. Sie lieferten Beiträge, deren Bedeutung über die Veröffentlichung in Sammelbänden kaum hinausgeht. Beachtlich waren die Ausführungen der international bekannten Philosophen Julia Kristeva und Fabrice Hadjadj, die erneut ihr spirituelles Interesse bekundeten. Nur am Ende der dreitägigen Veranstaltung wollte sich der elitäre Zirkel dem Dialog zwischen glaubenden und nichtglaubenden Menschen „an der Basis“ öffnen: Vor der Kathedrale Notre Dame sollten sie debattieren, während innen Brüder von Taizé meditative Gesänge darboten. Aber zu dieser „populär“ gemeinten Veranstaltung kamen anstelle der 25.000 erwarteten Besuchern nur einige tausend, darunter waren äußerst wenige, die sich als Atheisten outeten. Diese Abendveranstaltung ist ein Flop, berichtet die halboffizielle katholische Tageszeitung La Croix. Und das war insgesamt vorauszusehen, denn das Projekt stand unter einem antiquierten Motto: Dialog auf dem „Vorplatz der Heiden“. Welcher Atheist sieht sich denn auch als ein „Heide“, der an viele Götter glaubt? Und was soll der Begriff Vorplatz? Warum laden die Katholiken ihre ungläubigen Mitbürger nicht zu sich „nach Hause“, also in eine Kirche, ein, sondern lassen sie auf dem „Vorplatz“ stehen? Werden Atheisten etwa als Taufbewerber gesehen, die wie in der Urkirche keinen Zutritt ins Heiligtum haben?
Das neue päpstliche Dialog Projekt rechnet mit festen Identitäten: Hier der Gläubige, dort der Ungläubige. Aber sind die heutigen kirchenfernen Menschen überhaupt „Atheisten“ ? Sind sie nicht eher Skeptiker, Suchende, Zweifler? Und aktuelle Umfragen zeigen, dass etwa 30 Prozent der französischen Kirchenmitglieder nicht an Gott glauben. Kann der klassische Gottesbegriff von Theologen wie eine fixe und bekannte Größe in die Debatte geworfen“ werden?
Der Vatikan hat mit diesem um äußeren Glanz bemühten Projekt gezeigt, dass er das Wort Dialog nicht ernst nimmt. Denn Dialog meint Lernbereitschaft aller Beteiligten; auch Glaubende, auch Theologen haben von Atheisten zu lernen.
Trotz dieser blamablen Dialoginitiative ist der Vatikan entschlossen, bald Atheisten in Prag und Tirana auf den Vorhof der Heiden zu laden. Dabei fehlen schon jetzt 600.000 Euro allein zur Finanzierung der Pariser „Dialoge“.

Zum Dialog „Christen und Atheisten, was sie von einander LERNEN können“, veranstaltet vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 21. 11. 2013 klicken Sie bitte hier.

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