Gegen den Moskauer Patriarchen: Die Russisch-orthodoxe Gemeinde in Amsterdam befreit sich von Bindung an Kyrill/Putin.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13. 3. 2022.
1.
In den Hinweisen kürzlich auf dieser website haben wir gefordert, dass sich die westlichen Kirchen endlich deutlich vom Moskauer Patriarchat distanzieren und besonders den Kriegstreiber Patriarch Kyrill I. in der Ökumene isolieren, d.h. seine Mitgliedschaft im “Weltrat der Kirchen” und anderen ökumenischen Gremien aussetzen. Aber die westlichen Ökumeniker sind ängstlich.
2.
In den Niederlanden sind offenbar einige russisch-orthodoxe Christen zuerst Bürger eines demokratischen Staates mit einer demokratischen Gesinung und erst an 2.Stelle Anhänger einer bestimmten Konfession. Diese Niederländer handeln also nicht nach dem sonst in kirchlichen Kreisen – auch in Deutschland – üblichen Prinzip: Zuerst gelten die religiösen, konfessionellen Gebote, erst danach kommt der Respekt der Demokratie und der Menschenrechte.
3.
Immerhin hat sich nun die russisch-orthodoxe Gemeinde „Heiliger Nikolaus von Myra“ in Amsterdam entschlossen, ihre Bindung an das Moskauer Patriarchat aufzugeben.

Vorangegangen war die richtige Entscheidung der Amsterdamer Pfarrer und der Gemeinde, in den Gottesdiensten nicht mehr den Namen des Patriarchen Kyrill von Moskau zu erwähnen, eine übliche Tradition in der Liturgie. Die Amsterdamer Gemeinde war über den Kriegstreiber Kyrill so empört, dass sie zu dieser Entscheidung kam.
Über diese sinnvolle Entscheidung war der zuständige russisch-orthodoxe Bischof Elisey (dessen weltlicher Name: Ilya Vladimirovich Ganaba), Den Hag, nun seinerseits so empört, dass er überraschend die Gemeinde besuchte, berichten verschiedene Medien auch in Deutschland. Sie beziehen sich dabei auf Mitteilungen des “Niederlands Dagblad”und der Website der Gemeinde.
Am vergangenen Sonntag (6.3.2022) hat Erzbischof Elisey die Gemeinde unangekündigt besucht, er sei kurz vor Beginn des Gottesdienstes in einem Diplomatenwagen der russischen Botschaft vorgefahren und habe dann verlangt, dass der Namen des Patriarchen Kyrill während des Gottesdienstes genannt werden muss. Daraufhin habe der Erzbischof zwei Priestern der Gemeinde mitgeteilt: “Die Haltung der Gemeinde ist nicht nur für das Patriarchat, sondern auch für das russische Außenministerium von großer Bedeutung“. Aber diese politischen Warnungen aus dem Mund eines Bischofs (!) veränderten nicht die kritische Haltung der Gemeinde.
Zuvor schon hatten etliche Gemeindemitglieder eine Petition unterschrieben, in der Kyrill aufgefordert wird, sich für ein Ende der russischen Invasion in die Ukraine einzusetzen.
4.
Gemeindemitglieder berichten, die Anwesenheit des Erzbischofs sei für sie eine Art „klerikaler Panzer“ gewesen. Die Gemeinde fühlt sich bedroht von Putin-freundlichen Leuten. Es wurden Sicherheitsmaßnahmen rund um die Kirche eingerichtet, auch die niederländische Ministerin für Justiz und Sicherheit, Dilan Yesilgöz-Zegerius, hat die Gemeinde besucht und lobte deren Engagement.
Nun will sich die russisch-orthodoxe Gemeinde in Amsterdam vom Moskauer Patriarchat lösen und sich dem toleranteren Patriarchat von Konstantinopel unterstellen, das selbst seit einigen Jahren sehr kritisch dem Patriarchen Kyrill gegenübersteht.
5.
Es ist alles andere als eine Kleinigkeit: Symbolisch ist, dass der russisch orthodoxe Bischof aus Den Hag in aller Deutlichkeit in einem offiziellen Auto der russischen Botschaft zur Gemeinde in Amsterdam kam. Deutlicher kann man die Symbiose dieser Kirche mit dem Staat nicht dokumentieren.

Quellen: Aus der Amsterdamer Gemeinde in der Lijnbaansgracht 47: https://orthodox-amsterdam.nl/nl/
Deutsche Quellen u.a.: https://www.domradio.de/artikel/konflikt-amsterdams-russischer-gemeinde-um-kyrill-i

P.S.: Diese Kirche war bis 2004 eine katholische Kirche des Kapuziner Ordens. 2006 übernahmen die Russisch-orthodoxen dieses Gebäude.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was ist eigentlich die Apokalypse? Was bedeutet die „Apokalypse des Johannes“ im Neuen Testament?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 11.3.2022

Der aktuelle Rahmen

Das Ende naht, meinen viele, angesichts des Krieges Putins gegen die Ukraine. Nichts scheint mehr ausgeschlossen zu sein in diesem Putin – Krieg an unberechenbarer Aggressivität, Barbarei und bestialischem Verhalten des Herrschers.
Und so wird jetzt, wie oft in Krisen und Katastrophen, das Stichwort Apokalypse verwendet als „Verstehenshilfe“ für die aktuelle Situation. Und gemeint ist mit „Apokalypse“, sozusagen „populär“, die von Menschen, etwa von einem Diktator, bewusst inszenierte Zerstörung weiter Teile der Erde und der Menschheit.

Wenn man Apokalypse hingegen im ursprünglichen Kontext verstehen will, und dies ist der biblische, auch der neutestamentliche Kontext, dann wird der im Text erwartete Untergang der Welt und der Übergang in Neues, Besseres, einzig als Tat Gottes erzählt. An diese Differenz im Verstehen des Begriffes Apokalypse sollte man sich erinnern.

Für die ersten Christen war es Gott selbst, der das Unrecht zerstört. Und nicht der Mensch. Aber, und das ist beoisnders wichtig, dieses Ende ist ein Übergang in eine neue, bessere, “ewige” Lebenssituation – nach einem Gericht allerdings, das die Bösen bestraft und nur die Guten rettet.  An diesen Übergang nach dem Ende in etwas Gutes hinein glauben heute wohl die wenige Menschen in Europa? Ist dieser fehlende Glaube ein Manko oder ein Stück Befreiung zu einem so genannten illusionslosen Leben, wie manche Atheisten sagen? 

Der folgende Hinweis verdeutlicht also einige zentrale Aspekte der Apokalypse des Johannes. Es lohnt sich zumal für alle nicht so sehr mit den biblischen Erzählungen Vertrauten, wieder einen Blick in diese befremdliche Welt der Johannes-Apokalypse zu werfen. Dabei muss jede Leserin feststellen: Die Bibel ist tatsächlich auch ein befremdliches Buch, sie ist kein populärer Schmöker, keine unmittelbare, griffige Lebenshilfe. Auch das Neue Testament enthält Erzählungen, wie die Apokalypse des Johannes, die nicht unmittelbar aktualisiert werden können.
Weil dieser Text einem frommen Autor namens Johannes sozusagen göttlich direkt übermittelt wurde, sprechen die Kirchen auch anstelle von Apokalypse des Johannes von „Offenbarung des Johannes“. Klingt weniger bedrohlich vielleicht.
Dieser Beitrag erschien schon in etwas erweiterter Form anläßlich der Veranstaltung des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin am 22.11.2019! Und unser Thema damals ist ein Beleg dafür, in welcher Vielfalt unsere monatlichen Salon-Abende vor Corona stattfanden. Das als Erinnerung….

DIE ERLÄUTERUNGEN zum Buch „Apokalypse“:
1.
Apokalyptisches Denken bezieht sich im Neuen Testament grundlegend auf den Glauben der ersten Christen. Sie waren nach dem Tod Jesu von Nazareth überzeugt: Dieser Jesus lebt unter uns auf neue Weise „anders“ weiter, sie nannten diese Erfahrung: Auferstehung Jesu. Und dieser „auferstandene Lebendige“ wird wieder kommen auf diese Erde, um die Gläubigen in die Auferstehung, also das nicht mehr endliche, das ewige Leben zu geleiten.
Diese Erwartung des wiederkehrenden Jesus ist prägend bis ins Jahr 95, als der Autor Johannes auf Patmos seinen Text schrieb. Im heutigen Erleben der meisten Christen und ihrer Theologie spielt diese „Naherwartung“ des bald wiederkommenden auferstandenen Jesus Christus keine große Rolle mehr. Man glaubt an eine allgemeine Auferstehung, hält sich aber vernünftigerweise mit Detail-Beschreibungen zurück.
Die Apokalypse des Johannes ist ein Text, eine Predigt, ein Brief, eine Prophetie, wie auch immer: Darin wird den von Verfolgung durch den römischen Staat bedrängten Christen gesagt: Ihr seid „letztlich“ geborgen in dem lebendigen Jesus Christus. Ihr seid, modern formuliert, trotz aller Leiden getragen von einem positiven Sinn-Grund. Ihr seid bestimmt von einer Hoffnung auf eine gerechte Erde und einen neuen Himmel, diese Hoffnung ist größer als alles Leiden unter dem römischen Imperium.
Der Text der Apokalypse will also vor allem betonen: Die göttlichen Kräfte sind stärker als das brutale Imperium mit seinen Allmachtsansprüchen und seiner religiösen Intoleranz gegenüber der Minderheit der Christen.
Insofern ist das Buch Apokalypse des Johannes auch ein politischer Text: Ein Text des Protestes, der Freilegung der imperialen Macht Roms. Und in der Weise wird er vor allem in Lateinamerika heute unter Befreiungstheologen gelesen: Das Imperium der Diktatoren, auch das Imperium des neoliberalen Systems, auch das Imperium der USA, haben nicht das letzte Wort.

2.

Aber dass man diesen Text des Propheten Johannes einen Text des Widerstandes nennen könnte, ist meines Erachtens falsch. Widerstand ist aktives Handeln gegen ein Unrechtsregime, dazu waren die wenigen verfolgten Christen in Kleinasien gar nicht in der Lage. Sie konnten von Johannes, dem Autor des Briefes, der sich an sie wendet, nur zum Durchhalten aufgefordert werden, ja auch zum Erleiden, zum Tod. Diese Empfehlung ist keine Aufforderung zum Widerstand.
Die Apokalypse des Johannes bedeutet also Freilegung, Offenbarung, Entbergung der wahren Verhältnisse inmitten des Imperiums Rom. Das ist die formale Seite.
Aber diese Freilegung geschieht in einer Sprache, die unglaublich verschlüsselt ist und geheimnisvoll, nur für Insider damals verständlich, um die Gemeinden in Kleinasien, also der heutigen westlichen Türkei, zu schützen vor dem Zugriff des Imperiums der Kaiser in Rom.

3.

Aber das ist entscheidend: Das Buch der Apokalypse ist ein Buch für eine ganz bestimmte Zeit, für ganz bestimmte Leute, die sich zudem auskannten in Symbolen etc. Die Aussagen der Apokalypse, vor allem ihre Aufforderung, mit Zahlen und Daten zu arbeiten, um irgendwelche historischen Berechnungen des Endes und der Erretteten zu erreichen, sind zeitgebunden. Den Fehler des unmittelbaren Verstehens der Apokalypse im wortwörtlichen Sinne begehen religiöse Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Mormonen, die Adventisten und andere…Sie müssen ständig die von ihnen berechneten Daten des Weltuntergangs korrigieren und verzichten nun angesichts der falschen Ankündigungen überhaupt auf Datenberechnungen des Untergangs, insofern haben diese Gemeinschaften doch einen Teil der vernünftigen Reflexion in ihre Spiritualität übernommen… Nebenbei: Auch in der katholischen Kirche gibt es Orte und Gruppen, die stark im apokalyptischen Denken verwurzelt sind, also in der Vorstellung, bald droht das Ende, und so werden Drohungen an die Menschheit verbreitet: Etwa im Wallfahrtstort Fatima, Portugal, oder im Wallfahrtsort La Salette, Frankreich; oder es gibt Gruppen, wie das katholische „Engelwerk“ und den Kreuzorden, die immer an einem Verbot durch den Vatikan vorbei „geschrammt“ sind…

4.

Warum finde ich den Text „Apokalypse des Johannes“ im NT viele Aussagen problematisch?
Der Text enthält seitenweise Bilder des Schreckens, die mit einer Symbolik arbeiten, die heute kein Leser versteht. Das heißt: Dieses Buch der Bibel ist ohne einen dicken Kommentar gar nicht zu verstehen. Das mag für andere Texte des NT auch gelten, aber da sind doch auch Erzählungen enthalten, wie die vielen schönen Gleichnis Reden Jesu, die sich einem unmittelbaren Verstehen erschließen.
Die Apokalypse des Johannes hingegen ist hoch komplex, und manche Symbole, wie die Zahl 666 im Buch, ist selbst für gediegene Forscher, wie die Bibelwissenschaftlerin Prof. Schüssler Fiorenza, nicht mehr „entzifferbar“.
Aber das ist noch das geringste Problem, das ich mit dem Text habe:
Das Denken des Autors Johannes ist von absoluten Gegensätzen geprägt: Es gibt die Guten und die Bösen, es gibt keine Mischformen: Es gibt die Hure Babylon, sie steht der heiligen Stadt Jerusalem gegenüber.
In den 7 Gemeinden in Kleinasien, an die sich Johannes mit seinem Brief wendet, gibt es unterschiedlichen Formen im Umgang mit der römischen Herrschaft: Aber da duldet der Autor keine Kompromisse: Entweder sollen die Menschen heiß oder kalt sein, die Mischform lau wird nicht geduldet. Kompromisse sind ausgeschlossen. Abweichler vom offiziellen Glauben werden verdammt. Wer sich nicht verfolgen und töten lassen will vom Imperium, ist in der Sicht des Johannes kein guter Christ.
Immerhin gibt es in der Geschichte der Interpretation und Rezeption des 20. Kapitels der Johannes Apokalypse eine Möglichkeit, doch aktiv tätig zu werden: Da ist die Rede vom „1000jährigen Reich“. Der Engel Gottes wird Satan für 1000 Jahre wirkungslos machen. Dieses 1000jährige Reich wurde dann als die große Heilszeit gedacht. Die Gerechten stehen wieder auf aus dem Tod, es gibt ein neues Glück auf Erden. Das Tausendjährige Reich als Bild wurde dann auch wieder politisch missbraucht, wie überhaupt dieser mysteriöse Text der Apokalypse zu wilden Spekulationen Anlass bietet, die vielleicht in der Seele der Menschen ohnehin angelegte Ängste und Untergangsstimmungen bestätigt.
Schon die ersten Christen sahen das Buch der Johannes Apokalyse als problematisch an. Und sie wollten es nicht in den Kanon des NT aufnehmen. Noch im 3. Jahrhundert war man nicht bereit, die Apokalypse in den offiziellen Kanon aufzunehmen.!
Etwa im Jahr 367 wurde der NT-Kanon festgelegt. In der Ostkirche wurde die Apokalypse noch bis ins 17. Jahrhundert verworfen! (Dazu mehr bei Albert Schweitzer, „Werke aus dem Nachlass,“ Straßburger Vorlesungen).

5.

Es ist das Gottesbild des Buches der Apokalypse, das von mir abgelehnt wird: Gott kann fürchterlich und grausam auf dieser Welt agieren, ehe er für einige Erwählte die Rettung bringt. Und vor allem dies: Gott findet das meiste und die meisten in dieser seiner eigenen Schöpfung schlecht und zur Zerstörung bestimmt. Hat Gott also eine missratene Schöpfung geschaffen?
Erst eine totale Neuschöpfung mit dem Untergang der bösen alten Welt ist die Erlösung. Auch diese Vorstellung hat sich populär durchgesetzt, auch politisch bei Rechtsextremen, die erst nach einer totalen Zerstörung (dem Endkampf) das „Heil“ für möglich halten. Da sieht man die untergründigen Wirkungsgeschichten dieses biblischen Textes. Er stiftet auch politisch Verwirrung und lähmt viele Gutwillige Leute, noch aktiv vernünftig gestaltend zu handeln.
Also auch politisch wird das Buch der Apokalypse missbraucht: Etwa in der Rede vom Armageddon. Dazu gibt es massenhaft Bücher, vor allem in den USA. Die These der rechtsextremen Evangelikalen ist: Erst wenn Israel stark ist, kann der Messias kommen. Weil die vielen Feinde Israel, gerade weil es stark, zerstören werden. Dies gilt diesen Christen als der Beginn der Endzeit, bei der nur die bekehrten Juden Rettung finden….Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007, 7 Euro!) auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist.
Man kann auch zur Erstinfirmation wikipedias Stichwort „Reich des Bösen“ lesen; darin wird u.a. deutlich: „Die verkaufsstarken Romane von Hal Lindsay oder Timothy LaHaye sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es den evangelikalen Eliten gelang, apokalyptische Vorstellungen aus den Kirchen in die Populärkultur zu transportieren. Lindsay verbreitete Anfang der 1970er Jahre sein Buch „The Late Planet Earth“ (Titel in deutscher Übersetzung von 1971: „Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges“), das bis 1990 in 91 Auflagen erschien, in Supermärkten und Flughäfen auslag, über 28 Millionen Mal verkauft wurde und bis in die höchsten Regierungskreise der Reagan-Administration Einfluss entfaltete.
Auch von Steve Bannon, Katholik und (EX)-Berater von Trump wäre zu reden, der meint, erst eine totale Zerstörung der Welt kann einen Neuanfang bringen….

6.

Die Apokalypse hat meiner Meinung nach mentale Schäden angerichtet. Und man hat auch heute oft den Eindruck, die Menschen befassten sich mehr mit der Apokalypse und ihren diffusen Bildern lieber als mit Bergpredigt und den Gleichnissen Jesu.
Mit dem Buch der Apokalypse lässt sich keine menschenfreundliche Spiritualität und Theologie gestalten. Von dem z.T. grausamen Gottesbild und der offenbar missratenen Schöpfung Gottes war schon die Rede.
Aktuell hat das Buch Apokalypse des Johannes keine größere Relevanz. Der Appel bis zum Tod durchzuhalten hat allenfalls für die wenigen Christen in Nordkorea Sinn.
Sonst sollten Christen wo auch immer zugunsten der Gerechtigkeit handeln und sich niemals einreden lassen „Es gibt keine Alternative“.

7.

Noch ein Hinweis zu den Christenverfolgungen in den ersten drei Jahrhunderten: Sie verliefen in unterschiedlichen Phasen von unterschiedlicher Grausamkeit.
Die Juden wurden im römischen Imperium nicht verfolgt, sie waren eine bekannte, „andere“, nicht heidnische, also monotheistische Religionsgemeinschaft.
Die ersten Christen waren noch Mitglieder der römischen Synagoge. Dann konnten Juden diese Gruppe der Christen in der Synagoge nicht mehr ertragen. Paulus selbst wurde im Jahr 53 aus der Synagoge in Ephesus rausgeschmissen und fand dann erfreulicherweise Zuflucht bei dem dortigen Philosophen Tyrannus und seiner Schule!
Der Staat sah also in den Christen zurecht eine eigenständige kleine, aber staatskritische religiöse Gruppe.
Der Text der Johannes-Apokalypse ist bezogen auf die Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian, um 95. Und in Erinnerung an Kaiser Nero… Damals schon sagten Historiker: „Diese Christen sind gefährlich“. Das sagten Tacitus, auch Sueton, später auch Kelsus: Christen seien eine Stimme des Aufruhrs; Christen reißen sich von anderen Menschen los, machen nicht mit im „System“ der Herrschenden. Weil sie den Kaiser nicht für göttlich hielten, wuden die ersten Christen „atheoi“, also Atheisten, genannt. Ein hübscher, nachdenkenswerter Titel – auch heute? Gegen welche Götter sind denn heutige Christen? Ist z.B. die westliche Wachstumsideologie ein Gott, gegen Christen und Kirchen und Bischöfe entschieden kämpfen?
Aber interessant ist doch die Pluralität der Theologie schon in der frühen Kirche: Was hatte da doch Paulus in seinem Römerbrief etwa 30 Jahre vorher gesagt: «Jedermann ordne sich den staatlichen Behörden unter, die Macht über ihn haben. Denn es gibt keine staatliche Behörde, die nicht von Gott gegeben wäre, die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt.» (Römer 13, 1)
Diese Pluralität der Theologien ist bemerkenswert: Sie zeigt, wie unterschiedliche Theologen auf gegebene Verhältnisse reagieren…

8.

Für die eigene Lebensphilosophie bleibt angesichts dieser Überlegungen die Frage:
Gibt es auch eine persönliche, individuelle Apokalypse? Diese Frage wird vor allem deswegen interessant, wenn man den Begriff des Gerichts durch Gott in eine philosophische – anthropologische Überlegung übersetzt: Wie beurteile ich mich, durch mein Gewissen, durch meine Selbstkritik, wie beurteile ich mein Leben? Auch wenn das eigene Ende bevorsteht? Aber diese Überlegung muss ja nicht am Ende des Lebens geschehen. Es geschieht wahrscheinlich sowieso oft inmitten des Lebens, als Impuls zur Korrektur, zum neuen Beginnen und zum Eingeständnis von Schuld. Über diese Frage der individuellen Apokalypse, also meines Endes, müsste als philosophisches Thema weiter nachgedacht werden.
Nebenbei: Die bekannte Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff (Berlin) sprach kürzlich in einem Interview mit „Christ und Welt“, der Beilage der ZEIT, am 20.2.2022 angesichts ihrer Krankheit von ihrer Angst vor dem Gericht Gottes „post mortem“: “Mich beschäftigt die Angst, wegen meiner Sünden gerichtet zu werden”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber: Die Fratze der russisch-orthodoxen Hierarchie.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.3.2022. Bitte beachten Sie auch am Ende dieses Beitrags einen Kommentar von J. Danielowski. Und bitte auch diesen Link beachten: Eine Russ.-orthodoxe Gemeinde In Amsterdam trennt sich vom Moskauer Patriarchen.

Bitte beachten Sie auch den Brief des Patriarchen Kyrill, Moskau, an den Generalsekretär des Ökumenischen Rates in Genf Joan Sauc. In diesem Brief (vom 10.3.2022) hat Kyrill die Putin Ideologie völlig übenommen, siehe Fußnote 1 am Ende dieses Hinweises.

Und Kyrill beweist einmal mehr: Er ist ein Kriegstreiber, der sehr schnell aus dem “Ökumenischen Weltrat der Kirchen”  (Genf) rausgeschmissen werden sollte. Eine Forderung auch des tschechischen Theologe Pavel Cerny, Prag.  Siehe: LINK

Ergänzt am 7.4.2022: Diese Hinweise zu Patriach Kyrill von Moskau, dem Putin – Freund, sind von besonderer Aktualität: Vom 31.8. bis 8. September 2022 wird eine Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Genf) in Karlsruhe stattfinden. Das katholische DOM-Radio (Köln) berichtet am 6.4.2022, die Katholische Nachrichten Agentur KNA zitierend: “Die russisch-orthodoxe Kirche will daran teilnehmen und hat bereits eine Delegation von 22 Mitgliedern unter Führung von Außenamtsleiter Metropolit Hilarion Alfejew benannt. Dazu gehört übrigens auch der neue Patriarchalexarch von Afrika, Metropolit Leonid von Klein, der eine Parallelstruktur zum eigentlich für Afrika zuständigen orthodoxen Patriarchat von Alexandria aufbauen soll”.

 

Der Hintergrund für diesen erneuten Hinweis auf Patriarch Kyrill, den Putin-Freund:

I.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer Religionskritik, sie ist auch Kritik der heutigen Religionen, Kirchen usw. mit dem Maßstab der universalen Menschenrechte, also der Vernunft und Freiheit. Momentan sollte die Kritik der Russisch-Orthodoxen Kirche ein aktueller Schwerpunkt sein.
II.
Es ist evident: Die westlichen Kirchen Europas sind die einzigen, die bisher (10.3.2022) keine radikalen Abgrenzungen von russischen Organisationen vorgenommen haben. D. h.: Sie haben ihre eigenen so genannten Glaubensbrüder, die russisch-orthodoxen Kleriker, für ihre unerschütterliche Verbundenheit mit Putin nicht bestraft.
Wenn die europäischen Kirchen in der Geschichte nicht als „naive Angsthasen“ im Krieg Putins gegen die Ukraine gelten und „eingehen“ wollen, dann sollten sie jetzt und sofort klare Verurteilungen der Theologie und das ist die Ideologie, des russisch-orthodoxen Klerus aussprechen.
III.
Man könnte auch meinen, dass Kyrill, der Moskauer Kirchenfürst,  auf Putin, seinen Vertrauten, einwirken könnte. Innerhalb der Krieg führenden russischen Clique könnte Kyrill sozusagen als ein letzter Retter im Krieg auftreten. Damit ist nicht aber nicht zu rechnen, denn so christlich und universal-human denkt der Herr Patriarch nicht, er ist nichts als ein polemischer Nationalist und sonntags der Haupt-Darsteller in „göttlichen Liturgien“ in der unverständlichen, altslawischen Sprache. Sonst segnet er und die seinen gern Waffen und Soldaten. Patriarch Kyrill genießt es viel zu sehr, Machtmensch zu bleiben. Kyrill ist bekanntlich nicht mit kritischem Geist, also auch nicht mit dem Geist des Widerstandes gesegnet. Die uralte katholische Lehre vom Tyrannenmord ist ihm total fremd. Dafür geht es ihm und dem hohen Klerus unter Putin materiell zu prächtig.
Diese Situation ist eine Blamage, mehr noch, eine Niederlage des Christentums insgesamt. Der christliche Glaube taugt offensichtlich nichts mehr, um faktisch Frieden zu stiften. Weil für den hohen Klerus, zumal in Russland, das eigene Wohl und der nationalistische Wahn am wichtigsten sind.

IV.

Vladimir Sorokin, der bekannte Autor der russischen Gegenwartsliteratur, hat in der Wiener Kulturzeitschrift FALTER, Nr 11, 2022, Seite 20f. an den Titel seines neuen Buches “Die rote Pyramide” (Kiepenhauwer &Witsch) erinnert: “Gemeint ist die Pyramide der Macht (des Staates), diese Pyramide wurde seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr modernisiert, von Iwan dem Schrecklichen über Nikolai I. und Nikolai II. über Stalin …bis zu Putin. Eine Person, die alle Rechte hat, entscheidet alles“.

Diese staatliche Pyramide findet ihre volle Unterstützung und Entsprechung in der Pyramide, die die russisch-orthodoxe Hierarchie mit ihrem Patriarchen von Moskau darstellt. Kyrill hat die höchste Jurisdiktionsgewalt über die große russisch-orthodoxe Kirche, die bekanntlich nicht nur die Russische Föderation umfasst, sondern auch viele europäische Länder, sogar Japan. Vor ihm als dem obersten Chef haben die meisten ihm unterstehenden Bischöfe und Popen Angst, deswegen  gibt es (fast) gar keine wahrnehmbare Opposition innerhalb dieser russisch-orthodoxen Kirche. Lediglich im westlichen Ausland, wie Holland oder auch in Deutschland, trennen sich einzelne Popen von der Macht Kyrills. 

Die Details

1.
Die Mitwirkung des Patriarchen von Moskau, Kyrill I., im Krieg Putins gegen die Ukraine ist evident, aber zu wenig bekannt. Es steht fest und wird jetzt vom russisch-orthodoxen Theologen und besten Kenner der Verhältnisse, Prof. Cyril Hovorun (Stockholm) nachgewiesen: Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche Kyrill I. ist ein Kriegstreiber, ein Kriegstreiber auf dem Feld der Ideologie. Dass der Krieg Putins von ideologischem und theologischem Wahn befeuert ist, steht fest.

Kyrill, 1946 in Leningrad geboren, war enger Mitarbeiter des KGB, er wurde als Agent unter dem Namen “Mikhailov” geführt. Als er am 27.1.2009 zum Patriarchen von Moskau gewählt wurde: Die beiden Gegenkandidaten waren ebenfalls Mitglieder des KGB, und Putin, ebenfalls KGB Mitarbeiter,  war sehr glücklich über die Wahl: “He was Putin s Man of Choice”, schreibt Marcel H.Van Hepen in seiner Studie “Putins Propaganda Machine”, 2006 in den USA erschienen. LINK zu KGB-Kyrill.
2.
Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine hat Patriarch Kyrill von Moskau den Krieg (der Patriarch spricht von „Aktionen“ etc.) unterstützt, er hat dem Krieg die spirituelle und theologisch-ideologische Legitimation zugesprochen.
Diese seine kriegerische, nationalistische, Prof. Hovorun spricht von faschistischer Ideologie verbreitet dieser höchste russische Geistliche seit vielen Jahren. Er hat Putin zu Beginn von dessen Herrschaft eine Ideologie geliefert, Putin brauchte sie, um nach dem Ende der Sowjetunion und der ideologischen Leere unter Jelzin eine Art „geistigen Überbau“ für Russland zu haben. „Die Kirche lieferte dem Putin – Regime eine Art ideales Ziel, also einen metaphysischen Sinn, eine Mission, die dieser politisch nutzt“ (Cyrill Hovorun). Quelle: Cyril Hovorun

3.
Im “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” wurde seit längerer Zeit schon (in den Beiträgen zu Prof.Ryklin) und seit Kriegsbeginn dann erneut an den zentralen ideologisch-kriegerischen Begriff der „Russischen Welt“ erinnert. Diese umfasst für Putin und Kyrill nicht nur das Gebiet Russlands, sondern auch die Ukraine und Belarus, zunächst. Diese „russische Welt“ muss um der moralischen Rettung der Menschen willen expandieren, das sind Thesen, die seit ca. 2010 dauernd propagiert wurden. Aber im Westen wurden sie nicht gehört. „Im Jahr 2016 hat sich Putin sehr explizit zu dem Thema geäußert während einer Gala in Moskau. Auf der Bühne fragte der russische Präsident einen Jungen: „Wo enden denn eigentlich die Grenzen Russlands?“Der Junge antwortete: „Auf der Linie der Bering-Straße“. Putin antwortete: „Nein, die Grenzen Russlands haben keine Ende“, so Prof. Hovorun.
4.
Dieses sehr große Russland, diese „russische Welt“, muss von Putin in Zusammenarbeit mit Kyrill vor den schädlichen und schändlichen Einflüssen des Westens geschützt werden.Die Feinde der russischen Welt müssen also vertrieben und ausgelöscht werden. Der Patriarch und seine Führungsclique liefert dieses ideologische Material zur Rechtfertigung des barbarischen Abschlachtens und Zerstören in der Ukraine bis heute, mit verrückt klingenden, absurden Argumenten, die aber diese Patriarch wohl selbst glaubt: Etwa wenn er sagt: Die „Aktion“, also der Krieg, müsse in der Ukraine die Leute vertreiben, die sich für die Gleichberechtigung der Homosexuellen einsetzen; die mutigen Verteidiger der alten russischen Werte (also gegen die Gleichberechtigung etc.) müssten also militärisch unterstützt werden.
5.
Zu Putins Bindung an die russisch-orthodoxe Kirche: Er nimmt bekanntlich oft an den so genannten „Göttlichen Liturgien“ in den Moskauer Kathedralen teil, er küsst die Ikonen, lässt sich mit Kyrill I. gern fotografieren, er besuchte wie ein Pilger schon zweimal den Heiligen Berg Athos, diese Mönchsrepublik in Griechenland, und hörte sich dort die Lobeshymnen der Mönche  auf seine Person an.
6.
Diese Kirche hat unter Kyrill I. hat also nicht nur allen Anstand verloren, allen Sinn für Vernunft und Menschenrechte. Man muss es als Theologe klar sagen: Die Führung der Russisch-orthodoxen Kirche hat sich vom Evangelium Jesu von Nazareth getrennt, denn zum Evangelium gehört bekanntlich zentral die Fürsorge für den anderen, den Fremden, (Barmherziger-Samariter-Gleichnis), sogar die Feindesliebe…Diese Weisungen lässt die russisch-orthodoxe Kirchenführung nicht für die Nachbarn gelten in der Ukraine, wie zuvor schon in Syrien. Die Ideologie der Kirche dient nur dazu, Putin in seinem Wahn zu bestärken.Falls Russland noch einmal demokratische Verhältnisse erleben sollte, wird dann hoffentlich die große historische Abrechnung mit diesen korrupten Patriarschen und Metropoliten usw. geschehen.
7.
Während der Corona-Pandemie haben sich viele Bischöfe und Metropoliten und Popen der russisch-orthodoxen Kirche in Russland wie auch damals noch in enger Verbundenheit die russisch-orthodoxen Bischöfe in der Ukraine (!) gegen den Gebrauch von Masken als Schutz vor dem tödlichen Corona – Virus ausgesprochen. Sie behaupteten, hinter den Schutz-Empfehlungen bzw. Vorschriften ständen Juden, wie der Amerikaner George Soros oder der Vatikan oder sogar der oberste Ehren-Patriarch von Konstantinopel. Selbst der seit einigen Tagen wegen seiner Distanz zu Kyrill gerühmte russisch-orthodoxe Metropolit Onufri (Name: Berezovskij) von Kiew (!) hat immer wieder gegen das Tragen von Schutz-Masken gewettert. Allerdings wurde er in seinem totalen Leichtsinn (manche sagen Schwachsinn) selbst krank am Corona-Virus, allerdings, die geistlichen Herren sind privilegiert:: „Metropolit Onufrij wurde in ein Elitekrankenhaus in der Nähe von Kiew eingeliefert, wo er im Geheimen behandelt wurde. Andere Kleriker und Laien, die seinen Anweisungen folgten und sich ansteckten, hatten weniger Glück. Die meisten von ihnen konnten es sich nicht leisten, in Elitekrankenhäusern behandelt zu werden, und viele starben“ (Prof. Hovorun, in: „Glaube in der 2. Welt“).
8.
Diese klerikale Hierarchie der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau ist eine kriegerische, menschenfeindliche Fratze.

Wie kann man diese Kleriker bestrafen, in der Hoffnung, dass noch einige zur Vernunft, d.h. zum Frieden finden? Wir haben schon mehrfach auf dieser Website gefordert, die Mitgliedschaft dieser Kirche im „Weltrat der Kirchen“ (Genf) SOFORT zu beenden. So viel Mut haben die westlichen Christen nicht, in den bunten Topf der Ökumene scheinen also auch ideologische Kriegstreiber zu passen. Man muss das einen Skandal nennen. Spätestens bei der Sitzung des Weltrates der Kirchen in Karlsruhe im August 2022 wird man wohl hören, wie man mit diesen Kriegstreibern. Das Jammern und Klagen wird groß sein, zu spät diese Herren aus der Ökumene rausgeworfen zu haben. Was haben die Kirchen einst gejammert, dass sie nicht früh genug Hitler Einhalt geboten haben? Kirchen können jammern, mehr nicht?
9.
Schon in seinem Beitrag aus dem Jahr 2018 (für Mission Eurasia”) hat der ukrainische Professor Hovorun darauf hingewiesen, dass in Russland Staat und Kirche in einem Verhältnis der gegenseitigen Nützlichkeit handeln: Der Staat bedient sich kirchlicher Ideologien, die Kirche kann deswegen mit umfassenden Privilegien rechnen.
10.
Der kritische russisch-orthodoxe Theologe Prof. Hovoron fasst seine Erkenntnisse zusammen: „Die orthodoxe Theologie muss heute „entputinisiert“ werden (dépoutinisée) und ganz umfassend befreit werden von ihren faschistoiden Entartungen. Die Idee einer russischen Welt ist leider nicht die einzige autoritäre Theologie zu Beginn des 21.Jh, aber sie ist die schlimmste“.
11.
Der Nationalismus hat, wie schon so oft in der Kirchengeschichte (Hitler-Deutschland, Spanien unter Franco, Italien unter Mussolini, Frankreich unter Pétain), auch die russisch-orthodoxe Kirche (vergiftet.
Wozu sind diese Kleriker eigentlich noch gut? Sie können wie seit Jahrhunderten ihr religiöses Opium verbreiten, d.h. göttliche Liturgien in prächtigen Kirchen wie Theateraufführungen in altslawischer Sprache aufführen … und sich von Diktatoren und Zaren einst üppig verwöhnen lassen. Der große russische Schriftsteller Tolstoi wusste schon, warum er sich von diesem Verein trennte.
12.
Wird der Vatikan seine seit langem so innig gesuchte ökumenische Verbindung mit dem russischen Patriarchen abbrechen, wird der Papst sagen: Herr Kyrill, komm zur Vernunft, kehre zum Evaneglium zurück?  Eher unwahrscheinlich, weil der Vatikan vor allem daran denkt, wie üblch die eigene Kirche, die katholische, im Russland Putins zu schützen.

Und viele katholische Theologen und Bischöfe weltweit sind begeistert, dass die orthodoxen Kirchen in ihren Dogmen der katholischen Lehre so nahe stehen, im Unterschied zu den sich modern gebenden, häretischen Protestanten. Weil die russisch-orthodoxen Kirchenführer dogmatisch, in der uralten Lehre aus dem 4.Jahrhundert, so korrekt sind, übersieht Rom gern, dass sie auch Kriegstreiber sind. Sonst wäre es doch Papst Franziskus schon einmal eingefallen, nicht nur allgemein zum Frieden aufzurufen, sondern Putin einen Kriegstreiber zu nennen und Patriarchen Kyrill seine ideologische Stütze. Nein, vor Fakten hat der Vatikan, hat der Papst Angst. Die Leute in Moskau könnten der römischen Kirche ja böse werden und die Vision einer Einheit von katholischer und russischer Kirche zerstören.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

…………………………..

Der Kommentar von J. Danielowski, vom 12.3.2022:

Lieber Herr Modehn, lieber Herr Wiebus,

vielen Dank für Ihren Newsletter und für die Hintergrundbeiträge, die ich immer wieder sehr anregend finde!

Sie sprechen die Haltung der Kirchen gegenüber dem Kriegsverbrecher Putin an. Gewiss lassen sich “die” Kirchen auch in dieser Frage nicht über einen Kamm scheren. Gewiss ist aber, dass der sog. Patriarch Kyrill in Moskau kein Botschafter des Evangeliums ist. Wer wie er weder mit kritischer Vernunft in Berührung gekommen ist noch den Weisungen des biblischen Gottes folgt, der Menschen aus Sklaverei befreit und zu Recht und Gerechtigkeit führt – ein solcher Kirchenvertreter empfängt seine Botschaften aus irgendeiner Unterwelt, in der die wirren Ideen Putins die Hirne vernebelt haben. Es ist widerlich, dass sich ein Kirchenoberster als maßgeblicher Kriegstreiber betätigt, der über die Leichen seiner ukrainischen Glaubensgeschwister geht.

Einen Aufschrei darüber habe ich in den deutschen Kirchen bisher leider nicht gehört.  Vielleicht bin ich in Finnland zu weit weg. Immerhin haben die Bischöfe der finnischen lutherischen Kirche klar Position bezogen, als sie am 1.3.22 gemeinsam feststellten, dass der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine nicht nur ein Verbrechen gegen das Völkerrecht ist, sondern eine Sünde gegen Gott.  Der finnische Erzbischof hat an Kyrill appelliert, sich gegenüber Putin für ein Ende des Krieges und für den Frieden einzusetzen – was Kyrill bereits gegenüber dem ÖRK zurückgewiesen  hatte. Der russische Patriarch versündigt sich m.a.W. gegen Menschen und gegen Gott. Er muss folglich wie Putin selber als Kriegsverbrecher angeklagt werden.

Der finnische Erzbischof Luoma leitete das Ende der Beziehungen zur russisch-orthodoxen Kirche ein, indem er an Kyrill schrieb: die Kontakte könnten nur fortgesetzt werden, wenn die russisch-orthodoxe Kirche die illegale Invasion Russlands nicht unterstützt. “Ohne diese Bedingung kann die Kommunikation zwischen unseren Kirchen nicht fortgesetzt werden.”

Gott sein Dank gibt auch in der orthodoxen Kirche andere Töne. So haben lt. Medienberichten 286 russische Priester in einem offenen Brief gegen den Krieg protestiert (286 von 36.000) – sie haben mit Verfolgung durch ihren Staat und durch ihre Kirche zu rechnen. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche steht geschlossen an der Seite des ukrainischen Volkes und seiner Widerstandskämpfer/innen – und mit ihnen die Mehrheit der Menschen auf diesem Globus.

Mit guten Wünschen

J. Danielowski

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Brief des Patriarchen Kyrill von Moskau  an den ökumenischen Weltrat der Kirchen, Genf, beachten Sie besonders die schwarz hervorgehobenen Sätze…..

Response by H.H. Patriarch Kirill of Moscow to Rev. Prof. Dr Ioan Sauca (English translation)

In a 10 March letter, H.H. Patriarch Kirill of Moscow and all Russia responded to a letter sent 2 March by World Council of Churches (WCC) acting general secretary Rev. Prof. Dr Ioan Sauca asking Patriarch Kirill to mediate so that the war can be stopped.
Translated from the Russian
The Very Reverend Archpriest Ioan Sauca
Acting General Secretary
World Council of Churches

Dear Father Ioan,

I thank you for your letter of March 2, 2022. Having known you for many years as a faithful steward of the Church of Christ and tireless worker in the field of education and formation of younger generations, I deeply appreciate your work as Acting General Secretary of the World Council of Churches, which is aimed at promoting accord and mutual respect between representatives of different Christian confessions.
Our Church joined the WCC in 1961, having accepted is renewed basis as “fellowship of Churches” and the Toronto Statement that read, in particular, “The Council as such cannot possibly become the instrument of one confession or school <…> the member churches should recognize their solidarity with each other, render assistance to each other in case of need, and refrain from such actions as are incompatible with brotherly relationship.”
Since 1983, it has been one of the WCC’s priorities to engage its member churches in the process of acknowledging their shared responsibility for justice, peace and the integrity of creation within the world community. That is to say, our WCC membership, dialogues, discussions based on the principle of equality, and cooperation with the entire Christendom were not only an expression of our commitment to the cause of reconciliation between people, but also gave us confidence in the solidarity and support of the world Christian fellowship.
These days, millions of Christians all over the world in their prayers and thoughts turn to the dramatic developments in Ukraine.
As you know, this conflict did not start today. It is my firm belief that its initiators are not the peoples of Russia and Ukraine, who came from one Kievan baptismal font, are united by common faith, common saints and prayers, and share common historical fate.
The origins of the confrontation lie in the relationships between the West and Russia. By the 1990s Russia had been promised that its security and dignity would be respected. However, as time went by, the forces overtly considering Russia to be their enemy came close to its borders. Year after year, month after month, the NATO member states have been building up their military presence, disregarding Russia’s concerns that these weapons may one day be used against it.
Moreover, the political forces which make it their aim to contain Russia were not going to fight against it themselves. They were planning to use other means, having tried to make the brotherly peoples – Russians and Ukrainians – enemies. They spared no effort, no funds to flood Ukraine with weapons and warfare instructors. Yet, the most terrible thing is not the weapons, but the attempt to “re-educate,” to mentally remake Ukrainians and Russians living in Ukraine into enemies of Russia.
Pursuing the same end was the church schism created by Patriarch Bartholomew of Constantinople in 2018. It has taken its toll on the Ukrainian Orthodox Church.
As far back as 2014, when blood was being shed in Kiev’s Maidan and there were first victims, the WCC expressed its concern. Dr Olav Fykse Tveit, the WCC General Secretary at the time, said on March 3, 2014, “The World Council of Churches is deeply concerned by the current dangerous developments in Ukraine. The situation puts many innocent lives in grave jeopardy. And like a bitter wind from the Cold War, it risks further undermining the international community’s capacity to act now or in the future on the many urgent issues that will require a collective and principled response.”

That was also when an armed conflict broke out in the Donbas region, whose population was defending their right to speak the Russian language, demanding respect for their historical and cultural tradition. However, their voices went unheard, just as thousands of victims among the Donbas population went unnoticed in the Western world.
This tragic conflict has become a part of the large-scale geopolitical strategy aimed, first and foremost, at weakening Russia.
And now the Western leaders are imposing such economic sanctions on Russia that will be harmful to everyone. They make their intentions blatantly obvious – to bring sufferings not only to the Russian political or military leaders, but specifically to the Russian people. Russophobia is spreading across the Western world at an unprecedented pace. 

I pray unceasingly that by His power the Lord help establish the lasting and justice-based peace as soon as possible. I ask you and our brothers in Christ, united in the Council, to share this prayer with the Russian Orthodox Church.
Dear Father Ioan, I express my hope that even in these trying times, as has been the case throughout its history, the World Council of Churches will be able to remain a platform for unbiased dialogue, free from political preferences and one-sided approach.
May the Lord preserve and save the peoples of Russia and Ukraine!
With paternal love,
/+KIRILL/
PATRIARCH OF MOSCOW AND ALL RUSSIA

Patriarch Kyrill I. (Moskau) dreht durch: Jetzt ist Homosexualität Schuld an den „schweren Ereignissen“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.3.2022

Der Chef der Russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. von Moskau, hat erneut bewiesen, dass er den Krieg Putins gegen die Ukraine unterstützt, mit Argumenten, die nun ans Wahnhafte – Verkalkte grenzen.

Am Sonntag, dem 6. März 2022, hielt er wieder eine „Homelie“, eine Art Kurzpredigt, in der „Christus-Erlöser-Kathedrale“ von Moskau. Er bezog sich auf den „Bereich der internationalen Beziehungen“, das Wort Krieg vermeidet er als treuer Verehrer Putins und spricht nur von „schweren Ereignissen“, die leider die Region Donbass treffen. Nur auf diese Region bezieht er sich. Dort leben, so sagt der Patriarch, viele Russen. Und es würde dort seit 8 Jahren versucht, diese russische Kultur zu zerstören. Putin wird so abermals als Retter der Russen und der russischen Ideen auch im Donbass präsentiert. Wie gesagt, von Krieg spricht Kyrill I. nicht, hat er Angst, in ein Putinsches Straflager zu kommen, und dabei das nachzuerleben, was Stalin einst vielen Bischöfen in seinen Lagern antat? Seine Millionen Euro teure Armbanduhr müsste er dann freilich abgeben…

Der deutlichste Ausdruck für die verworrene Denkweise des Putin-Patriarchen ist sein Hinweis auf die Ursache der „Schwierigkeiten in den internationalen Beziehungen“, also im Klartext, des Krieges: Es sind nämlich, so wörtlich am 6.3.2022, metaphysische Ursachen, nicht politische, die da maßgeblich sind, nämlich die Ablehnung des Gesetzes Gottes und die Ablehnung der Sünde.

Es ist also, wie bei Kyrill I. üblich, einmal mehr der Verlust der alten Werte, der zu dieser „Krise“ geführt hat. Die moderne Gesellschaft sei von exzessivem Konsum und der irregeleiteten Freiheit geprägt. Dabei denkt der Patriarch nicht etwa an die Milliardäre und Millionäre aus dem Putin-Freundeskreis.

Nein, es sind ausgerechnet die Homosexuellen, die ihre Gesetze auch in Russland durchsetzen wollen. „Aber diese Leute sind Sünder, sie leben in der Sünde, die von Gottes Gesetz verurteilt wird. Die Homosexuellen wollen mit Gewalt den Russen die Leugnung Gottes und seiner Wahrheit aufzwingen“, so wörtlich der Patriarch. Die „Krise“ (also de facto der Vernichtungskrieg Putins gegen die Ukraine) habe diese metaphysischen – moralischen Ursachen. Bekanntlich hat Putin in bestem Einvernehmen mit Kyrill bei der Revision der Russischen Verfassung im Jahr 2021 die Ehe als ausschließliche Sache der Heterosexuellen definiert, die homosexuelle „Propaganda“ für eine „Ehe für alle“ wird auch von Putin verurteilt. Er tut so, als sei er ein guter orthodoxer Christ, schließlich wurde er schon als Kind in Leningrad heimlich getauft, behauptet er.

Nun also sind die Homosexuelle Schuld an der „Krise“.

Und der Beobachter fragt sich: Wie viel Schwachsinn darf eigentlich ein Patriarch öffentlich verbreiten? Dieser Herr wird ja in Russland noch ernst genommen, bei den vielen Frommen auf dem Lande etwa, die oft sogar noch stolz sind auf ihre religiöse und politische Anhänglichkeit an diese Kirche und ihre Führer Kyrill und Putin…

Und der Beobachter fragt sich weiter: Wann endlich kommt der „Weltrat der Kirchen“ in Genf zu der Entscheidung, diesen Patriarchen und seine Kirche aus der ökumenischen Gemeinschaft der Christen rauszuschmeißen. Es ist eine Schande, mit diesen Leuten ökumenische Gemeinschaft zu pflegen, man denke daran, im Sommer tagt der Weltrat der Kirchen in Karlsruhe: Wird da Kyrill I. seinen Schwachsinn verbreiten?

La Croix, die Tageszeitung aus Paris, schreibt: „Diese Position des Patriarchen hat nur sehr vereinzelt Kritik gefunden. Eine Gruppe von Priestern seiner Kirche hat eine Petition verfasst, in der sie eine sofortige Feuerpause fordert und die Repression gegen gewaltfreien Demonstranten kritisiert und den Frieden fordert“, so La Croix am 7.3.2022.

Quelle. La Croix.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Russisch-orthodoxe Kirche mit Patriarch Kyrill I. gehört nicht mehr zur Ökumene

Ein Hinweis von Christian Modehn am 2. März 2022.  Siehe auch den Hinweis vom 26.2.2022. Siehe auch “Homosexualität ist Schuld an der Krise” (Kyrill I.)

Notiert am 5.3.2022:

Entscheidend ist: Putin und der Patriarch Kyrill I. von Moskau (und mit ihm die meisten seiner Bischöfe) sind sich einig in der leidenschaftlichen Verurteilung der so genannten “westlichen Ideen”, also der Philosophie der Aufklärung, der Demokratie, der Menschenrechte. 

Entscheidend ist zweitens: Die Jahrzehnte andauernde Mitgliedschaft der Russisch-orthodoxen Kirche in verschiedenen ökumenischen, also westlichen, d.h. protestantischen und auch katholischen Gremien und Konferenzen (wie dem “Weltrat der Kirchen” in Genf) hat für die Russisch-orthodoxe Kirche keinerlei Erkenntnisgewinn gebracht. Diese Kirche war offenbar nur des schönen Scheins wegen in den ökumenischen Gremien, um international mit Pomp und Weihrauch zu glänzen. Und die westlichen Kirchen fragten nie: Wie haltet ihr Russisch-Orthodoxen es mit den Menschenrechten in eurem Land? Seid Ihr als Kirche bereit, bei eurer Macht, auch politische Opposition zu sein?

Mit anderen Worten: Nicht nur westliche Politiker waren naiv im Umgang mit Putin, westliche Kirchenführer waren (und sind ?) genauso naiv im Umgang mit Kyrill I. und Co.

Es klingt geradezu lächerlich, wenn katholische Theologen, selbst die Päpste der letzten Jahre, sagen: Wir brauchen die (russisch ?) Orthodoxen als “unsere zweite Lunge”, so Papst Johannes Paul II. und ähnlich auch Benedikt XVI.

…………………………..

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. ist seit Jahrzehnten schon eine Art Putin-Kirche. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Frieden in der Ukraine geäußert. Einige Popen in Frankrerich denken wohl anders als der Patriarch und die Bischöfe, aber werden sie ernst genommen, werden sie ausgegrenzt und verfolgt? (Siehe unten Anmerkung 1, der Appell einiger russisch-orthodoxer Pfarrer in Frankreich). Am 3.3.2022 hat auch der Ökumenische Rat der Kirchen durch seinen Generalsekretär einen freundlich bittenden Brief an Patriach Kyrill geschickt.

2.
Die Forderung: Eine Kirche, die sich nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – gut dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und sie will sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, die noch dem Niveau des Evangeliums und der Menschenrechte verpflichtet sein will.

3.
Die Erkenntnis ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen FRIEDENS-Garantie eines unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden. Diese Strafe wird eine Wirkung haben in der russischen Öffentlichkeit. Und manche werden sich in Russland fragen: Warum ist diese mächtige Kirche eigentlich nicht zur einzig noch möglichen Opposition gegen das Putin Regime geworden?

4.
Ich weiß, Christen schätzen auch heute nicht den Bruch, die Trennung einer Kirche aus der Ökumene…

Aber im aktuellen Beispiel geht es um etwas Anderes, es geht um eine Kirche, die im 20. und 21. Jahrhundert etwas dazugelernt haben könnte und wissen könnte, dass die nationalistische Treue zu einem diktatorischen Regime, das Krieg führt, niemals ein Kennzeichen einer christlichen Kirche sein kann.

Was wäre denn sonst der Sinn der langjährigen Mitgliedschaften der Russisch-orthodoxen Kirche in so vielen prominenten theologischen Begegungen? Gewiss, in der Zeit der Sowjetunion waren die Delegierten, also die Erzbischöfe bzw. Metropoliten  der Russisch-orthodoxen Kirche, eindeutig Vertreter und Gesandte der herrschenden kommunistischen Partei der Sowjetunion, etwa im Genfer Weltrat der Kirchen. Aber nach 1990 hatte doch allem Anschein nach eine bessere Zeit beginnen können, was die theologische Forschung in Russland angeht.

Man fragt sich jetzt, im März 2022: Waren wirklich dieser ganze ökumenische Aufwand, diese ständigen ökumenischen Konsultationen, Konferenzen und so weiter sinnlos und vertane Zeit, was die Entwicklung des theologischen Niveaus der Russiosch-orthodoxen Kirche angeht? Ja, sie waren sinnlos, wenn man sich das Verhalten von Kyrill I. und Co. seit Beginn des 21. Jahrhunderts bis heute anschaut. So viel Wahrhaftoigkeit muss möglich sein.

Auch die westlichen Kirchen waren naiv und blind, was den theologischen Zustand der Russisch-orthodoxen Kirche angeht.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirchenführung unbesehen als Teil der christlichen Welt gelten lässt.

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt; Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist entscheidend, sondern auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Eine gewisse Naivität im Umgang mit politischen Gegnern wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Diese Erkenntnis bleibt aber genauso gültig: Immer mehr Waffen schaffen allein durch die Tatsache, dass es immer mehr Waffen in den Demokratien gibt, nicht den Frieden.

Es steht fest: Die Vernunft und der Dialog bleiben das allerbeste Mittel, um ein friedliches Zusammenleben in der pluralen Menschheit zu schaffen. Dazu gehört auch die Einschätzung, dass der andere, der Gegner, immer noch Mensch ist, und dazu gehört trotz Anwendung von Waffen die Überzeugung, dass auch der mörderische Feind immer noch hoffentlich etwas Menschliches bewahrt hat. Deswegen wird, nebenbei gesagt in einem Rechtsstaat selbst ein Massen-Mörder nicht hingerichtet, sondern ins Gefängnis gesperrt.

9.
Insofern bleibt auch die Hoffnung, dass die Russisch-orthodoxe Kirche durch den völligen Ausschluss aus allen internationalen und nationalen ökumenischen Gremien doch noch zur Vernunft kommt und zum Evangelium des Friedens zurückfindet. Sollte dies nachweislich in der Praxis der Fall sein, ist diese Kirche auch in ökumenischen Kreisen wieder willkommen.

10.
Sollten die Patriarchen und Bischöfe jetzt sagen: „Lieber orthodoxer Christ Putin, beenden Sie auch als guter Freund unseres Patriarchen Kyrill I. den Krieg gegen unser„Brudervolk“, die Ukrainer und ihres souveränen Staates“, dann würde der Ausschluss dieser Orthodoxen (orthodox heißt rechtgläubig, dieser Titel passt wahrlich nicht zur russischen Kirche) aus der Ökumene zunächst wohl überflüssig. Aber diesen Schritt kann nur eine Kirche wagen, die entschlossen ist, politische Opposition zu werden. Aber dazu fehlt der russischen Orthodoxie die Kraft, der Geist, der Mut. Die Bequemlichkeiten der Staatskirche – seit Bestehen dieser Kirche – sind für den überwiegenden Teil des Klerus – nicht nur in Russland – oberster Wert.

11.
Diese Hinweise und Vorschläge hier sind wahrscheinlich nur illusorisch. Denn die Christen und die Kirchenführer weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen den Streit und Trennung um jeden Preis vermeiden. Sie werden es doch ihren „Brüdern“ in der Ökumene nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen.

So werden wohl die westlichen Kirchen die einzige gesellschaftliche Gruppe sein und bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine mutigen Konsequenzen ziehen, Konsequenzen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die jetzige Zeit?

12.
Trotzdem führt der Krieg auch zu tiefen theologischen Entscheidungen: Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden haben.

Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den für ihr Land betenden Russen oder den für ihr Land betenden Ukrainern? Hoffentlich entscheidet sich der liebe Gott für die betenden Ukrainer, möchte man als Religionskritiker sagen.

Spaß beiseite: Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen Menschen seelisch etwa stärken, ihn zu Meditation führen, zur Stille, zum Nachdenken, um ihn dann zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren.

Aber daran zweifelt doch kein vernünftiger Christ: Bloße Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Friedensgottesdienste werden den lieben Gott im Himmel nicht bestimmen oder umstimmen. Friedensgottesdienste wecken die seelische Stärke und den kritischen politischen Geist, mehr nicht. Und sie sind schöne Erfahrungen von Gemeinschaft. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden. Auch sie stehen jetzt, 2002, vor einer theologischen „Zeitenwende“.

Anmerkung 1: Der Appell einiger Pfarrer der russisch.orthodoxen Kirche zum Frieden:

APPEL DU CLERGÉ DE L’ÉGLISE ORTHODOXE RUSSE À LA RÉCONCILIATION ET À LA FIN DE LA GUERRE quelle: https://www.egliserusse.eu/blogdiscussion/APPEL-DU-CLERGE-DE-L-EGLISE-ORTHODOXE-RUSSE-A-LA-RECONCILIATION-ET-A-LA-FIN-DE-LA-GUERRE_a6461.html

Nous, prêtres et diacres de l’Église orthodoxe russe, chacun en son nom propre, lançons un appel à tous ceux dont dépend la fin de la guerre fratricide en Ukraine, avec un appel à la réconciliation et à un cessez-le-feu immédiat. Nous adressons ce message après le dimanche du Jugement dernier et dans l’anticipation du Dimanche du pardon.

Le Jugement Dernier attend chacun d’entre nous. Aucune autorité terrestre, aucun médecin, personne ne nous l’évitera. Soucieux du salut de tous ceux qui se considèrent comme un enfant de l’Église orthodoxe russe, nous ne voulons pas qu’il comparaisse à ce Jugement, portant le lourd fardeau des malédictions proférées par les mères ayant perdu leurs enfants.

Nous pleurons l’épreuve à laquelle nos frères et sœurs ont été injustement soumis en Ukraine.

Nous rappelons que la vie de chaque personne est un don inestimable et unique de Dieu, et c’est pourquoi nous souhaitons le retour de tous les soldats – russes et ukrainiens – chez eux et dans leurs familles, sains et saufs.

Nous pensons avec amertume à l’abîme que nos enfants et petits-enfants en Russie et en Ukraine devront surmonter pour recouvrer l’amitié des uns avec les autres, pour se respecter et s’aimer mutuellement.

Nous respectons la liberté de l’homme donnée par Dieu et croyons que le peuple ukrainien devrait faire son choix de manière indépendante et non sous la menace d’une arme, sans pressions de l’Occident ou de l’Orient.

Dans l’anticipation du Dimanche du pardon, nous rappelons que les portes du Paradis sont ouvertes à quiconque, même à une personne qui a péché lourdement, si elle demande pardon à ceux qu’elle a humiliés, insultés, méprisés, ou à ceux qui ont été tués par ses mains ou sur ses ordres. Il n’y a pas d’autre voie que le pardon et la réconciliation mutuelle.

« La voix du sang de ton frère me crie de la terre ; et maintenant sois maudit et chassé de la terre qui a ouvert la bouche pour recevoir de ta main le sang de ton frère», dit Dieu à Caïn, qui était jaloux de son jeune frère. Malheur à toute personne qui se rend compte que ces paroles lui sont adressées personnellement.
Aucun appel non violent à la paix et à la fin de la guerre ne devrait être réprimé de force et considéré comme une violation de la loi, car tel est le commandement divin : « Heureux les artisans de paix. »

Nous appelons toutes les parties en conflit au dialogue, car il n’y a pas d’autre alternative. Seule la capacité d’entendre l’autre peut offrir l’espoir d’une sortie de l’abîme dans lequel nos pays ont été jetés en quelques jours seulement.

Permettez-vous et permettez-nous à tous d’entrer dans le Carême dans un esprit de foi, d’espérance et d’amour.

Arrêtez la guerre!

Prêtre Alexy Antonovsky
Hegumen Nikodim (Balyasnikov)
Prêtre Hildo Bos
Prêtre Vasily Bush
Archiprêtre Stefan Vaneyan
Hiéromoine Jacob (Vorontsov)
Archiprêtre Yevgeny Goryachev (vétéran de la guerre afghane)
Hiéromoine John (Guaita)
Prêtre Alexy Dikarev
Prêtre Alexander Zanemonets
Archiprêtre Vladimir Zelinsky
Prêtre Georgy Ioffe
Archiprêtre Andrei Kordochkin
Prêtre Lazar Lenzi
Archiprêtre Andrei Lorgus
Hegumen Peter (Meshcherinov)
Prêtre Evgeny Moroz
Hiéromoine Dimitry (Pershin)
Prêtre Alexander Piskunov
Archiprêtre Stefan Platt
Archiprêtre Dionysius Pozdnyaev
Archiprêtre Georgy Roy
Hiéromoine Theodorit (Senchukov)
Archiprêtre Dimitri Sobolevsky
Archiprêtre Alexander Shabanov
-Diacre Valerian

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ОБРАЩЕНИЕ СВЯЩЕННОСЛУЖИТЕЛЕЙ РУССКОЙ ПРАВОСЛАВНОЙ ЦЕРКВИ С ПРИЗЫВОМ К ПРИМИРЕНИЮ И ПРЕКРАЩЕНИЮ ВОЙНЫ
Мы, священники и диаконы Русской Православной Церкви, каждый от своего имени, обращаемся ко всем, от кого зависит прекращение братоубийственной войны в Украине, с призывом к примирению и немедленному прекращению огня.
Мы направляем это обращение после воскресенья о Страшном Суде и в преддверии Прощеного воскресенья.
Страшный суд ожидает каждого человека. Никакая земная власть, никакие врачи, никакая охрана не обезопасит от этого суда. Заботясь о спасении каждого человека, считающего себя чадом Русской Православной Церкви, мы не желаем, чтобы он явился на этот суд, неся на себе тяжелый груз материнских проклятий. Мы напоминаем, что Кровь Христова, пролитая Спасителем за жизнь мира, будет принята в таинстве Причащения теми людьми, кто отдает убийственные приказы, не в жизнь, а в муку вечную.
Мы скорбим о том испытании, которому были незаслуженно подвергнуты наши братья и сестры в Украине.
Мы напоминаем о том, что жизнь каждого человека является бесценным и неповторимым даром Божьим, а потому желаем возвращения всех воинов – и российских, и украинских – в свои родные дома и семьи целыми и невредимыми.
Мы с горечью думаем о той пропасти, которую придется преодолевать нашим детям и внукам в России и в Украине, чтобы снова начать дружить друг с другом, уважать и любить друга друга.
Мы уважаем богоданную свободу человека, и считаем, что народ Украины должен делать свой выбор самостоятельно, не под прицелом автоматов, без давления с Запада или Востока.
В ожидании Прощеного воскресенья мы напоминаем о том, что врата райские отверзаются всякому, даже тяжело согрешившему человеку, если он попросит прощения у тех, кого он унизил, оскорбил, презрел, или же у тех, кто был убит его руками или по его приказу. Нет другого пути, кроме прощения и взаимного примирения.
“Голос крови брата твоего вопиет ко Мне от земли; и ныне проклят ты от земли, которая отверзла уста свои принять кровь брата твоего от руки твоей”, сказал Бог Каину, позавидовавшему своему младшему брату. Горе всякому человеку, сознающему, что эти слова обращены к нему лично.
Никакой ненасильственный призыв к миру и прекращению войны не должен насильственно пресекаться и рассматриваться как нарушение закона, ибо такова божественная заповедь: “Блаженны миротворцы”.
Мы призываем все противоборствующие стороны к диалогу, потому что никакой другой альтернативы насилию не существует. Лишь способность услышать другого может дать надежду на выход из бездны, в которую наши страны были брошены лишь за несколько дней.
Дайте себе и всем нам войти в Великий Пост в духе веры, надежды и любви.
Остановите войну.

иерей Алексий Антоновский
игумен Никодим (Балясников)
иерей Хилдо Бос
иерей Василий Буш
протоиерей Стефан Ванеян
иеромонах Иаков (Воронцов)
иерей Александр Востродымов.
священник Дионисий Габбасов
иерей Андрей Герман
протоиерей Евгений Горячев (ветеран Афганской войны)
иеромонах Иоанн (Гуайта)
иерей Алексий Дикарев
иерей Александр Занемонец
протоиерей Владимир Зелинский
протоиерей Петр Иванов
протоиерей Георгий Иоффе
диакон Илия Колин
протоиерей Андрей Кордочкин
иерей Лазарь Ленци
протоиерей Андрей Лоргус
игумен Петр (Мещеринов)
протоиерей Константин Момотов
иерей Евгений Мороз
иеромонах Димитрий (Першин)
иерей Александр Пискунов
протоиерей Стефан Платт
протоиерей Дионисий Поздняев
протоиерей Георгий Рой
священник Николай Савченко
иеромонах Феодорит (Сеньчуков)
протоиерей Иосиф Скиннер
протоиерей Димитрий Соболевский
диакон Пимен Трофимов
протоиерей Александр Шабанов
иеромонах Киприан (Земляков)
иерей Иоанн Леонтьев
протоиерей Виталий Шкарупин
протоиерей Сергий Дмитриев
протоиерей Владимир Королев
протоиерей Сергей Титков
диакон Валериан Дунин-Барковский

Священники и диаконы Русской Православной Церкви, желающие подписаться под письмом, могут написать на адрес russianpriestsforpeace@gmail.com

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Putin-Ideologie des Patriarchen Kyrill von Moskau zum Kriegsbeginn.

Wie das oberste “Oberhaupt” der russisch-orthodoxen Kirche den Krieg Putins gegen die Ukraine banalisiert.

Ein Hinweis von Christian Modehn.    Siehe auch “Homosexualität ist Schuld an der Krise” (Kyrill I.)

………

Notiert am 5.3.2022:

Entscheidend ist: Putin und der Patriarch Kyrill I. von Moskau (und mit ihm die meisten seiner Bischöfe) sind sich einig in der leidenschaftlichen Verurteilung der so genannten “westlichen Ideen”, also der Philosophie der Aufklärung, der Demokratie, der Menschenrechte. 

Entscheidend ist zweitens: Die Jahrzehnte andauernde Mitgliedschaft der Russisch-orthodoxen Kirche in verschiedenen ökumenischen, also westlichen, d.h. protestantischen und auch katholischen Gremien und Konferenzen (wie dem “Weltrat der Kirchen” in Genf) hat für die Russisch-orthodoxe Kirche keinerlei Erkenntnisgewinn gebracht. Diese Kirche war offenbar nur des schönen Scheins wegen in den ökumenischen Gremien, um international mit Pomp und Weihrauch zu glänzen. Und die westlichen Kirchen fragten nie: Wie haltet ihr Russisch-Orthodoxen es mit den Menschenrechten in eurem Land? Seid Ihr als Kirche bereit, bei eurer Macht, auch politische Opposition zu sein?

Mit anderen Worten: Nicht nur westliche Politiker waren naiv im Umgang mit Putin, westliche Kirchenführer waren (und sind ?) genauso naiv im Umgang mit Kyrill I. und Co.

Es klingt geradezu lächerlich, wenn katholische Theologen, selbst die Päpste der letzten Jahre, sagen: Wir brauchen die (russisch ?) Orthodoxen als “unsere zweite Lunge”, so Papst Johannes Paul II. und ähnlich auch Benedikt XVI.

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Ein Hinweis  über die verheerende, d.h. Putin-stützende Bedeutung der (Führung der) Russisch-orthodoxen Kirche.

Dieser Patriarch Kyrill ist die beste ideologische Stütze Putins und durchaus ein Kriegstreiber: “Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, hat die Gegner der russischen Armee in der Ukraine als „Kräfte des Bösen“ bezeichnet. In seiner Sonntagspredigt warf der Patriarch den ukrainischen Soldaten vor, die historische Einheit zwischen den beiden Ländern brechen zu wollen. „Wir müssen alles tun, um den Frieden zwischen unseren Völkern zu bewahren und gleichzeitig unsere gemeinsame historische Heimat vor all den Aktionen von außen zu schützen, die diese Einheit zerstören können“, betonte Patriarch Kirill. (Quelle: Deutschlandfunk, 27.2.2022)

Dieser Hinweis umfasst vier Teile.
Erstens: Den Text, den Patriarch Kyrill am 24.2. 2022 zum Kriegsbeginn Russlands bzw. Putins gegen die Ukraine veröffentlichte.

Zweitens: Eine Interpretation dieses Textes.

Drittens: Eine christliche Kirche müsste eigentlich eine Opposition gegen das Regime sein…

Viertens: Nur ein Hinweis auf die praktischen Auswirkungen der ideologischen Macht der russisch-orthodoxen Kirche.

Erstens: 24 Februar 2022 – Aufruf von Patriarch Kirill an die Erzhirten, Hirten, den Klerus und das gläubige Volk der Russischen Orthodoxen Kirche:

Eure Seligkeit! Eure Eminenzen und Exzellenzen! Liebe Väter, Brüder und Schwestern!
Mit tiefem Herzenschmerz sehe ich das Leid der Menschen, das durch die derzeitigen Ereignisse verursacht wird.
Als Patriarch der ganzen Rus’ und Primas der Kirche, deren Herde sich in Russland, der Ukraine und anderen Ländern befindet, habe ich tiefes Mitgefühl mit all denen, die von dem Unglück getroffen sind.

Ich fordere alle Konfliktparteien auf, alles zu tun, um Opfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden.
Ich appelliere an die Erzhirten, Hirten, Mönche wie Nonnen und Laien, allen Leidenden, einschließlich der Flüchtlinge, der Menschen, die ohne Obdach und und ohne Lebensunterhalt geblieben sind, jede erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen.

Das russische und das ukrainische Volk haben eine gemeinsame jahrhundertealte Geschichte, die auf die Taufe der Rus’ durch den heiligen apostelgleichen Fürsten Vladimir zurückgeht. Ich glaube, dass diese von Gott geschenkte Gemeinschaft dabei helfen wird wird, die Spaltungen und Widersprüche zu überwinden, die zu dem gegenwärtigen Konflikt geführt haben.
Ich rufe die gesamte Fülle der Russischen Orthodoxen Kirche auf, inständig und inbrünstig für die baldige Wiederherstellung des Friedens zu beten.

Auf den Beistand unserer Allreinen Gebieterin, der Gottesgebärerin, und aller Heiligen möge der Allbarmherzige Herr das russische, das ukrainische und andere Völker, die unsere Kirche geistlich vereint, behüten!
KIRILL, PATRIARCH VON MOSKAU UND DER GANZEN RUS’
(Quelle: https://rokmp.de/de/aufruf-von-patriarch-kirill-von-moskau-und-der-ganzen-rus-an-die-erzhirten-hirten-den-klerus-und-das-glaubige-volk-der-russischen-orthodoxen-kirche/. Gelesen am 26.2.2022)

Zweitens: Hinweise zu einer Interpretation dieses Textes:

Der Patriarch spricht harmlos von „derzeitigen Ereignissen“, nicht vom Krieg Russlands gegen die Ukraine.

Er sieht sich als orthodoxer Führer auch als religiöser Chef der Ukraine, so, wie Putin sich als Machthaber der Ukraine sieht. Bestes Einvernehmen mit dem Machthaber also.
Die „Ereignisse“ sind für Kyrill „Konflikte“ mit unterschiedlichen, gleichwertigen Konfliktparteien, so, als hätte die Ukraine nun Russland angegriffen.
Alle Leidenden sollen caritative Hilfe von der ohnehin Putin hörigen russischen Kirche erhalten. Die übliche Caritas, also als Einzelfallhilfe, nicht die öffentliche politische Kritik ist wichtig.

Der Patriarch erinnert an die uralte Geschichte der Gemeinschaft von Ukrainern und Russen. Er fragt natürlich nicht, warum denn diese Gemeinschaft nun von Putin und Co. zerstört wird. Brudervölker zerstören einander doch nicht, oder?

Kyrill I. tut so dumm, als seien es nur „Spannungen und Widersprüche“ gewesen, die zu dem „gegenwärtigen Konflikt“ geführt haben. Er nennt diese von Putin inszenierte nationalistisch-russische Vernichtung der Ukraine einen „gegenwärtigen Konflikt“.

Und dann folgt das übliche seit Jahrhunderten vertraute Bla Bla der so genanten Bittgebete: Dass doch die Gottesmutter und wer weiß sonst noch, also auch die Gottesgebärerin (!), alle Völker behüten möge.
Diese Floskeln und Formeln sind noch immer nicht so ausgeleiert, dass sie trotzdem noch in den meisten christlichen Kreisen verwendet werden. Der Patriarch und die Christen können also nur eine imaginäre „Gottesgebärerin“ bitten, sie möge doch vom Himmel oder von sonst wo aus für Frieden sorgen. Welch ein Wahn! Was für ein Opium, das da verbreitet wird.

Haben diese Patriarschen, diese Metropoliten und „eure Seligkeiten“ (siehe oben diesen verrückten Titel für einen orthodoxen Metropoliten) nichts anderes, nichts Vernünftiges, nichts Kritisches zu sagen? Ist dieser Kyrill I. (und mit ihm viele andere Bischöfe dieser Kirche) so abhängig von dem Führer Putin, dass er es sich erlaubt, im 21.Jahrhundert so viel theologischen Schwachsinn zu verbreiten?

Wie viel Geld erhält dieser Patriarch von Putin für diese nationalistischen Statements? Eine Frage, die auf die wir nie eine Antwort erhalten?

Und warum regt sich eigentlich kaum jemand auf über so viel offiziell verbreitetes Verständnis für Mord und Totschlag und Krieg aus einem so genannten christlichen, sogar orthodoxen Munde?
Warum wird nicht eine große Debatte in der weiten Christenheit geführt über den Unsinn dieser Bittgebete? Meine Antwort: Wenn man darüber kritisch nachdenken würde, dann müsste das traditionelle Gottesbild – endlich – aufgegeben werden. Aber dazu fehlt dem Patriarchen und dem Papst und den Landesbischöfen etc. der Mut. Dies wäre eine neue Reformation. Und die will „man“ nicht.

Drittens: Diese Staatskirche kann niemals Opposition gegen das Regime werden!

In dem autoritären Putin-Regime könnte die orthodoxe Kirche als die zahlenmäßig starke “Volkskirche” eine wichtige oppositionelle Kraft sein. Es gibt sonst offensichtlich keine starke Opposition in diesem kriegsbesessenen Regime Russlands (mehr).

Aber die russisch-orthodoxe Kirche und ihr Patriarch Kyrill sind nur eine ideologische – religiöse Bestätigung des Regimes. Das zeigt auch sein Text oben.Man möchte sagen: Insofern verrät diese Kirche die zentrale humane und Frieden stiftende Botschaft des Evangeliums. Aber diese Staatshörigkeit ist bekanntlich ein Merkmal orthodoxer Kirchen und ihrer Führer. Für die russisch-orthodoxe Kirche ist die eigene Nation und das Privilegiertwerden durch den Diktator  am wichtigsten. Diese Erkenntnis gibt zu denken, wenn man an die weltlweiten ökumenischen Kontakte (etwa in Genf) dieser Putin-Kirche denkt.

Es wird noch nicht einmal in Ansätzen darüber diskutiert, dass der “Ökumenische Weltrat der Kirchen” in Genf die Mitgliedschaft der Russisch-Orthodoxen Kirche, mit ihrem Chef, dem Patriarchen Kyrill, in diesem führenden ökumenischen Gremium sofort beendet. Es sei denn, diese Kirche gibt die ideologische Propaganda zugunsten des Kriegstreibers Putin sofort auf und wird wieder Kirche anstatt “Abteilung für Propaganda und Agitation” im Putin Regime zu bleiben.

Viertens: Einige “praktische Auswirkungen” der ideologischen Macht der Russisch-orthodoxen Kirche in Russland:

Die Autorin und Columnistin Liza Alexandrova-Zorina schreibt in einem längeren Beitrag für “Lettre International” (Winter 2019) S. 80ff., wie sich durch den Einfluss dieser Kirche die alten Familien-Traditionen nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts wieder durchsetzen. “Seit vielen Jahren versucht die Kirche, sittliche Grundlagen des Familienlebens, wie sie von einem Priester und einer Nonne in einem `Ratgeber` formuliert werden, als obligatorisches Schulfach durchzusetzen. Es versteht sich, dass gemäß dieses Buches die einzige Bestimmung der Frau darin besteht, so viele Kinder wie möglich zu gebären. Der Einfluss der Kirche ist immens…”(S. 80)…. “Kein Wunder, dass die Bewegung ME-TOO nur Ablehnung und Unverständnis hervorruft. Dass sexuelle Belästigung keine Norm ist, muss man bei uns den Frauen erklären…(S. 81) …” “Durch häusliche Gewalt kommen jährlich 14.000 Frauen in Russland ums Leben. Und eine Hoffnung auf Veränderung ist nicht in Sicht” (83).

Weitere Beispiele für die ideologische und politische Macht des Moskauer Patriarchats im Putin-Regime:

Die russisch-orthodoxe Kirche bekämpft mit allen Mitteln westliche, liberale, säkulare, menschrechtliche Ideen. Schon 2008 schrieb der russische Philosoph Michail Ryklin (er lebt in Berlin) in „Lettre international“, Frühjahr 2008, Seite 128: „Die Russisch-orthodoxe Kirche drängt den Staat auf einen gefährlichen Weg, indem sie ihm für all sein Tun automatisch Ablass erteilt und damit jegliche Reformen für unnötig erklärt“.

Michail Ryklin erinnerte schon in „Lettre Internationale“, Herbst 2005, S. 130, an die obskure „orthodoxe Hagiopolitik“, „bei der das Eingreifen von Heiligen und die Einwirkung geweihter Gegenstände anerkannt werden soll“, gegen die wissenschaftliche Annahme, dass der „Mensch den Geschichtsverlauf bestimmt“.

Bekannt sind die andauernden Eingriffe der Kirche in die Freiheit der Kunst: Dass Ausstellungen zur Gegenwartskunst als Irrwege des säkularen Bewusstseins durch die russisch-orthodoxe Kirche verboten wurden, ist ein Skandal: Wer das kritisiert, wird immer häufiger als Feind der Orthodoxie und gleichzeitig des russischen Volkes diffamiert“, so Ryklin ebd. Diese Repressionen seien um so interessanter, als „nur etwas vier Prozent der Bevölkerung regelmäßig ihre Kirche besucht“, so Ryklin, ebd.
In der Erinnerung ist die Zerstörung der Ausstellung „Achtung Religion“ im Sacharow-Zentrum von Moskau im Jahr 2003 besonders wichtig. Diese Ausstellung zeiget auch kritische Auseinandersetzung mit der Religion. Vier Tage nach Eröffnung der Ausstellung, Mitte Februar 20003, wird die Ausstellung z.T. zerstört und geschlossen, entgegen dem Wunsch der Künstler. Ich zitiere aus dem wikipedia Artikel: „Am 12. Februar 2003 forderte das russische Parlament (die Duma) die Generalstaatsanwaltschaft auf, gegen die Organisatoren der Ausstellung tätig zu werden.[2] Gegen die Duma-Resolution und die Anweisung des Strafverfahrens stimmten lediglich 2 der 267 anwesenden Abgeordneten. Einer von ihnen, Sergei Juschenkow, der am Rednerpult erklärt hatte, man erlebe soeben die Geburt des totalitären Staates unter der Führung der Orthodoxen Kirche, wurde einige Wochen später in Moskau ermordet.[3] Der Direktor des Sacharow-Zentrums und Hauptangeklagte, Juri Samodurow, sah davon ab, eine Zivilklage gegen die Eindringlinge wegen des Schadens anzustrengen, die dem Museum durch diese Tat entstanden war. Dies hatte zur Folge, dass die Anwälte des Museums den Gerichtssaal nicht betreten durften.[4] Die gesellschaftlichen Verteidiger der Angeklagten waren die bekannten Menschenrechtler Alexander Podrabinek, Lew Ponomarjow und Jewgeni Ichlow, ebenso Sergei Kowaljow.[5] Samodurow und die für Ausstellungen zuständige Mitarbeiterin des Sacharow-Zentrums, Ljudmila Wassilowskaja, wurden am 28. März 2005 zu einer Geldstrafe von je 100.000 Rubeln (ca. 2900 EUR) verurteilt.[6] (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Sacharow-Zentrum)

Ist Putin etwa ein frommer russisch – orthodoxer Christ? „Bei allem, was das Privatleben von Präsident Putin angeht, müssen wir mit Gerüchten vorlieb nehmen. Schenkt man Bischof Tichon Glauben, so ist er der Beichtvater des Präsidenten, also ein geistlicher, der dem Kreml besonders nahesteht“, so Ryklin in „Lettre International“, Frühjahr 2008, Seite 128, zu Tichon (geb.1958) siehe auch: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/putins-beichtvater-bischof-tichon-im-interview-15563372.html. Tichon ist ein Erzt-Reaktionärer Bischof.

Noch einmal: Die russisch-orthodoxe Kirche betrachtet nicht nur Russland, sondern auch Belarus und die Ukraine als „kanonisches russisch-orthodoxes Territorium“, „kanonisch“ meint: Im Sinne ihres Kirchen- und Staatsrechts. Sie folgt dabei dem Wahn Putins.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Die christlichen Kirchen können keinen Frieden stiften.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2022: Putin beginnt seinen Krieg gegen die Ukraine.

Zur nationalistischen Russisch-orthodoxen Kirche von Moskau: https://religionsphilosophischer-salon.de/14618_putins-aggression-und-seine-wichtigste-stuetze-der-patrirach-von-moskau-und-seine-russisch-orthodoxe-kirche_befreiung

Man muss die Frage stellen: Warum haben sich die Kirchen und ihre Theologen so sehr auf den „inneren Frieden“, den Frieden der Seele, fixiert und Jesu Worte als Verheißung eines nicht-weltlichen, also eines nur innerlichen Friedens verstanden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch“. Dieses Zitat aus seinen „Jesu Abschiedsreden“, stammt aus dem Johannes Evangelium im Neuen Testament, Kap. 14, Vers 27. Die Kirchen haben aber oft nicht gesehen, dass vorher Jesus vom heiligen Geist spricht, „der wird euch lehren“… Vers 26: Aber wenn der heilige Geist auch Geist im Menschen ist, dann ist er doch auch Vernunft, und als Vernunft umfasst er auch politische Gestaltung der Welt als einer friedlichen Welt. Aber die Christen waren letztlich froh, sich nur um den inneren Frieden, den Seelenfrieden, kümmern zu müssen. Das ist bequemer.

Man muss die Frage stellen: Welche praktischen, sichtbaren Erfolge haben denn alle Gebete um Frieden gebracht, zu denen nun wieder von der Kirche aufgerufen wird. Gebet um Frieden mag als Form der psychischen Beruhigung in Krisenzeiten durchaus sinnvoll sein, genauso wie das stille Sitzen in der Meditation. Aber das meinen die Bischöfe und Päpste nicht, wenn sie zum Gebet um Frieden aufrufen: Sie wollen Gott im Himmel höchstpersönlich bewegen, den Frieden zu schaffen, den sie sich, die Menschen, wünschen. Im Augenblick beten wohl die Russen für ihren Frieden für ihr Russland, und die Ukrainer beten um Frieden für ihre Ukraine. Auf welche Nation soll Gott bloß hören? Soll er etwa dem Kriegsherrn Putin seinen Frieden bescheren, seinen Sieg? Oder sollen die Gebetswünsche der Ukraine Erfüllung finden? Man sieht, Beten um Frieden ist widersprüchlich, wenn nicht widersinnig, es sei denn man sagt: Das Gebet um Frieden soll nur die innere Stabilität in Kriegszeiten fördern. Und man will, wenn man schon glaubt, eben auch widersinnig glauben, gegen alle Vernunft sozusagen. Gott sei Dank wollen das nicht alle Menschen!

Man muss die Frage stellen: Glauben die um Frieden Betenden wirklich, dass Gott im Himmel als „Person“ das Bittgebet erhört? Welches Gottesbild steht hinter dem Bittgebet? Wird da Gott wie ein menschlicher machtvoller Kumpel vermenschlicht? Wird es nicht Zeit, sich von dem Bild Gott als Person zu verabschieden oder eher von einem tragenden Sinn-Grund der Existenz und der Welt zu sprechen?

Man muss die Frage stellen: Worin liegt eigentlich der größte Fehler, wenn die Kirchen und die Christen Jahrhunderte lang um Frieden beteten und beten, aber de facto kein Frieden entsteht oder entstanden ist? Im Gegenteil: In allen Jahrhunderten wurde eigentlich permanent Krieg geführt, Sklavenhandel betrieben, ganze Völker wurden „missioniert“ und dabei ausgerottet. Der Antisemitismus wurde wie ein permanenter Vernichtungskrieg gegen die Juden geführt. Wie lächerlich ist die Frage: Soll man für die Überwindung des Antisemitismus beten? Wer Antisemitismus besiegen will, möge bitte nicht beten, er soll bitte schön politisch wirksam handeln und z.B. rechtsradikale Täter tatsächlich verfolgen und bestrafen!

Man muss die Frage stellen: Welchen Sinn haben jetzt Friedensgebete und Friedensgottesdienste „Dona Nobis pacem“ ,zu denen die Kirchen im Krieg Russlands gegen die Ukraine auffordern? Sinnvoll ist nur, das tiefe innere Verbundensein mit den Menschen in dieser Region, ein inneres Mitgefühl mit den Leidenden, Sterbenden zu pflegen, um das eigene Denken zu weiten und das Herz in Verbindung mit diesen Menschen zu bringen. Das könnte in der Gemeinschaft eingeübt werden, wenn man auch Zeugnisse der Leiden, der Ukrainer oder der russischen Mütter hört, die von ihrem im Krieg umgekommenen Sohn erzählen.

Man muss die Frage stellen: Ist nicht die entscheidende Wurzel für alle Kriege die Bindung der Kirchen, aller Kirchen, aller Bischöfe, an ihre jeweilige Nation? Hat der Nationalismus unter den Kirchenführern und Christen nicht immer schon total den Geist vernebelt und den Krieg gefördert? Wurde Nationalismus nicht immer wichtiger als das vernünftige Nachdenken über die Menschheit und die Weltgemeinschaft? Hat der kleingeistige Nationalismus das Eintreten für die eine Menschheit, für die Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit aller, zerstört?

Man muss die Frage stellen: Ist der nationalistische Ungeist, der nachweislich die ideologisch verrannten und von Putin privilegierten Popen und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche beherrschte und heute beherrscht, eine entscheidende Ursache für die Unterstützung im Krieg Putins gegen das so genannte „Brudervolk“. Wie maßgeblich war der Nationalismus der Bischöfe, als sie als Franzosen oder als Deutsche den 1. Weltkrieg leidenschaftlich unterstützten? Diese Herren waren mit Verlaub gesagt keine Christen, sondern kriegerische Nationalisten.

Man muss auch klar sagen: Ihr Christen, hört auf, in der altbekannten Form um Frieden zu beten. Wenn ihr zusammenkommt, sonntags, zu euren Gottesdiensten, lasst die uralten Riten und Lieder mal beiseite, strengt euren heiligen Geist an und fragt gemeinsam, wie können wir aktiv für den Frieden in der Welt, für den Frieden in Ukraine z.B. eintreten? Wie können wir uns umfassend informieren, um gar nicht mehr auf einen Typen wie Putin reinzufallen? Man muss sich also fragen: Wäre nicht politische Aufklärung eine genauso wichtige Aufgabe für die Kirchen, wenn sie sich dem Frieden widmen will? Dazu gehört die Analyse der eigenen westlichen Aggression, man denke an die Kriege, die die USA ohne Ergebnis führten: Vietnam, Libyen, Afghanistan usw., man denke an die Kriege im „Hinterhof der USA“, wie die US-Politiker sagen, in Lateinamerika…

Man muss sich fragen: Warum sind eigentlich nur einige wenige kleinere Kirchen (Quäker, Mennoniten usw.) explizit als Friedenskirchen tituliert? Warum nennen sich nicht alle großen Konfessionen, Katholiken, Protestanten, Orthodoxe ausdrücklich Friedenskirchen? Das wäre doch im Sinne Jesu Christi, den manche gern als Kirchengründer ansehen. Jesus Christus ist der Prophet und Meister auch des politischen Friedens. Wenn man das anerkennt: Dann wäre ein Christ nicht mehr römisch-katholisch, sondern friedenskirchlich-katholisch; man wäre friedenskirchlich evangelisch und vor allem auch dies: Man wäre friedenskirchlich-orthodox. Welch ein Signal wäre dies für die Welt.

Man muss sich fragen: Werden diese Vorschläge irgendeine Resonanz bei den großen Kirchen und ihren etablierten Theologen haben? Ich denke nein. Und diese bloß ganz allgemein um Frieden betenden Kirchenchristen werden auch dann, wenn die Ukraine in ein paar Monaten russisch ist oder die Mörderbanden in Syrien ihr Regime weiter aufbauen usw. Immer weiter um Frieden beten, singen und flehen: „Verleih uns Frieden gnädiglich“, adressiert an einen personalen Vater im Himmel, der aber doch nicht das Flehen seiner Kinder erhört…
Man wird also als Kirche weitermachen, wie bisher. Man wird ein paar kleine friedenspolitische Clubs in den Kirchen zulassen, wie Pax Christi bei den Katholiken oder Church and Peace bei den Protestanten, man wird weiterhin also beten und alte Lieder singen … und die Welt wird in Kriegen versinken.

Man muss sich fragen: Wann werden sich die Kirchen eingestehen: Eigentlich ist die auch empirisch spürbare Bilanz des Christentums, die Bilanz der Wirkungsgeschichte der Lehre Jesu, weitgehend eine Katastrophe. Oder mindestens ein Misserfolg oder eine Illusion. Und trotzdem werden Theologen naiv weiterhin von Erlösung schwadronieren, etwa zu Weihnachten beim Lied „Stille Nacht, alles schläft, aber auch alle schlafen“…Und das Arbeiten am Friedensreich Gottes, diese zentrale, auch politische Idee Gottes von dieser Welt, wird ebenfalls eingeschlafen sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Putins Aggression, seine wichtigste Stütze: Der Patrirarch von Moskau und die Russisch-Orthodoxe Kirche.

Wie eine Kirche zu einer nationalistischen Ideologie entartet.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.2.2022

Dies ist ein Hinweis auf eine christliche Kirche, die russisch-orthodoxe Kirche und ihren Patriarchen von Moskau. Diese Kirche versteht Frieden und Humanität nur als Nutzen für die eigene russische Nation.  Kann eine solche Kirche noch Kirche sein und Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (Genf) bleiben? Warum wird über diese Straf”maßnahme” nicht diskutiert? Dass dies geboten ist, zeigt der folgende Beitrag von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt in aktuell gebotener Kürze:

1. In der westlichen, vor allem westeuropäischen Öffentlichkeit wurde und wird kaum wahrgenommen, welche ideologische Macht die Russisch-orthodoxe Kirche als Stütze Putins hatte und hat, auch im Blick auf Putins Aggressionen gegen die Ukraine und letztlich gegen Europa. Dieser Hinweis bietet einige wichtige Details, die vor allem auf kirchenunabhängigen Forschungen in Frankreich basieren. Die Quellenangaben befinden sich am Ende dieses Beitrags.

2. Die Russisch-orthodoxe Kirche mit dem mächtigen Patriarchen und Putin-Vertrauten Kyrill I. in Moskau ist eine typische orthodoxe „Nationalkirche“. Die Führungen dieser National – Kirchen stellen das Interesse ihrer Nation über die Weisungen des Evangeliums, so auch in der Russisch-orthodoxen Kirche.
In Deutschland und anderen Ländern ist das Phänomen der Nationalkirchen (also der von politischen Herrschern bestimmten Kirchen) nicht unbekannt, man denke an die evangelischen Landeskirchen in Deutschland, die den Kaiser als Kirchenchef hatten oder an die Staatskirche in Schweden oder an die spanische katholische Kirche zur Zeit des Franco-Regimes. Dass katholische Bischöfe in Frankreich und in Deutschland begeisterte Propagandisten zugunsten des 1. Weltkrieges waren, ist eine Tatsache.

Die Abhängigkeit der Kirchen von staatlichen Herrschern zieht sich wie ein schwarzer dreckiger Strom durch die ganze Geschichte, man denke an Frankreich im ancien régime, an die Zeiten des Kolonialismus, der Sklaven“haltung“ usw…Aber bei diesem Hinweis geht es aus aktuellem Anlass nur um Russland und die Ukraine.

3. Politologen, Soziologen, Journalisten usw. haben sich in den letzten Jahren sehr viel mit den Verirrungen und Abartigkeiten von Religionen befasst, dabei aber – zurecht – vor allem den Islamismus studiert. Es wird aber Zeit, sich mit dem düsteren theologischen wie politischen Kapitel der christlichen Orthodoxie zu befassen und dringend davor zu warnen, mit diesen Kirchen enge ökumenische Einheit aufzubauen, wie es die Päpste seit Johannes Paul II. betonen. In seinem antiprotesantischen Geist wagte es Papst Johannes Paul II. sogar zu sagen, die katholische Kirche brauche als ihre „zweite Lunge“ die Orthodoxie. Nein, diese braucht die römische Kirche NICHT, sie braucht die Vernunft und die Akzeptanz der Menschenrechte. Aber das ist ein anderes Thema…

Die Russisch – orthodoxe Kirche als Putin-Ideologie. Einige Details.

4. In seiner ausführlichen Fernsehansprache am 21.2.2022 hat Putin auch kirchliche, religiöse Motive genannt für die Anerkennung der „Republiken“ im Osten der Ukraine. Er wolle den dort lebenden russisch – orthodoxen Christen zu Hilfe kommen und sie schützen. Putin sagte: „Kiew fährt fort, eine Repression gegen die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats vorzubereiten“. (Mehr dazu Nr. 10 und 11). Dass Putin dabei die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats falsch einschätzte, wurde ein paar Tage später deutlich: Diese Kirche (bzw. die meisten Bischöfe) hat sich im Krieg Putins gegen die Ukraine auf die Seite der anderen Kirchen in der Ukraine gestellt. (La Croix, 25.2.2022, Interview mit Prof. Pavlo Smytsnyk, vom Ökumene-Institut von Lviv).

5. Putin zeigt sich bei hohen orthodoxen Feiertagen gern in Moskauer Kathedralen, immer zusammen mit seinem Freund Patriarch Kyrill I., Putin küßt gern dort öffentlich Ikonen, er will als frommer Orthodoxer gelten.

6. In einer Ansprache in der „Christus-Erlöser“ Kathedrale sagte Putin im Februar 2013: „Die russisch-orthodoxe Kirche war bei ihrem Volk in der langen Geschichte. Wir hoffen, diese positive und mehrfach wertvolle Partnerschaft mit der russisch – orthodoxen Kirche vorzusetzen. Wir müssen unsere Zusammenarbeit und unsere gemeinsame Arbeit fortführen, um die Harmonie in unserer Gesellschaft zu stärken, und zwar mit hohen moralischen Werten“ (Zitat bei Dolya).

Damit wiederholt Putin seine alten Thesen, die er etwa 2013 in Valdai formulierte: “Wir (Russen) haben dieselbe Tradition, die sekbe Mentalität, dieselbe Geschichte, die selbe Kultur wie die Ukrainer. Wir haben sehr nahe verwandte Spraxchen. In diesem Sinne , ich wünsche noch einmal zu wiederholen: Wir Russen und und die Ukrainer sind ein und dasselbe Volk” (zit. bei Kathy Rousselet, L église orthodoxe et la question des frontières, 2017)

7. Diese Zusammenarbeit Putins mit der Russisch-orthodoxen Kirche und dem Patriarchen Kyrill I. hat die Basis in der Ideologie des „Russkiy mir“, der „russischen Welt“: Diese Ideologie – 2007 von Putin als eine Art Stiftung institutionalisiert – sieht die russische Welt nicht nur in den Grenzen Russlands von heute repräsentiert. Auch Belarus sowie ausdrücklich die Ukraine gehören für Putin, schon seit vielen Jahren nachweislich, zur Vorstellung des großen, wahren Russlands! Aber diese russische Welt muss sich noch ausdehnen auf „Eurasien“ hin, also Richtung Ost-Europa vor allem. Das eurasische Projekt wird vor allem von dem Rechtsextremen Alexander Dugin vertreten, „Die Welt“ nannte ihn am 16.6.2014 einen „Einflüstere Putins“.
Die Pariser Historikerin und Politologin Anna Dolya schreibt: „Tatsächlich unterstützt der Kreml die Vorstellung einer nationalen russischen Idee auf dem Territorium der Ukraine, besonders auf der Krim und im Osten der Ukraine. Russland insistiert darauf, dass die Menschen dort zur „Russkiy mir“ gehören“. Das schrieb Anna Dolya schon im Jahr 2015! Warum würde das von Politikern nicht wahrgenommen?
Über Anna Dolya: „Ukrainienne, résidant en France. Titulaire d’une Licence en Lettres modernes et d’un Master en Affaires européennes de la Sorbonne. Chargée de mission pour différentes entreprises“.

8. Das ist heute ganz wichtig:
Im Jahr 1992 trennte sich ein Teil der in der Ukraine lebenden Orthodoxen von der bis zu diesem Zeitpunkt für sie allein zuständigen Kirche des Moskauer Patriarchats. Sie gründeten die „Ukrainisch – orthodoxe Kirche des Patriarchats von Kiew“. Da nicht alle orthodoxen Ukrainer sich dieser ihrer ukrainischen Kirche anschlossen, besteht der Einfluß des Moskauer Patriarchen in der Ukraine noch weiter!
Initiator der Ukrainisch Orthodoxen Kirche des Kiewer Patriarchats ist Metropolit Philaret, der in Zeiten der Sowjetunion eng mit pro-kommunistischen Friedenskreisen, wie der Christlichen Friedenskonferenz CFK, zusammenarbeitete. Theologisch ist er – wie Kyrill I. in Moskau konservativ bis reaktionär.
Philarets Nachfolger in Kiew ist der Metropolit Epiphanius, er ist jetzt das Oberhaupt der „Ukrainisch-orthodoxen Kirche“.  Er genießt in der Ukraine hohes Ansehen, zum Kriegsbeginn am 24.2. sagte er: “Wir glauben, dass die Gewalt und die Waffen, die heute rechtswidrig gegen uns gerichtet werden, sich in Gottes Zorn und Schwert gegen den Angreifer verwandeln werden”, so Epipanius. Man müsse den Feind abwehren und die Ukraine vor der Tyrannei schützen, die der Angreifer bringen wolle. (Quelle: Dom Radio, 24.2.2022). Auch Bischof Onufri, der Metropolit der mit Moskau verbundenen orthodoxen Kirche in der Ukraine sagte am 24.2. in Richtung Putin und Co.: “Stoppt den Bruderkrieg”.

9. Diese Ukrainisch-orthodoxe Kirche hat 2019 die höchste Aufwertung des Ehren-Primas der ganzen orthodoxen Welt, des Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus, erhalten. Er hatte diese Kirche als „vollständig orthodoxe und vollständig ukrainisch“ anerkannt, mit dem Titel eines Patriarchen von Kiew. Diese Entscheidung war für die russisch – orthodoxe Kirche ein extremer Schock und ein Machtverlust. Das Moskauer Patriarchat dachte sogar daran, die Gemeinschaft mit dem Ehren-Vorsitzenden, dem Patriarchen Bartholomäus in Konstantinopel, abzubrechen. Der für die Auslandsbeziehungen zuständige russische Bischof Hilarion (er hält sich oft bei Papst Franziskus auf) warnte schon damals: Die Schismatriker, also die Ukrainisch-Orthodoxen, könnten sich der hoch verehrten traditionellen heiligen Stätten in der Ukraine bemächtigen. „Die dem Moskauer Patriarchen treuen ukrainischen Orthodoxen würden diese heiligen Stätten verteidigen. „Also können wir ein Blutbad deswegen erwarten“. Auch die Kosaken-Truppen in Donbass erklärten sich bereit, die heiligen Stätten der Ukraine gegen die abtrünnigen Orthodoxen zu verteidigen, im Sinne Moskaus natürlich. (Siehe Denis Jacqmin)
Somit hat die russisch-orthodoxe Kirche mit dem Patriarchen von Moskau die Allmacht über die Ukraine verloren. 58 % der sich orthodox nennenden Ukrainer sind mit der neuen ukrainisch-orthodoxen Kirche verbunden (La Croix, 22.2.2022).

10. Wenn es jetzt zum Krieg in weiten Teilen der Ukraine durch die Aggressionen Putins kommen sollte, ist die orthodoxe Kirche der Ukraine, und damit das sich mehrheitlich orthodox fühlende Volk, gespalten. „Es kann sein, dass die Moskau-treuen orthodoxen Ukrainer sich patriotisch für Moskau zeigen“, sagte (bzw. drohte) der mit dem Moskauer Patriarchen verbundene Bischof Victor Kotsaba, er sagte weiter: „Unsere Kirche ist bereit im Falle eines totalen Krieges die Leute zu segnen für die Verteidigung ihres Vaterlandes. („La Croix, 22.2.2022)

11. Wenn es also zum Krieg in weiten Gebieten der Ukraine kommen sollte, wäre dies auch ein Krieg zwischen verfeindeten orthodoxen Christen der Ukraine, die einen pro Moskau, die anderen pro Kiew. Ein Religionskrieg unter Christen?
Daran denkt auch das Oberhaupt der selbständigen, also der nicht vom Moskauer Patriarchen abhängigen Ukrainisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Epiphanias: „Der Kreml weitet seine Aggression aus, indem er die Rhetorik der Verteidigung der Orthodoxie gebraucht. Ich wende mich an die orthodoxen Christen hier, die dem Moskauer Patriarchen unterstehen: Warten Sie nicht, bis ihre Führer (Bischöfe) es wagen ihr Schweigen zu brechen und endlich etwas sagen, um den Frieden zu verteidigen, um die Ukraine zu verteidigen. Beginnt damit persönlich! Der Aggressor muss sehen, dass ihr orthodoxen Christen des Moskauer Patriarchats kein Bedarf habt an seinen Truppen und seiner Macht. Das ist die Bürgerpflicht und die Pflicht des Christen“. Bisher hat Patriarch Kyrill I. von Moskau zu den neuesten “Aktionen” (.d.h. dem Krieg) Putins gegen die Ukraine geschwiegen. (Siehe dazu ein Zitat von Regina Elsner, Wiss. Mitarbeiuterin im Zentrum für Osteuropoa in Berlin, im DOM-Radio Köln gesendet am 23.2. 2022, siehe Fussnote 1)

12. Metropolit Epiphanias von der Ukrainisch-orthodoxen Kirche wandte sich dann an alle Ukrainer: Unsere Kirche appelliert daran, der Gewalt vorzubeugen, die sich gegen die Güter der Gemeinden des Moskauer Patriarchats richten. Der Feind sucht nur einen Grund, um im Falle von Gewalt seine eigene Aggression zu rechtfertigen. Unsere gemeinsame Aufgabe ist die es, die Pläne des Feindes zu zerstören“ (Zitate in: La Croix, Paris, 22.2.2022, Beitrag von Marguerite de Lasa).

13. Es ist wichtig zu wissen, dass der Moskauer Patriarch Kyrill I. offiziell Putin unterstützt hat bei der Annexion der Krim und der Gebiete im Osten der Ukraine. Diese Unterstützung Kyrills für Putin hat, so Anna Dolya, viele Orthodoxe mit Bindungen ans Moskauer Patriarchat dann doch zur Ukrainisch – orthodoxen Kirche geführt.

14. Die ukrainische – orthodoxe Kirche mit dem Patriarchat in Kiew hat während der Proteste auf dem Maidan Ende 2013 Partei zugunsten der Demonstranten ergriffen und z.B. das Kloster St. Michael als ein Krankenhaus für die Verletzten umgebaut. Die orthodoxen Christen, die sich als Ukrainer dem Moskauer Patriarchat verpflichtet fühlen, haben zum Teil heftig gegen die Maidan-Demonstranten agiert. Popen in der Ostukraine haben sich auch geweigert, gefallene ukrainische Soldaten zu bestatten, Bischöfe wie Thykon oder der Erzpriester Vsevolod Chaplin haben groß und breit die „zivilisatorische Mission der russischen Soldaten in der Ukraine” gelobt (so Denis Jacqmin).

15. Was ich schon in früheren Beiträgen auf der website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin betont habe: Die orthodoxe Kirche in Russland kann unter den jetzigen Bedingungen kein Ort gesellschaftlicher Kritik am Staat sein. Sie ist viel zu eng mit dem Staat, mit Putin, verbunden, als dass sie als Opposition überhaupt in Frage käme.
Es wäre ja denkbar, dass angesichts der Unterdrückung jeglicher politischer Opposition die Kirche die Rolle der Opposition übernehmen könnte, wie etwa die Evangelische Kirche in der DDR vor der und während der „Wende“.
Aber damit ist nicht zu rechnen, zumal auch die finanzielle Bereicherung der orthodoxen Kirchenführer „vom System“ so groß ist, dass kein Weg dahin führen könnte, dass diese Organisation von prächtiger Liturgie in uralter Sprache jemals wieder authentische Kirchen werden, die den Namen christliche Gemeinschaft im Sinne Jesu von Nazareth verdienen. Man denke daran, dass der große Dichter Leo Tolstoi einer der heftigsten Kritiker dieser Staats-Kirche damals schon war! Er wurde – natürlich wie üblich im Umgang mit Andersdenkenden – exkommuniziert.

Siehe auch die früheren Hinweise zur Russisch-orthodoxen Kirche auf dieser website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/14346_eine-putin-kirche-zur-russisch-orthodoxen-kirche-30-jahre-nach-dem-ende-der-sowjetunion_aktuelle-buchhinweise

Fussnote 1:

Zum Schweigen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu Putins Kriegserkläerung vom 21.2.2022 sagt die Osteuropa-Expertin Regina Elsner am 23.2.2022: “Bis jetzt schweigt der Patriarch tatsächlich komplett zu dieser ganzen Situation. Es gibt keine einzige Äußerung von ihm. Und das liegt vermutlich genau an diesen Faktoren. Zum einen ist er in die Enge getrieben, einfach auch durch seine jahrelange Unterstützung der russischen Politik. Wenn Putin kirchliche Argumente nutzt, dann ist es für ihn natürlich unmöglich, hier zu widersprechen. Nachdem man seit Jahren genau diese Erzählung mit gefördert hat. Und zum anderen hat er natürlich die große Gefahr vor Augen, dass er die Gläubigen in der Ukraine endgültig verliert, sobald er sich auf die Seite der russischen Argumentation stellt. Das ist die gleiche Situation, wie mit der Annexion der Krim. Auch in diesem Fall gibt es, glaube ich, bis heute keine offizielle Äußerung der “Russischen Orthodoxen Kirche”. Das erklärt sein Schweigen bis jetzt. Und ich bin gespannt, oder ich erwarte ehrlich gesagt nicht, dass es da irgendeine kritische oder in irgendeiner Hinsicht distanzierte Äußerung vom Patriarchen geben wird.

(Das Interview für DOM Radio Köln führte Renardo Schlegelmilch.

Quellen:
Dolya: Anna Doly, L Eglise orthodoxe russe au Service du Kremlin. Dans: Revue Défense Nationale, Paris, 2015/5, pages 74-78.

Denis Jacqmin, Tremblement de terre dans l église orthodoxe, Forschungszentrum GRIP, Bruxelles, 14. Dez. 2018, (https://grip.org/wp-content/uploads/2018/12/EC_2018-12-14_FR_D-JACQMIN.pdf)

La Croix, Comment Poutine instrumentalise la rivalité entre les église orthodoxes en Ukraine, von Marguerite de Lasa, La Croix, Paris, 22.2.2022

Putin kaputt? Von Mischa Gabowitsch, Edition Suhrkamp, 2013, zur orthodoxen Kirche S. 205 – 223.

Kathy Rousselet, “l Eglise orthodoxe russe et le territorie canonique”, in: “Les Etudes du CERI”, Nr. 228-229, Fevrier 2017.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Neue Religionen und Kirchen werden gegründet.

Ein unbekanntes Phänomen im 19.Jahrhundert – noch aktuell?
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
„Ich gründe meine Religion, meine Kirche“: Dies könnte als Motto für französische Intellektuelle im 19. Jahrhundert gelten.
Die Gründe dafür nennt der Mentalitäts – Historiker Georges Minois:
„Das 19.Jahrhundert ist reich an Beispielen von Menschen, die wegen der unnachgiebigen Haltung der (katholischen) Kirche und ihrer intellektuellen Unbeweglichkeit den (katholischen) Glauben verloren haben“, (Georges Minois, Geschichte des Atheismus, Weimar, 2000, S. 531).
Eine Erkenntnis, die der Historiker Michel Vovelle weiterführt: „Die Originalität Frankreichs in der Geschichte des westeuropäischen Christentums der Moderne ist: Es wurden weltliche Religionen entwickelt, die transzendente Wahrheiten ersetzten durch einen Kult des Vaterlandes oder der Werte Freiheit und Vernunft“ (in „Histoire de la France Religieuse”, Paris 1991, S. 510.)
Und der Kulturphilosoph Wolf Lepenies ergänzt, in seiner umfangreichen Studie über den Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve (1804-1869):
“In der modernen Welt des 19. Jahrhunderts an der herkömmlichen Religion festzuhalten, war Byzantinismus – der Fortschritt verlangte auch nach der Ausbildung einer zeitangepassten Moral, die zugleich das überzeitliche Bedürfnis des Menschen, sich an Werten zu orientieren und von Vorbildern leiten zu lassen, befriedigte“ (S. 333 in: „Sainte-Beuve“, 2006).

2.
Diese Mentalität weckt förmlich die Bereitschaft, die persönlichen weltanschaulichen Überzeugungen in eigenen Kirchen und Religionsgemeinschaften zu gestalten. Als Kirchengründer oder als Religionsgründer gefahrlos aufzutreten, war erst durch die Revolution von 1789 möglich geworden, sie hatte die Religionsfreiheit als Menschenrecht anerkannt. Es waren oft Laien, also nicht immer Theologen oder Priester, die sich als Kirchengründer betätigten. Sie suchten dadurch für sich und ihre Freunde Auswege aus einem dogmatisch erstarrten Katholizismus: Gleichzeitig wollten sie eine Religion/Kirche gestalten, die die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung respektierte und in einem politisch pluralen Staat den notwendigen ideologischen Zusammenhalt stiftete.

3.
Diesem Impuls zu Neugründungen von Religionen steht um 1800 das Erstarken eines katholischen Volksglauben, zumal in ländlichen Regionen, gegenüber, den selbst manche Priester als Aberglauben deuteten… Aber weil die Kirchenbindung dieser Frommen wichtiger erschien, tolerierten und unterstützten die Kleriker diese Form des zum Teil magisch geprägten Volkskatholizismus. Es waren vor allem Frauen, die sich daran klammerten, wie etwa die exzessive Heiligenverehrung, der Marien-Kult, der aus der Mutter Jesu eine weibliche Gottheit und eine Miterlöserin machte, die Verehrung bestimmter Landpfarrer (wie den Pfarrer von Ars). (Siehe dazu. „Histoire de la France Religieuse“, III, 1991, S. 528.)

4.
Diese Bemühungen um Kirchengründungen sind im Rückblick nicht erfolgreich gewesen, was die Mitgliederzahlen und die Lebensdauer dieser Gemeinden betrifft. Aber in ihrer Vielfalt zeigen diese Gründungen doch, wie umfassend die Unzufriedenheit mit dem Katholizismus war. Der Katholizismus im 19. Jahrhundert war institutionell – unter dem Schutz des Stellvertreters Christi auf Erden – so mächtig, dass er weiterhin den Wissenschaften feindlich eingestellt bleiben konnte, dass er die Werte der Philosophie der Aufklärung, auch die Menschenrechte, als gottlos verurteilte … und dadurch die Einheit von katholischem Glauben und Anti-Moderne zementierte.

5.
Das Thema Kirchengründungen in Frankreich und in einem zweiten Kapitel auch in Deutschland ist sicherlich in einer breiten Öffentlichkeit nicht so vertraut und bekannt ist. Es hat aber durchaus aktuelle Bedeutung, angesichts der tief greifenden Krise der katholischen Kirche in Europa und Amerika am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts.Diese Krise ist begründet unter anderem auch in dem freigelegten sexuellen Missbrauchs durch tausende Priester über viele Jahrzehnte. Viele hunderttausend Katholiken distanzieren sich vom Katholizismus, „treten aus“, die meisten suchen nun individuell den eigenen spirituellen Weg, vielleicht aber auch im Zusammenhang neuer Gemeinschaften oder in progressiven protestantischen Kirchen.
Unabhängige Gemeindegründungen im Katholizismus gibt es im 20.Jahrhundert in den Niederlanden: Seit 1970 wurden neue ökumenische Gemeinden von Katholiken gegründet, oft Basisgemeinden genannt, die sich explizit aus dem System des Katholizismus (d.h. des Bistums) verabschiedeten und zum Teil bis heute bestehen: Wie die inzwischen weltweit bekannte „Ecclesia“, inszeniert vor allem von dem ehemaligen Jesuiten und bedeutenden Poeten Huub Oosterhuis (Liturgie im Kulturzentrum de rode hoed). Oder die „Dominicus-Gemeinde“, ebenfalls in Amsterdam. Die Dominicus-Gemeinde wurde ursprünglich (bis ca. 1970) von Dominikaner-Paters geleitet, dann haben Laien als Team die Leitung übernommen und schließlich hat die Gemeinde, nun ökumenisch, das schöne Kirchengebäude gekauft. Diese Gemeinden sind nicht mehr konfessionell, sondern ökumenisch, sie führen unterschiedliche Theologien zusammen. Auch die ökumenische Gemeinde „de Duif“ in Amsterdam muss in dem Zusammenhang erwähnt werden! Die website der Gemeinde de duif bietet auch etliche links zu ähnlichen Versuchen freier Gemeinden.
(Zu den Kirchengründungen in der frühen Kirchengeschichte siehe Fußnote 1, unten)

Das erste Kapitel: Gründungen von Kirchen/Religionsgemeinschaften im 19. Jahrhundert in Frankreich.

6.
Das Thema ist im katholisch geprägten Milieu ausschlaggebend.
Die protestantische Kirche in Frankreich (vorwiegend Calvinisten und einige Lutheraner) war damals zahlenmäßig zu klein, um Neugründungen oder Abspaltungen innerhalb der Konfession Raum zu geben. Die protestantischen Kirchen waren dank der Revolution von 1789 den grausamen Verfolgungen gerade erst entkommen und konnten frei sein. Es gab hingegen ab 1840 bis ca. 1880 bei etlichen, vorwiegend intellektuellen Katholiken eine Begeisterung für protestantische Ideen, die der Historiker Yves Hivert-Messeca als Philoprotestantismus bezeichnet: (siehe: https://yveshivertmesseca.wordpress.com/2014/05/24/du-philoprotestantisme-dans-la-france-des-annees-1840-1880/)
Hivert-Messeca erinnert dabei an eine wichtigen Vortrag von Sainte-Beuve am 19. Mai 1868 im Senat von Paris: Darin deutet er die religiöse Situation Frankreichs im Bild einer „neuen, großen Diözese“, die „Tausende von Gläubigen aller ideologischer Couleur umfasste …außerhalb des Katholizismus. Zu dieser „großen Diözese“ gehören etwa Katholiken, die sich dem Protestantismus nahe fühlen und z.B. nach der staatlichen Hochzeitszeremonie noch in einer protestantischen Kirche eine religiöse Feier wünschen. Diese Praxis wird vom Historiker als entschieden anti-katholische Haltung gedeutet. (Zu den Neugründungen in den USA und im Katholizismus des 20.Jahrhunderts siehe Fußnote 2)

7.
Seit der Französischen Revolution ist die Bereitschaft groß, neue Religionen für die Franzosen zu inszenieren. Der Gründung der Republik als Ergebnis einer Revolution, also eines tiefgreifenden Umsturzes des Ancien Regime, entsprach bei vielen Revolutionären die Überzeugung, nun auch die einzige Kirche aus dem Ancien Régime, eben die katholische, zu überwinden.
Während der Revolution wurde der „Kult der Göttin Vernunft“ zelebriert, etwa am 10.August 1793 mit der Statue der „Göttin Vernunft“ auf der Place de la Bastille, am 10. November 1793 dann die feierliche „Messe“ in der Kathedrale Notre Dame de Paris mit einer leibhaftigen Göttin der Vernunft.
Robespierre hingegen praktizierte seinen deistischen „Kult des höchsten Wesens“ seit dem 8. Juni 1794. Dieser Kult sollte Staatsreligion werden, um den Katholizismus, DIE Kirche des „Ancien Regime“, zu ersetzen. Nach der Hinrichtung Robespierres wurde auch der „Kult des höchsten Wesens“ beendet.
Nach 1795 versuchte die religiös -humanistische Gemeinschaft der „Theophilanthropen“ (bis 1803) einen rationalen deistischen Kult zu etablieren, der in zahlreichen katholischen Kirchengebäuden parallel zu den Messen gefeiert wurde. (LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/4039_eine-humanistische-religion-die-theophilanthropen-in-frankreich_forschungsprojekt)

8.
Nach 1825 werden Texte veröffentlicht, die sich für ein neues Christentum stark machen. „Nouveau Christianisme“ heißt das schon vom Titel viel sagende Buch des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Claude-Henri de Rouvroy de Saint-Simon (1760-1825), kurz vor seinem Tod 1825 publiziert. Im „neuen Christentum“ sollten nicht mehr die katholischen Dogmen gelten, der Glaube sollte auf die Wissenschaften und die Entwicklung der modernen Technik gegründet sein! Praktische „Hauptaufgabe“ dieses neuen Christentums war die Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen, Brüderlichkeit sollte die wichtigste Tugend werden, schließlich, so Saint-Simon, habe auch Jesus Christus das ewige Leben nur denen versprochen, die den Armen wirksam helfen. Eine Idee, die wohl typisch ist für einige der „Frühsozialisten“…Später haben sich Katholiken in ihren sozialpolitischen Erklärungen auch auf Saint Simon bezogen, sie kritisierten die begrenzte christliche Mildtätigkeit und forderten die umfassende Solidarität unter allen Menschen.

9.
Diese Ideen fanden eine weite Verbreitung. Vor allem der Philosoph und Soziologe Auguste Comte (1798 – 1857) ließ sich von ihnen inspirieren. Er war persönlicher Sekretär Saint -Simons von 1817-1824. Comte ging noch weiter als sein Lehrer, er wurde zum Gründer der Religion des Positivismus. Die Ablehnung der kirchlichen Dogmen ist für Comte nicht zufällig, sondern sie basiert auf dem Gang der Weltgeschichte, den er sich dachte: Von der Religion über die Philosophie als Metaphysik hin zur dritten Stufe, dem Positivismus, als der Form der objektiven Wissenschaften. Die kritischen Zeitgenossen sollen die wissenschaftlichen Erkenntnissen als Wahrheiten respektieren und die alten Dogmen beiseite tun. (Vgl. die Studie des Philosophen Bernard Jolibert: „Science et Religion chez Auguste Comte: https://inspe.univ-reunion.fr//fileadmin/Fichiers/ESPE/bibliotheque/expression/23/Comte.pdf).
Comte plädierte dafür, Religion vom Gottesbegriff und vom Glauben an Gott zu trennen. Er stiftete eine Religion, die sich von den überlieferten christlichen Dogmen absetzte, und sich „positivistisch“ nannte, im Sinne von den „Wissenschaften folgend und mit ihnen verbunden“.
Comte stammte aus einem frommen katholischen Elternhaus, hat sich aber schon bald zum Atheismus bekannt. Trotzdem sah er durchaus die bedeutende, die soziale Rolle der Religion für den Zusammenhalt der Gesellschaft. 1852 veröffentlichte er für seine Kirche einen „catechisme positiviste“, in dem auch die Gestaltungen seines Kultes, seiner Sakramente (!), die Rolle seiner Priester, usw. definiert wurden. Auf bestimmte Elemente der katholischen Kirche konnte Comte nicht verzichten.

10.
Comtes wissenschaftliche Religion ohne Gott sollte als „Religion der Menschheit“ angesichts der Krise des Katholizismus Hilfen bieten für ein besseres Miteinander in der pluralen Gesellschaft. Religion wurde also im Sinne von Comte funktional gebraucht fürs Wohlergehen einer friedlichen Gesellschaft. Der Kult fand zu Beginn durchaus Zustimmung, d.h. Mitglieder. Nach Comtes Tod 1857 wurden die Vorschläge seiner Religion aufgegriffen von Politikern, die sich für die Trennung von Kirchen und Staat einsetzen. Die Vormachtstellung der katholischen Kirche etwa unter Napoleon III. wurde kritisiert und z. T. überwunden, anstelle der Theologie wurde die Religionswissenschaft an staatlichen Universitäten gelehrt und gefördert. Schon 1880 wurde am „Collège de France“ ein Lehrstuhl für Religionsgeschichte eingerichtet, sicher auch Wirkungen der Publikationen von Auguste Comte und seines maßgeblichen Schülers Pierre Laffitte (1823-1903).
Übrigens: Der Schriftsteller Michel Houellebecq bezieht sich in seinen Romanen und Essays oft auf Ideen von Auguste Comte, darauf weist Jérome Grévy hin: In seinem Essay „La Religion positiviste“, in dem Sammelband „Misère de l Homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi“ (Paris 2022, S.23-44).
Comte, der Kirchengründer, verstand sich selbst als „Erzpriester“, seine Kirche
hatte eigene Kapellen für ihre Gottesdienste, sogar ein neuer Kalender wurde ausgearbeitet. In Paris, in der Rue Payenne, Nr. 5, steht noch ein „Tempel“ der Religion von Comte, die „Chapelle de l Humanité“. Das „Haus von Auguste Comte befindet sich in der Rue Monsieur le Prince, Nr. 10 in Paris.

11.
Diese Kirche besteht als religiöse Institution heute in Frankreich nicht mehr, in Brasilien ist hingegen Comtes Einfluß auch heute noch bedeutend, „Ordem e progresso“ steht auf denFlaggen Brasiliens als Wahlspruch, Worte, die bezogen sind auf das Motto von Comte: „Liebe als Prinzip, Ordnung als Basis, Fortschritt als Ziel“. Die Gründerväter Brasiliens waren mit der Philosophie Comtes eng verbunden. Die „positivistische Kirche“ dort wurde 1881 gegründet, sie hat noch heute Tempel in mehrere Städten Brasiliens. Die Ausstattung des Tempels in Rio de Janeiro erinnert an eine christlichen Kirche. (siehe:https://www.degruyter.com/document/doi/10.31819/9783964566690-012/pdf).
Inspirationen für seine neue Religion fand Comte auch bei der von ihm hoch geschätzten katholischen (!) Schriftstellerin Clotilde de Vaux (1815-1846), in dem neuen positivistisch – religiösen Kalender war der 6. April stets „Clotilde Tag“. So wurden Frauen insgesamt in dieser neuen Kirche hoch geschätzt.

12.
Einige Kirchengründungen wurden auch von katholischen Priestern inszeniert, die mit der offiziellen Lehre nicht mehr übereinstimmten. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts gaben viele ihr Priesteramt auf, sie hatten nur Mühe, außerhalb der Kirche für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Viele katholische Priester wurden protestantische Pfarrer, der Ex-Priester Bourrier gründete für diese Konvertiten sogar eine eigene Zeitschrift „Le Chrétien Francas“. (Siehe Jacqueline Lalouette, „La Republique anticléricale“ , Paris, 2002, S. 118)
Zu den Freidenkern wandte sich Abbé Jules Claraz oder die Priester Duhamel, Harren, Blains, Salle, Bertrand usw…( Siehe J. Lalouette, S. 95 f). Auch ehemalige katholische Nonnen wurden militante FreidenkerInnen (S. 118 f. Bei J. Lalouette).
Der Priester Ferdinand Francois Chatel (1795-1857) ist im Jahr 1831 der Gründer der Kirche „Eglise Catholique Francaise“, er nannte sich jetzt „Primas von Gallien“. Diese Kirche feiert die Messe in französischer Sprache, als Gottesdienstzentrum diente ein ehemaliges Ladenlokal in Montmartre. Chatel hob das Zölibats-Gesetz für Priester auf, es wurde die Kelchkommunion auch für Laien gepflegt usw., von Rom frustrierte Katholiken fanden in dieser Kirche Zuflucht. Es kam zu Konflikten mit der Regierung, die Kirche wurde verboten. Über Chatels Tod hinaus bestand seine Kirche nicht mehr. Aber sie ist ein Beispiel, wie schon Jahrzehnte vor der Gründung der „Alt-katholischen Kirche“ (1870) diese Reform – Theologie virulent war.
Chatel war mit Bernard-Raymond Fabre-Palaprat (ein Priester aus Cahors) verbunden, er hatte eine esoterische Kirche, die sich Johanniter-Kirche nannte. Er hat unter anderem eine gnostische Version des Johannes-Evangeliums verfasst.

Der Priester Victor Charbonnel (1860 – 1926) setzte sich schon vor der „Weltausstellung“ in Paris im Jahr 1900 dafür ein, dass dort ein „Interreligiöses Parlament der Religionen“ stattfinden sollte. Denn, so war er überzeugt, „entstammen alle Religionen dem gleichen Prinzip, und dieses erzeugt unter den Religionen mehr gemeinsame als entgegengesetzte Lehren“. Die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten seien nichts anderes als eine Art „Schnickschnack der Konfessionen“, sie seien nur „armselige Motive für Stolz und Rivalitäten“. Der Priester Charbonnel ahnte sehr genau, dass seine Vorschläge Widerstand finden im Katholizismus, zwei Jahre hielt er es noch aus, Priester in einem extrem konservativen theologischen Milieu zu bleiben, dann gab wer sein Priesteramt auf.

13.
Der Historiker Frank Paul Bowman, (1927-2006), einst Professor an der Pennsylvania University, hat in seinem Buch „Le Christ des barricades 1789-1848“, Paris 1987, ein ganzes Kapitel den „neuen Christentümern, den neuen Messiassen“, wie er sagt, gewidmet (S-231- 246). Bowmans Buch zeigt einen Trend auf: Die Kirchengründungen sind nur ein Ausdruck für den Abschied vom offiziellen römischen Katholizismus, genauso wichtig ist: Im 19.Jahrhundert wird eine Fülle von Deutungen zur Gestalt Jesu Christi publiziert: „Die Theoretiker eines sozialistischen Jesus“, heißt bezeichnenderweise ein Kapitel in dem Buch von Bowman (S.167-230), Beziehungen zur lateinamerikanischen Befreiungstheologen des 20. Jahrhunderts müssten eigens dokumentiert werden.

14.
Auch Literaten bemühten sich um ihr persönliches, also gegenüber der Amtskirche „häretischen“ Christus-Bild, etliche dachten auch an die Gründung einer eigenen Kirche.
Hier soll nur George Sand genannt werden. „Manchmal plant sie eine mögliche Erneuerung des Katholizismus, aber dann, ist sie eher überzeugt, eine neue soziale Religion zu gründen, als Modell könnten die Kulte von 1789 dienen,“ schreibt Bowman (S. 265). „George Sand beschreibt eine Religion der brüderlichen Gleichheit und des gemeinsamen Besitzes…“ Sie ist bewegt von den Hussiten wie von Franz von Assisi, Joachim von Fiore und dem Philosophen Lamennais… Sie glaubt, der Mensch könne seinen Kontakt mit dem Göttlichen aufnehmen“, und zwar aufgrund seines Willensentschlusses. (S. 267).
Von Victor Hugo muss man in dem Zusammenhang sprechen, und dabei nicht so sehr an die Phase seiner Begeisterung für spiritistische Sitzungen erinnern. Sondern vielmehr zeigen, wie er außerhalb der Bindung an die katholische Kirche seinen eigenen Glauben an Gott und an die persönliche Auferstehung entwickelte. Politisch wurde die Freiheit und Gleichberechtigung in der Republik Hugos wichtigstes Programm. Das Volk, das sich nach gesetzlich garantierter Freiheit in der Republik sehnt, ist für Hugo „das heilige Volk“, schreibt Alain Decaux in seinem Aufsatz „Victor Hugo et Dieu“ (2002).
Im Klerikalismus sah Hugo den größten Feind, zumal für die Errichtung der staatlichen Schulen für alle. Hugo sagte 1850. „Ihr Kleriker seid die Parasiten der Kirche, ihr seid die Krankheit der Kirche, ihr seid Sektierer einer Religion, die ihr gar nicht versteht. Mischt nicht die Kirche in eure Affären, in eure Strategien, in eure Lehren und eure Ambitionen“. (Quelle: Ein Beitrag von „France Culture“ am 8.12.2020; https://www.franceculture.fr/emissions/ils-ont-pense-la-laicite/hugo-limprecateur)
Noch kurz vor seinem Tod bekannte er: „Je crois en Dieu“. … und er glaubte nicht an die katholische Kirche.

15.
Unter den Komponisten soll nur Eric Satie (1866-1925) erwähnt werden. Er komponierte eine „Messe der Armen“, die allerdings ein Fragment blieb. Und er gründete seine eigene Kirche, mit dem irritierenden Titel: „Eglise Metropolitaine d` Art de Jésus Conducteur“, „Metropolitane Kunst- Kirche von Jesus dem Führer“.
Satie gab sogar eine Art Gemeindeblatt heraus, als Kirchengründer verurteilte er auch bestimmte Sünder, und er genierte sich nicht, tatsächlich als das einzige Mitglied seiner Kirche aufzutreten, was wohl den Tatsachen entsprach. Eine gewisse individualistische Verschrobenheit ist dieser Kirchengründung gewiss nicht abzusprechen. Satie stand auch in Verbindung mit dem Schriftsteller und Esoteriker Josephin Péladan, der eine Symbiose suchte zwischen Rosenkreuzertum und katholischem Glauben.

Zweites Kapitel: Kurze Hinweise zu Deutschland

16.
Ein wichtiges Beispiel im 19. Jahrhundert für die Idee einer Gründung einer neuen Religion bietet Friedrich Hölderlins (1770 – 1843). Hölderlin ist tief verwurzelt im Christentum, aber er will es in seiner ursprünglichen Gestalt, gemäß den Zeugnissen des Neuen Testamentes. Die „orthodoxen“ Kirchen – Lehren und die Institutionen der Kirchen zu seiner Zeit waren Hölderlin ein Grauen, von dem er sich abwandte. Aber die Christus- Gestalt schenkte ihm eine innere prägende Erfahrung. Nur deswegen konnte er Christus in Verbindung setzen mit den Mythen und Göttergestalten Griechenlands. Christus wird, so der Philosoph Heinrich Rombach, „neben die anderen Götter der Menschheitsgeschichte gestellt. Es gibt dann eigentlich keine heidnischen Götter mehr, darum vor allem sprechen wir von Universaltheologie bei Hölderlin“ ( S. 66 in: „Der Friede allen Friedens. Hölderlins Universaltheologie“, Rombachs Aufsatz in dem Buch „Gott alles in allem. Religiöse Perspektiven künftigen Menschseins“, Herder Verlag, 1985).
Hölderlin plädiert für einen “Gestaltwandel” Gottes: Nur als konkreter Geist ist Gott lebendig! Und dem entspricht auch ein Gestaltwandel der Gemeinde, der Kirche: Gemeinde ist keine Massenveranstaltung, kein anonymes Beisammensein Fremder: Gemeinde ist für Hölderlin vor allem ein eher kleiner Freundeskreis, ein Kreis von Gleichberechtigten, ohne Hierarchie, ohne Vorschriften, ein Kreis, der gemeinsam mit Brot und Wein feiert und dabei ins wesentliche religiöse Gespräch kommt, das dann als Poesie, als Dichtung, Gestalt wird. Und diese Feier geschieht im Wissen der geistigen Anwesenheit des universalen Christus, der alle Schranken und Grenzen der Religionen überwindet und überwinden hilft: Dies ist die „Friedensfeier“. „Der Himmel wird (von Hölderlin) in ein irdisches Geschehen verlegt, nämlich in die Gemeinde“ (Rombach, S. 68). Diese feiert ihre Feste, in denen man, „die Götter nicht zählt“ (S. 51), also diese Götter auch gelten lässt als Ausdruck der Versöhnung und des Friedens. Das sind die Ideen Hölderlins, als Wirklichkeit kann er sie nicht erleben…

17.
Der Autor der Romantik, Friedrich Schlegel, schreibt Ende Dezember 1798: „Ich denke daran eine neue Religion zu stiften, dass dies durch ein Buch geschehen soll, darf um so weniger befremden, da die großen Autoren der Religion – Moses, Christus, Mohammed, Luther – stufenweise immer weniger Politiker und mehr Lehrer und Schriftsteller werden“, (Zitat bei Rüdiger Safrans, „Romantik“, München 2007, S. 136).
Allerdings zweifelt Friedrich Schlegel dann doch an seinem Mut und begibt sich als Konvertit 10 Jahre später in den sicher erscheinenden Hafen des Katholizismus. Er schreibt: „Die ästhetische Träumerei (von 1798), dieser unmännliche pantheistische Schwindel müssen aufhören, sie sind der großen Zeit unwürdig und nicht mehr angemessen“ (S. 137).

Auch an Novalis (also Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) muss erinnert werden, er will eine neue, neu-geborene universale Christenheit hervorrufen. Dabei helfen ihm Erkenntnisse, die Privatoffenbarungen genannt werden können. Die historische Gestalt des üblichen Christentums wird verblassen und vergehen, das ist seine Überzeugung, ein neues Zeitalter einer universalen Religion werde beginnen. So Novalis in „Die Christenheit oder Europa“, 1799 verfasst, 1802 in Auszügen veröffentlicht.
Bei aller pauschalen Kritik von Novalis an der Aufklärung und hier Philosophie ist seine Idee einer künftigen Religion der Diskussion wert: Ich zitiere eine Würdigung dieser von Novalis neu erdachten Religion aus dem Novalis-Beitrag von wikipedia (gelesen am 2 1.2.2022): „Die neue, dauerhafte und von konfessionellen Schranken befreite Kirche, eine Verbindung von Christentum und Naturphilosophie, soll an die Stelle des Papsttums und des Protestantismus treten. Hiermit ist jedoch nicht so sehr ein institutionelles Gebilde gemeint, sondern eine Friedensgemeinschaft. Diese europäische Friedensgemeinschaft wäre der erste Schritt zu einer Weltgemeinschaft. Novalis fordert „echte Freiheit“, das heißt einen freieren und poetischeren Umgang mit den biblischen Schriften. Somit soll das Christentum ausgeweitet werden. Mit der Auflösung der Abgrenzung von den übrigen Religionen nähert sich das von Novalis erdachte neue Christentum immer weiter einer allgemeinen Weltreligion an. Diese visionäre Zukunftsreligion sollte im Alltag erfahrbar sein und soziale Gemeinschaft schaffen, aber dennoch nicht die Freiheit einschränken…In der neuen goldenen Zeit soll dagegen die Freiheit in der Religion vorherrschen. Das Ende dieser angestrebten Entwicklung ist jedoch noch nicht gekommen, aber der Sprecher in der Rede vertröstet den Hörer und betont, dass diese Zeit sicher kommen wird. Nur ein wenig Geduld ist notwendig“. Siehe Fußnote 3, unten.

18.
Auch an Richard Wagner muss bei unserem Thema erinnert werden. Er war überzeugt: Die religiöse und theologische Krise der Kirchen hat viele Menschen in eine Art Leere und Sinnlosigkeit geführt: Wagners Musik, seine Opern insbesondere, „sollten ein Gemeinschaftserlebnis, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln, wie es sonst nur religiösen Veranstaltungen eigen war“, so Herfried Münkler in seiner Studie „Marx, Wagner, Nietzsche“, Berlin 2021, S. 213. Wagners Festspiele, so Münkler, sollten – wie die Kirchen und Religionen es versprachen – einen neuen Menschen schaffen. „Nicht von ungefähr sprach man von einer Bayreuther Theologie, die Sektencharakter hatte…Erst in den 1950er Jahren kam ein Prozess der Deskralisierung in Gang..“ (S. 214).

3. Kapitel: Jeder gründet seine eigene Religion?

19.
Die Überzeugung setzt sich durch: Religionen und Kirchen werden nicht mehr von göttlich berufenen Propheten, Aposteln oder Evangelisten oder gar von Gott selbst gegründet, wie die katholische Kirche von sich selbst überzeugt ist. Religionen und Kirchen können auch von Laien oder einfachen Priestern und Theologen, auch von Philosophen, Künstlern und Schriftstellern ins Leben gerufen werden. Sie sind als Institutionen zwar oft nur von kurzer Lebensdauer, weil die Gründer nicht den militanten missionarischen Elan und die finanziellen Mittel haben, wie etwa die Gründer neuer Religionsgemeinschaften in den USA. Und diese neuen Religionen konnten gegenüber den Jahrhunderte alten Institutionen (Papst im Vatikan, und Könige/Kaiser als protestantische Kirchenchefs) nicht konkurrieren.

20.
Jeder Mensch, der irgendwie seine persönliche Beziehung zu einer transzendenten Wirklichkeit oder einem „absolut geltenden Sinn“ auf seine Weise denkt und auf die eigene, persönliche Weise lebt, gründet oft unbewusst und wenig reflektiert, seine eigene ganz individuelle – persönliche Religion. Jeder Mensch wählt aus dem ihm zur Verfügung stehenden Angebot spiritueller Weisheit das ihm Passende. Wichtig ist, dass dann die subjektive, die eigene Religion das Gespräch mit anderen sucht, nicht nur um der Informationen willen, sondern auch um die eigene Position zu erweitern und zu korrigieren. Ob auf diese Weise noch einmal neue Gemeinschaften entstehen, ist offen, wahrscheinlicher ist, dass Christen, die etwa in Deutschland aus den Kirchen ausgetreten sind, in der individuellen Position der Vereinzelung verbleiben. Das kann man aus sozialen – kommunikativen Gründen wie aus theologischen und philosophischen Einsichten bedauern.

…………………….

Fußnote 1:
Abspaltungen von den offiziellen sich „orthodox“, rechtgläubig nennenden Kirchen gab es seit Etablierung der offiziellen (Staats-) Kirchen im 4. Jahrhundert und auch schon vorher. Aber diese Spaltungen waren meist nur Varianten, Zuspitzungen, der sich als rechtgläubig definierenden Kirche mit dem Papst als Oberhaupt. Diese „Varianten“ des Katholischen wurden dann Sekten genannt und als Häretiker entsprechend verfolgt und oft ausgelöscht, man denke nur Hus und die Hussiten oder den breiten Strom der Reformatoren seit dem 16. Jahrhundert.

Fußnote 2:
Bekanntlich gab es im 19. Jahrhundert in den USA viele Abspaltungen von den dort etabliert traditionellen protestantischen Kirchen. Einige religiöse, christlich inspirierte Gemeinschaften wurden gegründet, wie die Mormonen, die Zeugen Jehovas, die Christliche Wissenschafter usw. Diese Gemeinschaften gehen auf Erleuchtungen bzw. neue Erkenntnisse einzelner zurück. Sie sind, was die Anzahl der Mitglieder betrifft, durchaus erfolgreich.
Auch auch innerhalb der etablierten „mainstream“ Kirchen, wie den Anglikanern oder Reformierten, gab es und gibt es dann Abspaltungen. Dies ist ein durchaus typisches protestantisches Phänomen.
Wer sich von der katholischen Kirche löst und eine neue Gemeinschaft gründet, wie etwa Alterzbischof Marcel Lefèbvre, wird automatisch exkommuniziert, als er im Jahr 1988 eigenmächtig vier seiner Priester zu Bischöfen weihte, um das Überdauern seiner Gemeinschaft sozusagen kirchenrechtlich korrekt abzusichern. Darum sind Lefèbvres Bischöfe zwar unerlaubt (vom Papst), aber gültig (von einem gültig geweihten Erzbischof) geweiht…Das macht die Sache so kompliziert in diesem Römischen Rechts – Denken. Die Exkommunikation Lefèbvres und der vier von ihm geweihten Bischöfe wurde durch Papst Benedikt XVI. am 21.1.2009 aufgehoben! Übersehen wurde dabei, dass einer der vier Bischöfe sich kurz zuvor extrem antisemitisch öffentlich geäußert hatte.
Im 20.Jahrhundert wurden weltweit viele neue religiöse Gemeinschaften gegründet, manche beziehen sich auch auf das Christentum, aber auch auf andere spirituelle Quellen. Die religiösen Umbrüche in Afrika,. Lateinamerika oder Asien konnten hier nicht berücksichtigt werden.

………………………
Fußnote 3 zu Novalis: Aus einer Ausgabe von 1826:
„Die Chriſtenheit muß wieder lebendig und wirkſam wer¬
den, und ſich wieder ein ſichtbare Kirche ohne Ruͤckſicht auf
Landesgraͤnzen bilden, die alle nach dem Ueberirdiſchen durſtige
Seelen in ihren Schooß aufnimmt und gern Vermittlerin, der
alten und neuen Welt wird.
Sie muß das alte Fuͤllhorn des Seegens wieder uͤber die
Voͤlker ausgießen. Aus dem heiligen Schooße eines ehrwuͤrdi¬
gen europaͤiſchen Conſiliums wird die Chriſtenheit aufſtehn,
und das Geſchaͤft der Religionserweckung, nach einem allum¬
faſſenden, goͤttlichem Plane betrieben werden. Keiner wird dann
mehr proteſtiren gegen chriſtlichen und weltlichen Zwang, denn
das Weſen der Kirche wird aͤchte Freiheit ſeyn, und alle noͤ¬
thigen Reformen werden unter der Leitung derſelben, als fried¬
liche und foͤrmliche Staatsprozeſſe betrieben werden“.  S. 208 in: Novalis Schriften Bd I, Berlin 1826. Hg. von Tieck und Schlegel, https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/novalis_christenheit_1826?p=30

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine total katholische Welt… in Pfarrgemeinden in West-Berlin

Gegen das Vergessen: Ein Zeitzeuge aus den Jahren 1958-1965 erinnert sich.

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 14.2.2022

1.
Gegen das Vergessen: Das gilt auch für die „katholische Welt“ in der Mitte des 20. Jahrhunderts in West-Berlin. Wie diese Welt aussah, wie sie die Katholiken bestimmte und prägte, ist heute, zumal für die Jüngeren, nahezu unbekannt. Viele kennen heute bestenfalls den etwas „reformierten“ Katholizismus seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965). Diese alte katholische Welt in den Pfarrgemeinden hatte für die intensiver Beteiligten und „Engagierten“ (Laien) durchaus etwas Totales, Abgeschottetes, Rund-um Betreutes…
Aus anderen Regionen Deutschlands, die zudem katholischer geprägt waren als die Diaspora-Situation in West-Berlin, könnten zweifellos viele Ergänzungen genannt werden.

Aber diese hier dokumentierte, umfassend prägende, also durchaus totale katholische Welt der hier erwähnten Jahre 1958 -1968 ist letztlich gescheitert, sofern man unter Scheitern die Nicht – Akzeptanz dieser religiösen Welt durch die betroffenen Katholiken (Laien) versteht. Diese Akzeptanz schwindet immer mehr, jetzt zumal, wegen der (sehr zögerlich) freigelegten “Fälle” von sexuellem Missbrauch durch Priester. Also von “Geistlichen”, “Hochwürden”, “Monsignores”, “Exzellenzen” (Bischöfe), “Patres” (also “Väter”) usw…

Diese totale katholische Welt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts verschwindet also in Europa, um das Verschwinden zu verstehen, sollte man sich an diese “Welt” erinnern.

2.
Die folgende Liste katholischen Lebens in den Jahren 1958 bis 1968 bezieht sich auf die West – Berliner Gemeinden St. Carl Borromäus, Grunewald, und St. Ansgar, Tiergarten, vor allem.
Viele der hier genannten religiösen Veranstaltungen kenne ich aus eigenem Erleben, geboren wurde ich 1948 in Berlin (Ost) -Friedrichshagen. Als Kind lernte ich dort die St. Martins -Pfarrei in Berlin – Karlsdorf kennen.
Viele Informationen wurden aus familiärem Umfeld, etwa der Eltern, mitgeteilt.

Dabei wäre es noch ein eigenes Thema, an die Erfahrungen der katholischen Eltern in Berlin zu erinnern, da drehte sich auch die gesamte Freizeit (etwa in den Jahren 1920-1933) um die Teilnahme in der Gemeinde (etwa St. Sebastian, Berlin – Gesundbrunnen.)

3.
Es steht zudem fest, dass die hier mitgeteilten Informationen noch weitere inhaltliche Vertiefungen brauchen. Dies wäre eigentlich ein weites Feld für interessante kirchenhistorische oder mentalitätsgeschichtliche Forschungen.

4.
Aber die LeserInnen im Jahr 2022 bemerken schon bei dieser ziemlich umfangreichen Liste, dass diese katholische Welt bis vor kurzem noch die Katholiken bestimmen, prägen, wenn nicht beherrschen wollte. Die Betroffenen (Laien) merkten oft gar nicht, wie ihnen dadurch viel Lebenszeit, viel Lebensfreude, viel Interesse an weltlicher, politischer Kultur geraubt wurde, wie ein mögliches Engagement für politische und soziale Projekte dadurch zweitrangig wurde.

5.
Ob die Katholiken, die Laien wie die vielen Priester, die es damals noch gab, durch diese unglaubliche Fülle von religiösen Angeboten damals wirklich zu einer reifen Spiritualität fanden, ist eine offene Frage. Ich würde sie eher mit nein beantworten. Spiritualität war Kirchenbindung, “Liebe zur Kirche“, wie heute noch manche ungeniert sagen. Wie kann man „die“ Kirche lieben? Christen sollen zuerst Gott lieben UND den Nächsten und sich selbst.

6.
Die folgenden Beispiele sind bewusst nicht systematisch sortiert, dadurch wird die bunte Fülle dieser katholischen Welt deutlich.

Gottesdienste und Gebetsstunden, also Veranstaltungen in der Kirche (hier vor allem die St. Ansgar Gemeinde im Bezirk Berlin – Tiergarten):

Frühmessen, bis ca. 1968 war es üblich, in vielen Berliner Kirchen sonntags die erste Messe schon um 6 Uhr anzubieten, werktags ebenso. Ich war als Ministrant oft sogar vor Schulbeginn in der Messe um 6.45 Uhr in St. Ansgar engagiert.

Stille Messen, vor dem 2. Vatikanischen Konzil üblich; sie wurden in lateinischer Sprache vom Priester am Altar in ca. 20 Minuten „absolviert“. Die Messdiener mussten auf Latein den Gebeten des Pfarrers antworten, Wein und Wasser reichen für ein „Lavabo“ etc. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurden diese „stillen“ , d.h. leise „brubbelnd gesprochenen oder gehauchten“ lateinischen Messen abgeschafft, die Traditionalisten (die Freunde Bischof Lefèbvres) pflegen sie bis heute.

Die Sonntagspflicht: Jeder Katholik ist laut Kirchenrecht verpflichtet, „Sonntags die Messe mit Andacht zu hören“, wie es offiziell heißt. Die Sonntagspflicht wird im offiziellen Katechismus aus dem Vatikan bis heute vorgeschrieben (§ 2180).

Die Osterbeichte, vor Ostern muss ein Katholik zur Beichte gehen. Als Beleg erhält er ein Bildchen, das die Teilnahme bestätigt. Auch die Teilnahme an der Kommunion zu Ostern wird durch ein Heiligen-Bildchen bestätigt.

Nüchternheitsgebote als Bedingung zur Teilnahme an der Kommunion in der Messe. Bis zu zwei Stunden vor Beginn der Messe hat der Priester und der Laie, der an der Kommunion teilnehmen will, nüchtern zu sein: Also keine Nahrung zu sich nehmen, nur etwas Wasser war erlaubt. Warum bloß? Der Leib Christi, in der Hostie, sollte offenbar auf einen „makellosen“ Magen stoßen…Das galt auch für Erstkommunion-Kinder bis etwa 1962, viele dieser „nüchternen“ Kinder (auch die Messdiener) wurden dann mangels Nahrung während der Messe ohnmächtig.

Heilige Stunde, eine Andachtsform, oft mit Anbetung der Hostie.

Herz Jesu Freitag, dies ist der 1. Freitag eines jeden Monats, mit einer besonders feierlichen Messe und der Zusage eines guten Todes bei regelmäßigem Besuch dieser Messe, meist am Abend gelesen. Nach dem Bau der Mauer durch die DDR wurde freitags in West-Berliner Kirchen die Bistumsmesse gefeiert, so sollte im Gebet die Einheit des Bistums Berlin real werden, sagten die Priester.

Complet, Abendgebet, oft von der „Pfarrjugend“ am Samstag-Abend gestaltet, meist sogar in lateinischer Sprache, mit werkwürdigen Bitten auf Lateinisch: Dass man gut schlafe und, so wörtlich,„nec polluantur corpora“. Diese Gebets-Bitte haben die wenigsten Jugendlichen verstanden: „Dass die Körper nicht durch nächtliche Pollution (Samenerguss) befleckt werden“ (war offenbar auch ein Anliegen der täglich diese Komplet singenden Mönche in den Klöstern, auch in Frauenklöstern? Das weiß ich nicht).

Novene, Gebete an 9 aufeinanderfolgenden Tagen, um besondere Gnadengaben zu erbitten.

Ewiges Gebet, ein Tages oder Wochen-Programm, rund um die Uhr sollte mindestens eine Person in der Kirche anwesend sein, um vor der Monstranz still zu beten.

Ablass Erwerben (etwa am 2.November für die Verstorbenen), trotz Luthers Kritik bis heute völlig selbstverständliche, auch von Papst Franziskus empfohlene Praxis in der katholischen Kirche.

Ein Triduum, drei Tage der Vorbereitung auf ein Hochfest, wie Pfingsten. Aber auch drei Tage „besondere Predigten.“ Ein Pflichtprogramm für „gute Katholiken“. „Gute Katholiken“ waren praktizierende Katholiken. Und praktizieren hieß in einem sehr begrenzten Verständnis von Praxis: An den Messen regelmäßig teilnehmen, zur Beichte gehen etc…

Volksmission „Motto: „Rette deine Seele“, Ordenspriester besuchen die Pfarrgemeinde zwei Wochen lang und predigen täglich mehrfach, meist getrennt für Männer, Frauen, Jugendliche. Dringendste Aufforderung zur Beichte (bei dem Volksmissionar).

Beichten beim fremden Beichtvater, wenn man nicht bei dem bekannten Gemeindepfarrer beichten will, der alles Private von der Familie kennt, kommt gelegentlich ein unbekannter fremder Beichtvater. An dessen „Beichtstuhl“ bilden sich dann lange Warteschlangen…Unvorstellbar, heute 2022, solche Bilder in Deutschland noch in den Kirchen zu erleben.

Levitenamt mit feierlichem Einzug, Pfarrer, Diakon und Subdiakon zelebrieren gemeinsam das Hochamt, die wichtigste Messe am Sonntag.

Diese Levitenämter wurden oft beendet mit dem – in überfüllter Kirche – laut geschmetterten Bekenner – Lied „Ein Haus voll Glorie schauet, weit über alle Land“ (gemeint ist die römische Kirche).

In der 6.Strophe dieses Liedes, in der alten Fassung bis 1975 gesungen, heißt es: „Viel tausend schon vergossen mit Heilger Lust ihr Blut, die Reihen stehen fest geschlossen in hohem Glaubensmut…“ Dieser Text stammt von einem J. Mohr 1877, in dem Gesangbuch für das Bistum Berlin „Ehre sei Gott“, die Nr.197. “Die Reihen fest geschlossen“ …diesen Vers haben dann auch Nazis gegrölt.

Diese genannte 6. Strophe ist in dem neuen katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ von 1975 (dort Nr. 639) nicht mehr enthalten, wie überhaupt der Text des Herrn Mohr revidiert wurde

Katholische Identität: Das Lied „Ein Haus voll Glorie schauet, weit über alle Land“ möchte ich als katholisches „Kampflied“ bezeichnen, der Text definiert die Liebe zur Kirche als dem Haus voller Glorie. Es wurde bewusst eingesetzt gegen das protestantische „Kampflied“ „Ein feste Burg ist unser Gott“. Man beachte nur den Unterschied. In dem protestantischen Lied geht es im Text um Gottes Macht; im katholischen Lied um die römisch-katholische Kirche. Es ist diese totale Kirchenfixierung, die den Katholizismus bestimmt(e) und ihn oft in die Nähe zu einer umfassenden Ideologie rückt: Zuerst die Kirche, dann der liebe Gott.

Segensandachten, oft sonntags am Nachmittag oder am Abend gefeiert. Beten nach den Vorlagen des Gebetbuches und singen, gelegentlich werden vom Pfarrer auch fromme Texte verlesen: Das ist dann die „Christenlehre am Sonntagabend“. In jedem Fall sind Ministranten anwesend, die große Freude haben, Weihrauch zu schwenken und davon mit Freude viel zu verbrauchen.

Kreuzweg-Andachten, in den 6 Wochen vor Ostern, Betrachten der Kreuzwegbilder in der Kirche mit entsprechenden Gebeten, geleitet vom Pfarrer.

Ölbergstunden, das stille Beten am Gründonnerstag vom ca. 20 Uhr bis Mitternacht.

Rosenkranzandachten, immer möglichst täglich im Oktober, am Abend; aber auch während des Jahres oft einmal wöchentlich. Bei den stillen Messen (s.oben) beteten die TeilnehmerInnen der Messe gern den Rosenkranz, weil sie das leise gesprochene Lateinische, also die Messe selbst, nicht verstanden.

Maiandachten, Marien-Andachten oft täglich im Monat Mai, mit den merkwürdigsten und theologisch hochproblematischen Marien-Liedern. Man denke an das Lied „Maria Maienkönigin, dich will der Mai begrüßen“. Oder „Die Schönste von allen, von fürstlichem Stand“ oder „Mein Zuflucht alleine, Maria die reine, zu beten an“ (sic), „Über die Berge schallt s , lieblich durch Flur und Wald, Glöckchen dein Klang….“ (Siehe auch: „Mythos Maria“, von Hermann Kurze, München, 2014).

Müttermessen“, spezielle Werktagsmessen für Frauen und Mütter, selbst zu Wort gekommen sind sie in der Müttermesse natürlich nicht, sie waren passive ZuhörerINNEN.

Fastenpredigten, in den Wochen vor Ostern, der Fastenzeit, kamen mehr oder weniger begabte „auswärtige“ Prediger (oft Ordenspriester) in die Pfarreien und predigten intensiver und länger als gewöhnlich.

Primizsegen, der frisch geweihte Neupriester segnet die einzelnen Gläubigen, weil ihm offenbar ganz „besondere geistliche Macht oder frische Segnungs-Energie“ zugetraut wird.

Priestersamstag, an dem Tag werden Messen gehalten, um für Priesterberufe zu beten. Diese Gebete wurden vom lieben Gott seit ca. 1970 nicht mehr erhört: Kein junger Berliner wollte noch Priester werden, heute stammen sehr viele Priester in Berlin aus Polen, Spanien, Afrika, Indien, den Philippinen usw. Wenn von dort in absehbarer Zeit auch kein Priester mehr „aushilft“, kann „man den Laden (Katholizismus in Berlin) zumachen“, wie ein Pfarrer mir kürzlich (2021) sagte.

Nachtanbetung für Männer, sie trafen sich in Kirchen und Kapellen West-Berlin, um in der Fastenzeit von Freitagabend 22 Uhr bis Samstag 6 Uhr zu beten, zu beichten, Predigten zu hören.

Roratemessen, in der Adventszeit frühmorgens um 5 Uhr gelesene Messen, oft speziell für Jugendliche, die danach gemeinsam frühstückten bevor sie zur Schule usw. gingen.

Versehgänge: Der Priester bringt, oft begleitet von einem Ministranten, die Kommunion einem Schwerkranken und Sterbenden, der Priester „versieht“ ihn mit der Kommunion. Wer auf der Straße einen solchen Priester bei seinem „Versehgang“ traf, durfte ihn nicht ansprechen: „Er hatte den lieben Gott bei sich“, hießt die populäre Erklärung. In manchen bayerischen Kirchen war der Altar mit einem Tuch geschmückt, darauf stand: „Stille, hier wohnt Gott“. In Katholischen Kirchen dürfen die Gläubigen untereinander nur leise flüstern.

Gebotene Fast – und Abstinenztage: Ein Tag vor kirchlichen Hochfesten sollte der Katholik fasten und keinen Alkohol trinken, zu den Hochfesten zählte auch der 8. Dezember, das fest Martens Unbefleckte Empfängnis, also war der 7. Dezember einer der Fast – und Abstinenz Tage.

Der Kirchenchor: Er hält seine Proben einmal wöchentlich, in St. Ansgar wurden viele schlesische Lieder und schlichteste Messen (von Max Filke aus Schlesien) geprobt und aufgeführt an hohen Festtagen.

Der Organist (in St. Ansgar) zieht bei der Begleitung der Lieder oft alle Register, er erschlägt beinahe den Gesang der Gemeinde. Orgel als Herrschafts-Instrument. In evangelischen Kirchen versteht man trotz Orgelbegleitung meist noch den Gesang der Gemeinde.

Aushilfen durch Priester: Es gab bis ca. 1968 sehr viele Priester in Berlin, zum Teil pensioniert, zum Teil früh-pensioniert aus welchen ungenannten Gründen auch immer.Diese Priester wollten gern mal in einer Gemeinde die Messe lesen und predigen. Die Gemeindepfarrer waren also „entlastet“. In der Verwaltungszentrale, dem Ordinariat, war für jedes „Ressort“ selbstverständlich ein Priester, meist ein „Monsignore“ oder „Geistlicher Rat“ tätig. Sie wohnten oft in dem – von Laien – so genannten „Priesterpalais“, einer riesigen Villa in der Winklerstr. im eleganten Stadtteil Grunewald.Es gab in West-Berlin auch viele Ordenshäuser, das Dominikanerkloster St.Paulus in Berlin-Moabit war zeitweise geradezu überfüllt, auch mit jungen Priestern, die dann in St. Ansgar zur Messfeuer auftauchten und nach einigen Wochen wieder verschwanden (wegen eigener Eheschließungen etc.).

Veranstaltungen in den Gemeinderäumen

Beichtunterricht, Kommunionunterricht, Firm-Unterricht: Diese Unterrichtsstunden waren verpflichtend für alle, die an der Ersten Beichte mit ca. 8 Jahren, der Erstkommunion mit ca. 10 Jahren und mit ca. 12 Jahren an der Firmung durch den Bischof teilnehmen wollten. Ich erlebte diese Stunden, die sich oft über mehrere Wochen hinzogen, als Form der Indoktrination. Meine einzige als Achtjähriger: Was soll ich denn bloß dem Pfarrer im dunklen Beichtstuhl sagen? Da gab es Vorlagen, welche Sünden man denn begangen haben könnte… Man wählte aus.

Kirchenvorstand, Laien werden vom Pfarrer berufen, nach dem Konzil gewählt, um über die finanzielle Situation der Gemeinde zu wachen.

Pfarrgemeinderat, nach dem 2. Vatikanischen Konzil eingerichtetes Beratungsgremium von Laien, darunter auch Jugendlichen, die Mitglieder werden von anderen Gottesdienstteilnehmern gewählt. Erster Vorsitzender ist der Pfarrer, ohne seine Zustimmung geht gar nichts, es sei denn der Pfarrgemeinderat beschließt, eher gelbe Tulpen als roter Tulpen für den Altar zu verwenden…

Ministrantenrunde, damals nur männliche Minstranten, einmal wöchentlich eine Stunde mit dem Pfarrer, Festlegung der Ministranten-Einsätze, Liedersingen etwa: „Wilde Gesellen vom Sturmwind umweht“, Quiz. Für jedes Ministrieren erhielt der Ministrant 10 Pfennig, wurde durch eine Strichliste dokumentiert. Solange noch lateinische Messen gefeiert wurden, mussten die 10-12 Jährigen die vielen lateinischen Gebete auswendig lernen, dies wurde geübt etwa aus dem „Stufengebet“: „Ad deum, qui laetificat iuventutem meam“. Der Pfarrer brüllte dann in der Ministrantenstunde, wenn ein Junge versehentlich iuventutum sagte statt iuventutem… Welch eine eingepaukte Gebets-Entfremdung für Kinder, die in fremder Sprache des römischen Altertums beten sollten.

Katholische Pfarrbibliothek: Jede Gemeinde hatte eine eigene kleine, so genannte öffentliche Bibliothek, sie war aber nur sonntags nach den Messen geöffnet. In St. Ansgar gab es ihn der Pfarrbibliothek etwa 300 Bücher, vor allem Romane und katholische Jugendliteratur, ich konnte als einer der wenigen Leser Vorschläge zur Anschaffung von Neuerscheinungen machen.

Seelsorgestunde, zusätzlich zum Religionsunterricht in der Schule, katholische Unterweisungen imm Gemeindehaus am Nachmittag. Die Trinität würde erklärt oder die Jungfrau Maria beschworen. Über Sexualität würde kein Wort gesprochen. Auch nicht darüber, wie man sich als Kind/Jugendlicher bei Auseinandersetzungen mit den Eltern oder den Lehrern verhalten sollte.
Diese Gemeinden waren keine angenehmen „Orte“ des Lebens, des lebendigen Lebens. Manchmal dachte ich als 16 Jähriger, diese Gemeinden sind eigentlich Partei-Büros einer bestimmten Partei, Ost-Berlin war nahe für uns im Westen Berlins…

Männer – und Frauenrunde, einmal monatlich, oft Vorträge des Pfarrers zu theologischen/ideologischen Fragen.

Kolpingfamilie, Treffen für Ehepaare, die „Kolpingsfamilie“ hatte eine eigene Flagge, die etwa bei Prozessionen außen vorgeführt wurde. Gemütlichkeit war das Motto. Es gab auch katholische Arbeiutervereine, oder Katholisch-kaufmännische Vereine oder eine katholische Ärzte Gilde selbst für die katholischen Philatelisten gab es eine Gruppe in West-Berlin.

Vinzenz – und Elisabeth-Konferenz: Männer und Frauen treffen sich regelmäßig, um zu planen, welche Bedürftigen besucht und finanziell unterstützt werden sollen. Dabei handelte es sich um fast immer um „arme Katholiken“. Dies war eine Form des sozialen Engagements.

Bewegung für eine bessere Welt (gegründet von P.Lombardi), Diskutieren über den Zustand der Welt.

Weltmissionssonntag: Immer Ende Oktober gedachten die Gemeinden der katholischen Weltmission. Ich fand diesen Tag wegen des „internationalen Geistes“ immer besonders wichtig!

Action Pater Leppich, Kreis von Aktivisten, die überall katholische Schaukästen aufstellen wollten.

Tanztee für katholische Jugendliche, damit die Jugendlichen nicht in säkulare Discos „abdriften“, sie sollen katholische PartnerInnen kennenlernen.

Kreuzweg in der Stadt, katholische Männer ziehen mit einem Kreuz durch die Stadt. Vor Ostern, an einem Samstagnachmittag.

Fronleichnams Prozessionen, intensiv vorbereitet, mit Altären in den Straßen, Plätzen auch im Bezirk Tiergarten.

Autosegnungen, in Berlin, in der St. Christophorus Kirche, Neukölln.

Die katholische Welt: Katholische Friedhöfe, katholische Krankenhäuser, katholische Schulen, katholische Gymnasien, katholische Kindergärten, katholische Buchhandlungen (Mores-Buchhandlungen in vielen Stadtteilen Berlins), katholische Ärzte für Katholiken: Die Totalität wird sichtbar. Es war schwer, sich dem nicht zu entziehen…

Caritas-Sammlungen: Ich beteiligte mich als Jugendlicher an der so genannten Straßensammlung, zog als den ganzen Samstag nachmittag und Abend mit einer Sammelbüchse aus Metall auch über den Ku-Damm und bettelte alle mir entgegen kommenden Passanten an. Ich war stolz, wenn dann am Sonntag aus der Büchse etwa 150 D Mark in Münzen hervorkamen.

Nicht erwähnt sind: Der “Bund Neudeutschland” (ND), die “katholischen Pfadfinder St. Georg”, der “Katholiscche Frauenbund”, der Dritte Orden des heiligen Dominikus, der Verein vom heiligen Land, der Fatima-Sühnekreuzzug, der Bund des deutschen katholischen Jugend BDKJ, das Kindermissionswerk, die Sternsinger, die Sommerausflüge der Gemeinde, der Gemeinde (Tanz) -Abend im Herbst (in der “Kongreßhalle” in Tiergarten, die “Informationsabende” über die Weltmission,  die Gespräche mit dem Pfarrer vor der krichlichen Trauung, “dem Ehesakrament”, und so weiter…

Es gab keine speziellen Bibelstunden, also keine Kreise, die sich nur mit der Lektüre und der Interpretation der Bibel befassten! Dazu waren die katholischen Pfarrer oft gar nicht in der Lage, schließlich war die historisch-kritische Bibelforschung bis ca. 1960 verboten bzw. Übel angesehen. In West – Berlin gab es EINEN speziell für Bibelfragen und das „Bibel-Werk“ zuständigen Pfarrer.

Es gab in den Jahren keine offiziellen ökumenischen Begegnungen mit den evangelischen Gemeinden in der Nachbarschaft.

Sonntags um 9.50 läuteten die Glocken der St. Ansgar Kirche und die Glocken der ca 100 Meter entfernten Evangelischen Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche gleichzeitig für die Gottesdienste um 10 Uhr. Und kein Christ kam auf die Idee, einfach mal den Gottesdienst der anderen Konfession zu besuchen.

Am Schriftenstand am Eingang der Kirche:
Broschüren, zum Beispiel: „Katholik, das musst du wissen“, vom Johannes
-Bund Leutesdorf. Zeitschriften: „Maria siegt“. „Hoffnung“, „Der Feuerreiter“, „Mann in der Zeit“, „Echo der Zeit“, „Petrusblatt“, „Der Jesusknabe“, „Stadt Gottes“ und so weiter

Die Anreden: Hochwürden, Herr Pfarrer XY, Herr Kaplan, Eminenz, Seine Durchlaucht (für den Vorsitzenden des ZK der Katholiken), Monsignore, Domherr, Domvikar, Geistlicher Rat, Erzpriester, Defensor Vinculi, Frauenseelsorger, Männerseelsorger.
Die Nonnen wurden als „ehrwürdige Schwestern“ genannt oder „Mutter Oberin“.

Wenn ein Kaplan sein Priesteramt aufgab und meistens dann heiratete, nannte man ihn im katholischen Milieu „einen Abgesprungenen“ oder „Abgefallenen“. Diese Abgesprungenen mussten das alte Wohngebiet verlassen, sie sollten kein „Ärgernis“ geben. Wer sich als Priester verliebt, erregt für Katholiken ein „Ärgernis“…

Ansätze zu einer Bewertung
Bis ça. 1968 nahmen von den 1.600 Mitgliedern der St. Ansgar Gemeinde in Berlin-Tiergarten ca. 500 Menschen an der Sonntagsmesse teil, dreimal wurde sonntags die Messe gefeiert. Diese Teilnahme entsprach auch kirchlichem Druck: der Sonntagspflicht!
Aber die Gemeinde bot auch Raum für allgemein menschliche, oft freundschaftliche Kommunikation. Manche nahmen wohl den Messbesuch bloß „in Kauf“, um danach noch lange Zeit mit anderen plaudern zu können, sich zu verabreden etc..

Diese starke Kirchenbindung damals hat sicher auch kulturell-soziale Gründe: Man denke an das Freizeit Verhalten damals; Gemeinde war auch ein Ort von kontrollierter, behüteter Freizeit, allerdings nicht immer, wenn man an die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester denkt. Darüber sprach damals niemand, auch wenn in der „weltlichen“ Presse, wie dem Tagesspiegel, gelegentlich Notizen des Missbrauchs veröffentlicht wurden. Ich erinnere mich an entsprechende kurze Meldungen aus dem Don-Bosco-Jugendheim in Berlin Wannsee (Leitung: der Salesianer-Orden, SDB), Pater von …XY wurde um 1965 aus dem Don-Bosco-Heim „versetzt wegen Unregelmäßigkeiten“, hieß es dann knapp im Tagesspiegel. Die katholische Kirchenzeitung berichtete selbstverständlich NICHT darüber…„Na ja, es menschelt halt bis zu Gott“, war die Standard – Antwort vieler Katholiken, und keiner wagte nachzufragen. Erst 2010 wurde aus diesem Don – Bosco – Jugendheim sexueller Missbrauch durch die dortigen Patres gemeldet: https://www.morgenpost.de/berlin/article103989118/Patres-sollen-Jungen-vergewaltigt-haben.html

Das Zweite Vatikanische Konzil gab den Katholiken endlich und zurecht ein Gefühl von individueller Freiheit und religiöser Wahl: Warum muss ich mich jeden Sonntag in die Kirche zur Messe setzen mit immer denselben Riten und fast schon zu Floskeln gewordenen Gebeten und den schlechten Predigten? Diese Frage stellten sich viele und entschieden sich individuell.

Heute hat die Kirche auch in Berlin die meisten Katholiken, als aktive Mitglieder, „verloren“. Die Gemeinden schrumpfen, sie werden „zusammengelegt“, kaum noch ein Pfarrer ist erreichbar, es werden Messen gelesen von den wenigen gestressten Priestern und alle wissen: In zehn Jahren bricht auch dieses System der Versorgung zusammen: Die Kirchenführer und die Laien sprechen öffentlich nicht differenziert und mit allem Wissen darüber, weil momentan der sexuelle Missbrauch durch Priester alle Debatten und Reflexionen beherrscht.

Das heutige Sterben der katholischen Gemeinden ist vor allem als ein Verlust an menschlicher Kommunikation zu beklagen. Und die Bischöfe lassen das alles zu, ohne endlich das totale Klerus-System zu beenden: Das da heißt: Nur ein Priester kann Messe feiern. Nur die Messe ist der Höhepunkt des Gemeindelebens. Solange die Kirche an diesen vom Evangelium unbegründeten Überzeugungen festhält, kann man alle Hoffnung für die katholische Kirche in Deutschland z.B. fahren lassen.
Die Zahl der LaientheologInnen in Berlin, die keine Arbeit in dieser Kirche fanden oder finden wollten, ist groß. Warum hätten sie nicht auch Gemeinden „leiten“ können? Weil der allherrschende Klerus das nicht wollte und auch heute nicht will. Der Klerus will herrschen, allein und immer. Da hilft nur eine weitere Reformation, also NICHT etwa eine „Reform“ oder ein „Reförmchen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Die notwendige Verweltlichung des Christentums.

Eine aktuelle Erkenntnis des Philosophen G. W. F. Hegel.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Das Christentum nur als spirituelle Religion, unter Führung des Klerus, zu verstehen und zu gestalten, ist für Hegel nur das „halbe Christentum“. Für ihn steht fest: Die zentrale der Idee der universalen christlichen Freiheit (modern: der Menschenrechte) muss sich in Staat und Gesellschaft realisieren, dies ist genauso wichtig wie alles Innerliche, Spirituelle, Kirchliche.
Die drängende Frage ist: Hat das Christentum Frieden und Gerechtigkeit gebracht in seiner 2000 Jahre dauernden Geschichte? Global beantwortet: Eher nicht. Denn das Christentum ist meist eine Ansammlung spiritueller, dogmatischer, moralischer Gemeinden geblieben. Die Idee der universalen Freiheit und Gerechtigkeit hat sich nicht durchgesetzt. Um so dringender, an einen Vorschlag Hegels zu erinnern. Es geht ihm um die notwendigen„Verweltlichung des Christentums“.

Dazu einige Vorbemerkungen:

1. Zunächst eine Erinnerung an die gegenwärtige Krise des Katholizismus in Europa, den USA und Lateinamerika. Die Statistiken der Religionssoziologen sind eindeutig: Der dortige Katholizismus wird alsbald nur noch als ein institutionell bestehendes Gerüst, man könnte sagen, Skelett vorhanden sein, wenn auch finanziell noch sehr gut ausgestattet. Der tausendfache und noch längst nicht umfassend erforschte sexuelle Missbrauch durch Priester, Ordensleute und verantwortliche Laien erdrückt wie eine riesige Lawine das Leben und Überleben dieser Kirche. Auch deswegen steigt die Zahl der „Unkirchlichen“ und „aus der Kirche Ausgetretenen“ kontinuierlich. Diese „ehemaligen“ (?) Katholiken verstehen sich wahrscheinlich nicht immer als Atheisten. Sie wurden vielmehr von der Kirchenleitung aus der Kirche vertrieben. Manche sagen, sie sind religiös heimatlos geworden. Gibt es neue Möglichkeiten eines spirituellen, eines umfassend christlichen Engagements? Hegels Antwort: Es ist die Teilnahme an der „Einfügung“ der Idee universaler Freiheit in die Welt…

2. Zu diesem Niedergang des Katholizismus gehört, dass in einigen Ländern noch so genannte „synodale Wege oder synodale Prozessen“ unternommen wurden, um Reformen in der Lehre und den Kirchengesetzen einzuklagen, im Vatikan, beim Papst natürlich, also oft bei Kleriker-Bürokraten, die sich traditionell gegen Reformvorschläge einer Kirche eines Landes wehren. Dass diese so genannten „Synoden“ (sie beraten nur, dürfen aber nichts entscheiden!) in den letzten Jahren in vielen Ländern, wie Holland, der Schweiz, der Bundesrepublik, also seit 1967, nichts an tiefgreifenden Reformen für die Kirche dieser Länder bewirkt haben, ist eine Tatsache. Insofern sind die heutigen Sitzungen und Debatten in synodalen Prozessen wie damals schon eher eine Art Freizeitbeschäftigung oder auch Beschäftigungstherapie für frustrierte Laien und Priester der Basis. Und Rom freut sich, dass noch Leben da ist…

3. Wie kann in der Situation noch das Wesentliche des Christentums im Rahmen der katholischen Kirche gerettet werden? Mit dieser Frage sind wir genau bei Hegel, dessen gesamte Philosophie vom religionsphilosophischen Thema geprägt ist. Darin stimmen wesentliche Hegel-Forscher überein, wie Michael Theunissen oder Walter Jaeschke. Hegel wollte zu seiner Zeit begrifflich klare Aussagen zu dem Thema machen, weil ein Christentum bloß des Gefühls sich im Protestantismus breit machte und im Katholizismus eine Ende der autoritären Klerus-Herrschaft nicht absehbar war. Hegel zeigt in seinem Werk, dass er als Philosoph das Christentum sehr gut verstanden hatte: Seine Erkenntnisse entwickelt er ausführlich in seinen vier, unterschiedlich akzentuierten Berliner „Vorlesungen über die „Philosophie der Religion“ (1821, wichtig dann: 1824, 1827 und 1831).

4. Zum Wesen des Christentums gehört für Hegel: Gott ist Geist. Und der Mensch ist Teilhaber dieses einen göttlichen Geistes, er bezieht sich auf Gott in einem Verhältnis der Freiheit, d.h. der Mensch ist in der Beziehung zu Gott auch bei sich selbst! Und diese Überwindung des „Fremden“ und Entfremdenden auch Gott gegenüber ist wesentlich Freiheit.
Diese Erkenntnis von der Freiheit ist die Grundlehre des Christentums, sie muss um der Freiheit der Menschen will auch als gesetzlich gefasste Freiheit in Gesellschaft und Staat greifbar werden.

5. Diese Freiheit ist Zentrum der Botschaft Jesu Christi vom Reich Gottes: Und es ist der Philosoph Hegel, der diese zentrale Botschaft der Religion in die Begriffe der Philosophie, also ins Denken, überführt, Hegel sagt „aufhebt“.
Das Reich Gottes wird repräsentiert in der Gestalt Jesu Christi, dessen zentrale Lehre sich in den Begriffen Freiheit, Gerechtigkeit, Sittlichkeit zusammenfassen lässt. Und Hegel zeigt in seinen religionsphilosophischen Vorlesungen: „In der Religion des Christentums an sich ist das (nur) Herz versöhnt“, (S. 330 in den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band II, Suhrkamp 1969). Es gibt also, in der Geschichte Jesu Christi sichtbar, bereits eine spirituelle, geistige Versöhnung von Gott und Welt/Mensch, also die spirituelle „Erlösung“. Sie ist „an sich“ schon Gegenwart, sie muss nur noch gestaltet, „hineingebildet werden in die Welt“, wie Hegel sagt.
Diese Erlösung ist dann die Gegenwart des Reiches Gottes in Staat und Gesellschaft, eigentlich haben dafür die Gemeinde, die Kirchen, einzutreten. Aber aufgrund der Begrenztheit ihrer Theologien können Kirchen diese Vermittlung nicht leisten, also die „Hineinbildung“ der Ideen des Reiches Gottes in die Welt. Die Gemeinde/Kirche würde zudem der Versuchung unterliegen, sich gegenüber Staat und Gesellschaft als „Herrscherin“ zu etablieren, wie einst im Mittelalter. Weil die Kirchengemeinde in der Begrenztheit theologischer Begriffe lebt, wird die Philosophie wichtig: Sie kann als Philosophie, die die Wirklichkeit in allgemeine und für alle nachvollziehbare Begriffe fasst, auch diese Lehren vom Reich Gottes der Welt vermitteln. Sie kann in weltlicher Sprache helfen, diese Lehren sozusagen zu säkularisieren und in Gesetze zu überführen.
Anders gesagt: Die politische Wirklichkeit in Staaten und Gesellschaft muss von den sich stets weiter entwickelnden Weisungen der universalen Menschenrechte bestimmt sein, und dabei ist die an keine Konfession gebundene Philosophie behilflich, wenn sie säkular die Lehre der christlichen Freiheit darstellt.

6. Das Reich Gottes muss also aus dem Herzen in die Gesellschaft/den Staat treten und dessen Struktur und Gesetze bestimmen. Die Gemeinde als Ort der Frömmigkeit und der Gottesdienste (Kultus sagt Hegel) bleibt aber bestehen. Die Kirche muss aber anerkennen: Das aktive Gestalten der Freiheit in der Welt in Staat und Gesellschaft, ist genauso wie das Spirituelle der zentraler Auftrag der Kirche. Mit der Verwirklichung der Grundideen des Reiches Gottes als humaner Freiheit, kann man auch von einem Ende der (alten, bloß innerlich-frommen) Religion des Christentums sprechen.
(Siehe auch in Fußnote 1 eine etwas ausführlichere Vertiefung).

7. Hegel kann also von einem Ende der bloß spirituellen christlichen Religion sprechen, weil seine Philosophie in der Lage ist, die wesentlichen Inhalte dieser Religion begrifflich für alle Menschen nachvollziehbar zu bewahren und denken.
Der in der Philosophie bewahrte, „aufgehobene“ Geist des Christentums darf sich für Hegel nicht in der Philosophie „verstecken“. Er muss sich äußern, d.h.für Hegel: Ent-äußern in die Welt. Der Hegel-Spezialist Prof. Walter Jaeschke schreibt in seinem empfehlenswerten „Hegel Handbuch“ (Metzler-Verlag, 2016, S. 436): In Hegels religionsphilosophischen Vorlesungen in Berlin „tritt seit dem zweiten Kolleg der Entwurf einer progressiven Realisierung des geistigen Gehalts der Religion, also seiner Ein-Bildung (d.i. Verwirklichung, CM) in die Weltlichkeit“.
Der geistige „Gehalt“, die „Substanz“ des Christentums, muss in die Wirklichkeit von Staat und Gesellschaft hineingestaltet, Hegel sagt „eingebildet“, werden. Hegels Schüler C.L. Michelet übersetzt diesen Begriff der „Einbildung“ treffend mit „Verweltlichung“, also als Welt – Werdung des Christentums. Und der Hegelianer R.Rothe nennt dann 1837 diese Verweltlichung im Sinne von Welt-Werdung die „Säkularisierung“ des Christentums. „Säkularisierung ist allerdings hier nicht als Entfremdung oder als Entwendung religiöser Substanz gedacht, sondern als ihr Eingehen in die Weltlichkeit und ihr Aufgehen in dieser Weltlichkeit“( Jaeschke, a.a.O, S. 437).

8. Folgt man diesen Erkenntnissen Hegels, dann bleibt für die Kirchen heute auch der wichtigste Auftrag, die Idee der universalen Freiheit und damit die Idee der Menschenrechte in der Welt, der Gesellschaft, dem Staat zu fördern. Das allein ist der zentrale Auftrag der Kirche in der Moderne: Die Menschenrechte in der Welt, in den Gesellschaften, den Staaten, zu pflegen, zu fördern, zum Ausdruck zu bringen. Auf die aktuelle Situation 2022 bezogen: Vielleicht könnten sich in diesem Projekt auch Menschen wiederfinden, die aus der Kirche ausgetreten sind, um sozusagen eine weite säkulare Ökumene zu bilden. Dies ist schon ein Hinweis auf die aktuelle Bedeutung der Erkenntnisse Hegels.

9. Der Impuls, die universale Freiheit, die Geltung der Menschenrechte, in der Welt durchzusetzen, hat leider keinen Vorrang unter den religiösen und kirchlichen Aktivitäten. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat diesem „Politischwerden“ des Christentums entsprechen wollen, sie wurde aber weitgehend von konservativen Kirchenführern unterdrückt, gerade weil die Befreiungstheologie angeblich nicht dogmatisch korrekt und fromm genug sei…Dabei ist allen kritisch gebildeten Theologen klar: Wer nach dem Kern des Evangeliums fragt, lese in dem Zusammenhang die Bergpredigt Jesu oder seine „Endzeitreden“. Mit anderen Worten: Schon Jesus von Nazareth war ein heftiger Kritiker der Religion, wenn sie nur den Kultus liebt, aber nicht die Humanität an die erste Stelle stellt. Feierliche Gottesdienste, Kultus usw., klerikale Gesetze haben im Sinne Jesu von Nazareth nur Sinn in ihrer Hinordnung auf das auch politisch zu verstehende Reich Gottes.

10. Verweltlichung des Christentums und Bonhoeffer.
In seinen Briefen aus dem Gefängnis Tegel (unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ post mortem veröffentlicht) hat der protestantische Theologe Dietrich Bonhoeffer (geboren am 4.2.1906 in Breslau, als expliziter Feind der Nazis hingerichtet im KZ Flossenbürg am 9.4.1945) einige Einsichten mitgeteilt zur Zukunft des Christentums. Ich sehe darin gewisse Verbindungen zu Hegels Einsicht von der Verweltlichung des Christentums.
Dietrich Bonhoeffer sah schon um 1943 deutlich, wie die alte, vertraute dogmatisch geprägte Gestalt der Kirche in Europa zusammenbricht, verschwindet, weil sie in ihrer Sprache und frommen Praxis die Menschen nicht (mehr) bewegt. Bonhoeffer sprach deswegen davon, ein religionsloses Christentum zu denken und zu entwerfen. Und dieses Projekt berührt die Erkenntnis Hegels zur „Verweltlichung“ bzw. „Säkularisierung“ des Christentums.
Bonhoeffer schreibt: „Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein-für-andere’“ („Widerstand und Ergebung“, DBW8, Gütersloh 1998, 558). „Worauf es im letzten ankommt: Es ist das Beten und TUN DES GERECHTEN“ (WE 157). Noch einmal: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“. Bonhoeffer lobt die Weisheit des Alten Testaments „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittelpunkt von allem ? (WE 144).
Mit dem „Tun des Gerechten“ ist genau die Forderung Hegels gemeint: Die universale Freiheit und die Menschenrechte in der Welt durchzusetzen. Und was könnte man als Hegelianer unter Beten verstehen? Dieses ist ein Geschehen der inneren geistigen Verbindung mit der Weisheit der Bibel.

11. Franz Rosenzweig und das Ende der Religion.
„Religionsloses Christentum“: Mit dieser These nähert sich Bonhoeffer auch einem Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig: „Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser Religionshaftigkeit zu befreien und (…) wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden“ (Rosenzweig: Das neue Denken, Gesammelte Schriften III, Den Haag 1984, 154).

12.
Das Christentum und die Kirchen können in Europa überleben…… wenn sie religionslos werden.
Das ist Hegels Überzeugung: Wenn das Christentum also das klare begriffliche Verstehen (und nicht nur die Liturgien, Gebete etc.) pflegt und Philosophie respektiert, um die gesellschaftliche Freiheits-Praxis zu fördern, hat es noch eine Chance, auch heute inspirierend zu sein. Dann könnten viele Energien frei gesetzt werden, um Krieg und Nationalismus zu überwinden und das Hungersterben von Millionen Mitmenschen weltweit zu beenden…

Fussnote 1:
Hegels Rede vom „Ende der Religion“ ist eingebunden in seine Philosophie. Und diese ist bestimmt von der dialektischen Entwicklung des absoluten Geistes, also dessen, was Hegel der christlichen Tradition folgend, Gott nennt, Und dieser eine Geist (in Gott wie auf eigene Weise in den Menschen) drückt sich in Hegels Philosophie aus: Der absolute Geist wird erkennbar, besser „erkennt sich selbst“ in der Kunst, dann in der Religion und als Höhepunkt am deutlichsten und begrifflich im Denken der Philosophie. Sie ist die „Spitze“ in der Entwicklung des absoluten Geistes. Die Rede vom Ende der Religion ist also darauf bezogen, dass die Religion, sozusagen als noch unreife Stufe des absoluten Geistes, selbst nicht zu den klaren Begriffen findet, die in der Philosophie (Hegels) erreicht werden. Das bedeutet für Hegel aber nicht, dass Kunst und Religion faktisch nicht mehr weiter bestehen. Sie leben weiter, auch im Umgang der Menschen mit den Künsten und Religionen. Aber, und dieses Aber ist entscheidend: Die Religion bzw. das Christentum, also die Kirchen in Europa, sind nicht auf der Höhe der Entwicklung des sich selbst verstehenden absoluten Geistes, wenn sie die kritische Philosophie scheuen oder verachten (wie Muther). Denn Gott wird für Hegel treffend und “adäquat“ nur in der Philosophie, (seiner) Philosophie, begrifflich im Denken erschlossen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Houellebecqs Roman „Vernichten“: Von katholischem Erzbischof gelobt.

Pascal Wintzer (Poitiers) als Literaturkritiker
Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.2.2022; siehe auch den ausführlicheren Hinweis LINK.

1.
Es geschieht nicht gerade häufig, dass ein katholischer Bischof sich über einen neu erschienenen Roman eines umstrittenen Autors ausdrücklich „freut“: Erzbischof Pascal Wintzer (Poitiers) hat am 3.2.2022 in der Tageszeitung „La Croix“ (Paris) wie auch auf der Website des Erzbistums Poitiers (LINK: https://www.poitiers.catholique.fr/michel-houellebecq-aneantir/ ) eine ausführliche Leseempfehlung publiziert: Sie gilt dem kurz zuvor erschienen Roman „Anéantir“ („Vernichten“) von Michel Houellebecq. Das Buch hat eine Startauflage von 300.000 Exemplaren in Frankreich. Das Interesse ist enorm! Und Bischof Wintzer hat schon recht, wenn er Houellebecq „einen der ersten französischen Autoren von heute“ nennt, es gibt längst eine breite Houellebecq-Forschung in Frankreich.

2.
Bischof Wintzer sagt ausdrücklich, dass „man“ auch in dem neuen Roman das wiederfindet, was „man“ (also auch Wintzer) an Houellebecq schätzt: Der Autor „stellt uns vor die großen Verstörungen („dysfonctionnements) der Gegenwart“: Etwa die schlimmen Verhältnissen in den Pflegeheimen für alte und behinderte Menschen. Aber er zeigt in dem Roman auch die Kraft der familiären Bindungen, betont der Bischof. „Wie üblich, ist dies ein Roman einer inkarnierten, fleischlichen Menschlichkeit. Die Körper haben in dem Roman ihren Platz, auch das Vergnügen, der Schmerz und das Leiden…Houellebecq plädiert für das, was einzig den Menschen ehrt, die Beziehung“. Soweit der Bischof, der sogar noch schreibt: „Es ist wahrscheinlich übertrieben, Houellebecq einen Propheten zu nennen, die Zeitung Charlie Hebdo qualifizierte Houellebecq als einen Magier“. Und dann auch dieses persönliche Bekenntnis: „Warum liebt man es, Michel Houellebecq zu lesen, oder auch seinen Auftritten im Fernsehen zu folgen? Weil er Vergnügen bereitet. Zuerst das Vergnügen der Lektüre – und das ist ja auch das, was einen Geschmack am Leben schenkt, aber auch das Vergnügen an seinem schlauen und spöttischen Blick auf die Gesellschaft und auf den Leser selbst. Der Roman Anéantir (Vernichten) erfüllt diese Erwartungen!“

3.
Und am Ende seines lobenden Beitrags zu Houellebecq neuem Roman muss der Erzbischof doch noch einmal seiner Freude Ausdruck geben, den dieser wichtige Autor schreibe doch auch vieles über Religion bzw. die katholische Kirche. Und der Erzbischof zitiert aus einem gerade erschienen Sammelband über den Glauben im Werk Houellebecq, darin definiert er sein Katholischsein: „Ich bin Katholik in dem Sinne, dass ich das Entsetzen über eine Welt ohne Gott ausdrücke … aber einzig in diesem Sinne bin ich katholisch.“

4.
Erstaunlich bleibt, dass ein Erzbischof eine gewisse Berufung als Literaturkritiker entdeckt. Und dann noch seine Begeisterung über einen ja auch politisch zweifelsfrei umstrittenen Autor ausdrückt. Und dabei sogar übersieht, dass Houellebecq in einem Interview mit „Le Monde“ seine geistige Nähe und Verbundenheit mit theologisch – traditionalistischen und politisch reaktionären Kreisen offen bekannte. Dass diese Zusammenhänge Pascal Wintzer übersah, finde ich erstaunlich. Und genauso, mit welcher Leichtigkeit er als Bischof einer nicht gerade erotisch/sexuell-freizügigen Kirche dann doch die „fleischliche Lust“ einiger der Roman-Protagonisten offenbar richtig findet. Dies ist immerhin eine erfreuliche Einschätzung eines katholischen Bischofs.

5.
Bischof Pascal Wintzer wurde am 18. Dez. 1959 geboren, seit Januar 2012 ist er Erzbischof von Poitiers.

6.
Der genante Sammelband mit Studien zu Houellebecq: Misère de l’homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi. Champs, Essais, Flammarion, 2022, das Zitat ist auf S. 366.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ist Philosophie hilflos? Wenn Impfgegner und Verschwörungsideologen in eine Katastrophe führen.

Kann philosophisches Denken hilfreich sein beim Abwenden von Unheil?

Ein Hinweis von Christian Modehn veröffentlicht am 30.12.2021, bearbeitet am 5.2.2022

1. Was kann philosophisches Nachdenken bewirken in einer Zeit, die Katastrophen ankündigt? Von den großen Bedrohungen in der „Weltpolitik“ soll hier nicht die Rede sei. Hingegen, nahliegender, vom Auseinanderdriften der Gesellschaft und der Bedrohtheit des demokratischen Staates auch in Deutschland anlässlich der Debatten und Auseinandersetzungen über das Impfen gegen die Corona-Pandemie und wegen der Impfpflicht.

Da finden an vielen Orten, Ende Dezember 2021, kleinere und größere Straßenschlachten statt aufgrund der Ausschreitungen von Impfgegner. Unter diesem Titel verstecken sich Rechtsextreme verschiedener Couleur und auch, so scheint es, ahnungslose Leute, die einfach „nur“ ihre Haltung zum Impfen öffentlich dokumentieren wollen. Dass sie mit Feinden der Demokratie gemeinsam auf die Straße gehen, stört diese Leute offenbar bis jetzt nicht. Polizisten werden bei diesen gewalttätigen „Spaziergängen“ verletzt. Es steht fest: Die Anti-Impf-Demonstrationen sind schon zu Anti-Demokratie-Demonstrationen ausgeartet.

2. Ist diese Entwicklung auch für kritisch denkende, philosophierende Menschen, also Philosophen, ein Thema? Was wäre denn die Sache der Philosophie bei dem Thema? Hat sie etwas „Eigenes“ zu sagen? Dabei kann „das Eigene“ der Philosophie niemals nur begrenzt sein auf den verschwindend kleinen Kreis der PhilosophInnen, die professionell Philosophie betreiben!

3. GIBT ES EINEN PHILOSOPHISCHEN VORSCHLAG?

Warum kann man sich philosophisch angesichts der genannten Krisen nicht auch an die „Diskursethik“ halten, die zu Beginn der neunzehnhundertsiebziger Jahre von den Philosophen Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas vorgestellt wurde?

Um kurz an deren wesentliche Vorschläge zu erinnern: Es gilt, einen Konsens unter zerstrittenen Menschen bzw. Gruppen zu finden.

Die philosophisch begründete Methode bedeutet, daran zu erinnern: Allein die Tatsache, dass die zerstrittenen Personen überhaupt miteinander sprechen, bezeugt den Willen:  Gemeinsam soll um eine gemeinsame Basis, eine gemeinsam geteilte fundamentale Wahrheit, die beide anerkennen, gerungen werden.

Das Gespräch geht also davon aus: Die Argumentierenden, die Sprechenden, folgen bereits schon vor dem ausführlichen Miteinandersprechen und dann auch während des Miteinandersprechens dieser Voraussetzung: Wir erkennen uns als rationale und freie und gleichberechtigte Menschen an, die gemeinsam inmitten des Streites nach einer gemeinsamen Basis suchen, um den Konflikt friedlich und gerecht zu lösen. Sonst hätte es keinen Sinn, überhaupt in einer verständlichen Sprache den eigenen Unmut dem anderen mitzuteilen. Allein das Sprechen überhaupt schon ist entscheidend. Der Gesprächspartner will sich nicht schweigend aus der gemeinsamen Sprachwelt verabschieden und sich in seiner eigenen, von ihm konstruierten Welt einschließen. Nein, er sucht in der gemeinsamen Sprache das Gespräch, mit dem Ziel, gehört, verstanden zu werden.

Erst wenn etwa von Impfgegner oder von Rechtsextremen nur noch die pure Gewalt, ohne verbale Äußerungen, eingesetzt wird, begeben sich diese Leute aus der menschlichen, d.h. der immer auch verbal-sprachlich geprägten humanen Welt der erwachsenen Menschen. Sie müssen dann mit den Gesetzen des strafenden Rechtsstaates zur Räson gebracht werden.

Aber soweit ist es ja wohl noch nicht in Deutschland? Noch setzt jeder voraus: Wenn der eine dem anderen zuhört, ihn zu verstehen sucht, den gilt diese Haltung auch für den anderen im Verhältnis zu seinem Gegenüber. Es kann nicht sein, dass der eine Gesprächspartner dominiert. Nur Herrenmenschen wollen als einzige dominieren und unterdrücken. Aber Herrenmenschen sind Verbrecher, siehe etwa die Nazis.

Es zählt also für alle Gesprächsteilnehmer einzig das Argument, das auch die praktischen und politischen Konsequenzen deutlich beschreibt, die aus einer Haltung und Meinung hervorgehen. Wer also nach begonnenem Diskurs nur ausweicht und wer keine Wahrheit anerkennt, die über der subjektiven Meinung steht, als das beiden „Parteien“ übergreifende Gemeinsame, der zerstört den Dialog und führt zum Abbruch des Gespräches, zur Niederlage der die Menschen verbindenden Vernunft, der zerstört letztlich sich selbst!

4. Wenn aber das Gespräch abgebrochen wird, weil ein Gesprächspartner absolut auf seiner subjektiven Meinung beharrt und sich sogar naturwissenschaftlich bewiesenen Tatsachen verweigert? Gibt es dann noch einen Ausweg? Philosophisch heißt die Empfehlung, genau die Konsequenzen aufzuzeigen, die im Beharren auf der für absolut gehaltenen subjektiven Wahrheit deutlich werden: Es muss also bei extremen Überzeugungen die Frage gestellt werden: Etwa im Falle der rechtsradikalen Feinde der Demokratie, denen der Untergang der Demokratie und des Rechtsstaates offenbar willkommen ist: Da muss die Frage gestellt werden: Wollen Sie wirklich – etwa bei einem von Ihnen für möglich gehaltenen Bürgerkrieg – auch selbst dabei umkommen? Ist Ihnen das eigene Leben – oder mindestens das ihrer Nahestehende, Partei-“Freunde” etc, völlig egal? Warum lieben Sie die Zerstörung, den Tod, oder etwas “milder” ausgedrückt: Warum wollen Sie in einer Herrschaft unter Führern leben, die ein Willkürregime ausüben. Bei einem Willkürregime werden Sie, wenn Sie  zur allgemein gültigen Vernunft wieder kommen, jedenfalls keine freie Meinungsäußerung mehr haben, die Ihnen jetzt gewährt wird in dem Rechtsstaat, in dem Sie leben. Sie können wie im rechtlosen Stalinismus vielleicht auch in einem Straflager landen, je nach Laune des obersten Herrschers/Verbrechers.

5. Es hat sich die Meinung durchgesetzt, man hört sie immer wieder, sogar von Demokraten: „Mit denen (den Rechtsradikalen, den Corona-Leugnern, den Verschwörungsideologen etc.) kann man nicht reden“, also mit den Leuten, die das Thema Impfen nur als Anlass nehmen, um gegen den demokratischen Rechtsstaat zu agieren. Aber wenn man ÜBERHAUPT nicht mehr mit „denen“ reden kann, dann ist die menschliche Gesellschaft tatsächlich gespalten, zerfallen,  in verfeindete Lager, die sprachlos nebeneinander her leben, bevor die Wut sich gewaltsam entlädt. Das wäre sozusagen auch das Ende der philosophischen Lebenshaltung, die Niederlage der Vernunft, die ohne Sprache und Sprechen, gemeinsame Sprechen, nicht lebt. Es wäre auch die Niederlage der human sich nennenden Menschheit.

6. Darum bleibt also doch nichts anderes übrig, als das Gespräch mit aller Kraft zu suchen und zu pflegen. Und wenn das nach langen geduldigen Versuchen nicht gelingt? Dann muss sich der demokratische Rechtsstaat mit Gesetzen und Verboten schützen.

7. Jetzt wird in Deutschland und unter den maßgebenden Politikern der Regierung endlich über die Impfpflicht sehr deutlich nachgedacht, wenigstens zunächst für bestimmte Berufe, wie Pflegende, Krankenschwestern, Lehrer etc. Wie viel Zeit wurde von Politikern vergeudet, um die Impfpflicht einzuführen!.Denn es geht um eine Pandemie, nicht um eine manchmal harmlose Grippe, es geht sozusagen um das hohe Gut der Rettung des Lebens aller. In einem solchen (eher selten vorkommenden) Falle gilt die Pflicht, das Gesetz des demokratischen Rechtsstaate …mit entsprechenden Gerichtsurteilen und Strafen.

Andreas S.Lübbe, Onkologe und u.a. auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, hat im “Tagesspiegel” am 9. Januar 2022 (Seite 4, Meinungsseite) sehr richtig geschrieben: “Impfunwillige dürfen keine intensivmedzinische Gleichbehandlung erwarten“, das heißt: Impfunwillige müssen mit Benachteiligungen in der eigenen medizinischen Versorgung rechnen. Diese Praxis ist keine Willkür, sondern nur eine Antwort auf die Tatsache, dass die Impfgegner mit ihrer Impfverweigerung nicht nur sich selbst, sondern vor allem auch die anderen, die Mit-Menschen, die Gesellschaft gefährden. Und das geschieht bereits. Die Ansteckungen mit dem Virus geht in nur geringem Maße von Geimpften aus, sondern ganz entscheidend von Ungeimpften.

Diese Leute nehmen in ihrer unvernünfigen Haltung, sich nicht impfen zu lassen, den “normalen” Schwerstkranken die Pflegebetten weg. Diese Sturheit der Impfunwilligen ist unvernünftig. Unvernunft muss bestraft werden, so, wie dies auch in anderen Zusammenhängen im Staat geschieht, etwa, um ein eher einfaches Beispiel zu nennen, bei den Gesetzen im Straßenverkehr: An auf rot geschalteteten muss gehalten werden.

Zu solchen klaren Worten zugunsten der Impfpflicht sind leider Politiker heute nicht in der Lage, aus Angst vor der radikalen Minderheit der Impfgegner? Oder aus Angst, einigen der Leuten des FDP – Koalitionspartners zu nahe zu treten? Aber mit liberaler, individueller Freiheit hat die Impfpflicht NICHTS zu tun. Die Freiheit gilt als Freiheit des einzelnen etwa für den Fall, dass es  um das eigene inidviduelle private Leben geht. Beispiel: Jeder kann Kiloweise Schokolade täglich essen, diese Haltung gefährdet nicht die Gesundhheit einer ganzen Gesellschaft, sondern nur die eigene. Bei der Ablehung des Impfens ist das ganz anders. Diese Ablehnung gefährdet die Gesellschaft.

8. Immanuel Kant, der Philosoph der menschlichen Freiheit und der Autonomie, hat 1803, kurz vor seinem Tod, einen Beitrag verfasst mit dem Titel „Über Pädagogik“. Darin spricht er von dem Problem, wie denn Freiheit und Zwang (siehe Nr. 7 dieses Hinweises) zusammengehören. Kant hat diese Frage auf die Pädagogik bezogen, auf die Erziehung von Kindern. Aber seine Einsichten zum von ihm gewählten Thema „Wie kultiviere ich Freiheit bei dem Zwange“ sind auch im gesellschaftlichen und politischen Zusammenhang wichtig:

Immanuel KANT schreibt:

„Eines der größten Probleme der Erziehung ist, wie man die Unterwerfung unter den gesetzlichen Zwang mit der Fähigkeit, sich seiner Freiheit zu bedienen, vereinigen könne. Denn Zwang ist nötig! Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange? Ich soll meinen Zögling gewöhnen, einen Zwang seiner Freiheit zu dulden, und soll ihn selbst zugleich anführen, seine Freiheit gut zu gebrauchen. Ohne dies ist alles bloßer Mechanismus, und der, der Erziehung Entlassene, weiß sich seiner Freiheit nicht zu bedienen. Er muss früh den unvermeidlichen Widerstand der Gesellschaft fühlen, um die Schwierigkeit, sich selbst zu erhalten, zu entbehren, und zu erwerben, um unabhängig zu sein, kennen lernen. Hier muss man folgendes beobachten:

1) dass man das Kind, von der ersten Kindheit an, in allen Stücken frei sein lasse; (ausgenommen in den Dingen, wo es sich selbst schadet, etwa, wenn es nach einem blanken Messer greift,) wenn es nur nicht auf die Art geschieht, dass es Anderer Freiheit im Wege ist, z. E. wenn es schreyet, oder auf eine allzulaute Art lustig ist, so beschwert es Andere schon.

2) Muss man ihm zeigen, dass es seine Zwecke nicht anders erreichen könne, als nur dadurch, dass es Andere ihre Zwecke auch erreichen lasse, etwa dass man ihm kein Vergnügen mache, wenn es nicht tut, was man will, dass es lernen soll etc.

3) Muss man ihm beweisen, dass man ihm einen Zwang auflegt, der es zum Gebrauche seiner eigenen Freiheit führt, dass man es kultiviere, damit es einst frei sein könne, d. h. nicht von der Vorsorge Anderer abhängen dürfe. Dieses letzte ist das späteste. Denn bei den Kindern kommt die Betrachtung erst spät, dass man sich etwa nachher selbst um seinen Unterhalt bekümmern müsse. Sie meinen, das werde immer so sein, wie in dem Hause der Eltern, dass sie Essen und Trinken bekommen, ohne dass sie dafür sorgen dürfen. Ohne jene Behandlung sind Kinder, besonders reicher Eltern, und Fürstensöhne, so wie die Einwohner von Otaheite, das ganze Leben hindurch Kinder. Hier hat die öffentliche Erziehung ihre augenscheinlichsten Vorzüge, denn bei ihr lernt man seine Kräfte messen, man lernt Einschränkung durch das Recht Anderer. Hier genießt keiner Vorzüge, weil man überall Widerstand fühlt, weil man sich nur dadurch bemerklich macht, dass man sich durch Verdienst hervortut. Sie gibt das beste Vorbild des künftigen Bürgers…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Und auch die Kirche soll sich alle Menschen untertan machen.

Biblische Weisungen mit totalen Ansprüchen.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Mit dem göttlichen Auftrag an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ ist eng verbunden der Auftrag Jesu Christi an die (katholische) Kirche „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern, also zu Kirchenmitgliedern“. Die Missionsgeschichte und die der Kolonisierung beweist: Auch der Auftrag Jesu wurde als Unterwerfung, als „Untertan-Machung“, verstanden und praktiziert. Und innerhalb der katholischen Kirche gibt es dann noch eine weitere Form der Unterwerfung, die Unterwerfung der menschlichen Natur (Sexualität) des Klerus durch klerikale Gesetze.
Wie stark ist in der biblischen Lehre also eine Geschichte der Unterwerfung, der Erzeugung von Untertanen, angelegt? Und wenn das so ist: Wie sehr macht das herrschende Verständnis der Bibel die Menschen und die Welt krank?

1.
Die Zerstörung von Welt/Natur/Tieren und damit verbunden die seelische und physische Selbst-Zerstörung der Zerstörenden, der Menschen, wird immer mehr Leuten bewusst, und manche leisten dagegen Widerstand, förmlich „in letzter Stunde“.
Um diesen total gewordenen Willen zur Zerstörung von Welt und Menschheit zu verstehen, muss man sich auch auf die seit langem herrschenden und wie selbstverständlich gelebten Mentalitäten beziehen. Das heißt: Ideologie, Glaube, Überzeugungen müssen beachtet werden, um diese Zerstörung zu verstehen.
Trotz der „Säkularisierung des Bewusstseins“ lebt immer noch die prägende, christlich/kirchlich vermittelte Ideologie, die als Zitat Gottes höchstpersönlich bekannt ist mit dem Spruch: „Macht euch die Erde untertan.“ Diese biblische Lehre wirkt de facto selbst dann noch, wenn viele Europäer sich heute von Bindungen ans Christentum befreien.
2.
Die Zerstörung der Natur heute, kaum noch zu reparieren, ist als eine Art totales Geschehen zu verstehen. Dies ist heute tägliche Erfahrung der kritischen Menschen. Diese ökologische Katastrophe muss nicht mehr im Detail beschrieben werden, sie hat viele zerstörerische Aspekte: Luft, Meere, Tiere, Pflanzen, Wälder, Städte, soziale Beziehungen und so weiter, alles soll unter die Herrschaft der alles gebrauchenden und verbrauchenden Menschen gebracht werden. Alles wird zum Untertan des Menschen.
Aber allmählich beginnt diese Überzeugung wirksam zu „bröckeln“. Der „Mensch“ als „Herr der Schöpfung“, der sich alles untertan machen darf mit göttlichem Segen, erscheint trotz aller riesigen technischen „Errungenschaften“ der Naturbeherrschung auch als eine kleine, jämmerliche und unvernünftige Kreatur. Selbst Milliardäre als die Gewinner der totalen Natur- und Technikbeherrschung wissen, sie sind als Menschen begrenzt, endlich, also sterblich. Nebenbei: Vielleicht ist das der letzte Trost der Millionen Hungernden. Sie hätten gern menschlich gelebt, wenn nicht so viele Herren der Welt so besessen und gierig nur zu eigenem Profit auf die Welt zugegriffen hätten.
3.
Das ist eine zentrale Frage: Sind es „die“ Menschen, wie der Bibelspruch suggeriert, die sich als Herrscher über die Natur etabliert haben? ODER sind es die Herren in Ökonomie, also bestimmte Privilegierte, die überall Profit machen und alles beherrschen und alles sich (!) untertan machen. Diese Herren brauchen dabei Massen-Menschen, die z.B. das globale Projekt der Naturvernichtung unterstützten, weil sie, die „kleinen Leute“, von der totalen Naturzerstörung irgendwie doch noch finanziell profitieren. Ohne diese „Klassenanalyse“ kann also eine Debatte über die Auswirkungen des göttlichen Befehls an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ (AT, Buch Genesis, 1,28) gar nicht geführt werden.

Bibelwissenschaftler versuchen heute in ihren Interpretationen dieses Textes das “Untertan-Machen” durch den Menschen abzumildern. Sie wollen uns beinahe plausibel machen,  als empfehle der liebe Gott den Menschen schon den Tierschutz und die ökologische Lebensform. Siehe dazu unten den ausführlichen Hinweis, Fußnote 1.
Die herrschende Mentalität ist also vor allem die Mentalität der Herrschenden, die allen anderen – auch durch die Medien – vermittelt, besser: „aufgedrückt“ wird.
4.
Die allgemeine Mentalität bestimmt über die christlich – jüdischen Bereiche hinaus Menschen weltweit: Menschen sahen und sehen ihr Lebensziel darin, sich die Erde untertan zu machen! Es geht um Untertanen und Herren! Diese Ideologie hat sich seit der frühen Neuzeit in Europa durchgesetzt.
Die Natur wurde als „das für den Menschen andere und Fremde und weniger Wertvolle“ wahrgenommen. Die Natur wurde zur Welt der „Objekte“. Zu diesen Objekten zählte man seit der frühen Neuzeit explizit auch die Tiere. In dem Zusammenhang wäre über Descartes ausführlicher zu sprechen: Er betont: Das Denken des Menschen steht der Welt der „Ausdehnungen“, also der Natur gegenüber, die Natur wird zu einem „Mechanischen“ degradiert. Tiere deutete Descartes als „seelenlose Maschinen“ , „Automaten“, dies schrieb er in seinem Brief an den Marquis von Newcastle vom 23.11.1646.
Immanuel Kant hat dann später in seiner „Metaphysik der Sitten“ die Tierquälerei verurteilt, aber nicht so sehr um der Tiere willen (die sind vernunftlos), sondern weil der Mensch sich selbst dabei seelisch schadet, weil er „verroht“. Tierschutz und Naturschutz werden also, wie schon seit dem Mittelalter „anthropozentrisch“ verstanden, immer steht der Mensch (als Herr) im Mittelpunkt.

Und der Mensch sieht nicht: Wenn er die Natur zu dem “Fremden”, “Anderen” erklärt, dass er dann als Mensch seine menschlichen Kategorien des Denkens diesem Anderen, Fremden, aufdrückt, um über das Andere, Fremde umgehen zu können, um über es zu verfügen. Und die Natur gehorcht ja auch dem Zugriff des Menschen, indem sie sich bearbeiten und verändern lässt. Der Mensch will letztlich in dieser Herrschafts – Beziehung zur Welt, als seiner Welt, mit sich allein sein.

Und der Mensch kann in dieser Haltung der totalen Menschen – Herrschaft nicht mehr die Natur, die Tiere, vor allem: die anderen, befremdlich erscheinenden Menschen als solche respektieren und sein und leben lassen. Alles wird also unter die letztlich tötende Verfügung des Menschen gestellt: Er kann dann die gute und wahre Stimme der “anderen” nicht mehr hören. Eine Form von Taubheit und Blindheit ist die Konsequenz dieses herrschenden monologischen Verhältnisses des herrschenden Menschen zum anderen, Fremden, auch zur Natur, zu den Tieren.

„Naturschutz“ wurde als Begriff für eine von Menschen bedrohte Natur erst 1888 von dem Komponisten Ernst Rudorff (1840-1916) geprägt, als ein normativer Begriff, der den Zustand (die Lebendigkeit) der Natur bewerten sollte. Auch von den Leistungen Albert Schweitzers wäre hier zu sprechen, von seiner Erkenntnis: „Alles, was lebt, ist wie eine große Familie“ und der „Mitgeschöpflichkeit“ als Verbindung aller Lebewesen inklusive des Menschen.
Aber diese Erkenntnisse blieben marginal, sie konnten den Willen zur totalen Herrschaft über die Natur weder im Staats-Sozialismus noch im Kapitalismus/Neoliberalismus bremsen.

Ein aktuelles Beispiel (Februar 2022): Der neue Film von Andrea Arnold mit dem Titel “Cow”: Die Protagonistin in diesem Film ist die Kuh “Luma”, ihr Leben als Leiden wird eindringlich und empatisch vorgestellt. Schon kurz nach der Geburt ihres Kalbes wird das junge Tier der Mutter entrissen. Das Tier erlebt das Drama der Trennung, dem kann sich der Zuschauer nicht entziehen. “Luma” ist nur ein Objekt in der kapitalistischen Milch – und Fleischproduktion, eine Maschine, die den menschlich vorgebenen Effizienz – Normen entsprechen muss. Dass man dem Tier einen Namen gibt, dient wahrscheinlich der höheren “Effizienz”, diese wird bei freundlicher Namensgebung wohl erwartet. “Ist alles aus dem Körper der Kuh für die Menschen herausgeholt, findet ihre Existenz ein frühes Ende”, schreibt Esther Buss in einer Rezension des “Tagesspiegel” (9.2.2022, S. 20).
5.
Diese Mentalität hat in der Metapher ihr sozusagen „göttliches Zentrum“: „Der Mensch soll und darf sich alles untertan machen“. Es muss noch einmal an das viel zitierte Wort „Gottes” bei der Erschaffung der Menschen erinnert werden, mitgeteilt gleich in den ersten Zeilen der Bibel, im Buch Genesis, 1.Kap. Vers 28 ff. Gott befiehlt: „Seid fruchtbar und vermehret euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.” Dass dieser göttliche Spruch auch die ungehemmte Vermehrung der Menschen erlaubte, ist klar. Unkontrollierte Vermehrung der Menschheit und Herrschaft über die ganze Natur sind nur zwei Seiten desselben Phänomens. Dieser Text wurde ca. 600 v.Chr. geschrieben, also in einer Welt, in der sich die Menschen von wilder Natur und wilden Tieren bedroht sahen, dies nur als historische Einordnung. Das Schlimme ist, dass dieser Spruch, geschrieben vor ca. 2.600 Jahren sich offenbar bruchlos in den Köpfen festgesetzt hat bis heute: Mit der Zuspitzung: Die Herrschenden sollen herrschen. Und die Herrschenden sind die Weißen. Sie haben Untertanen nicht nur in den Tieren, sondern in den für minderwertig bewerteten „anderen“ Menschen, etwa den Schwarzen, den „Einheimischen“ Amerikas und Asiens usw.
Es führt also eine direkte Linie von dem göttlichen Auftrag zur Naturbeherrschung zur Herrschaft einiger Herrenmenschen über andere Menschen, die nicht mehr als vollständige, gleichberechtigte Menschen, sondern als Sklaven betrachtet und behandelt wurden und werden. Die mediale Aufregung über drei verunglückte Skifahrer in Europa ist größer als das Hungersterben von vielen tausend „Schwarzen“ in Afrika. Rassismus ist eine Konsequenz von „Macht euch die Erde untertan.“
6.
Für die christlichen Kirchen kommt zu diesem universalen, praktisch-technischen Herrschaftsauftrag durch Gott noch ein weiterer Befehl im Neuen Testament hinzu! Und dieser Befehl ist der die Kirche betreffende Auftrag, alle Menschen zu Mitgliedern der vom Klerus bestimmten Kirche zu „machen“. Die vielen „Laien“ macht sich der Klerus zu Untertanen der einen großen Kirche. Denn nur der Klerus tauft, nur der Klerus lehrt, nur der Klerus darf der Eucharistie vorstehen, die Sakramente spenden etc. Pluralität vieler unterschiedlicher Religionen soll es nicht geben, sondern Ziel ist die Einheit der Menschheit in EINER Kirche. Der immer noch bestehende Anspruch der römischen Kirche, „allein seligmachend“ zu sein, hat darin seine Wurzeln.
Wie kam es zu dieser totalitär erscheinenden Auffassung: Die Christen und ihre Kirchenführer werden, so erzählt der Mythos, von dem auferstandenen Jesus Christus persönlich aufgefordert, zu allen Völkern zu gehen: „Und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe”, so heißt es am Schluss des Matthäus-Evangeliums Kap. 28, Vers 19.
Jesus von Nazareth wird also in diesem Text aus den Jahren zwischen 75-90 bereits als Kirchengründer gedeutet mit einem universalen Anspruch. Dass Jesus von Nazareth, am Kreuz elend gestorben im Jahr 30, diese Worte, von einem Autor Matthäus geschrieben, überhaupt nicht gesagt haben kann, schon gar nicht als ein der menschlichen Sprache nicht mehr mächtiger Auferstandener, ist historisch-kritisch erwiesen.
Der universale Missionsbefehl Jesu ist also eine theologische Erfindung der ersten Gemeinde, die sich als universale „Heilsgemeinschaft“ (Kirche) trotz (oder gerade wegen) ihrer damals zahlenmäßigen (UN)Bedeutung positionieren musste. Tatsache ist, dass Jesus von Nazareth so sehr von einem Ende der Zeiten und dem Beginn des Reiches Gottes „alsbald“ überzeugt war, dass er an eine lange Zeit bestehende kirchliche Organisation gar nicht denken konnte. Der aus der katholischen Kirche exkommunizierte französische Theologe Alfred Loisy (1857-1940) sagte treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“.
Worauf diese universale Missionstätigkeit auch gesellschaftlich-politisch hinausläuft, ist für die Kirche selbst nicht deutlich oder wird heute eher verschwiegen: Was soll denn werden, wenn alle Menschen (!) katholisch sind? Sollen also alle dem Papst gehorchen? Und ein katholisches Welt-Regime errichten?
7.
Die erste Kirchengemeinde fühlte sich aber so stark, einen totalen Anspruch formulieren zu müssen: ALLE Menschen sollen „Jünger Jesu“ werden. Einen Jünger Jesu könnte man sich grundsätzlich auch außerhalb einer Kirchen-Organisation vorstellen: Jünger Jesu waren (und sind) auch (und vor allem!) alle Friedfertigen, Gerechten, Solidarischen usw., siehe die Bergpredigt Jesu! Das Jüngersein sprengt also alle kirchlichen Eingrenzungen.
Aber daran denkt der Autor Matthäus nicht: Er betont: Wer Jünger Jesu sein will, muss sich taufen lassen und dabei ein Bekenntnis ablegen zum trinitarischen Gott. Dass diese Formel des trinitarischen Gottes schon in der Frühzeit der Kirchen höchst umstritten war und als offizielles Bekenntnis eher vom Kaiser den Christen aufgezwungen wurde, kann hier nur nebenbei erwähnt werden. Bedeutende Theologen, wie Sozzini und seine Kirche im 16. Jahrhundert, haben ein Christentum zeigen wollen und gelebt, das ohne diese klassische trinitarische Formel auskommt. Aber Sozzini und die Seinen haben sich in den großen, sich selbst unbescheiden rechtgläubig nennenden großen Kirchen nicht durchgesetzt: Ob Inder oder Chinesen, Indigenas am Amazonas oder Philosophen und Naturwissenschaftler in Europa usw., sie alle müssen, wollen sie denn Jünger Jesu sein IN der Kirchen-Organisation, das trinitarische Bekenntnis sprechen (ob sie es verstehen, ist eine andere, aber entscheidende Frage).
Die Kirche will heute spirituell, vor allem, im Mittelalter auch sehr „weltlich“-politisch, herrschen über die Menschheit. Sie hat dabei diese Herrschaft immer als Dienst, als Hilfe zum guten Leben etc. darstellen wollen. Aber mit sanftmütigen Worten wurde grausam missioniert, man denke an die Kreuzzüge im Mittelalter, vor allem an die Kreuzzüge ins „Heilige Land“ zur Vertreibung der Muslime von den „heiligen Stätten“ UND zur Stärkung der eigenen Wirtschaft. Die Kreuzzüge sind also eine Art Bündelung von „Machst euch die Erde untertan“ UND „Macht alle Völker zu Kirchenmitgliedern“. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. Man denke an die Verbindung von Mission und Kolonisierung in Amerika seit 1492.
Ich zitiere nur kurz einen kirchenoffiziellen Text aus den missionarischen Jahren der „Entdeckung“ Amerikas (siehe dazu den Historiker Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt, C.H.Beck Verlag München, 2016, S. 311): Die spanischen Missionare in (Latein)Amerika forderten die Indigenas auf, sich dem katholischen Glauben anzuschließen. Dann sei alles soweit geregelt, sagten die Spanier. Aber wer sich NICHT taufen ließ? Da heißt es in dem Dokument u.a. (zit bei W. Reinhard): „Wenn Ihr („die Indios“) aber nicht die Kirche als Herrin anerkennt, so tue ich euch kund, dass ich mit der Hilfe Gottes euch bekriegen und euch unterwerfen werde unter das Joch und den Gehorsam der Kirche und ihrer Hoheiten. Und eure Personen und eure Frauen und Kinder werde ich gefangen nehmen und zu Sklaven machen und als solche verkaufen… Und ich erkläre, dass die Tötungen und Schäden, die sich daraus ergeben werden, von euch selbst verschuldet sind“.
Die offizielle Proklamation, Requerimiento genannt, wurde seit 1513 „freundlicherweise“ von der Kirche den Einheimischen zur Kenntnis gebracht.
8.
Menschliche Herrschaft und ineins damit kirchliche Herrschaft über die „anderen“ haben ihre Wurzeln in der Bibel, vorausgesetzt, dass man die entsprechenden Befehle Gottes (im AT) und Jesu Christi (im NT) in der üblichen, durchaus bis heute populär verbreiteten Bibellektüre und Interpretation versteht. Dass es Minderheiten innerhalb der Kirche gab, die den Missionsbefehl eher als „Aufforderung zum Dialog“ verstanden, wie Franziskus von Assisi, muss erwähnt werden. Aber Franziskus von Assisi hat sich auch in dieser Hinsicht in seiner Kirche NICHT durchgesetzt.
9.
Der Herrschaftsanspruch der Kirche ist immer der Herrschaftsanspruch des Klerus, der sich selbst als die einzig authentische Elite zur Interpretation biblischer Texte und zur Formulierung von Dogmen ermächtigt hat – bis heute ist diese totale Herrschaft eine Realität, „Synodale Vorgänge“ („Synoden“) in einzelnen „Landeskirchen“ sind dann nur Beschäftigungstherapien für oft mutlose Laien… Für die Spitze der katholischen Kirche, die sich, so wörtlich, als göttliche (!) Stiftung versteht, gibt es aber noch spezielle Anweisungen zur Herrschaft: Die Priester werden per Kirchengebot zum Zölibat verpflichtet: Nur als Ehelose können die Kleriker treue Untertanen von Papst und Bischöfen sein!
Das hat eine leidvolle Konsequenz, sie betrifft eine besondere Unterdrückung der Natur, nämlich der menschlichen, leiblichen, sexuellen Natur des Klerus. Es geht um das Verbot, der eigenen menschlichen Natur zu folgen, und der Klerus soll auf Sexualität „freiwillig“ verzichten, auf körperlicher Vertrautheit und Vereinigung mit anderen Menschen. Auch die menschliche Natur aller Priester soll wegen einer Entscheidung des hohen Klerus im Mittelalter geknechtet und stillgelegt werden.
10.
Auf ein weithin unbekanntes Detail muss hingewiesen werden: Der führende Klerus, selbst „zölibatär“, fordert die jungen Priesteramtskandidaten (also oft schon im Alter von 19/20 Jahren) zu einer problematischen, wenn nicht krank, neurotisch machenden Askese auf. Im Dekret über die Priesterausbildung des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65), im § 10 ,heißt es: „Auf die Gefahren, die ihrer Keuschheit besonders in der gegenwärtigen Gesellschaft drohen, sollen die Priesterkandidaten hingewiesen werden. Sie müssen lernen…eine vollkommene Herrschaft über Leib und Seele und eine höhere menschliche Reife zu gewinnen und die Seligkeit des Evangeliums tiefer zu erfahren.” Das wagen die greisen Konzilsväter den jungen Männern zuzumuten, diese Herren-Bischöfe, Exzellenzen, Hochwürden etc. genannt, wissen, dass sie damit die jungen Männer seelisch und dann auch körperlich krank machen. Und dann schwafeln diese Herren noch von der bei so viel Leiden und „Opferbringen“(!) Erfahrenen, wörtlich, der „Seligkeit des Evangeliums“.
Man kann hier nur von einer verordneten Vergewaltigung („Untertan – Machung“) von Seele und Leib sprechen. Und jetzt wissen so viele: Der dekadente, wegen sexuellen Missbrauchs verbrecherische Teil des Klerus ist sozusagen der leibhaftige Ausdruck dieser Herrschaft über die eigene Natur und die eigene Sexualität.
Schon im § 9 des genannten offiziellen Konzils-Dokumentes wird empfohlen: Die jungen Priesterkandidaten sollten „im Geist der Selbstverleugnung erzogen werden, so werden sie dem gekreuzigten Christus ähnlich”. Da wird also die Unterdrückung von Sexualität mit dem Kreuz Jesu von Nazareth verbunden: Jesus ist ja nicht wegen unterdrückter Sexualität hingerichtet worden, sondern wegen seiner umfassend lebensbejahenden und erotisch gefärbten Haltung, auch zu den Frauen, einen „Lieblingsjünger“, Johannes mit Namen, hatte Jesus ja bekanntlich auch, er ruhte an der Brust des „Herren“. Nebenbei: Über die Erotik Jesu von Nazareth ist viel zu wenig geforscht worden. Aber dafür muss man sich mehr für den Juden Jesus von Nazareth interessieren als für den vergöttlichen, leibfreien „Christus“ – also auch den trinitarischen himmlischen „Logos.“
Der genannte Konzilstext erklärt, warum diese ganze Prozedur der Unterdrückung der menschlichen Natur durch die Priester geschehen soll: Im § 9 heißt es weiter: „Dann werden die Priester dem Stellvertreter Christi, also dem Papst, in demütiger und kindlicher Liebe ergeben sein, und sie werden später als Priester dem Bischof als ergebene Mitarbeiter anhangen…” In Liebe ergeben: Wer als Priester dies war, der wurde auch als wegen pädosexueller Verbrechen durch die Liebe des Bischofs vor den Gerichten bewahrt…Aber auch dies: In Liebe ergeben darf man bitte nicht wörtlich nehmen, im Sinne von homosexueller Liebe, das würde offiziell pervers genannt, aber de facto praktiziert. Siehe das Buch von Frédéric Martel, Sodom. LINK.
11.
Dieser kurze Hinweis beschreibt nur ein ausbaufähiges Projekt, das schon mehrfach von verschiedener, auch nicht-theologischer Seite aufgegriffen wurde.
Uns liegt nur daran, an die fatalen Folgen bestimmter biblischer Texte zu erinnern, weil sie – wie so viele andere biblische Sprüche – aus Gründen der Herrschaft wörtlich verstanden werden. Diese Sprüche haben sich wegen einer gewissen „griffigen Formulierung“ als herrschende Mentalität durchsetzen können. Es wäre für aufgeklärte Christen besser und heilsamer, diese uralten Texte aus einer fernen, vor-modernen Welt nur noch als historisch interessante Mythen zu lesen. Unmittelbar praktisch „umsetzbar“ sind sie nicht und sollten sie um der Welt und der Menschen NICHT sein.
Kritisches Verstehen der Bibel vermag vielleicht schlimmste Missverständnisse, selbst wenn sie sich „eingeprägt“ haben, zu verhindern. Die Bibel ist eben nicht total „Gottes Wort“.
Die Bibel kann für eine kritische Theologie nur ein Buch sein, das literarisch unterschiedliche religiöse Überzeugungen versammelt, von Menschen aus den Jahren 1000 vor Christus bis ca. 120 nach Christus. Und diese religiösen Überzeugungen und Erzählungen früherer Menschen sind nicht automatisch „göttlich“.

12.

Es kommt also darauf, die genannten Weisungen Gottes zur “Untertan – Machung” beiseite zu legen und neue Weisungen zu formulieren, die den Menschen aus der totalen Rolle des Alleinherrschers über die Natur und die “anderen” befreien. Der Philosoph Hans Jonas hat da schon großartige Vorschläge gemacht.

FUßNOTE 1: Die Bibelwissenschaftler Prof.Karl Löning und Prof. Erich Zenger befassen sich in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“ (Düsseldorf 1997) auch mit dem Auftrag Gottes an die Menschen „zur Gestaltung der Welt“, wie beide Wissenschaftler dann sehr moderat die von Gott empfohlene und befohlene „Herrschaft des Menschen über die Natur“ nennen. Die Exegeten wehren sich explizit gegen die Luther-Übersetzung „Macht die Erde euch untertan“, und sie wehren sich auch gegen die katholische Einheitsübersetzung „Unterwerft die Erde euch und herrschet“ (S. 149).

Aber diese Kritik an den Übersetzungen schränken die beiden Professoren dann sofort wieder ein: “Beide Übersetzungen sind nicht voll falsch, aber sie sind in zweifacher Hinsicht problematisch“ (S. 149). Was soll schon „voll falsch“ bedeuten?

Es ist also für die Bibelwissenschaftler eine Art „Grauzone“, im einzelnen betonen sie:
Gemeint sei in der Bibel nicht, der Mensch solle wie ein kriegerischer Feldherr gegen die Erde kämpfen!
Falsch übersetzt sei sogar, wenn in beiden genannten Übersetzungen von EUCH (bezogen auf die Menschen) die Rede ist. „Das Dativ `euch` steht nicht im hebräischen Text“. (ebd.)

Dabei muss aber die Frage gestellt werden: An wen wendet sich dann aber Gott? Irgendeinem Wesen muss der tätige Umgang mit der Welt und den Tieren ja gelten! Also dann doch den Menschen, selbst „wenn das Dativ im hebräischen Text fehlt“.

Beide Autoren verweisen dann noch auf den Grundgedanken des Schöpfungsberichtes: Und dieser sei die „Gottebenbildlichkeit des Menschen“ (S. 153), mit diesem Verweis meinen sie, die „Härte“ des Auftrages Gottes „zur Gestaltung der Welt“ abzumildern.

Dennoch müssen die Exegeten zugeben: „Eine gewalttätige und nur dem Menschen dienliche Herrschaft über die Welt, Tiere usw. Ist – bei Berücksichtigung der Gottebenbildlichkeit des Menschen – WENIG WAHRSCHEINLICH“ (153). Diese gewalttätige Herrschaft des Menschen ist also dann doch auch denkbar und wahrscheinlich. Man hat bei diesem Hin und Her der Argumente den Eindruck, die beiden Exegeten betreiben eine Art apologetische Bibeldeutung, nach dem Motto: In der Bibel darf es nur richtige und gute Empfehlungen „Gottes“ geben. Noah und seine Arche, die auch Tiere rettete, werden dann noch als Beleg gedeutet förmlich für den Tierschutz, den schon Noah leistete.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer aus der katholischen Kirche austritt… Achtung, der wird nicht gerettet!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.1.2022.

1.

Sehr viele tausend Katholiken treten seit Jahren und jetzt, 2021/2022, immer mehr, aus der katholischen Kirche aus. Die Zahlen sind bekannt, nur 2 Beispiele: Im Jahr 2020 sind 221.390  Katholiken in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten; 2019 waren es 272.770.

Unser Thema ließe sich natürlich auch auf evangelische und orthodoxe Kirchen beziehen, hier aber bleiben wir bei der Focussierung auf die römisch-katholische Kirche.

2.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ erinnert daran, dass in der offiziellen Lehre des 2. Vatikanischen Reformkonzils (1962-1965), man beachte: REFORM-Konzil, diese Sätze zu lesen sind: „Diese pilgernde Kirche (also die jetzige römisch-katholische Kirche) ist zum Heile notwendig…Darum können jene Menschen nicht gerettet werden, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, in die sie aber nicht eintreten ODER IN IHR NICHT AUSHARREN WOLLEN“. Lassen wir den zuerst genannten Aspekt beiseite, dass es offenbar Menschen gibt, die die Heilsnotwendigkeit dieser Kirche zwar kennen, aber aus bösem Willen (?) nicht Kirchenmitglied werden wollen. Hier geht es um Aktuelleres:

3.

Denn wer in der katholischen Kirche nicht AUSHARRT, „kann nicht gerettet werden“. Das steht in dem zentralen Konzilsdokument „Dogmatische Konstitution über die Kirche“, am 21.11. 1964 feierlich im Vatikan verkündet. Diese dogmatische Konstitution hat den Titel „Lumen Gentium“, „Licht der Völker“, gemeint ist Christus als das Licht der Völker. Die Kirche aber behauptet dann in den folgenden Sätzen stolz, dass „Christi Herrlichkeit auf dem Antlitz der Kirche widerscheint“ (so gleich am Anfang dieser dogmatischen Konstitution, im §1). Diesen “Widerschein” der Herrlichkeit Christi” in der Kirche kann jeder überprüfen angesichts des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und des Umgangs der Kleriker mit den Opfern heute. Aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es um die Tatsache, dass Katholiken, die aus der Kirche austreten, NICHT GERETTET werden. Klassisch formuliert: Nicht in den Himmel kommen.

4.

Das muss man erst mal realisieren: Diese also von der Herrlichkeit Christi umstrahlte Kirche lässt es sich nicht nehmen, noch im Jahr 1965 hoch offiziell zu lehren, dass bestimmte Menschen nicht gerettet werden: Nämlich die Menschen, die diese Kirche verlassen, in der Konzilssprache: „nicht ausharren“. Das steht im § 14! Das Wort „ausharren“ ist vom Konzil treffend gewählt: Ausharren ist eine Haltung eher Leidender, Unterdrückter, Unzufriedener, die alle Zähne zusammenbeißen und „ausharren“. Sollen das die Kirchenmitglieder sein? Wahrscheinlich, es geht bei den verbliebenen Mitgliedern nur noch ums Ausharren…Und Warten auf bessere Zeiten, bessere Kirchen.

Und um diese unfreundliche Theologie des 20. Jahrhunderts noch einmal zu unterstreichen, heißt es ein paar Zeilen weiter im Konzilstext: „Nicht gerettet wird aber, wer, obwohl der Kirche eingegliedert, in der Liebe nicht verharrt und im Schoße der Kirche zwar dem Leibe nach, aber nicht dem Herzen nach verbleibt.“  Plötzlich wird die Mitgliedschaft in der römischen Kirche als Beziehung der Liebe beschrieben. Für uns wichtig: Nun sind also auch noch jene vom ewigen Heil ausgeschlossen, die zwar noch Kirchensteuern zahlen (etwa in Deutschland), also dem „Leibe nach“ katholisch sind, ohne aber vollumfänglich, also „dem Herzen nach“, der Kirche anzugehören, jedenfalls in der Sicht des Klerus. Die voller Liebe dem Papst und den Bischöfen gehorsam liebend, dem Herzen nach,  verbunden sind, nur die werden gerettet. Man möxchte sagen: Wer als Kirchensteuerzahler nur Heiligabend die Messe besucht, gehört nur dem “Leibe nach” der Kirche, hat also wenig Chancen auf ewige Rettung.

Und man ist erstaunt, dass diese Zurückweisung von Erlösung und “Rettung”  in einem anderen, zentralen Text des 2. Vatikanischen Konzils noch einmal wiederholt wird: Naheliegend in dem “Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche”, am 7. Dez 1965 im Petersdom  feierlich verkündet. Dort ist in §7 nicht nur von der “Notwendigkeit der Kirche” die Rede, sondern abermals von denen, die aus der Kirche austreten, die Konzils”väter”, mehr als 2000 Bischöfe sprechen nicht austreten, sondern von “nicht ausharren”. Wer nicht ausharrt, wird also “nicht gerettet”.

5.

Extra ecclesiam nulla salus“, also „Außerhalb der (katholischen) Kirche kein Heil, keine Erlösung“: Dieser bekannte Spruch des Kirchenvaters Cyprian von Karthago (200-258) wird 1965 von allen Konzils“vätern“, also den Bischöfen und dem Papst, erneut gelehrt. Dieser Spruch wurde schon vom Konzil von Florenz (1438-1445) als Dogma gelehrt…Dieses Dogma wurde also von den mehr als 2000 versammelten Bischöfen des 2. Vatikanischen Konzils einmal mehr „aufgewärmt“…Denn dies ist der bekannte Wahn der römischen Kirche: Was irgendwann einmal, in Vorzeiten, unter bestimmten kulturellen Bedingungen,  als Dogma formuliert wurde, ist auf ewig Dogma. Wandel, Veränderung, Lebendigkeit sind nicht Sache dieser Kirche. Das Ganze ist etwas Totes, siehe Erich Fromms Analysen.

6.

Es ist schon merkwürdig, dass in allen Debatten über Kirchenaustritte von bischöflicher Seite heute diese Lehre des Konzils verschwiegen wird. Die Bischöfe schämen sich hoffentlich ein bißchen, solches noch 1965 hoch offiziell gesagt und verbindlich gelehrt zu haben. Oder aber die Bischöfe wissen: Wenn wir an diese dogmatische Lehre des Konzils heute erinnern und sie auch lehren, dann treten noch mehr KatholikInnen aus der Kirche aus. Was ja durchaus wahrscheinlich wäre. So wird also von den Bischöfen um des Erhaltes des großen Geldes aus Kirchensteuern willen die reine „Wahrheit“ des Konzils diplomatisch-ökonomisch verschwiegen. Geld ist eben auch für Bischöfe dann doch wichtiger als das alte Dogma.

7.

Würde es die vielen tausend „Ausgetretenen“  stören, wenn sie nach offizieller Kirchenlehre also „nicht gerettet“, d.h.himmlisch, göttlich,  verdammt sind? Ich vermute, der Gedanke daran würde die „Ausgetretenen“ nicht stören, weil sie über die Kleingeisterei der Kirchenführung und des Konzils längst erhaben sind.

8.

Vielleicht sind die „Ausgetretenen“ sogar die besseren TheologInnen, weil sie wissen: Gott, wenn er sich dafür überhaupt interessiert,  ist unendlich größer als diese Kirchen-Organisation des Klerus, der mit seinen anmaßenden Verureteilungen nur seine Allmacht erhalten will. Aber diese Allmacht geht zu Ende.

9.

Diese Herren haben sich in ihrem Dogmen-Wahn über Gott gestellt. Sie haben vorgegeben, genauso viel wie Gott zu wissen, was die ewige Rettung und Verdammnis der Menschen angeht. Was für eine Schande diese Anmaßung. Klassisch – theologisch formuliert: Was für eine Irrlehre.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.