Glauben ohne „Wunder“! Warum Pater Pio endlich im Grab verschwinden sollte. Anläßlich des 50. Todestages.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum 50.Todestag des Paters Pio. Siehe auch einen grundlegenden Beitrag.

Er ist immer noch einer der beliebtesten „Volksheiligen“ Italiens, als Foto mit Heiligenschein präsent in Kneipen, Taxis, Geschäften, Schlafzimmern und wohl auch in den geheimen Treffpunkten der sich auch fromm gebenden Mafia … und darüber hinaus wird er in der ganzen Welt von Katholiken verehrt, als Fürsprecher himmlischer Art… Sein Kult hat über all die Jahre immerhin dem Kapuziner Orden und dem Bistum Manfredonia so viel Geld eingebracht, dass in der Stadt seines Klosters, in San Giovanni Rotondo, Kliniken gebaut wurden, abgesehen von der pompösen „San Pio“ Kathedrale, die Renzo Piano dort errichtet hat.

Der Kapuzinerpater Pio (25.5. 1887 bis 23.9.1968) zeigte sich in der Öffentlichkeit gern mit dunkel rot erscheinenden, blutig wirkenden Verletzungen an seinen Händen: Diese wurden von ihm selbst, von den Frommen und später auch von den Päpsten als Stigmata, als Wunden Jesu am Kreuz, gedeutet. Eine äußerst seltene „Auszeichnung“ in der Sicht klassischer Wundertheologie. Therese Neumann von Konnersreuth („das Resel“ genannt) behauptete auch, auf solche blutige Weise gesegnet zu sein, was ernstzunehmende Theologen natürlich als Betrug deuten.

Pater Pio jedenfalls ist, kritisch betrachtet, und warum sollte man ihn nicht wie andere Menschen kritisch betrachten?, insgesamt gesehen ein Scharlatan, das meinten kritische Theologen und sogar zeitweise die Päpste. Mit Karbolsäure habe er seine Wunden erzeugt und mit dem Nervengift Vertarin die Schmerzen betäubt. So der Historiker Sergio Luzzatto in seiner Studie.

Weil das religiöse, aber kritisch nicht interessierte Volk herausragende Elemente von Jesus Christus leibhaftig sehen will, eben Stigmatisierungen oder sonst, wie ständig üblich, Reliquien (etwa Teile der Vorhaut Jesu, Fetzen aus dem Kreuz etc.) machte Pater Pio mit seinen rot gefärbten, dem Eindruck nach verschorft – blutenden Händen eine große Karriere. Man bewunderte ihn, sah in ihm, dem Priester, der kaum predigen konnte, ein Gottesgeschenk. Und diese Wunderkraft wollte und will doch die Kirche nicht stoppen, die das Geld hoch und heilig verehrt.

Über diesen Glauben an einen aus vielerlei, auch ökonomischer, Interessen „gemachten“ Heiligen habe ich an anderer Stelle berichtet, auch darüber, dass Papst Johannes Paul II. ein großer Verehrer dieses mit roten Handflächen herumlaufenden Kapuziners war; auch Papst Franziskus ist ja bekanntlich ein großer Heiligenverehrer: Man denke daran, dass er als Jesuitenpater, seit einem Aufenthalt in Augsburg, ganz begeistert war von der Gestalt und dem „Gnadenbild“ der Jungfrau Maria als „Knotenlöserin“. Den Kult um „Maria Knotenlöserin“ verbreitete er dann als Erzbischof von Buenos Aires in ganz Argentinien. Viele politische, gewalttätige, ökonomische usw. Knoten Argentiniens hat Maria jedenfalls offenbar bisher himmlisch nicht lösen können. Macht aber nichts , Hauptsache die Frommen haben eine Art Zufluchtsobjekt, wo sie sich ihren Gott und die Heiligen zusammenbasteln können, je nach Laune und Bedürfnis.

Bin ich also in einer Theologie, die als rationales Nachdenken diesen Namen verdient, gegen die Wunder, gegen die Wundertäter, die Wunderorte, die Marienerscheinungen usw.?

Ich bin im allgemeinen gegen den Wunderkult, diese Pio – Verehrung, die Verehrung der Maria, die als solche (!) aus dem Himmel herab nach Fatima schwebte usw… Denn: Wunderglaube in diesem weiten, populären Sinn führt die Menschen in die seelische Entfremdung, ist also, wenn er ernst genommen wird, seelisch schädlich. Und was schädlich ist, sollte man bekanntlich nicht ständig praktizieren. Auch wenn der ganz Trubel und Rummel um die Heiligen und heiligen Orte (Aufbewahrung der einbalsamierten Leichen, wie bei Lenin und dann auch Stalin und Mao etc…) natürlich eine exotische Abwechslung (Opium manchmal) ist einem eher tristen Alltag. Diese Freude, etwas Besonderes, an heilig genannten Orten zu erleben, mit anderen über (angeblich mysteriöse) wunderbare Erscheinungen und Begebnisse esoterisch zu plaudern, ist doch etwas Nettes. Aber nicht alles, was unterhaltsam ist und Gesprächsstoff für Spekulationen bietet, ist auch hilfreich und fördert die Entwicklung eines reifen Menschen. Etwas anderes ist es natürlich, wenn man in einer Oper von Mozart Wunderbares sieht und hört: Dann ist dies eben ein bewusst als solches wahrgenommenes Märchen, über das man schmunzeln kann, aber das war es dann auch. Hingegen hinterlässt Pater Pio auf Dauer negative Spuren im eigenen Leben, fördert den Glauben ans Fegefeuer und andere Absonderlichkeiten (er sah ja selbst arme Seelen von dort in seinem Zimmer etc..).Mit dem Gott der Wundertäter kann man einen deal machen, insofern passt er in kapitalistische Zeiten.

Wenn der Katholizismus aufhören will, Absonderliches zu vertreten und damit gegen die seelische Reifung der Menschen zu arbeiten, dann sollte er zuerst mit diesen Heiligenkulten, auch mit dem Kult um diesen Herrn Pater Pio, aufhören. Zwecks „Reinigung der Gemüter“ sozusagen. Die Kirche kann ja nur an Ansehen gewinnen, wenn sie sagt: Jetzt ist Schluss mit diesen mit roter Farbe verschmierten Pio Händen. Wir lassen die Infantilität dieser Kulte hinter uns usw. Und tun Wichtigeres, zum Beispiel den Armen gerecht zu begegnen und die Menschenrechte zu pflegen….

Ich möchte aber gern eine philosophische, also allgemein menschliche Haltung beachten: Dies ist die Erfahrung des Erstaunlichen, und dieses ist die Erkenntnis: Dass überhaupt etwas ist und nicht viel mehr nichts. Dieses DASS der Welt ist das einzige, das uns immer „ohne Lösung“ zu denken gibt, Leibniz sprach davon, viele andere auch. Wenn man so will, ist dies das einzige „Wunder“. Und für Religionsphilosophen, die das innere Verbundensein von göttlicher schöpferischer Wirklichkeit und Welt (mit den Menschen und ihrer Seele) zusammen denken, gilt: Dann ist es vor allem erstaunlich, dass Göttliches, Absolutes, Ewiges, in der Welt und in der geistigen, vernünftigen Menschenerfahrung sich zeigt, etwa in der Ethik. Siehe Kant. Wir Menschen sind in etwas sehr elementares und „einfaches“ Erstaunliches hineingesetzt. Dieses „Wunder“ gilt es zu bedenken, von da aus ergeben sich Spuren ins Religiöse. Alles andere ist frommes Machwerk.

Wenn Göttliches in der Seele und im Geist der Menschen als „Funken“ (Meister Eckart) anwesend ist, dann ist dieses das einzige Wunder, das diesen Namen verdient! Auch die Gestalt Jesu von Nazareth lässt sich nur so verstehen: Er lebte in enger Verbindung mit dem alle Menschen auszeichnenden Göttlichen, darin ist die Kraft der „Auferstehung“ zu sehen.

Noch einmal: Wunder im populären Sinne, da und dort, bei diesem und jenem, bei Menschen mit rot verschmierten Händen („Wundmalen“), aber nicht bei allen, und auch nur ganz bestimmten ausgegrenzten Orten, gibt es eigentlich nicht. Wer diesen Wunderkult betreibt, hat finanzielle und politische Interessen (etwa im Falle von Fatima), will Religion pompös aufwerten, als Show gestalten, so, dass alle staunen. Das ist Machwerk, aber keine spirituell oder gar mystische Frömmigkeit.

Erneut zum theologischen Hintergrund:

Nichts hat religiöse Menschen so sehr von der eigenen menschlichen, d.h. immer auch selbstkritisch reflektierten Spiritualität entfernt und in die Entfremdung geführt wie der populäre Wunder – Kult und der Kult um Wundertäter und Wunder-Orte. Diese Formen des von religiösen Führern propagierten Wunderkultes sind im christlichen Raum besonders im Katholizismus verbreitet, aber auch in evangelikalen und charismatischen Kirchen und Gemeinschaften. In manchen Pfingstkirchen werden die Gemeindemitglieder ja schon misstrauisch angesehen, wenn sie nicht von ihren persönlichen täglichen Wundern ausführlich erzählen können, etwa so: „Tante Olga brachte mir plötzlich wunderbaren Apfelkuchen vorbei, den ich so dringend brauchte, was für ein Wunder…“

Wenn etwas Besonderes, Außergewöhnliches, offenbar nicht (so schnell) zu Erklärendes geschieht, kann man dies vernünftig – prosaisch Zufall nennen. Religiöse Menschen nennen den für sie selbst positiv erscheinenden Zufall „Wunder“. Irgendwo wollen sie die in der Lehre der Kirchen verbreitete These des begleitenden, hilfreichen Gottes für sich endlich mal selbst materiell erleben und sinnlich spüren. Gegen solche Deutungen „dieser mein Zufall ist mein Wunder“ kann man, von außen betrachtet, so lange nichts kritisieren, als diese dann wundergläubigen Menschen seelisch halbwegs stabil und reflektiert bleiben. Ist ein Lottogewinn Zufall oder Wunder?

Die Krise erleben diese frommen Menschen ja erst dann, wenn der Zufall für sie selbst nicht positiv zu deuten ist. In solchen Situationen, die oft in Verzweiflung und sogar in Unglaube führen können, fragen die Menschen: Wo ist denn Gott? Warum greift er nicht hier direkt für mich ein, warum also durchbricht Gott (der dann allmächtig genannt wird) nicht die Naturgesetze ausnahmsweise mal und dann zu meinen Gunsten? Und rettet mich? Was mit den anderen dann passiert, ist mir erst mal egal. Mein Gott soll mich aus allen möglichen irdischen Bedrängnissen retten. Egoismus wird sichtbar. Und ein sehr menschlicher Umgang mit dem alle Naturgesetze durchbrechenden Gott.

Innerhalb der Wunder-Diskussion ist besonders das Beten zu heiligen Wundertätern problematisch. Etwa so: Pater Pio soll mir helfen, soll im Himmel aktiv werden und Fürbitte leisten bei Gott, dass Gott sich höchst persönlich selbst durch die Fürsprache des so tollen heiligen Pater Pio für uns einsetzt. Das gleiche Denkmodell liegt etwa im Umgang mit der Jungfrau Maria vor: Sie möge doch als Himmelskönigin für uns wirken, also himmlisch irgendwie eingreifen. Was für ein verdinglichtes Gottesbild ist da eigentlich sichtbar? Gottvater mit Bart lässt sich in himmlischem Plausch von Pater Pio zu irgendwas Außergewöhnlichem bewegen…

Diese Gebete sind sozusagen Irreführungen: In allen Lebenssituationen sollte sich der Mensch sammeln und bedenken: Und nur darauf kommt es wohl an: Mein Leben ist wie das Leben aller anderen Menschen undurchschaubar. Mein Leben als solches ist ein Geheimnis. Und Geheimnis ist bekanntlich etwas anderes als ein immer irgendwie aufzulösendes Rätsel. Woher komme ich, warum bin ich da, wohin gehe, dies sind die einzige erstaunlichen wunderbaren Fragen. Darauf bezieht sich meditative Sammlung, darauf bezieht sich religiöser Kult in aller Stille.

Im Zentrum steht also: Ich vertraue auf einen bergenden letzten Sinn im Leben, in meinem Leben und dem Leben aller. Und mehr ist „religiös“ für den einzelnen Frommen gar nicht not – wendig. Diese Lebenspraxis ist schon schwer genug. Vielleicht anstrengender, als sich vor dem Leichnam Pater Pios erschüttert zu verneigen oder in Fatima oder wo auch immer ein paar Stufen auf den Knien hoch zu krauchen … und dann im „Heiligtum“ zehn Vater Unser zu beten, damit die Knieschmerzen wieder aufhören.

Hat das ein Reformator eigentlich einmal gesagt: Wunder sind Machwerke. Und diese Wundertäter inszenierte gut bezahlte Schauspieler…

Zusammenfassend mein natürlich offiziell unerwünschter Rat an die römischen Kirchenführer und die Leiter des Kapuzinerordens: Lasst Pater Pio endlich im Grab verschwinden. Vergesst ihn! Zerstört seine Bilder!  Zeigt Bilder von Oscar Romero, Helder Camara oder Martinuther King überall. Und vor allem: Entschuldigt euch bei den Menschen, dass ihr einen Scharlatan benutzt habt, um einen infantilen, eben autoritätshörigen Glauben zu fördern. Werdet endlich vernünftig, ihr Kleriker…   PS: Werden sie aber nicht.

Papst Franziskus wird trotzdem zum 50. Todestag des Scharlatans und Geldbringers Padre Pio nach San Giovanni Rotondo reisen. Er wird sagen, das weiss ich schon heute, am 31. 8.2018: „Padre Pio, welch ein großer Heiliger, welch ein Vorbild der Armut, auch der geistigen; er hat sich aufgeopfert, er hat die Wundmale Christi erduldet. Hat sie allen gezeigt und dabei Erfolg gehabt. Er hat die Beichte bei so vielen gehört, wer macht das schon? Predigen oder gar argumentieren konnte er nicht. Ist ja auch nicht so wichtig für einen Frommen!  Folgen wir ihm also nach. Ohne Opfer geht nichts zum Heil auf dieser Welt. Man muss überhaupt nicht klug sein, wie Padre Pio es ja war, um Gott zu fallen….“

Und all die Leute werden Beifall spenden. Und den modernen Papst Franziskus loben…..So ist das. Leider.

Wann gibt es wieder mal eine wirkliche Reformation?

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Der Leichnam Pater Pios im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

Der Leichnam Pater Pios (1887-1968) wird im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

Ein Hinweis von Christian Modehn. Was Papst Franziskus zu Pater Pio sagt und wie groß der Ansturm der Pio-Fans ist: Dazu Informationen, publiziert am 6.2.2016, weiter unten.

Wie der Philosoph G.W.F. HEGEL den Reliquienkult deutet, lesen Sie hier.

Es ist ein merk-würdiges und bedenkenswertes Zusammentreffen zweier Ereignisse: Beide dokumentieren auf verschiedenen Ebenen in unserer Sicht die unvernünftig erscheinende Glaubenspraxis im Vatikan: Am 30.1. 2016 gibt es Massendemontrationen in Italien gegen das Vorhaben der Regierung, auch in diesem Land endlich – sozusagen als Schlußlicht in Europa bei diesem Thema – die eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen gesetzlich zu ermöglichen. Der Vatikan ist mit üblichen Argumenten sozusagen der Lieferant ideologischer, religiöser Weisheiten. Aus der schlichten Beschreibung im Alten Testament „Als Mann und Frau schuf Gott die Menschen“ (Genesis, 1,27) wird gefolgert: Also kann es deswegen nur eine Ehe von Frau und Mann geben. Von der einzig möglichen Heteroehe ist in diesem Bibel-Verslein (verfasst ca. 500 vor Christus) keine Rede. Aber der Vatikan entnimmt der Bibel seine Weisheiten, wie es ihm, demVatikan, gefällt.

An dieses Thema traut sich kein katholischer Theologe „ran“: Die merkwürdige angeblich wundertätige Gestalt des süditalienischen Kapuziner-Paters Pio ist für katholische Theologen tabu. Wovor haben diese gut bezahlten Uni-Professoren Angst? Mit diesem angeblich stigmatisierten Kapuziner, der, empirisch erwiesen, in Italien auch heute noch mehr Verehrung findet als Christus oder Maria,  befassen sich „nur“  Soziologen, Historiker oder Kunsthistoriker, wie etwa Urte Krass, Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“. Bibliographische Hinweise am Ende dieses Beitrags. Wichtig ist das Buch des Historikers Sergio Luzzatto, das nun nach der italienischen Erstausgabe auch in Frankreich publiziert wurde: „Padre Pio. Miracles et politique à l age laic“, erschienen bei Gallimard (!), 528 Seiten, 30 €. Das Buch setzt die Gestalt dieses Kapuziners in den historischen Kontext, in dem es das Bedürfnis gab, einen Heiligen zu „schaffen“; es beschreibt auch die Anstrengungen derer, die Pater Pio – sicher aus finanziellen Gründen – in die Gestalt eines zweiten Christus erhöhen wollten. 150 Hotels gibt es in San Giovanni Rotondo, wo die Leiche Pater Pios normalerweise ausgestellt wird. Der Autor zeigt, wie die Faschisten sich der Gestalt Pater Pios bemächtigten.

Der Religionsphilosophische Salon als Ort der Religionskritik hat sich mit Pater Pio schon seit Jahren mehrfach befasst. Diesmal ein aktueller Hinweis:

Man glaubt es kaum, schon gar nicht bei dem angeblich progressiven Papst Franziskus: Da wird der Leichnam (im Glaskasten) Padre Pios, des Volksheiligen aus Süditalien und Idols u.a. aller Taxifahrer und Mafia-Bosse, aus Süditalien in den Petersdom umgebettet und vom 8. bis 14. Februar 2016 ausgestellt, anläßlich des so genannten Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Reliquien, ein einbalsamierte Leiche,  soll also den Gedanken der Barmherzigkeit befördern. Auf welchem theologischen Niveau bewegen sich die Herren des Vatikans eigentlich? Oder geht es nur um Werbung für die Kunstschätze des Vatikans und Roms im Heiligen Jahr? Um mehr Geld in den Kassen des Vatikans und der römischen Hotelbetriebe, zu denen bekanntermaßen heute sicher hundert Klöster gehören. Die Klöster stehen leer, und werden in komfortable 4 bis 5 Sterne Herbergen verwandelt, die Augustiner, die Nachbarn des Papstes, taten es in Rom, die römsichen Franziskaner (die bei dem Projekt pleitegingen)  und viele viele andere…Mit Pater Pio, bei vielen sehr schlichten und weniger schlichten, frommen Gemütern, lässt sich Geld machen…

Religionsphilosophen fragen sich, hat mit dieser Darbietung eines Leichnams in der katholischen Hauptkirche die Vernunft nun endgültig den Vatikan verlassen? Muss der Papst sich so populistisch geben und vielleicht dabei noch konservativere Leute dort versöhnen, dass er den Leichnam Padre Pios, sichtbar und zentral im Petersdom ausstellt? Um was zu bewirken? Dass die naiv gemachten und von ihren Pfarrern ungebildet gehaltenen Frommen dort vor der Leiche beten, den Heiligen bitten und anflehen, seine jetzt nicht mehr blutenden Wunden betrachten und vergessen… dass dieser Mann ein Scharlatan war? Davon sprechen viele Studien, selbst einst die Päpste.

Manche Beobachter fragen: Wie lange will der Vatikan heute eigentlich noch die Nerven der Protestanten strapazieren mit solchen irrigen Kulten um einen heilige Scharlatan? Ist alles Reden von Ökumene im Vatikan nichts als Gerede, indem man genau die Dinge heute ausdrücklich wieder tut, die Martin Luther zurecht verurteilte, wie das Ablasswesen (die „heilige Pforte durchschreiten“ usw)., denn auch der Ablass ist bekanntlich wieder so beliebt und eben den Kult um angeblich heilige Leichname bzw. Skelette fördert. De facto sind sich die getrennten Kirchen offenbar bis heute nicht näher gekommen. Das sagt auch jetzt Kardinal Müller, der oberste Glaubenshüter in Rom, wenn er sich die Einheit der Christen nur als Rückkehr zum Papst vorstellen kann. Kurz und gut, warum wagt es kaum jemand zu sagen: Die Ökumene ist nichts als ein schöner, frommer „Schein“? Vielleicht eine Art theologischer Zeitvertreib? Hübsch, wenn man sich zu Konferenzen mit den ewig selben Themen trifft usw. Es geht letztlich unausgesprochen, aber sichtbar im Handeln im Vatikan, nur um die pure Vorherrschaft Roms, eines Roms, som, wie es eben „immer schon war“.

Wir haben schon vor einigen Jahren auf diesen merkwürdigen „Volksheiligen“, der als Priester kaum ein vernünftiges Wort predigen konnte, angeblich mit den Wunden Christi ausgestattet,  aufmerksam gemacht. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.   

Interessante Hinweise, etwa zur Kritik der Päpste an diesem Scharlatan, bietet auch ein Beitrag aus Stuttgarter Zeitungvon 2015, klicken Sie hier.

Wir empfehlen die Lektüre des Beitrags von Urte Krass, „Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“ in dem Sammelband aus dem Suhrkamp Verlag (2011), hg von Alexander C.T.Geppert und Till Kössler, dort Seite 383-394. Diese Studie von Urte Krass (München) sollte jedem Besucher der wundertätigen Leiche Pater Pios im Petersdom als Pflicht-Lektüre überreicht werden. Geld genug dafür haben ja die Kapuziner mit ihrem „Wunderpriester“, der auch über seinen Tod hinaus für eine wunderbare Geldvermehrung der völlig naiven Frommen seit Jahrzehnten sorgt.

Die Protestanten sollten im Umfeld des Reformationsgedenken 2017 (und des „Ökumenischen Kirchentages“ 2017) diese Studie lesen, um sich einen Eindruck zu machen, was heute so alles wichtiggefunden wird in der katholischen Volksspiritualität, mitten im Petersdom, mitten in Italien… Diese total irrationale Volksfrömmgkeit wird amtlich, päpstlich,  gefördert …. weil sie soviel Geld-Segen bringt. Bekanntlich hat ja das riesige Krankenhaus in San Giovanni Rotondo und die dortige „wunderbar-große“ Kirche des Stararchitekten Renzo Piano viele Millionen verschlungen…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ergänzungen am 6.2.2016: Was sagt der (angeblich progressive) Papst Franziskus von Pater Pio: Ein Zitat aus kath.net: „Nachdem am gestrigen Freitag (5.2.2016) die Reliquien von Pater Pio und Leopold Mandic in Prozession in die Petersbasilika gebracht wurden, wo sie bis zum 11. Februar bleiben werden, begrüßte Papst Franziskus die Gebetsgruppen des heiligen Pio in einer Audienz auf dem Petersplatz.
In seiner Ansprache an die Zehntausenden von Pilgern unterstrich der Papst, dass Pater Pio ein „Diener der Barmherzigkeit gewesen sei. Durch das „Apostolat des Hörens, den Dienst der Beichte, sei Pater Pio eine „lebendige Liebkosung des Vaters“ gewesen, der die Wunde der Sünde heile und das Herz mit seinem Frieden aufrichte. Der heilige Pio habe dies tun können, da er immer mit der Quelle verbunden gewesen sei. Er habe ständig seinen Durst am gekreuzigten Jesus gestillt und sei so zu einem „Kanal der Barmherzigkeit“ geworden“. Er habe das Geheimnis des Schmerzes gelebt, den er aus Liebe aufgeopfert habe. So sei sein kleiner Tropfen zu einem großen Fluss der Barmherzigkeit geworden“.

Nebenbei: Wer mag wohl diese Äußerungen dem religiösen Bewußtsein des 21. Jahrhunderts entsprechend finden?

Quelle kath. Net gelesen am 6.2.2016. Wir zitieren – ausnahmsweise – aus dieser sehr konservativen website, weil diese Kreise am ehesten zur Verehrung Pater Pios umfassend berichten.

Und der Fluss der Barmherzigkeit strömt nach Rom zur Leiche Pater Pio, berichtet ebenfalls kath.net am 6.2.2016: „Pilgeransturm zur Reliquie übertrifft Erwartungen. Fünf Stunden Schlangestehen für fünf Sekunden bei der Pater-Pio-Reliquie. Zehntausende nehmen dies auf sich. Von Stefanie Stahlhofen (KNA) 450 Kilometer hat Filomena für diesen Augenblick hinter sich gebracht. Aus Lagonegro in der Basilikata ist die 65-jährige nach Rom gekommen, um die Reliquie des Heiligen Pater Pio (1887-1968) zu sehen. Dreieinhalb Stunden lang stand sie in der Schlange, andere sollen fünf Stunden gewartet haben. Egal. Filomenas Augen strahlen. «Seelenruhe» habe Pater Pio ihr gegeben, sagt sie. Der Glassarg ist kaum zu sehen vor lauter Menschen. Sie hinterlassen Blumenschmuck und kleine Zettel, pressen einen Schal, eine Hand mit oder ohne Rosenkranz, ein Heiligenbild gegen den Schrein. Sie knipsen Fotos mit dem Handy, murmeln ein Gebet. Vor ihnen der Anblick von Pios Leichnam in der typischen Kutte, die schwarz gewordene Hand über der Brust gefaltet. Eine Silikonmaske verdeckt das Gesicht. Sie verleiht dem Heiligen mit dem grauen Bart einen friedlichen Gesichtsausdruck“.

Nebenbei: Da können sich also die Hoteliers und Restaurants und Andenken-Verkäufer in der Heiligen Stadt freuen: Der Euro rollt wieder dank des Heiligen mit der Sikonmaske…. Und der Ablass wird fleißig gewonnen. Leben wir erneut zu Luthers Zeiten, oder was ist los im Vatikan des Jahres 2016? Stellen protestantische Theologen diese Fragen heiute noch? CM.

Quelle:  kath. Net gelesen am 6.2.2016

 

 

Pater Pio : Ein heiliger Scharlatan?

Pater Pio – nun auch bald ein „Kirchenlehrer“ und weitere Ungeheuerlichkeiten zu einem „heiligen Scharlatan“. Von Christian Modehn.

Zusätzlich zu den älteren Beiträgen wurde am 10. September 2013 diese Neuigkeit zu Pater Pio publiziert:
Kapuziner wollen Pater Pio zum Kirchenlehrer machen:

Der Kapuzinerorden in Italien will den Volksheiligen Pater Pio (1887-1968) zum Kirchenlehrer erheben lassen. Die süditalienische Ordensprovinz «Sant’Angelo e Padre Pio» in der Heimat des Heiligen habe eine Kommission aus fünf Ordensmännern und zwei Laien eingerichtet, die die Möglichkeiten dieses Vorhabens prüfen solle, berichtete die italienische Zeitung «La Gazzetta del Mezzogiorno»
Es sei kein leichter Weg, zitierte die Zeitung den Provinzoberen Francesco Colacelli. Nur 34 Heilige der katholischen Kirche sind vom Papst der Titel eines Kirchenlehrers zuerkannt worden. Voraussetzung ist ein herausragender theologischer oder spiritueller Beitrag zur katholischen Lehre.
Kritische Zeugen berichten hingegen, dass Pater Pio kaum predigen konnte, geschweige denn, dass er in schriftlichen Äußerungen Wesentliches vom christlichen Glauben vermitteln konnte. Insofern kann man das Ansinnen der Kapuziner schlicht nur waghalsig, wenn nicht „verrückt“ nennen. Aber solche Vorschläge bringen Pater Pio einmal mehr in die Presse. Auszuschließen ist es freilich nicht, dass sich die römische Kirche diesen Kirchenlehrer auch noch antut.
Pater Pio ist sicher der populärste Heilige Italiens. Johannes Paul II. sprach den Ordensmann 1999 selig und 2002 heilig. Zur öffentlichen Aufbahrung seines Leichnams pilgerten von April 2008 bis September 2009 insgesamt 8,6 Millionen Menschen in das süditalienische San Giovanni Rotondo. Seit Juni ist er in einem gläsernen Sarg dauerhaft in der Wallfahrtskirche zu sehen.

Vorweg eine Neuigkeit zum Kult um Pater Pio: Anfang Juni 2013 wurde berichtet: Der Leichnam des süditalienischen heiligen Pater Pio von Pietrelcina (1887-1968, im Jahr 2002 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen!) werde nun in einem Glassarg zur Verehrung durch die Gläubigen öffentlich dargeboten. Einen feierlichen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche von San Giovanni Rotondo in Apulien (dort lebte Pater Pio) feiere Kurienkardinal Angelo Amato als Auftakt zur Ausstellung der Leiche des „populärsten“ Heiligen Italiens. Offenbar braucht das Wallfahrtswesen in San Giovanni Rotondo doch auch einen neuen Schwung, d.h.: offenbar wird viel Geld gebraucht von den Pilgern. Denn Geldquellen zu erschließen ist der Haupt – Grund für den seit fast 2 Jahrtausenden gepflegten Reliquienkult der römischen Kirche. Kardinal Amato, offenbar theologisch nicht ganz ungebildet, ließ sich in seiner Predigt während der Festmesse doch zu den Worten hinreißen: „Pater Pio will, dass wir ihm auf das Gesicht schauen, und auch er kann uns in die Augen sehen“. In weltlicheren Zusammenhängen nennt man dies vernunftwidrigen Esoterismus, den die römische Kirche eigentlich ablehnt; aber sie pflegt die Unvernunft selbst, etwa wenn es denn (finanziell) geboten ist. Für die Ökumene ist dieser Kult um den allgemein für eher debil und eher süchtig gehaltenen Pater Pio natürlich ein Schlag, aber solches wird kaum noch registriert…

Es folgt nun die Abschrift der Ra­dio­sen­dung:;
Moderation:
Er ist einer der beliebtesten Heiligen in ganz Europa: Pater Pio, Kapuzinermönch aus Süditalien Weiter lesen “Pater Pio : Ein heiliger Scharlatan?” »

Mystik als Betrug? Die populäre katholische Seherin Marthe Robin (Frankreich) wird vom glorreichen Sockel gestürzt.

Über ein mittleres Erdbeben in der frommen katholischen Welt.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Da lebte eine schwer kranke Frau ans Bett gefesselt. Geboren 1902, gestorben 1981, ernährte sie sich – angeblich – seit 1930 von nichts anderem als der täglichen Hostie; sie erhielt himmlische Visionen, sie soll die Wundmahle Christi an ihrem Körper gehabt haben; wurde deswegen zur Attraktion für Fromme aus aller Welt, die zu Tausenden zu ihr strömten in ihr Haus in Chateuneuf-de-Galaure im Département Drome. Es wurden in ihrem Geist „Heime der Liebe“ („Foyers de Charité“) errichtet. Sie sind weltweit zu finden, auch in Österreich, sowie in Gunzenbach bei Aschaffenburg, aber sehr viele in Frankreich (etwa in Ottrott, Alsace) und Afrika und Lateinamerika. Die neuen geistlichen Gemeinschaften, wie die Charismatiker (Gemeinschaft Emmanuel) oder die weltweit tätigen „Johannesbrüder“ verehren diese so genannte Mystikerin über alles…

Diese Seherin und Autorin viel gelesener mystischer Bücher heißt Marthe Robin. Ihre vielen VerehrerInnen setzten sich natürlich für die Seligsprechung ihrer Marthe ein, Papst Franziskus hatte ihr sogar schon einen „heroischen Tugendgrad“ bescheinigt. Nun sollte es bald so weit sein, dass sie vom Vatikan selig gesprochen werde, sozusagen als heiligmäßiges Vorbild auf die Höhe der Altäre gehoben, wie man so in katholischen Kreisen sagt.

Aber daraus wird nun nichts. Zumal auch die Priester, die so eng mit der Seherin verbunden waren, sexuellen Missbrauch praktiziert haben sollen: Der spirituelle „Vater“ der angeblichen Mysterikerin, Abbé Georges Finet, soll bei der Beichte die armen Sünder, vorwiegend Jugendliche, sexuell belästigt haben. Auch der Priester, der die Seligsprechung im Vatikan voranbringen sollte, Bernard Peyrous, musste erst mal zurückstecken, weil auch er angeklagt wird wegen der „gestes gravement désordonnés“, der schwer ungeordneten Verhaltensweisen also, im sexuellen Bereich, vermutlich.

Bislang war rund um Marthe Robin alles hübsch mit einem Heiligenschein umgeben. Nun kommt die große Ernüchterung: Und Beobachter sprechen von einem neuen, schweren Skandal, der in den kommenden Oktobertagen 2020 einmal mehr die katholische Kirche erschüttern wird: „Paris Match“ hat sich für den 8.Oktober schon mal exklusive Vorabdruck Rechte gesichert, berichtet die Pariser katholische Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“,Paris, am 24.9.2020.
Am frühesten hat, ökumenisch sehr mutig, die bekannte protestantische Wochenzeitung „Réforme“ (Paris) am 20.9.2020 über die falsche Mystikerin berichtet. Und der Autor, Philippe Clanché, hat völlig recht, wenn er schreibt: „Die Mehrzahl der neuen spirituellen katholischen Bewegungen, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, sind heute beschmutzt (souillés) durch die Freilegung des Autoritarismus oder des abweichenden sexuellen Verhaltens (also des Missbrauchs) ihrer Gründer.“ Ich habe diese vielfältigen Verirrungen dieser von Papst Johannes Paul so hoch verehrten neuen geistlichen Gemeinschaften auf der website religionsphilosophischer-salon.de dokumentiert. Diese Kreise sollten die so genannte „neue Evangelisierung“ befördern, haben aber oft nur Probleme und Irritationen geschaffen.
Der Autor der Wochenzeitung „Réforme“ fährt fort: „Und wir erfahren heute, dass eine der am meisten populären Heldinnen des frommen Frankreich nun offenbar von ihrem Sockel gestürzt wird“: Marthe Robin, die Betrügerin, umgeben von einem Kreis von Betrügern, die die Seherin hoch puschten, zur Heldin machten …um davon zu profitieren.

Am 8. Oktober 2020 soll also in dem angesehenen Verlagshaus „Editions du Cerf“ in Paris, das von den Dominikanern geleitet wird, ein Enthüllungsbuch erscheinen, über das bisher sehr wenig enthüllt ist: Nur so viel: Die hoch verehrte Mystikerin Marthe Robin (1902 -1981) aus Frankreich war eine Betrügerin. Ihre bewunderten und so außergewöhnlichen Visionen, die sie niederschreiben ließ und die als Bücher erschienen, sind tatsächlich keine außergewöhnlichen himmlischen Einsichten, sondern ganz banal und etwas raffiniert: Eben Plagiate! Abschriften von spirituellen Texten aus dem 19. Jahrhundert. In mühevoller Jahrelanger Arbeit hat das Prof. Conrad de Meester aus Belgien herausgearbeitet, er ist im Dezember 2019 gestorben. Er war ein angesehener Fachmann für Fragen der Mystik und Mitglied in dem auf Mystik sozusagen spezialisierten Orden der Unbeschuhten Karmeliten. Das Manuskript dieses Buches fand man in seinem Kloster in Belgien post mortem in seinem Schreibtisch.
Prof. de Meester zeigt in seinem umfangreichen Buch, dass die angeblich seit Jugendzeit ans Bett gebundene, kranke Marthe Robin doch wohl nicht gelähmt war, wie ihre VerehrerInnen glauben: Der Professor hat z.B. die Hausschuhe von Marthe Robin untersucht, und da zeigten sich „usures inexplicables“, unerklärliche Gebrauchsspuren.
Sehr viel mehr hat „Réforme“ bisher mangels Kommunikation mit dem Verlag nicht publizieren können, lediglich vom Verlag du Cerf wurde für einige Tage eine Pressenotiz im Internet sehr bedeutungsvoll verbreitet: „Dies ist eines der Investigations/Forschungs- Büchern, deren Erkenntnisse ein davor und ein danach markieren. Denn dieses Buch enthüllt eine etablierte Lüge, indem es jedes geheim gehaltene Urteil („raison“) demontiert, auseinandernimmt und auch jedes versteckte Netzwerk freilegt, weil es dessen Autoren, Komplizen und den Opfern die Masken abreißt („démasquer“).
Bemerkenswert ist, dass diese Pressemeldung des Verlages du Cerf noch am 22.9. 2020 auf der Website des Verlages von mir gelesen wurde. Heute, am 24.9.um 15 Uhr, ist diese Pressemeldung von der Verlagswebsite verschwunden! Es kann schon sein, dass gegen dieses monumentale Buch (von ca. 400 Seiten) gerichtlich vorgegangen wird oder dass es in einem nicht-katholischen Verlag erscheinen muss, weil die Dominikaner mit der Angst zu tun bekamen.

Denn Marthe Robin zu entthronen, bedeutet: Mystik als Betrug: Das ist schon „ein Skandal“, den viele kritische Beobachter schon bei dem heiligen Scharlatan Pater Pio oder der Seherin Therese Neumann von Konnersreuth entdeckten. Aber die katholische Kirchenführung hält wider besseren theologischen Wissens an diesem Wunderglauben, diesen Stigmatisierungen und Visionen etc., fest. Die Kirche glaubt mit diesem „Zeug“ die Spiritualität, den Glauben, in der säkularen Welt retten zu können. Aber die Menschen wollen Argumente für Gott, nicht spinöse Wundermärchen und Lügen.
Klar ist schon jetzt: Ein ganzes Werk, diese „foyers de charité“, erscheint in anderem, finsteren Licht von Betrug und Machenschaften…
Und die Menschen nehmen hoffentlich Abstand von einem mysteriösen Glauben, der mysteriös aufgebauscht wurde.

Das Interesse an einer authentischen Mystik, die gibt es ja noch manchmal (!), dieses Interesse bleibt. Meister Eckart oder Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz wird man wohl nicht des Betrugs überführen. Dafür sind ihre Texte echt.

Conrad de Meester, „La fraude mystique de Marthe Robin“. Editions du Cerf, Paris, soll, so Gott und der Vatikan wollen, am 8.10. 2020 erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Mit Nietzsche weiterdenken: Vier Hinweise von Christian Modehn, anläßlich von Nietzsches Todestag am 25. 8.1900

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Nietzsche neu lesen
Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 3.8.2019
1.
Mit einem erneuerten Verstehen Nietzsche lesen: Das fordert der Philosoph Andreas Urs Sommer (Uni Freiburg i. Br.) in seinem Essay in der Zeitschrift „Information Philosophie“, Ausgabe Dezember 2018. Sommer ist Leiter der „Forschungsstelle Nietzsche-Kommentare“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Weil Nietzsche vor allem von vielen philosophisch Interessierten oft und viel zitiert sowie mit Schlagwörtern, wenn nicht Klischees, fixiert wird, lohnt es sich, diesen Beitrag von Andreas Urs Sommer besonders zu beachten.
2.
Seine Überlegungen sind bezogen auf seine umfangreichen Studien des „Nietzsche Kommentars“, die selbstverständlich auch die vielen Texte aus dem Nachlass berücksichtigen. Der Beitrag setzt sich mit zwei gegensätzlichen Interpretationslinien der Philosophie Nietzsches auseinander: Die beliebte „inhaltliche“ Position, die in Nietzsches Schriften feste Überzeugungen entdeckt. Und diese dann auch auf aktuelle Fragen bezieht, etwa „Tod Gottes“, „Nihilismus“, „Übermensch“. Und dann die eher „textische“ Lektüre, wie Sommer sagt, die Nietzsche nur als Verfasser von literarischen Texten versteht: Die dann von diesen Sprach-Forschern in allen philologischen Nuancen ausgeleuchtet werden.
Der Essay von Andreas Urs Sommer hat den provozierenden Titel „Was von Nietzsche bleibt“. Das ist ein Titel, der auf Abschließendes, Definitives hinweisen könnte. Tatsächlich aber will Sommer eher einen „Denkraum“ eröffnen…
3.
Der Artikel ist für LeserInnen Nietzsches wichtig, weil zentrale Differenzierungen genannt werden. So etwa Nietzsches Umgang mit Kant (S.10, in dem genannten Heft). Nietzsche habe, so Sommer, Kants Werke selbst nicht gelesen. „Nietzsches Kant ist ein Monstrum, von Nietzsche erdacht oder erschrieben als Gegner, an dem man sich messen kann, um sich in ein ablehnendes Verhältnis zu setzen…Nietzsche will einen Waffengefährten oder einen Gegner haben“. Eine Erkenntnis übrigens, die etwa schon der Philosoph Vittorio Hösle im Nietzsche Kapitel seines Buches „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (2013) mitgeteilt hatte (S. 185, auch S.190: „Nietzsche war als Philosoph nie ausgebildet“).
Wer hingegen die ganze große Fülle des Nachlasses berücksichtigen muss, wie Sommer, der wird bei Nietzsche dem stetigen mühevollen Ringen um den treffenden Ausdruck begegnen. Z.B.: „Die vom historischen Subjekt Nietzsche (dann) für publikationswürdig erachteten Aussagen über den =Willen zur Macht= stehen unter Vorbehalt. Sie haben die Gestalt eines Denkexperiments“ (S.12.) Dadurch gelangt man zu einem neuen Verstehen dessen, was Philosophie für Nietzsche bedeutet. “So hat man“, betont Sommer, “in den philosophischen Texten Nietzsches ein Philosophieren in der Hand, als permanentes Fort – und Überschreiben einmal erreichter Standpunkte, nicht als ein festes Gefüge von Gedanken, Überzeugungen, sondern Philosophieren als Prozess, als Bewegung“(S. 13). Philosophieren zeigt sich in Nietzsches Texten als etwas ungewöhnlich anderes, „es unterscheidet sich“, so Sommer, „fundamental von Philosophie im landläufigen Sinne“ (S. 14). Philosophieren widerspricht den festen Fügungen und letzten Überzeugungen, denkt Nietzsche.
4.
Was also bleibt von Nietzsche? Nichts Festes. Schon gar kein Lehrsystem. Sondern Denken als Prozess, als ständiges Aufheben und Überschreiben fester Überzeugungen (Propositionen). Große dogmatische, handlich griffige Lehrgewissheiten sind also aus Nietzsches Schriften nicht zu erzeugen und auch nicht mehr festzuhalten, so Sommer. Es sind bei ihm Denkbewegungen zu finden, bei denen der Leser Unterstützung finden kann in den umfangreichen Kommentaren, die nun von der Forschungsstelle herausgegeben werden. Dadurch wird deutlich: Selbst bei einer Vielzahl möglicher Interpretationen von Nietzsches Texten sind doch nicht alle Deutungen vertretbar. „Nietzsches Philosophie öffnet Denkräume. Es entsteht Weite. Abschließendes gibt es bei Nietzsche nicht. Diese Haltung im Denken hat etwas gegenüber der fixierenden Tradition durchaus „Zersetzendes“, betont Sommer. „Diese Zersetzungskraft rückt den Selbstverständlichkeiten abendländischer Moral – und Weltanschauungskonsense auf den Pelz. Auch das bleibt von Nietzsches Philosophie“ (S. 15).
Wie das zu bewerten ist, bleibt eine offene Frage: Das Tote, d.h. das Unmenschliche einer Kultur, kann ja gern „zersetzt“ werden: Aber wenn es dann doch – gegen Nietzsche – bleibend Gutes und Wahres gibt, warum sollte das nicht erhalten bleiben, etwa die Menschenrechte, die so oft missbraucht, aber trotzdem universal geltend für alle Menschen unersetzlich sind…
Für uns am wichtigsten: Nietzsche fördert bei seinen Lesern den eigenen Denkweg zu suchen, die eigene Praxis zu finden. Die fraglich bleibt und nur in der Bewegtheit des Lebendigen selbst das Bleibende sieht.
5.
Freilich: Bestimmte Grund – Überzeugungen“ zur Philosophie Nietzsches haben sich öffentlich durchgesetzt, haben sich als Sprüche in den Köpfen festgesetzt. So etwa die Diagnose, die er im Text „Zarathustra“ verbreitet: „Wir haben Gott getötet“. Dieser Satz gibt nach wie vor zu denken: Kann der Mensch Gott töten, wenn ja: welchen Gott, wer ist „wir“? Über Nietzsches Text „Der Antichrist“ wäre eigens sprechen (erschienen 1895). Darin „verkündet“ Nietzsche doch wohl eine neue, eine explizit antichristliche Moral? Manche Leser haben diesen Eindruck, wenn man das von Nietzsche Geschriebene ernst nimmt. Und auch dies: Die Polemik Nietzsches gegen, so wörtlich, „die Schwachen und Missratenen“, ist nicht nur antichristlich. Sie ist antihuman. Oder muss man auch bei dem Thema das nur „Vorläufige“, wenn nicht „Spielerische“ des Gesagten bedenken?
6.
Man wird also Nietzsche, dann mit den ausführlichen kritischen Kommentaren ausgestattet, sehr vorsichtig, immer mit einem Abstand kritisch lesen müssen und ihn schon gar nicht zu einem „Meisterdenker“ aufwerten, selbst wenn viele seiner Aphorismen anregend sind, zum kritischen Weiterdenken führen. Das gilt sicher schon heute, auch wenn diese großen Kommentare noch nicht vorliegen.

Siehe auch: „Forschungsstelle Nietzsche Kommentar“. 2020 soll z.B. ein Kommentar zum „Zarathustra“ erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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2.
Über ein Sonderheft des „Philosophie Magazin“ (Berlin):
Also sprach Nietzsche
Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlich am 9.7.2017

Immer wieder Nietzsche also. Die Einführungen in sein Denken sind heute kaum noch zu überschauen. Liegt es daran, dass Nietzsche sehr oft erstaunlich gut und „eingängig“ schreiben konnte, aber dabei selten doch klar verständlich war? Dass man also bei jedem Nietzsche Zitat oder Aphorismus mit größter Vorsicht umgehen muss, ob denn der „tolle Satz“ im Ganzen des Denkens von Nietzsche noch „stimmt“? Und ob die Nietzsche Überzeugung überhaupt stimmt?

Das Interesse an Nietzsche hat heute sicherlich mit der expliziten oder der verschwiegenen Verbindung seines Denkens mit der alten rechtsextremen Ideologie und der „neuen Rechten“ („La nouvelle Droite“) zu tun und auch mit der postmodernen Ideologie, die da den philosophisch kaschierten Glauben verkündet, „alles ist elativ … und Wahrheit gibt es nicht“.

Darum ist es wohl am wichtigsten, in dem neuen Sonderheft über Nietzsche aus der Reihe des „Philosophie Magazins“ die Interviews zu dem politisch aktuellen Thema zuerst zu lesen.

So sagt gleich am Anfang des Heftes Rüdiger Safranski: „Nietzsche war sehr dezidiert kein Demokrat … Mehrheiten sind für ihn immer töricht“ (S. 18). Dann folgt ein Hinweis Safranskis, dass Mehrheiten (in Demokratien) eben auch irren können, er nennt das Beispiel im Nationalsozialismus, woraus Safranskis schließt: „Es schadet durchaus nicht, auch die radikale Alternative zum demokratischen Denken kennen zu lernen“ (ebd.) Dass es von Herrschern und Medien dumm gemachte Mehrheiten in Demokratien gibt, sieht Safranski nicht. Hätte er sehen können, wenn er die Trump – Wahl studiert hätte. Diese durch idiotische Propaganda dumm gemachten Mehrheiten sind aber meines Erachtens kein Grund, prinzipiell gegen Mehrheitsentscheidungen in einer Demokratie zu sein. Aber das nur am Rande. Befremdlich auch, dass Safranski meint, es habe, so wörtlich, „intelligente nationalsozialistische Philosophen“ (S. 20), wie etwa Alfred Baeumler, gegeben. Heidegger nennt Safranski nicht. Meint Safranski solche Philosophen, die mit der formalen philosophischen Logik, dem „Einmaleins“, gut klar kamen? Dann mag es zu Zeiten der Juden – Vernichtung durch die Nationalsozialisten vielleicht logisch korrekt denkende Nazi – Philosophen gegeben haben. Aber wenn Intelligenz auch Ethik umfasst, dann kann es definitiv keinen „intelligenten nationalsozialistischen Philosophen“ gegeben haben. Sie waren verirrte Ideologen, mehr nicht. Schade, dass solche Auslassungen Safranskis einfach im Interview (geführt wie die meisten Interviews im Heft von der Philosophin Catherine Newmark) unwidersprochen stehen bleiben.

Deutlich ist die Aussage des Philosophen Bernhard H.F. Taureck: „Die Mehrheit der Italo – und Germanofaschisten stand eindeutig auf der Seite Nietzsches“ (S. 105). Es faszinierte die Nazis, „das Nein Nietzsches zur Demokratie, seine Verachtung der Frauen, sein Ja zum Krieg und sein Votum für die Überschreitung des bisher bekannten Menschentypus… (S. 105). Nietzsche war einerseits gegen das Judentum als Träger universalistischer Werte. „Aber er bejahte die jüdische Bevölkerung Deutschlands, um aus ihr und den Germanen eine höhere Menschheit zu züchten“ (S. 107). Kann man sagen, diese Haltung sei nicht antisemitisch? Sie ist es, denke ich. Interessant ist der Hinweis Taurecks, dass etwa 150.000 deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg Nietzsches „Zarathustra“ im Gepäck bei sich hatten, als eine Art Religionsersatz.

Wie die Philosophie des Transhumanismus (d.i. kurz gesagt: sehr langes Leben – 150 Jahre – für einige reiche Herrschaften als Lebensziel) mit Nietzsche zurecht kommt, kann man in dem Interview mit dem Transhumanismus – Philosophen Stefan Lorenz Sorgner nachlesen. Sorgner ist auch Mitbegründer des „Beyound Humanism“ – Netzwerkes! Er plädiert für einen „liberalen (was ist das?, CM) Umgang“ mit Technologie in der Hoffnung, durch den Schritt zum Trans- oder vielleicht Posthumanen die Wahrscheinlichkeit des guten Lebens zu erhöhen“ (S. 115). Es ist für mich unverständlich, dass solche Auslassungen vom Interviewer Sven Ortoli nicht unterbrochen werden, nicht nachgefragt wird, so wird ein Interview zur Propaganda, die mit Philosophie nichts mehr zu tun hat.

Der Nietzsche Spezialist Andreas Urs Sommer ist da kritischer: Nietzsche habe einen Hang zum Autoritären, betont er, ein konkretes politisches Programm habe er nicht vorgelegt, insgesamt nennt Sommer Nietzsches Denken wohl sehr treffend „schräg“ (S. 30). Er bezeichnet dann die Provokationen Nietzsches „in hohem Maße verdächtig – verdächtig im positiven Sinne“. Was im positiven Sinn „verdächtig“ denn bedeuten könnte, wird nicht erklärt.

Sehr interessant für mich ist das Interview mit dem Philosophen und Theologen Christoph Türcke über die „Tiefen – Psychologie“, die Nietzsche in seinem Werk ausbreitet: Ausgangspunkt sei, so Türcke, dass Nietzsche „den menschlichen Verstand bloß eine Art Wurmfortsatz der menschlichen Triebnatur auffasst, nicht als eigenständige Kraft“( S. 82). Sind solche Wurmfortsatz – Denker wie Nietzsche noch Philosophen?

Das Nietzsche Heft ist für solche, die bisher wenig von dem Propheten wissen, doch empfehlenswert, zumal auch einige treffende Nietzsche – Zitate versammelt sind. Und auch wird die Rolle von Nietzsches Schwester Elisabeth für die Philosophie durch Kerstin Decker sehr schön dargestellt und neu interpretiert. Auch Stefan Zweig kommt zu Wort und Thomas Mann, so wird zusammen mit der Daten – Übersicht eine inspirierende, Fragen weckende Broschüre veröffentlicht. Schade nur, dass die internationale Relevanz Nietzsches etwa in Italien oder Frankreich nicht dargestellt wird. Wird er etwa in Indien wahrgenommen oder im buddhistischen Kontext? Was denken Menschen in arm gemachten Regionen über ihn, der die Kleinen und Kranken und Armen verachtete? Ohne internationale Bezüge kann heute kein Philosophie – Heft mehr auskommen, denke ich.

Leider fehlt auch der für Nietzsche entscheidende Hass aufs Christentum als eigenes Thema. Es hätte die Rede sein müssen, wie sich dieser blinde Hass des Pfarrerssohnes mit seiner ganz offenen, lyrisch bewegten Zuneigung zu Jesus verträgt.

Es fehlt leider auch die Auseinandersetzung zu der Frage, in welcher Weise denn Nietzsche nun wirklich und ernsthaft als Philosoph angesprochen werden kann. Ist er nicht eher ein literarischer Prophet, etwa in seiner philosophisch wie auch empirisch völlig unbegründeten Verkündigung „Gott ist tot“. Dieses Bonmot geistert durch die Köpfe der Menschen, alle glauben es und keiner weiß, was dieses Predigt – Wort Nietzsches eigentlich bedeutet und ob es wahr ist: Welcher Gott ist denn tot???

Am schwerwiegendsten wohl: Es hätte meines Erachtens dem Heft sehr gut getan, auch Vittorio Hösle zu Wort kommen zu lassen, der ja bekanntlich in seiner Studie „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (Beck Verlag 2013) gezeigt hat: Nietzsche war philosophisch gesehen ein „Dilettant“, es gibt keine „Konsistenz“ seiner Aussagen (S. 185), Nietzsche „verdeckt in seinem einzigartigen Stil von verführerischer Schönheit den Mangel an Argumenten und Evidenzen“ (S. 186). „Schopenhauer war der einzige Philosoph, den Nietzsche neben den Vor – Sokratikern wirklich kannte“, sagt Hösle. (S. 188). Auch Hösle weist darauf hin, dass Nietzsche tatsächlich neue „Werttafeln“ aufstellte, als „Verkünder“ (S. 201). Zurecht sagt Hösle, „dass Nietzsche sich selbst mit seiner allgemeinen Leugnung der Wahrheitsfähigkeit der Menschen schädigt“ und sich „die eigenen Beine wegsprengt und geistig am Verbluten ist“ (S. 202 f.)

Über den Übermenschen wäre zu sprechen, diese maßlose Behauptung, die sich Philosophie nennt. Der Philosoph und Nietzsche Spezialist Volker Gerhardt hat recht, wenn er den bloßen Behauptungscharakter der Nietzsche Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen dadurch beiseite schiebt, wenn er sagt, dass wir uns heute ja nicht an frühere Leben in dieser ewigen Wiederkehr erinnern können. Wichtig dann die Schlußfolgerung: „Aus meiner Sicht liegt der größere Ernst im Bewusstsein der Einzigartigkeit der jetzt gegebenen Situation“. Man kann also sagen: Nietzsche Lehre von der ewigen Wiederkehr ist Predigt, ist Ideologie.

www.philomag.de

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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3.
Nietzsches Philosophie – gefährlich anregend

Von Christian Modehn, Berlin, veröffentlicht am 23.9.2012, anlässlich der Sitzung des religionsphilosophischen Salons, auf vielfachen Wunsch publiziert.

PS: Es handelt sich um ein einführendes, zur Diskussion führendes Statement, das keineswegs umfassend ist.

Der Titel deutet bereits das Spannungsverhältnis an, dem man sich stellen muss, wenn man sich mit Nietzsches Philosophie befasst. Er selbst hat sein eigenes Denken gefährlich genannt, weil es in die Weite einer neuen Kultur führen soll, was einen Bruch mit der vertrauten alten Kultur bedeutet.

In seinem relativ frühen Text „Fröhliche Wissenschaft“ (von 1881) gibt Nietzsche selbst die Losung aus, „gefährlich zu leben“. Gerade in dieser Infragestellung unserer bisherigen kulturellen Selbstverständlichkeiten ist Nietzsche anregend – und aufregend. Sein Denken kann niemanden unbewegt lassen.

Warum gerade jetzt eine Auseinandersetzung mit N. Philosophie? Vielleicht, weil viele seiner Analysen und Prognosen heute von vielen als zutreffend erlebt werden. Sie sind entschieden von einer radikalen, das bisherige christliche System vernichtenden Religionskritik geprägt und von dem äußerst eindringlichen Vorschlag, sich neu religiös zu orientieren. Das gilt es wahrzunehmen, ohne gleich zuzustimmen!

Die entscheidende Perspektive heißt bei Nietzsche: Gott ist tot. Da muss man genau hinhören: Er sagt in diesem Satz, der seiner Analyse seiner Gegenwart entspringt, dass Gott tot ist. Das ist etwas anderes als zu sagen: Gott gibt es nicht; oder: Gott existiert nicht. Wer sagt: Gott ist tot, und er sagt auch: Er war mal lebendig. Nun ist er tot, ein bestimmter Gott ist nicht mehr am Leben.

Da sind wir schon beim aktuellen Bezug: Jeder sieht in Westeuropa und unter allen gebildeten Menschen weltweit: Dass der alte bekannte überlieferte und eingeprägte Gott der Christen, etwa die Trinität oder Jesus als „Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt“, ist nicht mehr nachvollziehbar lebendig, wird nicht mehr innerlich verehrt und akzeptiert. Der alte dogmatische Glaube ist tot. Jeder macht sich seine persönliche „Glaubensmelange“… Das ist eine Tatsache, und war wohl früher schon eine Tatsache. Welcher bayerische Bauer glaubte im 17 Jahrhundert z.B. dogmatisch korrekt, etwa, laut Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist von Vater und Sohn ausgeht?

Man werfe heute nur ein Blick in die Kirchen am Sonntag: Der Gottesdienstbesuch lässt in ganz Europa ständig nach; in manchen Ländern geht er gegen Null; die dort verbreiteten Gotteslehren und oft auch in eins mit Morallehren sind nicht mehr nachvollziehbar. Das Mönchsleben und die Orden sterben aus; große Begeisterung, Pfarrer zu werden, ist kaum zu spüren, viele theologische Fakultäten stehen etwa in Deutschland vor der Schließung. Was Nietzsche empört, ist, dass alle so weiter machen und weiter leben wie bisher, als sei dieser Gott gerade nicht tot. Sie flüchten in den Schein und den Selbstbetrug.

Aber dieser verstorbene Gott war früher sozusagen der oberste Garant einer Werte – Ordnung: „Für Gott und Vaterland“, man erinnert sich an den Spruch; Gott ist die oberste Wahrheit; alles Erkennen geschieht in göttlichem Licht; Gott ist der Schöpfer der Welt usw.

Wenn dieser Gott der obersten Werte und vertrauten Weltbilder tot ist: Dann bricht eine Welt zusammen. Dann wird den Menschen der Boden entzogen.

Das Schwierige im Umgang mit Nietzsches Texten ist nur: Es sind in den umfangreichen Büchern viele, meist kurze knappe Texte hintereinander gestellt, es sind meist keine systematischen Abhandlungen, zumindest im Spätwerk (ab 1880) ist das so. Da sollte man nie isolierte Aphorismen für die ganze Wahrheit von Nietzsche Aussagen nehmen.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist zweifellos einer der ungewöhnlichsten Philosophen. Er schreibt in einer Sprache, die musikalisch – poetisch ist, keineswegs abstrakt und nur in Theorien – versponnen. Nietzsche ist heute einer der am meisten gelesenen und philosophisch bearbeiteten Denker. Er wurde rezipiert von Künstlern, wie Picasso, Kandinsky, Klee, Schriftstellern wie Rilke, George, Thomas Mann, Proust; Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) Gustav Mahler…

In Deutschland begann die gründliche kritische Nietzsche Forschung erst in den sechziger Jahren.

Nietzsche spricht als persönlich Erschütterter und Leidender. Seine Texte sind mit dem eigenen Leben verbunden, sind niemals Erkenntnisse, die am „grünen Tisch“ entstanden sind oder sich lediglich als Beiträge akademischer Debatten oder gar als „Glasperlenspiel“ verstehen. Wichtig ist der extrem hohe Anspruch seines Denkens, das sich besonders in der späten Phase, vor der Umnachtung im Januar 1889, als prophetische Stimme, als Weisung und radikale Lebenserneuerung präsentiert. Das ist in dieser, man möchte sagen, „missionarischen Sendung“ durchaus selten innerhalb der Philosophiegeschichte.

Nietzsche will mehr sein als ein Philosoph, er will als Ausnahmeexistenz des Umstürzlers und Neues Stiftenden ein Beispiel geben. Er möchte eine neue Renaissance einleiten, Geburtshelfer einer neuen Kultur sein. Dabei kommt es gerade in den letzten Jahren zu einer extremen Stilisierung des eigenen Daseins und Denkens. Er will aus seinem Leben ein Kunstwerk machen. Er schreibt Worte, die Taten sein wollen. Er will ein Philosoph „mit dem Hammer“ sein: D.h. wohl: Es ist der „Hammer“ gemeint, mit dem der Arzt den Körper des Patienten abklopft, so will Nietzsche sinnlich wahrnehmen, hören, was unter „uns“ geistig – religiös krank ist.

Ich will kurz einen, vielleicht das Wesentliche treffenden biographischen Hinweis geben: Hier kommt es nur darauf an, zentrale menschliche Lebens – Erfahrungen Friedrich Nietzsches zu erwähnen, die unmittelbar für sein Denken und Schreiben wichtig wurden: Vor allem ist da zu nennen der schmerzvolle Tod seines Vaters im Alter von 36 Jahren, ihn erlebte Friedrich Nietzsche als 5 Jähriger. Sein Vater war evangelischer Pfarrer, er stammte aus einem alten „Pfarrergeschlecht“, in der Familie gab es schon in der 5. Generation Pastore. Zuhause wurde auf strenge Befolgung der kirchlichen Lehren geachtet.

Friedrich Nietzsche wandte sich angesichts des Leidens und frühen Sterbens seines Vaters an Gott, betend und bittend; aber ohne göttliche Antwort blieben seine Bitten.

Kein Gott antwortet: Nietzsche lernt daraus: Gott erhört uns nicht; die Frommen verehren eine Art Phantom, ein illusorisches Himmelswesen, unerreichbar und tyrannisch. Dieser Glaube, sagt Nietzsche später, führt die Menschen dazu, das Beste ihrer Ideen und Energien an einen illusorischen Himmel zu verschleudern … anstatt „fröhlich“ auf Erden zu leben. Es kommt für Nietzsche entschieden darauf an, dass die Menschen die Freude am Lebendigen bewahren, dass sie sich am Genuss der Sinne erfreuen, dass sie Stärke erleben…Bleibt der Erde treu, heißt dann sein Prinzip.

Ich will hier nur kurz erwähnen, dass Nietzsche in Basel schon als hochbegabter junger Mann – ohne Promotion, ohne Habilitation – Professor für Altphilologie wird. Aber in den Baseler Jahren wird schon die Philosophie für ihn immer wichtiger: Er gibt die Professur auf und lebt fortan ziemlich bescheiden als freier Philosoph und – kaum erfolgreicher – Schriftsteller bis zu seinem geistigen und körperlichen Zusammenbruch Anfang 1889. Nietzsche ist 1900 gestorben, seit 1889 von seiner Mutter in Naumburg liebevoll versorgt, ab 1897 von seiner Schwester Elisabeth in Weimar betreut, die sich – als Antisemitin schlimmster Art – erdreistete, unveröffentlichte Texte ihres Bruders nach eigenem ideologischen Gusto zu veröffentlichen (etwa: „Der Wille zur Macht“). Sie hat auch dafür gesorgt, dass von Nietzsche ein paar Sprüche durch die Stammtisch Gesellschaften geisterten und geistern. Etwa: Nietzsche propagiere den Machtmenschen, den Übermenschen, die blonde Rasse usw, Dinge, die im Faschismus aufgegriffen wurden. Erst die kritischen Gesamtausgaben von Colli und Molinari ab 1960 haben eine ernsthafte differenzierte Nietzsche Lektüre möglich gemacht.

Nietzsche hat eher „anti – systematische“ Werke hinterlassen, aber er hatte systematische Absichten, schreibt der Philosoph Volker Gerhardt.

Ein Wort zur „Methode im Denken Nietzsches:

Wichtig ist das radikale Hinterfragen und Bezweifeln der überlieferten kulturellen und religiösen Traditionen. Er fragt, was ist das VERBORGENE in dem, was sich kulturell zeigt. Der Verdacht spielt bei ihm eine große Rolle, ihn interessiert der Schleier, der sich über die Wahrheit legt, die Rolle des Unbewussten wird von Nietzsche klar gesehen. Nietzsche als Psychologe wäre ein Thema!

Also: Hinter dem, was sich öffentlich als gut zeigt, kann etwas anderes, etwas Böses lauern. Der Schein trügt, ist seine Devise. Und hinter dem, was wir als Böse hingestellt bekommen, kann sich gerade das Gute und das Wahre verbergen. Wir müssen also immer skeptisch bleiben, nicht auf alle Sprüche aller möglichen Herrschaften reinfallen. Wir müssen damit rechnen, so Nietzsche, dass uns auch in den entscheidenden Begriffen und Dogmen, wie Gott z.B., nur Masken begegnen.

In Nietzsches späterem Werk, also etwa seit 1880, kehren bestimmte Themen und Motive immer wieder, z.T. mit unterschiedlicher Schärfe und Intensität.

Ich will versuchen, eine Art kleinen systematischen Durchblick zu bieten:

Stichwort Nihilismus: Da zeigt sich Nietzsche als der große Analytiker der Gegenwart und als „Wahrsagevogel – Geist“, wie er sich selbst nannte.

Er sieht einerseits die große Öde, das nur glitzernde Phantom, den routinierten und öden „Kulturbetrieb“, wie Adorno später sagt.

Die alten Werte werden nicht mehr als solche respektiert. Sie werden zwar pro forma mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit verkündet, aber, so Nietzsche, diese absolut geltenden Wahrheiten gelten eigentlich nicht mehr. Die meisten wissen längst: Alles Erkennen ist perspektivisch, also ausschnitthaft. Es gibt keine rund herum absolut wahre Erkenntnis des „Dinges an sich“.

Aber die alte Welt der Kultur und Religion redet uns ein, wir müssten absoluten Werten folgen, diese Einrede ist obsolet geworden. Diese Bindung an die alten Werte wird passiv hingenommen, der oberste Wert, Gott und Christus, werden als Aufforderung verstanden, das Leiden hinzunehmen, alles zu ertragen.

Aber Nietzsche fragt: Woher kommt der Nihilismus. Es sind die Priesterklassen und Asketen, die ihre Werte verbreitet haben, Werte des Jenseits, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Den dort gepredigten passiven Nihilismus will Nietzsche überwinden.

Aber zuvor, damit zusammen hängend, muss erkannt werden:

Gott ist tot: ist das entscheidende Stichwort. Aber alle tun so, als sei er nicht tot.

In der „Fröhlichen Wissenschaft“ kündigt der tolle Mensch den Tod Gottes an. Wichtig ist zu sehen, dass der Tod Gottes nicht als bedauernswertes, zwar als überwältigend erschütterndes Ereignis gesehen wird, sondern im letzten als große Befreiung. Später auch, in seinem Zarathustra Buch, wird der Tod Gottes als das zentrale Ereignis beschrieben. Jedenfalls liegt da kein Plädoyer pauschal für den Atheismus vor, eher die Aufforderung der Suche nach einem neuen Gott, von dem schon der junge Nietzsche sprach.

Differenzierter sollte man sehen: Jesus bejaht Nietzsche als die vorbildliche menschliche Gestalt und die menschliche Lehre des Jesus von Nazareth. Jesus habe ein Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologen sagten. Er hat zum Widerstand aufgerufen, die kleinen Leute sollten widerstehen…

Nietzsche sieht den Ursprung der Verfälschung der Jesus – Lehre mit Paulus beginnen. Durch die Lehre von der Auferstehung verschiebe sich das Interesse am Dasein ins Jenseits, in weite Fernen.

Nietzsche sieht die Kirche wegen dieser monströsen dogmatischen Lehren, so wörtlich, als Irrenhaus.

Er spricht davon, dass die „Kirchen zum Grab Gottes“ werden, eine sehr hellsichtige Analyse, wenn man bedenkt, wie heute viele (katholische) Kirchenmitglieder, „eigentlich“ durchaus gläubig, durch die Verbrechen der Kircheninstitutionen, der Päpste, der Priester usw. usw., zu Atheisten werden.

Nietzsche sieht sich als Überwinder des Nihilismus.
Er ist alles andere als ein nihilistischer Denker, der sozusagen in das Nichts verliebt ist. Nietzsche macht konkrete Vorschläge, wie denn eine neue Kultur und eine neue Religion aussehen könnte: Dabei sieht er sich wie einen Narren, der Unbequemes sagt, wie ein Hanswurst, sagt er wörtlich, wie einen tollen Mensch. Insgesamt aber sieht sich Nietzsche als FREIER GEIST und befreiter Geist (von der alten Religion).

Aber zunächst noch: Es gilt, nach dem Tode Gottes neue Tafeln, so wörtlich, neue Gebote also, zu setzen. Die andere Möglichkeit wäre, im Alten zu verharren und beim „letzten Menschen“ zu bleiben. Der Begriff der letzte Mensch ist sehr vieldeutig, es ist auch der „letzte“ im moralischen und zeitlichen Sinne. Diese Menschen folgen noch dem untertänigen Geist der alten Sklavenmoral. Sie ersetzen Gott durch neue Idole, für Nietzsche sind das Demokratie, Fortschritt, Wissenschaft.

Der erste Vorschlag: der Mensch muss den Menschen überwinden und zum Übermenschen werden.
„Tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“. (Zarathustra). Der Übermensch ist ein belasteter und oft missverstandener Ausdruck. Mit dem Übermenschen meint Nietzsche entschieden den Menschen, der sich von dem immer wieder aufgedrängten und eingeübten Selbsthass der alten religiösen Kultur befreit hat, der sich nicht mehr untertänig verhält, sondern stolz ist auf sein Leben. Und der dieses Leben als einen Prozess der ständigen Steigerung versteht. Der Übermensch lebt das Leben auf immer tiefere Erfahrungen hin. Der sich ständig überschreitet und wächst.

Da spielt die aktuelle Diskussion hinein, es herrschen die Slogans: Mach aus deinem eigenen Leben ein Kunstwerk. Werde schöpferisch. Höre auf mit der verordneten Selbstverarmung. Deine Tugenden sollen Selbstaufwertung und Selbstüberbietung sein. Hört auf mit der von den Religionen diktierten Selbstverschwendung. Und hört auf mit der Idee der Gleichheit aller Menschen. Das ist die hoch problematische Seite an diesem Begriff, wie ihn Nietzsche vorträgt.

Mit Nietzsche wird ein „Gegenevangelium“ formuliert, wie der katholische Theologe Eugen Biser sagt. Nietzsche will lehren, dass nach dem Tode Gottes die Menschen und die Welt den Platz Gottes einnehmen müssen. Es gilt, sich in einer irdischen Welt einzurichten und umfassend Freude am Leben zu haben. Es wird eine Alternative zur bisherigen Welt geplant. Das Leben ist der Höchstwert als nur menschliches Leben. Dabei sollen nach Nietzsche, und das macht ihn problematisch, die Starken als die Herrscher, entscheidend den Ton angeben. „Wie kann der Übermensch Ja sagen zum umfassenden Leben und gleichzeitig die anderen, die Schwachen, verachten?“, darauf macht der Philosoph Schönherr Mann aufmerksam. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig: Wie können Menschen sich selbst überschreiten und alle positiven Kräfte in sich entwickeln.

Dahinter steht der Begriff „Der Wille zur Macht“. Dieses Thema hat Nietzsche selbst nicht vollständig ausführen können. Aber deutlich wird: Die neue Macht der neuen Welt können nicht die einstigen Sklaven, die Unterlegenen, die kleinen Leute übernehmen. Die sind ohnehin von Ressentiments, von Neid, geprägt, aber Nietzsche sah, wie der gelebte Wille zur Macht tatsächlich auch zu einem großen Durcheinander verschiedener Willen führen kann. Darauf hat er keine Antwort gegeben. Aber für ihn hat alles Lebendige in sich den Willen zur Macht, zur Steigerung und Gestaltung.

Darum sein Vorschlag für eine neue Sinnorientierung: Die ewige Wiederkunft des Gleichen. Dies ist eine heroische Haltung, die Annahme des unausweichlichen Schicksals. Da tritt Nietzsche wie ein Stifter eines neuen Glaubens auf. Ewige Wiederkunft: Da ließe sich auch an das Nirwana des Buddhismus denken. Aber im Buddhismus gibt es einmal den Ausstieg aus dem Kreislauf, eben den definitiven Schritt ins Nirwana.

Das ist bei Nietzsche nicht gemeint. Das ist der Versuch, die lineare Geschichte aufzugeben, also die Idee einer unbekannten Zukunft vor uns aufzugeben, zugunsten eines Kreises, der Wiederkehr der bekannten irdischen Welt. Diese Vorstellung hat Nietzsche selbst für die schwerste unter allen Erkenntnissen gehalten; sie setzt auch den einzelnen ein in die Wiederkunft des schon einmal Erlebten. Das wird von Nietzsche durchaus als Last angesehen, wer will schon alles Leid, das er einmal durchmachte noch einmal und noch einmal später erleben? Aber diese heroische Annahme der Wiederkunft lobte Nietzsche als amor fati. Was sich ständig wiederholt, hat einen zwanghaften Charakter, ohne Ziel und ohne Ende dreht sich die Welt. Ob das eine bessere Lösung ist als die klassische Lehre von der himmlischen und zukünftigen Erlösung ist eine andere Frage!

Das Buch „Der Antichrist“ ist die heftigste Anklage und Verurteilung des Christentums. In einer scharfen Tonart geschrieben! Es geht ihm, wie Eugen Biser sagt, um einen Vernichtungsschlag“. Luther habe bloß den Papst kritisiert, jetzt kommt es darauf an, das Christentum und die Kirche zu vernichten. (§ 57, Antichrist). „Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die ein große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig. Heimlich, unterirdisch, klein genug ist, ein Schandfleck der Menschheit“.(§ 62)

Sein letztes, aber erst nach seinem geistigen Zusammenbruch veröffentlichtes Bekenntnisbuch autobiografischen Charakters heißt Ecce Homo, ein biblischer Titel. Darin erklärt er sich selbst zur Person, an der sich das Schicksal der Menschheit entscheidet. Er sieht sich als dionysischer Erlöser. Er leidet, aber nimmt alles an als eine amor fati, als eine Liebe und Annahme des Schicksals.

Nietzsche verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist seine bleibende Leistung: Neuland zu betreten

Aber es ist verfehlt, Nietzsches Schriften unmittelbar für eine Lebens- Orientierung zu halten, dafür ist seine Konzeption einer neuen Kultur und neuen Religion mit einem neuen Gott noch viel zu abhängig von dem, was er selbst überwinden will. Er verharrt innerhalb der Dialektik „Gott – Nicht Gott“ auf der Stufe der bloßen Negation. Wichtiger wäre eine neue Position, eine neue Synthese, sozusagen als das Dritte jenseits von klassischem Theismus und Atheismus. Vielleicht wäre dies die Mystik.

Was bleibt nach Nietzsche für ein Denken des Unendlichen, des Ewigen? Das menschliche Leben ist Geheimnis. Das Leben, auch das leibliche, soziale und sinnliche und erotische, gilt es in höchstem Maße zu schützen und zu pflegen und zu lieben. Wir können das Geheimnis des Lebens niemals umgreifen und damit niemals endgültig definieren. Wir sind sozusagen im ständigen Schwebezustand des Ungewissen. Das ist unsere Gewissheit, unser „Getragensein“. Gott ist dabei unser Symbol für dieses Schweben im Geheimnis, für dieses Ausgesetztsein dem Geheimnis gegenüber und IM Geheimnis. Wir brauchen dieses Symbol der Öffnung, der Weitung, weil wir wissen: Unsere Welt ist niemals nur irdische Welt. Der Mensch ist niemals nur Mensch, aber er wird wohl nie Übermensch. Er bleibt Mensch, ewig auf der Suche nach dem unergründlichen Geheimnis, allein und in (religiösen) Gemeinschaften, die für diese undogmatische Position Verständnis haben.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

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4.

Man muss Jesus als das wärmste Herz denken«
Was Friedrich Nietzsche den Christen heute schreiben würde

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 18.7.2009

Einige Freunde haben mich gebeten, einen kleinen Beitrag über Nietzsche aus dem Jahr 2001 noch einmal zugänglich zu machen, es handelt sich um den Versuch, einige wichtige Gedanken Nietzsche vor allem gegenüber spirituell und kirchlich Interessierten –provokativ – deutlich zu machen. Dass ich dabei einige Vorschläge Nietzsches als „kompatibel“ mit christlichem Denken darstelle, wäre eine eigene Debatte wert, die mir jetzt, im Rückblick auf diesen Text, im Juli 2020, interessant erscheint.

100 Jahre bin ich nun tot. Aber meine Ideen, meine Vorschläge, meine Polemiken: Sie leben, sie sind wichtiger denn je. Nicht nur Martin Heidegger hat betont, dass man sich an mein Denken noch erinnern wird, wenn mein Name längst vergessen ist. Aber ich bin nicht vergessen. Ich bin heute wie früher auch umstritten, und das freut mich. Ihr wisst, dass ich nie zur Bescheidenheit neigte. Ängstlichkeit lag mir fern, und Autoritäten hab’ ich meist verabscheut. Ich wusste, was ich kann; und ich weiß, dass ich heute Euch Christen etwas zu sagen habe. Darum wende ich mich an Euch. Ihr wisst, dass ich deutliche Worte liebe und manchmal übertreibe, einfach nur, um die Wahrheit besser hervortreten zu lassen. Darum freue ich mich über Eure Toleranz und vor allem über Euren Mut, mitzudenken und keine falschen dogmatischen Barrieren aufzustellen. Denn ich hatte immer ein deutliches Gespür dafür, Dinge zu sagen, die niemand sonst so treffend formuliert hat. Typisch Nietzsche, werdet Ihr denken … Euer Neid sei Euch verziehen. Dass ich mich manchmal als Prophet fühlte, als Künder neuer, epochaler Wahrheiten, mag ein bisschen übertrieben gewesen sein, aber ganz Unrecht hatte ich ja oft nicht.

Darf ich darum zuerst an einen Satz aus meinem Zarathustra-Buch erinnern? »Ich beschwöre Euch, meine Brüder (und Schwestern), bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche Euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.« Ihr wisst, das ist mein Programm: »Bleibt der Erde treu!« Wie oft habe ich als Sohn eines evangelischen Pfarrers erleben müssen: Fromme Leute, die ihre ganze Existenz auf dieser Welt schon auf den Himmel ausrichteten. Sie hatten kein Gespür für die schöne Welt, für die Natur, den Leib, die Sexualität, die Lust, ja, durchaus auch den Spaß; sie hatten keinen Sinn für die Befreiung und Entwicklung des ganzen, des leibhaftigen Menschen. Sie gönnten sich nichts, sie waren Asketen und schwärmten nur vom Himmel. »Bleibt der Erde treu«, heißt mein Programm. »Schaut nicht hinauf in den Himmel«, hat das nicht schon Jesus den Jüngern im Moment seiner Himmelfahrt zugerufen? Ich meine nach wie vor: Bleiben wir irdisch, bleiben wir menschlich, hüten wir uns, auf der Seite Gottes zu stehen und als Agenten seiner Wahrheiten aufzutreten. Hat nicht Joseph Ratzinger schon in München das Kardinals – Motto gewählt: „Mitarbeiter der Wahrheit“? Welch ein Wahn, würde ich sagen…Wer uns von der Erde loslösen und in himmlische, charismatische, fromme, transzendente Regionen entführen will, der vergiftet uns: Das wollte ich mit meinem Wort »Giftmischer« sagen. Geistliche Meister des Jenseits vergiften unser Leben, nehmen uns langsam dosiert unsere Lebensenergie weg. Sie verderben unser Dasein, weil sie uns in der angeblich ewigen Spaltung von Diesseits und Jenseits festlegen wollen. Das Diesseits ist das Jammertal, das unsichtbare Jenseits das Paradies, diese Ideen leben noch heute. Warum hat eigentlich der Vatikan so sehr gegen die Befreiungstheologie polemisiert und ihre Verteidiger schikaniert? Weil diese Christen der Erde treu bleiben wollten. Weil „Seelsorge“ als der einzige Auftrag der Kirche endlich, endlich, zurückgewiesen wird. Weil es auf Leibsorge ankommt, auf eine bessere Gesellschaft. Weil die Befreiungstheologen Nahrung für alle und gerechte Verhältnisse einklagen und das zumindest genauso wichtig fanden wie die Welt der Dogmen. Oder irre ich? Ein Papst, der einmal eine Enzyklika mit dem Titel »Bleibt der Erde treu« schreibt, wird sicher danach auf allen sakralen, barocken Pomp verzichten und anstelle von kostspieligen Weltreisen Gesundheitsprogramme in Afrika, vor allem die Aids-Prophylaxe, massiv und wirksam fördern. Jetzt werden Aids betroffene Afrikaner von vielen Katholiken nicht mit Leben schützenden Kondomen versorgt, sondern in Sterbekliniken aufs Jenseits vorbereitet. Sehr löblich, diese Sterbebegleitung, aber sollte man nicht zuerst das Leben schützen? Den Homosexuellen verbietet der Papst zu lieben, also im umfassenden Sinne zu leben; sie sollen sozusagen ihre Lebensenergien unterdrücken, als »Nobody« leben. Wer der Erde treu bleibt und auch seinem Leib, wird Sexualität als Form der lebendigen Transzendenz erleben. Wie schreibt doch der Professor für evangelische Theologie Manfred Jossutis so schön, in meinem Sinn denke ich: »Menschliche Sexualität hat eine transzendierende Tendenz. Wer die Sexualität verweltlicht, fördert die Verarmung des menschlichen Lebens.« Deswegen noch einmal: Hören wir auf mit der Trennung von Diesseits und Jenseits, von schlechtem Weltlich-Menschlichen (Sexuellen) einerseits und gutem und reinem Jenseitigen. Bleiben wir vielmehr der Erde – ganzheitlich – treu!

Ihr wisst, dass ich, Friedrich Nietzsche, mich gerade in der letzten Phase meines klaren Daseins, also vor meinem Zusammenbruch 1889, besonders entschieden gegen die Macht der Kirchen gewandt habe. Ich kam in »Rage«, wie die Franzosen sagen. Ich war ein Philosoph mit Wut im Bauch, aber das immer nur als Durchgangsstadium hin zu einer »Fröhlichen Wissenschaft«, wie ich sagte, zu einer Philosophie als fröhlicher Lebenskunst. Das war mein Lebensziel. Tatsächlich sah ich mich aber selbst am Sterbebett des Christentums sitzen; die Institution Kirche war für mich »fragwürdig und furchtbar«, sie war für mich »zum Grab Gottes geworden«. Denn ich spürte intensiv: Die alte religiöse Welt geht zu Ende, die alte Glaubenswelt bricht zusammen, die früher den Menschen Halt und Richtung gab. Aber ich habe dann doch das Ende des institutionalisierten Christentums als Hoffnung und Befreiung gedeutet, weil alle Energie nun auf die Erde, auf das glückliche Leben im Hier und Jetzt gerichtet werden kann. »Weil wir unser Dasein heiligen können«, wie ich sagte, weil wir als Menschen von unendlichem Wert werden. Darum habe ich ja den Vorschlag gemacht, dass wir Menschen zu Übermenschen werden müssten. Der Übermensch: Ein Wort, das leider oft völlig missverstanden wurde, vielleicht habe ich mich aber nicht immer klar genug ausgedrückt. Aber PhilosophInnen wie Annemarie Pieper (Basel) oder Günter Figal (Freiburg) und andere haben Euch darauf hingewiesen: Mit dem Übermenschen meine ich, dass wir auf eine neue Art leben sollten, dass wir sozusagen den »alten Menschen«, von dem ja auch schon das Neue Testament voll ist, hinter uns lassen. »Übermensch ist ein Name für die menschliche Freiheit«, sagt Günter Figal. Der Übermensch hat nichts mit der »Herrenmoral« zu tun; er ist vielmehr der Mensch, der sich gegen den um sich greifenden Nihilismus wendet und seinem Leben selbst einen Sinn gibt. Er ist dabei, die Einheitlichkeit im Leben zu schaffen, Göttliches und Menschliches als Einheit zu gestalten.

Denn Ihr müsst wissen: Ich habe dem Begriff des Übermenschen, des »freien Menschen«, der aus seinem Leben ein »Kunstwerk« macht, stets den »letzten Menschen« gegenübergestellt. Der »letzte Mensch« ist für mich der alltägliche Mensch, der sich um nichts anderes kümmert als um das banale Leben. Er ist sozusagen der Materialist, der keine Fragen mehr nach dem Sinn und Zweck des Ganzen stellt. Der »letzte Mensch« ist von mir durchaus im qualitativen Sinne gemeint, so etwa, wenn Ihr abschätzig sagt: »Na, der ist ja der Letzte.« Für mich ist dieser klein karierte Menschentyp Inbegriff des Nihilismus, von dem ich immer wieder gesprochen habe. Ich habe ja unsere Epoche insgesamt als nihilistisch bezeichnet. Ich hatte die tiefe Erfahrung der modernen Menschen gespürt und gesagt: Unsere Epoche ist nihilistisch. Die tragenden Werte, der gründende Sinn, der transzendente Horizont, alles das ist »nichts«. Vor allem der alte Gott im Himmel, der Herrscher, der Richter, der Ursprung der Moral, dieser Gott gilt nichts mehr, lebt nicht mehr, weckt keine Lebensenergie. Ich habe den »tollen Menschen« in meinem Buch »Fröhliche Wissenschaft« diese Erfahrung in Form einer Parabel sprechen lassen, fast wie einen biblischen Text. Ich habe gesagt, dass Menschen den bisher geglaubten Gott getötet haben, eben weil sie nicht länger die Zerrissenheit von Diesseits und Jenseits ertragen konnten. Ich habe den »tollen Menschen« sagen lassen, dass mit dem Tod Gottes ein Chaos eintreten wird, von Absturz, Kälte, Finsternis habe ich gesprochen als Konsequenzen dieses Erlebens, dass der »alte Gott« nichts mehr gilt. Der bisher übliche transzendente Horizont ist »weggewischt«. Wir nach dem „Tod Gottes“ ein neuer, ein „göttlicher Gott“ erscheinen, wie Martin Heidegger sagte? Die Frage ist offen. Sehnen sich die Menschen nach einen „göttlichen Gott“? Sehnen sich die Christen nach dem göttlichen Gott oder bevorzugen Sie Pater Pio und den Landpfarrer Johannes Vianney und Lourdes und Fatima und den Papst-Kult???

Darüber hinaus sage ich, Friedrich Nietzsche, gar nicht so viel Neues zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Der Nihilismus ist – zumindest in Europa und Amerika, in Japan und Australien – die allgemeine Religion geworden. Aber Ihr versteht mich völlig falsch, wenn Ihr denkt: Der Nietzsche will doch nur, dass es bei diesem Nihilismus bleiben soll. Das Gegenteil ist wahr: Ich habe mich immer gegen den platten Nihilismus, gegen die banale Weltlichkeit gewehrt. Der letzte Mensch, der Nihilist, »macht alle klein«, habe ich im Zarathustra geschrieben, einen hartnäckig dahinvegetierenden »Erdfloh« habe ich ihn abschätzig-übertreibend genannt. Ihm habe ich, ich komme noch mal darauf zurück, den Übermenschen gegenübergestellt, den freien Menschen, von dem ich schrieb: In ihm selbst »tanzt der Gott«. Im Leben erlebt er Göttliches, Heiliges…

Ich meine also: Wir müssen unsere Transzendenz nach innen verlegen, der göttliche Funke ist in der Seele, als Lebensspender, gewiss auch als Trost, vor allem aber als Energie zu lachen und zu leiden, zu lieben und zu tanzen. Diese Umkehrung der Transzendenz vom fernen, äußeren Gott in den inneren Gott: Davon sprechen ja auch schon einige Theologen. »In einer säkularisierten Welt hat die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst und seiner Leib-Geistigkeit einen neuen Rang erhalten. Dem kann nur der Gott-in-uns, nicht der Gott-außerhalb-von-uns eine Entdeckungsreise wert sein«, schreibt zum Beispiel der katholische Theologe und Jesuit Hans Waldenfels. Aber wahrscheinlich stehen wir noch am Anfang dieser Entdeckungsreise zum neuen Gott in uns.

Wie sehr meine Lehre vom Übermenschen als dem »freien Geist« schon angekommen ist, zeigt mit das zunehmende Interesse der Europäer und Amerikaner am Buddhismus. Sich selber meditativ auf den Weg machen, die große Harmonie suchen, das Ziel der Erleuchtung als der vollendeten Menschlichkeit anstreben: Buddha-Sympathie und Nietzsche-Sympathie reimen sich gut, das ist viel zu wenig beachtet! Und vielleicht, das fällt mir jetzt ein, ist »der Heilige« für Euch der Übermensch, mit dem Ihr Christen leben könntet. Nur wünsche ich mir einmal Heilige nicht der Lebens- und Lustentsagung, sondern Heilige sozusagen des prallen, auch erotischen Lebens. Die »heilige Hure« war bisher nur ein Film. … Wenn es wenigstens ein erotisches Paar gäbe, das heilig gesprochen wäre …

Ihr seht, der alte Nietzsche hat noch was zu sagen und Euch Fragen zu stellen. Vielleicht lest Ihr mal wieder mein umfangreiches Werk? Und lasst Euch nicht abschrecken von Widersprüchen, die ich in meinem Eifer als »experimentierender Philosoph« verfasst habe. Die Nazis haben mein Denken missbraucht; dass ich alles andere als ein Antisemit bin, das haben ja nun zahlreiche Studien belegt; nur so ganz herumgesprochen hat es sich bei Euch noch nicht. Hört endlich auf, den Nazi-Ideologen mehr zu glauben als den wissenschaftlich arbeitenden Philosophen.

Zum Schluss will ich Euch noch auf eine bislang unbekannte Seite von mir aufmerksam machen: Ich bin nämlich, wie der katholische Theologe Eugen Biser, einer meiner Interpreten, schreibt, »ein kritischer Nachahmer Jesu«. Wenn ich auch das institutionalisierte Christentum meiner Zeit als eine lebensverneinende Macht verurteilte, so habe ich doch stets für Jesus von Nazareth viel Sympathie gehabt. Man muss ihn sicher als »wärmstes Herz« denken, als den »edelsten Menschen«. Seine Botschaft der Ganzheitlichkeit lautet: »Das wahre Leben, das ewige Leben, ist gefunden. Es wird nicht verheißen, es ist da! Es ist in Euch: Als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz.« Diese Erfahrung der innersten Nähe des Göttlichen »hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in tausend Jahren. Es ist eine Erfahrung in einem Herzen, es ist überall da, es ist nirgends da …« Schaut Euch die Jesus-Bilder an, die den Mann aus Nazareth wie einen heiligen Narren zeigen, etwa die Arbeiten von Otto Dix, George Rouault oder Herbert Falken, dann ahnt Ihr, was es mit meiner Jesus-Vorliebe auf sich hat. »Für mich gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz«, das habe ich schon vor 120 Jahren geschrieben: Inzwischen ist eine heftige Diskussion im Gange, wie Jesus-nah denn die Kirchen sind. Heute frage ich, Friedrich Nietzsche: Was hat der Petersdom mit Jesus zu tun? Was haben die Milliarden Kirchensteuereinnahmen mit dem Mann aus Nazareth gemeinsam? Was hat die Hütte von Bethlehem mit den Palästen der Kirchenbürokratie zu tun? »Ja, aber«, schreien sie bereits, die Pröpste und Prälaten. Mit diesem ewig wiederholten »Ja, aber« der Kirchenbeamten werdet Ihr Christen Euch auseinander setzen. Ich denke nur, dass ich als Philosoph für Euch nur eines tun kann: Ich kann zu denken geben.

copyright:Christian Modehn

Ein TEXTAUSZUG AUS DER „FRÖHLICHEN WISSENSCHAFT“
»Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ›Ich suche Gott! Ich suche Gott!‹ – Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ›Wohin ist Gott?‹ rief er, ›ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet –, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet –, wer wischt dies Blut von uns ab?

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat –, und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‹ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ›Ich komme zu früh‹, sagte er dann, ›ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert –, es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.«

Aus der »Fröhlichen Wissenschaft« von 1882

„Der Katholizismus ist veräußerlicht“. Ein Hinweis zur Religionskritik Georg W.F. Hegels

Hegel kritisiert den Katholizismus

Hinweise von Christian Modehn

1.
Auf das aktuelle Thema „Hegel und der Katholizismus“ habe ich schon mehrfach aufmerksam gemacht. Es ist kein Sonderthema für einige Spezialisten, sondern es bezieht sich auch auf die aktuelle Situation im Miteinander von Gesellschaft und Staat einerseits und Katholizismus auf der anderen Seite. Man denke an den ständigen Versuch des Klerus, etwa mit theologischen/biblischen Prinzipien in die Gestaltung demokratischer Ordnungen bestimmend einzugreifen, siehe das heutige Polen oder Italien (z.B. den heftigen katholischen Widerstand gegen die „Ehe für alle“). Das gilt auch für Deutschland im Kampf der Katholiken von „Pro Life“ für die Ungeborenen und weniger entschieden für die schon Geborenen, aber Bedrohten und Sterbenden, die Flüchtlinge im Mittelmeer.
Zu sprechen wäre auch über den Zusammenhang von „Katholizismus und Korruption“, ein Thema das schon Hegel aufgreift. Diese Korruption ist heute auch in den orthodoxen Kirchen oder unter Evangelikalen/Pfingstlern sichtbar. Aber diese Bindung an korruptes Verhalten ist prominent seit Jahrhunderten im Katholizismus Realität, die Studien zur Geschichte der Kirche sind voll davon. Korruption ist für den Katholizismus wesentlich strukturbedingt und nicht bloß auf die allgemeine „Sündhaftigkeit“ der einzelnen zurückzuführen.
2.
Hegel ist seit fast 200 Jahren tot. Aber wer genauer seine Erkenntnisse zum Thema betrachtet, entdeckt: Hegel ist auch in der Hinsicht alles andere als „ein toter Hund“, wie manche seiner Gegner/Feinde schon Mitte des 19. Jahrhunderts völlig unbegründet behaupteten.
Der Maßstab, den Hegel zur Beurteilung der Religionen, auch des Katholizismus, einsetzt, kann gar nicht den immer begrenzten Weisungen einer bestimmten Religion, Konfession oder Theologie entstammen. Der Maßstab kann nur ein philosophischer, ein reflektierter und allgemein gültiger sein: Hegel weiß: Mit der Anerkennung dieses vernünftigen und allgemeingültigen Maßstabes zur Beurteilung der humanen Bedeutung einer Religion und ihrer Lehren wird den Werten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ein absoluter Wert zugesprochen: Jeder Mensch soll sich frei wissen und frei fühlen. Kein Mensch darf also Institutionen, staatlichen wie religiösen, hilflos ausgesetzt sein, die in ihrer Gesetzgebung der Willkür von Gewaltherrschern folgen.
3.
Natürlich kann jeder Mensch bei der geltenden Religionsfreiheit freiwillig einer Sekte angehören, die in ihrer Lehre wie in der internen Gemeinde-Praxis die Freiheit des einzelnen Mitgliedes ausschließt. Das ist prinzipiell möglich, solange diese Sekte nicht die Freiheit der anderen Menschen in Gesellschaft und Staat in Frage stellt und zerstört.
4.
Hegel hat recht, wenn er das Ziel geschichtlicher Entwicklung formuliert: Dieses ist persönliche wie politische Freiheit, verstanden als Bei-Sich-Selbst-Sein in jeder Hinsicht. Nicht Chaos, sondern Freiheit und Gerechtigkeit für alle, Gleichheit vor dem Gesetz. Das ist das ersehnte und praktisch zu gestaltende Ziel. Deswegen spricht Hegel auch vom Fortschritt, aber dieser ist für ihn immer zuerst ein „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. Dieses Bewusstsein muss dann im Rechsstaat zu einer Gesetzgebung führen, die den Grundsätzen der Menschenrechte entspricht. Allen, die Menschenrechte jetzt postmodern relativ finden, sie dies gesagt: Die Herkunft der Menschenrechte aus Europa sagt gar nicht gegen deren universale Gültigkeit.
Wonach sehnen sich denn die Unterdrückten in den Diktaturen damals und heute weltweit, wofür setzen sie ihr Leben ein: Sie wollen endlich Freiheit, gemäß den universal gültigen Menschenrechten, dies gilt, ob es nun von einzelnen explizit gewusst wird oder nur unthematisch in ihnen lebt. Aber „im „Herzen“, in der „Seele“ wird diese Freiheit für alle von allen gewünscht. Krieg und Chaos und Diktatur erstreben nur Unvernünftige, Verwirrte, Kranke …
5.
Jetzt sind wir wieder bei „Hegel und dem Katholizismus.“ Denn nach der umfassenden Gültigkeit der eigentlich universal geltenden Menschenrechte sehnen sich auch heute viele Katholiken. Das ist ein weltweites Phänomen und dieser Kampf wird geführt von Frauen, auch Ordensfrauen, Homosexuellen, Priestern, die Priester sein wollen ohne das Zölibatsgesetz, insgesamt von Katholiken, die endlich synodale Strukturen, also Demokratie in der Kirche, wünschen, also die Abschaffung der Klerusherrschaft und letztlich auch der Allmacht des Papsttums (siehe das umstrittene Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, verkündet vor 150 Jahren von Papst Pius IX., den einige hochrangige Kleriker damals als geistig verwirrt beschrieben haben. (LINK:https://religionsphilosophischer-salon.de/12895_ueber-die-papstkirche-und-den-absoluten-papst-pius-ix_religionskritik)

Diese Zustände eines in sich dogmatisch abgeschlossenen Katholizismus sind allseits bekannt, sie sind zudem eine der entscheidenden Ursachen für die Kirchenaustritte aufgeklärter Katholiken. Der Kampf etlicher katholischer „Reform“ Gruppen über all die Jahrzehnte hat de facto keine strukturellen grundlegenden Verbesserungen gebracht. Es wurden Reförmchen eingeleitet, Reförmchen – Versprechen von den Hierarchen gegeben. Aber die Arroganz der klerikalen Macht ist trotz aller Proteste und Mahnwachen und Unterschriftensammlung von so genannten Reformgruppen geblieben.
6.
Was hat Hegel damit zu tun? Er sagt in vielen seiner Bücher und Vorlesungen Überraschendes, Klares, Hellsichtiges, Vernünftiges: Zusammenfassend gesagt: Der Katholizismus braucht in seiner Sicht eine umfassende Reformation und NICHT Reformen oder Reförmchen. Allein eine neue Reformation kann den Katholizismus aus der mittelalterlichen Welt herausführen, in der er sich – nach Hegels Erkenntnis – immer noch befindet. Mittelalterlich Geprägtsein ist für ihn dabei nichts Pejoratives: Das Mittelalter hatte in der Weltgeschichte einmal seinen notwendigen Platz und seine begrenzte Bedeutung. Alle geistigen Wirklichkeiten sind Produkte des Geistes, so auch das Mittelalter, Produkte, „Objektivationen“ und Manifestationen des zugleich menschlichen wie göttlichen Geistes! Das ist bekanntlich Hegels grundlegende Erkenntnis. Aber der Geist ist ein lebendiger, und als lebendiger Geist entwickelt er sich, wandelt er sich, gelangt zu größer Klarheit seiner selbst. Das „Bewusstsein der Freiheit“ entwickelt sich also stetig weiter: Vom Mittelalter geht es über in die Reformation Martin Luthers … hinein in die moderne Welt.
7.
Der Katholizismus ist also für Hegel „stehen geblieben“. Es gibt ihn noch immer, aber er ist nicht „wirklich“, im emphatischen Hegelschen Sinn von Vernünftigsein! Der Katholizismus ist also durchaus „veraltet“, überholt, „aufgehoben“, weil eingebunden in eine vom Geist und der Vernunft längst überwundene Erfahrung von Gott, Mensch und Freiheit.
Im Mittelalter wurde Gott als ferner Himmelsherr verehrt, umgeben von der Himmelskönigin Maria und den vielen Heiligen, dieser Gott war anschaulich, männlich mit Bart, dargestellt. Die gotischen Kathedralen bezeugen diese Allmacht des mittealterlichen Glaubens. Sie bieten nach wie vor ein schönes Kunsterlebnis, aber ihre architektonische Struktur musste sich auf den Altarraum, reserviert für Priester, fixieren. Laien wurden auf Abstand gehalten! Dem setzt Hegel die moderne Erfahrung der Unmittelbarkeit Gottes entgegen: Gott ist Geist. Das ist wenig und so viel, was Hegel von Gott sagen kann … im Sinne vieler Zeugnisse des Neuen Testaments übrigens.
Diese Hinweise bedeuten aber auch, dass einzelne Impulse des eigentlich überholten Katholizismus für Hegel noch interessant bleiben, etwa dessen Vorliebe für die Philosophie oder die Mystik.
Natürlich hat Hegel gar nichts dagegen, wenn sich Menschen noch in dieser alten Welt des Katholizismus bewegen. Nur: Wirkliche Menschen der Gegenwarts sind sie für ihn eigentlich nicht. Sie leben förmlich in einer Spaltung, einer Bindung an das religiöse Mittelalter und – etwa politisch, sozial, kulturell – in einer Bindung an die Werte der Moderne, die universalen Menschenrechte z.B.
8.
Dafür bietet Hegel Beweise in seinem Werk, wie gesagt in vielen unterschiedlichen Büchern, mit vielen historischen Belegen. Denn Hegel ist zwar ein „spekulativer Philosoph“, aber einer, der sein Denken auf eine breite Fülle von Fakten stützt.
9.
Das Zentrum der Kritik:
Der Katholizismus ist für Hegel eine Kirche, die den einzelnen Gläubigen nicht zu einer reflektierten Innerlichkeit führt, weil der Katholizismus die Menschen vor allem an Äußerlichkeiten bindet. Deswegen kann der einzelne Glaubende meinen, fromm zu sein, mit Gott verbunden zu sein, wenn er schon äußere Riten vollzieht und dabei Gott selbst als etwas Äußeres und Äußerliches wahrnimmt.
Die katholische Glaubenspraxis mag zwar berauschende Gefühle wecken, Gefühle der Verzauberung dieser Welt, an Wallfahrtsorten und Wunderorten, mit heiligen Wassern oder hoch verehrten Knochen (Reliquien) heiliger Verstorbener, selbst wenn diese noch so umstritten sind wie der heilige Scharlatan, der angeblich stigmatisierte Pater Pio in Süditalien. Diese Verzauberung wird zudem in Barockkirchen geweckt mit den vielen Heiligenbildern und Bildchen, den Putten und den Engeln, die ja bekanntlich jetzt ein großes „interreligiöses“ Comeback erleben, etwa in den Erfolgsbüchern von Anselm Grün. Darin sind sich also die verschrobensten Esoteriker und die Katholiken einig: Sie lieben die Engel (mehr als Gott).
10.
Zentral für Hegels Katholizismus Kritik ist die Verehrung bzw. Anbetung der Hostie: Diese ist der verwandelte, trans-substituierte Jesus Christus, verwandelt in ein winziges Stückchen Brot Und diese Hostie ist in eine goldene Monstranz gesetzt. Die „ewige Anbetung“ der Hostie ist ja auch heute sehr beliebt als populäre katholisch Praxis… Die Hostie als äußere und äußerliche also veräußerlichte Präsenz des Göttlichen hat für Hegel weit reichende Bedeutung: “Wenn aber einmal zugegeben ist, dass Gott in äußerlicher Gegenwart ist, so wird zugleich dieses Äußerliche zu einer unendlichen Mannigfaltigkeit…dass Christus da und dort, in diesem und jenen, erschienen ist…Allerorten werden also in höher begnadeten Erscheinungen, Bluteindrücken von Christus sich Vergegenwärtigungen des Himmlischen begeben…Die Kirche ist daher eine Welt voller Wunder… Das Göttliche erschient als ein vereinzeltes Dieses, also ein Ding, eine Reliquie etwa“. („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Meiner Verlag, Hamburg, 1968, Seite 823 f.).
11.
Die Konsequenzen dieser veräußerlichten Frömmigkeit, die sich an wundersame Dinge, heilige Gegenstände, heilige Orte, heilige Personen, heilige Leichen, Reliquien usw. hält, sind für Hegel gravierend: Es gibt dann die entzückten, aber ungebildeten, dumm gehaltenen Laien, die sich an diese heiligen Dinge gewöhnen sollen. Und es sind die Kleriker, die diese veräußerlichte Form des Frommseins fördern. Man denke jetzt etwa an die „Weihe“ eines Bistums an die himmlischen Herzen Jesu und Mariens…Damals gab es schon die umstrittenen Wallfahrten zum „Heiligen Rock“, der angeblichen Kleidung Jesu Christi.
Es wird also in der Sicht Hegels den Laien verwehrt, im eigenen Geist die unmittelbare Verbindung mit Gott zu leben. In seinen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie sagt Hegel in dem Zusammenhang die durchaus bis heute aktuellen Worte: „Die Menschen sind keine Laien“ (S. 297), „die Laien sind (im Katholizismus) aber dem Göttlichen fremd“ (S. 454) und vor allem: “Denkende Menschen als Laien behandeln ist das Härteste“ (S. 297). („Theorie Werkausgabe“, Suhrkamp, 1970).
12.
In der katholischen Frömmigkeit erscheint für Hegel so wörtlich das Verderben, der Aberglauben überhaupt in der Verehrung von heiligen Orten, von heiligen Knochen. „Das ist Wunderglaube der ungereimtesten und läppischsten Art. Denn das Göttliche wird auf eine ganz vereinzelte und endliche Weise für ganz endliche und besonders Zwecke da zu sein gemeint…“ (S. 873). Hegels Kritik – Erich Fromms Erkenntnis zur „Nekrophilie“ vorausgreifend – findet förmlich Unterstützung von Jesus Christus selbst: Der Philosoph zitiert die Frage des „Auferstandenen“: „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten“? („Vorlesung über die Philosophie der Geschichte“, S. 471, bezogen auf Lukas Kap. 24). Das Geistvolle, das Lebendige, ist einzig bei Geistigen zu suchen.
13.
Das „Christentum als ein grundlegendes „geistiges Prinzip“ („Vorlesungen. über die Philos. der Weltgeschichte“, S. 875) wird erst von Martin Luther als Prinzip des Glaubens erkannt. „Versöhnung mit Gott kann es für Luther nicht auf äußerliche Weise, sondern nur auf geistige Weise geben“ (ebd. S. 878). Mit anderen Worten: Die Prinzipien (!) des Protestantismus haben das Freiheitsbewusstsein gefördert, der Protestantismus ist grundsätzlich (!) die Gestalt des christlichen Glaubens, die in der modernen Welt bestimmend sein sollte. Dabei weiß Hegel genau, dass in den evangelischen Kirchen seiner Zeit viel geistige Beschränktheit besteht, Pietismus, Schwärmerei, dogmatische Fixierung. Aber diese Traditionen sind ein Abfall von dem eigentlich wahren protestantischen Prinzip der Innerlichkeit, also der Erkenntnis: Der Glaube lebt im Inneren des Geistes, er braucht keine das „Heil“ vermittelnden Priester, keine Ablässe, keinen Wunderglauben…
14.
Auch die zentrale katholische Lebensform der Orden wird von Hegel zurückgewiesen. Das Ordens-Gelübde des Gehorsams führt zu falscher Abhängigkeit von Vorgesetzten, das Gelübde der Armut dient nur als Vorwand bei wenig Arbeit sich von anderen beschenken zu lassen oder permanent zu betteln; das Gelübde der Keuschheit als Ehelosigkeit und Verzicht auf erotische, sexuelle Liebe führt zur Geringschätzung von Partnerschaft und Ehe.
15.
Entscheidend aber ist: Der protestantische Glaube erkennt prinzipiell: Die innere Freiheit, die der einzeln Glaubende Gott gegenüber erlebt, muss sich als Freiheit auch in die Gesetze des Staates hinein verwirklichen und den Staat bestimmen. Es muss also zu einer Harmonie von Freiheit kommen, von der inneren Freiheit des Geistes, auch im Glauben und der rechtlichen Freiheit im Rechtsstaat. Der Katholizismus mit seinen Prinzipen der Veräußerlichung des Glaubens fördert eine Mentalität, die die Gestaltung des Staates nach freiheitlichen Prinzipien immer wieder nur als Nebensache deutet. Die Kirche und ihre Traditionen sind wichtiger als das angeblich „schmutzige Geschäft“ des politischen vernünftigen Handelns
Man denke nur daran, dass in katholischen Staaten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Diktaturen auch faschistischer Art (Franco/Spanien, Mussolini/Italien, Portugal, Brasilien, Dominikanische Republik und viele andere Staaten in Lateinamerika usw.) von den Päpsten durch Konkordate anerkannt wurden.
Hegel meint also: Nur in der Sittlichkeit (als moralisches Bewusstsein der Weltgestaltung) des protestantischen Prinzips kann ein freier Rechtsstaat entstehen.
16.
Heute gibt es nur sehr wenige Politiker, die diesen protestantischen Prinzipen folgen. Den meisten, selbst wenn sie sich protestantisch nennen oder einer sich christlich nennenden Partei angehören, sind die vergöttlichen Prinzipen des Marktes und des Kapitalismus am wichtigsten, und der eigene Profit….
Es hat also eine Art „Austausch Gottes“ stattgefunden: Der biblische Gott wurde und wird ersetzt gegen einen Gott des Kapitals (Geld). Dies gilt ja bis in die Kirchen hinein, die insofern auch ihrem offiziell noch verkündeten Mono-Theismus irgendwie abgeschworen haben.
Dies ist freilich ein Thema, das Hegel so radikal noch nicht sehen konnte. Er sprach allerdings von der Zerstörung, die durch die Vorherrschaft des subjektiven, ganz auf das Ego fixierten Menschen eingeleitet wird! Dies ist eine Selbstzerstörung des Geistes…
17.
Ob viele Menschen sich auf einen vernünftigen Glauben, der im Sinne Hegels nur das Wesentliche glaubt, noch einmal einlassen können, ist fraglich. Heute gehören Magie und Aberglauben zu den Hauptinteressen auch der sich religiös nennender Menschen. Und selbst so genannte Atheisten, die nicht an die Nicht-Existenz des biblischen/kirchlichen Gottes glauben, schätzen dann doch oft Astrologie, esoterische Weisheiten… Haben also doch wieder ihre „Götter“?
18.
Aber prinzipiell gibt es für philosophierende Christen keinen Grund, auf einen Glauben zu verzichten, der – wie der Hegels – die Innerlichkeit und die Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott im Denken pflegt. Dieser Glaube ist als Erkenntnis vernünftig und wahr. Und er wird tätig … im Sinne der Menschenrechte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Korruption im Katholizismus – verursacht von der katholischen Moral, den Kirchengesetzen und der Dogmatik.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich lasse mich von einem berühmten Titel von Max Weber inspirieren: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Dazu hat sich Weber bekanntlich in viel-beachteten Studien geäußert. Wichtig ist ihm dabei die Freilegung eines Begründungszusammenhangs: Protestantische Ethik (von Calvin inspiriert) ist eine der Ursachen für die Entwicklung und Herrschaft des „Geistes des modernen Kapitalismus“ .

Es wird die These zur Diskussion gestellt: Die Führung der Katholischen Kirche ist durch ihre Moral, Gesetzgebung und Dogmatik so tief mit dem Geist des Kapitalismus und dessen Praktiken verbunden, dass sie sich der Korruption kaum entziehen kann. Dabei wird impliziert, dass Korruption im kapitalistischen Wirtschaften in gewisser Hinsicht (sehr) oft „üblich“ ist. Und diesen üblichen Verhältnissen im Kapitalismus können sich (und wollen sich) selbst Kleriker, die oft das Gelübde der Armut „abgelegt“ haben oder sich als spirituelle Vorbilder präsentieren, kaum entziehen. Wer eine mächtige, starke, gesellschaftliche einflussreiche katholische Kirche will, mit tausenden, bestens ausgestatteten Behörden, Schulen, Ämtern usw. braucht viel Geld, wissen diese Kirchenführer, und zu diesem „sehr vielen“ Geld kommen sie oft nur auf dem Wege korrupten Verhaltens.

In der DDR sprachen führende Repräsentanten der Evangelischen Kirche dort von „Kirche im Sozialismus“. Sie meinten dies vor allem als Ortsbeschreibung, nicht als Hinweis auf eine Verquickung der Kirche mit dem Sozialismus à la DDR.

Jetzt ist also die Rede von „Kirche im Kapitalismus“, der Titel meint anderes: Gemeint ist eine Kirche, die sich den Gepflogenheiten des Kapitalismus nicht entziehen kann und will, sie ist „eingebunden“ in die Korruption, die auch den Kapitalismus beherrscht.

Damit wird auch ein anderes Thema berührt: Wie könnte – sozusagen utopisch betrachtet – eine Kirche aussehen, die sich den jesuanischen Geboten der Einfachheit, Schlichtheit, der Armut und des „Machtverzichtes“ verpflichtet wüsste. Wer dieses Thema anspricht, beginnt zu ahnen, wie weit auch heute Kirchen entfernt sind von einer Gemeinschaftsidee, „Kirche“, die Jesus von Nazareth mit seinem Kreis lebte und die vielleicht noch im 1. und 2. Jahrhundert für die ersten Gemeinden gültig war …und dann später nur noch gebrochen, marginal, in einigen Gestalten (Franz von Assisi, Petrus Valdes, Jan Hus) gelebt wurde. Diese Genannten, Heiligen, wurden bezeichnenderweise von der Kirchenführung eingeschränkt bzw. verfolgt und getötet.
Der Katholizismus ist bei diesem Thema kein Einzelfall: Alle Religionen heute lassen sich als „Religionen im Kapitalismus“ definieren. Man denke im christlichen Bereich nur an die evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen weltweit, man denke nur an korrupte evangelikale Gründergestalten und Führer von Pfingstgemeinden: Sie haben ihre oft armen Gemeindemitglieder zu maßlosem Spenden aufgefordert und sind dabei zu Millionären geworden. Dies wird sichtbar in den schon längst dokumentierten evangelikalen bzw. pfingstlerischen Kirchen etwa in Nigeria oder Brasilien.

Und es wird nicht behauptet, dass schlechterdings alle Verantwortlichen im Katholizismus von der Korruption betroffen sind.
Hier werden „nur“ katholisch geprägte Mentalitäten freigelegt, die die Korruption unter Katholiken, vor allem im herrschenden Klerus, fördern und bewirken.

Meine Hinweise haben zwei Teile:

Erstens: Die tatsächliche Korruption im heutigen Katholizismus, aufgezeigt an nur einigen wenigen zentralen Erfahrungen und Personen.

Zweitens geht es um eine inhaltliche Erhellung der Tatsache, dass Korruption im Katholizismus einen spezifischen spirituellen und theologischen Grund hat: In diesen Hinweisen zeigen sich sozusagen die Anregungen von Max Weber. Da muss also von der traditionellen katholischern Moral und Dogmatik sowie vom Rechtssystem, wie sie von der Kirchenführung vertreten werden, die Rede sein. Es muss sozusagen die entscheidende „innere“ Voraussetzung der Korruption in der katholischen „Lehre“, „Theorie“ bzw. Ideologie freigelegt werden.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieses Thema, auch von Soziologen und Religionswissenschaftlern ausführlicher untersucht werden könnte. Den Theologen selbst traue ich diese kritische Leistung nicht zu, weil sie immer noch zu stark gebunden und abhängig sind von der Kirchenführung. Ob durch diese Bindung der Theologie an die letztlich alles bestimmende Hierarchie (Bischöfe, Papst) diese Theologen selbst schon korrumpiert werden, indem sie bestimmte „gefährliche“ Themen gar nicht erst öffentlich diskutieren aus Angst vor Entlassungen und finanzieller Not, ist eine weitere grundlegende Frage.

1.Einige Fakten

In allgemeinen Korruptionsstudien, etwa auch von NGOs, werden die Kirchen als Organisationen der Korruption nicht eigens dokumentiert. Das ist bedauerlich! Auch in einem der wenigen Aufsätze in katholischen Zeitschriften zum Thema kommt Korruption in der katholischen Kirche nicht vor, so in dem Aufsatz in „Stimmen der Zeit“ 2014. (https://www.herder.de/stz/hefte/archiv/139-2014/2-2014/integritaet-wider-dunkle-geschaefte-transparency-international-und-der-kampf-gegen-korruption/).
„Transparency International“ (T.I.) nennt auf seiner deutschen Website 20 so genannte “Risikofelder“ für Korruption, darunter sehr richtig auch den Sport,. T.I. nennt aber nicht die Kirchen. Dass damit die Kirchen von Korruption in der Sicht von T.I. freigesprochen werden, ist natürlich ausgeschlossen.

Ich übernehme von „Transparency International“ die allgemeine knappe Definition: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“.

Nun sind in den letzten Jahren viele aktuelle korrupte Verhaltensweisen von katholischen „Würdenträgern“ („Hochwürden“) bekannt geworden. Historiker wissen viele andere Beispiele aus früheren Zeiten, ich nenne nur eine Studie über einen – zumindest kurzzeitig – korrupten Orden: „Fallen Order“ von Karen Liebreich, New York 2004, über die frühe Geschichte des Ordens der Piaristen (Schulpriester). Aber historische Studien zum Thema sind noch einmal eine andere Herausforderung.

Zur Gegenwart:
Während ich diese Hinweise schreibe, am 5. Juni 2020, meldet die offizielle vatikanische Nachrichten-Agentur einen, so wörtlich, einen „Skandal“ in höchsten Kreisen des Vatikans wegen des Kaufs einer Luxusimmobilie durch das „Vatikanische Staatssekretariat“. Der internationale katholische Nachrichtendienst CNA (aus den USA) spricht, so wörtlich, von einem „Fall von Veruntreuung, schwerem Betrug und Geldwäsche“ im Vatikan. Hier können gar nicht alle Details dieses aktuellen, zweifelsfrei ziemlich ungeheuerlichen Vorgangs beschrieben werden.
Nur so viel: Das Vatikanische Gericht hat jetzt den entscheidenden Vermittler dieses riesigen Deals, den Geschäftsmann Gianluigi Torzi, in Untersuchungshaft genommen. (Der Vatikan besitzt tatsächlich ein eigenes Gericht und ein Gefängnis!). Es geht um ein komplexes Geschehen, um den Kauf einer Luxus – Immobilie in London – Chelsea an der Sloane Avenue durch den Vatikan zum Preis von 300 Millionen US Dollar. (https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-06/vatikan-torzi-immobilie-london-staatssekretariat-anlage-betrug.html)
Das päpstliche „Staatssekretariat“ war seit Februar 2014 mit diesem Kauf befasst, berichtet Vatikan News: „Vor sechs Jahren, am 28. Februar 2014, steckte das Staatssekretariat zweihundert Millionen fünfhunderttausend Dollar in den „Athena Capital Global Opportunities Fund“ – eigene Gelder, wie jetzt betont wird, „die der Unterstützung der Aktivitäten des Heiligen Vaters galten“. Gemeint ist die Kollekte des „Peterspfennig“, C.M.
„Diese Mittel wurden durch eine komplexe Finanzarchitektur gewonnen: Durch die Gewährung von Kreditlinien des Crédit Suisse und einer weiteren Bank, gegen die Verpfändung von Vermögenswerten in Höhe von 454 Millionen Euro, die sich im Besitz des Staatssekretariats befanden und aus Spenden stammten. Die mehr als 200 Millionen Euro waren zum Teil für den Kauf von 45% des Eigentums und zum Teil für bewegliche Investitionen bestimmt“. CNA meldet: „Im Raum stehen dabei auch Vorwürfe, dass Verantwortliche im Vatikan sich unter anderem des „Peterspfennigs“ – Spendengelder von Katholiken für karitative Anliegen des Papstes – bedient haben könnten, um sich Gelder auf Kredit für fragwürdige Investitionen zu leihen: Deals, an denen sich dann „Geschäftsmänner“ bereicherten, und mit denen der Vatikan Verlust machte“ (https://de.catholicnewsagency.com/story/veruntreuung-schwerer-betrug-und-geldwasche-festnahme-im-finanzskandal-des-vatikans-6373).
Es wird von vatikanischen (!) Richtern geprüft, in welcher Weise hochrangige Kardinäle, wie Pietro Parolin, Chef des Staatssekretariates, verwickelt sind und vor allem Bischof Angelo Becciu steht im Visier der Untersuchungen. Zur Zeit des Deals war Becciu hoher Mitarbeiter im Vatikanischen Staatssekretariat. Papst Franziskus ernannte ihn, offensichtlich den Initiator dieses Deals, im Jahr 2018 zum Kardinal und – auch das – zum „Präfekten“ der „Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren der Kirche“. Dieser Spekulant, Kardinal Becciu, soll sich nun auch noch im Auftrag des Papstes darum kümmern, den „Malteser Orden“ spirituell und moralisch zu erneuern“. Auch diese Form des Versetzens und Beförderns von mutmaßlichen „Tätern“ ist also nach wie vor üblich und sie wurde nicht, wie oft behauptet, durch die vielen Skandale sexuellen Missbrauchs durch Priester „abgeschafft“…Man kann diese Form des Versetzens und Beförderns auch bereits Korruption nennen…

WIKIPEDIA berichtet: „Gegen Becciu wird seit 2019 durch die vatikanische Staatsanwaltschaft ermittelt. Becciu soll 2014 und 2018 Investitionen in ein Londoner Immobilienprojekt in Höhe von insgesamt 250 Millionen Euro genehmigt haben. Demnach handelte es sich um Luxus-Wohnungen, an denen der Vatikan über einen Luxemburger Investment-Fond beteiligt war. Diese Investitionen hätten zu hohen finanziellen Verlusten des Kirchenstaates geführt, deswegen ermitteln vatikanische Behörden gegen diesen Kardinal“. Weitere Infiormationen siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/23266-vatikan-finanz-ermittlungen-gegen-kurienkardinal)
Interessant ist aber, dass trotz der Ermittlungen gegen Kardinal Becciu zunächst einmal ein Laie, Gianluigi Torsi, in Untersuchungshaft sitzt.
CNA zitiert zu dem aktuellen Fall von Korruption auch Papst Franziskus: „Auf einer Pressekonferenz im November vergangenen Jahres (also 2019) wurde Papst Franziskus zu den Investitionen in London direkt befragt. Er bestätigte zwar, dass er persönlich die Razzien vom Oktober (im Staatssekretariat) genehmigt hatte, betonte aber, dass die Beweise für korrupte oder illegale Aktivitäten „noch nicht klar“ seien, bevor er zu dem Schluss kam, dass „passierte, was passierte: ein Skandal“…Sie haben Dinge getan, die nicht sauber erscheinen, sagte der Papst“.
Schon 2012 hat Kardinal Rainer Maria Woelki, der seinen theologischen Doktor an der Opus Dei-Universität in Rom erworben hatte, ganz offen die Korruption im Vatikan im allgemeinen beklagt. Er hat die Geldwäsche und die Vorteilsnahme im Papst-Staat angeprangert. Der Wochenzeitung die ZEIT sagte er im Juni 2012: „Korruption bleibt ein Problem, in der Kirche arbeiten wir so gut wie möglich an seiner Überwindung… Vorteilsnahme oder gar Korruption sind ohne Zweifel ein Problem, das schwer wiegt, auch bei uns in Deutschland.“ Woelki fügte hinzu: „Vor dem Hintergrund müssen wir uns bekennen und sagen, dass es Schuld und Schuldige gibt.“ Namen nannte er nicht.
Mit dieser allgemeinen Anerkenntnis von Korruption in der Kirche befindet sich Woelki in bester Gesellschaft: Der SWR berichtete am 27.11. 2019, dass Papst Franziskus einmal mehr die Korruption in der Kirche im allgemeinen angesprochen hatte. Dabei verwies er u.a. auf die Finanzskandale im Vatikan, der Papst sprach ausdrücklich von „Fällen der Korruption“, Verantwortliche hätten Sachen gemacht, „die“, so der Papst, noch vorsichtig, „nicht sauber zu sein scheinen“. Siehe die Hinweise oben. Tatsächlich wurden im Zuge des Immobilienskandals fünf Mitarbeiter des Staatssekretariats und der Finanzaufsicht von ihrem Dienst suspendiert usw…

Um die Dimensionen der Korruption etwas konkreter an Führungspersonen im Vatikan aufzuzeigen, nur einige Beispiele: Da sollte an den süditalienischen Bischof Nunzio Scarano erinnert werden, der im vatikanischen Finanzwesen eine Rolle spielte, gegen den im Jahr 2012 wegen Betrug und Korruption ermittelt wurde. Laut der Zeitung „La Repubblica“ soll der Bischof einen Geheimdienstmitarbeiter gebeten haben, mehrere Millionen Euro in bar aus der Schweiz in einem Privatjet zu transportieren. Dafür soll ihm der Geistliche demnach Geld gezahlt haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Scarano bereits vor einigen Wochen vom Dienst suspendiert wurde, nachdem er ins Visier der Ermittler geraten war. Demnach wird ihm vorgeworfen, insgesamt 600.000 Euro in bar von einem Konto der Vatikanbank genommen und an Freunde verteilt zu haben. Im Austausch hätte er Schecks erhalten, die er dann auf ein italienisches Konto einzahlte – angeblich, um eine Hypothek abzuzahlen.

Auch Kardinal Tarcisio Bertone, Mitglied im Salesianer Orden Don Boscos, sollte hier erwähnt werden, er war die so genannte „Nummer zwei“ nach dem Papst im Vatikan, ein Vertrauter Papst Benedikt XVI. Bertone ist ein weiteres Beispiel für exzessive Korruption. Die katholische Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ in Münster (15.10. 2017) berichtete: „Bis zuletzt blieb die Geschichte verwickelt und rätselhaft. Tarcisio Bertone, ab 2006 Kardinalstaatssekretär, sollte 2013 seinen Alterssitz im Palazzo San Carlo im Vatikan beziehen und sah Renovierungsbedarf. Sein Anwalt sprach von einer „Bruchbude“ von 150 Quadratmetern, nach anderer Darstellung soll es sich um eine geräumige Dachwohnung von 300 bis 425 Quadratmetern handeln, Gartenblick, feiner Marmor, eine 19.000-Euro-Stereoanlage. Für die Arbeiten hatte Bertone einen alten Freund an der Hand, Gianantonio Bandera. Dieser taxierte die Kosten für seine Baufirma Castelli Re zunächst angeblich auf 616.000 Euro, gewährte dann aber großzügig Rabatt. Als verbrieft gilt, dass Bertone 300.000 Euro aus eigener Tasche zahlte und 422.000 Euro, die er nie angefordert haben will, aus der Kasse der Kinderklinik „Bambini Gesu“ flossen. Im Gegenzug dafür sollte der Kardinal ab und zu großzügige Wohltäter in seinen Räumen bewirten. Inzwischen ist die Baufirma Castelli Re bankrott, das Geld der Klinikstiftung mutmaßlich bei einem anderen Unternehmen Banderas in London gelandet. Als die neue Präsidentin des Bambino Gesu, Mariella Enoc, von Bertone die 422.000 Euro zurückforderte, ließ der Kardinal erklären, er schulde dem Krankenhaus nichts; als „Zeichen der Großzügigkeit“ überwies er aber 150.000 Euro…“ Zur Vertiefung(auch über Bertone) empfehle ich die Studie (254 Seiten) zur Korruption im Vatikan: „Avaricia. Los documentos que revelan las fortunas, los escandalos y secretos del Vaticano de Francisco“, („Habsucht. Die Dokumente, die das Geld-vermögen, die Skandale und die Geheimnisse des Vatikans freilegen unter past Franziskus“). Verfasst hat das Buch der bekannte italienische investigative Journalist (u.a. bei „Corriere della Sera“) Emiliano Fittipaldi, die genannte spanische Ausgabe erschien 2015).

Fittipaldi erwähnt übrigens auch (S. 150f.) den Reichtum und die vielen Spenden bis heute, die der angeblich stigmatisierte Pater Pio der Kirche und seinem Kapuzinerorden in Süditalien eingebracht hat. Dass Pater Pios „Wundmale, Stigmata, Christi“ an den eigenen Händen von ihm selbst herbeigeführt und dann auch als solche „gepflegt“ wurden, wird heute allgemein festgestellt. Mit anderen Worten: Die zum Heiligen gemachte Gestalt Pater Pios wurde und wird inszeniert, sie sollte viel Geld bringen…

Erinnert werden muss hier an die tiefe Verstrickung in die Korruption des Gründers der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, der sich Schein-Identitäten (etwa US- Manager) zulegte, um bei reichen Witwen Millionen – nach vollzogenem Liebesakt – finanziell „abzusahnen“, wobei er es sich nicht „verkneifen“ konnte, die Söhne der Damen sexuell zu missbrauchen. Der Orden der Legionäre wurde durch dieses betrügerische „Finanzgenie“ in der Spanisch sprechenden Welt treffend und ohne Widerspruch von den Beschuldigten „Orden der Millionarios Christ“ genannt…Alle diese und viele weitere Tatsachen über Pater Maciel sind inzwischen weltweit bekannt; genauso, dass dieser pädophile Verbrecher und Erbschleicher ein enger Freund von Papst Johannes Paul II. war. Dieser von einem korrupten Pädophilen gegründete Orden der Legionäre Christi besteht immer noch weiter. Die Fotos des nun verstorbenen (aber niemals von staatlichen Gerichten bestraften) Ordensgründers wurden in den Legionärs-Klöstern einfach abgehängt (eine Art „Entstalinisierung“) und sein Name verschwand auf den Websites des Ordens. So kann man auch mit heftigster Korruption in der „heiligen römischen Kirche“ umgehen.

Zur Korruption in der obersten Leitung von katholischen Ordensgemeinschaften:

Der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, musste Ende 2014 zugeben: Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom ist pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, „verspekuliert“ hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen. (Dazu in dem genannten Buch von Emiliano Fittipaldi, S. 200). Sowie: https://www.washingtonpost.com/national/religion/franciscan-order-on-verge-of-bankruptcy-after-financial-fraud-is-uncovered/2014/12/19/9d4675c8-87a7-11e4-abcf-5a3d7b3b20b8_story.html

Zum Orden der Kamillianer, der: Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagte, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden, um das Projekt mit seinem „Partner“ zu realisieren. Nebenbei: Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Seine Ordenskarriere beendete Padre Renato Salvatore 2013 mit seiner Verhaftung. (Quelle: https://roma.corriere.it/notizie/cronaca/13_novembre_06/intrigo-nell-ordine-camilliani-f753ad88-46ee-11e3-a177-8913f7fc280b.shtml)
https://www.theguardian.com/world/2013/nov/07/italian-religious-order-leader-arrested-camillians

Unter den hochrangigen und einflussreichen Kardinälen sollte an den kolumbianischen Kardinal Alfonso Lopez Trujillo erinnert werden, was seine lukrativen Verbindungen zu den kolumbianischen Drogenkartellen angeht? Siehe dazu u.a. : https://caracol.com.co/radio/2006/02/11/judicial/1139656560_248075.html)
Zudem war der Kardinal öffentlich, nach außen hin, ein heftigster Feind der Homosexualität und der Homosexuellen. Er selbst, privat, aber engagierte in Kolumbien wie später auch in Rom sehr häufig Stricher. Und, parallel dazu, für die fromme Öffentlichkeit verfasste er als Chef der päpstlichen Familienbehörde hübsche Texte über den Wert der katholischen Familie. Man lese über diese korrupte Gestalt an der Spitze des Vatikans das ausführliche Buch des Journalisten Frédéric Martel, „Sodom“, S. 362 ff., erschienen 2019 im Fischer Verlag. Ein kolumbianischer Insider, der Schriftsteller Fernando Vallejo, geboren in Medellin, berichtet in seinem Roman „Die Madonna der Mörder“, Wien 2000, S. 91 oder 94f. von Kardinal Lopez Trujillo: „Es ist ihnen (Kardinal Lopez Trujillo und anderen Bischöfen) das Natürlichste von der Welt, sich die Taschen mit öffentlichen Reichtümern zu füllen“. Auch andere kolumbianische Autoren sprechen sehr kritisch über diese Gestalt (wie der Autor Hector Abad, „Brief an einen Schatten“)
Schon in seiner berühmten Weihnachtsansprache an die Kardinäle im Vatikan, im Jahr 2014, hat Papst Franziskus heftig diese klerikalen Herrschaften an seinem päpstlichen Hof attackiert und dabei, so wörtlich, auf diese Männer bezogen von „mentaler und spiritueller Versteinerung“, „existentieller Schizophrenie“, „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, „Vergöttlichung der Oberen“, und auch dies: von „Anhäufung materieller Güter“ sowie von der „Sucht nach weltlichem Profit“ gesprochen. Diese Weihnachtsansprache 2014 für die Kardinäle ist ein absolut wichtiger, zentraler Text, um die ganze Feindschaft der Kurie gegen Papst Franziskus von Anfang an bis heute zu verstehen! Weil der Papst die Wahrheit sagte, wird er verfolgt.
Ich breche hier diese Dokumentation von korrupten Gestalten im heutigen Katholizismus ab. Sie ist förmlich – auch aktuell – eine unendliche Geschichte.

2.Die Ethik, die Dogmatik und die Gesetze der katholischen Kirche und der Geist der Korruption:

Die katholische Kirche zeigte sich in ihrer klassischen Gestalt bis 1970 als Organisation, die explizit gegen die Gültigkeit der Menschenrechte in der Politik argumentierte und in ihren eigenen Reihen die Menschenrechte nicht respektierte. So wurde auch die UNO – Menschenrechtserklärung vom Vatikan nicht unterzeichnet. Die Katholische Nachrichten Agentur schreibt am 10.12.2018: „Dafür gibt es viele Gründe: Der Vatikan ist kein normaler Staat und auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Und er bezieht sich auf eine grundsätzlich andere, von Gott her definierte Rechtsgrundlage. So gelten auf dem kleinen vatikanischem Staatsgebiet bis heute auch weder die Religionsfreiheit noch die Rechte-Gleichheit von Mann und Frau“.(https://www.katholisch.de/artikel/19912-warum-die-kirche-gegen-die-menschenrechtserklaerung-war)

Das heißt: Aufgrund dieser offiziell vertretenen Mentalität wurde das demokratische Rechtsempfinden den Katholiken weltweit nicht als grundlegend gelehrt und vermittelt. Die Kirche und ihre Hierarchie wurde in den Mittelpunkt gestellt, der Eindruck einer „heiligen Kirche“ sollte unter allen Umständen zentral sein. So wurden kirchliche Praktiken wichtiger als die Pflege der demokratischen Tugenden und der praktische Respekt für die unversalen Menschenrechte. Wallfahrten, Heiligenverehrung, Teilnahme an Messen, Wunderglaube und Magie, Reliquienverehrung, Hochschätzung des Klerus als der „Hochwürden“ usw. galten hingegen als zentrale Leistungen, als äußere und äußerlich leicht zu vollziehende Leistungen für einen „normalen“ katholischen Gläubigen. Ihm wurde in der Lehre, im Unterricht, in der Predigt vermittelt: Diese religiösen Äußerlichkeiten „als Glauben“ zu pflegen!

Das heißt: Der Respekt der Menschenrechte wurde unter den Katholiken nicht als absolut maßgebend für die eigene Lebensführung empfunden! So entstand die prägende Mentalität: Menschenrechte und katholischer Glauben haben nichts miteinander zu tun. Die Demokratie wurde bis noch in die Mitte des 20. Jahrhunderts von Päpsten verteufelt.

Damit wurde ideologisch und auch spirituell förmlich der Boden vorbereitet, auf dem Korruption gedeihen und sich entwickeln konnte, also Gesetzlosigkeit, Recht des Stärkeren, Entsolidarisierung, totaler, auch ökonomischer Egoismus. Diese Entwicklung kann man besonders in den bis 2000 noch ganz überwiegend katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas beobachten: Diese Länder haben mit ganz wenigen Ausnahmen nie zur dauerhaften Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, nie zum dauerhaften Respekt der Menschenrechte, gefunden.
Die von der katholischen Kirche propagierte Mentalität unter den Katholiken war und ist: Man kann – zumindest nach außen hin – gut katholisch sein und gleichzeitig ein politischer Verbrecher, Diktator, oder Ausbeuter oder Krimineller sein, etwa als Mafia-Boss oder Drogen -“Boss“. Man kann nach außen hin fromm sein, also als ein braver Bürger gelten, tatsächlich aber auch als Politiker ausschließlich an dem eigenen finanziellen Profit mir allen krummen Touren interessiert sein. Der Katholizismus in Lateinamerika ist ein weites Forschungsfeld für Studien über die Frömmigkeit von Politikern und ihrem korrupten Agieren. Dass diese Korruption jetzt in Brasilien von einem verbrecherischen evangelikalen Präsidenten, Bolsonaro, betrieben wird, ist ein neues Thema in der „Ökumene“ christlicher korrupter Politiker…
Diese Missachtung demokratischer Werte und der Menschenrechte bewies der Vatikan, als er mit politischen Verbrechern, Tyrannen, wie Trujillo oder Franco Konkordate abgeschlossen hat. Diese Verbrecher wurden päpstlich also hochgeschätzt. Aber die Kirche und der Klerus profitierte, auch finanziell, die Kirche wurde privilegierte Staatskirche, katholische Schulen wurden vom Staat bezahlt usw.

Noch tiefer führt eine Analyse der Beichtpraxis: Sie erlaubte es, dass sich Verbrecher, etwa Mafia – Bosse, nach der Beichte, wieder „katholisch, also gesellschaftlich akzeptiert wohl fühlen“ konnten. So konnte auch der Klerus Teil des Mafia- Systems werden und „profitieren“. Der Ort San Luca in Kalabrien galt im August/September sogar ganz offiziell als Wallfahrtsort de Mafiosi, der Ndrangheta… Das duldsame Verhalten der katholischen Priester gegenüber der Mafia hat sich allmählich zugunsten einer kritischen Distanz verändert.

Papst Franziskus hat am 13.November 2015 in einem Vortrag in Rom für die Mitglieder der Guardini-Stiftung deutlich erklärt: Es käme im Falle eines schweren Vergehens, eines Verbrechens, wie der Ermordung des zwar gewaltätigen Gatten durch dessen Ehe-Frau, einzig auf die Reue an:

Dabei bezieht sich der Papst auf einen Text von Dostojewski: „Der Starez (der russische Mönch) sieht, dass die Frau in ihrem verzweifelten Schuldbewusstsein ganz in sich verschlossen ist und dass jede Reflexion, jeder Trost, jeder Rat wie an einer Mauer abgleiten würde. Die Frau ist überzeugt, verworfen zu sein.
Der Priester (Mönch) zeigt ihr aber einen Ausweg: Ihr Dasein hat einen Sinn, weil Gott sie annimmt im Moment der Reue. „Fürchte nichts, und fürchte dich niemals“, sagt der Starez. „Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt, wird Gott dir alles verzeihen. (…) Kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, dass sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte“. In der Beichte wird diese Frau verwandelt und erhält wieder Hoffnung“. Dem stimmt der Papst also ganz offen zu!

Das heißt: Selbst im Falle von Mord genügt allein die Beichte und die sprachlich geleistete Reue, der dann die Lossprechung von der Todsünde durch den Priester folgt. Der Mörder wird vom Priester nicht den staatlichen Justizbehörden übergeben. Dies kann und darf der Priester ja auch gar ncht aufgrund des absolut geltenden Beichtgeheimnisses. Selbst wenn der Priester keine Absolution erteilt, darf er den Täter nicht den Justiz-Behörden melden.
(zu der Ansprache von Papst Franziskus: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/november/documents/papa-francesco_20151113_romano-guardini-stiftung.html)

Aber noch eine weitere religiöse Praxis kann die Korruption fördern: Es ist der typisch katholische Umgang mit „Ausnahmen“ für einzelne, die Liebe zu dem „Besonderen“ für besondere Menschen: Für sie werden Kirchengesetzte hin und her gedehnt. Die Hierarchie gewährt – wie einst die absolutistischen Herrscher in Frankreich – Ausnahmen, auch Ausnahmen in der Bindung an (gerechte) Gesetze. Man denke auch an die übliche Möglichkeit der Eheannullierungen (katholische „Ehescheidung“) für Katholiken, bei denen die Priester ganz offen dem einen Partner sagten: „Diese Ehescheidung, Annullierung genannt, kriegen wir schon hin: Da soll die Braut doch zum Beispiel nur – den Fakten zwar widersprechend – behaupten, ihr Gatte hätte ein Kind für diese Ehe ausgeschlossen, und schon ist die sakramental geschlossene Ehe aufgehoben, annulliert…“ Wie oft habe ich das selbst gehört… Und der „vermittelnde, liberale“ Priester wurde bei Erfolg der Annullierung selbstverständlich reichlich beschenkt und dann zur 2. Hochzeit eingeladen…Also, es ist dieser laxe Umgang mit eigenen Gesetzen und Geboten, die förmlich die Lust gefördert hat, auch noch sehr viel wichtigere (gerechte) Gesetze guten Gewissens zu übertreten…

Es gab und gibt ein Dulden seitens der Hierarchie von Vergehen und Verbrechen des Klerus, etwa beim sexuellen Missbrauch, wenn denn dieses Dulden und Wegsehen dem guten, selbstverständlich nur äußerlich „guten Ruf“ der Kirche als Institution förderlich war und ist. Diese Zusammenhänge wurden jetzt allerorten freigelegt in der Verfolgung des sexuellen Missbrauchs durch Priester oder des sexuellen Missbrauchs von Ordensfrauen durch katholische Priester etwa in Afrika und Indien usw. Korrupt ist das Nicht-Freilegen von Untaten, um die eigene Institution (und damit immer auch die Spendenbereitschaft für diese Institution!) zu schützen. Und dieses korrupte System bestand weltweit viele Jahre. Es wurde erst seit 2010 langsam freigelegt.

Noch immer ist der Ablass eine Selbstverständlichkeit. Natürlich hat er nicht mehr die krassen Dimensionen („für viele Geldspenden in den Himmel) wie zur Zeit Martin Luthers. Aber der Gedanke ist vorherrschend: Der Priester kann es möglich machen, dass ich mit gutem Willen – und einer Spende für die Kirche – meinen Aufenthalt in der Vorhölle verkürze. Die Vorstellung, auch mit Gott in einer Art Handel eintreten zu können, ihn „zu kaufen“, ist eine Variante der katholischen Korruption, passend in diese Zeiten des Kapitalismus. Der Theologe Norbert Reck hat in der Zeitschrift CONCILIUM (2014) über eine ähnliche religiöse Praxis berichtet: „Theologinnen und Theologen lächeln meist milde über die Menschen, die (beim Priester) „Messen bestellen”, um etwas dafür zu tun, dass verstorbene Angehörige in den Himmel kommen. Sie lächeln über Menschen, die täglich Kerzen in den Kirchen anzünden,, um Gott oder die Heiligen auf ihre Probleme aufmerksam zu machen usw. Diese Verhaltensweisen haben ja in der Tat etwas rührend Frommes. Doch das Lächeln darüber belässt die Menschen in einer Untertanenreligion, in einer Einübung in die alltägliche Korruption, gegen die in der Bibel auf vielen Seiten protestiert wird.“

Eine Kirche ohne Korruption – wird es sie geben? Wahrscheinlich nicht, weil in der Kirche wie überall Menschen tätig sind, die zuerst an den eigenen finanziellen Vorteil denken und spirituelle Bindungen, religiöse Versprechen oder sogar Gelübde nur nach außen hin „zelebrieren“, um aufzufallen und Karriere zu machen. Und wenn dann Kritiker dieses scheinheiligen Systems auftreten, und seien es Heilige, wie Franziskus von Assisi oder wie Jan Hus, werden sie vom herrschenden System bedroht, wenn nicht „ausgeschaltet“.

Wer die Korruption pflegt und lebt, hat immer etwas „Mörderisches“, im Sinne. Darunter leiden die vielen Journalisten, die, etwa in Mexiko, als investigative Journalisten ermordet wurden, weil sie die Korruption auch innerhalb der Polizei freilegten. Und auch an die wenigen Priester und Nonnen muss erinnert werden, die etwa in Brasilien ihr Leben lassen mussten, weil sie die nach außen hin katholischen, aber zutiefst korrupten Großgrundbesitzer anklagten in ihrer Gier nach Land und Wald. Während diese mutigen Katholiken von Killern der Großgrundbesitzer bedrängt, beleidigt und oft erschossen wurden, reichte der Kardinal von Rio de Janeiro, Dom Orani Tempesta, dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro unterstützend und freundschaftlich verbunden die Hand…Dieser Kardinal wurde nun (2019) beschuldigt, in Korruptionsaffären katholischer Krankenhäuser verwickelt zu sein (https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2019-02-27/katholische-krankenhaeuser-schmiergeldaffaere-verstrickt-erzbistum-rio-weist-korruptionsvorwuerfe) ….

Unser Thema – eine endlose Geschichte! Zweifellos ist die Erkenntnis: Korruption ist eine feste, kaum zu überwindende Struktur der Kirche. Weil die Lehre, die Dogmatik, die Moral wie auch die spirituelle Mentalität der Kirche Korruption nicht verhindert, sondern oft – zumindest indirekt – fördert. Die Kirche, das heißt der an der Macht sitzende Klerus, der sich seiner Privilegien erfreut, hat sich entschieden, Teil der kapitalistischen Welt – UN-Ordnung zu sein und zu bleiben und deswegen alle Spielchen des Kapitalismus mitzumachen, um die eigene äußere Macht zu bewahren.
Dabei hat die spirituelle Bedeutung des katholischen, des offiziellen Glaubens selbst bei Katholiken – zumindest in Europa und Amerika – längst rapide abgenommen.
Mit ihrer Einbindung in den Kapitalissmus und damit in die „Unkultur“/das Verbrechen der Korruption hält also die Kirche heute mindestens in Europa und Amerika nur ein äußeres, allmählich wackliges Gerüst am Überleben.
„Der Katholizismus und der Geist der Korruption“ bleibt ein dringendes Thema, um die Religionen in der heutigen Welt zu verstehen. Von verändern… sprechen nur noch Optimisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es ist vorbei – Die katholische Kirche in Europa

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ein Vortrag, anlässlich des definitiven Nein von Papst Franziskus zur Aufhebung des Zölibates und des erneuten Nein zur Zulassung von Frauen zum Priesteramt im Februar 2020).

Das Motto für diesen Beitrag, treffend im Hegel-Gedenken 2020: „Denkende Menschen als Laien zu behandeln, ist das Härteste“ (bezogen auf die katholische Kirche) In: „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ III, Frankfurt 1971, S. 297).

Ich wurde nach der Publikation dieses Beitrags gefragt: Welche Quellen, welche Studien, denn besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang.
Ich möchte auf den bekannten französischen Historiker, Soziologen und Philosophen Marcel Gauchet hinweisen, besonders auf dessen viel beachtetes, grundlegendes Buch „Le Désenchantement du monde“ (1985).Darin zeigt er: Es gibt eine Art „Sortie de la religion“, einen massenhaften Auszug aus der institutionellen Religion, besonders der Kirchen. Die religiösen Strukturen, Organisationen, finden keine Akzeptanz mehr (zumindest in Europa), hingegen wird der persönliche, der eigene religiöse Glaube bewahrt und gepflegt!
„Es gibt überhaupt keinen Gegensatz zwischen dem „Verlassen der religiösen Strukturen“ (sortie de la religion), und dem Fortbestehen der persönlichen religiösen Gläubigkeit“ (in: Philosophie Magazine, Paris, September 2009, Seite 54).

Mein Vortrag:

Die zentrale Erkenntnis: Eine religiöse Epoche geht zu Ende durch das sehr vielfältige, sehr zahlreiche innere wie äußere Abstandnehmen etwa vom Katholizismus. Diese Erkenntnis wird auch von Marcel Gauchet unterstützt und ausführlich dargestellt. Dieses Ende einer religiösen Epoche ist noch nicht „angekommen“ bei den meisten Theologen, geschweige denn bei den Herren der Kirchenleitungen, etwa in Deutschland oder Rom. Dies zu sagen bedeutet: Eine Tatsache sagen. Und das hat mit Polemik absolut NICHTS zu tun.

1.
Eine Epoche geht jetzt zu Ende. Das spüren viele, das wissen einige: Religionssoziologen, Theologen Philosophen: Ein Umbruch, ein Epochenwandel, geschieht: Die Zeit der über Jahrhunderte dauernden, weithin machtvollen Präsenz der katholischen Kirche in den allermeisten Ländern Europas (und Nordamerikas und sogar Lateinamerikas) ist vorbei. Auf „Wunder“ eines „Rückschritts zu alten Zeiten“ sollte man auch in dem Zusammenhang eher nicht setzen… Der Katholizismus ist in den genannten Regionen vielleicht institutionell und finanziell noch stark, wie ein Gerüst noch vorhanden. Aber der Katholizismus, so wie er sich heute offiziell darstellt, bewegt nicht mehr das Leben der Menschen. Die Vitalität und Kreativität ist dahin. Das ist eine auch soziologisch bewiesene Aussage. Denn nur noch explizit konservative bzw. reaktionäre Kreise stützen mit aller Polemik das alte katholische System, das entscheidend vom Klerus beherrscht wird. Nur autoritätshörige Menschen fühlen sich in einem autoritären System wohl.
Es gibt sie noch, die katholischen Gruppen und Organisationen, die, selbst autoritär strukturiert, gerade das Autoritäre, das Erstarrte, das Unwandelbare des klerikalen Katholizismus lieben und es mit allen (auch finanziellen) Mitteln verteidigen. Sie haben oft im Zusammenhang mit rechten/rechtsextremen Politikern die Netzwerke bis in den Vatikan ausgebaut. Sie verteufeln auf unverschämte Weise die letzten noch progressiven, d.h. auf lebendigen Wandel setzenden Katholiken, wie den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Er wird von dem reaktionären Organ kath.net als Wolf im Schafspelz dargestellt. Das ist sozusagen katholisch-reaktionäres AFD Niveau….Aber: Abgesehen von diesem einen Beispiel: Auf sie, als die „Treuen“, hören die Päpstes, die höchsten Kardinäle, die Bischöfe etc. Diese Kreise sind die leidenschaftlichen Apologeten des „ewigen Gestern“: Opus Dei, neokatechumenale Gemeinschaften, katholische Charismatiker, Legionäre Christi, Freunde Fatimas, Freunde Pater Pios, die betuchten Kreise um Fürstin Thurn und Taxis in Regensburg etc. Sie vertreiben auf ihre Art die wenigen Katholiken, die noch -naiv – an eine demokratisch strukturierte Kirche glaub(t)en.
Diese Apologeten des Autoritären sorgen also dafür, dass es mit der katholischen Kirche in Europa zu Ende geht. Selbst wenn diese Apologeten noch kleinere Massenveranstaltungen organisieren, weiß jeder Beobachter: Es sind nur noch die engen Kreise der „Treuen“, die sich da versammeln. Sie sorgen dafür, dass die klerikal-katholische Kirche auf den Stand einer Sekte geführt wurde und wird: In sich abgeschlossen und fern vom modernen Geist. Ohne kulturelle Relevanz. Das Schlimme für diese Kreise ist nur: Ihre heiligmäßigen Stars, wie der „Vorbild Katholik“ Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, wird als sexueller Mißbrauchstäter post mortem entdeckt und als Beschützer eines „pädophilen“ Täters aus dem Dominikaner-Orden. Zuvor wurde der Gründer der „berühmten“ Mönchsgemeinschaften „Jerusalem“ in Paris, Père Pierre-Marie, ebenfalls wegen heftiger „Übergriffigkeiten“ belastet, abgesehen von den Mißbrauchsfällen in charismatischen Gemeinschaften wie den weltweit verbreiteten „Johannes-Brüdern“ und so weiter. Von den Finanzskandalen im Vatikan und anderswo soll hier gar nicht erst die Rede sein. Genauso wenig von der Verlogenheit höchster Vatikan-Mitarbeiter, etwa Kardinäle, die selbst homosoexuell, aber allen noch katholischen Homosexuellen mit ihrer verlogen-rigiden Moral das Leben schwermachen, die international verbreitete soziologische Studie zu dem Thema, Titel des Buches „Sodom,“ von Frédéric Martel, ist ja bekannt.
Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ist also bei Lichte und klarem Verstande besehen dahin. Was kann für eine Glaubens-Gemeinschaft aber dramatischer sein als der Verlust der Glaub-Würdigkeit?
Die folgenden Hinweise sind nicht Ausdruck von Polemik. Sie beschreiben „nur“ das Ende einer „katholischen Welt“ in Europa und in Amerika.

2.
Erinnerung an einige Fakten: Es gibt immer weniger das alles entscheidende „Personal“, also den zölibatären Klerus, der im Sinne der dogmatischen Lehre der Kirche für die Leitung der Gemeinden Verantwortung übernehmen will. Der zölibatäre Klerus verschwindet, stirbt aus. Damit zusammenhängend: Der Niedergang der Gemeinden. Es gibt keine „Seelsorge“ mehr, falls sie jemals von Klerikern qualifiziert, therapeutisch, geleistet wurde…Die Priester sind „Messe-Leser“ geworden. Sie hetzen von einer Kirche zu anderen, um Messen zu lesen. Zu Luthers Zeiten sprach man von „Leut-Priestern“…Auch die Orden verschwinden. Das ist evident. Deren Klöster sind sehr oft Altersheime für greise Mönche und Nonnen. Und leerstehende Klöster werden verkauft, oft gewinnbringend in Luxus-Hotels umgebaut, wie in Rom, Prag, Gent und vielen anderen anderen Städten. Die sterbenden Mönche und Nonnen werden so noch einmal steinreich. Das sind evidente Tatsachen.

3.
Eine Epoche geht zu Ende: Das kann eine Form von Melancholie wecken, sozusagen als „Verlust der Kindheit“. Entscheidender ist wahrscheinlich das langsame Verschwinden kommunikativer Orte: Gemeinden hätten ja eigentlich Treffpunkte für spirituelle und nicht-spirituelle Menschen sein können. Die Gesellschaft wird ärmer an kommunikativen Möglichkeiten.

4.
Das Ende der Epoche ist vor allem von der Kirchenführung selbst verursacht worden. Es ist also keineswegs der viel beschworene Ungeist der Moderne, der die Kirche „bedroht“. Es ist die Unfähigkeit der Klerus-Kirche selbst in ihrer rigiden Bindung an die Dogmen und Gesetze, die die Kirche insgesamt ins Abseits geführt hat.

5.
Es wird viel zu wenig beachtet, vor allem in den noch verbliebenen, minoritären „Reform-Gruppen“ zugunsten eines „modernen Katholizismus“: Der Niedergang des Katholizismus ist bedingt nicht zuerst durch die klerikale Abwehr von Struktur – Reformen! Sondern durch die Sturheit des Klerus, auch tief greifende Änderungen bzw. Abschiede von irgendwann einmal fixierten Dogmen (und Traditionen) zu leisten. Die ganze Last der alten Formulierungen uralter Dogmen wird mitgeschleppt, sie bestimmt das Glaubensbekenntnis und die Sprache der Gottesdienste. Denn die Messen in „Landessprache“ verwenden ja nur unverständliche Übersetzungen aus dem lange Zeit für die meisten ebenso unverständlichen Latein. So entsteht die treffende Überzeugung, dass dem Katholizismus jegliche geistvolle Lebendigkeit, d.h. jegliche Kreativität und jeglicher Raum für Freiheit, auch des Experimentes, fehlt. Wenn man von „Synoden“ oder „synodalem Weg“ im offiziellen Katholizismus spricht, meint man ja nicht etwa demokratisch entscheidende Gremien, sondern tatsächlich nette Beratungszirkel, die die Letztentscheidung dem Klerus bzw. dem Papst in Rom überlassen muss. Der Begriff Synode in katholischen Zusammenhang ist also eine bewusste Irreführung und Täuschung, auf die einige gutwillige bzw. naive Laien immer noch reinfallen. Der in Deutschland begonnene, förmlich aus Verzweiflung geborene „synodale Weg“ ist eine solche letztlich wirkungslose Beschäftigungstherapie zum Frust-Abbau. Dabei wird er wieder nur neuer Frust erzeugen. Man denke an den rabiaten Umgang von Papst Franziskus mit den Voten der so genannten Amazonas Synode: Da war den meisten TeilnehmerInnen völlig klar: Wenigstens im Amazonas Raum sollte es sofort verheiratete Priester geben. Aber nein: Der angebliche Reformpapst Franziskus nimmt Rücksicht auf die Reaktionären im Vatikan und sagt: NEIN!

6.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Dafür ist vor allem verantwortlich die völlig unzeitgemäße Ablehnung von allen kirchlichen Ämtern für FRAUEN. Diese Ignoranz den Frauen gegenüber ist in der katholischen Kirche seit Bestehen dieser Organisation das größte Übel. Fünfzig Prozent der Menschheit sind ausgeschlossen von leitenden kirchlichen Ämtern. Wenn der Klerus auch heute noch behauptet: Jesus habe nur Männer als Apostel berufen, ist das eine Lüge, eine Ideologie, ein Fundamentalismus, ein Biblizismus, Thesen also, die keiner wissenschaftlichen historisch-kritischen Bibelwissenschaft standhalteb. Das weiß der Teil des gebildeten Klerus. Aber er verteidigt wider besseren Wissens seine Männer – Macht. Der Ausschluss von Frauen vom kirchlichen Priester – und Bischofsamt ist Ausdruck der Männerherrschaft, bzw. Greisenherrschaft, die kein gebildeter Mensch in Europa auch nur im entferntesten akzeptieren kann. Wie spirituell reich wäre die Kirche, wenn Frauen auch mitbestimmen könnten. Die offizielle Ideologie lässt sich auch nicht mit poetischen Formulierungen schön reden, Frauen seien doch so mütterlich, so zärtlich etc. in der Kirche und sie könnten doch auch sonst so viele nette Dinge in der Kirche FÜR den Klerus tun, „haus halten“, Blumen schmücken, kochen und beten.
Damit zusammenhängend: Diese Kirche hat die Lernbereitschaft von der Gender – Debatte versäumt. Und genauso hat die Kirche die umfassende Akzeptanz der homosexuellen Liebe und des homosexuellen Lebens verpasst. Auch in der Frage wird es keine definitive Meinungsänderung des ja mehrheitlich selbst homosexuellen Klerus geben. Diese Herren müssen nach außen hin immer brav heterosexuell erscheinen…Je homophober, desto schwuler ist der Typ selbst, heißt eine psychologische Erkenntnis.

7.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Beschleunigend hat der tausendfach belegte und dokumentierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester gewirkt. Ein Ende der Freilegungen ist ja noch nicht in Sicht, man denke an Polen, Italien, Spanien, da melden sich eher zaghaft die Opfer, deren wahrhaftige Aussagen vom dortigen Klerus noch einmal bezweifelt werden.
Aber der sexuelle Missbrauch durch den Klerus hat viele Bistümern an den finanziellen Ruin geführt. Und in Deutschland haben laut repräsentativer Umfrage nur 17 % der Bevölkerung noch ein Vertrauen in die römisch-katholische Kirche. Also: Es ist vorbei…

8.
Die „religiöse Landschaft“ verändert sich. Wird Spiritualität, Frömmigkeit, Verbindung mit dem Göttlichen, wenn überhaupt nur in der privaten Sphäre gelebt? Das wäre ja prinzipiell kein Nachteil, weil dadurch wirklich jeder und jede seine eigene Spiritualität entfalten könnte. Andererseits: Der Austausch mit anderen, also eine Form der Gemeinde, bleibt wichtig. Es können sich interessierte Menschen zur „Feier von Brot und Wein“, also zur Eucharistie, außerhalb der Kirchengebäude treffen, privat oder in angemieteten Salons, Galerien, Cafés…Der Geist des Evangeliums, der Geist der Bergrpredigt, darf nicht ausgelöscht werden im Abschied von der Kirche als Organisation.

9.
Und warum sollte das Ende der Epoche des Katholizismus nicht auch eine Stunde der Ökumene sein? Vielleicht könnten sich Katholiken in protestantischen Gemeinden wohl fühlen und dort das Gemeindeleben mitprägen? Ich denke dabei nicht an die evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen, denn dann käme man von einem Dogmatismus in einen anderen. Das darf um der seelischen Gesundheit der Glaubenden nicht sein. Aber es gibt sie ja noch, die liberal-theologischen Gemeinden oder liberal-theologischen protestantischen Kirchen.

10.
Eine katholische Epoche geht zu Ende. Das könnte man und sollte man auch positiv wenden: Die Menschen, die Katholiken zumal, bekommen wieder ihre Köpfe frei für die wirklich dringendsten Fragen der Menschheit heute: Öko – und Klimakrise; Rassismus, Antisemitismus, Abwehr des Neofaschismus, Aufbau einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, Gerechtigkeit für die Ärmsten der Armen etc. Das sind ja die dringenden Frage, und nicht: Ob der Papst unfehlbar ist oder nicht. Diese Themen sind „vorbei“….Gegenüber den Herausforderungen unserer bedrohten Welt sind klerikal angerichtete Probleme eher doch nur „Kinkerlitzchen“. Die man solche behandeln sollte. Oder theologisch formuliert: Zuerst geht es um das Reich Gottes, als Symbol für eine gerechte und friedliche Welt humaner Menschen. Und dann, an 2. Stelle, geht es um Fragen der Kirche. Aber wie sagte der Theologe Alfred Loisy so treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“. Fromm gesprochen: Geben wir wieder Jesus den Vorrang, dem Lehrer der Weisheit, dem Propheten und dem Lehrer einer von Gott gegebenen Vernunft.

11.
In Afrika und einigen Ländern Asiens wird der römische Katholizismus sicher nich als übliche Instutution überleben. Die dortigen Menschen wurden im 19. Jahrhundert von konservativen Missionaren „bekehrt“, sie halten an der alten Theologie und vor allem den Kirchengesetzen weithin fest, bestes Beispiel ist der reaktionäre Kardinal Sarah aus Guinea, ein Freund von Ex-Papst Benedikt XVI. So wird der Vatikan noch die Zentrale der Macht des Katholizismus bleiben, aber die vielen Millionen treu römisch-katholischen Mitglieder werden in Afrika und Asien und vielleicht noch in Lateinamerika leben. Für junge Männer und Frauen etwa in Indien oder auf den Philippinen ist die Klerus/Nonnen – Karriere immer auch noch interessant: Sie bedeutet ja auch sozialen Aufstieg. In einen katholischen Kloster in Indien oer auf den Philippinen oder in Indonesien verhungert man als Mitglied bekanntermapen nicht, hingegen auf den entlegenen Dörfern. Dieser Klerus, die Mönche und Nonnen dort geloben zwar offiziel die Armut, sie sind aber selber vergleichsweise reich..Das Klerus/Kloster – System wird alo außerhalb Europas überleben. Man denke daran, dass heute viele Ordensgemeinschaften die Hälfte ihrer – nicht greisen – Mitglieder bereits in Asien haben; etwa die in Deutschland entstandene Gesellschaft vom Göttlichen Wort (SVD). Insofern können die Herren der Kirche im Vatikan sich doch nach gewohnter Art ruhig zurücklehnen und sich sagen: Es bleibt alles beim alten, es geht weiter wie bisher. Europa wird dann eine „quantité négligeable“. Aber spätestens in 30 – 40 Jahren (wenn das ökonomische Wachstum anhält) werden sich für den Katholizismus in Asien oder Afrika die gleichen Probleme stellen, die heute in Europa das Ende der katholischen Epoche bewirkt haben.

12.
Es ist vorbei … mit dem römischen Klerus-Katholizismus:Dies ist als wissenschaftlich begründete Überzeugung auch ein Weg ins Offene. In eine andere Zukunft. Das sollte man nicht vergessen. Die schönen Messen von Mozart, Haydn und anderen, die Barockkirchen, die Welt religiöser (katholischer) Kunst, sicher auch einige schöne Gebäude von Klöstern usw. … alles das bleibt ja, befeit von kirchlichem Zugriff. Auch das kann insgesamt eine Befreiung sein … für die Suche nach der eigenen, nach „meiner“ Spiritualität. Für den einen können es Wallfahrten sein, für die andere kürzere Aufenthalte in christlichen oder buddhistischen Klöstern, für andere der soziale Einsatz für Benachteiligte, für andere die Teilnahme in einem Chor für religiöse Musik, für andere die Debatte über Mystik und so weiter. Diese Wahl neuer, je eigener Spiritualität ist alles andere als „Ersatz“ für die alte vorgeschriebene religiöse Praxis. Sie kann zur Freiheit führen, auch zur Freiheit eines je eigenen Verhälnisses zum Göttlichen.

PS: Die empirischen Belege aus religionssoziologischen bzw. theologischen Studien sind bekannt: Zum ständigen Rückgang der sich als katholisch bekennenden Bevölkerung, zum ständigen Rückgang der Teilnahme an der Sonntagsmesse oder der Beichte, zum ständigen Rückgang der Zahlen der Taufen, dem ständigen Rückgang der Priesterweihen, der ständigen Zunahme der Kirchenaustritte etwa in Deutschland oder Österreich, das hohe Durchschnittsalter des noch „aktiven“ Klerus wärezu bedenken; oder die ständige Aufgabe von Klöstern und so weiter.
Dass die Katholiken, die in Europa die römische Kirche verlassen und die übliche vorgeschriebene religiöse Praxis aufgeben, sagt ja keineswegs, dass sie militante „Atheisten“ sind. Über diese neuen Kreise der frei „schwebenden“ ausgetretenen Katholiken müssten eigene Thesen verfasst werden. Für sie und mit ihnen zusammen gibt es bisher noch keine eigenen spirituellen Orte. Ein religionsphilosophischer Salon ist ein solcher Ort!

Ich habe schon früher einige Fakten und Interpretationen zum Thema vorgestellt: Etwa zur katholischen Kirche in Frankreich, klicken Sie hier. Oder zum Zustand der Kirche angesichts eines überholten Weltbildes, bitte hier klicken.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Papst Benedikt XVI: „Die rechte Hand Gottes“. Noch einmal publiziert anläßlich des Films „Verteidiger des Glaubens“von Christoph Röhl

Politisch – theologische Optionen Joseph Ratzingers
Von Christian Modehn, fertig gestellt am 22. 3. 2009

1. Regensburg

„Joseph Ratzingers Bruder ist der Chef der Regensburger Domspatzen. Aber das allein könnte eigentlich kein Grund sein, von Tübingen weg zu gehen“, bemerkte der katholische Theologe Karl Rahner in der ihm eigenen Ironie (1). Tatsächlich war es nicht die Liebe zur Musik, die Professor Ratzinger dazu führte, schon nach drei Jahren, 1969, seinen Dogmatik Lehrstuhl an der Universität Tübingen aufzugeben. Es war eher die Frustration darüber, dass z. B. sein Kollege Hans Küng sehr wohl mit den rebellierenden Studenten 1968 diskutieren konnte. Dem eher schüchternen Ratzinger aber war das „rebellische Aufbegehren“ zuwider. (2) Der Wechsel nach Regensburg wurde für die weitere Zukunft zur entscheidenden Neuorientierung. Karl Rahner betont: „Ratzinger hat eingestandenermaßen eine Wendung gemacht, als er von Tübingen nach Regensburg ging“. (3) An die theologische Fakultät in Regensburg wurde er nur deswegen berufen, weil ein ursprünglich für Judaistik bestimmter Lehrstuhl dort nicht besetzt werden konnte und der freie Platz nun in katholische Dogmatik umgewidmet wurde! Den Start in Regensburg empfand er als glücklich, wie er gesteht: „So war bald wieder das rechte universitäre Fluidum gegeben, das mir für meine Arbeit so wichtig war“ (4). Sein Dogmatik – Kollege war nun der konservative Johann Auer, ein Verteidiger mittelalterlicher Theologie und Liebhaber eines von der Tradition her geprägten römischen Lehrsystems. Hans Küng bezeichnete den Umgang des Dogmatikers Auer mit der Bibel eine „neuscholastische Steinbruchexegese“ (5) Aber Ratzinger war mit Auer „in inniger Freundschaft verbunden“. (6), vor allem weil beide die Kirchenväter vom 1. bis 5. Jahrhundert über alles schätzten. Ratzinger beteiligte sich sogar an Auers Lehrbuch (!) „Kleine Katholische Dogmatik“. Mit dem Umzug nach Regensburg begann für Ratzinger die intensive Mitarbeit an der „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ , an deren Gründung er im Herbst 1969 beteiligt war. (7) „Communio“ erschien 1972 als Gegenprogramm zur internationalen progressiven Zeitschrift CONCILIUM, die an einer Fortschreibung des II. Vatikanischen Reformkonzils arbeitet, zahlreiche renommierte Konzilstheologen wie Rahner, Küng, Schillebeeckx gehören zu den Gründern. Bei „Communio“ sammelten sich von Anfang konservative Denker, etwa der erklärte Rahner-Gegner und konservative Ex- Jesuit Hans Urs von Balthasar, der CSU Kultusminister Hans Maier oder der CDU Publizist Otto B. Roegele. Er war Herausgeber des bischöflichen, „linientreuen“ Rheinischen Merkurs. Auch Karl Lehmann gehört von Anfang zum COMMUNIO Kreis! War er und ist er das etwas liberale „Alibi“ dieser Zeitschrift? Wichtig ist: Von Anfang an gehörte zum engen COMMUNIO Kreis auch Jorge Medina Estevez, ein Theologe aus Santiago de Chile. 1987 wurde er Bischof von Rancagua, später von Valparaiso. Dort war er als ein enger Freund des Diktators Pinochet bekannt, den er bis zu dessen Tod öffentlich verteidigte! Als Kardinal kümmerte sich Medina in Rom später sehr wohlwollend um die Versöhnung mit den Pius Brüdern. Und ihm kam die schöne Aufgabe zu, am 19. 4. 2005 sozusagen „urbi et orbi“ mitzuteilen, dass „Josephus Ratzinger“, sein bewährter „Communio – Freund“, zum Papst gewählt wurde.
So wirken Regensburger Verbindungen bis zur Papstwahl und zur Versöhnung mit den Piusbrüdern weiter. Wichtig ist, dass schon von Regensburg aus Joseph Ratzinger über Jorge Medina Kontakte vor allem zu Jesuitenpater Roger Vekemans in Chile bekam: Er schrieb schon 1973 gegen die Befreiungstheologie in „Communio“. Vekemans, auch er ein erklärter Feind von Staatspräsident Allende und allen Linken, gehörte auch seit 1976 mit dem Adveniat Chef und Opus Dei Freund Bischof Franz Hengsbach zu dem Studienkreis Kirche und Befreiung, der gegen diese lateinamerikanische Theologie der Armen polemisierte. Die Wurzeln von Ratzingers Feindschaft gegen die Befreiungstheologie liegen in Regensburg! Der damalige, für Ratzinger „zuständige“ Regensburger Bischof Rudolf Graber war ein unumstrittener Marienverehrer (Sein Motto: „Durch Maria zu Jesus“), er bewunderte vor allem die Wunder von Fatima. Überdies war er ein Verehrer der stigmatisierten Theresa Neumann von Konnersreuth. Als „leidenschaftlicher Mahner“ vor den Übertreibungen des II. Vatikanischen Konzils gehörte er auch zu den Autoren der von Ratzinger geprägten „Communio“. Bischof Graber imponierte wohl dem Theologen Ratzinger, weil sein Bischof ein Gegner alles „Modernistischen“ war und durchaus Sympathien hatte für die neu gegründete, explizit papsttreue Zeitschrift „Der Fels“. In einem Interview mit KNA vom 28. Juli 1989 legte Ratzinger noch einmal dar, „dass es auch viel Treue und Liebe zu Rom in der Katholischen Kirche in Deutschland gibt“. Treue und Liebe zu Rom: Das heißt Liebe zum Papst, zum Vatikan, zum „Römischen“, das wurde in Regensburg schon gepflegt! Unter einem Bischof wie Rudolf Graber muss sich Professor Ratzinger recht behütet gefühlt haben. Weitere Autoren von „Communio,“ die ein internationales Netz konservativer Denker knüpfte, waren die späteren Opus Dei Freunde Prof. Nikolaus Lobkowicz und der Philosoph Robert Spaemann.
In Regensburg trat eine andere Gestalt in Ratzingers Freundeskreis: 1975 wurde Kurt Krenn, ein bislang völlig unbekannter Theologe mit extrem wenigen Publikationen, in Regensburg Ratzingers Kollege im Fach Systematische Theologie. Diese verstand Krenn vor allem als scholastische neothomistische Doktrin. Ratzinger hat mit Krenn, wie er als Papst jetzt sagt, eine „alte Verbundenheit“. Auf die Liaison Krenn – Ratzinger wird später noch hingewiesen.

2. München

Als Professor Ratzinger am 28. Mai 1977 zum Erzbischof von München und Freising geweiht wurde, setzte sich die Regensburg – Connection fort: Zu den Bischöfen, die Ratzinger „weihten“, gehörte der bereits erwähnte Bischof Graber aus Regensburg und auch Bischof Stangl aus Würzburg. Dass Bischof Stangl von Ratzinger zur Weihe in den Liebfrauendom in München eingeladen wurde, verwundert insofern nicht, als auch Stangl und Ratzinger befreundet waren. Und daran ist erstaunlich: In Stangls Diözese Würzburg war ein Jahr zuvor, am 1. 7. 1976 in Klingenberg am Main, die Studentin Anneliese Michel infolge zahlreicher Exorzismus Sitzungen an Entkräftung gestorben. Die beiden Exorzisten, die Priester Arnold Renz und Ernst Alt, wurden wegen fahrlässiger Tötung zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Bischof Stangl als der verantwortliche Oberhirte muss ja von Amts wegen jeden Exorzismus genehmigen, er aber betonte, von „allem nichts gewusst zu haben“. „Die beiden Exorzisten deckten letztendlich Joseph Stangl und seine Berater, zu denen auch der damalige Theologie-Professor Joseph Ratzinger gehört haben könnte. Denn Stangl und Ratzinger hatten eine „tiefe Beziehung“ (Main-Post, 6.9.2006) zueinander. Und es wäre unwahrscheinlich, wenn der heutige Papst von dem Exorzismus ebenfalls nichts gewusst hätte“. (8). Es ist bekannt, dass Benedikt XVI. bis heute den Exorzismus ausdrücklich verteidigt. Bei seiner ersten Generalaudienz 2005 ermunterte er die versammelten Exorzisten „weiterzumachen“…
Als Erzbischof von München hatte sich Ratzinger das für ihn so typische Motto „Cooperatores Veritatis“ gewählt. Als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ fühlte er sich seitdem nun auch von seinem bischöflichen Amt her. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als die schon damals weltweit umstrittene missionarisch offensiv werbende, theologisch äußerst konservative und Papst – ergebene Gemeinschaft der „Neokatechumenalen“ in seinem Erzbistum zu etablieren. Das berichtet der Neokatechumenale Führer Giuseppe Gennarini aus den USA und er fährt fort: “Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hat er uns später stets geholfen und in mehreren seiner Bücher den Neokatechumenalen Weg wirklich positiv bewertet“ (9)

Als „Mitarbeiter der Wahrheit“ betonte er schon in seiner Münchner Sylvesterpredigt, dass Gehorsam die Antwort auf die Wahrheit sei, weil der christliche Glaube eindeutig sei. Das sagte er in einer allgemein erregten Situation, weil sein Tübinger Kollege Hans Küng wenige Tage zuvor durch Maßnahmen der römischen Glaubensbehörde seine Lehrbefugnis als katholischer Theologe verloren hatte. Ratzinger sagte in München: „Im hochmütigem Verzicht auf die verbindliche Wahrheit stellt sich der Mensch Christus entgegen“ ( 10) Schon damals zeigte sich der „so bedeutende Intellektuelle“ als ein heftiger Kritiker der kritischen Vernunft: “Dem kirchlichen Lehramt ist es aufgetragen, den Glauben der Einfachen gegen die Macht der Intellektuellen zu verteidigen“(11). Hier klingen spätere Vorlieben Benedikt XVI. für populäre Volksheilige an, etwa für den angeblich stigmatisierten, von vielen Beobachtern aber als Scharlatan bezeichneten Kapuziner Pater Pio in Süditalien an, und auch an den völlig anti – intellektuellen Heiligen Pfarrer von Ars in Frankreich; dieser Johannes Vianney, der sich selbst „schlicht im Denken“ nannte, wird nun im Jahre2009 von Benedikt XVI. offiziell als Vorbild aller Priester gepriesen.
Als Mitarbeiter „der“ rechten Wahrheit zeigte sich Ratzinger beim Durchgreifen gegen aufmüpfige Pfarrer: Ungehorsam und eignes Denken haben in einem autoritären Denken keinen Platz. Deswegen wollte er im Sommer 1980 den Pfarrvikar Willibald Glas aus Arget aus seinem Amt entfernen: Dieser hatte dem Aufruf des Erzbischofs widersprochen, die Gemeinden sollten großzügig für den Peterspfennig spenden: Dadurch sollten die vatikanischen Finanzen saniert werden. Pfarrer Glas widersprach: Johannes Paul II, der so unmenschlich mit den Wiederverheiratet Geschiedenen umgeht, verdiene keine Geldspende. Der Kardinal war empört. Wegen deutlicher Solidarisierung der Laien mit ihrem Pfarrer durfte dann Glas im Amt bleiben. (12)
Auch seine theologischen Abneigungen gegen progressive, angeblich linke Theologen setzte Ratzinger in München durch. Als Nachfolger des Theologieprofessors Heinrich Fries wurde von der Münchner Theologischen Fakultät der kritische und „politische Theologe“ Johann Baptist Metz aus Münster, ein Freund des Konzilstheologen Karl Rahners, vorgeschlagen. „Der Kardinal Ratzinger hat in Zusammenarbeit mit dem Kulturminister (und Communio Mitarbeiter) Hans Maier, der Metz auch nicht mochte, bewirkt, dass 1979 das Ministerium Metz bei der Berufung überging“ (13), schreibt Karl Rahner. Metz hatte schon damals seine Sympathien für die Befreiungstheologie bekundet. Hans Maier hat als Präsident der Zentralkomitees der Deutschen Katholiken lange Jahre die Entwicklung der katholischen Kirche in seinem konservativen Sinne (im Einverständnis mit Kardinal Ratzinger) geprägt. Nur 4 Jahre konnte Joseph Ratzinger als Erzbischof gewisse Erfahrungen an der kirchlichen Basis machen.

3. Rom

Als Leiter der obersten Glaubensbehörde im Vatikan seit November 1981 hat er linke, kritische Theologen und Bewegungen bekämpft und ausgegrenzt, das ist bekannt. Weniger bekannt sind seine gleichzeitigen expliziten Vorlieben für eher rechtslastige Strömungen und Theologen in Kirche und Gesellschaft. Diese „rechte Vorliebe“ kann hier nur an exemplarischen Beispielen verdeutlicht werden. Sie zeigen aber einmal mehr, wo die Interessen des Kardinal Ratzinger bzw. Papstes liegen. Wer von der „rechten Seite“ her die Kirche schützen will, kann der Moderne angemessene demokratische Formen der Mitentscheidung von Laien in der Kirche, etwa im Rahmen von Nationalsynoden, nur als „Hirngespinst“ bezeichnen, wie der kanadische Jesuit Michael Fahey (im Januar Heft von Concilium 1989, S. 84) schreibt: „Für Ratzinger ist diese Idee einer gemischten Synode als einer permanenten Form höherer Autorität in der Kirche ein ausgewachsenes Hirngespinst. Auch kann er es sich nicht denken, dass je ein Laie Autorität über eine Diözese ausüben könnte“. Aufgrund dieser tiefen Abneigung gegen das Demokratische in der Kirche kann Ratzinger nur Gruppen anerkennen, die „Rom nicht nur lieben“, wie er gern sagt, sondern die auch die klerikale Macht- Struktur und den Vatikan als ein absolutistisches System ohne jegliche Kontrolle durch das viel beschworene „Kirchenvolk“ prinzipiell unterstützen und verteidigen. Die Psyche solcher Menschen, die sich für solche Verteidigung hergeben, ist ein eigenes, viel zu wenig bearbeitetes Thema…
Als Chef der obersten Glaubensbehörde ging es ihm darum, sein eigenes Verständnis von Glauben und Theologie, von Freiheit und Autorität, in der ganzen Kirche, ja möglicherweise in der westlichen Gesellschaft durchzusetzen. Karl Rahner hat diese Haltung von Anfang kritisiert. Er schreibt im Jahr 1984: „Wichtig wäre für Ratzinger, eindeutig und klar zu unterscheiden zwischen Ratzinger als Theologen mit seinen berechtigten, vielleicht auch problematischen Eigenmeinungen, und Ratzinger als Chef der Römischen Glaubenskongregation. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Es ist selbstverständlich, dass ein römischer Prälat eine bestimmte theologische Meinung hat. Trotzdem darf er sie anderen nicht amtlich aufzwingen“. (14). Tatsächlich aber hat Ratzinger gemäß seinem bischöflichen Wahlspruch als „Mitarbeiter der Wahrheit“ seine Interpretation der Wahrheit, die er als ein ewiges und festes depositum fidei (“fix und fertiges Glaubensgut“) versteht, auch mit Zwangsmaßnahmen und unter Druck durchgesetzt. Die Liste der von Ratzinger z.B. ausgestoßenen, international hochgeschätzten Theologen ist sehr lang. Noch länger ist die Liste derer, die aufgrund dieses rigiden Systems sich von der römischen Kirche befreit haben. Ratzinger hat insofern als „Befreiungstheologe“ ganz besonderer Art gewirkt.
Wie stark die Verbundenheit Ratzingers mit rechten Gruppen ist, zeigt auch die Auswahl seiner Haushälterinnen: Als Kardinal in Rom versorgten ihn Frauen der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“, eine Gründung von „Mutter Julia Verhaghe“ aus Flandern, 1996 beschuldigten 2 Priester aus Limburg/Niederlande diese inzwischen internationale, auch in Deutschland arbeitende Bewegung würde sich sektiererisch benehmen und ihre Mitglieder unter schweren moralischen Druck setzen bei einer mittelalterlichen Spiritualität. Der zuständige holländische Bischof Wiertz durfte die Vorwürfe nicht untersuchen, weil „Das Werk“ direkt dem Papst unterstellt ist…(siehe Volkskrant, Amsterdam, 28.8.1996).
Im päpstlichen Palast kümmern sich jetzt Frauen der ebenfalls konservativen Bewegung „Comunione e Liberazione“ ums leibliche Wohl des Papstes. Diese internationale Bewegung war früher der Motor der italienischen Christdemokraten, heute steht sie Berlusconi sehr nahe.
Im Haushalt des Papstes geht ihm sein Privatsekretär zur Hand: Prälat Georg Gänswein hat Beziehungen zum Opus Dei: Er war als Kirchenjurist einige Jahre Dozent an der römischen Opus Dei Universität. Selbst wenn er nicht zum Opus gehören sollte: Diese Universität beschäftigt zweifelsfrei nur Leute, die der Opus Dei Richtung zumindest nicht kritisch gegenüber stehen!

Was Ratzingers theologischen Vorlieben für Deutschland betrifft, so ist seine Unterstützung für das im sehr konservativen Bereich angesiedelte „Forum deutscher Katholiken“ bemerkenswert. Das „Forum“ versteht sich als Alternative zu den immerhin ökumenisch interessierten Deutschen Katholikentagen. Das Forum deutscher Katholiken organisiert seit 2001 Jahrestreffen, bei dem sich das ganze einschlägige Spektrum eines explizit römischen Katholizismus versammelt. Mit dabei sind die Legionäre Christi, die Gemeinschaft der Seligpreisungen, das Opus Dei, die Totus Tuus Bewegung, die sich der so von Rom propagierten „Gesamthingabe“ befleißigen sowie Vertreter des deutschen Hochadels, die im Regnum Christi mittun, der Laienorganisation der Legionäre Christi usw. usw. „Kardinal Ratzinger war bei unserem ersten Treffen natürlich dabei und 2005 sollte er bei uns den Schlussgottesdienst halten, aber da war er schon Papst“, berichtet der Organisator Hubert Gindert. Er ist auch Chefredakteur der dem Papst noch aus Regensburger Zeiten bekannten Monatszeitschrift „Der Fels“. Gindert fährt fort: „Ich habe natürlich Kardinal Ratzinger damals auch aufgesucht in seiner Wohnung in Pentling bei Regensburg, dort hat er mir gesagt: Mir kommt es nicht auf die große Zahl an. Mit kommt es darauf an, ob es in der Kirche missionarische Zellen gibt“. (15)
Es ist kein Wunder, dass Kardinal Ratzinger von Anfang auch die „missionarischen Zellen“ der traditionalistischen Petrus Brüder unterstützte, jene Priester, die sich 1988 von Erzbischof Lefèbvres Gruppen losgesagt haben, aber treu die alte lateinische Messe weiter feiern dürfen. In deren Priesterseminar Wigratzbad in Bayern war Kardinal Ratzinger neben den ebenfalls ultrakonservativen Kardinälen aus Österreich Groer, Stickler und Mayer gern gesehener Gast! (16)
Die tiefe Verbundenheit mit diesen Kreisen ist bei Ratzinger sicher auch in der Sehnsucht nach der gehorsamen und uniformen, in sich geschlossenen, „schönen“ Kirche der Kindheit und Jugend begründet. Aber auch harte Berechnung ist dabei: Denn die ultrakonservativen Priestergemeinschaften, wie die Petrus Brüder oder die Legionäre Christi, haben viele Priesteramtskandidaten, die mit Begeisterung ihre klerikale Identität im schwarzen Priestergewand bekennen und Gehorsam als oberste Tugend praktizieren. Diese Kreise sollen in der Sicht Ratzingers die Macht der alten klerikalen Kirche retten!

Auch in Österreich hat Kardinal Ratzinger stets auf die kleinen, absolut kirchentreuen und rechtslastigen Kreise gesetzt, etwa auf den „Linzer Priesterkreis“. Ende der 1980Jahre war Ratzinger Referent bei den jährlichen Sommerakademien in Aigen, wo er schon damals ausdrücklich die lateinische Messe verteidigte. Ständige Referenten waren die Kardinäle Scheffczyk vom Opus Dei oder der konservative Dogmatiker Prof. Anton Ziegenaus.
Schon früh ist also Ratzinger bestens mit Oberösterreich vertraut. Auch der nach heftigen Protesten zurückgetretene Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner gehört diesem Priesterkreis an (17). Der Linzer Priesterkreis wurde entscheidend geprägt von Ratzingers Freund und ehemaligen Regensburger Kollegen Kurt Krenn. 1987 wurde er zur Überraschung aller Insider zum Weihbischof in Wien ernannt, offenbar hatte sein Freund Ratzinger daran mitgewirkt: „Die Wiener wunderten sich noch mehr darüber, dass dem neu ernannten Weihbischof Krenn besondere Verantwortung für die Welt der Kunst, Literatur und Wissenschaft übertragen wurde. In einem Fernsehinterview konnte er keinen einzigen zeitgenössischen österreichischen Künstler, Maler, Dichter, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker oder Wissenschaftler nennen. Das war beunruhigend. Der wahre Grund, warum Krenn ernannt wurde, war der, ein Wachhund über die österreichische Bischofskonferenz zu sein, wo er, trotz seines Status als dienstjüngster, dadurch Gewicht bekam, dass er als einer galt, der „das Ohr des Heiligen Vaters hatte“. (18) 1991 wurde Krenn zum Bischof von Sankt Pölten ernannt: Dort konnten sich ohne römischen Widerspruch etliche spirituell extrem konservative Gruppen etablieren, die selbst aus bayerischen Diözesen wegen ihrer reaktionären Haltung vertrieben wurden, wie der Orden „Servi Jesu et Mariae“, wörtlich übersetzt „Sklaven Jesu und Mariens“. Im Ort Blindenmarkt hat dieser Orden seine Zentrale. Gründer ist der als Initiator der konservativen „Pfadfinder Europas“ bekannte ehemalige Jesuit Pater Andreas Hönisch. Über Krenns autoritäres und für die meisten Laien und Priester unerträgliches Regieren wurde vielfach berichtet, so z.B. von dem früheren Abt von Geras, Joachim Angerer (19) Nach einer Pornografie – Affäre und offensichtlicher homosexueller Kontakte zwischen Seminarleitung und Studenten in seinem Priesterseminar gab Krenn 2004 sein Bischofsamt auf. Seit der Zeit ging es ihm gesundheitlich nicht gut. Am 18.6. 2005, wenige Wochen nach seiner Papstwahl, hatte sein alter Freund und Gönner, Joseph Ratzinger, nichts Eiligeres zu tun, als ihm einen salbungsvollen Brief zu schreiben. Dieses Dokument muss allen, die unter dem Regime von Bischof Kurt Krenn gelitten haben, wie eine Ohrfeige erscheinen. Der Brief offenbart auch die (wahre?) spirituelle Dimension des gegenwärtigen Papstes: Hier nur einige Zitate aus dem handschriftlich unterzeichneten Brief: „Lieber Mitbruder! Wie ich höre, leidest du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen. Seit langem bete ich jeden Tag für dich! …. Unser Herr hat uns letztlich nicht durch seine Worte und Taten, sondern durch seine Leiden erlöst. Wenn der Herr dich nun gleichsam mit auf den Ölberg nimmt, dann sollst du wissen, dass du gerade so ganz tief von seiner Liebe umfangen bist und im Annehmen deiner Leiden ergänzen helfen darfst, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1, 24) Ich bete sehr darum, dass dir in allen Mühsalen diese wunderbare Gewißheit aufgeht……. Von Herzen sende ich dir meinen apostolischen Segen. In alter Verbundenheit! Dein Papst Benedikt XVI. (20).
Die Formulierungen dieses Briefes sind von einer traditionalistisch anmutenden Frömmigkeit geprägt, die ein Lefèbvre treuer Piusbruder wohl nicht anders formulieren könnte, einmal abgesehen davon, dass jeglicher kritische Hinweis auf Krenns unsägliches Verhalten fehlt, etwa seine viel besprochene Nähe zu dem rechtskonservativen Populisten Jörg Haider FPÖ. Kurt Krenn zierte sich auch nicht, ins offizielle Kondolenzbuch für diesen tödlich verunglückten Politiker zu schreiben: „Hochgeschätzte Trauerfamilie,
darf ich Ihnen mein tiefstes Mitgefühl zum so plötzlichen und unerwarteten Tod des Herrn Landeshauptmannes Dr. Jörg Haider aussprechen. Ich durfte mit ihm einige Male zusammentreffen und lernte ihn als integren Menschen und interessanten Gesprächspartner kennen… Im Gebet Ihrer gedenkend, Ihr + Kurt Krenn“ (21). Diese Worte des Ratzinger Freundes sind eine Schande, wenn man bedenkt, welche Hetzreden Haider gegen Ausländer zum Beispiel führte…
Bei seinem Besuch in Österreich ließ es sich Benedikt XVI. nicht nehmen, die ebenfalls als Hort der Tradition bekannte Klosterhochschule Heiligenkreuz bei Wien zu besuchen, die er kurz vor seinem Besuch im September 2007 noch im Januar desselben Jahres zur „Päpstlichen Hochschule“ erhoben hatte. Weihbischof Andreas Laun, extrem konservativer Theologe aus Salzburg, gehört dort zum Lehrkörper… Die Liebe Benedikts XVI. zu Heiligenkreuz hat zwei Gründe: Viel „klassischer Priesternachwuchs“ und die „ewige“, die klassische Theologie!
Manche theologischen Vorschläge Ratzingers finden dann auch Interesse im politisch explizit rechtsextremen Milieu. Das “Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW)“ hat den AULA Verlag in Graz als rechtsextrem eingestuft. Dort wurde 1998 in der von Otto Scrinzi herausgegebenen Festschrift „1848 . Erbe und Auftrag“ Ratzingers COMMUNIO Beitrag von 1995 mit dem Titel: „Freiheit und Wahrheit“ nachgedruckt. Auch wenn dieser Beitrag nicht explizit rechtsextrem ist: Erstaunlich ist es schon, wenn Herausgeber überhaupt auf den Gedanken kommen, Ratzinger in ihrem eigenen Umfeld zu präsentieren. Dem „Spiegel“ liegt der Schriftverkehr des Vatikans mit dem Aula Verlag vor, aus dem hervorgeht, dass der damalige Sekretär des Kardinals, Josef Clemens, der Publikation des Aufsatzes ausdrücklich zustimmte. Der Aula Verlag hatte Arbeiten des Holocaust Leugners Walter Lüftl gelobt, woraufhin sich sogar die FPÖ vom Verlag distanzierte(22). Der Aula Verlag wirbt in seinem Internetauftritt für das umstrittene Buch über 1848 bis heute (21. 3. 2009) mit dem ausdrücklichen Hinweis „Mit einem Beitrag von Kardinal Ratzinger“. Dem Papst scheint dieser Hinweis nicht unangenehm zu sein, oder er liest nicht die internationale Presse, die seit dem 14..3. 2009 über diese Zusammenhänge berichtet.

Auch in Frankreich hat Joseph Ratzinger immer wieder bewiesen, dass er zu rechtslastigen und ultrakonservativen Gruppierungen eine besondere Nähe, wenn nicht Fürsorglichkeit hat. Typisch ist sein Bemühen um Versöhnung mit dem ursprünglich schismatischen, Lefebvre hörigen Kloster Sainte Madelaine in Le Barroux bei Avignon. 1989 kehrte das Kloster mit Abt Calvet wieder in den „römischen Mutterschoß“ zurück, weil die Mönche den Papst formal anerkannten; die alte neu-thomistische Theologie des 19. Jahrhundert wird dort weiter verbreitet und die Messe natürlich im Ritus des 16. Jahrhundert nach den Weisungen Pius V. weiterhin zelebriert. Zahlreiche Zeitungen hatten seit den 1980Jahren die engen Verbindungen von Abt Calvet mit rechtsextremen Politikern aus der Partei Front National (FN, Führer: Jean Marie le Pen) nachgewiesen. Bernard Antony, der „national- katholische“ Europa Abgeordnete dieser Partei, ist genauso eng mit dem Kloster verbunden wie der ebenfalls dem FN nahe stehende Publizist Jean Madiran. Er hat mit Abt Calvet Interviews in dem mit dem FN sympathisierenden „Radiosender Courtoisie“ geführt. Der nationale Katholik Jean Madiran hatte 1995 eine Gedenkfeier für den bekannten französischen Nazi Propagandisten Robert Brasillach (hingerichtet 1945) gehalten…
Diese Zusammenhänge waren dem „Mitarbeiter“ der offenbar nur göttlichen, nicht aber politischen „Wahrheit“ Joseph Ratzinger egal! Als diese Mönche dort ihr Messbuch nach den Weisungen des 16. Jahrhunderts herausgaben mit den entsprechenden Weisungen, am Karfreitag für die abtrünnigen Juden zu beten, schrieb Kardinal Ratzinger 1990 das Vorwort. (23) Das Messbuch ist noch heute in Klosterladen dort zu haben. Im September 1995 besucht Ratzinger als der oberste Glaubenchef das Kloster und feierte dort die Messe. Offenbar ist er dort sehr angetan, weil die vielen jungen Mönche noch die radikale Tonsur tragen und die alten Mönchsgewänder lieben. (24)
Benedikt XVI. hat am 6. September 2006 das ebenfalls im rechts außen angesiedelte „Institut du Bon Pasteur“ (Institut vom Guten Hirten) in Bordeaux zugelassen. Ein eigenes Priesterseminar „Sankt Vinzens von Paul“ wurde auf dem Besitz des Marquis de Gontaud-Biron in der Diözese Chartres erricht. Der oberste „gute Hirte“ ist der ehemalige Lefèbvre Priester Philippe Laguérie. Er hatte 1987 den rechtsextremen Politiker Le Pen offen verteidigt, als dieser behauptete es gäbe keine Gaskammern. „Die Thesen der negationistischen Professoren Roques und Faurisson, auf die sich Le Pen bezieht, sind perfekt wissenschaftlich“, meinte er damals. Pater Laguérie war Pfarrer von Saint Nicolas du Chardonnet in Paris, die seit 1977 von Traditionalisten besetzt wird, 1994 wollte Laguérie in Paris erneut eine Kirche dem Bistum Paris durch Besetzung entwenden, aber die Polizei griff diesmal ein. Er hat ein Requiem gehalten für Paul Touvier, den antisemitischen Chef der Miliz aus der Pétain Zeit. (25) Sein Mitbruder in Bordeaux ist Père de Tanoüarn, er war Mitarbeiter der rechtsextremen Zeitung „Choc du mois“ und des Le Pen Senders „Radio Courtoisie“. Jetzt sind diese Priester mit Zustimmung Benedikt XVI. wieder mit Rom vereint. Sie können nun offiziell katholisch inmitten der Kirche ihre rechtsextremen Gedanken verbreiten.
Internationale Verbindungen gibt es längst. Nur ein Beispiel: Probst Gerald Gösche von der ebenfalls mit Rom versöhnten Traditionalisten Gemeinschaft des Oratoriums Philipp Neri in Berlin (von Berlins Kardinal Sterzinsky wurde die Gründung genehmigt) gratulierte Pater Laguérie zu seiner neuen Rolle als guter Hirte in Bordeaux, Gösche hatte übrigens auch gute Beziehungen zum Kloster La Madelaine mit Abt Calvet. (26)
Auch an der Absetzung des linken, progressiven und von vielen Menschen außerhalb der Kirche hoch geschätzten Bischofs von Evreux, Jacques Gaillot im Jahr 1995, war das mit Rom versöhnte und von Ratzinger geschätzte Kloster in Le Barroux beteiligt: „Gruppen wie das Opus Dei und der Abt des Klosters in Le Barroux wurden in Rom zu meiner Sache gehört. Sie hatten sich geschworen, meine Haut zu bekommen. Jetzt haben sie sie, diese Leute haben gewonnen“ (27). Seit der Zeit seiner Degradierung und Bestrafung lebt der so beliebte Bischof Gaillot als Oberhirte des virtuellen Wüstenbistums Partenia in einem Zimmerchen im Kloster der „Väter vom Heiligen Geist“ in Paris. Und als der in die Wüste geschickte Bischof Gaillot im Oktober 2004 einen Vortrag in Bonn halten wollte, wurde ihm von Kardinal Meisner (Köln) ein Redeverbot erteilt. Vom „Kölner Stadt Anzeiger“ wurde Gaillot aus diesem Anlass die Frage gestellt: „Haben sie den Eindruck, dass Meisner versucht, Kardinal Ratzinger und vielleicht auch den Papst persönlich gegen sie zu mobilisieren?“ Da antwortete Bischof Gaillot: „Ja, das befürchte ich. Ich gehe davon aus, dass es da enge Kontakte gibt, die meine Person betreffen… meine Liberalität macht Angst“
(28)

4.
Die Beispiele für die konservativen Vorlieben Joseph Ratzingers und für seinen entschiedenen Kampf gegen alle Liberalen, Linken, freiheitlich gesinnten Katholiken könnte für viele Länder fortgesetzt werden. Interessant ist, dass er in Deutschland bislang völlig unbekannte, aber bereits machtvolle rechtslastige Orden fördert. Dazu gehört das „Instituto del Verbo Incarnato“ aus Argentinien, das inzwischen über 500 vor allem junge Mitglieder zählt. Dieser offizielle, römisch – katholische Orden ist ausdrücklich dem argentinischen Nationalismus eng verbunden. Er will „die reinen und natürlichen Werte Argentiniens“ gegen die Atheisten verteidigen. „Dieser Orden will die Gesellschaft bestimmen in Fragen der Politik, der Moral, der Erziehung“, berichtet die argentinische Soziologin Prof. Veronica Gimenez Beliveau in einem Artikel für „Courrier International“. Zahlreiche Bischöfe Argentiniens haben diesem Institut verboten, ein Priesterseminar zu eröffnen. Im Jahr 2001 fand sich Kardinal Ratzinger bereit, diesen bischöflich umstrittenen Orden in seinem eigenen Bistum Velletri-Segni in Italien anzusiedeln. Dazu muss man wissen. Kurienkardinäle sind immer auch dem Titel nach Bischöfe“ eines bestimmten Ortsbistums, so ist eben Kardinal Ratzinger Bischof von Velletri-Segni, Italien. Das „Institut vom Inkarnierten Wort“ hat darum gejubelt und so wörtlich der „Vorsehung gedankt“, als „Ihr Titularbischof“ auch noch Papst wurde (29). Die internationale Kulturzeitschrift „Courrier International“ gab ihrem Beitrag über den Orden den Titel: „Die Soldaten des Inkarnierten Wortes : wie im Mittelalter“. Inzwischen arbeiten diese jungen „dynamischen Missionare“ in vielen Ländern der Erde, darunter in Holland, Island und Grönland.

Zum Schluss muss noch auf Spanien hingewiesen werden, weil der Kampf zwischen fundamentalistischen Papst Fans und einer modernen Demokratie am heftigsten tobt. Am 28. Oktober 2007 hatte Benedikt XVI. fast 500 Opfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg selig gesprochen, sie alle kämpften auf der „rechten Seite“, also auf Seiten des „Erzkatholiken“ und Dikators Franco. Dass es auch Priester und katholischen Laien gab, die ihr Leben im Rahmen der Volksfront gegen den Faschismus einsetzten, wurde vom Papst gen übersehen. So wurde die Seligsprechung zur späten Verklärung des Kreuzritters Franco und zur deutlichen politischen Kritik am sozialistischen Spanien von heute, wo so „gottwidrige Dinge“ passieren, wie die völlige Gleichberechtigung homosexueller Paare. Die oppositionelle „Volkspartei PP“ jubelte natürlich über diese politische Massenseligsprechung. Zwar hat Benedikt XVI. diese Zeremonie nicht selbst vorgenommen, aber sie geschah in bestem Einvernehmen mit ihm als dem Verantwortlichen für alle Selig – und Heiligsprechungen. Benedikt XVI. hat jetzt einen der heftigsten PP Anhänger und Verteidiger der „alten spanischen Ordnung“, Kardinal Canizares von Toledo, nach Rom berufen, er soll sich als oberster Chef um die „rechte Gestalt der Gottesdienste“ kümmern…Die vatikanische Bürokratie wird immer mehr zur Ansammlung sehr konservativer Kirchenfürsten und untergeordneter Prälaten, diese Entwicklung hatte unter Papst Johannes Paul II. bereits begonnen.
So schließt sich der Zirkel einer in sich abgeschotteten, antimodernen Kirche, die wesentlich von Joseph Ratzinger bestimmt wird. „Können sogenannte Sekten auch viele Millionen Mitglieder zählen“ ?, fragen sich kritische Intellektuelle im Blick auf den Zustand der römischen Kirche heute. Sie wissen natürlich, das allein schon die Frage vom „Hof“, also vom Vatikan, bestraft werden könnte…

Diese kurzen Beobachtungen zeigen: Die Liebe Joseph Ratzingers zu allem Rechtslastigen zieht sich wie ein „roter (?) Faden durch sein Leben „seit Regensburg“. Darum ist die Aufhebung der Exkommunikation der 4 traditionalistischen Bischöfe der Pius – Bruderschaft keine „Ausnahme“ und kein „Versehen“. Joseph Ratzinger wähnt sich als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ wohl als die „rechte Hand Gottes“.

PS:
Wenn in dieser kleinen und unvollständigen Übersicht häufig das etwas plakative Wort „konservativ“ verwendet wird, so steht es in diesem Zusammenhang als Symbol für anti – feministisch, anti-emanzipatorisch, für schwulenfeindlich und eher anti-ökumenisch, und „mit Vorbehalt demokratisch usw., um dem Leser diese Aufzählungen dieser Prädikate ständig zu ersparen, verwende ich das zusammenfassende und keineswegs, wie man sah, „abgegriffene“ Symbol „konservativ“.

Quellenangaben

1) Karl Rahner, Bekenntnisse, Wien – München 1984, S. 40

2) berichtet Prof. Hermann Häring, 1968 Theologiestudent in Tübingen, in einem Interview mit dem Autor im Jahr 2007.

3) Karl Rahner, ebd.. Die gleiche Meinung hat der Theologe Wolfgang Beinert, in: „Der Theologe Joseph Ratzinger“, 1977, Kösel Verlag, S. 4.

4) Zitiert die internetzeitung tagespunkt vom 1. 9. 2006, http://www.tagespunkt.de/

5) Hans Küng, Theologie im Aufbruch 1987.

6) Ulrich Lehner, Artikel Johann Auer, siehe http://www.bautz.de/bbkl/a/auer_j.shtml

7) Joseph Ratzinger, Symposium vom 28. Mai 1992 anläßlich des 20jährigen Bestehens von COMMUNIO an der Gregoriana, Rom, S. 3

8) siehe: www.theologe.de/bischof_josef_stangl.htm

9) Zenit, Informationsdienst der Legionäre Christi, 9.1.2006

10) Süddeutsche Zeitung vom 2. 1. 1980, ein Beitrag von Rosel Termolen.

11) ebd. Ein Argument, das immer wiederkehrt: “Die sehende Sicherheit des Glaubens ist oft weit mehr zu Hause
als da, wo Reflexion großgeschrieben wie. Umgekehrt macht der Intellekt nicht immer sehend“. Ratzinger in: „Die Situation der Kirche heute“, Köln 1977, S. 24 f.

12) Hartmut Meesmann, in „Die Zeit“ vom 23. 1. 1981

13) Karl Rahner, ebd. S 42.

14) Karl Rahner, ebd. S 40f.

15) Hubert Gindert in Kaufering in einem Interview mit dem Autor 2006.

16) siehe die Internetseite der Petrusbrüder http://fssp.eu

17) Josef Bruckmoser, Salzburger Nachrichten vom 3.Februar 2009.

18) The Tablet, Katholische Wochenzeitung in London, 21. 2. 1991

19) Joachim Angerer, als progressiver Abt eines Prämonstratenser Klosters, selbst ein Krenn-Geschädigter, schrieb u.a. das Buch „Österreich nach Krenn und Co“, Wien 2000.

20) Dieser bemerkenswerte Brief ist (noch) nachzulesen unter: http://stjosef.at/bischof .k.krenn, unter der Rubrik News.

21) siehe das Jörg Haider Kondolenz Buch unter: http://kondolenz.ktn.gv.at/default.aspx?SIid=95&page=12

22) http://aula.buchdienst.at/buecher/?id=445

23) La Vie, Paris, L Hebdomadaire Chrétien d Actualité, Num. 3309, 29. Janvier 2009, S. 28.

24) Henri Tincq, Le Monde, Paris, 14. 06. 1998.

25) siehe im Internet: http://intransigeants.wordpress.com/2008/08/10/vive-labbe-laguerie/
auch
http://fr.wikipedia.org/wiki/Philippe_Lagu%C3%A9rie

26) Probst Gösche in einem Interview mit dem Autor in der Kirche St. Afra Berlin im Jahr 2003. Auf seine „freundlichen Kontakte den reaktionären Benediktinern von „Le Barroux“ wird im Internet http://www.institut-philipp-neri.de/institut immer noch verwiesen!

27) in: Elie Maréchal, L Affaire Gaillot, Paris 1995, Seite 189, das Interview fand am 5. Februar 1995 im Ersten Französischen Fernsehen TF 1 statt.

28) Harald Biskup interviewt Jacques Gaillot, Kölner Stadtanzeiger, 26.10.2004.

29) Courrier international. Hors Serie: „Au nom de Dieu. Pourquoi les religions se font la guerre.“ Mars 2007, Seite 62.

Zur Verehrung des „Instituts des Inkarnierten Wortes“ für ihren Gönner Joseph Ratzinger: Siehe auch deren Internetseite: http://www.ive.org. Die hier genannte Information findet sich unter “Noticias“ vom 4/20/2005 mit dem Titel: „El Papa Benedicto XVI era nuesto obispo titular“.

Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren.
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm ganz zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, fast ganz ihre innere Würde – durch eigene Tat – verloren. Und diese Würde ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren. Vielleicht kann eine gewisse Fürsorge der KZ Mörder noch für die eigenen Kinder als ein kleiner Restbestand von eigener Menschenwürde deuten. Das würde meiner These entsprechen, dass kein Mensch seine Würde total verlieren kann. Dies ist auch ein Argument gegen die Todesstrafe: Man hofft immer noch auf eine gewisse Resozialisierung selbst de Mörders…

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit. Diktatoren lieben das Ostentative, die Monumentalität etwa in ihren Bauvorhaben. Dieses sollen die Ehre, das Prestige erhöhen. So nimmt etwa Erdogans Palast das Vierfache des Schlosses von Versailles ein und das Fünfzigfache des Weißen hauses in Washington. Bezogen auf Erdogan, Türkei, schreibt der Philosoph Marcel Hénaff: „In vielerlei Hinsicht konnte man diese Art Pathologie (des Monumentalen-Wahns) bereits im Monumentalismus bei den Nationalsozialisten, Faschisten und Stalinisten beobachten“ (Lettre International, Frühjahr 2018, S. 77).

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken.)

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert.
Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – „Diktator“ ist schon fast würdelos: Er will wie ein Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“, als Flut unserer Sünden ? …
Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14.
Ehre und Würde sind doch gelegentlich verbunden
Tzvetan Todorov schreibt in „L Honneur“ (Paris 1991, S. 221 ff.) über den Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Stadt Warschau 1944: Immer wieder betonen dort die Widerstandskämpfer, sie wollten in Ehre sterben. Ehre heißt: Kämpfen bis zum Ende. Sich nicht wie geduldige Schafe töten lassen“. Selbst an den Häuserwänden im Getto stand: „Sterben in Ehre, ehrenvoll sterben“. Ehre hieß: Das Aussichtslose tun.
Ehre erscheint als einziger Wert in dieser Situation:
Ehre ist hier auch bezogen auf die Wahrnehmung anderer: Sie sollten, wenigstens später, nach dem Grauen, sehen, dass Juden sich wehrten.
Aber hier ist dieser „Ehr- Begriff“ auch stark verbunden mit der Würde: Diese Widerstandskämpfer wollten in ihrem Tun ihre menschliche Würde bewahren. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Paradies Glaube“ – Zum Film von Ulrich Seidl

„Paradies Glaube“: Ein Film von Ulrich Seidl.

Einige theologische und philosophische Hinweise zu einem wichtigen Film von Ulrich Seidl
Von Christian Modehn.

Am 14. Juli 2019 wurde im Ersten um 0.30 Uhr noch einmal der Film „Paradies Glaube“ von Ulrich Seidl gesendet. Wer den Film nicht gesehen hat oder noch anderweitig sehen will: Hier ein theologischer Kommentar zu dem wichtigen Film, verfasst schon 2012, aber immer noch aktuell … und gültig.  
Mit der Verirrungen eines fundamentalistischen, d.h. unkritisch gelebten christlichen Glaubens müssen sich religionsphilosophisch Interessierte intensiv befassen, man denke -etwa 2012 – auch an die Ausstellung der Leiche des umstrittenen Paters Pio (er hatte angeblich die Wundmale Jesu an seinen Händen) im Petersdom.

Über den 2. Teil der Trilogie „Liebe – Glaube – Hoffnung“  des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl ist viel geschrieben worden. Leider hat man den Film „Paradies Glaube“ oft den schwächsten der drei Filme genannt. Das mag auf das Gesamtwerk Seidls bezogen eigens geprüft werden wie auch auf die Regieleistung in diesem Film selbst.

Der Religionsphilosophische Salon ist jedoch der Meinung, dass der Film sehr wichtig und sehr inspirierend ist, weil er keineswegs nur eine marginale oder gar nur konstruierte, sozusagen imaginäre katholische (Film) Welt zeigt. „Paradies Glaube“ ist alles andere als eine unterhaltsame Satire. Maria Hofstätter spielt als aufdringlich missionarisch werbende und total katholischer Frömmigkeit hingegebene Anna Maria keineswegs eine „religiöse Irrläuferin“ einer monströsen und unwirklichen Glaubenshaltung. Für sie ist ihre extreme Form katholischer Frömmigkeit, mit einer Art erotischen Bindung an das Kreuz und den Corpus des toten Christus,  wichtiger als die liebevolle Verbindung mit ihrem schwer kranken Ehemann. Religiöser Glaube ist wichtiger als Menschlichkeit: Man möchte sagen, das ist ein typisches Krankheitssyndrom, bis heute in unterschiedlichen fundamentalistischen Kreisen verbreitet: In den so genannten Sekten wie in evangelikalen Gruppen oder katholischen neo-katechumenalen Gemeinschaften usw.

Anna Maria ist in Wien förmlich getrieben von dem Gedanken, eine Marienstatue in die Wohnungen ihrer Meinung nach besonders ungläubiger Menschen zu bringen. Sie drängt den Menschen diese in Dutzendware produzierte Marien- Figur förmlich auf. Denn sie ist überzeugt: Mit dieser Maria kommen Rettung, Heil und Erlösung in das Leben dieser – ihrer Meinung  nach – gescheiterten Menschen, oft sind es „Ausländer“.

Das greifbare Heil, sozusagen die materielle Gestalt der Erlösung,  in die Häuser tragen: Diese Praxis ist in der katholischen Volksfrömmigkeit durchaus üblich, sie beginnt bei der jährlichen Wohnungssegnung, geht über die Pflege privater Hausaltäre bis zum Brauch der  „Herbergssuche“ von (Kitsch) Figuren Marias und Josefs in der Adventszeit. Da verweilen diese Figuren einen Tag oder eine Woche in einer Familie. Das Abirren einer Frömmigkeit, die die Ikone für die dargestellte Heilige selbst nimmt, wird in dem Film deutlich gezeigt. Man sehe sich aber auch in Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Fatima, La Salette usw) um, wie dort die Darstellungen (!) Marias selbst höchste Verehrung genießen; die Berührung heiliger Objekte (etwa der schon fast abgeküsste Zeh der Petrus – Statue im Petersdom) gehört auch dazu. Anna Maria küsst mit Vorliebe Christus Bilder oder das Kreuz, in einer deutlich erotisch anmutenden Haltung.

Es ist im Katholizismus immer noch üblich, Reliquien auf Wanderschaft zu schicken: Man denke etwa an die Weltreisen der Reliquien der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die von Lisieux aus rund um den Globus geschickt wurden in den letzten Jahren. Man denke an die Leiche Pater Pios Anfang Februar 2016 ausgestellt im Petersdom…Warum? Damit die Reliquien als solche ihre heilsame, wundertätige Wirkung „vor Ort“ ausüben können. Man denke weiter an die Flut von Pater Pio Bildern in allen Autos, Kneipen und Wohnungen Italiens: Dieser angeblich stigmatisierte, aber schon von Pius XII. unter dem Verdacht der Scharlatanerie kritisch begutachtete Kapuzinerpater ist sozusagen als Ikone das leibhaftige Heil in den Wohnungen usw.

Kurz: Anna Marias Verhalten ist zwar filmisch zugespitzt, aber durchaus verwurzelt im katholischen Milieu.  In der privaten Gebetsrunde ihrer Vereinigung zu Ehren des Herzens Jesu wird gebetet und geschworen, dass Österreich wieder katholisch werde. Was das heißen mag, wird an Anna Marias Verhalten gegenüber ihrem (schwerkranken) muslimischen Ehemann deutlich: Von den geringsten Spuren der Toleranz und des Mitgefühls ist nichts zu spüren. Von einem Respekt vor dem muslmischen Glauben ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat etwa im Wohnzimmer das Bild aus Mekka verdeckt und verhangen. Mekka passt nicht zu Christus und Maria, denkt sie.

Anna Marias Gebetsrunden werden tatsächlich in weiten offiziell – katholischen Kreisen praktiziert; es gilt doch, die „Neuevangelisierung Europas“ voranzubringen, wie es Benedikt XVI. so sehnlich wünschte. Bezeichnenderweise werden ja auch ganze Städte und Länder wieder Maria oder einem Heiligen geweiht. Was Anna Maria in ihrer Gruppe betend vollzieht, ist also üblich.

Bei den „missionarischen Hausbesuchen“ mit der Gipsmadonna im Köfferchen fällt auf, wie ausschließlich Anna auf die helfende Wirkung des Gebetes allein setzt. Da spielt der Wunderglaube an die Allmacht des Gebets eine entscheidende Rolle; aber das hat Anna Maria in der Kirche so gelernt, so wird sie in der offiziellen Lehre vertreten! Angesichts menschlicher Probleme vermag Anna Maria allein mit frommen Sprüchen und Floskeln zu reagieren, auch das ist ja nicht nur ein Hinweis, wie stark die religiöse Indoktrination alle menschliche Reflexion, von kritischer Reflexion ganz zu schweigen, töten kann.

Im Umgang mit ihrem schwerkranken muslimischen Mann (auch er ist sicher nicht Inbegriff der Liberalität) sieht man zudem, wie sogar die Gefühle der Menschlichkeit ignoriert werden aufgrund katholischer Indoktrination. Als ihr muslimischer Mann fragend und protestierend in die Gebetsrunde seiner Frau hineingerät, spricht man nicht etwa mit ihm. Sondern man betet gemeinsam, sozusagen um den Teufel fernzuhalten, das apostolische Glaubensbekenntnis.

Anna Maria ist eine Frau, die einzig nur aus der katholischen Religion lebt; schon zum Frühstück hört sie das durchaus in Wien real existierende katholische Radio Maria, entsprechende Werbung schmückt auch ihr Auto. Und die Sprüche, wie „Kein Tag ohne Gebet“, mit denen Anna Maria eines ihrer Zimmer tapeziert hat, gibt es in dieser Form und in diesem Format tatsächlich. Sie sind in vielen österreichischen oder bayerischen Kirchen etwa am Eingang oder Ausgang oder auf Infotafeln zu finden. (Radio Maria Österreich: http://www.radiomaria.at/index.php?nID=254)

Es muss also nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Frömmigkeit Anna Marias durchaus eine gewisse Breitenwirkung hat und in Österreich, Süddeutschland oder in den romanischen Ländern zum Alltag an der Basis etlicher Pfarreien gehört. Dort gibt es die zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Verlagen, die derartige Frömmigkeit praktizieren und empfehlen, ohne dass ein Bischof einschreitet. Das ultra konservative „Radio Maryja“ in Polen, mit ihrem Leiter, dem Redemptoristen Pater Rydzik, ist selbst den ohnehin konservativen polnischen Bischöfen zu extrem. Aber sie schaffen es nicht, und auch die Päpste schaffen es auch nicht, dieses aufhetzende antisemitische katholische Programm zu verbieten. Daran sieht man, die Hierarchie will das „tief fromme“ Volk nicht verprellen. Viele Wähler der jetzt herrschenden, autoritären PIS-Partei sind Freunde von Radio Maryja.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt sehr früh schon, wie Anna Maria sich vor dem Kruzifix -sündenbewusst – auspeitscht und später auch mit einer Art „Geißel – Gürtel“ ausstattet. Dieses „fromme Sichauspeitschen“ hat bekanntlich Tradition in einer der mächtigsten katholischen Organisationen mit ca.80.000 Mitgliedern, dem Opus Dei; Anna Maria befindet sich in solcher Sühne  – Aktion sozusagen in offizieller, in „bester Gesellschaft“.

Überhaupt der Sühnegedanke: Anna Maria ist besessen davon, für die Sünder anderer (und auch die eigenen Versagen) Sühne zu leisten, also durch eigene religiös anstrengende Praxis Gott zu versöhnen und zu beschwichtigen. Über das naive Gottesbild eines solchen Verhaltens wäre eigens zu sprechen. Bei Anna Maria heißt Sühneleisten auch das schmerzhafte Herumrutschen auf den Knien in der eigenen Wohnung, um den ganzen Rosenkranz zu beten, immerhin sind das 50 laut gesprochene Ave Maria. Im Katechismus wird ausdrücklich das Sühnegebet empfohlen. In Kirchen vieler deutscher Großstädte finden immer noch Sühne – Gebetsnächte statt, oft veranstaltet von der Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ (Informationen über diese überaus einflussreiche, weltweit agierende, offiziell anerkannte Bewegung: http://www.relinfo.ch/nk/info.html#suende ). Es sind viele dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die extreme Formen der Frömmigkeit praktizieren…

Die Reinheit ist oberstes Gebot für Anna Maria: Nicht nur das über – korrekte Putzen des Hauses wird gezeigt, auch ihre Abscheu vor „schmutziger“, praktizierter Sexualität wird deutlich: Nachdem sie überraschenderweise nachts Sex im Park beobachtet (!) hat, fühlt sie sich sofort gedrängt, sich gründlich in der Badewanne zu säubern. Sexuelle Lust ist für sie apriori  schmutzig, das hat man sie ja auch so gelehrt. Aber selbst mit ihrem Mann lehnt sie Sex ab, hingegen holt sie sich nachts ihr allzu geliebtes Kruzifix ins Bett… Diese künstlerisch sehr konsequente und deswegen wichtge Szene wurde übrigens von der katholischen, ultrakonservativen italienischen Bewegung NO 194 (siehe: http://no194.org/) zum Anlass genommen, den Regisseur wegen Blasphemie anzuklagen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt nicht, wie SPIEGEL – Online  meinte,  „religiöses Hinterwäldlertum, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht“. Tatsächlich dokumentiert Ulrich Seidl eine Haltung, die weite Verbreitung hat im heutigen Katholizismus. Verurteilen wird man die vielen Menschen, die so sind wie Anna Maria, natürlich nicht. Aber man wird sich fragen, wie in Europa die theologische Bildung eigentlich greift angesichts dieser religiösen Praxis, die eher einem Wahn gleicht.  Wem Jahre lang eingeredet wird und es auch innig glaubt, außerhalb der katholischen Kirche gebe es kein  Heil, der greift schnell zu seinem Köfferchen mit der Madonna, um die Welt zu retten, „heil zu machen“. Dass alles Gnade ist, wie Paulus sagt, also von Gott abhängt, ist bei diesem Aktionismus vergessen.

Copyright: Christian Modehn.

 

 

 

 

Ende der Volksparteien – Ende der Volkskirchen

Hinweise, Fragen, Vorschläge von Christian Modehn

1.
Die Volksparteien finden immer weniger Zustimmung, nicht nur in Deutschland. Das ist vielfach dokumentiert worden in den letzten Tagen und Wochen. Besonders dramatisch ist das langsame Verschwinden der SPD: Niemand weiß mehr, wofür diese sich sozial (einst sozialistisch?) nennende Partei steht. Und wer weiß noch, was das „C“ der so genanten Volksparteien CDU/CSU bedeutet, außer: Abwehr der Sterbehilfe und Eintreten für Pro Life und für Privatschulen! Dabei ist auch durch die Vereinnahmung des Begriffes „Volk“ durch rechtsextreme Parteien dieser Begriff Volk ohnehin problematisch geworden. Wer gehört denn zum so genannten deutschen Volk? Nur die AFD Mitglieder und Wähler etwa? Nicht aber die seit langem hier lebenden Deutschen (mit deutschem Pass) etwa türkischer Herkunft? Auch die Menschen, die als Flüchtlinge hier Zuflucht suchen und finden, gehören zum „deutschen Volk“. Sie sind doch nicht auf ewig Staatenlose!.Von daher ist es gut, dass der Begriff Volks-Partei auch langsam verschwindet.Zumal Volk und Nation bzw. Nationalismus eng verbunden sind. Nationalismus aber das Grundübel unserer Welt ist.
2.
Es drängt sich eine weitere Erkenntnis auf, und dies ist überhaupt keine Attacke eines philosophischen Religionskritikers: Auch die so genannten Volkskirchen werden als Großorganisationen verschwinden. In England sind diese Kirchen längst verschwunden, genauso in Frankreich, in Spanien, in den Niederlanden, Belgien, selbst in Irland: Überall dasselbe Bild. Ich will diese Erkenntnis nicht durch tausend Belege ins Endlose steigern. Denn die Erkenntnis vom Ende der Volkskirchen in Europa ist eine unumstößliche religionssoziologische Tatsache. Die Menschen, vor allem die Jüngeren, distanzieren sich von den einst sich Volkskirchen nennenden Kirchen. Wenn es diese Volkskirchen als Versammlung unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Lebenseinstellungen denn jemals gegeben hat: Dann wäre der Verlust dieser offenen, von Gleichberechtigung aller Mitglieder geprägten Volkskirchen tatsächlich ein Verlust. Aber diese offenen, all-umfassenden, d.h. im Wortsinne katholischen Volkskirchen hat es wohl nie de facto gegeben. Die Volkskirchen hatten stets den Mief des Kleinbürgerlichen, Anti-Intellektuellen und Autoritären gehabt. Und die Restbestände dieser Volkskirchen haben noch immer diese „Qualitäten“. Oder kann mir jemand Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Journalisten nennen, die sich explizit etwa zur katholischen „Volkskirche“ in Deutschland oder in Holland oder in Frankreich bekennen und diese auch verteidigen und mit ihren freien Beiträgen auch verändern und „bereichern“? Das Eintreten für die Volkskirchen leisten sich nur noch Katholiken, die von der Institution fest angestellt sind und von der Instutution bezahlt werden.
3.
Für Deutschland lautet die neueste Prognose der Forscher-Gruppe um Bernd Raffelhüschen: In 40 Jahren, also 2060, „haben die Kirchen in Deutschland halb so viele Mitglieder und halb so viel Geld wie heute“. Auch diese Studie wurde mehrfach diskutiert. Wenn denn diese „Halbierung“ nicht schon viel früher kommt. Und sie versetzt die Kirchenführungen in eine gewisse Krise, und zwar vor allem: Weil das Geld knapper wird.
4.
Selbst die Kirchenmitglieder wissen nicht genau, wofür diese Kirchen eigentlich noch stehen: Sind es die Weihnachtsgottesdienste, die noch ein bisschen dafür sorgen, dass die Menschen noch Mitglieder der Kirchen bleiben, oder die Wallfahrten oder die Konfirmations/ Erstkomunions-Festlichkeiten, oder die soziale Arbeit in „Trägerschaft“ der Kirchen-Institutionen, wobei der Staat ganz überwiegend dafür das Geld gibt…Vielleicht bleiben viele noch Kirchenmitglieder, weil diese Kirchen gut eingepasst sind in die bürgerliche Ordnung. Bürgerliche „Werte“ vertreten. Klar ist: Diese Kirchen stören nicht den staatlichen Betrieb. Sie fordern mal dies und mal das, überall ein bisschen mehr Gerechtigkeit, aber keine globalen Veränderungen oder Revolutionen zugunsten des Lebens der Zweidrittel hungernder Menschen weltweit. Zugunsten einer radikalen, aber hilfreichen Klimapolitik usw.
5.
Wer wirklich weiter kommen will in der Auseinandersetzung mit dieser Frage, muss sehen: Die Menschen haben kein Interesse mehr an diesen Volks-Kirchen, keineswegs nur, weil so viele Priester des sexuellen Missbrauchs überführt wurden; nicht nur weil der Klerus und die Pfarrerschaft so viel Herrschaft nach wie vor haben.
6.
Allein diese Erkenntnis ist wichtig, und sie wird viel zu wenig diskutiert: Die Menschen verlassen die Kirchen, weil sie mit den tradierten und immer wiederholten und gedankenlos nachgesprochenen LEHREN dieser Kirche nichts mehr anfangen können. Die Kirchen sind dermaßen an die alten Dogmen seit dem 3. Jahrhundert gebunden, dass sie keine Kraft haben: Heutiges Leben im Transzendenz-Horizont zu erzählen und zu deuten. Sie verwenden in den Gottesdiensten und den Predigten allzu oft erstarrte Formeln und Floskeln, die niemand als Deutung der eigenen Existenz versteht. Wer etwa die offiziellen Weihnachtslieder in den Kirchen noch mitsingt oder die Karfreitags-Ostern -Choräle, der muss förmlich seine Vernunft ausschalten und wie in eine ferne Märchenwelt flüchten. So werden Gottesdienste zu Orten sentimentaler Kindheitserinnerungen. Man hat vielleicht Tränen in den Augen, aber seelisches Reifen, ein neues Miteinander, passiert nicht.
7.
Mit anderen Worten: Die Kirchen verschwinden gerade wegen ihres so orthodoxen, so korrekten Festhaltens an den alten Dogmen.
8.
Sie verschwinden, weil sie keine Kraft haben, die alte Liturgie im Gottesdienst beiseite zu stellen und ganz neu Feiern des Lebens, Feiern des Suchens, Feiern der Transzendenz in den Kirchen zu gestalten. In den Kircheninstitutionen herrscht totale Angst, „Wesentliches“ aufzugeben, gerade deswegen leeren sich die Kirchen permanent. Wegen dieses Festhaltens an uralten, aber leer gewordenen Lehren. Die Kircheninstitutionen werden wohl keine Kraft mehr zu haben, ihre Lehren und Gesetze sehr schnell und kräftig zu entrümpeln. Die Starre herrscht vor und die starren Herrscher haben das Sagen. So werden die Kirchen förmlich an ihrer eigenen Traditionstreue unsanft entschlafen. Was es heißt, „Einfach zu glauben“, habe ich immer wieder versucht zu beschreiben, auch im Zusammenhang der neuen liberalen Theologie, für die sich auch der protestantische Theologe Wilhelm Gräb einsetzt. In Holland ist die protestantische Remonstranten Kirche die einzige, die für eine konsequent liberale Theologie eintritt.
9.
Das Verschwinden der Volkskirchen führt vor allem philosophisch zu der Frage: Wer tritt dann noch für Transzendenz ein, wer stellt noch die Gottesfrage. Dabei ist klar: Der Gott dieser Volkskirchen war der griffige Gott, der handhabbare, der als Herrscher gefürchtet, als lieber Gott wiederum verehrt wurde. Wie viel Aberglaube in Form des maßlosen Wunderglaubens wurde von den Kirchen verbreitet? Pater Pio, der angeblich stigmatisierte Volksheilige, ist bekanntlich in Italien bekannter als Jesus Christus. Tatsache ist: Der weitverbreitete Wunderglaube stört die Entwicklung kritischer Vernunft, auch im politischen Bereich. Der irrationale Volksglaube und die irrationale Politik sind eng verklammert. Auch das wird zu selten untersucht: Ist die Kirchenführung korrupt, wie in Italien, Spanien und Lateinamerika, leisten sich die Menschen guten Gewissens auch die Freiheit, wie der „vorbildliche“ Klerus selbst korrupt zu sein, siehe Italien heute wie gestern.
10.
Philosophisch muss man sich dringend die Frage stellen: Wo wird die Frage nach der Transzendenz, die Frage nach dem Göttlichen, neu gestellt, ohne naiven Wunderglauben, ohne klerikale Bevormundung?
11.
Es müssten viele Orte entstehen, in denen in aller intellektuellen Freiheit um diese Fragen gerungen werden kann. Dies wären Plätze, die man „Orte und Schulen des Lebens“ nennen könnte, wo Menschen selbst bestimmt im Dialog zu einem reifen Verständnis ihrer selbst und möglicherweise der Transzendenz gelangen. Dort kann auch die Mystik wieder entdeckt und gepflegt werden, die Mystik eines Meister Eckart oder eines Johannes vom Kreuz oder die Mystik Dietrich Bonhoeffers in den letzten Wochen seines Lebens,um nur Beispiele aus dem christlichen Bereich zu nennen.
12.
Das Ende der Volkskirchen stellt also neue Fragen nach der Zukunft und der entsprechenden Verbreitung religionsphilosophischer Gesprächskreise oder Salons.
13.
Was wird beim Ende der Volkskirchen aus den Treffpunkten, die nun einmal viele volkskirchliche Gemeinden haben? Bleiben sie weiterhin wie die vielen Kirchengebäude verschlossen? Werden die vielen zu Konzerthallen dann umgewandelten Kirchengebäude noch Orte religiöser Musik sein, werden sie Orte der Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur und Philosophie werden? Orte der Verabredung für politische Aktionen zugunsten einer gerechten Gesellschaft?
14.
Wo kann in vernünftiger, argumentierender Weise noch von den Propheten der Bibel, und damit auch von Jesus von Nazareth, gesprochen werden? Wird prophetische Gesellschaftskritik noch einen Platz haben?
15.
In jedem Fall kann das Ende der Volkskirchen eine Chance sein, so dass jeder sich selbst fragt: Was ist eigentlich der Mittelpunkt meines Lebens? Wo will ich hin, welches Leben will ich selber führen in dieser verrückten Welt? Insofern kann das Ende der Volkskirchen auch einen neuen Aufschwung bieten für eine neue Vielfalt spiritueller Gruppen.
16.
Vielleicht kann nun die plurale Verbundenheit mit mehreren spirituellen Traditionen besser gelebt werden, etwa Christentum-Buddhismus oder Christentum-Sufitraditionen; Christentum und skeptische Philosophie…
17.
Der Bedarf an Gesprächen wird also bleiben. Seelsorge, wenn man so will, wird wichtig bleiben; vielleicht werden die Menschen einander helfen, sich um ihre Seele zu sorgen. Und politisch gemeinsam zu handeln: Dass diese Welt nicht durch die Verblendung unfähiger Politiker und raffsüchtiger Ökonomen untergeht. Dass die gestressten Pfarrer heute noch Seelsorger, qualifizierte Seelsorger sind, glaubt eigentlich niemand mehr so recht. Welcher Pfarrer ist schon bereit, mit anderen die Poesie der Seele, also das persönliche Beten, zu lehren? Geschweige denn, Meditieren zu lehren? Oder vernünftige Auskunft über den Glauben zu geben?
18.
Manche meinen, das Ende der Volkskirchen bewirkt den Aufstieg der so genannten Freikirchen, also der evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen und Gemeinschaften. Das mag faktisch so sein, weil diese Kirchen oft eine sehr emotionale Gemeinschaft bieten. Aber ihre theologische Lehre ist so schwach, so wenig vernünftig vermittelbar, dass diese so genannten Freikirchen keine Kraft haben, diese Welt vernünftig zu gestalten. Bestes Beispiel ist jetzt der brasilianische Präsident Bolsonaro, der als Ex-Katholik leidenschaftliches Mitglied einer dieser Freikirchen ist: Seine politische Konzeption und Herrschaft nennen viele objektive Beobachter einfach nur faschistisch. Aber: Der Widerstand gegen diesen Wahn regt sich! Vielleicht wird Bolsonaros Freund, Mister Trump, endlich durch eine Art Aufstand der Anständigen in den USA aus dem Amt gefegt. Aber auch dort sind es die Evangelikalen und Pfingstler, die an Mister Trump, stur und dumm festhalten. Die einst machtvollen „mainline-Churches“, also gewissermaßen Volkskirchen der USA, sind ebenfalls zu schwach, wie die Episcopals, einige Lutheraner, Presbyterians usw…Die Katholiken sind heillos zerstritten und müssen alle Energien aufwenden, um die maßlosen Verbrechen vieler Priester „aufzuarbeiten“. Der sexueller Missbrauch im Klerus verhindert also den kritischen gesellschaftlichen Elan.
19.
Dringend wäre ein Bündnis mit den jungen Menschen, die etwa in den Friday-for-future-Demos die Bewahrung der Natur und der Menschen JETZT einfordern. Diese Bewegungen junger Menschen sind außerhalb der Kirchen entstanden, das ist bezeichnend. Vielleicht sollten wir uns also nicht zu viele Sorgen machen, wenn die Volkskirchen klein und kleiner werden. Der Geist, der heilige, weht eben wo er will und wann er will: Und der Geist weht in diesen Bewegungen junger Menschen, ohne dass man diese gleich heilig sprechen muss. Aber in allem Nein zu lebensfeindlichen und unvernünftigen politischen Konzepten der kapitalistischen Herrschaft zeigt sich der Geist der heilige. Der heilige Geist liebt das Nein, die dialektische Bewegtheit, das lehrt uns Hegel.
20.
Wie auch immer es mit den „Volkskirchen“ weitergeht: Ihr Ende haben sie zum großen Teil selbst zu verantworten. Schuld daran sind sie selbst wegen ihrer dogmatischen Erstarrung und bürokratischen „Herrlichkeit“. Und nicht, wie etwa der Religionssoziologe Detlef Pollack vermutet (in: Christ und Welt, 29. Mai 2019, Seite 1) ist verantwortlich zu machen „das wachsende Einkommen heute“, womit sich „immer mehr Menschen die säkularen Waren -und Freizeitangebote leisten“. Solche Äußerlichkeiten, „wachsendes Einkommen“, zählen nicht!
Zu fragen wäre ja, ob denn tatsächlich in den Blütezeiten der Volkskirchen, als man noch um 1900 riesige Kirchen mit 1000 Sitzplätzen baute, tatsächlich die Kirchgänger und Kirchenmitglieder freiwillig und aus Überzeugung und innerem Bewegtsein die Gottesdienste besuchten. Studien zeigen: Dies waren meist nur äußerliche, oft von den Arbeitgebern erzwungene Kirchenbindungen. Sonst hätten sich doch nicht Christen aus Deutschland und Christen aus Frankreich in dem Getümmel des Ersten Weltkrieges gegenseitig totgeschlagen. Die Volkskirchen offenbaren also ihre innere Schwäche. Sie haben die Menschen nicht nachhaltig geprägt, nicht friedlicher gemacht, sondern eher noch im Nationalismus, dieser Ursünde, bestärkt.
21.
Ist es also so „schlimm“, wenn diese Volkskirchen zur Minderheit werden? Ich meine: Eher nicht. Denn: Der Geist, der heilige, weht wo er will (vgl. Johannes Evangelium 3,18). Er weht auch vermehrt außerhalb der Kirchen, in den Aktionen zugunsten der Menschenrechte z.B., im Kampf gegen Nationalismus und Rassismus, im Eintreten für den Schutz der noch verbliebenen Natur…Es gibt ja bekanntlich in der philosophischen Überzeugung eine große “Kirche“ der Menschen außerhalb der (Volks)Kirchen, also die Gemeinschaft derer, die sich vom Geist, der Vernunft und der Empathie leiten lassen. Für den Propheten Jesus von Nazareth war dies am wichtigsten im Leben eines Menschen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Die Katholische Kirche ist am Ende“: Nicht nur wegen des „Missbrauchs“. Sie klammert sich an ein vergangenes Weltbild

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2019

Am 1.3. 2019: Die zentrale Erkenntnis dieses etwas ausführlicher geschriebenen Hinweises ist: Die Verfassung, also die Gesetzgebung (Codex Juris Canonici) wie die dogmatischen Lehren der katholischen Kirche erlauben es nicht, dass der allherrschende Klerus selbst grundlegend kritisch mit den eigenen Untaten umgehen kann. Gelegentlich veranstalten diese Herren eine gewisse „Show“, um die Gemüter etwas zu besänftigen. Man sollte deswegen keinerlei tiefgreifende Reformen, schon gar nicht eine einzig hilfreiche grundlegende Reformation von den de facto und de jure allherrschenden Klerikern erwarten. Alles Reden von „Mitbestimmung der Laien“ gilt ja bekanntlich nur für belanglose Fragen, diese „Mitbestimmung der Laien“ ist eine Geste der Besänftigung. Und die Laien lassen sich immer noch besänftigen!
Also, lasst -nur in der Hinsicht – alle Hoffnung fahren, auch in dem Zusammenhang einer wirklichen Neuorientierung, Umkehr der Kirchenleitung zugunsten der Opfer sexueller Gewalt durch Priester: Diese Neuorientierung, Umkehr, Reformation bestände vor allem darin: Den unseligen Zölibat endlich abzuschaffen und Frauen zu Priestern zu weihen sowie eine synodale, demokratische Kirchenordnung zu schaffen. Aber das wäre ein Machtverzicht des Klerus. Welche Herrscher verzichten schon freiwillig auf absolute Macht? Auch der angeblich progressive, aber bekanntermaßen sehr Teufels-gläubige Papst Franziskus wird es nicht tun wollen und tun können.
Wer noch einen vertiefenden, aber immer noch gültigen Beitrag zum Thema Hierarchie (aus dem Jahr 2009) lesen möchte: Dann verweise ich auf meinen Beitrag für den WDR mit vielen O Tönen, vor allem von dem großen Theologen Otto Hermann Pesch. Hier klicken.

Der Hinweis vom 24.2.2019:
1.
Es kam so, wie es kritische Beobachter erwarteten: Die alles entscheidende Rede des Papstes am Ende des „Gipfels“ über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe ist eher eine allgemein gehaltene kulturkritische Predigt über das furchtbare Geschehen des Missbrauchs von Kindern im allgemeinen, mit dem unverbindlich und unkonkret gegebenen Versprechen, dass sich die Kirche in dieser Sache „reinigen“ will.
Im ganzen also: Diese in finanzieller Hinsicht aufwändige, in medialer Hinsicht von Erwartungen überladene, in einigen Statements (besonders der Opfer und von Frauen, Nonnen) doch noch denkwürdige Konferenz ist insgesamt ein Fiasko. Denn das letzte Wort hat nun einmal der Papst. Und der denkt gar nicht daran, mögliche Ursachen des Missbrauchs zu bekämpfen, wie den Pflicht-Zölibat abzuschaffen oder auch Frauen ins Priesteramt zu lassen…Alles wie gehabt, also. Was soll nur dieser Aufwand? Man wollte ein gutes Image der Kleruskirche wiederherstellen. Selbst diese pure Äußerlichkeit der „Schminke“ ist nicht gelungen.
Und das für mich erstaunlich: Dieser „Gipfel“, manche sprachen gar von „Synode“, wird nun im Titel der Papst-Predigt zum allgemeinen „Kinderschutz-Gipfel“ umbenannt. Diese allgemein kulturelle Öffnung des Themas erlaubt es dem Papst, relativ wenig vom kirchlichen Missbrauch und den nötigen Veränderungen IN der Kirche zu sprechen.
Diese frommen Worte des Papstes Franziskus (manche nannten ihn ja einst progressiv) zeigen ihn befangen in der klerikalen Sonderwelt. Dieser Papst, das zeigt sich immer mehr, ist nun vor allem den Konservativen verpflichtet. Er will, kann und darf aus der Welt der Privilegien der Kleriker nicht heraustreten. Man bedenke: Der Klerus glaubt bis heute allen ernstes „in der Person Christi des Hauptes der Kirche zu handeln“ (Katechismus, § 1549). Der katholische Priester ist förmlich der zweite Christus. Und in diesem all-verbindlichen Katechismus von 1993 ist sogar „der Bischof Abbild des Vaters (Gott-Vaters)“. Wer so in der Nähe Gottes lebt, kommt da nicht mehr raus und will das auch nicht: Was für ein Vorteil, auf der Seite Gotteszu stehen. Dies sind maßlose Ansprüche, die keine Reform, sondern nur eine neue Reformation abwenden könnte.
Im ganzen gesehen haben sich angesichts dieser frommen – im letzten belanglosen – Worte des Papstes die reaktionären Kräfte im Vatikan durchgesetzt, jene machtvollen Kleriker, die sich ständig gegen Aufklärung, Vernunft und tief greifende Reformen aussprechen.
Nach diesen frommen Worten des Papstes bleibt die katholische Kirche also in der selbst gewählten Sackgasse. Und wer sich aus ihr noch befreien kann, wird es nach Kräften tun. Gerade jetzt.
2.
Eine weitere, in die Tiefe gehende Reflexion ist nötig:
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist jetzt oft Religionskritik, d.h. auch Kirchenkritik. Soziologen kommen in ihren Studien und Interviews in Rom zu dem Ergebnis: „Der Vatikan ist eine verrückte Welt“ oder: „Die Kirche ist eine Organisation der Lüge, ihre Repräsentanten lügen pausenlos über alles“, so der Soziologe Frédéric Martel in einem Interview mit der Wochenzeitung „Christ und Welt“ (21.2. 2019, S.5). Martel ist als Soziologe Autor der großen, jetzt international verbreiteten Studie „Sodoma“. Entscheidend ist Martels Einsicht: „Wir erleben das Ende eines Systems“ (ebd.)

Die Frage, die dann auch philosophisch interessant ist: Welches System, welches geistige System, das die römische Kirche darstellt, ist denn am Ende? Vom Ende des Katholizismus ist bekanntlich nicht nur in einer kritischen Theologie, sondern in der Religionssoziologie die Rede, man denke unter vielen Beispielen an Danièle Hervieu-Légers Werk „Catholicisme, La Fin d un Monde“(Paris 2003), die Autorin ist eine der bekanntesten religionssoziologischen Wissenschaftlerinnen.

Finanziell ist diese katholische Kirche allerdings noch nicht am Ende. Allein der Immobilienbesitz des Vatikans könnte, in Geld umgewandelt, ganze Hungersnöte in Afrika auf Dauer abwenden. Und auch personell ist diese Kirche nicht ganz am Ende, in Europa hingegen gewiss, wenn man an das Fehlen so genannt zölibatär lebender Priester denkt. Aber in Afrika und Asien ist die „Priesterkarriere“ immer noch sehr beliebt bei jungen Männern, die darin auch den sozialen Aufstieg erleben! Und etliche Laien auch in Europa halten formal nach außen hin noch treu zur Kirche, sprechen fleißig die kaum verständlichen apostolischen Glaubensbekenntnisse in der Messe nach. Sie sind noch Kirchenmitglieder, so wie einst „unerschütterliche“ Kommunisten/Stalinisten zur KP hielten…Schließlich sind viele tausend Katholiken auch heute in katholischen Strukturen (Schulen, Caritas usw.) angestellt, also finanziell von der sich „Mutter“ nennenden Kirche abhängig. Am Rande: In Frankreich sagte man um das Jahr 2000: „Die KP Frankreichs wird nur noch von Angestellten der Parteiorganisationen gewählt…“
Die katholische Kirche ist aber de facto am Ende, also innerlich gelähmt, todkrank. Sie kann sich kaum noch kreativ bewegen, kann sich nicht grundlegend strukturell erneuern. Die Rede des Papstes am Ende des großen „Missbrauchsgipfels“ am 23.2.2019 zeigt dies in aller Deutlichkeit. Um den sexuellen Missbrauch in der Kirche und der Gesellschaft zu erklären, verwendet der Papst noch einen Begriff wie „Teufel“, dies nur ein Hinweis auf die Bindung des klerikalen Denkens bis heute an eine uralte Welt des Mythos. Die Kirche könnte sich nur erneuern, wenn sie sich von dieser Bindung befreit. Nur in diesem mythischen Denken kann von der exklusiven, gottnahen Sonderrolle des Priesters überhaupt die Rede sein.
Diese Kirche kann sich aufgrund des eigenen Selbstverständnisses nicht grundlegend erneuern. Denn etwa im Fall des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker müssten sich die Täter bei diesem Kirchenrecht selbst bestrafen. Wer macht das schon? Das Kirchenrecht kennt keine Gewaltenteilung, nicht einmal den Ansatz von Demokratie, bemerkenswert für eine weltweit agierende Organisation. Nebenbei: Die Ähnlichkeiten kommunistischer Diktaturen mit den Strukturen bzw. den Jahrhunderte alten Unterdrückungsmechanismen der Kirche (wie Zensur, Kontrolle, Bestrafung der Dissidenten, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, keine Gewaltenteilung etc.) sind evident und allseits bekannt.
3.
Aber es wäre zu oberflächlich, wie so viele Journalisten es tun, bei diesen strukturellen Äußerlichkeiten stehen zu bleiben. Und es ist eher naiv zu meinen, die Probleme dieser Kirche könnten mit strukturellen Veränderungen allein gelöst werden. Eine Reformation, die nötig wäre für die römische Kirche, ist nie nur eine Strukturfrage. Denn diese Strukturen werden vom Klerus deswegen nicht geändert, (sie sind ja die einzigen, die tatsächlich „ändern“ könnten, wenn sie es denn wollten), weil diese Strukturen eben in den großen geistigen, theologischen bzw. ideologischen Rahmen eingebunden sind, die das Selbstverständnis der katholischen Kirche bestimmen. Es ist also die alles beherrschende Ideologie, die verstanden werden muss, um zu begreifen, warum diese „Kirche am Ende ist“, wie Frédéric Martel und andere erkannt haben.
Es handelt sich darum, endlich wahrzunehmen: Die Kirche ist in ihrer zentralen Lehre von Gott und der Deutung der Offenbarung, der Lehre von der Kirche noch in einer durch die Moderne längst überwundenen Kultur zu Hause ist. Man könnte sagen: Sie steckt noch fest im mittelalterlichen Weltbild. Sie ignoriert die bleibenden, die guten Errungenschaften der Moderne. Für konservative und reaktionäre Kreise ist es ja üblich, „die“ Aufklärung, „die“ Moderne pauschal zu verurteilen.
Diese tiefe ideologische Bindung an ein uraltes Weltbild ließe sich an vielen Beispielen festmachen: Am Ausschluss von Frauen vom Priesteramt; an der Missachtung elementarer Menschenrechte INNERHALB der Kirche; an der unbezweifelt vom Klerus hingenommenen Überordnung des Klerus über die Laien; an der Unfähigkeit, die historisch-kritische wissenschaftliche Forschung auch in der eigenen Dogmatik anzuwenden; an der Abwehr, Theologie als freie, d.h. von der Kirchenleitung unabhängige Wissenschaft zu betreiben. Überhaupt der ganze Lebensstil des Klerus in der Kurie, in den Palästen, in den Privatgemächern der Kardinäle, mit dem Prunk in den Büroräumen, all das erschlägt förmlich schon jeden modernen Gedanken.
Das ist allseits bekannt. Und es muss nur noch einmal gesagt werden: Dass die Reformen oder Reförmchen, die sich der Klerus etwa im 2. Vatikanischen Konzil (1961-65) gönnte, nur oberflächliche Veränderungen sind: Selbst wenn die lateinische Sprache aus der Messe weithin verschwand: Die lateinische Sprache und ihre herrschaftliche antike Redeweise des 4. Jahrhunderts wie „Der Herr sei mit euch“, „Erhebet die Herzen“ usw. wurde eins zu eins, also wortwörtlich in die jeweiligen aktuellen Sprachen übersetzt: Aber wer versteht schon heute in Berlin oder Kinshasa oder Kyoto diese aus dem Lateinische stammende eher esoterische Sprache? Vor dem Kommunionempfang heißt es etwa: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach…“ Unter welches Dach geht eigentlich die Hostie ein?
4.
Das 2.Vatikansche Konzil ALS Konzil des Klerus (!) hat den katholischen Laien eine gewisse Mitsprache erlaubt, aber keine wesentlich neuen Rechte zugestanden, als Laien in kirchlich – zentralen Belangen tatsächlich mit zu entscheiden. Das letzte Wort hat nach wie vor immer der Klerus. Auch am Missionsgedanken („Bekehrung aller Völker“) wird ungebrochen festgehalten ebenso an der besonderen herausragenden Stellung der römischen Kirche über allen anderen christlichen Kirchen usw…
5.
Diese Hinweise genügen, um zum Kern der Problematik zu kommen:
Die Hierarchie gehört in die längst überwundene, sagen wir „geozentrische Welt“ des Mittelalters. Natürlich gibt es auch Hierarchien in der Wirtschaft noch heute, aber es sind solche, die stets demokratisch verändert werden können und müssen. Der Gedanke an eine absolut in der Hierarchie-Spitze unkontrolliert agierende Herrschaft ist für die Moderne ausgeschlossen, selbst wenn solche Herrschaftsformen de facto noch vorkommen. Der Klerus als Spitze der Hierarchie ist in gewisser Weise der kirchliche Adel, der in der Kirche besteht; bekanntlich war es den Päpsten im frühen Mittelalter nicht gelungen, den Adel und dessen Bevorzugung im Staat abzuschaffen. Das war wohl der furchtbare Preis, den Päpste und Bischöfe zahlen mussten, damit die einst „heidnischen Stämme“ dem Christentum, d.h. der Kirche beitraten. Die von Jesus von Nazareth überlieferte Lehre der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde abermals verraten.
Es ist also der anti-moderne und vor-moderne Geist, der die römische Kirche zutiefst durchdringt.
Zentrum ist aus dieser vormodernen Zeit stammende unbefragte Anerkennung der Hierarchie: Die da oben, der Klerus, haben ihre eigenen Gesetze, die ihnen niemand in der Kirche nehmen kann.
Und auch die Gesellschaft und der moderne Staat werden von diesen Hierarchen eigentlich verachtet. Man denke nur an die Verurteilungen des politischen Liberalismus, verstanden als Idee der Demokratie und der Menschenrechte, durch den polnischen Papst Johannes Paul II. Man denke daran, dass die Kirchen-Hierarchie immer noch meint, nicht nur für die Interpretation des Evangeliums absolut zuständig zu sein, sondern eben auch für das, was sie Naturrecht nennt: Was sich für den Menschen als Menschen gehört im ethischen Bereich, das will die Hierarchie bestimmen. Die katholische Kirche sieht sich förmlich als Verteidigerin des alten Naturrechts: und das heißt: Abwehr und Verachtung der gelebten Homosexualität, das Verbot der künstlichen Geburtenregelung, das Verbot jeglicher Form einer Suidzidhilfe für Schwerstkranke, die absolute Liebe zum ungeborenen Leben: Katholisch sein heißt ja oft „Pro-Life“ sein. „Pro-Life“ in der militanten Form ist das ethische Grunddogma der katholisch-konservativen Kirche! Aber dieses „Reinreden“ der Kirche auch in Sachen Naturrecht wird allmählich von demokratischen Staaten in Frage gestellt. Nach dieser Konferenz in Rom sicher noch mehr. Der Klerus tobt zwar, dass ihm dieser Teil seiner „Mission“ genommen wird. Aber nur noch autoritäre Regime folgen in der Hinsicht dem Vatikan, leider auch viele konservativ geführte Staaten in Lateinamerika.
Dies alles ist der Geist des Mittelalters, den ich mit dem Bild des „geozentrischen Weltbildes“ umschreibe, wobei jeder Kleriker stolz erwidert, dass die Kirche doch vor etwa 50 Jahren auch Galilei anerkennt habe. Wie hübsch! Aber diese unglaublich verspätete Anerkennung ist äußerlich, der Gedanke der Evolution der Schöpfung ist auch nicht gerade beliebt im Klerus.
Aber mit dieser Bindung an das überholte und als falsch zurückgewiesene Weltbild des Mittelalters ist auch eine ideologische Bindung gemeint:
Die Bibel wird vom Klerus und dem Papst allein letztgültig interpretiert. Und da werden Bibelverse, die dem Klerus gut ins Geschäft passen, zugunsten des Klerus wortwörtlich übernommen. Andere Worte Jesu etwa, „Nennt euch nicht Meister“ etc. werden als bloß historisch relativiert. Weil der herrschende Klerus glaubt, von Jesus und letztlich von Gott berufen zu sein, entscheidend die Bibel zu deuten. Das ist sozusagen ein „circulus vitiosus“ der klerikalen Hermeneutik: Die Herrschenden haben sich den Text förmlich angeeignet. Solange dies so bleibt, wird sich klerikale Macht fortsetzen.
6.
Weil der Klerus hinsichtlich der Theologie allein entscheidend ist und Querdenker eben bestraft, mundtot macht, einst verbrannte, deswegen kann sich die römische Kirche auch nicht von der erdrückenden Fülle von dogmatischen Aussagen befreien. Es wäre ja ein Eingeständnis, dass es Überholtes, historisch Überwundenes, Relatives gibt in der Lehre der Kirche. Aber der Klerus, vom Heiligen Geist geleitet, macht bekanntlich keine Fehler. Der offizielle römische Katechismus, der für alle Katholiken die zu respektierende Lehre aufführt, umfasst mehr als 800 Seiten.
In dem Opus, Katechismus genannt, wird der Klerus in himmlische Höhen gehoben: Denn der Priester vollzieht mit seinen sauberen Händen (Lavabo!) immer wieder das unblutige Opfer Jesu Christi am Altar: Der Priester steht förmlich auf Gottes Seite. Und da kann in dem uralten Denken nur ein Mann stehen, denn die Frauen sind diesem Denken entsprechend unrein und minderwertig.
Und so werden höchst widersprüchliche, überholte Lehren noch eingeschärft, wie etwa das Dogma von der Erbsünde: Diese „Erbsünde“ wird im sexuellen Akt (der wesentlich schmutzig ist in diesem uralten Denken) übertragen: Und nur die Kirche kann durch ihre Taufe die Menschen von dieser ewig übertragenen Erbsünde befreien. Die Macht der Kirche über das Böse soll sich da zeigen, bis heute werden übrigens Teufelsaustreibungen praktiziert, selbstverständlich durch Priester…Das uralte mythische Denken hat im Katholizismus völlig überlebt, man denke an den Glauben, dass Maria höchstpersönlich erscheinen kann, in Lourdes, Fatima und anderswo. Man denke an die Zumutun, dass einzelne Fromme an ihren Händen die Wundmale Jesu, zeigen, wie Pater Pio oder Therese Neumann von Konnersreuth; allen Ernstes glaubt auch der angeblich progressive Papst Franziskus an den Ablass. Es ist ein Gott, mit dem man rechnen kann, über den die Kirche verfügt, was für eine Schande. An der Realität von Wundern wird festgehalten, so, als ob Gott persönlich mal die von ihm geschaffenen Naturgesetze unterbricht zugunsten einiger Erwählter und zu Ungunsten der meisten „normalen Gläubigen“.
7.
Es ist der Glaube an eine „verzauberte Welt“, die dem Katholizismus noch Zuspruch bietet; ein Glaube, dass „Gott im Himmel“ diese katholische Kirche, so, wie sie de facto ist, will; dass also Gott im Himmel diesen Klerus so will. Nur wer das glaubt, hat Chancen, katholisch zu bleiben.
Wer jetzt noch von einer Reformation der katholischen Kirche heute träumt, sich sogar für Reformen einsetzt, hat für mich etwas „Masoschistisches“. Kann man ja aus einer gewissen Lust machen, ist aber wahrscheinlich Zeitverschwendung.
8.
Was bleibt heute für religiöse Menschen zu tun? Die Religionskritik fortsetzen. Und eine individuelle Gestaltung der je persönlichen Beziehung zum Unendlichen, Göttlichen, dem Sinngrund, weiter entwickeln. Das kann z. B. auch in den wenigen tatsächlich protestantisch-progressiven Kirchen geschehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pius XII. und sein diplomatisches Schweigen

Einige Hinweise von Christian Modehn am 2.2.2019

Am 2. März 2019 sind es 80 Jahre her, dass Kardinal Eugenio Pacelli zum Papst gewählt wurde. Er nannte sich Pius XII. Es ist klar, dass anlässlich dieses halbwegs „runden Gedenktages“ wieder viele offiziell – katholische apologetische Statements vom Vatikan aus verbreitet werden, Statements und Bücher, die seit 1945 schon dem Motto folgen: „Pius XII. hat es doch so gut gemeint“. Und wieder ist zu erwarten, dass das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth (1963) verantwortlich gemacht wird für diese in vatikanischer Sicht böse Einstellung einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber einem Papst, der schon seit 1965 „selig gesprochen“ werden soll. Aber es klappt nicht so recht, diese heilig mäßige Vorbildlichkeit Pius XII. wirklich zu erweisen.

1.Warum ist es wichtig, erneut kritisch an Papst Pius XII. (Papst von 1939 – 1958) zu erinnern? Weil die „Seligsprechung“ dieses Papstes immer noch betrieben wird, er könnte also als „himmlischer Helfer“ und allgemeines Vorbild bald mit offiziellem Segen verehrt werden. Dieser Seligsprechungsprozess wurde bereits 1965 (!) eröffnet. Offenbar tun sich die forschenden Prälaten doch etwas schwer mit der heilig mäßigen Vorbildhaftigkeit des Papstes Pacelli (Pius XII.) Es findet sich halt niemand, der durch die Anrufung des Pacelli Papstes wunderbar gesund wurde, dieses Wunder ist ja eine übliche Voraussetzung für eine Seligsprechung…

2.Warum ist das Thema Pius XII. und die Juden gerade heute so wichtig? Weil am Beispiel Pius XII. deutlich wird, wie eine extreme Fixierung auf das Wohl der Kirche eine humane Katastrophe nicht verhindern kann. Und diese Fixierung auf das Wohl und das Ansehen der „Amtskirche“ ist bis heute oberstes Dogma des Klerus.

3.Die zentrale Frage ist: Wie hat sich Pius XII. in seinem Tun und nicht bloß in seinen diplomatisch moderaten, manche sagen verklausulierten Reden und Botschaften gegenüber den Nazis und den Faschisten, auch in Italien, Kroatien, Spanien etc., de facto verhalten?

4.Nach wie vor muss man wohl sein persönliches Engagement (nicht das mutige Engagement einiger Priester in Rom!) zugunsten der verfolgten Juden, selbst in Rom) tatsächlich als sehr schwach einschätzen. Dies ist wohl allgemeiner Konsens und Erkenntnisstand bei allen, die nicht den apologetischen Schriften aus Vatikan-abhängigen Kreisen folgen. Die Herren im Vatikan wissen wohl genau, warum die „Geheimarchive“ des Vatikans zu Pius XII. für die Zeit nach 1939 immer noch nicht zugänglich sind. Schon 2011 wurde die Zusage verbreitet, dieses Geheimarchiv werde 2015 zugänglich. Ist es aber auch 2019 nicht! So haben spekulative Überlegungen der Apologeten immer noch ihre Blütezeit, wenn sie lang und breit etwa der mit vernünftigen Gründen gar nicht zu klärenden Frage nachgehen: „Was wäre denn passiert, wenn Pius XII. tatsächlich den Judenmord öffentlich und lautstark verurteilt hätte?“ Die Antwort der Apologeten heißt: (dabei missachten sie als Papst-Fans total die herausragende politisch-diplomatische Bedeutung des Papstes): Papst Pius XII. hätte die Verfolgung und Ausrottung der Juden durch seinen öffentlichen Protest noch schlimmer gemacht. 2017 hat sogar noch Papst Franziskus in einem Interview für die Zeitung „La Vanguardia“ (Barcelona) Pius XII. diese allgemeinen Reinwaschungen Pius XII. verbreitet. Franziskus wiederholte: Papst Pius XII, selbst (und nicht etwa einige mutige Priester) hätte Juden in Rom persönlich gerettet; das mag am Beispiel von Castel Gandolfo so sein. Nur waren dies anerkennenswerte caritative Taten zugunsten einzelner Personen. Diese Hilfe erschütterte nicht das mörderisches System der Nazis und Faschisten. Papst Franziskus sagte also: „Escondió a muchos en los conventos de Roma y de otras ciudades italianas, y también en la residencia estival de Castel Gandolfo. Allí, en la habitación del Papa, en su propia cama, nacieron 42 nenes, hijos de los judíos y otros perseguidos allí refugiados. No quiero decir que Pío XII no haya cometido errores -yo mismo cometo muchos-, pero su papel hay que leerlo según el contexto de la época“ („Er hat viele (Juden) in den Klöstern von Rom und in anderen italienischen Städten versteckt, und auch in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort, in der Wohnung des Papstes, in seinem eigenen Zimmer, kamen 42 Kinder zur Welt, Kinder von Juden und Kinder von anderswo Verfolgten. Ich will nicht sagen, dass Pius XII. keine Irrtümer begangen hat – ich selbst begehe auch viele – aber seine Rolle muss verstanden werden im Kontext der damaligen Epoche“) (http://www.alfayomega.es/25413/entrevista-del-papa-en-la-vanguardia-para-mi-la-gran-revolucion-es-ir-a-las-raices)

5.Diese Behauptung, Pius XII. habe persönlich Juden versteckt, wird seit Jahren mit guten Gründen angezweifelt, sie ist klerikale Propaganda. Der Holocaustüberlebende und Publizist Noah Kliger in: NTV 18.1.2010: „Es müssten nur ein „paar kleine Fragen“ beantwortet werden: „Wie viele Juden hat Pius XII gerettet? Hat er sie im Vatikan oder in seinem Sommerpalast versteckt? Was waren ihre Namen? Warum hat kein einziger Überlebender jemals darüber berichtet und auch keiner von deren Angehörigen? Warum geht der Papst nicht auf solche nebensächlichen Fragen ein? Dem Papst Pius XII nahe stehende Personen hätten sich niemals zu dessen vermeintlichen Rettungsaktionen geäußert“.

6.Was macht das Thema „Pius XII. und die Juden“ heute wieder „besonders“ aktuell? Es ging Papst Pius XII. entscheidend darum, zuerst und absolut vor allem darum, das Wohl der Kirche als Institution und das Wohl der Katholiken zu schützen. „Church first“, würde man heute sagen! Nicht etwa „Humanity and human Rights first“ war sein praktisches Leitprinzip. Diese Erkenntnis kann sich auf viele Historiker, wie etwa Saul Friedländer, berufen. Über dessen Buch „Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation. Mit einem aktuellen Nachwort“, 2011, schreibt der katholische Theologe und Historiker Klaus Kühlwein vom Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg i.Br. in der wissenschaftlichen Website https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16575: „In seinem langen Nachwort geht der Autor Saul Friedländer der Frage nach, welche Erklärungen es gibt für die ausgesprochen politische Passivität Pius XII. gegenüber NS-Deutschland und dem Holocaust. Im Wesentlichen sieht Friedländer dafür drei Gründe. Erstens: Pius verteidigte nur die Interessen der Kirche und blieb daher strikt neutral. Zweitens: Pius wollte die Ausbreitung des Kommunismus in Ost- und Mitteleuropa verhindern und drittens: Pius war antisemitisch eingestellt. Alle drei Gründe sind nicht neu – man denke nur an Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ (1963) –, aber sie sind nach wie vor hoch brisant. Das gilt ganz besonders für den Vorwurf des Antisemitismus“.

7.Genau diese Fixierung, einen guten Eindruck von der katholischen Kirche zu erhalten, sie als klerikale Organisation unbedingt in der überlieferten Gestalt zu erhalten, ist bis heute für die Kirchenführer gültig: Diese Theologie wird seit etlichen Jahren deutlich und in Zukunft noch mehr sichtbar in den bischöflichen (und päpstlichen Aktionen) der Verschleierung des sexuellen Missbrauchs durch Priester an Kindern und Jugendlichen. Nicht diese Priester wurden von der Hierarchie bestraft und den (weltlichen) Gerichten übergeben, sondern die Opfer wurden ignoriert und nicht respektiert. Das Schweigen und Verschweigen war auch hier (wie bei Pius XII.) die allgemeine klerikale Haltung.

8.Es ist wohl diese katholische Ursünde, immer zuerst an das äußere Wohl und die Privilegien der Kirche zu denken, die auch Pius XII. wie selbstverständlich lebte. Er war ja „eigentlich“ der so genannte Stellvertreter des Propheten Jesus, der die Humanität über alle religiösen Gesetze stellte. Aber bezeichnenderweise nennt sich ein Papst immer „Stellvertreter Christi“, also Stellvertreter des zu einem Gottmenschen Christus „ummodelierten“ Jesus von Nazareth, der Papst nennt sich nicht „Stellvertreter des Propheten Jesus von Nazareth“. Würde er sich auf Jesus bezogen nennen, wäre er der Menschlichkeit zuerst verpflichtet, eben auch dem Schutz und der öffentlichen Verteidigung der Juden. Aber wir haben es hier mit dem glanzvollen Christus zu tun, in dessen Glanz sich der Klerus „auferbaut“.

9.Im Juli 1933 schloss der Vatikan mit Hitler das (bis heute in der Bundesrepublik geltende) Reichskonkordat. Die Kirchenführer waren froh, dass ihnen Hitler katholischen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in den Schulen erlaubte; die Existenz der katholischen Vereine sicherte; die Erhebung der Kirchensteuer versprach (von denen ein Teil zum Vatikan fließt). Also „church first“ als volles Programm! Aber die Kirchenführer verpflichteten sich, an Sonntagen und gebotenen Feiertagen „im Anschluss an den Hauptgottesdienst […] für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes“ zu beten (Artikel 30)… Dieses Gebet entfällt heute…

10.Im Kommunismus sah Pius XII. das schlimmste Übel der Weltgeschichte. Wobei noch zu überprüfen wäre, wie stark auch Pius XII. der allgemein verbreiteten bürgerlichen/christlichen Ideologie folgten, „der Marxismus und der Kommunismus seien wesentlich jüdisch geprägt“… Diese absolute und pauschale und dann auch undifferenzierte Ablehnung alles Sozialistischen und Kommunistischen bestimmt das Denken der katholischen Kirchenführung bis heute: Kommunisten wurden von Pius XII. exkommuniziert. Hitler wurde als Katholik nie exkommuniziert, auch keine katholischen Nazis wie Himmler oder Goebbels. Die korrupte, aber hierarchie-hörige Democrazia Cristiana wurde dann in Italien die ewig regierende Klerus Partei.

11.Mit der Abwehr des Kommunismus war ein diplomatisches Jonglieren des Papstes zugunsten Hitlers und damit zuungunsten der Juden verbunden. „Namentlich Nuntius Pacelli wünschte während der Weimarer Republik ein Zusammengehen der katholischen Zentrumspartei mit den deutschnationalen Verfassungsfeinden. Koalitionen von Katholiken mit der Sozialdemokratie waren ihm ein Gräuel“. (Peter Bürger: https://www.heise.de/tp/features/Pius-XII-Ein-Fall-fuer-die-Propaganda-perfidei-3388258.html)

12.Demgegenüber war der Faschismus und das Hitler-Regime für Pius XII. eher nur ein geringeres, „vorübergehendes Übel. Vielleicht hätte – in der Sicht Pius XII. – Hitler dem Todfeind Kommunismus gar Einhalt gebieten können? Dass der Papst bei dieser seiner eher milden Haltung gegenüber den Nazis es hinnahm, dass Millionen Juden durch das Hitler Regime ermordet wurden, deutete er selbst wohl als schlimmen, subjektiv sicher bedauerlichen Nebeneffekt seiner Kirchen-Politik. Weil sich Faschisten gern religiös und sogar katholisch zeigten, fiel das päpstliche Urteil den Faschisten gegenüber immer milde aus. Pius XII. glaubte, in Kooperation mit den Faschisten die Kirche als Institution retten zu können.

Man bedenke nur, wie Pacelli auf das großartige Attentat von Georg Elser inszeniert im Bürgerbräu zu München am 8. November 1938 : „So müssen wir der Vorsehung (!) Gottes dankbar sein, dass der Führer glücklich gerettet wurde“. In diesem Sinne hat auch Kardinal Pacelli von Rom aus durch den Apostolischen Nuntius in Berlin Hitler seine persönlichen Glückwünsche für seine Errettung übermitteln lassen“. (Zit. auf S. 219 in „Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen“. Heidelberg 1980, in dem Beitrag von Hermann Greive. Er bezieht sich auf das Zitat im Buch Gerhart Binder, Irrtum und Widerstand , dort S. 373)

Ein tiefsitzender Antisemitismus bestimmte schon Kardinal Pacelli:

„Es gab in Rom sozusagen ein antisemitisches, katholisches Zentralorgan, die Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ unter Leitung der Jesuiten. Diese Zeitschrift wurde von Kardinalstaatssekretär Pacelli ab 1930 redaktionell streng geführt. Was dort gedruckt wurde, bedurfte seiner Zustimmung – nach genauer Lektüre versteht sich. Geradezu gespenstisch mutet etwa ein Beitrag in der Herbstausgabe 1938 an, der die Rassengesetze in Italien kommentierte. In ihm werden die Juden als „fremde Nation“ unter den Nationen bezeichnet.Weiter heißt es: Die Juden wären ein „geschworener Feind“ hinsichtlich des Wohlergehens des christlichen Volkes und gegen das jüdische Volk seien strenge Maßnahmen erforderlich, um es „unschädlich zu machen“. Die Moral des jüdischen Talmud widerspreche „den elementarsten Prinzipien der natürlichen Ethik“. Und in einem Grundsatzartikel („Die jüdische Frage und die Civiltà Cattolica“) warnte Pater Rosa SJ vor den subversiven Umtrieben der Juden, welche die Grundlagen von Gesellschaft und Kirche untergraben würden. In den letzten Jahrzehnten habe sich schon auf vielen Gebieten schmerzvoll gezeigt, wie unheilvoll der verschwörerische Pakt zwischen Juden und Freimaurern im Untergrund wühle und die kulturellen Werte des christlichen Abendlandes zerstöre. Was ist bloß in Kardinalstaatssekretär Pacelli gefahren, dass er solche Äußerungen als halboffizielle Stellungnahme des Vatikans absegnete? Für die üblen Ausfälle gegen Juden und das Judentum in den zahlreichen Artikeln der Civiltà Cattolica entschuldigte sich übrigens der leitende Redakteur De Rosa SJ öffentlich im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertfünfzigjährigen Bestehen der Zeitschrift im Jahre 2000“. (Klaus Kühlwein)

13.Pius XII. war ein Papst, der vieles über die Ermordung der Juden wusste, aber öffentlich und laut und deutlich vernehmbar nicht protestierte, sondern schwieg.

Am 26. Juli 1942 veröffentlichte Kardinal de Jong, Niederlande, einen Hirtenbrief, in dem die niederländischen Bischöfe in aller Deutlichkeit den Mord an den Juden durch die Nazis kritisierten. „Erzbischof de Jong unterrichtete Pius XII. über die Verbrechen an den Juden in den Niederlanden und versuchte, den Papst zu bewegen, die Judenvernichtung öffentlich und offen (nicht nur implizit) zu verurteilen“. (Quelle : wikipedia Kardinal de Jong, mit Hinweis auf eine Studie. Theo Salemink: Die zwei Gesichter des katholischen Antisemitismus in den Niederlanden. Zürich, 2000).

Weder der Papst noch der Nuntius in Holland haben diesen Aufschrei der niederländischen Bischöfe öffentlich unterstützt. Heute wird von Vatikan-Apologeten behauptet: „Dieser Hirtenbrief habe die Verfolgung von Juden in Holland nur verstärkt“. ABER, wenn das denn so eindeutig stimmt: Diese Verfolgung wäre nicht passiert, wenn Pius XII. öffentlich die niederländischen Bischöfe unterstützt hätte? Mit dieser Ausrede des Vatikans „ließe sich am Ende jede Unterlassung rechtfertigen, weil niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, welche Folgen ein Wort oder eine Tat zeitigen werden“(Georg Denzler, Widerstand oder Anpassung?, Piper Verlag 1984, S. 69).

Am 16. Juli 1943 wurde dem Papst ein Dokument vorgelegt über die KZs Auschwitz und Treblinka. Eine öffentliche Verurteilung wurde nach der Lektüre vom Vatikan nicht ausgesprochen, der Grund sei gewesen, berichtet der Journalist und Historiker Nino lo Bello, „der Vatikan habe den Wahrheitsgehalt dieser Berichte nicht identifizieren können“. (S. 31, in: Kreuzfeuer, München, 1991). Was für eine Lüge des Vatikans: Kaum eine Institution in Europa war besser über die Verbrechen Hitlers informiert als der Vatikan.

Im Oktober 1943 wurde, so wird immer wieder dokumentiert, „unterhalb der Fenster des Papstes“ die Deportation von über 1000 Juden aus Rom vollzogen.

WER organisierte die katholische Hilfe für verfolgte Juden in Rom? Es waren „einfache“ Priester und „normale katholische Laien“, nicht aber die Herren Kleriker im Vatikan, obwohl nach 1945 von deren Seite alles getan wurde, Pius XII. als den so heilig mäßigen aktiven Judenretter in Rom darzustellen. Dabei hat der deutsche Jesuit Pater Robert Leiber aktiv mitgetan. Er bezeichnete säkulare, jüdische Hilfsorganisationen tatsächlich als päpstliche Hilfsorganisationen, wie Delasem oder Opera di San Raffele, er machte sie zu päpstlichen Initiativen zum Schutz der Juden, was objektiv nicht stimmt (Nino Lo Bello, S. 37). Protestbriefe gegen diesen in der Jesuitenzeitschrift „Civilita Cattolica“ verbreiteten Unsinn durch jüdische Gemeinden wurden selbstverständlich nicht abgedruckt…

14.Es wäre an der Zeit, dass sich Jesuiten heute öffentlich und kritisch mit diesem Jesuitenpater Leiber auseinandersetzen, der zudem in der Debatte um das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth durch polemische und falsche Äußerungen auffiel. Pater Leiber erhielt – wer ahnt es nicht unter den Bedingungen der alten Bundesrepublik – 1960 den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik; 1962 auch noch den Bayerischen Verdienstorden.

15.Aktiver Helfer und Beschützer der Juden in Rom war etwa der Kapuziner Pater Maria Benedetto, mit bürgerlichem Namen Pierre Péteul, er galt in Rom, vor allem bei den Juden, nur als der „Judenpriester“. Er hat gesehen, dass vom Vatikan keine Hilfe geleistet wurde, hat dann in seinem Kloster in der Via Sicilia/Via Veneto einen „Festen Stützpunkt der Hilfe“ eingerichtet. 1955 ehren ihn italienische Juden offiziell und öffentlich: “Seine Rettungsaktionen waren ohne Beispiel…“, sagten sie. Der Vatikan bzw. der Papst wurden in der Berichterstattung etwa als „weitere Vorbilder“ schon gar nicht erwähnt. „Die italienischen Juden, praktisch bis zum letzten Mann und der letzten Frau Überlebende des Holocaust, waren und sind fast einhellig der Auffassung, dass sich der Vatikan unmoralisch verhalten hat, als der Krieg zu Ende war und das Lob (der Judenretter zu sein) verteilt wurde. Der Vatikan ließ Pater Benedetto keinerlei Anerkennung zuteil werden, und er starb (1990 in Angers, Frankreich), er war der Welt ein Unbekannter, den Juden ein Held“ (ebd. , S 31). Und es ist, nebenbei, ein Schande, dass viele ultrafromme Katholiken lieber den Kapuziner (und Mussolini Freund) Pater Pio, sogar noch heilig gesprochen, verehren: Er war ein Scharlatan mit seinen selbst gemachten Wundmalen Christi an den Händen. Heute aber kennen die Italiener nicht einmal den Namen des großen Padre Benedetto, des „Priesters der Juden“…Warum wird er nicht heilig gesprochen? Schon möglich, dass eines Tages der Vatikan so unverschämt ist und Padre Benedetto, den Judenpriester, zusammen mit Papst Pius XII. heilig spricht? Zuzutrauen wäre es den Herren im Vatikan schon…

16.Die Sympathien von Pius XII. galten faschistischen Regimen in Kroatien usw.

In dem neu gebildeten Staat Kroatien (von 1941 -1944) herrschten katholische rechtsextreme Fanatiker, sie waren in der Ustascha-Bewegung präsent. Viele tausend orthodoxe Serben, auch Juden, wurden von katholischen Faschisten umgebracht, auch in Konzentrationslagern. Etliche katholische Priester unterstützten heftigst die USTASCHA-Organisation. Branko Bokun (Jugoslawisches Rotes Kreuz) versuchte, persönlich im Vatikan die Kirchenführer, auch den Papst, zu erreichen, um sie auffordern: Sie sollten das Morden der katholischen Faschisten in dem katholischen Land Kroatien verbieten. Das aber geschah nicht. Bokun wurde noch nicht einmal zu Msgr. Montini (dem späteren Paul VI.) vorgelassen. Der Papst ließ die katholisch – faschistischen Mörderbanden gewähren. „Nach dem Ende des Krieges zeigte niemand besonderes Interesse für diese furchtbaren Ereignisse, auch der Vatikan erwähnte das Chaos in Kroatien mit keinem Wort…“( Nino Lo Bello, Der Vatikan und die Juden, S. 27, in: „Kreuzfeuer“, München 1991).

Auch das Pétain-Regime in Frankreich, diese Kollaboration mit den Nazis, wurde von Pius XII. gestützt! Das Vichy-Regime von Pétain, “das Pius XII. dadurch anerkannt hatte, dass er seinen Nuntius (Valerio Valeri) bis zum Ende (1944) nicht zurückzog“ (W.D.Halls, Französische Christen und die deutsche Besatzung, in Kollaboration in Frankreich, 1991 Fischer –Verlag, S 108).

17.Der Antisemitismus von Papst Pius XII. saß tief, wie sollte es anders sein, so dachten doch auch die meisten Kleriker.

„Am 24. Dezember 1942, als im Vatikan kein Zweifel mehr an der laufenden Ermordung der europäischen Juden bestehen konnte, klagte Pius XII. in seiner Ansprache vor Kardinälen und Bischöfen über Jerusalems „Weg der Schuld bis zum Gottesmord“. Noch am 29. Juni 1943 predigte der über die Shoa gut unterrichtete Papst dann in seiner Enzyklika „Mystici corporis„, das jüdische Gesetz sei todbringend [sic!] geworden und Israels einstiges Gnadenvlies müsse nunmehr trocken bleiben. (Peter Bürger a.a.O. Sehr lesenswert ist das Buch von Peter Bürger, Pro Judais, bes. S. 26-31, http://friedensbilder.de/projudaeis/buerger-pro-judaeis2009.pdf

18.Viele Juden in Rom waren nach Ende des Krieges gar nicht einverstanden, dass einzelne Juden Papst Pius XII. als den großen Judenretter feierten. Zu den Kreisen gehörte auch der später sehr populäre Rabbiner Pinchas Lapide (siehe seine Lobeshymnen auf Pius XII. in seinem Buch: „The last three popes and the Jews“) oder Golda Meir. Nino Lo Bello schreibt: “Den Propagandisten des Vatikans ist es durchaus gelungen, das Verhalten Pius XII. gegenüber den Juden im Krieg weißzuwaschen“ (a.a.O, S 28).

19.Eine deutliche, man möchte sagen ,ideologische Nähe gab es zwischen den Diktaturen, etwa unter den Faschisten, und der Regierungsform der römischen Kirche zur Zeit Pius XII: In beiden Regierungsformen war die Bindung an Autoritäten allmächtig; das Führerprinzip gilt; Gehorsam und der Wille, sich führen zu lassen, allgegenwärtig; die Unterdrückung einer freien Forschung ebenso, man denke an die Kontrolle der Theologen unter Pius XII.; die Gleichberechtigung der Frauen ließ in beiden Systemen zu wünschen übrig; politisch/theologische Gegner wurden als Feinde betrachtet und ausgeschlossen, verfolgt, exkommuniziert. Die Angst vor neuen Entwicklungen war in beiden Regimen allgegenwärtig. Über das Verbot, bestimmte Bücher zu lesen, stehen sich ja kommunistische Regime und die katholische Kirche sehr nahe: Für die ganze katholische Weltkirche galt bis 1965 die 6.000 Bücher umfassende Liste der verbotenen Bücher: Zu denen auch Lessing, Kant usw. gehörten. Kritische Theologen, wie Pater Chenu oder Pater Congar in Frankreich, erhielten Rede – und Lehrverbot. Der Evolutionsforscher, der Jesuit Pater Teilhard de Chardin wurde förmlich von Rom und seinen Oberen verteufelt, er starb ziemlich einsam in New York und so weiter. Das System Pius XII. war, mit Verlaub, ein religiös folkloristisch aufgebauschtes System geistiger Unterdrückung.

20.Zum Profil Pius XII. gehört weiterhin sein Interesse, mit rechtsradikalen Diktaturen Konkordate abzuschließen, so mit Portugal 1940 (Salazar); mit Spanien 1953 (Franco-Diktatur), mit der blutrünstigen Diktatur von Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik 1954 usw. Dem Papst war es offenbar egal, in welchen Regimen seine Kirche ihre Privilegien ausbauen konnte: Denn immer ging es (auch um finanzielle) Privilegien für die Kirche. Die Kirchenfixierung, „alles zum Wohl der Kirche(nhierarchie)“, dieses Prinzip bestimmte schon die Politik Pius XII. zur Zeit der Judenausrottung, sie setzte sich fort: Die römische Kirche sollte sich als monolithischer autoritär geführter Block in der „Brandung“ der Moderne erweisen…

21.Über die „Hilfsbereitschaft“ des Vatikans und damit Pius XII. für die Verbrecher des Nazi-Regimes wurde oft berichtet, sie äußerte sich in der Besorgung falscher Pässe für die Nazis auf dem Weg in katholische Staaten Lateinamerikas. Man spricht von der Rattenlinie. Katholische Faschisten aus Kroatien wurden via Rom nach Lateinamerika verfrachtet, mit vatikanischer hilfe. Unter den Nazis gelangten nach Lateinamerika u.a. Klaus Barbie; Adolf Eichmann; Josef Mengele, um nur ganz wenige Nazi-Verbrecher zu nennen. Fest steht, dass Pius XII. und sein enger Mitarbeiter Montini (der spätere Papst Paul VI.) dem faschistischen katholischen Bischof Hudal freie Hand ließen, die Nazis etc. in südamerikanische Gefilde der dortigen Diktatoren zu verfrachten. Auch für Angehörigen der Familie des italienischen Duce Mussolini hat sich der Vatikan eingesetzt, berichtete der deutsche Botschafter „beim heiligen Stuhl“ (also dem Vatikan) Ernst von Weizsäcker schon im Juli 1943.

22.Wer sich dieses hier nur angedeutete Porträt Pius XII. und seiner Regierung betrachtet, kann diese Zeit nur als großes Unglück für die Menschen, vor allem für die Juden, aber auch für etliche nich demokratisch gesinnte Katholiken deuten. Die Herrschaft Pius XII. war eine „bleierne Zeit“, nach außen hin sogar voller Glanz und frommer Folklore bei den Aufzügen des Papstes im Vatikan und im Petersdom. Er inszenierte sich für die vielen naiv Frommen als engelgleiche, makellose Gestalt. Aber er war nicht mehr als ein von Angst getriebener Verteidiger autoritärer, antidemokratischer und antisemitischer und antisozialistischer Prinzipien.

Diese Kritik ist selbstverständlich überhaupt nicht ignorant gegenüber den damaligen Zeitumständen. ABER: Das Bewusstsein selbst eines Papstes um 1940 war soweit entwickelt, dass er in seinem Gewissen, seinem Nachdenken, wohl spürte: Ich könnte auch anders handeln. Aber der ängstliche Pacelli tat es nicht. er war ein Kollaborateur mit den Antidemokraten und mörderischen Antisemiten.

23. Es ist wohl leider nur eine Frage der Zeit, bis dieser Papst selig und dann heilig gesprochen wird. Irgendein notwendiges Wunder für diese Prozedur wird sich schon noch konstruieren lassen. Vielleicht wurde eine alte spanische Nonne von ihrem tief sitzenden Antisemitismus als Geisteskrankheit durch die Fürsprache Pius XII. befreit und geheilt, das als Ironie am Rande… Wäre ja passend. Und es ist wahrscheinlich, dass man in dem „modernen Vatikan“ dann aus Höflichkeit gleichzeitig mit Pius XII. auch den wahrlich großartigen, bescheidenen „Juden-Priester“ Padre Benedetto selig spricht (falls man ihn im Vatikan doch nicht total vergessen hat).

P.S.

Das neue Buch von Michael Hesemann „Der Papst und der Holocaust“ kann man gern übergehen: Das Buch hat stark apologetischen Charakter: Pius XII. habe es doch so gut gemeint mit den Juden…Hesemann ist Mitglied sehr konservativer katholischer Vereine, „pro Papa“ etwa. Hesemann ist Journalist, er wurde früher als Autor parawissenschaftlicher Themen bekannt, etwa über UFOS.

Der Hauptvorwurf gegen dieses Buch, den etwa der Kirchenhistoriker Prof. Jörg Ernesti (Uni Augsburg), vorbringt, heißt: Es ist eine pure Reinwascherei von Pius XII. durch Hesemann, sie hat schon deswegen sehr wenig Bedeutung, weil das vatikanische Archiv zu Pius XII. mit Dokumenten ab März 1939 auch heute gar nicht zugänglich ist.

Die Apologeten im gut bezahlten Dienste des Vatikans und der deutschen Kirche werden weiterhin alles tun, um Pius XII. in vollem Glanz der heiligmäßigen Unschuld erscheinen zu lassen. Sie werden nicht auf ihre übliche Polemik verzichten, und etwa den Regisseur Erwin Piscator, der den „Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth als erster 1963 in West-Berlin inszenierte, „einen altgedienten Propagandisten der kommunistischen Sache“ zu nennen (so noch 2009 Ingo Langner, in „Opus Iustitiae Pax“, S. 71). Diese Herren ziehen die Wahrheit des Stückes „Der Stellvertreter“ auch dadurch in Zweifel, dass sie auf die Aufführungen dieses Stückes „im roten Machtbereich“ des Kommunismus (so ebenfalls Langner, S. 71) hinweisen, als wären auch Lessing, Schiller, Brecht von mieser Qualität, bloß weil sie auch auf den Bühnen des „roten Machtbereichs“  aufgeführt werden. Diese Apologeten gehen aber die Argumente aus, weil sie nicht sehen können, was der große Sebastian Hafner schon 1963 schrieb: Er nannte es einen entsetztlichen Skandal, dass Pius PIUS XII. zum Massenmord an den Juden de facto SCHWIEG. Aber es war auch „seine Aufgabe, zu verhindern, das die Christentheit im wörtlichen Sinne zum Teufel ging: Dass mitten in einem Abendland von Christen Satanswerk größten Ausmaßes getan wurde, mit dem die GANZE Christentheit für immer befleckt bleiben wird“. (Das Zitat von Sebastian Hafner: „Summa iniuria“, RORORO, 1963, S. 235)Mit anderen Worten: Der schweigende Pius XII. hat durch sein Schweigen die Christenheit insgesamt innerlich verdorben. Die Christen haben bis heute Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Neokolonialismus nicht überwunden… Daran müßten die Kirchenleute arbeiten und sich fragen, warum das ethische humane Niveau der Christen so miserabel ist nach 2000 Jahren Predigt und Gottesdienst, warum Mord und Totschlag auch die christliche Geschichte bis heute bestimmen? Warum? Weil vernünftiger Widerspruch und Widerstand keine zentralen christlichen Tugenden sind und vernünftiger Ungehorsam nicht wichtiger ist als der übliche Gehorsam mit dem immer noch vorhandenen Untertanengeist.

„Die Geschichte wird Pius XII. kennen als einen Papst, der schwieg“. (Sebastian Hafner)

Die Herrschenden im Vatikan hatten also ihre Gründe, eine objektive, umfassende Forschung zu Pius XII. ab 1939 nicht zuzulassen. Sie haben Angst. Und fordern – wie immer wieder Papst Franziskus – „Barmherzigkeit“, eine Barmherzigkeit, die auch selbstverständlich ihnen gelten soll, den Klerikern, die eigentlich die angstfreie Menschlichkeit eines Jesus von Nazareth leben müssten. Die aber zu Kirchenfunktionären geworden sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Brauchen wir ein „Fest der Beschneidung Jesu“ im Kampf gegen den Antisemitismus?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Titel „Christ und Welt“ bietet in der Ausgabe vom 1. Januar 2018, Seite 1 und 2, ein Plädoyer für die Wiedereinführung des „Festes der Beschneidung des Herrn“ (Jesus)  am 1. Januar unter DIESEM Titel. Die Forderung wird damit begründet: Wenn wieder in der ganzen Kirche die Beschneidung des Juden Jesus gefeiert würde, könnte dies den zunehmenden Antisemitismus weltweit zurückdrängen. Soll das ernst gemeint sein? Ein katholischer Beschneidungsfeiertag als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus?

Ich muss gestehen, ich empfinde diesen Beitrag eher als Satire. Denn wie kann man heute im Ernst meinen, ein solches Fest unter diesem Namen könnte den Antisemitismus eindämmen?

Antisemitismus wird überwunden durch umfassende Bildung aller; durch Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens; durch Erinnerung an den von Deutschen begangenen Massenmord an Juden; durch Widerstand gegen neofaschistische und rechtspopulistische Parteien und Gruppen; durch eine vernünftige Erklärung, was die hebräische Bibel bedeutet; durch gesetzliche Regelungen, die Antisemiten wirksam bestrafen; durch das Schuldeingeständnis der Kirchen, mit-schuldig zu sein an dem Jahrhunderte dauernden tödlichen Antisemitismus  etc…

Aber doch bitte nicht durch Messen am 1. Januar, als dem neuen Festtag der Beschneidung des Herrn, also in Messen mit frommen Worten vor wenigen Gottesdienstbesuchern einen Tag nach Silvester…

Das ist doch lächerlich.

Der Kampf gegen den Antisemitismus auch in katholischen Kreisen muss doch wohl wirksamer gestaltet werden.

Das weiß der Autor wohl auch, trotzdem werden 2 lange schöne Druckseiten für ein in meiner Sicht satirisches Plädoyer verwendet. Diese Druckseiten hätte man mit wichtigeren Themen „füllen“ können, etwa mit einer Auseinandersetzung über das irritierende Motto des Weltjugendtages in Panama und den Einfluss des Opus Dei dabei oder mit einer klaren und endlich einmal objektiven Analysen auch zur spirituellen Gestalt von Rosa Luxemburg, um einmal Beispiele aus dem aktuellen Umfeld des Januar 2019 zu nennen…

Wenn schon wieder ein Fest der Beschneidung am 1. Januar, dann bitte auch mit Einbeziehung der muslimischen Mitbürger, die ja auch heute noch fleißig (und schmerzhaft) beschneiden, leider. Sozusagen als interreligiöses Beschneidungsfest, um einmal die Satire fortzuführen.

Gott sei Dank sagt der Autor selbst, dass Paulus absolut zurecht betonte: Für Christen aus den „heidnischen Völkern“ gibt es keine Beschneidung. Von daher löst sich der Vorschlag wieder in Wohlgefallen auf. Nebenbei: Vielleicht finden sich einige Katholiken, die sich aus Solidarität mit Juden und Muslims ehrenhalber beschneiden lassen…Vielleicht in einer gemeinsamen Beschneidungsfeier im Vatikan?

Die Satire will ich zu Ihrer Ermunterung gern fortführen:

Also: Das Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar sollte wieder den uralten Titel „Maria Reinigung“ erhalten. Auch dieser Titel wurde ja mit gutem Grund im Rahmen der Reformen des 2. Vatikanischen Konzils abgeschafft…. Nun sollte man allen Frauen, so die Satire,  doch wieder zeigen, dass Geburt etc. doch etwas „Schmutziges“ etc. ist. Das Fest unter dem alten „Reinigungstitel“ wäre vielleicht auch ein Beitrag gegen den Feminismus usw. Passt ja heute für die Fundamentalisten…

Und vor allem: das „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28.12. sollte aktuell als internationaler katholischer Trauertag der Erinnerung an die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gestaltet werden. Und das wäre schon kein satirischer Vorschlag mehr…

Der Phantasie zur Aktualisierung der katholischen Feste sind keine Grenzen gesetzt: Das Fest des heiligen Pater Pio könnte etwa als Gedenktag aller Priester gefeiert werden, die wie Pater Pio (Kapuziner) dumm und seelisch sehr angeschlagen waren (und sind), aber dann doch glaubhaft machten, Wunder wirken zu können und sich deswegen blutige Hände verschafften. Und das Volk, das an Gott nicht glauben kann, glaubt wenigstens an den Heiligen Scharlatan Pater Pio mit den Stigmata. Immerhin hat diese Scharlatanerie dem Kapuzinerorden und seinem Wohnort viel Geld eingebracht.

Vielleicht sollte auch das „Fest des heiligen Josefs des Arbeiters“ am 1. Mai wieder stärker doch das eigentlich Handwerkliche des heiligen Josefs akzentuieren: Selbst kleine Handwerksbetriebe bleiben unter dem Segen Gottes mit einem göttlichen Kind (Jesus).

Ich hatte übrigens zusammen mit dem protestantischen Theologie Professor Wilhelm Gräb, Berlin, das angekündigte Verbot der Beschneidungen (von Jungen) in Deutschland im Sommer 2012 damals verteidigt. Weil Menschenrechte nun einmal in unserem allgemeinen demokratischen Rechtsempfinden ÜBER religiösen Traditionen stehen und stehen müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn auch die Scharia oder das katholische Kirchenrecht in demokratischen Staaten Geltung hätten? (Das katholische Kirchenrecht hat diese Geltung ja manchmal immer noch aufgrund der Konkordate…) Leider haben die obersten Gerichte aus welchen (auch ungenannten) Gründen auch immer dieses Verbot der Beschneidung nicht eingesehen. Trotzdem gilt weiter: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Sondertraditionen, die sich fromme Menschen vor langer Zeit einmal ausgedacht haben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin