Unbedingt!? Wo ist denn das Unbedingte im Leben?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. Oktober 2026

Zur Einstimmung:
Der Hinweis „Unbedingtes im Leben verstehen“ will zeigen: Mitten im Leben sind wir Mensch mit der Erfahrung des Unbedingten konfrontiert. Was ist mit der Wahrnehmung des Unbedingten im Selbst – Bewusstsein sozusagen „enthalten“, ist auch eine Verbindung zum Göttlichen, zu Gott, gegeben?
Diese Frage bewegt viele Menschen, die in diesen Zeiten des Niedergangs des dogmatischen Kirchenglaubens in Europa eine Verbindung suchen mit einer vernünftig begründeten Transzendenz, einem Göttlichem, das sich im Geist der Menschen selbst zeigt. Dieses Göttliche entzieht sich selbstverständlich festlegender Definitionen.
Wir wurden auf dieses Thema erneut aufmerksam durch einen Aufsatz von Jürgen Habermas. (Fußnote 1).

Eine Erinnerung an den Begriff Unbedingtes: Ausgangspunkt kann dabei die Reflexion auf die Erkenntnis aller Objekte der Welt sein, diese verweisen auf anderes, sie bestehen nur unter der Voraussetzung von Bedingungen: Das Ding A gibt es, weil es das Ding B gibt und dieses, weil es ein Ding C gibt usw. Es gibt eine unendlich weite, lange Welt von endlichen Bedingtheiten. Aber dann die Frage: Zeigt sich in der Reflexion auf diese Bedingtheiten in ihnen selbst etwas Unbedingtes? „Leben die Dinge förmlich vom innewohnenden Unbedingten?“ Oder – ins Religionsphilosophische fragend: Wer oder was hat diese ganze bedingte Welt gesetzt? Wenn es dieses Setzende der vielen Bedingtheiten gibt, dann kann es nur als Unbedingtes gedacht werden, denn sonst würde es zur endlichen Welt der nur Bedingten gehören…

1.
Habermas nennt ein Beispiel aus der sprachlichen Kommunikation. In ihr zeigt sich Unbedingtes: „Niemand besitzt eine exklusive Verfügung über das gemeinsame Medium der Verständigung. Kein Teilnehmer (einer sprachlichen Kommunikation) kann alleine die Struktur oder gar den Verlauf von Prozessen der Verständigung und Selbstverständigung kontrollieren“, schreibt Jürgen Habermas (Seite 53). Darin wird Unbedingtes für alle Gesprächsteilnehmer erlebt. Sie stehen unter Ansprüchen der Kommunikation, über die sie als Gesprächsteilnehmer nicht verfügen.
Die Teilnehmer der Kommunikation können nicht der Bindung an das Gespräch bestimmenden unbedingten Anspruch entkommen:
Nicht nur die allen gemeinsame Verständlichkeit der Worte füreinander soll unbedingt gelten, sondern auch der Anspruch, einander die Wahrheit zu sagen: Menschen, die mit einander sprechen, binden sich also selbst an den Anspruch der Wahrheit, selbst wenn sie diese Bindung nur selten explizit wissen und einander mitteilen.
Auch der Lügner entkommt dieser Bindung an die Wahrheit nicht: Er glaubt für sich selbst in einem Gespräch, dass seine Worte seine, nur für ihn geltende Wahrheit ausdrücken. Und er behauptet den anderen gegenüber, die Wahrheit zu sagen.
Indem Habermas auf die Erfahrung des Unbedingten im alltäglichen Kommunizieren aufmerksam macht, will er das Unbedingte aus der Sphäre des Spekulativen befreien und in den menschlichen Alltag setzen.
Der Einsicht, immer gebunden zu sein an die Verpflichtung, die Wahrheit zu sagen, sollte sich jeder stellen: Habermas spricht in dem Zusammenhang vom „Logos der Sprache“, also von der Vernunft, der geistigen Kraft der Sprache, die an Wahrheit bindet. Dieser „Logos“ bestimmt jeden Sprechenden, er ist eine ihm schon immer schon vorgegebene Tatsache, sie stellt sich in jeder Kommunikation wie von selbst ein.
Habermas geht noch weiter: Dieser Logos der Sprache macht „unser Selbstsein möglich“, schreibt er. Weil inmitten der Kommunikation Strukturen des Menschen sichtbar werden, etwa die Freiheit, die Wahrheit zu sagen, den anderen als anderen zu respektieren, den Dialog als Eröffnung der Welt zu erleben, das sind Strukturen des „Selbstseins“.
Die in der Vernunft erlebte Bindung, die Wahrheit zu sagen, ist insofern etwas Unbedingtes, weil sie sich menschlicher Manipulation entzieht, weil sie aus sich allein besteht: Man kann als permanenter Lügner diese in der Vernunft gegebene Bindung an Wahrheit zwar zeitweise stilllegen, aber man kann diese Bindung an Wahrheit nicht total abschaffen. Auch ein permanenter Lügner wird irgendwann selbst die Wahrheit sagen müssen, mitten im Alltag, etwa wenn er offen zugeben muss, erkrankt zu sein und Hilfe zu brauchen. Notorische Lügner wie Mister Trump werden nicht lügen, wenn eine Aktion Ihnen weiteren finanziellen Gewinn bringt.
Dieses „Bestehen (der Bindung an Wahrheit) aus sich selbst allein“ , ist für Habermas, die „gründende Macht unserer sprachlich konstituierten Lebensform.“ (ebd.)

2.
Habermas qualifiziert seine Überlegung zum „unbedingten Geltungsanspruch“ in der Kommunikation als eine, so wörtlich, „bescheidene Interpretation der gründenden Macht einer sprachlich konstituierten Lebensform“ (S. 53), er spricht aber „von einer Unbedingtheit in einem schwachen, prozeduralen Sinne“, „ohne ontologische Gewähr“: Das heißt: Diese Unbedingtheit hat für Habermas keinen Verweis auf eine ontologisch gegebene Unbedingtheit, die – etwa in einer klassischen Metaphysik – als Erfahrung der Präsenz eines Absoluten (einer göttlichen Substanz) inmitten des Lebens erfahren und verstanden werden könnte.
Wichtig ist für Habermas das Wort „prozedural“. Prozedural bedeutet: Die Gültigkeit eines Begriffes oder Wertes ergibt sich nur aus dem fairen Gespräch der Teilnehmer… und darauf können sich grundsätzlich alle einigen.
Der Begriff, der Wert „Unbedingtheit“ wird deswegen als gültig erklärt, weil sich alle in das Gespräch involvierten Menschen auf diesen Begriff einigen. Dass dadurch der Begriff Unbedingtheit in die freie Willkür der involvierten Menschen übergeben wird, ist bemerkenswert und sicher typisch für eine Philosophie, die der Säkularität verpflichtet ist und sich im immanenten, endlich begrenzten Raum aufhält. Es wird nicht mehr weitergefragt, woraus denn diese Unbedingtheit ihre von Menschen wahrgenommene Existenz bezieht: Metaphysisch bleibt die vorsichtige Frage: Kommt die Erforschung des Bedingten ohne ein Unbedingtes aus, das selbst keinerlei Bedingungen kennt, also so etwas wie eine schöpferische Kraft von allem und in allem verstanden werden könnte ??

3.
Weiterführend ein Hinweis auf einen Aspekt der Philosophie Immanuel Kants: zum Unbedingten im menschlichen Selbstbewusstsein.
Kant hat in seiner praktischen Philosophie, und zwar im „kategorischen Imperativ“, die entscheidende universell gültige Erkenntnis formuliert: Im Bewusstsein tritt uns Unbedingtes entgegen: Die kategorische Forderung stellt sich in der Lebenspraxis – wie von selbst – ein: „Handle nur nach derjenigen deiner Lebens-Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“
Das bedeutet: Das endliche Bewusstsein des bedingten Menschen ist fähig, eine unbedingte Forderung des moralischen Sollens in sich zu wissen. Das ist auch schon für eine Anthropologie von großer Bedeutung: Denn diese Erkenntnis setzt alle Menschen, endliche Menschen, in Erstaunen: Unbedingtes lebt im bedingten Menschen. Unser Bewusstsein verbindet Bedingtes und Unbedingtes, wenn wir uns auf die unbedingt geltende Erkenntnis des Kategorischen Imperativs einlassen.
Der Kategorische Imperativ hat für den Menschen nur Bedeutung und Sinn, weil ihm vom Menschen (als dem Bedingten) auch entsprochen werden kann, er kann geleistet werden in Freiheit. Sonst hätte die sich im Bewusstsein zeigende kategorische Forderung keinen Sinn.
Es gibt zweifellos Menschen, die dem Kategorischen Imperativ nicht entsprechen, man denke an die verbrecherischen Politiker der Gegenwart, die Kriegsherren, Multimilliardäre etc., sie können den Kategorischen Imperativ im Laufe ihres verbrecherischen Lebens sozusagen „kaltstellen“, aber gänzlich auslöschen können sie ihn nicht.
Die Erkenntnis sozusagen etwas griffig formuliert: Menschen haben das Unbedingte als Sollen sozusagen in sich. Und sie können dem im Handeln entsprechen, und dadurch einen positiven Zweck in der Welt realisieren: Erstrebt wird dabei das „Höchste Gut“, wie Kant sagt, ein Begriff, der explizit an das Symbol „Reich Gottes“ erinnert. (Siehe dazu etwa Jürgen Habermas in seiner Reflexion zum „Höchsten Gut“ in: „Zwischen Naturalismus und Religion“, Suhrkamp, 2005, S. 224.)

4.
In seinen posthum veröffentlichten Notizen geht Kant noch weiter:Darin identifiziert Kant die moralische Pflicht des Menschen, die sich im Kategorischen Imperativ zeigt, mit Gott selbst. Kant denkt also den im Menschen, in seiner Vernunft, immanenten Gott. Die „Internet Encyclopedia of Philosophy“ hat diesen Aspekt der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie des alten Kant weiter entfaltet: Gott wird förmlich mit dem „inneren vitalen Geist des Menschen in der Welt identifiziert. (Quelle: https://iep.utm.edu/kant-rel/#H7==

5.
Zu unserem Hinweis über das Unbedingte inmitten des menschlichen Lebens gehört auch eine Reflexion auf die „Trias“, also die so genannten drei „Transzendalien“, also das Wahre, Gute und Schöne. Es werden Strukturen sichtbar, die in jedem lebendigen geistigen Vollzug tätig anwesend sind. Sie sind Strukturen, die im Vollzug des Denkens stets wie von selbst wiederkehrend wirken und die von der menschlichen Freiheit nicht auszuschalten sind. Diese Strukturen sind Qualitäten der Vernunft, sie zeigen sich in der Vernunft, sind ein Kennzeichen der Vernunft: Sie bestehen aus sich selbst, sind nicht von bestimmten Dingen bedingt. Es handelt sich um die Bindung jeder Erkenntnis und Handlung an den formalen Anspruch, wahr, schön und gut zu sein. Jegliche Behauptung muss sich des formalen Anspruchs bedienen, wahr, schön und gut zu sein. Diesem Anspruch entkommt niemand, auch nicht der Übeltäter, der für sich glaubt und dies gegenüber anderen behauptet, gerade im Verbrechen noch für sich selbst Gutes zu tun. Diesem Anspruch entkommt auch nicht der Lügner, der für sich glaubt, in der Lüge Wahrheit zu sagen; auch nicht der Freund von Kitsch oder Widerwärtigem, Häßlichen: Er ist überzeugt, nach seinem Geschmack etwas Schönes zu schätzen und zu verehren.

6.
Über die Menschenrechte und das Völkerrecht wäre in unserem Zusammenhang zu sprechen, also über die Frage nach dem Unbedingten inmitten der geistigen Lebenspraxis. Formuliert der erste Satz des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ etwas Unbedingtes, etwas unbedingt Geltendes? Sicher ist das so als Leitlinie gemeint, bevor im einzelnen gefragt wird was ist die Würde, wann ist ein Mensch ein Mensch, und was bedeutet unantastbar, unantastbar von wem? Dieser Artikel 1 des Grundgesetzes darf niemals gegenüber anderen Interessen des Staates oder der Gesellschaft abgewogen oder relativiert werden. Es gibt zudem den Artikel 79, dort Absatz 3 des Grundgesetzes: Dort ist von einer Ewigkeitsklausel die Rede: Diese Ewigkeitsklausel schützt den ersten Satz des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Diese Erkenntnis gilt unbedingt, sie darf niemals geändert oder gar abgeschafft werden.

Das heißt: In dem säkularen demokratischen Staat Bundesrepublik Deutschland gibt es in der Verfassung gleich zu Beginn die Dimension des Unbedingten…Und wenn dieser „erste Satz“ im Grundgesetz auch eine Basis der universell geltenden Menschenrechte ist: Dann gilt es zu überlegen, was die Unbedingtheit der Menschenrechte philosophisch bedeutet und in welche metaphysischen Dimensionen wir da möglicherweise geführt werden….

Fußnote 1:
Über Unbedingtheit spricht Jürgen Habermas in einem Vortrag im Jahr 2000, anläßlich eines Kolloquiums über den Philosophen Jacques Derrida. „Wie die ethische Frage zu beantworten ist: Derrida und die Religion“, in: Habermas, „Ach, Europa“, Suhrkamp, 2008, S. 40 – 62.

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