Leben in schwierigen Zeiten. Ein inspirierendes philosophisches Buch

Ein Hinweis von Christian Modehn. Das Buch erschien 2019. Ist aber nach wie vor aktuell.

Auf wenigen Seiten gibt ein neues Buch zu denken, fordert auf zum Weiterdenken und Debattieren, wie man die große Krise der Gegenwart, die ökologische, die politisch-populistische Katastrophe und die von fake-news vergiftete Kommunikation verstehen und hoffentlich noch überwinden kann. Knappe Formeln zur Lösung werden nicht geboten, dafür Einsichten von 15 PhilosophInnen und Soziologen, die dann noch inspirieren, selbst wenn sie auf mich befremdlich wirken.
Warum sind die Zeiten, so der Titel des Herausgebers, schwierig? Weil die einzelnen Menschen den Kontakt zur Welt, zur Natur, zur Gesellschaft verloren haben. Die „Welt sei flüchtig“ geworden, betont erneut der kürzlich verstorbene große Soziologe Zygmunt Bauman: Die Menschen fühlen sich nicht (mehr) geborgen in der Welt, fühlen sich fremd und entfremdet von der Realität der „Außenwelt“. Bauman ist einer von 15 Gesprächspartnern, die sich Florentijn van Rootselaar, Redakteur des Magazins „Filosofie“ (Amsterdam) ausgewählt hat, um von der Analyse der „flüchtligen Welt“ zu möglichen Auswegen, vielleicht noch zu denkenden Therapien zu finden. Der Herausgeber hat seinem niederländischen Buch den treffenden Untertitel „leven in barre Tijden“, also „Leben in harten, in schlimmen Zeiten“ gegeben. Das Buch zeigt, wie viel Interesse für philosophische Fragen in den Niederlanden besteht, das Magazin „Filosofie“ ist dafür der beste Ausdruck. Einmal im Jahr, immer im April, findet ja bekanntlich im ganzen Land der „maand van filosofie“ mit zahlreichen Veranstaltungen statt. Dazu hat sich kein Philosophie-Magazin in Deutschland bisher aufraffen können. Das Interesse wäre da!
Schlimm sind unsere Zeiten, weil etwa die fake news zur allgemeinen Gewohnheit geworden sind. Die Lüge breitet sich aus und zerstört den menschlichen Zusammenhalt. Das wollen wohl auch so diejenigen (Politiker), die mit fake news Verwirrung stiften. Dazu äußert sich im Buch die Philosophin Susan Neiman (sie lehrt und lebt in Potsdam). Der Herausgeber schreibt (59): „Neimans Ansicht nach hat die Postmoderne zur Demontage des Glaubens beigetragen, dass neben dem Marktwert auch andere Werte bestehen…Alles wurde relativ, News waren im Grunde doch nur Fake News“. Ihr Hauptanliegen: „Wir dürfen nicht die Idee der Wahrheit aufgeben, die Idee der universellen Menschlichkeit“ (61). Als US Amerikanerin nennt sie den gegenwärtigen Präsidenten gar nicht beim Namen: „Er ist ein Ausdruck aller Ideologien, die uns bestimmen“ (62).
Susan Neiman ist eine hervorragende Kennerin der Werke von Kant, sie ist sozusagen auch die Verteidigerin des universal geltenden Kategorischen Imperativs, der sich letztlich auch gegen die absolut geltende Maxime des Nationalismus wehrt.

Es sind auch zwei für mich verstörende Beiträge im Buch: Florentijn van Rootselaar schreibt über die us-amerikanische Philosophin Martha Nussbaum: „Sie schlägt vor, den Nationalismus wiederzubeleben, ein Gedanke, der mich nicht anspricht“ (S. 26). Nussbaum verteidigt sich mit dem Hinweis auf die angebliche Angewiesenheit auf eine „große Erzählung“, die ein Staat nun einmal brauche, also den Patriotismus. Offenbar bekommt die eigentlich hoch angesehene Philosophin (etwa ihre Forschungen zur Aristoteles) dann doch Angst vor ihrer eigenen Courage: „Die Nation muss natürlich die richtigen Werte ins Zentrum stellen. Diese müssen unabhängig mittels philosophischer Diskussionen gerechtfertigt werden“ (30). Ob sich daran Steve Bannon oder Herr Orban oder die polnischen Herrscher der PIS Partei oder die AFD Leute halten? Das ist philosophische Träumerei, würde ich sagen.

Ähnlich verwegen sind die Ideen des französischen Philosophen Alain Finkielkraut, der einst Emmanuel Lévinas bestens verteidigte wegen dessen Hochschätzung des Respekts für „den anderen“. Nun ergeht sich Finkielkraut im Schwadronieren vom „ewigen Frankreich“, das angeblich jetzt wehrlos den zahlreichen „Immigranten aus außereuropäischen Ländern“ ausgesetzt sei. Gott sei Dank waren Finkielkrauts Eltern bloß Immigranten aus dem europäischen Polen, möchte man fast sagen. Er kritisiert das „sehr romantisch gefärbte Willkommenheißen des Anderen“ (36), da fällt das zentrale Stichwort des großen Philosophen Lévinas, „der Andere“! Aber seinen biblisch fundierten jüdischen Meister erwähnt Finkielkraut (der ja ebenfalls die hebräische Bibel gelesen hat) schon nicht mehr.

Es macht den Reiz dieses Buches aus, dass man sich über die Pluralität der ausgewählten Interviewpartner – bei aller Irritation der beiden genannten – doch freut: Peter Sloterdijk nennt Florentijn van Rootselaar zwar einen „Denktitanen“ (14), der Herausgeber scheut sich aber nicht, in deutlich spürbarer, vornehmer Ironie diesen „Titanen“ zu beschreiben: Wie er sich in seinem Mercedes der S Klasse in hohem Tempo chauffiieren lässt, die Rückbank aus Leder gestaltet…Oder wie er sich mit seiner „neuen Freundin“ (90) ein prächtiges Mittagessen in romantischer Landschaft ganz glücklich gönnt.. Sloterdijk zeigt sich in dem Interview als Schüler des späten Heidegger, der ja auch vom Hören auf das Sein ständig sprach: Sloterdijk will auch auf die Stimme der Welt hören, die den Ruf der neuen Ethik erschallen lässt, einen Ruf, den bisher noch niemand wahrnimmt (96). Darin sieht sich Sloterdijk selbst, unbescheiden, in der Rolle „eines Propheten“ (97). „Ich bin bloß jemand, der die Stimme weiterleitet und das tue ich auf meine Art“. Stimmen weiterleiten – das hat ja bekanntlich der späte Heidegger (seit 1933) auch ständig getan, schließlich hat es in ihm und wohl auf ihn von oben zu –so wörtlich – ja auch „gegöttert“.

Etwas amüsanter wirkt das Interview mit Charles Foster, dem Ethiker und Philosophen und vielseitigen Autor aus Oxford, dessen umfangreiches, auch religionskritisches Werk, bislang nicht in deutscher Sprache vorliegt. Das ist wohl ein großer Fehler. Foster wird in dem Buch kurz vorgestellt, wie er einige Zeit lang sich bemühte, im Wald wie ein Dachs zu leben, „Er verließ die zivilisierte Welt und näherte sich der Erde, indem er wie ein Tier lebte“ (99). Er wollte in dieser ungewöhnlichen Lebensform neue Verbundenheit erleben mit den Tieren, der Natur, dem Wald. „Wenn man so etwas Extravagantes unternimmt, wie sich in einen Dachs hineinzuversetzen, steigert man sein Empathievermögen…“(104): Empathie – absolut notwendig, um aus der Krise herauszufinden…

Sehr wichtig erscheint mir das Interview mit dem französischen Philosophen Bernard Stiegler, der kürzlich (2020) gestorben ist. Er sagte damals: „Wir leben in einer Zeit, in der die Industrie alle Verhaltensweisen standardisiert. Dadurch verlieren Menschen das Gefühl zu existieren…Wenn ale Energie von der Kulturindustrie gelenkt und genutzt wird, wird man der Möglichkeit beraubt, echte Erfahrungen zu machen“ (S. 75).

Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen anderen, in Deutschland ebenfalls nahezu unbekannten Philosophen: Tu Weiming ist sein Name, er lebt wieder in Peking, hat lange Zeit auch an der Harvard Universität gelehrt, vor allem zu Konfuzius und der Aktualität seines Denkens. Für ihn ist die „immanente Transzendenz“ (131) entscheidend für das menschliche Leben, verstanden als ständiges geistiges Wachsen. So sind für ihn auch Veränderungen (in Staat und Gesellschaft) nur möglich, „wenn wir eine Verbindung mit etwas Höherem eingehen“ (131). Wie die gegenwärtigen Machthaber in Peking darüber denken, verrät das Buch nicht. Aber: Jeder Mensch, jedes „Geschöpf“ (der Mensch ist für den chinesischen Konfuzianer eine Kreatur, ein Geschöpf!) trägt – für Tu Weiming – zudem „aktiv zur Schöpfung des Kosmos bei. Der Mensch ist ein Mitschöpfer“. Wenn man auf dieser Linie weiterdenkt, ist die Fähigkeit der Transzendenz im Menschen tatsächlich eine Gabe des „Schöpfers“… „Menschen, vom Himmel gesegnet, sind für die Lösung von Problemen zuständig“ (136).
Ich möchte fast behaupten: Allein schon wegen dieses Interview mit Tu Weiming lohnt es sich, das Buch zu kaufen und zu lesen.
Das Buch enthält darüber hinaus Interviews mit Jacques Rancière, Michael Sandel, Hartmut Rosa, Bruno Latour, Roger Scruton, Terry Eagleton („Der Marxist (und Katholik!), der noch an den Sinn der Welt glaubt“), Michael Puett (über Tao) ….

Florentijn van Rootselaar: „Leben in schwierigen Zeiten“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft-Theiss. 144 Seiten. 20 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jacques Gaillot – Filme von Christian Modehn, in der ARD

Über Bischof Jaques Gaillot hat Christian Modehn zwei Halbstunden – Dokumentar – Filme für die ARD (Das Erste) realisiert, von Magazinbeiträgen etwa für den HR oder SWF einmal ganz abgesehen.

1. „Machtlos und frei“, Saarländischer Rundfunk, 1989, Red. Norbert Sommer.

2. „In die Wüste geschickt“, WDR 1995, Red. Friedhelm Lange.

Unter zahlreichen Aufsätzen und Ra­dio­sen­dungen von Christian Modehn über Bischof Gaillot möchte ich vor allem aufmerksam machen auf den Beitrag „Aus Gewissensgründen Nein sagen. Die konstruktive Kritik von Jacques Gaillot“.in: „Jacques Gaillot – Die Freiheit wird euch wahr machen“, hg. von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. Dort S.73 – 82. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 2010.

Notre Dame de Paris wird als ein interreligiöser „Tempel“ neu erbaut.

Ein Vorschlag: Die Kathedrale Notre Dame de Paris sollte nicht als römisch-katholische Kathedrale (wie üblich, alten Stils) restauriert werden. Die Kathedrale sollte ein interreligiöser Tempel werden: Als Zeichen einer neuen Ökumene einer versöhnten Menschheit
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.4.2019

Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.

Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle Christen, für Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen?
Die Umgestaltung von Notre Dame ist ein Vorschlag, vielleicht nur ein Traum. Aber eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Notre Dame de Paris: Fast eine Ruine. Für Steine viele Millionen Euro zu spenden ist jetzt attraktiv und lukrativ!

Fragen und Vorschläge nach der Brand-Katastrophe
Von Christian Modehn

1.
Die Kathedrale Notre Dame de Paris gibt es nicht mehr, vor allem die innere Gestalt der Kirche ist weithin eine Ruine. Einige besonders wertvolle „Schätze“ und Reliquien konnten gerettet werden, wohl auch die Orgel. Geblieben ist die äußere Hülle, die Fassade, wenn man so will, die beiden großen Türme und die Mauern stehen da ohne Glanz, des Nachts wie eine dunkle Bedrohung.
Natürlich ist es sinnvoll, über einen Wiederaufbau der Kathedrale nachzudenken. Dafür ist die Kathedrale von höchster kultureller Bedeutung, förmlich als Symbol des „nationalen Bewusstseins“.
Auffällig ist jedoch, mit welchem Eifer sich der Staat und der Staatspräsident für den sehr eiligen Wiederaufbau aussprechen. Natürlich, aufgrund der Kirche-Staat-Gesetze ist Notre Dame de Paris Staatseigentum. Der Staat wird bei diesem exkluxiven Bauwerk dafür sorgen, dass diese Kirche in neuem Glanz ersteht, eine Kirche, die immer auch als nationaler „Tempel“ angesehen wird; selbst von vielen kirchlich „Nicht-Gebundenen“; auch die Touristen durchschrittten das Bauwerk in zügigem Tempo, 30.000 Besucher waren es 2018 durchschnittlich pro Tag! Ein großes Getrampel also in „heiliger Halle“. Auffällig also ist, dass Präsident Macron offenbar allen Ernstes behauptete, Notre Dame nach 5 Jahren wieder zu eröffnen. Das ist mehr ein frommer Wunsch und ein Ausdruck, politisch stark zu erscheinen. Ein Stück Propaganda vielleicht.
2.
Auffällig ist vor allem, wie die „Magnaten“, die Millionäre und Milliardäre, wie „Libération“ schreibt, für den Wiederaufbau spenden: Kaum ist das Feuer erloschen, fließen schon die vielen Millionen für die Herstellung dieser Kirche. Warum? Vielleicht aus „nationalem Bewusstsein“ der großen Firmenchefs? Vor allem auch, weil die Steuervergünstigungen in dem Fall enorm sind. Bald wird wohl die Kathedrale den Titel „Trésor national“ erhalten und dann könnten 60 % der Spenden von der Steuer abgezogen werden. Damit werden dem Staat viele Millionen Steuern entgehen, die er etwa für seine Sozialpolitik gut gebrauchen könnte.
Auffällig ist diese enorme Spendebereitschaft der Magnaten bzw. der Großkapitalisten, wie die Tageszeitung Libération treffend schreibt, also doch nicht. Man kann sich also wegen einer „nationalen Katastrophe“ (Brand in Notre Dame) noch zum großen Steuer-Sparer entwickeln und durch diese private Steuerersparnis dem Staat letztlich dringend benötigte Steuern entziehen. Die „Pinault“, Eigentümer der Luxus-Gütergruppe Kering (Gucci et.c) spenden 100 Millionen; Der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, Chef von LVMH (Luxusprodukte wie Hennessy und 70 weitere Luxusprodukte) hat schon 200 Millionen Euro zugesagt, TOTAL will 100 Millionen spenden, sogar Apple wird unter den Spendern sein. „In kürzester Zeit, innerhalb weniger Stunden, wurden 700 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Kulturtempels bzw. der Kathedrale Notre Dame de Paris gespendet. Wenn das so weitergeht, braucht der eigentlich verantwortliche Staat nichts mehr zu zahlen…
3.
Auffällig ist, dass diese Magnaten eher sehr selten (mit so großen Summen) für Menschen in Not spenden, etwa für die Obdachlosen in Paris oder die Sterbenden in Jemen. Tatsache ist, dass die sozial engagierten Vereine in Frankreich (Associations) im letzten Jahr weniger Spenden einnehmen konntenn als sonst. Das Geld für Obdachlose, Flüchtlinge, Alleinerziehende etc. fehlt. Mindestens 150.000 Menschen haben keinen festen Wohnraum (sans domicile fixe, SDF). Das Sozialhilfswerk Emmaus hat die Anzahl der Menschen, die in Frankreich miserabel wohnen müssen, etwa zur Not untergekommen bei Freunden, in Abbruchhäusern wohnen etc., auf fast 4 Millionen Menschen berechnet (Personnes mal logées) Quelle: https://www.fondation-abbe-pierre.fr/documents/pdf/synthese_rapport_2018_les_chiffres_du_mal-logement.pdf
Auffällig also ist, dass die Millionäre und Magnaten lieber für Steine spenden als für lebendige Menschen. Sonst würde ja kein Obdachloser mehr auf der Straße leben, die 700 Millionen, die innerhalb weniger Stunden für die Kathedrale als Stein locker gespendet wurden, hätten für etliche würdige Unterkünfte der Ärmsten verwendet werden können. Warum spenden die Reichen nur so gern für tote Steine? Weil sie meinen, da auf ewig erinnert zu werden. Sie unterschätzen das Erinnerungsvermögen der Armen, die daran denken könnten: Diese Wohnung hat die Firma He. für uns gebaut.
4.
Auffällig ist, dass bei der zweifellos furchtbaren Brandkatastrophe offenbar noch kein Raum ist für neue, kreative Überlegungen:
Aber das Nachdenken könnte doch beginnen: Welche theologische Bedeutung hat die Tatsache, dass so plötzlich eine der berühmtesten Kathedralen in einer der „berühmtesten Metropolen“ Europas faktisch eine nicht benutzbare Ruine ist?
5.
Ist es übertrieben, wenn man dieses Ereignis auch ttheologisch deutet?. Ich meine, man sollte in diese Richtung denken: Mit dem Brand von Notre Dame de Paris ist sichtbar für alle die alte Kirchenwelt zusammengebrochen, die seit dem Mittelalter bestimmend war und noch ist: Bestimmend seit der strengen Dogmatik der Pariser Theologen, der gesalbten Könige, der Glaubenskämpfe, der absoluten Herrscher, der Staatsreligion mit ihren hoch dotierten Bischöfen, der neuen Religion eines Robespierre, der Kollaboration eines Marschall Pétain, dem Tag der libération mit General de Gaulle, der Gedenkfeiern für Staatspräsidenten (etwa Mitterrand), der flammend-polemischen Predigten eines Kardinal Lustiger – all das, diese ganze Kirchenwelt, gibt es an diesem Ort nicht mehr: Sie ist tot. Das große Symbol der mächtigen Kirche ist hier in Flammen aufgegangen. Das kann doch, das sollte doch etwas „Innerliches“, Spirituelles und Theologisches bedeuten? Oder?
Denn dieser verheerende Brand findet in einer Zeit statt, in der die katholische Kirche Frankreichs (und ganz Europas) in einer tiefen Krise steckt, in einer Glaubwürdigkeitskrise. Immer mehr Gläubige distanzieren sich von dieser Kirche, das wird hundertfach statistisch belegt; die Priester sterben aus, die wenigen jungen Pfarrer und Laientheologen nennen sich „ausgebrannt“, was für ein Wort jetzt.
Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.
6.
Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle, Christen, Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen? Die notwendige Erinnerungskultur wird bereits an vielen anderen Orten gepflegt, sie muss sich nicht an einem Ort, in Notre Dame, „bündeln“.
7.
Die Umgestaltung von Notre Dame zu einem „Tempel der Menschheit“ ist ein Vorschlag, eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als 1996 die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Die katholische Wochenzeitung „La Vie“ (Paris) nennt jetzt bereits Notre Dame eine „église nationale“, eine Art „nationale Kirche: Auch dies ist ein Ansatz, der ins Weite des Interrreligiösen Tempels weist.
8.
Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois und so weiter und so weiter. Unter Kardinal Lustiger gab es vor kurzem noch in Paris eine wahren Exzess, neue Kirchengebäude zu errichten.
9.
Es gibt genug konfessionelle Orte, konfessionell geprägte Kirchengebäude. Die Zukunft gehört der großen Ökumene der Menschheit. Sie kann eher den Frieden voranbringen als die konfessionelle Vereinzelung. Vielleicht werden die Herren der Kirche und der Politik diese Sätze erst in 50 Jahren verstehen, wenn die exklusiv konfessionellen Kirchen, Gebäude, längst leer stehen, verkauft wurden, abgerissen wurden. Dieser Prozess ist in ganz Europa bereits im Gange. Aber niemand denkt dabei an die weite Ökumene der Menschheit und der Menschenrechte und gestaltet entsprechend die leer stehenden Gebäude um. So wenig Phantasie und theologische Kreativität war selten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Katholische Theologie an der Humboldt Universität Berlin: Ist katholische Theologie bei der Abhängigkeit vom Vatikan überhaupt eine freie Wissenschaft?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.3. 2019

1.
Nun haben sich also Staat und Kirche in Berlin in treuer Verbundenheit festgelegt: Ab Wintersemester 2019 wird es ein „Institut für katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben.
2.
In der am 29.3. 2019 verbreiteten Presse-Erklärung heißt es: „Das Studium soll für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und in der Wissenschaft qualifizieren und beruht auf einem modernen Konzept, das auch die pluralistische und säkulare Situation in Berlin einbezieht. Es verfolgt zudem eine globalgeschichtliche Perspektive, die es ermöglicht, den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten“.
3.
Klingt verheißungsvoll, so etwa, könnte man denken, dass nun die Ursachen der so genannten „Säkularisierung“ (nicht nur in Berlin) und damit die Mitverantwortung der Kirche an diesem Säkularisierungs-Prozess vorbehaltlos untersucht werden. Oder es klingt verheißungsvoll, dass im „Blick über Europa hinaus“ auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika objektiv dargestellt wird, mit all den wohlwollenden Bindungen, die einst der Vatikan mit Präsident Reagan und mit den lateinamerikanischen Militärregimen pflegte, um Befreiungstheologen auszugrenzen, kaputt zu machen und selbständige Basisgemeinden zu zerschlagen. All das sind Fakten, tausendfach belegt, man muss nur die objektiven Studien zu dem Thema heranziehen. Aber die Vergesslichkeit ist groß! Und gewollt!
4.
Damit sind wir beim Hauptproblem: Die katholische Theologie, so wie sie bis jetzt weltweit und auch in Deutschland (seit dem Konkordat 1933 mit Hitler-Deutschland bestens geregelt zugunsten der Kirchenführung) an den staatlichen Unis betrieben werden kann, ist keine freie und unabhängige Wissenschaft. Soweit bekannt, wurde in Berlin über diese Fragen jetzt nicht diskutiert, denn dann hätte der Senat oder die Universitätsleitung ein katholisch-theologisches Institut nicht zulassen können. Nicht ohne Schmunzeln liest man, dass ein paar Tage später, im April 2019, an der HU eine Tagung über „Freiheit der Wissenschaft“ stattfindet. Der Vatikan als „Hort der Freiheit der Wissenschaft“ wird nicht erwähnt, Feinde sind einzig wohl Diktaturen weltweit…
Diese Bindung einer frei forschenden Wissenschaft an die oberste Leitung einer Institution ist ein Skandal, wie im Fall der katholischen Theologie. Wie wäre es, wenn bestimmte Bauernverbände die Professoren für Landwirtschaft mitbestimmen dürfen, oder Theater-Direktoren mitbestimmen, wer Theaterwissenschaftler an einer Uni wird etc. ?
5.
Bis heute ist die Abhängigkeit der katholischen Theologie vom Vatikan, vom Papst und seinen Behörden sowie von den Bischöfen absolut Realität. Dort werden die Weisungen letztlich gegeben, was als wissenschaftliche Forschung gelten darf, dort wird bestimmt, wer als Professor an einer deutschen Universität lehren darf. Immer geht es um das berühmte „Nihil obstat“ aus päpstlichem Munde: „Nichts steht entgegen“ bei der Berufung eines Theologen an eine Universität. Aber wehe, dieser bewährt sich nicht so, wie es die geistlichen Führer wollen: Dann wird ihm das nihil obstat eben, wie im Absolutismus einst, meist ohne lange Begründung, entzogen. Man denke an den Fall des Jesuiten Prof. Wucherpfennig, der – kürzlich – als Bibelwissenschaftler nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen sein durfte, weil er sich positiv über homosexuelles Leben und Lieben auch in der römischen Kirche geäußert hatte. Erst ein gewaltiger medialer Aufschrei von Professoren und einer breiten Öffentlichkeit bewegte die Herren in Rom dann doch, das nihil obstat dem Jesuitenpater wieder zu gewähren. Es lag sicher auch an dem Thema, der Homosexualität, dass einfach vernünftige Menschen und vernünftige Theologen jegliche Degradierung homosexueller Menschen nicht mehr hinnehmen wollen. Zumal, wie jetzt soziologische Untersuchungen zeigen, es in den vatikanischen Behörden von Homosexuellen nur so wimmelt… Diese Herren können doch gegenüber Menschen ihrer eigenen „Präferenz“ nicht so böse werden, oder? Gerade sie sind aber nach außen hin die schlimmsten „Homohasser“, hat Martel erkundet! Siehe dazu das großartige Buch des Soziologen Fréderic Martel, Paris, mit dem Titel „Sodoma“. Das Buch, Ergebnis vier Jahre dauernder Forschung, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Leider noch nicht ins Deutsche. https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/sodoma-livre-enquete-frederic-martel-homosexualite-vatican-7796955681
6.
Die Liste ist lang, die all die Namen umfasst, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Kreis der päpstlich genehmen katholischen Theologen rausgeschmissen worden. Prominente Beispiele sind Hans Küng, Leonardo Boff oder in Berlin Michael Bongardt. Dieser hatte als Theologieprofessor an der FU die „Unverschämtheit“ begangen zu heiraten: Darauf durfte Bongardt durch bischöfliche Verfügung (Sterzinsky) nicht mehr katholische Theologie an der FU lehren. Der Staat musste dann dafür sorgen, dass ihm – wie schon im Falle von Küng – ein von den Kirchen unabhängiger eigener Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es sind die Steuerzahler, die alle Launen der Kirchenleitung bezahlen müssen, wenn mal ein Theologe „unangenehm“ wird. Und der Staat muss das alles mitmachen in der treuen herzlichen Verbindung mit der Kirche.
7.
Man könnte denken, dass sich unter dem angeblich so progressiven Papst Franziskus alles zum Guten, also zum Offenem, zum Ja zu einer freien Forschung geändert hätte. Aber Irrtum! Einige einleitende Sätze des Lehrschreibens „Veritatis gaudium“ (2017) sprechen die Sprache der Offenheit. Aber die uralte Gesinnung schlägt dann schließlich doch durch, schreibt der an der Universität Erfurt lehrende katholische Theologe
Prof. Benedikt Kraneman:
Quelle: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/veritatis-gaudium-professor-fordert-anlaufstelle-fur-theologen)
„Der zweite Teil (des päpstlichen Textes), die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die „sittliche Lebensführung“ der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der katholisch-theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine „Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche“ gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch „Ergebenheit“ gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen“.
Papst Franziskus spricht in seinen Predigten, etwa im Haus St. Martha, ständig von der Macht des Teufels, darin sehr treu, die uralten Begiffen der Bibel heute ohne weiteres zu übernehmen. Über dieses problematische theologische Niveau des Jesuiten Papst Franziskus schreibt sein Mitbruder, der Jesuit Klaus Mertes, sehr treffend:“Lass das Reden vom Teufel. Sowie du es tust, verbindest du einige Dinge falsch, wie deine Vorgänger auch schon. Der Effekt ist verwirrend. Du lenkst ab…“ Schon bemerkenswert, dass ein Jesuit einen anderen, ziemlich prominenten Jesuiten, den Papst, so öffentlich kritisiert! Pater Mertes zeigt nur das de facto gelebte theologische Niveau des Papstes,dieses kann verschieden sein von offiziellen Statements etc. (Zit. in „Die Zeit“, 14.3.2019, S. 52)
8.
Es gibt in Deutschland 11 katholisch-theologische Fakultäten und ca. 30 weitere katholisch-theologische Institute. Wie groß ist der Beitrag dieser wissenschaftlichen Einrichtungen zum Verständnis der Gegenwart, der großen Probleme der Menschheit? Ist die Zahl der StudenTinnen so gewaltig groß, dass nun auch in Berlin ein katholisch-theologisches Institut eingerichtet werden muss, also wieder ein übliches Institut, wie man es seit 1948 allüberall kennt. Ist das nur der Prestige-Ehrgeiz der katholischen Kirchenführung, eben ein bisschen auch hauptstädtisch wissenschaftlich mitzureden? Der etwa 60 Millionen teure und von vielen als sinnlos bezeichnete Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale jetzt reicht nicht als Prestige-Projekt, das übrigens treu vom Staat mit finanziert wird..
9.
Warum aber wagt man nicht etwas Neues, ein großes freies religionswissenschaftliches Forschungs – Institut, auch unter anderen mit der religionswissenschaftlichen Erforschung der katholischen Religion? Warum kein Mut, warum immer dieselbe Leier? So langweilig alles. Will man wirklich die 1000. Dissertation über den Heiligen Augustinus hier produzieren oder die 500. Promotion über den Begriff der Seele beim späten Ignatius? All das und Ähnliches, Relevantes, wird doch tausendfach durchgekaut an den katholisch-theologischen Fakultäten, vor allem in Rom. Man schaue sich nur um, was die Themen der Doktorarbeiten sind! Sind denn die theologischen Forschungen an den religionswissenschaftlich orientierten Fakultäten etwa in Nijmegen (Holland) oder in den USA so furchtbar unergiebig? Für Rom vielleicht ja, nicht aber für die Entwicklung der Religionswissenschaften.
Wie Priester predigen und wie sie Gottesdienste, Messen, Maiandachten etc. würdevoll und im römischen Sinne korrekt (!) halten, muss man ja nicht an einer staatlichen Universität lernen…
10.
Nun gibt es seit vielen Jahren in Berlin-Biesdorf ein speziell nur (!) für Priesterkandidaten einer bestimmten katholischen Gemeinschaft reserviertes Priesterseminar: Es heißt „Redemptoris Mater“ und gehört der sehr konservativen Bewegung „Neokatechumenat“, ihr Motto: „Der Katechismus ist unsere Theologie“. Dies gefällt den Herren in Rom natürlich sehr! Die Dozenten für Biesdorf werden z.T. aus Rom eingeflogen. Diese dort in „abgeschottetem Raum“ ausgebildeten Priester werden dann zur „Freude“ der Katholiken in die Gemeinden entsandt. Viele dieser neokatechumenalen Priester verlassen nach Protest der Gemeinden schnell wieder die Gemeinden… Es ist nicht bekannt, ob diese jungen Neokatechumenalen auch der HU ausgebildet werden. Zu wünschen wäre es fast, weil sie dann wenigstens noch etwas modernen Lebensstil und modernes Leben an einer Universität mitbekämen…
11.
Man lese zur Vertiefung die ausgezeichnete Studie des katholischen Bibelwissenschaftlers Theologen Georg Schelbert SMB, so der Titel, über „Diffamierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft“ in der katholischen Kirche. Er zeigt mutig: Grauenhaft, wie unter Kardinal Ratzinger als Chef der römischen Glaubensbehörde noch die historisch-kritische Methode verteufelt wurde, dies zeigt Schelbert. Auf die Lehre von den Dogmen, etwa zur Erbsünden-Ideologie, wird die historisch – kritische Methode gar nicht erst angewendet. Da gilt: Was die Kirchenführung einmal, und sei es im Jahre 430 beschlossen hat, gilt für immer und ewig… Der Beitrag von Georg Schelbert wurde in dem Piper-Buch „Katholische Kirche wohin?“ 1986 veröffentlicht, s 141 ff. Man lese ihn!
12.
Die Idee, eine spezielle Hochschule der Orden in Berlin zu errichten, ist dann wohl erst mal „gestorben“. Über diese Ordenshochschule in Berlin wurde ja von den Dominikanern P. Thomas Eggensper und Pater Ulrich Engel mehrfach berichtet, etwa in der Zeitschrift „Kontakt“ 2017, S. 44 ff. Auch die Kapuziner in Münster hatten sich dafür ausgesprochen, die sehr wenigen noch verbliebenen jungen Ordensleute verschiedener Orden an der Hochschule in Berlin auszubilden. Aber für die wenigen wird wohl eine eigene Hochschule nicht mehr not- wendig sein.
13.
In jedem Fall hat sich Frau Annette Schavan(CDU) und bisherige Botschafterin beim Heiligen Stul dann doch (etwas) durchgesetzt: Sie hatte sogar acht „gut ausgestattete Professuren“ gefordert, schon im Frühling 2017! Sie hat sich auch durchgesetzt in der Abwehr des Neuen, etwa einer interrreligiösen Fakultät der Theologien“. Plural lieben ja Katholiken im Dogmatischen nicht, deswegen empfahl Frau Schavan, dieses kreative, neue Projekt erst mal zu verschieben. So wunschgemäss geschehen. Damit die alte altbekannte Leier weitergeht.
14.
Der Tagesspiegel berichtet heute, am 30.3. 2019, dass sich Erzbischof Koch an diesem neuen katholisch-theologischen Zentrum der HU als Student einschreiben will. Er möchte, so wörtlich, die Säkularisierung studieren…Die Feinheiten religionssoziologischer Säkularisierungsforschung sind tatsächlich ergiebig. Sie zeigen u.a., dass Menschen, die etwa aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten sind, sich keineswegs automatisch als Atheisten verstehen. Sie können nur vor ihrem Gewissen einfach keine längere Mitgliedschaft in der römischen Kirche rechtfertigen. Und haben dann ihre je eigene Spiritualität entwickelt, von der die offizielle Kirche so wenig weiss. Ein Freund schrieb mir in dem Zusammenhang sehr treffend: „Wenn Erzbischof Koch säkularisierte Menschen kennen lernen will, in Berlin sind das mindestens ca. 60 % der Bevölkerung: Dann muss er sich nur oft in Orte des säkularen, städtischen und nicht mehr nur „katholischen (Gemeinde-)Lebens“ begeben, also in die Cafés und Kneipen, in die verschiedenen „Bürgerintiativen“ und NGOs, in die Frauenhäuser und Kinderläden, in Schwulen Kneipen und in literarische Debatten oder in die zahlreichen Treffpunkte des humanistischen Verbandes HVD und so weiter: Da sind doch so viele Menschen anzutreffen, die sich säkular nennen. Da kann ein Bichof vieles lernen, an Lebenserfahrungen, an Ängsten, spirituellem Suchen, Kritik an der Kirche etc. Vorausgesetzt ist natürlich: Weniger Pontifikalämter mit Weihrauch und Te Deum feiern, dafür mehr menschlichen Dialog mit Säkularen“.
Pontifex heißt übrigens Brückenbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Katholizismus in Frankreich: Das Misstrauen wächst und eine „Kulturrevolution“ ist im Gespräch

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn

Am 27.3.2019 wurden in Frankreichs Presse die Ergebnisse einer neuen repräsentativen Umfrage (durch das Meinungsforschungsinstitut Odoxa für die Zeitschrift „Témoignage Chrétien“) zur Beurteilung der katholischen Kirche veröffentlicht: Dass durch die „Affären“ des sexuellen Missbrauchs bei den Franzosen im allgemeinen und den sich katholisch nennenden Franzosen die Begeisterung für die Kirche sinkt, war allen klar. Nun gibt es einige feste Erkenntnisse aus der Umfrage: 65 % der Befragten meinen, dass Papst Franziskus schlecht diese Krise rund um den sexuellen Missbrauch durch Kleriker gestaltet. Sogar 51 % der praktizierenden Katholiken sind dieser Meinung. Ein kleiner Aufstand also gegen den einst so geliebten „Reformer-Papst“. 56 % der Befragten haben jetzt insgesamt eine „schlechte Meinung“ über die katholische Kirche. Das sind 24 Punkte mehr gegenüber einer Umfrage von 2010 zur Erkundung des selben Themas. Die Tageszeitung Le Monde deutet diese Umfrageergebnisse insgesamt als ein „Desaster“ für die Kirche. Es wurde 2019 auch nach der notwendigen Kirchenreform gefragt angesichts der heutigen Krise: Die Heirat der Priester wird nun von 88 % der Katholiken gewünscht, 79 % der Katholiken sind auch für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt.
Angesichts der „tiefen Krise“ rufen die katholischen Zeitungen Pèlerin und La Croix zu einer großen „Consultation“ in der Kirche auf. Immer wieder melden sich jetzt auch Priestergruppen zu Wort, so jetzt in Lyon: Da fordern die Priester, den von Gerichten verurteilten Kardinal Philippe Barbarin (Lyon) auf, tatsächlich sein Amt – auch gegen den ausdrücklichen Willen von Papst Franziskus – niederzulegen. Auch der Fall der sexuellen Belästigungen, die sich der päpstliche Nuntius in Paris gegenüber jungen Männern geleistet haben soll (bei diplomatischen Empfängen), hat nicht nur Schmunzeln, sondern auch Empörung hervorgerufen.
Die Pariser Tageszeitung „Liberation“ spricht angesichts des nun dokumentierten zunehmenden Misstrauens der Franzosen gegenüber der katholischen Kirche sogar von einer „Kulturrevolution“: Als würden nun neue religiöse Werte, neue religiöse Formen geschaffen und alte katholische Werte beiseite geschoben: Das meint ja das Wort Kulturrevolution. Man könnte auch von einer Reformation sprechen, die viel mehr ist als eine Reform oder ein paar Reförmchen, die ja katholischerseits üblich sind in Krisenzeiten. Über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich siehe meinen umfassenderen Beitrag!
Die katholischen Zeitschriften Pèlerin und La Croix geben in diesem moderat-katholischen Sinne ihrem Konsultationsprozess auch den wirklich milden Titel: „Réparons l Eglise“, „Reparieren wir die Kirche“. Die von Libération erwähnte katholische Kulturrevolution liegt dann ja doch noch in weiter Ferne: Kulturrevolution ist etwas anderes als Reparatur des alten Systems. Mir sagte ein französischer Freund: „Wenn Katholiken tatsächlich mal eine Kulturrevolution oder wenigstens eine neue Reformation machen, fragen sie vorher erst mal beim Papst nach, ob sie das denn auch dürfen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Theologe Johann Baptist Metz: Ein Hinweis auf das Buch „Theologie in gefährdeter Zeit“.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
1.
147 Professoren, zumeist Theologen, unter ihnen 12 Frauen, haben sich einladen lassen, kurze Beiträge über den „politischen Theologen“ Johann Baptist Metz zu schreiben. Anlass ist der 90. Geburtstag des von den Autoren in den meisten Fällen gelobten, wenn nicht bewunderten Theologen in Münster. Im Jahr 2018 feierte er seinen 90. Geburtstag. Herausgekommen ist also eine Art Metz – Schmöker, ein Buch von 580 Seiten Umfang, erschienen im LIT Verlag in Münster.
Niemand wird wohl in absehbarer Lese-Zeit ein vielschichtiges Opus so vieler Theologen angemessen „besprechen“ können.
Vorweg: Die „einfachen Leute“, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Überlebenden der Elendsviertel, wird man in dieser „Festschrift“ zugunsten eines sich „politisch“ nennenden Theologen unter den AutorInnen leider vergeblich suchen, auch „Menschenrechtler“ aus NGOs sind nicht dabei, nicht die Mitglieder militanter ÖKO-Gruppen, nicht die schwulen und lesbischen Aktivisten für die Ehe für alle, auch nicht die Leute der ökumenischen Basisgemeinden: Sie alle sind offenbar von der Metzschen Theologie nicht (so stark) berührt, eigentlich erstaunlich, wenn man an die von Metz selbst viel beschworene theologisch-spirituelle Leidenschaft für „die anderen“, die „Ausgestossenen“ bedenkt.
So also ist eher ein zwar theologiegeschichtlich interessantes Buch entstanden, aber ein Buch wohl von Theologen für Theologen; einige wenige jüdische Autoren sind dabei. Soweit ich sehe, ist aber kein buddhistischer oder muslimischer Gelehrter unter den Autoren oder gar ein expliziter Atheist oder Humanist..
Erstaunlich, wie oft Verehrung für Metz aus manchen Beiträgen vornehmlich katholischer Autoren spricht. Die meisten Autorinnen betonen den globalen und großen prophetischen Gestus ihres Anregers, Doktorvaters, „Meisters“. Rühmen seine Sensibilität, uralte katholische theologische Lehren (wie die Apokalyptik) auf politische Verhältnisse zu beziehen, vor allem aber: Die christliche Botschaft selbst im ganzen als politische Provokation zu deuten, etwa im Sinne eines Eintretens für die Opfer; mit der zentralen Frage, die Metz stets wiederholt: Wie kann man Christ sein und katholische Theologie „treiben“ im Angesicht des von Deutschen begangenen Massenmordes an den Juden. Das KZ Auschwitz wird dabei zum viel beschworenen Symbol für alle Juden-Vernichtung der Antisemiten und ihrer Millionen Mitläufer. Dieses Thema ist enorm wichtig, wird immer wichtiger. Gar keine Frage! Aber wer würde leugnen, dass auch viele andere ganz dringende Probleme, wie die Überwindung der Atomkraft heute, die Klimakatastrophen, die Frage der Geburtenkontrolle angesichts des enormen Bevölkerungszuwachses, oder die Schritte zu einer Überwindung des Neoliberalismus unglaublich viel (mehr) Aufmerksamkeit verdienten von den sich politisch nennenden Theologen. Aber diese Themen werden von Metz und seinen in dem Buch präsentiertem „Schülern“ kaum diskutiert. Insofern wirkt die politische Theologie von Metz doch thematisch sehr „eingegrenzt“.
2.
Hans Küng, nicht gerade ein Intimus von Johann Baptist Metz, weist mit Recht in seinem dann doch etwas – wohl ausnahmsweise – ausführlicheren Beitrag darauf hin: Metz hat sich für die innerkirchlichen Kirchenreformen, etwa zum Papsttum, zur synodalen Struktur der Kirche oder gar zum Zölibat kaum geäußert. Ein großer Kirchen-Reformator im engeren Sinne ist er wohl nicht. Er ist ein Mann der Visionen, der globalen Perspektiven, wie etwa sein Text für die längst vergessene und völlig wirkungslose bundesdeutsche Synode in Würzburg. Aufgrund dieser Begrenzung aufs „Globale“, wie die „Gotteskrise“ konnte Metz Gesprächspartner der Hierarchen bleiben, etwa mit dem damaligen Kardinal Ratzinger.
Interessant ist, dass Jürgen Habermas, eigentlich ziemlich wohl gesonnen gegenüber Metz, auf die tiefe emotionale Bindung des Klerikers Metz an die römische Kurie hinweist: Wie Metz also bei einem Besuch von Habermas nervös, offenbar aber durchaus erfreut schien, weil er eine Einladung zu einer gemeinsamen Messe im Vatikan ausgerechnet mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. erhalten hatte (S. 159).
Die Vielfalt der Themen, die in dieser „Festschrift“ angesprochen werden, zeigt: Wahrscheinlich ist die entscheidende Leistung von Metz, neue Fragen in dem damals wie heute ziemlich verkrusteten und ängstlichen katholisch – theologischen Milieu gestellt zu haben. Seine Fragen und Visionen passten auch in die Mentalität der damals Studierenden, weckten die Zuversicht, dass mann/frau als katholische Theologin in moderater Form links sein könne. Obwohl, mit Verlaub gesagt, Metz als politischer Theologe und irgendwie dann ja doch wohl auch linker Theologe sich nie persönlich zu einer sozialistischen Position oder gar Partei bekannt hat. Es wäre wohl nicht so klug gewesen. Es ist auch nicht überliefert, dass Metz aktiv an Friedensdemonstrationen in den achtziger Jahren teilgenommen hat. Aber man kann wohl sagen, im katholischen Milieu herrschte (und herrscht) eine solche Tristesse, dass sich so viele leidenschaftlich an diesen so neuen, kreativen und irgendwie progressiven Denker banden und binden. Dabei bleibt Metz stets der Essayist, der Vortragende, der Herausgeber von Aufsätzen, von Fragen, Provokationen.
3.
Die politische Theologie von Metz hatte vor allem in Lateinamerika theologische und politische Auswirkungen, auch das wird in dem Buch (kurz) deutlich, etwa in dem Beitrag es Brasilianers Alberto da Silva Moreira. Einen Beitrag des Peruaners Gustavo Gutierrez (und Metz – Freundes) habe ich in dem Buch vermisst. Wer den grundlegenden theologischen Wandel eines anderen Metz – Freundes nachvollziehen will, lese den Beitrag des Brasilianers und einst führenden Befreiungstheologen Leonardo Boff: Er hat, endlich möchte man sagen, verstanden, dass es heute auf eine einfache, nicht mehr dogmatisch fixierte Theologie ankommt, sondern auf eine einfache spirituelle Lehre, die alle Menschen darauf aufmerksam macht auf die „Urquelle, aus der alle Menschen leben“ (S. 47). Das ist Weisheit, Theo-logia, in meinem Verständnis, für Menschen aller Religionen und Humanismen offen. Das hat Zukunft. Ob Metz und seine Getreuen da mitgehen, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich werden politische Theologen diese Position von Boff als „liberal-theologisch“ kritisieren…
Einzelne Beiträge finde ich besonders wichtig, wie den Hinweis zur Misere der „katholischen Soziallehre“, verfasst von Hermann-Josef Große-Kracht (S. 154). Ohne einen unmittelbaren Bezug auf Metz ist der Beitrag des Historikers Hans-Ulrich Thamer über den „Nationalsozialismus als politische Religion“ lesenswert. Etwas verstörend und darin doch anregend ist der Beitrag von Hans Conrad Zander über den heutigen „Umgang“ mit Auschwitz…Immerhin fanden sich drei Bischöfe bereit, ein paar Zeilen über Metz zu schreiben. Der Bischof von Münster, Felix Glenn, bekannt sogar: „Ich habe als Student so intensiv (Metz) zugehört, dass ich im Anschluss an die Vorlesung Zeit brauchte, um wieder zu mir kommen“ (S. 144). War es eine politisch-theologische Trance, darf man fragen.
4.
Die Leser werden sich freuen, dass in der 2. Auflage ein kritischer Beitrag des bedeutenden Kenners der Theologie Karl Rahner vertreten ist, nämlich von Albert Raffelt: „Aufgrund eines redaktionellen Versäumnisses fehlte dieser Text in der ersten Auflage“, schreiben die Herausgeber( S. 384). Die Beziehung des Lehrers Rahner zu seinem Schüler Metz und umgekehrt war ja nicht ganz einfach. Rahner sprach in seinem Buch „Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre“ (Herold Verlag 1984, S. 37) ziemlich offen von einer gewissen Arroganz des politischen Theologen und Rahner-Schülers Metz ihm gegenüber, ihm, dem „transzendentalen“ (d.h. auch der philosophischen Tradition der Aufklärung verpflichteten) und spekulativen Theologen UND Kirchenreformer. Wahrscheinlich ist die Abwehr der Metaphysik, als „griechisch“ fast denunziert, etwas, was mich am meisten an der politischen Theologie ärgert. Die Gottes-Rede einzig mit der Bibel, und dann noch ziemlich unvermittelt, zu begründen, kann meines Erachtens auch für eine christliche Theologie nicht gelingen. Was nicht heißt, dass ich mich jetzt als Ratzinger-Fan oute.
Da und dort sind noch heute TheologInnen tätig, die sich der Grundintention einer politischen Theologie von Metz in ihrem Denken und Handeln (!) bewusst sind. Wo diese etwas jüngeren TheologoInnen Spuren hinterlassen in ihrer Kritik des weltweiten sexuellen Missbrauchs durch Priester, ist unklar; wo sie Spuren hinterlassen in der exakten politisch-theologischen Recherche und Analyse der reaktionären Bewegungen in der römischen Kirche, ist auch unklar. Wo sie sich von Lobeshymnen auf Papst Franziskus, den „Progressiven“, verabschieden, ist ebenso unklar.
5.
War also politische Theologie im Sinne von Metz, trotz aller in dem Buch versammelten interessanten Denkanstöße, nur ein kurzes, kritisches Wehen? Wahrschienlich nicht! Hat „trotzdem“ die Reaktion in der römischen Kirche gesiegt? Ja. Diesen Sieg der politisch agierenden Reaktion im Katholizismus hat Metz nicht vorausgedacht.
Und ein gravierender Mangel dieser politischen Theologie von Metz und seinen Getreuen ist vor allem ihre polemische Abwehr eines liberal-theologischen Denkens, das eben betont: Viele der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren sollten wir heute „als freie Christenmenschen“ beiseite legen, zugunsten eines humanen, Sinn stiftenden Glaubens, der einfach ist. Welche Befreiung wäre das für die Christen, die in einem diffusen Wunderglauben und Heiligenkult noch verhaftet sind? Und immer noch Kirchenbindung mit Bindung an eine göttliche Wirklichkeit verwechseln….
6.
Was wir heute brauchen meiner Meinung nach, ist eine exoterische, d.h.von möglichst vielen Menschen vernünftig nachvollziehbare, einfache Theologie im Dialog mit anderen Religionen und Humanismen. Diese ist, noch einmal tatsächlich vernünftig, also nachvollziehbar,sicher nicht apokalyptisch aufgeladen. Warum sollten denn in christlichen Gottesdiensten nicht auch meditative Texte der Sufi-Tradition, von Laotse, oder Gedichte heutiger Autoren vorgetragen und meditativ erschlossen werden? Der christliche Glaube ist ein offenes, heilsames Geschehen und, wie viele Mystiker sagen, tatsächlich einfach, wahrscheinlich in drei Sätzen vernünftig sagbar und … wegen der inneren Wandlung des einzelnen dann auch politisch. Vielleicht wäre dies eine politische Theologie 2. Teil, selbstverständlich auch außerhalb der bestehenden römischen Kirche formuiert.
Insofern lohnt die Lektüre des Buches in jedem Fall, weil sie auf neue, bislang eher verdrängte, aber sicher produktive Gedanken bringt.

Hans-Gerd Janssen, Julia D.E. Prinz, Michael J. Rainer, „Theologie in gefährdeter Zeit“, Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag“.
LIT Verlag Münster, 2. ergänzte Auflage 2019, 580 Seiten, 39,90€.