Beschneidung – Eine offene Diskussion. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

Eine Information vorweg:

Eine neue Kategorie im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon: „Fundamental vernünftig“ heißt der Titel, unter dem Sie in Zukunft regelmäßig Interviews mit Wilhelm Gräb finden. Er ist Theologieprofessor an der Humboldt Universität zu Berlin. Als „praktischer Theologe“  interpretiert er aktuelle Zeitfragen aus dem weiten Feld von Religionen und Kirchen, Kulturen und Philosophien. Der Untertitel unserer neue Kategorie „Religiös aus freier Einsicht“ zeigt an, dass es in den Beiträgen nicht um Wiederholungen dogmatischer Lehren geht, sondern um die Einladung, sich auch in religiösen Fragen seiner eigenen Vernunft anzuvertrauen. So wird allem unvernünftigen Fundamentalismus gegengesteuert und die Freiheit der einzelnen und der Gesellschaft gefördert. Die Freunde und Mitglieder des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ freuen sich sehr, dass durch die Beiträge Wilhelm Gräbs den Diskussionen über die Rolle der Religionen in der heutigen Gesellschaft neue Perspektiven erschlossen werden.

Der erste Beitrag:

Beschneidung – Eine offene Diskussion

Ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, zuerst veröffentlicht am 20. Juli 2012

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die jüngsten Diskussionen über die gesetzliche Legitimität religiös begründeter Beschneidungen an Jungen werden offenbar von einem Tabu bestimmt: Darf man wirklich nicht über uralte religiöse Traditionen kritisch nachdenken und offen diskutieren?

Die offene Diskussion findet ja statt. Wann ist zuletzt so viel über religiöse Riten, über das Recht, sie nach den Gesetzen der Religionsgemeinschaft auszuüben, diskutiert worden wie jetzt nach dem Kölner Landgerichtsurteil? Das merkwürdige allerdings ist: Die öffentliche Diskussion wird nur von einer Seite aus geführt. Die Säkularen bestimmen die Debatte, Politiker und Politikerinnen, Juristen und Juristinnen, Soziologen und Kulturwissenschaftlerinnen, dann noch Religionsphilosophen. Aber bei Theologen und Theologinnen? Eher Fehlanzeige!

Die Vertreter der Religionsgemeinschaften erwecken tatsächlich den Eindruck, als habe das Kölner Gerichtsurteil ein Tabu verletzt. Wütende Proteste von Seiten jüdischer und muslimischer Organisationen waren die Folge. Absurde Vergleiche bis hin zum Holocaust wurden gezogen. Theologisch erklärt haben die Religionsvertreter aber nichts. Kein Wort dazu, worin der religiöse Sinn dieser in der Tat auf uralte, frühgeschichtliche Kulturen zurückgehenden Beschneidungspraxis denn heute noch besteht. Allenfalls, dass Gott solches zu tun geboten habe, ist von religiöser Seite zu hören.

Bloß auf uralte Traditionen  zu verweisen, ist also kein stichhaltiges Argument?

Das Traditionsargument trägt nicht weit. Traditionen können ihren Sinn verlieren. Traditionen können verändert werden. Von Seiten der jüdischen Religionsgemeinschaft wird deshalb auch  gar nicht so sehr das Traditionsargument ins Feld geführt. Es wird auf das jüdische Religionsgesetz verwiesen, das wiederum eine klare biblische Begründung habe. Sie ist im Alten Testament auch der christlichen Bibel leicht nachzulesen (vgl. Gen 17, 10).

Auf Traditionen und Bräuche zu verweisen, entspringt im Grunde bereits einer säkularen Denkweise. Mit dem Traditionsargument operieren auch eher die Muslime. Denn die Beschneidung wird im Koran nicht befohlen. Sehr wohl aber in der Thora. Aus orthodoxer jüdischer Sicht geht es im jetzigen Beschneidungsfall um das Verhältnis von Religionsrecht und säkularem Recht oder eben Gottesgesetz und Menschengesetz.

Deshalb die Schärfe in der Auseinandersetzung von bestimmten Vertretern der jüdischen Religionsgemeinschaft. Dahinter steht freilich ein fundamentalistisches Verständnis der Bibel: Gott hat die Beschneidung als das ins Fleisch eingeschriebene Zeichen seines Bundes mit dem Volk Abrahams geboten. So steht es in der Bibel. Was in der Bibel steht, gilt unbedingt und in alle Ewigkeit. Doch das ist die Argumentationsform aller Bibelfundamentalisten, die freilich von Juden genauso wenig wie von Christen wirklich dann für alle Bibelstellen in Anwendung gebracht wird. Weiterlesen ⇘

Abbé Pierres 100. Geburtstag: Ein Prophet, ein Revolutionär der Solidarität

Abbé Pierre: Ein Prophet der Solidarität

Von Chriostian Modehn.  Anlässlich des 100. Geburtstages von Abbé Pierre,  2012.

Hinweis am 15.9.2024: Dieser Hinweis wurde im Jahr 2012 veröffentlicht, als in der weiten Öffentlichkeit, nicht nur der Kirche, Abbé Pierre hoch geschätzt, wenn nicht verehrt wurde. Seit einigen Monaten ist unzweifelhaft: Abbé Pierre war ein Missbrauchstäter, man lese dazu etwa den Hinweis LINK.

Und nur unter diesen Voraussetzungen sollte der folgende Hinweis gelesen werden.

Es bleibt die Frage: Ein Missbrauchstäter kann ein umfangreiches, internationales Sozialwerk (“Emmaus”) aufbauen, kann die Menschen zur sozialen Hilfe bewegen, als Sozialkritiker in der Öffentlichkeit sprechen, zum “Beliebtesten” aller Franzosen aufsteigen und trotzdem – in einer verschwiegenen Welt des Missbrauchs – sexuellen Missbrauch begehen. Und einige Kirchenführer wussten davon, griffen aber nicht ein, weil der “angesehene Priester – Star” in hellem Licht erscheinen musste. Er spielte aufgrund seines Renommes schließlich auch viel Geld, Spenden etc. ein…

…………..

Während meiner Aufenthalte in Frankreich habe ich mehrfach Abbé Pierre getroffen. Er war mehr als der bewunderte, „welt – berühmte“ „Sozialpriester“. Er war authentisch, mutig, kreativ, unbequem, radikal und heftig, wenn es um die Sache der Armen ging. Er war ein glaubwürdiger Priester, verehrt von Christen wie von Nichtchristen. Ich hatte ihn interviewt, u.a. für das  Radiomagazin „Gott in Frankreich“ (von 1989 – 2005) im Saarländischen Rundfunk, Redakteur war Norbert Sommer.

Anlässlich von Abbé Pierres 100. Geburtstages am 5. August 2012 (gestorben am 22. 1. 2007) biete ich zum Nachlesen drei ältere Ra­dio­sen­dungen, die ihre Aktualität bewahrt haben. Die Form der Texte entspricht der für Hörfunkzwecke üblichen Gestalt. Natürlich können in den drei kurzen Beiträgen nur einige Aspekte im Leben Abbé Pierres erwähnt werden. PS: Immerhin wird jetzt auch auf französischen 2 Euro – Münzen Abbé Pierres gedacht. Dadurch wird er zur bleibenden europäischen “Größe”.

1.

Eine Ra­dio­sen­dung für den NDR

„Mein Gott, warum?“ (2007)

Ein neues Buch des französischen Sozialpriesters Abbé Pierre

Von Christian Modehn

Wenn katholische Pfarrer und Theologen das Greisenalter erreichen und noch klar bei Verstand sind, neigen sie zu ehrlichen, man möchte sagen „radikalen“ theologischen Bekenntnissen. Das gilt etwa für die Professoren Karl Rahner oder Edward Schillebeeckx; das trifft nun auch auf Abbé Pierre zu, den weltbekannten französischen Sozial-Priester. Von ihm ist dieser Tage das Buch „Mein Gott, warum?“ erschienen.

Abbé Pierre gilt neben General de Gaulle und Marie Curie als der berühmteste Franzose. Er ist vor 7 Monaten im Alter von 95 Jahren gestorben (am 22. 1.2007). Er lebte authentisch  als armer Priester an der Seite der Armen. Mit ihnen hat er das weltweite Hilfswerk „Emmaus“ geschaffen, er hat – elementar – Millionen Hilfsbedürftiger mit Essen und Unterkunft versorgt. Vor allem hat er ihnen Mut zum Leben gemacht: „Trotz allem“. Noch als Greis war er dabei, wenn Obdachlose leer stehende Häuser besetzten. Er wollte sie vor der Vertreibung durch die Polizei schützen:

O TON, Abbé Pierre,

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Es ist so: Arbeiter haben einfach die Decken im Haus eingerissen. Das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister angerufen. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1. SPR.:

„Wut ist von Liebe nicht zu trennen“ war das Motto Abbé Pierres. Sein neuestes Buch „Mein Gott, warum?“ stört alle fromme Glaubensgewissheit angesichts des Elends in dieser Welt: Gott bleibe ein Geheimnis; nur in der Nächstenliebe können Zweifel und Skepsis überwunden werden, betonte er immer wieder:

 O TON, Abbe Pierre.

Glauben heißt: Gott ist Liebe. Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität kommt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen Menschen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

1. SPR.:

Das neue Buch Abbé Pierres bietet knappe spirituelle Meditationen. Er plädiert er für eine radikale, moderne Deutung alter dogmatischer Lehren und findet etwa den Gedanken „schauderhaft“, dass Gott sozusagen ganz bewusst Jesus am Kreuz leiden ließ. Nicht durch Schmerz und Pein, sondern durch Liebe werde die Menschheit gerettet, betont Abbé Pierre. Liebe war der Mittelpunkt seines Lebens: Sogar als Priester erlebte er für eine kurze Zeit auch die erotische Liebe zu Frauen. Dieses offene Bekenntnis in dem genannten Buch haben ihm die Bischöfe übel genommen. Und manch ein Beobachter meint, dadurch habe Abbé Pierre seine mögliche Heiligsprechung verhindert. Genauso empört waren konservative Kreise, als bekannt wurde: Er finde es ganz normal, Jahre lang einen offen homosexuell lebenden Priester als seinen Privatsekretär beschäftigt zu haben. Es war Abbé Jacques Perrotti, einen der Mitbegründer der Homosexuellen – Vereinigung „David und Jonathan“.

Das neue Buch kann aber auch wie ein kurz gefasstes Reformprogramm der katholischen Kirche gelesen werden. Abbé Pierre fordert die Aufhebung des Pflichtzölibats der Priester und die Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt.  Joseph Ratzinger wurde als Kurienkardinal von Abbé Pierre, so wörtlich.  „furchterregend“ empfunden; im Falle Papst Benedikt XVI. hoffte er noch auf Großzügigkeit und Weite des Denkens…

Buchhinweis:

Abbé Pierre, Mein Gott warum? Fragen eines streitbaren Gottesmannes. Aus dem Französischen von Bettina Lemke. 120 Seiten, DTV Verlag, München, August 2007, 12 Euro.

—–WDR (2002)

Abbé Pierre wird 90

Von Christian Modehn

Ausgerechnet einen Priester finden die Franzosen besonders sympathisch. Und das in einer Gesellschaft, die sich rühmt, laizistisch zu sein. Abbé Pierre kennt in Frankreich jeder, den greisen Priester, der heute (5. August 2002) 90 Jahre alt wird: Er ist laut neusten Umfragen für ein 90 Prozent aller Franzosen ein Vorbild; noch vor den Fußballstars und den Filmdiven.

 O TON, Abbé Pierre,  0 43″

Väter und Mütter weinten. Eine Mutter musste in die Klinik eingeliefert werden, weil sie völlig verzweifelt ist. Denn man muss dies einfach anerkennen: Die Arbeiter haben einfach die Decken eingerissen, sie haben die Wände in den Zimmern zerstört, all das ist kriminell. Ich habe den Premierminister angerufen, ich habe den Justizminister, ich habe den Wohnungsbauminister benachrichtigt, auch den Sozialminister. Wir lassen uns das nicht bieten. (Applaus).

1.SPR.:

Paris, Oktober 1993. Applaus für einen greisen Rebellen. In seiner schwarzen Windjacke steht er da und schreit; gestützt auf einen Krückstock; eine Hand hinter dem Ohr, um das Hörgerät besser auf die Fragen der Journalisten einstellen zu können. Ihn kennen hier alle: Abbé Pierre, der Sozialpriester, ist immer zur Stelle ist, wenn Arme und Flüchtlinge bedrängt werden. Wieder einmal wird ein Haus “gesäubert”, wie es in der Amtssprache heißt: Spekulanten vertreiben Familien mit ihren Kindern aus einem Gebäude in der Avenue René Coty; mehr als einhundert Menschen hatten das leerstehende Haus besetzt, sie wollten endlich weg von der Strasse.

Abbé Pierre ist im Jahr 1993 81 Jahre alt. Wie oft hat man schon einen Nachruf auf ihn geschrieben; wie oft glaubte er sich selbst am Ende seiner Kräfte. Aber es ist die Wut, die ihn am Leben hält, die Wut über eine Gesellschaft, in der die Armen ausgegrenzt werden und keine Lebenschancen haben.
Abbé Pierre verdankt seinen Namen dem Widerstand gegen die Nazis in  Frankreich. Seit 1941 half er unter größten Gefahren etlichen Juden, über die Alpen in die Schweiz zu flüchten. “Mein Name ist ein Deck-Name, er ist ein Symbol des Protestes”, sagt Abbé Pierre nicht ohne Stolz. Eigentlich heißt er Henri Grouès ,  am 5. August 1912 wurde er in einer „wohlsituierten“ Lyoner Familie geboren. Wut und Zorn waren nicht gerade die Tugenden, die er bei seinen Eltern lernte; mildtätige Hilfsbereitschaft war ihnen, den strengen Katholiken, am wichtigsten. Sein Vater versorgte “ehrenamtlich” die Armen in der Nachbarschaft mit Spenden, mit Brot und Kleidung. Der Sohn, immer kränklich und vor allem sehr fromm, trat mit 18 Jahren in den Kapuzinerorden ein; das Kloster musste er kurz nach seiner Priesterweihe wieder verlassen: Er war den harten Lebensbedingungen dort gesundheitlich nicht gewachsen. Der Bischof von Grenoble übernahm ihn in sein Bistum auf. Aber der Oberhirte hatte sich geirrt, als er meinte, nun einen sanften und schwächlichen Kleriker bei sich zu haben: Der Priester schloss sich dem Widerstand gegen die Nazis an: Er konnte etliche Juden vor dem KZ bewahren.

Als Mann der Résistance wurde er von General de Gaulle im Jahr 1945 gedrängt, politische Verantwortung zu übernehmen: Als parteiloser Abgeordneter zog er ins Parlament ein.

Aber er entdeckte bald, dass konkrete Hilfe eher seine Sache ist als das endlose Debattieren im Plenarsaal und in den Ausschüssen. Zusammen mit Obdachlosen und Haftentlassenen gründete er 1951 eine Wohngemeinschaft in Neuilly-Plaisance. Die Männer begannen, Schrott zu sammeln, alte Maschinen zu reparieren und gebrauchte Kleider weiterzukaufen: So hatten sie genug zum Leben. Und die “guten Bürger” mussten entdecken: Menschen vom Rande der Gesellschaft haben noch Energie und Phantasie, eigenständig ihr Leben zu gestalten. Unter dem Namen “Emmaus-Bewegung” leben heute in Frankreich mehr als 100 ruppen zusammen; in allen Teilen der Welt gibt es weitere 250 Gemeinschaften mit mehr als 15.000 Bewohnern. Abbé Pierre:

O TON, Abbé Pierre,
“In der Bewegung leben Menschen, die man verzweifelt kennen könnte, zusammen mit festen Mitarbeitern, auch sie wollen nach unseren Regeln leben, die von gemeinsamer Arbeit bestimmt sind. Dabei weisen wir jede offizielle Unterstützung des Staates oder der Kirche oder einer anderen Organisation zurück. Wir haben viel Lebensfreude und auch einen gewissen Stolz. Wenn alle Mitglieder einer Gemeinschaft genug zum Leben haben, dann geben wir das restliche Geld den Armen. Wir wollen Arme sein, die noch etwas geben können, wir wollen dabei durchaus provozieren.

1.SPR.:

Die feinen Bürger in Paris, irgendwie noch religiös erzogen, erinnerten sich beim Namen Emmaus an einen biblischen Ort: Dort soll sich Jesus von Nazareth als der Auferstandene gezeigt hatte. Aber “Emmaus” ist kein “Projekt der Kirche”; es ist religiös neutral und offen für Menschen aller Weltanschauungen. Abbe Pierre galt sofort als “der Lumpensammler-Priester”;  in den Pariser Salons war er Gesprächs-Thema Nummer eins; Frankreich hatte wieder ein leuchtendes Vorbild. Abbé Pierre nützte seine Popularität, so konnte er sich der Medien bedienen:  Am 1. Februar 1954, früh am morgen, erschreckte er 4 Millionen Radio- Hörer mit seiner Botschaft, die bis heute fast Kultcharakter hat; der ursprüngliche Appell wurde über Radio-Luxembourg verbreitet:

O TON, Abbé Pierre,.

Meine Freunde, kommt zu Hilfe. Gerade ist eine Frau gestorben. Sie ist erfroren, heute Nacht um drei Uhr, auf dem Bürgersteig des Boulevard Sebastopol. Sie hatte bei sich ein Papier, das die Vertreibung aus ihrer Wohnung dokumentierte. Jede Nacht liegen mehr als 2000 Menschen auf den Strassen, zusammengekrümmt auf dem kalten Boden, ohne Dach, ohne Brot. Es gibt zu viele Scheußlichkeiten! Notaufnahmelager sind dringender denn je. Hört mich an! In drei Stunden werden zwei Zentren der Hilfsbereitschaft errichtet, das eine in der Nähe des Panthéons, in der Rue Sainte Genéviève, das andere in Courbevoie. Überall in Frankreich und in allen Vierten von Paris muss es Hinweise und Plakate geben, wo man Unterkunft und Essen findet.

1.SPR.:
Der Hilferuf wurde gehört und ernst genommen: Reiche Bürger brachten Decken und Lebensmittel; ehemalige Fabrikhallen wurden in Notunterkünfte umgewandelt: Und vor allem: Die Politiker begannen zu handeln: Sie starteten ein groß angelegtes Programm des Sozialen Wohnungsbaus.  9.000 Sozial-Wohnungen wurden sofort gebaut.

Abbé Pierre, der Star der Armen: Er nahm Verbindung auf mit dem Urwald-Doktor Albert Schweitzer, später mit Mahatma Gandhi, mit Martin Luther King und Papst Johannes XXIII.

Abbé Pierre ist bis heute das soziale Gewissen Frankreichs, eine Art inspirierendes Symbol für alle, die sich dem Dienst an Menschen in Not verschrieben haben, wie die “Ärzte ohne Grenzen” oder das französische “Hilfswerk gegen den Hunger in der Welt”.

Die Armen verehren ihn: René zum Beispiel, der die Strasse sein „Zuhause“ nennt. Er verdient sich ein paar Euros mit dem Verkauf von Réverbère, einer Obdachlosenzeitung in Paris:

O TON: rené

Ich habe keine regelmäßigen Einkünfte, alles wird immer schlimmer. Es ist sehr, sehr hart, so zu leben. Die Leute nehmen die Armen nicht wahr. Sie haben Angst vor ihnen. Abbé Pierre hilft viel, natürlich kann man ihn manchmal auch kritisieren. Aber seit 1954 setzt er sein ganzes Leben ein für die Armen. Er ist für mich ein Symbol. Was zählt, sind Leute die handeln, die etwas tun.

1.SPR.:
Aus der Leitung der weltweiten Emmaus – Bewegung hat sich Abbé Pierre schon in den siebziger Jahren zurückgezogen. Kompetente Sozialmanager leiten heute das Hilfswerk, das in Frankreich sogar ein eigenes Wohnungsbauprogramm auf den Weg gebracht hat für kinderreiche Familien mit bisher 8.000 Unterkünften.

Abbé Pierre lebt in einer Emmaus- Gemeinschaft, er ist mit den Armen also unmittelbar verbunden. Immer wieder meldet er sich mit Vorschlägen zu Wort: Er regte z.B. die Gründung eines Tagesaufenthaltes für obdachlose Menschen an, ein Pilotprojekt für Frankreich: Anne Daloz leitet die Agora im ersten Pariser Stadtbezirk:

O TON:

Die Tagesaufenthalte wurden geschaffen als Ergänzung zu den Übernachtungsmöglichkeiten. Es gibt ja eine ganz beachtliche Zahl von Übernachtungsstätten, da kommen die Leute abends zum Essen und zum Schlafen. Nach dem Frühstück aber müssen sie sich in der Stadt aufhalten. Diese Menschen irren den ganzen Tag durch die Stadt umher. Ihnen wollen wir zeigen, dass sie bei uns ein Zuhause für den Tag finden, nicht um sie zu behüten oder zu “betreuen”, sondern mit ihnen etwas gemeinsam zu unternehmen.

1.SPR.:
In der Pariser „Agora“ haben die Obdachlosen eine Postadresse; sie sind wieder erreichbar für ihre Freunde oder Familien; hier können sie sich waschen, in der Kleiderkammer liegen gut erhaltene Hemden und Hosen bereit; vor allem haben sie die Möglichkeit, sich langsam wieder ein geregeltes Leben zu gewöhnen. :

1.SPR.:
Seit den achtziger Jahren ist Abbé Pierre wieder ständig in den Medien präsent: Als es zu den ersten Massenentlassungen kam, als Familien ihre Mieten nicht mehr zahlen konnten und 4 Millionen Franzosen offiziell als “Arme” eingestuft wurden, war Abbé  Pierre zur Stelle: Er regte die Gründung der „Banque alimentaire“ an, einer Sammelstelle von Lebensmitteln, die an Bedürftige weitergeleitet werden. Der Schauspieler Coluche meldete sich bei ihm: Er wollte während des Winters die Restaurants du coeur eröffnen, Suppenküchen für die Armen: Abbé Pierre unterstützte Coluche, den Schauspieler, der es wagte, mit Spott und Hohn über das Pariser Establishment herzuziehen und dabei eine Politik einklagte, die das Prädikat “sozial” verdient. Coluche, der unnachgiebige Spötter, der Libertinist und Antiklerikale, wird zum Freund des Sozialpriesters. Als Coluche bei einem Unglück plötzlich ums Leben kam, ließ es Abbé Pierre nicht nehmen, bei der Trauerfeier das Wort zu ergreifen:

O TON: Abbé Pierre.

Hören wir wesentliche Worte, die von Jesus überliefert sind: Er sagte: Beim letzten Gericht wird eine einzige Frage gestellt: Ich hatte Hunger, ich habe geweint, ich war im Gefängnis, ich war krank, mir war so kalt. Was hast du  in dieser Situation getan?

Aber jetzt sind wir alle zusammen gestärkt, weil hier uns hier versammeln um einen Menschen, der wirklich sein Leben vorbildlich eingesetzt hat. Darum sind wir ja so zahlreich. Denn ich glaube: Sicherlich war Coluche kein Heiliger. Aber er war ein Mensch, der sein Brot geteilt hat, er hatte klare Prinzipien, er folgte dem Wort Jesu: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.

1. SPR.:

Abbé Pierre kennt keine Berührungsängste. Wer auch immer sich an ihn wendet, wird unterstützt, vorausgesetzt, er bringt die Sache der Armen voran. Aber einmal war der alte Sozialpriester auch von Blindheit geschlagen, so etwa, als er Mitte der neunziger seinen alten Freund, den marxistischen Philosophen Roger Garaudy unterstützte: Abbé Pierre hatte nicht mitbekommen, dass aus dem linken Philosophen inzwischen nicht nur ein radikaler Islamist, sondern auch ein militanter Leugner der Naziverbrechen geworden war. Garaudy war es gelungen, den greisen Priester für seine eigene, die antisemitische Sache zu vereinnahmen: Die Öffentlichkeit war entsetzt: Abbé Pierre, der Freund der Juden, soll ein Antisemit sein? Der greise Priester entschuldigte sich für seine Naivität im Umgang mit Garaudy; die Franzosen haben sein “mea culpa” akzeptiert und ihm den faux pas verziehen.

Die Franzosen lieben Abbé Pierre, weil er als katholischer Priester so antiklerikal ist. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich weit reichende Reformen in der katholischen Kirche wünscht. Er verstehe nicht, so sagte er, dass Papst und Bischöfe so oft von den Armen reden, aber nur selten für sie praktisch Partei ergreifen. Er kritisiert, dass immer noch einzig die Männer in der Kirche das Sagen haben; er wünscht sich weniger Pomp und Glanz und Luxus in kirchlichen Kreisen. Um einmal zu zeigen, was Menschlichkeit in einer moralisch rigiden Kirche bedeutet, engagierte er einen umstrittenen Priester als seinen Privatsekretär: Mit dem katholischen Pfarrer Jacques Perotti wollte kein Bischof etwas zu tun haben: Denn Perotti hatte sich in aller Öffentlichkeit als schwul geoutet. Abbé Pierre holte den homosexuellen Priester in sein Haus. Pater Perotti:

O TON,  Perotti:

Ich bin nicht voll in die Strukturen der Kirchen integriert; ich bin Sekretär von Abbé Pierre, und der ist unabhängig von der Kirche und befindet sich selbst eher am Rande der Kirche. Denn die Bewegung Emmaus, die er gegründet hat, ist ja nicht religiös, sondern weltlich, laizistisch. Also wegen Abbé  Pierre, so scheint es mir, lebe ich wie unter einer Art Schirm, der alle Blitze abwehrt aus dem Vatikan, aus Rom und vonseiten der Bischöfe. Abbé Pierre hat es mir erlaubt, dass ich mein Priesteramt leben kann als Vorkämpfer für die Sache der Homosexuellen. Er ist ein Mensch, der gut zuhören kann, er kann alle menschlichen Situationen verstehen. Er hat auch meinen Lebensweg gut verstanden, dass ich einen Kampf führe zur Befreiung der Homosexuellen in der Kirche. Ich habe selbst gehört, wie er mich verteidigt hat bei einer Mahlzeit, als wir mit Bischöfen zusammen an einem Tisch saßen.

1. SPR.:

Abbé Pierre zieht in diesen Tagen Bilanz: Natürlich, er hat vieles bewirkt, sein Werk Emmaus entwickelt sich gut. Aber viele Projekte sind nicht vorangekommen: So etwa sein Bemühen, der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, einen neuen, einen friedlicheren Text zu geben. Nicht vorangekommen ist seine Forderung, eine Gesellschaft zu bauen, in der die soziale Gerechtigkeit für alle (auch im Recht auf menschenwürdige Wohnung) tatsächlich gesetzlich verankert ist. Abbé Pierre steigert sich noch heute in eine Wut der Verzweiflung, wenn er sieht, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden. Und er kritisiert eine Kirche in Europa und Nordamerika, die immer noch mit ein paar Spenden dem Elend in der Dritten Welt gerecht werden will. Seine Wut bleibt, auch wenn er sich bemüht, wie ein Mystiker, in der unendlichen Liebe zu allen Wesen zu leben:

O TON, Abb´ Pierre
Glauben heißt: Gott ist Liebe! Und wir Menschen sind aufgerufen zu lieben. Die Krise der Menschheit und auch die Krise der Spiritualität rührt sicher auch daher, dass den Glaubenden das Elend der anderen immer noch ziemlich gleichgültig ist.

3. Zum Zöibat

Zur Sexualität und zum Zölibat: Aus einer Ra­dio­sen­dung für den WDR:

Nur wenige Priester haben den Mut, über ihr eigenes Ringen mit der Keuschheit zu sprechen. Zu ihnen gehört der berühmte französische Sozialpriester Abbé Pierre, er ist im Jahr 2007 im Alter von 94 Jahren gestorben. Kurz vor seinem Tod schrieb er in dem Buch „Mein Gott, warum?“

„Mit dem Keuschheitsgelübde hatte ich in gewisser Weise das Leben eines Gefangenen. Ich bezeichne diesen Zustand als freiwillige Unfreiheit. Es kam vor, dass ich der Kraft des erotischen Verlangens nachgab. Aber ich hatte nie eine richtige Beziehung. Da ich nicht zuließ, dass sich das sexuelle Verlangen in mir verwurzelte. Dies hätte zu einer dauerhaften Beziehung mit einer Frau geführt, was jedoch mit meiner Lebensentscheidung zum Priestertum nicht vereinbar gewesen wäre.

1. SPR.:

Abbé Pierre ging so weit einzugestehen, dass er seinen Freundinnen doch nicht gerecht geworden ist: „Folglich machte ich die Frauen unglücklich und fühlte mich selbst zwischen zwei unvereinbaren Lebensentscheidungen hin und her gerissen“.

Zum Schluß möchte ich darauf hinweisen, dass der progressive Bischof Jacques Gaillot, Evreux, 1994 vom Papst abgesetzt, mit Abbé Pierre befreundet war. Er gewährte dem Bischof, 1994 plötzlich ohne Obdach,  viel Unterstützung. Die Kritik an dieser Solidarität vonseiten der Etablierten, auch der Hierarchie, war Abbé Pierre selbstverständlich völlig egal.

Der Link verweist auf einen  Beitrag (von mehreren Artikeln)  von mir zu Bischof Jacques Gaillot auf dieser website. Sie  ist vor allem den Philosophien verpflichtet, aber auch den Religionen wie der selbstverständlichen  Religionskritik aus vernünftigen Argumenten.

copyright: christian modehn, berlin. Religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

 

 

 

 

 

Pilgern – eine Inspiration: Auch für Arbeitslose

Pilgern wird heute immer beliebter, oft in touristischem Zusammenhang, manchmal in religiösem, seltener noch wird auf die “therapeutische” Wirkung des Pilgerns hingewiesen. Noch seltener sind die Einladungen auch an “Nichtkirchliche” (“Atheisten”), sich aufzumachen und los – zu pilgern. Wir stellen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon einmal eine praktische religiös  – humanistische Initiative dar, etwas Neues im weiten Feld des Pilgerwesens. Sich der Einsamkeit stellen, auf sich selbst hören lernen, ein Ziel sehen: Entdeckungen, die sich im unermüdlichen Unterwegssein erschließen.

„Du wählst dein Ziel“

Die Berliner Initiative »Gangbar«: Pilgern – eine Inspiration auch für Arbeitslose

Von Christian Modehn

Das Pilgern hat ihm die Lebensenergie wiedergegeben. Als er sich als Webdesigner völlig erschöpft fühlte, wollte Christian Haase aus Berlin-Neukölln nicht einfach faulenzen; er wollte ein Ziel ansteuern, das sich auch spirituell lohnt. Darum entschied er sich fürs Pilgern. Er wollte Orte aufsuchen, die einen Besuch verdienen.

Von Görlitz aus kam er durch Kamenz, die »Lessing-Stadt«; er lernte Naumburg kennen und Erfurt. Auf dieser Etappe des »Ökumenischen Pilgerwegs« nach Vacha in Thüringen, schon beinahe an der Grenze zu Hessen, war Christian Haase meistens allein unterwegs. »Da wird man mit sich selbst konfrontiert«, erzählt der Pilger. Nur abends, in den Herbergen, konnte er sich mit fremden Menschen freundschaftlich austauschen.

Christian Haase sagt: »Mir tat es gut, auch körperlich an die Grenzen meiner Belastbarkeit zu kommen. Das Pilgern begeisterte mich so sehr, dass ich seitdem nicht nur meinen Urlaub pilgernd verbringe, sondern vor allem andere einlade, als Pilger einem Ziel entgegenzugehen.«

Inzwischen hat Christian Haase die Initiative »Gangbar« gegründet: Neben seiner Tätigkeit in einem Job-Center will er in seiner Freizeit Arbeitssuchenden Alternativen zeigen: »Ich habe vor Kurzem ›Gangbar‹ zusammen mit André Kohnert geschaffen als eine Aktivierungshilfe: Im Pilgern testen Menschen ihre Fähigkeiten.« Langzeitarbeitslose neigen zur Resignation, Pilgern kann sie davon befreien. Etliche Arbeitssuchende ließen sich bereits von der ungewöhnlichen Methode begeistern.

Aber es gibt praktische Schwierigkeiten: Wer sich auf den über 2000 Kilometer langen Fuß- oder Fahrradpilgerweg nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens aufmacht, braucht die Genehmigung des für ihn zuständigen Job-Centers mit der Zusicherung, dass die Leistungen während der sechs Monate dauernden Tour nicht gestrichen werden.

Um breite Kreise fürs das »heilsame Pilgern« anzusprechen, hat Christian Haase neue Formen des »Probepilgerns« entwickelt. Wer sich bisher nicht »raustraute«, kann ein paar Stunden oder auch ein paar Tage im Berliner Umland einem selbst gewählten Ziel entgegengehen und dabei auch unbekannte Landschaften und Städte entdecken. Für viele »religionsferne« Menschen in Berlin ist dies sicher eine geeignete Form, das Pilgern überhaupt einzuüben.

Wenn Christian Haase als Jakobspilger unterwegs ist, verzichtet er nicht auf sein mittelalterlich wirkendes Gewand mit dem Pilgerhut und dem Stab. »So erkennen mich die Leute; sie sprechen mich an, und ich erkläre, wie zeitgemäß diese uralte Tradition ist.«

Kontakt: http://gangbar.wordpress.com

Dieser Artikel erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM.

copyright: christian modehn.

Beschneidung in Finnland und Schweden, Beschneidung im “alten Ägypten”, “Fest der Beschneidung des Herrn”

Beschneidung in Finnland und Schweden; Beschneidung im “alten Ägypten”; “Fest der Beschneidung des Herrn”.

Bitte beachten Sie auch den neuen Beitrag des prot. Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. (Publiziert am 20.7.2012) zum Thema Beschneidung.

In den Diskussionen über die religiös motivierte Beschneidung von Jungen wurden  im „religionsphilosophischen Salon“  erneut einige Fragen aufgeworfen und einige bislang wenig beachtete Aspekte genannt, die wir sozusagen als „Maginalien“ weitergeben möchten:

1 – Rechtliches

2 – Historisches

3 – Theologisches und Kunsthistorisches: Die Beschneidung Jesu in der katholisch geprägten Kunst.

Eintrag am 23 .Juli 2012:Abgeordnete im Bundestag handeln offenbar übereilt: “Nach der Bundestagsresolution zum Thema Beschneidung werden jetzt immer mehr Zweifel laut”: Tagesspiegel vom 23. 7. 2012, Seite 4

1 – In Finnland wurden Ende 1999 und in Schweden am 1. 10. Oktober 2001 über Beschneidungen bei Jungen, die ohne medizinische Notwendigkeit vorgenommen werden, neue gesetzliche Bestimmungen erlassen.

„Ombudsman Riitta-Leena Paunio bemerkte, dass diese Operation ohne medizinische Begründung nicht empfohlen ist, die betroffenen Kinder sollten dazu befragt werden und ihre Zustimmung dazu geben. Sie sagte, das Finnische Parlament müsse die religiösen Rechte der Eltern über ihre Kinder aufwiegen gegen die Verpflichtung der Gesellschaft, ihre Kinder vor rituellen Operationen ohne unmittelbaren Vorteil für sie zu schützen. Mit sofortiger Wirkung ist nun in solchen Fällen die Zustimmung beider Elternteile erforderlich“. (http://www.geburtskanal.de/index.html?mainFrame=http://www.geburtskanal.de/Wissen/B/Beschneidung_Geschichte.php&topFrame=http://www.geburtskanal.de/header.html)

– Die – übrigens vom Bundesministerium für Gesundheit empfohlene Website „geburtskanal.de   berichtet weiter auch über Schweden:  “Am 1.10.2001 trat in Schweden ein neues Gesetz in Kraft, das Beschneidungen ohne medizinische Begründung bei Jungen, die älter als 2 Monate sind, generell verbietet. Beschneidungen an jüngeren Babies dürfen nur noch unter Betäubung vorgenommen werden. Schweden ist damit das erste Land der Welt, das rituelle Beschneidungen, die ohne Zustimmung der Betroffenen vorgenommen werden, per Gesetz einschränkt“.

2 – Ist die jüdische Religion sozusagen die „Erfinderin der Beschneidung“?  Historisch gesehen sicher nicht. Es gibt Reliefs in Ägypten, die die Beschneidung etwa im Jahr 2420 v.Chr. zeigen. In einigen Hinweisen zur Geschichte der männlichen Beschneidung wird daran erinnert, dass die Priester im „alten Ägypten“ der Pharaonen von der Beschneidungspraxis nubischer Sklaven beeindruckt waren. „Daher führten sie die Beschneidung auch in Ägypten ein. Die Juden lernten dann dort diese Praktik“. (so eine Publikation von „geburtstkanal“)

3 – Es gab einmal in der römisch – katholischen Kirche einen weit verbreiteten Reliquienkult um die zu verehrende „Vorhaut Christi“. Und es gab sogar einen Festtag der Beschneidung Jesu am 1. Januar!  Warum hat die katholische Kirche das „Fest der Beschneidung Christi, des Herrn“  im Jahr 1969 abgeschafft und in das Hochfest der Gottesmutter Maria umbenannt?

Der katholische Theologe Prof. Christoph Dohmen schreibt:

„Man kann nur darüber spekulieren, was die Abschaffung dieses Festes bestimmt hat. Denn offizielle Erklärungen wurden dazu nicht abgegeben. Lediglich

pastorale Notwendigkeiten. Den Beginn des bürgerlichen Jahres auch kirchlich zu begehen, wurden hier und da ins Feld geführt.

Da erscheint es fast ein wenig als Ironie, wenn man bedenkt. dass die Kirche in früheren Jahrhunderten sich durch die Gestaltung

des 1. Januar gerade von den profanen Feiern des Jahresbcginns absetzen wollte. Und Martin Luther hat gegen die

kirchliche Neujahrsfeier geradezu gewettert und stattdessen eine Predigt zur Beschneidung Jesu oder zum Namen Jesu angeraten“.

(Prof. Christoph Dohmen, Alttestamentler in Regensburg, in der Zeitschrift Bibel und Liturgie 2007).

Im katholisch – jüdischen Dialog – so ist zu hören – wirkt die Abschaffung des Festes der Beschneidung des Herrn im Jahr 1969 (!)  heute eher peinlich. Denn, so wird vermutet, verbirgt sich dabei eine Form, Jesus von Nazareth aus seiner konkreten jüdischen Geschichte zu lösen?  Oder, so vermuten andere Beobachter, hatten die Kirchenführer allmählich Angst bekommen vor einem Fest, das ausdrücklich das sonst religiös und theologisch kaum besprochene “männliche Glied” in den Mittelpunkt eines katholischen Festtages stellt?  Zu einer gewissen und allseits bekannten Leibfeindlichkeit der Kirchenführung würde diese These vielleicht passen.

Zur Darstellung der Beschneidung Jesu in der Kunst: Da geben wir die Frage eines Lesers gern weiter, der wissen möchte: Wie deuten Kunsthistoriker etwa die drei hier genannten Arbeiten? Ist die Größe des Messers besonders auffällig und viel sagend? Wie ist es zu deuten, dass Jesus bei der Beschneidung offenbar bei vollem Bewußtsein ist?   Es handelt sich um nur eine kleine Auswahl von Arbeiten zu dem Thema: aus einem Altar in Brabant, (jetzt in Berlin), einem Gemälde von Guido Reni und einem Gemälde von Friedrich Herlin. Bei Herlin erscheint das Messer in Übergröße.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer M. Woelki und der Theologe Karl Rahner

Rainer M. Woelki und die Theologie Karl Rahners

Siehe auch den Beitrag: Das theologische Profil Kardinal Woelkis LINK

Die Auseinandersetzung über die theologische Doktorarbeit von Rainer M. Woelki, (Erzbischof und Kardinal),  eingereicht an der Opus Dei Universität “Santa Croce” in Rom (2000), hat sehr viele Leser dieser website interessiert; auch die Tatsache, dass der erste Betreuer der Arbeit (der Spanier Antonio Miralles vom Opus Dei) kein Deutsch spricht; auch der zweite Betreuer (Klaus Limburg,) ist Mitglied des Opus Dei. Nebenbei: Man muss nicht explizit Mitglied im Opus Dei sein, um wie das Opus zu denken und zu handeln. Woelki sagt, er sei nicht Mitglied dieses “Werkes Gottes”…

Nun haben sich einige unserer Leser in die Doktorarbeit vertieft, die ja äußerst schwer zu erreichen und einzusehen ist.

Vor allem die Rezeption des Denkens des weltweiten bekannten Konzilstheologen und Jesuiten Karl Rahner hat einige unserer Leser zu tieferen Nachforschungen ermuntert. Es fällt auf, dass die wirklich wichtigen Arbeiten Karl Rahners zum Promotionsthema „Die Pfarrei“ von Woelki nicht beachtet wurden. Gerade diese Arbeiten aber sind das, was man Ausdruck einer modernen Theologie nennt, in denen Zukunft eröffnet wird. Diese Arbeiten, noch einmal, wurden von Woelki nicht herangezogen. Es geht ja hier gar nicht um Rahner im engeren Sinne, sondern darum, wie man im Jahr 2000 eine theologische Doktorarbeit in dieser Begrenztheit schreiben kann. In den systematischen Überlegungen der Doktorarbeit überwiegen Zitate aus Konzilsdokumenten und Zitate von päpstlichen Erklärungen. Das zeugt von absoluter Treue zum Lehramt. Katholische Theologie wird so offenbar als fleißige Repetition offizieller Texte von Offiziellen und Herrschenden verstanden. Über diesen Begriff von Theologie ließe sich eigens diskutieren.

Es ist bezeichnend, dass in der Doktorarbeit Woelkis über “Die Pfarrei” (nicht der theologisch naheliegende und treffendere Begriff “Gemeinde” steht im Mittelpunkt, sondern sozusagen die amtliche Institution “Pfarrei”) etwas ausführlichere Diskussionen über bedeutendere (deutschsprachige) Theologen ausdrücklich auf “die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts” begrenzt sind. Erwähnt werden dabei Franz X. Arnold, Pius Parsch oder ein gewisser Constantin Noppel, und eben Karl Rahner, den Woelki bei dieser zeitlichen Begrenzung seines Themas dann eben auch nicht weiter beachten muss. Man könnte also denken, die Arbeit Woelkis wäre eine historische Arbeit über die katholische Pfarrei vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Tatsächlich aber will der Text als systematische Arbeit auf die Gegenwart bezogen sein. Von daher ist das Ausblenden und Verdrängen der wirklich neuen, wegweisenden Arbeiten Karl Rahners SJ zum Thema Pfarrei bzw. Gemeinde  eigentlich ein Skandal.. Hätte man diese Arbeit in der  benachbarten staatlichen Fakultät in Bonn (wo Woelki damals in unmittelbarer Nachbarschaft lebte) oder in Münster an der dortigen staatlichen theologischen Fakultät angenommen? Das müssen Fachtheologen  aus dem Bereich systematische und praktische Theologie beantworten, falls Sie sich die Mühe machen, diesen eigentlich unerreichbaren Text Woelkis zu finden. Der Text wird offenbar sehr gern “unzugänglich” gehalten und wurde nicht in einem Verlag publiziert. Vielleicht kommt es nur auf den Dr. Theol. Titel an, ein solcher Titel macht sich besser für einen Kleriker mit Karrieremöglichkeiten. Interessanterweise wagt sich kein hochbezahlter Theologieprofessor an einer staatlichen Universität, also existentiell/finanziell relativ geschützt, an das Thema: Welche theologischen Doktorarbeiten werden an päpstlichen Universitäten in Rom geschrieben, und vor allem: Warum werden sie geschrieben? Wer wählt warum diese Themen aus?

Ein aktueller Hinweis: Interessant ist, dass Woelki, sozusagen nun Experte für die Notwendigkeit von “Pfarreien” für das katholische Leben,  Ende 2012 im Erzbistum Berlin deklarierte: Von den bestehenden 105 Pfarreien im Erzbistum werden bis 2020, also in 5 Jahren, nur noch 30 (in Worten dreißig) übrigbleiben. Großpfarreien also müssen entstehen, weil der Klerus fehlt. Kirchliches Leben hat sich bitte schön einzig nach dem Klerus zu richten, das ist die klerikale Botschaft der Herren der Kirche. Bei dem zunehmenden Priestermangel wird es – bei diesem Denken – dann im Jahr 2040 vielleicht nur noch drei oder vier Pfarreien in Berlin geben…Die Gläubigen haben dann längst die spirituelle Weite gesucht; und die Bischöfe werden wieder klagen, wie böse und atheistisch doch die Welt geworden ist.

Zurück zur Reduzierung der Pfarreien im Erzbistum Berlin, das die Hauptstadt und das Land Brandenburg sowie Vorpommern umfasst. Der Grund für die Entscheidung Woelkis, der ja Pfarrei – Spezialist ist: Vor allem: Der Priestermangel. Denn in dem Opus Dei gemäßen Denken Woelkis kann es nur “Pfarreien” geben, wenn zölibatäre Kleriker diesen Pfarreien vorstehen. In seiner Doktorarbeit aus der Santa Croce Universität heißt denn auch das entscheidende Kapitel: “Das Amt als Repräsentation Christi” bzw als Unterkapitel “Die sakramentale Vergegenwärtigung Christi durch den Kleriker“. Weil im zölibatären Kleriker also Christus  sakramental (zeichenhaft) gegenwärtig wird, kann nur dieser  Christus darstellende  Priester Pfarreien leiten. Der Kleriker, also der zölibatäre Priester, ist für christliche Gemeinden absolut unersetzlich in dieser Sicht; so will es Gott selbst, könnte man sagen. Wohin diese Theologie genannte tatsächliche Ideologie führt, sieht man etwa in Lateinamerika, wo Katholiken mangels Priestern zu Tausenden zu anderen Konfessionen abwandern oder eben sich selbst ihre eigene private Spiritualität entwickeln. Papst Franziskus spricht oft davon. Bischof Erwin Kräutler, Xingu, Brasilien, fordert jetzt, dass endlich aus den brasilianischen Basis Gemeinden selbst Laien als priesterliche Leiter der Eucharistie zugelassen werden. In Rom wird man über ihn schmunzeln, Kräutler wird sicher mit 75 Jahren sicher sofort pensioniert und das alte Denken herrscht danach auch am Xingu weiter. Bischof Helder Camara forderte ähnliches, Kardinal Arns auch, alle wurden ausgelacht und ausgegrenzt und bestraft. Ähnliche Vorschläge der niederländischen Dominikaner wurden selbstverständlich von den Herren der Kirche sofort verboten (2005).

Viele Leserinnen dieser Berichte hier bitten dringend um Erklärungen dieser hochkomplexen Kleriker – Ideologie, die die Doktorarbeit ausdrückt. Sie fragen: Stammen diese Texte aus dem 16. Jahrhundert? Wir empfehlen in solchen Fragen eher Karl Rahner SJ zu lesen, etwa das Kapitel “Eine entklerikalisierte Kirche” in seinem Buch “Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance” (Freiburg 1972), Seite 61 ff.

Deutlich wird jedenfalls: Diese Doktorarbeit der Santa Croce Universität ist Ausdruck eines explizit klerikalen Denkens. Wer vor 15 Jahren solches klerikal Denken als das seinige offenbarte, solllte sich zumindest jetzt öffentlich davon distanzieren und sagen, was er wirklich unter einer Gemeinde versteht, die dem Evangelium des armen Jesus von Nazareth folgen will, der ja bekanntlich keine Kirche gründete und gründen wollte.

Für weitere Hinweise zu Rainer M. Woelki, aus aktuellem Anlaß und aus religionsphilosophischem bzw. religionskritische Denken publiziert, klicken Sie bitte hier.

Nun hat der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige sehr behutsam den Mut gefunden, sanft Kardinal Woelki zu kritisieren. Dieses Ereignis eines bescheidenden Mutes unter Bischofskollegen verdient sicher Aufmerksamkeit, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.  Gelesen am 13. 7. 2014 sogar in dem ultrakonservativen kath.net

Die Wochenzeitung “Christ und Welt” berichtet in der Ausgabe 30/2014 auf Seite 3 von der Pressekonferenz des neu ernannten Erzbischofs von Köln am Samstag 19.Juli 2014. Da fragt, so wird berichtet, ein Journalist nach dem Opus Dei. Christ und Welt schreibt: “Beim Opus Dei wird er (Woelki) unwirsch. Dazu habe er schon so viel gesagt (so viel??, wo? CM), die Frage nach dem Opus Dei (gemeint sind die Sympathien Woelkis für diese Geheimorganisation CM) könne man streichen. Es stimmt, Woelki hat seine Mitgliedschaft ausdauernd bestritten….aber das gilt für viele Themen, die an diesem Morgen zu Sprache kommen. Im Raum sitzen einige Opus-Dei-Leute, das mag die Antwortfreude mindern”, so Christ und Welt.  Und unsere Freude wird gemindert: Wenn die Redakteure schon Opus Dei Leute im Saal als solche erkennen, warum werden sie nicht namentlich genannt? Wieder einmal beherrscht die Angst einen Journalismus, der sich christlich nennt. Immerhin heißt es auf der selben Seite in Christ und Welt über die Opus Dei Uni Santa Croce in Rom, wo Woelki sein Doktorarbeit einreichte: “Unter Theologen an staatlichen Universitäten gilt sie als päpstliche Schmalspurhochschule”. Und weiter fast wörtlich das, was wir seit Jahren schreiben:”Dissertation werden (dort) so sparsam veröffentlicht, als müßte man sie verstecken”.

Für den religionsphilosophischen Salon: Christian Modehn.

Ich habe Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre mit Karl Rahner in München zusammengearbeitet und mit ihm die Bücher “Theologie der Befreiung” und “Volksreligion”, beide bei Kohlhammer, herausgegeben. Außerdem ist in der Gesamtausgabe der Werke Rahners in Band 31, Seite 194 – 200, ein Interview von mir mit Rahner abgedruckt. Der Titel, an dem uns beiden lag: “Zu einer offenen Kirche”.

Wir bieten im folgenden einige Zitate von Lesern der Website zur mangehalften Rahner Rezeption durch Rainer M. Woelki, mitgeteilt Ende 2011:

“Rainer M. Woelki ist nicht entfernt imstande, das komplexe Denken Karl Rahners auch nur darzustellen. Er hätte sicher die zwei Aufsätze “Friedliche Erwägungen…” und “Zur Theologie der Pfarrei”, die er ja beide zitiert,  genauer vergleichen müssen, dann hätte er es vermieden, eine so theologisch äußerst schlichte und exklusive Festlegung auf das „Ortsprinzip“ der Pfarrei zu betreiben. Karl Rahner hat sich ja bekanntlich auch nach 1966 sehr viel zum Thema Pfarrei und Gemeinde geäußert und auch publiziert…”

“Offensichtlich benutzt Rainer M. Woelki in seiner Darstellung nicht die wichtigen Texte Karl Rahner insgesamt. Schließlich fehlen völlig die späteren wichtigen Texte Rahners zu den Basisgemeinden, zum „Strukturwandel der Kirche“ usw. Woelki schließt seine Auseinandersetzung mit den Rahner-Texten Mitte der sechziger Jahre ab. Autoren, wie Joseph Ratzinger, zitiert er hingegen bis zum Jahr 2000, also dem Jahr seiner Promotion. Ist das bezeichnend?  All die wichtigen späten Texte Rahners zur Gemeinde und Basisgemeinde hätte der Doktorand Woelki leicht finden können, aber offenbar interessierten ihn die Texte über den „Strukturwandel der Kirche“ nicht. Dabei wären gerade diese Vorschläge Rahners angesichts der tiefen Krise der römischen Kirchen (Priestermangel, Zusammenlegung von Pfarrgemeinden, einfach deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt usw.) sehr inspirierend. Aber eine Opus Dei Universität (und ein dort offenbar freiwillig promovierender Theologe)  können es sich vielleicht nicht leisten, den von Rahner und anderen vernünftigen Theologen vorgeschlagenen Strukturwandel der Kirche (Überwindung der Zölibatsverpflichtung, Basisgemeinden, die von qualifitierten Laien geleitet werden usw). auch nur leise zu denken”. Ein Leser schreibt: “Diese Arbeit Woelkis ist völlig überflüssig, sie ist veraltet, und wurde wohl nur geschrieben, um einen Doktortitel zu erhalten.”

copyright: religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Zum 300. Geburtstag des vielseitigen Philosophen am 28. 6. möchten wir noch einmal kurz auf die Aktualität seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie hinweisen. Dabei ist entscheidend:

Rousseau nimmt teil am Kampf der Aufklärung gegen die “betrügerischen Priester”  und den Aberglauben (in) der Kirche.  Die Gestalt Jesu sieht er als Vorbild eines Erziehers der Menschlichkeit, seine Worte erreichen direkt das Herz des Menschen. Jesu brutaler Tod am Kreuz ist der Tod eines Einzelgängers, von allen Seiten verleumdet. Irgendwie “erlösend”, sozusagen automatisch für alle Menschen aller Zeiten, ist dieser Tod aber nicht. Wer Jesus nachfolgen will, muss einzig auf die Stimme seines Gewissens hören. Das Gewissen ist die Quelle der Wahrheit. “Darin zeigt sich die göttliche Dimension, die unsterbliche und himmlische Stimme”, so Rousseau im “Emile”. Für Rousseau haben die christlichen Kirchen den wahren Geist des Christentums verloren. “Die Herrschaft, die die Theologen ausüben, geschieht über einen priesterlichen Despotismus in der Auslegung der Heiligen Schrift. Dabei wird das Wesentliche vergessen, das Hören auf das Wort Gottes und die die Praxis seiner Gebote”, schreibt Dominique Julia in dem Buch “Histoire de la France religieuse”, Band 3, Seite 153. Für Rousseau ist die bestehende Kirche nicht in der Lage, humanistische Ethik in der Welt zu verbreiten und zu fördern, weil ihre Prinzipien auf Willkür und Macht beruhen. “Die Kirche und ihre Lehre dient nur dazu, unter den Menschen Spannungen zu erzeugen, Kriege aller Art”, so Rousseau in einem Brief an Christophe de Beaumont, Erzbischof von Paris. Von daher wird der Wunsch Rousseaus immer stärker, das “Glaubensbekenntnis des Vikars aus Savoyen” zu fördern, für den sich Gott in der Vernunft zeigt und im Gewissen. “Und wenn Gott sich für Rousseau zeigt, dann nicht über kirchliche Vermittler. =Jean Jacques=, wie er von sich selbst schreibt, versteht sich so nicht als Schüler der Priester, sondern als Schüler Jesu Christi”.  (ebd. S. 154.) In der Kritik der bestehenden Religion in Frankreich damals stimmt Rousseau weithin mit – seinem Gegner –  Voltaire überein. Diese Philosophen waren die ersten, die für die Freiheit und Selbständigkeit der Glaubenden gegenüber den – als willkürllich – autoritär erscheinenden – kirchlichen Institutionen eintraten; deren Überzeugung, so bestätigen Religionssoziologen heute aus Umfragen, setzt sich jetzt immer mehr durch. Wir leben also in einer Gesellschaft, in der die Menschen mit ihrer Vernunft und ihrem Gewissen entscheiden, was sie selbst religiös für wirklich entscheidend halten. Ist das Ende der Institutionen also absehbar, selbst wenn sie faktisch und äußerlich noch bestehen, fragt Rousseau. In jedem Fall: Rousseau lebt, auch sein Denken über Religionen… und lädt ein zum Disput.

Rousseau zum 300. Geburtstag: Wo sind die wahren Menschen?

Jean Jacques Rousseau, Gemälde von Allan Ramsay

Wo sind die wahren Menschen?

Erinnerung an den Philosophen Jean Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Wie lebt ein Mensch, der die Üblichkeiten und Moden seiner Zeit zurückweist und die „angesagten“ Meister – Denker ablehnt? Jean Jacques Rousseau, Dichter, Komponist, Philosoph, hat sich im 18. Jahrhundert, in Zeiten politischer Rechtlosigkeit, für diesen Weg individueller Freiheit entschieden. Kein Wunder, dass er sich auch anders kleidet, auf die üblichen Kniestrümpfe und Perücken verzichtet; erst recht auf die zur Schau gestellten Accessoires, etwa den Degen. Er will nur eins: Authentisch leben und niemandem untertan sein. Dabei entdeckt er, dass er gerade in der alternativen Lebensform zum kreativen Denken findet. Die feinen Salons der Pariser Philosophen lernt er zwar kennen, die Aufklärer, Holbach, Diderot, Voltaire. Aber er zieht es vor, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Selbstbewusst lehnt Rousseau sogar eine großzügige Rente des Königs ab. Er will lieber arm als abhängig leben. Einen freien Geist finden die Despoten unerträglich: Sie zensieren seine Bücher, lassen sie verbrennen, verfolgen den Autor.

Vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712 in Genf geboren, wird er von seinem Vater, einem Uhrmacher, privat unterrichtet. Eine Schule besucht er nicht. Alle erreichbaren Bücher studiert er leidenschaftlich, etwa den antiken Schriftsteller Plutarch oder die gängigen philosophischen und theologischen Autoren, wie Bayle oder Fénélon. In lebt in der Gewissheit: Den Menschen zeichnet die „Sprache des Herzens“ mehr aus als der rechnende Verstand. Mit 16 Jahren verlässt er seine Heimatstadt. Sein unstetes Leben beginnt, das Wandern zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz. Selbst nach England verschlägt es ihn. Es ist die Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Nie wird er sie finden. 1778 stirbt er in Ermenonville (bei Paris). Calvinistisch getauft, konvertiert er im Alter von 16 Jahren zum Katholizismus, später (1754) wendet er sich wieder dem  Protestantismus zu. Vielseitig begabt, verdient er zuerst sein Geld als Hauslehrer, Notenkopist, Sekretär. „Autodidakt“ ist für ihn kein Schimpfwort.

Ungewöhnlich und vielschichtig sind die Anregungen seiner Bücher  bis heute. Etwa die Frage: Wie kann ich meine Privatsphäre schützen, meine Eigenheit als Individuum entwickeln und bewahren? Angesichts allgegenwärtiger öffentlicher Video – Kontrollen oder der Selbstpreisgabe vieler Menschen im Facebook ist die Antwort Rousseaus radikal: Nur in dauernder Distanz zur Gesellschaft ist authentisches Leben möglich. „Es wäre aber zu einfach, die hochmütige Einsamkeit Rousseaus als Beweis für eine Neurose zu deuten. Man muss in ihr die Glorifizierung des Privaten als Grundlage der philosophischen Wahrheitsfindung sehen“, schreibt der Historiker Jean Marie Goulemot. Rousseau hat den Anspruch, alle Erkenntnisse mit dem eigenen Gewissen zu konfrontieren. Nur in der engen Verbundenheit mit dem echten Gefühl des eigenen Herzens entsteht die eigene, unvertretbare Identität. Sein „eigenes“ Leben offenbart er in Briefen und Bekenntnissen, in Gesprächen und den „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“. „Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit zeigen“, schreibt er in seinen „Bekenntnissen“, „und dieser Mensch werde ich sein“. Nicht mehr Gott ist der Adressat der „Confessiones“, der Bekenntnisse, wie im gleichnamigen Buch des Heiligen Augustinus (5.Jahrhundert). Rousseau „beichtet“ sozusagen bei seinem besseren Ich … und den anderen.  Der Philosoph Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, dass sich „Rousseaus Bekenntnisse nicht an der Wahrheit historischer Aussagen bemessen, sondern an der Authentizität der Selbstdarstellung. Sie setzen sich, was Rousseau weiß, dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit und der Selbsttäuschung aus, nicht aber dem Vorwurf der Unwahrheit“.

Diese ungewöhnliche „Selbstdarstellung“ ist ein Wagnis, aber sie wird Schule machen: „Rousseau will die Transparenz der Herzen fördern, die das Merkmal nicht – korrumpierter Gesellschaften ist“, so der Historiker Jean Marie Goulemot. „Darum gesteht er öffentlich seine masochistische Lust an Züchtigungen in der Jugend, seine Liebesaffären, seine vielfältigen Versuchungen. Er will den tiefsten Grund seines Ichs verstehen, er begibt sich auf die Suche nach Schlüsselerlebnissen, die seine Persönlichkeit erklären“. Dazu gehört auch das Eingeständnis von Schuld: Seine Kinder, fünf insgesamt, hat er gleich nach der Geburt (in den Jahren 1747 bis 1752) in ein Heim für Findelkinder gegeben, aus Angst, wie er später bekennt. Er fürchtet nämlich, für die Kinder angesichts seiner eigenen Krankheiten und des alsbald bevorstehenden Todes nicht mehr sorgen zu können. Zudem lebte er mit seiner Partnerin, der Wäscherin Thérèse Levasseur, unverheiratet zusammen. Sie wäre, im Falle seines Todes, nicht imstande gewesen, sich um die Kinder zu kümmern. Mit „starken Gewissensbissen“ erinnert sich der alte Rousseau an die Fortgabe der eigenen Kinder. Der Philosoph Bernhard H.F. Taureck weist immer wieder darauf hin, dass Rousseaus Leben von „Dissonanz“ geprägt sei, also von „Missklängen“ und fehlender Harmonie. Ein „Heiliger“ war er nicht, wie manche seiner Verehrer im 19. Jahrhundert meinten, als sie „ihren“ Rousseau auf Amuletten stets bei sich hatten oder mit  Büsten des „Verewigten“ ihr Zimmer schmückten.

Viele seiner Erkenntnisse bestimmen das geistige Leben bis heute.

Mit der schonungslosen Offenlegung des eigenen Ich gerät Rousseau in Opposition zu den viel beachteten Philosophen Holbach oder d  ` Alembert. Sie halten sich, so meint er,  an „den kalten und objektiven Verstand“. Sie sprechen nur von anderen oder von dem „Abstrakt – Allgemeinen“, nicht aber von sich selbst. Mit diesen Philosophen kann Rousseau auf Dauer keine Freundschaft schließen.

Zum eigenständigen Denker wird er im Jahr 1749. Unterwegs in Vincennes bei Paris „empfängt“ er, so sein Bericht, „wie im Rausch Inspirationen und wird von tausend Lichtern geblendet“. Rousseau entschließt sich, auf die aktuelle Preisfrage der Akademie von Dijon zu antworten: „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und der Künste zur Verfeinerung der Sitten beigetragen“? Seine Antwort, ein klares Nein, überrascht die tonangebenden Meisterdenker: Denn Rousseau findet den zur Schau gestellten Optimismus der Intellektuellen unerträglich. Er zeigt, wie die viel beschworenen Tugenden nur leere Floskeln sind. „Tatsächlich reden unsere Staatsmänner von nichts als von Handel und Geld“. Die Geschichte insgesamt erscheint ihm als Abkehr von dem, was die Menschen auszeichnet: Respekt vor dem Gewissen, Respekt vor der Würde. Fortschritt bedeutet also nicht „Verbesserung des Menschlichen“.

Rousseau ist überrascht, dass seine Thesen tatsächlich von der Akademie angenommen und prämiert werden. Mit einem Schlag ist er berühmt … und von vielen angegriffen, die meinen, technischer Fortschritt sei insgesamt heilsam für die Menschheit. Schuld am Niedergang der Humanität sei aber der exklusiv und heilig gehaltene Privatbesitz, meint Rousseau. Auch darin ist er inspirierend bis heute. „Die herrschende politische Ordnung sichert das Eigentum weniger. Der Besitzlose wird diesem System unterworfen. Der Dämon des Eigentums infiziert alles, was er berührt“, schreibt er. Und weist dann darauf hin, wie die Reichen beim Raffen sich selbst fremd werden. „Ein Reicher will eben überall der Herr sein. Deswegen will er immer dort hin, wo er gerade nicht ist. So ist er gezwungen, auch sich selbst stets zu fliehen“. Aber schaffen diese entfremdet lebenden Reichen nicht doch auch Wohlstand für viele, wie schon damals behauptet wird. Rousseau meint: „Der Luxus mag nützlich sein, um den Armen Brot zu geben. Doch wenn es keinen Luxus gäbe, dann gäbe es auch keinen Armen. Denn der Luxus nährt vielleicht 1000 Arme in unseren Städten, aber er bewirkt den Tod von 100.000 auf dem Lande“.

Darum muss die feudalistische Ordnung verschwinden, meint Rousseau, nur eine Republik kann die Gleichheit aller Menschen respektieren. In seiner viel beachteten Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag“ hat sich Rousseau dazu ausführlich geäußert. Seitdem wird leidenschaftlich die Frage diskutiert: Wie kann der einzelne Mensch erkennen, dass es gut für ihn ist, mit anderen gerechte Gesetze zu schaffen. Von dieser republikanischen Ordnung kann der einzelne in seiner Freiheit geschützt werden und die vielen anderen auch, die von einem gerechten System profitieren. Wahre Freiheit besteht in der freiwilligen Bindung an die Gesetze, die sich alle gegeben haben. Zu Zeiten Rousseaus war das noch ein Traum. Aber mit diesen Thesen wird der Feudalismus ins Wanken gebracht und die Französische Revolution vorbereitet. Robespierre hat sich später auf Rousseau berufen. Aber von der Guillotine hat der  Philosoph nichts geschrieben.

Die Überzeugung, dass Gleichheit aller Menschen gut und wertvoll ist, braucht für Rousseau eine religiöse Fundierung. Auch darin ist er aktuell: Ohne eine allen gemeinsame Spiritualität, so Rousseau, fällt die Gesellschaft aus Menschen unterschiedlicher Überzeugungen auseinander. Feindseligkeiten entstehen, wenn jede Religion sich für die wahre hält. Darum plädiert Rousseau für eine neue, allen gemeinsame überkonfessionelle „Zivil – Religion“. Sie folgt den Einsichten der Vernunft, nicht den Weisungen heiliger Bücher. Ohne den Glauben an einen vernünftig handelnden transzendenten Gott kann es keine guten Bürger geben, meint Rousseau. Am wichtigsten bleibt für ihn die absolute Verpflichtung aller zur Toleranz und zum Kampf gegen die Intoleranten: „Ich bezeichne als intolerant einen Menschen, der glaubt: Man könne kein wahrer Mensch sein, ohne auch das zu glauben, was er selber glaubt. Und der alle verdammt, die nicht denken wie er“.

Was hat Rousseau selbst geglaubt? Obwohl er für eine allgemein menschliche Vernunftreligion eintrat, „fühlte er sich als ein Jünger Jesu Christi“, wie Pater André Ravier SJ betont. Er hat allerdings die Lehren des Evangeliums seiner eigenen Prüfung unterworfen. Er kann  nur die christlichen Lehren beibehalten, die seinem inneren Gefühl und der Vernunft entsprechen. Auch darin ist er aktuell.

Entscheidend bleibt für ihn am Lebensende die enge Verbindung mit der Natur. Sie schenkt ihm Gefühle unendlicher Geborgenheit: „Das Hin – und Herfließen des Wassers, sein gleichmäßiges Geräusch, zugleich in Intervallen anschwellend und mein Ohr und meine Augen ohne Unterlass erreichend, ersetzte meine inneren Bewegungen, so dass die =Träumerei=  in mir erlosch, also die Unordnung meiner Gedanken“. Jean Jacques Rousseau erinnert sich an einen Abend am Bieler See, am Rande des schweizerischen Jura. Es sind Augenblicke, die ihm Lebensenergie schenken. Das überraschende Einswerden mit der Natur, so schreibt Rousseau in seinen „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, „genügte, um mich mit Lust meine Existenz fühlen zu lassen“. Es gibt also doch etwas Glück und ein bisschen Trost, auch in Zeiten der Selbstzerstörung der Menschheit.

Copyright:; christian modehn. Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, dort aucn Probeabonnements bestellen!

Wir empfehlen als ersten „Einstieg“  die RoRoRo Monographie „Jean Jacques Rousseau“ von Bernhard H.F.Taureckt, Reinbek bei Hamburg 2009.