Zum Welttag der Philosophie 2012: Der urbane Blick

Der urbane Blick – eine (Lese -) Empfehlung

Anlässlich des Welttages der Philosophie am 15. November 2012

Von Christian Modehn

Zum 10. Mal wird der „Welttag der Philosophie“ am 15. November 2012 gefeiert.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ bietet – im Unterschied zu früheren Jahren – an dem Feiertag selbst keine eigene Veranstaltung an. Am Samstag, 1. Dezember, findet hingegen ein ausführlicher „Nachmittags – Salon“ (ab 14 Uhr) in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, statt.

Wir wollen vom Salon aus jedoch auf einen Lektüretipp nicht verzichten. Und zwar bezeichnenderweise aus einer „Ecke“, in der explizit philosophische Reflexionen nicht unbedingt erwartet werden.

Die sehr beachtliche und empfehlenswerte Zeitschrift „Kunstforum International“ (Red. in Ruppichteroth) bietet in ihrer Ausgabe vom Oktober 2012 elf Beiträge zum Thema „Der urbane Blick“; in den Aufsätzen geht es immer wieder auch um eine philosophisch – phänomenologische Annäherung an die Stadt. Die Veröffentlichung dieser insgesamt empfehlenswerten Beiträge zeigt einmal mehr, dass Philosophie in allen Bereichen des Lebens, der Kultur, der Kunst, des Sozialen und Politischen lebt und nur der Explikation bedarf. Das zeigt die „Attraktivität“ des philosophierenden Denkens…

Inspirierend ist der Beitrag des Humangeographen  Prof. Jürgen Hasse (Uni Frankfurt/M.) über die „Stadt als Gefühlsraum“. Hasse weist damit auf einen bislang eher vernachlässigten Aspekt der Stadt – Philosophie hin, auf das schwierige Erforschen des Atmosphärischen einer Stadt. Es geht um das ganzheitliche, leibliche Erfahren des Stadtraumes: „Atmosphären SIND in ihrer Wirklichkeit, wenn auch in anderer Weise als Dinge. Sie sind anders lokalisiert als ein Haus im Häusermeer der Stadt. Sie umweben einen Ort, hüllen ihn ein und machen ihn zu einem situativ besonderen Ort.“ (S. 134).  Diesem Erleben des Atmosphärischen begrifflich nachvollziehbar auf die Spur zu kommen, ist das Verdienst dieses Beitrags, der sich immer wieder auf den Philosophen Hermann Schmitz („Neue Phänomenologie“) bezieht. Auch in einem „praktischen Interesse“ wichtig sind die Beschreibungen von „10 sinnlich erlebbaren Atmospären der Stadt“ (Baukultur, Gerüche, Licht und Schatten  usw.). Der leider viel zu früh verstorbene Philosoph Heinz Paetzold bietet einen auch für philosophierende „Laien“ äußerst inspirierenden Beitrag zur Phänomenologie des Flanierens, eine freie, subjektive Methode der langsam – gehenden, „ziellosen“ Stadt – Erkundung, die ja bekanntlich auch der Berliner Flaneur Franz Hessel praktizierte. Flanieren, so Paetzold, ist oft auch ein Abenteuer in der Konfrontation mit dem Fremden in der Stadt, es ist ein Sich stellen der „exotischen Andersheit“. Bei der flanierenden Stadterschließung bleibt die Distanz gewahrt, es kommt zu keinen unmittelbaren Verpflichtungen zwischen Flaneur und Beobachtetem.  Auch die Arbeiten von M. de Certeau und Z. Bauman werden in dem Beitrag fruchtbar gemacht.

Hier liegen Impulse für eine längst fällige praktisch – philosophisch – phänomenologische Stadt – Erkundung/Beobachtung. Der Religionsphilosophische Salon arbeitet an dem Thema, gerade auch im Interesse der Spurensuche nach „Transzendenz“ im Gefüge der Stadt Berlin. Nach der Lektüre der Beiträge im „Kunstforum International“ fragen sich auch theologisch Interessierte, wie fern etwa kirchliches Leben, in großstädtischen Gemeinden, diesem hier eröffneten Spektrum urbaner Verhältnisse ist.

copyright: christian modehn

Die ganz Elenden werden übersehen: Fragen zu „Sandy“ und anderen Ungeheuerlichkeiten

Die Elenden werden übersehen – sie sind ökonomisch irrelevant

Beobachtungen zu „Sandy“ und anderen Ungeheuerlichkeiten

Von Christian Modehn

Wann beginnt Rassismus, fragen wir uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Zeigt sich in der internationalen Aufmerksamkeit auf Naturkatastrophen eine Vorliebe für wichtige Menschen in wichtigen Nationen gegenüber wertlosen Menschen in ökonomisch wertlosen und deswegen völlig uninteressanten Ländern? Ist diese „Vorliebe“ tendenziell rassistisch?

Wer die Berichterstattung der großen Medien anlässlich des Hurrikans Sandy beobachtet hat, kommt wahrscheinlich zu der Erkenntnis: Ja, die Sandy – Opfer in den USA sind wichtiger und interessanter als die Sandy Opfer etwa in Kuba oder Haiti. Die Upper East Side von Manhattan steht uns näher als die Barackensiedlung oder die Zeltstadt „Cité Soleil“ in Port – au – Prince, Haiti. Menschlichkeit bemisst sich eindeutig nach ökonomischen Kriterien. In Manhattan leben eben wichtige, in Port au Prince höchst unwichtige Menschen. Nur ein Beispiel: Erst am 6. 11. 2012, nachdem Sandy aus den USA längst als Sturm verschwunden war und Tage zuvor voller Details seitenlang über die Katastrophe in  den USA berichtet wurde, also erst am 6. 11. 2012 berichtete etwa „Der Tagesspiegel“  ausführlicher über Haiti mit dem Titel: „Land ohne Hoffnung“. Zuvor wurden nur äußere, sozusagen metereologische  Fakten publiziert. Haiti ist also „ohne Hoffnung“. Um es paradox zu formulieren: Die immer noch spürbaren Verwüstungen des Erdbebens (Januar 2010) wurden jetzt noch einmal durch Sandy weiter verwüstet. Denn von Aufbau nach der Katastrophe von 2010 kann wohl nur sehr bedingt die Rede sein. Erwähnt wurde im „Tagesspiegel“ nebenbei, dass in der Großstadt Santiago de Cuba mehr als 200.000 Unterkünfte zerstört worden seien. Berichtet wurde auch, dass die angeblich „böse“ Regierung unter Hugo Chavez in Venezuela die erste war, die 240 Tonnen Hilfsgüter nach Haiti schickte….

In Haiti werden nach dem Hurrikan noch einmal hunderte Menschen krepieren, zumal die Hauptverbindungsstraße in die Dominikanische Republik (von dort wurden viele Hilfsgüter angeliefert) offenbar völlig zerstört ist.

Man verstehe uns nicht falsch: Wir haben gar nichts gegen eine umfassende Berichterstattung über die USA. Wir meinen nur, dass wir aufmerksam sein sollten, wo uns durch die Medien suggeriert wird: Es gibt wichtige und unwichtige Opfer. Dass in Haiti, dem vergessenen Land mit den vergessenen Menschen, das blanke Elend herrscht, weiß allmählich jeder. Und fast alle haben sich damit abgefunden. Darf man das „indirekt zugelassenen Völkermord“ nennen? Dass für Haiti, der ehemaligen französischen Kolonie, „Rettungsschirme“ aufgespannt werden – etwa von der Europäischen Gemeinschaft – ist bisher nicht zu uns gedrungen. Vielleicht gibt es in Haiti noch nicht einmal funktionsfähige Banken, denen Frau Merkel zu Hilfe kommen könnte.

Copyright: Religionsphilosophischer-Salon.de

 

Selbstbestimmung – ein Projekt, das niemals an ein Ende kommt

Selbstbestimmung – ein Projekt, das niemals an ein Ende kommt

Von Christian Modehn

„Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?“

Die folgenden Hinweise gelten für das Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 19. 10. 2012, anlässlich der Diskussion des 1. Kapitels des Buches von Peter Bieri: „Wie wollen wir leben?“ (St. Pölten, 2011)

Philosophie reflektiert vor allem –in unterschiedlicher Sprache – das menschliche Leben. Sie zeigt die Grundstrukturen, sozusagen, um ein Bild zu verwenden: Wie das Gebäude des Lebens, auch meines Lebens, im einzelnen „gebaut“ ist, wie der Grundriss ist, die Anlage der einzelnen Räume aussieht, der Zustand der Zimmer. Philosophie macht mich sensibel für meine Sprache und meine Begriffe: Was meine ich wirklich, wenn ich Leben sage oder Wahrheit oder Selbstbestimmung.  Philosophie unterbricht mit dieser Besinnung das Gebundensein an den üblichen Lauf der Dinge. Sie erzeugt Gegenwart, lange Dauer der Gegenwärtigkeit des Denkens.

Der erste Vortrag Peter Bieris ist im Konjunktiv formuliert:
Was wäre ein selbstbestimmtes Leben? Der Konjunktiv deutet zumindest die Schwierigkeit der Selbstbestimmung an. Die Schwierigkeit liegt sicher auch in der faktischen Situation heutigen Lebens: Dieses Ausgesetztsein der Werbung und ihren „Erlösung“ versprechenden Sprüchen, die Hilflosigkeit, den alles Denken tötenden Stress zu überwinden, die dogmatischen ideologischen Zwänge, die ungefragt respektiert werden, wie: Erfolg als oberster Wert, „Quantität ist wichtiger als Qualität“, „Arbeit ist wichtiger als Muße“, „ich“ bin wichtiger als die anderen usw. Darin zeigt sich, wie unfrei wir bereits faktisch leben.

Nur einige Hinweise zum Begriff Selbstbestimmung.

Seit dem 16. Jahrhundert taucht der Begriff auf, schreibt Volker Gerhardt in der „Enzyklopädie Philosophie“, Band 2, S. 2409. Dieser Begriff  ist verbunden mit dem Entstehen des Humanismus (Pico della Mirandola, Erasmus von Rotterdam). Noch Luther war noch gegen die Selbstbestimmung in Freiheit (de servo arbitrio). Katholische Dogmatik hat bis heute wenig Vorliebe für Selbstbestimmung. Man beachte, dass noch in dem 8 Bände umfassenden „Herders Theologischen Lexikon“ von 1973, also nach dem 2. Vatikanischen Konzil, kein theologisches Stichwort zur Selbstbestimmung vorkommt; hingegen, wenn man nach einer Wortkombination mit „Selbst“ sucht, lediglich auf einen Beitrag zur „Selbstmitteilung Gottes“ findet. Dafür gibt es in dem genannten angesehenen Lexikon einen ausführlichen Artikel zum Stichwort Gehorsam… wobei allerdings darauf abgehoben wird: Der gehorsame folgsame Mensch sollte erkennen,  „dass eine Anordnung dem Wohl des Menschen nicht widerspricht“. (Band 2, S. 384).

Selbstbestimmung ist jedenfalls als Vollzug des Menschen ein moderner Begriff, obwohl die gemeinte Sache, der Vollzug der Freiheit des handelnden Menschen schon in der Antike,  etwa bei Aristoteles, reflektiert wird.

Volker Gerhardt weist darauf hin, dass sich in philosophischen Wörterbüchern des 18. Jahrhunderts der Begriff noch gar nicht findet (ebd). Aber ab Mitte des 18. Jh. wird der Begriff Selbstbestimmung dann doch „eine dominierende Denkfigur“ (Gerhardt S. 2411) der europäischen Philosophie und des europäischen Denkens insgesamt; Kant stellt die Selbstbestimmung als zentralen Begriff in die praktische Philosophie. Vorher aber hatte der englische Philosoph David Hume grundlegende Zweifel an der Selbstbestimmung geäußert: Wir Menschen, so meinte er, seien als angeblich vernünftige Wesen doch  eher Sklaven der Leidenschaften. Bei Kant kommt es dann zum Eingeständnis: Wir sind zwar heteronom vorgeprägt, können uns aber innerhalb der heteronomen Bindungen doch frei verhalten.

Hegel sah etwa, dass es Momente gibt, wo ich mich gern fremd bestimmen lasse, etwa in der Liebe.

Ich will noch kurz den aktuellen Horizont etwas ausleuchten:

Dass der Begriff und die gemeine Sache heute aktueller denn je sind, zeigen etwa auch die Diskussionen im Rahmen der Bioethik, Stichworte Patientenverfügungen, aktive Sterbehilfe, usw. Und man denke etwa noch an den populären Slogan der Befürworterinnen der Abtreibung: „Mein Bauch gehört mir“, das Motto wurde ausgelöst durch einen Beitrag im STERN im Jahr 1971, wo sich mehr als 300 Frauen dazu bekannten „Ich habe abgetrieben“…

Vor 20 Jahren wurde im Bundestag übrigens das Gesetz novelliert, wonach die Frau und nicht der Arzt entscheidet, ob eine Abtreibung vorgenommen wird…

Nur nebenbei, um noch einmal auf die katholische Szene zurückzukommen: In der Dominikanischen Republik ist aufgrund massiven bischöflichen Einflusses jegliche Abtreibung bis heute verboten. Und in Nikaragua ist aufgrund des politischen Opportunismus der herrschenden Sandinisten heute ebenfalls Abtreibung streng verboten, einfach nur, um der dortigen katholischen Kirchenführung zu gefallen (und sich dadurch katholische Stimmen zu sichern).

Peter Bieri führt uns entschieden zu Frage: Wer will ich sein, wer kann ich sein, wer bin ich…

Wir wollen Regeln selber bestimmen bzw. mit bestimmen. Und dann einsehen: Ja, das sind auch unsere Regeln, auch wenn sie von anderen formuliert wurden.

Wichtiger ist noch: Innere Selbständigkeit.

Wir wollen uns selbst kennen, uns selbst kritisch sehen, unser Selbst dabei sehen.

Wir beginnen unsere Selbstbestimmung nie am Nullpunkt. Wir sind immer schon vorgeprägt… Es gilt, den Sinn für das Mögliche zu entwickeln. Was kann ich noch wollen unter den Bedingungen, unter denen ich (gebunden) lebe. .

Ich mache mich selbst zum Thema: Ich reflektiere. Ich denke mein Denken. Ich denke mein Fühlen. Ich denke mein Tun. Ich beziehe mich auf mich. Das ist der Kern. Denn bei der Reflexion sehe ich,  dass ich auch anders denken und handeln könnte. Ich verstehe, wer ich bin, sehe eine Art Selbstbildnis von mir. Kann ich in meinem Tun meinem Selbstbildnis entsprechen?

Das erfordert: Aktivität, „Arbeit“, innerer UMBAU, gegen die innere Monotonie, gegen das Erstarrte.

Monotonie hat etwas mit der Zeit Erfahrung zu tun: Die sich stets wiederholende Zeit, der starre Rhythmus, der krank macht.

Das Hineingestelltsein in die Zeit: Können wir in der Zeit glücklich sein? Herrscht die Zeit über uns? Offenbar haben seelische Erkrankungen mit dem „einseitigen“, kankmachenden Umgang mit Zeit zu tun, etwa in der starren Bindung an (meine) Vergangenheit. Psychotiker etwa beklagen den Stillstand ihrer Lebenszeit, sie erleben diese Zeiterfahrung als Ohnmacht.

Aber müssen wir das unabwerfbare Hineingestelltsein in die Zeit immer negativ, als entfremdend, deuten? Wäre Zeit nicht auch ein eher neutrales Phänomen, ein „neutrales“ „Apriori“ (Kant)?

Die zentrale Frage bleibt: Wie kann ich die „Regie“ in meinem Leben entdecken oder wieder entdecken?

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Kant heute philosophieren

In der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM erschien am 21. 9. 2012 ein Beitrag zur Aktualität Immanuel Kants, der Artikel ist ein Versuch, mit erzählerischen, fiktiven Formen das Interesse an seiner Philosophie zu beleben. Von der Form her ähnliche Beiträge habe ich zu Montaigne, Hegel, Schleiermacher und Heidegger verfasst.

Die Zitate der genannten Gäste im Haus Kants sind selbstverständlich authentisch. Christian Modehn

„Lass dich nicht bevormunden“

Tischgespräche im Hause Immanuel Kant

Von Christian Modehn

Fast ein Idyll, das Haus Immanuel Kants in Königsberg, am Prinzessinplatz, mitten in der Stadt, gelegen und doch von Gärten umgeben. Die Gäste erwarten den Hausherrn im „Besucherzimmer“. Immanuel Kant betritt den Raum, klein von Gestalt und wie immer fein gekleidet. Trotz seiner 70 Jahre ist er gesundheitlich auf der Höhe. Er begrüßt die Gäste seiner heutigen Tischrunde: die Philosophen Michael Bongardt, Jean Greisch und Herbert Schnädelbach. Mehrmals in der Woche nimmt sich Kant drei Stunden Zeit, mit einer kleinen Gesellschaft zu speisen und geistvoll zu plaudern. „Ist meine Philosophie aktuell?“, mit der Frage hatte Kant die Gäste eingeladen – zu einer Art Denk -Essen, „aber bitte, wie immer gemächlich, ich bin ein Anhänger der slow –food- Bewegung“.

„Es lohnt sich, ein Vergnügen zu kultivieren, das täglich genossen werden kann“. Mit diesen Worten bittet nun Kant seine Gäste in den Speiseraum im ersten Stock Es gibt sein Lieblingsgericht, Kabeljau in Senfsauce. Wie alle anderen Räume ist auch der Speisesaal von schlichter Einfachheit, ein großer Spiegel ist die einzige Zierde. Die Wände sind weiß gestrichen; nüchterne Klarheit schätzt Kant über alles. „Natürlich ist das Essen auch eine Pflicht. Aber auch unsere Lust der Sinne wird beim Essen angesprochen. Ich interessiere mich immer für neue Rezepte. Meinen geliebten Senf rühre ich ja bekanntlich selbst an. Mein Freund Theodor von Hippel hat kürzlich vorgeschlagen, ich sollte eine =Kritik der Koch -Kunst= schreiben, aber dazu fehlt mir die Zeit. Wichtiger ist: Philosophie kann niemals Rezepte verteilen. Sie bietet Orientierung, sie zeigt, wie mit der Anstrengung von Verstand und Vernunft ethisch wertvolles Leben möglich ist“.

Aber Philosophieren sollte nicht in Stress ausarten, entgegnet Jean Greisch, er ist eigens vom „Institut Catholique“ aus Paris angereist: „Für mich ist das Denken keine Arbeit. Es ist auch eine Lust zu denken, mehr noch: Philosophie kann Lebenslust sein“. Jean Greisch ist ein katholischer Philosoph, während ein anderer Gast, der Philosoph Herbert Schnädelbach, dem Atheismus zuneigt. Er führt den Gedanken gleich weiter: „Ich verstehe die Philosophie immer als eine Kultur der Nachdenklichkeit. Das bedeutet: Seinen Gedanken noch einmal nachzudenken, zu reflektieren. Und das können alle Menschen bei Kant wirklich lernen“.

Der Gastgeber hebt sein Glas, eine Aufforderung, den Sylvaner zu probieren. Der alt bewährte Diener Lampe, stets im Hintergrund, reicht das Gemüse. Seit vielen Jahren kümmert sich der ehemalige Soldat Martin Lampe um das Wohlbefinden des berühmten Königsberger Professors. Er weckt ihn morgens um 5 immer energisch, denn die Vorlesungen beginnen immer schon um 7 Uhr früh. Bei bester Laune kommt jetzt Kant ins Plaudern. Auf eine oft gestellte Frage will er lieber gleich selbst eingehen: „Warum bin ich Junggeselle geblieben? Als ich eine Frau habe brauchen können, habe ich als junger Mann keine Frau ernähren können. Und als ich sie später ernähren konnte, da habe ich keine Frau mehr gebraucht“. Mit leichtem Witz kann Kant über seine eigenen Begrenztheiten sprechen. Ihn habe halt die Liebe zur Philosophie völlig in Anspruch genommen, denken die Gäste und schmunzeln. Und gleich ist Kant wieder bei seiner Sache: „Ein Mensch ist erst dann erwachsen, wenn er einer Maxime, einer Art Regel fürs Leben, folgt“, sagt er, während die Gäste den Kabeljau probieren. „Diese Maxime heißt: Bemühe dich, jederzeit selbständig zu denken. Das ist der Sinn philosophischer Aufklärung. Luther und die Reformatoren haben das Selber – Lesen der Bibel propagiert. Ich sehe im Selber – Denken die Voraussetzung für menschliches Leben. Das Kriterium für gut und böse liegt in unserer Vernunft selbst. Was wahr und falsch ist, darf uns niemand einreden“.

Die Gäste haben es schon geahnt: Das gemeinsame Essen wird tatsächlich zu einer Art Arbeitssitzung. Oft verbietet sich ja Kant allerdings das Philosophieren bei Tisch, dann hört er sich lieber von Weltenbummlern die Berichte aus fernen Ländern an, will wissen, wie Menschen etwa in London oder Rom leben. Schließlich hat er ja seine Heimatstadt nie verlassen. Durch ausführliche Korrespondenz ist er bestens auf dem Laufenden, leidenschaftlich verteidigt er die Französische Revolution, Willkürherrschaft in Staat und Kirche ist ihm ein Graus. Er denkt demokratisch.

Aus einem Regal holt sich Kant sein Buch „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“. „Nur eine Zeile möchte ich vorlesen: Es soll nicht sein, dass Menschen ihre Ziele nach eigener Laune auf Kosten anderer durchsetzen. Ethische Imperative sollen unbedingt für alle Menschen gelten“.

Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, findet dieses Thema gerade in der multikulturellen Gesellschaft sehr wichtig: „Im Sinne Kants kann man nicht behaupten: Diese moralische Regel hat Gott gesetzt. Denn ein göttliches Gebot können wir Menschen ohnehin nicht „als göttlich“ erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden wurde, die dann nur behaupten: Es stamme von Gott. Aber Kant lehrt sehr selbstbewusst: Auch wenn es ein göttliches Gebot wäre, so wären wir doch immer verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten“. Kant blickt in die Runde, seine Augen strahlen: „Treffender hätte ich es auch nicht sagen können. Jeder einzelne kann in sich selbst entdecken, was gut ist und was es bedeutet, frei zu handeln. Dabei bleibt es“.

Die Gäste gönnen sich ein Schluck Weißwein. Aus dem fernen Frankreich lässt sich Kant den Wein liefern, Königsberg liegt zwar am Rande, ist aber doch eine kleine Metropole.

Nach einer Pause sagt Herbert Schnädelbach: „Aber wie gehen Menschen mit ihrer Freiheit um? Haben sie in ihrer Vernunft selbst ein Kriterium für das, was gut oder böse ist? Ich will an die wohl berühmteste Formulierung Kants erinnern, den „Kategorischen Imperativ“, der ja in mehreren Formulierungen vorliegt. „Handle so, dass die Maxime deines Willens, also dein persönlicher Lebensentwurf, jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Das bedeutet auch: Niemals darf ein anderer Mensch für mich bloß ein Mittel, bloß ein Gegenstand meiner Interessen sein. Jeder Mensch ist absolut wertvoll. Er ist „Selbstzweck“. Kant fällt ihm ins Wort: „Jeder Mensch hat also immer ein Kriterium zur Verfügung, um die ethische Qualität seiner Handlungen beurteilen zu können. Kein Mensch darf wie eine Sache behandelt werden, Menschen als eine Ware zu betrachten, hat keinerlei ethische Rechtfertigung. Welche Wirtschaftsordnung ist dann noch gerechtfertigt? In meiner Philosophie steckt kritisches Potential“, betont Kant.

Dann wird der Gastgeber beinahe wütend: Die ethische Ausbildung in den Schulen sollte an erster Stelle stehen, erst dann kommt alles andere, auch die Religion. Aber wer der Vernunft in seinem Denken und Handeln folgt, muss sich auch auf rigoros erscheinende Einsichten einlassen. Er muss z.B. anerkennen: Niemals darf ein Mensch getötet werden. “Denn vernünftige Wesen wünschen sich immer, dass ihre Vernunft lebendig und aktiv ist. Wer sich und andere tötet, tötet die Vernunft. Zudem darf ich nicht über andere verfügen und sie töten. Jedes Vernunftwesen hat ein Recht darauf, zu leben“. Schwieriger ist eine andere Frage: Kann es ethisch erlaubt sein, gelegentlich zu lügen? „Ich denke: Wenn das so wäre, dann zerstört man letztlich die menschliche Gesellschaft“, sagt Kant sehr bestimmt, „niemand weiß dann noch, was grundsätzlich für alle gilt. Die Lüge vergiftet das Miteinander. Darum bin ich für das absolute Verbot zu lügen“.

„Aber kann dieses Verbot immer und überall gelten?“, wirft Herbert Schnädelbach in die Runde. „Man stelle sich die Situation vor: Ich verstecke jemanden in einer Diktatur vor der Geheimpolizei und ich werde gefragt: Ist der bei dir? Dann darf ich nach Kant nicht lügen. Sage ich die Wahrheit, gefährde ich das Leben des Oppositionellen und mein eigenes. Also es bleibt gar nichts übrig, dass ich in diesem Dilemma die Urteilskraft brauche. Ich muss dann fragen: Was ist der höhere Wert, was ist die größere Schuld. Das muss man abwägen. Und dafür gibt es keine Regeln“. Gelegentlich sollte man sich doch zugunsten des kleineren Übels entscheiden, Kant muss stillschweigend hier eine Grenze seines Denkens anerkennen.

Der Diener Lampe unterbricht die Debatte, die Gäste sollten doch bitte den nächsten Wein, einen Riesling, nicht vergessen. Aber die kleine Pause dauert nicht lange: „Liebe Gäste“, sagt nun Kant, „vergessen sie nicht: Der kategorische Imperativ hat auch eine politische Bedeutung: Meine Freiheit darf die Freiheit des anderen also nicht beschädigen, ich muss denjenigen Menschen in seiner Freiheit behindern, wenn er seine eigene Freiheit nur dazu benutzt, die Freiheit anderer einzuschränken“.

Kant hat sich erhoben. Er greift zu einem Buch, auf das er besonders stolz ist, es heißt: „Zum ewigen Frieden“. „Darin schreibe ich: In unserer politischen Arbeit sollen wir den universalen Frieden, den Weltfrieden, als Projekt anstreben. Denn was nützt es, wenn nur ein friedlicher Staat von lauter Kriegstreibern umgeben ist. Es ist ein langer Weg zum Weltfrieden, aber er ist ethisch geboten. Ich kritisiere die räuberische Außenpolitik, früher sprach man von Kolonialpolitik. Es gibt Staaten, die herrschsüchtig und für den Frieden verderblich sind. Es darf kein stehendes Heer mehr geben, denn das führt nur zum Wettrüsten“. Ob man Kant einen Friedensaktivisten nennen könne, fragen die Gäste. Kant antwortet lapidar: „Na klar“! „ Diese Vorstellung, Frieden für alle zu schaffen, wird übrigens auch von der Bibel unterstützt“, meint Michael Bongardt.

Die Gäste lassen sich gleich von dem Stichwort inspirieren und wollen ausführlicher über die Bedeutung der Religionen sprechen. Kant ist als Philosoph ein entschiedener Kirchenkritiker. Wie viele Feindseligkeiten der Rechtgläubigen musste er schon deswegen ertragen. „Aber es ist einfach falsch, wenn so viele Dummköpfe behaupten, ich sei ein „Zerstörer des Glaubens“, meint er. „Ich finde es von meiner Moralphilosophie her sogar notwendig, im Denken das Dasein Gottes anzunehmen. Gottes Existenz können wir aber nicht wissenschaftlich demonstrieren, weil ja Gott nicht als ein greifbarer Gegenstand erfahren werden kann“.

Jean Greisch will diese Aussage noch vertiefen: „Gott ist für Kant kein Erfahrungsgegenstand. Aber das bedeutet keinesfalls, dass der Gottesbegriff selbst sinnlos wäre. Man kann sagen: Das Unbedingte ist unbegreiflich. Wenn du Gott begreifen könntest, dann kannst du sicher sein, das kann nicht Gott sein, das sagt doch auch der heilige Augustinus“.

Die Runde ist von einer Stimmung erfasst, die man im Hause Kants manchmal „philosophische Begeisterung“ genannt hat. Der Gastgeber ruft dazwischen: „Wer sagt, dass Gott sicher existiere, der sagt mehr, als er wirklich weiß. Und wer das Gegenteil sagt, Gott existiere sicher nicht, der sagt ebenso mehr als er weiß. Niemand weiß genau und exakt, ob Gott existiert. Wir erreichen nur das göttliche Geheimnis“.

Herbert Schnädelbach greift diese Erkenntnis noch einmal auf: „Was die gelebte Religion betrifft, da hat Kant ja in seiner Religionsschrift gezeigt: Alles, was wir tun können, um gottgefällig zu sein, ist nur eines: Moralisch zu leben. Alles andere ist Abgötterei und Aberglaube“.

„Ist meine Überzeugung nicht modern, hilfreich im Kampf gegen den Fundamentalismus?“, fragt Kant durchaus rhetorisch. „Religiöse Praxis bedeutet für den einzelnen nichts anderes als die Anerkennung vernünftiger moralischer Pflichten. Nur dies will Gott von uns. So werden dogmatische Ansprüche begrenzt. Darum habe ich kein Verständnis für Konfessionen und Kirchen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektieren und nur halbherzig die Demokratie unterstützen…“

Jean Greisch findet Kants Verständnis von Religion doch zu eng: „Religion ist nicht nur ethisch gutes Handeln, sie hat auch noch andere Komponenten, wie das Fest, die Feier, den Kult. Ich meine: Religion ist eine eigenständige Provinz im menschlichen Gemüt“. Dennoch bleibe Kants Religionskritik auch für Katholiken wertvoll, meint der Professor aus Paris. „Aberglaube, Fanatismus, Wundergläubigkeit: Die muss man tatsächlich unter Kontrolle halten. Ich glaube, da hat er recht. Und ich glaube, in dieser Beziehung müssen wir auch als Philosophen einen kritischen Blick für die institutionellen Organisationsformen der einzelnen Religionsgemeinschaften haben“.

Kant freut sich, dass die Grundidee seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer noch respektiert wird. Und mit einem Seufzer fügt er hinzu: Genauso wichtig sei noch etwas ganz anderes: „Das Reich Gottes auf Erden ist die letzte Bestimmung des Menschen. Christus hat das Reich Gottes verkündet. Aber man hat ihn nicht verstanden und statt dessen das Reich der Priester und der Kirche errichtet und nicht das Reich Gottes, das in uns selbst, in Seele und Vernunft, zu finden ist“.

Von Ferne sind Stimmen zu hören, Studenten eilen zur Universität. Hier hat Kant viele Jahre bis zu 20 Vorlesungen wöchentlich gehalten, meist am Vormittag. Auch noch mit 70 Jahren, gönnt er sich täglich pünktlich um 4 Uhr seinen Spaziergang. Die Leute in Königsberg warten förmlich darauf, dass er seine „Runden zieht“.

Die Gäste müssen also aufbrechen. Herbert Schnädelbach wendet sich an Kant: „Ihre Philosophie ist ein inständiges Nachforschen mit dem Versuch, alle möglichen Argumente, die da mit im Spiel sind, zu berücksichtigen. Das ist irgendwie doch faszinierend, muss ich sagen“.

Der Gastgeber will noch ein gutes Wort mit auf den Weg geben: „Was mir am wichtigsten ist: Pflegen wir einen gesunden Verstand, bewahren wir uns ein fröhliches Herz und einen freien, selbst bestimmten Willen“. Und mit einem leichten Seufzer fügt er hinzu: „Nur mit kleinen Schritten folgt die Menschheit den Weisungen der Vernunft. Schließlich leben wir noch nicht in einer vernünftigen Welt, es gibt noch viel zu kritisieren und vernünftiger zu machen…“

…..Ganz kurz zur Person:

Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren. Seine Hauptschriften sind „Kritik der reinen Vernunft“, Kritik der praktischen Vernunft“ und „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen vernunft“. In seinem Haus trafen sich regelmäßig Menschen aus ganz Europa. Der Meisterdenker hat seine Heimatstadt bis zu seinem Tod 1804 nur einmal – für einen kleinen Ausflug – verlassen. Darüber gibt es keine Zweifel: Kant lebt (mit seinem Denken) weiter. Die Geschichte der Philosophie lässt sich in „vor Kant“ und „nach Kant einteilen.

copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

 

„Berlin 775 Jahre“: Für eine „Berliner Theologie: Religiös sind fast alle

Anläßlich der Feiern „Berlin wird 775“ eine theologisch -religionsphilosophische Provokation.

Religiös sind fast alle

Für eine „Berliner Theologie“, zum ersten Mal publiziert an 5, September 2012

Von Christian Modehn

Ab Ende August wird in Berlin – wieder einmal – ausgiebig gefeiert: Die Hauptstadt wird 775 Jahre alt. Auch die Religionen gehören zu Geschichte. An „Gedenkfeiern“ wird es nicht mangeln. Wird die Theologie nur nach rückwärts schauen? Theologie als Wissenschaft wird in Berlin seit Beginn des 19. Jahrhunderts gelehrt. Inspirierend sind bis heute die Protestanten F. Schleiermacher und E. Troeltsch, sicher auch D. Bonhoeffer und P. Tillich. Sie wurden auch außerhalb der kirchlichen Welt geachtet, weil sie den Mut hatten, jenseits dogmatischer Traditionen Neues zu sagen: Ihr Bezugspunkt war die unkirchliche Kultur der Metropole. Aber die war nicht der „Feind“, den man missionierend „besiegt“, sondern der Partner, von dem man lernt. Deswegen galt es, die „Gebildeten unter den Verächtern des Religion“ (Schleiermacher) anzusprechen und zu argumentieren, „als gäbe es Gott nicht“ (Bonhoeffer). Berliner Katholiken sind noch stolz auf ihren einzigen Star, den Religionsphilosophen R. Guardini, er interpretierte immerhin Rilke, Dostojewski und Hölderlin.

Auch heute ist Theologie (evangelische an der Humboldt – Universität, katholische, sehr bescheiden, an der F.U.) auf den immer kleiner werdenden kirchlichen Sektor bezogen. In kulturellen oder sozialpolitischen Debatten der Stadt kommt Theologie kaum vor. Für die Medien ist sie ein Randthema. Die beiden konfessionellen Akademien bedienen vor allem das älter werdende kirchliche Publikum.

23 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Berlin immer noch „Sektoren – Stadt“. Es gibt zahlreiche unterschiedliche soziale und religiöse Milieus, die nebeneinander leben, manchmal auch gegeneinander. 130 Nationen sind allein im Bezirk Neukölln vertreten: Etliche Menschen arabischer Herkunft wollen mit ihren Nachbarn türkischer Herkunft nichts zu tun haben. Zudem wird die Gentrifizierung als Heimat Vertreibung der Alteingesessenen an den ungeliebten Stadtrand erlebt. Wohlhabende Kirchengemeinden meiden die Begegnung mit „Glaubensbrüdern“ aus armen Bezirken. Der Stadt mit 3, 5 Millionen Einwohnern und mit mehr als 12 Millionen Touristen jährlich, fehlt eine allen gemeinsame spirituell – menschliche Basis; es fehlt das Bewusstsein für das Verbindende. Darum sollte sich Theologie kümmern. Dies könnte dann auch ihr Sprechen von Dogmen und Traditionen grundlegend weiten. Schleiermachers und Bonhoeffers Ideen sollten fortleben.

Von regelmäßigen, auf Dauer angelegten theologischen Gesprächen mit Nichtkonfessionellen oder Atheisten kann keine Rede sein. Dabei bilden diese Menschen in Berlin die absolute Mehrheit. Nur jeder dritte Bewohner Berlins gehört noch einer christlichen Kirche an. 660.000 sind evangelisch, 320.000 katholisch. Junge Menschen sind in den Kirchen die Minderheit. An einem „normalen Sonntag“ nehmen ca. 50.000 Christen am Gottesdienst teil. So viele Besucher zählen auch die zahllosen (Musik) „Clubs“ an einem Wochenende. Zum Islam bekennen sich etwa 8 Prozent der Bevölkerung. Die jüdische Gemeinde hat 11.000 Mitglieder. Genaue Zahlen zu den zahlreichen Buddhisten gibt es nicht.

Wäre es nicht an der Zeit, eine neue, eine ausdrücklich ortsbezogene „Berliner Theologie“ zu entwickeln? Es ist doch selbstverständlich: In Kalkutta muss anders über Gott und die Menschen nachgedacht und gesprochen werden als in Paris oder Nairobi.

Was ist also eine „Berliner Theologie“? Sie bezieht sich zunächst auf die allgemeine Religiosität der Menschen, weil sie weiß, dass jeder auf irgendeine Weise bewusst oder unbewusst seinen eigenen Mittelpunkt im Leben hat, einen  Wert, der ihm „absolut wichtig“ ist: Die Liebe und Nächstenliebe, das Vergnügen und die Solidarität, die Musik, die Kunst und die Museen … oder der Sport. Eine Bindung an etwas (subjektiv) „Heiliges“ haben die Menschen längst, „Religion“ ist immer schon da. Theologie hat diese allgemeine Spiritualität zu respektieren und im Gespräch herrschaftsfrei zu befragen.

„Berliner Theologie“ weist also darauf hin, dass es eine „unsichtbare humane Religion“ (Th. Luckmann) gibt, die als eine Art gemeinsamer „Nenner“ die Menschen verbindet. Im Gespräch können sie sich verständigen, wie sich diese Formen unsichtbarer Religion wechselseitig kritisieren oder korrigieren: Ist Religiosität persönlich und gesellschaftlich befreiend, fördert sie die Ausbildung ganzheitlicher Menschlichkeit? Christliche Traditionen können dann als Vorschlag, als Denkanstoß und Einladung eingebracht werden. Diese Berliner Theologie würde dann eher als Religionswissenschaft des Christentums arbeiten, wie in Holland oder den USA. Sie fordert offene Gemeinden, in der möglichst viele unterschiedlichen Menschen sich ökumenisch austauschen können, mit einander (auch rituell) feiern in dem Wissen, dass die Vielfalt der Überzeugungen eine gemeinsame humane – spirituelle Basis hat. Im Gespräch mit Muslims wäre das gemeinsame Menschsein die Basis, nicht die korrekte Koran – Interpretation. Eine „Berliner“ Theologie, „anthropologisch gewendet“, könnte dem Wohl der Stadt dienen und die Grenzen und „Sektoren“ überwinden.

Der Beitrag erschien am 24. 8. 2012 in ähnlicher Form in Publik  Forum, allerdings durch die Redaktion dort bearbeitet.

copyright: christian modehn

 

 

 

Die Last der Vergangenheit: Die Dominikanische Republik und die Trujillo Diktatur

Zwei Fragen an Dr. Stefanie Hanke, Repräsentantin der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Santo Domingo, Dominikanische Republik

Findet jetzt Ihrer Meinung nach in der Dominikanischen Republik  eine tiefere „Bearbeitung“ der Trujillo Diktatur statt, also die Frage: Wie stark haben Familien, Gruppen, Kirchen den Diktator Trujillo unterstützt?

Nach wie vor findet weder auf gesellschaftlicher noch auf politischer Ebene eine Aufarbeitung des Trujillo – Regimes statt. Bezeichnend ist der Umstand, dass am Jahrestag der Trujillo – Ermordung nur eine kleine Privatinitiative eine Ehrenfeier begeht, zu der zwar auch ein offizieller Staatsvertreter kommt, aber nur ein rangniedriger. Der Präsident war am selben Tag damit beschäftigt, eine neue Strasse einzuweihen. Es gibt noch heute viele „Aktive“ des Trujillo Regimes und vor allem solche seines Nachfolgers Balaguers, die kein Interesse an einer öffentlichen Debatte haben. Die jungen Menschen interessieren sich kaum für das Thema. Insgesamt gibt es unter den jungen Menschen keine kritische „Masse“, die sich mit Trujillo beschäftigt. Das ist also etwa nicht zu vergleichen mit den familieninternen Auseinandersetzungen um Schuld und Täterschaft in den deutschen Familien nach dem zweiten Weltkrieg.

Die katholische Amtskirche spielt keine Rolle bei einer historischen Aufarbeitung und macht weiter wie bisher. Lediglich die Jesuiten haben nach Trujillo einen Kurswechsel vorgenommen und erklärt, nie mehr mit den Herrschenden zu paktieren, sondern nur noch für die Armen und Bedürftigen arbeiten zu wollen.

Welche Rolle spielt dabei jetzt das Museo de la resistencia, also das neue Museum des Widerstands?

Das Museo ist ja relativ neu. Es hat aber offenbar einen guten Ruf, das kann man immerhin in Erfahrung bringen. Ob es angenommen wird, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht über Daten wie Besucherzahlen etc. verfüge. In der Presse findet es jedenfalls kaum Beachtung.

 

 

 

 

Getrennte Welten? Naturwissenschaften und Religionen

Getrennte Welten? Naturwissenschaften und Religionen

Vorschläge für ein friedliches Nebeneinander: Eine Skizze zur Diskussion

Von Christian Modehn       (aus den Diskussionen des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons)

Zwei unterschiedliche „Welten“ werden noch immer gern vermischt, und wer dieser Vermischung gläubig folgt, erlebt Konsequenzen nicht nur theoretischer Art: Sie führen zu Einseitigkeiten, Dogmatismen, Fundamentalismen: Es geht darum, dass aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaften weiterreichend ins Religiöse gehende Schlüsse gezogen werden. Andererseits: Aus uralten (religiösen) Texten werden angebliche Erkenntnisse zur Natur oder der Entstehung der Welt gezogen. Beide Phänomene sind Grenzüberschreitungen, die auch existentielle Verwirrung stiften und auch politische Auswirkungen haben bis hin zur heute noch üblichen gewalttätigen Ketzerverfolgung etwa durch islamistische Kreise. Sie respektieren nicht die unterschiedlichen Argumentationsebenen von Naturwissenschaften und Religion/Weltanschauungen. Zusammenfassend gesagt: Man kann nicht aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen religiöse, weltanschauliche Konsequenzen ziehen. Genauso wenig kann man als religiöser Mensch beanspruchen, Wahrheiten zu haben, die unmittelbar die Wissenschaft der Natur betreffen.

Dabei ist zunächst zu beachten, dass immer von einem zeitlich bestimmten Stand der naturwissenschaftlichen Forschung ausgegangen wird. Jeder Forscher weiß, dass sein Standpunkt immer ein relativer Standpunkt ist. Die Forschung geht weiter. Nur wenige Basis – Erkenntnisse sind definitiv. Wenn etwa Gehirnforscher wissen, dass nervliche und mentale Vorgänge miteinander verbunden sind,  wenn sie wissen, dass geistige Zustände auch in Gehirnprozessen verwurzelt sind, dann reagiert darauf Gerhard Roth, der Leiter des Bremer Zentrums für Kognitionswissenschaften: „Ich glaube nicht, dass wir derzeit entscheiden können, ob alle Gehirnprozesse deterministisch ablaufen. Es ist die Frage, ob dies wegen der ungeheuren Komplexität der Hirnprozesse je möglich sein wird“. So in einem Beitrag für den Tagesspiegel am 23.7. 2012. Neurobiologen wollen und können nach Roth gar nicht das „Wesen des Geistes“ erkunden, es geht ihnen nur um den Zusammenhang  von neuronalen Prozessen und geistigen sowie psychischen Abläufen. Gerhard Roth betont zudem ausdrücklich, die Fragen nach dem Wesen von Licht, Materie und Schwerkraft seien keine naturwissenschaftlichen Fragen. Naturwissenschaftler wollen im Experiment und in Beobachtungen Eigenschaften (!) der Dinge klären, mehr nicht.

Grenzziehungen also sind angesagt: Naturwissenschaft befasst sich mit dem „endlichen“ Bereich des Natürlichen, tiefer reichende metaphysische oder religiöse Fragen liegen außerhalb ihres Blickfeldes. Umgekehrt gilt für die Religionen: Sie versuchen sich dem Gründenden des Menschen zu stellen, das sie als Gründendes und Ewiges nicht als solches umgreifen und erkennen können. So bleiben Religionen immer im Bereich des Hinweisens und des kritischen Begrenzens. Niemals kann eine Religion als Religion eine naturwissenschaftliche Erkenntnis formulieren. Früher haben die Kirchen diese Grenzen maßlos überschritten, heute fordern Evangelikale oder fundamentalistische Muslime die Anwendung der Erkenntnis „heiliger Texte“ auf die Erkenntnis der Welt und damit auf die Welt – Gestaltung.  Diesem Ansinnen muss sich die Vernunft argumentativ widersetzen.

Religionen haben trotz dieser „Verirrungen“ eine bleibende Bedeutung: Auf sie können viele Menschen nicht verzichten, wenn sie sich die Frage nach tragenden Gründen für den Sinn des Lebens stellen. Noch einmal: Aus naturwissenschaftlicher Sicht können diese Fragen nicht beantwortet werden

Religionen werden auf ihre Art die fundamentalen, nicht mehr wissenschaftlich streng und eindeutig zu klärenden Fragen beantworten, eher poetisch und lyrisch, immer mit dem Vorbehalt, keine allgemeinen, letzten Antworten für alle zu haben.

Oder gehört Poesie, die sich dem Ganzen des Daseins stellt, nicht zum Leben? Hat nicht fast jeder Mensch seine eigene, noch so bescheidene Poesie?

Schwierig wird es in dem Zusammenhang, mit Denkern wie Teilhard de Chardin umzugehen, dem Naturwissenschaftler und Jesuiten, der als solcher zu religiösen und ausdrücklich christologischen Überzeugungen fand. Aus unserer heutigen Sicht wurden da ekstatisch poetische Übergriffe aus der Naturwissenschaft ins Religiöse begangen. Aber man wird ihm wohl zubilligen, sozusagen seine persönliche und private Spiritualität formuliert zu haben. In einer privaten Spiritualität kann ein religiöser Mensch die Schönheiten der Natur bewundern und in Verbindung mit einem göttlichen Schöpfer setzen. Diese Naturverehrung hat natürlich keinen naturwissenschaftlichen Wert. Aber sie kann, in der Kunst gestaltet, von einem großen, fürs Dasein relevanten Wert sein. Wer bezweifelt im Ernst die hohe Bedeutung der Natur – Gedichte der Romantik oder die Natur – Haikus japanischer Autoren?

Wenn also Naturwissenschaften und Religionen nebeneinander stehen, heißt das ja nicht, die Wirklichkeit der Welt und des Menschen sei insgesamt sozusagen „gespalten“: Sie wird zusammen gehalten von dem einen Geist, der einen Vernunft, die sich vielfältig aktiviert und äußert.

Hier kommt die Philosophie zum Zuge, sie kennt die Größe und Grenzen von Naturwissenschaft und Religion, weiß von den Eigentümlichkeiten von Wissenschaft ALS Wissenschaft und Religion ALS Religion. Philosophie hat einmal mehr eine immense aufklärerische Bedeutung. Sie führt zur Differenzierung, dadurch erst wird menschliches Leben gewaltfrei möglich.