Das neue Buch von Hamed Abdel – Samad
Ein Hinweis von Christian Modehn am 31. Oktober 2026
1.
Politiker und Staatspräsidenten, die von Demokraten treffender Despoten, wenn nicht Verbrecher genannt werden sollten, können und wollen nicht auf den heiligen Schein der Religion verzichten: Sie sakralisieren ihre Regimes, indem sie sich auf religiöse Traditionen berufen, fromme Sprüche aus heiligen Büchern zitieren, Theologen und Pastoren um sich scharen zum Gebet für den Präsidenten: Und
viele Leute, ebenfalls mehr am heiligen Schein als an der Menschenwürde interessiert, unterstützen diese Politiker, in Russland und den USA, in Israel und Iran, in Indien und Myanmar, in Chile und vielen Staaten Afrikas…
2.
Das neue Buch von Hamed Abdel-Samad „With God on their Side“ hat den Untertitel „Die unheilvolle Allianz von Politik und Religion“ (DTV, München, 2026): Auf 332 Seiten bietet der international bekannte – und von muslimischen Fundamentalisten mit einer Fatwa verurteilte – Kenner der heutigen religiösen Szene eine sehr gute Übersicht, wie denn weltweit „Religion wieder zur politischen Ressource wird: als Legitimationsquelle von Macht, als moralischer Schutzschild gegen Kritik und als Kompass für nationale Mobilisierung.“ (S. 24). Abdel-Samad schreibt klar und deutlich und scharf und gut nachvollziehbar. Wer den verworrenen Zustand der Welt heute verstehen will, muss den Missbrauch der Religionen durch die Herrscher verstehen. Das Buch „With God on their Side“ von Abdel-Samad bietet dazu einen guten Einstieg.
3.
Die religiösen Werte sind für Abdel – Samad und andere seriöse Religionswissenschaftler spirituelle Weisheiten für ein humanes Leben: Aber die herrschenden Despoten verfälschen spirituelle Weisheiten zu politischen Herrschafts-Ideologien, das gilt für die Führer der sich religiös nennenden Szene in den USA, in Indien, Israel, China, in der Türkei und in vielen muslimischen Staaten, in den reaktionären und rechtsradikalen Parteien Europas und so weiter. Interessant, wie Abdel – Samad in seinem Kapitel über China in dem aktuellen chinesischen „Social – Control – System“, also der Bewertung moralischen Verhaltens durch die kommunistische Führung, versteckte religiöse Tendenzen freilegt: Der alte chinesische Konfuzianismus wird jetzt als „kultureller Kitt“ eingesetzt, um Bürger gefügig zu machen und in die offizielle Staats-Moral einzupressen, im Sinne einer „beruhigenden Zivilreligion“(S.193).
4.
Das neue Buch von Hamed Abdel-Samad beschreibt in 16 Kapiteln diesen Missbrauch der Religionen: „Gemeinsam ist diesen Entwicklungen weniger eine religiöse Erneuerung als die strategische Politisierung religiöser Identität.“ (S. 249). Der Autor nennt immer auch die historischen Voraussetzungen für diese „unheilvolle Allianz“. Und er warnt die Europäer, bloß nicht zu glauben, sie würde diese Entwicklung nicht betreffen: „ Was in den USA (gemeint ist MAGA, die Clique um Trump, CM) politisch, kulturell oder akademisch zirkuliert, erreicht früher oder später Europa“. (S. 248).
5.
Wichtig ist, mit welchem Nachdruck der Autor für die Religionskritik als entscheidende Hilfe im Kampf zugunsten von universell geltender Menschlichkeit und Demokratie eintritt. Philosophie als das systematische und unabhängige Fragen und Forschen erhält eine neue praktische Bedeutung: Sie sollte auch in den Schulen einen viel größeren Stellenwert erhalten. Philosophie heute muss als eine neue Form der Aufklärung konzipiert werden, sie hat die Normen der Menschenrechte als universell geltend aufzuzeigen und zu lehren: Diese Normen gelten selbstverständlich auch für die Beurteilung der Religionen. Und das bedeutet etwas Grundlegendes: Kirchen, Religionen insgesamt, stehen also UNTER den universellen humanen Normen. Faktisch ist das nicht der Fall, weil sich Despoten der Religionen bemächtigt haben. Und sehr viele religiöse Führer, die noch die spirituellen humanen Werte der Religion unterstützen, zu schwach sind zum Widerspruch und Widerstand.
6.
Die Kirchenführer und ihre Theologen können eigentlich nicht hinnehmen, wie die politischen Despoten heute weltweit über die religiösen Weisheiten verfügen und diese missachten. Alle inter-religiösen Gespräche sollten von diesem Thema bestimmt sein.
7.
Das neue Buch von Hamed Abdel-Samad führt die LeserInnen zu weiteren Überlegungen: Wie deutlich und stark ist der Fundamentalismus noch in den großen Kirchen etwa Westeuropas präsent? Können sich die klassischen, angeblich heute modernen Kirchen (Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, einige Katholiken) rühmen: Gegenüber den fundamentalistischen evangelikalen Kirchen und den Traditionalisten (etwa den Pius-Brüdern Erzbischof Marcel Lefèbvres) frei von fundamentalistischen Bibeldeutungen zu sein? Also modern zu sein? Gilt etwa die umfassende Anerkennung der historisch – kritischen Methode in der Interpretation der Bibel und wird diese Interpretation in die Kirchenlehre und Kirchenführung übernommen? Ein weites Feld der kritischen Forschung wird eröffnet, wenn man sich etwa in der aktuellen katholischen Dogmatik die Begründung für die Vorrangstellung des Papstamtes anschaut oder die nur dumm und ignorant zu nennende offizielle Ablehnung des Priestertums für Frauen. Und noch herausfordernder für die meisten Kirchen: Ihr Verständnis von Erlösung ist untrennbar mit der verstaubten, von kritischer Theologie längst überwundenen Lehre von der Erbsünde verbunden…
8.
Mit der Begründung von Politik durch religiöse Mythen wird der Willkür alle Macht überlassen: Gott sagt heute dies und morgen jenes, und Wunder gibt es immer wieder…Die Herrscher fühlen sich dabei nicht nur auf Gottes Seite, sie reden den Menschen ein, wie Gott selbst unantastbar zu sein. Herrscher – und Despoten-Kritik wird so schnell zur Blasphemie. Demokraten, die diese Regimes überwinden wollen, müssen sich nicht nur organisieren, sie müssen gut ausgebildete Religionskritiker sein, auch dies lehrt das wichtige Buch Hamed Abdel – Samad.
9.
Die Position Abdel – Samads ist klar: Kein Gebrauch religiöser Traditionen für die Gestaltung von politischer Herrschaft, auch keine unmittelbare Verwendung religiöser Mythen in der Politik der Demokratien. Religion als Spiritualität, als Leben gemäß der Weisungen heiliger Bücher, ist nur Privatsache. Der Autor übersieht dabei, dass einzelne religiöse Weisheiten der heiligen Bücher (etwa der Bibel) durchaus eine verstärkende Wirkung innerhalb der Politik der Menschenrechte haben können: Man denke an die biblischen Weisungen, wenn Juden und Christen in vielen biblischen Texten ermahnt werden: Das Tun der Gerechtigkeit über alles zu setzen, das lehren nicht nur einige Propheten des Alten Testaments, das lehrt auch das Neue Testament: Im „Ersten Johannesbrief“ heißt es: „Erkennt, dass jeder, der die Gerechtigkeit tut, von Gott stammt“ (1 Joh 2, 29). Und im „Ersten Brief an Timotheus“ heißt es: „Ermahne die, die in dieser Welt reich sind: Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und das, was sie haben, mit anderen teilen“ (1 Tim 6, 17 ff.).
10.
In den heiligen Schriften der Religionen, etwa in der Bibel, sind durchaus Perspektiven enthalten, die im Kampf um die Geltung der universellen Menschenrechte on Bedeutung sind.
Hamed Abdel – Samad, „With Good on their Side. Die unheimliche Allianz von Politik und Religion“. DTV, 2026, 336 Seiten, 26€.
Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin , www.religionsphilosophischer-salon.de
