„Kirchensteuer muss gezahlt werden“ – Wie die Katholische Kirche in Deutschland auf das Niveau eines Vereins abrutscht

Katholische Kirche in Deutschland auf dem Niveau eines Vereins?

Fragen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ zur aktuellen Debatte am 21.9.2012

Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 20.9.2012 verfügt: Wer seine Kirchensteuer nicht zahlen will, kann nicht mehr Mitglied der Katholischen Kirche in Deutschland sein, d.h. sogar: Er/sie kann kein(e) Katholik(in) mehr sein, obwohl in fast allen anderen Ländern dieser Welt die Mitgliedschaft in der katholischen Religionsgemeinschaft nicht gebunden ist an die vom Staat eingezogene Kirchensteuer oder überhaupt an feste regelmäßige Beitragszahlungen. Oder hat man etwas von verpflichtenden Beitragszahlungen auf den Philippinen, in Kolumbien, in der Demokratischen Republik Kongo oder in Mexiko gehört? Den viel gerühmten katholischen „Stammländern“?

Noch einmal: Selbst wenn ein Katholik ausdrücklich bekennt, er sei nach wie vor ein gläubiger Katholik, habe aber seine eigenen Ansichten, wie er die persönlich hoch geschätzte Glaubensgemeinschaft finanziell unterstützen wolle, der wird von den so genannten Oberhirten ausgeschlossen. Das Wort exkommuniziert bietet sich von selbst an.

Damit rückt die katholische Kirche in Deutschland durch den Beschluss der Bischofskonferenz auf das Niveau eines von vielen Vereinen: Etwa:Du kannst ein noch so großer Liebhaber von Schäferhunden sein; wenn du nicht deinen Beitrag zahlst als Mitglied des „Vereins Freunde der Schäferhunde“ dann darfst du – in der Sicht der Vereinschefs – auch kein Schäferhund – Liebhaber mehr sein. Du darfst dich nicht mehr Schäferhundliebhaber nennen.

Ein Gedanke drängt sich einigen Freunden und Mitgliedern des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons auf:

Die Bischöfe wollen unbedingt das Geld, so viel wie möglich. Es ist ihnen dabei egal, ob ein zahlendes Mitglied sich seinen persönlichen Glauben, etwa als Mix von Astrologie, Buddhismus, Yoga und Bibel,  selber formt, ob er mehr Maria verehrt als Gott, ob er mehr Pater Pio anbetet als das göttliche Geheimnis: All das ist den so genannten Oberhirten weithin egal. Wer aber tiefer theologisch nachdenkt, wie einige Theologieprofessoren, etwa Prof. Hartmut Zapp, die aus Glaubensgründen (!) keine Kirchensteuer mehr zahlen wollen, der wird rausgeschmissen. Keine Debatten, keine Vielfalt, keine viel besprochene „Brüderlichkeit“, kein Respekt vor abweichenden (gar nicht häretischen!) Meinungen… So handeln nur  Vereine, nicht Glaubensgemeinschaften. Mit ihrer Entscheidung führen die sogenannten Oberhirten die Katholische Kirche weiter ins Getto. Manche Freunde unseres Salons meinen: „Sie gehört wohl in den Club der =Sekten=“. Tatsache ist: Diese Entscheidung der deutschen Bischöfe isoliert weiter die Spitze von der sogen. Basis. Von Glaubensgemeinschaft in Viefalt Gleichberechtigter kann keine Rede mehr sein. Es geht den Hirten vor allem ums Geld, um die Wahrung bisheriger Strukturen (die ja bekanntermaßen alles andere als einen kirchlichen Frühling bescherten) und die Fortsetzung ihres abgehobenen, fürstlichen Lebens in Palästen und Residenzen. Und das alles im Namen des Evangeliums. Welches Evangeliums eigentlich?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Sprache und Sprechen im Vatikan. Anläßlich des Buches von G. Nuzzi, Seine Heiligkeit

Sprache und Sprechen im Vatikan heute

Anlässlich der deutschen Ausgabe von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit.

Der Religionsphilosophische Salon will aus dem weiten Feld der Religionen und Kirchen immer wieder Themen nennen, die eine erhöhte Aufmerksamkeit verdienen. Es geht um Fragestellungen, die unserer Meinung nach bisher kaum studiert und diskutiert werden. Die aber ein Licht werfen, wie sich Religionen heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, präsentieren und wie ihr „Innenleben“ geprägt ist.

Ein Thema: Sprache und Sprechen im Vatikan heute. Damit ist gemeint, wie innerhalb der päpstlichen Kurie, also innerhalb des „Hofes“ (curia), gesprochen wird, welcher Formeln und Floskeln sich die Mitglieder des Hofes bedienen. Angestoßen sind diese Hinweise durch das nun auf Deutsch erschienene Buch von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit, Piper Verlag, September 2012. Der Journalist Nuzzi bietet darin, das ist bekannt, bislang geheime Dokumente, die für den internen Verkehr im Staat des Papstes bestimmt waren. Sie offenbaren gerade in ihrer „privaten“ Dimension, wie dort die vielfältigen Untergebenen des Papstes sich an die obersten Spitzen, also den sogen. „Heiligen Vater“  selbst und seinen Sekretär wenden; meist, um die Gunst dieser beiden Herren der Kirche in ihren privaten Angelegenheiten zu erwerben.

Wer historische Kenntnisse hat, wird vielleicht zum Vergleich die Korrespondenz der Untertanen Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert, des sogen. „Sonnenkönigs“,  heranziehen wollen, aber das ist ein anderes Forschungsthema.

Wir dokumentieren nur in einigen Auszügen, in welcher Sprache sich die Bittsteller an den Papst und seine Mitarbeiter wenden. Wie weit diese Briefe tatsächlich einen „Vater“, also Papa, „Papst“,  meinen, erscheint hoch problematisch; man denke zum Vergleich an den großzügigen Vater in Jesu Gleichnis vom Verlorenen Sohn… aber das mag jeder Leser und jede Leserin selbst beurteilen.

Unserer Meinung nach ist die Sprache meist Angst besetzt und voller „heiliger“, kindlicher, infantiler Ehrfurcht vor dem Papst und seinem Sekretär Gänswein. Es handelt sich selbstverständlich hier immer um kurze Auszüge, die die Lektüre des Buches nur um so dringender machen.

Dino Boffo zum Beispiel, Chefredakteur der katholischen Tageszeitung Avvenire. Ihm wird im Jahr 2009 öffentlich „vorgeworfen“, homosexuell zu sein. Er bestreitet das und wendet sich um Unterstützung an Monsignore Gänswein: „Vor allem möchte ich mich für ihren priesterlichen Beistand und die Offenheit danken, die Sie mir gestern in unserem Telefongespräch entgegengebracht haben. Gott weiß, wie leid es mir tut, Ihnen so großes Ungemach zu bereiten…“

An Kardinal Bagnasco, den Vorsitzenden der Italien. Bischofskonferenz schreibt der Journalist und Chefredakteur eines Tageszeitung, eben des Avvenire, Dino Boffo, Jahrgang 1952:  „Eminenz, ich wünschte, vor Ihnen zu stehen, sodass Sie mich in meiner ganzen Betrübnis sehen könnten. Betrübnis vor allem angesichts der Tatsache, Sie behelligen zu müssen, wo ich doch weiß,  mit welchen Sorgen Sie sich täglich plagen müssen… Eminenz, ich frage Sie auf Knien, und Sie mögen daraus ersehen, in welchem Geist ich Ihnen zu schreiben wage… Mir fehlen die Worte, um mich bei Ihnen zu entschuldigen, bei Ihnen, den ich als Menschen und Bischof herzlich verehre und den auf diese Weise zu belästigen mir unsagbar leidtut, Ihr ergebenster Dino Boffo.

Der Staatssekretär im ital. Ministerratspräsidium Gianni Letta kommentiert in einem Brief an Monsignore Gänswein eine vom Vatikan ausgesprochene Empfehlung eines bestimmten Mannes:  „Hochwürdigster Monsignore… Wenn es möglich ist, werden wir uns bemühen, die Sache zu beschleunigen. Das werde ich gern und mit Stolz tun. … in Dankbarkeit und mit einem ehrerbietigen und – wenn Sie gestatten – freundschaftlichen Gruß, Gianni Letta.

Kardinal Carlo Vigano, Leiter der Verwaltung des Vatikans, wendet sich am 27. März 2011 an den Papst, um ihm schwerwiegende Unregelmäßigkeiten in der Finanzverwaltung des heiligen Stuhls mitzuteilen: „Der hochwüridgste Kardinal Lajolo ist in seiner großen Herzensgüte um Versöhnlichkeit bemüht…. Ich gebe Eurer Heiligkeit auch den Brief zu Händen, … damit Sie nach Ihrem erlauchten Willen darüber verfügen…“

Wie gesagt, dieser Beitrag macht nur auf die Sprache im Vatikan aufmerksam, die unabhängig von den Inhalten der Briefe ihre Bedeutung hat.

Der Generalobere des Jesuitenordens wendet sich am 12. Nov. 2012 an den „heiligen Vater“, um ihm Irritationen eher halbwegs fortschrittlich gesinnter Katholiken zur Entwicklung der römischen Kirche weiterzugeben und mitzuteilen. Der Generalobere der Jesuiten, Pater Adolfo Nicolas, eigentlich ein bedeutender Mann in der römischen Kirche, eine Autorität, wenn man so will, schreibt u.a. dem Papst in diesen Worten: „Ich bitte demütig um Verzeihung, wenn dies nicht die richtige Vorgehensweise (der Übermitttlung des Briefes der Katholiken, CM) war… „ Interessant der Zusatz: „Wie Sie wissen, steht die Gesellschaft Jesu (also  die Jesuiten) nach wie in Ihren (also des Papstes, CM) Diensten und im Dienst der Kirche…“ Es gibt allerdings auch einen Hinweis, dass es ein Sprechen mit den vatikanischen Behörden gibt, die eben dem Behördencharakter gerecht werden, also „objektiver“ und weniger dem Hof entsprechend untertänig verfasst sind. Dazu gehört in dem Buch von Nuzzi das geheime Dokument, das der Apostolische Nuntius in Deutschland, J.C. Perisset, an einen Mitarbeiter im vatikanischen Staatssekretariat sandte. Perisset schreibt zu einem banalen Vorgang: „Allerdings wundere ich mich, dass in einer so unbedeutenden Angelegenheit die Ansicht des Nuntius eingeholt wird, während viele andere Themen entschieden werden, ohne dass zuvor Kontakt aufgenommen wird“ (S. 334).  Der Brief von Nuntius Perisset an den Vatikan endet (freilich) mit den Worten: „Mit aufrichtiger Hochachtung verbleibe ich ergebenst in Christo…“

Nebenbei:

Im Vatikan werden theologisch und politisch betont konservative Presseerzeugnisse mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und respektiert, das ist bekannt. In dem Buch Nuzzis wird die äußerst konservative website „kath.net“ aus Österreich wie eine unumstrittene Autorität behandelt, etwa in einem Brief des vatikanischen „Vizeaußenministers“ Ettore Balestrero, im Buch Seite 363.

Copyright: religionsphilosophischer-salon.

 

 

 

 

 

 

Nietzsches Philosophie: Gefährlich – anregend. Ein Salonabend

Nietzsches Philosophie – gefährlich und anregend.

In diesem Salonabend am Freitag,  21. 9. um 19 Uhr in der Galerie Fantom Hektorstr. 9 wollen wir uns einigen zentralen Erkenntnissen/Einsichten Nietzsches annähern, wie dem Tod Gottes, dem Übermenschen, dem Willen zur Macht und der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“. Wir wollen dabei nicht nur philosophie – geschichtlich mehr sehen lernen, sondern auch begreifen: Da spricht ein Denker, der die Moderne innerlich erfahren und erlitten hat und nach Auswegen suchte in einer Zeit, in der die herrschenden Religionen und absoluten Werte nur noch scheinbar und pro forma galten. Wir fragen: Bietet Nietzsche ein Alternative?

„Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin“: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

„Der Patriarch glaubt an Putin“

Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozess im August 2012

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag hat seit seiner Veröffentlichung im August 2012 sehr viel Interesse gefunden, vielleicht stellen sich die LeserInne Fragen, angesichts des orthodoxen Weihnachtsfestes, was sich denn hinter den weihrauchgeschwängerten Zeremonien mit ihrem Chefliturgen Patriarch Kyrill, an materiell – politischen Interessen verbirgt. Vielleicht warten sie auch gespannt auf die Konversion Gérard Dépardieus zur russisch – orthodoxen Kirche. Es wird die Meinung geäußert, dass sich Dépardieu durchaus gut mit Patriarch Kyrill verstehen könnte…

Aktuell ergänzen wir am 11. 5. 2014 diesen Beitrag mit einem Hinweis auf das sehr empfehlenswerte Buch von Mischa Gabowitsch „Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur“ (Suhrkamp, 2013). Diese ausgezeichnete Studie verdient viel Aufmerksamkeit. Sie enthält auch ein Kapitel „Strukturwandel der Kirche“ (der Russisch-orthodoxen Kirche). Die Ausführungen dort (auf den Seiten 205 ff.) unterstreichen die hier seit 2012 notierten Hinweise zur engen ideologischen Verbindung des Moskauer allmächtigen Patriarchen Kirill mit Putin. Mischa Gabowitsch zeigt, dass die kirchliche Gier nach Macht und Einfluß im Putin Regime auch Ausdruck der tatsächlichen Schwäche der Kirche ist. Denn es ist ja keinesweges so, wie manchmal behauptet wird, als sei die Russisch-orthodoxe Kirche bei den Menschen tief verwurzelt und geradezu massenhaft anerkannt. Gabowitsch zitiert den Religionssoziologen Nikolay Mitrokhin:„Die russisch-orthodoxe Kirche lässt sich als konsequent antiliberal, antiwestlich, ethnischen Minderheiten gegenüber xenophob, mit einer monarchistischen (oder zumindest autoritären) Staatsform sympathisierend, etatistisch und marktfeindlich beschreiben“(S. 208). Interessant ist der Hinweis von Gabowitsch, dass liberale Priester wie Gleb Jakunin und Jakow Krotow (in den neunziger Jahren) aus der Kirche gedrängt wurden und „alternative orthodoxe Kirchen gründeten“ (S. 208), dieses Thema sollte weiter bearbeitet werden…  Aber noch ein erhellendes Zitat des Religionssoziologen Nojkolay Mitrokhin: „In wenigen Monaten haben Kirill und seine Helfer vollbracht, wofür ihre Vorgänger im zaristischen Russland Jahrzehnte brauchten:die Kirche gleichzeitig mit Diktatur, stumpfsinniger Grausamkeit und Korruption in enge Verbindung zu bringen“ (S. 209).

Hier unsere nach wie interessanten Hinweise aus dem Jahr 2012:

Drei Künstlerinnen, Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, werden drastisch wie in einem politisch gesteuerten Schauprozess bestraft: Die Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ werden wegen „Rowdytum aus religiösem Hass“ für 2 Jahre ins Straflager geschickt. Sie hatten am 22. Februar 2012 in der Moskauer Erlöser – Kathedrale, dem „prunkvoll – kitschigen Symbol des wiederauferstandenen orthodoxen Rußland“, vor der Ikonenwand ein gleichermaßen religionskritisches wie regimekritisches Lied angestimmt: Es beginnt wie ein klassisches Bittgebet: „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin! Vertreibe Putin“.  Darin kommt auch der Vers vor: “Der Patriarch glaubt an Putin, besser sollte er, der Hund, an Gott glauben“. Gemeint ist der enge Verbündete Putins, Patriarch Kyrill, ein Mönch, seit 2009 im höchsten kirchlichen Amt in Moskau.

Das Urteil kam nur durch die übliche und seit Jahren selbstverständliche enge Übereinstimmung von russisch –orthodoxer Kirchenführung und dem Putin – Regime zustande.

Unser Salon ist der Religionskritik verpflichtet, sie ist wesentlicher Aspekt eines freiheitlichen und aufgeklärten Bewusstseins. Und damit für die Demokratie. Deswegen bieten wir als Hintergrundinformation zu dem Urteil einige Zitate des russischen Philosophen Michail Ryklin, der in Berlin an der Humboldt – Universität lehrt und in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift Lettre (Berlin) regelmäßig seine „Korrespondenz aus Moskau“ veröffentlicht. Es wird schon in diesen wenigen Zitaten aus Lettre deutlich, wie eng sich die russisch – orthodoxe Kirchenführung an die Machthaber gebunden hat.

In Heft III/2005 berichtet Michaeil Ryklin von einer Bewegung, die eine „orthodoxe Hagiopolitik“ etablieren will (vertreten durch Gleb Pawlowski). Kern dieser theologischen Lehre, sie fordert ausdrücklich das Neu – Mittelalter !, ist „das Eingreifen von Heiligen und die Einwirkung geweihter Gegenstände in den Gang der Geschichte; dem Anthropozentrismus wird ein Primat des Wunders gegenübergestellt“ (S 130).  Ryklin berichtet weiter, dass Fundamentalisten aus der Russisch – Orthodoxen Kirche wesentliche Teile der säkularen Kultur verfolgen; diskriminiert werden von den Kirchenfürsten Opernaufführungen, Kunstausstellungen usw. „Die Russisch –Orthodoxe Kirche reklamiert für sich den Status einer staatsbildenden Religion“  (ebd.) Interessant schon 2005 die Bemerkung Ryklins: “Menschenrechtsaktivisten werden immer häufiger als Feinde der Orthodoxie und des russischen Volkes diffamiert“. (ebd).

Im Herbst 2007 schrieb Michail Ryklin unter dem Titel „Der heilige Bolschewik“: Die Russen kehrten in eine Kirche zurück, die sich von Stalin und ihrer Unterstützung eines atheistischen Regimes nicht nur nicht distanziert! Sondern die Stalin zu einem konsequenten Freund und Förderer des Glaubens erklärt“. (s. 128). Der christliche Glaube, den diese Orthodoxie vertritt, sei nur ein Ritual, der Glaube als ein seelischer Zustand (Liebe, Toleranz, Gnade) werde negiert.

In der Ausgabe I/2008 berichtet Prof. Ryklin in Lettre (S. 128) von einem TV Film, der in Russland sehr viel Aufmerksamkeit findet: „Der Untergang des Imperiums“ von Abt Tichon Schewkunow. Dieser Abt soll der Beichtvater des Präsidenten Putin sein. (ebd). In der Interpretation dieses vielfach gesendeten TV Films schreibt Prof. Ryklin „ Die Russisch – Orthodoxe Kirche, die kein Charisma besitzt und den weltlichen Machthabern keine Unannehmlichkeiten zu bereiten scheint, drängt den Staat auf einen gefährlichen Weg: Indem sie dem Staat für all sein Tun automatisch Ablass erteilt und damit jegliche Reformen für unnötig erklärt“. Abt Tichon spräche im Blick auf Europa von „den Barbaren in Brüssel“… Die Verquickung der russischen Kirche mit dem Staat nennt Prof. Ryklin eine „Verstaatlichung des Glaubens“. Er erwähnt weiter die Prozesse gegen den Galeristen der Tretjakow Galerie und gegen die Mitarbeiter des Sacharow- Zentrums. „Die Kirche redet dem Staat zumunde und verdammt die weltliche Kultur“, so das Faszit dieses Beitrags in Lettre I/2008.

In Heft IV/2008 von Lettre schreibt Michail Ryklin:“ Das Gefährliche am jetzigen Regime ist, dass es die Demokratie diskreditiert und dem Einfluß religiös- nationalistischer Gruppen Vorschub leistet, insgesamt habe – so 2008, heute ist das wohl anders – eine Entpolitisierung der Gesellschaft stattgefunden.

Insgesamt lassen die Beiträge Michail Ryklins keinen Zweifel daran, dass diese Haltung der russischen Kirche gerade bei jungen und kritischen Menschen nur auf zunehmende Abwehr und Distanz stößt. Diese absolute Regimeverbundenheit der Kirchenführer und weiter Kreise des Klerus ist die beste Form, intelligente und freie Menschen aus der Kirche definitiv zu vertreiben…

In Heft 97 von Lettre (Sommer 2012, Seite 134) widmet sich Prof. Ryklin erneut der Gestalt dieses machtgierigen Patriarchen. Durch Kyrill „ist die (russisch – orthodoxe) Kirche zu einem integralen Teil der =Machtvertikale= geworden. Hatte die atheistische Sowjetmacht die Kirche versklavt, ihren Zielen unterworfen, so verschmilzt nun die operative Macht Putins mit der Kirche“.  Seine Studien über das Umfeld der Moskauer Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill fasst Prof. Ryklin zusammen: “ In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert, manch einer lobt den Herrn und benimmt sich gottloser als einst Atheisten“. Selbst der Sprecher von Patriarch Kyrill muss zugeben, so Ryklin, dass der Mönch Kyrill (eigentlich der Armut verpflichtet) einen Wagenpark (Cadillac Escalade, Mercedes der S-Klasse, Toyota Land Criser) und Residenzen (u.a. Villa in der Schweiz, Privatflugzeug usw.)  zu seiner Verfügung hat. „Doch es seien alles Geschenke….“(so in Lettre, 97, Seite 134, 3. Spalte). Ryklin weist auf eine Studie von Alexander Soldatow vom 15. 2. 2012 hin, nach der Patriarach Kyrill ein persönliches Vermögen von ca. 4 Milliarden Dollar hat (ebd, Spalte a).

Vielleicht werden angesichts dieser Informationen die Umstände dieses Prozesses deutlicher, in einem angeblich frommen und christlichen Land, das jeglichen Sinn für Kritik und freie Meinungsäußerung verloren hat.

Wir fragen, welchen Sinn es hat, wenn der Vatikan heute kein dringenderes Verlangen in der ökumenischen Bewegung hat, als sich ausgerechnet mit den „theologisch so nahe stehenden orthodoxen Kirchen“ (so ist immer wieder von höchsten Kreisen der römischen Kurie und des Papstes zu hören) möglichst bald zu versöhnen und zu einer Kirche zu vereinen? Was wäre der spirituelle, was der politische Gewinn, wenn Leute wie Patriarch Kyrill, Moskau,  auch noch ein Wort in Rom zu sagen hätte? Wir fragen weiter, welchen kritischen Beitrag eigentlich die sogen. „Ostkirchen – Kunde“ an den deutschen Universitäten leistet. Studiert sie nur die Werke Didymus des Blinden, fragt ein Leser unserer Website.

Abgesehen von den zahlreichen Studien von Prof. Ryklin weisen wir, eher zufällig gefunden, auf einen Beitrag der Wochenzeitung DIE ZEIT hin. Diana Laart berichtet aus Moskau in der Ausgabe vom 16. August 2012, Seite 9 unter dem Titel „Gefährliche Freunde“, gemeint sind Putin und das Oberhaupt der Russisch – Orthodoxen Kriche Kyrill I.

Wir zitieren nur einige Sätze aus dem gut dokumentierten Beitrag: „Auch der Patriarch besitzt nicht nur einen Maybach, sondern für einen Mönch (das ist der geistliche Stand des Patriarchen, CM)) recht viele Residenzen. Vor allem nennt er eine luxuriöse Penthouse – Wohnung gegenüber dem Kreml sein Eigen. Sein Vermögen soll sich auf 4 Milliarden Dollar belaufen. Das Geld verdiente er in den neunziger Jahren, als er im Namen der orthodoxen Kirche mit Zigaretten und Öl handelte…..“ Interessant ist, dass Diana Laarz unsere Einschätzung bestätigt: Der Patriarch sei die beste Voraussetzung, dass die Russen scharenweise die Kirche verlassen…Es ist wieder einmal der klassisch zu nennende klerikal bedingte Atheismus, der aufgrund bestimmter Kirchenführer entsteht. Diana Laarz schreibt:“Staatliche russische Meinungsforschungsinstitute schätzen, dass nur noch 10 Prozent der Kirchenmitglieder in die Kirche gehen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Was ist „Laizität“? Eine Ra­dio­sen­dung

In der Reihe „Glaubenssachen“ auf NDR Kultur

Am 12. August 2012 um 8.40 Uhr

Welcher Geist regiert den Staat?  Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander

Von Christian Modehn

Politische Macht darf die Kirche nicht ausüben, „geistlich“ und „weltlich“ müssen im Staat getrennt sein. Diese Überzeugung prägt das europäische Denken seit der Französischen Revolution. „Laizität“, also religiöse Neutralität des Staates, bietet Raum für die freie Entfaltung unterschiedlicher Religionen. Aber wie sollen Staat und Gesellschaft reagieren, wenn Fundamentalisten religiöse Gebote als allgemeine Gesetze durchsetzen? Warum darf die Kirche widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird? Braucht der laizistische Staat eine eigene Philosophie oder eine überkonfessionelle „civil religion“, wenn er das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen garantieren soll? Der Bibelspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt“, muss immer wieder neu interpretiert werden

Rainer M. Woelki und der Theologe Karl Rahner

Rainer M. Woelki und die Theologie Karl Rahners

Siehe auch den Beitrag: Das theologische Profil Kardinal Woelkis LINK

Die Auseinandersetzung über die theologische Doktorarbeit von Rainer M. Woelki, (Erzbischof und Kardinal),  eingereicht an der Opus Dei Universität „Santa Croce“ in Rom (2000), hat sehr viele Leser dieser website interessiert; auch die Tatsache, dass der erste Betreuer der Arbeit (der Spanier Antonio Miralles vom Opus Dei) kein Deutsch spricht; auch der zweite Betreuer (Klaus Limburg,) ist Mitglied des Opus Dei. Nebenbei: Man muss nicht explizit Mitglied im Opus Dei sein, um wie das Opus zu denken und zu handeln. Woelki sagt, er sei nicht Mitglied dieses „Werkes Gottes“…

Nun haben sich einige unserer Leser in die Doktorarbeit vertieft, die ja äußerst schwer zu erreichen und einzusehen ist.

Vor allem die Rezeption des Denkens des weltweiten bekannten Konzilstheologen und Jesuiten Karl Rahner hat einige unserer Leser zu tieferen Nachforschungen ermuntert. Es fällt auf, dass die wirklich wichtigen Arbeiten Karl Rahners zum Promotionsthema „Die Pfarrei“ von Woelki nicht beachtet wurden. Gerade diese Arbeiten aber sind das, was man Ausdruck einer modernen Theologie nennt, in denen Zukunft eröffnet wird. Diese Arbeiten, noch einmal, wurden von Woelki nicht herangezogen. Es geht ja hier gar nicht um Rahner im engeren Sinne, sondern darum, wie man im Jahr 2000 eine theologische Doktorarbeit in dieser Begrenztheit schreiben kann. In den systematischen Überlegungen der Doktorarbeit überwiegen Zitate aus Konzilsdokumenten und Zitate von päpstlichen Erklärungen. Das zeugt von absoluter Treue zum Lehramt. Katholische Theologie wird so offenbar als fleißige Repetition offizieller Texte von Offiziellen und Herrschenden verstanden. Über diesen Begriff von Theologie ließe sich eigens diskutieren.

Es ist bezeichnend, dass in der Doktorarbeit Woelkis über „Die Pfarrei“ (nicht der theologisch naheliegende und treffendere Begriff „Gemeinde“ steht im Mittelpunkt, sondern sozusagen die amtliche Institution „Pfarrei“) etwas ausführlichere Diskussionen über bedeutendere (deutschsprachige) Theologen ausdrücklich auf „die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts“ begrenzt sind. Erwähnt werden dabei Franz X. Arnold, Pius Parsch oder ein gewisser Constantin Noppel, und eben Karl Rahner, den Woelki bei dieser zeitlichen Begrenzung seines Themas dann eben auch nicht weiter beachten muss. Man könnte also denken, die Arbeit Woelkis wäre eine historische Arbeit über die katholische Pfarrei vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Tatsächlich aber will der Text als systematische Arbeit auf die Gegenwart bezogen sein. Von daher ist das Ausblenden und Verdrängen der wirklich neuen, wegweisenden Arbeiten Karl Rahners SJ zum Thema Pfarrei bzw. Gemeinde  eigentlich ein Skandal.. Hätte man diese Arbeit in der  benachbarten staatlichen Fakultät in Bonn (wo Woelki damals in unmittelbarer Nachbarschaft lebte) oder in Münster an der dortigen staatlichen theologischen Fakultät angenommen? Das müssen Fachtheologen  aus dem Bereich systematische und praktische Theologie beantworten, falls Sie sich die Mühe machen, diesen eigentlich unerreichbaren Text Woelkis zu finden. Der Text wird offenbar sehr gern „unzugänglich“ gehalten und wurde nicht in einem Verlag publiziert. Vielleicht kommt es nur auf den Dr. Theol. Titel an, ein solcher Titel macht sich besser für einen Kleriker mit Karrieremöglichkeiten. Interessanterweise wagt sich kein hochbezahlter Theologieprofessor an einer staatlichen Universität, also existentiell/finanziell relativ geschützt, an das Thema: Welche theologischen Doktorarbeiten werden an päpstlichen Universitäten in Rom geschrieben, und vor allem: Warum werden sie geschrieben? Wer wählt warum diese Themen aus?

Ein aktueller Hinweis: Interessant ist, dass Woelki, sozusagen nun Experte für die Notwendigkeit von „Pfarreien“ für das katholische Leben,  Ende 2012 im Erzbistum Berlin deklarierte: Von den bestehenden 105 Pfarreien im Erzbistum werden bis 2020, also in 5 Jahren, nur noch 30 (in Worten dreißig) übrigbleiben. Großpfarreien also müssen entstehen, weil der Klerus fehlt. Kirchliches Leben hat sich bitte schön einzig nach dem Klerus zu richten, das ist die klerikale Botschaft der Herren der Kirche. Bei dem zunehmenden Priestermangel wird es – bei diesem Denken – dann im Jahr 2040 vielleicht nur noch drei oder vier Pfarreien in Berlin geben…Die Gläubigen haben dann längst die spirituelle Weite gesucht; und die Bischöfe werden wieder klagen, wie böse und atheistisch doch die Welt geworden ist.

Zurück zur Reduzierung der Pfarreien im Erzbistum Berlin, das die Hauptstadt und das Land Brandenburg sowie Vorpommern umfasst. Der Grund für die Entscheidung Woelkis, der ja Pfarrei – Spezialist ist: Vor allem: Der Priestermangel. Denn in dem Opus Dei gemäßen Denken Woelkis kann es nur „Pfarreien“ geben, wenn zölibatäre Kleriker diesen Pfarreien vorstehen. In seiner Doktorarbeit aus der Santa Croce Universität heißt denn auch das entscheidende Kapitel: „Das Amt als Repräsentation Christi“ bzw als Unterkapitel „Die sakramentale Vergegenwärtigung Christi durch den Kleriker„. Weil im zölibatären Kleriker also Christus  sakramental (zeichenhaft) gegenwärtig wird, kann nur dieser  Christus darstellende  Priester Pfarreien leiten. Der Kleriker, also der zölibatäre Priester, ist für christliche Gemeinden absolut unersetzlich in dieser Sicht; so will es Gott selbst, könnte man sagen. Wohin diese Theologie genannte tatsächliche Ideologie führt, sieht man etwa in Lateinamerika, wo Katholiken mangels Priestern zu Tausenden zu anderen Konfessionen abwandern oder eben sich selbst ihre eigene private Spiritualität entwickeln. Papst Franziskus spricht oft davon. Bischof Erwin Kräutler, Xingu, Brasilien, fordert jetzt, dass endlich aus den brasilianischen Basis Gemeinden selbst Laien als priesterliche Leiter der Eucharistie zugelassen werden. In Rom wird man über ihn schmunzeln, Kräutler wird sicher mit 75 Jahren sicher sofort pensioniert und das alte Denken herrscht danach auch am Xingu weiter. Bischof Helder Camara forderte ähnliches, Kardinal Arns auch, alle wurden ausgelacht und ausgegrenzt und bestraft. Ähnliche Vorschläge der niederländischen Dominikaner wurden selbstverständlich von den Herren der Kirche sofort verboten (2005).

Viele Leserinnen dieser Berichte hier bitten dringend um Erklärungen dieser hochkomplexen Kleriker – Ideologie, die die Doktorarbeit ausdrückt. Sie fragen: Stammen diese Texte aus dem 16. Jahrhundert? Wir empfehlen in solchen Fragen eher Karl Rahner SJ zu lesen, etwa das Kapitel „Eine entklerikalisierte Kirche“ in seinem Buch „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ (Freiburg 1972), Seite 61 ff.

Deutlich wird jedenfalls: Diese Doktorarbeit der Santa Croce Universität ist Ausdruck eines explizit klerikalen Denkens. Wer vor 15 Jahren solches klerikal Denken als das seinige offenbarte, solllte sich zumindest jetzt öffentlich davon distanzieren und sagen, was er wirklich unter einer Gemeinde versteht, die dem Evangelium des armen Jesus von Nazareth folgen will, der ja bekanntlich keine Kirche gründete und gründen wollte.

Für weitere Hinweise zu Rainer M. Woelki, aus aktuellem Anlaß und aus religionsphilosophischem bzw. religionskritische Denken publiziert, klicken Sie bitte hier.

Nun hat der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige sehr behutsam den Mut gefunden, sanft Kardinal Woelki zu kritisieren. Dieses Ereignis eines bescheidenden Mutes unter Bischofskollegen verdient sicher Aufmerksamkeit, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.  Gelesen am 13. 7. 2014 sogar in dem ultrakonservativen kath.net

Die Wochenzeitung „Christ und Welt“ berichtet in der Ausgabe 30/2014 auf Seite 3 von der Pressekonferenz des neu ernannten Erzbischofs von Köln am Samstag 19.Juli 2014. Da fragt, so wird berichtet, ein Journalist nach dem Opus Dei. Christ und Welt schreibt: „Beim Opus Dei wird er (Woelki) unwirsch. Dazu habe er schon so viel gesagt (so viel??, wo? CM), die Frage nach dem Opus Dei (gemeint sind die Sympathien Woelkis für diese Geheimorganisation CM) könne man streichen. Es stimmt, Woelki hat seine Mitgliedschaft ausdauernd bestritten….aber das gilt für viele Themen, die an diesem Morgen zu Sprache kommen. Im Raum sitzen einige Opus-Dei-Leute, das mag die Antwortfreude mindern“, so Christ und Welt.  Und unsere Freude wird gemindert: Wenn die Redakteure schon Opus Dei Leute im Saal als solche erkennen, warum werden sie nicht namentlich genannt? Wieder einmal beherrscht die Angst einen Journalismus, der sich christlich nennt. Immerhin heißt es auf der selben Seite in Christ und Welt über die Opus Dei Uni Santa Croce in Rom, wo Woelki sein Doktorarbeit einreichte: „Unter Theologen an staatlichen Universitäten gilt sie als päpstliche Schmalspurhochschule“. Und weiter fast wörtlich das, was wir seit Jahren schreiben:“Dissertation werden (dort) so sparsam veröffentlicht, als müßte man sie verstecken“.

Für den religionsphilosophischen Salon: Christian Modehn.

Ich habe Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre mit Karl Rahner in München zusammengearbeitet und mit ihm die Bücher „Theologie der Befreiung“ und „Volksreligion“, beide bei Kohlhammer, herausgegeben. Außerdem ist in der Gesamtausgabe der Werke Rahners in Band 31, Seite 194 – 200, ein Interview von mir mit Rahner abgedruckt. Der Titel, an dem uns beiden lag: „Zu einer offenen Kirche“.

Wir bieten im folgenden einige Zitate von Lesern der Website zur mangehalften Rahner Rezeption durch Rainer M. Woelki, mitgeteilt Ende 2011:

„Rainer M. Woelki ist nicht entfernt imstande, das komplexe Denken Karl Rahners auch nur darzustellen. Er hätte sicher die zwei Aufsätze „Friedliche Erwägungen…“ und „Zur Theologie der Pfarrei“, die er ja beide zitiert,  genauer vergleichen müssen, dann hätte er es vermieden, eine so theologisch äußerst schlichte und exklusive Festlegung auf das „Ortsprinzip“ der Pfarrei zu betreiben. Karl Rahner hat sich ja bekanntlich auch nach 1966 sehr viel zum Thema Pfarrei und Gemeinde geäußert und auch publiziert…“

„Offensichtlich benutzt Rainer M. Woelki in seiner Darstellung nicht die wichtigen Texte Karl Rahner insgesamt. Schließlich fehlen völlig die späteren wichtigen Texte Rahners zu den Basisgemeinden, zum „Strukturwandel der Kirche“ usw. Woelki schließt seine Auseinandersetzung mit den Rahner-Texten Mitte der sechziger Jahre ab. Autoren, wie Joseph Ratzinger, zitiert er hingegen bis zum Jahr 2000, also dem Jahr seiner Promotion. Ist das bezeichnend?  All die wichtigen späten Texte Rahners zur Gemeinde und Basisgemeinde hätte der Doktorand Woelki leicht finden können, aber offenbar interessierten ihn die Texte über den „Strukturwandel der Kirche“ nicht. Dabei wären gerade diese Vorschläge Rahners angesichts der tiefen Krise der römischen Kirchen (Priestermangel, Zusammenlegung von Pfarrgemeinden, einfach deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt usw.) sehr inspirierend. Aber eine Opus Dei Universität (und ein dort offenbar freiwillig promovierender Theologe)  können es sich vielleicht nicht leisten, den von Rahner und anderen vernünftigen Theologen vorgeschlagenen Strukturwandel der Kirche (Überwindung der Zölibatsverpflichtung, Basisgemeinden, die von qualifitierten Laien geleitet werden usw). auch nur leise zu denken“. Ein Leser schreibt: „Diese Arbeit Woelkis ist völlig überflüssig, sie ist veraltet, und wurde wohl nur geschrieben, um einen Doktortitel zu erhalten.“

copyright: religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

Beschneidung – Eine kritische Frage

Beschneidung – Eine kritische Frage

Von Christian Modehn

Ein Hinweis vorweg, veröffentlicht am 5. Jui 2012:

Uns freut es, dass im Tagesspiegel vom 5. Juli 2012 auf Seite 8 ein vernünftiger und sehr lesenswerter Beitag von Georg Ehrmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, publiziert wurde. Der Beitrag zeigt, dass der Religionsphilosophische Salon mit seinem Kommentar (vom 28.6.) in der Frage nicht allein steht. „Eine schmerzhafte und belastende Operation“ ist der Titel des Kommentars, dem wir auch weite Verbreitung in religiösen Kreisen wünschen, die uralte Traditionen unbedingt für etwas Göttliches halten und höher einschätzen als Menschenrechte.

Am 12. Juli 2012 weisen wir darauf hin, dass in „DIE ZEIT“ an diesem Tag auf Seite 54 ein sehr lesenswerter Beitrag  des Strafrechtlers Prof. em. Rolf Dietrich Herzberg gedruckt ist, als Antwort auf die polemischen Ausführungen des Philosophen Robert Spaemann eine Woche zuvor. Herzberg schreibt u.a.: „Was die Kölner Richter verurteilen, ist allein die empathielose Bagatellisierung dessen, was man wehrlosen Kindern antut, und die darin liegende Mißachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrheit“. Herzberg zitiert außerdem den integrationspolitischen Sprecher der Grünen, Memet Kilic, der u.a. auf den Tatbestand einer merkwürdigen „multireligiösen Ökumene“ in diesem Fall hinweist:“ …bei mir kommt der Verdacht auf, sie (= die Vertreter von Judentum, Kirchen und Islam) verteidigten ihren eigenen Machtbereich. Die Glaubensgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen, fordern zum Gebrauch der Vernunft auf. Das heißt: Neue Einsichten erlauben es, alte Praktiken zu ändern“. Genau dies ist die begründete Meinung des religionsphilosophischen Salons. PS.: Leider ist der wichtige Beitrag von Rolf Dieitrich Herzberg nicht im Internet (bis jetzt) lesbar…

Am 14. 7. weisen wir hin auf einen neuen Link, eine weitere Marginalie,  zum Thema Beschneidung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Dann verweisen wir auf ein Interview (20.7.2012) mit dem  protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin.

Am 28. Juni haben wir einen Kommentar publiziert, nach einigen Diskussionen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, der sich auf das sogen. „Kölner Beschneidungsurteil“ bezieht. Aufgrund einiger Anfragen wollen wir noch einmal betonen, dass unser Kommentar lediglich anregen will, über den Zusammenhang von religiösen Traditionen und dem, was aufgeklärte Vernunft meint, nachzudenken. Selbst wenn man heute von einer Pluralität von „Vernunft“ ausgeht, bleibt doch die Frage, wie bestimmte Traditionen zur Vernunft in Beziehung gesetzt werden können. Das gilt nicht nur für die Beschneidungsproblematik. Die Frage, in welcher Weise sich religiöse Traditionen heute vernünftig ins Gespräch bringen lassen und wie diese Traditionen heute noch ohne weiteres gelten können, ist nach wie vor der Diskussion wert, gerade wenn diese religiösen Traditionen, mit Verweisen auf Heilige Schriften, als Rechtfertigung von Macht und Verfügung über andere Menschen verwendet werden.

Der Religionsphilosophische Salon kann die plötzlich aufgetretene Debatte über die religiös motivierte Beschneidung nicht ignorieren. Denn dabei handelt es um einen Konflikt zwischen religiösen Traditionen und Ansprüchen der Menschenrechte, also der allen zugänglichen und immer wieder neu zu debattierenden Vernunft.

Selbstverständlich muss eine Demokratie religiöse Traditionen respektieren und zulassen, dass diese sich auch rituell Ausdruck verschaffen in religiösen Räumen.

Es muss aber in einer Demokratie immer gefragt werden: Sind bestimmte religiöse Traditionen und Überzeugungen möglicherweise auch Ausdruck einer fundamentalistischen Haltung: Ist die Beschneidung von Knaben – so alt und vielleicht auch ehrwürdig diese Tradition auch sein mag – tatsächlich in Religionen noch vertretbar, die wirklich im Heute leben wollen, also durchaus argumentativ religiöse Bräuche verdeutlichen wollen? Oder will man gar nicht im Heute leben und lieber argumentationsfern einfach alte Bräuche fortsetzen, weil man glaubt, sie stifteten Identität? Kann Religion – im allgemeinen gesagt – bestehen, die argumentationsfern Bräuche heilig findet, bloß weil sie uralt sind? Also: Welche vernünftigen, allen zugänglich zu machenden Argumente sprechen für die Beschneidung der Babies und Jungen?  Wir sehen kein Argument. Es ist, wie so oft im religiösen Feld, immer nur dieselbe Antwort: Es ist halt lange, lange … Tradition.

Das wäre ohne weiteres zu respektieren, wenn mit dieser langen  Tradition nicht über andere Menschen verfügt würde: Über Kinder wird bestimmt, sie können die Entscheidung ihrer Eltern nicht mehr rückgängig machen, Beschneidung bleibt auf ewig Beschneidung.

Da stoßen sich tatsächlich Vorstellungen von der unantastbaren Würde des Menschen, also Menschenrechte, mit der langen religiösen Tradition. Gegen die doch bisher kaum ein Beschnittener aufbegehrt hat, wie zu hören ist. Also sind alle Beschnittenen als Beschnitte rundum glücklich? Wer will das wissen?  Wurde jemals danach gefragt? Wurde jemals dokumentiert, wie viele alte Männer mit ihrem Messer auf den Dörfern die Kinder und Jungs verletzten? Wer hat das alles dokumentiert an Grausamkeit?

Die Debatte darüber jetzt ist also durchaus sinnvoll, weil sie nach der Vernunft religiöser Traditionen fragt. Und da werden weitere Fragen berührt: Etwa im Katholizismus: Dort beruft sich das Papsttum gern  zur Rechtfertigung der eigenen Macht auf das Wort, das im Neuen Testament Jesus zugeschrieben wird: „Du bist Petrus der Fels“, soll Jesus gesagt haben, offenbar den künftigen Vatikan vor Augen, „und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“.  Erstens wollte und konnte Jesus von Nazareth – vom ganz nahen Kommen des Gottesreiches überzeugt – keine Kirche bauen. Und außerdem: Er sagte – wenn überhaupt – dieses Wort zum Fischer Petrus. Aber benutzt wird dieses Wort bis heute, um das Papsttum und den Vatikan zu rechtfertigen. Darf man das Ideologie statt Theologie nennen?

Was hat das mit der Beschneidung zu tun? Sehr viel: In beiden Fällen handelt es sich um das Festhalten an sehr alten religiösen Traditionen und Überlieferungen. Um Ideologien. Die aber – so scheint uns – vor der kritischen Vernunft kein Bestand mehr haben.  Vor wem oder was sollten denn auch religiöse Traditionen Bestand haben, wenn nicht vor der Vernunft?  Oder will man prinzipiell Religion als unvernünftig etablieren? Wer das tut, und das tun heute viele, wird zum Totengräber des Religiösen, weil sich das Religiöse jeglicher Argumentation entzieht..

Wobei es im Falle des Streites um die Beschneidung so enden wird: Eine Einschränkung oder gar ein Verbot der Beschneidung sei politisch und praktisch nicht durchsetzbar. Also: Ende der Debatte um des so genannten lieben Friedens willens… Schließlich haben sich die Leiter und Führer der Juden, Muslime und Katholiken zusammengeschlossen: Sie verteidigen gemeinsam die langen, langen Traditionen. Wenn eine Tradition fällt, fallen auch andere. Deswegen ist interreligiöse Einheit angesagt.

copyright:christian modehn, berlin.