Max Josef Metzger: Aktiv gegen die Nazis, aktiv für die Ökumene, ein Friedensaktivist…

Jetzt wird Max Josef Metzger von der katholischen Kirche offiziell geehrt als Märtyrer, als „ein Seliger“, also fast schon als ein Heiliger…

Einige Hinweise von Christian Modehn. November 2024.

1.
Max Josef Metzger sollte man kennen: Kurz seine Daten: Er wurde geboren am 3.2.1887 in Schopfheim im Schwarzwald. Er wird hingerichtet durch Enthauptung im Nazi – Gefängnis Brandenburg/Havel am 17.4.1944. Metzger war katholischer Pfarrer zu Zeiten, als sein politisch-radikales und theologisch-mutiges Profil von der Hierarchie noch viel weniger erwünscht war als heute.

2.
Am 17. November 2024 wird Max Josef Metzger im Münster von Freiburg im Breisgau, in seiner badischen Heimat, feierlich selig gesprochen: Das heißt: Die Bischöfe und der Papst wollen – endlich – 80 Jahre nach dem Martyrium des Friedensaktisten, Nazi – Feindes und Vorkämpfers zugunsten der Einheit der Christen ein Zeichen setzen und verkünden: Dieser Max Josef Metzger hatte vollkommen recht mit seinem Widerspruch und seinem Engagement. Sein Martyrium war wohl nicht umsonst, viele Impulse seines Lebens wirken weiter. Man sollte dabei auch wahrnehmen, wie schwer es Pfarrer Metzger hatte in der ängstlichen, oft nazifreundlichen Hierarchie der katholischen Kirche damals.

3.
Max Josef Metzger war seit 1911 Katholischer Priester, mit 23 Jahren erwarb er schon den theologischen Doktorgrad. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil, aus Gesundheitsgründen konnte er in seine Heimat zurückkehren und widmete sich dann seit 1917 aktiv zugunsten der damals sehr schwachen Friedensbewegung.

4. Für den Frieden in friedlosen Zeiten
Er gehörte auch zu den führenden Initiatoren und Mitgliedern des „Friedensbundes deutscher Katholiken (FDK)“ und des „Internationalen Versöhnungsbundes“. Zwei Organisationen, die es im damaligen Katholizismus nicht leicht hatten. „Die großen katholischen Verbände wie auch die meisten Bischöfe verhielten sich ablehnend gegenüber dem Friedensbund deutscher Katholiken“ (Fußnote 1)
Am ersten „Demokratischen Internationalen Kongress“ im Jahr 1921 in Paris, mit mehreren tausend TeilnehmerInnen, nahm Metzger auf Einladung des französischen Katholiken Marc Sangnier teil. Als einer der ersten Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg hielt Metzger eine Rede über die Verbindung von Demokratie und Frieden.
Auch beim „Interreligiösen Friedenskongress“ 1928 in Den Haag war Metzger dabei, er hielt einen Vortrag über die biblische Friedensbotschaft. Die traditionelle katholische Lehre vom „gerechten Krieg“ lehnte er ab, jeder Krieg war für ihn Verbrechen. Bei der „Internationale der Kriegsdienstgegner“, einem Treffen vor allem von Sozialisten und Kommunisten, war Metzger dabei und schloß sich der Parole an: „Menschen aller Staaten vereinigt euch gegen den Krieg“, der katholische Pfarrer plädierte für einen weltweiten passiven Widerstand gegen den Krieg…. Und er „verurteilte das System des Kapitalismus und predigte einen christlichen Sozialismus. Mit solchen Auffassungen musste er nicht nur kirchlichen Amtsträgern, sondern ebenso den Machthabern des Dritten Reiches als höchst gefährlich erscheinen,“ schreibt der Historiker Georg Denzler (Fußnote 2)

Der VVN Augsburg zitiert Max Josef Metzger: „Das ganze gottverlassene System der Wirtschaft von heute mit ihrer schrankenlosen und gewissenlosen Profitgier führt, ohne daß es dem Einzelnen meist zu Bewußtsein kommt, fast zwangsläufig einmal zu der Katastrophe des Krieges.“ (1930) Und 1932 veröffentlichte Dr. Metzger einen Artikel gegen die nazistische Judenhetze und stand ab 1933 abseits der Auffassung der deutschen Bischöfe. Diese erkannten am 28.3.1933 das neue Regime feierlich an, ermahnten die katholischen Gläubigen zu treuer und gewissenhafter Erfüllung der Staatsbürgerpflichten und untersagten ihnen jegliches rechtswidrige Verhalten. Er formulierte 1934: „Die Kirche muß sich zur Wehr setzen, wo man die Macht zum Götzen erhebt, wo man den Frieden zwischen den Völkern durch rohe Gewaltpolitik gefährdet, wo man den Staat zur Quelle allen Rechtes macht und fremde Rechte nur insoweit gelten läßt, als sie dem eigenen Volke keine Opfer zumuten.“ – Eine Kampfansage gegen das Naziregime. Quelle: LINK

5.
Originell und inspirierend bis heute bleibt Metzgers Einsicht: Frieden gibt es nur, wenn sich die Menschen zum Frieden auch innerlich bekehren. Frieden und Friedensbewegung haben also entscheidend mit Spiritualität zu tun. Nur ein erneuerter humaner Geist, also der immer wieder eingeübte und in Friedenszeiten besprochene Geist des Friedens, kann auf Dauer eine neue humane Welt gestalten. Alle technokratischen, militärischen Überlegungen hinsichtlich der Waffensysteme usw. sind also sinnlos als Aktivitäten der Friedenssicherung, wenn nicht ein erneuerter Geist der Verständigung, des Dialogs alles politische Handeln bestimmt. Friedenspolitik gelingt nur als Bewusstseinsbildung, als politische wie spirituelle Bildung.

6.
Die gelebte Einheit der in Konfessionen gespaltenen Christenheit war für Max Josef Metzger der theologische Mittelpunkt und das Ziel seiner theologischen Bemühungen: Glaubwürdig für den Frieden eintreten kann seiner Meinung nach nur die katholische Kirche, wenn sie selbst die anderen Meinungen und Mentalitäten der anderen christlichen Kirchen respektiert. Metzger wollte nicht länger der offiziell verbreiteten Ideologie folgen: Allein die katholische Kirche sei die einzig wahre Kirche, zu der alle anderen christlichen „Gemeinschaften“zurückkehren sollten. Die von ihm gegründete Gemeinschaft der „Christkönigsgesellschaft“ (Fußnote 3) in Meitingen bei Augsburg setzt(e) sich für die Ziele einer gelebten Ökumene ein.
Metzger war auch Autor zahlreicher spiritueller Texte, Gebete und religiöser Lieder, sie zeigen, wie sehr er als Theologe von der offiziellen katholischen Frömmigkeit geprägt war, der aber doch die Kraft hatte, diese enge konfessionalistische Welt zu überwinden. Die Notwendigkeit seiner  „Christkönig Gemeinschaft“  begründete Metzger in einem Brief aus dem Gefängnis, geschrieben am 2.11.1943, mit heftigen, treffenden Worten: „Die Veräußerlichung und Vergesetzlichung der Kirche, das Verlassen des urchrsitlichen Geistes der Buße, der Gemeinschaft des Dienstes, der Liebe, die Selbstgerechtigkeit gerade bei der zur Führungg Berufenen … der Mangel an lebendigem, zündenden Geist… diese ganze Not der Kirche verlangt eine Erneuerungsbewegung…“ (Fußnote 10)

7. Ein Atheist und Kommunist gehört zur Gemeinde Christi…
In seinen „Briefen aus der Gefangenschaft“ schreibt Metzger am 29.8.1943 auch von dem Zusammensein im Gefängnis mit dem „Vorsitzenden des Deutschen Freidenkerverbandes“ (gemeint ist Max Sievers), „der bis vor ein paar Tagen für mehrere Wochen mein Bettnachbar war im berüchtigte Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße. Trotz der weltanschaulichen Kluft, die uns trennte, standen wir uns doch in gegenseitiger Achtung näher als andere; ich fand in ihm einen Charakter, der vornehm und gerecht urteilte und gute Kameradschaft pflegte – ich möchte meinen, in ihm wirkt unbewusste etwas weiter von christlicher Erziehung vieler Jahrhunderte deutscher Geschichte. … Ja, ich möchte irgendwie einen solchen Menschen mehr zur Gemeinde Christi rechnen als so viele Getaufte, deren Seele unberührt geblieben ist vom heiligen Geist Christi (Fußnote 6). Weiter schreibt Metzger: „Ich habe nicht das Recht, über das jenseitige Schicksal eines Menschen zu urteilen. Jedenfalls ist es mein Glaube, dass verloren im eigentlichen Sinne, zur Hölle bestimmt, nur ist, wer wider seine Gewissensüberzeugung stand. Wie viele Christen sind da freilich schlechter dran als die so genannten ‚Heiden‘.“ Auch Max Sievers wurde in Brandenburg – Görden enthauptet, am 17.Januar 1943… (Fußnote 4)

8.
Max Josef Metzger hatte in Form einer Denkschrift Pläne ausgearbeitet für den Aufbau der Demokratie in Deutschland und Europa nach dem erhofften Ende des Nazi-Regimes. Den Text sollte ein befreundeter lutherischer Bischof in Schweden nach England weiter reichen. Die Botin nach Schwedin war aber die Gestapo Agentin Dagmar Imgart, sie hat Metzger verraten. (Fußnote 5).
Im Juni 1943 wurde er verhaftet, vom Volksgerichtshof unter dem Verbrecher Roland Freisler am 14. Oktober 1943 zum Tode verurteilt, ins Gefängnis Brandenburg verbracht und dort am 17.April 1944 enthauptet. An den Händen gefesselt konnte Max Josef Metzger noch etliche Briefe und theologische Texte verfassen und seinen FreundInnen und Mitarbeiterinnen zugänglich machen.

9.
Diese Briefe aus der Gefangenschaft zeigen einen Menschen, der das Unrechtsurteil angenommen hat in dem Glauben, dass er sein Leben spirituell aufopfert für den Sieg der Gerechtigkeit. Die Briefe aus der Gefangenschaft (Fußnote 6) zeigen einen Mann, der nur in der engen Verbindung mit seinem Glauben diese Qualen annehmen konnte.

10.  Erzbischof Gröber versucht – scheinheilig – seinem Priester Metzger zu helfen
Wirksame Unterstützung und hilfreiche Solidarität fand Pfarrer Max Josef Metzger bei seinem zuständigen Erz-Bischof Conrad Gröber von Freiburg i.Br. nicht. Die Person Gröber ist unter Historikern noch immer umstritten, wobei Gröber dichte Nähe zum Nationalsozialismus zweifellos eine Tatsache ist: Schließlich war er freiwillig für einige Monate Fördermitglied der SS geworden. Auch wenn er sich von dieser SS – Bindung distanzierte, er blieb ein Bischof, der sich selbst retten wollte und in gewundenen Formulierungen, scheinheilig muss man wohl sagen, seinen Priester Max Josef Metzger in allerletzter Minute noch zu retten versuchte.
Er hatte schon dem „Verteidiger“ Metzgers beim Volksgerichtshof geschrieben und ihm die besondere idealistische Charakterstruktur des Priesters erklären wollen, sozusagen als Entschuldigung für dessen Widerstand gegen die „Regierung“.
Nachdem das Todesurteil am 14. Oktober 1943 vom Volksgerichtshof gefallen war, schrieb Erzbischof Gröber zwei Tage später direkt an den Oberrichter/Verbrecher Freisler vom Volksgerichtshof einen Brief, der mehr die Person Gröbers schützen sollte als dass er Pfarrer Metzger noch retten wollte (Fußnote 7):
„Hochverehrter Herr Präsident des Volksgerichtshofes,
eben erhalte ich die Nachricht über die Verhandlung, die vorgestern zum Todesurteil des Diözesanpriesters Max Metzger geführt hat.
Ich bedaure aufs allertiefeste das Verbrechen (sic !) dessen er sich schuldig gemacht hat…“ Dann schreibt der Erzbischof von seinem Brief an den „Verteidiger Metzgers, einen Dr .Dix, in dem der Bischof Metzger als Idealisten (also eigentlich als einen Dummkopf, CM) bezeichnet hatte. Und der Erzbischof wagte es noch, sich für den Brief zu entschuldigen: „So glaubte ich als sein Erzbischof verpflichtet zu sein, etwas für ihn zu unternehmen.
Mit Ausdruck meiner hohen Verehrung und Wertschätzung Ihr ergebener Conrad, Erzbischof“ (ebd).

Wikipedia über Erzbischof Conrad Gröber (gelesen am 4.11.2024): „Am 12. November 1943 teilte Gröber seinem Diözesanklerus die Verurteilung von Metzger mit, u. a. mit folgenden Worten: „Dieser überaus traurige Fall soll uns eindringlich lehren, dass wir alles und jedes, was dem Vaterland in seiner schweren Zeit und damit auch uns selber irgendwie schaden könnte, peinlichst unterlassen, die ungeheuren Opfer und Erfolge unserer Soldaten im Felde dankbar und fürbittend würdigen, den Mut unserer Gläubigen in der Heimat stärken […], an das furchtbare Unglück eines verlorenen Krieges mit bolschewistischen Folgen denken und Tag für Tag Gott bitten […], dass er unsere Heimat schütze und mit einem ehrenvollen inneren und äußeren Frieden segne.“ (Quelle: LINK)

Über den verstörenden Umgang Erzbischof Gröbers mit den Priestern, die nach einem KZ Aufenthalt 1945 wieder in Freiheit waren und Respekt forderten, wäre zu sprechen. Siehe dazu das Buch des Historikers Georg Denzler in der Serie Piper, Seite 123 ff.

11. Erzbischof Gröber in der Diskussion!
Die Debatte über die zwiespältige Gestalt Erzbischof Gröbers geht zumal im Freiburger Raum sehr heftig weiter, nur nicht jetzt im offiziellen Gedenken an den seligen Pfarrer Metzger.
Die Arbeiten des Historikers Wolfgang Proske haben für Debatten gesorgt etwa zur Umbennnung von Gröber – Straßen und Aufhebung von Gröber – Ehrenbürger-Würden.
Wolfgang Proske schreibt: „Warum hat Gröber nur selten etwas getan, das über den unmittelbaren Vorteil seiner Kirche hinausgegangen wäre? Warum belog er den französischen Gouverneur, er habe nie zur Partei und zu keiner ihrer Organisationen gehört? Wie konnte Gröber am 13. November 1946 sagen: „Soviel ist sicher, dass ich durch die geheime Staatspolizei und ihre Helfershelfer seelisch mehr gelitten habe als viele von denen, die in Dachau misshandelt wurden oder starben“, so fragt Proske und betont: „Ich komme also zum Ergebnis: Gröber hat bis zu seinem Tod seine verhängnisvolle Selbstinstrumentalisierung zur Durchsetzung des NS-Systems nicht verstanden. Er war kein Täter, aber ein Helfershelfer des Nationalsozialismus. (Fußnote 8).

11.

Zum Revisionsurteil des Bundesgerichtshofes am 28. Juni 1956: Freislers Todes – Urteil (Volksgerichtshof) über Dr. Max Josef Metzger ist Mord: „Die Verurteilung Dr.Metzgers und die Vollstreckung des Todesurteils gegen ihn war eine vorsätzliche rechtswidrige Tötung unter dem Deckmantel der Strafrechtspflege.“ D.h.: 12 Jahre nach dem Nazi – urteil wird Max Josef Metzger nun für schuldfrei erklärt „und als echtes Blutzeugnis vor die Geschichte unserer Zeit gestellt“, schreibt die verantwortliche Leiterin der von Metzger gegründeten „Christ-Königsschwestern Gemeinschaft“ am 17. April 1964 in dem Buch „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“, Meitingen 1964, Seite XXIV.

13.
Ein spiritueller Text von Max Josef Metzger:

„Ich muss gestehen, ich habe sie nie gelernt
Die Kunst das Krumme – krumm zu lassen!
Ich konnt` im ganzen Leben nicht erfassen
Dass man bei Notstand höflich sich entfernt…
Ich fürchte fast, es scheitert am Gewissen –
Ich hab ihm allzeit Treue halten müssen:
Wer sich dafür nicht wagt, der ist kein Mensch.!
Geht euren Weg, ich seh euch ohne Neid
Ihr klugen Selbstversorger all, ihr Weisen!
Ich geh den meinen – mögt ihr Narr mich heißen
Mich tröstet meiner Seele Seligkeit!

(Fußnote 9)

…………………….

Fußnote 1:
Zum Friedensbund Deutscher Katholiken, siehe „Hermes Handlexikon: Die Friedensbewegung“ ECON Verlag, 1983, S. 141, Beitrag von D. Riesenberger.
Am 1.7.1933 wurde der „Friedensbund Deutscher Katholiken“ (FDK) von den Nazis verboten, führende Mitglieder verhaftet oder hingerichtet wie Pfarrer Metzger. Im Jahr 1933 zählte der FDK noch 31.500 Mitglieder. In dem Beitrag von Prof. Dieter Riesenberger heißt es weiter: „Nach 1945 unternahmen F.M. Stratmann und andere führende Mitglied des FDK den Versuch einer Neugründung. Die ablehnende Haltung gegenüber der Aufrüstung der Bundesrepublik führte zu heftigen Angriffen gegen den FDK, so daß er sich unter starkem kirchlichen und politischen Druck im April 1951 auflöste“.

Fußnote 2:
Georg Denzler, „Die Kirchen im Dritten Reich“, Band I, Fischer Taschenbuch Verlag, 1984, S. 181.

Fußnote 3:
Das von Max Josef Metzger 1925 gegründete „Christ-König-Institut“ in Meitingen bei Augsburg: Siehe: http://saekularinstitute.de/saekularinstitute/christkoenigs-institut-meitingen

Fußnote 4:
Quelle: https://www.juraforum.de/lexikon/max-josef-metzger
Und: http://www.zerstoerte-vielfalt-humanismus.de/index.html

Fußnote 5:
Die Schwedin Dagmar Ingart, 1896 geboren, war in Deutschland in christlichen Krisen aktiv und seit 1941 Gestapo – Agentin, eine von der ganz üblen Sorte. Nach dem Krieg aus Schweden nach Deutschland ausgewiesen, wurde sie nach mehreren gerichtlichen Verfahren am 14. Juni 1957 unter Aussetzung des Straf-Restes zur Bewährung entlassen. Sie zog zunächst nach Zwingenberg, Bergstraße und und 1960 nach Bensheim. Sie starb am 30. August 1980, 84-jährig, in Seeheim – Jugenheim.

Fußnote 6:
Max Josef Metzger, „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“. Kyrios Verlag, 3. Aufl. 1964. Seite 93-94!

Fußnote 7
: wie Fußnote 2, dort S.184 f.

Fußnote 8:
 Armin Heim, Wolfgang Proske und Helmut Weißhaupt nehmen Stellung zur aktuellen Diskussion um Erzbischof Conrad Gröber. Schwäbische Zeitung, veröffentlicht: 28.04.2017.

Fußnote 9:
Zit. in: Georg Denzler, „Widerstand oder Anpassung. Katholische Kirche und Drittes Reich“, Serie Piper, München, 1984, S. 122.

Fußnote 10:

Max Josef Metzger, „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“. Kyrios Verlag, 3. Aufl. 1964. Seite 148- 149. Leider ist dieses Buch nur noch antiquarisch zu haben. Fpr mich völlig unverständlich!

……………….

Das „Konradsblatt“, die Zeitung des Erzbistums Freiburg, veröffentlichte mehrere Beiträge über Max Josef Metzger, etwa: LINK

Und jetzt (5.11.2024) veröffentlicht das „Konradsblatt“ aus Anlaß der Seligsprechung am 17.11.2024 ein interessantes Sonder – Heft mit vielen Fotos und Dokumenten über Max Josef Metzger. LINK

Allerdings: Das Thema „Metzger und sein Freiburger Erzbischof Conrad Gröber“ wird darin nicht dokumentiert und kritisch bewertet. Erzbischof Gröber ist wohl immer noch ein Problem für Katholiken im Bistum Freiburg.
Auch Metzgers Hochschätzung des Kommunisten und Freidenkers Max Sievers wird in dem umfangreichen Sonderheft nicht erwähnt. Das wäre doch mal ein Hinweis zum Thema „Dialog Katholiken und Atheisten“! Dieser Verzicht ist zudem bedauerlich, weil Sievers für die Feuerbestattung eintrat, was Katholiken damals verabscheuten. Aber mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde die Feuerbestattung auch Katholiken – halbherzig – erlaubt. Für Priester immer noch ein Tabu. Ausnahmen: Der niederländische Priester Herman Verbeek ließ die Asche seines Körpers über der See ausschütten; der katholische Bischof Jacques Gaillot, Frankreich, bestimmte, dass seine Asche über einem Armenfriedhof bei Paris ausgestreut wird…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was ist Aufklärung? Ausstellung im „Deutschen Histor. Museum“ Berlin.

Vernunft ist Licht. Und Licht ist stärker als Dunkelheit in Politik, Wirtschaft und Religionen…

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.11. 2024,

Vorwort:
Die philosophische Aufklärung sollte man übersetzen mit „ Herrschaft der universellen Vernunft“. Und das ist: „Universelle Herrschaft der Menschenrechte“.
Aber: Wir leben noch nicht in einem „aufgeklärten“, vernünftigen Zeitalter! Sondern wir leben in einem Zeitalter der mühsamen, tätigen, stets bedrohten Aufklärung. Menschen streben nur nach umfassend herrschender Vernunft, das betont Immanuel Kant in seinem Aufsatz „Was ist Aufklärung“ (1784) (Fußnote 1).
Wohl wahr: Wenn man sich umsieht und diese Gestalten bewertet, die heute politisch die Menschheit verwirren und beherrschen: Trump, Putin, Xi, Orban, Erdogan und sehr viele andere, dann hat Kant recht. Aber es gilt, die Hoffnung auf die Herrschaft der Aufklärung, d.h. der Vernunft und Menschenrechte, zu bewahren. Das ist die Grundeinstellung von Kant, des Aufklärers.

1.
„Wenn Sie nicht die totale Dunkelheit bevorzugen, die keinen Ausweg läßt und in der Sie wahrscheinlich – orientierungslos – umkommen, dann sollten Sie das Licht hüten und pflegen und lieben. Das Licht aber ist die menschliche Vernunft.“
So könnte man die Erkenntnis der Philosophie der Aufklärung des 18. Jahrhunderts (bis heute gültig) „für alle nachvollziehbar“ formulieren: Aufklärung ist identisch mit der Kraft des Lichtes, lumière, enlightenment…

2.
Ohne Licht kommen (und kamen) sogar die Liebhaber der Finsternis, der Dunkelheit und des Dämmerzustandes nicht aus, die Freunde der verschwindenden Sonne oder des ständigen Nebels, in dem die Willkür der Herrscher es so leicht hat.
Aber auch diese Herrschaften brauch(t)en das Licht als die schwache Kraft ihres egoistisch verformten Verstandes: Sie wollten schließlich doch auch zusammenhängende, logisch erscheinende Sätze zugunsten ihrer totalen Herrschaft publizieren. Ohne (etwas) Licht also gibt es niemals und für keinen geistvolles Leben. Und darum ist alle Abwehr der vorrangigen Geltung des Lichtes der Vernunft falsch.

3.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Licht ist größer und wichtiger als Finsternis und Dunkelheit. Wer etwa die Vielfalt der Dunkelheiten differenziert verstehen, also „ausleuchten“ will, kommt nicht ohne Licht aus! Ohne Licht, ohne Aufklärung, ohne Vernunft kein humanes Leben, auch nicht in Staat und Gesellschaft.

4.
Große Worte, gewiss! Aber vielleicht haben sie noch eine Wirkung in dieser dunklen, von Feinden der allgemeinen universell geltenden Vernunft getrübten Gegenwart. Die autokratischen und faschistischen Regierungen werden immer zahlreicher, die demokratischen, liberalen und sozialen Demokratien sind jetzt längst eine Minderheit. Für die universell geltende Vernunft muss heute gestritten, wenn nicht gekämpft werden.

5.
Die Philosophie der Aufklärung sagt heute: Die Menschenrechte für alle sollen auch gelten für alle. Menschenrechte sind eine europäische „Entdeckung“, aber sie werden weltweit hoch geschätzt, selbst in Diktaturen, von den unschuldigen demokratischen Opfern in den Lagern und den Dissidenten in den Gefängnissen: Es ist in den Folterkammern der Schrei nach Gerechtigkeit vernehmbar, und dies ist der Schrei nach den Menschenrechten, also nach der allgemein geltenden Vernunft, nach der Aufklärung!
Demokratie ist zwar eine anspruchsvolle Staatsform, allzu oft korrumpiert von unwürdigen sich demokratisch nennenden Politikern, die mehr den Sprüchen ihrer Lobbyisten folgen als den Grundprinzipien und dem wahren Geist (Spiritualität!) der Demokratie. Trotzdem, wir haben wirklich keine Alternative: Demokratie als eine sich stets verbessernde, d.h. reformierende und kritisierbare Staatsform ist die beste denkbare Regierungsform.

6.
Soweit unsere Einstimmung für einen Besuch der Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“ im „Deutsches Historisches Museum“ (DHM) in Berlin (bis zum 6.4.2025).
Im 18. Jahrhundert waren Philosophen, Literaten, Künstler und einige protestantische Theologen in etlichen Ländern Europas, auch in den deutschen Staaten, leidenschaftlich interessiert, das alte System autoritärer Regime und deren Denkzwänge zu überwinden: Die allgemeine menschliche Vernunft sollte gelten, und nicht die begrenzt – egoistischen Ideologien der Herrschenden. Sie bedienten sich oft genug religiöser (Wahn-)Vorstellungen als stützende Ideologie. Wichtig wurden Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland auch die Debatten in der viel beachteten „Berlinischen Monatsschrift“, dort publizierte Immanuel Kant im Dezember 1784 seinen bis heute inspirierenden Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ Kants Beitrag richtete sich an den kleinen Kreis der elementar Gebildeten, der des Lesens Kundigen und der Diskussion fähigen (leider meist nur männlichen) Bürger. Heute ist die Debatte über Aufklärung, Vernunft und Freiheit universell, auch dabei zeigt sich der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, wie Hegel sagte.

7.
Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum (DHM) führt, wie gesagt, zu den Ursprüngen der Aufklärung, ins 18. Jahrhundert. Ausstellungen zur Geschichte des Denkens und der Philosophie sind bekanntlich eher anspruchsvolle, nicht schnell konsumierbare Veranstaltungen, die zum Betrachten vom Büchern, Erstdrucken, Bildern, Gemälden, Videos, Gegenständen einladen. Philosophische Ausstellungen fordern zum nachdenklichen Lesen auf, zum Verweilen, zum Gespräch im kleinen Kreis. Schade, dass das DHM keine kleinen Salon – Räume als Orte des Gesprächs innerhalb der Ausstellung anbietet…
Aber die Ausstellung kann nur eine Art Einführung und Hinführung sein, sozusagen eine Aufforderung, das Thema weiter zu bedenken und zu studieren.
Darum ist in unserer Sicht der Begleitband zur Ausstellung sehr hilfreich: Raphael Gross und Liliane Weissberg haben das Buch unter dem Titel der Ausstellung herausgegeben, erschienen ist es im Hirmer Verlag, es hat 336 Seiten, enthält viele Abbildungen, es kostet im Museum 30 Euro. Alle Essays wurden eigens für dieses Buch verfasst!

Paul Franks (Prof. für Philosophie und jüdische Studien an der Yale University) erklärt die Haskala, also die Gestalt der „jüdischen Aufklärung“. Für sie setzte sich Philosoph Moses Mendelssohn ein (S. 133ff.): „Mendelssohn trug zur Wiederbelebung einer selbstbewussten deutschen rationalistsichen Tradition bei…“ (S. 136).

Moses Mendelssohn

8.
Wir können hier nicht auf die 28 Essays des Buches im einzelnen eingehen. Das Buch ist systematisch gegliedert von „Ein Klärung des Begriffs“ über die „Ordnung der Welt“ und die „Geschlechterrollen“ und die „Gleichheit der Menschen“ bis hin zu „Publikationsmedien und öffentliche Räume“…
Unter der Frage „Was bleibt?“ ist einer der wichtigsten Texte des Buches publiziert, der Beitrag des us-amerikanischen Philosophen Peter E.Gordon mit dem Titel „Das Erbe der Aufklärung“ (Seite 291-299). Und weil Jürgen Habermas nicht fehlen darf bei dem Thema: Er hat seinem kurzen Beitrag den Titel „Was ist Aufklärung“ (S. 300 – 302) gegeben in der abschließenden Rubrik „Was bleibt“.

9.
Einige wichtige Hinweise zu den Essays, als Einladung, selber zu lesen und weiter zu denken:
Die Verbindung von Licht (Sonne) und Geist bzw. Vernunft und Freiheit wird schon von Platon in seinem „Höhlengleichnis“ beschrieben, betont der Philosoph Volker Gerhardt (S. 281).

Das philosophische Eintreten und Kämpfen für die Aufklärung gibt es schon vor dem 18.Jahrhundert und es ist keineswegs auf Europa begrenzt.

Aber im 18. Jahrhundert konnten nur die gebildeten Bürger Freunde und Täter der Aufklärung werden. Entsprechende Bücher hatten damals keine größere Auflage als 2000 bis 3000 Exemplare.

10.
„Die“ Aufklärung wurde und wird pauschal schlecht geredet, vor allem auch von konservativen und reaktionären Literaten. Sie geben etwa der philosophischen Aufklärung die Schuld am Niedergang alter Werte, sie behaupten, „die“ philosophische Aufklärung habe nur zu einer technokratischen Verengung des Verstandesbegriffs geführt, letztlich für eine seelische Verarmung gesorgt. Dabei ist es zurückzuweisen, dass so oft pauschal von „die Aufklärung“ die Rede ist. „Die Aufklärung“ als tätiges Subjekt kann es gar nicht geben, es sind immer Menschen, Subjekte, die mehr oder weniger für die Aufklärung – oder nicht – eintreten. Erst wer Namen nennt von Protagonisten der Aufklärung in Politik, Ökonomie, Religion, Kirchen, Kultur usw. kann ernstgenommen werden in seiner Aufklärungskritik.

11.
Theodor W.Adorno und Max Horkheimer gehören wegen ihrer Publikation „Dialektik der Aufklärung“ zentral in die Debatten über die Bedeutung der philosophischen Aufklärung . Das Buch, „Dialektik der Aufklärung“, wurde von den beiden Autoren 1939 – 1944 im amerikanischen Exil erarbeitet, 1947 in New York publiziert und dann in Europa erstmal 1947 in Amsterdam. Kaum ein anderes Buch hat so heftige Debatten inszeniert, das Thema füllt ganze Bibliotheken. Jürgen Habermas etwa bemerkte kritisch in seinem Buch „Philosophischer Diskurs der Moderne“ , die beiden Autoren hätten sich zu Zeiten des Faschismus übertrieben und hemmungslos ihrer Skepsis hinsichtlich der Vernunft – Geltung überlassen, vor allem: Sie seien ihrer eigenen Skepsis nicht skeptisch begegnet. (Fußnote 2).
Für mich ist, wie schon gesagt, der Beitrag des us-amerikanischen Philosophen und Philosophiehistorikers Peter E. Gordon in dem Band zur Ausstellung im DHM ganz wichtig: Er hat sehr ausführlich auch früher schon das Werk von Adorno/Horkheimer untersucht: „Trotz ihres Pessimismus haben Adorno und Horkheimer stets geglaubt, dass Vernunft und Emanzipation intrinsich (wesentlich) miteinander verbunden sind. In diesem Punkt wurden sie von vielen mißverstanden. Die beiden haben nicht verkündet, dass sich die Aufklärung selbst widerlegt habe, sondern betont, dass die Menschheit nur dann wahrhaft frei sein kann, wenn sie den höchsten Idealen der Aufklärung treu bleibt“ (S. 295). Durch die Benennung des falschen Lebens und der missratenen Aufklärung wollen Adorno und Horkheimer nur die Idee eines wahren und richtigen Lebens festhalten. In einer Besprechung von Gordons Buch „Prekäres Glück“ in der NZZ heißt es treffend: „Mit der durch das Denken gewonnenen Erkenntnis über den desaströsen Zustand der Welt ist die Möglichkeit gegeben, diesen Zustand zum Besseren hin zu verändern.“ (NZZ, 27.3.2024).
Die schon übliche Kritik, wenn nicht Verurteilung „der“ Aufklärung wiederholt hingegen meines Erachtens der Philosoph Gunnar Hindrichs (Basel) in dem Buch des DHM, der Titel seines Beitrags „Der lange Marsch zur Mündigkeit“ (S. 57 ff.). Er deutet, wie schon so oft gehört, die Französische Revolution (1789 ff) als Ausdruck der irregeleiteten Aufklärung: „Die Negativität der Aufklärung hatte es mit der Unfähigkeit zu tun , den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit in einer Revolution durchzuführen, die menschlich bleibt.“ (S. 65). Sehr pauschal und etwas kryptisch auch das Urteil Gunnar Hinrichs am Schluß seines Essays: „Wenn wir nun die Frage stellen: Was ist Aufklärung? dann zeigt sich: Aufklärung ist ein Weg, der sich selbst zu zerstören droht und nur in der Verarbeitung seiner Selbstzerstörung weitergegangen werden kann. Wer das tut, macht sich wesentlich (?, Heidegger läßt grüßen, CM) auf den Weg – auf den langen Marsch der Aufklärung.“(S. 67).

12.
Lesenswerter ist der Beitrag der us – amerikanischen Politologin Anne Norton über „Das Bekenntnis zur Gleichheit der Menschen“ (S. 187 ff). „Im Zeitalter der Aufklärung begann die Idee der Gleichheit der Menschen die auf Wohlstand und Status beruhenden Hierarchien in Europa hinwegzufegen. Die Revolutionen  beflügeln noch immer unser Denken, unser Handeln und unsere Hoffnungen“ (S. 187). Die Reichen und Mächtigen begegneten der Forderung der Armen nach Gleichheit „durch die Unterscheidung zwischen politischer und ökonomischer Gleichheit. Diese unaufrichtige Unterscheidung beschäftigt uns bis heute“. (S. 188). Das heißt : Die Armen dürfen in der Gunst der Herrschenden zwar politisch an Wahlen teilnehmen, aber ihre berechtigten Forderungen nach Einschränkung des unsittlichen Reichtums der Milliardäre wird ignoriert: Eigentum auch maßlos ist im Kapitalismus das Heiligste des Heiligen. „Die Revolutionen und Verfassungen, die die Aufklärung vorangetrieben hatten, veränderten zwar die Welt, aber es gelang ihnen nicht, die sich wandlende Macht der Hierarchien zu überwinden.“ (S. 190) …“Das Zeitalter der Aufklärung war auch das Zeitalter der Imperien… Die Kolonisierung bleibt die immerwährende Schande.“ (S. 192).
Aber Anne Norton zieht daraus die Konsequenz: „Wie alle großen Errungenschaften der Aufklärung ist auch die Gleichheit der Menschen nicht irgendwann abgeschlossen. Die Vernunft hat kein Ende. Freiheit wird nicht durch eine einzige Revolution gewonnen, sondern durch kontinuierliches Streben nach revolutionären Zielen“ (S. 194).

13.
Auf die Kritik der Aufklärungsphilosophen an den Religionen und Kirchen wird in dem Buch zur Ausstellung im DHM mehrfach hingewiesen, etwas ausführlicher in einem Beitrag von Margaret Jacob über „Die Religion im Europa der Aufklärung“ (S. 125-132). Für uns wichtig der Hinweis zur religiösen Toleranz in den Niederlanden schon im 17.Jahrhundert: Dort fanden ihres Glaubens wegen Verfolgte eine Zuflucht, nicht nur Juden, auch christliche Minderheiten, wie die Sozinianer, die sich gegen das Trinitätsdogma wehrten und verfolgt wurde. „Innerhalb des niederländischen Protestantismus gab es viele Gruppen, die für religiöse Toleranz eintraten“, schreibt Margaret Jacob (S. 127.) Leider vergißt sie die bis heute in der Hinsicht wichtigen protestantischen Remonstranten (auch früher „Arminianer“ genannt) zu würdigen… immerhin erwähnt sie etwas ausführlicher die „Etablierung der Freimaurerlogen“…

14.
Über den Katholizismus und die Aufklärung hat der katholische Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf eine Aufsatzsammlung veröffentlicht: „Verdammtes Licht“ ist der Titel. (C.H. Beck Verlag, 2019.

15.
Über Kants nach wie vor inspirierenden Vorschlag, eine christlich Vernunftreligion zu gestalten, siehe: LINK.

Über den christlichen Glauben des Aufklärers Voltaire: LINK 

Über einen aufgeklärten katholischen Priester: Abbé Meslier:LINK 

16.
Das Deutsche Historische Museum: www.dhm.de/aufklaerung
www.aufklaerungnow.de   Offen Montag bis Sonntag von 10.00 bis 18.00 Uhr.

Fußnote 1:
Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: der., „Zum ewigen Frieden und andere Schriften“, Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, dort das Zitat S. 31.

Fußnote 2:
Jürgen Habermas: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, S. 156.

 

„Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“. Das wichtige Buch zur Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin (DHM) hg. von Raphael Gross und Liliane Weissberg, 130 Abbildungen in Farbe!, HIRMER VERLAG,  München, 336 Seiten, 30 € in der Ausstellung. Auswärts, also Ladenpreis: 39, 90 €.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Mehr als ein großer Theologe: Der Peruaner Gustavo Gutiérrez ist verstorben.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 23.10.2024.

Siehe auch eine wichtige, am 9.6.2025 publizierte Ergänzung zum Werk von Gustavo Gutiérrez unter Nr.9:

Da wird deutlich die gehorsame Abhängigkeit des peruanischen Befreiungstheologen von der römischen Zentrale (Glaubenskongregation, Ratzinger usw.). Aufgrund dieser von Rom eingeforderten Korrekturen im Denken von Gutierrez erscheint sozusagen sein ganzes Werk in neuem Licht: Der alte Theologe Gutiérrez (geb. 1928) ist also müde geworden…und Kardinal Müller (sein „Freund“) wird Gutiérrez in der Rom – Treue bestärkt haben…

1.
Gustavo Gutiérrez hat die Theologie, nicht nur die katholische, grundsätzlich aus den engen Bindungen an die kapitalistische (Un-) Ordnung befreien wollen: Die Armen, Ausgebeuteten, Hungernden und Verhungernden Millionen Menschen sollten nicht länger Caritas – Objekte der Betreuung und der milden Spenden sein: Die Armen sollten selbst für Gerechtigkeit kämpfen – mit Unterstützung eben der Theologen, der Befreiungstheologen. Eigentlich skandalös dies sagen: Die Armen sind wertvolle Personen, die ihre Lebenserfahrungen kulturell ausdrücken sollten, auch in kritischer religiöser Sprache. Es gibt keine Herrenmenschen! Die Armen sind also auch theologisch schöpferisch, sie haben vieles Neue zu sagen, und zwar allen Menschen, auch denen im reichen Teil der Welt mit ihren reichen Kirchen. Aber das sind Projekte.

In den Basisgemeinden haben die Armen ihre Stimme entdeckt und gefunden, sehr zum Leidwesen des Vatikans. Denn die Laien der Basisgemeinden wollten berechtigterweise auch ihre Eucharistie selbst feiern. Schrecklich in den Augen der Klerus – Kirche.

2.
Am 22. Oktober 2024 ist der „Gründer“, d.h. der Inspirator und Begleiter der Befreiungstheologien gestorben. Er erreichte das hohe Alter von 96 Jahren! Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat mehrfach auf Gustavo Gutiérrez hingewiesen, besonders auf sein grundlegendes Buch„teologia de la liberacion“, 1971 veröffentlicht, in vielen Sprachen übersetzt, auf Deutsch „Theologie der Befreiung“. LINK

Dass dieses grundlegende Buch (1971!) auch Mängel hat, ist klar: Es fehlt da etwa die Auseinandersetzung mit der Volksreligion, es fehlen ausführliche Reflexionen über die Rechte der Frauen in Kirche, Staat und Gesellschaft. Aber das Buch „Theologie der Befreiung“ war ein Durchbruch. Ich will das Wort „Zeitenwende“ eher nicht verwenden.

3.
Gustavo Gutiérrez gehörte mit seinem ersten Buch „Theologie der Befreiung“ und den folgenden Publikationen zu einer Art kritischen Bewegung innerhalb der lateinamerikanischen katholischen Kirche, zu denen auch Bischöfe gehörten, wie Dom Helder Camara in Recife LINK , Brasilien; Bischof Pedro Casaldaliga in Brasilien LINK ; Bischof Leonidas Proano in Ecuador, Erzbischof Oscar Romero in El Salvador LINK usw… Aber diese Bischöfe, die sich auch politisch auf die Seite der Unterdrückten stellten, waren letztlich innerhalb des katholischen Kirchen – Systems marginalisiert. Reaktionäre Bischöfe, wie der höchst einflußreiche Kolumbianer Lopez Trujillo vom Opus Dei LINK (Lopez Trujillo war ein Freund des polnischen Papstes) sorgten für die Marginalisierung und Verfolgung der Befreiungstheologen und Befreiungsbischöfen. Auch der deutsche Kardinal Franz Hengsbach (Essen) war nachgewiesen ein expliziter Feind der Befreiungstheologie: Diese Zusammenhänge werden von ADVENIAT, dem Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika, bis jetzt nicht öffentlich aufgearbeitet. LINK Zur Zeit geht es im Bistum Essen um anderes: Der so fromme Opus – Dei Freund Erzbischof und Kardinal (auch er ein Liebling des polnischen Papstes!) Franz Hengsbach war auch Täter des sexuellen Missbrauchs…Diese Verbrechen sollen in einigen Monaten freigelegt worden.

4.
Jetzt gilt es zunächst, des Lebens Gustavo Gutierrez dankbar zu gedenken und vor allem seine Bücher zu lesen, die bekanntlich nicht dazu führten, dass sich etwa die deutsche katholische Kirche auf die Seite der Armen stellte und entsprechend Strukturen, Sprache, Gottesdienste usw. änderte. Gustavo Gutierrez hat Wegweisendes geschrieben, aber … in den reichen Kirchen hat sich in seinem Sinne fast nichts verändert, d.h. verbessert. Eigentlich eine Schande bei dem persönlichen Engagements Gutiérrez. Der Umgang mit den Armen Lateinamerikas erschöpft sich in Europa nach wie vor weithin aufs Spenden…

5.
Über das aktuelle Gedenken der Trauer bleiben Fragen, die in nächster Zeit hoffentlich zu mehr Klarheit führen:
Gustavo Gutiérrez ist als Priester des Erzbistums Lima, Peru, spät (2001) in den Dominikanerorden eingetreten. Man sollte diesen Schritt interpretieren: Es war eine Flucht in eine sich oft progressiv verhaltende katholische Ordensgemeinschaft, also eine Flucht vor den Belästigungen durch Bischöfe. Der Kardinal von Lima, Juan Luis Cipriani (Erbischof dort 1999–2019) war ja ein bekanntes reaktionäres Opus Dei Mitglied und eben ein heftiger Feind der Befreiungstheologie und seines Priesters Gustavo Gutierrez. Er hatte in Lima sein Studienzentrum.

6.
Es wird in dem Zusammenhang endlich genau zu untersuchen sein, welchen Einfluß das Opus Dei in der Diskreditierung und Verfolgung von Befreiungstheologen (und Befreiungsbischöfen) gespielt hat und noch heute spielt. Das wären doch einmal wichtige Untersuchungen an katholisch – theologischen Fakultäten. Leonardo Boff in Brasilien lebt noch, er hat schon vieles berichtet vom Umgang Kardinal Ratzingers mit ihm als Befreiungstheologen… Vielleicht hat er noch neue, bislang unbekannte Dokumente?

7.
Nicht nur das Opus die hat die Befreiungstheologen zu zerstören versucht, auch die hierzulande wenig bekannte reaktionär katholische Organisation Sodalicium muss erwähnt werden: Deren Priester und Laien haben vor allem im Süden Perus alle Ansätze eines authentisch katholisch-indigenen Glaubens der Aymara und Quetchua zerstört. Eine wahre Leidensgeschichte. Jetzt wurden führende Leute dieser katholisch – reaktionären (aber politisch einflußreichen) Organisation des sexuellen Missbrauchs angeklagt… Das ist der Skandal: Jahre lang hat der Vatikan zugesehen, wie diese Leute des Sodalicium kirchliches Leben in Südperu stören und zerstören; jetzt erst merken die Herren in Rom, was das für ein Club ist! Der jetzige Erzbischof von Lima schlägt sogar ein Verbot dieses Sodalicium vor. Dabei ist diese Organisation aus Laien und Priestern nur eine von vielen neuen, sich oft charismatisch nennenden reaktionär- katholischen Gemeinschaften in Lateinamerika. Wer wird darüber investigativ arbeiten, wir sind gespannt. Zu den aktuellen Entwicklungen von Sodalicium: LINK

8.
Genauso gespannt sind wir, wann wirklich einmal die von Kardinal Gerhard Ludwig Müller so viel und so oft beschworene Freundschaft mit Gustavo Gutiérrez analysiert wird. Für viele ist es geradezu unvorstellbar, dass der Befreiungstheologe Gutiérrez mit einem doch immer schon sehr konservativen Kardinal befreundet sein könnte. LINK und LINK. Aber vielleicht hat Kardinal Müller seinen „Freund“ Gustavo Gutiérrez – aus welchen Gründen auch immer – vor schlimmer vatikanischer Verfolgung bewahrt? Wir sind gespannt, ob da jemals mehr Klarheit möglich ist und diese dann auch publiziert wird.

9. Ergänzung am 9.6.2025:

Der katholische Theologe und Spezialist der Befreiungstheologe, der Schweizer Urs Eigenmann, weist in seinem Beitrag „Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ in dem Buch „Der himmlische Kern des Irdischen“ (Luzern, Münster 2025, S. 198 ff.) auf eine tiefe ZÄSUR im Denken von Gustavo Gutiérrez hin: In der 10., neu bearbeiteten Auflage seines Buches „Theologie der Befreiung“, diese 10. Aufl. erschien auf Deutsch 1992, verändert Gutiérrez unter dem Einfluß der vatikanischen Glaubenskongregation etliche Aussagen seines ursprünglichen Textes. So wird etwa der ursprüngliche Abschnitt „Christliche Brüderlichkeit und Klassenkampf“  nun unter dem abschwächenden Titel „Glaube und gesellschaftlicher Konflikt“ neu geschrieben. (Eigenmann, S. 198). Gutiérrez sagt selbst: Er hätte die jüngsten Verlautbarungen des Lehramtes respektiert und einige Texte neu geschrieben. Beispiel: Ein Zitat von Karl Marx wird von Gutiérez gekürzt, auf den umstrittenen Marx-freundlichen Theologen Giulio Girardi wird nicht mehr verwiesen, der Marxist Louis Althusser wird nicht mehr erwähnt, hingegen zitiert Gutiérez nun die Päpste PIUS XI, Pius XII. und Johannes Paul II: (Eigenmann S,. 199). In seinem Buch „Salz der Erde“ (1996) lobt Kardinal Ratzinger ausdrücklich die Korrekturen des Befreiungstheologen Gutíerrez als Respekt vor der römischen Glaubensbehörde (S. 201 Eigenmann). Die viel besprochene Freundschaft von Gutiérrez mit Kardinal Gerhard Müller muss auch in diesem Zusammenhang der „Korrekturen“ im Werk von Gutiérrez gesehen werden. Urs Eigenmann kommt zu dem Ergebnis: Gutierrez verät mit seiner „Korrektur“  und dem Gehorsam gegenüber dem päpstlichen Lehramt (Ratzinger/Müller) das prophetsisch -messianische Christentum und orientiert sich deswegen (Bindung an die römische Macht!) an der „imperial – kolonisierenden Christenheit“ (Eigenmann, S. 203). In dem Buch „Auf der Seite der Armen“ (2004) bestätigen Kardinal Müller und Gustavo Gutiérrez ihre gemeinsame rom- freundliche und rom- gehorsame Befreiungstheologie.(Eigemann, S. 202).

Ergänzung am 25. Oktober 2024:

a.
Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat nach dem Tod von Gustavo Gutiérrez noch einmal am 24.10.2024 in einem Interview mit KNA zur Befreiungstheologie Stellung genommen: Dabei fällt auf, dass er die Befreiungstheologie von Gutiérrez „als eigentliche Befreiungstheologie“ hervorhebt und abhebt von anderen, die er als „marxistisch angehaucht im Sinne des ideologischen Progressismus“ deutet. Konkrete Namen nennt er nicht, es ist der übliche diffuse Vorwurf…

b.
Und Kardinal Müller ist „treuherzig“ genug zu erklären, dass er „die“
Befreiungstheologie – also die in seiner Sicht vom Marxismus noch unbefleckte Befreiungstheologie von Gutiérrez – schätzt, weil er selbst die ziemlich alte katholische Soziallehre so liebt. Und weil diese alte Soziallehre der Befreiungstheologie von Gutiérrez offenbar entspricht…“Mich persönlich, der ich in der großen Tradition der europäischen Theologie gebildet bin, hat die Theologie der Befreiung Gustavos angesprochen, da ich als Mainzer von Jugend an auch mit Bischof Ketteler, dem Mitbegründer der katholischen Soziallehre, vertraut gewesen bin“ (KNA).
Der von Kardinal Müller, dem stolzen Mainzer, bewunderte Bischof Ketterer lebte von 1811 – 1877, er fiel durch antisemitische Äußerungen auf. Und auch durch die explizite Ablehnung von Sozialismus und sogar Liberalismus.

c.
Kardinal Müller hofft also, dass die aus Europa stammende katholische Soziallehre in Lateinamerika eine Hilfe sein könnte zur Überwindung der Armut, Ausbeutung und Unterdrückung der Massen.…
Befreiungstheologen hingegen gilt die alte katholische europäische Soziallehre als „ein abstraktes Lehrgebäude“, „das die wechselnden historischen Umstände nicht in ausreichender Weise berücksichtigt“, wie es der Jesuit Prof. Scannone (Argentinien) formulierte.
Die Katholische Soziallehre soll imSinne Müllers gelten, gerade weil sie nicht revolutionär ist, gerade weil sie nicht an einen Umsturz des Kapitalismus denkt, sie will nur das bestehende System korrigieren und für einen gewissen „Ausgleich“ sorgen.Diese katholische Soziallehre ist sozusagen grundsätzlich frei von den zentralen Vorschlägen von Karl Marx. Und dies glaubt Müller bei Gutiérrez zu finden. d.
Es ist der alte Vorwurf, der auch vom „Arbeitskreis Kirche und Befreiung“ schon vor 50 Jahren formuliert wurde: Diese Gruppe von 20 Theologen und Soziologen traf sich zum ersten Mal am 12. und 13. Oktober 1973 in der katholischen Akademie Wolfsburg in Mülheim auf Initiative von Essens Bischof Franz Hengsbach als Chef des Hilfswerkes Adveniat und dem schon erwähnten reaktionären Feind der Befreiungstheologie Bischof Alfonso Lopez Trujillo, damals noch vor seiner päpstlich geförderten Karriere als Weihbischof von Bogota, Kolumbien. Diese Tagung in Mülheim fand 5 Monate nach der Tagung „Theologie der Befreiung“ in der Hochschule SVD St. Augustin bei Bonn statt, die ich entscheidend organisiert hatte und die viel Respekt und Sympathie für die lateinamerikanische Befreiungstheologie zeigte. (Siehe Nr. 9).

e.
Im Vorwort des ersten Tagungsberichtes des Studienkreises „Kirche und Befreiung“ schreiben die beiden genannten Initiatoren: „Solche Theologie der Befreiung gerät leicht in die Gefahr, aus dem eigentlichen Kirchlichen herauszufallen ….“ (S. 8). Der Hintergrund ist: Es gibt für diese Herren der Kirche eine authentische, d.h echte und im Sinne des Papstes ungefährliche katholische Befreiungstheologie. Kardinal Müller glaubt auch offenbar daran. Aber er hat wohl nicht die heftige Kritik des höchst einflußreichen kolumbianischen Bischofs (und späterem Kardinals in Rom) Lopez Trujillo gelesen. Dieser hat nämlich in seiner Abrechnung mit den von ihm so titulierten „marxistischen Befreiungstheologen“ (Girardi, Comblin, Blanquart…) eben auch Gustavo Gutierrez angegriffen, und zwar schon 1975, als das Buch „Kirche und Befreiung“ erschien. Auf Seite 69 heißt es von Bischof/Kardinal Lopez Trujillo: „Verschiedene Kapitel des bedeutenden Werkes von Gustavo Gutiérrez (er meint das wichtige Buch „teologia de la liberacion“ von 1971) sind völlig durchdrungen vom Einfluß der Marxisten Girardi und Blanquart. Diese Kapitel stimmen genau mit ihren diskutiertesten und problematischsten Ausführungen überein, was Gutiérrez auch gar nicht verhehlen will.“ Auch an anderen Stellen wird Bischof/Kardinal Lopez Trujillo zum heftigen Kritiker von Gutierrez (etwa S. 10), dort findet er diese Worte von Gustavo Gutiérrez geradezu unerträglich: „ Sich in die Perspektive des Reiches Gottes stellen, heißt, am Kampf um die Befreiung der von anderen Menschen Unterdrückten teilzunehmen. Dies haben viele Christen zu leben begonnen als sie sich in dem lateinamerikanischen Revolutionsprozess engagierten“.

f.
Mit anderen Worten: Kardinal Müller ignoriert offenbar die Gutiérrez` kritischen Äußerungen seines „Mitbruders“ Kardinal Lopez Trujillo.
Oder ist Müller dann doch ein Verteidiger zumindest der ganzen (!) Befreiungstheologie im Sinne von Gustavo Gutiérrez. Unwahrscheinlich ist dies. Wir meinen: Es handelt sich bei Müller um eine Irreführung der Öffentlichkeit, um die Aufgeschlossenheit des heftigen Dogmatikers Kardinal Müller plausibel zu machen. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die große konservativ treu – katholische Freundin Müllers , wird es ihm glauben. Wir glauben diese Müller Reden nicht.
Denn Müller möge bitte sagen und genau zeigen, welche Vorlesungen vom Inhalt her (!) er in den Priesterseminaren Perus einst gehalten hat: Hat er Kapitalismus – kritische, vielleicht gar Marx – freundliche Texte von Gutiérrez verwendet oder doch die uralte deutsche Dogmatik. Diese Frage zu klären ist mühsam, wenn nicht angesichts der Machtverhältnisse unmöglich. Gutiérrez schweigt jetzt. Eine Chance für Müller, sich als Gutiérrez – Freund weiter zu schmücken. Wer wird diese Anmaßung ein Problem, wenn nicht einen Skandal nennen? Gibt es noch Journalisten und katholische Theologen, die dies in einer investigativer Recherche noch beweisen können und noch wollen und noch dürfen???

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

9.

Nebenbei:

Zusammen mit einigen Mitstreitern hatte ich im Frühjahr 1973 in der Phil.Theol. Hochschule St. Augustin SVD (bei Bonn) die erste Tagung in Deutschland zur Befreiungstheologie organisiert: Über die Tagung hatte ich in der theologischen Zeitschrift ORIENTIERUNG in Zürich im Juni 1973 berichtet: Orientierung, Nr. 12 30. Juni 1973, LINK

Im Juli 1975 veröffentlichte ich dann meinen Vortrag zu Grundlegendem der Befreiungstheologie als Broschüre: „Der Gott, der befreit“. Kyrios – Verlag, Freising.

Und 1977 habe ich zusammen mit Karl Rahner SJ und Hans Zwiefelhofer SJ den Sammel -Band „Befreiende Theologie“ bei Kohlhammer herausgegeben…usw…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

 

 

 

 

Wer aus der Kirche austritt, könnte eine neue Gemeinde gründen…

Ziemlich rebellische Vorschläge des katholischen Theologen Thomas Laufmöller unter dem Titel „Aufruhr“ (ein Buch aus dem Herder – Verlag)

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.10.2024

1.

Europa erlebt einen tiefgreifenden kirchlichen und religiösen Umbruch, man möchte sagen: eine spirituelle Zeitenwende. Viele tausend Christen kündigen seit Jahren schon ihre Mitgliedschaft in den Kirchen. Sie „treten aus“, wie man so sagt. Aber: Wo treten sie hin? D.h.: Treten sie irgendwann wieder in eine religiösen Gemeinschaft ein? Sind sie seit dem Kirchenaustritts (oder vielleicht schon davor?) „bloß“ Atheisten, Skeptiker, Agnostiker, Nihilisten usw.? Etliche Religionssoziologen meinen: Viele „Ausgetretene“ bleiben oft auch spirituell interessierte Menschen. Religionsphilosophen können diese These grundsätzlich bestätigen: Es gibt vielleicht so etwas wie unsichtbare Religionen und Spiritualität bei allen Menschen…

2.

Bislang sind katholische Theologen in Deutschland nicht dadurch aufgefallen, dass sie den „Ausgetretenen“ (um diesen Begriff zu verwenden) explizit sagten: Sucht doch euch die eigene Spiritualität in neuen Gemeinschaften! Organisiert euch neu in Gesprächskreisen, Gemeinden. Ihr lebt doch immer noch spirituell, befreit von der Leitung der Hierarchie, befreit von vielen kaum nachvollziehbaren katholischen Traditionen (Zölibat, Papst-Amt usw., um nur katholische Beispiele zu nennen). Und ihr seid befreit von vielen nicht nachvollziehbaren, belastenden und verstörenden Dogmen, wie der Erbsünde. Die ewig wiederholten Glaubensbekenntnisse des 4. und 5. Jahrhunderts versteht doch kein kritischer Mensch der Gegenwart.“

3.

Soweit und so diffenziert geht der katholische Theologe Thomas Laufmöller in seinem Buch „Aufruhr!“ nicht, seinen Aufruf zur Aufruhr könnte man so zusammen fassen: „Ihr ausgetretenen Katholiken gründet doch eure neuen Gemeinden, zum Beispiel kleine Hausgemeinden, Treffpunkte, Gesprächskreise und entdeckt die schlichten gemeinsamen spirituellen Feiern von Brot und Wein, dabei kann man sich der Worte Jesu von Nazareth erinnern…“. Laufmöller schreibt: „Ich möchte als Seelsorger mithelfen und unterstützen, dass die lebenserfüllende Botschaft Jesu nicht durch die institutionellen Strukturen der Kirche gebremst, vielleicht sogar erstickt wird.“ (S. 187). Gleich am Anfang schreibt er: „Ich möchte, dass wir weiter nach unseren Wegen des Glaubens suchen, dass wir den Glauben in Gemeinschaft leben.“ (S. 12). Thomas Laufmöller gestaltet auch als „entlassener“ bzw. „ausgetretener“ Priester neue (!) Formen von Gottesdiensten, von „Messen“ spricht er nicht: „ Ich bin also ein gutes Beispiel dafür, dass sich auch in unserer Zeit etwas Neues rund um den christlichen Glauben aufbauen lässt. Inzwischen treffen wir uns einmal im Monat zum Gottesdienst, und es kommen viele Menschen.“ (S. 176).

4.

Das ist die „zentrale Message“ des sonst eher biographischen Buches von Thomas Laufmöller. Wie gesagt, mit dem sehr anspruchsvollen Titel „Aufruhr!“ Tatsächlich: Der katholische Theologe deutet seinen Vorschlag zur Gründung neuer Gemeinschaften und Gemeinden als Aufruhr, also als Aufstand und Rebellion. Aber Aufruhr gegen wen? Gegen die etablierte Kirchenhierarchie. Und Aufruhr wozu denn eigentlich? Es geht Laufmöller leidenschaftlich um die Gestaltung neuer elementar – christlich orientierter Gemeinden bzw. Gemeinschaften. Sie möchte der katholische Theologe als Wiederbelebung der Urkirche verstehen , also jener immer wieder idealisierten kleinen bescheidenen Gemeinden, in denen angeblich „alle alles gemeinsam“ hatten, wie es in der „Apostelgeschichte“ (Apg., 2,44) heißt. Der Ursprung also als Utopie gelten: Laufmöller plädiert in gewisser Weise für einen „Rebellion nach hinten“, in eine idealisierte urkirchliche Vergangenheit des 1. bis 3. Jahrhunderts, „vor Kaiser Konstantin“ und seiner Staatskirche.

5.

Auf dieses Thema „Gemeindegründung sozusagen „von unten“, „ohne bischöfliche Kontrolle“, laufen die Ausführungen auf 192 Seiten hinaus. Lang und breit berichtet der katholische Theologe auch von der Beendigung seines Priesteramtes im Bistum Münster im Jahr 2023, das er viele Jahre gern und offenbar mit großer Zustimmung der Gemeinden ausübte… Bis ihn eben sein zuständiger Bischof Genn von Münster, bürokratischen Üblichkeiten folgend, versetzen wollte: Mit anderen Worten: Pfarrer Laufmöller sollte aus seiner weithin anerkannten Gemeindearbeit in eine andere „vertrieben“ werden. Dagegen regte sich der Widerstand der Laien, vergeblich, bei den bekannten amtlichen katholischen Strukturen. Pfarrer Laufmöller trat aus dem Priesteramt aus und „löste sich von der Institution Kirche“ (S. 183, Details auch S.90 f.)

6.
Seit einem Jahr also ist Thomas Laufmöller freier Gestalter von Hochzeits-, Segnungs – und Trauerfeiern, er ist sozusagen privater Seelsorger und privater theologischer Referent . Siehe etwa die website Thomas Laufmöllers: https://www.thomas-laufmoeller.de
7.
Der Gedanke ist schon interessant: Sollen doch die „Ausgetretenen“, wenn sie denn wollen, aus eigener Initiative neue Formen eigener, persönlicher Spiritualität in Gemeinden, Gemeinschaften, Gruppen usw. entwickeln. Die Frage, ob „die“ „Ausgetretenen“ das noch wollen, lassen wir hier beiseite. Wenn das Projekt aber gelingt. Dann sollten politische Reflexionen in diesen neuen Gemeinden eine Rolle spielen, genauso wie die Sensibilität für Fragen des seelischen Wohlbefindens. Und: Wer käme als kompetente ModeratorIN für diese Gruppen in Frage? Braucht man später dann auch Organisationen, braucht man Vernetzungen der neuen Gemeinden? Entsteht dann doch wieder eine neue Art (säkularer ?) Kirche? Fragen über Fragen, die es aber verdienen, mit Religionssoziologen und aufgeschlossenen Theologen weiter diskutiert zu werden. Vor allem: Ist die Idee, die „Ausgetretenen“ zu einem eher diffusen Modell „Urkirche“einzuladen, wirklich hilfreich? Heute geht es letztlich um die Rettung der Welt, um die gute Zukunft der Menschheit, etwas großspurig formuliert. Also konkret um die Eingrenzung der Klimakatastrophe, um den Widerstand gegen den zunehmenden Faschismus, um nur zwei globale Herausforderungen zu nennen. Das ist nicht nur ein politisches Thema im engeren Sinn, es hat auch spirituelle Dimensionen, etwa wenn es um geistige Widerstandsreserven der Demokraten geht. Deswegen müssen sich alle Menschen stärker verbinden und verbünden als Gemeinschaften des demokratischen Widerstands. Allein demokratische Gemeinschaften, demokratische Gruppen, demokratische NGOs, demokratische Parteien können wirksam sein in dieser individualistischen Gesellschaft mit den zu Konsumenten reduzierten Personen.
8.
Trotzdem: Das genannte zentrale Thema Thomas Laufmöllers verdient Beachtung der Theologen, Philosophen, Soziologen und hoffentlich auch der Bischöfe. Denn die Zeit der alten etablierten Kirchen als Systeme und Machtstrukturen ist – in Europa – definitiv vorbei. Es geht heute um eine neue überkonfessionelle, den Dialog liebende Spiritualität in diesem nun zunehmend kirchenfernen und kirchenfreien Europa.

Thomas Laufmöller, „Aufruhr! Warum wir eine neue Urkirche brauchen“. Herder Verlag 2024, 191 Seiten, 20 €.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Kamala Harris – ihre Spiritualität.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.10.2024

1.

Schon im November 2020 hat der Religionsphilosophische Salon Berlin einen viel beachteten Hinweis zur Spiritualität von Kamala Harris publiziert.
Aus aktuellem Anlass erscheint dieser Hinweis, leicht gekürzt, noch einmal am 18.10.2024.
Im Mittelpunkt steht: Kamala Harris ist mit der Baptistengemeinde unter Leitung von Pastor Amos Brown in San Francisco, als ihrem „spirituellen Ort, eng verbunden – aber sie lebt als multireligiöse Christin.
2.

Die Mutter von Kamala Harris, Shyamala Gopalan Harris, 1938 – 2009, stammt aus Indien (Chennai, Madras), sie war eine gläubige Frau gemäß hinduistischer Spiritualität – auch als sie in den USA lebte…und für die Menschenrechte kämpfte. Während ihrer Reisen in Indien nahm Kamala Harris an Riten in hinduistischen Tempeln teil.
Der Vater Donald Harris stammt aus Jamaica und war mit der Baptistenkirche verbunden.
Der Ehemann von Kamala Harris, Dougles Emhoff, lebt eine moderne Form jüdischer Spiritualität, und sie bekennt:„Mit Douglas teile ich die Traditionen und Feiern des Judentums“, das sagte sie die Tageszeitung La Croix, Paris.

3.
In San Francisco ist Kamala Harris seit langem eng verbunden mit der Bapistengemeinde von Pastor Amos C. Brown. Er sagte über Kamala Harris in der Zeitschrift „Sojourners“: „In meiner Sicht verkörpert sie einen Satz aus dem Jakobus-Brief des Neuen Testaments, dort heißt es: „Ein Glaube ohne Taten und Werke ist tot“ (Jak. 2,26). Ein erstaunliches, sehr treffendes Wort eines berühmten US-Theologen und Kämpfers für die Menschenrechte, ist doch der Jakobus Brief von Martin Luther aufs heftigste kritisiert und abgewiesen worden, gerade weil im Jakobus Brief das TUN so extrem betont wird als Weg der Erlösung.

4.
Kamala Harris bestätigt die Aussage ihres Pastors: „Ich habe schon in der Jugend in der Baptistenkirche von Oakland damals gelernt: Den Glauben haben bedeutet: Er ist eine Aktion. Wir müssen ihn leben und in Taten verleiblichen“. Im Pressedienst „Protestinter“ sagte Kamala Harris: „Der Gott, an den ich glaube, ist der Gott der Liebe. Er will, dass wir den anderen dienen und im Namen derer sprechen, die weder reich noch mächtig sind. Dabei ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ganz zentral für mich“. Kamala Harris geht soweit, sich öffentlich auch zum privaten Gebet zu bekennen, „um Kraft und Schutz zu erbitten, gute Entscheidungen zu treffen“… LINK

5.

Kamala Harris lebt außerhalb rigider religiöser Identitäten. Eine gute Voraussetzung sein, um ein Land, das ideologische Barrieren und religiöse Eindeutigkeiten über alles pflegt, etwas mehr zu versöhnen, d.h. zur Vernunft zu bringen, Vernunft ist bekanntlich etwas den Menschen Gemeinsames und Allgemeines. Nur die allgemeine menschliche Vernunft, verbunden mit Empathie, kann eine Demokratie aufbauen. Und es ist keine Frage: Dieser korrupte Mr.Trump hat die demokratischen Werte zerstört und die Lügen als fast allgemeine Unkultur etabliert. Die Versöhnung der Menschen in den USA ist eine dringendste Aufgabe. Auch die Kirchen sind innerlich politisch zerrissen. Die katholischen Bischöfe werden immer konservativer, gegen die Partei der Demokraten, die Priester ebenso. Wo sind die neutralen Vermittler, die Mediatoren?

6.

Unser Beitrag über die Spiritualität von Kamala Harris, November 2020!  LINK

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de
Dieser Hinweis verdankt einige Information der Tageszeitung La Croix, vom 9.11.2020.

Dantes Poesie: Hilfreich, heilsam, erlösend.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 6.10.2024 aus Anlass des neuen Buches von Fabio Stassi!

Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2024: Etwas Neues über Dante!

1.
Dantes Poesie hat heilende Kraft, betont der Schriftsteller Fabio Stassi: Dante Alighieri (geb. 1265 in Florenz – gestorben 1321 in Ravenna) als inspirierenden, hilfreichen Dichter – Therapeuten entdecken: ein anspruchsvolles Unternehmen. Fabio Stassi, Autor zahlreicher Romane wie „Die Seele aller Zufälle“, arbeitet auch als Bibliothekar an der römischen Staats – Universität La Sapienza.

2.
Dante war ein mittelalterlicher, ein frommer, ein theologisch gebildeter, immer Papst-kritischer Mensch. Die Lektüre seiner Werke zeigt ihn als einen Dichter von HEUTE, meint Stassi, nicht nur, weil seine Texte körperliche wie seelische Leiden heilen bzw. wenigstens lindern, aber auch weil sie die zerrütteten politischen Verhältnisse freilegen. „Die Göttliche Komödie“ Dantes ist „ein Schrei nach radikaler Reform“, schreibt auch der Philosoph Kurt Flasch (Fußnote 1). Ergänzend zu Stassi sollte man wohl auch meinen: Dantes „Göttliche Komödie“ hält die Sehnsucht nach dem Himmel, dem Paradies Gottes – trotz oder wegen der Hölle – offen. Das war Dantes religiöse Überzeugung, ob man sie heute als „bloß mittelalterlich“ bewerten sollte und bewerten darf, ist die Frage.

3.
Zur Frankfurter Buchmesse 2024 mit dem Gastland Italien wird also eine herausfordernde These publiziert: „Wer sich auf die Poesie Dantes einlässt, wird ein neuer Mensch.“ Die „heilbringende Poesie“, so Fabio Stassi, kann die Vorstellung von religiöser Erlösung fördern! Stassis Bibliotherapie hat nun also höchste Ansprüche. Die noch etwas etwas bescheidenere Bibliotherapie, der Roman „Die Seele aller Zufälle“,  ist 2018 in Italien erschienen. Zur Bibliotherapie: LINK.

4.
Fabio Stassis leider etwas zu kurzer neuer, sehr persönlicher Essay erscheint auf Deutsch unter dem Titel: „Ich, ja ich werd` Sorge tragen für dich“, erschienen in der Edition Converso, Karlsruhe. LINK. Übersetzt man den italienischen Titel dann heißt das Buch: „Und ein schöner Vers heilt mich von allem Übel.“
Den Essay hat Stassi anläßlich eines Dante – Festival 2021 in Rom (auf dem Gelände der Basilica di Massenzio) verfasst.

5.
Dante selbst kennt seelische Qualen (den Verlust von Beatrice, seiner hoch verehrten Freundin) und er weiß aus eigener Erfahrung, was körperliche Leiden (Herzkrankheiten) an Unlust am Leben erzeugen. Aber Dante hat die Kraft, in seiner Poesie über das eigene Leiden hinauszuschauen, hinaus zu leben, möchte man sagen und die LeserInnen gerade deswegen zu trösten.

6.
Stassi bezieht sich in seinem Essay auf die Hauptwerke Dantes. Berühmt ist sein großes und großartiges Werk „Divina Comedia“ (1319), auf Deutsch „Göttliche Komödie“. Es liegen in deutscher Sprache fünfzig Übersetzungen des ganzen Werkes und siebenundzwanzig Teilübersetzungen vor. Das philosophische und politische Hauptwerk Dante „Über die Monarchie“ (1313) wird leider von Stasi nicht berücksichtigt.

7.
In der „Divina Comedia“ beschreibt Dante seinen eigenen Weg zum Paradies, er führt durch die Hölle und „Vorhölle“. Die Schilderung der Qualen der von Gott Bestraften und Verurteilten ist außergewöhnlich heftig und für die Leser anstrengend, schockierend: Aber Dante empfindet Mitleid für die Verdammten, betont Stassi (S. 17). Die Begegnung mit den Höllen Bewohnern soll wohl bei den LeserInnen eine heilsame Warnung haben, etwa: „Folgt nicht dem Lebensmodell der Übeltäter.“ Ob diese Warnung vor der Hölle auch heute noch wirksam ist, sei dahingestellt. Mit dem Glauben an einen Gott als den Weltenherrscher ist auch der Glaube an einen Gott als gerechten Richter aller Menschen verloren gegangen. Man hat den Eindruck: Verbrecher selbst aus so genannten christlichen Kulturen Europas (Putin nennt sich orthodoxer Christ, Hitler blieb sein ganzes Leben Mitglied der katholischen Kirche, General Franco war erz-katholisch usw.) haben offenbar überhaupt keine Angst vor einem ewigen Aufenthalt in der Hölle. Sonst würden sie sich anders verhalten. Dies nur das Rande, sozusagen als Fortführung der Gedanken Fabio Stassis.

8.
Dantes Poesie hat selbst in höchster Not, unter heftigster Lebensbedrohung, geradezu eine spirituelle Kraft. Stassi erinnert, dass der Schriftsteller Primo Levi im KZ Auschwitz einige Verse Dantes präsent hat und dadurch einen Mitgefangenen Italienisch lehrt…Stassi erinnert auch an den großen russischen Dante – Kenner Ossip Mandelstamm, er hatte noch in den Todes – Lagern Stalins einige Verse Dantes als eine Art letzten Trost im Gedächtnis.

9.
Dantes Poesie und Dichtung kann, wie er selbst in einem Brief schreibt, „die Lebendigen in diesem Leben (durch die Poesie) aus dem Zustand des Elends herausführen und zum Glück leiten“ (vgl. S. 79). Stassis Therapie durch Poesie hat politische Konsequenzen. Er nennt die Schmerzen seines Landes, „das seit Jahrhunderten unter den immer gleichen Übeln leidet: Jeder Aspekt des Nationalcharakters wird von Dante untersucht, Servilismus, Schmeichelei, Neigung zu Trägheit, Hochmut, abgründige Obsession der Fleischeslust“ (S. 60). Und Dante sagt im Blick auf seine Landsleute: „Die blinde Habgier hat euch ganz verhext! Ihr seid ja wie das Nuckelkind, das verhungert, aber die Amme wegstößt ( Paradies XXX, 139, zit. S 61 bei Stassi).

1o.
Sehr verständlich, wenn Stassi seinen Essay in einer gewissen Trauer und Melancholie beschließt: „Wenn die Dichter und die Schriftsteller und die anderen Bannerträger der Vernunft die Stimme verlieren, sind es die Diktatoren, die sie wiederfinden.“ (S 77)

11.
Mit Interesse werden die LeserInnen auch das Nachwort des Schweizers Autors und hervorragenden Dante – Spezialisten Ralph Dutli lesen (S. 107 ff.): “Die tiefste Hölle ist bekanntlich bei Dante kein übereifriges Heizungsunternehmen, sondern eine gigantische Kühltruhe.“ (S. 113). Vor allem Dutlis Hinweis auf den russischen Dante-Kenner Ossip Mandelstam ist wichtig: „In sein eigenes, anti-stalinistische Pamphlet, die `Vierte Prosa` von 1929/30, führte Mandelstamm gleichsam als Signal ein Dante Zitat ein, den Anfangsvers von Dantes Inferno – `Mitten auf unserer Lebensreise` – und Mandelstam bezeichnete damit seinen Eintritt in die Hölle der dreißiger Jahre unter Stalin… und die Beschwörung des Kannibalismus (bei Dante) ist bei Mandelstam eine Anspielung auf die ihre Kinder essenden Bauern während der von Stalin angeordneten Hungerkatastrophe des Holodomor (`Tötung durch Hunger`) 1931-1933 in der Ukraine“ (S. 120f.).

12.
Ich wünschte mir, dass Stassi bald erklärt, wie denn die Beziehungen der von ihm hoch gelobten hilfreichen Poesie zu den bekanntermaßen auch hilfreichen Weisheits – Sprüchen der griechischen Philosophie (Stoa, Epikur, Neoplatonismus) sind oder die Beziehungen zu den Weisheitssprüchen des Alten Testaments, dort etwa das Buch „Jesus Sirach“. Stassi lässt sich von seiner Überzeugung leiten: „Allein die Poesie, das sei nochmals betont, kann mehr als die Philosophie, mehr als die Religion und jedwede andere Disziplin den Menschen zur Heilung, zur Glückseligkeit und so letztendlich zur Gesundheit führen“ (S. 42). Zweifellos eine sehr steile These, wobei da noch zu fragen wäre, ob Glückseligkeit („letztendlich“, nur?) Gesundheit ist.

13.
Ich suche in dem zweifellos kurzen Essay auch Hinweise auf die heftigste und allzu berechtigte Papstkritik, die Dante in den Kapiteln über die Hölle in der „Göttlichen Komödie“ äußert (und auch in dem schon erwähnten Buch „Über die Monarchie“). Man denke also an Dantes Verurteilung der in jeder Hinsicht unwürdigen und korrupten Päpste zu seiner Lebenszeit, also an Bonifaz VIII., Clemens V. oder Johannes XXII.

14.
Und weiter, um die Bibliotherapie Stassis im Sinne Dante weiter zu konkretisieren: Wäre es nicht auch eine Art Therapie, wenn Katholiken angesichts der vielen verbrecherischen Päpste aus der katholischen Kirche austreten und einfach sagen: Es reicht mir! Gibt es also einen heilsamen, befreienden Kirchenaustritt aufgrund von Dante Lektüren  auch heute?

15.
Irritierend bleibt, dass die Päpste des 20. Jahrhunderts bis hin zu Papst Franziskus voller Lob und beinahe überschwänglich auf Dante (den Papst – Feind) und sein Werk hinweisen. Papst Franziskus urteilt in seinem ausführlichen Dante – Text vom 25.3.2021 sehr milde und objektiv wohl auch falsch, wenn er schreibt: „Dante würde in einigen (sic) Bereichen der Kirche Verfallserscheinungen anprangern…“ Dabei war Dante DER mittelalterliche Kirchen – und Papstkritiker überhaupt! Und dies, obwohl – oder weil – alle seine Sehnsucht dem Himmel galt, dem Glanz des Ewigen, des Lichtes, dem Paradies, …vielleicht auch bloß der umfassend humanen Weltordnung? Siehe Fußnote 3: Papst Paul VI. über Dante!)

Fußnote 1:
Kurt Flasch, Kampfplätze der Philosophie“, Frankfurt M.-2008, S 184).

Fußnote 2:
Papst Franziskus über Dante zum 700. Todestag 202P: LINK. https://www.vatican.va/content/francesco/de/apost_letters/documents/papa-francesco-lettera-ap_20210325_centenario-dante.html

Fußnote 3:
Papst Paul VI. sagte über Dante manchmal in erstaunlicher Nähe zu Fabio Stassis These: »Die Göttliche Komödie ist von ihrer Zielsetzung her in erster Linie praktisch und transformativ. Sie will nicht bloß poetisch schön und moralisch gut sein, sondern sie möchte den Menschen radikal verändern und ihn von der Unordnung zur Weisheit, von der Sünde zur Heiligkeit, vom Elend zum Glück, von der furchterregenden Vision der Hölle zur selig machenden Schau des Paradieses geleiten«. (Papst Paul VI. In seinem Apostolischen Schreiben „altisssimi cantus“, 1966.)
………………
ZUM BUCH: Fabio Stassi,“ Ich, ja ich werd‘ Sorge tragen für dich. Kurze Abhandlung über Dante, die Dichtung und den Schmerz“ .
Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Mit einem Nachwort von Ralph Dutli. 128 Seiten.
Verlag: Edition CONVERSO, Karlsruhe. 22,00 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Der Sieg der Rechtsradikalen FPÖ in Österreich: Das neue „Bedenkjahr“ 2024

Der Dichter Thomas Bernhard sah schon vor 30 Jahren das FPÖ – Unheil kommen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.9.2024

1.

Es gibt „Bedenkjahre“ in Österreich seit 1988, „Bedenkjahre“ – ein pathetisches Wort, erfunden vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky. Es sollten Jahre sein, in denen die Österreicher gründlicher politisch nachdenken, und sich an Jahre erinnern, in denen es für Österreich auch furchtbar be-denklich wurde: Etwa 1938, als sehr viele Österreicher die Hitler-Herrschaft willkommen hießen und bejubelten.

2.

Ein weiteres, neues Bedenkjahr ist heute entstanden: Fast jeder dritte Wähler in Österreich stimmt anläßlich der Parlamentswahlen am 29.9.2024 für die rechtsradikale, viele Kenner sagen zu recht, faschistische Partei FPÖ und ihren frechen, manche sagen unverschämten Vorsitzenden Herbert Kickl.
2024 – ein Bedenkjahr also zum Durchbruch des Rechtsradikalismus in Österreich. Es ist die alte Leier rechtsextremer Forderungen: Die Kickl Partei will den Zuzug von Fremden, d.h. Flüchtlingen, nach Österreich stoppen; Zäune sollen die Einreise der Flüchtenden ins schöne ehemalige Habsburger Land verhindern, „schlimme Asylbewerber“ sollen Fußfesseln erhalten; die Menschenrechte sind den FPÖ Leuten scheißegal, um es einmal auf dem verkommenen Sprachniveau der FPÖ Führer zu formulieren. Kickl und die Seinen wollen jedenfalls Österreich zu einer Festung umbauen. Diese Festung soll dann Ausländer-frei sein, Remigration ist das große ideologische Schlag-wort, wie üblich bei europäischen Rechtsextremen heute. Das Nazi -Ideal eines genetisch sauberen, weißen Europa der Herrenmenschen ist das politische Ziel. Am Samstag 28.9.2024 wurde typischerweise ein Video verbreitet, sichtbar und hörbar sind FPÖ Politiker die auf einem Begräbnis ein „Treuelied“ der SS gesungen haben. Quelle: „Tagesspiegel“, 29.9.2024.

3.

Für uns ist es, philosophisch betrachtet, wichtig: Künstler, Schriftsteller und Dichter haben oft eine hohe politische Sensibilität. Sie können politische Entwicklungen gleichsam voraussagen, literarisch verschlüsselt manchmal, aber deutlich genug. Ich erinnere hier nur an Thomas Bernhard, er hat die politische Entwicklung seines „Heimatlandes“ Österreich immer aufs heftigste kritisiert, und in seinem Theaterstück „Heldenplatz“ von 1988  analysiert. Dabei wissen wir: Wenn Protagonisten in Bernhards Romanen oder Theaterstücken sprechen, ist es nicht unmittelbar Thomas Bernard, der da seine Meinung kundtut. Aber wir erinnern gern an die Einsicht Marcel Reich – Ranickis, der treffend schrieb: „Man würde es gar zu leicht machen, wollte man sich damit behelfen, dass Bernhard Invektiven gegen Österreich („gemeingefährlichster Staat“, „eine einzige geist -und kulturlose Kloake“) meist seinen Ich – Erzählern in den Mund legt“ (zit. in Marcel Reich-Ranicki, „Thomas Bernhard. Aufsätze und Reden“, Fischer – Taschenbuch 1995, Seite 90.) Mit anderen Worten: Bei aller Differenz zwischen Autorenmeinung und Rede der literarischen Protagonisten spricht doch auch immer Thomas Bernhard selbst in seinen Texten, zwar übertreibend, wie er gern sagt, aber immerhin.

4.

Das Theaterstück „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard sollte also dringend erinnert werden angesichts des „Sieges“ der rechtsradikalen FPÖ. In der Wiener Hofburg, am Heldenplatz, regierten die Habsburger KaiserInnen, jetzt ist dort der Sitz des Bundespräsidenten. Am 15. März 1938 feierte dort eine enthusiastisch – verzückte Masse Adolf Hitler und den „Anschluss“ an das Hitler-Reich.

5.

Das berühmte Theaterstück „Heldenplatz“ schrieb Bernhard 1988, es wurde nach allerhand heftigster Polemiken im Burgtheater unter Claus Peymann am 4. November 1988 uraufgeführt. „Heldenplatz“ von Bernhard ist, ultrakurz gesagt, die Erzählung über zwei Brüder, zwei Juden: Der eine, Josef Schuster, konnte den latenten Antisemtismus in Österreich nicht mehr ertragen und stürzte sich aus dem Fenster. Sein Bruder Robert sieht auch allerorten den Antisemitismus in Österreich heute (1988), aber er hat nur noch wenig Kraft zu kämpfen:“Es gibt jetzt mehr Nazis in Wien als achtunddreißig“.

6.

Das Stück Heldenplatz sollte wieder gelesen und aufgeführt werden, selbst wenn wir wissen: Der Antisemitismus in Österreich wird heute übertroffen durch einen pauschalen Anti -Islamismus.Davon konnte 1988 so deutlich Thomas Bernhard noch nicht sprechen. Der von Bernhard gesehene heftige Antisemitismus (1988) muß heute bei der Lektüre von „Heldenplatz“ mit Feindlichkeit gegenüber Fremden und Ausländern und Flüchtlingen ergänzt werden. Wo von Juden im Stück die Rede ist, muss AUCH Flüchtling und Ausländer verstanden werden.

7.

Einige Zitate aus „Heldenplatz“ aus der Zweiten Szene, Worte von Robert Schuster:
„Das ganze Unglück (des Antisemitismus jetzt) ist ja kein überraschendes.“
Mein Bruder Josef „hat nicht damit gerechnet, dass die Österreicher nach dem Krieg viel gehässiger und noch viel judenfeindlicher gewesen sind als vor dem Krieg… Er hat nicht mehr gewusst, dass in Wien und überhaupt in Österreich die Verlogenheit zuhause ist“.
„Die Wiener und die Österreicher sind ja viel schlimmer als es sich euer Vater, mein Bruder Josef, hat vorstellen können.
Hört doch was die Leute reden, schaut sie euch an, sie begegnen einem doch nur mit Hass und Verachtung, gleich auf der Straße oder im Lokal“…

8.

„Die Leute mögen schreiben und reden, was sie wollen, der Judenhass ist die reinste, die absolute unverfälschte Natur des Österreichers“. (Robert Schuster in „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard).

9.

Ein „dezidiert politisches Buch“ (Ulrich Weinzierl) ist Bernhards großer Roman „Auslöschung“ von 1986. Er zeigt das Weiterleben der nationalsozialistischen Mentalität , „das Bernhard in den späten Jahren seines Schaffens immer nachdrücklicher zum Thema macht“ (Manfred Mittermayer, „Thomas Bernhard – Eine Biographie“, Residenz Verlag Salzburg, 2015, Seite 407). „Auslöschung“ ist die Geschichte Franz – Josef Muraus, der sich mit der Nazi-Vergangenheit und – Gegenwart seiner Eltern und seiner Familie auf Schloß Wolfsegg auseinandersetzt. „Seine Verwandten hatten immer zu den gerade an der Macht befindlichen gehalten und als geborene Österreicher die Kunst des Opportunismus wie keine zweite beherrscht“ (zit. „Auslöschung“  in Manfred Mittermayers Buch, dort S. 407).
Die Präsenz der Nazi – Welt in Österreich ist also DAS Thema des Bernhard Romans „Auslöschung“. Josef P. Mautner hat sich mit „Auslöschung“ in seiner Studie „Ein nationalsozialistisch-katholisches Syndrom“ (Würzburg, 2021) intensiv befasst. Und dann weitere politische Überlegungen angeschlossen: Die Mitschuld Österreichs und der ÖsterreicherInnen an den Verbrechen der Nazis sei keineswegs mit dem Ende der „Affäre“ um den Nazi – Mitarbeiter Staatspräsidenten Kurt Waldheim überwunden. Denn, so schreibt Mautner 2020, „es gibt die anhaltend rechtsradikal orientierte Politik der FPÖ, der es kaum gelingt, ihre Wurzeln im Verleugnung – und Verdrängungsmilieu der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zu verbergen“ (S. 116). „Im Nachkriegsösterreich war die Justiz bei der Aufarbeitung der von NS – Verbrechen zu weiten Teilen säumig… In den sechziger Jahren endeten zahlreiche Verfahren mit Freisprüchen; in den siebziger Jahren folgte schließlich ein Abbruch der gerichtlichen Verfolgung von NS – Verbrechen“ (s. 115). Thomas Bernhard hat auf seine Art als Dichter auf die Präsenz der Nazis (in Wolfsegg) reagiert: Sein Protagonist Franz -Josef Maura löscht diese Nazi – Welt seiner Herkunft aus: Diese Nazi – Auslöschung ist leider bisher nur literarisch gelungen, nicht aber real in Österreich und überall, wo rechtsextreme Parteien wieder die Führung übernehmen wollen.

10.

Wer oder was gibt uns die Kraft zu hoffen, dass die Demokratie (in Österreich) diesmal stärker ist als 1938?  Ein „Bedenkjahr“sollte in tägliches kritisches Nachdenken umgewidmet werden. „Bedenktage“ sind erforderlich.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin