Monatsarchiv



Die Sprache der Musik. Ein Weg in die Transzendenz? Zu einem Religionsphilosophischen Salon

29. September 2014 | Von | Kategorie: Denkbar

Sprache der Musik – Sprache der Transzendenz? Ein Abend im Religionsphilosophischen Salon Berlin (am 26.9.2014)

Hinweise von Christian Modehn

Wir haben uns viel vorgenommen, in diesem Salonabend mit dem Komponisten und Saxophonisten Joachim Gies (Berlin). Seine Wort-Beiträge, seine Musik, die wir hörten, seine Präsenz waren für die meisten TeilnehmerInnen eine Öffnung hin zu der Einsicht und dem Erfahren, dass Musik eine Sprache ist mit einer eigenen weiten Ausdruckskraft. Bezeichnend dafür ist der Bericht von Joachim Gies, wie er bei seinen Reisen in Sibirien und der Mongolei mit Menschen musikalisch kommunizierte; wie er also seine Musik spielte und seine Freunde dort darauf antworteten auf musikalische Weise. Und sie verstanden einander; das Verstehen musste nicht noch in begriffliche Sprache, in Worte, übersetzt zu werden. Musikalisch miteinander sprechen: eine Perspektive, die so viele sich wünschen, die aber so wenige wohl erreichen (auch aufgrund mangelnder Kenntnis, Instrumente selbst zu spielen usw.).

So bleibt für die meisten wohl die Frage: Was bewegt sich in mir beim Hören der Musik? Was lässt mein Leben wachsen und verwandeln durch die Musik, die ich gerade höre? Oder wohl treffender gefragt, wenn das Hören intensiv ist als eine Art Mitleben mit der Musik, eine Art Eintauchen in die Musik: Was habe ich da gerade vor einigen Minuten in dieser Symphonie eigentlich gehört? Das bloße Eintauchen in die Musik und das Verweilen in ihr kann ja nicht alles sein, meine ich.

Im Anschluss daran möchte nur einige Hinweise geben und auf Themen aufmerksam machen, die uns in unserem philosophischen Salon auch bewegt haben.

Was meinen wir, wenn wir so oft und so selbstverständlich sagen: Musik ist eine Sprache? Um da weiter zu kommen, müssen wir uns selbstverständlich lösen von dem allgemeinen Vorurteil, Sprache sei immer nur begriffliche Sprache, Reden in Worten. Sprache hingegen ist die Urform des Ausdrucks des Menschen anderen Menschen gegenüber und auch sich selbst gegenüber: Insofern ist Sprache auch Zeichensprache, Sprache ist Tanz, Sprache ist Schweigen, Sprache ist Musik machen, Sprache ist Gehen, Sprache ist Sich-Bewegen usw.

„Musizieren“ ist eine Form und eine Gestalt von Sprache und Sprechen. In ihr drückt sich der Komponist aus, sagt also musikalisch, wie er sich befindet. Musik „machen“, also „komponieren“, ist ja mehr als das Wort komponieren sagt, im Sinne eines „Zusammensetzens“, componere, von Tönen in einer bestimmten Abfolge. Musik ist keine Mathematik, sie weckt keine Freude daran, sozusagen bloß die Qualität der Quinten oder Quarten zu erleben in ihrem Aufeinanderbezogensein…

Aber, und das ist meine Meinung, alle Formen von Sprache, auch jene, die sich nicht begrifflich äußern, sind „immer schon“ geistig begleitet durch die stille Anwesenheit des Begrifflichen. Wenn der Geist auch als die Fähigkeit des Begrifflichen nicht immer schon bei jeder sprachlichen Äußerung (Musizieren, Tanzen, Sich bewegen usw.) anwesend wäre in seiner Fähigkeit, etwas Erlebtes als etwas Erlebtes zu benennen, dann wüssten wir gar nicht, dass und was wir musizierend hören, dass und in welcher Form wir tanzen usw. Das heißt: Das begriffliche Moment ist in jeder Form menschlichen Sprechens, auch still und verschwiegen im Musikhören anwesend, oft unbewusst. Aber das Begriffliche kann nach dem Hören der Musik und nach dem Eintauchen in die Musik dann doch „zum Durchbruch“ kommen: Ich kann dann sagen, wie mich die Musik bewegte. Vielleicht haben sich beim Hören der Musik schon bestimmte Stimmungen eingestellt, die wir dann im Hören andeutend begrifflich fassen, bereits „eingeschlichen“, etwa: „wie traurig“, „eine Erhebung“, „eine Bewegung“, „ein Abbruch“ usw. Wer das Requiem von Mozart hört, geht verwandelt aus der Musik heraus. Und er kann dann wenigstens in einem Wort sagen, wie und warum er verwandelt aus dem Requiem von Mozart herausgeht: „Ich bin getröstet“. „Ich blicke wieder neu auf den Tode“ etc…Sonst wäre das Hören der Musik in der Weise des „l art pour l art“, also spielerisches (banales) Spiel.

Damit wird in meiner Sicht der Nachdruck darauf gelegt, dass die Sprache der Musik keine von allem sonstigen geistigen Leben losgekoppelte, sozusagen autonome und in sich ruhende (total unbegriffliche) Welt ist. Auch die Musik gehört zur Welt des Geistes und damit wenigstens elementar zur Welt der begrifflichen Sprachlichkeit. Wir wollen uns doch schließlich austauschen über das Gehörte, wobei wir nicht nur über den mathematischen Zusammenhang von Quinten und Oktaven sprechen, sondern über den geistigen Gesamteindruck eines Cellokonzertes von Haydn oder eines Klavierstücks von Satie…

Aber inwiefern kann Musik auch eine Sprache der Transzendenz sein? Da hängt alles davon ab, wie wir Transzendenz verstehen. Es ist schon wichtig, Transzendieren als den ständigen Überschritt des Geistes über alles Gegebene und Vorfindliche zu begreifen. Wir gehen ständig über unsere kleine Welt hinaus, denken weiter, denken an morgen und die fernere Zukunft, denken an den Tod, denken an das endgültige Ende oder den Übergang usw. Musik ist eine Sprache, die uns oft hilft, aus den Verklammerungen an das bloß Gegebene und Vorfindliche hinauszukommen. Musik hilft uns hinweg über die kleinlichen Fixiertheiten auf den Alltag im Jetzt, Musik treibt ins Weite, öffnet, lässt uns manchmal rasend machen im Überschreiten der Grenzen. Musik ist Sprache, in der wir eben lebensmäßig und praktisch „Transzendieren“.

Entscheidend ist jetzt in meiner Sicht: Das Transzendieren ist eine Kraft des Geistes, die etwas Wunderbares ist, die uns staunen lässt darüber, was sozusagen alles in uns steckt an schöpferischer Kraft des Übersteigens. Diese in uns anwesende Kraft IST das von uns nicht Zerstörbare, insofern Absolute, insofern Göttliche, wenn man denn davon schon an dieser Stelle der Überlegung sprechen will. Das Göttliche ist also gerade nicht in einem fernen Himmel. Das Göttliche ist IN uns als die unbesiegbare (unabwerfbare) Kraft des ständigen und ruhelosen Überschreitens. Dann erkennen wir durch die Musik: Wir SIND Überschreiten. Wir überschreiten uns selbst. Dank der Musik.

 

Diese Gedanken werden wir in unserem philosophischen Salon weiter besprechen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Von der Frömmigkeit des Denkens. Der Text einer Radiosendung auf NDR Kultur am 21.9.2014

28. September 2014 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Von der „Frömmigkeit des Denkens“ ist der Titel eines Essays in der Reihe „Glaubenssachen“ auf NDR Kultur. Zur Lektüre des Beitrags, der am 21.9. 2014 um 8.40 Uhr gesendet wurde, klicken Sie bitte hier.   Das Manuskript des NDR sollte nur für private Lektüre genutzt werden.

Ein Wort zum Thema der Sendung: Philosophie ist in meinem Verständnis elementar und ursprünglich Philosophieren, also selber aktiv philosphisch denken. Der lebendige Vollzug bestimmt das, was dann sozusagen später Philosophie als akademische Disziplin oder als Titel für eine Buchproduktion usw. auch sein kann. Zuerst kommt das lebendige Denken im Dialog mit sich und anderen, dann das Gedacht-Niedergeschriebene.

In dieser Hinsicht haben wir viel dem französischen Philosophen Pierre Hadot zu verdanken. Auf ihn weist dieser Beitrag im NDR empfehlend hin. Wer sich heute in der philosophierenden und philosophischen Szene umsieht, bemerkt: Pierre Hadot ist keineswegs der einzige, der für Philosophie als eine Form geistlicher und geistiger Übung eintritt, der also Philosophie als Lebensform definiert.

In der empfehlenswerten Zeitschrift „Philosophie Magazin“, Ausgabe Okt. Nov. 2014, Seite 67 ff. erläutert der weithin geschätzte kanadische Philosoph Charles Taylor, Montréal, was für ihn Philosophie bedeutet. In einem Interview mit Wolfram Eilenberger grenzt er sich zuerst ab vom „Positivismus des sogenannten Wiener Kreises“ (S. 68). Die selbstverständlich abstrakten Analysen der formalen Logik irritierten den jungen Studenten Taylor in Oxford und ließen ihn, wie er sagt „ziemlich verzweifelt“ zurück. Erst durch die Begnung mit dem Werk von Maurice Merleau-Ponty „begann mein Weg“.

Und dann folgen die entscheidenden Sätze, die auch Pierre Hadot unterschrieben hätte (wir selbst, unbescheidener Weise eben auch): „Ich denke, die Kernfrage der Philosophie ist und bleibt: Wie soll man leben? Das war schon in der Antike ihr Zentrum. Im Zuge ihrer Professionalisierung und auch Akademisierung hat die Philosophie diese Frage aus den Augen verloren. Die Beschäftigung mit erkenntnistheoretischen Problemen verkam zum reinen Selbstzweck“ (ebd.) Und mit diesem „Selbstzweckcharakter“ (also „keine Relevanzhaben“)  der Philosophie hat Charles Taylor in seinem umfangreichen Werk Schluß gemacht. Und dann folgt in dem Interview ein Hinweis auf den Kernpunkt im Denkens Taylors: „Es ist die dialgische Konzeption des Menschen“.

Wir empfehlen dringend die Lektüre des Interviews im ganzen, weil dort auch das praktische politische Engagegement dieses großen Denkers aus Montréal deutlich wird. Etwa: „Das entscheidende Kriterium zur Beurteilung erfolgreicher Integration (von sogen. Immigranten in Kanada) ist das Schicksal der zweiten Generation, also der Kinder der Einwanderer. Hier sind die kanadischen Ergebnisse erfolgreich“…. und zwar deswegen, weil es eine gesetzliche Kindergartenpflicht gibt, in der alle Kinder, aber auch alle, in der Provinz Québec miteinander nur Französisch sprechen. „Diese Kindergartenpflicht sollte (auch in Deutschland, meint Tylor, CM) gesetzlich verordnet werden, bei der Schulpflicht ist das ja unstrittig“ (S. 70).

Für religionsphilosophisch Interessierte ist es wichtig, erneut zu erfahren, dass sich Charles Taylor als Philosoph durchaus als praktizierender Katholik versteht. Aber er erklärt diesen Begriff auf eine kluge, philosophisch vermittelte individuelle Art: Nicht die Lehrsätze der Kirche findet Taylor bedeutend und für wahr zu halten. „Vielmehr gibt es eine andere Weise, sich zu einer Religion zu bekennen. Sie ist im Christentum besonders traditionsreich, nämlich das religiöse Leben als einen WEG oder eine REISE zu verstehen, und den Gläubigen als einen Suchenden“ (S. 67).  Glauben als Suchen und Fragen, eine Auffassung, die heute auch von einigen weitblickenden katholischen Theologen geteilt wird, wie besonders Tomas Halik in Prag.

Demzufolge wäre der Vorschlag der religiös interessierten Philosophen an die oberste Glaubensbehörde in Rom, sich umzubennen: Die Behörde des äußerst konservativen Kardinals Müller sollte also heißen „Religiöses Institut fürs Fragen und Zweifeln im Christentum/Katholizismus“.  Kardinal Müller wäre dann der Mitdenker der Fragenden, und er müßte beginnen, an seiner eigenen erstarrten Theologie selbst zu zweifeln. Das wäre heilsam, wohl nicht nur für ihn allein und den Kreis seiner anderen Dogmatiker und „Wahrheitsschützer“.

 

copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

 



Zwei Opus-Dei-Bischöfe von Papst Franziskus abgesetzt.

27. September 2014 | Von | Kategorie: Dominikanische Republik, Religionskritik

Selbst das Opus Dei wird nicht mehr geschützt und protegiert: Zwei Opus Dei Bischöfe wurden von Papst Franziskus abgesetzt

Von Christian Modehn

Das ist eine Sensation: Das Opus Dei, vor dem alle (höheren) Kreise innerhalb der römischen Kirche weltweit Angst haben (aufgrund der üblichen Einschüchterungen etc.), dieses  Opus Dei also, ein ultra-konservativer katholischer Geheimclub internationaler Ausbreitung, wurde bislang im Vatikan hofiert. Der polnische Papst war der oberste Freund dieses Geheimclubs. Der Opus-Gründer wurde von Johannes Paul II. in schnellstem Verfahren zum Heiligen erklärt. Die obskure Theologie und Spiritualität des „Gründer-Vaters“ Josemaria Escrivà de Balaguer y Albas ist seit langem bekannt und weltweit dokumentiert, auf Deutsch etwa in den Studien von Peter Hertel.

Nun aber, dies ist sensationell, hat als „oberster Katholik“ Papst Franziskus SJ seine eigenen Ängste vor dem allmächtigen Opus Dei überwunden und einen Bischof aus Paraguay, Mitglied des Opus, abgesetzt: Bischof Rogelio Livieres aus Ciudad del Este (Paraguay) wurde am 24. 9. 2014 von Papst Franziskus seiner Ämter enthoben: Livieres Vergehen:  Er hat einen offenkundig „pädophilen“ Priester (Carlos Urrutigoity) in sein Bistum ohne weiteres aufgenommen und ihm so Zuflucht geboten und ihn so unterstützt. Zudem hat Bischof Livieres eigenmächtig für sein Bistum die weltweit übliche, vom Papst vorgeschriebene (!)  Ausbildungszeit für Priester von 6 Jahren auf 4 Jahre reduziert. Und er hat einem in die argentinische Militärdiktatur als Täter involvierten Priester (Aldo Vara) in seinem Bistum Zuflucht vor dem Zugriff der Gerichte geboten. Vara ist inzwischen in Paraguay verstorben. Bischof Livieres, so berichten konservative bzw. traditonalistische Medien, habe in „seinem“ Bistum an sehr vielen Orten die Messe in der Form des 16. Jahrhunderts (Trientiner Konzil) gefeiert, er sei also nicht nur Opus Dei Mitglied, sondern in gewisser Weise auch ein „halber“ Traditionalist (à la Lefèbvre). So wirft diese Absetzung durch den Papst auch ein Licht auf den Umgang mit den (Halb) Traditonalisten.

Schon früher hat Papst Franziskus keine Angst gehabt, einen anderen Opus Dei Bischof abzusetzen: Es traf den Weihbischof im peruanischen Ayacucho, Gabrino Miranda Melgarejo, dieser Opus Dei Bischof wurde wegen „pädophiler“  Aktivitäten abgesetzt.

Angesichts des Mutes des Papstes fällt der Gedanke leicht, wie viele Gegner, wenn nicht Feinde, sich Franziskus allmählich in Rom durch sein mutiges Handeln schafft. Diese Opus Dei – Herrschaften haben sehr viel Geld und sehr viel Macht und sehr viel politischen Einfluss: Man denke, nebenbei, u.a. an eine der vielen Opus Dei Universitäten, etwa die „Santa Croce Uni“ in Rom, wo Msgr. Gänswein (Vertrauter von Benedikt XVI.) vor einigen Jahren als Dozent lehrte und wo Rainer M. Woelki, Kardinal in Köln,  seinen Doktortitel in Theologie („Über die Pfarrei“) erhielt.

Dieser Beitrag versteht sich in dem Religionsphilosophischen Salon als ein kleiner weiterer Hinweis auf die Kämpfe innerhalb der römischen Kirche, es sind die Kämpfe ähnlich wie zu Zeiten Voltaires, als um eine vernünftige Gestalt der christlichen Religion (damals auch vergeblich) gerungen wurde.

 Nachtrag am 28.9.2014: Wir haben vielleicht etwas übereilt eine gewisse Distanz von Papst Franziskus gegenüber dem Opus Dei herausgearbeitet. Denn am Samstag, dem 27.9. 2014, wurde die Seligsprechung des Opus Dei Führers Bischof Alvaro del Portillo in Madrid feierlich begangen. Als unter Johannes Paul II. der Geheimbund Opus Dei zur neuen und sonderbaren Rechtsform einer selbständigen Prälatur erhoben wurde (also ausserhalb der Verantwortung der Ortsbischöfe handelnd), war Herr del Portillo (enger Freund des Gründers, des heiligen Balaguer) sozusagen der erste herrschende Oberprälat. In seiner Grußbotschaft zu diesem neuen Seligen, auf dessen offizielle Verehrung und Anrufung an Gottes Thron angeblich tausende Katholiken gewartet haben, hat Papst Franziskus in vielen Worten del Portillos „Liebe zur Kirche“ usw. usw. rühmend gewürdigt, so, wie es die Opus Dei Leute wohl hören wollten. Etwas nachdenklich stimmt uns neben den eher schwülstigen Worten des Papstes diese Stellungnahme von Papst Franziskus: Der neue Selige zeige, dass es wichtig sei, „keine Angst zu haben, gegen den Strom zu schwimmen und auch für das Evangelium zu leiden“. Diese wenigen Worte klingen fast so, als habe Papst Franziskus an seinen eigenen Nachruf gedacht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das Christentum auf den „Punkt gebracht“: Was ist wesentlich, inspirierend, am christlichen Glauben ? Ein Vorschlag im RBB Kulturradio am 12. Oktober um 9.04 Uhr

21. September 2014 | Von | Kategorie: Termine

RBB Kulturradio am 12. Oktober 2014 um 9.04 Uhr

Der Glaube auf den Punkt gebracht

Über das Wesen des Christentums

Von Christian Modehn

Die Frage, was ist denn eigentlich wesentlich im Christentum, im Sinne von entscheidend und damit auch möglicherweise anregend für eine Lebensorientierung, diese Frage bewegt doch noch viele Menschen. Diesem Thema ist die Sendung gewidmet.

Der Hintergrund: Wenn die Kirchen arm werden und an der Seite der Ausgegrenzten leben wollen, dann dürfen sie nicht mit einem komplizierten System aus Dogmen und Moralprinzipien „glänzen“. Diese Überzeugung vertritt mit Leidenschaft Papst Franziskus. Dabei wiederholt er alte theologische Weisheit: Der christliche Glaube ist einfach. Er hat seinen Mittelpunkt in einigen zentralen Erfahrungen von Sinn und Befreiung. „Man muss nicht Theologie studieren, um glauben zu können“, betont der protestantische Theologe Christoph Markschies von der Humboldt Universität, „das Wesen des Glaubens lässt sich in wenigen Worten aussagen“. Die „Kurzformeln des Glaubens“ werden wieder aktuell, der katholische Theologe Karl Rahner hat sie entwickelt. So werden Menschen ermuntert, persönliche „Glaubensformeln“ zu formulieren. Sie nennen das, worauf es wirklich ankommt.

Die zentrale Aussage der Sendung wird damit schon angedeutet: Eigentlich ist der christliche Glaube etwas sehr einfaches, und keineswegs dieses riesige ungetüme Lehrsystem, als das er oft sich präsentiert. Und damit stellt sich das Christentum auch dem philosophischen Gespräch. In diesem Beitrag kommt u.a. der bekannte Theologe Karl Rahner SJ zu Wort sowie der brasilianische Kardinal Evaristo Arns (Sao Paulo), der die Menschenreche als den Kern des Evangeliums versteht … und lebt.



„Mr. May“ – ein philosophischer Film. Eine Empfehlung

8. September 2014 | Von | Kategorie: Denkbar

„Mr. May“ – ein philosophischer Film

Trauer um die Vergessenen – Gemeinschaft der Verstorbenen.

Eine Empfehlung von Christian Modehn

Philosophie lebt überall. Keineswegs nur in Büchern, auf denen das Stichwort Philosophie zu lesen ist. Es ist keine Frage: Philosophie lebt auch im Film, sicher in jenen, die leibhaftige Menschen in den Freuden und Nöten der Existenz zeigen. Damit aber lebt Philosophie tatsächlich in den meisten Filmen. Selbst in der populären Fernsehserie „Tatort“ gibt es philosophische Dimensionen, die jetzt eigens in einem Buch bewusst gemacht und kritisch reflektiert werden („Tatort und die Philosophie“, Klett Cotta, 2014).

Aber es gibt eben auch einige Filme, die schon explizit die Qualität des intensiv Philosophischen haben, also solche Filme, die der Zuschauer nicht schnell vergisst, die noch Tage später bedacht werden, wenn sich neue Erkenntnisse bilden, die man beim Betrachten nur unbewusst wahrgenommen hat. Es sind Filme, die anrühren, die Gefühle wecken, etwa wenn sich Erschrecken zeigt über Entfremdung und Langeweile, wenn Tränen kommen angesichts offenbarer Hoffnungslosigkeit und sich die Sehnsucht meldet nach einer doch heilen Welt, in der Erlösung mehr ist als ein Wort.

Der schwedische Regisseur Roy Andersson hat jetzt in Venedig den „Goldenen Löwen“ erhalten, verdientermaßen, keine Frage, alle Freunde seiner Filme sind begeistert. Roy Andresson ist sicher ein philosophischer Regisseur und Autor. Sein wunderbarer Film „Das jüngste Gewitter“ (2007) ist nicht nur unvergessen, es bietet Themen für lange philosophische Debatten, allein der Song bei einer Begräbnisfeier „Ich habe von einer Stadt über den Wolken gehört“ könnte Anlass bieten für religionsphilosophische, um nicht zu sagen spirituelle Meditationen. Aber der ganze Film ist philosophisch, voller Fragen, voller verschiedener Wirklichkeitsebenen…Schon dieser Film schon ist ein Beweis, dass religiöse und spirituelle Fragen eben sehr eindringlich (und oft viel besser) gerade außerhalb der Kirchen und ihrer Institutionen zur lebendigen Darstellung kommen. Und solche Filme wirken im Bewusstsein und Nachdenken länger und prägender als die vielen „immer selben“, meist rituell erstarrten Gottesdienste. Spiritualität lebt selbstverständlich außerhalb der Kirchen, man muss nur genau hinschauen…

Auf Anderssons neuesten, preisgekrönten Film „A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence“ werden wir noch zu sprechen kommen, wenn er in Deutschland hoffentlich alsbald in den Kinos gezeigt wird.

Schon jetzt zu sehen ist ein nicht weniger explizit „philosophischer Film“, der dringend empfohlen wird: Es ist das Werk von Uberto Pasolini „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“. Erzählt wird die Geschichte des John May (Eddie Marsan in seiner ersten Hauptrolle, großartig dargestellt). Er arbeitet als bescheidener, stiller, korrekter Beamter für die städtische Behörde in London als „funeral officer“ : Er kümmert sich ausschließlich um die total vereinsamt verstorbenen Menschen, die niemanden hatten, die deswegen niemand vermisst … und zu deren Bestattung auch niemand erscheint. Immer dabei in den Friedhofskapellen ist Mr. May. Aber er ist mehr als der „berufsmäßig Trauernde“! Er ehrt gewissermaßen „seine“ Verstorbenen in einem fein säuberlich angelegten Fotoalbum, das er zu Hause hegt und pflegt. So bewahrt er „seine einsamen Toten“ vor dem Vergessen. Dabei ist Mr. May selbst ein einsamer Mensch, er wirkt eingesperrt in seine winzige Wohnung und sein kleines Büro. Aber er ist dadurch frei und lebendig, dass er die Toten ehrt und ihrer gedenkt. Von Religion ist insofern die Rede, als die Bestattungen (einziger Trauernder immer Mr. May) von Pfarrern geleitet werden. Diese, so die Botschaft, sind sich nicht zu fein, um solche „Soziabegräbnisse“ zu leiten. Immerhin! Und Mr. May leidet wortlos unter dem totalen Desinteresse der Angehörigen, an dem Begräbnis eines ihrer „Lieben“ teilzunehmen…

Der deutsche Titel „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ weckt ja bereits spirituelle Interessen, der englisch Titel heißt schlicht „still life“, „Stillleben“ klingt viel nüchterner. Der englische Titel hebt ab auf das ruhige, vielleicht schon Erstarrte im Leben des John May. Als er seine Arbeit wegen der üblichen „Rationalisierung“ verliert, protestiert er nicht, er wehrt sich kaum, lediglich am letzten Arbeitstag wagt er eine kleine Rache an seinem arroganten technokratischen Chef.

Aber das ist nur die eine Seite, geradezu leidenschaftlich forscht er – nun schon entlassen- nach den Angehörigen eines Verstorbenen, er trifft nach langem Suchen dessen Tochter, erste freundschaftliche Gefühle werden wach in dem so schüchternen „funeral officer“. Die Schlussszene ist ergreifend, anrührend. Sie vergisst man nicht, sie sollte man diskutieren. Inhaltlich wollen wir hier noch nicht mehr sagen: Jedenfalls hat wohl diese Schlussszene auch zum Titel der deutschen Version inspiriert. Hier kommen spirituelle Dimensionen ohne jeden Kitsch, unaufdringlich, ins Bild.

Die Entlassung Mr. Mays aus dem Dienst wird mit der Rationalisierung begründet. Ein unangenehmer junger Bürokrat und Vollstrecker von Sparmaßnahmen, also der Chef, sagt zu dem rührend, um jeden einzelnen Toten bemühten Mr. May sinngemäß: „Diese Toten brauchen niemanden mehr, der noch anwesend ist bei den Trauerfeiern, zu denen niemand sonst kommt. Diese Toten brauchen niemanden, der sie bis zur letzten Ruhestätte begleitet“. Hier wird der Zorn wach über so viel Impertinenz und Verachtung, über so viel Absolutsetzung des bloß Nützlichen: Die angeblich überflüssige Trauer um vergessene Menschen lohnt sich also nicht. Das kalte Gesicht des Kapitalismus zeigt sich auch hier einmal mehr.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin