Religionskritik

In der Rubrik „Religionskritik“ sind einige Texte versammelt, die auf einen Schwerpunkt philosophischer Kritik hinweisen.



Der Übermensch ist wieder da. Ein Hinweis zum Mentalitätswandel in Deutschland

21. Januar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik

Der Übermensch ist wieder da.

Ein Hinweis zum Mentalitätswandel in Deutschland, anlässlich einer Schrott-Mail zum Thema Feindesliebe.

Von Christian Modehn

„Der Übermensch“ ist wieder da und wird (wie in der Nazi-Zeit) als Vorbild und Ideal beschworen. Jene höchst umstrittene Symbol-Gestalt der Philosophie Nietzsches, die so selten im Sinne Nietzsches verstanden wird, aber so oft “populistisch“ mit Herrschaft des Stärkeren, mit Rücksichtslosigkeit „der weißen Rasse“, identifiziert wurde und wird. Weil bestimmte Leute hierzulande meinen, diesen Übermenschen als Alternative zum liebenden, toleranten, friedfertigen Menschen (im Sinne der authentischen Lehren Jesu oder Buddhas und vor allem im Sinne der Erklärung der Menschenrechte) durchsetzen zu müssen.

Dieser hässliche, absolut egoistische Herren- und Übermensch ist also wieder da! Explizit, sichtbar. Und er taucht plötzlich zwischen den Zeilen auf, in Hass und- Schrott-emails, die z.B. geschrieben werden auf einen Beitrag in unserer website zum Thema Feindesliebe im Sinne Jesu. Da schreibt ein offenbar hoch nervöser, das sieht man an der Orthografie, aber offenbar nicht verwirrter älterer Mann dem Redakteur dieser website zum genannten Beitrags zur Feindesliebe: Ich zitiere jetzt wörtlich, und diese Worte sollte man trotz ihrer hässlichen und beleidigenden Polemik einmal wahrnehmen als einen Ausdruck für heutiges Denken in Deutschland im Jahr 2016: „Ich bin nur noch enttäuscht von so einer Antwort. Feinedsliebe, das ich nicht lache. Diese widerwärtigen Asylanten, die unsere Freiheit, Gewalt ausüben, Frauen verachten,  bedrohen auch noch lieben ?!. Das ist schizophren. Da liebe ich eher Zarathustra“. Soweit also die Auslassung eines Herrn, der mit Vornamen HJ. unterzeichnet, der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Zarathustra ist im Sinne Nietzsches, wie jeder weiß, der Lehrer des Übermenschen. Wir wollen hier die manchmal widersprüchlichen Hinweise zum Übermenschen in der philosophischen Poesie Nietzsches nicht weiter ausführen, es ist bekannt, dass Nietzsche schon in „Jenseits von Gut und Böse“ vom Übermenschen spricht. Nur ein Hinweis des Nietzsche Spezialisten Giorgio Penzo in „Nietzsche Handbuch“, Metzler Verlag, 2000, Seite 342: „Der Übermensch kann als die Chiffre für die authentische Dimension des Menschen angesehen werden“. Also: „Der“ Übermensch ist keineswegs im Sinne Nietzsches das absolute Herrscherwesen eines europäischen Egoismus. Als ein solcher geistert er in den Köpfen und Seelen jener herum, die damit ihre Vorurteile gegen Toleranz und universale Menschlichkeit kaschieren und ideologisch ausschmücken.

Aber um die Nietzsche-Interpretation geht es hier nicht: Es geht um den Wechsel der Werte: Nicht mehr der tolerante, friedfertige selbstkritische, Notleidenden (Flüchtlingen) helfende Mensch steht als Ideal vor Augen, sondern eben der Übermensch, die Herrschergestalt, die ein Oben und ein Unten kennt. Und wertvolle von nicht-so-wertvollen Menschen unterscheidet. Und wer für biblische Werte, wie Feindesliebe, eintritt, wird von diesen Leuten diskriminiert…

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



„Ich bin Charlie Hebdo“. Meinen sie wirklich, was sie da sagen?

5. Januar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

„Ich bin Charlie“: „Je suis Charlie“.   Meinen sie wirklich, was sie sagen?

Zur Lektüre  empfohlen, ein Jahr nach der Ermordung der Journalisten und Künstler von „Charlie Hebdo“.

Veröffentlicht am 6 .1. 2016.  Zum ersten Mal veröffentlicht am 8.1.2015.

Von Christian Modehn

„Je suis Charlie“: Mit diesem Bekenntnis sind viele tausend Menschen in Frankreich seit dem Abend des 7.Januar auf die Straße gegangen. Sie wollen sich in aller Deutlichkeit solidarisieren mit den Journalisten und Künstlern der Wochenzeitung „Charlie Hebdo“, die einem grauenhaften Mord (treffender wäre das Wort „Abschlachten“) zum Opfer fielen. Das Bekenntnis „Je suis Charlie“ wird jetzt auch außerhalb Frankreichs öffentlich gebraucht: Sogar die „Berliner Morgenpost“ aus dem Hause Springer (!) setzte diesen Spruch am 8.1. auf ihre erste Seite. Will Springer den Geist der Charlie Hebdo „übernehmen“?

Natürlich ist es bewegend und großartig, wenn sich so viele Menschen und Medien mit den Hinterbliebenen und den noch lebenden Mitarbeitern der Zeitschrift solidarisieren, wenn sie sich sogar selbst mit der Zeitschrift Charlie identifizieren. Denn das ist doch wohl auch gemeint: Ich bin „Charlie Hebdo“, also: In mir lebt –sozusagen – „Charlie Hebdo“ weiter.

Wenn dieses Bekenntnis mehr sein soll als eine plötzlich aufwallende, aber alsbald wieder verschwindende Form von verwandelter Trauer und Wut, dann müssen doch die Konsequenzen eines so beachtlich-schönen Bekenntnisses deutlich werden und den Bekennern auch explizit bewusst gemacht werden:

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zur radikalen Form der Religionskritik, die sich öffentlich äußert und angesichts der Überflutung durch die Medien eben drastisch und auffällig zeigen muss, eben wie es Charlie Hebdo tat und wohl weiterhin auch machen wird. Religionskritik in „Charlie Hebdo“ war provozierend, aber klug, sie befreite von Tabus, schuf Raum für neues Denken.

– bekennt sich zur Möglichkeit, selbst bis an die Grenze der Gotteslästerung Religionskritik zu üben. Denn leitend für die Leute von Charlie ist die Überzeugung: Den Gott als Gott (wenn es ihn denn gibt, in der Sicht der Journalisten dort) kann kein Mensch „lästern“. Gotteslästerung ist nur eine andere, zugespitzte Form, allzu menschliche Gottesbilder und allzu menschliche, d.h. schon korrupte und politisch instrumentalisierte Frömmigkeitsformen zu kritisieren. Für diese Kritik sollten auch die Frommen dankbar sein, weil sie auf den Weg eines tieferen und selbstkritischen Glaubens geführt werden. Die meisten Frommen haben bisher dafür wenig Verständnis. Selbst die Christen können nicht mit Humor auf ihre eigenen fehlgeleiteten religiösen Praktiken schauen. Sie können z.B. über ihr eigenes frommes Tun und Gehabe nicht laut lachen. Welcher Bischof lacht schon, wenn er seine Mitra aufsetzt, den Ring ansteckt und dann betulich durch die Kirche schreitet? Verärgerte Katholiken ziehen angesichts der „Lästerungen“ oft vors Gericht. Meist scheitern sie dort. Nicht weil die Rechtsprechung in einer Demokratie „atheistisch“ ist, sondern weil man weiss: So furchtbar tief beleidigt sind die religiösen Menschen von Karikaturen doch nicht. Vor zwanzig Jahren haben katholische Fanatiker noch Kinosäle in Paris in Brand gesetzt, in denen der religionskritische Film „Je vous salue Marie“ gezeigt wurde. Aber die Zeit dieser christlichen Gewalt in Westeuropa ist wohl vorbei…Gewalttätig sind die Christen nur noch „geistig“, d.h. ungeistig mit rigiden sexual-ethischen Verboten.

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zu der Erkenntnis, dass wichtiger als konkrete Religion, wichtiger als alle Dogmen und Gebote, wichtiger als alle so genannten heiligen Schriften die MENSCHLICHKEIT ist, die uns Menschen, so unterschiedlich wir auch sind, VERBINDET und zur Gestaltung einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft aufruft. Religion und Dikatatur welcher Art auch immer sind nicht vereinbar: Auch das ist die Botschaft von „Charlie Hebdo“.

– bekennt sich zu der Aufgabe und Pflicht: Pflegen wir alle Formen der Menschlichkeit, also der Toleranz und des Respekts vor dem Leben eines jeden an erster Stelle und legen wir doch bitte einmal für mindestens 10 Jahre alle dogmatischen Streitigkeiten („Ist Gott dreifaltig oder nur einer, ist die Bibel und ist der Koran eine heilige, unantastbare Schrift“ usw) beiseite. Lassen wir doch mal den religiösen Eifer etwas ruhen! Und planen wir stattdessen eher gemeinsame Veranstaltungen zur Entwicklung der Menschlichkeit.

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt, „ich bin Charlie“ sagt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zu einer staatlichen Ordnung, in der die Menschenrechte an oberster Stelle stehen, in der die Religionen und ihr Einfluss an zweiter Stelle stehen.

– bekennt ich zu dem Auftrag, die Menschen in dieser Weise zu bilden.

– bekennt sich zu der Einsicht, dass jeder seine persönliche Frömmigkeit, so unterschiedlich auch immer, bitte eher privat oder in religiösen Räumen vor allem pflegen sollte. Immer von der Frage geleitet: Ist meine Frömmigkeit kompatibel mit den Menschenrechten, ist sie kompatibel mit der Grundtendenz des heiligen Textes, den ich verehre? Für Christen wie für Juden und Muslime könnte doch die gemeinsame Erkenntnis gelten: Unser jeweiliger Gott will vor allem Frieden auf Erden. Diese Erkenntnis ist bekannt und tausendmal theologisch belegt. Es gilt sich an diese unzweifelhafte Erkenntnis zu halten.

– bekennt sich zu dem Prinzip: Wichtiger als so genannte Gottesgesetze und Kirchengebote sind die sich ständig weiter entwickelnden Menschenrechte, die Ausdruck der Vernunft sind.

„Je suis Charlie“ bedeutet: Nehmt das gemeinsame Menschliche wichtiger als das Religiöse, indem ihr auch die Geschichtlichkeit der so genannten heiligen Bücher erkennt. D.h.: Gott als Gott kann nicht sprechen. Diese Erkenntnis sollte sich in allen Religionen durchsetzen. Alle heiligen Bücher sind Menschenwerk! Und kein Mensch, auch kein Mörder im Namen Gottes, kann beanspruchen, auf der Seite Gottes zu stehen.

„Je suis Charlie“ bedeutet also: Kümmern wir uns zuerst und immer um die bessere, gerechtere Welt und Gesellschaft. Lesen wir, wenn wir uns auf Frankreich beziehen, doch bitte wieder mal Voltaire und die anderen Philosophen des siècle des lumières: Lassen wir uns den Geist der Aufklärung nicht schlecht reden von Leuten, die oft anstelle des Lichtes (Lumière = Aufklärung!) eher die schummrige Finsternis der etablierten Machthaber lieben. Die hingerichteten Journalisten von Charlie Hebdo sind ihren Weg der Aufklärung gegangen, unermüdlich, trotz aller Drohungen, aller ständigen Belastungen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein kurzes Nachwort:

Wird die große Mehrheit sich an das spontane Bekenntnis halten: „Je suis Charlie“? Schon wenige Stunden nach dem Morden gibt es Stimmen aus dem rechtsextremen Lager, die die Untaten für eigene politische Zwecke nützen wollen: Der alte „Ehrenpräsident“ des FN, Jean Marie Le Pen, spricht von einem Krieg, den die Islamisten angezettelt haben in Frankreich, und auf den man selbstverständlich reagieren müsse (Siehe Fußnote 1). Und die FN-Chefin,Tochter Marine aus der Familie des Parteiführers, möchte gar die Todesstrafe wieder einführen.

Aus dem rechten, rechtsextremen katholischen Milieu kommen Stimmen, dass doch die Zeitung „Charlie Hebdo“ und ihr Eintreten etwa für die so genannte Homo-Ehe nichts als „Zeugnis einer erschreckenden Verdorbenheit“ ist; also die Zeitung sei eigentlich moralisch und ethisch von Übel. Diese These wird ausführlich ausgebreitet in den Publikationen der katholisch-sehr konservativen Studiengruppe „Lepanto“ in Rom. Einer der dort publizierenden Autoren ist Giuseppe Nardi, mit guten Beziehungen zum Vatikan Benedikt XVI., wie Peter Wensierski 2012 im „Spiegel“ schrieb, klicken Sie hier. In der Zeitschrift von „Lepanto“ schreibt auch der deutsche Philosoph Robert Spaemann. Im Lepanto Zentrum arbeiten Leute, die die katholisch formulierten Gottesgesetze zu allgemeinen Gesetzen machen möchten, zur Rettung Europas vor dem „Gift des demokratischen Relativismus“, vor dem auch schon der Heilige Papst Johannes Paul II. mehrfach warnte. (Siehe Fußnote 2).

So treffen sich also die „Verteidiger der Gottesgesetze“ und letztlich die Gegner der liberalen Demokratie aus verschiedenen Religionen nach dem 7.1. 2015 in trauter partieller (!) Gemeinschaft wieder.

Nebenbei: Ein Hinweis zum Titel des katholischen Studienzentrums in Rom: Bei der Schrift von LEPANTO besiegten die Katholiken im Jahr 1571 die Muslime.

Zur weiteren Information über Charlie Hebdo und die Beziehung zu einer katholischen Zeitschrift klicken Sie hier.

Fußnote 1: Aus einem Interview mit dem Ehrenpräsidenten des Front National Jean Marie Le Pen, in „Le Figaro“ am 8.1. 2015 publiziert:  J.M. Le Pen: Dieses Attentat ist wahrscheinlich der Beginn eines Anfangs (des Krieges). Dies ist ein Teil eines Krieges, den uns der Islamismus bereitet. Die Blindheit und Taubheit unserer Führer (Politiker) seit Jahren ist wahrscheinlich verantwortlich für diese Art von Attentaten.

Frage:
Etliche Stimmen fordern jetzt die nationale Einheit. Werden Sie sich daran beteiligen?

J.M. Le Pen: Ich würde zuerst gern wissen, welches die Grenzen dieser nationalen Einheit sind. ..Normalerweise sind wir stillschweigend ausgeschlossen von dem, was man republikanische Einheit nennt… Ich habe keine Lust, die Aktion der Regierung zu unterstützen. Sie ist unfähig und nicht kohärent gegenüber dem Problem, das, evidenterweise von nahem betrachtet, die massive Immigration betrifft, worunter unser Land seit 40 Jahren leidet.

Fußnote 2: Hier ein Auszug aus einer (in unserer Sicht unsäglichen) Stellungnahme dieser rechten Katholiken, veröffentlicht in: Katholisches.info  Dieses“ Magazin für Kirche und Kultur“ bietet am 8.1. 2015  eine Zusammenfassung eines Beitrags von Giuseppe Nardi vom Studienzentrum „Lepanto“ in Rom:

„Charlie Hebdo“ ist eine Zeitung, in der seit ihrer Gründung die Satire in den Dienst einer anarchischen und libertinen (sic, CM) Lebensphilosophie gestellt wurde. Sie kann als extreme, aber letztlich kohärente Ausdrucksform des zeitgenössischen Relativismus des Westens gesehen werden…. Eine Solidarisierung mit den Opfern ist gebotene Pflicht… Die Stiftung warnt jedoch vor einer Solidarisierung mit der Ideologie, die von den Opfern vertreten wurde. Europa dürfe sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen….Dann fasst der Infodienst „Katholisches“ die Botschaft des Studienzentrums LEPANTO (Autor Giuseppe Nardi) zusammen:„Die Terrorgruppe, die am 7. Januar 2015 die Redaktion von „Charlie Hebdo“ massakriert hat, könne ihrerseits als extreme, aber letztlich kohärente Ausdrucksform der islamischen Welt gesehen werden. Sie habe in ihrem Mordwahn den Hass sichtbar gemacht, den der Islam gegen den Westen hege, so die Stiftung. Die schreckliche Tat nehme das Schicksal vorweg, das den Westen erwarte. Ein Westen, der unfähig sei, dem Islam die eigenen spirituellen und moralischen Ressourcen entgegenzusetzen, und der sich der Illusion hingebe, daß die Gefahren, „die sich über unserer Zukunft zusammenbrauen, dadurch abgewendet werden könnten, indem man sich dem relativistischen Denken hingibt und dem Islam mit offenen Armen begegnet“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Soldalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale, der Dialog mit den indigenen Religionen sehr bedroht), dagegen konnte (und wollte) der Freund Müller offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutérret, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik?

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

18. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn

Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Radiosendung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Ethik oder Religion? Eine Radiosendung im RBB Kulturradio am 22.November 2015 um 9.04 Uhr

23. November 2015 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

GOTT UND DIE WELT am 22. November 2015, RBB Kulturradio, von 9.04 bis 9.3o Uhr,

Ethik oder Religion?     Das Manuskript können Sie bei Interesse bestellen: religion@rbb-online.de

Was den Frieden fördert. Mit Beiträgen von Prof. Karl-Josef Kuschel, Tübingen, Prof. Wilhelm Gräb Berlin; Prof. Anne Eusterschulte, Berlin; Prof. Mouhanad Khorchide, Münster und anderen.

Von Christian Modehn

Nehmt die Religion nicht so wichtig, betont der Dalai Lama in seinem neuesten Buch: „Für ein friedliches Zusammenleben kommt es vor allem auf die Ethik an, sie gilt für alle, auch für Atheisten“. Aber eine universale Ethik der Menschenrechte ist heute nicht selbstverständlich. Damit sie sich durchsetzt, sollten auch die Religionen ihren Beitrag leisten und sich auf hilfreiche Traditionen religiöser Moral besinnen. Denn die enthält jede Religion – keine basiert im Kern auf Hass und Gewalt. Zugleich geht Religion über ethische Weisungen hinaus und lässt sich nicht durch eine rein humanistische Ethik ersetzen. Ihre Spiritualität weckt das Gespür fürs Transzendente und Göttliche. Dadurch wird der „absolute Wert“ eines jeden Menschen betont, auch das ist ein Beitrag für eine gerechtere Welt.

 



DIE Rede Kermanis in der Paulskirche. Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

18. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Religionskritik

Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

Die Rede Navid Kermanis: Analyse, Appell, Gedenken und … Gebet

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.10.2015 um 14.15 Uhr

In der Frankfurter Paulskirche wurde wieder einmal gebetet. Nicht in einem konfessionellen Gottesdienst, sondern in einer der ganz großen kulturellen, „weltlichen“ Feierstunden, bei der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ am 18. Oktober 2015 an den großen Navid Kermani. Und alle Anwesenden folgten der Gebets-Einladung des gläubigen Muslims Navid Kermani und erhoben sich – zu stiller Meditation, zum Gebet und – wer das alles nicht so mag – eben zu einem säkularen Wünschen, dem Wünschen des Guten, für die bedrohten und verfolgten und verschleppten und ermordeten Christen in Syrien. Ausdrücklich dem Gebet anempfohlen wurde von Navid Kermani der befreundete verschleppte Jesuitenpater Paolo dall Oglio. Alle Menschen können gemeinsam in tiefer Not angesichts der Weltlage beten und Gutes wünschen, also sich sammeln, auf das Herz hören und der Stimme der Vernunft folgen. Ein solches Ereignis real zu erleben, ist schon, sagen wir es ruhig, ein Wunder. Ein Geschenk des (heiligen, sagen religiöse Menschen) Geistes.

Und daran wird man sich in Deutschland lange erinnern: Da werden die Säkularen und die Christen und die in der Paulskirche wohl nicht sehr zahlreich anwesenden Muslime und Juden aufgefordert, einmal nicht dem üblichen routionierten Applaus am Ende des Vortrags zu folgen, sondern diese eingeschliffene Routine zu unterbrechen, und etwas ganz anderes, ganz Ungewöhnliches, zu tun, eben zu Gott dem Barmherzigen zu beten oder eben Gutes zu wünschen. Die aufgeschlossenen Theologen werden später zurecht zeigen, wie nahe beide Haltungen einander stehen.

Das stille gemeinsame Beten und Gutes Wünschen in Zeiten des globalen Welt-Krieges („denn wir leben bereits im Krieg“, sagte Kermani) erinnerte mich an die Krisenzeit in Prag, an das Ende der kommunistischen Herrschaft, als der katholische Priester und Dissident Vaclav Maly auf dem Wenzelsplatz im November 1989 vor einer halben Million Menschen, die meisten sehr säkular-denkend, wenn nicht kommunistisch, das Vater-Unser anstimmte und einige, die den Text noch ein bisschen kannten, tatsächlich auch mitbeteten. Da wurde nicht Magie betrieben, da wurde kein Wundergott auf die Erde herabgezaubert, die Atheisten mögen sich bitte beruhigen, da wurde die Üblichkeit des alltäglichen Denkens, das oft so dumm und wahnhaft ist, unterbrochen. Eine geistvolle Pause trat ein. Eine Stille, die wie eine Ewigkeit empfunden wurde.

Es war ja auch die Rührung bei Kermani selbst zu beobachten, als er vom Ende der großen muslimischen Kultur fast in der gesamten arabischen Welt sprach, von der Geistlosigkeit der stinkend-reichen ÖL-Staaten, die von Europa in ihrer verbrecherischen Haltung gestützt werden, bloß weil sie ökonomisch dem Westen Profit bringen. Der gemeinsame Gott, so möchte man die Rede Kermanis fortsetzen, ist unter den arabischen Verbrecher-Regierungen wie in den westlichen Kommerz-Regierungen auf je andere Weise eben doch der gemeinsam Gott, das Geld. Wenn die eigene Kasse für die wenigen Privilegierten immer voller wird, dann ist der Respekt vor den Menschenrechten sekundär. Die Anklage Kermanis gegenüber der eher dummen bzw. bloß geldgierigen westlichen Politik gegenüber den arabischen Staaten werden sich hoffentlich die Politiker und die Bürger, die diese Politiker immer wieder „brav“ und unpolitisch denkend wählen, hoffentlich gut merken.

Zurück zu Kermani selbst: Deutschlands Kultur verändert sich, das zeigt dieser Tag deutich, und das ist immerhin ein Lichtblick: Ein weit denkender, frommer Muslim, den Sufis nahe stehend, das Christentum gut verstehend, wenn nicht liebend, ein exzellenter Kenner der islamischen Kulturen von einst, ein solcher Intellektueller hat die Chance, ganz vorn in Deutschland wahrgenommen zu werden. Man wünscht sich dringend, immer wieder und wieder Navid Kermani zu hören und zu lesen. Das philosophische Thema wird uns noch stärker als bisher befassen müssen, nach dieser Rede: Wie braucht die säkulare Kultur tatsächlich auch die religiöse Weisheit? Wie wirkt sie in die Routinen des Alltäglichen befreiend und inspirierend hinein? Man möchte die These aufstellen: Die säkulare Kultur der Vernunft der Menschenrechte braucht doch öfter die Stimme des religiösen Herzens. Aber eben nicht mehr konfessionell-dogmatisch eingesperrt. Man braucht die religiöse Weisheit von weit her, wenn denn diese Stimme so authentisch, so freundlich vermittelt und übersetzt wird, wie von Navid Kermani.

Leider ist der Redetext Kermanis in der Paulskirche erst ab Dienstag abrufbar, der Himmel weiß warum, eigentlich sehr schade,  wo wir doch jetzt alle die Rede nachlesen wollen:

www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Nichts als Polemik und Hass. Absonderliche Stellungnahmen des aus Guinea stammenden Kurien- Kardinals Robert Sarah auf der Römischen Bischofssynode

17. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Nichts als Polemik und Hass.

Absonderliche Stellungnahmen des aus Guinea stammenden Kurien- Kardinals Robert Sarah auf der Römischen Bischofssynode (Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide denselben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“.

Diese „freundlichen“ Worte  sagte dieser Tage, offenbar ohne lautstarken Protest, einer der führenden Kardinäle des päpstlichen Hofes, also der Curia, der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah.

Was es mit diesen nicht sehr hübschen Worten eines der engsten Mitarbeiter des Papstes auf sich hat, erklärt der folgende Beitrag, der sich der Aufklärung und der Religionskritik verpflichtet weiß.

In der Tageszeitung LE MONDE, Paris, informiert Cécile Chambraud am 17. Oktober 2015, Seite 6, über Details der Welt-Bischofssynode in Rom. Da diskutieren ja bekanntlich im Oktober ca. 260 katholische Bischöfe über das „weite Feld“ der Familien, auch über Sexualität, auch über Homosexualität.

Die afrikanischen katholischen Bischöfe zeigen sich auf der Römischen Bischofssynode als leidenschaftliche und polemische Verteidiger der alten Moral- (Un)- Ordnung. Ihr gemeinsames Motto: „Es darf keinen Wandel, keine Erneuerung der katholischen Ethik zur Ehescheidung oder zur Homosexualität geben“. Die Bischöfe Afrikas wollen den ethisch-konservativen Status quo aus dem 19. bzw. 20. Jahrhundert erhalten, wollen unbedingt das bewahrt sehen, was ihnen die europäischen Missionare einst eingeschärft hatten. Sie sind also nach wie vor die kaum selbst-denkenden, treuen Schüler der Missionare von damals.

Wie schon in der Anglikanischen Welt-Kirche sind auch in der Römischen Kirche die Bischöfe Afrikas die Bewahrer der uralten moralischen Normen. Bei den Anglikanern droht eine Kirchenspaltung, weil sich die modernen Anglikaner in Europa und in den USA ihren eigenen Glauben von den, sagen wir es salopp, „Alt-Gläubigen“  Afrikanern nicht nehmen lassen. Und was ist schon schlimm, wenn die „Alt-Gläubigen“ ihre eigene Kirche aufmachen? Schlimm ist es in gewisser Weise für sie dann nur, wenn nicht mehr die westlichen Gelder für die „Afrika-Mission“ und die wahrscheinlich nicht so furchtbar bescheidenen Wohnungen, Residenzen, der Bischöfe fließen… Aber zur Spaltung institutioneller Art wird es im Katholizismus wohl nicht kommen. Denn da denken selbst die allermeisten Bischöfe Europas doch nicht so modern, wie die Afrikaner von diesen behaupten. Eine ganz andere, reale Kirchenspaltung besteht im Katholizismus ja ohnehin schon, zwischen der modernen Basis (incl. einiger Ordensleute) und der Hierarchie…Aber das ist ein anderes Thema im Zeichen des Gedenkens „500 Jahre Reformation 2017“.

Wichtig ist die Erkenntnis, die den afrikanischen Bischöfen nicht so vertraut ist: Die Ehe, die heute als die katholische Ehe hingestellt und verteidigt wird, ist die in der Forschung so genannte „Liebes-Ehe“. Sie hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt, als bürgerliche „Anstalt“ zur Pflege der Lust, der Zeugung von Nachkommenschaft und des Erhalts der guten Sitten im Obrigkeitsstaat (Mätressen neben der Ehefrau durften sich bekanntlich nur die sehr katholischen Könige, etwa in Frankreich, ohne jeglichen kirchlichen Einspruch „halten“). Welcher Theologe kann diese Ehe des 19. Jahrhunderts noch im Ernst als DIE katholische Ehe verteidigen?

Wie auch immer: Wenn die Argumente ausgehen, pflegen die Konservativen, auch die entsprechenden Herren der römischen Kirche, eben üblicherweise die Polemik, neuerdings blinden Hass, als Zeichen einer hochgradigen geistigen Verwirrtheit. Einer der einflußreichsten Kardinäle am päpstlichen Hofe, der Kurie, ist Robert Sarah, er stammt aus Guinea aus einer „heidnischen Familie“, also aus einer Familie, die den Naturreligionen folgte, wie er selbst sagt. Und er ist, man glaubt es kaum, zuständig für alle, aber auch alle Fragen der Gottesdienstgestaltung in der weltweiten römischen Kirche.

Dieser Herr sagt also, ich zitiere noch einmal aus dem genannten Beitrag in „Le Monde“: „Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide den selben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“. Dabei brandmarkte Kardinal Sarah, berichtet „Le Monde“ wörtlich zitierend, „die zwei apokalyptischen wilden Tiere (also aus dem Neuen Testament, Buch der Apokalypse des Johannes), das erste Tier ist die Vergötterung der menschlichen Freiheit; das andere Tier ist der islamische Fundamentalismus“. Und weiter: „Alle Öffnung der Ehemoral ist irregulär“! Damit will der Kurienkardinal sagen: Ist der etwas aufgeschlossene Papst Franziskus vielleicht selbst ein Ketzer? Kann man menschliche Freiheit vergöttern? Diese Frage hat man schon Immanuel Kant gestellt, und er entschieden und begründet Nein gesagt. Die Freiheit selbst ist ein Gottesgeschenk. Das hat sich in Rom noch nicht so herumgesprochen.

Jedenfalls hat der offenbar etwas sehr verwirrte Kardinal Sarah jetzt noch einen Beitrag in einem Sammelband afrikanischer Bischöfe schreiben können: „L Afrique nouvelle, patrie du Christ“, also „Afrika, das neue Vaterland, die neue Heimat, Christi“. Darauf läuft die Haltung Sarahs und der anderen afrikanischen Bischöfe hinaus. Sie fühlen sich als Retter der Kirche, als die Bewahrer der reinen Lehre, nur in Afrika wird Christus weiterleben. Es ist nicht ohne Ironie, dass die vor kurzem von Europa Missionierten sich nun als die besseren Katholiken aufspielen, sich also ihrerseits machtvoll-intolerant, also kolonialistisch verhalten. Wird eigentlich schon darüber diskutiert, dass man Herren die Geldspenden für ihre Bistümer, in Milliarden Euros seit Jahren, einfach mal ein bißchen sperrt? Und wissen die europäischen Missionsfreunde eigentlich, welchen Bischöfen sie da in Afrika ihre Spenden überlassen? Und gibt es denn keinen einzigen afrikanischen Bischof, der noch den Mut hat, in aller Öffentlichkeit NEIN zu sagen zu diesem Wahn der Konservativen? Warum wird das von kirchlicher offizieller Pressearbeit verschwiegen. Es muss doch auch einen Bischof Jacques Gaillot in Afrika geben?

Papst Franziskus kann es sich mit der afrikanischen Kirche nicht verderben: Denn die Katholische Kirche in Afrika wächst zahlenmäßig äußerst schnell, kein Wunder, nebenbei, wenn die „Pille“ erstens verboten und zweitens unerschwinglich teuer ist für katholische Ehepaare irgendwo im Busch…Es sind die Afrikaner, die die römische Kirche statistisch stärker machen als den Islam, ein für religiöse Machtpolitker wichtiger Gedanke.

Aber Franziskus will wohl auch aus seiner Sicht Afrikas Bischöfe nicht kritisieren, hat er doch die Sprache der afrikanischen Bischöfe selbst schon übernommen, als er etwa im Januar 2015 auf den Philippinen sagte: „Es gibt einen ideologischen Kolonialismus, der versucht die Familie (also das uralte Familienbild) zu zerstören“, so Le Monde, siehe oben.

Kardinal Sarah jedenfalls hat vor kurzem ein voluminöses Buch veröffentlicht mit Titel, der gut seine absolute Anti-Haltung ausdrückt: „Gott oder Nichts“, erschienen im (kleinen, sehr konservativen) „Fe-Verlag“ in Kißlegg 2015. Das Vorwort schrieb der explizite Sarah Freund Erzbischof Georg Gänswein; einen zustimmenden Brief zum Buch hat Papst emeritus Benedikt XVI. verfasst. Der ja eigentlich sehr gebildete Papst hat, so wörtlich, das Buch von Sarah „mit großem geistigen Gewinn“ gelesen. Von den knapp 400 Seiten handeln ca. 250 von Sarahs Leben in Afrika. Spannend und theologisch wichtig sind erst die letzten Seiten, etwa wenn der römische Chef aller katholischen Gottesdienste, eben Kardinal Sarah, eine durchaus fundamentalistische Haltung vertritt, die man auch aus dem Mund etlicher Islamisten gehört hat. Sara sagt auf Seite 389: „Für einen Christen muss der Glaube die Form, die Gussformform sein GESAMTES privates und ÖFFENTLICHES, persönliches und soziales Leben werden“. Also: Aus dem Glauben sollte unmittelbar der Staat regiert werden? Ist das mit „Gussform“ gemeint?

Sein eigenes theologisches Denken in Bezug auf den Gottesdienst deutet Sarah mit seiner expliziten Vorliebe für die alte lateinische Messe an (Seite 386 f.). Er betont: „Dass wir in der Messfeier nach dem alten Messbuch (also aus dem 16. Jahrhundert) besser verstehen, dass die Messe ein Akt Christi und nicht der Menschen ist“. In der Messe feiert sich also Christus selbst… verstehe es wer kann.

Ihn verbindet, so betont Sarah, mit Papst Franziskus,  die Einschätzung der Gefährlichkeit des Teufels (Seite 383). Tatsächlich spricht ja Papst Franziskus in seinen Predigten in Santa Martha dauernd vom Teufel…

Und eine neue Ökumene deutet Kardinal Sarah an, ausgerechnet mit den Muslimen, mit denen er „eigentlich keinen theologischen Dialog sieht“ (192), hingegen froh ist, dass „die verschiedenen Autoritäten des Islam wie die Kirche mit Nachdruck die neue Genderideologie ablehnen“. Man würde sich fast wünschen, dass entsprechend denkende Imame auch auf der Bischofssynode in Rom jetzt die afrikanischen Bischöfe in ihrem Endkampf gegen alles europäisch-Böse unterstützen. Und im Vatikan das Gesamt-Afrikanische, Muslimische – Katholische – vielleicht auch Pfingstlerisch-Fundamentalistische NEIN zur Gender—„Ideologie“ und vor allem ihren Hass auf Homosexuelle aussprechen.

Die Auslassungen des Herrn Sarah, eines der wichtigsten Männer im Vatikan, der sogar schon als „papabile“ bezeichnet wird, zeigen, wie tief eigentlich das Niveau im Vatikan gesunken ist. Das sagen wir mit Bedauern, weil es 1. heute dringendere Themen gäbe als diese Familien- und Sex-Themen und 2. weil die katholische Kirche als „Welt-Kirche“ tatsächlich mit mehr Geist und Selbstkritik entschieden und gestaltend diese verrückte Welt etwas heilen könnte, natürlich immer im Sinne Jesu, also im Sinne der Humanität, der Güte, der Toleranz. Die Auslassungen von Herrn Sarah und so vieler anderer Bischöfe aus Afrika sind eine Katastrophe für die humane und freie Entwicklung  dieser Welt insgesamt.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 



Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv. Philosophisches zur Bischofssynode

3. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv: Zur Bischofssynode in Rom (4. – 25. Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer die gegenwärtige „Lage“ der Welt vor Augen hat: Syrien, Ukraine-Russland, Flüchtlinge, Elend, Kinderarbeit, Ökokatastrophen, Missachtung der Menschenrechte weltweit, Korruption, Völkermord und so weiter und so weiter, der wundert sich, dass am 4. Oktober 2015 im Vatikan aus aller Welt ca. 260 Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle, zusammenkommen, um über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ zu debattieren. Haben diese Prälaten kein wichtigeres Thema, haben sie keine Ideen mehr, wie der Menschheit in der Krise geholfen werden könnte? Vielleicht haben sie wirklich keine hilfreichen Vorschläge… Und reden lieber über das genannte Thema.

Wie auch immer: Diese Synode mit dem Papst als Vorsitzenden und Letzt-Entscheidenden wird, so berichten Insider weltweit einmütig, trotzdem ein wichtiges Ereignis sein, das den Weg der römischen Kirche und das Schicksal des eher reformfreudigen Papstes Franziskus bestimmen wird. Deswegen ist diese Synode auch für religionskritisch Interessierte von Bedeutung.

Warum also wird dieses im ganzen doch nicht absolut relevante Thema in Rom debattiert? Weil die Bestimmung dessen, was Familie ist, und damit, was Sexualität und Kindererziehung und Partnerschaft bedeuten, die allerletzte Bastion ist, die die römische Kirche noch als ihr eigen betrachtet: Die Gesetzgebung der Staaten kann die Kirche nicht mehr, wie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert, mitbestimmen. Zum Frieden kann sie zwar immer wieder mahnen, aber sie kann keinen politischen Frieden schaffen. Und selbst das subjektive Glaubensbewusstsein der einzelnen kann die Kirchenführung nicht mehr beeinflussen. Zahllose Umfragen haben ergeben: Die Katholiken halten sich de facto nicht mehr an die Gebote der Ehe – und Sexualmoral. Sie sind darüber – „Gott sei Dank “ hinausgewachsen. Trotzdem reden mehr als 250 ältere Prälaten erneut über diese starre fixierte Ethik, an die sich fast niemand mehr hält. Irgendwie wollen die konservativen Kirchenführer diese veralteten Moralvorstellungen am liebsten den Katholiken vielleicht einimpfen…Heftige Debatten wird sicher das öffentliche coming-out eines Priesters, Theologen und Mitarbeiters in der obersten vatikanischen Glaubensbehörde (Chef: Kardinal Müller) in Gang bringen: Der aus Polen stammende Priester Krzysztof Charamsa hat sich am 3. Oktober 2015 als homosexuell geoutet und sich mit seinem Partner öffentlich gezeigt, siehe auch Fußnote 2 unten.  Der Theologe Charamsa ist zweifellos eher dem theologisch-konservativen „Lager“ zuzurechnen, er studierte u.a an der bekanntermaßen konservativen Hochschule von Lugano (eng mit den Neokatechumenalen verbunden) und war bis zuletzt als Dozent an der Universität des Ordens „Legionäre Christi“, Regina Angelorum, in Rom, tätig. Die „Legionäre“ nehmen bekanntermaßen nur konservative Theologen in ihre Universität als Dozenten auf. Diese theologische Orientierung Charamsas ist für die konservative Kirchenführung ein um so größerer Schock.

Jedenfalls, Tatsache ist: Die römische Kirche hat jetzt de facto alle äußere Macht und damit allen „Glanz“ verloren, die sie im Mittelalter, bis über die Französische Revolution hinaus besaß. Wenn nun die Kirche jeglichen Einfluss auf die „Familienfrage“ und auf die Vorschriften zur Sexualität verliert, dann steht sie in der Öffentlichkeit definitiv arm und förmlich nackt da. Sie ist dann nur noch eine spirituelle Organisation. Aber welche Spiritualität hat sie zu bieten? Das ist ein anderes Thema.

Hat die Kirche zur Familie und dem weiten Umfeld der Sexualität nichts mehr zu sagen, dann ist das Mittelalter definitiv zu Ende. Davor haben die Prälaten natürlich Angst.

DESWEGEN kämpfen die konservativen Kleriker in Rom jetzt besonders heftig um den Erhalt der letzten noch verbliebenen kirchlichen Machtansprüche für „die Welt“, also für „die Familie“. Und diese Kleriker verunglimpfen in ihrem Kampf jene, die, etwas sich aufgeschlossener zeigen und durchaus ein bisschen Verständnis für Veränderungen in der Ehe-„Lehre“ und im Tolerieren der „Homosexuellen“ haben.

Tatsache ist: Selten wurde in solchen Schlammschlachten von konservativ-reaktionärer Seite auf die halbwegs noch etwas aufgeschlossenen Kleriker eingedroschen. Es würde im Rahmen der für unseren Philosophischen Salon selbstverständlichen Religionskritik zu weit führen, alle diese Attacken zu dokumentieren. Man wird ihnen vom 4. Oktober erneut vom Vatikan aus begegnen, falls denn eine objektive Berichterstattung gelingt und nicht nur offizielle Propaganda von kirchlicher Seite als „Information“ verabreicht wird.

Was erstaunt ist: In einer Zeit, in der gebildete Menschen äußerst zurückhalten sind, wenn es gilt, inhaltlich fest beschriebene Wahrheiten als gültig für alle und immer hinzustellen, treten konservative Kleriker, ohne vor Scham zu erbleichen, möchte man sagen, auf und verfügen: Unsere inhaltlich präzise Meinung ist die Wahrheit für alle und für immer. Vor allem sehen sie sich förmlich auf der Seite des „lieben Gottes“ und haben keine Angst, ein dermaßen verdinglichtes Gottesbild zu propagieren! Wann gibt es nicht den Aufstand der Mystiker gegen diese unsäglichen Gottesbilder, wenn etwa Kardinal Sarah sagt: „Unsere Wahrheit stammt von Gott selbst!“ Man lese die Stellungnahme des aus Guinea stammenden Kurienkardinals Robert Sarah, er ist der oberste Chef in allen Fragen, die Gottesdienste (Liturgien) betreffen. Sarah hat jetzt ein Buch verfasst mit dem eindeutigen Titel „Gott oder Nichts“. Also kurz zusammengefasst: „Wer meinem Gott nicht folgt, landet im Nichts“. Oder: „Wer meinem Gott, er ist der einzig Wahre, nicht folgt, zerstört sich selbst, zerstört die Kirche, zerstört die Welt“. Dabei nimmt Kardinal Sarah das Neue Testament wortwörtlich, in diesen vielfältigen und z. T. widersprüchlichen Texten spricht für ihn Gott selbst, behauptet er, weil es ihm in seinen eigenen ideologisch-politischen Kram passt! Und der heißt: Die alte Ordnung der Hetero-Ehe muss streng bewahrt bleiben. Dabei müsste er wissen, dass die Hetero-Liebesehe eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts ist, die jetzt als DIE Ehe in manchen Kreisen Europas gilt. In Afrika ist diese europäische Liebesehe des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Realität, auch in Lateinamerika hat eine katholische Frau normalerweise 5 Kinder von 3 verschiedenen Männern. Die Frau allein kümmert sich um die Kinder. Werden diese Menschen jemals zur förmlich in Rom heilig gesprochenen Liebesehe des 19. Jahrhunderts finden? Oder wären nicht ganz andere Fragen wichtig? Wie kann die Gesellschaft so gerecht gestaltet werden, dass Frauen und Kinder und auch die Väter wenigstens ein Minimum an Menschenrechten genießen dürfen? Aber Nein, die Kardinäle reden über Wiederverheiratet-Geschiedene. Darf man aus philosophischer Sicht erneut sagen? Das ist angesichts der „Lage“ der Welt geradewegs lachhaft, wenn nicht skandalös; zumal: wenn man auch bedenkt wie viele Millionen Dollar diese Synode an Unkosten verursacht, von den weltweiten Flügen und ihren ökologischen Implikationen der aus allen Ländern anreisenden Prälaten einmal ganz abgesehen.

Wenn das Wort nicht so abgegriffen wäre: Kardinal Sarah vertritt puren FUNDAMENTALISMUS. Merken wir uns: Es gibt ihn also nicht nur in islamischen oder hinduistischen Kreisen…

Es ist bezeichnend, dass dieses Buch „Gott oder Nichts“ im September 2015 im Schloss der Frau Fürstin von Thurn und Taxis in Regensburg vorgestellt wurde, das Vorwort schrieb kein Geringerer als der Intimus Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, der wohl immer noch zusätzlich als Sekretär von Papst Franziskus tätig ist (1). Da schreibt also der engste Mitarbeiter des etwas aufgeschlossenen Papstes Franziskus ein Vorwort in einem Buch, das sich zumindest indirekt entschieden gegen Franziskus selbst richtet. Eine hübsche Geschichte vom „Hofe“ (früher soll ähnliches am Hofe Ludwig XIV. passiert sein). Aber wichtiger ist, dass dieses Buch von Kardinal Müller, einst Regensburg, jetzt oberster Glaubenswächter im Vatikan, bei der Fürstin vorgestellt wurde. Da sieht man, was sich da an Connections im Vatikan gegen Franziskus zusammengebraut hat. Zu Kardinal Sarah, der ebenfalls durch seine Anwesenheit die Fürstin erfreute, (auch Martin Mosebach war selbstverständlich dabei und der Bruder des Papstes Emeritus, also der einstige oberste Regensburger Domspatz Georg Ratzinger). Zum Buchautor Kardinal Sarah bemerkt Hannes Hintermeier in einem wertvollen Beitrag in der FAZ (am 3.9.2015): „Bei der nächsten Papstwahl dürfte Sarah zu den „papabile“ zählen. Mit siebzig Jahren ist er in einem Alter, in dem man in der Kurie zur Kategorie „Hoffnungsträger“ zählt“.

Ein Hoffnungsträger in der Sicht Roms also, dieser Fundamentalist, der Denker in Kategorien des „Alles oder Nichts“, Verzeihun:  „Gott oder Nichts“. Sandro Magister, Vatikan-Spezialist, berichtet über ihn in La Repubblica“, wir zitieren Sarah in einer Übersetzung: “Homosexual unions are completely against God’s plan, which was to create man and woman who complement one another perfectly. And the family and the future of society comes from this [hetrosexual] union. A homosexual union has no future, it does not create life . . .”

Warum werden solche Äußerungen nicht als Volksverhetzung erkannt? Warum wird Herr Sarah wegen dieser Diffamierung Homosexueller nicht angeklagt? Die Antwort dürfte bekannt sei: Es handelt sich eben um Äußerungen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft, diese Äußerungen muss die Glaubensgemeinschaft selbst regeln, da darf sich kein Gericht einmischen. Das sind noch Restbestände mittelalterlichen Denkens, von der eigentlich in zivilisierten demokratischen Ländern gültigen Laizität ist da wenig zu spüren!

Der AFP Pressedienst (Autor: Jean-Louis Vaissiere, am 28.2.2015) bietet weitere Zitate von Kurienkardinal Sarah: „Gott hat sich deutlich über Homosexualität ausgesprochen. (…) Wenn ein Prälat sich gegen die Offenbarung stellt, ist das seine Sache, aber wir werden auch weiterhin unterstreichen, was Gott von Homosexualität hält. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht pastoral begleiten muss“, sagt Sarah. Offenbar geht die Begeleitung dahin, dass sie ihre Homosexualität, nach allerlei drangsalierenden „Therapien“, aufgeben.. Sarah fährt fort:

„Das gleiche gilt für die bürgerlich wiederverheirateten Geschiedenen: Da gab es eine Erklärung des Katechismus der Katholischen Kirche und eine starke Aussage von Johannes Paul II (…), dass es nicht möglich ist, wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Dennoch muss der Priester diese Menschen begleiten, sie ermutigen, zur Messe zu gehen und ihren Kindern eine christliche Erziehung zu geben“, fügt er hinzu.

Direkt auf die Debatten der Synode bezogen, warnt Sarah vor einem nicht-fundamentalistischen Verständnis der Bibel, denn diese enthält ja wie alle wissen, die direkten Äußerungen Gottes: „Wie soll man verstehen, dass katholische Pfarrer die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche zur Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat zur Abstimmung freigeben?“

Und Kardinal Sarah tut so, als wäre eine Neuinterpretation der katholischen Doktrin über die Homosexualität z.B. ein Abfall vom Glauben, den möglicherweise dieser Papst mitzuerantworten hat. Da sagt Sarah wie in einer Drohgebärde: „Ich versichere feierlich, dass die afrikanische Kirche stark sein wird gegen jede Rebellion gegen die Lehre von Jesus und dem Lehramt! Wie kann eine Synode die beständige Lehre von Paul VI, Papst Johannes Paul II und Benedikt XVI. revidieren wollen? Ich setze mein Vertrauen in die Treue von Franziskus.“

Das heißt: Der Reaktionär aus Guinea rechnet damit, dass die Synode die angeblich ewige Lehre Gottes aufgeben könnte. Er hofft aber, deutlich in seiner Zweideutigkeit, „auf die Treue von Papst Franziskus“. Was meint da Treue von Papst Franziskus: Treue zum reaktionären Flügel der afrikanischen Kirche? Oder gar noch tief greifender: „Treue zu Evangelium“? Sarah unterstellt also, dass der Papst dem Evangelium untreu werden könnte, also ein Ketzer werden könnte. Das Klima in der römischen Kirche ist vergiftet, vor lauter Wahrheitsbehauptungen und dem Wahn, auf der Seite Gottes zu stehen, hat sich römische Kirche wie in einem riesigen Netz verklammert. Wie löst man eigentlich ideologisch-wahnhaft bedingte „gordische Knoten“? Martin Luther wusste es noch.

Diese Hinweise zeigen, dass der Streit um die angeblich absolute Wahrheit die alten wackeren Herren in ihrem römischen Barock-Palästen förmlich aus dem Häuschen bringt, die Emotionen steigen, der Hass, die Ablehnung. Manche Beobachter sprechen von einer Spaltung der Institution der Kirche, die die schon längst de facto bestehende theologische Spaltung der römischen Kirche in reaktionär und ein bisschen aufgeschlossen nur institutionell deutlich machen würde. Dann könnten sich die Piusbrüder wenigstens dem offiziell reaktionären vatikanischen Flügel anschließen.

Aber so weit wird es wohl nicht kommen: Der Papst als der oberste definitive Entscheider, als der absolute Herr des letzten Wortes, wird um des lieben (angeblichen) Friedens willen, den Konservativen und Reaktionären recht geben und weitere, etwas progressivere Entwicklungen auf spätere Jahre (Sankt Nimmerleinstag) verschieben. Er wird nachgeben müssen, um selbst in diesem heißen Kessel aus Polemik und Hass zu überleben. Mächtig sind ja bekanntlich in jeder Hinsicht immer die Konservativen. Weil sie eben nur alte „Wahrheiten“ wiederholen müssen, weil sie nur die alten Autoritäten zitieren müssen. Die Reaktionären brauchen nicht zu argumentieren, sie müssen alte Texte nur zitieren. Das ist, nebenbei, ein interessantes philosophisches Thema, das sich im Blick auf die Synode erneut zeigt.

Papst emeritus Benedikt XVI. wird aus der Nähe seinen geschulten Blick auf die Synode werfen und über Herrn Gänswein einige Worte, direkt oder indirekt, verbreiten. „Macht weiter ihr lieben Konservativen, kämpft den guten Kampf“ wird er sagen.

Philosophisch ist dieser Vorgang interessant, weil er zeigt, auf welch einem so wenig reflektierten, um nicht zu sagen blamablen theologischen Niveau sich die maßgeblichen vatikanischen Herren und Glaubenslehrer bewegen. Herr Sarah hat ja als junger Kleriker zahlreiche Studien in Rom absolviert. Und diese mit diesem jetzt sichtbaren „Erfolg“ bestanden. Wie soll sich auch jemand von ewigen Wahrheiten befreien, dem Jahre lang in allen theologischen Fakultäten Wahrheit und nichts als Wahrheit eingepaukt wurden. Sarah und die anderen römischen Wahrheitsfanatiker sind nur das sichtbare Ergebnis einer in sich schon hoch problematischen (um nicht zu sagen arrogant-verkorksten) offiziellen Theologie, einer Theologie des Hofes, der Curia romana.

Interessant wäre auch eine öffentliche, interdisziplinäre Debatte: Warum sind so viele Afrikaner gegen den menschlichen Respekt für Homosexuelle? Wer erzeugt diesen Hass, dieses Morden homosexueller Menschen? Wer tritt eigentlich für sie ein? Wer schützt homosexuelle Menschen in Kenia, Uganda, Simbabwe und so weiter? Doch wohl nicht katholische oder pfingstlerische Gemeinden? Aber erhalten diese nicht viele Spenden aus Europa? Spenden da etwa noch gebildete Europäer für diese Verächter der Menschenwürde? Warum müssen die Kirchenführer Afrikas, auch Kardinal Sarah, diese rassistische homophobe Ideologie ihrer Staaten wichtiger nehmen, diesen irren Wahn, als die humanistische Menschenfreundlichkeit, die ja ein bisschen wohl auch im Neuen Testament durch die Gestalt Jesu repräsentiert wird? Wie verblendet sind diese alten Herren? Gibt es da noch Hoffnung auf Licht, auf Aufklärung, fragen sich philosophisch Interessierte? Gibt es Hoffnung auf einen schwachen Sieg der Philosophie der Aufklärung? Man lese bitte „unbedingt“ Kants Schrift „Über die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Man erkennt dann: Die faktisch bestehenden Religionen mit ihren so vielfältigen angeblich absoluten Wahrheiten sollten durch das Licht der Vernunft „gereinigt“ werden, also zur Menschlichkeit finden, zum humanen Maß. Dann ginge es etwas menschlicher zu in dieser Welt. und in unserer Sicht: Jesuanischer! Aber wird außerhalb kleine philosophischer Kreise noch über eine moderne Religion der Vernunft debattiert? Hat die christlich orientierte Vernunft-Religion noch eine Chance? Vielleicht wäre eine moderne liberale Theologie der Ort dafür.

(1) In seinem Vorwort tut Gänswein so, als wäre das Buch Sarahs eine hübsche und harmlose Geschichte eines alten afrikanischen Prälaten: Tatsächlich vertritt Gänswein erneut – wie der Buchautor – die offizielle römische traditionelle Theologie der völligen Unwandelbarkeit der katholischen Lehre: „Es wäre falsch, dieses Buch als einen Beitrag zu einer ganz bestimmten Debatte oder eine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer zu lesen. Damit würde man der Tiefe dieser Theologie und der Strahlkraft dieses bewegenden Glaubenszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es gerade nicht um die einzelne Konfliktfrage, sondern um das Ganze des Glaubens; er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist – und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, auch das Ganze beschädigt und geschwächt wird. Mag sein, dass Politik die Kunst des Machbaren ist, die Fertigkeit des Kompromisses unter sich ständig wandelnden Bedingungen; die christliche Botschaft aber kann niemals Verhandlungsmasse sein. Sie ist uns anvertraut und kann nur unverfälscht ihre heilbringende Wirkung in der Welt entfalten – auch und gerade in der Welt von heute“. Vatikanstadt, am Gedenktag Jean-Marie Vianneys, des heiligen Pfarrers von Ars, am 4. August 2015 + Georg Gänswein

(2) Der Vatikan-Theologe Krzysztof Charamsa betont: „Die Kirche ist im Vergleich zu dem Wissen, das die Menschheit inzwischen hat, zurück geblieben“, sagte der 43-Jährige Priester und Theologe Krzysztof Charamsa. „Es ist nicht möglich, noch weitere 50 Jahre zu warten. Die katholische Kirche müsse hinsichtlich gläubiger Homosexueller „die Augen öffnen und verstehen, dass ihre Lösung, totale Abstinenz und ein Leben ohne Liebe zu leben, unmenschlich ist“. Der polnischen Ausgabe des Magazins „Newsweek“ sagte Charamsa, der Klerus sei „überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob bis zur Paranoia, weil es an Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung mangelt“. Er wolle die Kirche nicht zerstören, sondern ihr helfen. „Mein Coming Out soll ein Appell an die Bischofssynode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben“, sagte er weiter. Charamsa sagte dem „Corriere della Sera“, die homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe“. Überdies habe er das Gefühl, dass er ein „besserer Priester, der bessere Predigten hält“, geworden sei, seit er zu seiner Orientierung stehe. (afp)

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



„Ethik ist wichtiger als Religion“. Zu einer These des Dalai Lama

30. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Hinweise zu einer These des Dalai Lama

Von Christian Modehn

Der Dalai Lama hat in Gespräch mit Franz Alt die These vertreten: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Dieser neueste Beitrag des Dalai Lama vom April 2015 wird international verbreitet, der Text steht auch als pdf Datei gratis zum Herunterladen bereit.

In unserem Religionsphilosophischen Salon am 28.8.2015 haben sich –im Gespräch mit 26 TeilnehmerInnen – einige Fragen und Perspektiven ergeben. Aus meiner Sicht der Hinweis:

Es ist außergewöhnlich, dass einer der prominentesten religiösen Führer/Meister, der immer noch als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, behauptet: „Ethik ist wichtiger als Religion. Ethische Bildung ist wichtiger als religiöse Bildung. Religion ist tendenziell gewalttätig“.

Relativiert der Dalai Lama damit die Religion? Handelt es sich um eine Art Selbst-Herabstufung des Religiösen durch einen religiösen Meister? Diese Überzeugung wäre ja angesichts der vielen Krisen dieser Welt verständlich, wo die Religionen oft keine konstruktive Rolle spielen (Islam) und die Sehnsucht nach einer wirklichen allumfassenden Menschlichkeit enorm ist.

Die Frage bleibt: Ist die Lage der Welt, Krieg, Gewalt, Fundamentalismus, Wahn, Vertreibung usw. so zum Verzweifeln, dass schon gar nicht mehr damit gerechnet werden kann, Religionen könnten dabei behilflich sein? Haben die Religionen kein Potential der Hilfsbereitschaft mehr? Wer sich unbefangen umsieht, wird heute eher des gegenteiligen Eindrucks gewiss: Die Kirchen helfen diakonisch, auch muslimische Organisation sind caritativ tätig. Schwierig bzw. nicht hinzunehmen ist hingegen, wenn aus religiösen Offenbarungsprinzipien weltliche Gesetze abgeleitet werden! Das geschieht noch in vielen islamischen Ländern. Der Dalai Lama plädiert ausdrücklich mehrfach für eine säkulare Ethik, also eine solche, die sich der allgemeinen, der menschlichen Vernunft erschließt, also auch Atheisten und Agnostikern, wie ausdrücklich betont wird. Diese hat Gewissheiten, wenn nicht Evidenzen zu bieten, etwa der Kategorische Imperativ! Aber: Welche konkreten Vorschläge hat de Dalai Lama, um dieser säkularen Ethik als Realität entgegen zu gehen? Er schlägt das Übliche vor: Meditieren, meditieren, meditieren… Aber, eher nebenbei: Der Dalai Lama scheint Ethik und Moral zu verwechseln. Moral ist das gute Leben des einzelnen, Ethik die Reflexion auf die gelebte Moral. Er spricht dauernd nur von Ethik als der Lehre der Moral!

Gibt es auch „böse Ethiken“? Natürlich, aber das wird vom Dalai Lama nicht thematisiert. Die ideologischen Traktate der Nazis oder der Stalinisten gaben sich als so genannte „Ethiken“ aus.

Und nicht alle Religionen sind „unvernünftig“ und tendenziell bzw. faktisch gewalttätig. Mit der Reformation begann das Bemühen, den christlichen Glauben vernünftig zu betrachten, die Bibel vernünftig zu lesen, vielen Hokus Pokus aus dem Christentum zu vertreiben. Dabei haben Philosophen für eine Reinigung des obskuren christlichen Glaubens gesorgt. Es gibt bis heute kleine explizit theologisch-liberale protestantische Kirchen! Und auch die Mystiker, die von dem unsichtbaren Gott, dem göttlichen Geheimnis sprechen. Das sieht der Dalai Lama (in dieser Schrift) nicht.

Er sieht auch nicht, dass Religion selbst sich ALS Ethik versteht, etwa, wenn Jesus von Nazareth im Gleichnis des Barmherzigen Samariters diese gute Tat ALS den wahren Gottesdienst versteht.

Die abstrakte Trennung hier Ethik, da drüben „jenseits“, getrennt die Religion, gilt nicht, sie ist sogar falsch! Ein Beispiel: Heute sind (katholische) Basisgemeinden in ihrem Engagement für die Menschenrechte (auch für die Arm-Gemachten, Elenden) bester Ausdruck dafür: Religion ist selbst Ethik (als Eintreten für Menschenrechte).

Und hat Religion als (reflektiertes) religiöses Gefühl, das sich entwickelt auch in Auseinandersetzung und im Erleben von Kunst, Musik, Literatur, Poesie, nicht nur sehr gutes und manchmal – in seelischen Krisenzeiten etwa – ihr vorrangiges Recht?

So ist diese Broschüre des Dalai Lama mit Franz Alt interessant, inspirierend, durchaus, aber auch inspirierend zur Kritik und der Feststellung von Fehlern. Aber das will der Dalai Lama zweifellos!

Bei aller Kritik jedoch gilt: Die Broschüre des Dalai Lama bleibt wichtig. Sie zeigt den richtigen Weg: In dieser zerrissenen und chaotischer werdenden Welt kommt es zuallererst auf Kräfte an, die das Verbindende der Menschheit fördern willen. Die zuerst an den Menschen als Menschen denken, an sein „Glück“, wie der Dalai Lama sagt, und alle gewagten/neurotischen Konstruktionen und Ideologien, auch religiöse Ideologien, auf die zweite Stelle setzen.

Und diese Kräfte sollten, so bescheiden auch immer, diese säkular – ethische Haltung leben, in kleinen Gruppen oder allein. Die protestieren, wenn Religionen, Ideologien, esoterische Fantastereien wichtiger genommen werden als die allgemeine Vernunft, also die für alle (!) geltenden Menschenrechte, die absolut vorrangig bleiben, auch wenn unbegabte Politiker sie missbrauchen.

Es wird die Frage dringend angesichts dieser Schrift des „Anführers“ der Buddhisten:

Wann wird denn ein Papst – dem Dalai Lama folgend – sagen: Auch für uns Katholiken und für den Vatikan, alle Bistümer und den päpstlichen Hof (Kurie) ist die vernünftige Ethik wichtiger als die katholische Religion und ihre rigiden religiösen/klerikalen Gesetze? Und wir sprechen darüber IN den Gottesdiensten, gestalten „Feiern der Ethik“ am Sonntag anstelle der ewig selben Messen mit ewig denselben Worten etc…

Wann wird denn dies der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Genf sagen? Wann die Verantwortlichen der Reformationsfeierlichkeiten 1517 in Wittenberg: Ethik ist wichtiger als eure Religion!

Wann die Putin ergebenen und verblendeten Popen und Patriarchen in Moskau? Gibt es Hoffnungen angesichts einer reaktionären orthodoxen Kirche, die nur als angepasste Staats-Ideologie existiert?

Wann all die vielen Islam-Organisationen: Wann werden sie mit einer Stimme bekennen und in allen Moscheen laut schreiend bei einem Freitagsgebet jeweils in den Landessprachen sagen: Vernünftige (!) Ethik ist wichtiger als Religion und religiöse Traditionen?

Wann werden dies militante Hindus und militante Buddhisten usw. sagen? Und die Anhänger jener Religion, die die eigene Nation bzw. den eigenen Staat und den Kurs der Börse heilig sprechen? Darf man das hoffen? Erwarten dürfen wir es nicht, weil die Macht der religiösen Verblendung auch heute enorm ist, weil Religion das eigene Nachdenken erspart und nicht fördert. Und viele Religion (als Ideologie)  wichtiger finden als pure Menschlichkeit.

ABER: Wir müssen hoffen und daran arbeiten, damit wir nicht völlig verzweifeln: Säkulare Ethik ist wichtiger als unvernünftige Religion, aber nicht jede Religion ist unvernünftig, siehe oben!

Der Dalai Lama hat jedenfalls einen klaren Schritt vollzogen und er hat einen radikalen SCHNITT vollzogen. Merken wir es uns: Ethik ist ab sofort wegen des Überlebens der Menschheit wichtiger als (unvernünftige) Religion.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Der verdinglichte und missbrauchte Gott. Der Ablass in der römischen Kirche, damals und heute

17. August 2015 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Der verdinglichte und missbrauchte Gott: Der Ablass in der römischen Kirche, damals und heute

Von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon lädt ein, vom Thema des Salons eine Verpflichtung, kritisch auch das Reformationsgedenken 2017 zu beobachten. Zur Aktualität des Reformationstheologen Thomas Müntzer und der offiziellen Ignoranz ihm gegenüber im „Jubliäumsjahr 2017“ haben wir bereits Hinweise publiziert, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Zum Ablass: Viele meinen heute, Luthers Streit um den Ablass (seit 1517) sei nur noch ein Stück Geschichte. Und viele Menschen vermuten, diese seltsame Vorstellung, sein ewiges Heil zu sichern, Ablass genannt, sei heute theologisch endlich durch die Arbeit der Vernunft überwunden und beiseite gelegt; die Vorstellung nämlich, wonach sich die Seelen der Sünder von halbwegs schweren Vergehen (= „lässliche Sünden“, nicht schwerste Todsünden!) im Fegefeuer aufhalten und (im Feuer schmorend ?) auf den von Gott selbst dereinst verfügten Eintritt in den Himmel warten. Dabei kann es aber gelegentlich, durch die mächtige Gnade der irdischen Päpste, also durch Eingriffe von außen ins interne Fegefeuer-Geschehen, schneller einen Ausweg aus dem Ort der „Reinigung“ (=Fegefeuer) geben …und dann geht es schnell und direkt in den Himmel. Und genau diese beschleunigte Reise der „armen Seele“, aus dem „Fegefeuer rein in den Himmel“, wird vom Ablass ermöglicht. Und dieses „himmlische Geschehen“ wird katholischerseits zwar nicht so hübsch formuliert, aber inhaltlich so gelehrt! Bis heute!

Die Basis für diese theologische Überzeugung, die seit dem 11. Jahrhundert explizit formuliert wird: Die Kirche unterscheidet beim Sünder zwischen der Schuld (die etwa in der Beichte schon erlassen ist) und der zeitlichen Strafe für diese Schuld, die bei Verstorbenen dann im Fegfeuer (Purgatorium) „abgearbeitet“ bzw. „ab-gewartet“ wird. Um die Aufhebung dieser zeitlichen Strafe (die sich als „zeitliche“ Strafe komischerweise in der eigentlich „zeit-enthobenen, d.h. ja wohl zeit-freien Ewigkeit abspielt) geht es im vollkommenen Ablass. Also einem solchen, der alle (vollkommen alle !) zeitlichen Sündenstrafen aufhebt. Früher gab es noch feine Nuancen zwischen dem vollkommenen, also allumfassenden Ablass und dem unvollkommenen, also nur auf einige Strafen bezogenen Ablass: Aber, darf man das so sagen, diese Nuancen wurden dann selbst den gewieften Ablass-Spezialisten zu speziell. Jedenfalls waren die Kreuzfahrer, also die kühnen Eroberer des Heiligen Landes im 10. Jahrhundert, die ersten, die für ihre Unternehmungen (und Abschlachtungen der „Heiden“) den „völligen Straferlass ihrer Sündestrafen erhielten (11). Wahrscheinlich haben sie sich in ihrem mittelalterlichen Angst-Glauben auch nur deswegen auf die Reise gemacht, bei der ja niemand wusste, ob eine Wiederkehr in die Heimat wahrscheinlich ist. So wurde also der Ablass als beruhigendes Kalkül direkt wirkungsvoll eingesetzt.

In jedem Fall gilt: Die römische Kiche hält nach wie vor an dem (vollkommenen) Ablass fest. Auch heute. Karl Rahners Vermutung, 1972 geäußert, das Interesse am Ablass nehme ab, trifft nicht zu (10). Alles Gerede von ökumenischen „Lernprozessen“ durch den römischen Katholizismus wirkt eher wie ein Witz angesichts dieser Tatsache. Nebenbei: Schwerverbrecher, die ohne Reue, Schuldbekenntnis und Beichte sterben, können nicht auf die Wirksamkeit des Ablasses hoffen. Sie sind dann wohl verdammt ad aeternum? Dazu will kein Papst des 20. Jahrhunderts exakt Stellung nehmen.

Also: Der Ablass ist bis heute fester Bestandteil der katholischen Lehre und spirituellen Praxis. Im 16. Jahrhundert hat das Konzil von Trient zwar den blühenden Handel mit Ablasszettelchen à la Tetzel verboten. Immerhin war dies eine späte Reaktion auf die Kritik Luthers, zu einer Zeit, als die Kirchen schon gespalten waren! Der Ablass selbst aber blieb ungebrochen erhalten. Und auch das Geld spielt in dem Zusammenhang, mindestens indirekt, auch heute eine Rolle, wenn etwa offiziell betont wird im Blick auf die Ablässe, die ab 8. Dezember 2015 bis Ende 2016 gewährt werden: Ablass erhalten „Gläubige, die in dieser Zeit an einem der Gottesdienste in den vier römischen Papstbasiliken teilnehmen, sie erwartet ein vollkommener Ablass ihrer zeitlichen Sündenstrafen“ (2). So wird zumindest der Rom-Tourismus weiter angeregt, mehr als 20 Millionen gläubiger-abergläubiger Seelen, so die Schätzung im August 2015,  eilen nach Rom, und davon werden ja auch unzählige Klöster profitieren, die ständig aus Mangel an Mitgliedern ihre Klosterzellen in Hotel-Zimmer oder gar in 4 Stern-Suiten umwandeln (wie etwa die Augustiner in Rom, die direkten Nachbarn des Papstes) (3). Nebenbei: Im Heiligen Jahr 1600 (unter Papst Clemens VII.) wurde der weit blickende kluge Philosoph und Theologe, der Dominikaner Mönch, Giordano Bruno, in Rom verbrannt, nach unsäglichen Jahren der Haft und der Folter. Sein Vergehen: Er glaubte nicht an die Trinität. Seine Verbrennung bei lebendigem Leibe mitten in Rom wurde als volkstümlicher Beitrag zum Heiligen Jahr bewertet. Manche fragen heute, wie begrenzt eigentlich der Vatikan bis jetzt noch ist, an diesen Heiligen Jahren (inclusive massenweise Ablass) festzuhalten? Sieht man nicht, in welcher zweifelhaften Tradition man sich befindet?

Am 8. Dezember 2015 beginnt nach Verfügung des angeblich progressiven und ökumenischen Papstes Franziskus eben das „Heilige Jahr“, das normalerweise eher nur alle 100 oder 50 Jahre ausgerufen werden darf. Gestartet wurden die „heiligen Jahre“ durch den allseits bekannten machtgierigen und hoch unsympathischen Papst Bonifaz VIII. im Jahr 1300. Über den üblichen Rhythmus hat sich Papst Franziskus hinweggesetzt und ein „außerordentliches“ heiliges Jahr angekündigt, er nennt es „Jahr der Barmherzigkeit“. Vielleicht will er damit schon die eher „dunklen“ Ergebnisse der Herbstsynode der Bischöfe in Rom 2015 kompensieren, wenn die Bischöfe wenig Gnade haben mit den Wiederverheiratet Geschiedenen und „selbstverständlich“ wenig Respekt zeigen für die umfassende (!) Gleichbehandlung Homosexueller. Diese Fortschreibung der alten, offiziellen römischen Moral ist ja nach der Bischofssynode 2015 sehr wahrscheinlich. Insofern können sich die Frommen wenigstens trösten mit der Gewährung des Ablasses. Er soll gnädigerweise jenen gewährt werden, die einer Predigt des Papstes lauschen, am besten natürlich als Touristen in Rom, aber auch die ärmeren Katholiken werden bedacht: Sie gewinnen auch den Ablass, man glaubt es kaum, wenn sie der Papstpredigt im Fernsehen oder im Internet folgen. Bei „angemessener Disposition“, wie es heißt (4).

Im Verstehen des Reformationsgeschehens und der Differenz zwischen Katholisch und Protestantisch darf man den Ablass nicht hoch genug einschätzen. Er ist alles andere als eine skurrile Nebensache!! Im Streit um den Ablass ging und geht es um die Machtansprüche des kirchlichen katholischen Amtes.

„Im Streit um den Ablass (Oktober/November 1517) hat Luther zeitlebens den BEGINN der Reformation gesehen“: So der international, auch noch im katholischen Raum hoch geschätzte Lutherforscher Otto Hermann Pesch (1). Dabei war es keineswegs in erster Linie der rege Geld-Handel mit dem Ablass durch den Dominikaner Mönch Tetzel, was Luther zur Reformation führte, sondern der Ablass selbst als theologische Ideologie! Denn im Ablass gewährt die Kirche, vertreten durch den Papst, den Erlass der zeitlichen Sündenstrafen. Der Papst zeigt sich als „Herr der Gnade“, auf einer Stufe sozusagen wie Gott selbst stehend, so sah es Luther.

Der Hintergrund für diese an die Vollmachten Gottes heranreichende Macht des katholischen Amtes, des Papstes, wird in dem grundlegenden Kompendium der katholischen Lehre, dem offiziellen römischen Katechismus, auch heute noch dargelegt: Der Ablass kommt als eigenes Stichwort im Katechismus natürlich vor, er wird in den Paragraphen 1471 bis 1479 auf zwei Buchseiten, klein gedruckt, behandelt (nebenbei: Das Thema „Demokratie“ kommt als Stichwort und als Beitrag im Katechismus überhaupt nicht vor, hat ja auch in römischer Sicht nichts mit dem wahren Glauben zu tun…).

Der Erlöser Jesus Christus, so die römsiche Vorstellung, hat durch seinen blutigen Tod am Kreuz einen „Schatz der Genugtuungen“ hinterlassen, sozusagen, populär verstanden, ein riesiges Gefäß voller Gnade, darin werden auch die erlösenden Leistungen der Heiligkeit von Heiligen, vor allem der Jungfrau Maria (siehe § 1477) aufbewahrt: „Die geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen nennen wir auch Kirchenschatz“ (§1476). Aber, so heißt es dann etwas verwirrend im Katechismus am Ende des § 1476: „Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser selbst“. Christus also als Kirchenschatz…

Der entscheidende Punkt steht in verklausulierter, nicht gerade leicht zugänglicher Sprache in § 1478. Dort wird daran erinnert, dass die römische Kirche von Christus die Binde – und Lösegewalt von Christus selbst erhalten hat, also eben die Fähigkeit, von der Schuld der Sünde zu befreien. Dafür fehlt im Katechismus jeglicher Hinweis (von Beweis wollen wir gar nicht sprechen) auf das Neue Testament. Aber weil sich die Kirche diese Gnaden-Vollmacht selbst einmal zugesprochen hat, kann sie eben aus dem riesigen Gefäß der „Verdienste Christi und der Heiligen“ (§1478) dem einzelnen Katholiken von dort (dem „Gefäß“) „Schätze“ zuwenden. Und so wird durch päpstliche Hilfe sozusagen über die Gnaden Christi verfügt, dass „der Sünder vom Vater der Barmherzigkeit (also von Gott-Vater) den Erlass der für seine Sünden geschuldeten zeitlichen Strafen erlangt“. Dann wird in § 1479 freundlicherweise daran erinnert, dass „auch für verstorbene Gläubige“ (! sic, also nicht für alle Menschen) Ablass erlangt werden kann.

Wie genau das Prozedere der Ablass-Zuwendungen dann von Irdisch (Kirchlich) zu Fegfeuerisch bis dann zu Himmlisch läuft, wird nicht näher erklärt. Kommt vielleicht noch, es ist ja möglich, dass der hoch begabte Theologe Kardinal Müller (ehemals Regensburg) in Rom daran feilt.

Wir meinen: Offenbar kann nur immer nur für einen einzelnen Verstorbenen, etwa im Moment der Papstpredigt, der Ablass gewonnen werden. Was aber ist, wenn mehrere Familienangehörige für dieselbe Tante Olga – ohne Absprache – den Ablass erwirken? Kann diesen individuellen Ablass-Überfluss Tante Olgas Seele dann im Purgatorium, dem Fegfeuer, sozusagen weiterreichen, etwa an arme Seelen ohne fromme Angehörige? Man sieht schon bei diesen Detail-Fragen, wie lächerlich eigentlich diese ganze Ablass-Lehre ist. Man könnte über sie lachen und sich den wirklich dringenden Themen zuwenden. Geht aber nicht, weil Ideologiekritik nun einmal zum Geschäft des Journalismus und auch der Religionsphilosophie gehört. Der Lutherforscher Otto Hermann Pesch sagt zu recht, wenn schon die Kirche gelegentlich die armen Seelen aus dem Fegefeuer heraus holen kann, via Ablass, warum schafft sie dann nicht gleich und endlich einmal das Fegefeuer und den Ablass selbst ganz und gar ab? Das wäre doch ein schönes Geschenk des progressiven Papstes Franziskus 2017 anlässlich seines Deutschlandbesuches. Wird aber wohl nichts, weil eben auch die jetzigen Formen des Ablasses noch viel Geld bringen (siehe oben) und viel Medienaufmerksamkeit mit Lifeschaltungen nach Rom usw. Die Hoffnung sollte man hingegen nicht ganz aufgeben, dass sich der Papst von dieser unhaltbar-verstaubten Lehre, die zudem in ihrer „Allwissenheit“ Gott gegenüber höchst gottes-lästerlich ist, dass sich als der Papst (oder ein Papst einmal etwa im Jahr 2175)  von der Ablasslehre definitiv trennt und sie auf den Müllhaufen der Religionsgeschichte wirft. Papst Benedikt XVI. hatte ja immerhin den Mut, an der noch problematischeren, wenn nicht entsetzlichen Lehre von „limbus puerorum“, von der Vorhölle für ungetaufte Kinder (!) zu rütteln, so dass heute weithin Konsens besteht: Dieser limbus puerorum, eine Einrichtung eines grausamen Gottes und einer grausamen Kirche, ist irgendwie „verschwunden“.  Das Ganze passierte ziemlich sang- und klanglos, weil sich die Päpste immer genieren, wenn sie alte, bisher heftig verteidigte Lehren aufgeben (müssen). Das war so, als die Feuerbestattung für Katholiken erlaubt wurde oder einmal die Möglichkeit freigelassen wurde, dass Katholiken Mitglieder der bisher verhassten Freimaurer-Loge werden können.  Als die katholische Messe endlich, 450 Jahre nach Müntzer und Luther, seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1964) auf Deutsch (und in allen Landessprachen) gefeiert werden durfte, mussten sich Bischöfe und Päpste alle Mühen geben, sich in dem Zusammenhang nicht bei den Reformatoren zu bedanken.

Man muss sich also schon mal die Mühe machen und diese hoch-offizielle Lehre vom Ablass studieren, um sich nicht der Illusion hinzugeben, die darin besteht, die römische Kirche habe sich nach dem 2. Vatikanischen Reform-Konzil eine weithin Vernunft gesteuerte moderne Theologie zu eigen gemacht und mysteriöse Ruinen der mittelalterlichen Theologie beiseite gestellt. UND: Als würde etwa der Protestantismus heute, auch in Vorbereitung auf das Reformationsgedenken 2017, im entferntesten wissen und zugeben, dass die römischen Brüder und Schwestern immer noch und immer noch sehr heftig am Ablass festhalten.

ENTSCHEIDEND IST FÜR UNS: Darf man es philosophisch gesehen, einen Skandal nennen, in welcher Form der absoluten Verdinglichung im Fall des Ablasses von Gott, von Erlösung, von Strafe, von Purgatorium, von kirchlicher Macht usw. gesprochen wird. Man glaubt zu träumen, solche schon für Mystiker unsäglichen Gottesvorstellungen heute noch in einem offiziellen römischen Text von 1997 lesen zu müssen. Glaubt man im Ernst in Rom daran, dass sich ein auch nur halbwegs gebildeter religiöser Mensch daran erbaut? Oder vertreiben solche unsäglichen, Gott verdinglichenden Texte nicht die letzten nachdenklichen Menschen aus der römischen Kirche? Es wird so sein! Und so wird es noch eine Weile bleiben. Die Kirchenaustritte wird man dann in Rom und Bonn /ZK und Bischofskonferenz / durch die so furchtbare „Säkularisierung“ begründet sehen. Von eigener kirchenamtlicher Schuld daran, sicher keine Spur.

Wird es zum Jubiläumsjahr 2017 zu diesem (!) Thema eine Veranstaltung geben? Oder wird der offizielle ökumenische Jubel-Trubel alles Differente wieder zudecken und Einheit vorgaukeln, die nicht besteht? Wie sind gespannt, d.h. sehr pessimistisch. Jubel, Trubel, ökumenische Heiterkeit wird das oberste Gebot 2017 sein?

Noch einmal: Man muss klar sehen: Was die römische Kirche heute über den Ablass noch lehrt, war genau der Punkt, wo Martin Luther absolut NEIN sagen musste. Denn für Luther verfügt der Papst in der Ablass-Praxis (mit Geld- oder auch ohne Geldspenden !) „über das Wirksamwerden der Gnade Gottes, die Christus durch sein Heilswerk verdient hat“ (6). Der Papst, so Luther völlig richtig, kann nur von Kirchenstrafen befreien, also sie erlassen, niemals aber solche Strafen für Sünder, die Gott erlassen hat. Wir merken hier, dass auch Luther mittelalterliche Vorstellungen vom strafenden Gott Vater im Himmel usw. hatte!

Hier geht es nur darum zu zeigen, dass Luther die anmaßende Macht der Päpste nicht nur unerträglich, sondern biblisch unhaltbar fand! Otto Hermann Pesch betont: „Es ist ernst zu nehmen, wenn Luther später mehrfach beteuert, es hätte alles nicht soweit kommen müssen (in der Loslösung von Rom , CM), wenn der Papst statt seiner (Luthers) den Tetzel eben sofort verurteilt und den Ablasshandel verboten hätte“ (7).

Luther verlangte dann auch in der Auseinandersetzung mit Kardinal Cajetan in Augsburg im Oktober 1518 einen Beweis aus dem Neuen Testament, dass der Ablass irgendeine Begründung in der Bibel hat. Dieser Beweis aus dem Neuen Testament konnte nicht erbracht werden! Wie überhaupt auch heute, trotz aller Bibelforschung !, auch im genannten Beitrag des Katholischen Katechismus von 1993 kein direkt, unmittelbar zum Thema Ablass bezogenes Zitat aus dem NT den Autoren unter die Augen kam. Hingegen wird zu Begründung der Ablasslehre lang und breit Papst Paul VI. (er herrschte von 1963-78) und das Trienter Konzil (16. Jh.) zitiert. Rom wird auf diesen Hinweis sicher antworten, dass sich eben die Lehre der katholischen Kirche über die Texte des NT hinaus entwickeln kann. Nebenbei: Im Falle des Ablasses soll das gelten, nicht aber in der Frage des Priestertums der Frauen. Da ist evidenterweise Willkür in der Bibelauslegung am Werk.

Man sieht an diesem Beispiel, wie auswählend auch die offizielle römische Papst-Theologie mit biblischen Texten umgeht. Auswahl heißt auf Griechisch Haeresis, auf Deutsch Häresie, ein Stichwort, das nicht wir schlimm finden, denn alle religiösen Menschen sind, Gott sei Dank, und notgedrungen durch ihre Individualität, immer Häretiker. Nur Rom hat da eigentlich seine Probleme. Nur nicht in dem nachgewiesenen Fall…

Wie Luther die Verhandlungen mit Kardinal Cajetan aus Rom erlebte, fasst Otto Hermann Pesch treffend zusammen: „Jetzt erst reagiert Luther mit der Verwerfung der römischen Kirche im ganzen, soweit sie nicht auf die Schrift (NT) gegründet ist“ (8)

Ich möchte diesen kurzen, auf die Aktualität der Ablasslehre und der auch heute immer noch vielerlei Profit bringenden Ablasspraxis, beenden mit einem weiteren Zitat des von mir geschätzten Professors Otto Hermann Pesch. Ich lernte ihn als Journalist fürs Fernsehen und den Hörfunk der ARD Anfang der 1980 Jahre kennen und habe ihn danach auch mehrfach interviewen können. Dabei gewann ich persönlich den Eindruck eines authentischen Protestanten, ja „Lutheraners“! Pesch war Professor an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Hamburg, obwohl er, der ehemalige Dominikanermönch aus Walberberg bei Bonn, immer kritisches Mitglied der römischen Kirche blieb. Er schreibt in dem genannten Buch im Blick auf den Weg Luthers als Lösung von der Macht Roms: „Wovon lebt der Mensch vor Gott wirklich. Vom Gehorsam gegen die Kirche? Oder lebt der Mensch vom befreienden Zuspruch Gottes selbst, der gewiss in der Kirche, durch die Heilige Schrift hörbar wird, aber dadurch eben nicht Zuspruch der Kirche wird, sondern eben Zuspruch Gottes bleibt? (9)

Karl Rahner SJ, sicher einer der führenden katholischen Reformtheologen und ein führender Berater beim 2. Vatikanischen Konzil 1961-65, war sich nicht zu schade, einen hoch komplexen und sich am Rande der Unverständlichkeit bewegenden Beitrag zum Thema Ablass zu schreiben; ausgerechnet in einer Taschenbuch-Reihe, die eigentlich nicht nur alte Universitätsprofessoren als Lektüre dient. Immerhin kann sich Rahner gegen Ende seines auch historisch orientierten Beitrags aufraffen, sehr leise, aber deutlich katholische Kritik am Ablass (UN-) Wesen der römischen Kirche zu äußern, ab Seite 34 im ersten Band des Lexikons „Herders Theologisches Taschenlexikon“. Dass in dem ganzen Ablass-Beitrag der Name Luther nicht ein einziges Mal fällt, ist gelinde gesagt, schade. Aber Rahner meint immerhin: Über den Ablass sollte heute katholischerseits nur „in einem diskreten Umfang“ gesprochen werden, „weil sonst zuviel pastorale Bemühung verbraucht wird, die heute andernorts notwendiger angewendet wird“ (S. 34). Und auch die konkreten Formen der „Ablass-Verleihungen“, wie er sagt, also der Ablass Praxis,  „bedürfen einer mutigen, wenn auch diskreten Reform“ (warum denn diskret, möchte man fragen. Sollte die Kirche doch Irrwege einmal offen eingestehen, das ist viel sympathischer als „diskret“). (ebd.) Ob der Jesuit Papst Franziskus die diskrete Ablass-Kritik seines Jesuiten-Mitbruders Karl Rahner kennt?

COPYRIGHT: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin

Quellen:

  • (1)

Otto H. Pesch, Hinführung zu Luther, Mainz 1982, S. 100.

  • (2)

http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/zeichen-der-umkehr   Gelesen am 17.8.2015

(3)

Um nur einen Eindruck zu vermitteln, wie heute die fast leer stehenden Klöster selbstverständlich alle im schönen Zentrum von Rom nicht etwa in Sozialwohnungen für Familien oder Krankenhospize oder Jugendheime oder Flüchtlingsheime usw. umgewandelt werden, sondern eben, als Trend weltweit !, in Luxus- „Herbergen“. Etwa die Residenza Paolo VI in Rom.  Auch das Augustinerkloster in Prag wurde zu einem Luxushotel umgebaut usw.usw. Alle Orden machen da auf Ihre Weise mit. Wahrscheinlich eine Form, das Gelübde der Armut zu leben? Auf diese Weise sammeln die aussterbenden Orden in jedem Fall viel Geld für ihre uralten Mitglieder.

(4)

„Der Tagesspiegel“ berichtet am 14. 8. 2015 über eine Ablass-Tagung von Historikern im Vatikan. Die Hinweise auf den möglichen Ablass via TV und Internet stammen von dort.

(5) „Katechismus der katholischen Kirche“, weltweit millionenfach verbreitet, auf Deutsch: München 1993, Seite 401 f.

(6) Otto Hermann Pesch, siehe Fn. 1, dort S 96.

(7) ebd., S 101.

(8) ebd. S 112.

(9) ebd 110.

(10) Herders Theologisches Taschenlexikon, Freiburg 1972, Band I; Seite 34. Ein Beitrag von Karl Rahner SJ.

(11) Herders Theologisches Taschenlexikon, Freiburg  1972, Seite 31. Ein Beitrag von Karl Rahner SJ.

Später (im Jahr 1300) hat dann der machtversessene und äußerst autoritäre Papst Bonifaz VIII. (der Erfinder der „Heiligen Jahre“ !)  ebenfalls den vollkommenen Ablass propagiert, ebd.



Tomas Halik in Prag: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur „gay pride“

4. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Tomas Halik: Keine Veranstaltungen in seiner Kirche zur gay pride.

Von Christian Modehn

Tomas Halik, Pfarrer der „Studentengemeinde“ St. Salvator in Prag, an der Karlsbrücke, folgte wohl noch seinen ursprünglichen theologischen Überzeugungen, als er die Kirche, „seine“ inzwischen weltweit bekannte offene Kirche, für zwei Veranstaltungen anlässlich der Prager „gay pride“ (vom 10. bis 16. August 2015) öffnen wollte. Professor Halik hat ja in einigen seiner Bücher für eine dienende, eine bescheidende Kirche plädiert, für eine Kirche, die die Suchenden und Zweifelnden nicht nur duldet, sondern akzeptiert. Das hatte man ihm geglaubt….Er hatte etwa in seinem Buch „Geduld mit Gott“ (auf Deutsch 2010) sich gegen den „triumphalen Katholizismus“ ausgesprochen, er nennt diese Form machtvollen Katholizismus einen „verheerenden Sprengstoff und miefigen Schimmel“ (Seite 92). Er sprach immer wieder vom „Lob der scheuen Frömmigkeit“, er kritisierte die Selbstsicherheit des dogmatisch engen Glaubens und so weiter und so weiter

Darum lag es für ihn wohl sehr nahe, eben auch homosexuelle Christen in „seiner“ katholischen St. Salvatorkirche willkommen zu heißen. Denn er spürte offenbar, dass diese Menschen, Schwule und Lesben, in der römischen Kirche keinen Respekt und keine Anerkennung finden; sie werden ja laut römischem Katechismus immer noch aufgefordert, nicht erotisch zu lieben und zu leben. Dass der sehr säkulare so oft von Katholiken „atheistisch“ genannte Staat in Tschechien die gays respektiert, die römische Kirche aber nicht, wird nun deutlich:

Es sind viele Menschen sicher entsetzt, dass dieser doch eigentlich oder angeblich so aufgeschlossene Theologe Halik dem Befehl des Prager Kardinals Dominik Duka (aus dem Dominikanerorden)  folgt: Er hat beide Veranstaltungen mit den christlichen gays in St. Salvator untersagt. So berichtet auch die Pariser katholische Tageszeitung „La Croix“ am 2.8.2015. Kardinal Duka sei nicht prinzipiell gegen die Diskussionen, heißt es, an denen auch die in diesen Fragen engagierte us-amerikanische Nonne Jeannine Garmick teilnehmen wollte und sollte. Aber im Zusammenhang der gay pride seien die Diskussionen in der Kirche falsch plaziert, so die Eminenz auf der Prager Burg. Aber: Wann sind solche Diskussionen besser platziert als zu Zeiten der gay pride, fragen sich kluge Leute nicht nur in Prag. Der Prager Kardinal verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Anliegen der gay pride ständen sehr im Widerspruch zu den Zielen der Kirche, so „La Croix“. Also: Emanzipation von Minderheiten steht nicht in Übereinstimmung mit den Zielen der römischen Kirche. Diese Überzeugung hört man aus Rom seit dem 18. Jahrhundert…

Und wie reagiert der doch sonst eher doch etwas mutige und so um die „Suchenden“ besorgte Theologe Tomas Halik? Ich zitiere La Croix: « Nous respectons la décision et nous retournerons à une discussion académique nécessaire et à un dialogue ouvert sur ce sujet plus tard, dans des circonstances plus favorables », s’est incliné le P. Halik, vendredi 31 juillet. In der Übersetzung: „Wir respektieren die Entscheidung (des Kardinals) und wir werden zu einer notwendigen akademischen Diskussion und zu einem offenen Dialog zum Thema später zurückkommen, in Umständen, die günstiger sind (als heute), so hat sich P. Halik „geneigt“, incliné, also ergeben am Freitag, den 31. Juli“.

Zudem hat Halik noch ausführlicher zugegeben, dass er die Ansichten des Prager Kardinals teilt: Die Prager Gay Pride sei eigentlich nicht notwendig, vielleicht sei sie in Russland notwendig, wo Homosexuelle verfolgt würden. „Aber sie, die Gay Pride, hat weniger Sinn in Tschechien, wo es diese Verfolgung nicht gibt“, so Halik nach der katholischen Tageszeitung La Croix. Und um die Gunst des Papstes und des Kardinals zu gewinnen, musste Halik auch noch betonen, dass sich eine Ehe (als Sakrament) selbstverständlich exklusiv (!) nur zwischen Mann und Frau gestalten dürfe. So reden also „offene Theologen“…

Gott sei Dank hat sich die christliche GAY Gruppe LOGOS in Prag von dieser intoleranten Maßnahme des Kardinals und dem so gefälligen Gehorsam eines doch an sich recht klugen Theologen nicht einschüchtern lassen: Sie machen ihre Veranstaltungen eben außerhalb katholischer Räume. Einmal mehr wird deutlich, dass Homosexuelle innerhalb der römischen Kirche und selbst bei halbwegs offenen Theologen gar keine, also NULL !, Chancen haben. Das ist altbekannt, aber immer wieder lehrreich. Die römische Kirche vertreibt weiter auf diese Art und mit dieser verkalkten Theologie Millionen Menschen aus ihrer Kirche. „Soll die römische Kirche doch zum Club der Konservativen werden“, schreibt mir ein Freund aus Prag, „dann ist sie noch weiter auf dem Weg zur (noch) großen Sekte“.

„La Croix“ aus Paris erlaubt sich noch darauf hinzuweisen, dass Hochwürden Msgr. Halik 2014 den mit ca.1, 3 Millionen Euro (sic !) dotierten TEMPLETON Preis erhalten hat. Er hat ihn erhalten, so wörtlich,  für seinen Einsatz für den Dialog, für den Dialog mit den Religionen! Er hat den Preis also für den Dialog erhalten!!  Zudem weist La Croix darauf hin, dass Halik im vergangenen Jahr zum erlesenen Schülerkreis von Joseph Ratzinger, pensionierter Papst Benedikt XVI., ins hübsche Castel Gandolfo gebeten wurde. Dort sprach Halik zum Thema: „Wie kann man von Gott sprechen in der heutigen Welt?“ Nach den jüngsten Ereignissen in Prag wohl so, dass man mit den Schwulen und Lesbe eben NICHT redet, wenn diese ihre gay pride wie überall in demokratischen Ländern im August feiern. Kardinäle und Rom sind halt wichtiger als eine freie, authentische Theologie. Freunde aus Prag schreiben von einer tiefen Enttäuschung über Haliks diplomatisches Taktieren. „Dessen Glaubwürdigkeit ist angekratzt“, heißt es. Ich kann das sehr gut verstehen. Beim absoluten Mangel an Theologen, die auch die Atheisten ernst nehmen, habe ich auch viel Inspirierendes von Halik berichtet. Nun also dies, ein Ereignis, das Halik in den mainstream der gehorsamen, der autoritätshörigen Theologen einreiht. Wie werden die Verlage darauf reagieren? Sicher voller Verständnis! Vielleicht erscheint als nächstes sein Buch „Mein Dialog mit dem Kardinal und den Schwulen“…

Wollen wir hoffen, dass protestantische Kirchen wieder einmal die richtige Freiheit der Christenmenschen leben und die Logos-Gruppe gern willkommen heißen in diesen Tagen der gay pride, die um so mehr Grund hat, stolz (pride) zu sein, gerade auch ohne den Segen Roms gay sein zu können… dank eines Staates, der in diesem Fall die Menschenrechte respektiert.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 

 



Probleme mit der Vernunft: Ein Sonderheft über den Koran des Philosophie-Magazin

11. Juli 2015 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik

Probleme mit der Vernunft:

Das Sonderheft „Der Koran“ des „Philosophie Magazin“.

Von Christian Modehn

Der Koran und die Philosophen/die Philosophien: Anders gesagt: Der Koran und die Bedeutung des kritischen, systematischen Denkens und des menschlichen Verstehens: Ein Thema, das immer schon Bedeutung hatte, umstritten war und jetzt neu entdeckt wird, etwa auch in Veranstaltungen des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ kürzlich. Das „Philosophie Magazin“ (Berlin/Paris) hat nun ein stattliches, 100 Seiten umfassendes Sonderheft zum Koran publiziert mit ca. 40 verschiedenen Beiträgen. Auf diese „bunte Mischung“ können wir nur partiell, aber wohl Wesentliches treffend, hier eingehen. Catherine Newmark ist die verantwortliche Redakteurin dieser Sonderausgabe. Sie bietet zahlreiche Informationen zum Thema, darunter auch Zitate aus Interpretationen des Korans von prominenten deutschen Philosophen, wie Herder, Lessing, Hegel, Nietzsche… Unter den zahlreichen Interviews ist interessant der Beitrag von Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik an der FU Berlin. Sie deutet das heute weit verbreitete Lektüreverhalten gegenüber dem Koran als „Nachschlagewerk für (aktuelle) Probleme“ als „Missbrauch“. Angelika Neuwirth folgend ist der Koran vielmehr in erster Linie „ein Inventar von Texten, die man im Gottesdienst braucht“ (S. 15.) Die Professorin für Arabistik erinnert auch daran, dass für die Muslime „Gott der alleinige Autor (des Koran) ist“. Kurz darauf schreibt Angelika Neuwirth: “Obwohl man die transzendente Herkunft (des Korans) nicht wissenschaftlich beweisen kann, hat man (!, CM) den muslimischen Geltungsanspruch, den der Koran ja auch selbst transportiert, zu respektieren“. Warum „man“, also auch Literaturwissenschaftler oder Philosophen, diesen von den Vertretern der Religion erhobenen „transzendenten Geltungsanspruch“ respektieren müssen, wird hier leider nur behauptet, aber nicht begründet. Kann „man“ unter Zustimmung zu dieser religiösen Weisung überhaupt Wissenschaft betreiben? ..Deutlich in dieser Sache wird der emeritierte Islamwissenschaftler Stefan Wild (Bonn). Er antwortet auf die Frage nach einer historisch-kritischen Lektüre des Korans, so, wie sich auch seit ca. 150 Jahren die historisch-kritische Bibelforschung durchgesetzt hat: „Generell kann man sagen, dass eine solche Lektüre im traditionellen Islam sehr wenig ausgeprägt ist“ (S. 45). Das wissen wir allmählich. Irritierend ist hingegen die weitere Einschätzung Von Herrn Wild: „Die meisten heutigen islamischen Theologen sehen, was in Mitteleuropa mit den offiziellen Religionen des Katholizismus und Protestantismus passiert ist. Sie sehen, oder glauben zu sehen, dass bestimmte Tendenzen der Exegese – etwa die Entmythologisierung – im Grund den Status dieser Religionen unterminieren. Und sie sagen: Das wollen wir nicht“.

Ich finde es als bedauerlich, nein: mangelhaft, dass solche Aussagen eines Professors ohne Widerspruch stehen bleiben und so den Eindruck erwecken, diese Aussagen seien richtig. Entmythologisierung der Bibel hat tatsächlich wie eine Befreiung gewirkt, hat Raum geschaffen für ein Verstehen der Bibel, bei dem der Leser nicht mehr auf seinen Verstand verzichten muss. Hat man denn noch nie gehört, dass Entmythologisierung im Sinne Rudolf Bultmanns nicht Vernichtung des Mythos, sondern dessen VERSTEHEN bedeutet! Vernunft hat im Christentum den Glauben gereinigt von Wahnvorstellungen usw. Vernunft im Christentum ist ein Gewinn! Wann wird man sagen können: Die menschliche Vernunft hat den Islam gereinigt?

Auch mit dem Kölner Islamwissenschaftler Stefan Weidner wird ein Interview geboten. Er erinnert – wie der Literaturwissenschaftler Nivid Kermani „Gott ist schön“, München 1999 – an die Schönheit, Heiligkeit und Unveränderlichkeit des Wortlautes des arabisch geschriebenen Koran. Die Schönheit, so wird immer wieder behauptet, erschließe sich eben nur in der arabischen Sprache….Diese Glaubensüberzeugung führt aber zu Problemen der Koran Übersetzungen in andere Sprachen. Stefan Weidner plädiert für Übersetzungen, weil er den Koran als Buch der allgemeinen Dichtung und Poesie versteht, weil er also den Koran ins „Menschliche“ hineinzieht und gern diesen poetischen Text (aus dem 7./ 8. Jahrhundert) den LeserInnen auch in europäischen Sprachen etwa zugänglich machen will. Stefan Weidner arbeitet selbst an einer „ersten poetischen Übersetzung des Korans seit Friedirch Rückert“, schreibt die Zeitschrift Philosophie Magazin, S. 25).

Der Kauf des Heftes lohnt sich auch wegen des leider knappen Interviews mit Souleymane Bachir Diagne, Professor an der Columbia University of New York (S. 61 f.) Zum Vers der Sure 2: 256 „Kein Zwang ist in der Religion“, sagt er: „Erst wenn (im Islam, CM) alle Zwänge, von den offensichtlichen (körperlichen, gesetzlichen, staatlichen) bis hin zu den hinterlistigsten, dem Konformismus geschuldeten Zwänge aufgehoben sind, wird die Wahl des Gottes (also mein Glaube, CM) ein authentisches Einwilligen in Gott sein“ (S. 62). Souleymane Bachir Diagne (er wurde in Senegal geboren) folgt den Sufis, für die es keine einzelne, absolut wahre Religion gibt: „In der Dichtung der Sufis besagen zahlreiche Verse, dass es zwischen Tempel, Synagoge, Moschee, Kirche und selbst den Götzenbildern letzten Endes keinen Unterschied gibt….“

Sehr lesenswert ist auch das Interview mit dem Journalisten und Islamwissenschaftler Thorsten Schneiders, er äußert sich zum Islamismus, der für ihn „ein politisches, kein religiöses Phänomen“ ist (S. 88 ff).

Ein weiterer Hinweis: In unserer philosophischen Sicht ist es außerordentlich betrüblich, wenn ein islamkritischer muslimischer Denker unter Pseudonym (Ibn Warraq) schreibt: „Das liberale (kritische) arabische Denken ist fragmentiert ..und es werden dessen Argumente nur von einem Bruchteil der arabischen Bevölkerung vernommen“ (S. 93).

Er soll das Schlusswort haben: “Ich glaube wirklich, dass in der islamischen Welt eine Aufklärung (etwa Trennung von Religion und Staat) nur mit einer kritischen Prüfung des Korans zustande kommen kann…“ Ob sich daran auch die muslimischen Islamwissenschaftler an deutschen Universitäten, auf ihren neu eingerichteten wissenschaftlichen Lehrstühlen, halten, wäre eine eigene Überprüfung wert.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Emil Cioran zum 20. Todestag: Viel Nichts und keine Hoffnung

6. Juni 2015 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik

Viel Nichts und keine Hoffnung: Emil Cioran und die Religionen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Gedenktage haben manchmal auch etwas Zwanghaftes. Gelegentlich glaubt man, das Feuilleton und der „Kulturbetrieb“ (Adorno) könnten fast nur noch bestehen angesichts der ständigen 100. oder 75. Geburtstage und Todestage „prominenter“ Leute. Große Jubiläen, wie etwa das Luther-Jahr 2017, werden viele Jahre lang bereits vor-gefeiert, vor-gedacht. Aber wird dann wirklich Neues gedacht? Und führt das Gedenken zu einem neuen Handeln, das über alles historisch „Bedachte“ natürlich hinausführen muss?

Nun erinnern sich vielleicht einige LeserInnen am 20. Juni an den 20. Todestag des Autors, Philosophen und Essaisten EMIL CIORAN (geboren 1911). Wer liest noch seine Texte? Wer diskutiert seine Thesen zum Thema Verzweiflung, Tod, Suizid? Das „Metzler Philosophen Lexikon“ von 2003 enthält keinen Artikel zu Cioran. Auch das Kleine Lexikon der Religionskritik (Herder, 1979) erwähnte ihn schon (zu Lebzeiten!) nicht. Ob sich jetzt auch die Theologen mit Ciorans Texten befassen, mit seinem Werk, das er seit seinem „Exil“ und später der neuen „Heimat“ in Paris (ab 1937, mit gelegentlichen Reisen noch nach Rumänien) fast ganz auf Französisch verfasste? Das voller Provokationen steckt für alle, die meinen zu glauben? Hat man wahrgenommen, dass da im 20. Jahrhundert ein Autor lebte, der sich selbst „Manichäer“ nannte, also einen Denker, der von einem bösen Gott und einer bösen Schöpfung überzeugt war?

Was hat er heute zu sagen, dieser radikale Pessimist, der sich nach dem Nichts und der absoluten Leere sehnte? Ist es vielleicht eine versteckte Form der Mystik, die auch er hoch schätzte und die ihn am Leben hielt? Ist also „Cioran der Mystiker als der Verzweifelte“ neu zu entdecken?

Dass er es seinen Lesern zudem nicht leicht macht in seiner Art, eher aphoristisch zu argumentieren, ist bekannt; zumal bei seinen „Positionswechseln“ und dem „Wiederverwerfen eben erst festgehaltener Gedanken“. Strenge Fixierungen seiner Äußerungen sind oft schwierig, wenn sie denn nicht von Cioran selbst verhindert werden (so Franz Winter in „Emil Cioran und die Religionen“, S. 23, die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch). Und das zentrale Thema Ciorans, mit den Begriffen Pessimismus, Verzweiflung, Nichts und Leere umschrieben, verlangt von den LeserInnen auch eine eigene Art von Anstrengung, wenn nicht Mut.

Denn sein Denken ist außergewöhnlich, einseitig, extrem.

Und auch sein politisches Engagement wirft immer noch gewichtige Fragen auf.

Die meisten seiner Texte liegen auch in deutscher Sprache vor, und die gründliche Cioran-Forschung bringt immer wieder wichtige Impulse. So hat etwa kürzlich der Berliner Philosoph Dr. Jürgen Große eine umfangreiche Studie vorgelegt: „Erlaubte Zweifel, Cioran und die Philosophie“.319 Seiten, Verlag: Duncker & Humblot, 2014.

Wir hoffen, auf diese umfangreiche Arbeit später einmal zurückkommen zu können.

Viele Hinweise speziell zum religionsphilosophischen Denken Ciorans bietet immer noch die oben schon erwähnte Studie des bekannten Wiener Religionswissenschaftlers Franz Winter „Emil Cioran und die Religionen. Eine interkulturelle Perspektive“ (Nordhausen 2007). Franz Winter zeigt genau, welche Bedeutung das Christentums, der Buddhismus und die Gnosis im Denken Ciorans haben. Dabei bietet Franz Winter in großen Linien auch Elemente zu einer Biographie, er zeigt ausführlich, dass Cioran durchaus auch politisch „sehr dunkle“ Seiten hat: Als junger Mensch in Rumänien und später dann bei Aufenthalten u.a. in Berlin (1933-1935) hat er explizit und nicht ohne Enthusiasmus faschistische Ideen hoch geschätzt. Aber, so betont Winter, „fest steht, dass Cioran (seit seinem Buch „Die Lehre vom Zerfall“ , ins Deutsche übersetzt von Paul Celan!, in Paris 1949 erschienen) seinen =Jugendwahn= zutiefst bereute, dass er sich aber davon viel später löste, als immer behauptet wird… Aber die Diskussion (über die faschistischen Verstrickungen Ciorans) sind noch lange nicht beendet“ (S. 57). Auch seine „Cahiers“, seine Tagebücher, sprechen da eine deutliche Sprache (S. 53). Die Skepsis als die alles entscheidende Dimension des späteren, also in der neuen Pariser Heimat einsetzenden Denkens, bewahrte Cioran davor, weiterhin mit Ansprüchen des Totalitarismus zu sympathisieren. Wenn auch die Frage nach einer möglichen „Vergiftung“ seines Denkens (durch den einst hoch gelobten Faschismus) offen bleibt. Ciorans selbst oft von ihm selbst beschriebenes Gefühl der Abscheu vor dem Leben, dem menschlichen Leben, das Angewidertsein vom Anblick der Menschen oder der Liebe: das sind ja bekanntermaßen Haltungen, die im Nazi-Faschismus und bei Mussolini eine zentrale Bedeutung hatten…Und zu fragen wäre, wie der Polytheismus, den Cioran so nachdrücklich verteidigt (etwa in „Die neuen Götter“, in „Die verfehlte Schöpfung“, Frankfurt 1979, S. 21 ff). nicht auch einer zentralen Lehre der faschistischen Ideologie entspringt: Bekanntlich warf Hitler den Juden als Grundübel vor, wegen ihres Monotheismus auch die Menschenrechte zu verteidigen. Faschismus und Polytheismus gehören zweifellos tendenziell zusammen. Geradezu hymnisch und manchmal peinlich wegen historischer Ungenauigkeiten preist Cioran in dem genannten Essay, der 1979 in Paris veröffentlicht wurde, die Liberalität und Großzügigkeit heidnisch- polytheistischer (Kaiser)-Kulte im alten Rom… bis hin zur dem Urteil: „Der einzige Gott macht das Leben unausstehlich“ (S. 27). Oder, eine heute in vielen Varianten wiederholte Formel: „Der Monotheismus enthält alle Formen der Tyrannei im Keim“ (S. 30). So behauptet denn Cioran weiter, das Heidentum sei „an seiner Großmut, an seinem übertrieben großen Verständnis (für das Christentum, CM) zugrunde gegangen…“ (S. 28). Da entsteht dann im Blick auf die Stringenz des Denkens Corans die Frage: Wie kann er dann als ein Feind des Monotheismus immerhin die noch aus dem monotheistischen Christentum stammende Mystik hochschätzen?

Wie also hielt es Cioran unter diesen Umständen – seit seiner Pariser Zeit – mit dem Christentum? Als Sohn eines orthodoxen Priesters kannte er natürlich auch christliche Lehren. Aber Emile Cioran sagt immer wieder klar und deutlich: Nicht glauben zu können…weil er die Gabe des Glaubens nicht besitzt.

Am Christentum stört ihn am meisten die Hochschätzung des Leidens, darin Nietzsche folgend, während er, anders als Nietzsche, sogar Jesus verurteilt: „Hätte er uns bloß in Ruhe gelassen…“(vgl. S. 62)… Andererseits betont Cioran, betont, dass nur im erlebten Leiden überhaupt Kreativität entstehen kann, also ohne Leiden kein geistvolles Dasein möglich ist, so etwa, wenn er seine andauernde leidevolles Schlaflosigkeit als die eigentliche Antriebskraft seines Denkens deutet (S. 33in Winters Buch). Aber das sind eher typische Argumentationsmuster, die bei ihm oft parallel (d.h. unvermittelt) laufen.

Bei aller Ablehnung der christlichen Religion (als Institution) gibt es eine gewisse Sympathie für die christliche Mystik. Da entdeckt Franz Winter „einen der interessantesten Züge des Werkes Ciorans“ (67). Denn die Mystiker (etwa Theresa von Avila) lassen dem eigenen, subjektiven Erleben völlig freien Lauf; sie verachten das System, auch das religiöse System. Sie sprengen die Begrifflichkeiten, treten in ihrem Erleben aus der Zeit heraus, sie wollen dem Denkenmüssen ( das nun einmal den Menschen auszeichnet) entfliehen (75)

Interessant sind die Hinweise, dass Cioran, angesichts der ihm eigenen „Urgewalt des Zweifels“, in der Musik von Johann Sebastian Bach (S. 45) eine religiöse Dimension stark empfinden konnte.

Cioran hat sich häufig auch positiv über „den Buddhismus“ oder das asiatische religiöse Denken geäußert. Er entdeckte in den Grundstrukturen dieses Denkens Parallelen zu eigenen Auffassungen, vor allem in der Hochschätzung des Nichts oder mehr noch der Leere als dem Ziel eines dann doch noch erstrebenswerten Lebens.

Manche Äußerungen Ciorans sind unseres Erachtens philosophisch schwer nachvollziehbar, etwa wenn er meint, die Sinnlosigkeit des Daseins und der Welt mit diesen Hinweisen zu begründen: “Wenn die Welt einen Sinn gehabt hätte, so wäre er offenbar geworden. Und wir hätten ihn längst erfahren“ (in „Auf den Gipfeln der Verzweiflung, ein Buch, das Cioran selbst als das philosophischste seiner Bücher betrachtete, S. 33). Warum soll denn, so wäre zu fragen, der Sinn sich sozusagen knallhart offenbaren? Wie sollte das gehen, als Wunder, als Belehrung? Ist da nicht viel zu objektivistisch vom Sinn gedacht?

Es stört auch eine gewisse Arroganz des leidenden Nihilisten, etwa wenn er den Schriftsteller und Philosophen Albert Camus „an Bildung einen Provinzler“ nennt, der angeblich nur die französische Literatur kennt….bloß weil Camus Ciorans Buch „Die Lehre vom Zerfall“ nicht loben wollte?

Auch zum Buddhismus formuliert Cioran kritische Vorbehalte: Er meint, Leute aus Europa könnten gar nicht Buddha verstehen und buddhistisch hierzulande leben. Interessant und zur weiteren Diskussion geeignet sind die Hinweise von Franz Winter zur „praktischen Unlebbarkeit der skeptischen Methode“, wie sie Cioran selbst sah. „Nichtsdestotrotz fühlt er sich in geradezu masochistischer Weise dieser (skeptischen) Denkform verpflichtet: Er schreibt in den =Syllogismen=: Die Skepsis, die nicht zur Zerrüttung unserer Gesundheit beiträgt, ist nur ein intellektuelles Exerzitium“ (S. 122).

Wie weit entfernt sich eine solche Position von einem Verständnis von Philosophie, die sich auch klassisch als weisheitliche Orientierung (sophia) versteht, (siehe etwa die selbst von Cioran – für ihn wieder einmal widersprüchlich? – gelobte STOA) ?

Emile Cioran hat mit aller Energie trotz aller permanenter und oft behaupteter Schlaflosigkeit versucht, sein eigenes und einzelnes und vielleicht darin einmaliges Dasein auszusprechen. Das macht seine Philosophie interessant, weil sich einmal mehr zeigt, dass Philosophieren auch als Form der Schriftstellerei eine Alternative ist zur akademischen Universitätsphilosophie. In Ciorans Werk sehen wir die Erschütterungen, ja wohl auch Verwirrungen eines leidenden Menschen, der stets erlebt: Alles, was entsteht, muss sterben. Also verschwinden. Und, wie Cioran meint, hoffentlich verschwinden. Denn diese Welt, so glaubt der Manichäer Cioran, ist eine böse Welt, geschaffen von einem bösen Gott. Darüber muss man diskutieren. Warum nicht auch in der Absicht, ob eine solche Position fürs Leben Orientierung oder gar Hilfe bietet, falls man denn überhaupt noch Orientierung und Hilfe von Cioran wünscht. In der tiefen Krise unserer Welt, bei dem Terror, dem Abschlachten aus religiösen wie machtpolitischen Gründen usw. kann dieses Denken wohl keine Auswege zeigen. Aber wollte Cioran Auswege zeigen? Wer diese Frage mit Nein beantwortet, weiß: Cioran bleibt dauerhaft verstörend und störend, und er lässt den Leser hilflos zurück. Wollte das vielleicht gar Cioran? War er vielleicht ein unbescheidener Missionar des nichtigen Nihilismus?

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Den anonymen Gott verehren – Für eine weltliche Spiritualität: Gonsalv Mainberger

23. Mai 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Den anonymen Gott verehren – Interview mit Gonsalv K. Mainberger

Von Christian Modehn

Am 22. Mai 2015 ist der Theologe und Philosoph Gonsalv Mainberger (Zürich) verstorben. Er wurde von etlichen nachdenklichen Menschen auch in Deutschland sehr geschätzt, als Autor, der Neues sagt und zum Selberdenken inspiriert, gerade im Umgang mit den Religionen.

Wir wollen an ihn erinnern und bieten zur Lektüre noch einmal ein Interview an, das in der Zeitschrift PUBLIK FORUM im Jahr 2009 erschienen war.

Herr Mainberger, Sie haben sich früher, als junger Philosoph, mit der mittelalterlichen Philosophie befasst, später haben Sie sich für die moderne französische Philosophie eingesetzt. Woran halten Sie sich heute? Continue reading “Den anonymen Gott verehren – Für eine weltliche Spiritualität: Gonsalv Mainberger” »



Was ist „ein Hauch von Transzendenz“? Die Sunday assemblies, die atheistischen Gottesdienste“

9. Mai 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

„Ein Hauch von Transzendenz“: Die Sonntagsfeiern ohne Gott

Von Christian Modehn. (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-Forum, am 8.5.2015,  in einer etwas kürzeren Fassung.)

In den Song „99 Luftballons“ stimmt die Gemeinde voller Inbrunst ein: Mit diesem (etwas angestaubten) „Hit“ der achtziger Jahre wird die „Sunday Assembly“ in Berlin eröffnet. 60 TeilnehmerInnen, auch jüngere Menschen, sind zusammen gekommen, interessiert, in dieser Gruppe „das Leben zu feiern“, wie es im Programm heißt. Die meisten nennen sich „nicht-religiös“ oder „konfessionslos“. Aber sie brauchen – wie die Frommen – das Gemeinschaftserlebnis, das „zwecklose Miteinander“, eine Art Sonntagsgottesdienst ohne Gott, zur ausgeschlafenen Zeit, um 14 Uhr.

Zu Beginn erheben sich alle von ihren Plätzen. Einige strecken enthusiastisch ihre Arme in die Höhe, dankbar, dass man hier gemeinsam singen darf. Wie in einer Kirche blicken alle nach vorn. Dort befinden sich weder Altar noch Kerzen oder Bilder, sondern nur ein Tisch, ohne Decke, ohne Blumen sowie ein Pult mit dem Mikro. Von hier aus werden die Ansprachen gehalten, heute über den „Weg der weißen Wolken“ und „Die Reise des Helden“. Die Vorträge werden wie in einer liturgischen Ordnung von Songs umrahmt, dafür tut eine Vorsängerin ihr Bestes.

Wir befinden uns in dem schlichten Sitzungssaal des „Akademischen Verein Hütte“ in Charlottenburg. Hier hat die „Sonntagsversammlung Berlin“ – zur Miete – Unterschlupf gefunden. Sie ist eine Filiale der inzwischen weltweiten Bewegung der „Sunday Assemblies“: Von London aus gesteuert, werden sie in 86 Städten angeboten. Auf dem Flyer der Londoner Zentrale werden die für alle Assemblies gültigen „atheistischen Glaubensprinzipien“ formuliert. Man will „keine Doktrin verbreiten“ und auf „kämpferischen Atheismus“ verzichten, um offen „für alle“ zu sein. Aber sind die „Prinzipien“ kohärent? „Wir glauben nicht an Übernatürliches“. Trotzdem soll auch „ein Hauch von Transzendenz“ in den Alltag wehen“.

Wo kommt dieser „Hauch“ von Transzendenz zum Wehen, fragt sich der Besucher angesichts der vielen bloß gut gemeinten, meist englischen Songs und der eher nüchternen (Volkshochschul-)Vorträge. In der Feierstunde selbst findet die „Pflege der Gemeinschaft“ kaum statt. Das Gespräch etwa mit den Sitznachbarn ist kurz und knapp. Die Teilnehmer dürfen auch nicht spontan zum Mikro gehen. Wie in der Kirche bestimmen einzig die „Liturgen“ das Geschehen. Muss eine Lebensfeier also reglementiert sein?

Schließlich wird auch die Kollekte eingesammelt. Denn die Gemeinde arbeitet ehrenamtlich, erhält von der offenbar finanziell gut ausgestatteten Londoner Zentrale keine Zuschüsse. In den „Vermeldungen“ wird auf weitere Veranstaltungen hingewiesen, etwa einen philosophischen Gesprächskreis und eine Meditationsrunde.

Nach der Feierstunde bleiben einige im Nebenraum bei Kaffee und Kuchen beisammen. Etliche Teilnehmer betonen, unbedingt diese Gemeinschaft zu brauchen und eine gewisse Feierlichkeit außerhalb der Kirchen erleben zu wollen. Einige finden das Motto der Assemblies hübsch: „Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“. Was diese Prinzipien im Berliner Alltag bedeuten, wird nicht erläutert. Was nützen sie den Obdachlosen oder den Flüchtlingen?

Um die Organisation kümmert sich in Berlin die Autorin Sue Schwerin von Kroswig. Sie hatte sogar zur „Wintersonnenwende“ eine eigene Veranstaltung vorbereitet. Im Katholizismus groß geworden, hat sie, wie sie sagt, für Rituelles eine gewisse Sensibilität. Von daher wird die Vorliebe für ein rituelles Gerüst, aus der katholischen Messe bekannt, verständlich.

Im September 2014 fanden in Berlin die ersten nicht-religiösen Feierstunden statt; auch in Hamburg ist man erfolgreich. „Wir stehen finanziell ganz gut da“, berichtet der dortige Leiter Rainer Sax. Über seine Gemeinde sagt er: „Unter den Nichtreligiösen sind erstaunlich viele Esoteriker. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir damit umgehen“. Wie weit sind rituelle Erweiterungen im Angebot dieser „Gottlosen Kirche“ möglich? Wird es Namensfeiern geben, die den christlichen Taufen nachempfunden sind? Oder Hochzeitsfeiern? In dem Bereich haben die Humanisten schon ihre rituellen Angebote. Der „Humanistische Verband Deutschland“ steht den assemblies wohlwollend, aber nicht gerade enthusiastisch gegenüber.

Die assemblies wurden in London im Januar 2013 von beiden Komikern Sanderson Jones und Pippa Evans gegründet. Jones hat eine schlichte Antwort auf die Frage, nach der inhaltlichen Konzeption: „Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen, und lassen Gott einfach weg“. „Aber das ist doch so, als könne man eine Oper aufführen, und die Arien einfach weglassen oder zum Steak Essen einladen und aufs Fleisch verzichten“, sagt ein kritischer Beobachter schmunzelnd, „aber einigen gefällt das“.

Selbst in den so christlichen Vereinigten Staaten kommt die Assembly Idee gut an. Dort gibt es aber die ersten Abspaltungen vom „Mutterhaus“ in London: Viele Gottlose dort sind nicht bereit, den offenbar universal vorgeschriebenen Weisungen des Gründer-Pärchens zu folgen.

Werden die assemblies trotz ihrer doch eher oberflächlichen Botschaft bzw Inhalte und trotz ihrer doch äußerst bescheidenen „Riten“ erfolgreich sein? Die Sehnsucht nach Kontakten ist wohl so groß, dass sich viele Menschen zumal in den Großstädten auf diese unverbindlichen Feiern einlassen werden. Für theologisch und philosophisch Interessierte bleibt die Frage: Ist dies wirklich eine auf der Höhe der Reflexion sich bewegende „atheistische“ Botschaft? Wird über die permanente Verklammerung von Theismus und Atheismus überhaupt nachgedacht, so dass eigentlich Atheismus nur die andere Seite des Theismus ist, also „heillos“ mit diesem verbunden bleibt. Gäbe es denn eine Position jenseits von Theismus UND Atheismus? Wäre dies nicht ein dringendes Thema auch für die assemblies? Oder ist dieses Thema vielleicht zu anspruchsvoll? Es führt in die Mystik, in eine Ebene des Unanschaulichen, des Geheimnisses (das, allen philosophischen Laien sei dies gesagt, selbstredend etwas ganz anderes ist als das Rätsel). Anders gesagt: Müssen diese assemblies so intellektuell bescheiden, so anspruchslos, volkshochschulmäßig bleiben? Das frage ich als Theist, der den Theismus auf eine höhere, mystische Ebene, wenn man so will, überwinden will.

Die andere Frage ist: Warum haben die assembly Teilnehmer keinerlei Erwartungen mehr an die Kirchen? Sollten die Kirche nicht interessiert sein, Näheres von diesen Menschen zu erfahren? Und die Kirchen? Sollten sie sich nicht herausgefordert sehen, endlich zur Gemeinschaft für alle zu werden und jeden Menschen in der Gemeinde, in jeder Gemeinde, vorbehaltlos zu akzeptieren, auch im Gottesdienst, und selbstverständlich auch beim Abendmahl. Sind die Chrisen etwa die verfügenden „Herren“ des Abendmahls? Die Kirchen sollten sich bemühen, eine von jeglicher esoterischer Sondersprache befreite, also eine möglichst vielen verständliche Sprache zu sprechen. Dann könnten sie auch neu Gottesdienste feiern, warum sollten die nicht „Feiern des Lebens“ heißen? Eine neue „liberale Theologie“ könnte dabei hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon