Kritik an Luther bei heutigen PhilosophInnen.

Von Christian Modehn

Das bevorstehende „Reformationsgedenken 2017“, Start am 31. Okt. 2016, das de facto ein Martin Luther Gedenken wohl bleiben wird, (oder wird man etwa ausführlich von Erasmus oder Thomas Müntzer auch sprechen?),  bewegt auch einige PhilosophInnen. Weil sich der Religionsphilosophische Salon sehr deutlich für die heftige Abwehr der Philosophie durch Luther interessiert, dokumentieren wir immer wieder einmal einige Stimmen von heutigen PhilosophInnen zur Relevanz Luthers heute. Über Luther und die Philosophie im allgemeinen liegt bereits ein Beitrag vor, klicken Sie hier.

1.

Hier die Bedenken, die die Philosophin und Autorin Thea Dorn, Berlin, vorträgt, in einer kurzen Zusammenfassung, ergänzt durch eigene Überlegungen von Christian Modehn. Die philosophisch motivierten Bedenken Thea Dorns gegenüber Luthers Theologie aus heutiger Erfahrung sollten meines Erachtens nicht nur in lutherischen Kreisen ernst genommen.

Der (katholische) Gott im Mittelalter konnte durch Ablassbriefe in seiner Willkür (Höllenstrafe!) noch von Menschen besänftigt werden. Also: Der durchaus auch rigorose Gott der Katholiken konnte durch menschliches Tun sympathisch bleiben. Das heißt ja nicht, dass man dieses Gottesbild heute philosophisch akzeptabel findet.

Durch Luthers Interpretation des Römerbriefes wird nun behauptet: Gott ist völlig unberechenbar. Er lässt sich nicht beeinflussen von Menschen. Auch nicht durch Ablässe. Kein Mensch kann Gott günstig stimmen. Gott ist in dem Sinne kein Partner der Menschen. Kann man noch von dem alttestamentlichen Bundes-Gott sprechen? Welchen Sinn hat dann noch Bittgebet? In der Prädestinationslehre wird dann die Vorherbestimmung des einzelnen schon VOR der Geburt betont. Wir können also nur noch hoffen, erlöst zu werden, obwohl es in dieser Sicht dem so wie so schon vorherbestimmenden Gottes egal ist, was wir tun, wie wir leben etc. Ich muss trotzdem auf einen gnädigen Gott hoffen, weil ich mich nicht in die totale Verzweiflung (Hölle post mortem) stürzen darf. Immer im Bewusstsein, totaler Sünder zu sein, also auch nicht klar vernünftig denken zu können, aufgrund der Erbsünde. „Weil ich nicht verzweifeln darf, muss ich an den gnädigen Gott glauben“. Thea Dorn nennt dies einen klassischen Fehlschluss, völlig verdreht…“ (S. 65 in Philosophie Magazin Oktober 2016). Sie weist zurecht darauf hin, dass für Kierkegaard nur der haltlose, unbegründete und unbegründbare SPRUNG in den Glauben die einzige Möglichkeit bleibt, sich diesem (unvernünftigen) Glauben anzuschließen. Nur im Sprung, so Thea Dorn, meinte Kierkegaard dem Nihilismus entgehen zu können. Per Verzweiflung zum Glauben? Wäre das ein Weg für Philosophen heute? Oder für die weiten Kreise spirituell Suchender? Eher wohl nicht.

2.

Auch die Philosophin Bettina Stangneth  spricht in ihrer Studie „Böses Denken“  (Rowohlt, 2016) von Luthers Ablehnung der Philosophie, diese Polemik hat in seiner radikalen Vorliebe für die Erbsündenlehre ihre Wurzeln. Stangneth schreibt auf S. 139 f.: „Luther erklärte die Vernunft zur Hure des Teufels und empfahl, dass jeder, der nach dem richtigen, dem gottgefälligen Leben suche, `seiner Vernunft die Augen ausstechen muss`, weil sie ihn sonst unvermeidlich von Gott wegführen wird. Die Vernunft war eine zu große Erschütterung für den, der einfach nur glauben wollte, so dass sie eine Erschütterung des Teufels sein musste, also das Fremde, das zu einem und nicht in einem spricht“.

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