Vom Glauben religiöser Menschen und vom Glauben nicht-religiöser Menschen: Denken in Zeiten der Krise. 4. Teil.

Hinweise des Philosophen Jim Holt zu Richard Dawkins
Von Christian Modehn
1.
Über die oberflächlichen Argumente von Richard Dawkins gegen den Glauben an Gott ist schon vieles und vieles Richtige gesagt worden. Sein Buch „Der Gotteswahn“ (2006) hat trotzdem sehr viele Käufer, wahrscheinlich auch etliche LeserInnen weltweit gefunden. Die sagten stolz und befriedigt: „Seht Ihr, es gibt keinen Gott, sagt doch Meister Dawkins“.
Nebenbei: Man könnte wohl nachweisen, wie etliche polemische Publikationen von Michael Schmidt-Salomon (Giordano-Bruno-Stiftung) unter dem Eindruck des polemischen Bestsellers von Dawkins erst so richtig verbreitet wurden. Der ehemalige Vorsitzende des Humanistischen Verbandes HVD, Horst Groschopp, nannte solche Atheisten deswegen „Krawall-Atheisten“…
2.
Die Debatte um dieses oft sehr polemisch geschriebene Buch des Evolutionsbiologen Dawkins „Der Gotteswahn“ wird jetzt noch einmal weitergeführt durch eine kleine, aber erhellende Studie des auch in Deutschland bekannten US-amerikanischen Philosophen und Autors Jim Holt. In seinem neuen Buch „Als Einstein und Gödel spazieren gingen“ (Rowohlt, 2020) hat Holt ein Kapitel zu Dawkins Atheismus-Werbung publiziert, mit dem Titel „Dawkins und Deus“. Die 19 Seiten dieser Studie könnten eigentlich jene sehr ins Grübeln bringen, die noch immer Dawkins-Fans sind. Abgesehen von den Hinweisen Holts zur oft lächerlichen Polemik Dawkins stört ihn, „wenn Dawkins die Aufrichtigkeit ernsthafter Denker in Frage stellt“ (S.410). Der militante Atheist Dawkins versetzt, so Holt, „einen besonderen (intellektuellen) Tiefschlag“ (S. 410) etwa dem Philosophen Richard Swinburne. Dawkins schreibe in einer, so Holt wörtlich, „erklärten Feindseligkeit“ (410) gegen die Religion(en).
3.
Die Frage ist also: In wieweit kann man das sich philosophisch nennende Buch eines Biologen ernst nehmen, wenn dieser als Wissenschaftler feindselig zu argumentieren versucht?
Holt bring nur einige zentrale Argumente gegen Dawkins Verteidigung der Wissenschaftlichkeit des Atheismus vor.
Wichtig ist, dass Holt den klassischen „ontologischen Gottesbeweis“ nach wie vor für bedenkenswert hält. „Dawkins ist offenbar nicht klar, das Argument (des ontologischen Gottesbeweises), auch wenn es mittelalterlichen Ursprungs ist, verfeinerte moderne Versionen hat, die keineswegs leicht zu widerlegen sind“ (411). Wobei allen klar ist, dass ein so genannter „Gottes-Beweis“ alles andere als ein mathematischer „Beweis“ ist, treffender wird von Aufweis gesprochen…Kein geringerer als der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell hat den ontologischen Gottesbeweis zumindest ernst genommen…Selbst die berechtigte Frage nach einer „letztgültigen Erklärung für das Entstehen des lebensfreundlichen Kosmos“ will Holt als treffend und berechtigt respektieren … im Unterschied zu Dawkins. Holt meint: Wenn man diese letztgültige Erklärung sucht, „dann ist es doch zumindest vernünftig, sich an die Gotteshypothese zu halten, oder?“ (412). Wer eine letzte Erklärung für unsere zufällige und vergängliche Welt sucht, so Holt, kann etwas, das „notwenig wie auch unvergänglich“ ist, „getrost Gott nennen“( 413).
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Jim Holt will keinen unschlagbaren Beweis für die „Existenz“ Gottes vorführen. Daran denkt er gar nicht. Er will nur einem Biologen (Dawkins) philosophisch zeigen, dass dieser sich gar nicht korrekt „Intuitionen“ (wie Dawkins selbst sagt) anvertraut: Dass er oft nur „Vermutungen“ äußert (416) und letztlich einem „darwinistischen Nihilismus“ (415) anhängt. Das sagt Jim Holt, der wahrlich kein Kirchenvertreter, kein klerikaler Apologet ist, sondern ein analytischer Philosoph, der die Mathematik zudem über alles schätzt. Im Grunde legt er Dawkins Buch „frustriert“ (416) beiseite. Holt weiß: Für oder gegen die „Existenz“ Gottes gibt es keine definitiven, alles ein für allemal entscheidenden Argumente. Wie sollte es bei dieser umfassenden und wahrlich letzten Frage auch anders sein.
4.
Kluge, reflektierte Menschen werden also wohl noch lange Ja zu Gott sagen, wie eben auch andere kluge Menschen eben auch Nein zu Gott sagen. Und beide haben ein Wissen von der eigenen Haltung, die dann eine Glaubenshaltung genannt werden muss: Definitives über Gott oder „Nicht Gott“ wissen also beide nicht. Es sollte deswegen konsequenterweise auch keine mit dem Anspruch der letzten gültigen Wissenschaft auftretende atheistische Missionierung, keine atheistische Werbung à la Dawkins geben. So wie die Zeiten der theistischer Propaganda hoffentlich auch vorbei sind.
Unter diesen Bedingungen bleibt jeder tolerant und offen bei seiner stets als für ihn selbst relativ zu verstehenden religiösen Überzeugung. Denn auch der Atheismus ist als eine nicht beweisbare Überzeugung vom Nichtvorhandensein Gottes eben auch nichts anderes als eine Form, eine Gestalt des Glaubens.
Was hat das für Konsequenzen? So vereinen sich dann die Menschen als Gleichberechtigte, als „Brüder und Schwestern“ möchte man fast pathetisch sagen. Weil religiös Glaubende und atheistisch Glaubende eben zu der universalen menschlichen Gemeinschaft der Glaubenden gehören. Beide, religiös Glaubende wie nicht-religiös Glaubende stehen glaubend vor dem Geheimnis des Lebens. Welche Chance wäre dies, wenn sich diese Erkenntnis, dieses Wissen vom je eigenen Glauben, herumspräche. Und Humanismus dann gerade diese universale Haltung und Spiritualität wäre, sozusagen das “geistuge Dach” der Menschheit, unter dem sich religiös Glaubende wie nicht religiös Glaubende Menschen treffen.
5.
Dass es Glaubensformen unter religiös Glaubenden wie unter nichtreligiös Glaubenden gibt, die für den einzelnen wie für die Gesellschaft gefährlich sind, ist heute völlig klar. Diese der umfassenden Menschlichkeit widersprechenden Glaubensformen und Glaubensinhalte (etwa Fundamentalismen unter religiösen wie nicht-religiös Glaubenden) müssen kritisiert und ins Private zurückgesetzt werden. Maßstab dieser Kritik kann nicht ein Kriterium sein, das einer dieser Glaubensformen, ob religiös oder nicht religös, entnommen ist. Die Kritik an Fundamentalismen kann nur aus der allgemeinen Vernunft kommen, d.h. auch aus den Menschenrechten, den Werten der demokratischen Rechtsstaaten. Niemals aber können diese Kriterien aus dem Glauben einer Kirche stammen, sei es nun eine religiöse Kirche/Institution oder eine nicht-religiöse „Kirche“, also ein Verein, Verband, eine „Gesellschaft“, eine “Stiftung”…

