Papst Franziskus schafft einen Paragraphen 175 für den Klerus

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn am 2.12.2018

Am 3. Dezember 2018 erscheint als Buch, weltweit, ein Interview, das der spanische Priester Fernando Prado mit Papst Franziskus führte. Das Interview bezieht sich auf die so genannten geistlichen Berufungen, also auf Priester und Ordensleute. Erwartungsgemäß spricht der Papst auch wieder von Homosexuellen, das heißt hier von homosexuellen Priestern und Ordensleuten (offenbar denkt er nur an Männer, lesbische Nonnen sind bislang noch nicht im päpstlichen Visier, kommt wohl noch).

Was bisher als Auszug aus dem neuen Buch vorliegt, ist schlicht ein Skandal. Es hinterlässt bei gebildeten Lesern die schon von Freunden in Spanien gestellte Frage: Dreht der Papst jetzt durch? Was sagt der Papst? Die Kirche muss „anspruchsvoll sein“, deswegen hätten bekennende Homosexuelle im Klerus nichts zusuchen. Anspruchsvoll soll bedeuten: Homosexuelle Priester vermindern das Niveau des Katholizismus…

Denn diese schwulen Priester können ein  „Doppelleben führen“. Wenn das so ist, so der Papst, sollten homosexuelle Priester besser, „das Priesteramt und das geweihte Ordensleben verlassen“. Also Rausschmiss und vorher die Bespitzelung durch treue Spione. In Zeiten des § 175 war es auch nicht anders: Schwule wurden von den Nazis mindestens aus ihren Ämter und angesehenen Berufen entfernt. Man kann also sagen: In der katholischen Kirche soll der § 175 fortbestehen. Papst Franziskus hat so viel Mut, sein sexualwissenschaftliches Niveau zu dokumentieren, indem er tatsächlich, so wörtlich, meint, „Homosexualität sei in Mode“. Als würden sich homosexuelle Menschen aus einer modischen Laune heraus diese ihre Sexualität wählen. So viel Unsinn hat man schon im zurückliegenden 20. Jahrhundert kaum noch unter ernstzunehmenden Leuten gelesen.

Der Papst empfiehlt zudem erneut, wie religiöse und rechtslastige Fundamentalisten aller Couleur, dass Homosexuelle wieder „psychologisch  und affektiv gesund“ werden sollten. Homosexualität also als Krankheit: Man glaubt zu träumen, wie ungebildet sind eigentlich diese geistlichen Herren im Vatikan? Der Papst empfiehlt eine tief schürfende Analyse der Priesterkandidaten hinsichtlich ihrer Homosexualität. Dabei, so wörtlich, „sollte man auf die erfahrene Stimme DER Kirche hören“. Seit wann hat DIE Kirche (also die Hierarchie ist immer gemeint, wenn von DIE Kirche die Rede ist) auch nur die geringste Ahnung von dem, was Sexualitäten heute betrifft? Was weiß DIE Kirche von Gender, von Feminismus, von sexueller (normaler) Vielfalt? Der Text des Papstes ist ja der beste Beleg fürs Nichtwissen. Der Papst gibt zu, dass Bischöfe aufgrund mangelnder Kenntnis völlig irritiert sind, wenn sich in ihrem  Klerus Priester als homosexuell zeigen. Ja, ja, so muss der Papst eingestehen, „auch im Ordensleben gibt es keinen Mangel an Fällen“. Mit „Fällen“ meint der oberste Hirte der Kirche homosexuelle Menschen. Sie sind „Fälle“! Die Verwendung dieses Wortes auf Menschen nannte man nach der Nazi –Zeit die „Sprache des Unmenschen“, aber das am Rande. Selbst wenn dem Papst ein Ordensoberer sagt, es gebe halt eine Zuneigung zwischen Männern, hält der Papst dies, so wörtlich, für einen Fehler. Der Papst denkt wohl: Priester sind bessere Maschinen, die ohne jede noch so leise Form von Erotik, von Nähe und Freundschaft auskommen müssen. Der Papst und die oberste Clique im Vatikan wollen also Priester als neutrale Wesen, als Funktionäre. Der Papst ist verlogen: Er verschweigt, dass viele heterosexuelle Priester ja doch auch Erotik erleben und Kinder zeugen, die sie meistens dann verbergen und verleugnen, die Alimente zahlt der Bischof oder die Ordensleitung. Das sind beträchtliche Summen an Kirchensteuern etwa… An die verstoßenen Frauen und an die Kinder, die ihren Vater nicht kennen, nicht nennen dürfen, denken die wenigsten hohen Klerus-Funktionäre. Sie zahlen ja, das ist alles. Das System bleibt erhalten… Ein regelrechter Hass auf Homosexuelle zeigt sich erneut in der römischen Kirche bis hinauf zu diesem Papst, den einige einst noch für akzeptabel aufgeschlossen hielten, bloß weil er ein paar linke Thesen zur Ökonomie unters Volk brachte oder Obdachlosen die Füße wusch oder Erzbischof Romero heilig gesprochen hat. Nun zeigt Papst Franziskus, dass er ins reaktionäre Lager abgerutscht ist. Vielleicht aus Angst vor den machtvollen, noch „reaktionäreren“ Prälaten in der päpstlichen Kurie… Mal sehen, was er alles verbreiten wird beim Weltjugendtreffen in Panama im Januar 2019. Kondome werden bestimmt nicht offiziell verteilt, und es wird das ungeborene Leben erneut aufs höchste verteidigt und nicht das geborene Leben im Elend und der Gewalt Zentralamerikas. Dass der unsägliche Machismus auch gewalttätig, tötend, anti—schwul ist, weiß jeder Gebildete. Wird es einen päpstlichen, kirchlichen Aufstand in Panama geben gegen den Machismus – Wahn? Wohl kaum, denn dann müsste die Kirche die Frauen endlich absolut gleichberechtigt und gleichwürdig behandeln, also etwa zum Priesteramt zulassen… Noch einmal: Der Papst schießt sich erneut auf die Homosexuellen ein, weil dies wohl auch eine Besänftigungsgeste ist bei den, sorry, völlig reaktionären Kardinälen, die so dumm sind und nicht wissen: Wer sich als Schwulen-Hasser etabliert, ist selbst schwul. Das wissen allmählich schon die Oberschüler.

Der Papst empfiehlt also dringend, wie einst schon der Ratzinger – Papst, Männer mit homosexueller Neigung nicht in den Dienst des Priestertums oder der Orden aufzunehmen. Wird diese Weisung befolgt, sind die Priesterseminare und Ordenshäuser bald völlig leer oder nur bewohnt von Lügnern, die als Schwule ihre tiefe Zuneigung zu Frauen bekennen müssen (auch diese Zuneigung dürfen sie dann ja auch nicht ausleben). Die römische Kirche ist eine Kirche, die es sich erlaubt, sich auf Jesus zu berufen, auf den Mann, den Liebhaber, den Freund (etwa zum Lieblingsjünger Johannes), die aber Liebe als erotische Liebe für ihre Priester und Ordensleute verbietet. Kann man sich etwas Unmenschlicheres in dieser Welt vorstellen: Du darfst nicht lieben als oberstes Gebot für Seelsorger! Die römische Kirche sollte sich vom Zölibat befreien. Das wurde millionenfach seit Jahrhunderten gesagt von klugen Theologen und klugen Psychologen. Sie sollte sich der Wissenschaft und den Lebenserfahrungen reflektierter Menschen anschließen und lehren: Homosexualität ist eine ganz normale Variante menschlicher Sexualität. Basta! Und die Bischöfe und der Papst sollten die Gemeinden befragen, ob sie denn so furchtbar leiden unter homosexuellen Priestern. Wahrscheinlich ist dies eher nicht der Fall. Ich kannte –als ehemaliges Mitglied eines Ordens-  tatsächlich sehr viele homosexuelle Priester und Ordensleute, sehr viele, die waren und sind wahrlich alles andere als Ungeheuer. Die Gemeinden leiden wohl mehr unter der Raffgier und den Machtgelüsten heterosexueller Priester und Bischöfe.

Der Papst betreibt Homophobie. Und diese ist eine Form des Rassismus. Der Vatikan setzt die Politik des § 175 fort. Es könnte die Zeit sehr bald kommen, wo etwa katholische Homosexuelle, die dermaßen diskriminiert werden von Papst und Co., zahllose Namen nennen von homosexuellen Priestern und Ordensleuten und Bischöfen und Päpsten, so dass deutlich wird: Eigentlich ist dieser Klerus immer schon schwul gewesen, er hat sich nur selbst gehasst,  weil er der offiziellen unmenschlichen Kirchen – Ideologie/Moral dann doch entsprochen hat. Und, dies sehen wir heute: Weite Kreise des Klerus sind wegen dieser Unterwürfigkeit seelisch krank geworden. Kranke Priester sind also die Seelsorger der Gemeinden… Quelle: https://www.aciprensa.com/noticias/papa-francisco-un-homosexual-no-puede-ser-sacerdote-ni-consagrado-89755 Papa Francisco. La fuerzade la vocación. La vida consagrada hoy. Una conversación con Fernando Prado( Publicaciones Claretianas)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Gewalt und Monotheismus. Über Jan Assmann

Einige kurze Erläuterungen für ein Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin im Jahr 2018.

Ein Hinweis von Christian Modehn, bearbeitet Anfang November 2023.

1. Jan Assmann ist ein sehr bekannter und geschätzter Ägyptologe und umfassender Kenner der monotheistischen Religionen. Jahrgang 1938, war er Professor in Heidelberg, jetzt lebt der in Konstanz. Die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen beträgt etwa 50. Zusammen mit seiner Frau, der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, erhielt er am 14. 10.2018 den „Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Prof. Aleida Assmann, geb. 1947 hat etwa 20 Bücher vor allem über Erinnerung und Kultur veröffentlicht.,

2. Jan Assmann macht seit 1997 darauf aufmerksam, in immer neuen Ansätzen nach zahlreichen Debatten mit anderen Wissenschaftlern: Der Monotheismus (Assmann spricht fast ausschließlich vom biblischen, also vor allem auch alttestamentlichen Monotheismus) enthält in seinen „heiligen“ Texten Aufforderungen zu gewalttätigem Handeln im Umgang mit anderen, „Fremden“, die als Feinde verstanden werden sollten.

3. Assmann hat den Begriff „mosaische Unterscheidung“ geprägt: Durch Moses, als dem Empfänger der göttlichen Offenbarung, kam der „Unterschied“ ins Bewusstsein der Menschheit: Es gibt die eine wahre Religion, also den Monotheismus. Und die vielen, in monotheistischer Sicht, falschen Religionen, die poly-theistischen Religionen.
Assmann unterscheidet zwischen einem „Monotheismus der Treue“, der emotional sich auf den Gott des Bundes bezieht: JAHWE führte das Volk Israel aus Ägypten. Dieser Gott ist eifersüchtig… Ihm müssen die Israeliten absolut treu ergeben sein (Nebenbei: Moses ist für Assmann KEIN Ägypter, er kannte nicht den altägyptischen König Echnaton, den radikalen Religionskritiker zugunsten der Sonnenverehrung. Moses war wohl ein Angehöriger des israelitischen Volkes.)
Zum Monotheismus der Treue schreibt Assmann: „Diese Völker in Kanaan muss Israel vertreiben und ausrotten, um sich nicht zur Anbetung ihrer Götter verführen zu lassen“. Oder: „Was im Umgang mit den Kanaanäern gefordert wird, ist ein heiliger Vernichtungskrieg, der mit der Formel, den Bann vollstrecken bezeichnet wird“. (Totale Religion, S. 50). „In der Bundesidee (Gottes mit Israel) wurzelt die religiöse Gewalt“, meint Assmann, in „Monotheismus unter Gewaltverdacht“, S. 265.
Daneben kann man im Alten Testament auch vom „Monotheismus der Wahrheit“ sprechen: Da machen sich etwa die Propheten lustig über die vielen von Menschen gemachten Götter der Heiden. Etwa Jeremia, Kap. 10: „Die Gebräuche der Völker sind leere Wahn…Ihre Götzen sind nur Holz“ Es folgt dann logisch: Die Zerstörung der Götterbilder. Denn Heidentum ist Verblendung.
Es gab auch eine bestimmte Form jüdischer Toleranz -Theorie: Etwa im Gefolge der Abraham-Tradition und in den (bei Laien kaum bekannten) jüdischen Zentren in Ägypten und Babylon (dort gab es den jüdischen Dialog mit den „Heiden“)
Im Alten Testament, im Buch Genesis, ist die auf die Schöpfung bezogene Theologie wichtig für den toleranten Umgang der Israeliten mit anderen Völkern. Nur ein Beispiel: Joseph wird in Ägypten zum Zweiten Mann im Staate, er heiratet die Tochter des Hohen Priesters, „es geht um die Anbetung desselben Gottes“.

4. Aber für Jan Assmann ist klar: Die zur Gewalt an den „Anderen“, den „Poyltheisten“, aufrufenden alttestamentlichen Texte muss man vor allem als Literatur verstehen, sie sind keine unmittelbaren politischen Appelle zur Tat zu schreiten: Denn, was etwa die biblischen Texte als Gewalt der Israeliten gegen die im Land lebenden Kanaäer beschreiben, ist historisch längst überholt: Die Ereignisse der Landnahme waren etwa im Jahr 1200, die Texte hingegen sind ca. 500 vor unserer Zeitrechnung geschrieben worden. Das heißt: Die Gewalt sollen die Israeliten eher auf sich selbst richten, weil sie immer vom Unglauben und Heidentum bedroht sind. Dennoch hat wohl die aggressive Landnahme stattgefunden…

5. Die polytheistischen Religionen haben tatsächlich auch einen obersten Gott, etwa Zeus. Sie sind also in gewisser Weise auch mono – theistisch strukturiert. Zeus ist der Oberste von allen Göttern. Aber griechische Götter, etwa Zeus, können in andere Kulturen/Sprachen übersetzt werden, etwa Jupiter als lateinischen Titel. Diese Übersetzungsmöglichkeit funktioniert im biblischen Monotheismus nicht. Er kapselt sich sozusagen ein. Anhänger polytheistischer Religionen sind zwar auch gewalttätig, aber sie sind dies nicht aus religiösen Gründen, sondern etwa aus politischen. Polytheisten betreiben keine Mission. Konvertiten bei ihnen sind eher selten, vielleicht im Bereich der brasilianischen Religion Candomblé; aber da kann man gleichzeitig mehreren Religionen angehören…
Assmann spricht anstelle von polytheistischen Religionen von kosmo – theistischen Religionen, weil diese Kosmisches, Weltliches, als heilig und als göttlich deuten. Wichtig auch: „Anders als die monotheistischen Offenbarungsreligionen kennen die kosmotheistischen Religionen keine absolute Wahrheit“ („Monotheismus und Gewaltverdacht“, S. 251.)

6. Warum erhält Jan Assmann den FRIEDENSPREIS des deutschen Buchhandels? Meine Antwort: Weil Assmann in seinen jüngsten Publikationen über die Dialektik Monotheismus -P olytheismus hinaus geht: Er plädiert für eine Vernunftreligion der Menschheit. Da hat jeder Fromme „seine“ (möglicherweise durch Offenbarung vernommene) Religion, ohne diese persönlich für die einzig mögliche und einzig richtige zu halten. Der Fromme glaubt also noch an eine zweite, übergeordnete vernünftige Religion. Dies hat keine institutionelle Struktur, sie ist förmlich nur eine geistige Realität, so wie der Kategorische Imperativ ja auch eine geistige Realität ist.

7. Assmann spricht deswegen von „religio duplex“. Die übergeordnete Vernunftreligion hat Vorbilder bei Lessing oder bei dem großen Berliner jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn: Man lese seine „Jerusalem – Schrift“ von 1783. Maßstab für eine ins Objektive gehende Bewertung der Inhalte der verschiedenen Religionen kann nur etwas übergreifend Vernünftiges sein, nicht etwas Inner – Religiöses, Konfessionelles: „Alles, was das Zusammenleben auf diesem Planeten verbessert, verschönert, erleichtert“, also, was die Menschenrechte befördert, ist Maßstab für die Qualität einer Religion. Hingegen Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung, so Assmann, passen nicht zu den angenehmen, förderungswürdigen Religionen… Assmann weist darauf hin, dass Gandhi in dieser religiösen Doppelstruktur im Bewusstsein des einzelnen Frommen dachte: „Alle konkreten Religionen zielen auf die eine, noch versteckte Religion der Wahrheit“ (Monotheismus unter Gewaltverdacht, S. 259). Diese hat mystischen Charakter, betont Assmann, mit ausdrücklichen Bezug auf Jacob Böhme. Dessen Wort steht in der Tradition der negativen Theologie „Gott sei nichts und alles“ ihm entscheidend ist (im Buch „Religio Duplex“, Buch von 2010, S.127)

8. Das Plädoyer Assmanns für eine vernünftige, tolerante, friedfertige Menschheitsreligion entspricht unseren religionsphilosophischen Interessen und Überzeugungen, zumal wenn man Kants „Religionsschrift“ mitbedenkt. Darüber hinaus stellt sich für die individuelle Lebensphilosophie die Frage: Welche absoluten Werte (also meinen persönlichen „Monotheismus“) leiten mich? Wie setze ich diese durch? Meine jeweilige, vielleicht für absolut eingeschätzte Wahrheit kann niemals objektive absolute Wahrheit auch für andere sein. Absolute Wahrheit hingegen ist das allen einzelnen religiösen Überzeugungen Gemeinsame, die Vernunftreligion … und die ihm entsprechende Lehre vom Kategorischen Imperativ!

9. Der gewaltbereite Monotheismus ist keineswegs nur ein religiöses Phänomen, sondern auch ein politisches. Etwa im Stalinismus oder im Faschismus gab es mono-„theistische“ Gewalt, indem die Führer sich für absolut erhabene „Götter“ hielten… Zum politischen „Monotheismus“, dem Stalinismus: Siehe etwa das Buch von Michail Ryklin, „Kommunismus als Religion“. Verlag der Weltreligionen, 2008.; „Die politische RELIGION des Bolschewismus nannte sich selbst eine wissenschaftliche Ideologie“ (S. 40) …auch der französische Soziologe Raymond Aron sprach vom Kommunismus als säkularer Religion. „Der Sozialismus (à la Moskau) ist Religion in dem Maße, in dem er Anti-Religion ist“. (S.41). Die „Pilger“ aus ganz Europa strömten in den dreißiger Jahren nach Moskau zu Stalin. Sie sahen in der UDSSR ein heiliges Land, ließen sich dort auch materiell verwöhnen und ihren Verstand verwirren. „Clara Zetkin forderte an der sowjetischen Grenze alle Mitreisenden auf, ihre Schuhe auszuziehen, denn der Boden, den man betrete, sei, so wörtlich, heiliger Boden“ (S. 58, zit. von Karl Schlögel). Aber: Andere Reisende empfanden die UDSSR treffender als Hölle: (S. 59.)
Viele Intellektuelle wurden Konvertiten zum Kommunismus: Die neue kommunistische Religion versprach, besser zu sein als Christentum oder philosophischer Atheismus. „Bei den inszenierten Feierlichkeiten in Moskau erweckte das System den Eindruck, die Erlösung habe bereits stattgefunden“ (S. 60)

10. Tatsache ist: Der Polytheismus macht sich heute auch philosophisch breit, indem etwa der Philosoph Odo Marquard in dem Buch (Reclam – Verlag) „Abschied vom Prinzipiellen“ einen Aufsatz über „Lob des Polytheismus“ veröffentlicht und damit u.a. meint: Die moderne Demokratie als Gewalten – Teilung sei „polytheistisch“. Dabei vergisst Marquard, dass die Demokratie durch die Bindung an die universal geltenden (!) Menschenrechte durchaus, wenn man so will, mono-theistisch geprägt ist. Die neue Rechte bzw. die Rechtsextremen denken polytheistisch. Rechtsextreme definieren sich oft als Heiden mit entsprechenden Kulten, Ku Klux Klan etc…Da gibt es explizit Übermenschen und bedeutungslose Untermenschen.

11. Assmann weist auch darauf hin, wie einzelne gewaltfördernde Texte im Alten Testament im Laufe der Kirchengeschichte als ideologische Entschuldigung für Gewalt verwendet werden: etwa: Kaiser Karl V. hat im Rahmen der imperialistischen Gewalt gegen die indianischen Völker täglich aus dem Buch Deuteronomium Kapitel 20 gelesen.

12. Das monotheistische Bilderverbot: Für Assmann DAS Kennzeichen des Monotheismus: Gott lässt sich in kein Bild zwingen und zwängen. Die Götter der Polytheisten haben viele Bilder. Auch in einigen protestantischen Kirchen, vor allem in der Tradition Calvins, gibt es ein Bilderverbot. Dies war auch eine polemische Entscheidung gegen die Bilderflut im Katholizismus. Diese barocke Bilderwelt war eine Propaganda der Ablenkung der Frommen bei der Messe, die sie, auf Latein gefeiert, ohnehin nicht verstanden.
Dabei ist klar: Jeder Fromme denkt sich dann doch – zunächst – irgendetwas Konkretes, wenn er an Gott denkt. Innere Bilder sind nicht zu verbieten, sie sind oft wirksamer als äußere.
Das Bilderverbot ist aktuell: Vor allem als absolute Warnung, etwas Weltliches zu Göttlichem zu erklären: Geld, Nation, eine Partei, einen Menschen etc. Das ist aktuell, leben wir doch in der Zeit des heiligsten Geldes und des heiligen Finanzkapitals.

13. Eine Frage, die Assmann nicht bearbeitet hat, nach meiner Kenntnis: Ist das Christentum, vor allem der Katholizismus, tatsächlich selbst „streng monotheistisch“? Die Frage spüren moderne, kritische Theologen, wie Edward Schillebeeckx, in: „E. Schillbeeckx im Gespräch“, Luzern 1994. S. 103 ff. Er betont seine Zurückhaltung, wenn er von der göttlichen Trinität spricht. „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tri–Drei -Theismus, drei Götter, drei Personen wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln…. Was soll die Rede von drei Personen“? „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitätstheologie fast ein Agnostiker“ (S. 107). Da gibt es viele theologische Aufräumarbeit in den Kirchen. Auch so viele Kirchenlieder müssten umgeschrieben werden oder besser: ganz verschwinden!

14. Ist der Katholizismus monotheistisch, etwa angesichts des immer noch ausufernden Marienkultes und der Heiligenverehrung? Maria als Königin, Maria als dominante all präsente Mutter und Herrscherin, als erhabene Figur über den Barockaltären.. Es gibt das Gebet zu Maria, „durch Jesus zu Maria“ als Spruch, die Orte, wo die Mutter Gottes erschien, Fatima, Lourdes etc… Wer denkt da nicht eine Mit – Erlöserin, an eine Art Göttin Maria? Das Thema wird in der Theologie und Lehre der katholischen Kirche tabuisiert und ignoriert. Was wäre aber eigentlich schlimm, wenn es eine christliche Muttergottheit gäbe?
Siehe etwa das beliebte Marienlied „Gegrüßet seist du Königin“… Da heißt (es in der 6. Strophe „O mächtige Fürsprecherin, o Maria. Bei Gott sei unsere Mittlerin, o Maria…“ (Zit aus „Mythos Maria“, S. 92, von Hermann Kurzke, Beck Verlag)… Oder aus dem Lied „Wunderschön prächtige…“ In der 6. Strophe heißt es „Du bist die Helferin, die bist die Retterin“, Kurzke S. 238.)

15. Die Arbeiten von Jan Assmann über den Monotheismus führen zu mehr Klarheit im Umgang mit monotheistischen Religionen. Im Christentum, in den Kirchen, gilt doch jetzt die Erkenntnis: Wer sich heute Christ nennt, ist einbezogen in eine breite Gewaltgeschichte, die nur mit Mühe von offizieller Seite anerkannt wird. Diese Gewaltgeschichte erhält jetzt durch den sexuellen Missbrauch durch Priester weltweit noch ein neues Gesicht. Angesichts dieser überwiegend äußerst dunklen Geschichte bleibt meines Erachtens für einen spirituellen Christen nur der Weg der Mystik: Der Suche nach dem Göttlichen in der eigenen Seele, dem „ewigen“ Seelenfunken“ in jedem Menschen, dieser göttliche Seelenfunken verlässt den Menschen nicht – aufgrund des Geschaffenseins durch Gott, verlässt den Menschen auch nicht im Tod: Dies ist die „Auferstehungserfahrung“.

16. Jesus von Nazareth ist in unserer Sicht ein wegweisender Prophet und Lehrer, der heute die allgemeine, die säkulare, vernunftgesteuerte Ethik mit seinen eigenen Vorschlägen verstärken bzw. weiter führen könnte: Man denke an die jesuanische Feindesliebe, an die wesentliche Gleichheit ALLER Menschen als gelebte Brüderlichkeit. Man denke an die Abwehr von autoritären religiösen Meistern (Abwehr des Klerus etc.), an die Bevorzugung der Armen – als Weg der spirituellen wie politischen Befreiung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Karl Schlögel zum 70. Geburtstag

Ein kleines Dankeschön und ein Hinweis von Christian Modehn  am 6. März 2018

Darf ich das Wort originell noch verwenden, bei der Inflation dieses Begriffes, verwendet von den vielen, die heute alle so originell oder sogar kreativ sein wollen? Ich möchte die Qualität des Originellen, im Sinne des “Neues Entdecken”, des Freilegens dessen, was viele sehen, aber nicht wahr-nehmen, auf Karl Schlögel doch gern beziehen. Es ist für mich und sicher viele andere Leser zweifelsfrei: Karl Schlögel hat ein umfassendes erhellendes und helles Werk hervorgebracht, stets erklärend,  gut recherchiert, gut lesbar. Er hat publiziert, vor allem durch langjähriges eigenes Erleben vertieft, zur Sowjetunion, zu Russland und zu Osteuropa. Am 7. März 2018 wird Karl Schlögel 70 Jahre alt. Ich gratuliere.

Unmöglich ist es, die ganze Vielfalt der Themen seiner Forschung zu erwähnen. Ich erinnere mich etwa an seine Studien, in „Lettre“ oder der Berliner Zeitung, über die Bahnverbindungen von Berlin – Lichtenberg nach Sibirien; Themen des Alltags, könnte man denken, aber es sind Studien, die das „Andere“ unserer Berliner Nachbarschaft erschlossen haben. Ich schätze besonders die eher dem Umfang nach kleine, aber inhaltlich große, weil anregende Studie „Archäologie des Kommunismus. Oder Russland im 20. Jahrhundert“. Mit Fotos, 111 Seiten, erschienen in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München.

Um nur zwei Beispiele aus dieser Veröffentlichung zu nennen: Wer das Alltagsleben in der Sowjetunion verstehen will, sollte sich mit Schlögel für die „Kommunalkas“ interessieren, also jene sehr geräumigen, ehemals bourgeoisen Altbauwohnungen in Moskau oder Leningrad, wo bis zu 10 Familien dann lebten und leben mussten. Oder man sollte in dem genannten Buch („Archäologie des Kommunismus…) lesen, welche Rolle die Küche als kommunikativer und wohl auch oppositioneller Ort in der Zeit nach Stalin spielte. Ja, auch dies, dass für die Menschen in der Sowjetunion Reste von individueller Freiheit gab, etwa in den Datschen und während der Urlaubszeiten… Man lese die Beobachtungen über die Bedeutung der Palme (S.84) als Zierpflanze in offiziellen Gebäuden, es ist auch dieser Sinn für Details, für „Übersehenes“, mit dem Schlögel die Mentalitäten erschließt.

Schlögels Hinweise zur russischen Annexion der Krim und zu den Aggressionen gegen die Ukraine zeigen auch: Dass es in Russland heute eine „Flucht in den Ideen und Formenbestand des sowjetischen wie des imperialen Russland“ gibt. „Denkmäler, die schon einmal gestürzt und in Museumsparks gelagert wurden, sollen auf ihre Sockel zurückkehren“. Was für eine Regression. Unter Putin nehmen die Ressentiments machtvoll zu… „Für alles, was nicht funktioniert und falsch gelaufen ist“, ist der Westen ist schuld… Nur die Bürger Russlands, meint Schlögel, können aus dieser Sackgasse herausfinden. Werden sie die Kraft der gemeinsamen Opposition finden? Ist die russisch – orthodoxe Kirche heute das sprichwörtliche Opium des Volkes (Karl Marx)? Wird jemals die Zusammenarbeit der Kirche mit Putin und Co. ein Ende haben? Ist diese Kirche überhaupt fähig zur tiefgreifenden Reform? Darüber würde ich sehr gern weitere Studien von Karl Schlögel lesen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine kleine Philosophie der Sehnsucht.

Thesen und Hinweise von Christian Modehn. Vorgestellt im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15.12. 2017.

Es handelt sich um einige Elemente für eine kleine Phänomenologie der Sehnsucht:

Zuerst möchte ich den Gebrüdern Grimm widersprechen. Sie definierten Sehnsucht, im Rückgang auf mittelhochdeutschen Gebrauch, als „sensuht“, das heißt dann bei Ihnen: Als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“[, so in ihrem „Deutschen Wörterbuch“.

Für mich ist Sehnsucht nicht immer, eher selten, eine Krankheit. Sondern der Grundvollzug geistiger, seelischer und vernünftig-kritischer Lebendigkeit.

Sehnsucht ist ein ständiges Verlangen nach einem „Mehr im Leben“, als Überwindung alles Banalen und Flachen, des jeweiligen persönlichen wie gesellschaftlichen Status Quo. Diese Überwindung gelingt nicht immer. Aber diese Sehnsuchts – Bewegung und Suche ist unverzichtbar. Darin steckt auch Hoffnung, die freilich nie eine Garantie des Gelingens ist.

Unser geistiges Leben ist von einer ständigen Unzufriedenheit bestimmt: Alles, was wir erreichen, ist nicht das Endziel. Alles, was wir meinen verstanden zu haben, enthüllt weitere Probleme. Kein Mensch ist zu durchschauen. Jeder bleibt (Gott sei Dank) geheimnisvoll, um jeden und jede muss man sich weiter bemühen…Das Gelingen ist so selten. Aber es soll gelingen, obwohl man weiß, dass es nicht jetzt „ganz“ gelingen wird. Das ist Sehnsucht.

Einmal im Jahr gibt es ein Fest, etwas rundum Schönes und gute Stimmung Förderndes: Weihnachten. Aber wie oft erlebt man oft auch eine Enttäuschung, und das große Fest ist wieder vorbei. Ist es nur der Kommerz, der uns dazu treibt, irgendwie uns doch weiterhin auf Weihnachten (oder einen Geburtstag etc.) zu beziehen und da obligatorisch zu feiern? Warum feiern nicht unser Leben an einem jeden beliebigen Tag im Regen oder bei Sonnenschein?

Es ist normal angesichts der unerfüllten Sehnsucht zu wissen: Wir Menschen sind gebrochene, zerrissene Wesen. Wir finden kaum zur Einheit. Ganzheit ist ein Traum. Sehnsucht nach dem Schlaraffenland ist idiotisch. Also: Immer stellt sich das Gefühl ein: „Etwas fehlt“. Das ist gut so, es ist dies die Offenbarung unseres Wesens. Die Suche geht weiter, das Hoffen als tätiges Suchen geht weiter. Beim nächsten Mal wird vieles besser, hoffen wir. Letzter Hintergrund ist die Suche nach dem Friedensreich. Bloch nennt das „Heimat“. Ein „Land“, wo noch niemand war, nach dem wir aber verlangen, wenn wir nicht ganz abgestumpft sind. Diese Spannung ist bester Ausdruck des Menschen.

Ernst Bloch sagt in dem Ergänzungsband zur Gesamtausgabe, S. 367, aus einem Gespräch mit Adorno, moderiert von dem bekannten Horst Krüger: „Jede Kritik an Unvollkommenheit, an Unvollendetem, Unerträglichen, nicht zu Duldenden, setzt zweifellos schon die Vorstellung von einer möglichen Vollkommenheit und die SEHNSUCHT nach einer möglichen Vollkommenheit voraus. Es gäbe sonst gar keine Unvollkommenheit, wenn in dem Prozess nicht etwas wäre, das nicht sein sollte – wenn in dem Prozess die Vollkommenheit nicht umginge (also anwesend wäre, CM), und zwar als kritisches Moment. Aber diese Hoffnung ist das Gegenteil von Sicherheit und naivem Optimismus…“

Die Romantik als eine vielschichtige geistige Bewegung von ca. 1790 bis ca. 1840 hat die Sehnsucht energisch als Zentrum geistigen Lebens thematisiert, vor allem als Sehnsucht nach dem Unendlichen, dieses Unendliche muss nicht immer Gott oder das Göttliche sein, dieses ist eher das Nicht-Endliche oder „Über-Endliche“. Diese Sehnsucht findet für die Romantiker Ausdruck im Gefühl, das sie oft stark abgrenzen von der (bei ihnen) eher verachteten Vernunft und Aufklärung.

Da setzt die Romantik bzw. Sehnsuchts-Kritik an, etwa bei HEGEL, in seiner Kritik an Novalis etwa, in Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, III, Werkausgabe, S. 418. Diese Sehnsucht bei ihm habe keine „Substanz, sie verglimmt in sich und hält sich auf diesem Standpunkt fest“. Hegel spricht von der Extravaganz der Subjektivität, die „häufig zum Verrücktsein führt“ (ebd.) Diese Kritik Hegels ist sicher aus den polemischen Zusammenhängen damals zu erklären.

Die Sehnsucht nach Gott ist offenbar bei allen Menschen vorhanden, wird selbstverständlich je verschieden artikuliert. Aber wenn sich im Erleben des einzelnen diese Sehnsucht nicht erfüllt, kommt dies zur Ablehnung des Göttlichen. In jedem Fall: Auch der Atheismus hat seine Basis in der Sehnsucht nach dem Unendlichen oder auch Nicht-Endlichen.

Weil Sehnsucht als geistiges und auch körperliches Unterwegssein gilt, als unaufhörliches Fragen nach dem Gründenden und Tragenden, wird das erreichte Ziel eigentlich eher wie Stillstand wahrgenommen. Stillstand will die Sehnsucht nicht. Kann sie meditieren?

In jedem Fall: Sehnsucht ist der Widerstand gegen das Erlahmen. Leben wir aber schon in einer Welt, die das Erlahmen bereits fördert und die Sehnsucht gar nicht mehr aufkommen lässt? Andererseits: Ist das Planen und Vollziehen des Bösen auch eine Form von „umgelenkter Sehnsucht“?

Wird Gott als Ziel erreicht, „hat“ man „ihn“ in Formeln und Dogmen, ist eher der Abgott. Die Suche nach dem göttlichen Gott ist wichtiger, als Verlangen, Gott zu haben, zu besitzen etc…Dies ist heute noch in vielen Religionen Realität. Religionen fördern nicht das Fragen, nicht das Suchen, nicht die ständige Sehnsucht. Sie wollen Gehorsam und Stillstand. Darum ist aller Fundamentalismus und Dogmatismus ein Irrtum und eine Schaden für die Seele, weil die geistige Lebendigkeit gestört wird. Stille stehen kann nur sinnvoll sein als Unterbrechung einer Sehnsuchts/Frage-Bewegung.

Im Verlangen der Sehnsucht nach Gott, dem “tragenden Sinn” etc., ist das Gesuchte unthematisch schon (fragmentarisch) anwesend. Sehnsucht nach Gott lebt vom Vorverständnis des Göttlichen, das in uns ist. Der katholische Theologe und Philosoph Karl Rahner spricht von der Offenheit des Geistes für Gott. Also förmlich vom Vorverständnis „des“ Menschen von Gott. Es gibt dieses Ahnen, diese Vermutung: “Das muss doch etwas sein, das mehr ist als der banale Alltag. Weil wir dieses Darüber hinaus über den Alltag in uns haben, sind wir Wesen des Transzendierens“….

Thomas von Aquin, 14. Jahrhundert, sprach vom desiderium naturale, der natürlichen, also der allgemein menschlichen Sehnsucht nach Gott. Ist dies ein fremder Gedanke heute? Er will sagen: Der Mensch ist ständige Sehnsucht nach Sinn. So als, würden sich alle unterschiedlichen Sehnsüchte in einer großen zentrale Sehnsucht bündeln.

Der Begriff Vorverständnis ist die zentrale Kategorie in der Hermeneutik, in der Lehre vom verstehen, wie sie etwa Hans Georg Gadamer („Wahrheit und Methode“) entwickelt hat. Wir können uns nur fragend auf die vielen Phänomene der Welt einlassen, wenn wir immer schon eine Ahnung, ein noch unthematisches Verstehen der gesuchten Sache haben. Alles was wir kennen und lieben und wissen, das hat sich schon in einem Vorverständnis in uns vorgefunden. Die Frage: Gibt es noch das Neue, das „total Überraschende“? Sofern wir dieses „umwerfend Plötzliche“ verstehen und aussagen, ist es doch nicht total neu. Total Neues gibt es nicht, es gibt nur die Korrektur des Vorverständnisses….

Der kanadische Philosoph Carles Taylor, Montréal, sagt: „Man verkürzt heute das Nachdenken über den Menschen um den metaphysischen Hunger (ich sage: Sehnsucht). Dieser Hunger, diese Sehnsucht, nach etwas Größerem, Höherem, kurz nach Transzendenz kann die Ausrichtung eines Lebens gänzlich verändern. Es gibt das tiefe Unbehagen zu artikulieren gegen eine Welt, die sich selbst abschließt. Die tiefste Aufgabe der Philosophie ist, gegen die Verflachung der Welt vorzugehen“. (Interview in: Herder Korrespondenz, 20014, Seite 397.

Es ist interessant, dass Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, von den Leuten, die in den Orden aufgenommen werden wollte, vor allem verlangte: Ob sie eine Sehnsucht nach der Sehnsucht haben, sich auf Jesus Christus zu beziehen. Abgesehen davon: Sehr schön wird von der Sehnsucht nach der Sehnsucht gesprochen.

Im Stundenbuch von Rilke, Bd I, 1975, S. 294 lässt Rilke Gott zum Menschen sagen:

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinaus gesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand. (geschrieben am 4.10.1899 in Berlin-Schmargendorf !)

Ein Kommentar: Der Mensch soll Gott ein Gewand geben, das heißt der Mensch soll Gott sichtbar machen in der Welt. Aber Gott will, dass wir bis an den Rand unserer Sehnsucht gehen.

Heinrich Böll denkt an die Gebrochenheit des Menschen in der Welt und die Sehnsucht, dass der einzelne wahr – genommen wird und sagt: : „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise, klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe. Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht, erkannt zu werden, (also grundsätzlich bejaht zu werden CM) führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Zu Erich FROMM:

Der Mensch sucht danach, Machtlosigkeit, Verlorenheit, Isoliertsein zu überwinden. Er will sich zu Hause fühlen. Dies ist das Bedürfnis nach Bezogenheit und nach Transzendenz. Dies sind existentielle, psychische Bedürfnisse. Sie können sich als Sehnsucht äußern. Der Mensch hat physiologische Bedürfnisse und existentielle Bedürfnisse. Es gibt menschliche und unmenschliche Bedürfnisse.

Das Problem ist: Gibt es außer dem angeborenen Wunsch nach Freiheit auch eine instinktive Sehnsucht nach Unterwerfung? Und wenn es diese nicht gibt, wie ist dann die Anziehungskraft zu erklären, welche die Unterwerfung unter einen Führer heute auf so viele ausübt? Unterwirft man sich nur einer offenen Autorität, oder gibt es auch eine Unterwerfung unter internalisierte Autoritäten, wie die Pflicht oder das Gewissen, unter innere Zwänge oder anonyme Autoritäten wie die öffentliche Meinung?

Die politische Sehnsucht: Niemals darf die politische Dimension der Sehnsucht vergessen werden. Sie ist wohl die Basis aller Reflexionen zur Sehnsucht. Auch die Frühromantik hatte explizit progressive politische Ziele! Die Sehnsucht nach der besseren und gerechteren Gesellschaft (siehe Bloch) lebt immer auch von religiösen Motiven. Ohne die Sehnsucht nach einem besseren Leben würden die Verarmten in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas kaum überleben. Religionen, Kirchen, können diese revolutionäre Sehnsucht beruhigen und stilllegen! Stichwort: “Opium des Volkes“.

Die 300.000 Menschen etwa in den riesigen Slums von Nairobi, Kenia, die dort vom Land hin geflüchtet waren, haben die Sehnsucht nach der Heimat, ihrer Heimat, der Natur, bewahrt. Sie sehnen sich nach einem Leben außerhalb der Müllberge und der Krankheiten. Aber wahrscheinlich verhungern sie vorher schon im Dreck.

Diese total inhumanen Zustände weltweit, mit dem Schrei der Sehnsucht nach Menschenwürde und Menschenrechten, darf niemand vergessen, der sich hier im reichen Europa der schönen Sehnsucht in gemütlichen Weihnachtsstuben und dem Sing Sang von „Stille Nacht“ hingibt, und eben auch singt: „Alles schläft“… Aufwachen kann nur, wer Weihnachten aus dem eher regressiven und theologisch dumm machenden Sing Sang der Weihnachtssongs befreit und Weihnachten als Fest der Menschenrechte feiert. „Gott wird Mensch“, heißt es klassisch theologisch zu Weihnachten. Das heißt: Jeder Mensch ist von göttlichem, absoluten Wert! Daran müssen wir … politisch arbeiten. Die innere Kraft dazu, um es mal pathetisch zu sagen, finden Menschen, die sich an den vernünftigen Kern der Weihnachtserzählung halten, im Glauben, im Glauben daran, dass eine gerechte Welt möglich ist. Und dies kann man je mal denkend feiern, etwa am 25. 12. , ohne Regression, ohne das vom Konsumrausch verdorbene Trallala der banalen “Weihnachten”.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einfach glauben.Eine Ra­dio­sen­dung am 19.Februar 2017

Einfach glauben: Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen.

Eine Ra­dio­sen­dung in der Reihe “Glaubenssachen” auf NDR Kultur um 8.40 Uhr am Sonntag, den 19. Februar 2017.
Von Christian Modehn. Die Sendung kann man noch hören, klicken Sie hier.

In ihrer 2.000-jährigen Geschichte haben die Kirchen ein umfassendes Gebäude aus Lehren und Geboten, Gesetzen und Bekenntnissen entwickelt. Der christliche Glaube wurde hoch komplex und deswegen für den einzelnen kompliziert. Dabei hatte Jesus von Nazareth nur das “eine Notwendige” fürs Lebensglück vorgeschlagen: die Liebe zu Gott sowie die Selbst- und Nächstenliebe. Heute fordern immer mehr Theologen und Philosophen: Entdecken wir den einfachen Glauben wieder. Welches Profil hat er? Einfach im Sinne von leicht wäre dieser “einfache Glaube” sicher nicht. Befreiend aber allemal.

Babylon-Mythos und Wirklichkeit. Zu dem neuen Buch von Frank Kürschner-Pelkmann

„BABYLON – Mythos und Wirklichkeit“

Herr Kürschner-Pelkmann, Sie haben gerade jetzt wieder ein Buch veröffentlicht, das der kritischen Information, der Aufklärung, dient. Diesmal wollen Sie die LeserInnen mit den wahren Verhältnissen in der so vielfach gescholtenen Groß-Stadt BABYLON konfrontieren und Vorurteile in Frage stellen. Darum hat Ihr Buch BABYLON den treffenden Untertitel: „Mythos und Wirklichkeit“. Beginnen wir beim Mythos: Was ist denn der wichtigste, der extrem falsche, möchte ich sagen, Mythos unter den vielen Mythen, bezogen auf Babylon?

Viele Menschen glauben immer noch, dass die biblischen Geschichten vom sündigen Babylon und seiner Zerstörung einen historischen Hintergrund haben. Das ist problematisch, denn ein solches Verständnis dieser biblischen Geschichten verbaut den Zugang zu dem, worum es in der biblischen Botschaft geht.

Die Geschichten über Babylon können als Glaubensgeschichten verstanden werden, die gläubige Menschen vor Jahrtausenden aufgeschrieben haben, um ihren israelitischen Mitmenschen das Wunderbare der Existenz des einen Gottes nahe zu bringen. Im babylonischen Exil mussten sie mit den traumatisierenden Erfahrungen der Verschleppung und des Exils fertig werden. Wen kann es da wundern, dass sie auf göttliche Rache und die Vernichtung der Feinde hofften und dies auch aufschrieben? Aber wir sollten heute unsere Hoffnungen nicht auf einen brutalen und rachsüchtigen Gott setzen, sondern können diese biblischen Texte historisch einordnen und in ihrer Zeitgebundenheit verstehen.

Der “Turmbau zu Babel” ist ein weit verbreiteter Mythos, möchte man meinen. Was ist Ihrer Meinung die Wahrheit über den Mythos Turmbau zu Babel?

Wir müssen uns dafür die Situation der aus Jerusalem verschleppten Israeliten bewusst machen. Als sich ihr Zug der Stadt Babylon näherte, erblickten sie gewaltige Stadtmauern und einen riesigen Turm, der alles überragte. Dann kamen sie in eine fremde Stadt, in der ein verwirrend buntes Leben herrschte und viele Sprachen zu hören waren. Das musste die Neuankömmlinge zutiefst verunsichern. Bald waren sie selbst Teil dieser multikulturellen Gesellschaft, und viele von ihnen fürchteten, ihre Identität als Volk und als religiöse Gemeinschaft zu verlieren. Die Geschichte vom unvollendeten Turmbau sollte der realen Macht der Babylonier die Glaubensüberzeugung entgegenstellen, dass diese Großmacht nicht von Dauer sein würde und ihre Machtsymbole nicht in den Himmel reichten.

Das Gegenüber bzw. Gegeneinander von Jerusalem und Babylon, also von der gottesfürchtigen und der heidnischen, gewalttätigen Stadt, hat ja auch in der christlichen Theologie und Predigt eine lange anhaltende Beliebtheit. Wie erklären Sie sich die gedankenlose Gegenüberstellung?

Es ist in Predigten immer effektvoll, Gut und Böse einander schroff gegenüberzustellen. Und die Rolle des Bösen übernimmt dabei allzu häufig das „sündige“ Babel mit dem „Bösewicht“ König Nebukadnezar. Nicht nur Archäologie und Altorientalistik haben längst nachgewiesen, dass dies ein Zerrbild der Stadt am Euphrat und seines bedeutenden Herrschers ist, sondern auch die theologische Wissenschaft hat dieses Bild korrigiert. Aber leider ist die Versuchung weiterhin groß, in Predigten bei Schwarz-Weiß-Gegenüberstellungen stehen zu bleiben.

Sie zeigen in Ihrem Buch ausführlich, dass Babylon zwar keine Musterstadt war, welche Stadt ist das schon, sondern eine lebendige multikulturelle, durchaus kreative Kultur-Stadt, was verdanken wir heute denn noch Babylon?

Auch andere Völker beobachteten Naturphänomene wie den Lauf der Gestirne. Aber die Babylonier haben dank ihrer Jahrhunderte langen systematischen Beobachtungen und deren Notierung auf Keilschrifttafeln erkannt, wie die Sterne sich auf berechenbaren Bahnen bewegen. Sie waren auf dieser Grundlage zum Beispiel in der Lage, eine Sonnenfinsternis lange vorher anzukündigen. Die heutige Astronomie und Astrologie haben ganz eindeutig babylonische Wurzeln.

Die griechische Wissenschaft hat sehr stark von den Erkenntnissen babylonischer Gelehrter profitiert. So beruht zum Beispiel der Satz des Pythagoras auf mathematischen Berechnungen, die schon Schulkinder in Babylon gebüffelt haben. Übrigens geht auch unsere Aufteilung der Stunde in 60 Minuten mit je 60 Sekunden auf babylonischen Festlegungen zurück. In der babylonischen Rechenkunst hatte die Zahl 60 eine zentrale Stellung.

Offenbar ist die Unkenntnis über das wahre, frühere Babylon immens. Sie berichten in Ihrem Buch, dass westliche Soldaten jetzt achtlos mit den Resten des alten Babylon umgehen. Was ist da passiert?

Als amerikanische Truppen im Irakkrieg das Land eroberten, richteten sie ausgerechnet in den Ruinen von Babylon eines ihrer Hauptquartiere ein. Rücksichtslos fuhren sie mit gepanzerten Fahrzeugen kreuz und quer zwischen den antiken Ruinen herum. Auch legten sie auf archäologisch noch gar nicht untersuchtem Gelände Schützengräben an. UNESCO-Experten waren entsetzt, als sie die Spuren dieses Zerstörungswerkes zu Gesicht bekamen. Das amerikanische Vorgehen war Ausdruck einer völligen Missachtung fremder Kulturen und Religionen.

Und die Keilschrifttafeln, können die noch gerettet werden?

Viele Keilschrifttafeln befinden sich heute in europäischen oder irakischen Museen. Aber es gibt einen florierenden illegalen Markt für solche Tontafeln, und Raubgräber nutzen die Bürgerkriegssituation, um ihre Funde an ausländische Sammler zu verkaufen. Auch der „Islamische Staat“ mischt hier mit. Dadurch gehen der Wissenschaft viele Informationen verloren, die es ermöglichen würden, das Leben in Babylon noch besser zu verstehen.

Wer die Reste des alten Babylon heute zerstört, etwa die IS, der will das Bild, wenn nicht das Vorbild, einer uralten (!) multikulturellen Stadt zerstören?

Babylon selbst ist noch nicht durch den Bürgerkrieg zerstört worden, wohl aber Ruinen in anderen irakischen und syrischen Ausgrabungsstätten. Für den IS spielt dabei eine wichtige Rolle, dass Kulturen wie die in Babylon dadurch geprägt waren, dass Menschen aus unterschiedlichsten Völkern und Religionsgemeinschaften friedlich zusammenlebten. Vielfalt war geradezu das „Erfolgsgeheimnis“ Babylons. Genau eine solche Vielfalt wollen Gruppierungen wie der IS bekämpfen und vernichten.

Sollten sich religiöse Menschen, auch Christen, heute zu Babylon bekennen und sagen: Die uralte Kulturstadt wollen wir ehren und respektieren?

Viele Christinnen und Christen haben inzwischen gelernt, anderen Weltreligionen mit Respekt zu begegnen. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir mit Menschen dieser Glaubensgemeinschaften heute Tür an Tür leben. Aber es ist auch für die Menschen im Irak von Bedeutung, wenn wichtige historische Persönlichkeiten wie Nebukadnezar immer wieder diffamiert oder die babylonische Kultur und Religion herabgewürdigt werden. Babylonien und Assyrien sind von immens großer Bedeutung für ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein und eine gemeinsame Identität des zerrissenen und zerstörten Landes. Für uns alle gilt: Von Babylon lernen heißt, Vielfalt zu schätzen und als Reichtum zu begreifen.

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” empfiehlt sehr für private Lektüre und Studium, aber auch für die Gruppenarbeit das neue, spannend zu lesende, vielseitige und aktuelle Buch von Frank Kürschner-Pelkmann:

„Babylon. Mythos und Wirklichkeit“. Steinmann Verlag, Rosengarten bei Hamburg. 2015, 239 Seiten, 24,80 Euro.

ISBN: 978-3-927043-65-7

 

Der Islam gehört nicht zu Deutschland ??? Wenn das logische Denken versagt

Wenn das logische Denken bei einem CDU Poliitker versagt

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 26.1.2015.

In leicht veränderten Form liegt der Beitrag auch auf der website der Zeitschrift PUBLIK FORUM vor, die wir erneut empfehlen! Zur Lektüre dieses Kommentars und anderer aktueller Beiträge klicken Sie bitte hier.

Später hat der CSU “Spitzen”-Politiker Horst Seehofer ebenfalls behauptet: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Sehr früh also wurden von CDU/CSU Politikern eine Abneigung gegen “den” Islam  propagiert. Die Früchte dieser pauschalen Verachtung “des” Islam sieht man heute an dn Wahlerfolgen der AFD… (notierz von Christian Modehn am 29.9.2025).

 

„Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings sind Katholiken willkommen und können ihre Religion ausüben“. „Auch der Atheismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings können Atheisten hier ihre Überzeugung ausüben“. Den logischen Unsinn dieser beiden Sätze erkennt jeder noch halbwegs denkende Mensch sofort. Den Katholizismus gibt es nur, weil und wenn es Katholiken gibt. Den Atheismus nur, weil und wenn es Atheisten gibt. „Der Katholizismus“ wie „der Atheismus“ sind allgemeine, rein gedankliche Begriffs-Konstrukte, die als solche und identisch-greifbar gar nicht vorkommen. Es gibt immer nur Menschen, die ihre jeweilige Überzeugung leben und öffentlich zeigen.

Selbst wenn in einer phänomenologischen Betrachtung Religionen analysiert werden, etwa in der Untersuchung ihrer grundlegenden Texte, sind es immer Menschen in unterschiedlichen Situationen und unterschiedlichen Zeiten (und Kenntnissen), die dann ein angebliches “Wesen” ihrer phänomenologisch betrachteten Religion beschreiben. Eine konkrete Religion gibt es also nicht “an sich”, sondern immer nur in Verbundenheit mit Menschen, die diese Religion untersuchen und/oder dieser Religion als Gläubige folgen. Islam ohne Muslime gibt es also genauso wenig wie Muslime ohne Islam! Man kann nicht Muslime schätzen und “den” Islam (naiv als eine Einheit verstanden) verachten.

Nun outet sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Sonntag, den 25. Januar 2015 in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ als treuer Gefolgsmann der nur selten dem logischen Denken verpflichteten Pegida – Bewegung: Der Ministerpräsident sagt: „Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört“. Falls sich Sachsen nicht wieder als eigenständiges Königreich mit einem König Stanislaw dem Starken etablieren will, gehört Sachsen nach wie vor zum Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Dann kann der jedem logischen Denken ferne Satz des Herrn Tillich tatsächlich nur übersetzt werden: „Das bedeutet, dass der Islam nicht zu Gesamt-Deutschland gehört“.

Aber was heißt das eigentlich? Was will Tillich unternehmen, dass „der Islam“ nicht (länger) zu Deutschland gehört? De facto ist der Islam in Deutschland und (zahlenmäßig ganz schwach) in Sachsen vorhanden, in Moscheen, Bildungsinstituten und kleinen oder größeren Gebetsstuben, in Koranausgaben und Treffpunkten, wie Teestuben und Buchhandlungen. Vor allem ist der Islam präsent in den Muslimen. Sollen diese Institutionen also verschwinden, „weil sie nicht zu Deutschland/Sachsen gehören“? Das ist unmöglich, weil ein großer Teil der Muslime diese Institutionen gebaut haben und gebrauchen. Muslime in Deutschland haben zudem in großer Anzahl auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Darf man Deutschen ihre eigenen Institutionen nehmen? Bis jetzt ist das unmöglich.

Der Pegida-Satz des Herrn Tillich übersieht zudem, dass es „den Islam“ auch in Deutschland als einen festen einheitlichen Block nicht gibt. Es gibt Theorien und Theologien eines liberalen Islams, eines mystischen Islams, eines konservativen Islams, und, auch das, quantitativ eher schwach vertreten, eines fundamentalistischen Islams. Und es gibt die vielen Türken hier, denen die Bindung an „den Islam“ ziemlich gleichgültig ist, so wie es Hundertausende von Katholiken und Protestanten gibt, denen ihre Kirchenbindung nur am Heiligabend wichtig ist.

Aber diese sehr verschiedenen Ausprägungen des Islams gibt es nur, weil es Menschen gibt, die sie formulieren und zu Papier bringen. Logisch gesehen heißt das: Wer großspurig „den“ Islam hier nicht will, der will auch nicht diejenigen hier, die sich auf vielfache Weise an den Islam binden. Wer sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland/Sachsen, der will, ohne es schon direkt zu sagen, dafür sorgen, dass die Muslime hier verschwinden. Denn, siehe oben, „den Islam“ gibt es nur, weil es Islam-Gläubige gibt. Und er will eine noch rigidere und unmenschliche Asylpolitik, weil etliche Hilfe-Suchende aus islamischen Ländern stammen. Er will das angeblich brave (Pegida) Volk aufhetzen, wenn sich irgendwo „der Islam“ zeigt, etwa im Bau von Moscheen. Hingegen ist wohl Tillich dafür, dass Handelsbeziehungen zu den islamischen Staaten blühen, denn die bringen ja Arbeitsplätze auch in Sachsen.

Was Ministerpräsident Stanislaw Tillich betreibt, ist also eine versteckte Form des Rassismus: Muslime raus, könnte er im Klartext reden, doch dazu fehlt ihm wohl noch der Mut. In diesen Tagen denken wir an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren: Dabei denken wir daran, dass schon einmal in Deutschland propagiert wurde: Das Judentum passt nicht zu Deutschland, zum Abendland usw. Daraus wurde dann unverhohlen seit 1933 die tötende Botschaft: Die Juden als Juden passen nicht zu Deutschland. Dann wurden sie vertrieben und vergast.

Wie lange ist ein Ministerpräsident tragbar, der sich jedem logischen und damit humanen Denken verschließt? Der unlogische Propagandasprüche verbreitet? Sind ihm die Pegida Leute parteipolitisch wichtiger als Logik und Menschlichkeit? Wenn es Charlie Hebdo Zeichner in Deutschland gebe, würden sie wohl zeichnen: Eine Demonstration in Dresden, auf der alle die Schilder tragen mit der Botschaft: „Der Vorname Stanislaw passt nicht zu Sachen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Als Background:

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article136740584/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Sachsen.html

Welt am Sonntag: Die größte Sorge der Pegida-Bewegung ist die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft. Frau Merkel sagt nun in diesen Tagen ganz offensiv: Der Islam gehört zu Deutschland. Gehört der Islam auch zu Sachsen?

Tillich: Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.