Die Gewalt verurteilen, aber die vernünftigen Forderungen wahrnehmen
Ein Hinweis von Christian Modehn am 25. Oktober 2026
1.
Philosophieren und damit Philosophie leben niemals in einem abgeschotteten Bereich, in dem man sich als „Feingeist“ neutral aus der „Affäre zieht“ und gegenüber den politischen Forderungen der Gegenwart taub stellt.
2.
Auch die Unruhen in Frankreich, seit dem 17. Oktober und auch jetzt alles andere als abgeschlossen, verlangen kritisches, differenzierendes, philosophisches Nachdenken und Urteilen. Keine Frage: Tumult, brutale Gewalt, Plünderungen, brennende Häuser als Ausdruck radikalisierter Fanatiker sind überhaupt nicht zu akzeptieren. Aber genauso wenig ist es zu akzeptieren, dass maßgebliche Medien nicht nur in Frankreich, auch in Deutschland, einseitig und voreingenommen die Schuld an den Unruhen der Partei „La France Insoumise“ („Das unbeugsame Frankreich“) geben und vor allem ihrem Parteiführer Jean – Luc Melenchon. Die „WochenTAZ“ vom 24.Oktober bringt einen erhellenden und ins Objektive führenden Beitrag des Journalisten und Autors Selim Nassi: 1946 in Beirut in einer jüdischen Familie geboren, hat er für verschiedene Zeitungen (etwa „Libération“) gearbeitet, er ist Schriftsteller und Drehbuchautor. Wir empfehlen die Lektüre des ganzen Beitrags auf S. 5 der WochenTAZ bzw. im Internet: LINK.
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Wir zitieren einige zentrale Erkenntnisse des Beitrags von Selim Nassib, der unter dem Titel „Die Schuld der Macht“ veröffentlicht wurde.
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„Wer ist für das Chaos verantwortlich? Die Fakten deuten unmissverständlich auf das dem Ende entgegengehende Regime von Emmanuel Macron hin. Dieses hat das Land durch eine Mischung aus Angst, Dummheit und Fehlkalkulationen an den Rand des Abgrunds geführt. Seit dem Beginn der Mobilisierung der Schüler setzte Macron bewusst auf Repression. Dass Jugendliche, die friedlich gegen ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen protestierten, mit Tränengas und Schlagstöcken angegriffen wurden – wobei einer durch einen gezielten Schuss ein Auge und die Hälfte seines Kiefers verlor, während einem anderen durch eine Blendgranate die Hand abgerissen wurde –, sollte Angst verbreiten, von weiteren Demonstrationen abschrecken und den Protest im Keim ersticken. Es geschah das genaue Gegenteil. Die Schüler ließen sich nicht mehr bremsen: Ihre Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Mobilisierung erfasste Lehrer, Eltern, „Gelbwesten“, Arbeitnehmer, Gewerkschaften … und der Aufstand gegen die hohen Lebenshaltungskosten verband sich mit dem der Jugend.“
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„Handelte es sich um ein Durcheinander, das völlige Inkompetenz offenbart? Oder war es gar Kalkül, das Chaos bewusst entstehen zu lassen – um sich in einem zweiten Schritt als Partei der Ordnung zu präsentieren und die Schuld dafür der Partei „La France Insoumise“ in die Schuhe zu schieben?…Nun enthüllte die Online-Tageszeitung Mediapart, dass die Regierung die Geheimdienste – und zwar ganz konkret – angewiesen hat, zu lügen, um LFI zu belasten. Prompt erklärte daraufhin die Pariser Staatsanwältin, sie könne eine Verwicklung der Ultralinken in die Gewalttaten „absolut nicht bestätigen“.
Das Manöver der Regierung erweist sich als derart verlogen und erbärmlich, dass sich selbst linke Parteien, die man gewiss nicht der Sympathie für „La France insoumise“ verdächtigen kann – wie etwa Raphaël Glucksmanns „Place publique“ oder die Sozialistische Partei von Olivier Faure –, gezwungen sehen, LFI in Schutz zu nehmen, wenn auch nur halbherzig.“
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„Wenn die Machthaber auf die Forderungen einzig mit roher Gewalt reagiert haben, dann deshalb, weil ihnen schlichtweg das Geld fehlt, um Schulen zu renovieren, das Bildungssystem zu reformieren oder die Lehrkräfte angemessen zu bezahlen. Die Kassen sind leer und das Land ist hoch verschuldet. Missmanagement? Zweifellos. Doch allgemeiner betrachtet: die verheerenden Folgen des Kapitalismus.
In diesem Jahr haben die großen französischen Unternehmen 70 Milliarden Euro an Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt. 70 Milliarden! Das ist weltweit die zweithöchste Ausschüttungssumme gleich nach den Vereinigten Staaten, während die Schüler den zur Lösung ihres Problems erforderlichen Betrag auf (lediglich) 10 Milliarden beziffern.
Das System gleicht einem gigantischen Staubsauger, der den nationalen Reichtum absaugt und in die Kassen der Besitzenden befördert – während immer mehr Familien den Gürtel enger schnallen müssen und Schulen, Krankenhäuser sowie sämtliche öffentlichen Dienste verzweifelt um Hilfe schreien.“
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„Wie man sieht, gehen die Auswirkungen der Krise in Frankreich weit über die nationalen Grenzen hinaus. Um es klar zu sagen: Eine internationale Koalition setzt sich weltweit nachdrücklich für einen Sieg der extremen Rechten ein – mit dem Kampf gegen die Einwanderung als zentralem Thema. Da die globale Erwärmung droht die Hälfte des Planeten unbewohnbar zu machen, wird es zwingend erforderlich, Barrieren zu errichten, um den Ansturm der Elenden – Muslime, Araber und etwa Mexikaner – auf die Festungen der Begüterten zu verhindern. Angesichts des Aufstiegs der AfD in Deutschland, der gefestigten Position von Giorgia Meloni in Italien und einer möglichen Machtübernahme des Rassemblement National in Frankreich droht Europa – in der Form, wie es sich seit dem Krieg entwickelt hat – der Zerfall.“
8.
„Ganz gleich, wie die Analysen und Warnungen ausfallen – es ist leider sehr wahrscheinlich, dass den französischen Wählern vom 17. Oktober vor allem die Bilder von Zerstörungen und Plünderungen im Gedächtnis bleiben, die in Endlosschleife im Fernsehen und in den sozialen Netzwerken zu sehen sind. Daraus wird ein verzweifelter Wunsch nach Ordnung entstehen – ein Bedürfnis, das nur eine einzige Partei zu stillen vermag, zumindest auf der Ebene der Wunschvorstellung: der Rassemblement National.“
Soweit einige Zitate aus dem Beitrag von Selim Nassib, der Artikel für die WochenTAZ wurde Barbara Oertel aus dem Französischen übersetzt.
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Die rechtsradikale Partei „Rassemblement National“ (RN) und ihre Führerin Marine Le Pen gaben sich auch auf dem Parteitag in Orléans am 25. Oktober eher gemäßigt. Orléans, dies ist die Stadt der Jeanne d Arc, sie hat die Ausländer damals erfolgreich aus Frankreich vertrieben, welche ein „heiliges Vorbild“ für die Rechtsradikalen… Schon der notorische Antisemit und langjährige Parteiführer Jean – Marie Le Pen huldigte gern zusammen mit katholischen Traditionalisten in Paris die „heilige“ Jeanne d Arc, diese Kämpferin gegen die bösen Ausländer, damals waren es Engländer… Marine, die Tochter Le Pens, will unbedingt das konservative Milieu erreichen und so ihren Sieg bei den Präsidentschaftswahlen sichern. Darum ist sie etwas milde… Und die Fans, die in Orléans versammelt sind, wollen nur eins: „Nur die Ordnung“: Ihnen wurde von vielen Medien und den regierenden Parteien eingeredet: Diese bösen radikalen Schüler und Studenten wollen dir dein Eigentum wegnehmen… das berechtige und vernünftige Anliegen der vielen tausend friedlich Demonstrierenden wurde dabei bewusst außer acht gelassen…So läuft eben permanente Beeinflussung durch konservative Medien…
10.
Was aber ist die Ordnung, die eine rechtsradikale Präsidentin schaffen wird? Sicher nicht die Ordnung eines pluralen Rechtsstaates, in dem die Menschenrechte an oberster Stelle stehen. Es ist die Ordnung der Autoritären und Anti – Demokraten und Anti – Europäer… Gegen dieses Regime werden die vernünftigen Bürger dann rebellieren?
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon
