Dominikanische Republik



Rassismus in der Dominikanischen Republik: Tausende Haitianer werden jetzt deportiert

6. Juli 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Rassismus in der Dominikanischen Republik: Haitianer werden zu Tausenden vertrieben

Von Christian Modehn, am 6. 7. 2015

Nachtrag am 9.10. 2016: Es kommt eher selten vor, dass bedeutendere Medien in Europa auf die rechtliche Situation der Haitianer in der Dominikanischen Republik hinweisen, besonders der Haitianer, die in der Dominikanischen Republik geboren wurden, also aufgrund des „ius solis“ dort dominikanische Staatsbürger sind. „Eigentlich“ sind. Denn der oberste Gerichtshof dieses Landes hat 2013 die dominikanische Staatsangehörigkeit vielen dieser „Haitianer“ aberkannt. Darauf weist jetzt der Forscher am Zentrum CNRS Patrick Weil hin, er ist Spezialist für die „Politik der Immigration“. In „Le Monde“ vom 8. Januar 2016 schreibt er auf Seite 9 im Zusammenhang mit der Aberkennung der französischen Staatsbürgerschaft für Menschen mit einem 2. Pass etwa aus Algerien: „Diese Entscheidung in der Dominikanischen Republik- sie ist das jüngste Geschwür der langen Geschichte von Aberkennungen von Staatsbürgerschaft –  hat nicht ausreichende Reaktionen in Frankreich und in Europa bewirkt“.

Mein text vom 6.7.2015:

Auf den Rassismus im „Ferien-Paradies“ der Karibik, der Dominikanischen Republik, haben wir auf der website des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ schon mehrfach hingewiesen. Diese Informationen gehören  zu einer kritischen Philosophie, die sich den Menschenrechten verpflichtet weiß. Weil der reaktionäre Kardinal von Santo Domingo, Herr Lopez Rodriguez, sich als heftigster Nationalist gegen die Lebensrechte der Haitianer zeigte, ist unser Interesse auch eine religionskritische Arbeit. Selbst der weltbekannte (peruanische) Autor Vargas Llosa hat angesichts der nationalistischen Dummheit von Kardinal Lopez Rodriguez Papst Franziskus im Dezember 2013 öffentlich aufgefordert, diesen alten reaktionären Herrn aus Santo Domingo endlich abzulösen (Lopez Rodriguez ist zudem  Anti-Feminist und Feind des Respekts für  Homosexuelle). Den Artikel von Vargas Lllosa lesen Sie bitte hier. Immerhin hat sich ein Priester in der kleinen dominikanischen Stadt San Francisco de Macoris, Padre Felix Rosario, ebenfalls gegen die nationalistische (also anti-haitianische) Dummheit des Kardinals öffentlich gewandt, lesen Sie einen Hinweis auf seine Kritik bitte hier. Wir hoffen, dass Padre Rosario nicht wie andere kritische Priester durch den Einfluß von Lopez Rodriguez außer Landes verwiesen wurde etc…

Unser Interesse für die Dominikanische Republik ist durchaus auch von Zustimmung geprägt, man denke etwa an unsere Berichte über das “Museo de la Resistancia“ in Santo Domingo oder über die Hilfsbereitschaft des dominikanischen Volkes beim Erdbeben in Haiti oder über das kritische Bildungszentrum der Jesuiten „Centro Bono“ in Santo Domingo usw… Und klar ist auch, dass die Regierungen Haitis sehr wenig tun, um die Würde des Volkes dort auch nur ansatzweise zu respektieren. Dabei können wir aber auch nicht auf die Kritik an Politikern und maßgeblichen Leuten in Ökonomie und Militär in der Dominikanischen Republik verzichten, die sich des theoretischen wie des praktischen Rassismus bedienen. Und die gemeine Gefühle, Anti-Haiti-Gefühle, im dominikanischen Volk wecken und fördern, bloß um dadurch als „starke Männer“ oder einflussreiche Herren der angeblich wertvollen, richtigen dominikanischen Rasse dazustehen; eine Lüge, die schon der blutrünstige Diktator Leonidas Trujillo verbreitete. Der Ungeist Trujillo lebt also weiter, er ist ja auch (erst) vor 54 Jahren ermordet worden. Die heutigen Politiker, so die Vermutung, bedienen sich des Anti-Haiti-Rassismus vor allem, um die nächsten Wahlen wieder erfolgreich zu bestehen. Ein Kenner der Dominikanischen Republik, der Journalist und Buch-Autor (auch über die Dominikanische Republik) Philipp Lichterbeck, schreibt im „Tagesspiegel“ am 4. Juli 2015, Seite 6: „Zudem schürt die dominikanische Regierung immer wieder antihaitianische Ressentiments. Im derzeitigen Manöver sehen Beobachter den Versuch von Präsident Danilo Medina, sich für die Wahlen 2016 zu positionieren. Die Medien spielen das rassistische Spiel mit“.

Offenbar „brauchen“ etliche Dominikaner den Sündenbock, genannt „Haitianer“, um das eigene soziale Elend zu verdrängen: Mehr als die Hälfte der DominikanerInnen lebt am Rande der Armut. Und das bei einem florierenden Massen – Tourismus seot Jahrzehnten, dessen Milliardeneinnahmen in die Taschen vor allem internationaler Konzerne fließen. In dieser Situation von Armut und Gewalt im eigenen Land, von Mord und Totschlag – vor allem von Frauen –  (man lese nur einmal „Hoy“ oder die Tageszeitung acento: http://acento.com.do/), in dieser Situation also ist es für die Politiker sehr wirksam, eben den Rassismus auch als Ablenkung von den eigenen Problemen im Land zu pflegen.

„Objekte“ des dominikanischen Rassismus sind – seit Jahrzehnten – die Nachbarn, die Haitianer, diese Elenden, die selbst die Armut in der Dominikanischen Republik noch vergleichsweise angenehm finden, die Haitianer also, die seit vielen Jahren auf den Zuckerrohrplantagen in der Dominikanischen Republik für einen katastrophalen Hungerlohn schufteten und schuften oder eben auf den Baustellen oder im Straßenbau. Sie werden nun offenbar nicht mehr so dringend gebraucht, man kann sie also getreu dem Ungeist des Neoliberalismus „wegwerfen“… Und sie werden seit dem 17. Juni 2015 zu tausenden deportiert: d.h. von dominikanischen Militärs an die haitianische Grenze gekarrt und dort, im anderen Teil der Insel Hispaniola, ihrem Schicksal als Staatenlose, als Menschen ohne Papiere, überlassen.

Die Dominikanische Republik zählt bei 10 Millionen Einwohnern mindestens 450.000 Immigranten aus dem Nachbarstaat Haiti. Viele Haitianer versuchen dem Hungertod im eigenen Land zu entkommen, indem sie illegal die Grenze überschreiten. 47.000 von ihnen wurden in den letzten 13 Monaten vom dominikanischen Militär wieder zwangsweise zurücktransportiert.

Seit dem 17. Juni 2015 ist aber eine neue Situation entstanden: Seit dem Tag ist das offizielle Programm der Aufenthaltsregulierung durch die dominikanischen Behörden ausgelaufen. Im Okober 2013 hatte das oberste dominikanische Gericht entschieden: Kinder, die auf dominikanischen Boden geboren werden, haben nicht mehr wie früher automatisch die dominikanische Staatsgehörigkeit. Diese neue Regelung wurde allerdings „zurückverlegt“ und gilt nun seit dem Jahr 1929: Diesen juristischen Wahn muss man sich einmal vorstellen, betroffen von dieser willkürlichen Entscheidung sind mindestens 250.000 Haitianer im Land. Sie werden zu Papierlosen, zu Staatenlosen, gemacht. Daraufhin gab es internationale Proteste, und so wurde eben von den Behörden bis zum 17. Juni 2025 die Möglichkeit geboten, sich dominikanische Papiere zu besorgen. Theoretisch jedenfalls. Praktisch haben bei dem bewussten immensen bürokratischen Aufwand nur einige tausend erfolgreich Papiere erhalten. Alle anderen sind nun von der Deportation bedroht, selbst wenn sie von altersher schon einen dominikanischen Pass haben. Dieser wurde ihnen kurz vor der Deportation eben abgenommen.

„Le Devoir“, die angesehene Tageszeitung von Montréal, Québec, bericht jetzt von einer Haitianerin: „Als das Programm der Passbeantragung begann, hat man mir eine Vielzahl von Verabredungen mit den Behörden vorgeschrieben, nach einer langen bürokratischen Prozedur ohne Ergebnis hat man dann die Frau, die in Barahona, also in der Dominikanischen Republik geboren wurde, ohne Papiere in das ihr völlig unbekannte Haiti abgeschoben…“

Und RFI berichtet von haitianischen Zuckerrohrarbeitern: „Wir werden dort auf den Zuckerrohrplantagen wie die Tiere behandelt, es gibt eine alltägliche Diskriminierung. Man sagt uns ganz offiziell rassistische Sprüche: „Haitianer haben nicht das selbe Blut wie die Dominikaner und wir sollten deswegen dahin gehen, wo unser Blut herstammt. Man hat uns plötzlich vertrieben, wir konnten nichts mitnehmen“.

In Haiti, dem Armenhaus, finden diese Vertriebenen kaum Hilfe, abgesehen von einigen ONS und kirchlichen Vereinen. In den Notunterkünften gibt es kein Wasser, keinen Strom, es gibt keinen Arzt. „Der haitianische Staat kümmert sich nicht um diese Menschen, berichtet „Le Devoir“.

Die katholische Kirche in der Dominikanischen Repubik, deren offizielle Vertreter, also die Bischöfe, nicht immer leidenschaftlich die Sache der Haitianer vertreten haben, weil sie sich offenbar mehr der „dominikanischen Ideologie“ als der christlichen Solidarität mit den Haitianern verpflichtet wussten, die katholische Kirche hat am 14. Juni 2105 in ihrer Kirchenzeitung CAMINO ausdrücklich den Respekt der Menschenrechte aufseiten der Dominikaner gefordert…Immerhin. Wird es aber wegen der Haitianer zu einem Konflikt mit der Regierung kommen? Zu einem großen NEIN gegen den Rassismus?

Der Rassismus in der Dominikanischen Republik verdient eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung. Es wäre die Vermutung zu prüfen, ob sich die Menschen auf dem kleinen Territorium der Dominikanischen Republik (so groß wie vergleichsweise Niedersachen) irgendwie – subjektiv- eingeschränkt und bedroht fühlen durch die Anwesenheit von ca. 500.000 Haitianern. Es geht also auch um die Frage, wie die zunehmende Bevölkerungsexplosion ohne wirksame Geburtenkontrolle in den armen Ländern insgesamt eine gewisse Fremdenfeindlichkeit oder sogar einen Rassismus generiert. Vor 50 Jahren lebten 4 Millionen Menschen auf dem kleinen Territorium der Dominikanischen Republik, heute sind es 10 Millionen, Tendenz steigend, zumal jegliche Selbstbestimmung schwangerer Frauen strengstens verboten ist, auch dies ein Resultat des immensen kirchlichen/bischöflichen Einflusses im Land. Nebenbei: Über Geburtenkontrolle, Geburtenplanung usw. wird ernsthaft seit Jahren kaum mehr in diesen Ländern gesprochen, so unser Eindruck. Das Elend der Frauen und Kinder in Lateinamerika wächst ständig, die Slums dehnen sich aus… Da ist es zynisch, die Armen selig zu preisen oder sich verbal an die Seite der Armen zu stellen.

Andererseits ist bei einem so sichtbaren Rassismus in einem katholischen Land zu fragen, wieweit die Botschaft der universalen Solidarität des Evangeliums „angekommen“ ist, verstanden wird. Wurde diese Botschaft überhaupt klar verkündet? Oder ist sie in der Volksfrömmigkeit, den Marienkulten, man denke an den monströsen Wallfahrtsprt Higüey, untergegangen? Warum haben so wenige die biblische Solidarität verstanden? Ist der Glaube eigentlich politisch wirkungslos? Fragen, die natürlich auch in Europa, auch in Deutschland, diskutiert werden sollten, gerade auch angesichts der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer in Europa Zuflucht suchen und so oft abgewiesen werden….

Aktuelle Informationen zum Rassismus etwa auf Französisch siehe:

http://information.tv5monde.com/info/republique-dominicaine-menace-d-expulsion-de-milliers-d-haitiens-39382

http://information.tv5monde.com/info/republique-dominicaine-250-000-apatrides-d-origine-haitienne-4568

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 



Haiti 5 Jahre nach dem Beben: Das Volk:Betrogen,vergessen, verachtet

11. Januar 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Betrogen, vergessen, verachtet

Haitianer – 5 Jahre nach dem Erdbeben

Von Christian Modehn

Europa hat jetzt noch mehr eigene Sorgen. Nach dem Mord an den Redakteuren von „Charlie Hebdo“ sowieso. Deutschland, Europa insgesamt, befasst sich mehr und mehr mit sich selbst. Auch die geistige, die „ethische Mauer“ rund um Europa wird offenbar immer höher. Der Nächste ist nur noch der unmittelbar neben mir Lebende. Nächstenliebe ist keine „Fernstenliebe“ mehr. Die Empathie für den leidenden Mitmenschen endet vor der Haustür oder dort, wo „Frontex“ „Eindringlinge“ vertriebt. Hat die christliche Kultur, all diese fromme Predigt, der Religionsunterricht, all das Gerede von Caritas usw. die Christen in Europa verändert? Wie sieht die Bilanz aus? Wer fragt nach den „Wirkungen“ des christlichen Glaubens?

Die Massen- (!) Mörder und Schlächter der islamistischen Bande Boko Haram in Nigeria und vor allem die tausend Opfer sind z.B. in der Tagesschau gerade mal 30 Sekunden wert, nach einem 20 Minuten dauernden Bericht über „Je suis Charlie“ und die dortigen Islamistischen Mörder.

KONRET: Wer denkt noch an die Vergessenen, die angeblich Unbedeutenden, Minderwertigen, die angeblich Wertlosen, weil Schwarzen, Kranken, Ungebildeten in Haiti. Das ist so furchtbar weit weg. Wer denkt noch an die ausgehungerten Menschen dort?

Vor 5 Jahren, am 12. Januar 2009, bebte die Erde in der Hauptstadt Port-au-Prince und Umgebung. Mindestens 220.000 Menschen kamen dabei ums Leben, 300.000 wurden schwer verletzt, eine Million Menschen hatten keine Blechhütte mehr, die sie üblicherweise ihr Zuhause nannten.300.000 Gebäude wurden zerstört, 1,5 Millionen Menschen landeten auf der Straße, der Gesamtschade wurde auf 7,8 Milliarden Dollar angegeben: Daran erinnert „Le Monde“ am 13.Januar 2015, Seite 4, in einem Beitrag von Jean-Michel Caroit.

5 Jahre später: Millionen Dollar wurden angesichts der Trümmer gespendet. In den Tagen nach dem Erdbeben gab sich die Prominenz der internationalen „Helfer“ (auch Billy Clinton stolzierte im haitianischen Dreck) eine Art Stelldichein in Haiti. Vieles Wichtigtuerische wurde verbreitet, da und dort durchaus geholfen, manche schlimmste Not repariert.

5 Jahre nach dem Beben ist das Elend der allermeisten Menschen nach wie vor sehr groß; eigentlich unbeschreiblich die Not der Analphabeten, der Hungernden, der Wohnungslosen, der in ihrer Not Verzweifelten. Wer auf improvisierten Camps auf freiem Land wird vertrieben,60.000 sollen es sein. Auf den 123 „Camps“ hat jeder dritte „Bewohner“ keinen Zugang zu Latrinen; Cholera breitet sich aus, bisher starben an der Krankheit 8.000 Haitianer. Die Arbeitslosigkeit wird mit 40 Prozent angegeben, ob die anderen von ihrer „Arbeit“ leben können ist sehr die Frage. 6 von 10 Millionen Haitianern mpssen mit 2,40 US Dollar am Tag auskommen. In den feinen Gegenden wird der Bau von Luxus-Villen weiter betrieben.

Der Präsident Haitis heißt Michel Martelly, er nennt sich Politiker seit dem 14.5. 2011, ist aber als politisch völlig unerfahrener Musiker mit dem Spitznamen Sweet Michy zu diesem lukrativen Posten gekommen. Zur Zeit baut er sich am Karibik Strand eine Luxusvilla. Während das Volk krepiert und jeglicher demokratische Grundsatz missachtet wird: Parlaments- und Regionalwahlen sind seit mehr als drei Jahren überfällig. Der Druck der UN, Wahlen abzuhalten, nützte nichts, der Herr Musikus und Tänzer Martelly ignoriert alles, weil im Senat Leute sitzen, die im Sinne dieses Herrn jegliche demokratische Entwicklung blockieren. Nun wird also höchst wahrscheinlich in diesen Tagen, Mitte Januar 2015, das Parlament aufgelöst und Präsident Martelly kann durch Dekrete allein regieren. Erinnerungen an die Zeit der Familie Duvalier werden lebendig. Aber das Volk hat noch die Kraft, gegen diesen Politiker aufzustehen, aber wird der nächste an seinen Landsleuten etwas Interesse haben?

Und „die Welt“ schaut schon gar nicht mehr zu, sondern ignoriert einfach Haiti: Vergessen ist der Tod. Das Elend der Menschen wächst, die Regierung, der Staat, versinkt im Chaos; die Millionen Dollar-, wenn nicht Milliarden-Hilfe kam offenbar nicht an und landete wie üblich in den Taschen der Herrschenden, viele NGOs haben wohl ihre Unfähigkeit demonstriert. Wer spricht von einer Art „Marshall-Plan“, von einem grundlegenden Neubeginn in Haiti, der nur mit viel Energie und Planung gelingen kann. Aber wie kann man das leisten in einem Land, in dem jeder 2. Analphabet ist? Enttäuschung und Verzweiflung also auf Seiten derer, die noch demokratische Werte kennen.

Gibt es Lichtblicke trotz allem?

Einige Hinweise, die hoffentlich als „Hoffnungszeichen“ in den kommenden Wochen ständig ergänzt werden können: Bisher hat das in Europa so oft als „links“ verteufelte Venezuela viel geholfen, über „PetroCaribe“ wurde auch Erdöl nach Haiti gebracht, zu Sonderkonditionen.

Im Nachbarstaat, der Dominikanischen Republik, suchen viele tausend Haitianer Zuflucht in allergrößter Not. Sie werden in der „DOMREP“ nicht willkommen geheißen, vielmehr werden sie ausgenützt, als beinahe kostenlose Arbeitskräfte missbraucht und dann –bei Nichtverwendbarkeit – wieder ins haitianische, also noch größere Elend zurückgebracht. Interamerikanische Menschenrechtskommissionen haben auf diese unglaublichen Missstände hingewiesen und dringend vom dominikanischen Staat Besserung verlangt. Momentan scheint da einiges zum etwas Besseren in Bewegung geraten zu sein. So wird berichtet, dass der Direktor der dominikanischen Einwanderungsbehörde, Jose Riocardo Taveras, mitgeteilt hat, die Abschiebdung der illegal eingewanderten Haitianer auszusetzen. In Santo Domingo arbeite man an einer neuen Gesetzgebung für Ausländer. Aber, so wird betont, es handle sich nur um eine Art Gnadenfrist: Die Haitianer sollen sich gefälligst in ihrer Heimat Ausweise und Pässe besorgen: Nur: Wie soll man diese Dokumente erhalten in einem Staat, der als solcher, als Administration, eigentlich nicht existiert?

Positiv in unserer Sicht ist nach wie vor die Arbeit des Bildungszentrums „Centro Bono“ des Jesuitenordens in Santo Domingo: Dort wird praktische Hilfe und Beratung für die Haitianer organisiert, dort gibt es Rechtsbeistand, dort wird den Flüchtlingen Zuflucht gewährt. Dort treffen sich die Organisationen der Zivilgesellschaft, dort wurde 2010 die Hilfe für die im Erdbeben verschütteten Haitianer organisiert. So entstehen menschliche Verantwortlichkeiten bei den getrennten (und verfeindeten ?) Menschen auf der einen Insel.

Wer sich für das praktische Miteinander von Haitianern und Dominikanern interessiert, sollte sich unbedingt an das Zentrum BONO des Jesuitenordens halten, für weitere Informationen klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Zwei Opus-Dei-Bischöfe von Papst Franziskus abgesetzt.

27. September 2014 | Von | Kategorie: Dominikanische Republik, Religionskritik

Selbst das Opus Dei wird nicht mehr geschützt und protegiert: Zwei Opus Dei Bischöfe wurden von Papst Franziskus abgesetzt

Von Christian Modehn

Das ist eine Sensation: Das Opus Dei, vor dem alle (höheren) Kreise innerhalb der römischen Kirche weltweit Angst haben (aufgrund der üblichen Einschüchterungen etc.), dieses  Opus Dei also, ein ultra-konservativer katholischer Geheimclub internationaler Ausbreitung, wurde bislang im Vatikan hofiert. Der polnische Papst war der oberste Freund dieses Geheimclubs. Der Opus-Gründer wurde von Johannes Paul II. in schnellstem Verfahren zum Heiligen erklärt. Die obskure Theologie und Spiritualität des „Gründer-Vaters“ Josemaria Escrivà de Balaguer y Albas ist seit langem bekannt und weltweit dokumentiert, auf Deutsch etwa in den Studien von Peter Hertel.

Nun aber, dies ist sensationell, hat als „oberster Katholik“ Papst Franziskus SJ seine eigenen Ängste vor dem allmächtigen Opus Dei überwunden und einen Bischof aus Paraguay, Mitglied des Opus, abgesetzt: Bischof Rogelio Livieres aus Ciudad del Este (Paraguay) wurde am 24. 9. 2014 von Papst Franziskus seiner Ämter enthoben: Livieres Vergehen:  Er hat einen offenkundig „pädophilen“ Priester (Carlos Urrutigoity) in sein Bistum ohne weiteres aufgenommen und ihm so Zuflucht geboten und ihn so unterstützt. Zudem hat Bischof Livieres eigenmächtig für sein Bistum die weltweit übliche, vom Papst vorgeschriebene (!)  Ausbildungszeit für Priester von 6 Jahren auf 4 Jahre reduziert. Und er hat einem in die argentinische Militärdiktatur als Täter involvierten Priester (Aldo Vara) in seinem Bistum Zuflucht vor dem Zugriff der Gerichte geboten. Vara ist inzwischen in Paraguay verstorben. Bischof Livieres, so berichten konservative bzw. traditonalistische Medien, habe in „seinem“ Bistum an sehr vielen Orten die Messe in der Form des 16. Jahrhunderts (Trientiner Konzil) gefeiert, er sei also nicht nur Opus Dei Mitglied, sondern in gewisser Weise auch ein „halber“ Traditionalist (à la Lefèbvre). So wirft diese Absetzung durch den Papst auch ein Licht auf den Umgang mit den (Halb) Traditonalisten.

Schon früher hat Papst Franziskus keine Angst gehabt, einen anderen Opus Dei Bischof abzusetzen: Es traf den Weihbischof im peruanischen Ayacucho, Gabrino Miranda Melgarejo, dieser Opus Dei Bischof wurde wegen „pädophiler“  Aktivitäten abgesetzt.

Angesichts des Mutes des Papstes fällt der Gedanke leicht, wie viele Gegner, wenn nicht Feinde, sich Franziskus allmählich in Rom durch sein mutiges Handeln schafft. Diese Opus Dei – Herrschaften haben sehr viel Geld und sehr viel Macht und sehr viel politischen Einfluss: Man denke, nebenbei, u.a. an eine der vielen Opus Dei Universitäten, etwa die „Santa Croce Uni“ in Rom, wo Msgr. Gänswein (Vertrauter von Benedikt XVI.) vor einigen Jahren als Dozent lehrte und wo Rainer M. Woelki, Kardinal in Köln,  seinen Doktortitel in Theologie („Über die Pfarrei“) erhielt.

Dieser Beitrag versteht sich in dem Religionsphilosophischen Salon als ein kleiner weiterer Hinweis auf die Kämpfe innerhalb der römischen Kirche, es sind die Kämpfe ähnlich wie zu Zeiten Voltaires, als um eine vernünftige Gestalt der christlichen Religion (damals auch vergeblich) gerungen wurde.

 Nachtrag am 28.9.2014: Wir haben vielleicht etwas übereilt eine gewisse Distanz von Papst Franziskus gegenüber dem Opus Dei herausgearbeitet. Denn am Samstag, dem 27.9. 2014, wurde die Seligsprechung des Opus Dei Führers Bischof Alvaro del Portillo in Madrid feierlich begangen. Als unter Johannes Paul II. der Geheimbund Opus Dei zur neuen und sonderbaren Rechtsform einer selbständigen Prälatur erhoben wurde (also ausserhalb der Verantwortung der Ortsbischöfe handelnd), war Herr del Portillo (enger Freund des Gründers, des heiligen Balaguer) sozusagen der erste herrschende Oberprälat. In seiner Grußbotschaft zu diesem neuen Seligen, auf dessen offizielle Verehrung und Anrufung an Gottes Thron angeblich tausende Katholiken gewartet haben, hat Papst Franziskus in vielen Worten del Portillos „Liebe zur Kirche“ usw. usw. rühmend gewürdigt, so, wie es die Opus Dei Leute wohl hören wollten. Etwas nachdenklich stimmt uns neben den eher schwülstigen Worten des Papstes diese Stellungnahme von Papst Franziskus: Der neue Selige zeige, dass es wichtig sei, „keine Angst zu haben, gegen den Strom zu schwimmen und auch für das Evangelium zu leiden“. Diese wenigen Worte klingen fast so, als habe Papst Franziskus an seinen eigenen Nachruf gedacht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das verlorene Paradies. Ein neues Buch über die Dominikanische Republik

1. Mai 2014 | Von | Kategorie: Dominikanische Republik

Das verlorene Paradies. Ein neues Buch von Philipp Lichterbeck

Im „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ weisen wir immer wieder auf die Dominikanische Republik hin, dazu wurden schon einige Beiträge zur Kirchengeschichte des Landes unter dem Diktator Trujillo publiziert sowie Hinweise auf rassistisches Denken und Handeln gegenüber Menschen aus dem benachbarten Haiti, auch über den pädophilen Nuntius Wesolowski haben wir als erste 2013 berichtet (er wird im Vatikan offenbar ohne wirklichen Prozess versteckt).

Die Dominikanische Republik wird von einigen Millionen Touristen jährlich besucht, viele Tausend kommen auch aus Deutschland. Noch unseren Eindrücken sind die Kenntnisse der Besucher über die Dominikanische Republik äußerst gering. Es ist keine Frage, aus eigenem Erleben formuliert: Viele Menschen dort sind freundlich, interessiert, aufgeschlossen, und von einer angesichts des Elends doch erstaunlichen Lebensfreude. Diese Menschen und ihre Kulturen und Initiativen verdienen mehrAufmerksamkeit!

Bisher gab es keine gründlichen Reportagen über die Insel Hispaniola,  man war auf relativ oberflächliche, eher werbende Informationen aus Reiseführern angewiesen.

Nun gibt es ein glänzend geschriebenes Buch des Journalisten Philipp Lichterbeck, der in Rio und Berlin lebt, über die beiden Karibik Länder Haiti und Dominikanische Republik erschienen. Das Buch hat den Titel „Das verlorene Paradies“, 2013 im DUMONT Verlag erschienen, zu dem erschwinglichen Preis von 14, 95 Euro (bei 240 Seiten). Die Reportagen bieten wichtige kulturelle, politische und soziale Informationen, sie lesen sich sozusagen „spannend“, weil der Autor Erlebtes auf seinen Reisen auch in die unwegsamen Regionen der Länder schildert.

Die Dominikanische Republik, das wird deutlich, ist in den letzten Jahren immer mehr zu einem Platz von Kriminellen und Drogenhändlern geworden, die Armut in der Bevölkerung nimmt immer mehr zu, das Engagement des Staates für Bildung und Kultur ist äußerst schwach, während der Luxus in den Hotelanlagen (in ausländischem Eigentum) fast keine Grenzen kennt. Das könnte eigentlich eine Stimmung von Rebellion erzeugen. Die Rolle der Hierarchie, vor allem des ultrakonservativen Kardinal Lopez Rodriguez, wird leider in dem Buch nicht besprochen. Dieser Kirchenfürst hat so viel politischen Einfluss, dass die Dominikanische Republik heute eines der grausamsten und für die Frauen unmenschlichsten Anti- Abtreibungs – Gesetze der Welt hat.

Wir empfehlen das Buch von Philipp Lichterbeck dringend, egal, ob man ins Land reisen will oder in Ruhe bei der Lektüre zuhause einen Ausflug dorthin unternimmt.

Philipp Lichterbecks Website erreichen Sie hier.

Copyright: Christian Modehn



Menschenrechtsverletzungen in der Dominikanischen Republik. Ein Interview mit Prof. Wilfredo Lozano

17. Dezember 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Die Friedrich-Ebert-Stiftung gestattet uns die Publikation eines Interviews mit Prof. Wilfredo Lozano, Santo Domingo, Dominikanische Republik, über den Verlust der Staatsbürgerschaft, der jetzt vielen tausend Menschen dort droht.
Der Religionsphilosophische Salon, wie der Name sagt vorwiegend mit philosophischen Interessen, sieht in der Verteidigung der Menschenrechte ein eminent philosophisches (und natürlich humanes) Thema. Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf ein Land, die Dominikanische Republik. Dazu liegen auf dieser website schon etliche Beiträge vor.

Tausenden Dominikaner_innen droht der Verlust ihrer Staatsbürgerschaft

Fragen an Wilfredo Lozano,
Soziologe, Leiter des Instituts für Sozialforschung CIES der Iberoamerikanischen Universität in Santo Domingo, Dominikanische Republik
Dezember 2013

Das Verfassungsgericht Ihres Landes hat kürzlich entschieden, dass die Kinder irregulär Eingewanderter, die nach 1929 in die Dominikanische Republik gekommen sind, keine Staatsbürger_innen seien. Wie kam es zu diesem Urteil?

Das Urteil ist das Ergebnis einer lang andauernden sozialen Exklusion, durch die sich das zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffene System der Immigration haitianischer Arbeitskräfte bis heute erhalten hat. Dieses System entstand mit Hilfe des dominikanischen Staates und in Komplizenschaft mit dem haitianischen Staat um die großen Zuckerrohrplantagen herum. Es mobilisierte Hunderttausende haitianischer Wanderarbeiter_innen, und um ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken und sie zu kontrollieren, wurde eine ganze Reihe von Ungerechtigkeiten und sozialen Ausschlussmechanismen genutzt, deren sichtbarster Ausdruck der Batey war – Lager, in denen die Wanderarbeiter_innen ohne Dokumente zusammengehalten wurden. Dies geschah auf Initiative des Staates, der gleichzeitig Arbeitsvermittler war und die Arbeiter_innen in jeder Hinsicht kontrollierte, um schließlich selber zum Arbeitgeber zu werden, als 1961 nach dem Tod von Diktator Rafael Trujillo das Land und die Zuckerfabriken verstaatlicht wurden. Dieses ausgrenzende und ungerechte System ist besonders offensichtlich in den Arbeitsverträgen für die Wanderarbeiter_innen, die zwischen dem dominikanischen und dem haitianischen Staat abgeschlossen wurden. Das kann der derzeitige Präsident des Verfassungsgerichts bezeugen, denn er war zwischen 1978 und 1982 auf dominikanischer Seite selber an den Verhandlungen dieser Verträge beteiligt.
In fast einem Jahrhundert dieser Immigration ohne Dokumente wurden praktisch drei Generationen von Dominikaner_innen geboren – Kinder von Eingewanderten, die als einfache Landarbeiter_innen gekommen waren. Eingeschlossen in das System der Bateys erhielten sie weder Geburtsurkunden noch Ausweise. Sie blieben damit den Regeln des Bateys unterworfen und vielfachen Ungerechtigkeiten wie extremer Ausbeutung ausgesetzt. Da sie keine Dokumente hatten, waren sie aus der dominikanischen Gesellschaft de facto ausgeschlossen.

Warum wird diese Frage heute wieder – oder heute erst – so aktuell?

Die Krise des Zuckersektors in den 1980er Jahren, aber auch die demokratische Öffnung nach einem langen Übergang in den 1970er bis 1990er Jahren veränderten die Lebensbedingungen der Arbeiter_innen. Sie arbeiteten nun in anderen Bereichen der Landwirtschaft und immer stärker auch in den Städten, v. a. im Bausektor und in der informellen Ökonomie. Die Gesellschaft wurde offener und pluralistischer, so dass das Problem der Immigration stärker wahrgenommen wurde. Automatisch wurde der Kontakt der Bewohner_innen der Bateys mit der dominikanischen Gesellschaft enger, ohne dass sich an der konkreten Situation etwas änderte. Das geschah auch nicht durch ein neues Einwanderungsgesetz, das den Begriff des „Transits“ einführte, der sich auf Eingewanderte ohne Wohnsitz im Land bezog und damit die Grundlage dafür schuf, dass Tausende von Eingewanderte und ihre Kinder, die seit Jahrzehnten im Land lebten, nun als „Personen in Transit“ galten. 2007 begann dann die Wahlkommission, den Betroffenen – die gemäß dem geltenden Recht des ius soli Dominikaner_innen waren – ihre Dokumente abzunehmen bzw. ihnen keine Geburtsurkunden mehr auszustellen. Tausende Nachkommen von Immigrant_innen verloren so auf bürokratischem Weg ihre Staatsbürgerschaft. Schon damals verurteilte der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte diese Praxis. 2010 wurde in einer Verfassungsreform festgeschrieben, dass die Kinder irregulär Eingewanderter nicht automatisch Dominikaner_innen werden, nahm aber jene davon aus, die dieses Recht bereits in Anspruch genommen hatten. Das jetzige Urteil ist eine extreme Intrepretation der Verfassung, indem diese retroaktiv ausgelegt wird und damit vielen Tausend Dominikaner_innen die Staatsbürgerschaft entzieht, die sie nach Recht und Gesetz bereits besessen und ausgeübt hatten, unabhängig von ihrer tatsächlichen und vielseitigen sozialen und politischen Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Diese retroaktive Auslegung ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte und die verfassungsmäßigen Rechte allgemein.

Breite Teile der Zivilgesellschaft mobilisieren zurzeit gegen dieses Urteil 168-13 des Verfassungsgerichts. Wie schätzen Sie die Aussichten ein, dass die Entscheidung zurückgenommen wird?

Das ist sehr unwahrscheinlich, aber auch das Urteil aufrecht zu erhalten ist schwierig angesichts der internationalen Verpflichtungen des dominikanischen Staates gegenüber Institutionen wie dem Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dies wurde beim kürzlichen Besuch der Interamerikanischen Menschenrechtskommission deutlich, die in ihrem Bericht klar zum Ausdruck bringt, dass das Urteil die Menschenrechte verletzt und empfiehlt, die Rechte der Betroffenen zu garantieren und sie nicht zu zwingen, sich als Ausländer_innen registrieren zu lassen – denn sie seien nationale Staatsbürger_innen. Zudem müsse die Inanspruchnahme dieser Rechte einfach, effektiv, gerecht, unverzüglich und zu zumutbaren Kosten möglich sein. Der Vorschlag der dominikanischen Regierung, eine Lösung für die Betroffenen über ihre „Naturalisierung“ zu finden, ist damit ausgeschlossen. Möglicherweise wird sich die Dominikanische Republik schon in wenigen Monaten Strafen des Interamerikanischen Gerichtshofs ausgesetzt sehen. Dabei geht es nicht nur um eine moralische Verurteilung, sondern auch um die Möglichkeit wirtschaftlicher Sanktionen, wie sie sich in der Position des gemeinsamen karibischen Marktes CARICOM bereits andeuten. Hinzu kommen geopolitische, aber auch lokale Aspekte. Die politischen Kräfte der Rechten und Ultranationalist_innen sind stärker geworden, und die Fraktion von Präsident Medina in seiner Partei, der PLD, ist geschwächt. Was in diesem Panorama sehr deutlich wird, ist die verstärkte Kontrolle durch die konservativen Kräfte im Staatsapparat. Die politische Klasse an der Macht verhärtet ihre Positionen v. a. im Hinblick auf die verfassungsmäßigen Rechte, und dies führt zu einer sozialen Polarisierung, die heute schon die dominikanische Gesellschaft spaltet, so dass der Nationalismus für die politische Rechte einen strategischen Platz als Kohäsionsfaktor einnimmt.

Wir empfehlen die website der Friedrich-Ebert-Stiftung speziell zu Lateinamerika. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin
Hiroshimastraße 17
D-10785 Berlin
Tel. 030/ 269 35- 6



Ausgegrenzt und totgeschlagen: Zum Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

26. November 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik, Termine

Ausgerenzt und totgeschlagen: Zum Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Der 25. November ist der „Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“. Auch an den folgenden Tagen sollte man(n) sich an das Grauen erinnern, das Männer und die mit ihnen verbundenen ökonomisch – politischen Systeme den Frauen zufügen…Lesen Sie einen Bericht in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK Forum. Klicken Sie bitte hier.

Dieser Beitrag weist auf die Dominikanische Republik hin. Dort ist der Welttag „entstanden“, durch das Engagement von drei Schwestern, der inzwischen berühmten „Mirabal Schwestern“. Sie haben sich für die Gerechtigkeit eingesetzt, und wurden dabei vom Diktator Rafael Trujillo ermordet.

Ergänzung im Juni 2014: Nun ist die einzige, das Massaker überlebende Schwester, Bélgica Adela, genannt Dédé, am 1. Februar 2014 in Santo Domingo im Alter von 88 Jahren verstorben. Patria, Minerva und Maria Teresa wuren am 25. November 1960 ermordet, sie waren in der Widerstandsgruppe 14. Juni aktiv. Dédé zog mit der Mutter sechs verwaiste Nichten und Neffen auf; sie pflegte die Erinnerung an ihre drei Schwestern. Erst 1996 wurde ihre Erinnerungsarbeit offiziell gewürdigt, unter dem Nachfolger des Diktators Trujillo, dem autoritären „Halb“-Diktator Joaquin Balaguer war diese Anerkennung nicht möglich (nebenbei: Balaguer war ein engster Freund des Klerus und der Bischöfe!). Erst Präsident Leonel Fernandez  nannte die Heimatregion der vier Schwestern zum „Regierungsbezirk der Schwestern Mirabal“. Auf dem 200 Peso Schein der Dominikanischen Republik kann kann die Porträts der drei Widerstandskämpferinnen nochheute „bewundern“. Dédés Sohn ist der Psychiater Jaime David Fernández Mirabal.

 



Die Gewalt gegen Frauen beenden: Hinweise auch zur Dominikanischen Republik

25. November 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Dominikanische Republik

Ausgegrenzt und totgeschlagen
Der Welttag zur Beseitigung der gegen Frauen hat seinen Ursprung in der Dominikanischen Republik
Von Christian Modehn

Soldaten töten. Sie töten einander. Und sie töten Frauen, die sie nicht selten zuvor vergewaltigt haben. Kommt es zu Friedensverhandlungen, reden nur die Krieger. Heute, am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, erinnern Betroffene und Hilfsorganisationen an ein himmelschreiendes und alltägliches Unrecht weltweit. Und an das Land, in dem dieser Tag mit guten Gründen ausgerufen wurde

Die Opfer der Gewalt, vor allem Frauen mit ihren Kindern, sollen beteiligt werden, wenn eine bessere Gesellschaft aufgebaut wird: Diese Forderung hat der UN-Sicherheitsrat schon im Jahr 2000 in einer entsprechenden Resolution verabschiedet. Bis jetzt wird sie kaum beachtet. »Es stünde der neuen Bundesregierung gut zu Gesicht, im Kampf gegen sexualisierte Kriegsgewalt eine aktive, prominente Rolle zu übernehmen und politischen Bekenntnissen Taten folgen zu lassen«, sagt Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechtsorganisation medica mondiale. Diese Initiative steht medizinisch wie auch therapeutisch traumatisierten Frauen und Mädchen in Kriegsgebieten und Krisenregionen bei.

Auch wenn die Waffen schweigen, ist Grausamkeit gegen Frauen alltägliche Realität. »Jede dritte Frau ist heute Opfer körperlicher Gewalt«, betont die neue Studie der Weltgesundheitsbehörde. Fast eine Milliarde Frauen werden heute ausgebeutet, verstümmelt, vergewaltigt, als Sklavinnen gequält, zwangsweise verheiratet: »Epidemisch ist die Brutalität gegen Frauen heute«, so die Studie. In allen Ländern sind Frauen Opfer wild gewordener Grausamkeit. Die Täter sind Männer und mit ihnen die Systeme, in den »die Herren« als wertvoller gelten als Frauen.

Was kann »man(n)« dagegen tun? Zunächst einmal: Sich informieren und nachdenken, zum Beispiel heute, am Welttag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Dieser Tag wurde 1999 ausgerufen. Ausgerechnet in einem Land, das ganz tief vom Wahn des Machismo, der männlichen Überlegenheits-Ideologie, geprägt ist: der Dominikanischen Republik, heute touristisches Traumziel der Karibik.

Dort wurden drei Schwestern – Patricia, Minerva und Maria Teresa Mirabal – am 25. November 1960 von den Schergen des Diktators Trujillo hingeschlachtet. Die drei hatten das »Verbrechen« begangen, ihre Gatten im Gefängnis zu besuchen. Wie ihre mutigen Frauen waren diese im Widerstand engagiert gegen das Trujillo-Regime. Es wurde 30 Jahre lang von den USA und dem Vatikan unterstützt.

»Tötende Gewalt gegen Frauen gehört auch heute zu unserem Alltag. Sie geschieht in den Wohnungen und Unterkünften dominikanischer Familien«, berichten die großen Tageszeitungen Listin Diario oder El Caribe. Allein 2012 wurden 198 Freundinnen und Gattinnen zuhause von ihren Partnern, etwa im Alkoholrausch, zu Tode geprügelt. Darüber hinaus hat das Komitee für die Verteidigung der Frauenrechte in Lateinamerika festgestellt, dass dort jede fünfte Frau im Alter zwischen 15 und 49 Jahren mindestens einmal körperliche Gewalt erlebte. Durch intensive Aufklärungsarbeit seien diese Gewalttaten jetzt etwas seltener geworden, betont Francisco Brito, der Generalstaatsanwalt in Santo Domingo, der Hauptstadt.

Aber Frauen bleiben dort Opfer männlicher Herrschaft: So hat die Dominikanische Republik eines der schärften Verbote jeglicher Abtreibung. Die Politik folgt dabei konsequent den Weisungen der Kirchenführung unter Kardinal Jesus Lopez Rodriguez. Er sorgt jetzt noch für weitere Diskriminierung von Frauen, Kindern und Männern: Seit der Änderung der dominikanischen Verfassung im Jahr 2010 sind Ausländer, die im Land geboren werden, nicht mehr automatisch dominikanische Staatsbürger. Von den neuen Gesetzen sind Menschen aus Haiti betroffen, die für einen Hungerlohn auf den Zuckerrohr-Plantagen schuften oder auf den Baustellen miserabel bezahlte Hilfsdienste verrichten. Das Gesetz gilt perfiderweise rückwirkend, so dass jeder Ausländer, also jede Haitianerin, jeder Haitianer, jetzt staatenlos ist. Aber der Kardinal schätzt diese neue Gesetzgebung. Wie viele andere im Land hat er Angst vor den »schwarzen Horden« aus dem total verarmten Nachbarstaat Haiti. Die Pariser Tageszeitung Le Monde berichtete kürzlich über diese Denkweise des Kirchenfürsten.

Die mindestens 300.000 staatenlosen Haitianer sind nun eine Art Freiwild, das je nach Laune der Polizei ins Elend Haitis zurückgebracht werden kann. Und Frauen werden vor der Ausweisung noch schnell vergewaltigt…

Der kritische Jesuit Pater Mario Serrano aus Santo Domingo ist über sein eigenes Land empört: »Wer zum Beispiel heiraten will, braucht einen Pass. Die staatenlos gemachten Haitianer sind auch vom Sozialsystem ausgeschlossen.« Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat die Dominikanische Republik wegen des offenkundigen Rassismus verurteilt. Geändert hat sich bisher nichts.
Über den Widerstand der drei Schwestern Mirabal informiert das neue Widerstandsmuseum in Santo Domingo. Ihre Geschichte erzählt auch die dominikanische Schriftstellerin Julia Alvarez in ihrem sehr anregenden Roman »Die Zeit der Schmetterlinge« (Piper Verlag).
Mehr über die Frauenrechtsorganisation »medica mondiale« erfahren Sie in Köln – und im Internet.

Copyroight: Christian Modehn und PUBLIK FORUM.



Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat

8. September 2013 | Von | Kategorie: Dominikanische Republik, Forschungsprojekte, Religionskritik

Ein pädophiler Nuntius und das Konkordat
Zur jüngsten Entwicklung in der Dominikanischen Republik

Bitte beachten Sie am Ende dieses Beitrags einen weiteren Beitrag von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“ vom 12. 9. 2013.

Der (vorläufigen) Vollständigkeit wegen, publiziert am 27.9. 2014: Der pädophile EX – Nuntius Josef Wesolowski ist am 24. 9. 2014 im Vatikan verhaftet worden. Er hatte sich nach Bekanntwerden seiner pädophilen Aktivitäten, die wir weiter unten schon vor einem Jahr dokumentierten, in den Vatikan zurückgezogen und dort versteckt. Erst Ende Juni 2014 (!) kümmerte sich die vatikanische Justiz um ihren führenden klerikalen EX – Diplomaten (mit Vatikanischem Pass) und versetzte ihn in den Laienstand. Weil Herr Wesolowski, nun als Laie, sich bei Spaziergängen in Rom umsah und dort von der Presse beachtet wurde, kümmerte sich die vatikanische Justiz doch etwas stärker um ihn: So wurde er wegen Fluchtgefahr am 24. 9. 2014 verhaftet, aber nicht ins Gefängnis gesteckt, sondern „wegen Krankheit“ bloß unter Hausarrest gestellt. Viele tausend pädopornographische Filme wurden auf seinem Laptop imzwischen gefunden, berichtet „Der Tagesspiegel“ am 27.9.2014. Spazierengehen in Rom und Filmegucken geht also nicht mehr im Vatikanischen Justizpalast. Der Vatikan hat die Auslieferungsgesuche der Dominikanischen Republik sowie des Heimatlandes Polen zurückgewiesen. Beobachter haben den Eindruck, dass Papst Franziskus sich persönlich darum kümmerte, dass der Herr Diplomat Wesolowski wenigstens unter Hausarrest gestellt wird.
…..
Aktuelle Ergänzung am 13. 9. 2013:
Die Zeitung El Nuevo Diario, Santo Domingo, meldet am 12.9.2013:
Wir nennen nur kurz die neuen Fakten:
– Der Nuntius Wesolowski soll nach neuesten Untersuchungen 7 männliche Kinder und Jugendliche mißbraucht haben. Jetzt melden sich auch die Eltern beim Staatsanwalt.Die Jungen wurden von der Staatsanwältin Yeni Berenice Reinoso in ihrem Büro befragt.
– Er hat die Jungen selbst (ohne weitere Begleitung) in der (touristischen) Altstadt kennengelernt und dann in das wenige Kilometer entfernte „Boca Chica“ gefahren. Diese Gebiet hat insgesamt nicht den besten Ruf als touristischer Ort, um es einmal sehr milde auszudrücken.
– Der abgesetzte Nuntius soll sich seit dem 4. August 2013 bereits im Vatikan befinden. Der Kardinal von Santo Domingo, Lopez Rodriguez, soll ihn im Vatikan schon im Juli angezeigt haben, so auch die Tageszeitung Listin Diario, St. Domingo.
– Vatikan Sprecher Pater Lombardi SJ hat bestätigt, dass sich die zuständige Glaubenskongregation des „Falls“ annimmt. Er bestätigte weiter, dass auch die Gerichte der Dominikanischen Republik einbezogen werden sollen…
– Auch der dominikanische Botschafter beim Vatikan, Victor Manuel Grimaldi Céspedes, wurde vom Staatssekretarit (Msgr. Becciu) informiert.
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Der zeitlich früheste Beitrag, der das Ereignis um den Nuntius auch breiter in die Kirchenpolitik der Dominikanischen Republik plazierte, vom 8.9.2013:
Die Leser der Beiträge unseres Religionsphilosophischen Salons wissen, dass im Rahmen des Forschungsprojektes „Religionskritik“ wir auch die Entwicklung in Lateinamerika, vor allem in der Dominikanischen Republik, beobachten und studieren. Dazu liegen bekanntlich auf dieser website mehrere Beiträge vor.

Nun hat der Päpstliche Nuntius in der Dominikanischen Republik, der aus Polen stammende Erzbischof Josef Wesolowski, am 21. August 2013 seinen hohen Posten (auch als Doyen des Diplomatischen Corps) verloren; er hat plötzlich das Land verlassen, über den neuen Aufenthaltsort (Vatikan, Rom ?) wird bisher (am 8.9.2013) nur spekuliert.

An dem Ereignis sind mehrere Fakten interessant:

1.Bisher wurde von Nuntius Josef Wesolowski immer als einem „mutmaßlichen“ pädophilen Täter gesprochen. Jetzt berichtet „El Nuevo Diario“ am 7. 9. 2013, dass im Fernsehprogramm „Color Vision“ in Santo Domingo die Journalistin Nuria Piera einen 13 jährigen Jungen aus dem Stadtteil Montesinos interviewt hat. Die Staatsanwältin Yeni Berenice Reynoso habe die Journalistin begleitet. Der Junge hat offen berichtet, wie der Nuntius ihn – aber auch andere Jungen – in den bekannten Badeort „Boca Chica“ (nahe der Hauptstadt Santo Domingo) in ein Haus gebracht hat. Dort hat der Junge 500 dominikanische Pesos erhalten, das sind umgerechnet 9 Euro (in Worten: neun). Der Knabe musste vor dem Nuntius masturbieren und dieser filmte das Geschehen auf seinem Handy. Auf die Frage der Journalistin, ob sich denn die Eltern nicht über die Geldzuwendungen gewundert hätten, sagte der Junge: Er arbeite in der Touristenzone als Schuhputzer (! sic), das Masturbieren hätte er aus ökonomischen Gründen gemacht. Mehrmals habe der Nuntius auch andere Knaben in dieses Haus in Boca Chica gefahren, um sie zum Masturbieren incl. Filme zu veranlassen. Inzwischen befindet sich der Junge aus dem Interview unter dem Schutz des Staatsanwaltes.

2.
Auch ein weiterer Priester aus Polen, Alberto Gil, hat offenbar Knaben in der Dominikanischen Republik missbraucht. Er befindet sich z.Z. in Polen und hat wohl keine Absichten zurückzukehren

3.
Der Präsident des „Evangelischen Kirchenrates“ in Santo Domingo, Pastor Fidel Lorenzo, hat inzwischen ein interessantes Detail über den Nuntius in der Tageszeitung El Caribe mitgeteilt. Der protestantische Pastor hat den Nuntius Anfang Juli 2013 gesprochen, man war in der US amerikanischen Botschaft von Santo Domingo zusammengekommen anlässlich der Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit der USA am 4. Juli. Dort habe der Nuntius im Gespräch mit dem Pastor berichtet, wie äußerst nervös er sei, wenn in die Nuntiatur Briefe aus dem Vatikan eintreffen. Er habe große Angst, dass in einem dieser Briefe er aufgefordert werde, die Dominikanische Republik zu verlassen.

4.
Daran ist wichtig: Spätestens seit Juni 2013 wussten die päpstlichen Behörden in Rom von den pädophilen Attacken des Nuntius, Erzbischof Wesolowski. Offenbar versuchte der Vatikan in der alten bekannten Manier, das „Problem“ intern und ohne Öffentlichkeit zu lösen.

5.
Pastor Fidel Lorenzo, ein allseits geschätzter Theologe, wird nun wegen der Veröffentlichung der Gespräche mit dem Nuntius heftig von der klerikalen katholischen Macht in Santo Domingo angegriffen. Denn er hat auch darauf hingewiesen, dass der Staatsanwalt, der mit dem Fall des pädophilen Nuntius beauftragt ist, dem Opus Dei sehr nahe steht. Francisco Dominguez Brito, dieser Staatsanwalt, Opus Dei Freund und Erzkatholik, sei ungeeignet, so sagt der Pastor, unbefangen die Untaten zu untersuchen.

6. Das Konkordat auflösen
In der Dominikanischen Republik werden seit einigen Monaten immer deutlicher Forderungen laut, das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl (Vatikan) und der Dominikanischen Republik zu kündigen Es wurde am 6. August 1954 wirksam unter dem Diktator Leonidas Trujillo, einem der widerwärtigsten und brutalsten Diktatoren Lateinamerikas überhaupt. Trujillo war ein Freund von Staatschef Franco (und der USA), er konnte Papst Pius XII. gewinnen, ihm gewogen zu sein, denn in dem Konkordat wurde die Kirche als Staatskirche anerkannt mit zahllosen finanziellen Privilegien anerkannt. Ausdrücklich heißt es Artikel III: „Der Dominikanische Staat erkennt an, dass die Kirche den Charakter einer perfekten Gesellschaft (societas perfecta) hat…“ Wie perfekt sie ist, sieht man auch jetzt… Dieses Konkordat mit dem Tyrannen besteht bis heute (Trujillo brauchte die römische Kirche als religiöse Stütze für den Ausbau seiner umfassenden Macht). Nun verlangen Gruppen von kritischen „Laizisten“ und auch Protestanten das Ende dieses Vertrages. Die dominikanischen Bischöfe haben dieses Ansinnen erwartungsgemäß zurückgewiesen. Aber die Forderungen nach einer Kündigung des Konkordates verstummen nicht, vor allem, weil nur unter Verzicht auf das Konkordat der pädophile Nuntius bestraft werden kann, sagt Pastor Fidel Lorenzo. Aber der Opus Dei Freund und zuständige Staatsanwalt hat bereits angekündigt, dass selbstverständlich im Falle von Wesolowski das angeblich gängige „Diplomatenrecht“ gelte, also: Nichts wird passieren. Wesolowski wird vielleicht alsbald in einem Archiv des Vatikans Papiere sortieren.

7. Peinlich für Papst Franziskus
Der pädophile Nuntius (und sein Helfer und Landsmann, Pater Alberto Gil) waren dem Papst Franziskus offenbar lange Zeit bekannt. Erst als die Presse den „Fall“ freilegte, begann man in Rom, zuzugeben, dass „da was wäre“. Der Kardinal von Santo Domingo, Erzbischof Nicolas de Jesus Lopez Rosdriguez, (77 Jahre alt und immer noch im Amt) hat schon im Juni 2013 eine „Eingabe“ in „Sachen Wesolowski“ in Rom gemacht. Der „Fall“ war also bekannt. Bisher ist ungeklärt, wie viele Minderjährige der Nuntius und sein priesterlicher Landsmann missbraucht hat. Für das ohnehin nicht gute Ansehen der katholischen Kirche in Santo Domingo – zumindest bei nachdenklichen Menschen- sind diese Freilegungen eine Katastrophe…

8. Peinlich für die Katholische Kirche in der Dominikanischen Republik.
Die Macht des Klerus (nicht alle Priester sind dort konservativ, es gibt etwa einzelne progressive, kritische Jesuiten und andere Ordensleute) ist im Lande sehr groß. Vor allem der Kardinal Nicolas de Jesus greift immer wieder in die Tagespolitik ein, manchmal durchaus vernünftig zu sozialen Fragen. Aber zusammen mit konservativen Parteien ist es den Bischöfen gelungen, dass im Land das rigideste Verbot von Abtreibungen besteht. Die Moralapostel, allen voran der Kardinal, haben auch immer wieder die Entwicklung einer homosexuellen Kultur attackiert, selbst schwule Bars wurden in Santo Domingo durch den Einfluss des Kardinals geschlossen; die AIDS Hilfe im Land verfügt kaum über die nötigen Gelder, vor dem Gebrauch von Kondomen wird von katholischer Seite immer wieder verboten, und das in einem Land mit einer sehr hohen Quote an HIVpositiven Menschen. Da nützt es wenig, wenn dann ein paar aufgeschlossene Nonnen (kranke) Ex – Prostituierte betreuen. Prävention und sexuelle Vernunft ist nicht Sache des Klerus dort.

9. Ein homosexueller Botschafter wird vom Kardinal beleidigt:
Wie tief reaktionär der Kardinal denkt und politisch unmittelbar mitbestimmen will (und auch kann, wie die Geschichte zeigt) wurde kürzlich deutlich, als die US-Regierung ihren neuen Botschafter in Santo Domingo präsentierte. Es handelt sich um James Brewster; der demokratische Diplomat hatte sich kürzlich als „Gay“ geoutet, er war einer engsten Mitarbeiter von Staatspräsident Obama.
Darauf erklärte Kardinal Lopez Rodriguez, dieser schwule Botschafter sei als schwuler Mann NICHT willkommen im Land. Man könnte das Rassismus nennen…..Und der Kardinalsfreund, Monsignore Pablo Cedano, sagte bei der Pressekonferenz sogar, der neue Botschafter Brewster werde bald spüren, dass er unerfreuliche Erfahrungen im Land machen werde…Dann werde wohl in die USA zurückkehren. Ob diese politischen Anmaßungen des oberen Klerus nun – nach den Erschütterungen durch den Nuntius – bescheidender werden, ist möglich.

10.
Die „Bewegung für eine laikale Kultur in der Dominikanischen Republik“ hatte nach der Kritk am Botschafter noch an den Nuntius geschrieben, doch diesen allzu sehr von Macht versessenen Kardinal bitte abzuberufen und in Pension zu schicken. Nun ist aber erst mal der Nuntius selbst entschwunden; er hat sich als Diplomat des Heiligen Stuhls den Richtern im Lande selbst – wohl definitiv – entzogen. Da sieht man einmal mehr, wie diplomatisch raffiniert es doch ist, dass Nuntien gleichzeitig Diplomaten UND Priester sind, sie wählen halt die Rolle, die gerade am besten passt und ihnen weiterhilft … etwa auch in Richtung Straflosigkeit. Der Vatikan als politische staatliche Macht UND gleichzeitig und als religiöses Zentrum: Diese in vieler Hinsicht problematische Melange erlebt man dieser Tage einmal mehr. Es sieht so aus, dass an diesem „Doppelgesicht“ der römischen Kirche wohl auch Papst Franziskus festhalten will (muss).

…………………………………………………………………………………….
Josef Wesolowski, geboren am 15. Juli 1948 in Nowy Targ, Polen, wurde 1972 vom damaligen Erzbischof von Krakau und späteren Papst Johannes Paul II., Karol Wojtyla, zum Priester geweiht. Seinen ersten Posten als Nuntius trat er in Bolivien an.
Nach mehreren Stationen in Zentralasien wurde er im Januar 2008 von Papst Benedikt XVI. in die Dominikanische Republik versetzt.

In jedem Fall hat selbst der Konservative Kardinal von Santo Domingo längst die Flucht nach vorn angetreten, indem er sich „über einen Sprecher“ (sic) „entschuldigend an die möglichen (!) Opfer und deren Familien gewendet hat“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon 2013.

…..
Der Beitrag von Matthias Katsch, mitgteilt am 12.9.2013:
Sehr geehrter Herr Modehn,
vielen Dank für die gute Zusammenfassung der bisher bekannten Fakten über diesen Fall, die wir gerne weitergeben.
Ein Hinweis sei mir gestattet: die Bezeichnung des Nuntius als „pädophil“ ist nicht nur eine Verkürzung und wahrscheinlich sachlich nicht richtig. Die wenigsten kirchlichen Missbrauchstäter sind im klinischen Sinne pädophil, also ausschließlich auf nicht geschlechtsreife Kinder fixiert.
Aber vor allem: bei den Tätern handelt es sich in den aller meisten Fällen um eigentlich hetero− oder homosexuell veranlagte Männer, die ihre unreife Sexualität als Machtspiel an Kindern und Jugendlichen ausagieren.
Dies ist wichtig, wenn wir über die organisatorischen Konsequenzen aus den fortdauernden Skandalen nachdenken: die Kirche braucht reife, gestandene Männer und Frauen als Seelsorger und keine verklemmten Scheinheiligen!
Interessant an dem Vorgang finde ich außerdem:
…, ein kleines Land, das im Ruf steht ein Paradies für kinderschändende Touristen aus aller Welt zu sein, wehrt sich. Das ist ungewöhnlich und wichtig. Ich werde die Hinweise an die Organisation ECPAT (www.ecpat.de) weitergeben, die sich u.a. mit Sex−Tourismus beschäftigt.
…, sowohl der abgetauchte Nuntius wie ein zuvor geflüchteter Priester (Wojciech Gil, alias Padre Alberto) stammen aus Polen. Es gibt Hinweise, dass die „Lawine“ der Aufklärung auch in Polen langsam in Gang kommt. Deshalb wäre es wichtig, diese Informationen auch dort hin gelangen zu lassen. Vielleicht haben Sie Kontakte dorthin.

Mit besten Grüßen Matthias Katsch

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Berlin.