Zum Geburtstag des Papstes: Ein prominenter spanischer Theologe wird verurteilt

Zum Geburtstag des Papstes: Ein prominenter spanischer Theologe wird verurteilt

Von Christian Modehn

Pünktlich zum 85. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. wird die Öffentlichkeit von der Verurteilung eines großen katholischen Theologen informiert: Wichtige Aussagen von Prof. Andrés Torres Queiruga, einem der bedeutendsten spanischen Theologen, werden gleichermaßen von der römischen Glaubensbehörde wie von der spanischen Bischofskonferenz verurteilt: Prof. Andrés Torres Queiruga (Jahrgang 1940) arbeitete an der Universität von Santiago de Compostela und ist Autor zahlreicher international verbreiteter Bücher sowie Mitglied des Direktionskomitees der führenden katholisch – theologischen Zeitschrift CONCILIUM.

Was werfen ihm Rom und die Bischöfe vor ? Andrés Torres Queiruga „negiert den Realismus der Auferstehung Jesu Christi als ein historisches wunderbares und transzendentes Ereignis. Außerdem leugnet er die Einzigkeit und die Universalität der für das Heil nötigen Vermittlung durch Christus und die Kirche“ (zit. nach der Tagezeitung El Mundo, 31. 3. 2012).

Einmal mehr wird deutlich, wie schwer sich die römische Kirche mit Neuinterpretationen der alten Glaubenslehren tut, wie schwer es Rom fällt, die Kultur der Moderne zu respektieren. Auch aus diesem Grund sind diese Ereignisse ein Thema des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons, der ja, wie die Freunde unseres Salons wissen, vor allem philosophisch interessiert ist und theologisch besonders gern die liberale Theologie dokumentiert und fördert, als einer Theologie, die der aufgeklärten Vernunft Raum gibt.

Die Herren der Kirche in Rom sind jedenfalls fixiert auf die griechische Sprach- und Denkwelt der Antike; bezeichnend ist die bekannte äußerste Hochschätzung des Papstes für den Heiligen Augustinus und andere „Kirchenväter“ der Spätantike. Weiterlesen ⇘

Kaspar, Melchior und Balthasar und andere „apokryphe“ Gestalten

Wie die Apokryphen wirken

Sehr viele Erzählungen der frühen Kirche, verbreitet in zahllosen unterschiedlichen Abschriften von Ägypten über Syrien bis nach Georgien, werden „Apokryphen“ genannt, ein Titel, der von der sich ausbildenden machtvollen Kirchenführung verwendet wurde, um fromme Erzählungen als „verborgene“ oder „geheime“ Lehren zu qualifizieren.

Wenn am Tag der Erscheinung des Herrn (6. Januar) die heiligen drei Könige auch mit den Namen Kaspar, Melchior und Balthasar gefeiert werden, dann greifen die orthodoxen und katholischen Kirchen auf einen apokryphen, also in der offiziellen Sicht eher minderwertigen Text zurück,  nämlich auf das „armenische Kindheitsevangelium“, das diese Namen der drei Weisen nennt.

Auch andere, wichtigere offizielle katholische Traditionen verdanken sich den apokryphen, also offiziell abgelehnten Schriften: Etwa die Namen der Eltern Marias, der Mutter Jesu: Anna und Joachim erwähnt das Neue Testament nicht, hingegen das „Protoevaneglium des Jakobus“.  Dieser in offizieller Sicht theologisch problematische Text wurde auch für die Formulierung des katholischen Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis  Marias (Maria also ohne Erbsünde -in Anna- empfangen) entscheidend.  Im „Protevangelium des Jakobus“ wird ausführlich davon berichtet. Auch der vor allem in der Bretagne immer noch lebendige Kult um die Heilige Anna nährt sich von apokryphen Traditionen. Weltweit sind in katholischen Kirchen die Darstellungen der heiligen Anna zusammen mit Maria und dem Jesuskind  zu finden, diese Darstellungen heißen „Anna selbdritt“. In der offiziellen website der protestantischen St. Jacobi in Lübeck findet sich der erhellende und sicher theologisch korrekte Hinweis:  „In St. Jakobi  in Lübeck ist die heilige Anna als Anna Selbdritt wiedergegeben. Das heißt: Sie hält auf ihren Armen (in anderen Darstellungen auch auf den Knien) in verkleinerter Ausführung einerseits Maria und andererseits das Jesuskind. Das ist die andere Dreieinigkeit, die weibliche Gegentrinität zu Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der Darstellung auf dem Jakobi-Pfeiler hält nun Anna rechts ein Buch, auf dem linken Arm trägt sie Maria, die wiederum Jesus auf dem Arm hält“.

Die Heiligenverehrung, etwa Anna selbdritt als apokryphe Figur, war und ist katholischerseits sehr willkommen, sie ist etwas „fürs Volk“, das nach solcher weiblichen Gottheit sucht;  daran hält man fest, auch wenn man da offenbar dogmatisch ziemlich ins Schleudern kommen könnte. Uns freut so viel dogmatische Freiheit im Katholizismus, endlich, wenigstens bei diesen Geschichten.

Schließlich ist auch die populäre Vorstellung von der Jungfrau Maria im biologischen Sinne der Jungfräulichkeit vom „Protoevangelium des Jakobus“  massiv unterstützt. Der Autor dieser sehr populären und in viele Sprachen übersetzten apokryphen Erzählung beschreibt sogar, wie eine Hebamme die biologische einwandfreie Jungfräulichkeit Marias NACH der Geburt Jesu feststellt.

Diese Zusammenhänge sind religionswissenschaftlich interessant, weil sie die tiefe Verbundenheit sogenannter orthodoxer bzw. katholischer Lehren mit volkstümlichen Texten zeigen, die als Apokryphen hoch feierlich abgelehnt werden. copyright: christian modehn berlin.

 

Die Götter müssen verschwinden. Warum die neuen Atheisten den Glauben fördern

Der folgende Text ist die ungekürzte Fassung eines Beitrags für den NDR (Kultur) am 30.10.2011, die Form entspricht der für Hörfunk – Produktionen üblichen Gestaltung.

NDR  Glaubenssachen

Die Götter müssen verschwinden

Warum die „neuen Atheisten“ den Glauben fördern

Von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

SPRECHERIN

1.SPR.:

In Europa und Amerika machen Missionare der besonderen Art von sich reden. Sie gehen nicht werbend von Tür zu Tür und sie stehen auch nicht mit ihren Druckschriften geduldig wartend auf der Straße. Kanzeln werden sie wohl niemals betreten. Sie werben im Internet, organisieren Konferenzen, treten in Talkshows auf. Aber wie alle Prediger haben sie ein festes Ziel vor Augen: Sie wollen bekehren. Dabei ist ihre Botschaft alles andere als religiös. Sie propagieren, wie sie sagen, eine „Alternative“ zu den bestehenden Religionen. Im „Manifest des evolutiven Humanismus“ heißt es:

2. SPR.:

Es geht um die Entlarvung des realen Unsinns, der sich hinter den religiösen Sinnstrukturen verbirgt. Wir gehen davon aus, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht, dass also weder Götter noch Geister noch Kobolde oder Dämonen in die Naturgesetze eingreifen.

1.SPR.:

Mit diesen Worten formuliert die religionskritische „Giordano Bruno Stiftung“ ihr Grunddogma: Die Natur mit ihren Gesetzen sei „die“ Wirklichkeit. Philosophen nennen diese Überzeugung „Naturalismus“. Das heißt: Auf die Naturgesetze kommt es entscheidend an. Deswegen können auch nur die Naturwissenschaften erklären, was die Welt „letztlich“ bedeutet. Weil sich Gott mit naturwissenschaftlich – empirischen Methoden nicht wahrnehmen lässt, gibt es ihn auch nicht. So einfach ist das. Wer auf der Höhe der Zeit leben will, sollte darum eine Art Bekehrung vollziehen und dem religiösen Glauben abschwören. Die Attacken gegen den Glauben sind heftig und radikal; sie treffen das Herz der Religionen:

2. SPR.:

Es ist unverzichtbar, dass wir die lebensfeindlichen, kindlichen Mythen über Bord werfen. Wer dabei auf verletzbare religiöse Gefühle Rücksicht nimmt, zementiert nur die weltanschauliche Borniertheit.

1. SPR.:

So formuliert Michael Schmidt – Salomon, der Vorstandssprecher die Überzeugung der religionskritischen „Giordano Bruno Stiftung“. Unentwegt, immer unterwegs, versucht der promovierte Erziehungswissenschaftler diese Botschaft zu verbreiten. Die „Giordano Bruno Stiftung“, im Jahr 2004 gegründet, versteht sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Inzwischen ist sie fest im kulturellen Leben verankert, nicht nur in Deutschland. Die Giordano Bruno Stiftung hat mehrere Regionalgruppen eingerichtet. Der internationale Förderkreis zählt mehr als 2000 Mitglieder aus 25 Ländern. Zum wissenschaftlichen Beirat gehören 54 zum Teil prominente Forscher und Universitätsprofessoren.

Die Zentrale der „Denkfabrik“ befindet sich in Mastershausen im Hunsrück, genauer gesagt auf dem Grundstück des Unternehmers Herbert Steffen. Nach seinem Austritt aus der katholischen Kirche stellt er schon seit vielen Jahren sein gesamtes Vermögen der Werbung für den Atheismus zur Verfügung. Seine Stiftung bezieht sich in ihrem Titel auf den Dominikaner Mönch Giordano Bruno. Er war zwar kein Atheist, dafür aber dachte er naturwissenschaftlich modern und, das ist wichtig: Er war ein unnachgiebiger Kritiker des kirchlichen Glaubens. Deswegen wurde er im Jahr 1600  auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von dieser Leidenschaft für die kirchenkritische Vernunft ist der Vorstandssprechers Schmidt Salomon erfasst:

2. SPR.:

Heute kommt es vor allem auf Eines an: Kämpferischen Einsatz und öffentlich Farbe zu bekennen.  Gefordert ist eine globale Konversion, also Bekehrung, von der religiösen Überheblichkeit zum schlichten Menschsein.

1. SPR:

Bis vor etwa 10 Jahren war der dezidierte Atheismus in Deutschland eher in kleinen philosophischen Zirkeln beheimatet. Wenn sich Philosophieprofessoren wie Herbert Schnädelbach und Hans Blumenberg zum Atheismus bekannten, dann waren ihre Stellungnahmen differenzierte, sachlich abwägende Essays über den Unglauben, ohne jeden propagandistischen Ton.

Nun aber gibt es einen neuen Trend: Die Zahl der erklärten Atheisten nimmt weltweit zu, 700 Millionen sind es weltweit. Sie beziehen ihre Kraft vor allem aus dem Kampf gegen die Glaubenseiferer von der anderen Seite: den radikal Frommen, den islamistischen und christlich – evangelikalen Kreisen mit ihren fundamentalistischen Überzeugungen. Diese interpretieren ihre heiligen Texte im wortwörtlichen Verständnis. Ultra – konservative Christen in den USA glauben daran,  dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Sie fordern auch, dass dieser Glauben in den Schulen gelehrt wird. Wie in einem dialektischen Gegenschlag starten nun die neuen Atheisten ihre Propaganda.  Mit besonderer polemischer Schärfe wirbt der englische Biologe Richard Dawkins für den Atheismus. Sein Buch „Der Gotteswahn“  kam vor 5 Jahren auf den Markt, es wurde weltweit mehr als 3 Millionen Exemplaren mal verkauft, allein 300.000 in Deutschland. Dawkins formuliert sein Credo kurz und bündig:

2. SPR.:

Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.

1. SPR.:

Diese Behauptung wird  von den amerikanischen Philosophen Sam Harris und Daniel Dennett – wiederum in Bestsellern – unterstützt. In Italien wettert der Mathematiker Professor Pieregiorgio Odifreddi gegen das Christentum. Er hält den religiösen Glauben für eine Form des Schwachsinns, der nur geistigen Zwergen zusteht. In Frankreich polemisiert der Philosoph Michel Onfray in zahlreichen Büchern gegen die Religionen. Auch Onfray steht dem so genannten „Meister Atheisten Richard Dawkins“ nahe. Im „Humanistischen Verband Deutschlands“, der Vertretung konfessionsfreier Menschen in Deutschland, grenzt man sich von diesen polemisch auftretenden Herren ab. Man spricht dort von „Krawall – Atheisten“.  Andere, weltweit geachtete Philosophen hingegen, wie Peter Sloterdijk, haben sich von der neuen atheistischen Welle distanziert:

2. SPR.:

Für mich ist Dawkins Buch ein Ausdruck von Seichtheit, deswegen lege ich es beiseite. Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen,. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können.

1. SPR.:

Die am Potsdamer „Einstein Forum“ lehrende Philosophin Susan Neiman  verteidigt ausdrücklich die Überzeugungen religiöser Menschen:

SPRECHERIN:

Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.

1. SPR.:

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der sich ausdrücklich atheistisch nennende Philosoph Joachim Kahl aus Marburg. Er wirft dem von Dawkins inspirierten Buch „Manifest des evolutionären Humanismus“ gedankliche Dürftigkeit vor.

2. SPR.:

Dieser bilderstürmerische Atheismus ergeht sich in einer eifernden Antithese zur Religion, und er erschöpft sich darin. Die ganze Welt soll als „religionsfreie Zone“ erlöst werden, wo nur die wahre Lehre der vermeintlich Aufgeklärten gelten soll. Dawkins hat von den Ambivalenzen der Religion keine Ahnung, sie hat menschenverachtende und menschenfreundliche Züge, sie enthält Sinn und Unsinn, Vernunft und Unvernunft.

1. SPR.:

Die christlichen Kirchen, vor allem die Theologen, können und wollen die Thesen der neuen Atheisten nicht einfach ignorieren. Denn deren einprägsamen Sprüche und griffigen Formeln prägen das Bewusstsein vieler Menschen. Es ist vielfach chic, sich als Atheist zu outen; in manchen großstädtischen Milieus ist man sich des Beifalls sicher.

Viele Theologen wollen ohne Polemik und seriös argumentierend auf die Herausforderung der „neuen Atheisten“  reagieren.  Sie sind überzeugt: Trotz aller Polemik weisen die atheistischen Eiferer auf Schwachstellen der christlichen Lehre hin. Ein Beispiel für die beginnende Auseinandersetzung ist die Internationale Zeitschrift für Theologie CONCILIUM. Sie hat vor einem Jahr in einem Heft vierzehn Autoren aus verschiedenen Kirchen zu Wort kommen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem „Neuer Atheismus“ sei zumindest in den USA en vogue, meint Philip Clayton, protestantischer Theologe aus Kalifornien:

2. SPR.:

Die Zahl der aktuellen Bücher, die die Argumente der neuen Atheisten erschüttern, ist inzwischen Legion.

1. SPR.:

Theologen und Philosophen leisten zunächst elementare Aufklärungsarbeit: Und die beginnt damit, an die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung zu erinnern. Darin sind sich die Autoren der Zeitschrift Concilium einig:

2. SPR.:

Naturwissenschaft hat nichts mit Gott zu tun. Sie kann mit ihren Methoden Gott nicht erreichen und auch Gott nicht erkennen. Deswegen lässt sich naturwissenschaftlich weder der Theismus noch der Atheismus beweisen. Naturwissenschaft fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, sie kann von daher keine Antwort geben auf religiöse oder metaphysische Fragen. Der Versuch, den Atheismus, naturwissenschaftlich zu begründen, muss scheitern. Auch der Atheismus ist eine Glaubenshaltung mit dem Bekenntnis: Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott.

1.SPR.:

Atheismus wie Theismus haben also eins gemeinsam: Sie sind Glaubenshaltungen und naturwissenschaftlich nicht begründbar. Auf dieser Basis können Philosophen und Theologen die neuen Atheisten ernst nehmen. Sie können sogar dankbar sein, dass die neue Bewegung der Ungläubigen für die nötige Unruhe der Selbstkritik in den Kreisen der Gläubigen sorgt, wie der protestantische Philosoph Paul Ricoeur betont:

2. SPR.:

Der Atheismus ist der Boden für einen neuen Glauben, für einen Glauben des nachreligiösen Zeitalters.

1. SPR.:

Dawkins und seine Mitstreiter haben eindringlich gezeigt, dass es populäre und manchmal infantile Vorstellungen unter den Gläubigen gibt. Theologen können dies nicht gutheißen und müssen sich dagegen wehren. So wird es zur dringenden Aufgabe, zeitgemäß und in der Sprache von heute die wichtigen Grundlagen der christlichen Religion zu erläutern, meint der Theologe Philip Clayton:

2. SPR.:

Ich sage nicht, dass alle theologischen Aussagen über Gott überflüssig geworden sind. Doch die traditionellen Kategorien und Begriffe, mit denen Gott beschrieben wurde, verlieren an Halt. Darum müssen neue Formulierungen gefunden werden.

1. SPR.:

Der amerikanische Theologe Clayton weist etwa den traditionsreichen Begriff „übernatürlich“ zurück. Früher war er selbstverständlich, die besondere, die himmlische, also nicht – irdische  Existenzform Gottes mit dem Wort übernatürlich zu beschreiben:

2. SPR.:

Aber diese Trennung von natürlich und übernatürlich, von weltlich und göttlich, ist theologisch gesehen ein komplettes Desaster. Gott wird in weite Ferne gerückt, ein solcher ferner himmlischer Gott kann die Welt nur durch sein Eingreifen in die Natur beeinflussen, indem er z.B. in Wundern die Naturgesetzte durchbricht. Aber für diese Eingriffe Gottes gibt es im modernen Bewusstsein keinen Platz mehr.

1. SPR.:

Ähnliche Probleme gibt es, wenn die Frommen ihren Gott als eine Person ansprechen, und dabei so tun, als wäre Gott sozusagen der gute Kumpel von nebenan, eine Person wie wir. Theologen revidieren darum missverständlich personale Beschreibungen Gottes. Sie werden vorsichtiger in der allzu menschlich gefärbten Anrede Gottes und nennen Gott nicht mehr so selbstverständlich wie in Kirchenliedern gerecht und gütig, barmherzig und strafend. Wie kann ein gerechter Gott auch gütig sein, und ein barmherziger Gott auch strafend? Es macht sich heute eine neue Scheu bemerkbar, von dem Unbedingten, dem Absoluten und dem ewigen göttlichen Geist allzu menschlich zu sprechen. Theologen bekennen, wie leichtfertig sie von Gott bisher gesprochen haben. Der Protestant Paul Tillich warnte schon vor 50 Jahren, dass der allzu vertraute und allzu bekannte Gott zu einem Götzen wird, einem Objekt, das in die Verfügbarkeit der Menschen gerät. An diese Warnung halten sich heutige Theologen. Sie nehmen Gott als das Unendliche wahr, als das Geheimnis, das wir nicht umfassen und deswegen auch nicht definieren können. Wir können es im Denken lediglich „berühren“, ahnend ertasten. Darin beziehen sich die Theologen auf die Einsichten des Mystikers Meister Eckart oder die Erkenntnisse des Philosophen Karl Jaspers:

2. SPR.:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Geheimnis erfahren wir als Grenze unserer Vernunft, aber wir nehmen es in das Licht unserer Vernunft auf“.

1.SPR::

Die Berliner Philosophin Petra von Morstein führt Jaspers Gedanken weiter:

Sprecherin

Das Göttliche entzieht sich unserer objektiven Erkenntnis. Aber doch erleben wir etwas über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus. Wir wollen das artikulieren. Aber wie tun wir das? Natürlich auch in Begriffen. Aber wir drücken diese Erfahrung symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre „Gott der Vater“ ein Symbol, aber es ist nicht wörtlich zu nehmen.

1. SPR.:

Vor allem über das Beten und Bitten muss angesichts eines „reiferen“ Gottesbild neu nachgedacht werden. Kann Gott, der das alles gründende, das ewige Geheimnis ist, unsere egoistischen Wünsche erhören und befriedigen?  Der spanische Theologieprofessor Andrés Torres Queiruga fragt in der Zeitschrift Concilium:
2. SPR.:

Schon der Kirchenlehrer Augustinus und der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrten, dass wir im Gebet nicht etwa bitten sollen, um Gott zu unseren Gunsten zu verändern und umzustimmen, sondern vielmehr sollen wir beten und bitten, dass wir selbst uns ändern. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat diesen Gedanken weitergeführt: Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden. Wenn wir beten: Gottes Reich möge kommen, dann wollen wir dieses Reich des Friedens nicht herbeizwingen. Dann bestärken wir lediglich unsere eigene Sehnsucht nach diesem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.

1. SPR.:

Im Gebet wollen sich die Betenden also selbst ändern, ihr Denken und ihr Verhalten. So gesehen führt die theologische Auseinandersetzung mit den neuen Atheisten zur Überprüfung bisheriger kirchlicher Überzeugungen. Etliche Beobachter haben den Eindruck, als seien die neuen Atheisten –trotz ihrer Polemik – provozierende, prophetische Stimmen. Für diese von außen, aus der kritischen Distanz, formulierte Kritik kennt die kirchliche Tradition den Begriff der „Fremdprophetie“: Sie sollte ernst genommen werden, weil sie auf „wunde Punkte“ der traditionellen Lehre hinweist.

So macht sich angesichts der Provokationen der „neuen Atheisten“ eine neue theologische Bescheidenheit breit. Diese Haltung wird nachdrücklich unterstützt von Christen, die im ständigen Austausch mit Atheisten, Agnostikern und Skeptikern stehen, z.B. von dem katholischen Priester Tomas Halik. Er leitet in Prag die „Christliche Akademie“ und arbeitet als Professor für Soziologie an der Karls Universität. Sein besonderes Interesse gilt der Studentengemeinde, in der ausdrücklich atheistische und skeptische Menschen willkommen sind. Wenn Tomas Halik von Gott spricht, dann nie in der Position des Wissenden, schon gar nicht des „Besserwissenden“. Seine theologisch – spirituellen Überzeugungen hat er kürzlich in seinem Buch „Geduld mit Gott“ veröffentlicht. Darin heißt es:

2. SPR.:

Auch Glaubende erfahren, dass Gott mehr abwesend als greifbar nahe ist. Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses. Der suchende Glaube kann im schmerzlichen, leidenschaftlichen, protestierenden Atheismus seinen Bruder erkennen. Auch wir Christen bleiben manchmal im Schmerz unbeantworteter Fragen vor dem Geheimnis des Bösen stehen. Auch unser Glaube erlaubt uns nicht, im Frieden endgültiger Antworten zu ruhen, sollte die Antwort der billige Trost des ‚religiösen Opiums‘ oder das stoische Akzeptieren der Sinnlosigkeit der Welt sein. Diesen Atheismus – den leidenschaftlichen Protest-Atheismus – können Christen nicht anders „besiegen, als dass wir ihn umarmen.

1. SPR.:

Diese „Umarmung“ von Glaubenden und Nichtglaubenden hat nur Sinn, wenn sie sich über alle Debatten hinaus auch gemeinsamen Aufgabe zuwenden: Und entdecken, dass sie z.B. vereint für die Menschenrechte eintreten können, für den Schutz der Umwelt, die Überwindung der Armut. In diesem Sinne haben sich z.B. in Frankreich Gruppen gebildet, in denen Glaubende und Nichtglaube alle ideologischen Differenzen hinter sich lassen. Dieses gemeinsame Engagement ist für den atheistischen Philosophen und Publizisten André Comte Sponville aus Paris genauso dringlich wie die religiösen Debatten:

2.SPR.:

Für mich geht die Grenze nicht zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Sie verläuft vielmehr zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite sind die dogmatischen, die fanatischen Geister, die gibt es unter Glaubenden wie Nichtglaubenden. Wir kämpfen gegen die Fanatiker und gegen die Nihilisten. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen den anderen, Glaubenden wie Nichtglaubenden,  ein Bündnis vorschlagen: Wir sollen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen, vor allem die Menschenrechte.

1. SPR.:

Ob es zu einer praktischen Zusammenarbeit von Christen und Mitgliedern der Giordano Bruno Stiftung kommen wird, ist offen. Auszuschließen sind Formen der praktischen Kooperation allerdings nicht, zumal Theisten wie Atheisten entdecken: Es gibt längst die neuen Götter oder besser: die Götzen, die da heißen: Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Herrschaft der Reichen. Diesen Göttern opfern sich die meisten Menschen auf. Der Dichter Christoph Hein hat sich mit diesen neuen Göttern auseinandergesetzt, er hat kürzlich erklärt:

2. SPR.:

Alle Regierungen haben entschieden, es sei wichtiger das Kapital zu schützen als das Klima, deswegen sie kümmern sich verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken.

1. SPR.:

Darüber hinaus ist es auffällig, dass die Atheisten aus dem Umfeld der Giordano Bruno Stiftung nun differenzierter über die Kirchen denken. Haben sie die von den theologischen Repliken gelernt? So wird endlich zugegeben, dass es vernünftig argumentierende Christen gibt. Noch wichtiger ist, dass die neuen Atheisten in ihren neuesten Publikationen anerkennen:

2. SPR.:

Es gibt einen „poetischen Überschuss des Lebens“.

1.SPR.:

Und der zeigt sich, wenn Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen, dann werde die Alltagswelt überschritten zugunsten dieses poetischen Überschusses In der Kunst findet er seinen Ausdruck. Beschreibt dieser poetische Überschuss eine Art Transzendenzerfahrung? Wird die Kunst zur Plattform für Gespräche zwischen Christen und Atheisten? Vielleicht könnte die Einsicht Goethes hilfreich sein:

2. SPR.:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.

 

copyright: christian modehn, berlin.

 

 

Papst im Bundestag: Er beruft sich auf einen Historiker, dessen Bücher im Verlag der Piusbrüder verkauft werden

Hielt der Papst eine Rede im Bundestag im Geist der Piusbrüder?
Wir haben schon die Rede des Papstes im Bundestag aktuell analysiert, dazu gibt es einen eigenen Beitrag auf dieser Website. Interessanterweise wurde die Rede, wenn sie vollständig abgedruckt wurde, wie in der FAZ, ohne die Fußnoten dokumentiert. Das ist äußerst bedauerlich, denn Papst Benedikt verweist unter insgesamt 5 Fußnoten gleich 3 mal auf ein Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein, „Ins Herz geschrieben“, das ursprünglich im katholischen St. Ulrich Verlag, Augsburg, erschienen ist. Dort werden katholische Kirchenzeitungen verlegt, etwa auch für das Erzbistum Berlin. Dieses Buch von Waldstein wird aber ohne weiteres auch vom Verlag der traditionalistischen Piusbrüder Deutschlands (Sarto Verlag) vertrieben, dort kann u.a. alle Schriften des Gründers, Marcel Lefèbvre kaufen. Diese Information wurde am 25.9. um 14 Uhr auf der Sarto Website gelesen. Die Piusbrüder vertreiben selbstverständlich nur Bücher, die voll und ganz der eigenen Ideologie entsprechen. Das Buch von Wolfgang Waldstein entspricht offenbar dieser Ideologie. Hat der Papst also im Bundestag zumindest indirekt Positionen der Piusbrüder vertreten, die ja bekanntermaßen keine sehr großen Freunde der westlichen liberalen Demokratie sind? Es ist für den Papst äußerst blamabel, dass sein 3 mal zitierter Gewährsmann Wolfgang Waldstein ein enger Freud aus dem politisch sehr rechtslastigen kreuz.net ist, dort wird er 14 mal positiv erwähnt (gelesen am 25.9. um 14.30 Uhr), kreuz.net so meinen viele Beobachter, gilt als eine der übelsten polemischen Presseorgane. Es ist ein bißchen problematisch, dass der Papst sich in seiner Bundestagsrede auf einen kreuz.net Freund beruft.
copyright: christian modehn.

Gegen die Räuberbanden. Zur Rede des Papstes im Bundestag. Seine Hauptquelle wird vom Verlag der Piusbrüder vertrieben

Gegen die „Räuberbanden“. Zur Rede des Papstes im Bundestag. Mit einer theologischen Nähe zu den Piusbrüdern.

Zu weiteren Beiträgen: Zu einem Buch Marco Politis klicken Sie hier.

Zur nahezu idolatrischen Verehrung Benedikt XVI. in Mexiko klicken Sie hier.

Zur Rede Benedikt XVI. im Bundestag klicken Sie hier.

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In seiner Rede im Bundestag kritisiert der Papst erneut die Demokratie und beruft sich auf einen Freund der alten lateinischen Messe , der dem Opus Dei nahe steht: Wolfgang Waldstein. Auf dessen Bücher bezieht sich Benedikt XVI. mehrfach, sie werden im Verlag der traditionalistischen Piusbrüder „Sarto“ angeboten und verkauft.

Der Papst hat in seiner Rede im Bundestag (am 22.9.2011) seinen neuen Gegner im modernen Europa benannt: Den (Rechts) Positivismus, also die Überzeugung, dass die Gesetze von Menschen in einer bestimmten Zeit nach entsprechenden Diskussionen „gemacht“ werden, also in gewisser Weise relativ sind: Damit rückt der Papst den Positivismus in enge Nähe zu seinem schon seit längeren bekannten polemischen Begriff der „Diktatur des Relativismus“, von der Benedikt XVI. z.B. kurz vor seiner Wahl zum Papst im Jahr 2005 ausdrücklich sprach.
Nun gilt es also für den Papst, die Herrschaft des Rechtspositivismus zu überwinden, indem er die deutschen Parlamentarier (und von da aus die ganze Welt) über die Grundlagen des Rechts belehrt. Dabei ist der focus der Papstrede: Das positive, demokratisch erarbeitete Recht sei einer höheren Rechts – Instanz, dem (klassischen griechisch- römischen Naturrecht) zu unterstellen.
Einleitend weist er auf seine Kompetenz in dieser Frage hin: Der Papst sieht sich als „Heiliger Stuhl“, d.h. als herausgehobener Bischof von Rom, der nach traditioneller katholischer Lehre die Staaten und Politiker belehren darf; im Bundestag nannte er das seine „internationalen Verantwortung“. Als dieser traditionelle Lehrmeister (= Heiliger Stuhl) will er, so wörtlich, „Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaates vorlegen“.
Er erinnert daran, dass Staaten Gesetze schaffen können, die inhuman sind. Daran zweifelt niemand. Aber kann man die moderne positive Rechtsordnung mit dem Beispiel einer Diktatur relativieren, wenn nicht zur Seite schieben, wenn man, wie der Papst, auf das Ermächtigungsgesetz der Nazis (1933) anspielt? Weil hier Gesetzgebungsgewalt auf die Exekutive übertragen wurde. „Das beliebte Argument, das Ermächtigungsgesetz von 1933 belege die notwendige Selbstgefährdung einer jeden Demokratie, ist über die immanenten Stabilisierungsbedingungen von Demokratie so wenig aufgeklärt, dass es wider besserer Absicht antidemokratische Traditionen vertritt“, so die Philosophin Ingeborg Maus in „Enzyklopädie Philosophie, Meiner Verlag, Hamburg 2010, Band 2, Seite 1746). D.h. Der Papst rechnet nicht mit internen Stabilisierungsformen der Demokratie, er hält Demokratien a priori für schwach und fixiert sich auf das Abgleiten in Diktaturen. Dieses Abgleiten wiederum hat tatsächlich aber sehr viele komplexe Ursachen, sicher nicht bloß die vermeintliche Schwäche des demokratischen positiven Rechts.

Benedikt XVI. jedenfalls ist über die „immanenten Stabilisierungsbedingungen der Demokratie nicht gut informiert und schließt kurz: Überall, wo keine Naturrechte herrschen, so zitiert er seinen Lieblingstheologen Augustinus aus dem 4. Jahrhundert, werden Staaten zu „Räuberbanden“.
Wie kann ein „wahrer Staat“ entstehen, der niemals zur Räuberbande wird? Benedikt lässt keinen Zweifel daran: Nur in der Hochschätzung des Naturrechts, also einer philosophischen Lehre, seiner Meinung von der Stoa aus dem 2. Jahrhundert vor Christus gegründet. Diese „klassische“ Naturrechtslehre erkennt „das“ Wesen „des“ Menschen.
Es ist keine Frage, dass Demokratien heute den Wert der Menschenwürde respektieren und auch in ihre Verfassungen eingetragen haben.
Das weiß auch der Papst.
Aber er will mehr: Er sieht die Menschenrechte, also die moderne Form des Naturrechts, in der Bindung an den Schöpfergott begründet. Er behauptet, der Glaube an den biblischen Weltenschöpfer, sei der Hauptmotor gewesen in der Formulierung und Durchsetzung der Menschenrechte. Das ist historisch schlichtweg falsch, das weiß jeder (Historiker). Die Französische Menschenrechtserklärung von 1789 wurde aus philosophischen Überlegungen gegen die Kirchenhierarchie durchgesetzt. Die Päpste waren bis 1960 immer heftigste und deutliche Feinde der Menschenrechte. Sie wussten nicht, wie einer ihrer Nachfolger, dass die Menschenrechte vom Schöpfergott her stammen. Dann hätten sie diese ja verteidigt. Nebenbei: Bis heute hat der Vatikan nicht die Menschenrechtserklärung der UN anerkannt, aus formalen Gründen heißt es, aber offenbar will man diese formalen Hindernisse nicht überwinden. Das etwas großspurige Eintreten für Menschenrechte/Naturrechte aus päpstlichem Mund ist also heute höchst zwiespältig, manche nennen es verlogen.
Aber ein Einwand ist noch wichtiger: Indem Benedikt XVI. den Glauben an den Schöpfer – Gott zur Voraussetzung einer „wahren“ Rechtsordnung macht, will er unterschwellig die Hörer darauf vorbereiten: Der wahre Interpret der wahren Rechtsordnung bin ich, also der heilige Stuhl. Fragt bitte mich und meine Nuntien, was recht und gut ist, wenn ihr positive Gesetze macht, also etwa die Homo –Ehe einführt. Das hat der Papst so deutlich explizit in Berlin nicht gesagt, dazu ist er zu diplomatisch. Aber es ist als das Ungesagte eindeutig hörbar für alle, die die katholische Theologie kennen. In dieser Kritik am positiven Recht und der Behauptung, als Papst Spezialist fürs Naturrecht zu sein, äußert sich ein Machtanspruch eines religiösen Führers.
Bezeichnenderweise fragt der Papst in seiner Rede auch, ob das demokratische Mehrheitsprinzip ausreicht. Er glaubt nicht, dass es ausreicht! Was will er dagegen setzen? Die Antwort bleibt verschwommen, er will offenbar nur Zweifel wecken am demokratischen Mehrheitsprinzip, siehe oben das Zitat der Philosophin Ingeborg Maus. .
Der Papst erinnert an -einen im übrigen gar nicht so dogmatisch orthodoxen Kirchenvater- Origines aus dem 3. Jahrhundert: Er rief zum Widerstand auf gegen die damalige unmenschliche Politik; ruft Benedikt indirekt zum Widerstand auf gegen die demokratische „positivistische“ Kultur auf mit ihren Mehrheitsentscheidungen? Sollen also die „Besten“ herrschen, vielleicht nur die Minister, die Wenigen, die Klugen, die Philosophen? Über diese Demokratie Kritik des Papstes in Berlin wird noch lange nachzudenken sein.

Auffallend ist, dass der Papst auch in der auf die moderne Demokratie bezogenen Rede mit Vorliebe Theologen und Philosophen aus dem 3 und 4. Jahrhundert zitiert.
Diese Bezogenheit auf vordemokratische Denker mutet sehr befremdlich, manche sagen ein wenig senil an.
Und auffällig ist, dass er in der mir vorliegenden Redefassung (kath. Net, 22. 9. Um 21 Uhr) den großen demokratischen (!) und international respektierten Rechtsgelehrten Hans Kelsen (er stammte aus einer jüdischen Familie, geb. 1881 in Prag, später von Bürgermeister Konrad Adenauer als Prof. nach Köln berufen, emigriert, gestorben 1973 in Berkeley) nicht mit dem Vornamen nennt.
Viel wichtiger ist, dass der Papst nicht etwa aus einem Werk Hans Kelsens selbst zitiert, dessen Erkenntnisse er ablehnt, sondern sich ganz auf ein Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein, geb. 1928, stützt und aus diesem zitiert. Wolfgang Waldstein war als traditionalistischer Katholik auch Professor an der päpstlichen Lateran Universität, er hat Aktionen „zum Erhalt der alten Tridentinischen Messe“ aus dem 16. Jahrhundert (dafür sind auch die Piusbrüder) gestartet: Er behauptete im Jahr 2000, die katholischen Bischöfe in Deutschland würden „eine Messe einführen, die nicht mehr katholisch sei“ . Darauf folgte dann die damals sehr heftig diskutierte Großanzeige in der FAZ gegen die deutschen Bischöfe. Peter Hertel weist in seinem Buch „Glaubenswächter“, S. 149, darauf hin, dass Graf Wolfgang Waldstein „in korporativen Vereinigungen des Opus Dei sprach“. Waldstein ist Mitglied der äußerst konservativen päpstlichen „Akademie für das Leben“ in Rom; er ist in der sehr konservativen theologischen „Gustav Siewerth Akademie“ tätig: Sie wurde z.B. von dem reaktionären Bischof und Papstfreund Kurt Krenn gemeinsam mit dem pädophilen Ordensgründer Marcial Maciel (Legionäre Christi) eingeweiht. Waldstein ist u.a. durch ein Interview mit dem Titel „Die Fristenregelung ist verfassungswidrig“ hervorgetreten.
Es ist hoch interessant, dass in der Papstrede im Bundestag Wolfgang Waldstein sozusagen als Inspirator und wissenschaftlicher Beleg verwendet wird, das beweisen auch die 3 Fußnoten im gedruckten Rede Text des Papstes.
Es ist keine Frage: Der Papst bezieht sich ganz offen in seiner Rede auf Argumente eines Rechtshistorikers (Wolfgang Waldstein, em. Prof. in Salzburg), der am sehr rechten Rand des römischen Katholizismus angesiedelt ist und mit dem Opus Dei offen sympathisiert. Diese ganz deutliche Verbindung zu einem rechtslastigen Denkmilieu verträgt sich offenbar gut mit Benedikts Lieblingen Augustinus und Origines, 4. Jahrhundert.

Was war also die Rede des Papstes im Bundestag? Bedenkenswert? Das ist sicher. Aber nicht so, wie einige nicht sonderlich informierte Journalisten sagten, die das Ganze für einen (bloß feuilletonistisch erhebenden und harmlosen bzw. für Nichtphilosophen ) sehr schwierigen Vortrag eines Gelehrten halten. Diese Rede des Papstes war – trotz aller bekundeten Sympathien für ökologische Bewegungen – nicht gerade hilfreich für die Demokratie. Dass er die Ökologie lobt, hängt, nebenbei gesagt, nur mit seiner Vorliebe für die Naturrechte zusammen, die er im Zusammenhang seines Ökologie Lobes offenbar tatsächlich als kosmische (Pflanzen/Tiere/Menschen) Natur versteht und damit den Vernunftbegriff im Naturrechtsbegriff sehr naturhaft – material deutet, auch das ist philosophisch hoch problematisch … und überholt. Beinahe esoterisch mutet der Satz des Papstes an, „wir sollten den Weisungen der Natur folgen“. Seit wann hat die Natur (Pflanzen, Tiere, Steine usw.) ALS Natur Weisungen zu geben? Weisungen kann vernünftigerweise nur die Vernunft geben!
Dass es weltweit um den Schutz der Grundrechte geht, wissen inzwischen alle. Wenn sich der Papst als Hüter der Grundrechte empfiehlt, wird es aus bekannten Gründen problematisch. Sie gelten ja in seinem eigenen „Heiligen Stuhl“ und im Vatikan nicht. Der Vatikan kennt keine Gewaltenteilung, der Papst ist dort absoluter Monarch.

So war diese Rede in Berlin von vorgestern. Aber das soll ja wohl sein. Am wichtigsten bleibt die Erkenntnis: Aktuelle Inspirationen zu aktuellen politischen Fragen holte sich der Papst (von den Theologen des 4. Jahrhunderts abgesehen) aus einem Buch eines traditionalistischen Opus Dei Freundes: Wolfgang Waldstein, „Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft“ (Augsburg, St. Ulrich Verlag, 2010)

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Für den Relativismus. Ein Widerspruch gegen Benedikt XVI.

Der Papst nennt den Relativismus eine Dikatur. Eine Entgegnung

Benedikt XVI. wird, wenn er sich selbst treu bleiben will und nicht bloß diplomatische Floskeln verbreitet, im Berliner Bundestag wie sonst auch überall die Ehe von Mann und Frau als einzige Lebensform verteidigen. Sein Kampf gilt dabei der von ihm so genannten „Diktatur des moralischen Relativismus“. Darauf weist der Publizist und Buchautor Alan Posener hin: „Ich bin der Meinung, dass der Papst nicht einfach ein alter Mann mit gestrigen Ideen ist, sondern auch jemand, der eine geschlossene Weltanschauung hat. Er kritisiert unsere demokratische Gesellschaft als Diktatur des Relativismus. Und ich sage, diesen Relativismus wollen wir uns bewahren. Was wäre Gegenstück, das wäre die Diktatur der Wahrheit. Diese Diktatur lässt keine Opposition zu.
Der Papst repräsentiert eine Weltmacht. Wenn man nach Afrika schaut, etwa Angola, dort sind die meisten katholisch, und die richten sich meist nach den moralischen Geboten der Kirche, etwa im Verbot der Kondome. Deswegen darf man nicht sagen, was hat der Papst schon zu sagen. Man muss sehen, was er weltweit immer noch zu sagen hat.
Wenn er also unsere Gesellschaft als Diktatur des Relativismus kritisiert, dann kritisiert er unsere Gesetzgebung in Sachen Abtreibung, in Sachen Homo Ehe usw. Und wenn er solches und anderes sagt, dann darf im Bundestag kein Abgeordneter widersprechen, weil es sich um ein Staatsoberhaupt handelt, dem man nicht widersprechen darf. Das finde ich problematisch“.
Dieser Einsicht schließt sich der Philosoph, Medienwissenschaftler und Autor Umberto Eco an. Er schreibt in der Berliner Zeitung vom 19.9.2011, Seite 10:
„Die Polemiken Benedikt XVI. gegen den so genannten Relativismus sind, wie ich finde, einfach nur sehr grob. Nicht mal ein Grundschullehrer würde es so formulieren wie er. Seine (d.h. Benedikts) philosophische Ausbildung ist sehr schwach. Man könnte also sagen, ich betrachte Papst Benedikt als guten Kollegen. Frage: Sie lachen. Aber Sie haben Benedikt scharf für seine These kritisiert, der Atheismus sei für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit verantwortlich. Antwort von Eco: Das zielte genau auf den Kampf gegen den Relativismus ab. Geben Sie mir sechs Monate, dann organisiere ich Ihnen ein Seminar zum Thema Relativismus. Und Sie können sicher sein: Am Ende werde ich Ihnen mindestens 20 verschiedene philosophische Positionen vorlegen. Sie alle in einen Topf zu werfen, wie Papst Benedikt das macht, als gäbe es eine einheitliche Meinung dazu, das finde ich schlichtweg naiv„.