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Die Gemeingüter (Commons) : Ein altes/neues Modell zur Güterverteilung neben Markt bzw. Staat. Vorgestellt von Elisabeth Hoffmann, Berlin

29. Februar 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft

Die Gemeingüter (Commons) : Ein altes/neues Modell zur Güterverteilung neben Markt bzw. Staat.

Vorgestellt von Elisabeth Hoffmann am 26.2.2016 im Religions-philosophischen Salon, Berlin

In neoliberalen Zeiten, wo immer mehr Wasserquellen von Nestlé weltweit betrieben und privatwirtschaftlich verwertet werden, wo Länder in Afrika und anderswo vom Landgrabbing betroffen sind, wo genetisch verändertes Gemüse oder Reis von Monsanto patentiert und damit monopolisiert werden können, wo Mittelständische Unternehmen oder Krankenhäuser von Privatinvestoren bzw. von Hedgefonds aufgekauft werden, um Dividenden für seine Anleger zu erbringen – wo also immer weniger immer mehr vom Kuchen beanspruchen und per Gesetzgebung verankern können – ist es an der Zeit mal wieder über etwas ganz altmodisches und doch sehr innovatives nachzudenken – die Allmende.

Früher hießen gemeinschaftlich genutzte Weiden Allmenden. Dort durfte jeder im Dorf seine Herden weiden lassen. Es wurde in der Dorfgemeinschaft miteinander abgesprochen, wieviele Tiere wie lange weiden durften, damit sich die Ressource nicht erschöpfte und nachhaltig (selbsterhaltend) für weitere Generationen zur Verfügung stand.

Dieses Bild der Allmende ist der Kern des Commons-Gedankens, der seit etwa 20 Jahren in Öko- Kreisen thematisiert wird. Er steht neben all den anderen neuen Ideen für eine zukunftsfähige Wirtschaft, wie die Gemeinwohlökonomie, die Bewegung der transition towns, lokale Agenda Bewegung nach der Konferenz von Rio, share economy und Degrowth-Bewegung etc. die alle und noch viel viel mehr am Schutz der natürlichen Ressourcen durch nachhaltigen Gebrauch interessiert sind. (Grenzen des Wachstums)

Besonders wichtig für uns sind die natürlichen Gemeingüter: Luft, Klima, Wasser, Meere, Boden, Urwald – also die natürliche Grundlage unseres Lebens und Überlebens für uns alle auf dieser Erde und für zukünftige Generationen. Man könnte aber auch die Sprache ansich, die Kultur, die sozialen Gebräuche, Archive, Bildung, etc dazu zählen. Moderne Allmenden entstehen heute im internet: wikipedia, Musik, Texte, …. Menschen stellen ihre Gedanken, Photos, Kunstwerke, Musik, Filme, Ideen ins Netz und alle dürfen sie nutzen, diskutieren, sich inspirieren lasssen und so fördern sie das kollektive Bewußtseinsniveau – potentiell. (Das Problem, daß auf diese Weise die kreativ Tätigen keine angemessene Honorierung mehr für ihre Werke bekommen, kann hier jetzt nicht behandelt werden)

Man unterscheidet zwischen den rivalen und nicht-rivalen Gemeingütern. Bei den rivalen wird durch die eigene Nutzung das Gemeingut verbraucht (z.B. Überweidung), bei den nicht-rivalen Gemeingütern passiert das nicht (z.B. internet, Medienkonsum). Das Wort Rivale stammt auch aus der Situation der verschiedenen Wassernutzer entlang eines Flusses. Wer weiter oben das gesamte Wasser auf seine Felder leitet, verhindert, daß die nachgelegenen Nutzer genügend Wasser bekommen.

Wir alle wissen von der Gefahr des Überfischens der Meere und der Belastung des Klimas durch CO2 für alle. Darum hat man sehr lange der Theorie von Garret Hardin zugehört, der in den 60’iger Jahren von der „Tragedy of Commons“ sprach: Kurz gesagt sagt er: Die Menschen sind zu konkurrierend und egoistisch als daß sie sich um den Erhalt der Commons kümmern würden. Darum braucht es private Unternehmen, die verantwortungsvoll die Gemeingüter bewirtschaften bzw. den Staat mit seinen Institutionen zum Schutz der Commons. (s.a. das Statement von Nestlé am Ende dieses Textes)

Diese Theorie wurde von Elinor Ostrom wiederlegt. Sie untersuchte weltweit die Bewirtschaftung von Commons, also die gemeinschaftliche Pflege und Nutzung der Ressourcen Wasser, Boden, Wald, Kultur etc und fand heraus, daß das Gegenteil der Fall sei, daß die Ressource sich nicht notgedrungen erschöpft. Daß diese Ressourcen besser bewirtschaftet werden i.S.d. Nachhaltigkeit als privat – bzw. staatliche reglementierte Nutzung und dazu den sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft/Gemeinschaft förderten. Für ihre Forschung bekam sie den Nobelpreis für Wirtschaft. Das hat also Gewicht.

Die Commons existieren nicht ansich sondern bedürfen der verantwortlichen und gemeinschaftlichen Nutzung einer Gruppe.

„Each commons needs protection and so communing. No commons without communing.“ sagt der britische Historiker Peter Linebaugh und nennt die Praxis communing also eine soziale Tätigkeit und Fähigkeit des Menschen. Communing ist gefordert, um die Commons zu erhalten während sie gebraucht werden. Darum erscheint mir das Commons Konzept so radikal. Der Blick liegt nicht nur auf den gemeinschaftlich genutzten Ressourcen sondern auf dem Menschenbild und der Grundhaltung derjenigen Menschen, die sich gemeinschaftlich um die Gemeingüter verantwortungsvoll kümmern. Es beschreibt ein neues Menschenbild jenseits des profitorientierten und Andere übervorteilenden „homo oeconomikus“.

Menschenbild und Grundhaltung der Commons

Der Commons Begriff hat 3 Dimensionen: 1. Die materielle Ressource, 2. Das soziale Miteinander 3. Die gemeinsamen Regeln

Zur gemeinschaftlichen Nutzung einer Ressource bedarf es besonderer soziale Fähigkeiten und einer Haltung des Miteinanders. Es geht also um Kooperation und nicht Konkurrenz. Es geht um ein respektvolles demokratisches Miteinander ohne Hierarchien, um gemeinsam miteinander die Ressourcen nutzen zu können. Es geht um eine Vernetzung vieler verschiedener Projekte und alle miteinander. Es geht um die gemeinschaftliche Sorge und Bewirtschaftung einer Ressource ohne diese auszuschöpfen noch andere zu übervorteilen, es geht um das gemeinsame Finden von Regeln, an die sich alle halten wollen. Es geht um den Geist der Commons.

Der Begriff „Commons“ verdeutlicht, dass wir gleichberechtigte Menschen sind, deren Teilhabeanspruch an Gemeinressourcen in diesem Menschsein begründet ist. (Silke Helfrich)

Einige Beispiele:

Ubuntu: Human beings are free in relatedness but never free from relationships. Menschen sind frei innerhalb des generellen Verbundenseins aber niemals frei von Beziehungen.

Aus wikipedia: Der Begriff Ubuntu kommt aus den Sprachen der afrikanischen Völker Zulu und Xhosa und steht für „Menschlichkeit“ und „Gemeinsinn“, aber auch für den Glauben an ein universelles Band des Teilens, das alles Menschliche verbindet. Alle Entwickler des Ubuntu-Netzwerkes (Computer) müssen den Code of Conduct[6] unterzeichnen, mit dem sie sich verpflichten, den Grundsatz der „Menschlichkeit“ (dort näher ausgeführt als Freundlichkeit, Respekt voreinander, Rücksicht, Teamarbeit und Ähnliches) sowohl bei der Entwicklung und der Kommunikation untereinander als auch bei dem Umgang mit den Benutzern einzuhalten.

Der Ansatz Gemeinwohlökonomie nach Christian Felber betont heute schon die Verantwortung der Unternehmen für ein nachhaltiges, bewahrendes, kulturstiftendes, gleichberechtigtes Miteinander. Die Firmenchefs, die sich darauf festlegen – es sind schon viele in Berlin/Brandenburg – machen jedes Jahr eine Gemeinwohlbilanz, wo es auch um innerbetriebliche nichthierarchische Entscheidungsprozesse geht, die bewertet werden. Motto: „Mutbürger wirtschaften anders“. Sie streben einen Wirtschaftskonvent an. Konvente wären die einzige Möglichkeit für uns als Bürger, die Verfassung zu ändern. Die Idee ist darin sowohl ein neues Geldsystem und z.B. einen gerechteren Verteilerschlüssel bei den Einkommen festschreiben zu lassen u.v.m. Diese Bewegung ist im vollen Gange – ausgehend von Österreich in ganz Europa. (Grundsätze der Gemeinwohlwirtschaft am Ende des Textes im Anhang)

Ein anderes Beispiel daß das Commons Denken über Jahrzehnte sehr nachhaltig praktiziert werden kann ist die spanische Genossenschaft MONDRAGON im Baskenland , die seit 1956 existiert.

Dazu gehört auch die neue Erfindung des Crowdfundings, wo Menschen privat gute innovative Projekte finanziell fördern. D.h. eine Projektentwicklung unabhängig von Banken.

Daß Selbstorganisation klappen kann zeigen weltweit unzählige gute Beispiele. Heute in Griechenland und Portugal. Aber auch in Argentienien während der ersten neoliberalen Krise als hunderte (!) von Betrieben von ihren Belegschaften als Kooperationen übernommen wurden. (fantastischer Film von Naomi Klein dazu: „The Take“ – warum kennt den hier niemand????)

Die gemeinwohl-orientierten soziale Fähigkeiten, die wir entwickeln müßten, um nicht-hierarchische, nicht-institutionelle Entscheidungen zu treffen, die für alle nachhaltig und gut sind, betreffen Konfliktfähigkeit, Toleranz, Respekt des Anderen, Dialog und eine bewußte innere Selbstregulation der Emotionen, Urteile, Bewertungen etc., damit sie nicht durch ihren impulsiven Ventilcharakter destruktiv für den Gemeinsinn werden und auch nicht wie heute mit Drogen, Konsum und Unterhaltung betäubt noch kompensatorisch oder direkt ausgelebt werden und so den Geist des Miteinanders zerstören. Wutbürger werden Mutbürger.

Paradigmenwechsel in der Art des Wirtschaftens durch die Commons-Idee

Mir erscheint die Einbringung des Gemeingütergedankens einem sehr tiefgehenden Paradigmenwechsels gleichzukommen – ähnlich damals der Einsicht, daß die Erde keine Scheibe ist.

Wir hängen doch alle fest in dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Kapitalismus der Privatwirtschaft und dem Sozialismus eines staatlich organiserten Verteilungsmodells von Gebrauchsgütern. Da erscheint das Commons Modell als ein neuer Weg aufzuscheinen. Er bietet sowohl ein wirtschaftliches Konzept, als auch ein soziales Paradigma an, ein neues Menschbild und eine Vision, die uns alle einbezieht, indem die Teilhabe an den Gemeingütern dem menschsein innewohnt. Das beinhaltet sowohl das Recht auf die Commons als auch die Verantwortung dafür.

Gerade in Berlin hatten wir ein entsprechendes Beispiel als die Ressource Wasser privatisiert wurde. Zum Glück sind einige Menschen uns allen schon voraus gewesen und haben sich dafür eingesetzt, daß das wieder rückgängig gemacht wurde. Man kann also Sand ins Getriebe des neoliberalen Treibens streuen. Jede/r.

Wie Noam Chomsky der Politaktivist und Autor sagt, werden wir immer in einem engen Diskursfeld gehalten, damit keine radikal neuen Ideen thematisiert werden können.

„The smart way to keep people passive and obedient,“ says noted activist and author Noam Chomsky, „is to strictly limit the spectrum of acceptable opinion, but allow very lively debate within that spectrum.“ Die intelligente Art und Weise Menschen passiv und gehorsam zu halten, sagt Noam Chomsky, ist das Spektrum der zulässigen Meinungen streng zu beschränken, aber innerhalb dieses Spektrums eine lebhafte Debatte zu ermöglichen.

Der Commons-Ansatz – ein radikal neuer Weg…

  1. ..weil er ein neues Menschenbild hervorhebt, eins das von dem Biologen Frans de Waal („Kooperations-, nicht Wettbewerbsfähigkeit ist der Schlüssel zum Erfolg der Evolution.“ und dem Neurowissenschaftlern wie Joachim Bauer schon lange nachgewiesen wurde: der Mensch ist von seiner Natur her empathisch, kooperativ und am Gemeinwohl interessiert. Man muß es ihm per „Erziehung“ auf Konkurrnenz, Narzissmus, Egoismus, Spaß am Übervorteilen usw. und durch Gehorsam und Anpassung an alte Traditionen regelrecht austreiben.

 

  1. ..weil er ganz neue Praktiken des Miteinander-Entscheidens entwickelt – die Konsensbildung in Gruppen. Diese Praktiken setzen eine Befähigung zum Konfliktlösen in Gruppen voraus, die wir alle uns erst noch aneignen müßten. Was aber hinsichtlich der wohl weiter zunehmenden weltweiten Konflikte um die natürlichen Ressourcen wie Wasser und Boden absolut notwendig wäre, wenn wir nicht in einem Trümmerfeld zerstörter Naturkreisläufe, die sich einmal zerstört nicht mehr selbst erholen können, enden wollen (siehe das Fehlen des Baumbestandes im Mittelmeerraum seit der Abholzung durch die Römer für ihren Schiffsbau).

 

  1. Eine neue Kultur der gemeinsamen Sorge für die Erhaltung unserer Lebensgrundlage für uns und zukünftige Generationen. Nicht mehr der „koloniale Geist“, wo jeder sehen muß wie er klar kommt zur Not durch Krieg die gemeinsamen Ressourcen für sich allein aneignen und nach mir die Sintflut denken. Sondern eine Haltung des Miteinander-voneinander und von der Natur Abhängigeins.

 

  1. Wir (wer?) müssen lernen, die kindliche Allmachtsillusion („the winner takes it all“) aufzugeben und die Gefühle von Ohnmacht in uns zuzulassen (nach Klaus Theweleit). Das wird uns befähigen ein echtes faires Miteinander umzusetzen. Die Abwehr der Ohnmachtsgefühle scheint mir psychologisch gesehen eines der Hindernisse auf diesem Weg zu mehr Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit zu sein. Joseph Beuyss sagte: „wer seine Wunden zeigt, wird geheilt“ – das geht in dieselbe Richtung . Einmal in sich selbst die Schwäche und Verwundbarkeit erkannt, könnten wir uns zu einem mehr an Miteinander denn einem weiterem Gegeneinander hin entwickeln (ein sehr christlicher Gedanke wie mir scheint) als in ständiger Kompensation des Ohnmachtsgefühls im Erreichen perverser Reichtümer und Macht -(mißbrauchs) positionen auszuarten.

 

  1. Wir („Aufgeklärten“ i.S.d. Commons) sollten uns nicht mehr blenden lassen durch Erfolg (ohne Nachhaltigkeitsgewinn für Natur und Kultur), Milliardenumsätze und persönlichem Reichtum (ohne Gemeinwohlorientierung), elitärem Status und Gewinnerhabitus (ohne menschliche Werte gegenüber jedem Menschen auf der Welt) sondern die Werte von Respekt, Fairness, demokratisches Miteinander und Nachhaltigkeit permanent im Kopf und Herzen behalten, um nicht verwirrt zu werden und entschieden im neuen Paradigma der Commons voranzugehen.

 

  1. Das neue Ziel des Wirtschaftens ist danach nicht mehr der Profit sondern der nachhaltige (bewahrende) Verbrauch der Gemeingüter. (So könnte das Wort: Eigentum verpflichtet in Zukunft verstanden werden: wie fördere ich durch mein Handeln die Bewahrung der Schöpfung, die Gesundheit aller Menschen, die Vielfalt des Lebendigen und die Selbstorganisation des Lebens). s.a. die Maximen der Gemeinwohlökonomie im Anhang.

 

  1. Der Commons Ansatz zeigt mir, daß es nicht um ein Weiter-So geht und darin um den Schutz der Natur und Entwicklungshilfe für die Armen. Sondern um einen Paradigmenwechsel, der unser altes gemütliches Verständnis davon wie wir in der Welt sind, tief verändern könnte. Ich glaube wir sind gefordert etwas zu entwickeln, zu lernen, zu verstehen – was unser Leben, unsere Praktiken des Miteinanders, der Demokratie, des Einkaufens, des sich organisierens usw. aber vor allem unser Haltung verändern wird. Wenn wir das nicht verstehen, daß es nicht um eine Moral geht oder um einen 3. Weg der Güterverteilung sondern um ein verändertes Sein, werden wir wohl langfristig nicht mehr sein.

 

  1. Auch der Slogan der Occupy – Bewegung: Wir sind die 99,99 % … machen wir was draus, stärkt den Geist der Commons.

 

  1. „Wem gehört die Stadt, Land, Welt „– Titel von Filmen und Büchern zur Zeit fordern uns heraus, neu über unser Zusammenleben nachzudenken und wach zu werden, daß wir ein Grundrecht an den Commons haben.. Wer wenn nicht wir in den Demokratien tragen eine Verantwortung, daß sich ein Commons-Denken in der Welt verbreitet?

 

  1. Ernst Bloch schrieb als ersten Satz in seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie 1. Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. Lassen wir uns nicht mehr „werden“ durch ein „Scheiben-Denken“ des Weiterso im unbewußten Konsumierens und räuberischen Aneignens sondern durch ein Kugel-Denken des ein „gutes Leben“ in Selbstorganisation für alle und Nachhaltigkeits-Sorge für den Planeten, der Erde – unsere Heimat.

… und hier zum Abschluss die Position von Nestlé zum Thema Wasser als Gemeingut oder als privates Wirtschaftsgut: https://www.youtube.com/watch?v=wzlzV7VaqCs

Vielleicht konnte ich Ihnen die Wichtigkeit des Commons- Ansatzes vermitteln. Ich hoffe, daß wir alle den Satz von Silke Helfrich in Zukunft beherzigen , daß der Begriff „Commons“ verdeutlicht, dass wir gleichberechtigte Menschen sind, deren Teilhabeanspruch an Gemeinressourcen in diesem Menschsein begründet ist.

Anhang:

Die Eckpunkte der Gemeinwohlökonomie finden Sie hier:

http://berlin.gwoe.net/2014/05/05/eckpunkte-der-gemeinwohl-oekonomie/

Und hier noch die Gegenüberstellung der Logik des Marktes zu der der Commons:

http://www.hh-violette.de/wp-content/uploads/2013/12/logic-of-the-market-and-the-commons-chart_DEUTSCH.png

Zusammenfassung:

Buchempfehlungen

Silke Helfrich: Commons

Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons

Elinor Ostrom: Beyond Market and States

Christian Felber: Gemeinwohlökonomie

Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit

Dieter Klein: Das Morgen tanzt im Heute

Klaus Theweleit: Männerphantasien

Kreuzberg kocht

Copyright: Elisabeth Hoffmann emhoffmann@gmail.com

 



Unduldsam gegenüber Ungleichheiten. Ein Salon über Privateigentum und Gemeinwohl

27. Februar 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Unduldsam gegenüber Ungleichheiten: Von der Beziehung „Privateigentum – Gemeinwohl“

Ein Salonabend am 26. 2. 2016

Einige Hinweise für ein Gespräch von Christian Modehn. Über den Zusammenhang von individualistischem Klammern an den Besitz und der Spiritualität lesen sie einen Hinweis am Ende dieses Beitrags.

1. Zur aktuellen Situation

Das Thema steht in aktuellem Zusammenhang: Nach Oxfam- Recherchen (2015) besitzen die 62 reichsten Menschen der Erde genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen.

Es ist klar, dass diese Menschen zusammen mit den ca. 17 Millionen Millionären weltweit heute Ökonomie und Politik bestimmen. Einem Milliardär (Herrn Trump) in den USA gelingt es aus dem Stand, auch mit dem Einsatz eigener Millionen Dollar, sich als Präsidentschaftskandidat zu präsentieren. „Dieses Land, die USA, darf nicht einer Handvoll Milliardären gehören“, sagt Bernie Sanders von Demokraten. Die Reichen werden auch dort immer reicher, „es findet eine schleichende Aushöhlung der amerikanischen Mittelklasse statt, sie verarmt“: „1971 gehörten zur Mittelklasse 61 % der amerikanischen Bevölkerung,  2015 nur noch 50 %. So „Der Tagesspiegel“, 28. 2. 2016, Seite 22.

Eine umfassende Reichtums-Forschung, etwa in der Soziologie, gibt es bis heute auch in Deutschland nicht; anders als die umfassenden Studien zur Armut und zum weltweiten Elend. Woran liegt das wohl?

Das übliche Sprichwort gilt eben nicht: „Geld regiert die Welt“. Es muss heißen: „Es regieren die wenigen Menschen, die das Geld haben, über die Mehrheit.“.
Zu Deutschland: Die Kernaussage des so genannten Armuts- und Reichtumsberichts des Bundesarbeitsministeriums heißt: Die privaten Vermögen in Deutschland werden immer größer. In den letzten Jahren sind sie um 1,4 Billionen Euro gestiegen. Die obersten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens. Die Differenz zwischen Armen und Reichen wird auch in Deutschland immer größer.

2.Zum Begriff Gemeinwohl

In der Philosophie, seit Platon, wird darüber gestritten, wie ein gerechtes Verhältnis zwischen dem einzelnen, dem besitzenden Menschen als Bürger eines Staates, und dem Staat als dem Zusammenleben der verschiedenen Menschen zu bestimmen ist. Als höchster Zweck des Staates wurde das Gemeinwohl definiert. Das allen gemeinsame Wohl wurde dann der Philosophie des Thomas von Aquin folgend zum Mittelpunkt der katholischen Soziallehre. Das geht soweit, dass der offizielle katholische Katechismus (aus dem Vatikan 1993) in § 1903 betont: „Die staatliche Autorität wird nur dann rechtmäßig ausgeübt, wenn sie das Gemeinwohl der betreffenden Gemeinschaft anstrebt…Wenn ungerechte Gesetze gegenüber dem Gemeinwohl erlassen werden, „können solche Anordnungen das Gewissen nicht verpflichten“. Thomas von Aquin nennt solche ungerechten Gesetze „eine Gewalttat“.

Ein anderes Beispiel: Jean Jacques Rousseau sprach von der volonté générale, dem Gemeinwillen. Darunter verstand er einen gemeinsamen kollektiven Willensausdruck aller Bürger, der verschieden ist von der Verfolgung individueller Ziele des einzelnen. Es dachte an eine Einheit des gebündelten humanen Interesses aller Bürger. Dieser Gemeinwille könnte den gerechten Staat schaffen (Gemeinwohl). Das war ein Projekt, das die Französische Revolution inspirierte.

Heute wird unter dem Begriff Gemeinwohl auch die Zielvorstellung einer Politik verstanden, in der nicht die Durchsetzung individueller Machtinteressen im Vordergrund steht.. Im Artikel 14 des Grundgesetzes wird recht allgemein formuliert: (Absatz 2)“ Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Und dann wird sogar an mögliche Enteignungen gedacht: Da heißt es in Absatz 3: „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt…“

Das Gemeinwohl wird sich heute immer im Diskurs der gesellschaftlichen Gruppen, bei Gleichberechtigung aller Gruppen, ermitteln lassen, wobei es durchaus auch a priori, sozusagen vom „Wesen“ des Menschen her gedacht, Kennzeichen des Gemeinwohls gibt, die sich etwa in den Menschenrechten ausdrücken.

3.Warum ist das Thema von philosophischer Bedeutung heute?

Es handelt sich um eine Frage der philosophischen Anthropologie (wer ist der Mensch, ist er wesentlich ein besitzender?), um eine Frage der Ethik (Wie viel sollte der einzelne sein Eigen nennen in einer Welt, die das Gemeinwohl respektiert ?) und auch ein religionsphilosophisches Thema (Wird Privat-Eigentum mit göttlichen, absoluten Qualitäten ausgestattet?)

Einige Hinwiese zum Zusammenhang von Ethik und Privatbesitz-Gemeinwohl:

Das Thema gewinnt Deutlichkeit, wenn man fragt, welche Gültigkeit die Gleichheit aller Menschen heute hat. Es geht um die Geltung von humanen Maßstäben, es geht um die Wiedergewinnung von Gesetzen, die gerecht sind und um die Moralität, die einen jeden vernünftigen Menschen leiten sollte, sofern er sich als Mensch unter Menschen versteht. Es geht also um die Wiedergewinnung der Selbstachtung, auch unserer eigenen, und um das Gespür für menschliches Miteinander und Verantwortung.

Die schwere Frage: Was ist Gleichheit? Es geht hier nicht um die Gleichheit der formalen Logik, sondern um die qualitative Gleichheit im sozialen Zusammenhang, um eine Gleichheit, die immer in einer bestimmten Hinsicht besteht:
Alle Menschen sind gleich, in der nicht zu bezweifelnden Hinsicht, dass alle Menschen, aber wirklich alle, eine absolut zu schützende Würde haben.

Das ist eine relativ neue Erkenntnis, man denke an die Selbstverständlichkeit, mit der früher Sklaverei für normal gehalten wurde.

Aber die menschliche Würde als das alle Menschen Verbindende ist kulturell immer inhaltlich geprägt, deswegen auch verschieden gestaltet. Aber es ist immer von der gemeinsamen Würde der Menschen die Rede. Ein Mensch ist kein Tier. Sondern der Mensch ist Vernunftwesen mit je konkreter Ausprägung. Das heißt: Alle Personen sind als Gleiche zu behandeln; aber nicht alle Personen sind genau gleich zu behandeln, wenn wir etwa von einem demokratischen Zusammenleben ausgehen: In einem Fall von Katastrophe, etwa Erdbeben, gilt die erste Fürsorge den Verletzten, nicht denen, die in gut erhaltenen Häusern leben können. Hungernde müssen zuerst versorgt werden, erst dann kommt die Sorge für die, die in der Katastrophe wohlhabend und gut ernährt geblieben sind. Zuerst sollten die Menschen in Not unterstützt werden, eine Einsicht, die im praktischen Verhalten spontan gelebt wird.

Welcher Umgang mit den Milliardären ist in einem Staat grundsätzlich richtig, also mit Milliardären, die vom Sozialstaat nichts erwarten, von ihm nichts brauchen, außer polizeilichen Schutz und gut erhaltene Straßen.

Die Antwort auf diese Frage von der Seite der Reichen ist klar: Wir spenden, geben Almosen, gründen Stiftungen, aber verteilen als die großen (oft religiösen) Gönner unsere Gelder nach eigenem Gusto. Deswegen geben wir als Multimillionäre unsere Spenden lieber zugunsten der Renovierung alter repräsentativer Gebäude, sagen wir Barock-Schlösser. Dabei sparen wir noch mal Steuern. Nicht alle Stiftungen der Superreichen sind a priori sozial und Gemeinwohl fördernd, eine banale Erkenntnis. Und die Sozialgesetze in den USA sind bis jetzt so angelegt, dass förmlich vom Staat selbst mit den Spenden der Millionäre gerechnet wird für die so genannte Sozialpolitik siehe etwa die Suppenküchen der Hungernden in den USA, gesponsert von Millionären. Ganz nett, aber Sozialpolitik eines Staates könnte anders aussehen!

Und zweitens wünschen sich dann die Reichen und Superreichen am dringendsten: Möglichst wenig Steuern, vor allem möglichst wenig Erbschaftssteuer. Und, man weiß es längst, dieser Wunsch wird den (Super) Reichen von den demokratisch gewählten Regierungen gern gewährt. Wenn man als Millionär nicht Steuerflucht begeht oder den Firmensitz nach Panama verlagert, bleibt ja immer noch der Weg nach Russland frei: Nur ein Beispiel: Typisch ist, dass der sicher nicht ganz arme Schauspieler, Koch und Weinbergsbesitzer Gérard Depardieu sich 2013 einen russischen Pass von Putin geben ließ, damit er, nun russischer Bürger, die hohen Steuern in Frankreich umgehen kann. In Russland gilt der für Millionäre geradezu traumhafte Steuersatz von 13 Prozent.

Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2018, M. Trump, der Multimillionär, will den Spitzensteuersatz für alle auf nur 25 % setzen.

4.Die (Super) Reichen betreiben Separatismus

Die Superreichen wollen sich möglich ihrer eigenen Verantwortung für ihren Staat und fürs Gemeinwohl entziehen, indem sie Steuern verteufeln. Typisch ist die Äußerung des Philosophen Peter Sloterdijk in seinem Manifest vom 10. Juni 2009: „Der Staat ist für mich nur ein (Steuern) nehmendes Ungeheuer und die Institution der Einkommenssteuer nichts anderes als ein funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung, im Wohlfahrtsstaat leben die Unproduktiven aufkosten der Produktiven“. Herr Sloterdijk fühlt sich als Elite, der es, als den wertvollen Menschen, besser zu gehen hat: Das zeigt auch sein Interview in der Kulturzeitschrift CICERO im Februar 2016. Dort nennt er die Flüchtlinge als die viel zu vielen Leute, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“ (S. 22). Und er seufzt mit dem Schriftsteller Stefan George über die Fremden: “Schon eure Zahl ist ein Frevel“. Auf den engen Zusammenhang von Finanz-„Elite“ (Elite in Anführungszeichen!) und der sich fast „rassisch“ abgrenzenden Herren-Menschen-Rasse“ ist evident: Da wird die Ideologie verbreitet: Reiche haben Talent und Fleiß, so die uralte These der Vermögenden, Arme eben nicht, sie sind faul und selbst schuld an ihrem Elend. Das ist gängige Ideologie der Superreichen seit Jahrhunderten…

Wir beobachten also heute bei den Super-Reichen, aber nicht nur dort, eine völlige Verachtung dessen, was man Gemeinwohl, oder den Sozialstaat usw. nennt. Was sagt ein höchst erfolgreicher Schriftsteller über seine Bindung und Verantwortung für sein eigenes Land, es sagt Michel Houellebecq 2010: „Ich bin kein Bürger, und habe keine Lust, einer zu werden. Man hat keine Pflichten gegenüber seinem Land, so etwas gibt es nicht. Wir sind weder Bürger noch Untertanen, sondern Individuen. Frankreich ist ein Hotel, mehr nicht“ (in Rosavallon, Die Gesellschaft der Gleichen, S.329).

Der französische Philosoph und Historiker Pierre Rosanvallon (Paris) nennt in seinem grundlegenden Buch „Die Gesellschaft der Gleichen“ Hamburger Edition 2013, diese Ignoranz allgemeiner Werte einen „umfassenden sozialen Separatismus“ (S.331). Und das ist für ihn mehr als nur ein neuer aggressiver Individualismus. Wer sich separiert aus seiner Gesellschaft, aus seinem Staat um des Privateigentums willen ausziehen will, der möchte eigentlich in einem anderen Land leben, auf einem imaginären Planeten der Reichen, aber bitte ohne Steuern. Zur Not begnügen sich die Ultra-Reichen eben mit „gated communities“, mit abgeriegelten Bezirken innerhalb einer Stadt. Also mit Luxus Oasen, die nur wenigen Erwählten Zutritt gewähren.

In jedem Fall wollen diese Privateigentums-Fanatiker und also Separatisten sich aus der Verantwortung für ihr eigenes Land (man denke auch an die Steueroasen usw.) förmlich wegstehlen. Sie halten sich, wie einst und heute der Adel, für die Privilegierten. Die Besonderen. Die wichtigeren, wertvolleren Menschen. Das ist, nebenbei, eine Form des Rassismus.

Der reiche Bürger eines Landes versteht sich nur noch als Besitzbürger, nicht mehr als politischer Bürger, der auch für die Allgemeinheit, für die anderen, Verantwortung übernimmt.

5.Kritik der gelebten Unmoral

Wir erleben also den totalen Verlust an Verantwortung für andere, das Fehlen von Empathie. Dahinter steht die Haltung: Uns soll es bestens gehen, nach uns die Sintflut. Und diese Kreise werden durch die Parlamente der westlichen Demokratien bestens bedient. Warum? Weil offenbar in diesen Parlamenten die Freunde dieser Privatbesitz-Fanatiker herrschen. Das meiste an demokratischer Kulisse ist schöner Schein. Einer der führenden kritischen Manager, Tobias Busch, schreibt am 24.2.2016 in der webite „Migazin“: „Selten in den letzten Jahrzehnten sind politische Entscheidungen so unverblümt egoistisch und unsolidarisch getroffen worden wie in diesen Tagen und Wochen. In Europa wird nicht einmal mehr die Fassade der Scheinheiligkeit gewahrt, wenn es um das Flüchtlingsthema geht. Dass jeder konsequent seine Interessen verfolgt und brutale Selbstoptimierung betreibt, ist in der Politik wohl völlig normal. Aber die Gnadenlosigkeit im Auftritt ist neu…“

Der Philosoph Norbert Copray, Herausgeber der Zeitschrift PUBLIK FORUM, schreibt in seinem Buch (2015): „An Widersprüchen wachsen“, S. 19: “Das System, wie Geld gehandhabt und wofür es eingesetzt wird, haben sich diejenigen geschaffen, die damit die Welt regieren. Mehr denn je. Und diejenigen, die das System meisterlich beherrschen, beherrschen auch die Welt zu ihrem eigenen Vorteil. Alle anderen sind ihnen egal. Das bekommen die Menschen in Afrika usw. schon viel länger zu spüren als die Menschen in der westlichen Industrie- und Finanzwelt“ (S. 19).

Wir erleben heute das Sich – Absolutsetzen des Privateigentums global. Das extreme Vermehren des Privateigentums – wie ein selbstverständlicher Selbstzweck betrieben wie aus Sucht und Gewohnheit bei den Reichen – führt zu einer Vernachlässigung dessen, was man früher Gemeinwohl nannte oder auch Verantwortung für eine staatliche Ordnung oder die Verantwortung für das, was auf dieser Welt allen Menschen gemeinsam ist, nämlich das Recht, menschenwürdig zu leben. Das ist etwa angesichts des Hungers von vielen Millionen Menschen dringendste Aufgabe, die auch finanziert werden kann, das Geld ist ja prinzipiell da. Ich empfehle das Buch des argentinischen Forschers und Journalisten Martin Caparrós „Der Hunger“, Suhrkamp Verlag, 2015.

Wichtig ist die Erkenntnis, die sich wenigstens herumsprechen sollte, auch wenn sich wohl kaum ein Millionär davon betroffen fühlt: Es gibt so etwas wie eine soziale Schuld. Das heißt: Jeder einzelne lebt von der akkumulierten Arbeit anderer. Wer zur Welt kommt, kommt in eine Welt, die ihm bereits vieles schenkt, vieles bietet, von der er lebt, ohne auch vorher etwas gearbeitet zu haben. Wir profitieren von einander, die einen etwas oder gar nicht; einige wenige hingegen sehr.

Wer große Vermögen ansammelt, bezieht sich auf die Arbeitsleistungen anderer, die schlecht bezahlt wurden. Wer viel verdient, genießt nicht das, was er sich allein erarbeitet hat.

Léon Bourgeois, ein Jurist und Gründerväter des Völkerbundes mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet, 1851 bis 1925, sagt: „Der Mensch begeht einen Betrug, einen Diebstahl, wenn er für sich behält, was er nur durch die Arbeit und Mühe früherer Generationen hat erwerben können“ (S. 227).

Es gilt heute ein klares philosophisches Verständnis für eine Ethik des Eigentums wiederzugewinnen: Der Kategorische Imperativ Kants ist heute auch in dieser Frage ein bleibender universeller Maßstab, um die Moralität, also die Qualität der Menschwürde, in allen subjektiven Lebenshaltungen (Maximen) zu beurteilen. Gilt der Grundsatz einiger Leute, Millionäre usw., dass sie selbst unter allen Bedingungen immer reicher werden wollen, so kann diese Maxime vor einer menschlichen Moral, also der Menschenwürde, nicht bestehen. Wer an dieser Maxime festhält, verabschiedet sich, philosophisch gesehen, aus der gemeinsamen Menschenwelt (die gated communities sind dafür architektonischer Ausdruck). Fazit: Wir leben heute weithin in einem unmoralischen, d.h. im Sinne Kants, unvernünftigen und menschenunwürdigen Zustand.

Die grundlegende Frage wird nicht mehr gestellt, geschweige denn beantwortet: Warum ist es gut, gut zu sein? Also etwa dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen oder konkreter: den Menschenrechten zu entsprechen als Form der Moralität. Die Antwort ist einfach: Es ist gut, gut zu sein, um die moralische Selbstachtung zu finden und zu bewahren. Nur wer noch Interesse hat, die grundlegende Selbstachtung zu bewahren, wird die Spaltung von Privateigentum und Gemeinwohl unerträglich finden.

Der Philosoph Helmut Rittstieg schreibt in der „Enzyklopädie Philosophie“, Hamburg 2010, Band I, S. 454:
„Es gibt keine pauschale Rechtfertigung für die eigentumsrechtlichen Strukturen der gegenwärtigen Marktgesellschaften. Eben sowenig ist der jeweilige konkrete Bestand an erworbenen Eigentumsrechten sakrosankt. Es gibt wohl erworbene und schlecht erworbene Eigentumsrechte, und auch die wohl erworbenen Eigentumsrechte müssen dem politischen Zugriff offen stehen, wenn sie der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung schädlich sind, wie der Übergang der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen

6.Die Passivität der Geschädigten und der „ungleich“ Gemachten

Der Philosoph Pierre Rosanvallon kommt zum dem Gesamteindruck: „Es sieht ganz so aus, als gäbe es heute eine Art stillschweigender Toleranz gegenüber diesen Ungleichheiten (der Privateigentümer)“ (S 14). Es gibt etwa in Frankreich Umfragen mit widersprüchlichen Aussagen: 90 % meinen, die Kluft der Einkommen müsste verringert werden; gleichzeitig sagen sie zu 57 %, dass Einkommensungleichheiten unvermeidlich seien, um wirtschaftliche Dynamik zu gewährleisten“ (S. 14).

Es gibt da und dort den Willen zur Veränderung, man denke an die Versuche der Podemos-Partei, an ATTAC usw. Aber die Mentalitäten sind durch die Allmacht des Geldes so verdorben, dass die Zuversicht, Veränderungen zum Gerechten hin zu bewirken, doch fast geschwunden sind. Insofern leben wir in einer menschlich sehr traurigen Situation. Der Einsatz für die COMMONS ist sicher ein Lichtblick…

Wahrscheinlich kann das Eintreten für eine gerechte Steuerpolitik noch hilfreich sein für eine gerechte Gesellschaft:

Hier nur ein kleiner historischer Hinweis zur Einkommenssteuer: Von Bismarck wurde sie 1891 eingeführt. Die Steuerprogression erstreckte sich damals in Deutschland von 0,5 % bis 4%.

Schon 1924 war der Spitzensteuersatz in Frankreich 60%! Und er wurde selbstverständlich akzeptiert! Es wurde einst die Steuerpolitik verwendet als Instrument zur Überwindung von Ungleichheiten. Der Labour Abgeordnete Snowden (GB) sagte: „Die wenigen können nicht reich sein, ohne die große Masse ärmer zu machen“. (S. 202). Darum forderte er eine andere Steuerpolitik.

Vielen Regierungen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts zweifelsfrei klar, dass sie Reformen einleiten müssen, auch in der Verteilung des Reichtums, um Revolutionen zu verhindern (S. 206). Dieser Gedanke fehlt heute völlig in der Öffentlichkeit. Viele ahnen ihn wohl, aber keine demokratische Regierung handelt danach. Revolutionen, so wusste man damals, sollten durch zeitgemäße Reformen verhindert werden (S. 208).

Das heißt: Die Begrenzung des Privateigentums muss durch bessere Gesetze durchgesetzt werden. Sicher auch mit Begrenzungen des Kapitaleigentums. Aber es ist wohl schon zu spät, denn die Reichen haben nicht nur die Ökonomie in der Hand, sondern auch die Politiker. Wir reden von Obergrenzen für Flüchtlinge, besser wäre es, von Obergrenzen von Millionärs- und Milliardärseigentümern zu sprechen und diese Obergrenzen rechtlich durchzusetzen und darüber zu diskutieren.

Meine zusammenfassende These heißt: Noch nie wurde so viel von Ungleichheit geredet, und so wenig von den Geschädigten getan, diese Ungleichheit zu korrigieren. Die Ungleichheit wird heute wie ein Gott verehrt, sagt Pierre Rosavallon. „Alles wissen und alles sagen, ohne dass sich das Geringste verändert“, das ist die Formel heutiger Zeitgenossenschaft.

Ein wichtiger Hinweis ist dem Buch „Esprit de la Révolution“ entnommen, darin schreibt im Jahr 1815 der gemäßigte Politiker Pierre Louis Roederer: “Der erste Beweggrund der Revolution von 1789 war die Unduldsamkeit gegenüber den Ungleichheiten“. (S. 12 in Rosavallon) .

Eine Ergänzung am 1.3.2016 über Besitz und Spiritualität (Frömmigkeit):

Das Denken in Besitz-Kategorien hat sich auch im religiösen Verhalten durchgesetzt. Die bürgerliche Frömmigkeit vor allem folgte, etwa im katholischen Raum, den weit verbreiteten theologischen Propaganda-Sprüchen: „Rette deine Seele“, so immer noch zu lesen auf Kreuzen, die an so genannte „Volksmissionen“, also Predigtreihen intensiver Art, erinnern. Natürlich soll man als religiöser Mensch sich um seine eigene Seele, also um den „Kern“ der eigenen Würde als Person, „kümmern“. Aber niemals in der Fixiertheit auf das eigene und nur eigene Wohl und die eigene Rettung, noch dazu auf Kosten anderer. Wahrscheinlich ist die Kontemplationslehre auch im Mittelalter schon stark ego-fixiert, auf das Sichern de eigenen Heils. Nebenbei: Dass später (ab 1970) die Befreiungstheologie verteufelt wurde von konservativen Kreisen hat sicher damit zu tun: Die Befreiungstheologie deutete, biblisch sehr treffend, Erlösung als gemeinsame soziale Befreiung.

Der Philosoph (und „Mystiker“), der Dominikaner Meister Eckart (1260-1328) wollte in seinen Schriften und Predigten aus dieser Ich-Fixierung herausführen. Für ihn zählt allein die offene Existenz, die sich befreit von der Besitzstruktur, sogar von dem Verklammertsein an einen Gott, den man meint zu „haben“: Also „Gott um Gottes willen lassen“, ist das Motto Eckarts.

Meister Eckart steht in starken Kontrast zu dem viel gelesenen und sicher auch schneller zu verstehenden Erbauungsbuch „Die Nachfoge Chrsti“ des Thomas von Kempen. „Er befürchtet vom sozialen Bereich die Behinderung persönlicher Vervollkommung. Weltflucht ist für Thomas von Kempen oft Menschenflucht“, schreibt der Eckart-Spezialist Dietmar Mieth, in „Christus – das Soziale im Menschen“, Mainz 1972, S. 51, Mieth bezieht sich dabei auf das 20. Kapitel der „Nachfolge Christi“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn

 

 



Gegen Hysterie und Nervosität: Was Fasten heute bedeutet. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

25. Februar 2016 | Von | Kategorie: Weiter Denken

Weiterdenken: 3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Gegen Hysterie und Nervosität: Was Fasten heute bedeutet

Die Fragen stellte Christian Modehn

Fasten hat sich längst als Begriff und als Realität auch außerhalb der Kirchen etabliert. Fasten gehört zur „Wellness-Kultur“, z. B. mit ihrer Suche nach dem idealen Körpergewicht. Könnte Fasten und Fastenzeit nicht auch ganz neue Bedeutung gewinnen? Was denken Sie davon, z.B. das Fasten mit dem Unterbrechen eingeschliffener Denkgewohnheit zu verbinden? Gehört nicht auch die Unterbrechung zum Kern religiösen Lebens?

Zeiten des Fastens gehören seit jeher in nahezu allen Religionen zu eben den Praktiken, mit denen sie zur Prägung der individuellen Lebensform beitragen. Heute wird das Fasten allerdings nicht mehr praktiziert, weil es ein religiöses Gesetz gebietet, sondern weil es Menschen hilft, bewusster und aufmerksamer mit sich selbst und ihrer Welt umzugehen. Ein Ausdruck unserer „Wellness-Kultur“ sei das Fasten geworden, sagen Sie zu Recht. Gerade weil das Fasten für uns Heutige nicht mehr zu den religiösen Pflichten gehört, können wir umso besser seinen zutiefst menschlichen Sinn erkennen. Jetzt sehen wir, wie gut es uns tut, Auszeiten zu schaffen, „Unterbrechungen“ im Gewohnten, wie Sie formulieren – und gerade das Fasten eine solche Unterbrechungspraxis ist, die uns mit Leib und Seele in Anspruch nimmt und verändern kann.

Ebenso wichtig scheint es mir deshalb, die spirituelle Dimension des Fastens zu erkennen. Es kann nicht nur dazu helfen, aus den Alltagsroutinen herauszukommen, das Getriebe, in dem wir oft allzu bereitwillig funktionieren, für eine gewisse Zeit anzuhalten oder zumindest zu verlangsamen. Die Unterbrechung des Alltäglichen, die das Fasten ermöglicht, kann zu einem bewussteren Leben verhelfen. Es führt dazu, dass sich wieder stärkere Resonanzen zwischen mir und der Welt aufbauen, dass ich mich schließlich im Denken neu in der Welt orientiere. Eingeschliffene Selbstverständlichkeiten werden fraglich, die aufs Ganze gehenden Sinnfragen können aufbrechen: Was ist mir wirklich wichtig? Wofür will ich mich einsetzen? Was gibt mir das Gefühl, nicht vergeblich zu leben?

Der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) warb für den sonntäglichen Gottesdienst, indem er ihn als eine Gelegenheit zur „Unterbrechung des geschäftigen Lebens“ pries. Die Unterbrechung, zu der der Gottesdienst verhilft, sollte die Besinnung auf den Grund und das Ziel des eigenen Daseins ermöglichen, zur Verständigung über den Sinn führen, der dem bewussten Leben innewohnt. Heute sind es weniger die durch die religiösen Institutionen geregelten Veranlassungen, die uns in Kontakt zu uns selbst und dem göttlichen Grund allen Sinns bringen, als vielmehr die Initiativen für ein bewussteres Leben, zu denen wir uns selbst entschließen. Für das Fasten kann ich mich selbst entscheiden. Das kann anstrengend sein und ist mit Verzichtsleistungen verbunden. Auf diese Weise rückt uns das Fasten aber den religiös bedeutsamen Sachverhalt vor Augen, dass wir durchaus selbst etwas tun können bzw. es eigener Anstrengungen bedarf, um mit unserem Leib und unserer Seele, also ganz, so wie wir sind, dem göttlichen Grund unseres Daseins näher zu kommen.

Wenn man das Unterbrechen, „den-neuen-Weg gehen“, auch als Abstandnehmen von sich selbst bezeichnet und als kritisches Schauen auf das eigene Leben: Dann sind wir beim Kern der philosophischen Reflexion, dem Sich-selbst-Denken. Fasten ist also eine Form der kritischen Besinnung. Doch auch dafür brauchen wir eigene Räume und eigene Zeiten. Der Philosoph Montaigne hatte seinen berühmten Turm. Wo und wie können wir unseren eigenen privaten „Turm“, d.h. unseren eigenen „Raum der Stille“ pflegen?

Ich denke, dass da jeder heute tatsächlich seinen eigenen Weg zu finden hat, jeder und jede sich einen Raum ausbauen und den „Turm“ suchen muss, wo sich die Chance zur Selbstbesinnung und Sinndeutung eröffnet. Sich an Zeiten des Fastens zu halten, ist ja auch nur eine Möglichkeit neben vielen anderen, um die Alltagsroutinen und Verhaltensgewohnheiten zu unterbrechen. Es gibt andere Wege, auf denen es geschehen kann, dass Menschen in einen intensiveren Kontakt kommen zu sich selbst und sich ihnen ein tieferes Verständnis aufbaut, von den Gründen der Vertrautheit, die sie mit sich selbst haben, von dem Sinn, der ihr Leben trägt, von dem Ziel, auf das hin sie ihr Leben führen. Es kann dies in der Praxis konzentrierter, in die innere Welt führender Meditation geschehen. Es kann dort geschehen, wo die Anregung zum Selbstdenken von außen kommt, im Gespräch, bei der Lektüre, im Kino, oder eben auch, nach wie vor, im Gottesdienst, im Hören einer religiösen Rede.

Denn es ist zwar so, dass den Wegen, die in die Besinnung auf uns selbst führen, ein unmittelbares Mit-Sich-Selbst-Vertraut-Sein schon vorausliegt. Um unserer selbst gewiss zu werden, die eigene Identität zu finden, ein uns in unserer Lebenspraxis orientierendes Selbstkonzept ausbilden zu können, dazu brauchen wir aber immer auch den Anschluss an Traditionen humaner Selbstdeutung, an geprägte Vorstellungen von dem, was ein Leben gut werden lässt und wie der Sinn zu verstehen ist, der unser eigenes Dasein in einen größeren Zusammenhang stellt, in einen solchen zumal, der uns selbst und den anderen Menschen, denen gar, die in Not sind, wirklich gut tut.

Fasten als kritisches Denken führt, wahrhaftig gedacht, wie von selbst zum Handeln zugunsten derer, die auf dieser Welt nicht nur fasten, sondern hungern und verhungern, weil ihnen Essen und sauberes Wasser vorenthalten werden… Wie kommen wir weiter, wie komme ich weiter, im Beistand für diese so vielfältig zwangsweise fastenden, weil hungernden Millionen Menschen etwa in Afrika. Wie kann die „Fernstenliebe“ in uns und bei uns lebendig werden als Empathie?

Es ist ja in der Tat so, dass das Fasten nur dann ein möglicher Weg zur Selbstbesinnung und Lebenssinndeutung sein wird, wo Menschen nicht im harten Kampf um das tägliche Brot stehen. Dann aber wirft es doch gerade zurück auf das, was Not tut. Es kann uns, wenn wir fasten, stärker als sonst vor Augen treten, wie sehr wir im Überfluss leben, wie vieles wir normalerweise genießen und verbrauchen, das wir getrost entbehren könnten. So führt der Weg in die Kontemplation, auf den wir mit dem Fasten gelangen, weiter, hinein die Diskussion und dann auch in die Aktion, angesichts der Frage, was wir tun können, um zu einer gerechteren Verteilung des weltweit gesellschaftliche produzierten Reichtums zu kommen. Das Fasten übt ein in ein Verzichten-Können, in ein mit Weniger-Auskommen-Können. Es ist so tatsächlich ein besonders guter Weg, wenn es einen Ausweg aus globalen Verhältnissen zu finden gilt, in denen ein Drittel der Menschheit mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss.

In der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zeigt sich ja nur zu deutlich, dass sich das reiche Europa auf die Dauer der Herausforderung nicht wird entziehen können, dass es den Reichtum zu teilen gilt, wir also von unserem Überfluss zunächst, nach und nach aber noch sehr viel mehr werden abgeben müssen.

Wer fastet, dem fällt das Abgeben leichter. Denn er hat gelernt, dass weniger zu haben nicht nur möglich ist, sondern einem selbst sogar sehr gut tun kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Warum sind philosophische Salons wichtig und hilfreich?

24. Februar 2016 | Von | Kategorie: Warum Salon-Gespräche wichtig sind?

Wir haben vor kurzem eine neue Rubrik eröffnet:

Warum Salongespräche wichtig sind?

Eine Frage, die wir nicht nur aus theoretischer, historischer und philosophischer Sicht bedenken wollen.

Vielmehr haben unsere eigenen Erfahrungen nach 9 Jahren „Salon-Praxis“ mit monatlichen Gesprächs-Runden gezeigt: Es gibt ein großes Interesse der Menschen in einer oft anonym erlebten Metropole, in kleinen Gruppen mit einander ins Gespräch zu kommen und dabei bewusst die Verschiedenheit, gerade auch im Blick auf unterschiedliche persönliche Lebensphilosophien, Spiritualitäten, Religionen usw. als Chance wahrzunehmen: Als Chance wofür? Selber geistig nicht stehen zu bleiben. Weiter zu sehen, weiter zu denken, bisherige (unbewusste) Dogmen in Frage zu stellen usw. Also wieder lebendig zu werden.Und vielleicht bzw. hoffentlich neue Menschen kennenzulernen, denen man sonst nie begegnen würde. Warum nicht auch Freundschaften zu

An diesem Projekt „Warum sind Salons wichtig“ könnten eigentlich auch ein bisschen die Veranstalter von Akademien interessiert sein und sich etwa fragen: Wen interessieren denn noch wirklich Vorträge von einer Stunde? Kann man das nicht alles selbst lesen, hören, sehen usw… Um dann ins Gespräch zu treten? Sind Akademien, selbstverständlich auch Kirchliche Akademien, nicht heute immer noch Orte der Gesprächsunterdrückung? Wer will schon in einem Saal mit 100 Teilnehmern von seinem Platz aus auf ein Podium hin seine Frage rufen? Wie schnell werden unbequeme Fragesteller abgeblockt von einer besserwisserischen Moderation? Ist der Frontalvortrag, immer noch ständig praktiziert auch in der Erwachsenenbildung, nicht Ausdruck eines aggressiven Frontal-Wissens-Vermittelns autoritätrer Art?

Salons als überschaubare und vor allem freundschaftliche Zusammenkünfte des Respekts wünschen sich die Menschen heute; Orte, wo sie ernst genommen werden und sich aussprechen können. Dabei sind Salons eigentlich so einfach zu organisieren, da braucht man keine Millionenetats der kirchlichen Akademien usw…

Unser Religionsphilosophische Salon (gegründet 2007) steht immer noch am Anfang: Uns bewegt die Frage: Wie können wir in einer multikulturellen Stadt so einladend sein, dass etwa auch Flüchtlinge sich zu Wort melden, Menschen anderer kultureller Herunft, Lateinamerikaner, Afrikaner usw.

Wie kann sich Philosophie bemerkbar machen in Kunst-Interpretationen, stadtkritischen Spaziergängen, Erkundungen des Religiösen usw.

Heinz Ohff, der bekannte und hoch geschätzte Feuilletonchef des Tagesspiegel, vor 10 Jahren gestorben, hat auf seine kluge Art genau gesagt, was in Berlin und in der ausufernden Kultur-Szene wichtig ist: „Das Wichtigste der Kultur, Grundvoraussetzung und vielleicht Sinn von Kultur überhaupt, hat gelitten, nämlich die Humanität. Berlin täte gut daran, statt Kultur auf goldenen und silbernen Platten vor sich her zu tragen, die ureigene Kultur der Mitmenschlichkeit, Gutmütigkeit und, last not least, Lebensfreude wiederzuentdecken“. (zit. aus Tagesspiegel 24.2. 2016, in einem Beitrag von Bernhard Schulz).

copyright: Christian Modehn



Für eine Philosophie der Auferstehung. Ein Salonabend. Fr., 18. März 2016

24. Februar 2016 | Von | Kategorie: Der nächste Salon, Termine

Der Salon am Freitag, den 18. März 2016 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, Berlin-Wilmersdorf,

hat angesichts des bevorstehenden Osterfestes das hoffentlich provozierende Thema:

Für eine Philosophie der Auferstehung.

Es gibt vieles zu verstehen, was die Auferstehung Jesu von den Toten angeht; man darf das Thema nicht den exklusiv frommen (wortwörtlichen) Deutungen überlassen. Es gibt eine kritische Betrachtung der Auferstehung Jesu, die gerade nicht zum Skeptizismus oder Atheismus führt, sondern ? Das kann jeder selbst entscheiden…

Darum erinnern wir u.a. an Hegels Lehre zu „Ist Gott tot??“, erinnern an Künstler wie van Gogh und Ernst Barlach, lesen ein Gedicht von Kurt Marti … schauen in das Markus-Evangelium und entdecken: Auch philosophisch Interessierten hat Ostern viel zu sagen…

Anmeldung -wegen der begrenzten Anzahl der Plätze – erwünscht: christian.modehn@berlin.de

 



Für eine weltliche Religiosität: Zur Spiritualität von Umberto Eco

21. Februar 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Termine

Für eine weltliche Religiosität: Zur Spiritualität von Umberto Eco

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat sich in seinem großen Roman „Der Name der Rose“ als bester Kenner der mittelalterlichen (und sicher nicht nur der mittelalterlichen) Kloster-Welt gezeigt. Das verwundert nicht, hat doch Umberto Eco z.B. seine philosophische Dissertation über das Denken des Dominikanermönchs (und bis heute berühmten Theologen und Philosophen) Thomas von Aquino (1225-1274) verfasst.

Über die Spiritualität bzw. den Glauben Umberto Ecos ist nach meinem Eindruck auf Deutsch nicht viel publiziert worden.

Eco berichtet, dass er bis zu seinem 22. Lebensjahr („da kam der Bruch“) sehr stark auch innerlich vom Katholizismus geprägt war, er hat sich zu seiner agnostischen Haltung durchgerungen, „erkämpft“ wie er sagt. Die alte katholische Welt sei er aber nicht losgeworden, wie er in dem Buch „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“ betont (S. 82 f.). Lesenswert ist immer noch der Briefwechsel (vom Ende der neunzehnhundertneunziger Jahre) mit dem Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini (1927-2012) aus dem Jesuitenorden. Er kann als ausdrücklich progressiver Denker bezeichnet werden. Manche bedauern, dass er nicht anstelle von Joseph Ratzinger Papst wurde…

Allein schon die Tatsache, dass sich ein eher agnostisch fühlender Philosoph mit einem Kardinal ausführlich in Briefen (!) austauscht, verdient große Beachtung. Gibt es ähnliches aus dem deutschsprachigen Raum??

Auf Deutsch ist das Buch unter dem treffenden Titel „Woran glaubt, wer nicht glaubt“ im DTV Verlag 1999 erschienen. Denn klar ist für Umberto Eco: Mein Agnostizismus ist eine Glaubenshaltung! Die Zeiten sind inzwischen vorbei, in denen sich Atheisten und Agnostiker als Spitze der Weltentwicklung fühlten und ihre Überzeugung als Wissenschaft, somit als beweisbare Lehre, verkündeten.. Nur in einer Glaubenshaltung kann man sich der Frage nach dem „Ganzen“ usw. stellen, die glaubende Antwort kann dann unterschiedlich ausfallen.

Wichtig und zur Lektüre zu empfehlen ist vor allem Umberto Ecos Text „Wenn der andere ins Spiel kommt, beginnt die Ethik“, S. 82 ff. Und man möchte in den heutigen Schlammschlachten, die von rechtslastigen und populistischen Parteien Europas angezettelt werden, diesen Text – wieder mal – als Pflicht-Lektüre empfehlen. Den fundamentalistischen Mörderbanden, die sich auf den Islamismus beziehen, sowieso. Falls sie lesen.

Nur zwei Zitate von Umberto Eco: „Wir müssen in erster Linie die Rechte der Körperlichkeit anderer respektieren…“ S. 85. Rechte des Körpers: Darauf besteht Ecos weltliche Ethik: „Sie gründet auf dem natürliche Faktum unserer Körperlichkeit und auf dem Gedanken, dass wir instinktiv wissen, dass wir nur durch die Gegenwart anderer (d.h. durch den Blick des anderen auf uns) eine Seele haben“. (89) „Diese natürliche Ethik kann auch der Gläubige nicht verkennen“ (90). In der natürlichen Ethik sieht Eco sogar eine „tiefe Religiosität“ (93) ganz neuer, humanistischer Art. Diese natürliche Ethik trifft sich für Eco mit der Ethik der Glaubenden. Ein Thema, das unbedingt vertieftwerden müsste: „Natürliche Ethik als tiefe Religiosität“: Das weist – wieder einmal – zu Immanuel Kant.

Nebenbei, für Theologen: Auch die moderne katholische Ethik basiert auf der Autonomie der Moral, entwickelt etwa durch den Theologen Franz Böckle und andere, inspiriert aber letzten Endes von Thomas von Aquin. Die aus dem Evangelium stammende Moral kann dann diese vernüftige Moral vertiefen und provozierende Fragen stellen, wie zum Thema „Feindesliebe“… Aber an erster Stelle steht dieVernunft-Moral, die alle Menschen verbindet.

 

Copyright: Christian Modehn

 



Modern im Mittelalter: Thomas von Aquin, gestorben am 7. März 1274

20. Februar 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Termine, Theologische Bücher

Modern im Mittelalter: Thomas von Aquin, gestorben am 7. März 1274

Er wurde im 19. Jahrhundert der „doctor angelicus“, also der „engelgleiche“ Theologe und Philosoph genannt. Der Dominikanermönch Thomas von Aquin, gestorben am 7. März 1274, geboren 1224 oder 1225 in der Nähe der Stadt Aquino. Im Mittelalter war er modern und deswegen hoch umstritten. Vieles verdankt er den philosophischen Textsammlungen des Aristoteles. Sie stellten muslimische Philosophen (etwa Ibn Ruschd bzw. Averroes) in Europa, vor allem in Andalusien, zur Verfügung. Eine kulturelle Leistung muslimischer Wissenschaftler, für die Europa höchst dankbar sein sollte. Fast das gesamte Werk des Aristoteles wurde zuerst in arabischer Sprache nach Europa gebracht! Und durch diese Aristoteles-Rezeption wurde Thomas von Aquin zu einem damals modernen Philosophen und Theologen. Denn die weltliche Wirklichkeit  in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt sollte vernünftig erforscht werden, das ist seine Grundhaltung;  die bis dahin übliche neuplatonische Einstellung, die in allem Weltlichen sofort die Symbolik des Göttlichen spürte, wurde überwunden. Das Argument galt, die Vernunft, der Glaube sollte nicht total die Erkenntnis bestimmen. Und dadurch machte sich Thomas von Aquin viele Gegner. Die übliche Angst ging um, die Klarheit der Vernunft und des Argumentes vernichte den (neuplatonisch gedeuteten) Glauben. Thomas von Aquin hat Licht ins Mittelalter gebracht!

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert setzte sich seine Lehre als DIE katholische Theologie (und vom Papst einzig erlaubte Philosophie) durch. Seine Leistungen in der Aristoteles-Rezeption und sein Bemühen, ein „System“ der katholischen Lehre zu schaffen, bleiben bedeutend wie umstritten. Aus dem offenen Denken des Thomas von Aquin wurde eine starre Lehre gemacht, die sich in Handbüchern als Neothomismus präsentierte. Der Schaden, den dieses totalitäre, engstirnige Denken anrichtete, ist innerhalb der Kirche enorm, Ketzerprozesse, Abwehr der Menschenrechte durch die Päpste usw. gehören dazu…Erst vor ca. 50 Jahren war es möglich, dass sich katholische Theologen und katholische Philosophen aus dem erstarrten Denken des „Neo-Thomismus“ befreiten.

Aber die Vorstellungen einer machtvoll herrschenden Kletrus-Hierarchie, ein Gedanke des Thomas, sind bis heute gültig. Auch die Vorstellung, dass das „höchste Sein“ Gott selbst ist oder die Lehre, dass sich Gott „beweisen“ lässt, sind immer noch lebendige Ideen des Thomas von Aquin, des Heiligen. Aber wenn heute in der katholischen Ethik die Überzeugung gilt, dass Moral aus der autonomen Vernunft begründet werden muss und nicht als unmittelbares Nachsprechen biblischer Weisungen möglich ist, dann ist das eine ferne Wirkung des Thomas von Aquin: Für ihn war – grundsätzlich – die Vernunft des Menschen nichts Verdorbenes und Böses, sondern eine der wichtigsten und schönsten Gaben des Schöpfers der Welt.

Interessant ist die Einführung in das Denken des Thomas von Aquin, die der einstige Dominikaner und spätere hervorragende katholische Lutherforscher Otto Hermann Pesch verfasst hat. Sein Buch „Thomas von Aquin. Grenze und Größe mittelalterlicher Theologie“ ist im Matthias-Grünewald-Verlag in Mainz 1988 erschienen, es hat 452 Seiten.

 



Camilo Torres: 50 Jahre tot und lebendig

12. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Camilo Torres: 50 Jahre tot und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Beitrag wurde am 1. März 2016 ergänzt mit einem Hinweis zu dem bislang nicht beachteten Thema: „Camilo Torres in Berlin„, mitgeteilt von dem columbianischen Historiker Juan Biermann Lopez. Den interessanten Beitrag finden Sie weiter unten.

Am 15. Februar 1966, vor 50 Jahren, wurde ein Priester als Guerillero im kolumbianischen Urwald erschossen, in „Patio Cemento“ im Nordosten des Landes. Er hatte sich als Theologe und Soziologe, der Befreiungsbewegung ELN erst ein paar Tage zuvor angeschlossen. Camilo Torres ist sein Name, er ist einer der ersten lateinamerikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der das bestehende Elend der Massen als – von den Herrschenden- gewolltes und gemachtes Elend begriffen hatte und anklagte. Viele Menschen in Europa aber haben von ihm nur „irgendwie“ „etwas Schlimmes“ gehört, zumeist durch die abwertenden Urteile, wenn nicht Verteufelungen seiner Person durch katholischen Erzbischöfe, Kardinäle und Rom-ergebene Theologen im Rahmen des „Anti-Kommunismus“… als Ergebenheit gegenüber dem Imperiuim, den USA. Diese Kirchenführer sahen in Camilo Torres vor allem einen Gewalttäter, einen Revoluzzer, einen üblen Burschen, der zu den Waffen griff usw. usw. Dabei wurde und wird verschwiegen, dass Camilo Torres als einer der ersten Theologen in Lateinamerika, und noch dazu in dem ultra-konservativen Katholizismus in Kolumbien damals, die Verpflichtung der Christen deutlich formulierte: Es gilt nicht zuerst, fromme Seelen zu bilden und treue und gehorsame Kirchenschäfchen zu formen, sondern mündige Bürger, die im Geist des armen Jesus von Nazareth die Sache der Armen praktisch vertreten, und deswegen fordern: Nicht mehr caritative Hilfe, sondern bessere und gerechterer politische und soziale Strukturen in einem Staat, der den Namen Demokratie verdient. In Kolumbien damals wechselten sich Konservative und Liberale in der Regierung ab, eine dritte Möglichkeit war ausgeschlossen. Wenn es gerecht zuginge, müßte Camilo Torres, der hochbegabte Theologe und Soziologe, ein Prophet genannt werden. Gerecht geht es aber nicht zu…

Inzwischen wissen jedoch viele Menschen in Kolumbien und Lateinamerika sehr viel besser, wer Camilo Torres war: Er war Theologe und Soziologe; er war einer der ersten, der Erlösung, dieses spiritualistisch verwendete Wort, als reale Befreiung, als soziale Befreiung, als Gültigkeit der universalen Menschenrechte, verstand und selbst lebte. Er wollte zum Schluss erst dann die Messe wieder feiern, wenn die Gerechtigkeit wenigstens elementar gilt und real ist in Staat und Gesellschaft. Vorher muss eben aufgeklärt, diskutiert und informiert werden… Wohl aus Verzweiflung griff dann Camilo Torres zu den Waffen und wurde, kaum kämpfend, erschossen. Eine Tragik, die bisher keine Erklärung gefunden hat.

Camilo Torres wurde am 3. Februar 1929 in Bogotá geboren, die biografischen Daten lassen sich leicht finden. Erste Übersichten bietet wikipedia. Wichtig ist die Erkenntnis, dass die „Radikalisierung“ des Studentenpfarrers Camilo Torres (zum Priester geweiht 1954) vor allem durch die „Blockadehaltung der kolumbianischen Bischöfe“ verursacht wurde, davon spricht Hubert Frank in seiner Kolumbien-Studie in „Kirche und Katholizismus seit 1945, Band 6, Seite 312, 2009 Paderborn). Das heißt: Es waren die Kirchenfürsten selbst, in ihrem blockierten Denken, die einen klugen Theologen wie Camilo Torres zur politischen Radikalität führten! 1965 verzichtete er auf den offiziellen priesterlichen Dienst, hatte aber immer das Bewußtsein, weiterhin „priesterlich“ (d.h. für die anderen lebend) zu wirken. In Kolumbien galt für engagierte Leute nur die abstrakte Gegenüberstellung, entweder die Mitwirkung in der Kirche (und dem Staat) in der gegebenen korrupten Form oder eben in der Guerilla. Von dem damaligen Kardinal von Bogotá, Luis Concha, wird berichtet, dass er die völlig abwegige und falsche Lehre vertrat, das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) verpflichte nur zu liturgischen, nicht aber sozialen Reformen im Land. (siehe Hubert Frank, ebd.). Solche Bischöfe haben den Status quo der himmelschreienden Ungerechtigkeit nur verlängert. Sie waren Ideologen, und was Kardinal Conchas Meinung zum Konzil betrifft, eben Irrlehrer, Irrlehrer im Bischofsamt.

Interessant ist, dass sich Camilo Torres schon als Kind in BERLIN aufhielt, sein Vater war Kolumbianischer Konsul; ein zweites Mal war er im Jahr 1959 für einige Wochen in BERLIN. Von diesem Berlin-Aufenthalt hier ist meines Wissens fast nichts Näheres bekannt. Jedenfalls kehrte er danach wieder nach Bogotá zurück. Es wäre eigentlich für eine Religions – und Theologie-Geschichte Berlins doch hoch bedeutend, darüber mehr zu wissen. Berlin, ein bißchen auch die Camilo Torres Stadt, warum denn nicht? Wäre ein Thema für eine sich katholisch, also „allumfassend“ nennende Akademie hier… Oder für den neuen Titel einer Kirche, vielleicht anstelle des kriegerischen Kaisers Wilhelm? Und seiner „Gedächtniskirche“ (An welche vorbildliche Haltung soll man bei diesem Kaiser eigentlich spirituell denken?, … aber das ist ein anderes Thema). „Camilo Torres Gedächtniskirche“: Warum sollte es solche Kirchen nicht geben? Vielleicht in Berlin, wo es mindestens schon 10 mal Luther- oder 5 mal Herz-Jesu-Kirchen usw. gibt…

Inzwischen, dank Papst Franziskus wieder mal und möglicherweise, wer weiß es, wird selbst in der römschen Kirche Kolumbiens etwas objektiver über die große humane Gestalt, den großen Theologen Camilo Torres anders, nämlich objektiver, gedacht. Der Erzbischof von Cali, Dario de Jesus Monsalve, meint gar, Camilo Torres sei heute ein „Symbol der Versöhnung für diese Zeiten des Friedens in Kolumbien“. Die Prälaten erinnern sich an das zentrale Projekt ihres neu entdeckten Helden, an die von Camilo mehrfach besprochene „amor eficaz“, die wirksame Liebe, also jene Nächstenliebe, die gerechtere Strukturen tatsächlich schafft und nicht nur bespricht.

Heute gibt es – außerhalb Deutschlands – bereits zahlreiche Orte, Häuser und Studienzentren, die nach Camilo Torres  benannt sind, in Kolumbien sogar schon und in Santander, Spanien, in Louvain, Belgien, wo Torres studierte,  ist ein Studentenheim der katholischen Uni nach ihm benannt. Inzwischen gibt es ein Studienzentrum Camilo Torres (Mitarbeiter dort ist der Historiker und Camilo Torres Spezialist Juan Biermann), das Theater La Candelaria in Medellin, Kolumbien, führt ein Torres Stück auf.

Man merke also: Die üble Anti-Torres-Propagada, vertreten durch das allmächtige Opus Dei in Kolumbien und ihren CIA-Freund, den kolumbianischen Kardinal Lopez Trujillo, (Medellin, später im Vatikan,) all diese Verleumdungen haben nicht den Sieg errungen: Camilo Torres lebt heute, sein theologisches Denken inspiriert, abgesehen von seinem späten Gang zu den Waffen. Das war eine Verzweiflungstat, der kein Verzweifelter nachfolgen darf.

Aber Camilo Torres hat schon unmittelbar nach seinem Tod inspiriert, als sich in der Kirche kritische Gruppen bildeten: So trafen sich 1968 auf dem Landgut Golconda (Kolumbien) viele Priester (mit dem Bischof von Buenaventura) zur Gründung einer eigenen Priestergruppe, die später als „Golconda-Gruppe“ internationale bekannt wurde. Sie hatte auch bis nach Argentinien gewirkt und wurde von dem damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Bergoglio, und dem insgesamt konservativen Episkopat dort, attackiert…

CAMILO TORRES UND BERLIN: Als Camilo Torres in Berlin war….

Hinweise von Juan Biermann, Bogota.

Der Historiker und Spezialist für Camilo Torres, Juan Biermann Lopez, Bogotá, schreibt dem Religionsphilosophischen am 1. 3. 2016 über den bislang völlig unbekannten Aufenthalt von Camilo Torres in Berlin.

„Camilo Torres hat sich in Ost-Berlin aufgehalten, für mich vom Datum her noch nicht genau zu sagen, irgendwann in den Jahren 1957 bis 1959; er besuchte Luis Villard Borda, der damals der letzte kolumbianische Botschafter war in der DDR.

Die Begegnung mit Luis Villard Borda war darin begründet, dass beide alte Freunde waren, sie studierten am Liceo Cervantes in Bogotá. Camilo Torres besuchte Berlin, um eine Gruppe junger Kolumbianer zu bilden, die gemeinsam die sozialen Probleme des Landes studieren wollten. Es bildete sich dann auch die Gruppe „Equipo Colombiano de Investigación Socio-Económica“ (ECISE), die wohl ein Jahr existierte, aber keine große Bedeutung erreichte.

Andererseits ist es wichtig, daran zu erinnern, dass Camilos Mutter, Isabel Restrepo Gaviria, zuerst mit einem Deutschen verheiratet war, mit Herrn Westendorp, mit ihm hatte sie zwei Kinder, Edgar und Gerda. Dann heiratete die Mutter Calixto Torres, und mit ihm hatte sie die beiden Söhne Fernando und Camilo. Mit Gerda und Edgar lernte Camilo Deutsch auf dem Colegio Aleman, bevor er zum Liceo Cervantes überwechselte“.

……………………..

Ein weiteres Thema, das wir intensiver bearbeiten sollten, heißt: „Camilo Torres und Thomas Müntzer“ bzw. „Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und Thomas Müntzer“.

Copyright: Christian Modehn

Zur Vertiefung:
http://www.unperiodico.unal.edu.co/dper/article/camilo-torres-restrepo-mucho-mas-que-un-cura-guerrillero.html

http://razonpublica.com/index.php/cultura/8665-en-los-zapatos-de-camilo-torres

1986 veröffentlichte die Züricher Zeitschrift des Jesuiten-Ordens ORIENTIERUNG einen sehr informativen Beitrag über Camilo Torres, leider wurde diese kritische Zeitschrift eingestellt! Aber den Beitrag von Mario Calderon kann man noch und sollte man  nachlesen, klicken Sie bitte hier.

Unter dem Titel „Camilos Erbe“ hat der katholische Theologe Prof. Norbert Mette am 12. 2. 2016 einen Beitrag in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM einen aktuellen Beitrag verfasst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon. .

 

 



Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik, Termine

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Lektürempfehlung für alle, die Spanisch lesen können: Ein Beitrag (2014 publiziert)  von dem berühmten Recherche-Journalisten Raul Olmos (Mexiko)  über das Finanzimperium der Legionäre Christi, klicken Sie hier, auch mit hübschen Fotos.

Papst Franziskus besucht vom 12. bis 18. Februar 2016 Mexiko, sicher mit wichtigen Begegnungen in der Drogen-Stadt Ciudad Juarez oder in Chiapas, wo die Indigenas heftigsten Verfolgungen der Regierungen ausgesetzt waren. Und der „Indio-Bischof“ Ruiz vom Vatikan bedrängt, wenn nicht verfolgt wurde. Aber Papst Franziskus besucht auch das Land, das die Opfer des sexuellen Mißbrauchs in der römischen Kirchewelt stets im Kopf und in der verwundeten, zerstörten Seele haben, das Land, in dem der immer noch existierende Orden „Legionäre Christi“ von dem mexikanischen jungen Mann Marcial Maciel vor 60 Jahren gegründet wurde. Fehlt nur noch, dass der Papst an Legionärs-Geburtstagsparties in Mexiko-Stadt, etwa an der edlen Privatuni des Ordens, teilnimmt.

Der Ordensgründer Marcial Maciel wurde selbst von dem eher feinsinnigen und moderaten Papst Benedikt XVI. als unwürdiges Geschöpf und gar als Verbrecher bezeichnet, zu lang ist die Liste seiner Jahrzehnte langen Verbrechen an Knaben, zu lang die Liste seiner Betrügereien, seiner grenzenlosesten Habgier .. und die Liste seiner dem Anschein nach frommen Bücher usw. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat über die Gestalt Pater Maciels, eines ganz dicken Freundes von Papst Johannes Paul II. und etlicher Kurien-Kardinäle, seit 10 Jahren berichtet.

Wir weisen anläßlich der Reise des Papstes nach Mexiko, förmlich DAS Legionärsland immer noch, auf ein wichtiges Buch über den Milliarden Dollar-reichen Orden eines mexikanischen TOP-Journalisten hin…. und fragen uns, warum denn eigentlich kein Verlag deutscher Sprache, kein ARD Sender, kein kompetenter Regisseur wie etwa Ulrich Seidl sich dieses Themas annimmt. Nirgendwo ist die Korruption im römischen System deutlicher mit Händen zu greifen als bei den Legionären Christi. Der mexikanische Recherche-Journalist Raul Olmos hat inzwischen (2015) eine umfangreiche Studie als e book über das Finanzimperium der Legionäre Christi publiziert. Bisher hat sich kein Verlag in Deutschland für diese Studie interessiert…Wir erinnern noch einmal daran, dass schon 2001 der spanische Journalist Alfonso Robles Torres in seiner Studie („La prodgiosa aventura de los Legionarios de Cristo, Madrid FOCA) darauf hinwies, dass der mexikanische (aus dem Libanon stammende) MultiMILLIARDÄR Carlos Slim und seine Familie mit dem korrupten Ordensgründer Marcial Maciel eng freundschaftlich verbunden war, „como el sacerdote de cámara de la familia Slim“, Seite 51, also „wie ein Hausgeistlicher der Familie Slim“. Das Vermögen der mexikanischen Familie Slim wird auf 60 Milliarden Dollar (2008) geschätzt, so die Pariser Zeitschrift aus dem Haus Le Monde, „Manière de voir“, Juin 2008, Seite 45).

Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.



Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Remonstranten Forum Berlin, Termine

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 12. Februar 2016 treffen sich Papst Franziskus und das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, in Havanna. Der Papst macht eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Mexiko, der Patriarch hält sich zu  einer Art Freundschaftsbesuch bei den Brüdern Castro auf. Für Rom ist seit Jahren das sehr dringende Verlangen bekannt, doch endlich einmal eine Begegnung des Papstes mit dem Chef der russischen Orthodoxie zu arrangieren. Es soll der heftige Wunsch schon Papst Johannes Paul II. gewesen sein, einmal in Moskau den Patriarchen zu treffen. Nun klappt es also wenigstens in Cuba… so sehr ziert sich der Herr Patriarch, er hat verhindert, dass der alte Feind aus Rom doch bitte nicht in Moskau auftaucht… CUBA entspricht, so möchte man mit leichtem ironischen Ton bemerken, einmal mehr seinem selbstverständlich „allseits“ hoch geschätzten Ruf als „Land der Begegnung und Völkerfreundschaft“.

Falls es einige LeserInnen interessiert: Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat sich seit etlichen Jahren mit der engsten Nähe des Putin-Regimes und des Moskauer Patriarchats befasst, vor allem wurde immer wieder auf die ausgezeichneten Beiträge der Philosophen Michael Ryklin in der stets empfehlenswerten Zeitschrift „LETTRE international“ hingewiesen, Prof. Ryklin lebt in Berlin und Moskau.

Wir möchten einen Beitrag noch mal zur Lektüre empfehlen, der 2012 bzw 2014 über Patrirach Kyrill und seine Freunde im Kreml veröffentlicht wurde: Klicken Sie zur Lektüre bitte hier und fragen Sie sich, wie wir im Religionsphilosophischen Salon Berlin, welche kritischen Themen denn mit einem solchen Putin-Patriarchen besprochen werden können und sollten.



Der Katholizismus ist veräußerlicht. Aus aktuellem Anlass: Ein Hinweis zur Religionskritik Georg W.F. Hegels

8. Februar 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Der Katholizismus ist veräußerlicht. Aus aktuellem Anlass: Ein Hinweis zur Religionskritik Georg W.F. Hegels

Von Christian Modehn

Wenn im Petersdom Leichname zur Verehrung und zum Gebet jetzt (Februar 2016) ausgestellt werden und die Massen tatsächlich sich drängeln, um den Heiligen Pater Pio im Glassarg mit Silikonmaske zu betrachten, dann kommt ein philosophierender Mensch natürlich zum Thema der Religionskritik. Und er wird dabei erneut überrascht, in welcher Deutlichkeit der Philosoph Hegel (1770 bis 1831) den Katholizismus als veräußerliche Konfession dargestellt hat. Auch in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, (Band IV, Verlag von Felix Meiner, Hamburg, 1968,) wird diese klare Erkenntnis des immer noch, bis heute, vorherrschenden Wesens des Katholizismus formuliert.

Der Hinweis kann die Lektüre aus aktuellem vatikanischen Anlass nicht ersetzen und wird dringend empfohlen, in diesen Vorlesungen spricht Hegel übrigens gut „nachvollziehbar“…

Hegel geht davon aus, dass im Katholizismus die Hostie, ausgestellt und dargeboten, zur Verehrung im Knien empfohlen wird. Die Hostie als äußere Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus usf. sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses (also ein Ding, eine Reliquie etwa). Siehe Seite 823 f.

Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt die ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge halten sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form des Frommseins fördern. Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verweht, sich im eigenen Geiste eine unmittelbare Verbindung mit Gott zu suchen. Die Mystik erwähnt er dabei als seltene katholische Ausnahme leider nicht.

Im ganzen sieht Hegel den Katholizismus in seiner Welt-Geschichts-Konzeption als Beispiel („aufzuhebenden“) mittelalterlichen Denkens.

Er sieht im Verlauf der Vorlesungen sogar eine Art tiefes inneres Verderben (Korruption) im Katholizismus, dadurch dass der Klerus die Verehrung des Äußerlichen, der Hostie, der Heiligen, der heiligen Gegenstände usw. in den Mittelpunkt stellte (S. 872). „In der Frömmigkeit erscheint das Verderben als Abergluaben überhaupt, als Gebundensein an ein Sinnliches (etwa Reliquien), das die katholische Frömmigkeit als Geist verehren soll. Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Von Gott, der auch nach neutestamentlichen Zeugnis GEIST ist, bleibt dann nichts übrig…

Also:Vom „Christentum als einem geistigen Prinzip !“ (S. 875) ist etwa bei den Reliquienkulten nichts mehr zu spüren…. bis die Reformation sich durchsetzt… „Versöhnung mit Gott kann es für Luther nicht auf äußerliche Weise, sondern nur auf geistige Weise geben“ (S. 878).

Copyright: Christian Modehn

 



Christliche Gemeinden als Schulen der Weisheit … gegen Götzendienst …und für einen Gott, der sich nicht fassen lässt. Interview mit dem Religionsphilosophen Johan Goud, Den Haag.

3. Februar 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Liberale Theologie heute: Literarische und künstlerische Zeugnisse

Christliche Gemeinden als Schulen der Weisheit … gegen Götzendienst …und für einen Gott, der sich nicht fassen lässt.

Interview mit dem Religionsphilosophen Johan Goud, Den Haag.

Die Fragen stellte Christian Modehn für die Zeitschrift PUBLIK FORUM.

Publik_Forum: In den Niederlanden nennen sich 49 % der Einwohner unkirchlich. Tendenz steigend. Die Zahl der Katholiken nimmt ständig ab. 2014 waren es noch 24 %; 16 % nennen sich protestantisch. Unter den 18 – 35 Jährigen ist der Anteil der Christen sehr gering. In einigen Jahren könnte es fast keine Kirchen mehr in Holland geben. Sind unkirchliche Holländer auch unreligiös?

Johan Goud: Sicher nicht. Schon im 17. Jahrhundert gab es „Kirche“ bei uns nur in Vielfalt. Keine konnte beanspruchen, „Religion“ und „Christlichkeit“ uneingeschränkt zu repräsentieren. Jetzt gibt es noch mehr Pluralität, religiőse Alternativen nicht-christlicher Art. Nur 24 Prozent der Niederländer zählen sich zu den traditionellen „Theisten“, also zu den Gottgläubigen. Dagegen sagen 62 Prozent, dass sie an ‘Etwas’ glauben, zum Beispiel an eine „universelle Energie“. Sie bejahen den Satz, wonach es „mehr gibt zwischen Himmel und Erde“ oder bezeichnen sich als Agnostiker. Schon 1946 vertrat der Schriftsteller Simon Vestdijk die These, dass der buddhistisch orientierten, mystisch-verinnerlichten Religiosität die Zukunft gehöre. Sein Buch wurde in kirchlichen Kreisen kaum ernst genommen. Er hat aber recht bekommen.

Kann unter diesen Bedingungen die Auseinandersetzung mit Kunst, Philosophie, Poesie auf neue Weise religiöse Erfahrungen ermöglichen?

In unserer Zeit, die beherrscht wird von rationalistischen und ökonomischen Werten, sollten Kunst und Religion einander als Verbündete anerkennen. Zwar erfordert diese gegenseitige Anerkennung, dass sie sich selbst als relativ ansehen und sich voneinander anregen lassen. Vom Literaturkritiker Paul de Man stammt jedoch die provokative Bemerkung: “Meines Erachtens kann ein Gläubiger nicht lesen“. Er meint damit, dass ein gläubiger Mensch nicht imstande sei, sich selber zu relativieren und ironisieren: ‘Ernst ohne Spiel ist blind’, könnte man darum, Kant paraphrasierend, hinzufügen. Für mich sind Aussagen wie diese eine bleibende Herausforderung. Theoretisch geschieht das Bündnis von Religion und Kunst, indem ich eine Theologie entwickle, die sich ins offene Felde der Sprache stellt und die Worte des Glaubens literarisch auffasst. Praktisch geschieht dies, indem man sich als Theologe für die vielen „Götter“ in Kunst und Literatur öffnet und sich behutsam mit ihnen auseinandersetzt. Denn in Kunst und Literatur findet sich eine Genauigkeit, die empfänglich ist für die flüssige Wirklichkeit der Seele, mit ihren Vermutungen, Beschwörungen, Träumen und Wünschen.

Wird die Suche nach Transzendenz immer mehr zur Sache des einzelnen?

War sie das in gewisser Hinsicht nicht immer schon? ‘Transzendenz’, in welchen Gestalten auch immer, übersteigt letzten Endes alle Zugehörigkeiten und sozialen Konventionen. Sie lässt sich nicht aus dem folgern, was ‘man’ für wichtig hält. Sie ist immer eine Sache von Ich und Du, eine Sache des Einzelnen also. Aber wenn ich wirklich von ihr ergriffen werde, kann ich nicht bei mir selbst als Einzelnem bleiben. Das Denken von Emmanuel Lévinas hat mich an diesem Punkt immer tief beeindruckt: Gott ist der Rätselhafte, der „Spielverderber“, den ich nie erwischen kann: ‘Ich nähere mich dem Unendlichen, insofern ich mich selbst vergesse um des Nächsten willen, der mich anschaut’.

Wie sollten christliche Gemeinden gestaltet sein, damit sie den Suchenden, auch den „Nichtkonfessionellen“, Raum bieten?

Es wäre schön, wenn die Gemeinden sich zu „Schulen von Weisheit“ entwickeln würden – ein Ausdruck des katholischen Theologen Edward Schillebeeckx. Im kritischen Sinne geht es um die Entlarvung von Scheinweisheit und Götzendienst, also um die Kritik am Ökonomismus, am Nationalismus, an der Angst vor dem Fremden. Im positiven Sinn meint „Schule von Weisheit“ die Übung im gemeinsamen Fragen (!) nach Gott, im literarischen Verstehen der Bibel und der Tradition, in der mitfühlenden Kraft von Phantasie und Denken, wie die Philosophin Martha Nussbaum es nennt. Deswegen sollten die Pfarrer Lehrer sein, Freunde unter Freunden – statt Hirten mit ihren Schäflein.

Würde sich damit das bekannte Profil des Christlichen verändern?

Eine Veränderung gibt es gewiss, aber meines Erachtens noch keine grundsätzliche. Die kirchliche Katechese wollte immer auch gläubige Kritik an ‘Luft und Leere’, also an der Eitelkeit sein. Was sich also ändern sollte, ist die Vorliebe für Macht und für große Zahlen, für die autoritäre Ordnung. Ändern muss auch sich die Bevorzugung der Sicherheit statt der Herausforderung und der Fragen. Meinte das alles nicht auch Dietrich Bonhoeffer, als er für ein mündiges, religionsloses Christentum plädierte? Es scheint mir wichtig, dieses Ideal zu pflegen! In den Niederlanden gibt es, anders als in Deutschland, seit Jahrhunderten einflussreiche freiheitliche Traditionen in den Kirchen, Glaubensgemeinschaften im humanistischen Geiste von Erasmus, Geert Grote, Hugo Grotius, Arminius und anderer. Wir brauchen Gemeinschaften, die die humane Glaubenspraxis höher schätzen als die richtige Lehre – auch als Widerstand gegen die Medien mit ihrer Propaganda, die neue und gefährliche Formen von Leichtgläubigkeit und Orthodoxie fördern. In Gemeinden, die das undogmatische Suchen und die gemeinsame Debatte über Gott pflegen, sollte der konfessionelle Hintergrund irrelevant sein.

Johan Goud (geboren 1950) ist emeritierter Professor für Religionsphilosophie und Theologische Ästhetik an der Universität Utrecht und Pfarrer der protestantischen Remonstranten –Kirche in Den Haag, zur Zeit in Hengelo. Zahlreiche Veröffentlichungen.

copyright: PUBLIK FORUM

 

 

 

 

 

 

 

 



An (und mit) Montaigne denken: Am 28. Februar

3. Februar 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

Am 28. Februar 1533 wurde Michel de Montaigne geboren. Gestorben ist er am 13. September 1592. Wohl kaum ein anderer philosophierender Autor, den wir durchaus Philosoph nennen sollen, (denn dieser Titel ist doch nicht Universitäts-Professoren vorbehalten), hat in den letzten Jahren so viel Beachtung gefunden, so viele Leser, die mit Vergnügen seine skeptischen und wahrhaftigen Essais lesen. Und als Inspiration begreifen, das Leben „trotz allem“ zu lieben.

Ein Hinweis mit einer Lese-Empfehlung:

Michel de Montaigne: Er lehrt die Menschen „wie sie mit sich selbst sprechen sollen“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eigentlich muss man das Werk Michel de Montaignes nicht mehr empfehlen, er ist jetzt beliebt selbst bei Menschen, die sich sonst schwer tun mit philosophischer Lektüre. Dabei wäre es auch falsch, Montaignes Denken „leicht“ zu finden. Ihm gelingt es, komplexe Lebens-Erfahrungen nachvollziehbar und in angenehmer Sprache zu benennen. Er macht Lust am Selber-Denken. Und er ist in Zeiten der Religionskriege des 16. Jahrhunderts kritisch und selbstkritisch, man lese etwa Essay 56 „Über das Beten“ bzw. über die Verlogenheiten beim Beten und die offiziell erwünschte Frömmigkeit.

Was die Lektüre der Essais, also des Hauptwerkes von Montaigne, so erfreulich macht, ist die man möchte sagen umfassende, nahezu absolute Wahrhaftigkeit des Autors; ist die Tatsache, dass da ein Mensch im Angst-besetzten 16. Jahrhundert sich ganz frei zeigt, „ich“ sagt, eigene Überzeugungen begründet, immer als Beispiel, wie Leben auf dieser verrückten und feindseligen Welt doch noch einen Schimmer des Gutseins und der Hoffnung bewahrt. Man lese seine Empfehlung zum Selbst-Denken: “Worauf ihr zu sinnen habt, ist nicht mehr, dass die Welt von euch spreche, sondern wie ihr MIT EUCH selbst sprechen sollt. Zieht euch in euer Inneres zurück, vorher aber macht alles bereit, euch dort empfangen zu können…“ (Essay 39, Über die Einsamkeit). Und vor allem: “Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt…“

Unpolitisch war er nicht, bei aller Liebe zu einer skeptischen Lebenshaltung: Schon als junger Mann hat er sich als Stadtrat von Bordeaux um das Wohl der Bürger gekümmert. Und vor allem kann er darauf verweisen, dass er vier Jahre lang als Bürgermeister von Bordeaux tätig war, zur Zufriedenheit der Bürger übrigen. Allerdings hat er selbst auch negative Erfahrungen gemacht: „Die Gesetze werden oft von Hohlköpfen gemacht und noch öfter von Leuten, die die Gleichheit aller Menschen hassen und dabei ihres Sinnes für die Gerechtigkeit beraubt werden. Diese Gesetzgeber sind windige und wetterwenderische Macher…. Ich finde die Gemeinwesen am gerechtesten, die am wenigsten Ungleichheit zwischen Oben und Unten in der Gesellschaft, sagen wir zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zulassen“.

Nach wie vor empfehle ich die Übersetzung der Essais durch Hans Stilett, eine großartige Leistung. Zuerst 1998 im Eichborn Verlag 1998 in einer prächtigen Ausgabe erschienen.

Copyright: Christian Modehn



DADA lebt

2. Februar 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Termine

DADA lebt. Der 5. Februar gilt als 100. Geburtstag der DADA-Bewegung.

Ein Hinweis von Christian Modehn, Berlin

Hans Küng ist meines Wissens einer der wenigen heutigen (katholischen) Theologen, die DADA ausdrücklich verteidigen. Vielleicht liegt das daran, dass Küng Schweizer ist (der erste Treffpunkt der Dadaisten befand sich bekanntlich in Zürich)…? Oder weil er eben ein universal gebildeter Theologe ist?

Jedenfalls betont Küng ausdrücklich, dass keine Institution, kein Staat und keine Kirche das Recht haben, sich „aufgrund einer künstlerischen Darstellung ein moralisches Urteil über die Grundeinstellung eines Künstlers anzumaßen und sich als Richter auf Nihilismus, Dekadenz, Amoralität oder Lüge zu befinden. Vordergründig Absurdes kann einen hintergründigen Sinn haben“ (in: Hans Küng, „Musik und Religion“, München 2006, Seite 216f.)

Küng nennt zunächst Giorgio de Chirico, Hans Bellmer, Francis Bacon… Und er sagt weiter, dass selbst hinter dem – so wörtlich – „Unsinn einer dadaistischen Collage aus sinnentleerten Papierschnitzeln noch Sinn stecken kann“, also „Protest gegen die Unsinnigkeit des Krieges, den Rationalismus des technischen Zeitalters, die Verlogenheit der bürgerlichen Kultur, die falschen Götter“. Und Küng zitiert den großen DADA Inspirator Hugo Ball: „Was wir Dada nennen, ist ein Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“. (S. 217).

Man könnte natürlich einwenden, dass mit Küng eben ein Theologe spricht, der in allem noch so Entlegenen einen Sinn noch entdeckt. Aber was ist falsch an dieser Haltung? Selbst wer von sich paradoxerweise behauptet, etwas Sinnloses zu schaffen, meint doch: Sinnlos ist dies für die alle anderen, nicht sinnlos hingegen für mich als den schaffenden kreativen Künstler. Diese Haltung gilt sicher nicht für die DADA-Bewegung. Die wollte mitten im Ersten Weltkrieg die Gesellschaft provozieren, wach machen für die humanen Werte, indem sie das nach außen, auf den ersten Blick der Alltagsvernunft hin Sinnlose zeigte und aussprach. Dabei macht DADA deutlich, dass die übliche logische Welt – damals, 1916, als sinnlos-kriegerische Welt alles andere als rational – eben nur eine mögliche, ein schlimme Variante des Denkbaren ist. Verrückt war nicht DADA, möchte man sagen, sondern verrückt waren die in sich verkrampften kriegerischen National-Staaten… DADA öffnete so den Geist für Mögliches, für Alternativen. ABER:

Eine in sich verkrampfte, selbstsichere, kriegerisch, brutale bürgerliche Welt konnte und wollte über DADA bestenfalls schmunzeln. Diese Welt war (und ist) schlicht zu blöd, um DADA zu verstehen. Wo ist DADA heute? DADA lebt auf andere Weise: Sicher nicht nur in der Kunst und Literatur im expliziten Sinne. DADA ist dort, wo Ungeahntes dargestellt wird als Möglichkeit, als Ausweg, als Befreiung aus Denkzwängen. Als Widerstand gegen alle Stumpfsinnigen, die da uns belehren wollen mit ihrem neoliberalen Herrschafts-Credo: „Es gibt keine Alternative“. Oder jetzt: „Das Boot ist voll“. Oder: „ Die ewige Tradition lässt keine Revolution zu, etwa in den Kirchen“. Es gibt also eine neues DADA heute, nicht als Spaß der Wortspieler, sondern als Lebensform jener, die die Hoffnung und den Lebenssinn bewahrt haben und sagen: Es gibt Alternativen. Denken wir nur mal nach.Und handeln dann gemeinsam.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

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