Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Aktualisiert am 8.10.2016: Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ein Beispiel: Das Thema „Die politische Theologie“ des obersten Glaubenschefs in Rom,Kardinal Müller, begegnet uns immer wieder. Diese Aspekte im Denken und Handeln Müllers werfen noch einmal ein Licht auf die von ihm so oft genannte Freundschaft mit dem peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez OP. Diese Freundschaft wird tausendmal beschworen. Sie bedeutet jedenfalls nicht, dass Müller irgendetwas von der Befreiungstheologie gelernt hat, wie die folgenden Informationen zeigen. Am 6. Oktober 2016 hat Kardinal Müller ausgerechnet bei einem Orden zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2016/17 gesprochen, der als erklärter Feind der Befreiungstheologie in Lateinamerika gilt: Bei den Legionären Christi, in deren Universität Regina Angelorum in Rom. Über diese Ordensgemeinschaft haben wir auf dieser website Vieles berichtet, auch über den verbrecherischen Ordensgründer, Pater Marcial Maciel, einen Vertrauten des heiligen Papstes  Johannes Paul II.

Aktualisiert am 1.10.2016: „Die Botschaft der Hoffnung“ wurde sinnvollerweise bei der Fürstin vorgestellt: Das neueste Buch (bei Herder erschienen) des obersten römischen Glaubenswächters Kardinal Gerhard Ludwig Müller erläuterten illustre Gäste wie Peter Gauweiler, Martin Mosebach und Henryk Broder in Müllers heimatlichem Gefilde, also in Regensburg. Georg Ratzinger, der berühmte „Bruder“ und einst oberster Domspatz, war auch noch dabei. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die Schloßherrin und Gastgeberin und Freundin des Herrn Kardinal, machte zur Begrüßung den gebotenen Hofknicks aus barocken Zeiten und küsste den anulus epicopi, also den Bischofsring, bevor sich der Hochadel und die Hochkirche und ihre feuilletonistischen Mitläufer den feinen Speisen hingaben. Ob sie dabei an die Armen in Peru dachten, gar an die letzten, von der römischen Glaubensbehörde nicht verfolgten Befreiungstheologen, ist nicht bekannt und in diesem erlesenen Rahmen eher unwahrscheinlich. Bekanntlich hat ja Kardinal Müller eine ganz intime Zuneigung zu den Armen in Peru, die er früher öfter besucht hat und dort Vorlesungen der klassischen europäischen Art den jungen Theologen dargeboten hat. Schon möglich, dass man etwas bei der Fürstin für die Armen in Peru gespendet hat, Spenden gehören sich ja so ein bißchen…(Weitere Informationen in „Christ und Welt“ vom 22.9.2016, Seite 2,Beitrag von Patrick Schwarz)

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Sodalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale), der Dialog mit den indigenen Religionen ist durch diese Gruppen sehr bedroht. Dagegen konnte (und wollte) der Freund des Peruaners Gutiérrez, also Kardinal Müller, offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutiérrez, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik? Alles spricht dafür, dass dort die alte europäische Schulbuchweisheit verbreitet wurde!

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Weihnachten – ein Fest der Menschenrechte

Das Weihnachtsfest hat einen einzigen Vorschlag den Menschen zu machen: Es ist das Fest der Menschenrechte. Nicht der ständig beschworenen, mißbrauchten Rede, dem Geschwätz, von Menschenrechten; mißbraucht gerade auch durch Demokratien.

Weihnachten ist das Fest der Menschenrechte, weil Gott bzw. das Göttliche, bzw. das absolut Wertvolle und das Unzerstörbare, an das selbst „Atheisten“ glauben, also anders gesagt: das bleibend Heilige in jedem Menschen lebt. Nur in dieser Hinsicht kann man sagen: Der Mensch ist – auch – göttlich, d.h. er hat einen göttlichen Funken, wie Meister Eckart sagte. Diese Erkenntnis könnte heilsam, inspirierend sein für die Menschen, nicht nur für religiöse; aber diese Erkenntnis wird erstickt und banalisiert in dem kommerziellen Weihnachts-Trubel der totalen Besinnungslosigkeit.

Weitere Überlegungen finden Sie in dem Interview mit dem prot. Theologen Wilhelm Gräb von der Humboldt-Universität Berlin. zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

Rechtsextreme Katholiken in Frankreich: Nach den Wahlen im Dezember 2015

Hinweise von Christian Modehn

Diese Hinweise werden am 21. 12. 2015 geschrieben, also 8 Tage nach der Zweiten, der entscheidenden Runde der Regionalwahlen in Frankreich. Es ist trotz ausführlicher Recherche bis jetzt nicht möglich, auf Untersuchungen („sondages“) zu stoßen, die das Wahlverhalten der Katholiken am 13.12. 2015 untersuchen. Die Sondages, etwa durch IFOP, wurden bislang immer im Verbindung mit katholischen Zeitschriften in Frankreich, wie „La Vie“, „Pèlerin“ oder „La Croix“ unternommen und in diesen Medien auch publiziert. Zum 2. Wahlgang fehlen unseres Wissens bisher diese Untersuchungen zum Wahl-Verhalten der Katholiken. Wir hoffen, diese Situation wird sich sehr bald ändern.

Es ist nicht auszuschließen, dass die genannten katholischen Zeitschriften kein Interesse haben und kein Geld mehr zur Verfügung stellen, um diese repräsentativen Wahlanalysen mit zu finanzieren. Das vermute ich bis jetzt, lasse mich gern eines besseren belehren durch Belege.

Meine Vermutung: Die nach dem 1. Wahlgang vom 6. Dezember 2015 ausführlich dokumentierte Nähe der Katholiken zur rechtsextremen Partei FN ist den katholischen Zeitschriften selbst und den im Hintergrund dieser treu-katholisch-offiziellen Blätter agierenden Bischöfen hoch peinlich.

Was sind die Tatsachen zum 1. Wahlgang am 6.12.2015?

54 % der Katholiken haben sich als Wähler an dieser Wahl beteiligt (hingegen nur 50 % der gesamten „Wählerschaft“). Von den praktizierenden Katholiken haben sogar 90 % gewählt. Als praktizierend gilt in der Religionssoziologie inzwischen eine Person, die wenigstens einmal im Monat (!) am Sonntagsgottesdienst teilnimmt. Vorbei also sind die Zeiten, wo als praktizierend nur jener galt, der wöchentlich an der Liturgie teilnimmt.

Zur Wahl am 6. 12.2015 selbst: 33 % der Katholiken wählen die so genannte gemäßigte Rechte (Les Republicains, UDI oder MoDem), im Landesdurchschnitt sind es nur 27 % für die so genannte gemäßigte Rechte.

32 % der Katholiken hingegen wählten sehr deutlich die rechtsradikale Partei Front National (FN), im Landesdurchschnitt sind es „nur“ 28,40 %!

Innerhalb der Katholiken, die sich als „praktizierend“, also als betend, das Evangelium hörend, die Worte von Papst Franziskus beachtend, bezeichnen, haben 24 % die rechtsradikale Partei FN gewählt, also fast jeder 4 so genannte betende und das Evangelium regelmäßig hörende Katholik wählt rechtsradikal. Das ist erstaunlich. Hängt das mit der Altersttruktur der Kirchgänger zusammen?

Im Falle der extrem hohen Anteile des FN, die im 1. Wahlgang zur Partei Nr 1 avanzierte, spricht man in demokratischen Kreisen von einer „Zerrüttung der französischen Gesellschaft“, die nicht nur sozialpolitisch, sondern wohl auch irgendwie geistig, im Sinne von orientierungslos, gemeint ist. Wenn jeder Vierte betende und fromme Lieder sonntags singende Katholik rechtsextrem wählt, ist dies eine Blamage für die Erfolglosigkeit der Verkündigung, der Predigt, der Belehrung zur unmenschlichen und unchristlichen Ausländerfeindlichkeit. Hinzukommt: Jeder vierte praktizierende Katholik lehnt auch die Regierungspolitik ab. Offenbar haben die katholisch-praktizierenden Frommen FN gewählt, weil sie die Lösung der Probleme der Einwanderung (auch der Flüchtlinge) und des Terrorismus eher bei dem FN erwarten. Jedenfalls sprechen Beobachter von einer Art Dammbruch im französischen Katholizismus. Man glaubt offenbar, dass die neue Führerin des FN, Marine Le Pen, ein bisschen seriöser sei als ihr ewig polterder antisemitischer Vater. Und man freut sich, dass die junge Marion Maréchal Le Pen (die Nichte von Marine L.P.) sich als ultra-brave, ultra-konservative Katholikin darstellt, die gern mal Wallfahrten nach Chartres macht.

Das Verhalten der französischen Bischöfe vor dem und nach dem 1. Wahlgang erstaunt um so mehr: Natürlich erwartet kein Katholik mehr bischöfliche Ermahnungen, welche Partei er denn zu wählen habe. Schon gar nicht in einer Republik, die auf die angeblich strikte Trennung von Kirche und Staat allen Wert legt. Dennoch wäre bei den gravierenden Ereignissen eines „FN-Durchbruchs“ und möglichen Sieges doch ein Wort der Bischöfe angebracht gewesen. Bei den großen Demonstrationen gegen die Homo-Ehe waren etliche katholische Bischöfe Frankreichs sozusagen an vorderster Front aktiv, als Propagandisten, Prediger, Mahner, sogar als Teilnehmer an den Demonstrationen. Die rechte, d.h. im bischöflichen Sinne richtige Sexualität ist den Herren der Kirche wichtiger als die Gefahr von Rechtsaußen. Wichtiger offenbar, als das Wohlergehen der Republik, könnte man beinahe denken. Denn nach dem 1. Wahlgang, also am 6. Dezember 2015, mit den enormen Erfolgen des Front National, fiel den Bischöfen nichts anderes ein, als in allgemeinen Worten für die Brüderlichkeit zu werben. Es gab keine einstimmige explizite Warnung vor dem FN. Natürlich, die meisten Wähler sind wohl nicht dumm, sie brauchen keine Wahlempfehlungen. Aber eine offizielle kritische Klarstellung hätte in dem Falle auch als Zeichen für die ganze Gesellschaft gut getan! Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass die französische Bischofskonferenz theologisch und religions-politisch tief gespalten ist, wobei die Fraktionen sich eigentlich nur zwischen konservativ und sehr konservativ aufteilen. Der Bischof von Fréjus-Toulon, Bischof Dominique Rey, Mitglied der Charismatischen Gemeinschaft „Emmanuel“, hatte es sich erlaubt, die Nichte der FN Führerin, also Marion Maréchal Le Pen, zur Sommerakademie 2015 in seinem Bistum als Referentin einzuladen. Dadurch wurde die FN unter Katholiken in Südfrankreich erneut „als normale Politikerin“ dargestellt. Gegen diese Einladung der FN Politikerin durch einen – bekanntermaßen theologisch reaktionären Bischof – hat sich kein anderer Bischof ausgesprochen. Bischof Rey ist u.a. dafür bekannt, dass er die merkwürdigsten neuen charismatischen oder fundamentalistischen Ordensgemeinschaften, selbst aus Brasilien, in seinem Bistum gern aufnimmt, etwa die „Missionare vom Meister Christus“, die „Bruderschaft des heiligen Josef, des Wächters“, die Salvisten usw…. Diese Priester predigen dann z.B., in Mönchskutten, so wird berichtet, an den Nacktstränden der Cote d Azur…

Aber zurück zur Wahl: Es ist nun ein Tatsache, dass die rechtsextreme Partei FN auch im Innern des Katholizismus „angekommen“ ist. Sie hat nach wie vor mehr als 6 Millionen Wähler. Auch wenn sie jetzt durch die Wahlen im 2. Durchgang eher repräsentativ geschwächt wurde, ihre „Stärke“ im „Volk“ ist nach wie vor eine Tatsache. Es sei denn, die PS und die anderen Parteien haben Erfolg, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren, die Gewalt in den Vorstädten zu besiegen, den Fremdenhass aus den Köpfen zu vertreiben, die Ressentiments auszulöschen, neuen Respekt vor den Fremden zu fördern, bessere und menschenwürdigere Wohnungen in der Banlieue zu schaffen usw. Diese not wendigen (!) Projekte werden in zwei Jahren nicht gelingen. Schließlich führt man hauptsächlich Krieg in Syrien und kümmert sich um die Notstandsgesetze.. Viele Jahrzehnte wurde eine Politik von den bürgerlichen Parteien betrieben, die zur Spaltung der Gesellschaft führte, die Fremdenhass als „geringes Übel“ zu ließ usw. So wird man sich also leider auf die FN als politische „Kraft“ einstellen müssen; es wäre viel gewonnen, wenn wenigstens die praktizierenden Katholiken nicht mehr FN wählen würden. Ein frommer Wunsch ist das.

 

Copyright: Christian Modehn

Gott wird Mensch: Wird der Mensch Gott? Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen zu Weihnachten 2015 an Professor Wilhelm Gräb:  Gott wird Mensch – Wird der Mensch Gott?

Die Fragen stellte Christian Modehn

Eine Deutung der Weihnachtsgeschichte heißt im Anschluss an das Johannes-Evangelium: „Gott wird Mensch in Jesus von Nazareth“. Wenn in dem Menschen Jesus aber Gott selbst lebt, dann betont das Johannes-Evangelium auch: Grundsätzlich lebt Gott in jedem Menschen, zum Beispiel „in jedem, der liebt“, wie der Autor sagt. Von dieser Deutung ist heute selten die Rede. Aber wäre sie nicht eine aktuelle Konsequenz der Weihnachtsgeschichte?

Für das Verständnis von Weihnachten wie überhaupt für die religiöse Gedankenwelt des Christentums ist die Auffassung von der Menschwerdung Gottes zentral. Die Theologie spricht zu Recht von einer vollständigen Revolutionierung des Gottesgedankens zu der es im Christentum gekommen ist. Sie besteht darin, dass Gott nicht mehr für eine alles beherrschende Macht steht, sondern für die subversive Kraft, die in den Schwachen mächtig ist.

Diese Revolutionierung des Gottesgedankens stellt die Symbolik des Weihnachtsfestes plastisch vor Augen: Das göttliche Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Dieses schwache, der Liebe bedürftige wie auch Liebe erweckende Kind ist der Gott, in dessen Anblick die Engel vom Frieden auf Erden singen.

Es ist wichtig, diese Rede von der Menschwerdung Gottes in ihrem symbolischen Sinn zu verstehen, nicht sie wörtlich zu nehmen. Dann legt sie die Rede von der Geburt Gottes auf dem Grunde der eigenen Seele nahe. Wir begegnen ihr zudem in der Ermahnung des Dichters Angelus Silesius (1624-1667): „Wär Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Dieses Wort des Mystikers nimmt dem Gedanken von der Menschwerdung Gottes das Äußerliche der Vorstellung. Es befreit von dem Missverständnis, als handele es sich dabei um eine historisches Geschehen, möglicherweise sogar datierbar als die Stunde null in der christlichen Zeitrechnung. Es geht an Weihnachten nicht um die Erinnerung an ein längst vergangenes Geschehen, sondern um dessen permanente Wiederholung – in jedem einzelnen Menschen.

Was wir an Weihnachten feiern, das ist der Einstieg in diese Verwandlung, die mit einem Menschen vorgeht, wenn er seiner Angewiesenheit auf Liebe und Zuwendung bewusst wird. Im Grunde unseres Daseins sind wir Menschen doch alle Empfangende, die, denen das Leben und alles, was sie zum Leben brauchen, geschenkt wurde. Letztlich ist es ganz und gar Gnade, leben zu dürfen, geliebt zu werden – und lieben zu können.

Im Grunde sind wir alle aus Gott geboren. Dann jedenfalls, sofern wir nur hoch genug von uns und der Bestimmung unseres Daseins denken. Wer einiger Selbstachtung fähig ist, wird sich schließlich nicht als ein peripheres Zufallsprodukt rein biologischer Evolutionsprozesse verstehen wollen.

So zeigt das göttliche Kind in der Krippe auf das, was mit uns allen vorgeht, wenn wir nur erkennen, wie sehr wir auf Liebe angewiesen sind und anderen, die darauf ebenso warten wie wir, Liebe geben können.

Wenn eine „göttliche Struktur“ in jedem Menschen angelegt ist, dann wird keine totale Gott-Mensch-Identität angedacht. Denn bei einer völligen Identität von Gott und Mensch würden beide als solche aufgelöst und verschwinden. Was könnte dann aber eine gewisse Vergöttlichung des Menschen als Menschen bedeuten? Könnte der absolute, der heilige Wert des Menschen gemeint sein?

Schauen wir auf das Kind in der Krippe, diesem Zeichen für die Menschwerdung Gottes, dann ist das Göttliche, das in jedem Menschen angelegt ist, gerade keine Struktur von Macht und Herrschaft. Dann ist „das Göttliche in uns allen“ vielmehr unsere Verletzlichkeit und Verwundbarkeit, unsere abgrundtiefe Bedürftigkeit, dass wir Nahrung, Kleidung, ein Zuhause, dass wir Liebe und Zuwendung brauchen.

Dann aber auch, dass jeder Mensch auf die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse einen Anspruch hat. Und das unabhängig von seinen nationalen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten. Jeder Mensch hat allein aufgrund seines Menschseins, dem diese göttliche Struktur des Angewiesenseins eingezeichnet ist, ein Recht auf die Inanspruchnahme der elementaren Menschenrechte.

Insofern könnte man auch sagen, Weihnachten ist als der Tag der Menschwerdung Gottes zugleich der Tag der Menschenrechte. Deshalb feiern wir Weihachten, weil Gott in jedem Wesen, das Menschenantlitz trägt, zur Welt kommt, alle Menschenkinder damit aber auch einen Anspruch auf Anerkennung ihrer unantastbaren Würde haben sowie auf Einhaltung der Rechte, die daraus folgen.

Können wir diese göttliche Dimension in einem jeden Menschen weiter konkretisieren und betonen: Darin ist eine Befähigung des Menschen ausgesagt, umfassend-friedlich zu leben. Der von Gottes Geist bewegte Mensch ist fähig, Gott als dem Friedensfürsten zu entsprechen. „Friedensfürst“ ist ja einer der Titel Gottes in der Weihnachtsgeschichte. Was bedeutet dieser „Titel“ Gottes gerade heute, praktisch und auch politisch?

Die weihnachtliche Revolutionierung des Gottesgedankens legt zugleich eine Basis dafür, dass Menschen zur friedlichen Lösung von Konflikten fähig sind. Denn sie verlangt, die Vorstellung aufzugeben, es käme es in erster Linie auf die an, die die Macht haben, es sei schließlich der Einsatz von Gewalt oder gar des Militärs eine Möglichkeit, Frieden zu schaffen. Wenn die göttliche Dimension im Menschen in seiner unendlichen Bedürftigkeit und seiner Angewiesenheit auf Liebe besteht, dann eröffnet sie ihm auch den Weg, den gehend er zum Frieden beitragen kann.

Das hat Konsequenzen, ganz konkret, aktuell auch in Gestalt des Protests gegen die Syrien-Politik Deutschlands und Europas. Es bedeutet, laut zu sagen, dass ein militärisches Eingreifen in Syrien der garantiert falsche Weg ist.

Ich wundere mich, dass die höchsten Repräsentanten der beiden großen Kirchen bislang zu diesem eklatanten politischen Fehlverhalten schweigen. Hoffentlich finden sie in ihren Weihnachtspredigten zu einem energisch mahnenden Wort. Wenn sie die Weihnachtsbotschaft von der Menschwerdung Gottes auch nur ansatzweise ernst nehmen, müssen sie es tun.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge: Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge

Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

Von Christian Modehn

Diese Hinweise bieten einige zentrale Aspekte meines Vortrags und der Diskussion. Das Thema „Leben wir in einer sich totalisierenden Schein-Welt“ bedarf noch weiterer Überlegungen.

Kürzlich sprachen Herr Baumeister, Leiter des schönen und empfehlenswerten Weingeschäftes „Sinnesfreude“ (Jonasstr. 32) und ich über ein neues gemeinsames Salon-Projekt. Und da fiel uns das Thema „Der reine Wein“ ein. Im Mittelalter schon galt die Forderung „Wir wollen uns reinen, d.h. unverfälschten Wein einschenken“, d.h. wir wollen uns nicht permanent belügen und etwas vorgaukeln. „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“, sagte in diesem Sinne der im Mittelalter noch geschätzte Apostel, genannt Paulus, im Epheserbrief des NT. Aber das nur am Rande.

Es gibt jetzt immer mehr Winzer, die, wie sie sagen, authentischen Wein produzieren, also nicht nur ökologisch sauberen, sondern auch nach alten Gebräuchen hinsichtlich der Platzierung der Weinstöcke, der handverlesenen Ernte usw.; sie produzieren reinen Wein von außergewöhnlichem Geschmack. Herr Baumeister ließ uns probieren, diesen reinen Wein aus dem Friaul.

Beginnen wir also mit der Frage nach dem „echten“ Wein: Was ist mit den Leuten, die im Supermarkt eine Flasche mit der Etikette „Chablis“ oder „Chateau Neuf du Pape“ für etwa 4 oder 5 Euro kaufen. Wir wissen, dass die genannten französischen Weinregionen als die besten gelten. Und im Ernst kann man eigentlich keine dort produzierte Flasche unter 18 Euro kaufen. Natürlich muss man auch dort den „großen Namen“ mitbezahlen…

Was ist aber los, wenn diese Leute mit ihrem 5 Euro-Chablis glücklich sind? Wenn sie glauben, es wäre tatsächlich ein Wein aus Chablis, es würde also kein Etikettenschwindel vorliegen? Diese Konsumenten, so werden Menschen in der Konsum/Geschäftswelt fixiert, werden wohl so lange Chablis für 5 Euro weiter trinken, als er ihnen schmeckt, vielleicht können sie gar keinen Vergleich mit echtem Chablis herstellen bzw. ihn sich finanziell nicht leisten. Und vor allem: So lange sie morgens, nach einer Flasche Supermarktwein, nicht mit Kopfschmerzen aufwachen, werden sie bei ihrem preiswerten Komsum, Genuss (?), bleiben.

Wenn sie aber erfahren, dass der billige „Chablis“ ein Verschnitt von anderen sauren Landweinen ist, werden sie sich betrogen fühlen und sich vielleicht anderem Wein zuwenden. Und den Betrüger des sauren „Chablis“ am liebsten bestrafen. Aber die Mixer und Panscher kennt fast niemand. Vielleicht der Großhändler? Also: Der Wein kam aus anderen Regionen, hatte bestenfalls Landwein Niveau, und wurde nur in der Nähe von Chablis abgefüllt… Den Täter, moralisch gesprochen: den Lügner, kann man also kaum greifen, zumindest nicht als kleiner und dumm gemachter Konsument…

Erst die Krise führt uns aus einer Scheinwelt heraus, lässt uns ahnen, dass es eine andere, wahre Welt eigentlich geben sollte.

Diese Art von Betrug und Erzeugung von Scheinwelten durch die Manipulation der großen Unternehmen ist nahezu uferlos. Solange der Konsum billig sein soll und als Wegwerfware produziert wird, werden wir dem Echten nicht mehr begegnen. Aber der Zweifel ist da: Die schöne Hose soll also „made in Italy“ sein? Das glaubt keiner mehr! Tatsächlich wurde sie z.B. in Bangladesh auf ausbeuterische Art unter kriminellen Methoden mit der miesesten Bezahlung zusammen geschneidert und in Italien mit dem Gütesiegel versehen. Jeder und jede kann da weitere Beispiele aus seinem Erleben finden.

Interessant ist ja, dass der Schein des Authentischen, des Echten, von den lügnerischen Produzenten unbedingt gewahrt werden soll. „Chablis“ muss auf der billigen Fusel-Flasche verstehen. Eine Flasche mit dem Etikett „Eine Mixtur von Landweinen aus Böhmen, Ungarn und Rumänien“ (nichts gegen diese Länder!) würde wohl niemand kaufen. Oder doch? Und eine Hose, eine Bluse, was auch immer, mit dem Vermerk „Made in Bangladesh“ würde man auch so schnell kein Mensch kaufen. Da steckt zudem ein gewisser Rassismus dahinter: Kann aus diesem „armen“ Land des Elends Gutes kommen? Oder ein ethisches Bewusstsein meldet sich zaghaft, aber folgenlos: „Mein Gott, da werden ja Frauen ausgebeutet….“ Das heißt: Die Authentizität, das Wahre, wird als Bezugspunkt von Produzenten und Konsumenten als Ideal vorausgesetzt. Sie, die Betrüger, und wir, die Konsumenten, wollen eigentlich das Wahre und Echte, heißt die philosophische Erkenntnis. Wir können uns nur nicht an das Wahre und Echte in der Lebenspraxis halten, weil wir alles möglichst billig wollen, bequem, vielleicht wollen wir sogar belogen werden? In jedem Fall ist Authentizität, wenn man das schwierige Wort verwenden will, nicht der oberste und erste absolut zu respektierende „Wert“ für die meisten. Sondern Sparsamkeit und Bequemlichkeit….

Philosophisch könnte man ja die gesamte uns begegnende Wirklichkeit als Erscheinung, als Phänomen, ansprechen. Da zeigen sich die Dinge, die Phänomene nun genannt, von sich aus, so wie sie sind. Und wir können mit kritischer Reflexion diese echte Erscheinung als solche auch annähernd erkennen, zumindest den schön genannten Schein als Lüge entlarven.

Aus den Phänomen, den Erscheinungen, kann schnell der Schein werden, der so genannte  schöne Schein, der von Menschen in Gang gesetzte manipulative Eingriff in die Gestalt der Erscheinungen, der „Dinge“. Dann wird daraus der Schein, die Lüge. Diese aber erkennt man nicht sofort, weil man ja ohne eine elementare Form von Glauben nicht leben kann, etwa, indem man sich sagt: „So wird es schon sein, was der oder die da sagt“. Oder: „Diese Flasche wird schon Chablis sein“ usw. Wenn wir prinzipiell jede Äußerung, jede „Erscheinung“, exakt auf die Echtheit hin überprüfen würden, dann könnten wir gar nicht mehr leben, wir hätten nur noch damit zu tun, unsere Skepsis zu falsifizieren usw. Wir müssen also förmlich auch in der Konsumwelt an die Konsumwelt „glauben“, d.h. ihr vertrauen.

Dieses Verhalten prägt uns aber auf Dauer,verdirbt förmlich den Charakter, man macht es sich in der Scheinwelt bequem: Ich will hier an Thomas Bernhard erinnern:, an seinen großen Roman „Holzfällen“ von 1984. Der Ich-Erzähler schildert darin seine Eindrücke von einem Abendessen in Wien, bei einem Ehepaar, mit dem er einst befreundet war, den „Auersperger“. Er beschreibt, wie verlogen, wie nicht-authentisch, die Gastgeber sind: „Den Anschein von allem haben sich diese Leute immer gegeben, wirklich gewesen sind sie nichts. Diese Leute haben keine Existenz, sondern nur eine nachempfundene Existenz“. Aber die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Gastgeber. Der Icherzähler ist selbstkritisch genug, er sagt von sich selbst: „Ich habe allen alles immer nur vorgespielt, ich habe mein ganzes Leben nur gespielt und vorgespielt, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, ich lebe kein tatsächliches, kein wirkliches, ich lebe und existiere nur ein vorgespieltes Leben, ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gehabt, niemals ein tatsächliches, wirkliches, sagte ich mir, und ich trieb diese Vorstellung soweit, dass ich schließlich an diese Vorstellung glaubte“ (zit. aus „Thomas Bernhard, Eine Biografie. Von Manfred Mittermayer, Wien-Salzburg 2015, Seite 372 f.). Einen Menschen erwähnt Thomas Bernhard als einen authentischen, wahrhaftigen Menschen, die Dichterin Ingeborg Bachmann: „In jeder Zeile, die sie schreibt, ist sie ganz, ist alles aus ihr“ (ebd. S. 409).

Das ist wieder die Sehnsucht: Ein authentischer Mensch möchte ich eigentlich sein…Kann ich aber in dieser mich selbst schon völlig umfassenden Scheinwelt selbst noch ein echter Mensch sein? Wo udn wer ist eigentlich mein Selbst? Wer bin ich eigentlich bei der Vielzahl der Funktionen und Rollen, die ich im Laufe eines Tages spiele und wohl auch spielen muss. Ist meine eigene Mitte nur noch das Bewusstsein, dass ich viele Rollen spiele und diese jeweiligen Rollen transzendiere? Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder dem anderen seinen subjektiven Eindruck von der Wahrheit des anderen direkt sagen würde? Könnten wir das ertragen? Gäbe es dann Gewalt-Exzesse als Ausdruck des Beleidigtseins oder wäre man einander dankbar, dass die Lügerei mit Notlügen und das Schöngetue und die Ausreden usw. ein Ende haben? Andererseits: Kann meine Meinung über eine Person ja auch nach einem Monat wieder eine andere Meinung sein? Wie geht man dann gesprächsweise mit der neuen „Wahrheit“ um? Ist, anders gesagt, nicht auch die Lügerei, das Schöngetue, die Ausrede, eine Rettung vor allzu viel Verwirrung?

Philosophen waren da anderer Meinung. Im Christentum, etwa durch Augustinus, galt die Überzeugung: Lüge ist in jedem Fall böse. Die Begründung ist metaphysisch: Denn Gott hat bekanntlich die Welt allein durch sein Wort geschaffen. So schafft die Lüge als Wort auch eine gewisse neue Welt, die Welt der Lüge. Da werden plötzlich neue Zusammenhänge gestiftet, alte Überzeugungen geraten in Unordnung usw. Bekanntlich wird der Teufel der Fürst der Lüge genannt. In der Lüge findet also eine Art neue Weltschöpfung durch Menschen statt. Und das ist eine Lästerung Gottes.

Erst bei dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gab es dann eine größere Toleranz für die Lüge: Es wurden Abstufungen der Lüge eingeführt.

Selbst die Notlüge wollte Kant in seiner Ethik nicht zulassen. Er konnte die Lüge auch als Ausnahme nicht gelten lassen. Denn wenn sie möglicherweise üblich wird, dann gerät alles Wirkliche ins Wanken. Denn es kann ja sein, dass ich mit meiner Notlüge einen anderen Menschen schütze, der es nicht verdient hat und der selbst mich noch belügt. Allerdings sah Kant nicht, dass es wirklich schützenswerte Personen gibt, die nur durch Notlügen gerettet werden. Aber Kant bleibt dabei: Nur die absolute Abwehr der Lüge schafft ein menschliches Klima der Wahrhaftigkeit und des Echten.

Anders dachte der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch das kann hier wieder angedeutet werden: Er neigte dazu, die gesamte Wirklichkeitserfahrung als Schein und als Lüge zu interpretieren. Nietzsche hat gegen die übliche Wahrheitserkenntnis (=Phänomene als solche erkennen) gekämpft, er sagte: „Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr ist als Schein“ (Nietzsche Handbuch S. 258). Alle unsere Erkenntnisse sind für ihn auf Schein bezogen. Schein ist das Lebendige überhaupt. (Aber er behauptet diesen Satz dann doch als Wahrheit und gerät damit in einen Selbstwiderspruch).

Nietzsches Philosophie ist der Versuch, die umfassende Kritik als Zweifel auch auf die Vernunft anzuwenden. Was die Vernunft zeigt, das Gute und das Wahre etwa, ist für ihn nur eine Form der Lüge, des Falschen. Es gibt eigentlich nur Irrtümer, nur Lügen, „die Irrtümlichkeit der Welt ist das Sicherste und Festeste“ (in Nietzsche Handbuch S. 258). Man handelt moralisch, sagt also die übliche Wahrheit, nicht etwa, weil es die Vernunft gebietet, sondern weil es bequemer ist, sich dieser Wahrheit als der allgemein vorherrschenden Lüge anzuschließen. Der grundlegende Impuls alles Menschlichen ist für Nietzsche die eigene Machterweiterung. Jede moralische Handlung folgt entweder der Gewohnheit oder der Berechnung, „davon selbst etwas in Besitz zu nehmen“. Eine private Lüge auf Dauer zu verteidigen, erfordert zu viel Aufwand. „Wir lieben die Wahrheit also nur, weil wir für die Lüge zu träge sind“. Wer eine Lüge erfindet, muss zu ihrer Plausibilität 20 andere dazu erfinden). (vgl. Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche, 1992, S. 125, und Nietzshce, „Menschliches Allzumenschliches, Nr. 54)..

Aber indem Nietzsche doch noch von Schein als solchem sprechen konnte, wurde doch deutlich, dass auch er in seiner Vernunft über die angeblich absolute Scheinwelt hinausgelangt war. Eine totale Bindung in einer Schein-Welt gibt es also nicht.

Das ist auch politisch von höchster Bedeutung. Wir leben in einer Welt, selbst in den so genannten Demokratien des Westens, in denen der schöne Schein uns von allen Seiten, durch die Medien, eingeredet wird. Das ist eine Tatsache, die evident ist, auch wenn sie jetzt von rechtsextremen Kreisen aus ganz anderen Motiven hoch gepuscht wird. Wenn die US-Amerikaner etwa Libyen von der Diktatur befreien wollten, sagten sie das nach außen, zum Schein: Der Diktator muss weg. Entscheidend war die (falsche) Erwartung, danach ganz leicht an das libysche Erdöl „heranzukommen“. Warum hat denn der George W. Bush den Irak-Krieg gegen alle Vernunft und gegen alle internationalen Verabredungen angefangen? Weil er …. ja weil er das Öl und den Einfluss in der Nachbarschaft vom Iran haben wollte. Dies alles ist tausendfach von den seriösesten Politologen beschrieben worden: In jedem Fall: Auch die „Demokratien“ erzeugen allzu oft und aus diplomatischen Gründen immer mehr den schönen Schein und versuchen die Bürger für blöd zu erklären. Was ihnen sehr oft ja gelingt.

Aber immer wieder passiert es or allem unter extremen Bedingungen, dass die Bürger genug vom lügenhaften Verhalten der Herrscher haben. Sie wollten „In der Wahrheit leben“, wie ein Buch des großen Intellektuellen, des tschechischen Politikers Vaclav Havel, heißt. Diese Menschen in Prag hatten genug von den staatlichen Lügen der Kommunisten, von dem Gerede vom Sieg und vom Glanz des Sozialismus. Sie durchschauten diese perfide Welt des Scheins. Die Lügner-Politiker, die sich Sozialisten nannten, mussten also entfernt werden, durch die samtene Revolution in Prag gelang es. Havel wurde zu einem der Initiatoren der „Charta 77“: Und „Havel wurde zu einem ihrer Sprecher. Das Dokument forderte die Einhaltung der Menschenrechte und der bürgerlichen Grundfreiheiten. Die Charta 77 pochte dabei lediglich darauf, die geltenden Gesetze zu respektieren. Die Unterzeichner nahmen die Regierenden beim Wort und entlarvten so das formale Rechtssystem als bloßen Schein. Sie demaskierten den Unrechtsstaat. Sie zeigten mit dem ausgestreckten Finger auf des Kaisers neue Kleider und riefen: „Der Kaiser ist nackt.“ (So ein Radiobeitrag des Tschechischen Maria Hammerich-Maier. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-in-wahrheit)

Wer gegen den schönen falschen Schein politisch kämpft, macht sich das Leben schwer: „Hunderte Bürger unterzeichneten die „Charta 77“. Sie nahmen dafür den Verlust des Arbeitsplatzes in Kauf, wurden schikaniert, ihre Familien verfolgt. Václav Havel verbrachte über vier Jahre hinter Gittern. Ein greifbarer Erfolg der Charta 77 war nicht in Sicht, doch die Bürgerrechtler gaben sich nicht geschlagen“. (ebd.)

So bleibt in jedem Fall die Sehnsucht nach der wahren Erscheinung, der Befreiung von falschem Schein, diese Sehnsucht ist nicht klein zu kriegen.

Alle politischen, ökonomischen und aus Verbraucherkreisen stammenden Widerstandsbewegungen leben von der Erkenntnis: Der Schein beherrscht uns, er ist Lüge. „Wir wollen die wahre Erscheinung. Das Echte“. Man analysiere unter dieser Rücksicht die Reden von Politikern, etwa die Reden der rechtsextremen Marine Le Pen, wie sie von Frankreich, Nation, von Wiederherstellung der Identität, von Republik usw. spricht. Ich will hier auf den ungewöhnlich großen Wahlerfolg der Partei Front National in diesen Tagen hinweisen. In der Pariser Tageszeitung Le Monde, Ausgabe vom 9. Dezember 2015, Seite 16, heißt es: „Von einer Wahl zur anderen hatte die Partei Front National Erfolg mit ihrer „Aktion Verschleierung, Tarnung“, camouflage“ heißt es im Text. Diese Strategie hat das Ziel, sich als normalisierte Partei darzustellen, verjüngt lächelnd… als Partei mit einem extremistischen Programm“. Die meisten Menschen können diesen schönen Schein nicht ertragen.

Man könnte auch von Religionen und kirchlichen Institutionen sprechen, die auch den schönen Schein erzeugen, etwa heilige Menschen als Vorbilder hinstellen, wie etwa im Falle des angeblich stigmatisierten Paters Pio in Italien. Oder denken wir daran, wie noch Papst Johannes Paul II. den pädophilen Verbrecher und Erbschleicher und Drogenkonsumenten, den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, als Vorbild der Jugend öffentlich lobte und pries. Oder man denke an den Luxus so vieler Kardinäle im Vatikan, die so gern über Bescheidenheit predigen und sogar noch um Spenden bitten für den Vatikan („Peterspfennig), man denke also all diese religiösen Scheinwelten, an die sich Gott sei Dank immer weniger halten, sie wurden jetzt wieder von dem großartigen Journalisten Gianluigi Nuzzi dokumentiert: Nur mit Skepsis und mit kritischem Bewusstsein kann ein frommer Mensch heute noch den falschen Schein in den Religionen und großen machtvollen Kirchen-Bürokratien von den wenigen echten Lehren unterscheiden! Und sich seine eigene, einfache Spiritualität förmlich zusammenfügen.

Das Thema wird noch brisanter: Es geht um den immer stärkeren Trend, echte Erscheinung und falschen Schein zu verwischen, frisierte Fiktion und Realität ins Schwimmen zu bringen, Nebel zu erzeugen. Wir wissen alle, dass für Kinder und Jugendliche die brutalen Computer-Spiele eine enorme Attraktivität haben. In dem Computerspiel „Gran Theft Auto“ kann der imaginäre Beifahrer eines Autos, also das Kind, „einfach so“ reihenweise die Leute am Straßenrand abknallen. Das ist eine imaginäre Welt, in der es Spaß macht, von einem gemütlichen Stuhl aus per Computer die halbe Welt zu erschießen. Nach diesen beliebten Spiele-Vorlagen inszeniert der Islamische Staat seine technisch gutgemachten Terror-Videos, die per Internet verbreitet sind. Wer diese realen IS-Videos anschaut, so versichern uns kompetente Medienwissenschaftler, der glaubt sich in der Spielwelt, der Scheinwelt, von „Grand Theft Auto“ zu befinden. Tatsächlich aber sieht er Bilder aus der realen Welt, der echten Erscheinungen, Phänomene, in Syrien und anderswo. Man betrachtet Enthauptungen, und weiß nicht: Ist das jetzt spielerische Scheinwelt oder ist es der raffiniert technisch gemachte IS-Werbe-Film. Die Exekutionen des IS aus diesen Propaganda-Filmen sehen nicht real aus, heißt es in einem Bericht des „Tagesspiegel“ vom 8. Dez. 2015, Seite 3, sondern man glaubt in einem spielerischen Film zu sein. Wer das spielerische Töten mag, ist wohl auch motiviert, die Seite zu wechseln, und das reale Töten aufseiten des IS zu praktizieren. Das sind die grausamen Konsequenzen, wenn Scheinbares und Erscheinung, also Realität, in einander fließend übergehen. Wie durch Gewöhnung an den schönen spielerischen Schein auch die Bereitschaft wächst, die Tötungen real zu vollziehen. Denn die Werbefilme des IS zeigen etwa Mörder, die sich eine kleine Kamera vor den Bauch schallen und ihr Abschlachten life drehen und dann ins Netz stellen, zum Nachspielen förmlich. Die gängige Qualifizierung dieser widerwärtigen Mordfilme, ob spielerisch oder real, ist COOL.

Die Klarheit wiederzugewinnen, was ist Erscheinung, also Realität, und was ist Schein, was ist Machwerk, also Lüge: Das ist der Sinn unserer Veranstaltung. Objektiv gesehen, ist der angeblich schöne Schein nicht wahr, auch wenn er sich schön frisiert. Wir müssen zur skeptischen Haltung finden und uns untereinander in der Skepsis, jeder von anderen Einsichten aus, bestärken, nicht auf die Lügen reinzufallen und selbst das Schönreden und Lügen zu beenden.

Aber aus dieser Doppelstruktur von Erscheinung und Schein werden wir uns als einzelne nie ganz befreien können. Ich deutete an, dass wir manchmal förmlich gezwungen sind, im Schein zu leben oder scheinbar zu leben. Retten und helfen kann dann nur allein das Wissen, dass wir im Scheinbaren uns aufhalten … um dann zur Erscheinung, als der Realität, wieder zurückzukommen.

Andererseits: Wir können nie total „ganz“ und eindeutig leben. Aber wir sollten danach streben, da ist ja unsere tiefe Sehnsucht nach einem echten Leben. Aber es gilt, diese existentiale Doppelbödigkeit anzuerkennen, dies ist auch eine Form, gegen den Wahrheitswahn vorzugehen als Form des Fundamentalismus. Der da meint, immer und überall richtig zu handeln, voll in „der“ Wahrheit zu sein.

Darum ist der Spruch von Adorno auch problematisch, ich möchte sagen, falsch, wenn er sagt: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“. Es gibt so viele wahre Menschen, die in einem falschen System doch wahr geblieben sind, etwa Vaclav Havel. Und es gibt so viele Menschen, die lieber reinen Wein trinken als gepanschten, weil sie die kritische Unterscheidungsgabe bewahrt haben und lieber weniger echten Wein trinken als oft den preiswerten schlechten Wein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Gespräche über eine heute wieder propagierte Alternative.

Bitte die Terminveränderung beachten: Nicht am 29., sondern schon am 22. 1. 2016 findet der nächste Salon statt.

Am Freitag, den 22. Januar 2016 findet der nächste Religionsphilosophische Salon statt, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, in Wilmersdorf. Dazu herzliche Einladung.

Das Thema: Ist Sicherheit wichtiger als Freiheit? Gespräche über eine heute wieder propagierte Alternative.

Es geht nicht nur um die Frage der Vorrangstellung von Freiheit oder Sicherheit im aktuellen politischen Zusammenleben. Es geht auch um die philosophische Frage: Welchen Stellenwert sollten Sicherheit und Freiheit im eigenen Leben haben? Sind wir „Sicherheitsttypen“? Kann Sicherheit die eigene Angst überwinden? Wo zeigt sich Sicherheit als Grundwert in religiösen Institutionen. Gibt es Religionen, die vor allem Sicherheit predigen und solche, die individuelle Freiheit über alles stellen? Könnte eine umfassende Ordnung von Freiheit für alle das Sicherheitsbedürfnis hinfällig machen?

Dazu philosophische und theologische Texte.

Anmeldungen wegen der begrenzten Anzahl vom Plätzen bitte an: christian.modehn@berlin.de

Unkosten für die Raummiete: 5 Euro.

 

 

 

Edith Piaf zum 100. Geburtstag – Ein Hinweis auf ihre Spiritualität

Edith Piaf – ein Hinweis auf ihre Spiritualität.  Jetzt ist sie kirchlich „rehabilitiert“.
Anlässlich ihres 100. Geburtstages am 19. Dezember 2015 veröffentlichen wir noch einmal unseren Beitrag anläßlich ihres 50. Todestages am 10. Oktober 2013.
Von Christian Modehn

(Siehe auch das in der Zeitschrift LA VIE (Paris) (10.10.2023) publizierte Interview über die Spiritualität Edith Piafs (siehe unten).

1.

Das Leben der Edith Piaf erscheint zerrissen und widersprüchlich, verloren in der Sucht, voller Begehren und Suchen nach Anerkennung und Liebe. In dieser Spannung entstanden ihre Lieder. Singen war sozusagen ihr Lebenselixier. Und – sicher – ihr Gottesdienst! Der hatte eine Botschaft: Die LIEBE.

2.

Als sie verstorben war, weigerte sich die Kirche, Edith Piaf kirchlich zu bestatten; sie galt als öffentliche Sünderin, wie damals die Papst-Zeitung „Osservatore Romano“ schrieb. Denn sie führte eine „vie tumulteuse“, wie man sagte, also ein tobendes, lärmendes, also ein wenig kirchlich-„seriöses“ Leben. Zudem kam eine kirchliche Bestattung nicht in Frage, weil sie doch als Geschiedene noch einmal geheiratet hatte. Mit dem immer noch ungelösten römischen Problem der „Wiederverheiratet Geschiedenen“ hatte also „la Mome“, wie man sie liebevoll nannte, also die Göre, Edith Piaf, schon zu tun.

3.

Edith Piaf wurde in der katholischen Gemeinde Saint Jean Baptiste im populären Pariser Bezirk Belleville (19. Arrondissement) getauft. Heute besinnt sich die Gemeinde auf ihr prominentes Gemeindemitglied und veranstaltet zu Ehren von Edith Piaf – zusammen mit anderen kulturellen Associations (auch Pfarreien sind in Frankreich rechtlich gesehen „Vereine“!) ein großes Spektakel vor der Kirche, sogar ein Bischof kam 2013, um für Edith Piaf eine Totenmesse, ein Requiem, zu feiern. Und man organisierte eine Art Prozession zum Friedhof „Père Lachaise“. Zu einem Bericht in der Tageszeitung La Croix 2013 klicken Sie hier.

4.

Man stelle sich einmal vor, die Kirche hätte sich schon zu Lebzeiten etwas freundlicher zu Edith Piaf verhalten, ihre Lieder geschätzt. Die Kirche hätte entdeckt, wie viel Spiritualität eine so genannte „weltliche Sängerin“ bezeugen und „verbreiten“ kann. So aber zeigte sie sich dogmatisch verbissen, stur und zu borniert…, um Piafs Chansons, diese Poesie der Liebe, zu schätzen. Die Kirche ignorierte, dass Edith Piaf eine Spiritualität in ihren Chansons verbreitete, die wirklich die Menschen, Tausende,  begeisterte. Sehr viel mehr als die traditionellen Songs in einer Kirche, die ihre Messen in lateinischer Sprache las.

5.
Unbekannt – zumindest in Deutschland – ist Edith Piafs tiefe Verbundenheit mit einer volkstümlichen Form des katholischen Glaubens, vor allem ihre Verehrung der Jungfrau Maria sowie der hl. Bernadette Soubirous (dem sogen. Seherkind in Lourdes) und der heiligen Theresia von Lisieux. Nach Lourdes und Lisieux unternahm Edith Piaf  (diskret) regelmäßig Wallfahrten. Wer sie verstehen will, sollte auch diese – für aufgeklärte Geister – merkwürdige Form der Spiritualität kennen…Aber sie lebte eine selbstverständlich zu respektierende, individuelle Spiritualität!
Viele weitere Details bietet das Buch von Hugues Vassal, „Dans les pas de Edith Piaf“, im Verlag „Les Trois Orangers“. Vassal hat 7 Jahre als Fotograph in ständiger Verbundenheit mit Edith Piaf gelebt. Er kennt ihre Spiritualität aus unmittelbarem Erleben und berichtet, wie die Sängerin tägliche Gebetszeiten hatte, wie sie oft auf Knien das Abendgebet sprach. Vasal nennt Piaf „sehr gläubig“, aber auch naiv, vielleicht von kindlicher Schlichtheit. Nach dem Tod von Marcel Cerdan, einem ihrer Geliebten, wandte sie sich auch – kurzfristig – esoterischen Geheimlehren zu, in der Hoffnung, auf diese Weise mit dem Verstorbenen wieder in Kontakt zu kommen. So zeigt sich, wie eine traditionell Fromme sich doch aus „auswählend“ anderen Lehren zuwendet. Die heute viel besprochene „Mischreligion“ in EINER Person gab es schon vor etlichen Jahren…
Ihr religiöses Interesse ist sicher fundiert in der eigenen „Heilungserfahrung“, die sie als Kind in Lisieux erlebte: Sie wurde dort von der Blindheit befreit. Ihre Großmutter, eine „Puffmutter“ in der Normandie, hatte sie an nach Lisieux begleitet! Vasal berichtet weiter, dass Edith Piaf auch großes Interesse an den Arbeiten des Jesuiten und Naturforschers Teilhard de Chardin hatte. Als Anthropologe hatte er versucht, die klassischen Kirchenlehren mit den Konzepten der Evolution zu versöhnen (und war dabei auf den erbitterten Widerstand des Papstes gestoßen).

6.

Edith Piaf, so Vasal, fühlte sich vom christlichen Glauben getragen; er war ihre inspirierende Quelle, auch für ihren Umgang mit dem eigenen Tod: Den sie nicht fürchtete, sondern als „Befreiung zum wahren Leben“ im Himmel deutete. Piafs Spiritualität, so Vasal, war eine des Herzens, des Gemüts, nicht der (analysierenden, kritischen) Vernunft.
In ihrem eher freizügigen Lebensstil war Edith Piaf sicher nicht das Urbild einer Heiligen. Dennoch bezieht sich die katholische Kirche Frankreichs heute deutlicher als früher auf sie. Das kirchliche Fernsehprogramm „Jour du Seigneur“ (Antenne 2) hat jetzt einen Film zum Thema „Edith Piaf und die Spiritualität“ realisiert. Die Autorin des Films, Marie – Christine Gambart, erwähnt, wie ihr bei der Recherche Piaf Fans erklärten: Piafs Musik sei für sie wie eine Messe; ein Pfarrer lobte die spirituelle Aura dieser beliebten Sängerin.
Vielleicht wäre es einmal ein Thema: Man sollte einmal ihre Lieder spirituell untersuchen, etwa „Mon Dieu“.
Und das „Heiligtum“ der heiligen Thérèse von Lisieux weist jetzt auf seiner Website auf die Pilgerin Edith Piaf hin.

Copyright: Christian Modehn

Noch ein Literaturhinweis:
Auch Jacqueline CARTIER hat ein Buch zum Thema veröffentlicht, „ Édith et Thérèse“. Editions Anne Carrière, 1999, 652 Seiten.

……….

À l’occasion du 60e anniversaire de la disparition de la chanteuse, le 10 octobre 1963, Pierre Fesquet publie « Piaf, Un cri vers Dieu », vibrant récit retraçant l’itinéraire spirituel de celle qui avait une grande dévotion pour sainte Thérèse de Lisieux.
Publié le 10/10/2023 à 05h54, mis à jour le 10/10/2023 à 05h54 • Lecture 5 min.

Tout commence le 19 août 1919, lorsqu’Édith Piaf se rend sur la tombe de Thérèse, à Lisieux…

La petite Édith a alors 4 ans et a perdu presque entièrement la vue, suite à une kératite aiguë mal soignée. Sa grand-mère, une femme de foi, chez qui elle vit ( elle tient une maison close) l’emmène sur la tombe de Thérèse de Lisieux pour demander sa guérison. Sur place, Édith dira à Thérèse : « Rends-moi les yeux, j’ai hâte de te voir. » Le 25 août, la petite fille retrouve la vue miraculeusement…. La rencontre d’Édith Piaf avec le Christ, avec la foi, date donc de là. Elle dira d’ailleurs que si avant elle vivait dans les ténèbres, sa maladie lui avait permis de développer son sens artistique, une espèce de troisième sens, une « double vue ». En cela, elle a aussi rendu grâce au Ciel d’avoir eu ce handicap oculaire.

Dès lors, sa relation avec sainte Thérèse ne fera que croître…

Piaf se met de façon absolue sous son patronage et ce lien durera toute sa vie. Elle a sur sa table de nuit et dans ses bagages Histoire d’une âme. Les compagnons et amants qu’elle aura attesteront que, tous les soirs, elle faisait sa prière à genoux au pied de son lit, et qu’elle s’adressait à la sainte.

Piaf a d’ailleurs emmené son grand amour, Marcel Cerdan, à Lisieux où il retrouva la foi et une vie de prière grâce à elle ! Aussi, un jour, alors qu’ils se trouvaient tous les deux aux États-Unis, Piaf a confié Marcel à sainte Thérèse, pour qu’il gagne un match de boxe décisif. Alors qu’elle priait, un des Compagnons de la chanson qui se trouvait à ses côtés lui dit : « Tu as cassé ta bouteille de parfum, ce n’est pas possible ! » Ce à quoi elle répondit : « Mécréant je suis en train de prier, c’est la petite Thérèse qui me répond par cette odeur de rose ! » Ce jour-là, Marcel Cerdan fut sacré champion du monde.

Aussi, Piaf (qui disait de sa robe noire qu’elle était comme le voile noir de Thérèse) avait toujours en coulisse une petite statue de la sainte qui l’accompagnait partout. Et avant d’avoir une croix autour de son cou, elle portait une médaille de Thérèse qu’elle embrassait avant d’entrer en scène. Autre anecdote : à l’âge de 10 ans, année de la canonisation de Thérèse, elle a fait une fugue pour rejoindre Lisieux, à l’autre bout de la France. En voyant Thérèse dans sa châsse, elle a dit : « Ce jour-là, j’ai compris ce qu’était la vraie gloire, ce qui m’a évité par la suite de croire en la mienne. »

Comment définiriez-vous sa spiritualité ?

Elle avait la foi du charbonnier, une foi très populaire et pleine d’abandon. Un jour alors qu’elle était très malade, elle est allée sur scène malgré les remontrances de son père. Ce dernier l’a vue prier dans sa loge et repartir ragaillardie en disant : « Je vais les pêcher comme Thérèse pêche les âmes. » Charles Dumont qui a composé Non, je ne regrette rien, m’a confié qu’à la fin de sa vie, alors qu’elle était percluse de rhumatismes, elle embrassait le sol à chaque concert et faisait un signe de croix avant d’entrer sur scène. L’avant-veille de sa mort, son infirmière l’a vue se mettre à genoux au pied de son lit, avec ces paroles aux lèvres : « Cher petit Jésus… »

Au quotidien, si elle priait beaucoup et aimait se rendre dans les églises, elle ne pratiquait pas toujours. Du début jusqu’à la fin de sa vie, l’Église institution l’a rejetée. D’abord à l’école de Bernay (Eure), où on l’appelait « la fille de la maison du diable » puisqu’elle vivait au sein d’une maison close. À la demande des familles, le curé prit la décision de renvoyer Édith, pourtant si heureuse d’avoir retrouvé la vue et de pouvoir enfin apprendre comme les autres… À sa mort ensuite, Piaf n’aura pas d’obsèques religieuses, du fait d’une « situation irrégulière », comprenez « une vie dissolue ».

Il faut ajouter à ce triste constat une jolie histoire : des années auparavant, un prêtre marseillais ayant perdu toute joie de vivre et le sens de sa vocation partit se suicider. Mais au moment fatidique, il entendit une chanson de Piaf. Sa voix lui redonna raison, espérance et foi. Ils se rencontrèrent plus tard. Quand le 11 octobre 1963 (au lendemain du décès d’Édith Piaf, ndlr), ce prêtre comprit qu’aucune messe ne serait célébrée pour elle, il se rendit dans l’appartement parisien de l’artiste, dormit trois jours sur le canapé de l’entrée et pria près du corps.

Piaf a eu beaucoup d’épreuves dans sa vie. A-t-elle toujours gardé foi en Dieu ?

À la mort de Marcel Cerdan elle était désespérée : on fermait les fenêtres pour éviter qu’elle ne saute. C’est un prêtre italien de l’église Saint-Vincent-de-Paul de New York qui la sauvera du désespoir. Elle a donc eu des moments de doutes et simultanément pouvait dire : « Plus on a de souffrance, plus on a de joie », ou : « Mes peines, je remercie Dieu tous les jours de me les avoir données, ça me permet de goûter beaucoup de choses. »

Aurait-elle eu le même feu sur scène et la même existence pétrie d’espérance si elle n’avait pas eu la foi ?

Je ne crois pas. Sa foi était dans sa voix. Elle-même déclarait : « Si un jour je perdais la foi, je ne pourrais plus chanter. » Charles Dumont disait qu’elle construisait son art sur la générosité à partir de ses propres souffrances. Et elle transcendait toutes ses croix sur scène. Le miracle de Piaf est là.

Quand elle chantait devant 2 000 personnes, les 2 000 âmes étaient touchées. Certains voyaient même dans sa gestuelle une portée liturgique. Piaf n’a jamais caché sa foi et a chanté une quarantaine de chansons où elle parle de Dieu.

Elle a aussi montré une foi en actes, par son attention aux autres…

Dans les maisons de retraite, elle demandait qu’on lui montre les personnes les plus âgées et défavorisées et elle leur donnait de l’argent. Lors d’une tournée, elle est tombée en admiration devant une petite église, à Martel (Lot). Le curé, qui ne l’a pas reconnue, lui a lancé : « Ah vous aimez prier ! Regardez l’état de mes vitraux… » Piaf lui a répondu que la recette de sa tournée reviendrait à leur restauration. Elle a agi de même à Brive-la-Gaillarde.

À chaque fois, elle a demandé aux curés de ne pas dire de son vivant que les dons provenaient d’elle. Le 11 octobre 1963, donc, ces prêtres rassemblèrent leurs fidèles pour leur dévoiler l’identité de la généreuse donatrice.

À lire : Piaf, Un cri vers Dieu, de Pierre Fesquet, Salvator, 15,90 €.