„Ich bin multireligiös“: Thesen für ein Salongespräch

Selbstbestimmung auch in meiner Religion.

Zum Salon am 11. 1. 2013

Von Christian Modehn

Wir haben in den beiden vergangenen Salonabenden/Nachmittagen das Thema Selbstbestimmung besprochen, bezogen auf das Buch von Peter Bieri „Wie wollen wir leben?“ (Residenz Verlag). Wir werden im April 2013 mit einer Amsterdamer Gruppe gemeinsam über das 3. Kapitel „Wie entsteht kulturelle Identität“ sprechen, am Freitag 19.4. 2013.

Heute wollen wir das Thema Selbstbestimmung weiter zuspitzen zu der Frage: Wie steht es mit Selbstbestimmung in meiner Religion. Dabei wird Religion sehr weit verstanden, als grundlegende Lebensorientierung, als wichtigste Spiritualität (zu der auch der Atheismus gehören kann). PS: Am 16. 1. 2013 erreicht uns ergänzend eine mail, die wir gern wiedergeben: Wieder und wieder und in zunehmender angstbesetzter Heftigkeit behaupten römischen Kirchenführer, diesmal Herr Schwaderlapp in Köln, nur die Glaubensform, die dem vorgebenen Dogma entspricht, sei katholisch. Herr Schwaderlapp wehrt sich, so wörtlich,  gegen den religiösen „Gemischtwarenladen“. Mit diesen polemischen Äußerungen wird er die vielen multireligiösen Menschen sicher nicht in die römische Kirche (zurück)holen (Quelle zu Schwaderlapp: Zeitung Christ und Welt 17.1.2013).

Unser Gespräch wird dabei immer philosophisch bleiben, also konfessionell neutral, immer aber selbst – kritisch.

Das Thema ist kein exklusives Sonderthema „am Rande“. Es berührt den weltweiten Umbruch der Religionen bzw. der Bindungen von Menschen an Religionen.

 

1. These:
Der früher oft von Soziologen angekündigte Tod der Religionen ist nicht eingetreten. Das ist empirisch erwiesen. Die meisten Menschen bleiben spirituell interessiert. Sie folgen dabei nur nicht mehr automatisch den familiär vermittelten, angelernten religiösen Haltungen. Sie wollen religiös sein, wo wie sie es selbst für richtig und hilfreich halten. Früher waren Konversionen – etwa zu einer anderen christlichen Kirche – noch problematisch. Es herrschte das autoritäre Denken vor: Cuius regio, eius religio: Wo ich gerade geboren wurde, da habe ich die Religion anzunehmen. Das ist ein sehr europäisches, christliches Denken. In Asien ist das ganz anders.

Und in Europa und Amerika ist dieses religiös fixierende Denken überholt.

2. These

In der Übernahme von Weisheit, Praxis, usw. aus anderen Religionen: Damit wird meine eigene „angestammte“ Religiosität relativiert. Relativität wird also als Wert anerkannt: Jede Person lebt die eigene Religion relativ, sie kann dabei aber für sich subjektiv überzeugt sein, das ist meine „absolute“ Wahrheit. Sie wird diese ihre Wahrheit aber anderen nicht „aufdrängen“.

3. These

Es wird die andere Religion, Spiritualität, als nicht mehr befremdliches und Störendes wahrgenommen. Ich will von diesen anderen Religionen usw. lernen.

4. These
Damit wird die Relativität der Religionen (aller) insgesamt eingestanden.

5. These

Der einzelne ist der Maßstab, was er sich auswählt. Es gibt Zen- Christen; es gibt Sufi – Juden, es gibt katholische Shintoisten, es gibt Jesus – begeisterte Atheisten. Diese Vielfalt wächst, sie ist ein Zeichen und eine Herausforderung für ein tolerantes, respektvolles Miteinander der Unterschiedlichen Menschen und Gruppen. Das schließt nicht aus, dass es tatsächlich auch religiös – ästhetische Schleckermäulchen gibt, die mal hier, mal da probieren und im ewigen Probieren und Schleckern ihren religiösen Sinn sehen.

6. These

Der einzelne weiß, dass er auswählt, also im klassischen Sinne „häretisch“ ist.  Dabei weiß er aber auch, dass religiöses Leben individuell gestaltet, immer schon häretisch war. Beispiel: Ein Katholik kann z.B. mehr an Maria und Pater Pio glauben als an die göttliche Trinität. Häresie wird heute nur offenkundiger und sozusagen erlaubter (auch wenn die Kirchlichen Autoritäten dagegen sind und diese expliziten Häretiker verteufeln und ausgrenzen).

7.These

Wir müssen den Begriff Patchwork neu definieren und wohl von einem negativ gefärbten Verständnis befreien. Wer andere als patchworker bezeichnet (Patchwork – Familien etwa), geht aus von einem traditionellen, uniformen Familien begriff).

8. These

Religion à la carte: Man muss nicht immer das vorgeschriebene Menu bestellen.

9. These

Religion soll (mich) erlösen, d.h. mir meinen Lebenssinn zur eigenen Prüfung oder Verwerfung vorschlagen: Menschen mit multireligiösen Bindungen suchen sich diesen Lebenssinn. Das ist ein Zeichen für eine tiefe Nachdenklichkeit über das eigene Dasein. Dabei wird Gott als „göttlich“ erlebt und nicht festgelegt auf einen einzigen Modus.

10. These

Die Frage bleibt, wo und wie die zunehmende Gruppe multireligiöser Menschen ihren Austausch, ihre Zusammenkünfte, feiert. Die alten Strukturen sind noch nicht offen genug für diese neueste religiöse Entwicklung. Finden Sie die gemeinsame Kraft, die wirklich dringenden Aufgaben der Weltgesellschaft aufzugreifen, Hunger, Öko – Katastrophen, Armut….

11. These

Die multireligiöse Bindung kann ein Beitrag sein für den Frieden, für den Respekt der „anderen“, die dann ja nicht mehr die anderen sind, sondern Freunde, die mir wesentliches geben.

…..Der Roman von Yann Martel „Schiffbruch mit Tiger“, jetzt als Kino Film, Life of Pi, ist ein Bekenntnis zur multireligiösen Bindung. Bezeichnenderweise lehnen die religiösen Führer das multireligiöse Interesse von Pi ab.

Zum Thema empfehlen wir als Vertiefung: „Multiple religiöse Identität“. Theologischer Verlag in Zürich, 2008.

copyright: Christian Modehn

 

 

Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

copyright: christian modehn

 

Von Herodes bis Hoppenstedt: Das umfassendste Buch über Weihnachten. Von Frank Kürschner – Pelkmann

Von Herodes bis Hoppenstedt

Ein inspirierendes Werk über Weihnachten….lesbar immer, auch zu Ostern.

Von Christian Modehn

So viel Weihnachten war noch nie. Jedenfalls nicht in der Gestalt eines theologischen Buches über das populärste aller christlichen Feste. Der Hamburger Journalist und Autor Frank Kürschner – Pelkmann (Hamburg) hat in diesen Tagen ein wahrliches Meisterwerk vorgelegt: „Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ nennt er viel zu bescheiden sein 696 Seiten starkes Opus mit insgesamt 1.814 Belegen aus Wissenschaft und Forschung. Aber keine Angst, das Buch ist kein langatmiges Werk von Spezialisten für Spezialisten, es erschließt sich jedem „theologischen Laien“ … und es macht geradewegs Spaß, die schätzungsweise 50 Kapitel zu lesen: Der (Haupt -) Titel sagt schon alles: “Von Herodes bis Hoppenstedt“. Herodes kennen wir irgendwie, den Statthalter, und den Hoppenstedts sind wir (fast) alle schon im Fernsehen begegnet: In dem Film von Loriot über das eher missratene, etwas katastrophische Weihnachtsfest … eben bei Familie Hoppenstedt. So breit ist das Spektrum des Buches, weil die Rezeption des Weihnachtsfestes so unendlich ist … bis heute. Weiterlesen ⇘

„Life of Pi“ – „Schiffbruch mit Tiger“: Aus einem Interview mit Yann Martel

Wenn der Tiger das Leben rettet

Oder: Wie „das Böse“ mit Vernunft besiegt werden kann

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag erschien in kürzerer Fassung schon 2003 in „Publik-Forum“, nach einem Interview „Christian Modehn befragt Yann Martel“. Weil viele Freunde des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons nachfragten, bieten wir den Text (nicht veraltet!) zum Nachlesen, auch anläßlich des Films des „Starregisseurs“ Ang Lee (Taiwan) mit dem Titel „Life of Pi“, Start in Deutschland 26.12. 2012.

Auf hoher See ist er allein. Mit seinem Rettungsboot treibt er irgendwo verloren auf dem Pazifik hin und her: Pi Patel, ein sechszehnjähriger Junge aus Indien, hat bei einem Schiffbruch seine Familie verloren. Auch fast alle Tiere  sind dabei umgekommen. Sie sollten auf dem Dampfer seines Vaters, eines Zoo-Direktors in Pondicherry, Indien, nach Kanada transportiert werden. Jetzt hat Pi nur noch seine kleinen Rationen fürs Überleben – und neben sich einen Tiger. Ihn nennt Pi respektvoll Richard Parker. Er hat überlebt, weil er sich an einem Orang Utan satt fressen konnte; auch der Affe hatte noch das Desaster überstanden.

Nun muß Pi ständig damit rechnen, dass der bengalische Tiger, 450 kg schwer, auch über ihn herfällt. Sie sitzen schließlich im gleichen Boot.

„Schiffbruch mit Tiger“ heißt der mit dem angesehenen Booker Preis (London) 2002 ausgezeichnete Roman eines bislang eher unbekannten Autors: Yann Martel (49), aus Montréal, Kanada, erzählt nicht nur in bewegenden Worten die Geschichte eines grossen Abenteuers. Er schildert nicht nur voller Spannung den verzweifelten Überlebenskampf eines verlorenen Menschen. Er geht vor allem der Frage nach: Wie kann ein Mensch, ja, wie kann die Menschheit insgesamt, überleben im Angesicht mörderischer, unberechenbarer, wilder Gefährdungen.

Pi ist ein gebildeter, nachdenklicher junger Mann: Den Tiger im Zustand menschlicher Selbstüberschätzung ins Meer zu schleudern oder auch zu töten, scheidet für ihn aus: Das Tier ist körperlich überlegen. So gilt es für Pi, sich zu arrangieren und mit der Macht des Geistes und der Vernunft, den Tiger zu bändigen. Und davon handelt der Roman ausführlich: Wie sich die menschliche Dominanz ausbauen lässt; wie das Tier, sozusagen gewaltfrei, z.B. mit der Trillerpfeife schikaniert und eingeschüchtert werden kann. „Es kommt darauf an: Das Tier muss es vermerken: Der Mensch achtet sehr darauf , dass seine Grenze nicht verletzt wird“. Mit Vernunft und List kann Pi schließlich den ewigen Kreislauf von Fressen und Gefressenwerden unterbrechen.

Aber Yann Martel nennt eine weitere Bedingungen: „Ich (Pi) hätte aufgegeben – hätte sich nicht in meinem Herzen eine Stimme bemerkbar gemacht. Die Stimme sagte: Ich sterbe nicht. Solange Gott bei mir ist, sterbe ich nicht“.

Pi ist ein spirituell interessierter junger Mann; für ihn ist die Mystik des Hinduismus, Christentums und des Islam gleichermaßen wichtig. Das ist wichtig: Er ist eine „multireligiöse“ Gestalt, darin sehr zeitgemäß, gibt es doch immer mehr Menschen, die sich aus der exklusiven Bindung an eine (herkömmlich- vertraute) Konfession befreien und „Mischformen“ religiösen Bewusstseins für sich selbst suchen und dann „hybrid“ leben. Darauf weisen immer wieder auch TheologInnen hin, wie etwa Manuela Kalsky, Amsterdam, Spezialistin für „multireligiöse Bindungen“.

Nur in dieser spirituellen Kraft, kann sich Pi trotz aller Angst und Verzweiflung durchringen, „dass das wilde Tier am Leben bleibt“. Eine Entscheidung, die ihm später selbst die letzte Energie zum Überleben auf hoher See geben wird: Denn hätte er nicht das Tier bei sich, um das er sich letztlich kümmern muss, der Lebenswille hätte ihn in den Stunden tiefster Ohnmacht längst verlassen: Ein Dampfer fährt nämlich ungerührt an den Schiffbrüchigen vorbei…In dem Moment ist Pi dem Ende nahe, und dann sieht er den hilflosen Tiger vor sich: „Ich liebe dich, Richard Parker. Wärest du in diesem Augenblick nicht hier, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Ich glaube, dass ich nicht weiter könnte. Die Hoffnungslosigkeit wäre mein Tod. Gib nicht auf, Richard Parker, gib nicht auf“

Und gegen Ende seines Romans lässt Yann Martel seinen Protagonisten Pi zum Tiger sagen: „Richard Parker, ich danke dir, dass du mir das Leben gerettet hast“. Verkehrte Verhältnisse,  könnte man denken: Nicht das Töten des gefährlichen Feindes rettet den bedrohten Menschen, sondern das Lebenlassen des „anderen“. Nicht tierische Gewalt, sondern menschliche Vernunft führt beide zur Rettung.

Yann Martel hat natürlich keinen philosophischen Traktat geschrieben, obwohl er selbst philosophisch sehr interessiert ist. Er hat einen gut lesbaren ( und gut übersetzten) Roman geschrieben, selbstverständlich mit einem aktuellen Bezug,  angesichts der kriegerischen Gewalt, angesichts der dauernden Gefahren von „Fressen und Gefressenwerden“. Kein Wunder, dass sich bisher allein im englischen Sprachraum mehr als eine halbe Million Leser auf diese Irrfahrt übers Meer mit einem Tiger eingelassen haben. Sie haben dabei die Kunst des Überlebens entdeckt – in der Kraft der Vernunft!

Sie haben aber dabei auch einen Autor kennen gelernt, der „die Idee des Friedens“ auf seine Weise praktisch versteht: „Ich lebe eher kärglich und sparsam, ich wohne nie allein, sondern immer in Wohngemeinschaften mit anderen; ich kaufe vor allem Second-Hand-Klamotten; ich habe kein Auto. Wichtiger ist noch, dass ich mich regelmässig ehrenamtlich engagiere: In Montréal besuche ich einmal pro Woche ein Hospiz für Sterbende, ich versuche, diesen Menschen nahe zu sein. Konsumverzicht und Ehrenamt sind für mich zwei revolutionäre Ideen in einer kapitalistischen Welt, bei der sich alles nur um den Profit und die Macht des Stärkeren dreht“.

Mit Verwunderung nehmen die Leser zur Kenntnis, dass sich der jetzt in allen grossen Sprachen übersetzte Autor öffentlich zum christlichen Glauben bekennt. Er ist in einer religiös desinteressierten, „skeptischen Familie“ von Diplomaten großgeworden. In Montréal wird Martels Bekenntnis zum Christentum wie eine kleine Sensation behandelt. Denn in dieser Metropole hat die Kirche seit 40 Jahren jegliche Reputation verloren, sie hat alle institutionelle Macht nach der „révolution tranquille“ um 1960 aufgeben müssen.  Aber gerade diese schwache, machtlose Kirche von Montréal fasziniert offenbar Yann Martel, etwa die römisch-katholische Pfarr-Gemeinde St. Pierre – Apotre, in der ausschließlich Homosexuelle die Gemeinde bilden und vorbehaltlos als solche angenommen werden und das Gemeindeleben und die Gottesdienste tatsächlich bestimmen.

„Mein Buch  hat mit dem Frieden zu tun“, sagt Yann Martel, „immer wenn wir Brücken bauen zwischen der Mehrheit und den „anderen“, wenn die Vernunft stärker ist als Hass, kommen wir der Harmonie, dem friedlichen Zusammenleben,  näher“.

Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf – Allié. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2003. 382 Seiten. 19, 90 EURO.

PS.: Inzwischen hat Yann Martel zugegeben, dass einige  Ideen zu seinem Roman von Moacyr Scliar. einem brasilianischen Autor, stammen. Aber er empfindet,  so sagt Scliar,  die Nachahmung als ein Kompliment…

COPYRIGHT: Christian Modehn, religionsphilosophischer Salon.

Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion

Beim nächsten Salon am 13.1. 2013 wollen wir das schon diskutierte Thema Selbstbestimmung von einer spezielleren Seite beleuchten:

„Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion“. Über das Recht und die Pflicht, sich seinen persönlichen Glauben, auch seinen persönlichen Unglauben, also seine eigene Spiritualität, selbst (mit anderen) zu gestalten. Also ein Salonabend auch über den Abschied von alten Göttern und überlieferten Traditionen und Konfessionen … sowie und von dem (unbewußten?) Gebundensein an „kulturelle Götter“ (etwa des Kapitalismus, Konsumismus usw.) …Ein spannender Salon Abend, herzliche Einladung… mit der Bitte um Anmeldung per email: christian.modehn@berlin.de

ORT: Wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm um 19 Uhr!

Zum Thema des Januar Salons:  Im November und Dezember 2012  sprachen wir über Möglichkeiten und Formen der Selbstbestimmung, anläßlich des Buches von Peter Bieri. Im JANUAR Salon am Freitag, 11. Januar 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9 in Wilmersdorf) wollen wir das Thema fortsetzen: Es wurde ja deutlich, dass wir bei der Selbstbestimmung immer schon von einem Bestimmtsein und Verfügtsein ausgehen (müssen). Das gilt auch für die religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Tradtitionen, in die wir hinein gestellt wurden. Welche Bedeutung hat dann religiöse, philosophische und weltanschauliche Selbstbestimmung, also die Wahl, meines je eigenen „Glaubens“. Heute suchen sich immer mehr Menschen ihre je eigene Spiritalität: Das ist soziologisch erwiesen. Die Rede ist von multireligiösen Bindungen. Ist das wirklich so neu? Und welches sind die Kriterien der Wahl, welches Glück suchen wir dabei? Genauso wichtig: Wie stark sind die unbewusst bestimmenden „Dogmen“ der Gesellschaft, die meist den Werten der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft entsprechen? Sind wir uns bewußt, dass wir z.B. an die Allmacht des Geldes „glauben“, an die bestehenden Strukturen der Wirtschaft, der Politik? Können wir auch inmitten dieser zugewiesenen Glaubensformen zur Selbstbestimmung finden? Das spannende Fragen, über die eine Debatte lohnt zugunsten größerer Klarheit.

 

Der phantastische Jesus – über „apokryphe Weihnachtsgeschichten“

Eine Ra­dio­sen­dung am 2. Weihnachtsfeiertag: Im Kulturradio RBB von 9.04 bis 9.30 Uhr. Derselbe Beitrag wird am 26. 12. 2012 auch im Hessischen Rundfunk HR2 (Reihe Camino) von 11.30 bis 12.00 Uhr gesendet.

Der phantastische Jesus: Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche

Von Christian Modehn

„Es begab sich aber zu der Zeit …“. So beginnt die bekannte Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium. Darüber hinaus finden sich über die Geburt Jesu und den Alltag in der heiligen Familie weder bei Lukas, noch beim Evangelisten Matthäus erschöpfende Hinweise. Mit so mageren Informationen wollten sich die ersten Christen aber nicht zufrieden geben. Sie verfassten, von frommer Phantasie geleitet, weitere Legenden und Erzählungen, so genannte „apokryphe“, verborgene Evangelien: Da wird von der Geburt in einer Höhle berichtet, von neugierigen Hebammen und den Eltern der „Gottesmutter“ Maria. Das wundertätige Baby entwickelt sich zum trotzigen, frechen Jungen. Die Kirchenführung ignoriert diese Texte; das fromme Volk sowie Künstler und Schriftsteller lassen sich von ihnen bis heute inspirieren. „Der Glaube braucht phantastische Bilder“, sagen Liebhaber dieser ersten „Jesus–Romane“.

 

Der Advent – philosophisch betrachtet.

Inspirationen im Advent.

Diese philosophische Meditation wurde am 30.11.2012 publiziert.

Von Christian Modehn.  Siehe auch „Advent in Kiew (Kyjiw)“ : LINK.

1.

Der Beitrag wurde am 27.11.2022 aus dieser Website entnommen, angesichts der Hilflosigkeit, wenn nicht der Verzweiflung, für eine andere, spirituell und vor allem human angemessene Form des Lebens im Advent zu plädieren. Leben ALS Erwartung, als Hoffnung auf ein gerechtes Leben für alle, war eine Kernthese dieses Beitrags. Diese Hoffnung schwindet, sie wird systematisch zerstört von vielen Herrschenden: Sie sind Nationalisten, religiöse Fundamentalisten, Egomane, Psychopathen… Die Vernünftigen fühlen sich so hilflos… Die Anzahl der Demokratien, also der Staaten, die den Titel Demokratie wirklich verdienen, wird immer kleiner.

2.

Um nicht nur vom Krieg, von der Klimakatastrophe, der Spaltung der Menschheit in sehr wenige Super – Reiche und sehr viele Arme zu sprechen: Sind die Weihnachtsmärkte in Deutschland nicht ein populäres Symbol dafür, dass Weihnachten ein Markt-Ereignis, ein Markt-Geschehen, geworden ist? Kann auf diesen Weihnachts-Märkten die Hoffnung auf eine andere, gerechte Welt lebendig werden? Sind die Weihnachtsgottesdienste eine wirksame Hilfe, aus der genannten Depression und der Kommerzialisierung von Weihnachten herauszuführen? Sind die üblichen Weihnachtslieder der Kirchen nicht auch Ausdruck infantiler Regression?

3.

Advent – Adveniat – d.h. : Möge ER doch erscheinen, dasein, kommen  – endlich, der ersehnte Messias, verstanden als Inbegriff, als Symbol, einer geretten, weil reif gewordenen menschlichen Menschheit. Die Hoffnung heute als letzte Rettung im Dunklen bleibt diffus. Hoffnung findet keine Subjekte mehr … oder nur sehr wenige.

4.

Vielleicht aber ist der Messias, die „messianische Zeit“ (Walter Benjamin), schon da und dort unbemerkt, aber  lebendig? Aber nur wenige geben Hinweise, wo ER oder die messianische Zeit, zu suchen seien. In den großen, dem kapitalistischen Markt-Geist ergebenen Kirchen doch wohl nicht? Oder an der Basis der Suchenden, Glaubenden, jenseits der Hierarchien!

Die ökologischen Bewegungen, die „Klima-Aktivisten“, die verzweifelten Kämpfe um die Geltung der Menschenrechte: Sie sind ein Hinweis in die richtige Richtung einer humaneren Welt. Advent wird zum politischen Handeln, ist nicht länger mehr frommes, nur religiöses Warten…

5.

Die Machthaber der alten Ordnung wehren sich gegen die Möglichkeit einer besseren, gerechteren Welt … weil diese ihnen die Privilegien entziehen könnte. Die Machthaber der alten Ordnung fixieren sich auf ihren Status-Quo bzw. ihre imperialen Wünsche. Mit Zukunft für die EINE Menschheit hat das nichts zu tun. Also auch gar nichts mit Advent als dem Beginn einer neuen humanen Epoche, human für alle.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.