Das letzte Bild im Film „Vaterland“

Ein Hinweis zur Spiritualität des Films
Von Christian Modehn am 27.10.2026

Viele Bilder des Films „Vaterland“ von Pawel Pawlikowski setzen sich förmlich fest in der Erinnerung: Es sind wirklich Bilder,, nicht (wie üblich, schnell hintereinander geschnittene) „Szenen“ eines Films. Auch diese Ästhetik macht den Film „Vaterland“ zu einem Meisterwerk. Die großartigen Sandra Müller und Hans Zischler stellen Erika und Thomas Mann dar. Die Tochter begleitet den Vater im Juli 1949 nach Frankfurt (Main) und Weimar, in den Wochen, als Deutschland offiziell in die BRD und die DDR geteilt wurde: Historisch korrekt war es Katja Mann, die ihren Gatten Thomas Mann begleitete, aber der Film bietet eine eigene Interpretation…)
Thomas Mann hält in beiden Städten seine Rede halten aus Anlass der Übergabe des „Goethe Preises“ (in Frankfurt) und des „Goethe – Nationalpreises“ (in Weimar). Es sind Reden, die den Geist des klassischen Humanismus wachrufen wollen in einem materiell zerstörten, ideologisch vergifteten geteilten Deutschland.

Der Film ist sehr sehenswert, zumal er die Familie Mann in ihrer Tragik (Suizid des Sohnes, Klaus Mann) anrührend zeigt; irritierend auch, wie Thomas Mann im Film sich nicht aus der Fassung bringen lässt.
Das zerstörte Deutschland sichtbar ist, zerstört nicht nur die Städte, die Häuser, zerstört vor allem die Mentalitäten: Erstarrt sind die Gesichter, etwa beim Vortrag Thomas Manns, trostlos der Alltag. Deplatziert sind die Gesänge der Sowjetsoldaten zu Ehren des sehr bourgeoisen Thomas Mann. Deplatziert genauso die albernen Aufführungen von Schlagern und Songs im Westen, beim abendlichen Vergnügen im Hotel in Frankfurt.

Was aber vor allem im Gedächtnis bleibt: Die letzte Szene im Film:
Erika und Thomas Mann im Auto auf der Rückfahrt von Weimar nach Frankfurt: Sie entdecken eine Kirche, eher eine halbe Ruine. Halten an, sie treten ins demolierte, aber noch stabile Gotteshaus ein, hören Orgelklänge: Oben auf der Empore erklingt Musik von Johann Sebastian Bach. Die beiden setzen sich in den leeren, verwahrlost wirkenden Kirchenraum, ein Bild des Verfalls und Zerfalls. Aber an einem religiösen Ort wollen die beiden eine Pause machen, eine Unterbrechung auf ihrer Reise im zerstörten Deutschland.

Erika und und Thomas Mann sitzen in der leeren verwahrlosten Kirche, halten einander sanft an den Händen fest: Der Organist oben auf der Bühne hat längst wahrgenommen, dass Besucher den leeren Kirchenraum betreten haben. Und er spielt ein ziemlich berühmtes Stück von Bach. Es ist eigentlich ein Choral, nur: der Chor fehlt.
Aber die Manns kennen das Stück, Thomas Mann war ja ein begeisterter Liebhaber der Bach Musik.
Was hören sie da in der ruiniert erscheinenden Kirche? Diese Frage werden sich viele Besucher des Films hoffentlich gestellt haben: Es ist die Melodie des Chorals „Jesus bleibet meine Freunde“.
Man muss kein frommer Christ sein, um nicht von diesem stillen Bild des Films „Vaterland“ tief berührt, wenn nicht erschüttert zu werden: Es ist die Musik, die Bach – Musik, die spirituelle, sagen wir christliche Musik Bachs, die nun die Nähe der beiden Menschen vertieft, die vielleicht Hoffnung weckt, Hoffnung auf einen neuen Humanismus, von dem Thomas Mann in Frankfurt und Weimar sprach. Und wer mit der Melodie auch den Text des Chorals vergegenwärtigt, kann sich beim Betrachten des musikalischen Bildes sagen: Jesus ist nicht nur „meine Freude“, vielleicht ist er auch (m)ein Friedensstifter, wenn man denn den Mann aus Nazareth als einem herausragenden Menschen, einen Lehrer der Weisheit, wahrnimmt. Er kann als herausragender Mensch trösten..

Wer den Choral auch mit Chor-Gesang hören will: Wir empfehlen die gut und kostenfrei erreichbare Aufführung des Vokalensembles des NDR, Dirigentin Heide Müller. Der Choral gehört zur Kantate (komponiert 1723) „Herz und Mund und Tat und Leben“ (BWV 147).

Man bedenke, dass der Text einen – für uns Heutige – eigenen befremdlichen und gerade deswegen inspirierenden Reiz hat: Das Gedicht verfasste ein Dichter des 17. Jahrhunderts: Martin Jahn (1620-1682) ist sein Name.

Der TEXT:
„Jesus bleibet meine Freude,
 meines Herzens Trost und Saft!
 Jesus wehret allem Leide,
 Er ist meines Lebens Kraft, 
meiner Augen Lust und Sonne,
 meiner Seele Schatz und Wonne;
 darum lass ich Jesum nicht
, aus dem Herzen und Gesicht.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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