Jim Holt, Als Einstein und Gödel spazieren gingen. Ausflüge an den Rand des Denkens. Rowohlt Verlag, 2020, 495 Seiten, 26 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sicherheit oder Freiheit. Was ist wichtiger? Denken in Zeiten der Krise. 3. Teil.

Eine Herausforderung in diesen Zeiten.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Die Debatte ist da oder sollte da sein: Sicherheit contra Freiheit. Was ist wichtiger?
Viele meinen jetzt: „Natürlich ist Sicherheit wichtiger. Sogar möglichst viel Sicherheit wollen wir“. Es geht schließlich um die Eindämmung und Überwindung einer Pandemie. Es geht ums Überleben.
In welcher Hinsicht ist es also berechtigt zu sagen: Freiheit, persönliche Freiheit, ist gegenüber der Sicherheit doch nicht so wichtig? Wer das sagt: Ist er sich der Konsequenzen dieser Aussage bewusst?
2.
Wie lange werden diese Einschränkungen gelten? Wer legt die Dauer der Einschränkungen fest? Wie wirksam werden Forderungen sein, zu einem festen Zeitpunkt dann die Einschränkungen wieder aufzuheben zugunsten der allseits geltenden Bürgerrechte in einem Rechtsstaat?
3.
Viele Demokratien stehen angesichts dieses Problems noch recht gut da. Das ist eine Hoffnung. Aber auch in Demokratien kann die demokratische Stimmung umkippen und von Rechtsextremen zur breiten „Bewegung“ manipuliert werden.
Autoritäre Regime nützen schon jetzt ihre Chance: Sie begrenzen mit den Einschränkungen durch das Corona- Virus das freie Zusammenleben auf Dauer noch weiter ein. Oder die Pressefreiheit wird noch weiter durch Zensur behindert. Das wurde schon dokumentiert. Man lese die Studien von „Reporter ohne Grenzen“. Klicken Sie hier. Wie schnell wird sich China zu einem totalitären Regime entwickeln? Haben die Herrscher in Ungarn oder Polen förmlich auf diese Situation gewartet, um nun die Bürgerrechte noch weiter einzuschränken und auf eine Diktatur mitten in Europa hin zu steuern? Werden sich die Leute in den USA an ihren tatsächlich ignoranten Machthaber Mister Trump gewöhnen? Und sogar noch dessen absolut dummen Sprüchen glauben?
4.
Philosophisch und damit einer allgemeinen und begründeten Erkenntnis zugänglich, jenseits von bloßen Meinungen, gilt:
In der Debatte „Was ist wichtiger: Sicherheit oder Freiheit?“ müssen die zentralen Begriffe sozusagen präziser gefasst werden:
Sicherheit meint tatsächlich immer ein Sicherheitssystem, also immer gemachte Gesetze und Bestimmungen. Diese sind selbstverständlich nach einer Reflexion und in einem Willensentschluss bestimmter Menschen in die Wirklichkeit „überführt“ worden. Sicherheit hat eine geistige Basis, und diese Basis ist Reflexion, Vernunft und Wille. Diese Erkenntnis ist elementar, wird aber oft übersehen.
5.
Der gleiche Ansatz gilt auch für den Begriff Freiheit. Freiheit ist das Leben des Geistes: Der Mensch kann sich frei auf sein eigenes Denken beziehen und dabei elementar sein Selbstbewusstsein entdecken als die Basis seiner Reflexionen und Entscheidungen. Aber abgesehen von dieser Basis des inneren geistigen Freiseins als der Form des geistigen Bei-Mir-Selbstsein: Auch diese geistige Freiheit muss sich Institutionen der Freiheit schaffen, in denen diese menschliche Freiheit lebbar und sichtbar wird, dies ist der Rechtsstaat und die sind die Menschenrechte.
6.
So verändert sich unsere Ausgangsfrage zur Erkenntnis: Es geht eigentlich „nur“ um die Institutionen der Sicherheit und um die Institutionen der Freiheit. Beide sind Schöpfungen des menschlichen Geistes und dessen Kraft zur kritischen Reflexion. Beide sind in gewisser Hinsicht „Welten“, in denen man sich bewegt.
7.
Darum kann die Frage nur heißen: Ist die Institution der Sicherheit wichtiger als die Institution der Freiheit? Konkret: Ist die Institution der aktuellen Sicherheitsbestimmungen als Freiheitsbegrenzungen wichtiger als die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte?
8.
Die Antwort ist klar: Die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte sind wichtiger, fundamentaler, einzigartig. Die von der Sache her kleinere, weil prinzipiell zeitlich begrenzte Welt der Sonder-Sicherheits-Maßnahmen steht unterhalb der „Welt“ der Demokratie und der Menschenrechte
9.
Die Sicherheitsbestimmungen („Sicherheitsinstitutionen“) haben also nur vorübergehend und sehr genau demokratisch kontrolliert ihr Recht. Demokratisch kontrolliert heißt ja bereits: Es ist die Vernunft, die den Rechtsstaat ja erzeugt hat, diese Vernunft legt nun auch das Ausmaß der durchaus vernünftigen Sicherheitsbestimmungen fest.
10.
Wichtig ist nur zu erkennen: Sicherheit und Freiheit, verstanden als lebendige, wirkliche Institutionen, hängen ab von der Vernunft und leben nur dank der kritischen Kraft der Vernunft. Sie hat das letzte Wort.
11.
Wer nur innerhalb der Sicherheitswelt denkt, sich darin förmlich einschließt, der denkt und lebt begrenzt. Und das ist sogar gefährlich. Denn der Sicherheitsverteidiger/Fanatiker sieht das Ganze nicht. Wer im Horizont der Freiheit denkt und dieses ist ein Denken der Demokratie und der Menschenrechte, der denkt und lebt prinzipiell nicht nur größer, weiter, humaner, sondern auch universaler ist.
12.
Und dieses Denken der Freiheit als Denken der Demokratie und Menschenrechte muss heute aktiver werden: Es gilt nicht nur, an die bleibenden Korrekturen der Weltwirtschaft zugunsten des Klimaschutzes zu erinnern; es gilt zu warnen, dass vor lauter Resignation und „Aufbauwille“ nach überstandener Krise wieder die alten falschen Regeln der Umweltpolitik fortgesetzt werden.
13.
Genauso wichtig ist es innerhalb eines demokratischen Denkens und Handelns zu wissen: Die vielen Millionen Leidenden, also jetzt die Corona – Leidenden und Corona Toten in den armen Ländern dieser Welt (die von ultrareichen Diktatoren, umgeben von der entsprechenden so genannten Millionärs – Elite regiert werden) brauchen auch die Unterstützung der reichen Länder, reich immer noch im Vergleich zur Masse der armen Bevölkerung im Süden. Wer denkt im reichen Europa eigentlich daran? Was sagen wir dazu, wenn etwa das katholische Hilfswerk für Lateinamerika jetzt 100.000 Euro als „Soforthilfe“ für die Corona-Krise (in allen lateinamerikanischen Staaten!) zur Verfügung stellt. Während wir, auch unsere Regierung, mit Milliarden EURO für uns in Deutschland förmlich so um sich wirft. Wie die Lebensbedingungen unter dem Corona Virus in Peru aussehen, zeigt dieser Beitrag.
14.
Es ist nicht also das Denken innerhalb der engen Welt der Sicherheit, das jetzt Europa retten wird: Denn das Denken an die Sicherheit ist (fast) immer das Denken an die eigene Sicherheit, also auch an die nationale Sicherheit. Die Corona-Krise hat zum Aufflammen eines allumfassenden Nationalismus geführt: Aber an die Zukunft Europas, und damit der EU, gilt es zu denken. Und das kann man nur, wenn man aus der engen Welt des Sicherheitsdenkens heraustritt und sich vernünftig argumentierend innerhalb der Demokratie und der Menschenrechte bewegt.
15.
Weil Freiheit im emphatischen Sinne mit Vernunft identisch ist, hat natürlich immer die Freiheit als Vernunft den Vorrang. Denn nur die Vernunft kann die Formen der Sicherheit und der Sicherheits-Bestimmungen reflektieren und festlegen.
16.
Worauf es entscheidend ankommt, ist: Freiheit nicht banal als Freiheit zu verstehen, in der man alles tun und lassen kann. Entscheidend ist zu verstehen: freiheit ist, philosophisch gesehen, ein anderer Name für kriisch reflektierende Vernunft. Und die soll eigentlich das humane Zusammenleben bestimmen, auch die Fragen der Sicherheit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Über die Menschenwürde: Ein philosophischer Salon

In unserem religionsphilosophischen Salon wollen wir uns am Freitag, den 30. August 2019, um 19 Uhr mit einem der zentralen Themen des menschlichen Zusammenlebens befassen: der absoluten und unantastbaren Würde aller Menschen.
Bekanntlich ist im Grundgesetze der Bundesrepublik Deutschland von der Menschenwürde an erster Stelle, im Artikel 1, die Rede. Die Menschenwürde aller Menschen ist heute faktisch leider eher noch ein Ideal, wenn nicht eine Utopie, ein Traum. Aber die Menschenwürde sie ist absolut unverzichtbar, wenn diese Welt den Anspruch haben will, eine menschliche Welt zu sein.
Jeder und jede kann in unserem Salon berichten, wie er/sie Menschenwürde erlebt, auch als persönliche Verletzung der Menschenwürde, und wie gerade in den Kontrast-Erfahrungen der Wunsch stark wird, Menschenwürde als Realität auch politisch zu gestalten. Dass dabei auch philosophische und religionsphilosophische Aspekte zur Sprache kommen, ist selbstverständlich.

Die Veranstaltung findet in der Kunstgalerie Fantom statt, Hektorstr. 9, Berlin Wilmersdorf. Beginn um 19 Uhr. Wer teilnehmen will, sollte sich bitte anmelden: christian.modehn@berlin.de , denn die Anzahl der Plätze ist begrenzt. Herzliche Einladung!

Niedergang der Demokratie in Österreich. Ein Buch von Robert Misik

Über ein neues Buch von Robert Misik, Wien
Ein Hinweis von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht im April 2019, erneut publiziert am 19.5.2019.

In Österreich wird es Neuwahlen geben, nachdem die faschistoiden Äußerungen von Hans-Christian Strache FPÖ, bis zum 18.5.2019 Außenminister Österreichs, bekannt wurden, etwa zur Überwindung der Pressefreiheit und zum Aufbau eines antidemokratischen Systems im Sinne Orbans. Aus diesem Anlass ein erneuter Hinweis auf das neue Buch von Robert Misik, Wien.

Der neue rechte bzw. rechtsextreme Populismus in Europa hat sich früher als anderswo in Österreich öffentlich bemerkbar gemacht, etwa, als die FPÖ schon im Januar 1993 ein „Ausländervolksbegehren“ mit dem Titel „Österreich zuerst“ startete. Mit geringem Erfolg anfangs, aber bei den Nationalratswahlen 1994 stimmten mehr als eine Million Österreicher dann doch für die FPÖ. Österreich ist seitdem ein Staat mit einer starken rechtsextremen Partei geblieben. Bei den Wahlen 2017 erhielt die FPÖ 26% aller Stimmen. Sie ist in der Regierung vertreten, unter Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), und erhielt 6 von 14 Ministerien, darunter das Innenministerium.
„Österreich zuerst“: Diese Forderung ist heute politisches Prinzip zumal in der Ausländer und Flüchtlingspolitik; es wird – in der werbenden Selbstdarstellung – in den gefälligen Slogan „Genussland Österreich“ übersetzt: Allerorten und in allen Zusammenhängen wird mit „Genuss“ geworben für das, nun ja, von der Natur her tatsächlich meist schöne und von der Kultur her oft interessante Österreich. Nur soll dieses (gastronomisch gemeinte) „Genussland Österreich“nicht allen dort lebenden Menschen zur Verfügung stehen, schon gar nicht den Flüchtlingen, den Asylanten, den Muslims oder gar den Armen, die in der Polemik der FPÖ und der ÖVP jetzt nur als „Nutznießer des Sozialsystems“ verstanden und auch öffentlich so bezeichnet werden.
Wer sich für den aktuellen Zustand des Genusslandes „Österreich First“ interessiert, sollte zu dem neuen, wichtigen Buch des Publizisten und bekannten Buchautors Robert Misik greifen: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“ ist der Titel seiner von ihm selbst so bezeichneten „Streitschrift“, die wie ein Aufschrei wirkt angesichts der Zerstörung demokratischer Kultur durch die jetzigen populistischen Regierungen in Europa, zumal in Österreich. Ein Buch, das den Willen stärken sollte, die Demokratie und die Menschenrechte zu retten in unserem Europa.
Aber was jetzt an Zerstörung der humanen demokratischen Umgangsformen beschrieben wird, ist mehr als ein österreichisches Problem. Es ist ein europäisches Problem! Und das macht Misiks Buch deutlich: Erschienen ist das sehr inspirierende Buch Anfang 2019 im Picus Verlag in Wien. Es hat 143 Seiten und kostet 15 Euro!
Robert Misik ist als Journalist in Wien u.a. für die Wochenzeitung „Falter“, die Tageszeitung „Standard“, das Magazin „Profil“ und die deutsche TAZ tätig, er hat zahlreiche Bücher, auch zur Religionskritik, veröffentlicht.
Zentral ist seine Erkenntnis: In Österreich wird mit aller Bravour eine „konservative Revolution“ betrieben, die letztlich auf einen Umbau der bisherigen demokratischen Verhältnisse hinausläuft: Der Titel „konservative Revolution“ wird heute in allen europäischen Ländern prominent unterstützt: In Deutschland hat sich der Chef der CSU im Bundestag Alexander Dobrindt ausdrücklich für diese „konservative Revolution der Bürger“ ausgesprochen. Der Titel erinnert an die Propaganda rechter Philosophen und Autoren in den neunzehnhundertdreißiger Jahren, wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Nach der konservativen Revolution setzte sich der Faschismus durch…

Die erste Hälfte des Buches von Robert Misik ist stark auf Österreich bezogen, was ja kein Nachteil ist für deutsche Leser, die etwa als Touristen immer wieder mit dem „Genussland“ konfrontiert sind. Misik spricht eine deutliche Sprache: Nur einige Zitate:
„Österreich hat jetzt eine national autoritäre Regierung“ (28). „Die Regierung will, dass „die Opposition nicht opponieren sollte“.
„Opposition und Zivilgesellschaft sollen nicht mehr aufmucken“ (20).
Die Sprache der führenden verantwortlichen Regierungspolitiker sei von „Rohheit“ bestimmt, „der Zynismus ist an der Macht“ (27). Der Kanzler Sebastian Kurz „ist das Geschöpf einer Zeit, in der die Welt als Kampf aller gegen alle empfunden wird und noch der hilfsbedürftigste arme Schlucker als Konkurrent um knapper werdende Ressourcen gilt – und dies in einer Welt, in der Solidarität, das schlicht Humanitäre, die leise Stimme der Vernunft und Rationalität, aber auch ein Geist des Fortschritts einen schweren Stand hat (51).
In dieser Situation des Kampfes aller gegen alle entsteht die „Sehnsucht danach, dass Gewalt ausbreche,… dass das Elementare einbreche in die Langeweile des Systems…Von dieser Sehnsucht lebt der radikale rechte Neokonservatismus seit jeher“ (81). Explizit werden diese Untergangswünsche und Visionen etwa von dem Katholiken Steve Bannon (USA, mit Einfluss auf Europas Rechtsextreme) propagiert. Jetzt geht es, so schreibt Misik in seinem neuen Buch, diesen Leuten erst einmal darum, die demokratischen Strukturen langsam zu zersetzen; kritische Publizistik, auch in Österreich, wird marginalisiert und mundtot gemacht (76), kritische NGOs werden dort finanziell ausgetrocknet, den Kirchen und ihrer Caritas/Diakonie wird eine übertriebene „Hypermoral“ vorgeworfen, weil sie „Asylbusiness“ (was für ein Unwort der Politiker) betreiben….(131). Politiker in Österreich entwickeln, so Misik, ihre eigenen „Fake-News-Schleudern“ (ebd.).
Es geht letztlich darum, die Demokratie „mit kleinen Schritten in eine wackelige Fassade ihrer selbst zu verwandeln“ (77).Misik zitiert den Schriftsteller Peter Turrini, der bezogen auf Österreich von „einem Staatstreich in Zeitlupe“ spricht (28).
Diese Aussagen versteht Robert Misik als Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes. Dabei klagt er die Führer und Ideologen der rechtsextremen Politiker an, nicht aber pauschal viele der irritierten Wähler der FPÖ oder auch der AFD: Zu den AFD Wählern zitiert Misik eine Studie, die zeigt: Viele dieser AFD Sympathisanten sind, so empirische Studien (103), beklagen den Verlust von sozialen Netzwerken in ihrer Lebenswelt, beklagen, dass sich die Politik aus ihren Vierteln zurückgezogen hat, dass sie as Gefühl haben: niemand interessiert sich mehr für sie“(104). „Nicht dass Migranten geholfen wird, regt die Leute, Wähler der AFD, primär auf, sondern dass sie das Gefühl haben, dass ihnen niemand zuhört, dass sich für sie niemand interessiert, dass da niemand ist, der in der Nähe erreichbar wäre“ (ebd.) Dies ist der „psycho-politische Gefühlscocktail“, so Misik sehr treffend (104).
Der Autor will keineswegs das allgemeine Wehklagen der Demokraten befördern, er will mit seiner heftigen Analyse Mut machen, die Demokratie, die Menschenrechte, die Menschenwürde, noch zu retten, TROTZ aller FPÖ Politiker und Orbans und erzkatholischen Populisten(Nationalisten) in Polen usw. „Haltet euch mit Empörung nicht zurück“, fordert Robert Misik (142). Und er zitiert zum Schluss Robert „Bobby“ Kennedy: “Jedes mal, wenn ein Mensch für ein demokratisches Ideal eintritt oder handelt, um das Los anderer zu verbessern oder gegen Ungerechtigkeit aufsteht, sendet er eine winzige Welle der Hoffnung aus, die sich wiederum mit vielen Millionen anderer Energien und Kühnheiten kreuzt. Und zusammen bauen diese kleine Wellen eine Woge auf, die die mächtigsten Mauern der Unterdrückung hinwegspülen“. (Nebenbei: Man könnte, religionsphilosophisch, in diesen Worten einen guten Ansatz sehen für ein Verständnis von „Auferstehung“ zu Ostern). Wer noch konkretere Formen des vernünftigen demokratischen Widerstands gegen den rechtsextremen Populismus wünscht, lese die Zeilen, die der Autor von dem Sozialexperten der evangelischen Diakonie in Wien, Martin Schenk, übernimmt (135f).
Überhaupt hätte ich mir gewünscht, dass die Stellung der Kirchen, auch der offiziellen Kirchenleitungen, gegenüber der „Herrschaft der Niedertracht“ aussehen. Gibt es Pfarrer und Bischöfe, die noch zur FPÖ halten? Bischof Krenn, St. Pölten, gestorben 2014, war ja ein Freund von Jörg Haider FPÖ… Und wie lebt die jüdische Gemeinschaft in Österreich, wie fühlen sich Muslime fühlen in dieser Angst erzeugenden Situation…

PS: Das Buch wurde geschrieben, bevor einmal mehr deutlich wurde, wie stark die internationalen Verflechtungen der „Identitären“ in Österreich sind. Diese militante Gruppe ist bekanntlich mit der FPÖ eng verbunden. Kanzler Kurz wurde in dem Zusammenhang nun einmal sehr emotional, als er die nun bekannt gewordene finanzielle Unterstützung zugunsten der österreichischen „Identitären“ durch den Massenmörder in Neuseeland (Christchurch, Mitte März 2019) „abscheulich“ fand. Ob es nun zum Koalitionsbruch mit der FPÖ (und der in ihr starken auf Identität eingeschworenen Gruppen) kommen wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Es wird wohl alles nur eine scheinbare Aufregung sein, die bald wieder vergessen wird, weil die brutale Abwehr der Flüchtlinge im Mittelmeer dieser populistischen Regierung z.B. viel dringender erscheint …

Robert Misik, „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“, 2019, Picus Verlag Wien, 15 Euro.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Christian Wolff – zur Aktualität eines Philosophen der Aufklärung

Eine Biographie von Hans-Joachim Kertscher
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Wir leben bekanntlich noch nicht in „aufgeklärten“ Zeiten, sondern immer noch in einer „modernen“ Welt, die um Aufklärung als Prinzip der Gestaltung von Gesellschaft, Staat, Religionen, Kirchen usw. ringt. Das heißt: Die universale Vernunft der Menschenrechte ist noch immer ein fernes Ideal, kein dauerhafter „Zustand“. Wir leben in einem 21. Jahrhundert, das von wahnhaftem Nationalismus bestimmt ist, geführt von wahnhaften Politikern und Präsidenten, die so verrückt sein könnten, die Menschheit ins Verderben zu stürzen.
Darum ist es vielleicht ein kleiner Trost, sich immer wieder mit Gründergestalten der Aufklärung, auch der mühsamen Aufklärung in Deutschland, zu befassen. Wahrscheinlich ist die Geschichte der Aufklärung in Deutschland eine Geschichte des immer wieder neuen Scheiterns der Aufklärung…
2.Seit November 2018 liegt endlich eine ausführliche, vom Autor durchaus als zugänglich, d.h. „populär-wissenschaftlich“ verstandene Biographie des großen Philosophen der Aufklärung (und Universalgelehrten) Christian Wolff vor. Er lehrte in Halle und Marburg. Riesig ist der Umfang seiner Schriften. Wichtig ist auch, dass Wolff einer der ersten war, der die deutsche Sprache in seinen Vorlesungen und Publikationen verwendete und nicht mehr, wie damals üblich, der lateinischen Sprache unbedingt folgte! Viele philosophische Begriffe der deutschen Sprache wie Bewusstsein, Wesen, Eigenschaft, Wirklichkeit usw. hat Wolff in die deutsche Philosophie eingeführt. Eine großartige Leistung, darin folgte er Christian Thomasius! Später hat Wolff noch lateinische Werke verfasst, nur so konnte ein Philosoph damals international bekannt werden und außerordentliche Wirkung erzielen. „Wolff hat den Deutschen die Möglichkeit verschafft, sich ihrer Muttersprache in philosophischen Fragestellungen zu bedienen“, so der Autor des Buches, der Literaturwissenschaftler Prof. Hans-Joachim Kertscher in seiner umfangreichen, 312 Seiten umfassenden Biographie (das Zitat auf S. 104). Das Buch hat den Titel „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt. Christian Wolff- eine Biographie“, erschienen im “Mitteldeutschen Verlag“.
3.In dem Buch werden exakt, mit vielen Zitaten (diese sind zum großen Teil leider oft, eher schwer lesbar, in der „alten“ deutschen Sprache des frühen 18. Jahrhunderts wiedergegeben) die verschiedenen Etappen in Wolffs Leben chronologisch beschrieben: Seine Kindheit und Jugend in Breslau (geboren 27.1.1679), sein Studium u.a. der Theologie in Jena. Danach hielt er Vorlesungen in Leipzig… Leibniz lernte Wolff 1707 kennen (S. 98)
Ab 1706 lehrte der Philosoph an Halles Universität vor allem Mathematik und eine Vielzahl anderer Gebiete (wie Meteorologie, Medizin, Ernährung). In Halle kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den sehr frommen Pietisten, die Wolff dann pauschal und unberechtigt des Atheismus beschuldigen. Sie sehen darin wie so oft eine Bedrohung der politischen Ordnung. Kein Wunder, dass der preußische König Friedrich Wilhelm I. den Verleumdern glaubt. Er verfügt brutal, wie er ist, die schnellst mögliche Ausweisung von Christian Wolff aus Halle, ein Skandal ohne Gleichen, der in der damaligen Welt der Intellektuellen entsprechend kommentiert wird. Die Vertreibung Wolffs ist ein Sieg der Pietisten, der Frommen, die eine vernünftige Philosophie und Theologie nicht akzeptieren wollen… Wolf schrieb „Vernünftige Gedanken über Gott“, natürlich wie alle Philosophie ein begrenztes Unternehmen, aber eben nicht falsch, sondern immer gültig, dass man über Gott eben vernünftig reden sollte. Selbst unvernünftige Charismatiker bedienen sich ja für ihre Schilderungen noch der vernünftigen Grammatik… Leider werden entsprechende Verbindungen zur Gegenwart (Muslimische Fundamentalisten, Macht der Evangelikalen in der Politik der USA und in Brasilien usw.) vom Autor nicht gezogen. Gerade solche aktuellen Beziehungen hätten die Leser erfreut und dem Buch und damit Wolff einen großen „Schub an Aktualität“ verliehen….
So wurde also Wolff 1723 aus Halle vertrieben. Er lebte und lehrte dann bis 1740 in Marburg. Friedrich II., der „Alte Fritz“, rief Wolff nach Halle zurück. Dort starb am 9.4. 1754.
Als wichtiger Aufklärungsphilosoph in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird er später von Kant gelobt, von Hegel positiv erwähnt, wenn auch mit entsprechenden Einschränkungen, Wolff sei doch noch einer oberflächlichen „Verstandesmetaphysik“ verhaftet geblieben. Die Beziehungen zu Leibniz bleiben bedeutend, vor allem schließt sich Wolff auf seine Weise der Leibnizschen Überzeugung an, Gott habe als Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen.
4.Für unsere Interessen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ist die Auseinandersetzung Christians Wolffs mit der chinesischen Philosophie, vor allem mit Konfuzius, sehr wichtig. Dieses Thema wird meiner Meinung nach viel zu kurz von Hans-Joachim Kertscher dargestellt: Er erwähnt zwar die so genannte „Sineser-Rede“ (also die China – Rede Wolffs) aus dem Jahr 1721: Darin lobt Wolff die Sittlichkeits-Idee der Philosophie des Konfuzius, durchaus auch als ein „Muster für das christliche Europa“ (S. 135), solche religiöse Lernbereitschaft von einer „heidnischen Philosophie“ war den frommen Pietisten natürlich unerträglich. Sie wollten die absolute Sonderstellung des Christentums und der Kirche und ihrer Ethik festhalten. Ich meine, diese Konfuzius Rezeption ist eine der zentralen Leistungen von Wolff, darin durchaus einer gewissen „China-Mode“ (etwa in der Kunst, Tapeten etc. ) folgend! Ich empfehle zum Thema Christian „Wolff und China bzw. der autonomen Moral“ den Beitrag der chinesischen Religionswissenschaftlerin Julia Ching (Toronto, Kanada, gestorben 2001) in dem Hans Küng gewidmeten Buch „Gegenentwürfe“ (Piper Verlag, 1988, S. 187 bis 196), sie zeigt u.a. auch, wie durch die Lektüre der Übersetzungen des Jesuiten Francois Noel (1651 – 1729) der Philosoph Christian Wolff schon 1711 mit chinesischer Philosophie vertraut wurde, Julia Ching zeigt, wie die beiden Werke Wolffs über China viel Aufmerksamkeit in katholischen Kreisen fanden (dort S. 194), sogar die strenge Inquisition des Papstes veröffentlichte einen China-Text von Wolff, dies geschah ohne Zustimmung von Wolff, um so größer war die Aufregung! „Die Literatur, die im Laufe der lang anhaltenden Kontroverse (wegen Konfuzius!) zwischen Wolff und den Pietisten entstand, ist wirklich voluminös“, so Julia Ching, S. 194.
5.Der Gesamteindruck: Hans-Joachim Kertscher zeichnet das Bild des Philosophen Christian Wolff, der im Vertrauen auf die Wirkungen der Vernunft lebte, durchaus in einem elementaren Optimismus. Er war überzeugt, dass die Philosophie doch vieles beitragen kann für die Gewinnung der „Glückseligkeit“ in dieser Welt für alle Menschen.

Hans-Joachim Kertscher, „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt: Christian Wolff – eine Biographie“. Mitteldeutscher Verlag Halle, 2018, 312 S., zahlreiche Fotos, 25€. (Herausgegeben von der Christian-Wolff-Gesellschaft für die Philosophie der Aufklärung in Halle/Saale)
Sehr empfehlenswert ist auch die so interessant gestaltete Ausstellung im „Wolff-Haus“ von Halle: Große Märkerstraße 10, 06108 Halle (Saale)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Unterbrechungen – Abstandnehmen – Freiwerden“. Ein religions-philosophischer Salon

Ein religionsphilosophischer Salon am Freitag, den 14. Dezember 2018 um 19 Uhr. Unterbrechungen sollten zu (m)einer Lebensphilosophie gehören. Unterbrechungen sind zum Beispiel Feste und Feiern. Wenn wir sie denn als wirklichen Ausstieg aus dem Alltag gestalten. Darüber wollen wir sprechen. Denn auch Weihnachten ist – eigentlich – eine Unterbrechung. Und es wird philosophisch kaum bedacht: In den Mythen der Bibel wird sogar von einer Unterbrechung Gottes in seinem Himmel berichtet: Der ewige göttliche „Logos“ verlässt den Himmel und wird Mensch in Jesus von Nazareth. Der Logos als armer Mann. Man lese im Neuen Testament mal den Philipperbrief, Kap. 2, Verse 6 bis 9. Wenn Gott ein Mensch wird, dann wird der Mensch als Mensch aufgewertet, so, dass er Göttliches in sich hat. Eine uralte Einsicht, auch bei Feuerbach. Man lese aber auch den Philosophen Meister Eckart. Der sagt klar: Der Mensch „hat“ etwas Ewiges, Göttliches. ( Meister Eckart, “Vom Wunder der Seele”, Reclam Heft, Seite 64 und 65, 3 Euro!). Ist das plausibel? Auch der Philosoph Gianni Vattimo hat sich in seiner Studie “Glauben – Philosophieren” (Reclam Verlag 1997) mit dem Thema der Kenosis, also des Menschwerdens des Logos, auseinandergesetzt. Ein philosophischer Salon also mit einigen (hilfreichen) religionsphilosophischen Überraschungen. Und auch mit Wein und etwas Gebäck… Herzliche Einladung und die Bitte um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de Wir treffen uns in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, in Wilmersdorf. Für die Raummiete bitte ich um 5 Euro, Studenten haben freien „Eintritt“. Christian Modehn  

Seehofer, Scheuer und Dobrindt in schlechter Gesellschaft: In der Gesellschaft des Front National.

Die CSU “Spitze” übernimmt Formulierungen des Front National

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Der Islam gehört in allen seinen Formen nicht zu Deutschland“, sagen Führer der CSU spätestens seit Beginn der großen Koalition 2018. Mit diesem undifferenzierten, Angst vor „dem Islam“ weckenden Urteil befinden sich die Christlich – Sozialen (und sicher auch etliche Herrschaften in der CDU) leider in merkwürdiger Gesellschaft. Meiner Meinung nach: Sie befinden sich in schlechter Gesellschaft. Und diese christlichen Politiker tun so, als wüssten sie das nicht. Offenbar wird das Gedächtnis der Menschen und der Politiker auch immer schlechter und offensichtlich sind für viele nur noch kürzeste Zeitabstände bewusst. Darum eine nicht gefährliche Erinnerung:

Marion Maréchal Le Pen, die damals noch politisch aktive rechtsextreme FN Politikerin in Frankreich und Enkelin des Gründers der rechtsextremen Partei Front National, Jean Marie Le Pen, sagte bei einer Art Sommerakademie Ende August 2015: „Ich fühle mich verbunden mit der Laizität und der Freiheit des religiösen Kultes. Aber wenn es heute Franzosen der muslimischen Konfession gibt, so ist Frankreich darum nicht auch ein Land des Islams.“ Das „Pikante“ an dieser Aussage: Diese Veranstaltung wurde organisiert von dem ebenfalls der sehr rechten Szene zuneigenden Bischof Dominique Rey von Toulon (er ist Mitglied der katholischen charismatischen Bewegung „Emmanuel“). Noch einmal vertrat Madame Maréchal le Pen öffentlich ihre Überzeugung am 1. Dezember 2015 in Toulon: „Wir sind kein Land des Islams. Und wenn Franzosen zum islamischen Bekenntnis gehören können, dann unter der Bedingung: Dass sie sich unseren Sitten und unserer Lebensweise anpassen, einer Lebensweise, die die griechische, die römische Kultur und seit 16 Jahrhunderten die Christenheit (Chrétienté) gestaltet hat“.D.h.: Wir die Herren Europas verlangen, dass alle anderen, die bei uns leben, so werden wie wir. Das ist kolonialistisches Denken, imperiales Denken. Dialog mit den anderen und Respekt vor den anderen sind ausgeschlossen. Einige Tage zuvor hatte die rechtsextreme FN Politikerin gegenüber der rechtsextremen Tageszeitung Présent erklärt: “Die Muslime können bei uns nicht denselben Rang haben wie die Christen“. Also: Der Islam gehört für die FN Politikerin nicht nach Frankreich. Und nun ebenso, gleich lautend, als hätten sie von der rechtsextremen Politikerin abgeschrieben, heißt die Kampfparole der CSU Führer: „Der Islam gehört nicht nach Deutschland“. Die CSU Führer befinden sich also, im politischen Vergleich, inmitten der FN Propaganda, sie befinden sich in schlechter Gesellschaft.

Mein Hinweis auf diese bisher wenig beachteten Zusammenhänge hat nichts mit „Moral“ zu tun, sondern nur mit einer Tatsache: Der Anerkennung einer rechtsextremen Ideologie innerhalb des FN und deren verbaler Übernahme durch einige CSU Führer. Und diese CSU Führer setzen förmlich noch eins drauf: Sie bekennen sich zu weiteren nicht gerade vorbildlich demokratischen Gesinnungsgenossen: Etwa zum Freund der CSU, dem Ministerpräsident Orban in Ungarn; er ist ja offenbar sehr anregend in seiner perfekten Errichtung von Grenzzäunen und in der Gestaltung eines Europas, das sich einschließt wie eine bedrohte Festung.

Was soll das heißen? CSU Politiker müssen sehr aufpassen, dass sie nicht völlig ins Fahrwasser rechtsradikaler Parolen geraten. Wollen diese Politiker die Menschen verblenden, für deren Verdummung sorgen mit ihren Sprüchen? Hat Bayern diese Politiker verdient? Hat die deutsche Demokratie (den Menschenrechten bekanntlich verpflichtet) etwa gar diese Minister verdient? Meine Antwort und die Antwort vieler Demokraten und Verteidiger der Menschenrechte ist klar.

Quellenangaben: Die Hinweise zu MarionMaréchal le Pen beziehen sich auf das sehr lesenswerte Buch des Politologie Professors Jerome Fourquet, „à la Droite de Dieu“, erschienen im katholischen Verlag Edition du Cerf, Paris 2018, Seite 88 f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.