Gut leben in einer Gesellschaft jenseits des Wachstums

Gut leben – in einer Gesellschaft „jenseits des Wachstums“

Hinweise zum Salon-Gespräch am 20. November 2014 im „Afrika Haus Berlin“.

Von Christian Modehn

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ lädt am „Welttag der Philosophie“ regelmäßig zu einer besonderen Veranstaltung ein. Diesmal war die Philosophin Dr. Barbara Muraca (Uni Jena, ab 2015 an der „Oregon State University“) bei uns, um über die Perspektiven ihres neuen Buches „Gut leben. Eine Gesellschaft jenseits des Wachstums“ (Wagenbach Verlag, 2014, 9.90 Euro) zu diskutieren.

Wir empfehlen dringend die Lektüre dieser komprimierten Studie, die verschiedene Aspekte ausleuchtet und ermuntert, weiter am Thema „dranzubleiben“.

Muss man (in gebildeten Kreisen) immer noch die vielen, allseits bekannten Fakten aufzählen, dass die Wachstumsgesellschaft ganz offensichtlich an ihr Ende gekommen ist?

Muss man an die heutige globale Klimaveränderung erinnern, die durch den unsäglich hohen und stetig steigenden (China, USA usw.) CO2 Ausstoß mit verursacht ist?

Muss man an die schlimmen Folgen der Massentierproduktion, nicht nur für die betroffenen, gequälten Tiere, erinnern? Diese Massenproduktion vernichtet riesige Flächen guten Bodens, der nun – wie in Brasilien, Argentinien und anderswo – nicht mehr zur Ernährung hungernder Menschen, sondern für die Viehfutter – Herstellung der Fleisch genießenden Leute im Norden zur Verfügung steht?

Muss man an die immer bedrohlicher werdende Situation der Trinkwasserversorgung erinnern?

Muss man daran erinnern, dass etwa 2.000 Fässer mit Atommüll, die in deutschen AKWs untergebracht sind, verrosten und beschädigt sind, deswegen tritt Radioaktivität aus (TAZ 22. Nov. 2014, Seite 2). Die AKWs sind bester Ausdruck für einen Staat, der an die Vorteile der permanenten Wachstumsgesellschaft glaubte.

Muss man daran erinnern, wie allen Menschen eingeredet wird, sie seien nicht in erster Linie autonome, freie Personen, sondern zuerst Konsumenten, Wesen also, die alles dran setzen müssen, das wenige verfügbare Einkommen auszugeben für Produkte, die morgen schon wieder entzwei gehen und zu neuen Einkäufen der Produkte multinationalen Firmen führen.

Diese Reduzierung des Menschen auf den Konsumenten, heute so selbstverständlich allerorten daher geredet, ist wohl das Schlimmste, philosophisch (und ethisch) gesehen, was die Wachstumsgesellschaft uns allen heute und seit langem schon antut. Da werden Menschen wesentlich zerstört. Mir ist nicht bekannt, dass die Kirchen sich mit dieser unheilvollen Definition des Menschen als Konsumenten auch nur entfernt auseinander setzen. Die Herren der Kirche diskutieren in Rom, in teuren Unterkünften nach teuren Trans-Atlantikflügen, viel lieber über die Wieder-Verheiratet-Geschiedenen…

Gibt es einen Ausbruch aus diesem Gefängnis der Rollenfestlegung Mensch=Konsument? Den gibt es, und die Wege dort hin, im Plural, weisen in Richtung „Überwindung der Wachstumsgesellschaft“.

Möge übrigens jede Leserin, jeder Leser, die legitimen und richtigen Litanei der Schädigungen der Wachstumsgesellschaft auf seine Art fortsetzen und ergänzen. Diese Litanei wird lang. Sie wird um so dringlicher, wenn man bedenkt, dass die Staatschefs der führenden Nationen (G20) bei ihrem Treffen in Brisbane, Australien, im November 2014, erneut das Ziel formuliert haben: Die Ökononien der reichen Länder sollen bis 2018 noch einmal um 2,1% wachsen, die anderen, die armen, bitte schön um 0,5%. Dieses Vorhaben wurde von der Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, als „Lichtblick“ bezeichnet. Wachstum ist ein Gott, wenn er wächst, gibt es Lichtblicke (für die internationalen Konzerne. Dass die Natur dann sozusagen schwarz sieht, wird bei so viel angeblichem Licht übersehen).

Wir brechen hier diese Gedankenreihe ab und erinnern an unseren Salon am 20. November 2014, erinnern an das Buch von Barbara Muraca. Sie hat in Leipzig beim 4. Degrowth/Décroissance Kongress im September 2014 einen der wichtigen Vorträge gehalten. Sie ist eine der wenigen, die Philosophie mit Kritik der herrschenden Ökonomie verbinden, sie betritt philosophisches Neuland.

Sie bezieht sich auf viele tausend Gruppen, die weltweit bereits jetzt aus der Wachstumsgesellschaft aussteigen, ein gemeinschaftlicher Prozess, ein langer Weg, aber voller Verheißung, weil er auch neue Gemeinschaftsformen stiftet unter den bislang eher individualistisch nebeneinander lebenden Menschen. Man lese als Konkretisierung etwa meinen Beitrag zur internationalen Transition-Bewegung.

Barbara Muraca hat in unserem Salon betont: Wir sollten uns eher an die lebendigen, mutigen Gruppen halten, die die Wachstumsgesellschaft in kleinen Schritten überwinden, als in der Ecke der Jammernden und Klagenden zu verharren, die alles so furchtbar finden in dieser Wachstumswelt. Klaus Töpfer hat darauf hingewiesen, dass das Jammern oft nur eine Entschuldigung fürs Nichtstun ist.

Ich meine: Es gilt auch hier, den eigenen Weg zu gehen, um dann mit anderen die Kraft zu entwickeln, Alternativen zu leben. Die Kraft wächst im Moment des Vollzugs, sie ist nicht vorher schon als solche da, etwa am Schreibtisch des einzelnen.

Barbara Muraca hat das erste Kapitel ihres Buches dem Thema „Postwachstum und die Kraft der Utopie“ gewidmet. Die Philosophin legt allen Wert darauf, Utopie bitte nicht schlicht (vulgär) als Spinnerei und Phantasterei zu verstehen, sondern als konkrete Utopie, also als Versuch, in der Gegenwart jene Tendenzen aufzuspüren, die über den gegenwärtigen Zustand bereits hinausweisen. In der Gegenwart ist sozusagen immer schon Zukunft angelegt, ist latent dabei, ist verborgen anwesend. Ob in der Freilegung dieser latenten neuen Welten eine bessere Zukunft realisiert wird, hängt von der Entschiedenheit der Akteure ab. Die Gegenkräfte sind natürlich heftig. Die multinationalen Firmen suchen ja auch fieberhaft, die alte Welt zu erhalten. Für diese Leute heißt Zukunft unserer Gegenwart nur eine Variante der Gegenwart, nichts Neues also, nur die Aufforderung, dass wir uns den neuesten Schrei an Klamotten, Geräten, Autos usw. kaufen.

Deutlich wurde: Postwachstum ist weder ein Weg zum Verzicht und Askese noch eine bloße Frage der individuellen Entrümpelung oder der voluntary simplicity. Es geht nicht an, Menschen, die heute schon darben, bedingt durch die Strukturen der Wachstumsgesellschaft, nun auch noch Askese zu verordnen. Es sind die Strukturen, die verändert werden müssen. Das schließt nicht aus, dass dabei sozusagen auch religiöse oder spirituelle Ressourcen wachgerufen werden.

Philosophie wird sich noch stärker mit der Verantwortungsethik (Hans Jonas) befassen. Sind wir gesinnungsethisch verpflichtet, Verantwortungstethik in den Mittelpunkt zu stellen?

Barbara Muraca weist in ihrem Buch darauf hin, dass die Wachstumsgesellschaft so tiefe Spuren (Verletzungen?) in unserem Geist und unserer Seele hinterlassen hat, dass so viele Wachstum wie einen Gott betrachten. Diesen Gott gilt es zu entthronen. Genauso spricht Barbara Muraca treffend von einer Sucht, wenn sie von der Bindung so vieler an die Wachstumsgesellschaft spricht. Die Befreiung ist also immer auch eine psychotherapeutische Aufgabe. Welche Psychotherapeuten befreien uns von dieser Wachstums-Sucht? Ist das überhaupt schon ein Thema?

Für alle, die sich mit dem Ende der Wachstumsgesellschaft auseinandersetzen, gibt es ein besonders dringendes Thema: Wenn die Ökonomie weltweit in einem Zustand extrem niedriger Zinsen verharrt, und das ist heute der Fall, „dann könnte es für Investoren langfristig sehr schwierig werden, alle vorhandenen Ersparnisse aufzunehmen“, so Larry Summers, u.a. Wirtschaftsberater Barack Obamas (zit. nach „Die Zeit“, 13. Nov. 2014, Seite 15). Es könnte also zu einer Stagnation kommen, zu einem selbst gemachten Ende der Wachstumsgesellschaft. Dieses Ende würde dann aber von den Politikern usw. gedeutet werden als die große Katastrophe, weil nur wenige die Wachtsumsgesellschaft als ohnehin zu überwindendes System voraus denken und voraus planen. Und keine Perspektiven haben für eine Welt ohne permanentes Wirtschafts-Wachstum.

Es gibt einfach jetzt schon viel zu viel erspartes Geld, die Banken sind sozusagen voll gestopft mit Geld, das fast niemand für Investitionszwecke (Wachstum) leihen will. Alle sparen, das ist auch und vor allem der Deutschen größte „Tugend“. Der Hintergrund: Viele Regierungen, auch in Deutschland, vor allem seit Kanzler Schröder, haben die staatlichen Sozialsysteme (Rentenversorgung usw.) reduziert und den Bürgern empfohlen, doch bitte schön privat fürs Alter zu sorgen. Das war zu einer Zeit, als es noch Zinsen gab und sich das Sparen noch etwas lohnte. Was tun die Bürger aber auch jetzt auf diese neoliberalen Zumutungen? Sie sparen weiter wie verrückt, so verrückt, dass sie jetzt keine Zinsen mehr auf ihren Sparbüchern erhalten. D.h. Ihr gespartes Geld wird Jahr für Jahr geringer, angesichts der Inflationsraten. Die Sparer verarmen. Wer denkt da grundsätzlich nach über das Ende DIESES Wirtschaftssystems? Es ist der blinde Glaube an dieses Wirtschaftssystem, der da wirksam ist und kritisches Nachdenken verhindert.

Wer profitiert von der Wachstumsgesellschaft: 0,004 Prozent der Weltbevölkerung besitzen jetzt 30 Billionen US Dollar, also etwa 24 Billionen Euro. Sie kontrollieren damit 13 Prozent des gesamten Vermögens der Welt. 211.275 Menschen gelten als “ultrareich”, das heißt sie haben ein Vermögen von mehr als 30 Millionen Dollar, von ihnen haben 2325 Menschen mehr als eine Milliarde Dollar als ihr Privateigentum, das selbstverständlich als Wert geschützt und verteidigt werden muss, sagen die Herrschenden. Die Zahl der Milliardäre steigt ständig! (Quelle: “Tagesspiegel”, 22. Nov. 2014, Seite 34).

Wer die Wachstumsgesellschaft heute überwinden will, muss Antwort geben auf die Frage: Wie können die vorhandenen Milliarden ersparter Euros sinnvoll eingesetzt werden, so dass zum Beispiel die vielen Millionen hungernder Menschen oder die vielen Millionen Analphabeten weltweit zu einem Leben finden, das menschenwürdig heißt. Die 25 größten an der Börse notierten deutschen Industrieunternehmen haben inzwischen ein Geldvermögen von insgesamt 77 Milliarden Euro angehäuft, bei Volkswagen sind es etwa 16 Milliarden Euro, bei Siemens 8,2 Milliarden Euro us. (vgl. Die Zeit, 13. Nov. 2104, Seite 14). „Die großen Konzerne verhalten sich auf einmal wie der kleine Sparer. Sie packen ihr Geld aufs Sparbuch“, so “Die ZEIT”. Und die Konzerne lassen es da schmoren, d.h. auf Dauer werden selbst deren Milliarden von selbst schrumpfen. Warum wird nicht an Alternativen gedacht? In humanitäre Projekte investiert? Gibt es keine Verantwortung der Konzerne für das Wohl der Menschheit? Leben wir tatschlich schon in einer Menschenwelt ohne menschliche Verantwortung? Haben die Religionen also total versagt, die ja doch von ihrer Ethik immer irgendwie ein bißchen das Teilen und das Solidarischsein gepredigt haben. Man könnte meinen, dass im christlichen Bereich, um nur bei diesem zu bleiben, tatsächlich eine ziemlich umfassende Wirkungslosigkeit der religiösen Lehren in der Gestaltung der Ökonomie festzustellen ist. Eine schreckliche Bilanz zur Wirkkraft des Religiösen. Natürlich auch zur Bedeutung der aufklärerischen Vernunft. Vielleicht wurde auch seit Jahren in den Kirchen viel zu viel von Ökumene geredet und viel zu wenig von Ökonomie…Aber immerhin, noch gibt es ja kritische Gruppen!

Wie konnte es soweit kommen, dass der Gedanke des Privateigentums und des Gewinns zur obersten Tugend und Haltung verkommen konnte? Wer ist schuld daran noch heute, dass unvorstellbare Dimensionen des Privateigentums, etwa die Milliarden der Milliardäre, als selbstverständlich und zu schützend hingenommen werden? Diese Herrschaften zahlen zudem oft sehr geringe Steuern. Welche Politiker haben diese Gesetze beschlossen, die derartige Privilegien gesetztlich, „demokratisch“, geschaffen haben? Diese Fragen gehören ins Zentrum einer kritischen Bildungsarbeit und Aufklärung, die den Namen noch verdient.

Der Salonabend hat den TeilnehmerInnen gezeigt, angesichts der weltweiten Bewegung derer, die eine andere Welt für möglich halten: Dieser dumme, leider populäre Spruch, von Madame Thatcher propagiert: „There is no alternative“, abgekürzt TINA) ist falsch, ihm gilt es theoretiosch wie praktisch zu widersprechen. Von der „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith), die die gesamte Wirtschaft angeblich lenkt, haben wir uns befreit. Jetzt müssen wir uns definitiv von TINA verabschieden. Vielleicht könnte die Kurzformel TAMA heißen: There are many alternatives. In dem TAMA steckt das Wort amare = Lieben.

Also halten wir uns TAMA! In den Alternativen zeigen sich dann Spuren eines guten Lebens, im Sinne eines besseren Lebens als jenes, das uns die Fixierung auf Wachstum und Konsumentendasein zumutet.

Es könnte inspirierend sein an Joshua Wong (Hongkong) zu erinnern, er ist als Student aktiv in der Protestbewegung jetzt in Hongkong. Von ihm stammt das Wort: „Die Zukunft wird nicht von Erwachsenen entschieden werden“. Das Philosophie-Magazin (Ausgabe Dezember 2014, Seite 14) kommentiert diesen zentralen Satz: Der 18 jährige Student der Politikwissenschaften sieht das größte Problem der Gegenwart „in der Welt politisch träger, unmündig gewordener Erwachsener“.

Ein Problem der Sprachregelung bleibt noch: Im englischen und französischen Sprachraum haben sich degrowth oder décroissance längst eingebürgert in der Umgangssprache. Im Deutschen fehlt noch ein entsprechendes Wort, der eine treffende Begriff. Natürlich kann alles umschreiben, ob das Wort „Post-wachstum“ Chancen hat, weite Verbreitung zu finden, wage ich zu bezweifeln.

Wir empfehlen allen Französisch Lesenden die Monatszeitschrift „La Décroissance“. „Le Journal de la joie de vivre“. (Der Titel sagt es: Jenseits des Wachstum entesteht die Lebensfreude). Eine Zeitschrift, die schon über 100 Ausgaben zählt und eine Auflage hat von ca. 25000 Exemplaren, auch an vielen französischen Kiosken erhältlich ist. Die Adresse: 52, Rue Crillon, BP 36003, F 69411 LYON.

www.ladecroissance.net oder www.casseursdepub.org

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

Homoehe ist selbstverständlich: Positionen der Kirche der Remonstranten

„Homoehe“ ist für Remonstranten selbstverständlich
Ein Hinweis zur aktuellen Diskussion, oder: Von der “Gnade der theologischen Neuinterpretation”
Von Christian Modehn

Eine aktuelle Meldung zuerst: Innerhalb der vielfältigen “Gay Pride 2013” Veranstaltungen in Amsterdam findet am Freitag, den 2. August 2013, um 19 Uhr auf dem Rembrandtsplein ein Konzert statt, “Strijders vorr liefde” ist der Titel. Bei diesem “event” stehen zwei Menschen im Mittelpunkt, die es gewagt haben, sich offen zu ihrer Homosexualität zu bekennen: Sam Opia, auch Leticia genannt, ist eine der ersten Personen im afrikanischen Uganda, die sich als “transgender Frau” bekennt, in dem christlich geprägten Uganda bedeutet diese “Untat”: lebenlänglich ins Gefängnis! Auch Robbie Rogers wird in Amsterdam dabei sein, der erfolgreiche Fußballer hat sich in einem noch immer homophoben Milieu (auch der Fans!) geoutet. Bei der Amsterdamer Gaypride 2013 wird an die Verletzung von Menschenrechten nachdrücklich erinnert; die Remonstranten – Kirche unterstützt dieses Projekt auch finanziell. (verfasst am 18.7.2013).

……

Welche Position hat die protestantische Kirche der Remonstranten zur sogen. „Homoehe“ ? Diese Frage wurde uns in den vergangenen Tagen häufig gestellt; offenbar hat die neueste „Orientierungshilfe“ des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland“ (EKD) breite Irritationen verursacht: Der Rat der EKD hat im Juni 2013 unter dem Titel “Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“ Vorschläge unterbreitet, die Ehe neu zu verstehen, ohne dabei die umfassende und gerechte Gleichberechtigung homosexueller Menschen zu vernachlässigen. Diese Schrift hat nicht nur unter konservativen Kreisen innerhalb der EKD Widerspruch gefunden, vor allem in der römisch katholischen Kirche wird aufs heftigste gegen diese Orientierungshilfe polemisiert; es wird von bischöflicher Seite aus mit dem Abbruch der angeblich guten ökumenischen Beziehungen zwischen Protestanten und Katholiken gedroht. Auf diese Weise will man die freie theologische Debatte offenbar machtvoll unterbinden und den römischen Kurs für alle christlichen Kirchen durchsetzen. Interessante Perspektiven jedenfalls zum bevorstehenden Luther – Jubiläum… Selbst die sonst eher noch vernünftig erscheinende Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ aus dem katholischen Herder Verlag redet jetzt, in der Ausgabe vom 7. Juli 2013, in wilder und unvernünftiger Wut, möchte man sagen. Das Blatt unterstellt der EKD, blind „Zeittrends“ hinterherzulaufen. Ein paar Zeilen vor dieser Anklage wurde den um volle Gleichberechtigung der Homosexuellen bemühten Organisationen gar „subtile, kollektive Gehirnwäsche“ unterstellt. Uns scheint, wieder einmal in religionskritischem Zusammenhang unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons: Diejenigen, die sich auf „das“ biblische Eheverständnis berufen, haben kein Verständnis für eine kritische –historische Lektüre der Bibel; sie klammern sich an die wenigen biblischen Verse in AT und NT, die sich mit der Verbindung von Mann und Frau befassen. Aus dem -sehr offen formulierenden – biblischen Spruch “Gott schuf die Menschen als Mann und Frau” leiten sie gar die Ausschließlichkeit der heterosexuellen Ehe ab. Diese Texte sind bekanntlich nicht nur vor mindestens 2000 Jahren geschrieben, in einer Welt, die noch keine Sexualwissenschaft und Psychologie usw. kannte. Darüber sind in diesen Erzählungen frommer Menschen vor 2000 Jahren und früher vor allem jedoch mit götttlicher Vollmacht ausgestattete Plädoyers enthalten, die Liebe als das Höchste hochzuschätzen…Die Bibel ist also kein Ehekompendium für heterosexuelle Eheleute, sondern eine Aufforderung zu Liebe und Gerechtigkeit. Das vergessen alle, die heute die Hetero Ehe für das höchste Gut halten.
Wir wollen uns auf diese Polemik konservativer und ach so biblischer Kreise nicht weiter einlassen, diese Polemik wirkt sehr parteiisch, wird wohl auch mit parteipolitischen Optionen etwa für die CDU (Wahl im September 2013!) gefüttert.
Die protestantische und freisinnige Kirche der Remonstranten hat im Jahr 1986 ihre Kirchenordnung nach einer etwa zehnjährigen Diskussion verändert, um dem gewandelten Verständnis von Homosexualität endlich auch theologisch – kirchlich Rechnung zutragen und um Gerechtigkeit für Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung zu realisieren: Seit 1986 also ist es für die Remonstranten selbstverständlich, dass homosexuelle Paare den kirchlichen Segen in den Remonstranten Kirchen erhalten können, auch in einem Sonntagsgottesdienst, ganz offiziell als normale Feier.Homopaare können also ihre „Ehe“ kirchlich feiern. Noch einmal: Diese kirchliche Feier ist selbstverständlich und wird als solche nicht in Frage gestellt. Die Homosexualität ist für Remonstranten normal, wie es auch Sexualwissenschaftler und Psychologen betonen, Homosexualität ist nur eine seltener vorkommende Form von Sexualität.
Die Remonstranten waren 1986 also die erste Kirche weltweit, die sich für diese offizielle Segnung entschieden hatte, sie bietet diese kirchliche Feier auch homosexuellen Paaren an, die nicht der Remonstranten Kirche angehören.
Entscheidend ist, dass die neue Kirchenordnung der Remonstranten jetzt alle Beziehungen zwischen Menschen, ob nun hetero – oder homosexuell, einfach nur „Levensverbintenis“ nennt, also, wörtlich übersetzt:„Lebenskontrakt“ bzw. „Lebensvertrag“ nennt. Auf den Begriff „Ehe“ wird verzichtet, weil er zu exklusiv noch an die Verbindung zwischen Heterosexuellen erinnert. „Der Grundgedanke dabei war, dass alle Theologie eben auch von der Gnade der Neuinterpretation (etwa der Bibel) lebt“, so in dem empfehlenswerten Buch „Coming Out Churches“, Meinema Verlag, 2011, Seite 68). “Gnade der Neuinterpretation” dieses Wort mögen sich etwa die Gegner der EKD Studie einmal “auf dem Mund zergehen lassen”.
Dieser Schritt der Remonstranten, homosexuelle Menschen als absolut gleichwertig in jeder Hinsicht zu sehen, wurde damals – wie nicht anders zu erwarten bei Christen, die Bibelsprüche immer dann wörtlich nehmen, wenn es ihnen ideologisch passt – heftig kritisiert. Aber es gab auch vereinzelte katholische Stimmen, die der Veränderung der Kirchenordnung der Remonstranten zustimmten, wie etwa vonseiten des damaligen Studentenpfarrers in Amsterdam, des Jesuiten Pater Jan van Kilsdonk. Er bezeichnete die Homosexualität ausdrücklich als „eine Erfindung des Schöpfers“,
Der niederländische Gesetzgeber hat dann im Jahr 2001 als erstes Land der Welt überhaupt die bürgerliche Ehe auch für homosexuelle Menschen geöffnet, das war 15 Jahre nach dem Beschluss der Remonstranten. Nebenbei: Die Remonstranten gehören selbstverständlich zum “Ökumenischen Rat der Kirchen in Holland”, sie sind Mitglied im “Weltrat der Kirchen in Genf”…
Inzwischen hat der Allgemeine Sekretär der Remonstranten, der Theologe Tom Mikkers, zusammen mit dem Reformierten Pastor Wiellie Elhorst, ein Buch publiziert, das einen landesweiten Überblick bietet zur Möglichkeit der Segnung von Lesben und Schwulen: „Coming out churches“ ist der Titel, (siehe oben). Denn inzwischen sind neben den Remonstranten auch etliche Gemeinden der offiziellen Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN) „zum Segen bereit“, sowie grundsätzlich die Kirche der Mennoniten (Doopgezinde in NL), die „Apostolisch Genootschap“ und die „Vrijzinnige Geloofsgemeenscap NPB“. Hinzukommen auch die „Basisgemeiden“ wie „Dominikus“ , „de Duif“ oder die „Studentenecclesia“ (gegründet von Huub Oosterhuis) in Amsterdam.
Die Remonstranten haben sich jedenfalls gefreut, als sie im Jahr 2010 von dem landesweit hochgeschätzten (und gar nicht immer kirchlch gesinnten) Verein zur homosexuellen Emanzipation (COC) einen Preis der Anerkennung erhielten. Aber die Remonstranten wissen auch, dass sich die Verfolgung und Unterdrückung von Homosexuellen, etwa in christlich geprägten Staaten Afrikas, wie Uganda, Nigeria oder Simbabwe, auf offizielle Texte der Kirchen in Europa berufen kann. Denn in diesen Texten wird noch immer – direkt oder indirekt – ein minderer Status, eine größere Wertlosigkeit, homosexuellen Lebens hoch tönend fortgeschrieben. Diese verheerende, weil oft genug – indirekt -tödliche Wirkung angeblich so frommer und bibeltreuer Texte aus europäischen Kirchen, vor allem aus Rom, sollte man nicht vergessen.
In Holland waren es die Eltern homosexueller Kinder, die endlich kirchlichen Respekt für ihre Töchter und Söhne forderten. Bei den Remonstranten haben sie offene Ohren gefunden, eine Kirche, die zu tiefgreifenden Reformen in der Lage ist. Schließlich geht es ausschließlich darum, die Liebe zwischen zwei Menschen allseitig zu fördern und zu unterstützen.

Die Hetero (Ehe) Paare verlieren gar nichts, schon gar nicht werden sie diskriminiert oder gar verfolgt und ins Elend getrieben, wenn es auch Homo (Ehe) Paare gleichberechtigt gibt und diese heiraten und Kinder adoptieren und erziehen.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin.

Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion

Beim nächsten Salon am 13.1. 2013 wollen wir das schon diskutierte Thema Selbstbestimmung von einer spezielleren Seite beleuchten:

“Selbstbestimmt leben – auch in meiner Religion”. Über das Recht und die Pflicht, sich seinen persönlichen Glauben, auch seinen persönlichen Unglauben, also seine eigene Spiritualität, selbst (mit anderen) zu gestalten. Also ein Salonabend auch über den Abschied von alten Göttern und überlieferten Traditionen und Konfessionen … sowie und von dem (unbewußten?) Gebundensein an “kulturelle Götter” (etwa des Kapitalismus, Konsumismus usw.) …Ein spannender Salon Abend, herzliche Einladung… mit der Bitte um Anmeldung per email: christian.modehn@berlin.de

ORT: Wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin – Wilmersdorf, nahe Kurfürsten Damm um 19 Uhr!

Zum Thema des Januar Salons:  Im November und Dezember 2012  sprachen wir über Möglichkeiten und Formen der Selbstbestimmung, anläßlich des Buches von Peter Bieri. Im JANUAR Salon am Freitag, 11. Januar 2013 um 19 Uhr in der Galerie Fantom (Hektorstr. 9 in Wilmersdorf) wollen wir das Thema fortsetzen: Es wurde ja deutlich, dass wir bei der Selbstbestimmung immer schon von einem Bestimmtsein und Verfügtsein ausgehen (müssen). Das gilt auch für die religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Tradtitionen, in die wir hinein gestellt wurden. Welche Bedeutung hat dann religiöse, philosophische und weltanschauliche Selbstbestimmung, also die Wahl, meines je eigenen “Glaubens”. Heute suchen sich immer mehr Menschen ihre je eigene Spiritalität: Das ist soziologisch erwiesen. Die Rede ist von multireligiösen Bindungen. Ist das wirklich so neu? Und welches sind die Kriterien der Wahl, welches Glück suchen wir dabei? Genauso wichtig: Wie stark sind die unbewusst bestimmenden “Dogmen” der Gesellschaft, die meist den Werten der herrschenden kapitalistischen Gesellschaft entsprechen? Sind wir uns bewußt, dass wir z.B. an die Allmacht des Geldes “glauben”, an die bestehenden Strukturen der Wirtschaft, der Politik? Können wir auch inmitten dieser zugewiesenen Glaubensformen zur Selbstbestimmung finden? Das spannende Fragen, über die eine Debatte lohnt zugunsten größerer Klarheit.

 

Beten und bitten: Poesie im Angesicht des Unendlichen. Im Kulturradio des RBB

“Gott und die Welt” im RBB Kulturradio am Sonntag, 23.09.2012

Worte in Gottes Ohr

Über das Bittgebet

Von Christian Modehn

Das Thema “Beten und besonders Bittgebete sprechen” berührt auch philosophische Fragen, etwa nach der Verbundenheit mi Gott und der Beziehung des Menschen zum Göttlichen, der Transzendenz. Deswegen könnte diese Ra­dio­sen­dung auch für philosophisch Interessierte inspirierend sein.

„Bittet, so wird euch gegeben“, forderte Jesus seine Jünger auf. Darauf vertrauen auch gläubige Menschen, wenn sie sich mit ihren Sorgen an Gott wenden. Doch welchen Sinn hat es, um göttlichen Rat und Beistand zu bitten? „Wer betet, Gottes Reich des Friedens möge kommen, weckt in sich die Sehnsucht nach Frieden“, schreibt der Kirchenvater Augustinus. Heutige Theologen sind überzeugt: Im Beten und Bitten erkennt der Mensch, wer er ist und welche Ziele ihm wichtig sind. Bittgebete können zur spirituellen Poesie werden. Sie wecken  die Achtsamkeit. „Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden“,  sagt der protestantische Philosoph Sören Kierkegaard. Bittende und Betende hoffen, trotz aller Tiefen von einem göttlichen Grund getragen zu sein.

 

“Gut leben” Ein philos. Salon

“Gut leben”: Eine Weisung, ein Ideal, eine Utopie, die mit der Philosophie als  praktischer und kritischer Lebensorientierung eng verbunden ist. In diesem Salonabend ist unser besonderer Gast Thomas Fatheuer, der viele Jahre für die Heinrich Böll Stiftung in Rio de Janeiro arbeitete und gut die lateinamerikanisch – “indigene” “buen vivir” Konzeption kennt, vor allem in Ecuador und Bolivien. Was ist gut leben dort,was ist gut leben hier? Ein spannender Disput, diesmal in der Galerie FANTOM in der Hektor str. 9 in Wilmersdorf. Bushaltestelle Joachim Friedirch Str. oder U Bahnhof Adenauer Pl.

Wir freuen uns, eine neue “Bleibe” für unseren Salon zu haben. Am Freitag, 24. 8. 2012; Beginn um 19 Uhr, Getränke können in der Galerie erworben werden. Für die Raummiete: 5 Euro Eintritt. Wer diesen Eintritt nicht zahlen kann, ist auch willkommen.  Anmeldung bitte an christian.modehn@berlin.de   Wer sich anmeldet, erhält Infos vorweg.

Für eine neue “Männlichkeit” in Lateinamerika

Für eine neue Männlichkeit
Respekt für homosexuelle Männer. Erfahrungen im zentralamerikanischen El Salvador

Der religionsphilosophische Salon ist den bleibenden Werten der philosophischen Aufklärung verpflichtet. Dazu gehört immer das Eintreten für die Rechte von Minderheiten. Insofern ist der religionsphilosophische Salon immer politisch im Sinne der Befreiung.
Anlässlich des Welttages zugunsten des „COMING OUT“ am 11. Oktober (dieser Coming Out Welttag wurde von dem us – amerikanischen Psychologen Robert Eichberg 1988 ins Leben gerufen) freuen wir uns, einen Bericht zu veröffentlichen über den mühevollen Kampf, in einer von Macho Mentalitäten geprägten lateinamerikanischen Gesellschaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen einzutreten.
Den Beitrag verdanken wir der Christlichen Initaitive Romero in Münster (weitere Informationen siehe unten).

Trotz angeblich wachsender medialer und politischer Akzeptanz von Homosexuellen ist und bleibt Homophobie (Feindseligkeit oder Hass gegenüber Schwulen und Lesben) in El Salvador und ganz Mittelamerika ein alltägliches Problem und nimmt in gezielten Ermordungen Homosexueller oder Transvestiten auch immer wieder bestialische Züge an. Eine Ursachenforschung und Zustandsbeschreibung

In den meisten Ländern der westlichen Welt erinnert man mit dem Christopher Street Day an die öffentliche Revolte einer Gruppe Homosexueller und einiger Lesben am 27. Juni 1969, die sich im New Yorker Viertel Greenwich Village Gewalt und Razzien der Polizei widersetzten. Dieses Ereignis wird als Grundstein der Homosexuellen Bewegung im Westen angesehen. Als Teilnehmer diverser Märsche in Chile, Argentinien, Brasilien und El Salvador, als Fernsehzuschauer und Internetnutzer habe ich den Eindruck, dass die Forderungen der lateinamerikanischen Homosexuellen Bewegung seit ihren Anfängen immer mehr an Kraft verlieren. Mittlerweile gleichen ihre Forderungen oft denen der Feministinnen und der indigenen Minderheiten, den Forderungen nach mehr Gerechtigkeit in den kapitalistischen Wirtschaftsmodellen und ihrer neoliberalen Ausrichtung und den Forderungen der gesamten LGBTI*-Bewegung. Sie schlagen sich in oberflächlichen Sprüchen wie „Eine andere Welt ist möglich“ und „Wir wollen Gleichheit“ nieder.

El Salvador: Ziel für die Einen, Fluchtgrund für Andere
Meine Gespräche mit Schwulen, lesbischen Freundinnen und Transfrauen in El Salvador und Region haben mir geholfen, zu erkennen, dass die Homophobie untereinander einen starken Einfluss auf die gesamte mittelamerikanische LGBTI-Bewegung hat. Die Abgrenzung von Schwulen gegenüber Lesben und Transpersonen** wurde durch die Dominanz der Schwulen und durch die Frauenfeindlichkeit innerhalb der schwulen Gemeinschaften verursacht. Dies betrachte ich als sehr problematischen Aspekt.
Zudem fällt auf, dass es in den meisten größeren Städten der westlichen Welt so genannte Schwulenviertel gibt, geographisch und wirtschaftlich abgegrenzte Bereiche für Nicht-Heterosexuelle. Diese Viertel finden sich eins-zu-eins in den Ländern Mittelamerikas wieder. Marktwirtschaftliche Strategie ist es, wesentlich mehr Vergnügungsorte, wie Bars, Diskotheken, Saunas, Bekleidungsgeschäfte, Parfümerien und Themen-Cafés, für den schwulen Mann als für die lesbische Frau oder für Transpersonen anzubieten. Dies entspricht der typisch patriarchalischen Sichtweise, die den Mann mehr dem öffentlichen und die Frau mehr dem privaten Bereich zuordnet.

Der Handel mit den Identitäten

In El Salvador besteht zunehmend die Möglichkeit, seine schwule Identität über Angebote des Marktes sichtbar zu machen, sich eine bestimmte Ästhetik und eine entpolitisierte Ethik anzueignen. Diese Entwicklung macht es den Politikern und den Medien leichter, Toleranz gegenüber Homosexuellen zu propagieren. In den sexuellen Identitäten eine Geschäftschance zu sehen, hat zweifellos zu einem Handel mit den Identitäten und deren Strukturierung geführt, basierend auf den finanziellen Möglichkeiten des Einzelnen – ganz nach dem Motto „Wenn Du schwul sein willst, brauchst Du Geld, um so zu sein und so zu erscheinen“. Nur mit dem nötigen Kleingeld kann man die Orte aufsuchen, wo man Erfahrungen in Bezug auf Zusammenleben, Liebe und Paarbeziehungen mit Gleichgesinnten austauschen kann. Dieser Handel mit sexuellen Identitäten stellt für mich eine weitere problematische Entwicklung dar.

Die Logik des weltweiten Kapitalismus hat dazu gedient, die politischen Forderungen der Homosexuellen abzuschwächen und einen gewissen schwulen Lebensstil, ein politisches und marktwirtschaftliches Funktionieren der schwulen Identität zu fördern. Sie hat dazu geführt, dass die Kritik der Homosexuellen an der vorherrschenden Heteronormativität (gesellschaftliches System, in dem die Sexualität zwischen Mann und Frau als soziale Norm gilt) immer leiser wird. Zudem hat sie eine Randgruppe aus Personen geschaffen, die aus ethisch-politischen oder finanziellen Gründen von dieser exklusiven Szene ausgeschlossen sind. Die Ausgeschlossenen erfahren die stärkste Benachteiligung und sind Opfer der sichtbarsten Diskriminierung, der gewaltsamsten Homophobie und der brutalsten Ermordungen. Besonders Transvestiten haben immer wieder unter der geballten Raserei der salvadorianischen machistisch-motivierten Gewalt zu leiden.

Homophobie (inkl. Lesbophobie und Transphobie) in El Salvador richtet sich nicht gegen schwule Weiße oder schwule Mestizen aus der Mittel- oder Oberschicht, die studiert haben und die vor allem die von der Gesellschaft als männlich klassifizierten äußeren Merkmale zeigen, sondern immer gegen Minderheiten wie weibische Homosexuelle aus der Unterschicht ohne Zugang zu Bildung, Kultur und sozialer Mobilität. Je größer die Verletzbarkeit der Diskriminierten, desto stärker der Grad der Homophobie. Die Frauenfeindlichkeit und der Hass auf etwas Weibliches im männlichen Körper sind der Grund für die schrecklichen Misshandlungen, die viele Transpersonen und Homosexuelle in El Salvadors Städten das Leben gekostet haben.

Es ist von größter Notwendigkeit, die aktuelle salvadorianische „Politik der (angeblichen) Toleranz“ und die von ihr festgelegte Ordnung und Rolleneinteilung der Geschlechter kritisch zu hinterfragen und zu durchbrechen. Die Politik, die mittlerweile eine bestimmte homosexuelle Identität in separaten Schwulenvierteln toleriert, ändert nichts an der mangelhaften Sexualkunde an Schulen und Universitäten, am Fehlen eines Antidiskriminierungsgesetzes oder an der Praxis, Leute zu entlassen, deren Aussehen nicht den Heteronormen entspricht. Sowohl das vorherrschende patriarchalische Gesellschaftsbild als auch die politisch-strategische Struktur El Salvadors, welche sexuelle Unterschiede immer noch bewusst als exotische Ausnahme einordnet und somit wahre Toleranz verhindert, muss verändert werden.■

* LGBTI ist eine englische Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans und Intersex (dt. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transpersonen und Intersexuelle).
** Der Ausdruck Transpersonen fasst im Text unterschiedliche Geschlechteridentitäten zusammen, so Transsexuelle, Transgender und Transvestiten.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel „Die Abscheu vor dem Weiblichen im Mann“ in dem empfehlenswerten Heft 3 / 2011 „presente“ der „Christlichen Initiative Romero“ in Münster.

Zum Autor:
Héctor Guillermo Núñez, geboren in Chile, ist homosexuell, lebt seit 2008 in El Salvador und arbeitet bei der CIR-Partnerorganisation Centro Bartolomé de las Casas (CBC) im Bereich der Männerarbeit zur Vorbeugung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Übersetzung: Joana Eink (CIR)

Wer das Projekt für eine neue Männlichkeit des “Centro Bartolomé de las Casas” (=CBC) unterstützen will: Spenden sind willkommen und werden über die “Christliche Initiative Romero (CIR)” in Münster nach El Salvador weiter geleitet unter dem Stichwort „CBC“

Spendenkonto:
Konto 3 11 22 00
DKM Darlehnskasse Münster
BLZ 400 602 65
IBAN DE67 4006 0265 0003 1122 00

Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt herzlich der Christlichen Initiative Oscar Romero in Münster für die Möglichkeit der “Weitergabe” des Beitrags auf dieser website.

Die Christliche Initiative Romero hat diese empfehlenswerte website:

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Stille in der Stadt – Ein Interview mit Ursula Richard

Stille in der Stadt – Interview mit Ursula Richard
Ursula Richard ist Autorin und Mitbegründerin der “Edition Steinrich” in Berlin. Im August erscheint von ihr ein wichtiges Buch im Kösel Verlag über “Stille in der Stadt”, ein Thema, das viele religionsphilosophisch Interessierte sicher bewegt. Ursula Richard hat dem religionsphilosophischen Salon schon vorweg ein Interview gegeben.

Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Stille in der Stadt“.
Warnen Sie also indirekt vor der Stadtflucht, die so viele erfasst, die gern meditieren und zur Ruhe kommen.

Ich warne vor falschen Sichtweisen und Trennungen, (die ich natürlich selbst gut kenne) – hier die Stadt als energie- und kräftezehrender Vampir, da das Land, das Natur, Zur-Ruhe- oder Zu-Sich-Kommen verspricht. Dieser Sicht zufolge muss ich so oft wie möglich der Stadt entfliehen, um in ländlichem Umfeld die Energie aufzutanken, die ich dann in der Stadt wieder so schnell verbrauche. Mein Vorschlag: Diese Sichtweisen und Trennungen einmal fallenlassen und schauen, wie viele Möglichkeiten doch in der Stadt selbst gegeben sind, Ruhe, Stille und vielleicht noch viel mehr zu finden.

Aber mussten Sie sich in der Stadt die Stille erst einmal „erobern“?

Ich musste nur die Fluchtbewegung aufgeben und dann sehen: die Stille ist auch in der Stadt zu finden, ja letztlich ist sie immer und überall da. Sie ist auch in den Geräuschen zu finden. Stille ist nicht zu erobern, sondern zu entdecken als eine Qualität, die alles durchdringt. Aber natürlich sind solche Entdeckungen an Hauptverkehrsstraßen zur Rushhour schwieriger als auf dem eigenen Balkon zu machen. Christian Herwartz, der in Berlin Straßenexerzitien leitet, erzählte von einer Frau, die die Erfahrung tiefer Stille am Kottbusser Tor machte, einem sehr lauten, belebten Ort in Berlin, vor dem sie sich zudem fürchtete, da er von vielen Drogenabhängigen und alkoholkranken Menschen bevölkert wird.
Ich finde es aber auch faszinierend, dass man die Stille auf dem Land meist als so wohltuend wahrnimmt, aber wenn man genau hinhorcht, ist es ja gar nicht still; es zirpt und schilpt, Vögel zwitschern, Frösche quaken, Kühe muhen, Trecker fahren, aber man empfindet das nicht als Lärm. Der Geräuschpegel kann im Städtischen mancherorts viel niedriger sein, aber da ist man viel schneller dabei, sich gestört zu fühlen. Und so kann man erkennen, wie viel unseres Erlebens vor allem von unseren Wertungen abhängt.

Wo haben Sie denn in Berlin, mitten in der Stadt, Ruhe und Stille gefunden?

Ruhe und Stille in einem eher vordergründigen Sinne habe ich in Berlin an vielen Orten gefunden: auf dem eigenen Balkon, auf Friedhöfen, in Parks, in Kirchen, in Meditationszentren, mit einem Boot auf dem Wannsee, früh morgens auf den Straßen … Aber ich habe auch schon Ruhe und Stille gefunden, als ich z. B. offenen Sinnes den Kudamm entlang gegangen bin, auch Ruhe und Stille in den vielfältigen Blickkontakten oder Begegnungen, die an solchen belebten Orten so einfach möglich sind.

Sie sprechen auch von urbaner Spiritualität. In den Bergen und den Wüsten bin ich allein. Ist urbane Spiritualität eine „Frömmigkeit“, die den anderen, die andere, wahr – nimmt? Eine Spiritualität des Antlitzes?

Ja, für eine urbane Spiritualität ist m. E. die Dimension der Verbundenheit sehr wichtig und damit ist sie sicherlich eine Spiritualität des Antlitzes. Ursula Baatz spricht davon, das Antlitz des Anderen wahrzunehmen und zu ehren; bei den Straßenexerzitien von Christian Herwartz kann ein Leitimpuls sein, im Anderen Gott zu finden. Ich nehme den anderen Menschen nicht mehr als jemanden wahr, der potenziell meine Ruhe und meine Kreise stört, mir fremd und suspekt ist, sondern schaue und handle aus einer Haltung der Verbundenheit heraus und das ermöglicht ganz neue faszinierende Begegnungen, in der U- oder S-Bahn, auf der Straße usw.

Es gibt „stille Abteile“ bei der Bahn. Wünschen Sie sich ähnliches, etwa „stille Cafés“ z.B. in denen von 4 bis 8 Ruhe herrscht?

Ich denke, dass Großstädte vielfältige „Räume der Stille“ brauchen. Das können „stille Cafés“ sein oder in Restaurants ein Raum, in dem in Stille gegessen werden kann. Oder geöffnete Kirchen; denn Kirchen erscheinen mir immer noch mit die machtvollsten Kraftorte der Stille zu sein. Und es gibt noch so viele Kirchen bei uns, doch sie sind viel zu selten geöffnet. Aber für mich sind auch „Räume der Stille“ am Potsdamer Platz z. B. denkbar in Räumlichkeiten, die von Hotels oder Daimler Benz oder der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellt werden, oder leer stehende Läden in Neukölln oder im Wedding, Räume, in denen man allein oder mit anderen für eine Weile in Stille sein kann. Da ließe sich vieles vorstellen. Ich würde gerne mit anderen an Konzepten und der Realisierung von Räumen der Stille arbeiten.

Wie geht es weiter mit dem Buch: Wünschen Sie sich, dass LeserInnen ihre Ruhe Momente in der Stadt mit Ihnen austauschen?

Ja, im letzten Teil meines Buches entwerfe ich eine Art Utopie, wie ich mir eine Stadt in einigen Aspekten wünsche (und da spielen die Räume der Stille eine große Rolle), und ich lade die LeserInnen ein, auch ihre Phantasie spielen zu lassen, um ihre Stadt oder ihr näheres städtisches Umfeld zu entwerfen. Und dann für sich zu schauen, was kann ich oder will ich persönlich tun, um diese Stadt Wirklichkeit werden zu lassen. Und über solche Ideen, Phantasien würde ich mich gerne austauschen, aber auch über die Qualität von Begegnungen aus einer Haltung der Verbundenheit heraus und natürlich auch über Ruhe-Momente in der Stadt, gern an ausgefallenen Orten. Im Moment bin ich noch dabei, einen blog zum Thema einzurichten als einer Möglichkeit des Austauschs. Das Thema einer urbanen Spiritualität hat mich wirklich gepackt. Im Prozess des Schreibens habe ich so viele neue interessante Erfahrungen machen können mit der Stadt, mit mir, mit meinen Mitmenschen, einfach dadurch, dass ich mir meiner gewohnten Sichtweisen, Trennungen und Wertungen über sie bewusster geworden bin und diese immer wieder auch habe loslassen können, und einfach neu geschaut und ganz viel spannendes entdeckt habe.
religionsphilosophischer-salon.de, publiziert am 12. 6. 2011
Ursula Richard und die Edition Steinrich: Arndtstr. 34, 10965 Berlin.
Das Buch “Stille in der Stadt” hat den Untertitel: Ein City – Guide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen, ca. 160 Seiten, Kösel verlag, August 2011.