Sizilien heute: Von Menschen die Helden sind, weil sie das Leben lieben, im Kampf gegen die Mafia.

Das neue Buch von Etta Scollo: Essays, Posie, Gesang.

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Stimmen von Sizilien“: Welch ein bescheidener Titel für ein wunderbares Buch! Natürlich ist „Voci di Sicilia“ kein „Reiseführer“ mit den üblichen Informationen. Etta Scollo, die bekannte Sängerin, erschließt uns vielmehr das „Innere“ der Insel, das Wesentliche, Menschliche ihrer Heimat: Sie wurde in Catania geboren, als Jugendliche ist sie nach Österreich, dann nach Deutschland gezogen. Aber sie kehrt immer wieder auf die Insel zurück, dieses Land, das seit Jahrtausenden sehr unterschiedliche Kulturen erlebt hat bzw. erleben musste. Und es sind wirklich „Stimmen“, die dieses originelle Buch bietet: Nicht nur Essays und Literatur, sondern auch Poesie, zumal gesungene Poesie von Etta Scollo. In den „Stimmen von Sizilien“ führt sie uns zu den Städten und Orten, die ihr wichtig sind, die aber insgesamt bedeutend sind, um die innere Lebendigkeit, man möchte sagen Aspekte der „Spiritualität“ Siziliens zu zeigen. Denn dass sich Europäer von dem Klischee befreien sollten: „Sizilien = Mafia“ steht wohl fest.

Von der Mafia ist in dem Buch auch die Rede, vor allem in zwei hoch interessanten Essays, die sich auf Palermo beziehen: Allein schon wegen des Essays des bekannten Juristen, Politikers und Bürgermeisters Leoluca Orlando (geb. 1947) sollte man das Buch kaufen und lesen. Der Bürgermeister von Palermo lebt wegen seines Kampfes gegen die Mafia unter permanentem Personenschutz. Aber wie er in dem Beitrag von dem neuen, dem demokratischen Palermo schreibt, das ist ein Ereignis, und der nicht auf Palermo spezialisierte Leser, wie ich, hofft manchmal nur, dass alle die demokratischen, d.h. gegen die Mafia gerichteten juristischen, pädagogischen, sozialen und politischen Aktionen tatsächlich immer noch Bestand haben. Manche Sätze in dem Beitrag Leoluca Orlandos sind förmlich Maximen, die universal in der Menschheit gelten sollen: „Ein Held ist einer, der auf außergewöhnliche Weise normal ist. Und ein Heiliger, fragt Orlando, und antwortet richtig und überraschend: „Ein Heiliger ist (auch nur) einer, der auf außergewöhnliche Weise normal ist“. Was soll bloß der Vatikan dazu sagen, fragt man sich. Leoluca Orlando ist wohl ein Held, er hat entscheidend dafür gesorgt, dass Palermo eine lebenswerte, liebenswerte Stadt geworden ist. Hervorragend, so schildert der Bürgermeister, ist der rechtlich gut, nämlich menschenwürdig gestaltete Umgang mit den neuen Bewohnern, den Flüchtlingen also, die in Sizilien anlanden… „Wer nach Palermo kommt, wer in Palermo lebt, wird Palermitaner“ (S. 108). Die Migranten sollen sich in Palermo zuhause fühlen „und daher die Verpflichtung spüren, ihr Zuhause zu verteidigen, ehe sie noch ihre Religion oder ihr Herkunftsland verteidigen…Das ist der kulturelle Wandel.“ (ebd). Der Bürgermeister ist den neuen Palermitanern dankbar, weil sie die Vielfalt der menschlichen Kulturen repräsentieren. Und in dieser Situation veranstaltet der Bürgermeister („bin nicht homosexuell, niemand ist vollkommen,“ schreibt er schmunzelnd, S. 109) die großen Gay-Prides in der Stadt…

Diese etwas ausführlicheren Hinweise zu einem Beitrag in „Voici di Sicilia“ könnten fortgesetzt werden zu allen anderen Texten (und Liedern!) im Buch. Den Artikel „Über die Globalisierung der Mafia und zu Palermo als einem Ort der Wahrheit“ von Staatsanwalt Roberto Scarpinato (S. 118 – 129) sollte jeder lesen, der sich auf den neuesten Stand der Kenntnisse zu den Mafia-Aktivitäten führen lassen will. „Die Deutschen haben die Mafia völlig vergessen“, schreibt Scarpinato, für Deutsche heißt Mafia, naiv möchte man sagen: Schutzgeldforderung erpressen und dann in Pizzerien investieren (S. 120). Dabei ist die Mafia heute ein internationales Dienstleistungssystem, das Schwarzgeld in Milliardenhöhe erzeugt. Berührend die Ausführungen über „Palermo als Ort des Geistes“ (S. 125 f). Hier ist „man gezwungen Entscheidungen zu treffen, die man in einer normalen Stadt normalerweise nicht trifft: Entscheidungen, die immer Leben oder Tod (durch die Mafia) betreffen“ (S. 127)

Mir fällt bei der Lektüre der verschiedenen Beiträge auf, dass immer wieder Autoren sich als „Atheisten“ bekennen, so auch Scarpianato (S. 129). Religionskritisch betrachtet, möchte ich behaupten: Dieser Atheismus der ja ursprünglich wohl notwendigerweise katholisch erzogenen Menschen ist ein Resultat der Perversion der Kirche, die nur allzu lange auf der Seite der Herrschenden, auch der Mafia vor allem, stand und wohl noch steht. Erwähnt wird der Name eines mutigen Anti-Mafia-Priesters, Pino Puglisi (S. 109 und 126): Er lebte von 1937 bis 1993, er wurde an seinem 56. Geburtstag vor seiner Haustür von der Mafia erschossen, seine letzten Worte waren, so sagte einer seiner Mörder aus: „Damit habe ich gerechnet“. Inzwischen wurde Pater Puglisi offiziell als „Seliger“ zur besonderen Verehrung durch die Katholiken, auch der katholischen Mafia-Leute, empfohlen…Mal sehen, ob das etwas nützt.
Von der widerwärtigen Arbeit in den sizilianischen Schwefelminen berichtet das Buch, zeigt uns den Friedhof der Kinder, die in den Minen schuften mussten und umkamen. Was sagte eigentlich die Kirche damals zu dieser Sklavenarbeit? Für philosophisch Interessierte finde ich den Beitrag der Dichterin und Philosophin Maria Attanasio (S. 186 – 193) besonders inspirierend. Sie berichtet nicht nur von ihrer Bindung an ihre Stadt Caltagirone, sondern auch von der Bedeutung des Schreibens, der Poesie als der Voraussetzung der Literatur, der Imagination im Umgang mit historischen Personen…Sie berichtet von Rosalia Montmasson, auch von der Mühe der Autorin, endlich die einzige Frau zu würdigen, die mit Garribaldi zusammen auf Sizilien kämpfte und von der Herrschaft der spanischen Bourbonen befreite (im Jahr 1860). Von Lampedusa spricht das Buch, etwa von dem Friedhof der Immigranten, besonders lesenswert der eindringliche Brief der Bürgermeisterin von Lampeusa, Giusi Nicolini, an die italienische Regierung und die EU, den Flüchtlingen zu helfen. Etta Scollo hat diesen Appell ins Musikalische übersetzt „Suite per Lampedusa“ (S. 208).

Die Beiträge in dem sehr empfehlenswerten Buch, auch die herausragenden Fotos, laden ein, Sizilien sozusagen mit Etta Scolo zu besuchen, die vielfältigen Stimmen dieses uralten und kreativen Landes zu vernehmen. Gerade jetzt, in Zeiten der Pandemie, führt das Buch „Voici di Sicilia“ zu einer -gedanklichen, auch akustischen – Reise nach Sizilien. Das Buch weckt die Phantasie, weckt auch das philosophische Fragen, etwa nach dem Sinn von Gerechtigkeit und Recht. Und das geht nicht ohne Mut, die Wahrheit freizulegen, die humane Ethik über alles zu stellen. Claudio Fava, Sohn des 1984 von der Mafia ermordeten Schriftsteller Giuseppe Fava, betont: „Hier, in Catania, wie in ganz Sizilien, brauchen wir Rückgrat und Wahrheit, um entschieden eine moralische Priorität ins Zentrum der politischen Aktion zu rücken: Politik nicht mehr als Basis für private Privilegien.“ (S. 32)

Viele Menschen in Sizilien – das zeigen die Beiträge – schätzen trotz aller Probleme die Schönheit ihres Landes, der Natur, des Meeres und des Lichts… Sie lieben das Leben und wollen sich die Sehnsucht nach der Gerechtigkeit nicht nehmen lassen.

Etta Scollo,“Voci di Sicilia. Eine Reise durch Sizilien“. Corso Verlag, Wiesbaden, 2020. Mit Antonio Maria Storch (Fotogr.) und Klaudia Ruschkowski (Hrsg. / Übers.), 256 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin