Für einen „europäischen Islam“. Ein neues Buch

Für einen Euro – Islam
Benjamin Idriz, Penzberg, macht weit reichende Vorschläge

„Grüß Gott, Herr Imam“ ist der Titel eines Buches von Benjamin Idriz, er ist Imam im bayerischen Penzberg. Und er gehört, wie der Titel nahe legt, für viele seiner Mitbürger offenbar längst ganz selbstverständlich zur bayerischen Heimat. Denn der Gott, den der Imam „grüßen“ soll, ist von dem Gott wohl gar nicht so verschieden, den die anderen, die christlichen Bayern, ebenfalls mit derselben populären Formel „grüßen“ sollen. Der Imam würde wohl sagen, es ist derselbe Gott, den Juden, Christen und Muslime – unter verschiedenen Namen – verehren. Benjamon Idriz hat sich mit seinem überaus anregenden Buch viel vorgenommen: Er will seine Glaubensbrüder und Glaubensschwestern mit allem Nachdruck darauf hinweisen: Sie sollten hier in Deutschland und überhaupt in Europa einen modernen, demokratischen, einen europäischen Islam aufbauen. Benjamin Idriz, er stammt aus Mazedonien, hat in Damaskus studiert und ist seit 1995 in Penzberg, möchte „das eigentliche Wesen des Islam“ herausarbeiten. Dafür hat er Vorbilder unter Islam – Gelehrten aus Bosnien. Der reformierte, der moderne Islam kann nur in den Blick geraten, wenn auch der menschlichen Vernunft die entscheidende Bedeutung zugesprochen in der Erkenntnis dessen, was der Koran wirklich meint. „Der Mensch ist das würdigste Geschöpf Gottes, daher sind seine Vernunft, Freiheit und Würde, sein Glaube und sein Leben unanstastbar“ (S. 17). „Alle Propheten (also auch die jüdischen und christlichen CM.) sind gleichgestellt, denn sie haben eine gemeinsame Botschaft… Alle Menschen sind auf Erden vor dem Recht gleich….Aggression und Usurpation sind Vergehen“ (S. 18)… „Der Friede ist heilig, der Krieg ist zu verabscheuen“ ) S. 19. Solche grundlegenden humanistischen Anschauungen eines aufgeklärten europäischen Islam kann man seitenweise in dem Buch lesen. Besonders wichtig erscheint mir das Kapitel, das Benjamin Idriz mit “Das Porträt der idealen muslimischen Persönlichkeit in Bezug auf Integration“ überschrieben hat. Abschließend heißt es in dem Kapitel: „Sie (die ideale muslimische Persönlichkeit) unterzieht ihr Religionsverständnis einer Prüfung durch die Vernunft und hält dadurch Abstand von extremen Haltungen“. (S 31).
Treffender wäre es wohl gewesen zu schreiben, „diese Person missbilligt und verurteilt extreme Haltungen“.
In jedem Fall verdient das ausdrückliche Bemühen, einen, so wörtlich, „europäischen Islam“ aufzubauen, hohe Anerkennung. Man würde sich beinahe wünschen, dass dieses Buch gratis in allen Moscheen in Deutschland, aber auch in allen Kirchen, Synagogen und religiösen Zentren gratis verteilt würde. Die in dem Buch genannte Liste der Freunde und Unterstützer des Penzberger Projekts und damit auch seines Initiators ist lang, sie umfasst Bischöfe und Bürgermeister, auch den CSU Politiker und Vorsitzenden des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken, Alois Glück. Merkwürdig, dass die Vorwürfe des bayerischen Innenministers („verkappter Radikaler“) vom Sommer 2010 gegenüber der Penzberger Moschee in dem Buch nicht ausführlich behandelt und erwidert werden. Benjamin Idriz leidet offenbar darunter, wie stark heute noch im alltäglichen Islam, auch in Europa, die „eigentlich“ universalen Werte des Korans und die Werte des Humanismus überlagert werden durch volkstümliche (arabische, türkische usw.) Traditionen, die kulturell zu verstehen sind, aber eigentlich mit dem Islam nichts zu tun haben (das gilt etwa für die Rolle der Frauen in der unreflektierten islamischen Alltagspraxis). Als oberstes Gebot gilt darum für den Penzberger Imam die Bildung.
Vielleicht kann von Penzberg aus tatsächlich eine umfassende Reformbewegung des Islam gefördert werden, vielleicht schließen sich mehr Imame dieser vom humanistischen Geist geprägten Islam – Theologie an. Merkwürdig bleibt, warum dieses globale Projekt eines „humanistischen, vernünftigen und kritischen Islam“ auf Europa beschränkt bleiben soll. Man würde sich dringend wünschen, dass diese globale Islam -Reformation auch die islamische (und politische) Praxis in den Ländern Arabiens usw. erreicht. Es geht doch um viel mehr, als bloß um einen reformierten Euro – Islam. COPYRIGHT: Christian Modehn.

Benjamin Idriz, „Grüss Gott, Herr Imam!“. Eine Religion ist angekommen. Diederichs Verlag München, 2010,223 Seiten, 16,99 Euro.

Wegweiser in ein glückliches Leben: Die “goldene Regel”

Der „Religionsphilosophische Salon“ bietet auch Anregungen zur Lebensorientierung. Eine ethische Weisung, überkonfessionell und in zahlreichen Philosophien vertreten, ist die „Goldene Regel“.

Wegweiser in ein glückliches Leben
Die „goldene Regel“
Von Christian Modehn

In einem philosophischen Gesprächskreis forderte kürzlich der Moderator die Teilnehmer auf, einen wichtigen Weisheitsspruch zu nennen, der ihnen Orientierung im Leben bietet. Vorher hatte man ausführlich über Grundsätze der Ethik diskutiert: Wann ist unser Handeln gut? Wie lässt sich das Böse überwinden? Anstelle abstrakter Spekulationen sollten nun unmittelbar Probleme des Alltags besprochen werden. Tatsächlich waren mehrere Teilnehmer bereit, ihre persönliche „Maxime“, ihre „Lebensregel“, mitzuteilen:
„Es kommt immer anders, als man denkt“, sagte ein Student der Biologie. Eine Dame mittleren Alters, sehr schlank und etwas verhärmt, meinte mit sanfter Stimme: „Lerne leiden ohne zu klagen“. Nicht ohne Stolz verwies ein älterer Herr, ein pensionierter Beamter, auf seinen Grundsatz: „Willst du gelten, mach dich selten“. Ein Lehrer entgegnete mit ironischem Unterton: „Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmer mehr“.
Die meisten Teilnehmer mussten schmunzeln: Sie hatten erlebt, wie unbescheiden „ihr“ Pensionär sich oft verhielt in seinem offenkundigen Bedürfnis viel „zu gelten“. Kein Wunder also, dass sich das Gespräch auf die „Lebensregel“ konzentrierte:
„Willst du gelten, mach dich selten“.
Aber mit welcher Berechtigung können wir eine Lebensweisheit hoch schätzen, die Ehre, Ansehen und öffentlichen Respekt in den Mittelpunkt stellt, fragte der Leiter des philosophischen Kreises:
„Welchen persönlichen Gewinn haben wir, wenn wir als etwas Besonderes „gelten“ oder gar verehrt werden? Ist der Preis dafür nicht zu hoch: Um sich „selten“ zu machen, darf man gerade nicht umgänglich und kommunikativ sein. Verträgt sich diese Lebensweisheit überhaupt mit dem Grundsatz, dass jeder Mensch am besten „in gleicher Augenhöhe“ seinen Mitmenschen begegnen sollte?“
Dieser Erkenntnis konnten die meisten in der Runde nur zustimmen. Sie wussten nun: Maximen und Weisheitssprüche müssen immer kritisch betrachtet werden. Wer persönlichen Grundsätzen folgt, die in sich nicht stimmig sind, macht sich das Leben nur schwer. Darauf haben schon die frühen philosophischen Weisheitslehrer aufmerksam gemacht; zum Beispiel der chinesische Denker Konfuzius. Er lebte in der Mitte des sechsten Jahrhunderts vor Christus. Als Erzieher und Lehrer der Moral überprüfte er auch die gängigen Lebensregeln und Weisheitssprüche seiner Zeit. Mit dem Meisterdenker Lao Tse hat er sich auseinandergesetzt, von ihm ist der Grundsatz überliefert:
„Wer weiß, der spricht nicht“.
Lao Tse bezog sich dabei auf das Wissen vom Ursprung der Welt und auf den Sinn des menschlichen Lebens. Und darüber soll der Wissende nicht sprechen? Konfuzius wollte dieser „weisen Empfehlung“ nicht folgen. Er hat gesprochen und gelehrt, seine Weisheitsregeln sollten die Menschen verbreiten, weil sie das „gute, das gelungene Leben“ fördern:
„Der edle Mensch unterstützt in den anderen Menschen das Schöne. Der gemeine Mensch das Unschöne.
Der edle Mensch vernachlässigt nicht seinen Nächsten.
Wer einen Wohnort wählt, achte auf den Geist der Humanität, der dort herrscht“.
Aber diese „Maximen“ waren für Konfuzius noch zu anschaulich, zu konkret. Er wollte alle Menschen in ganz unterschiedlichen Situationen zu gutem Handeln inspirieren. Deswegen, so meinte er, könne nur eine allgemein formulierte, eine grundsätzliche Maxime wirklich helfen. Schließlich entdeckte Konfuzius eine Formel, die bis heute weltweit bekannt ist:
„Was man mir nicht antun soll, das will auch ich anderen Menschen nicht zufügen“.
Wie auch immer Konfuzius diese Formel drehte und wendete, er war überzeugt: Wenn sich Menschen an diese Regel halten, kann das Zusammenleben respektvoller und friedlicher aussehen, im privaten Umfeld der Familien wie auch in der gesetzlichen Ordnung eines Staates. Diese Regel fordert den einzelnen auf, in seiner Situation genau überlegen: Welche Konsequenzen hat mein Tun für die anderen? Verletze ich sie mit meinem Handeln? Schränke ich meine Mitmenschen ein, beraube ich sie ihrer menschlichen Würde?
Die Suche nach einer allgemeinen Richtschnur ethischen Handelns hat seitdem die Menschen fasziniert. Davon begeistert war zum Beispiel der englische Arzt und Psychiater Thomas Sydenham im 17. Jahrhundert, einer der berühmtesten Mediziner seiner Zeit. Er wird der „englische Hippokrates“ genannt, für sich selbst hatte er eine Maxime formuliert:
„Niemand ist anders von mir als Arzt behandelt worden, als ich behandelt sein möchte, wenn ich dieselbe Krankheit bekäme“.
Heute wären viele Patienten vielleicht froh, wenn sich ihre Ärzte an diese Form der Goldenen Regel hielten… Im 18. Jahrhundert wollten Schriftsteller und Philosophen mit Aphorismen oder klugen Lebensregeln die Menschen aufklären, zu einem „guten, einem wahrhaft menschlichen Leben ermuntern. In den Mittelpunkt stellten sie einen Spruch, der seitdem weltweit „Goldene Regel“ genannt wird. In einer populären Formulierung fand sie weltweit Verbreitung:
„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“.
Dieser Spruch mag ein wenig schlicht erscheinen, wie ein gut gemeinter pädagogischer Ratschlag für Kinder und Jugendliche. Philosophen und Historiker aber haben diesen Spruch ausdrücklich „golden“, also von höchstem Wert genannt, weil sie wussten: Diese Lebensweisheit steht im Mittelpunkt der Ethik aller großen Religionen. In der indischen Versdichtung Mahabharata, geschrieben im 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus, wird die weite spirituelle Welt des Hinduismus in diesem einzigen Spruch zusammengefasst:
„Man tue niemals einem anderen Menschen das an, was man selbst als verletzend erlebt“.
Auch buddhistische Traditionen haben später die „Goldene Regel“ als Inspiration und Wegweisung für alle Menschen hoch bewertet:
„Was für mich eine unangenehme Sache ist, das ist auch für den anderen eine unangenehme Sache. Wie könnte ich das einem anderen aufladen?“
Fast zur gleichen Zeit wurde im Alten Orient, vor allem im Gebiet des heutigen Irak und seiner Nachbarschaft, ein ähnlicher Weisheitsspruch verbreitet:
„Was dir selbst übel erscheint, das tue auch deinen Mitmenschen nicht an. Tu keinem Böses an, damit niemand einen Anlass sieht, auch dir Böses anzutun“.
Historiker haben nachgewiesen, dass diese nahezu gleich lautenden ethischen Prinzipien unabhängig von einander in verschiedenen Teilen der Welt entstanden sind. Eine erstaunliche Tatsache. Denn offenbar ist die Goldene Regel tief in die menschlichen Vernunft, in die Vernunft aller Menschen, „eingeschrieben“. Philosophen erinnern daran, dass ähnliche Weisungen auch von den großen Denkern des klassischen Griechenland, etwa von Aristoteles, formuliert wurden.
Im Judentum gilt Rabbi Hillel, ein Zeitgenosse Jesu von Nazareth, als der bedeutendste Verteidiger der goldenen Regel, er hat sein Volk auf den Spruch verpflichten wollen:
„Was dir nicht lieb ist, das tue nicht auch deinem Nächsten. Das ist das ganze jüdische Gesetz. Alles andere ist nur Erläuterung dieses Satzes“.
Die goldene Regel stellt das angeblich so selbstverständlich erscheinende Vergeltungsprinzip in Frage. Sie hat das Ziel, den ewig wiederkehrenden Gedanken an Rache zu überwinden, sie will den Zirkel von Gewalt und Gegengewalt unterbrechen. Aufforderungen zu Mord und Totschlag haben angesichts der goldenen Regeln keine ethische Berechtigung mehr. Der Spruch „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ sollte deswegen aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht werden. An diesem Thema arbeitet seit Jahren die Theologin und Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong aus London, sie hat die goldene Regel neu formuliert:
„Unter allen Umständen sollen die Menschen den Schmerz anderer Menschen verhindern“.
In diesen Worten, meint Karen Armstrong, kämen auch die ethischen Weisungen des Neuen Testaments zum Ausdruck. Jesus von Nazareth hat seine eigene „Goldene Regel“ bezeichnender weise nicht in negativ abwehrenden oder warnenden Worten, sondern in positiven, ermunternden Formulierungen vorgetragen.
„Ich sage euch: So wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut auch ihr ihnen“.
Diese Weisung gilt in der Bibel – Wissenschaft als unmittelbares Jesuswort, es entstammt der sogenannten „Logienquelle Q“. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten von fast gleich lautenden Formulierungen Jesu. Die Goldene Regel und das Evangelium Jesu von Nazareth sind also aufs engste verbunden. In einer hoch geschätzten frühchristlichen Schrift, der Didaché, aus dem Jahr 150 heißt es:
„Alles, von dem du nicht willst, dass es dir geschieht, das füg auch einem anderen nicht zu“.
Später findet man ähnliche Formulierungen in der muslimischen Tradition. Auch wenn Mohammed selbst keine „eigene“ Goldene Regel formuliert hat, nach dem Tod des Propheten wurden weitere „Überlieferungen“ von ihm verbreitet, die so genannten Haddithe. In einer Sammlung dieser Verse aus dem 13. Jahrhundert heißt es:
„Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“.
Heutige Islamwissenschaftler erinnern auch gern an einen Spruch, den Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds, überliefert hat:
„Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.
Je populärer die Goldene Regel in aller Welt wurde, desto mehr lassen sich Menschen auch zu zynischen oder polemischen Äußerungen hinreißen. Mit Beispielen aus dem Alltagsleben wollen sich besonders kritisch wähnende Geister über diesen universalen ethischen Grundsatz lustig machen. Sie behaupten zum Beispiel:
„Die Goldene Regel kann gar nicht universell gelten. Die viel geschmähten Politessen etwa müssen Strafzettel wegen falschen Parkens ausstellen, obwohl sie selbst als Privatperson einen Strafzettel ja niemals erhalten möchten. Fügen die Politessen da nicht anderen Menschen negativ – belastende Dinge zu, die sie selbst nicht erleiden wollen? Widerspricht dieses Verhalten nicht der Goldenen Regel?“
Was dem ersten Eindruck nach plausibel klingt und noch manchen Lacher erzeugt, hat jedoch keine Gültigkeit. Denn das falsche Parken ist ein Verstoß gegen geltendes Recht, dem ist auch eine Politesse unterworfen, wenn sie selbst einmal falsch parken sollte. Mit dem Ausstellen von Strafzetteln widerspricht sie nicht der Gültigkeit der Goldenen Regel. Dieses Beispiel ist so lächerlich nicht, weil es daran erinnert: Grundsätzlich muss jede individuelle Lebensregel, jede Maxime, einer kritischen Prüfung unterworfen werden muss. Wenn ich z.B. meine individuelle Maxime ganz hoch schätze: Möglichst wenig zu verreisen, sondern immer zu hause zu bleiben. Kann dann meine Maxime bedeuten, dass ich auch anderen empfehle, nicht zu verreisen, bloß weil ich das Reisen ablehne? Welchen Grund habe ich denn, mein Desinteresse an Reisen anderen vorschreiben zu wollen? So wird hier deutlich: Nicht jede persönliche Vorliebe kann ich unter Berufung auf die Goldene Regel anderen „antun“ oder „aufdrücken“. Der Philosoph Immanuel Kant hat für solche Fälle einen „Prüfstein“ formuliert, als er – sinngemäß – sagte:
„Überlege genau, ob deine individuelle Maxime wirklich auch allgemeines Gesetz für alle werden kann“.
Direkt auf die goldene Regel bezogen, könnte die Einsicht des großen Denkers aus Königsberg heißen:
„Behaupte niemals, dass deine persönliche Maxime oder Lebensweisheit automatisch der Goldenen Regel entspricht. Die Übereinstimmung muss genau geprüft werden“.
Die Goldene Regel hat heute ein gediegenes philosophisches Fundament. Und das hat ihre Akzeptanz weltweit nur gefördert. Historiker, Religionswissenschaftler und Philosophen weisen darauf hin, dass z.B. In New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Art „multi – religiöse Kirche“ gegründet wurde. Sie nannte sich „Die Goldene Regel Bruderschaft“ und wollte die unterschiedlichen Religionen aus dem Nebeneinander, vor allem aber der feindlichen Abgrenzung herausführen. Friedliche Kooperation sollte beginnen. Zu den Unterstützern gehörten hochrangige Politiker der USA, Schriftsteller, Philosophen und Theologen. Das Projekt wurde aber in der Öffentlichkeit schnell als utopisch diskreditiert, resigniert zogen sich die Initiatoren zurück. Von Erfolg gekrönt ist hingegen die Grundsatzerklärung des „Weltparlamentes der Religionen“: Es hatte sich 1893 in Chicago als Ort interreligiösen Dialogs etabliert. Immer wieder wurden Treffen organisiert, vor kurzem tagte dieses spirituelle „Weltparlament“ mit Vertretern aller Religionen in Melbourne, Australien. Auch hier wurde die Goldene Regel wieder als Maßstab mitmenschlichen Verhaltens empfohlen. Der ökumenische Theologe Hans Küng hat sich von diesem Geist universaler Menschlichkeit inspirieren lassen und vor 20 Jahren sein Programm für ein „Projekt Weltethos“ vorgelegt. Hans Küng schreibt:
„Wir brauchen in dieser globalisierten Welt auch eine minimale Übereinstimmung in grundlegenden Werten, Normen und Haltungen. Dieses Ethos soll lebensbejahend für alle sein. Dabei spielt die Goldene Regel eine entscheidende Rolle. Aber sie soll nicht nur zwischen Individuen, sondern auch zwischen gesellschaftlichen Gruppen, Nationen und Religionen gelten“.
Hans Küng versteht die Goldene Regel als einen elementaren Ausdruck für die universale Menschlichkeit; sie stellt nicht den Wert der vielen verschiedenen Kulturen und Religionen in Frage. Aber sie bietet einen „ethischen Minimalkonsens“ für die ganze Menschheit. Aus dieser universalen ethischen Basisregel hat Hans Küng vier weitere konkrete Imperative abgeleitet:
„Die Goldenen Regel schließt die Überzeugung ein: Jeder Mensch wünscht zu leben. Deswegen dürfen wir nicht morden. Niemand will sein gerecht erworbenes Eigentum verlieren, deswegen dürfen wir nicht stehlen. Niemand will betrügerisch behandelt und mit unwahren Informationen bedient werden, deswegen dürfen wir nicht lügen. Niemand will nur wie eine Sache in Erotik und Sexualität benutzt werden. Deswegen ist Sexualität menschlich zu gestalten, z.B. durch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen“.
Aber auch diese „Lebensregeln“ sollten niemals wie eine Art mechanischer Gebrauchsanweisung für den Umgang mit anderen Menschen angewandt werden. Die Goldene Regel wird missverstanden, wenn sie nur als banale Aufforderung gilt, in äußerlicher Korrektheit und ohne innere Anteilnahme mit anderen Menschen zusammen zu leben, also z. B. nur zu schauen: Füge ich Schmerzen zu? Entscheidend ist vielmehr: Die Goldene Regel lenkt mein Nachdenken auch auf mich selbst: Sie führt mich zu der Frage: Welches Leiden finde ich selbst denn unerträglich, welche Umgangsformen will ich vonseiten anderer Menschen niemals erleben? In welcher Weise möchte ich von anderen Leuten respektiert werden? Erst wenn ich genau weiß, wie ich selbst nicht behandelt werden möchte und dann auch positiv beschreiben kann, wie ich wahrhaft leben will, kann ich mich anderen zuwenden. Die Goldene Regel ist also eine Aufforderung, in sich selbst zu schauen, „zu reflektieren“, wie die Philosophen sagen. In diesem Zusammenhang werden alte Weisheitssprüche aus dem Pali Kanon, den Lehrreden des Buddha, neu entdeckt:
„Wie ich bin, so sind auch diese;
Wie diese sind, so bin auch ich.
Wenn so dem anderen er sich gleichsetzt,
Mag er nicht töten oder töten lassen“.
Für Buddha kommt es entschieden darauf an, die Goldene Regel als Ausdruck von Spiritualität wahrzunehmen, als Impuls, Mitgefühl und Mitleid zu entwickeln. In einer anderen Lehrrede heißt es:
„Auf mich selbst achtend, achte ich auf den anderen,
Auf den anderen achtend, achte ich auf mich selbst“.
Buddhas tiefes Verstehen der Goldenen Regel, in dieser gleichzeitigen Hochschätzung des anderen Menschen wie auch der eigenen Person, gilt heute weltweit als ethischer Maßstab, und zwar nicht, weil Buddha, der „Erleuchtete“ da gesprochen hat, sondern weil Buddha nur allgemein Vernünftiges und sehr Menschliches gesagt hat. Diese Goldene Regel wird so zur universalen „Formel“ für eine allgemeine, eine humanistische Ethik, betont die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong:
„Die Goldene Regel verlangt, dass wir uns als einzelne nicht für etwas Besonderes halten, sondern uns stets zu anderen Menschen in Beziehung setzen“.
Das Leben der Mitmenschen nicht nur an sich „heranlassen“, sondern versuchen, mit ihnen zu fühlen, sich in ihre Welt hinein zu versetzen, zu verstehen, warum sie anders sind als ich: Damit beginnt das Mitgefühl, die Empathie, der ethische Kern der Goldenen Regel. Geradezu schlicht erscheint deswegen heute der viel zitierte Spruch des Preußenkönig Friedrich des Großen, des „Alten Fritz“:
„Jeder soll nach seiner Facon selig werden“.
In Zeiten konfessioneller Feindseligkeiten formuliert, hat dieser Spruch vielleicht dafür gesorgt, dass die Menschen einander nicht töten, sondern „tolerieren“, also ertragen. Das Schweigen der Waffen ist ja bekanntlich schon viel. Aber eine tiefere Lebensphilosophie, eine Aufforderung zum Mitgefühl oder gar zur Versöhnung, ist diesem Spruch nicht zu entnehmen. Da sind die Einsichten des Psychotherapeuten und Philosophen Erich Fromm schon hilfreicher; er wurde weltweit bekannt durch sein Buch „Die Kunst des Liebens“. Fromm hat eine weit reichende Lebens – Philosophie der Goldenen Regel entwickelt:
„In unseren Beziehungen mit anderen Menschen tun wir ihnen immer etwas an, Gutes oder Böses. Entscheidend ist die Erkenntnis: In beiden Fällen wirkt sich unser Handeln auch auf uns selbst aus. Was wir anderen tun, das tun wir uns selbst an. Wenn wir z.B. voller Aggression die lebendigen geistigen Kräfte in einem anderen Menschen zerstören, wenn wir ihm etwa aufgrund seelischer Verletzungen Hoffnung und Zuversicht rauben, dann schlägt solches Tun auf uns selbst zurück. Wir meinen dann schließlich selbst, dass geistige und seelische Kräfte, Hoffnung und Zuversicht, keine Bedeutung haben. Niemand bleibt unverletzt, wenn er andere verletzt“.
Die Goldene Regel, in ihrer tiefen Bedeutung ausgeleuchtet, wird so zu einem Plädoyer für eine bessere Gesellschaft. Darin dürfen die anderen Menschen niemals bloß als Objekte oder Mittel für meine eigenen Interessen eingesetzt werden. Auch darauf hat Erich Fromm hingewiesen:
„Man folgt einem Missverständnis, wenn man die Goldene Regel nur als Aufforderung zu einem fairen Verhalten in Wirtschaftsbeziehungen versteht. Fairness bedeutet nur, auf Betrug und Tricks beim Austausch von Gebrauchsgütern zu verzichten. Fairness heißt in der heutigen Gesellschaft: „Ich gebe dir nur so viel, wie du mir auch gibst“, dies ist die Grundlage kapitalistischer Ökonomie. Die Goldene Regel hingegen verlangt mehr als die gesetzlich vorgeschriebene Korrektheit. Sie verlangt Mitgefühl, ja, durchaus Liebe, und zwar Liebe den anderen gegenüber wie auch mir selbst gegenüber“.
Die Goldene Regel lehrt das Lieben, das Wertvollste, zu dem Menschen in der Lage sind. Deswegen wird sie zu einer Art Wegweisung ins menschliche Glück. Erfüllung und Zufriedenheit stellen sich nicht automatisch mit materiellem Erfolg oder ökonomischem Wohlstand ein. Aber auf dieses Ziel hin orientieren sich viele ihr Leben lang. Wer Glück nur als zukünftigen Zustand, als Utopie des „Irgendwann – Einmal“ begreift und wie einen unwahrscheinlichen Millionen Gewinn im Lotto erwartet, verliert die Lebensfreude. Er lebt nicht mehr im Jetzt, in der Gegenwart, ist einfach nicht mehr „da“, sondern mental in die Ferne gerückt. Aber Leben ist einem breiten Strom philosophischen Denkens entsprechend einfach Freude am Dasein, am geistvollen Lebendigsein mit anderen zusammen und auch für mich selbst, betont der Philosoph Otfried Höffe: „Wer voller Sehnsucht das Glück in ferner Zukunft erwartet, ist vor immer neuen Enttäuschungen nicht gefeit. Er verfällt in Resignation und denkt: Der glückliche Mensch sei im Plan der Schöpfung nicht enthalten. Hingegen liegt das Glück im gelungenen Lebensvollzug, es verwirklicht in jedem Augenblick des Lebens“.
„In jedem Augenblick“ des alltäglichen Lebens werde ich vor die Frage gestellt: Wie entscheide ich mich? Was will ich mit anderen Menschen erleben? Worin sehe ich meinen Lebenssinn? Die Goldene Regel bietet dann in ihrer elementaren Einfachheit die notwendige Orientierung und Hilfe. Vielleicht sollte man sie gelegentlich wie ein Mantra laut vor sich her sagen… Wenn sie sich im Geist eingeprägt hat, meldet sie sich sanft, aber im Gewissen durchaus hörbar mit den verführerischen Worten: Folge meiner Weisung. Denn sie ist vernünftig.

Copyright: Religionsphilosophischer –Salon. Christian Modehn 2010.

Neues über die „Legionäre Christi“: Die Pathologien eines Ordensgründers und eines Ordens

Ein Wort zuvor: Weil wir so viel Interesse und Zustimmung fanden („die einzigen ausführlichen Informationen zu diesem Thema in deutscher Sprache“) zu unseren bisherigen Beiträgen über die Legionäre Christi, setzen wir noch einmal die aktuellen Hinweise fort. Wir verstehen diese Beiträge als ein Stück kritischer Information und vor allem als ein Stück aktueller religionskritischer Analyse, deswegen gehören sie auch in einen „religionsphilosohischen Salon“. Und sie gehören in eine aufgeklärte, demokratische Kultur.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon spielt sich Religions – bzw. Kirchenkritik nicht im luftleeren Raum ab. Immer wieder werden wir nach neuen Entwicklungen im umstrittenen Orden der Legionäre Christi gefragt. Wir sehen in der Weitergabe dieser Informationen einen kleinen Beitrag im Rahmen einer zeitgemäßen „Philosophie der Aufklärung“. Verfasst am 8.1. 2011 Weiterlesen ⇘

Die Rede Benedikt XVI. in Berlin im September 2011

Die Rede Benedikt XVI. im September 2011 in Berlin

Durch eine Indiskretion in Rom ist die Rede in die Öffentlichkeit gekommen, die Papst Benedikt XVI. in einigen Monaten, im September 2011, in Berlin halten wird. Bekanntlich werden ja die Reden der ewigen Wahrheiten rechtzeitig vorbereitet, darum liegt die Rede schon jetzt fertig auf dem Schreibtisch des Papstes. Im Rahmen unseres philosophischen Salons konnten wir eigentlich mit dieser Rede nicht viel anfangen. Wir haben sie aber in unsere Rubrik „philosophische Satire“ aufgenommen. Vielleicht gibt diese Rede doch dem einen oder anderen Leser zu denken….

Die Rede Benedikt XVI. in Berlin im September 2011

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Frau Kanzlerin, hoch verehrte Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ordensleute, liebe katholische Laien, liebe Mitglieder der christlichen Gemeinschaften, die sich evangelisch nennen, liebe Berliner und Besucher hier im Olympiastadion, an diesem vortrefflichen Platz, auf dem schon mein Vorgänger Johannes Paul II. gesprochen hat…

In diesem Stadion liegt es nahe, dass wir uns an daran erinnern, dass schon der Apostel Paulus das christliche Leben als einen Wettlauf beschrieben hat. Aber, dieser Wettlauf ist heute und er war es immer schon eine rein geistige Angelegenheit, ein Kampf, das Böse seelisch zu besiegen und das Gute zu tun. Wie sagte der hoch verehrte Kirchenvater Hieronymus: Laufet, ihr Christen, laufet, um die böse Welt zu besiegen. Und der Kirchenvater Didymus sagte: Ohne den täglichen inneren Wettlauf kein Sieg über die Verführungen des Leibes. Mein großes Vorbild, der heilige Benedikt, sagte im 5. Jahrhunderte: ora et labora, bete und arbeite. Lasst uns also inständig beten und gottergeben arbeiten. Mögen die Arbeitslosen doch endlich Arbeit finden, darum beten wir, damit der Leitspruch einer meiner Enzyklika „Deus Caritas est“ auch für sie gilt. Beten wir auch für die Hartz IV Empfänger.
Eins will ich allen hier einschärfen: Unsere ewigen Wahrheiten, in Rom seit Jahrhunderten repetiert, gelten immer, nichts wandelt sich grundlegend in der Kirche. Wir als Päpste und Bischöfe sind die Hüter der unveränderlichen Wahrheit. Und dazu gehört, liebe Politiker, dass sie erkennen: Was menschlich, natürlich und human ist, das bestimmen wir, die Hüter der Wahrheit. Der Herr hat uns die Schlüssel der Wahrheit hinterlassen, da gibt es keine Diskussionen. Selbst wenn Vertreter der evangelischen Gemeinschaften, Kirchen sind sie ja bekanntlich nicht, das Gegenteil sagen: der Herr hat seine (!) also die katholische Kirche, auf einen Felsen gegründet und dieser Felsen sind wir. Deswegen wiederholen wir auch hier im Olympiastadion: Es kann nur intakte Familien geben, wenn eine weibliche Mutter und ein männlicher Vater die Keimzelle der Familie sind, alles andere ist Sünde. Wenn jetzt ich jetzt kraft meines Amtes nach jahrzehntelanger Überlegung, einer Zeit, in der schon Millionen von AIDS aufgrund des Mangels an Kondomen, leider leider gestorben sind, wenn ich also jetzt in den aller größten Ausnahmefällen doch Kondome gestatte, dann ist klar: Was die allergrößten Notfälle sind, das bestimmen wir! Wo kommt die katholische Moral denn hin, wenn wild zusammenlebende Paare selbständig über den Gebrauch von Kondomen entscheiden?
Ich wende mich an die Menschen, die sich ungläubig nennen, vielleicht Humanisten sind: Mögen sie erkennen, dass der wahre Humanismus die Bindung an die absolute Wahrheit ist, die wir als Kirche ewig lehren. Diese Worte habe ich schon in Spanien kürzlich gesagt, auch in den USA, auch in Frankreich Afrika und Brasilien. Ja so ist es: Überall sage ich das selbe, selbstverständlich auch im Vatikan, weil der Herr es so will, dass immer und überall in denselben Worten die selbe ewige und eine Wahrheit gesagt wird von der Cathedra Petri. Auch darüber darf es keine Diskussion geben, die Theologie dient uns, dem Lehramt, nicht etwa einer freien Forschung. Dies führt nur zu tödlichem Relativismus. Das wahre Aktuelle ist das Ewig Gleiche, sagte doch unser hoch verehrter Lehrer der griechische Philosoph Platon. Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich die Pius Brüder wieder in diese eine und ewige und selbe Kirche zurückführen möchte…Es ist der Geist des Unwandelbaren und Erstarrten, der uns vereint. Liebe Berliner Katholiken, sie werden sich daran gewöhnen müssen, dass bald in euren Pfarreien nur Neokatechumenale Priester wirken, nur Legionäre Christi und charismatische Priester, das Opus Dei wird ihnen kontrollierend auf geheimen Wegen zur Seite stehen. Diese Kreise sind mit dem Felsen Petri bedingungslos verbunden, eine Chance für das freie Berlin. Sie haben viel Geld und wiederholen wie ich die ewige Wahrheit, sie werden die vielen aus der Kirche Ausgetretenen wieder zur Mutter Kirche zurückholen… Zum Schluss danke ich der Bundesregierung für die Millionen Zuschüsse zu meiner Reise, ich danke der Stadt Berlin, die zwar pleite ist und noch 10 Prozent Katholiken zählt, dass sie ebenfalls eine Millionen zahlt für meine Reise hier nach Berlin. Es ist der Augenblick der Präsenz der ewigen Wahrheit, die ja so unbezahlbar ist… So erteile ich allen meinen apostolischen Segen.

Unsere Gewährsleute im Vatikan sind allerdings etwas erstaunt, weil sie neben dieser Rede Benedikts eine andere Ansprache fanden, sehr viel kürzer, es handelt sich um ein Zitat des Jesuitenpaters Alfred Delp, der 1945 als Widerstandskämpfer von den Nazis hingerichtet wurde. Er schrieb am Ende seines Lebens als Theologe und Jesuit:
„Die Kirche steht durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise sich selbst im Wege. Ich glaube, über all da, wo wir uns nicht freiwillig um des Lebens willen von dieser Daseinsweise trennen, wird die geschehende Geschichte uns als richtender und zerstörender Blitz treffen“.
Unsere Gewährsleute in Rom wissen allerdings nicht, ob Benedikt XVI. in Berlin eventuell nicht ohne tiefe Erschütterung nur diese wenigen Worte Pater Delps vorträgt …und danach schweigend die Gläubigen segnet….
COPYRIGHT: www.religionsphilosophischer-salon.de

Wird die Kirche zum Grab Gottes?

Das „philosophische Wort zur Woche“ bezieht sich aus aktuellem Anlaß (Papstreise nach Deutschland, Ratzingers Anspruch, erneut dokumentiert in seinem Interviewbuch, als Papst die Wahrheit zu besitzen usw. usw.) auf einen Impuls Friedrich Nietzsches.

Wird die Kirchen zum Grab Gottes?
Der Hinweis bezieht sich auf die Erkenntnis Friedrich Nietzsches, in seinem Buch: Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr 125.

Der tolle Mensch fragt:
„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? […] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“[1
Das Entscheidende ist:
Am Ende dieses Kapitels schreibt Nietzsche die berühmten Worte von den Kirchen als den Grabmälern Gottes:
„Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“

Kirche als Grab Gottes – dieser Erkenntnis Nietzsches hat sich bislang fast kein Theologe gestellt, geschweige denn ein Bischof oder gar ein Papst.

Der niederländische Augustiner und Theologe Robert Adolfs hat allerdings 1966 ein Buch verfasst, das den Titel trägt: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“, auf Deutsch erschien es 1967 im Styria Verlag.

Darin sah Pater Adolfs sehr deutlich, dass die Kirchenreformen des unmittelbar beendeten 2. Vatikanischen Konzils viel zu kurz greifen und viel zu oberflächlich sind. Robert Adolfs plädierte darum als wahre Lebensrettung der Kirche für eine „kenotische“ Kirche, also für eine Kirche, die den Abstieg von allen Machtgelüsten, auch theologischer Art, aufgegeben hat. „Das ärgste Hindernis des Dialogs mit den anderen christlichen Kirchen war die kirchliche (katholische) Machtgestalt. … Die kenotische Kirche erhebt ja keinen Exklusivanspruch auf Offenbarung und Gnade“ (S. 191)

Es ist interessant zu sehen, dass dieser Begriff der „Kenotischen Kirche“ heute im Mittelpunkt des Denkens des berühmten italienischen Philosophen Gianni Vattimo steht, vor allem in seinem Buch „Glauben – Philosophieren“, Reclam Verlag, 1997. Vattimo schreibt dort auf Seite 64: „Was ich wiederentdecke ist eine Lehre, die ihren Grundpfeiler in der Kenosis Gottes hat, und damit im Heil, das als Auflösung des natürlich gewaltsamen Sakralen verstanden wird.“.
Noch wichtiger ist:
Pater Adolfs hat seinem Buch „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ ein Zitat des Jesuiten Alfred Delp vorangestellt, der als Widerstandskämpfer gegen die Nazis am 2. 2. 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde.
A

lfred Delp schrieb kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nazis „Die Kirche steht durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise sich selbst im Wege. Ich glaube, über all da, wo wir uns nicht freiwillig um des Lebens willen von dieser Daseinsweise trennen, wird die geschehende Geschichte uns als richtender und zerstörender Blitz treffen“.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer Salon Berlin

Jeder Mensch lebt seine eigene Philosophie

Philosophieren ist eine kritische Lebensform

Statement am Welttag der Philosophie im AFRIKA HAUS Berlin.

Wir, d.h. mein Freund Hartmut Wiebus und ich, haben vor etwa 4 Jahren in Schöneberg einen Salon gegründet, einen Gesprächs – Kreis. der sich Religionsphilosophischer Salon nennt. Und wir haben seit der Zeit etwa 25 Gesprächsrunden gehabt. Zu diesem vielleicht etwas merkwürdig klingenden Titel Religionsphilosophischer Salon werde ich gleich noch ein Wort sagen.

Vorweg aber ein Wort zu der philosophischen Perspektive, die uns leitet, und die ist nicht „unsere“ im engeren Sinne, sondern sie verdankt sich einer breiten philosophischen Tradition. Und die lässt sich auf den Punkt bringen: Jeder Mensch als ein Wesen, das Geist hat, Verstand und Vernunft, denkt immer schon im Alltag. Jeder Mensch entscheidet sich immer schon im Alltag, entwickelt in dieser Dialektik von Freiheit und Abhängigkeit, etwa schon durch die Herkunft bedingt, sein eigenes Leben, seine Individualität, die man als gesammelte und über die Jahre geformte unausdrücklich und indirekte leibhaftige Philosophie nennen könnte. Da gilt dann bei einem das Naturerlebnis als höchster Wert, bei dem anderen die Solidarität, bei einem die ständige Gesprächsbereitschaft, bei anderen die Lust, andere Länder kennen zu lernen usw. Überall da lebt bereits unausdrücklich Philosophie, man muss sie im Gespräch nur ausdrücklich machen. Da kann dann der einzelne sich viel besser in seinem Lebensentwurf erkennen und dadurch besser leben, wenn er auch die Grenzen seines Lebensentwurfes z.B. erkennt. Das alles klingt sehr gundsätzlich, wir haben diese Fragen diskutiert etwa im Zusammenhang von Achtsamkeit, Glückserfahrungen, Respekt vor den anderen usw.

Was hat das nun alles mit religionsphilosophischen Fragen zu tun? Wir gehen von einer zweiten Vermutung aus, dass jeder Mensch in diesem beschriebenen alltagspraktischen Leben bestimmte oberste oder höchste Prioritäten setzt: Etwa die Selbstbehauptung um jeden Preis oder die Verehrung des (Neo) Kapitalismus als der höchsten und schönsten Wirtschaftsform. Oder die Fürsorge für die eigene Familie, oder die Fürsorge für die Fremden, oder das Geld oder den Sex oder die Kunst usw…In diesen oft unbewusst vorgenommenen Absolutsetzungen lebt unserer Meinung nach, das was man Religion nennt: die oft stillschweigende Absolutsetzung. Kann man darin etwas „Göttliches“ erkennen?

Ich will mich kurz zu einem uns alle sicher auch viele TeilnehmerInnen persönlich bewegenden Thema äußern:

Warum Spiritualität kritisches Denken braucht.

Es ist ja philosophisch heute eine beinahe allgemeine Überzeugung, dass die Säkularisierung der Moderne nicht zu einem Verschwinden des Religiösen, der Religionen und Konfessionen und Spiritualitäten geführt hat. Das war ja eine starke Vermutung in den neunzehnhundert siebziger und achtziger Jahren, dass die immer deutlichere Weltlichkeit der Welt zum definitiven Tod Gottes führt. Die Welt ist Gott sei Dank weltlich geblieben, in einigen europäischen Ländern legt man immer richtigerweise noch wert auf die Autonomie der Welt und damit auf die Trennung des Religiösen vom Weltlichen, aber Gott und die Götter haben sich zurückgemeldet. Je weltlicher die Welt desto stärker der Boom der Spiritualitäten. Im „entchristlichten“ Paris gibt es bereits mehr Wahrsager und Handleser als katholische Priester. Das ist eine Feststellung, keine Bewertung.

Philosophen müssen fragen: Welche Götter sind es, die da ein Come back erleben? Natürlich bleiben die klassischen Götter der christlichen Konfessionen, natürlich muss die Rede sein von Allah im vielfachen Sinne, von der Sufi Mystik bis zu den Fundamentalisten; oder auch von dem letzten Nichts der Buddhisten bis zu absoluten und beinahe heiligen Werten der Humanisten und bis hin zu den Esoterikern, die man vor kurzem noch New Age nannte.

Was hat damit Philosophie zu tun?

Ich gehe davon aus, dass Philosophie in guter aufklärerischer Tradition Glaubenslehren und religiöse oder esoterische Überzeugungen konfrontiert mit den Grundsätzen der allen gemeinsamen, deswegen sagen wir ja, all – gemeinen Vernunft, so wie wir sie in der europäischen Tradition ausgebildet haben. Also Menschenrechte werden mit den praktischen Auswirkungen religiöser Dogmen im Individuum, in der Gesellschaft und im Staat konfrontiert. Jeder kann in seinem stillen Kämmerlein glauben, was er will, etwa im Himmel sei Jahrmarkt, philosophisch interessant wird der private Glaube dann, wenn jemand diesen himmlischen Jahrmarkt hier in unseren Gesellschaften aufziehen will.
Da gibt es genug zu tun, den neuen Göttern auf die Spur zu kommen, die können sich ja auch in den begriffen Geld, Wirtschaftswachstum oder auch Erfolg und Arbeit verstecken. Deswegen nennen wir unseren philosophischen Salon in Schöneberg religionsphilosophisch, weil wir auch diesen versteckten Göttern verstehend, d.h. nicht: akzeptierend, auf die Spur kommen wollen.

Noch kurz eine 2. Überzeugung: Für mich ist Philosophie kein neutrales Handwerkszeug des Denkens, so, als wäre Philosophie eine gute Schere, die vernünftige von unvernünftigen Stoffen trennt. Philosophie ist kein neutrales Instrument, sie ist eine ganzheitliche Lebenshaltung, das sagen die alten, die griechischen Philosophen deutlich, das hat kant gelebt, das hat Heidegger gesagt. Darum gibt es eine Frömmigkeit des Denkens, eine Art philosophischen Innewerdens des Göttlichen im Geist. Dieser philosophische Glaube wie Karl Jaspers sagte, kann durchaus auf klassische und dogmatische Religionen verzichten. Philosophie schenkt Freiheit, wenn sie in Freiheit vollzogen wird. Dieser „philosophische Glaube“ lebt von der sich stets weiter entwickelnden Vernunft. Seine Kennzeichen sind: Empathie, Liebe, Respekt. Dass es da und dort, etwa in Holland, kleine christliche Kirchen gibt, die die lebendige, sich entwickelnde Vernunft und den lebendigen, sich entwickelnden und niemals statischen Glauben verbinden (wie die Remonstranten), soll hier nur erwähnt werden.

Erwachen zum Alltag

Erwachen zum Alltag
Ein philosophisches „Wort zur Woche“ anlässlich des Welttages der Philosophie am 18.11. 2010

In diesem Jahr hat die UNESCO ein Motto zum Welttag der Philosophie vorgeschlagen, das deutlich den interkulturellen Dialog fördert. Es geht um die Anerkennung des anderen, die Anerkennung der „anderen“ Kulturen. Dies bedeutet auch: Respekt für außer -europäische Philosophien. Wir weisen gern auf das Buch des Philosophen Byung – Chul Han „Philosophie des Zen- Buddhismus“ (Reclam) hin, da wird unseres Erachtens deutlich die Differenz zwischen europäischem und zen buddhistisch geprägten Philosophieren herausgearbeitet. Dies Differenz wahrzunehmen und anzuerkennen, ist ein entscheidender Schritt interkulturellen Philosophierens. Dadurch wird Philosophieren „relativiert“.

Byung – Chul Han scheibt:
„Die Erleuchtung (Satori) bezeichnet keine Entrückung, keinen ungewöhnlichen ekstatischen Zustand, in dem man doch „sich“ (selbst) gefiele. Sie ist vielmehr das Erwachen zum Gewöhnlichen. Man erwacht nicht in ein extraordinäres Dort, sondern in uraltes Hier, in eine tiefe Immanenz. Der Raum, den der alltägliche Geist bewohnt, ist auch keine göttliche Wüste Meister Eckarts, keine Transzendenz, sondern eine vielfältige Welt. Der Zen- Buddhismus ist beseelt von einem Urvertrauen ins Hier, von einem ursprünglichen Weltvertrauen…Das Zen Wort „Nichts Heiliges“ verneint jeden extraordinären, extraterrestrischen Ort. Es formuliert einen Rückschwung ins alltägliche Hier“. (s. 32 f.)

„Die Gottesvorstellung, die Meister Eckarts Mystik zugrunde liegt, ist dem Zen – Buddhismus, dieser Religion der Immanenz, grundsätzlich fremd“. (S. 26).