Monatsarchiv



Friedrich d.Gr. und Hegels Philosophie

28. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Friedrich II. wird Aufklärer und als Protestant gewürdigt…
Das doppelte Bild Hegels von Friedrich d. Gr.
Von Christian Modehn

In seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“, die Hegel in Berlin sechsmal hielt (von 1819 bis 1829), verteidigt er ausdrücklich Friedrich II., er nennt ihn wörtlich „eine große Erscheinung“ (298): „Es ist albern, wenn die Frömmelei und die falsche Deutschheit jetzt über ihn herfallen und diese große Erscheinung, die so unendlich gewirkt hat, kleinmachen oder gar zu Eitelkeit oder Verruchtheit herabsetzen wollen“. Und dann folgt der wichtige Satz: „Was Deutschheit sein soll, muss eine Vernünftigkeit sein“.

Friedrichs II. Verbundenheit mit der französischen Aufklärung wird von Hegel in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ herausgearbeitet. Voltaire wird dabei nur einmal dem Namen nach genannt (294). In einer Gesamtschau würdigt Hegel die Leistungen der französischen Aufklärung, etwa die „verhölzerte Religion“ (295) anzugreifen, sowie „den religiösen Zustand mit seiner Macht und Herrlichkeit, Verdorbenheit der Sitten, Habsucht, Ehrgeiz, Schwelgerei“ (ebd.). Dabei sieht er genau, wie die französische Aufklärungsphilosophie auch die damalige „verdorbene bürgerliche Gesellschaft“ kritisiert hat, „man erblickt bei diesen Philosophen Empörung“ über diese Zustände in Frankreich. (296). Denn „die Schamlosigkeit, Unrechtlichkeit ging (in der französischen Monarchie) ins Unglaubliche“ (ebd.) Diese Philosophen, so betont Hegel nachdrücklich, schätzten die Menschen nicht als “Laien“ (297) ein, also nicht als inkompetente Menschen gegenüber der Religion und dem Staat. Er lobt „das Genie, die Wärme, das Feuer, den Geist und den Mut“ der französischen Aufklärer, für das „Menschenrecht der subjektiven Erkenntnis“ eingetreten zu sein, also für die Forderung, dass sie als Menschen die Institutionen auf ihre Vernunft hin eigenständig überprüfen können und entsprechend gestalten.
In diesem Insistieren auf die kritische Macht des aufgeklärten Subjekts sieht Hegel eine Verbindung zu Friedrich II.. Damals war französische Aufklärungsphilosophie in Deutschland nicht wirklich verbreitet, meint Hegel, obwohl doch „viel Schlechtes und Barbarisches – durch sie in Deutschland – verscheucht wurde“ (298). Dabei stellt Hegel durchaus positiv wertend heraus, dass dieser Friedrich II. nicht explizit religiös erzogen wurde und auch nicht so lebte, monotone Psalmen hat er nicht auswendig gelernt, darauf weist Hegel hin…. Friedrichs innenpolitisches Reformwerk war „Bedürfnis“, wie Hegel sagte, also es war innerstes Anliegen Friedrichs selbst wie es auch als objektive Bedürfnis sozusagen in der Luft lag. Und Hegel nennt die Reformen Friedrichs II: Toleranz, Gesetzgebung, Verbesserung der Gerechtigkeitspflege, Sparsamkeit mit der Staatskasse, von dem elenden deutschen Recht ist nicht einmal mehr ein Gespenst geblieben“ (298).
Die religiöse Überzeugung Friedrich II. wird in diesen Vorlesungen nicht weiter explizit herausgearbeitet. Dass der Preußische König als Philosoph eher dem aufklärerischen Gottesbegriff des Deismus folgte, dass er also kein orthodoxer Christ war, wird in den Vorlesungen nicht erwähnt. Denn von seinem eigenen Standpunkt aus müsste Hegel dieses Gottesbild als ungeistig kritisieren, weil es an der Abstraktion und Unbegreiflichkeit Gottes festhält. Für Hegel ist Gott vernünftiger absoluter Geist und somit Subjekt und somit auch für den vernünftigen Menschen erkennbar als Subjekt. Von dem fernen Gott der Deisten hielt Hegel nur insofern etwas, als es „Durchgangsstufe“ zur Wahrheit ist.

Um so erstaunlicher ist, dass Hegel in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ Friedrich II. als „Held des Protestantismus“ bewertet (519). Da sieht er in einer eher auf das konfessionelle Gegeneinander der Großmächte fixierten Blickweise die Leistung des Königs darin, Preußen als „protestantische Macht“ unter den „großen Staatsmächten“ Europas etabliert zu haben. Ausdrücklich weist er aber auch dort darauf hin, „dass er ein philosophischer König“ gewesen sei, eine ganz eigentümliche und einzige Erscheinung in der neueren Zeit“ (519). Aber die Philosophie dieses Philosophenkönigs wird hier ausgeblendet, Friedrich bleibt jetzt der „protestantische Herrscher“. Wobei, nebenbei, auffällt, dass der Luther Freund Hegel hier auf das eher diffuse Bild des Protestanten zurückgreift, also selbst die Reformierte Konfession nicht anspricht. In jedem Fall ist für Hegel Friedrich II. eine Gestalt, die die Vernunft vorangebracht hat. Dass der König den Juden gegenüber intolerant war, wird nicht erwähnt. Immer wieder hingegen wird auch in beiden Vorlesungen ausführlich herausgearbeitet, dass der Katholizismus eine unvernünftige Religion der Veräußerlichung und des blinden Gehorsams sei, also eine alte bzw. veraltete und zu überwindende Gestalt der Religion, die Luther und der Protestantismus auch überwunden hat. Das ist eine zentrale Überzeugung des Religionsphilosophen Hegel.

Die Zitate stammen in beiden Fällen aus der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages, 1970 bzw 1971.
Die Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte sind dort Band 12; die Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie dort Band 20.
Copyright: christian modehn



Friedrich der Große – ein Religionsphilosoph

23. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden
Zur Aktualität der Religionsphilosophie „Friedrich des Großen“
Einige Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages
Von Christian Modehn

Der sehr populäre Spruch hat Friedrich II.„Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ stammt wohl aus dem Jahr 1740.

Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“.
(Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Das Buch bietet zahlreiche wichtige Aspekte zum Religionsverständnis Friedrich II. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).

Das religionsphilosophische Profil:
Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn manchmal die Verwendung dieses Begriffs gegenüber DEM Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.

Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.

Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).

Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens…“ (533).

Aber Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die St. Hedwigkathedrale. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem immer hoch geschätzten Voltaire am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486). Weitere Erläuterungen bietet Friedrich nicht. Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.

Er hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein „Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen“, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)

Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?
Trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit: Ihm war der Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“….Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw…

Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines griechischen Rundtempels (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten – Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“ (alle Zitate S. 114)

Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.

Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“. (519).
Friedrich ist überzeugt, dass das „Unterminieren“ gemeinsam mit einigen vernünftigen Politikern dahin führen könnte, „dass der heilige Vater seinen Bankrott erklären muss. Seine Wechsel und Papiere (gemeint ist wohl auch die geistliche Macht) sind schon jetzt nur noch die Hälfte wert“ (520).

Friedrich II. gehört zu den wenigen hoch gebildeten aufgeklärten Herrschern in Deutschland, die den Mut haben, die Kirchen zu kritisieren, die für sich den Atheismus ablehnen und an ein philosophisch denkbares und vernünftiges Höchstes Wesen glauben. Er meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.
copyright:christian modehn 23.1.2012.



Die Stoa und das Christentum. Ein Diskussionsbeitrag

16. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar

Im Salon am 13. Januar 2012 sprachen wir über die Philosophie der Stoa. Einige Teilnehmer hielten die Gedanken etwa von Seneca und Marc Aurel zu praktischen Lebensgestaltung durchaus für aktuell. Andere meldeten ihre Bedenken an. Wir dokumentieren hier eine Stellungnahme unseres Freundes Wilhelm Lotze, Berlin und laden zur weiteren Diskussion ein.

Augustin soll Marc Aurel praktisch als Heiligen angesehen haben. Da kommt mir der Gedanke, dass es doch sehr interessant wäre, das Verhältnis und die historischen Verbindungen von Christentum und Stoa näher zu erkunden.

Meine Bemerkung im Salon über Marc Aurel, dass sein ganzes Leben eine permanente „Selbstvergewaltigung“ gewesen sei, war insofern nicht verständlich, als ich vergaß vorwegzuschicken, dass er möglicherweise auf Grund seiner philosophischen Praxis doch der beste Herrscher war, den es je gab. Dies hatte der Kaiser jedoch sehr teuer erkauft: Seine Praxis bestand ja in einem täglichen Kampf gegen die auch von der Stoa, ähnlich wie von der Kirche, so gesehenen „niederen“ Seiten des menschlichen Wesens, als da sind animalische Triebe und Bedürfnisse und mehr oder weniger „natürliche“, zumindest „unkultivierte“ oder auch kulturell „deformierte“ psychische Reaktionsmuster, die durch die höchste Kraft des menschlichen Wesens, die philosophische Vernunft, vermittelst einer ungeheuerlichen Willenskraft täglich in ihre Schranken zu weisen und in Zaum zu halten sind. (Hätte Marc Aurel mehr Rücksicht auf seinen Körper genommen, hätte er ja deutlich mehr Kraft zur Umsetzung seiner Ziele haben können?) Da gibt es auffällige Parallelen zum Christentum, die näher betrachtet werden sollten. Diese „niederen“ Seiten unseres Wesens fasst die Kirche bekanntlich unter dem Begriff der Erbsünde zusammen. Auch der Kampf gegen die Sünde gestaltete sich ja normalerweise meistens (wenn er denn ernsthaft geführt wurde) als eine lebenslange „Selbstvergewaltigung“. Im Zentrum dieser Selbstvergewaltigung stand dabei der Kampf gegen die sexuelle Lust. In dieser Hinsicht ähneln sich Marc Aurel und Augustin ungemein, obwohl letzterer hier freilich noch weit exzessiver war.

Die christliche Leibfeindlichkeit hat also wohl ihre Wurzel nicht allein in der Erwartung des nahen Weltendes durch Jesus, wonach Gott unsere Natur in Bälde in eine rein geistige, also auch asexuelle umwandeln würde, sondern auch in einer Leibfeindlichkeit, die ganz andere Wurzeln, nämlich in der hellenistischen Kultur hatte. Hier wäre es interessant, Verbindungen im Denken des Apostels Paulus zur Stoa herauszuarbeiten. Schließlich bewegte Paulus sich ja sein Leben lang im geistigen und kulturellen Raum des Hellenismus.

Aufgrund dieser Leibfeindlichkeit ist es nicht leicht, so denke ich, aus der stoischen und christlichen Tradition Impulse in die Zukunft zu retten. Allerdings gibt es da sehr viel, was unbedingt zu retten wäre, freilich müssen diese Elemente traditioneller Denkfiguren erst in einem strengen Purgatorium gereinigt werden, damit sie fruchtbar werden können. Ich vermute auch, dass die Leibfeindlichkeit auch mit der Wahrnehmung zu tun hat, dass wir in unserer Leiblichkeit in enger Verwandtschaft mit den Tieren stehen, was für ein unaufgeklärtes menschliches Selbstbewusstsein zunächst schockierend wirken kann. Im Alten Testament ist dies noch unbekannt, sondern die Leiblichkeit wird als wunderbares Geschenk Gottes genommen und genossen.

Selbst denke ich freilich, dass die Leibfeindlichkeit ebenso der Stoa wie des Christentums zu den stärksten Ursachen dafür zählt, dass beide ihre Ziele bis heute im Wesentlichen und weitgehend noch nicht erreicht haben, selbst wenn der Fortschritt seit 2000 Jahren unverkennbar ist: Die Vermenschlichung des Menschen steht im Wesentlichen noch aus. Sie ist nicht gegen unsere Natur zu erreichen, sondern nur im Einklang mit unserer Natur und unserem innersten Wesen.
Ein wesentliches Merkmal menschlicher Natur ist es, so denke ich, dass sie kultiviert werden kann, indem unsere animalische Natur lernt, ihre Ziele besser zu erreichen, wenn sie sich auf unser inneres Wesen einlässt. Unser innerstes Wesen aber ist die Liebe. Nur in dem Maße, wie wir sie in uns wirksam werden lassen, werden wir menschlich, wirkliche Menschen, mit uns selbst im Einklang, können ein glückliches und erfülltes Leben finden: Ein evolutionärer Prozess, in dem unser inneres Wesen unsere animalische Natur kultiviert. Liebe ist jedoch nur Liebe, wenn sie frei und spontan von Herzen kommt. Durch Willensanstrengungen welcher Art auch immer ist sie nicht hervorzurufen. Im traditionellen Christentum wie in der Stoa stehen Willensanstrengungen, sei es zur Befolgung der Gebote Gottes oder der Vernunft, jedoch in der Praxis seit je im Mittelpunkt, wodurch aus meiner Sicht statt Liebe nur ein pathologischer Krampf entstehen kann. Liebe wird nur durch Liebe hervorgerufen. Wo wir sie nicht im Verhalten unter uns Menschen finden, können wir sie nur in der Versenkung in uns selbst in Meditation und Gebet finden, in unserem innersten Wesen, für den Gläubigen also in Gott. Dieser Weg in unser innerstes Wesen ist für mich ein allen Menschen zugänglicher Erfahrungsweg, für den es nicht nötig ist, an Gott zu glauben, es kann jedoch hilfreich sein. Allerdings eher, wenn dieser Glaube an Gott nicht so sehr im Für-Wahr-Halten von auf der rationalen Ebene angesiedelten Glaubenssätzen über Gott besteht, als vielmehr in dem vorrationalen Vertrauen, dass der Urgrund des Seins, ob wir ihn nun Gott nennen oder wie auch immer, uns tragen wird, wenn wir uns auf die Liebe einlassen, die aus ihm strömen will.
Copyright: Wilhelm Lotze, Berlin



111 Tugenden und Laster. Eine philosophische Revue

13. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein philosophisches Buch zum Weiter – Denken. Ein Begleiter für das ganze Jahr:

Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue.

Aus der großen Fülle philosophischer Einführungen ragt jetzt ein Buch ganz wunderbar hervor: Der in Frankfurt/M. lehrende Philosoph Martin Seel, einigen schon bekannt, etwa durch seine Studien „Paradoxien der Erfüllung“, hat nun ein neues Buch vorgelegt, das alle interessieren, ja begeistern kann (im Sinne von inspirieren), die auf dem Weg des kritischen Reflektierens sind. Und das sollten und könnten ja alle Menschen sein….
Dass Martin Seel sein Buch durchaus auch unterhaltsam meint, zeigt schon der Untertitel an: „Eine philosophische Revue“. Tatsächlich präsentiert er in seiner Revue in 111 kürzeren oder längeren „Auftritten“ (Kapiteln) 111 Tugenden, also für den Menschen positive Lebenseinstellungen bzw. „Dispositionen“ (wie Mitgefühl, Besonnenheit) und dazwischen gemischt, aber doch inhaltlich verbunden, Laster bzw. Untugenden (wie Aberglaube, Fanatismus).
Der Clou dieser positiv wie negativ besetzten Revue ist, dass alle Werte und alle Tugenden auch – ohne die vernünftige Mitte gelebt – in Untugenden umkippen können, aus Mut kann schnell „Übermut, Tollkühnheit, Draufgängertum werden“, (S. 179). Ebenso haben Untugenden und Laster auch positive Aspekte. Mit einer Ausnahme meint Martin Seel: Im Laster der Grausamkeit gibt es keinerlei noch positiv zu verstehenden Entwicklungslinien. Auf die Ambivalenz aller anderen Tugenden und Laster hingewiesen zu werden, bringt den Leser, die Leserin, sehr zu recht ins Schleudern und dann ins weitere Nachdenken, das zu einem Neu – Verständnis führen kann. So ist etwa die Faulheit (Seite 69ff) sicher eine milde Form des Lasters: „Faulheit kann aber ein Mangel an Selbstsorge sein“, andererseits kann sie auch den „ausgelassenen Genuss des Daseins“ signalisieren. Faulheit kann ein Mittel sein, sich vom destruktiven Zwang der Selbststeigerung zu befreien, wie es schon Theodor W. Adorno (S. 71) andeutete. Faulheit als Müßiggang verstanden kann sogar „aller Liebe Anfang“ sein, schreibt Martin Seel (ebd).
Wer an der Revue teilgenommen hat oder immer wieder beinahe beliebig wieder einsteigt, kann dann auf gut 40 Seiten sozusagen die innere Struktur der einzelnen Auftritte erkunden, also in das innere Leben der Tugenden hineinschauen, so, wie es Philosophen in der langen Geschichte gedeutet haben. Diese Seiten, etwas anspruchsvoller, handeln etwa von den Kardinaltugenden, das sind ja nicht jene, die etwa katholische Kardinäle haben (sollten), sondern die von lateinischen Worte CARDO herstammen und die alles entscheidenden Angelpunkte meinen, also in dem Falle unentbehrliche Tugenden, ohne die ein menschliches Leben kein menschliches Leben ist (Weisheit, Besonnenheit, Mut und Gerechtigkeit). Außerdem zeigt Martin Seel sehr schön, dass kein Mensch alle Tugenden in seiner Person vereint leben kann, ja, dass kein Mensch also „nur“ tugendhaft sein kann. Immer gibt es im Einzelleben diese Melange aus Tugend und Laster, natürlich auch bei den so genannten Heiligen der Kirche, wobei den Frommen stets von offizieller Seite vorenthalten wird, wo denn die Laster dieses Heiligen waren. Erst Journalisten kümmern sich darum und weisen etwa auf die Scharlatanerie des heiligen Pater Pio (Süditalien) hin, aber dies nur als Beispiel des Rezensenten.
Insgesamt empfehlen wir nachdrücklich das neue Buch von Martin Seel, es kann hoffentlich einen Durchbruch bewirken im Verstehen, dass Philosophie populär ist und dass dieses Thema nicht von einem ständig in allen Medien herum gereichten Star reserviert sein kann.
Hoffentlich kann man bald die 10. usw. Auflage dieses Buches melden und eine Herausgabe als sehr preiswertes Taschenbuch!
Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer Salon.
Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue. S. fischer verlag 2011, 285 Seiten.18,95 Euro

WDR 5 brachte am 13.1.2012 ein Gespräch mit Martin Seel:



Ökumene in Taizé – Hinweise und Fragen

11. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Ökumene in Taizé

In den Debatten des „religionsphilosophischen Salons“ spielen immer auch die Auseinandersetzungen mit den bestehenden Religionen und Kirchen eine Rolle.  Wer sich heute für Spiritualität aus christlichem Ursprung interessiert,  gelangt, zumal in Europa, schnell zum „ökumenischen Kloster“ Taizé in Burgund, Frankreich. Ich weise hier auf einen Beitrag hin, der am Freitag, 13. 1. 2012, in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel) erschienen ist.

 



Lebendige Spiritualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

7. Januar 2012 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Sprittualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

Zur Jahreswende 2011-2012  – Rückblick und Ausblick von Alfons Vietmeier.  Anfang Januar 2012

Unser Gastautor, der Theologe Alfons Viermeier in Mexiko – Stadt, hat im vergangenen Jahr 2011 11 aktuelle Beiträge geschrieben  aus dem Umfeld Religionen – Politik – Spiritualitäten. Anfang Januar 2012 sandte er uns seinen – wir hoffen vorläufig ! – letzten Beitrag zum Thema:“Hoffen mit Hand und Fuß“. Herzlichen Dank Alfons für deine inspirierenden Beiträge! Selbst bei den Analysen von Gewalt und Elend wurden immer wieder Perspektiven der Hoffnung erschlossen! Die anderen Artikel von Alfons Vietmeier sind nach wie vor in der Rubrik „Der andere Blick“ zur Lektüre sehr zu empfehlen, die email Adresse zur Konktaufnahme mit Alfons Vietmeier ist am Ende dieses Beitrags angegeben.

Es sind ruhige Tage zur Jahreswende in Mexiko – Stadt. Viele sind auf dem Land bei Familienangehörigen, und atmen auf für einige Tage. Denn 2011 war ein äusserst schwieriges Jahr. Ich mache einen kleinen Spaziergang durch unser Wohnviertel und frage so Diesen und Jene, was ihnen Sorgen so sind. Es ist hier leichter als in Deutschland, “einfach so” ins Gespräch zu kommen.

Eine Taxifahrerin wartet auf Kunden. Sie klagt über die ständige Erhöhung des Benzinpreises  “…und insgesamt alles wird teurer und deshalb gibt’s auch weniger Kunden. Statt so 8 bis 10 Stunden bin ich jetzt mindestens 12 Stunden hinter dem Steuer; sonst reicht’s nicht!” Schlimm für sie ist dabei, dass sie fast nicht Zeit für ihre noch schulpflichtigen Kinder hat. “Aber meine Mutter kümmert sich um sie! Ich habe das Taxi vom meinen Mann übernommen. Der war stinkfaul und zu nicht’s nutze. Vor 4 Jahren habe ich ihn rausgeschmissen und nun muss ich alleine meine Familie durchziehen…”

Der Müllwagen hält; er kommt alle 7 Tage in der Woche. Zum Erstaunen vieler Besucher aus Deutschland sieht die Stadt erheblich sauberer aus als bei früheren Besuchen. Zudem ist seit einem halben Jahr  Mülltrennung vorgeschrieben zwischen “organisch” und “nichtorganisch”. “Das klappt inzwischen. Die Leute sind lernbereit.” So erzählt mir ein junger Müllarbeiter, während aus den Häusern die Leute in grossen Beuteln ihren Hausmüll zum Wagen bringen. An dessen Aussenwänden hängen riesige Säcke, denn sofort sortieren die drei Arbeiter Glas- und Plastikflaschen und Papier – Karton. Diese werden weiter verkauft zur Wiederverwertung. “Von diesen Einnahmen leben wir, und wir sind stolz, wie sauber unsere Stadt ist!”

Auf einer Bank vor einem Kaffeeausschank an der Hauptstrasse wärmen sich 5 ältere Männer, unter ihnen Don Memo, der gegenüber eine offene Garage als Uhrmacherwerkstatt hat und damit “so leidlich durchkommt”, wie er mir sagt. Wir kennen uns; er ist Sprecher des Komitees der Ortsteilfeste. Bei einem Capuchino beginnen wir zu philosophieren: “Natürlich ist ganz viel faul in unserer Gesellschaft und es ist schwieriger und schlimmer geworden. Sicher haben viele inzwischen materiell mehr zu Hause: Kühlschrank, ein neueres Auto, Breitbildfernseher, neueste Handys und ¡Pod, ein besseres Sofa. Aber sind sie deshalb glücklicher? Wer mehr hat, engagiert sich hier im Ortsteil weniger. Sie haben einen dickeren Wagen und mehr Schulden, mehr Arbeitsstunden und Hektik, fast keine Zeit mehr für Familie und Kinder. Wie sollen diese seelisch gesund erwachsen werden? Genau das macht uns Sorgen!” Und alle nicken und erzählen weitere Beispiele. Don Chuy, ebenfalls im Komitee, fügt hinzu: “Zu Viele sind nur hinter’m Geld her. Die uns regieren, lassen sich kaufen von den Mächtigen und diese saugen sich voll. So viel hier im Land funktioniert nicht,  wegen der Korruption. Die politischen Strukturen sind überfordert, die riesigen Probleme unserer Gesellschaft korrekt aufzugreifen!” – “Also viel Pessimismus bei Euch, wenn Ihr nach vorne schaut?” – “Nein! Wir hier sind und bleiben zuversichtlich. Als vor 25 Jahren das schreckliche Erdbeben hier ganze Stadtteile zerstörte, gab es zig – tausend Tote. Die Regierung war völlig unfähig zu handeln. Wir wurden wütend und halfen uns selbst. Wir organisierten uns nach Viertel im Ort.. So ist unser Komitee entstanden! Die guten Kräfte in uns und unter uns wurden wach.” Und Emilio ergänzt: “Mit uns Menschen ist das nicht einfach. Da  gibt’s schlimme Instinkte in uns. Aber es gibt auch die wunderbaren Solidaritätserfahrungen! Genau die müssen kultiviert werden! Schau, was dieser Poet Sicilia in wenigen Monaten mit der Friedensbewegung alles bewegt hat! Keiner hier will eine blutige Revolution! Vom Herzen her beginnt Erneuerung: ein radikaler Umbruch liegt an. Es tut sich was! Es grummelt weltweit!”

 

Eine Jahresbilanz ist nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen. Die große Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung macht sich schwere Sorgen in vier vitalen Lebensbereichen. In Workshops haben wir sie erarbeitet und nennen es unser “Besorgnisviereck”. In verschiedenen Beiträgen dieser Serie sind sie genauer belegt.

Da ist vor allem die extreme gewachsende Gewaltkriminalität.  Dazu kommen weiterhin die Sorgen um Arbeit und Finanzen, prekärer geworden für die Bevölkerungsmehrheit. Die öffentlichen Institutionen mit zuviel Burokratie, Vetternwirtschaft und Korruption sind dabei immer weniger auf der Höhe der Herausforderungen. Und in all dem: ein im Altersschnitt ganz junges Mexiko tut sich unsäglich schwer, der Jugend reale Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.

Dieses “Besorgnisviereck” ist zugleich durchsetzt mit konkreten Hoffnungen. Solche haben sicher alle Menschen überall auf der Welt. In Mexiko sind sie tief verwurzelt in drei Dimensionen Wir nennen es unser “Hoffnungsdreieck”.

Zuerst und vor allem ist es die geschichtlich gewachsene Weisheit: Wir können alleine und nach der Devise “alle gegen alle” nicht überleben und weiterkommen! So ist gelebte Alltagssolidarität immer noch ein real existierender kultureller Wert. Großfamiliäre Beziegungen, Nachbarschafts- und Kollegenhilfe, Landsleute reichen sich die Hand u.s.w. All das komplexe Miteinander von dem, was wir das “soziale Netz” nennen, funktioniert immer noch, insbesondere unter den einfachen Leuten und das ist die Bevölkerungsmehrheit. Ein Grundgefühl von Zuversicht herrscht vor: “Was auch immer kommen mag und was auch immer “die da oben” machen: Wir helfen uns und kommen durch!” Das nenne ich Hoffnung mit Hand und Fuß.

In der mexikanischen Seele hat dieser kulturelle Wert auch eine religiöse Tiefendimension. Wie in verschiedenen Beiträgen der letzten Monate erläutert, ist in der weiterhin gelebten Volksfrömmigkeit der Indio- und Mestizenbevölkerung (zugleich auch die verarmte Mehrheit Mexikos) Erhebliches der vorspanischen Indioreligion präsent. Diese hat sich mit Christlichem vermischt, aber nur sehr wenig (im Unterschied zu Europa) institutionalisiert im Sinne einer Amts- und Kleruskirche. Diese wird respektiert und einige Dienste benötigt, aber der religiöse Alltag ist sozial – kulturell selbstbestimmt. Zudem hat die Säkularisierung, verstanden als sozialer Bedeutungsverlust des Religiösen durch die aufklärerische Vernunft in den westlichen Gesellschaften, in Lateinamerika in der Bevölkerungsmehrheit nicht wirklich gegriffen. Weniger als 10 % bezeichnen sich als “Atheisten”, wenn auch  quasi – religiöse Formen in einer wachsenden Konsumgesellschaft zunehmen. Jedoch für die arme Bevölkerungsmehrheit gehören Glaube, Hoffnung und Liebe gehören als Lebensessenz einfach untrennbar zum Alltag. Sie müssen deshalb auch  gemeinschaftlich gelebt und auch gefeiert werden. Zu diferenzieren ist hierbei, ob “das Religiöse” darin eine Untertanenhaltung verstärkt, d.h. “domestiziert” (um einen Begriff des grossen brasilianischen Pädagogen Paulo Freire aufzugreifen) oder ob es “befreit”, weil es um “Gottesherrschaft und seine Gerechtigkeit” (Jesus) zu gehen hat,  hier mitten unter uns und zuerst und vor allem ausgehend von den immer Zu – Kurz  – Gekommenen. Genau hier ist der Motivationskern der befreienden Praxis ungezählter Christinnen und Christen in christlichen Basisgemeinden und in Sozialbewegungen, dann auch systematisiert in der weiterhin wichtigen und nach wie vor aktuellen Befreiungstheologie.

Beides, Alltagssolidarität und religiöse Tiefendimension, ist von zentraler Wichtigkeit, wenn es eine Krisensituation gibt wie die derzeitige, etwas erklärt im “Besorgnisviereck”. Das zuversichtliche “Wir kommen schon durch, Gott sei es gedankt!” transformiert sich in “Jetzt reicht’s! Veränderung ist notwendig!” Solch sozial – solidarischer Schmerz ist immer der Beginn von Sozialbewegungen, die Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit im Blick haben. So war es in den zwei mexikanischen Revolutionen vor 200 und 100 Jahren. Ähnliches ist geschehen in fast allen lateinamerischen Ländern. Es floss viel Blut und zu rasch etablierten sich neue Mächtige, neue Unterdrücker. Das ist im kollektiven Bewusstsein. Derzeit gibt es in Mexiko fast keine Strömung, die für eine erneute gewaltsame Revolution plädiert. Es geht um die Suche nach neuen und gewaltfreien Formen von Systemveränderungen. Wiederum sei hier als zentraler Denker und zugleich als pädagogischer Praktiker Paulo Freire erwähnt, er ist gerade in der derzeitigen Umbruchssituation von grosser Aktualität.

Konkret und im Blick auf’s neue Jahr: Die in früheren Artikeln erwähnte neue Friedensbewegung greift um sich und ist ein Hoffnungsträger. Es verstärken sich ökologische Bewegungen, derzeit konzentriert auf den Schutz der Wälder gegen exzessiven Holzabbau und gegen Mega- Ausbeutung von Gold, Silber und Zink durch offenen Bergbau. Neue Formen solidarischer Wirtschaft und urbaner Ökologie wachsen, vernetzen sich und werden zu sozialpolitischen  Bewegungen mit Agenda. Hoffnung auf Veränderung verstärken auch seit Jahren die Menschenrechtsbewegung und seit jüngerer Zeit vielfälige Initiativen gegen alle Art von Diskriminierung. Die mexikanische Gesellschaft bewegt sich, und das immer mehr.

 

Ein Wort zum Schluß:

Mit diesem Beitrag endet ein Versuch, mittels 12 monatlicher Vertiefungen in eine jeweils aktuelle mexikanische Realität eine andere Kultur zu bedenken, besser zu verstehen und vor allem auch religionsphilosophische Herausforderungen für unser okzidentales Denken und Handeln zu benennen. Ich hoffe, das Mitdenken war fruchtbar.

alfons.vietmeier@gmail.com

 

 

 



Kaspar, Melchior und Balthasar und andere „apokryphe“ Gestalten

6. Januar 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wie die Apokryphen wirken

Sehr viele Erzählungen der frühen Kirche, verbreitet in zahllosen unterschiedlichen Abschriften von Ägypten über Syrien bis nach Georgien, werden „Apokryphen“ genannt, ein Titel, der von der sich ausbildenden machtvollen Kirchenführung verwendet wurde, um fromme Erzählungen als „verborgene“ oder „geheime“ Lehren zu qualifizieren.

Wenn am Tag der Erscheinung des Herrn (6. Januar) die heiligen drei Könige auch mit den Namen Kaspar, Melchior und Balthasar gefeiert werden, dann greifen die orthodoxen und katholischen Kirchen auf einen apokryphen, also in der offiziellen Sicht eher minderwertigen Text zurück,  nämlich auf das „armenische Kindheitsevangelium“, das diese Namen der drei Weisen nennt.

Auch andere, wichtigere offizielle katholische Traditionen verdanken sich den apokryphen, also offiziell abgelehnten Schriften: Etwa die Namen der Eltern Marias, der Mutter Jesu: Anna und Joachim erwähnt das Neue Testament nicht, hingegen das „Protoevaneglium des Jakobus“.  Dieser in offizieller Sicht theologisch problematische Text wurde auch für die Formulierung des katholischen Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis  Marias (Maria also ohne Erbsünde -in Anna- empfangen) entscheidend.  Im „Protevangelium des Jakobus“ wird ausführlich davon berichtet. Auch der vor allem in der Bretagne immer noch lebendige Kult um die Heilige Anna nährt sich von apokryphen Traditionen. Weltweit sind in katholischen Kirchen die Darstellungen der heiligen Anna zusammen mit Maria und dem Jesuskind  zu finden, diese Darstellungen heißen „Anna selbdritt“. In der offiziellen website der protestantischen St. Jacobi in Lübeck findet sich der erhellende und sicher theologisch korrekte Hinweis:  „In St. Jakobi  in Lübeck ist die heilige Anna als Anna Selbdritt wiedergegeben. Das heißt: Sie hält auf ihren Armen (in anderen Darstellungen auch auf den Knien) in verkleinerter Ausführung einerseits Maria und andererseits das Jesuskind. Das ist die andere Dreieinigkeit, die weibliche Gegentrinität zu Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. In der Darstellung auf dem Jakobi-Pfeiler hält nun Anna rechts ein Buch, auf dem linken Arm trägt sie Maria, die wiederum Jesus auf dem Arm hält“.

Die Heiligenverehrung, etwa Anna selbdritt als apokryphe Figur, war und ist katholischerseits sehr willkommen, sie ist etwas „fürs Volk“, das nach solcher weiblichen Gottheit sucht;  daran hält man fest, auch wenn man da offenbar dogmatisch ziemlich ins Schleudern kommen könnte. Uns freut so viel dogmatische Freiheit im Katholizismus, endlich, wenigstens bei diesen Geschichten.

Schließlich ist auch die populäre Vorstellung von der Jungfrau Maria im biologischen Sinne der Jungfräulichkeit vom „Protoevangelium des Jakobus“  massiv unterstützt. Der Autor dieser sehr populären und in viele Sprachen übersetzten apokryphen Erzählung beschreibt sogar, wie eine Hebamme die biologische einwandfreie Jungfräulichkeit Marias NACH der Geburt Jesu feststellt.

Diese Zusammenhänge sind religionswissenschaftlich interessant, weil sie die tiefe Verbundenheit sogenannter orthodoxer bzw. katholischer Lehren mit volkstümlichen Texten zeigen, die als Apokryphen hoch feierlich abgelehnt werden. copyright: christian modehn berlin.

 



Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Ein Salonabend

6. Januar 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Wir freuen, dass diesmal eine Freund unseres Salons auch ein einleitendes Statement hält mit dem Titel: „Vernunft und Religion aus Sicht eines praktizierenden Muselmanen“. Der Begriff „Muselmane“ ist bezogen auf die damalige Sprachwelt.