Religion vor der Herausforderung der Vernunft. Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas

Religiöser Glaube vor der Herausforderung der Vernunft

Hinweise zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas am 18. Juni 2014

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 15. Juni 2014

Zum 80. Geburtstag (2009) wurden schon einige Hinweise zu den Auseinandersetzungen von Jürgen Habermas mit Religionen und Glauben publiziert. Wir weisen noch einmal auf diesen Text hin. Klicken Sie zur Lektüre hier.

1.

Aus dem umfassenden und grundlegenden Denken des Philosophen Jürgen Habermas möchte der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erneut nur auf einen Aspekt seiner neuen Arbeiten hinweisen, auf die Rolle, die Religionen in den postsäkularen Gesellschaften Europas spielen können sowie auf die Frage, welche Form des Umgangs mit fundamentalistischen, also demokratiefeindlichen Religionen gelten sollte. „Postsäkular“  bedeutet, dass die von vielen (Soziologen) erwartete totale Säkularität nicht eingetreten ist. Religionen sind heute öffentlich sichtbar und auf vielfache Weise lebendig (und gefährlich).

2.

Dabei beziehen wir uns auf einen eher kurzen Aufsatz von Jürgen Habermas mit dem Titel „Politik und Religion“. Er ist in dem – insgesamt empfehlenswerten – Buch „Politik und Religion. Zur Diagnose der Gegenwart“ erschienen, Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier haben es im C.H. Beck Verlag 2013 herausgegeben. Ausgangspunkt für Habermas ist die Gesellschaft, die er postsäkular nennt, also eine Gesellschaft, die sich entgegen vielfacher Erwartungen nicht zu einer totalen Säkularität (oder bis hin zur umfassenden Gottlosigkeit) entwickelt, sondern in der das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften und religiösen Lebens offenkundig ist.

Seit mehr als 15 Jahren bietet Habermas Interpretationshilfen, um diese postsäkulare Gesellschaft zu verstehen. Einerseits ist für ihn unbestreitbar, dass der auf Vernunftgründen gebaute, also keiner bestimmten religiösen Tradition verpflichtete Staat, den man immer noch „säkular“ nennen muss (die Gesellschaft ist aufgrund der vorhandenen religiösen Vielfalt post – säkular, nicht der Staat!), gestärkt und verteidigt werden muss.

Religiösen Fundamentalismus kann der liberale Rechtstaat nicht zulassen. Er würde sich aufgeben, wenn eine bestimmte Religion ihre aus Offenbarungen entnommenen Weisungen unmittelbar ins politische und staatliche Leben übertragen würde. Das wäre das Ende eines auf Toleranz und Respekt vor den anderen Überzeugungen gegründeten liberalen Staates.

3.

Allerdings drängt Habermas auch in dem genannten Aufsatz/Vortrag auf eine differenzierende Haltung: In einem liberalen Staat müssen alle Bürger sich öffentlich und vernünftig äußern können, eben auch religiöse Bürger. „Religionsgemeinschaften dürfen, solange sie in der Bürgergesellschaft eine vitale Rolle spielen, nicht aus der politischen Öffentlichkeit in die Privatsphäre verbannt werden“ (S. 289 in dem genannten Buch von Graf/Meier). Das heißt konkret: Zu den in Staat und Gesellschaft heftig diskutierten Fragen wie Abtreibung, Sterbehilfe usw. dürfen sich selbstverständlich religiöse Bürger auch mit ihrer, aus der Religion stammenden Sicht zu diesen Themen äußern. Allerdings, und das ist für Habermas entscheidend: Wenn diese religiösen Beiträge von religiösen Bürgern auch in die „Agenden staatlicher Entscheidungsorgane Eingang finden“ (S. 290), dann müssen diese religiösen Beiträge, so Habermas wörtlich, ÜBERSETZT werden  in einen „allgemein zugänglichen (von Glaubensautoritäten unabhängigen) Diskurs“ (ebd.) Das heißt: Religiöse Inhalte, die politisch relevant werden sollten, müssen in die allgemeine Sprache aller Bürger und ihrer Gesetze gestaltet, übersetzt werden. Mit anderen Worten: Die esoterische Sprache der Religiösen muss ins Allgemeine, allen zugängliche Vernünftige, eben „Exoterische“ übersetzt werden, um einmal mit den beiden Begriffen esoterisch und exoterisch zu spielen.

Jürgen Habermas betont abermals in aller Deutlichkeit: „Wenn die liberale Verfassungsordnung …Legitimität beanspruchen können soll, dann müssen sich grundsätzlich ALLE Bürger, auch die religiösen, von der Vernünftigkeit der Verfassungsprinzipien überzeugen können“ (ebd.) Das heißt: Den religiösen Bürgern wird in einer liberalen Demokratie zugemutet, dass sie die „allein auf Vernunft gestützten Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat jeweils auch aus ihrem Glauben heraus begründen“. (S. 291).

4.

Jürgen Habermas ist alles andere als fromm geworden, wie manche Beobachter etwa nach dem Münchner Gespräch mit Kardinal Ratzinger behaupteten und sich freuten, dass nun ein entschiedener Vertreter der (in kirchlicher Sicht) „bösen“ Aufklärungsphilosophie den Religionen und ihren Lehren entgegen kommt. Er kommt den religiösen Menschen allerdings entgegen. Und er wirbt sogar bei den säkularen Bürgern für ein Verstehen, dass sich die religiösen Bürger um ihre eigenen Offenbarungstraditionen kümmern und sorgen und diese Inhalte auch irgendwie staatlich geltend zu machen suchen. Aber religiöse Inhalte müssen für ihn, um staatlich wirksam zu sein, durch einen „Filter“ (S. 290), der religiöse Esoterik in allgemein nachvollziehbare vernünftige Sprachlichkeit führt.

5.

Es gibt für Habermas keinen Zweifel, dass die Idee von Demokratie und Menschenrechten über jeden Relativismus erhaben ist (S. 292). „Nicht zufällig bedienen sich heute Dissidenten in aller Welt der Sprache von Demokratie und Menschenrechten“ (ebd.). Habermas plädiert erneut für eine „selbstbewusste Verteidigung dieser universalistischen Ansprüche“ (S. 293), auch wenn er wohl weiß, wie diese humanen Prinzipien schnell missbraucht werden können und noch heute missbraucht werden in Gestalt etwa us-amerikanischer imperialer Politik oder einer europäischen „Entwicklungspolitik“, die arme Länder eher abhängig macht als zur Eigenständigkeit führt. Dabei weiß Habermas: Es gab falsche eurozentrische Verallgemeinerungen in Gestalt „imperialistischer Eroberungen und kolonialer Greuel“ (S. 292). Erst die Säkularisierung der Staatsgewalt hat für mehr Frieden gesorgt angesichts der religiösen Gewalt der Konfessionskriege.

6.

An den Prinzipen der Menschenrechte müssen die Menschen festhalten, trotz des offensichtlichen Missbrauchs im Namen dieser Menschenrechte. Was bliebe der Menschheit, wenn man die Menschenrechte fallenlassen und „verabschieden“ würde? Wohl nur das absolute Recht des Stärkeren ohne jegliche Perspektive des Besseren, ohne jegliche Chance, die Mörder usw. zu bestrafen.

7.

Dabei schärft Habermas immer wieder ein: Religiöse Bürger nicht nur als einzelne Bürger zu respektieren, „sondern als Teilnehmer an der gemeinsamen Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauches von Staatsbürgern ernst zu nehmen“ (293). Vielleicht finden säkulare Bürger sogar in der religiösen Sprache „Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wieder“ (ebd.). Dadurch ist die Fremdheit zwischen Religiosität und Säkularität nicht so groß!

8.

Zum Schluss empfiehlt Habermas der Philosophie, „den Faden einer dialogischen Beziehung zur Religion nicht abreißen zu lassen“ (299). Dabei führt er zwei pragmatische – politische Argumente ins Spiel: Habermas sieht eine gewisse Schwäche der Vernunftmoral; er fragt, ob sie heute (allein) in der Lage ist, für die Integration vielfältiger Kräfte in der Gesellschaft zu sorgen. Er sieht zudem eine Schwäche der aufgeklärten, philosophisch vermittelten Moral, zu solidarischem Handeln umfassend zu verpflichten. Habermas fragt zudem, durchaus pessimistisch in unserer Sicht, ob die aufklärerische Philosophie nicht einen gewissen Defätismus verbreitet und deswegen als solche kaum in der Lage ist, dem, so wörtlich,  gefährlichen Kapitalismus Widerstand zu leisten, „der die Politik entwaffnet und die Kultur einebnet“ (300).

Dieser Pessimismus, geäußert am Ende des genannten Beitrags, darf wohl nicht so verstanden werden, als sehne sich Habermas nun doch wieder nach der ethischen oder gar politischen Macht der Kirchen und Religionen mit ihren aus den Offenbarungen stammenden Weisungen zurück, bloß weil die Kirchen möglicherweise 1000 Mutter Theresas anbieten könnten. Er will wohl nur ermuntern, die Vernunftmoral selbst stärker zu besprechen, zu hüten und zu pflegen. Kurz, die immer bedrohte Sache der Vernunft zur eigenen zu machen. Was haben wir denn sonst als Ordnungsprinzip in einer zunehmend „verrückt“ werdenden Welt?

9.

PS: Wir empfehlen in dem genannten Buch aus dem C. H. Beck Verlag den Beitrag des Münchner Theologen Friedrich Wilhelm Graf, der die „Einleitung“ zu den Beiträgen dieses Buches verfasste. Er plädiert für eine starke moderne liberale Theologie als Form des intellektuellen Widerstandes gegen alle Formen harter, verknöcherter, versteinerter Formen des Religiösen. „Die Bürgergesellschaft braucht argumentativ ausgetragenen Glaubensstreit“ (43). „Wer den dogmatisch Starren, Harten … nicht das religiöse Feld überlassen will, muss mit ihnen streiten, auch über Glaubensfragen“. Schließlich darf man die Deutung der  Religion nicht den antidemokratischen Kräften überlassen. (s. S 44). Die liberale, die vernünftige Religion ist der beste Gesprächspartner und Vermittler in der säkularen Kultur, von der Habermas spricht.

Aber diese liberale, vernünftige christliche Gestalt der Religion hat es schwer, etwa angesichts des esoterischen, in sich geschlossenen charismatischen und fundamentalistischen christlichen Glaubens. In der allgemeinen Verwirrung der Gegenwart, verursacht durch das Zerbrechen einer vernünftigen Ökonomie bei einem schwachen demokratischen Staat, wird Religion wieder eher als rauschhaftes Opium gesucht (und teuer angeboten, siehe die meisten Pfingstgemeinden in Lateinamerika) denn als Form vernünftigen Glaubens, der das Leben im Horizont des Ewigen vorsichtig und nachvollziehbar interpretiert und von Gott eben nicht alles weiß, wie einst und heute die Dogmatik.

10.

Sehr lesenswert ist ebenfalls der „Epilog“ des anderen Herausgebers Heinrich Meier, er arbeittet als Professor für Philosophie an der Universität München und auch in Chicago. Er erinnert u.a. daran, wie die Philosophie seit dem Mittelalter von der dominanten Theologie und Kirche „domestiziert“ und „neutralisiert“ wurde, und als „selbständige Lebensweise“ (S. 311) verloren ging. Aber das ist ein weiteres Thema, auf das der Religionsphilosophische Salon zurückkommen wird.

Zur weiteren Lektüre:  Wer noch einmal grundlegende, eher kürzere Texte zum Thema „Habermas und die Religionen im Zusammenhang der Vernunft“ lesen möchte: Die Rede von Jürgen Habermas anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2001 mit dem Titel „Glauben und Wissen“ ist im Suhrkamp erschienen und kostet nur 5 Euro! Fast eine Pflichtlektüre!

11.

In dem Buch „Über Habermas“ (hg. von Michael Funken) aus dem Primus Verlag (2008) ist ein schönes Interview mit Jürgen Habermas unter dem Titel „Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“ (Seite 181-190) veröffentlicht. Diesen Titel sollte man im Kopf haben, wenn man an den Disput von Habermas in der Philosophischen Hochschule der Jesuiten in München (Februar 2007) denkt, der unter dem Titel „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ erschienen ist; ebenfalls in der edition suhrkamp.  In dem Buch „Über Habermas“ versucht übrigens der evangelische Theologe (und ehem. Ratsvorsitzende der EKD) Wolfgang Huber eine gewisse Nähe von Habermas zur „evangelischen Form“ (S. 134) des Glaubens herzustellen. Huber schreibt: „Ich bin auch skeptisch, ob das Max-Weber-Zitat vom -religiös Unmusikalischen-, das Habermas in seiner Friedenspreisrede aufgegriffen hat, so umstandslos auf ihn selbst passt“ (S. 133). Habermas dürfte dieser Behauptung von Wolfgang Huber wohl widersprechen.

Copyyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Manifest für ein Europa der Bürger. Ein Gastbeitrag von Solange Wydmusch

Wir freuen uns, in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, einmal mehr einen „Gastbeitrag“ veröffentlichen zu können. Die Französin, aber in erster Linie Europäerin Solange Wydmusch, Soziologin und Mitglied der Evangelischen Kirchenleitung Berlin-Brandenburg-Oberlausitz (EKBO),  hat anläßlich der Europawahlen 2014 und vor allem angesichts der Ergebnisse in Frankreich (mit dem erschreckenden Gewinn des rechtsextremen Front National) einen Text, ein Manifest, für ein humanes Europa pubiziert, auf Deutsch, Französisch und Englisch. Es ist ein persönliches Bekenntnis zu Europa!

Wir empfehlen das „Manifest“ zur Lektüre.

MANIFEST FÜR EIN EUROPA DER BÜRGER: EIN EUROPA DER ZUKUNFT UND NICHT DER ABSCHOTTUNG

Von Solange Wymusch, Berlin

Angesichts des Aufstiegs von Europagegnern, Europaskeptikern und Rechtsextremen beteuere ich mutig meinen Glauben an die Zukunft Europas, erfüllt von der Hoffnung, dass Gottes Reich im Werden ist.

Ich weigere mich, die demokratische Tragödie der Europawahl vom 25. Mai 2014, die Europa ins Herz getroffen hat, zu akzeptieren.

Ich weigere mich zu glauben, dass die europäischen Bürger es zulassen werden, dass der Rückzug auf eine abschottende Identität und auf falsch verstandene nationale Interessen Boden gewinnt. Ich glaube stattdessen, dass die Bürger, die dem gemeinsamen europäischen Projekt in aller Meinungsverschiedenheit verbunden sind, zusammen Widerstand leisten und dieses Projekt weiterverfolgen werden.

Ich weigere mich zu glauben, dass die Ablehnung und Missachtung der Politiker eine zunehmende Zahl von Nichtwählern hervorruft, die dadurch den Erfolg der extremen herbeiführen und dass unser Kontinent vom kalten Wind der Rückwärtsgewandtheit erfasst wird.

Ich weigere mich zu glauben, dass ein Europa, das durch einen Mangel an Transparenz, durch Unverständnis, durch Ablehnung einer bestimmten Technokratie und der politischen Parteien gekennzeichnet ist, seine Bürger geradezu unfähig macht, ihr großartiges Projekt weiter zu verfolgen: ein Projekt des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität unter den Ländern, der Freizügigkeit von Personen und Ideen, kurz für einen friedlichen, europäischen Kontinent, in dem es sich gut leben lässt.

Die Verwirrung vieler Bürger ist verständlich angesichts eines undurchschaubaren Zusammenwachsens Europas, verschiedenster Ausgrenzung, der Herausbildung eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten sowie der Angst vor falschen Vorstellungen über die Europäische Union.

Ich glaube dennoch, dass Transparenz und die ständige Betonung der europäischen Errungenschaften dazu verhelfen werden, das Feuer dieses Projektes, welches von visionären Politikern entzündet wurde, erneut zu entfachen. Und dass – nur vereint – die Europäer die Herausforderungen meistern werden, die alle mit gleicher Schärfe spüren.

Unser Glaube hilft uns, die Hände nicht in den Schoß zu legen, sondern die Bedrückten aufzurichten und dazu beizutragen, dass Gottes Reich in unserer Welt sichtbar wird.

Ja, ich möchte bekräftigen, dass aus unserem christlichen Glauben Vorhaben entspringen und keine Verwerfung.

Ja, die Liebe, die Gott uns bezeugt, und die Gewissheit vom Sieg des Lebens über den Tod sowie das Beispiel Christi, der die Vernachlässigten in den Mittelpunkt des Evangeliums stellt, verändern unseren Blick auf unsere Nächsten. Der Ostermorgen verwandelt unser Leben: Wie die Frauen, die von Enttäuschung bedrückt waren, sind auch wir dazu berufen aufzuerstehen, uns aufzurichten und unseren Weg wieder aufzunehmen.

Gottes Geist macht nicht alle Menschen gleich. Im Gegenteil: an Pfingsten offenbart er die Verschiedenartigkeit. Da schuf Gott die Kirche; eine Gemeinschaft, in der jeder in seiner Sprache spricht und in der die Vielfalt siegt.

Protestanten, Katholiken, Anglikaner, Orthodoxe, Christen Europas: Lasst den Kopf nicht hängen! Wagen wir es, uns in die europäische Debatte einzumischen! Lasst uns wagen, die Politiker und die Beamten direkt anzugehen! Lasst uns die europäische Bürgerschaft, welche die nationalen Grenzen überwindet, voll und ganz leben und lasst uns laut und deutlich für die Würde jedes Menschen eintreten! Lasst uns ein Wort des Willkommens, nicht der Abschottung verbreiten und jeden Angriff auf die Menschenwürde zurückweisen!

Lasst uns auf diesem Kontinent gemeinsam beten für dieses besondere Friedensprojekt, für die Aufnahme von Fremden und für die Achtung der Menschenwürde!

 

Berlin, 28. Mai 2014

 

Solange Wydmusch
, Protestantin, europäische Bürgerin

(Übersetzung aus dem Französischen)

 

 

En Francais:

Manifeste pour une Europe citoyenne : une Europe de projet et non de rejet

Aujourd’hui, dans une Europe marquée par la montée des europhobes, des eurosceptiques et de l’extrême droite et dans l’espérance du royaume de Dieu en devenir, j’affirme avec audace ma foi en l’avenir de l’Europe.

Je refuse d’accepter la tragédie démocratique des élections européennes du 25 mai 2014 qui a blessé l’Europe au cœur.

Je refuse de croire que les citoyens européens accepteront que les replis identitaires et des intérêts nationaux mal compris gagnent du terrain et je crois au contraire que, unis par le projet dans la diversité de leurs opinions, ils résisteront ensemble et poursuivront leur projet.

Je refuse de croire que le rejet et le mépris de la classe politique formeront de plus en plus d’abstentionnistes qui cautionneront le vote des extrêmes en ne se déplaçant pas et qu’un vent de régression soufflera sur notre continent.

Je refuse de croire qu’une Europe marquée par un manque de transparence, par des incompréhensions, par le rejet d’une certaine technocratie et des partis politiques, rende les citoyens européens incapables de poursuivre leur formidable projet : un projet de paix, de justice sociale, de solidarité entre les nations, de libre circulation des personnes et des idées pour un continent européen pacifié qui nous offre un extraordinaire espace de vie.

Le désarroi des citoyens devant une construction européenne illisible, devant une société à exclusions multiples et la crainte fondée de voir émerger sur le continent une société à plusieurs vitesses, ainsi que la peur suscitée par des idées fausses sur l’Union européenne, sont compréhensibles.

Je crois cependant que la transparence et la mise en avant des acquis européens aideront à raviver la flamme de ce formidable projet initié par des hommes politiques visionnaires. Et qu’unis, les Européens parviendront à relever les défis qu’ils ressentent tous avec la même acuité.

Notre foi nous aide à ne pas baisser les bras, à remettre debout les accablés, à contribuer à la visibilité du royaume de Dieu dans notre monde.

Oui, je veux réaffirmer que notre foi chrétienne est source de projet et non pas de rejet.

Oui, l’amour que Dieu nous témoigne, la certitude de la victoire de la vie sur la mort, l’exemple du Christ mettant les laissés pour compte au cœur de l’Évangile, changent notre regard sur nos prochains. Le matin de Pâques transforme notre vie : comme les femmes accablées par un discours négatif, nous sommes appelés à ressusciter, à nous relever, à reprendre la route.

L’Esprit de Dieu ne nivelle pas les humains, au contraire il manifeste à Pentecôte la diversité. Dieu crée alors l’Église, une communauté où chacun s’exprime dans sa langue, où la diversité triomphe.

Protestants, catholiques, anglicans, orthodoxes, chrétiens européens : ne baissons pas les bras, osons nous engager dans le débat européen, osons interpeller les politiques et les grands fonctionnaires, vivons pleinement notre citoyenneté européenne qui transcende les frontières et affirmons haut et fort la dignité de tout humain, propageons une parole d’accueil et non pas de rejet, dénonçons toute atteinte à la dignité de l’Homme.

Prions ensemble sur tout le continent pour ce formidable projet de paix, d’accueil de l’étranger et de respect de la dignité humaine.

Solange Wydmusch
Protestante, citoyenne européenne.

Berlin, 28 Mai 2014

 

In English:

Manifesto for a Citizens’Europe: a Project Europe not a Europe of Rejection

Today, in a Europe marked by the rise of europhobes, eurosceptics, and the extreme right, and in anticipation of the coming Kingdom of God, I boldly affirm my faith in the future of Europe.

I refuse to accept the democratic tragedy of the European elections of 25 May 2014, which have pierced the heart of Europe.

I refuse to believe that the citizens of Europe will accept that isolationism and misunderstood national interests are gaining ground; on the contrary, I believe that, united in the diversity of their opinions, they will together resist and pursue their European project.

I refuse to believe that rejection and disdain of the political class will produce more and more abstainers who lend support to the extreme vote by not going to the urns, and that a wind of regression will sweep across our continent.

I refuse to believe that a Europe marked by a lack of transparency, by incomprehension, by the rejection of a certain technocracy and the political parties will make European citizens incapable of pursuing their immense project: a project of peace, of social justice, of solidarity among nations, of freedom of movement for people and ideas for a European continent at peace that offers us an extraordinary place to live.

The consternation of citizens is understandable in the face of an illegible European construction, of a society of multiple exclusion, and of well-founded fears of seeing a multi-speed society emerge on the continent, and of fears provoked by mistaken ideas about the European Union.

I nevertheless understand that transparency and focusing attention on what has been achieved in Europe will help revive the fires of this tremendous project initiated by visionary politicians. And that, united, Europeans will succeed in taking up the challenges they all feel with the same urgency.

Our faith helps us not to give up, helps us to put those in distress back on their feet, to contribute to the visibility of the Kingdom of God in our world.

Yes, I wish to affirm that our Christian faith is a source of project and not of rejection.

Yes, the love that God gives us, the certitude that life will be victorious over death, the example of Christ who put those left behind at the heart of the Gospel changes how we see our neighbours. The morning of Easter transforms our lives: like the women distressed by a negative discourse, we are called upon to resuscitate, to rally, to set out once again.

The Spirit of God does not make all human beings the same; on the contrary, at Whitsun it manifests diversity. God thus created the Church, a community where all express themselves in their own languages, where diversity triumphs.

Protestants, Catholics, Anglicans, Orthodox, European Christians: do not give up the struggle; let us engage in the European debate; let us question the politicians and the high officials; let us live to the full our European citizenship, which transcends borders; and let us affirm with a loud and strong voice the dignity of all human beings; let us proclaim a message of welcome and not of rejection; let us denounce all violation of the dignity of humanity.

Let us pray together throughout the continent for this immense project of peace, of welcome for others, and for the respect of human dignity.

Solange Wydmusch 
Protestant, European Citizen.

Berlin, 28 May 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Philosophisches Wandern… nach Chorin am 8. August 2014

Meditatives Wandern .. nach Chorin am 8. August 2014.

Der Religionsphilosophische Salon veranstaltet einmal im Jahr eine Art „Ausflug“: Diesmal hat sich Frau Dr. Angelika B. Hirsch, Autorin und Religionswissenschaftlerin, bereit erklärt, mit einer kleineren Gruppe eine meditative Wanderung im Umfeld des ehem. Klosters CHORIN mit uns zu gestalten. Dafür sind wir sehr dankbar, zumal Frau Hirsch viele Erfahrungen im meditativen Wandern hat und dazu auch etliche Publikationen vorgelegt hat.

Wir machen eine moderate, nicht beschwerliche Wanderung, mit Erfahrungen der Stille, des Vortrags, des Gesprächs, der Besichtigung im Kloster Chorin,  des gemeinsamen Essens etc.

Wir starten am Freitag, den 8. August 2014, um 9. 33 Uhr am Hauptbahnhof, fahren mit dem Zug bis ins nahegelegene Britz, wandern in aller Ruhe nach Chorin… Wir würden dann die Gruppenkarten der DB nützen.

Es kann eine intensive Erfahrung eines „anderen“ Ausflugs werden, ein Weg ins Freie, der den eigenen Geist neu öffnet für das Überraschende und „Zu-fällige“.

Wir bitten um feste Anmeldung bis zum 3. August 2014 per email mit der festen Zusage der Teilnahme, weil wir doch eine überschaubare, d.h. gesprächsfähige Gruppe bleiben wollen. Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Frau Hirsch bietet ihr Engagement an diesem Tag uns als ihr Geschenk an! Das nur nebenbei.

Bitte beachten Sie auch die website von Angelika B. Hirsch mit weiteren Vorhaben und Publikationen, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Zu Chorin:  Da gibt es eine interessante website, klicken Sie hier.

 

 

 

Fromme Millionäre, radikale Priester: Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Fromme Millionäre, radikale Priester

Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Von Christian Modehn

Anlässlich der Fußball WM in Brasilien interessiert sich der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ naturgemäß für Philosophien und Religionen (und für das Spielen als Spielen) in Brasilien; zur Philosophie in Brasilien heute mit einem aktuellen Hinweis auf die Befreiungsphilosophie in Brasilien und zur Philosophie des Spielens haben wir schon Hinweise und Anregungen publiziert.

Wir wundern uns, dass unseres Wissens kein Buch aktuell erschienen ist (in deutscher Sprache) zu dem überaus spannenden Thema Religionen in Brasilien. Wir haben früher auf dieser website auf die Camdomble Religion mit ihrem beachtlichen Kulturzentrum in Berlin hingewiesen (klicken Sie hier) und auf den durchaus weltbekannten Erzbischof Dom Helder Camara, Recife, (klicken Sie hier), der als der große Bischof der Armen, als Aktivist für Menschenrechte und Demokratie und selbstverständlich für eine offene römische Kirche von Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger letztlich kaltgestellt wurde; sein befreiungstheologisches – pastorales Werk in Recife wurde de facto auf Befehl der Herren in Rom vernichtet. Jetzt klagen die Bischöfe über den Vertrauensschwund, den der römisch-katholische Glaube auch in Brasilien durchmacht… Aber das nur am Rande.

Es gibt also keine aktuellen kritischen Studien über die Religionen in Brasilien. Druckerzeugnisse über Brasilien von „kirchlichen Hilfswerken“ sind naturgemäß eher Werbebroschüren…

Wer sich für Protestgruppen in Brasilien gegen das ganze Ausmaß von Verschwendung und Korruption der FIFA interessiert, gegen die sinnlose Bauwut und die Repression der Polizei usw… sollte sich mit der Protestbewegung „Comite Popular da Copa“ befassen. „Das Comite repräsentiert soziale Bewegungen, Favelabewohner, Studenten, Professoren usw.“, berichtet Pedro Costa, Rio,  in einem Interview mit Philipp Lichterbeck in „Der Tagesspiegel“ vom 10. Juni 2014, Seite 2. „Es geht uns um Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat. Alle drei wurden im Namen der WM in Brasilien schwer verletzt, unser Dossier dazu umfasst 170 Seiten“. Wer Portugieisch lesen kann, sollte diese website dieser Basisbewegung studieren:

http://www.portalpopulardacopa.org.br/

Erste kritische Hinweise zum Thema Kirchen in Brasilien bietet das sehr lesenswerte Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ von Jens Glüsing, das im Ch. Links Verlag 2013 erschienen ist. Wir empfehlen das Buch insgesamt.

Es bietet interessante Reportagen zum Thema, etwa in dem Kapitel „Brennende Wälder und streitbare Priester“ vor allem über den schon  weltweit bekannten katholischen Bischof Erwin Kräutler in der Stadt Altamira am Rio Xingu. Kräutler und einige Pfarrer und Nonnen sind entschiedene Verteidiger nicht nur der Rechte der indigenen Völker; sie klagen Brasiliens und die mit ihnen verbandelten europäischen und us-amerikanischen Kapitalisten an und die mit ihnen kooperierenden Regierungen Brasiliens, den Regenwald zu verschachern und damit auch ökologische Katstrophen großen Ausmaßes zu befördern.  „Holzhändler und Rinderzüchter machen sich die Abwesenheit des Staates hier zunutze. Sie teilen die Waldgebiete in Parzellen auf, fälschen Eintragungen ins Grundbuch und vertreiben die Kleinbauern dort mit Waffengewalt… Von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten…“ (. 112 f).  Hilfe kommt für die Armen (und für den Regenwald) von dem mutigen Priestern und Nonnen, eben auch von Bischof Kräutler, der wegen seines Engagements mehrfach Attentaten der Verbrecherbanden ausgesetzt war;  jetzt kann er sich nur noch mit Body-Guards auf die Straße wagen. Bischof Kräutler ist einer der letzten entschiedenen Bischöfe für die Befreiungstheologie. Man hat nicht den Eindruck, dass vom Papst Franziskus bis zu allen Bischöfen Brasiliens laut und vernehmlich gesagt wird: „Bischof Kräutler, wir unterstützen dich mit ganzem Herzen und mit allen politischen Konsequenzen; dein Kampf ist unser Kampf“.

Inzwischen ist der junge brasilianische Klerus weitgehend und mehr an klerikalen Aufgaben in gut betuchten Stellungen interessiert als am politischen Dienst an den Armen: „Heute achten die kirchlichen Ausbilder vor allem darauf, dass die Nachwuchspriester schön das Halleluja singen“, klagt Padre Amaro de Souza, ein Mitstreiter der ermordeten Nonne Dorothy Stang, auch sie hat die Rechte der Armen dort verteidigt. (s.S. 119). Aber lesen sie selbst in dem empfehlenswerten Buch…Die Nonne Dorothy Stang, 78 Jahre alt, wurde von Auftragskillern der Rinderzüchter umgelegt, sie hatte die vertriebenen Kleinbauern verteidigt. „Der Mörder lauerte ihr im Urwald auf, sie las ihm noch ein Gleichnis aus der Bibel vor, bevor er sie in den Hinterkopf schoss. Bischof Kräutler predigte auf ihrer Beerdigung“ (so Jens Glüsing, Seite 117).

Ein anderes Kapitel verdient genau so viel Aufmerksamkeit. Es ist überschrieben „Von Göttern, Entertainern und Wunderheilern. Brasiliens Supermarkt der Religionen“, auf den Seiten 145 bis 160.  Darin breitet Jens Glüsing das Spektrum der so genannten Pfingstkirchen aus, berichtet von jenen Pastoren, die glauben, vom heiligen Geist berufen zu sein, glanzvolle Kirchen zu bauen und den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. In einer gründlichen Recherche zeigt Glüsing, wie die Pfingstgemeinden schnell Millionen Mitglieder gewinnen, weil der Katholizismus einfach zu klerikal ist und keinen „direkten Zugang zu Gott“ bietet, „während im Katholizismus der Glaube über den Pfarrer vermittelt wird“ (S. 149).  Glüsing zeigt den Konkurrenzkampf dieser verschiedenen Pfingstkirchen auf, er nennt etwa Pastor Silas Malafaia, der ein „Imperium von 120 Gotteshäusern leitet, in einem Vorort von Rio baut er gerade eine neue Halle für 10.000 Leute“ (S. 150). „Sein Kirchenimperium leitet Malafaia von einem riesigen Neubaukomplex im Westen Rios. Es geht zu wie in einem multinationalen  Unternehmen, die Zufahrt wird von einem privaten Sicherheitsdienst kontrolliert usw…“ ( s. 151). Veranstaltet wird auch der „Marsch für Jesus“ mit einer halben Million Teilnehmern in Sao Paulo, propagiert wird dort die Heilung von der Homosexualität. Im Kongress setzen sich die frommen geldgierigen Pfingstler – Politiker gegen jegliche Abtreibung ein, sie wollen liberale Gesetze kippen… Das Fazit von Jens Glüsing: “Kirchen sind ein lukratives Geschäft“ (S. 152). Hingegen: „Zahlreiche Gangsterbosse und Auftragskiller sind zu Predigern geworden. Pfingstkirchen und Kokainmafia leben in Rios Favelas oft in Symbiose“, schreibt Jens Glüsing (S. 153).

Das Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ (Ch. Links Verlag Berlin) weckt das Interesse, mehr Informationen über Religionen in Brasilien zu erhalten, etwa über den dort sehr starken Spiritismus, über die stetig wachsende Zahl (junger) Menschen dort, die sich Atheisten nennen, die Basisgemeinden, den Islam dort oder den Buddhismus usw. Interessant ist, dass offenbar theologische – liberale Kirchen dort äußerst schwach vertreten sind. Sie könnten aber zeigen, dass zur Religiosität bzw. Spiritualität immer auch das kritische, auch das religionskritische Bewusstsein gehört.

Copyright: Christian Modehn Berlin, RPS.

Brasilien: Nicht nur Fußball, sondern auch Philosophie!

In Brasilien startet die Fußball WM. Ein Grund mehr, sich für die vielfältigen Kulturen Brasiliens zu interessieren, für die Religionen natürlich auch.

Aber auch für die Philosophie dort. Zur Lektüre eines einführenden Beitrags (2013 verfasst, aber immer noch aktuell) klicken Sie hier.

Zur Vielfalt der Religionen, vor allem der Kirchen dort, klicken Sie hier.

Die „Philosophie der Befreiung“, zuerst wohl vorgeschlagen von Enrique Dussel, Argentinien/Mexiko, hat unseres Wissens in Brasilien bislang keine relevante Rolle gespielt. Nun findet ab 16. September 2014 in Porto Alegre die 2. Tagung über Befreiungsphilosophie für Brasilien statt. Für weitere Hinweise klicken Sie hier.

Wer sich für einige wichtige (allgemeine) Anregungen zur Philosophie und Theologie des Spiels und des Spielens interessiert, sollte das Interview mit Prof. Wilhelm Gräb lesen. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Brasilien heute: Kritische Bürger und die Philosophien

Brasilien heute: Kritische Bürger und die Philosophien

Von Christian Modehn

Anläßlich der Fußball WM 2014 in Brasilien machen wir noch einmal auf ein nahezu unbekanntes Thema (in Deutschland !) aufmerksam. Es ist zweifellos wichtig,  um Brasilien und die BrasilianerInnen zu verstehen, es geht um die dort auch an der Basis lebendige Philosophie. Zur Lektüre des Beitrags klicken Sie bitte hier.

Mehr Licht, mehr Aufklärung: Zur aktuellen Diskussion in Frankreich

Lumières, Aufklärung, heißt die Antwort: Zur Diskussion über den Wahl-Erfolg des FN (Le Pen) in Frankreich

Von Christian Modehn

„Ich meine, durch die Konzeption einer auf sich selbst bezogenen und in sich verschlossenen Nation und ihres Kultes einer starken Macht, steht die Partei Front National mehr Vichy nahe als den Ideen der Demokratie, die von der Philosophie der Aufklärung begründet sind. Denn Demokratie bedeutet zuerst: Humanistische und universale Prinzipien, die die Partei FN zurückweist. Wenn die Partei FN in Frankreich die Macht ergreifen würde, dann handelte es sich um ein anderes Frankreich!“ So der (heute in Tel Aviv lebende, in Przemysl geborene) Historiker Zeev Sternhell. Er erinnert in seinem neuen Buch „Histoire et Lumières. Changer le Monde par la Raison“ („Geschichte und  Aufklärung. Die Welt verändern durch die Vernunft“), erschienen bei Albin Michel, Paris, 2014, einmal mehr an die Wurzeln rechtsradikalen Denkens in Frankreich.  Sternhell ist ein Spezialist für die Geschichte Frankreich im 20. Jahrhunderts: Er betont, dass sich das Vichy Regime nur deswegen so schnell etablieren konnte und sich dann so erfolgreich durchsetzte, weil der Geist, l ésprit, vieler Franzosen schon längst antisemitisch verdorben war, vor allem auch vieler so genannter Intellektueller. „Sie waren auch vergiftet vom Hass auf die Demokratie“, so Julie Clarini in „Le Monde“ vom 30.Mai 2014. Es gab in Frankreich immer schon einen lang dauernden Kampf gegen die Ideen der Aufklärung und der Philosophie Kants, gegen alles, was das Allgemeine des Menschen, aller Menschen betont, wie die Toleranz usw. Im Katholizismus Frankreichs denke man etwa an die immer noch starke Bewegung der Traditionalisten und die in allen größeren Städten vorhandenen Gemeinden der Piusbrüder. Sternhell meint: Diesen Kampf zugunsten der Aufklärung gelte es jetzt, angesichts der Erfolge des Front National bei den Europawahlen 2014,  neu zu beleben. Es geht um die Demokratie, so gebrechlich sie auch erscheint, so tief reformbedürftig sie auch ist…

Wir haben vor kurzem auf die äußerst einseitigen, eher pro-FN wirkenden Äußerungen des Philosophen Alain Finkielkraut hingewiesen.

Jetzt schlägt der Soziologe, Politologe und Historiker der „französischen Ideen“ Pierre-André Taguieff  in seinem neuesten Buch „ Du diable en politique. Réflexions sur l’antilepénisme ordinaire“  (Über den Tuefel in der Politik. Reflexionen über den  gewöhnlichen Anti – Lepenismus), erschienen 2014 in Paris, bei den CNRS Éditions, eine ungewöhnliche Variante vor, den FN und die Ideen der Familie Le Pen zu „bekämpfen“. Pierre André Taguieff meint, die Verteufelung dieser rechtsextremen Partei in der Öffentlichkeit, in den Medien usw., sollte endlich aufhören zugunsten einer gründlichen Auseinandersetzung. Dass die kritische Auseinandersetzung verstärkt werden muss, ist keine Frage. Aber für Taguieff soll sie die Voraussetzung haben, diese rechtsextreme Partei als eine Partei wie alle anderen, als eine normale Partei, zu verstehen, zu deuten, zu behandeln!  In einem Interview mit der (rechten) Tageszeitung „Le Figaro“ weist Taguieff auf die eher schlichte Erkenntnis hin, dass derjenige, der einen Verteufelnden (also die FN) seinerseits wieder verteufelt, also „die“  Medien, sich auf derselben Ebene wie der Verteufelnde bewegt. Aber haben denn „die“ Le Pen Kritiker die Partei FN immer nur verteufelt, diabolisiert, wie er sagt? Gab es und gibt es nicht gründliche Analysen zu all den Themen, die der FN propagiert, wie Ausländer-„Reduzierung“,  möglichst wenige Muslime in Frankreich, Ausstieg aus dem Euro, gegen die Technokraten, für die gute alte Familie, gegen die Homorechts usw. Wurde da vonseiten der Vernunft wirklich nur ihrerseits wieder „verteufelt“? Was soll überhaupt dieses Wort „verteufeln“ in einer laizistischen Gesellschaft wie in Frankreich, wo selbst die Katholiken kaum noch an den Teufel glauben? Ist es nicht ein gefährliches Spiel, den FN jetzt wie eine Partei neben vielen anderen Parteien betrachten zu wollen? „Völlig ent-diabolisiert, könnte der FN einen großen Teil seiner Attraktivität verlieren“, schreibt hoffend und erwartungsvoll der Politologe. Man stelle sich nur einmal vor, in der Öffentlichkeit würde Antisemitismus nicht mehr als Schande und Verbrechen bewertet, also in gewisser Weise diabolisiert, was wäre da gewonnen? Würden die Antisemiten sich eines besseren besinnen und dann hübsche Humanisten werden?

Uns scheint der Vorschlag des gelehrten Herrn Taguieff doch etwas zu kurz gedacht. Es klingt fast, wie Jean Birnbaum in Le Monde vom 30. Mai 2014 schreibt, als wolle Taguieff „den FN (und die Le Pen Clique) reinwaschen von der schlechten Reputation“.

Wir halten uns lieber an seriösere Studien zu dem durchaus bedrohlichen Phänomen FN und des Le Pen Clan, etwa an das Buch der Historikerin Valérie Igounet, „Le Front National de 1972 a nos jours“. Erschienen bei Seuil, im Juni 2014. Auf dieses Buch werden wir noch zurückkommen. Die Schlussfolgerung der Autorin nach einer Studie von 448 Seiten: „Die Partei Front National ist eine Partei der extremen Rechten, die niemals ihr Wesen verändert hat“.

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