Wer sich abschottet, der stirbt. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Februar-März 2017

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer heute für eine immer größere Abschottung und Abgrenzung von „den anderen“, den „Fremden“, eintritt, schließt sich selbst ein, begibt sich in einen Raum, in dem es auf Dauer nichts mehr zu atmen gibt: Weil die anregende frische Luft fehlt, die es nur im Austausch, also in der Offenheit gibt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: „Nur wer offen ist, kann dicht bleiben“ (Seite 3). Diese „Mitte“ zwischen Offenheit und Abgrenzung erst formt die eigene Identität; diese Mitte ist je neu in unterschiedlichen Situationen zu finden. Jede Selbstbegrenzung ist allerdings immer schon – zumindest geistig – über die eigenen Grenzen hinaus, also auf die anderen bezogen. Abschottung, Nationalismus usw. sind ein Selbst-Widerspruch, und somit Unsinn.

Aber wie das so ist mit den philosophischen Erkenntnissen: Sie können als Maxime der eigenen Lebenshaltung nur dargestellt und empfohlen, nicht aber politisch durchgesetzt werden. Gegen bornierte Dummheit, als bequemer Gehorsam gegenüber populistischen Sprüchen der Politiker, hat Philosophie nur die Macht des Arguments und des Dialogs. Wer sich heute mit den sehr rechtslastigen Freunden der Abgrenzung, die sich etwa auch „Identitäre“ nennen, auseinandersetzt, der erlebt einmal mehr die politisch-praktische Schwäche des Denkens, der Philosophie. Vielleicht sollte sie sich mit Künstlern verbinden und verbünden: Der radikale demokratische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, Russland kritisiert den Wahn des Putin-Regimes mit dem schmerzhaften Einsatz seines eigenen Körpers (bis hin zum Zunähen der eigenen Lippen). Über ihn wird im „Philosophie Magazin“ berichtet.

Die Februar Ausgabe (2017) des inzwischen vielfach geschätzten philosophischen Magazins kann, wie immer bei der Philosophie, dem Leser, der Leserin, nur zu denken geben. Und das ist viel. Philosophie kann die üblichen Begriffe stören und den angeblichen gesunden „Verstand des Volkes“ bloßstellen. Nur so können Neu-Orientierungen beginnen. Und dazu bietet das neue Heft ein weites Feld fürs eigene Nachdenken: Sind die ganz großen Pop-Diven die letzten mythischen Lebewesen? Sind Björk, Adele, Beyoncé und die anderen etwa die Göttinnen der (angeblich) säkularen Welt? Kann die so vielfach geliebte japanische Cyber-Celebrity Hatsune Miko die japanische, zenbuddhistisch inspirierte Spiritualität neu beleben? Dass alles Illusion ist, das alles Leibliche und Greifbare, also Menschliches vergeht? Dieses Thema, die neuen Götter und Engel, die sich in der POP-Szene tummeln, könnte weiter ausgebreitet werden: Sind die säkularen Menschen also doch irgendwie (noch) fromm, brauchen sie HalbgöttInnen und Schutzpatroninnen (wie Beyoncé)? Können diese mythische und göttliche Rolle nur Frauen übernehmen? Ist die klassische, männlich geprägte Religion irgendwie dann doch am Ende, trotz oder besser wegen der aggressivsten Männlichkeit, etwa in fundamentalistisch islamistischen Kreisen? Wenn man Göttinnen (des Pop) erzeugen kann, darf man dann auch menschliches Leben künstlich erzeugen, wird gleich im Anschluss im Heft gefragt. Ist das menschliche Leben ein „Designobjekt“ (S. 36) ?

Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich (im Mai ) ist die Reportage über die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz besonders interessant: Sie besucht die Stadt Sarcelles in der Nähe von Paris; dort hat sie als Jugendliche gelebt, dort gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslims. Heute werde dort der Schein des guten Zusammenlebens aufrecht erhalten, meint Frau Illouz: Religiöse Juden und religiöse Muslime sind vereint in der Ablehnung des Laizismus, der als Trennung von Religionen und Staat immer noch ein entscheidendes (und in unserer Sicht richtiges) kulturelles und religiöses Merkmal Frankreichs ist. Beim Kampf (Demonstrationen und Polemiken) gegen die „Ehe für alle“ waren religiöse Führer aller Religionen (bis auf Protestanten, also Reformierte und Lutheraner) ökumenisch vereint.

Die Ehe für alle ist dann – Gott sei dank – doch Gesetz geworden. Für die konservativen Religionen, auch in Deutschland, ist das Thema allerdings nicht beendet….

Im offensichtlichen Sinne philosophisch sind die Beiträge über Epikur, da breitet Pierre Vesperini, Experte für antike Philosophie, die These aus: Epikur habe in seinem berühmten Garten so etwas wie einen religiösen Verein geleitet; eine These, der im Heft auch widersprochen wird. Dabei spricht vieles für die These des Philosophen Pierre Vesperini, Epikur habe wie die anderen großen Philosophen in Athen eine spirituelle Schule geleitet und sich selbst als religiösen Meister gesehen. Die religiöse Bedeutung der antiken Philosophieschulen hat ja auch Pierre Hadot in seinem umfangreichen Werk hervorgehoben, er ist sicher einer der besten Kenner. Etwa wenn er von den religiösen Exerzitien und geistlichen Übungen im Umfeld der griechischen Philosophen spricht. Der Beitrag verführt dazu, die Verbindungen der frühen Kirche mit der griechischen Philosophie weiter zu studieren: Etwa: Der Apostel Paulus hat in Athen den Dialog mit Philosophen auf dem Areopag gesucht, und in ihrem Sinne (so berichtet die Apostelgeschichte) allen Ernstes betont: „Da wir Menschen nun göttlichen Geschlechts sind…“ eine Formulierung, die auch an Epikur und andere erinnert. In der Theologie und der Philosophie ist leider auch die Tatsache der praktischen Hilfsbereitschaft der Philosophen für die frühe Kirche vergessen: Paulus hat nämlich in Ephesus zwei Jahre Unterkunft bei dem Philosophen Tyrannus gefunden und in dessen Schule gepredigt (!), weil der Apostel in der Synagoge nicht mehr reden konnte und wollte… (APG., 19, 8 ff.)

Erfreulich und inspirierend ist weiter, dass ein Interview mit dem umfangreichen Werk des Philosophen Hermann Schmitz (Kiel) bekannt macht: Schmitz ist der Begründer der „neuen Phänomenologie“: Sie will die Vielfalt subjektiver Erlebnisse, vor allem die unwillkürlichen Lebenserfahrungen, zur Sprache bringen und kritisch untersuchen, ein bislang oft übersehenes, schwieriges Unternehmen.

…..diese wenigen Hinweise können zeigen: Es lohnt sich wieder, das Philosophie Magazin zu lesen.

www. philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

 

Zygmunt Bauman: Gegen die Propaganda von Angst und Panikmache.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Professor Zygmunt Bauman, 1925 in Posen geboren, ist am 9. Januar 2017 in Leeds, England, gestorben. Viele werden sein umfangreiches Werk kennen und schätzen, es kann als soziologisch begründete, stets auch philosophisch interessierte Zeitdiagnose gelesen werden. Bauman sei ein „jüdischer Kosmopolit“, hatte 2014 noch Ulrich Beck treffend bemerkt.

Leider sind in Deutschland Baumans Bücher aus dem Jahr 2015 über Gott und die Menschen kaum bekannt: Zygmunt Bauman hat sich darin auf einen Dialog mit Stanislaw Obirek eingelassen, dem heute vor allem in Polen bekannten katholischen Dissidenten: Er war (als Kritiker der polnischen Kirchenmacht) bis 2006 Jesuit und ist jetzt Universitätsprofessor in Warschau. Ein Buch hat den Titel: „Of God and Man“, das andere „On the World and Ourselves“, beide sind in Cambridge, Polity Press, erschienen als Übersetzungen aus dem Polnischen. Beide Autoren entwickeln in dem Buch „Of God and Man“ ihre gemeinsame Position des Agnostizismus, als einer „Antithese zum Monotheismus und einer abgeschlossenen Kirche(nlehre)“. Sie sehen den Agnostizismus als Weg der Befreiung von einem blinden und arroganten Wissen zu einer eher zurückhaltenden Position des Zeugnisses von der Vielfalt menschlicher Wahrheiten.(„paths from the blind arrogance of the possessor of a single truth to the restraint of a witness to multiple human truths“…(2). Diese Haltung schließt nicht aus, dass auch das Wissen und die Weisheiten der alten Religionen inspirierend sein können in einer sich „säkular“ nennenden Gesellschaft. Lediglich der religiöse Fundamentalismus (auch in der polnisch-katholischen Form) wird zurückgewiesen. Beide Bücher sind ursprünglich für ein polnisches Publikum verfasst worden. Sie haben große Bedeutung auch angesichts der offenkundigen Krise bzw. der latenten Abschaffung der polnischen Demokratie, verursacht von der sich allmächtig fühlenden reaktionär-katholischen PIS-Regierung.

In philosophischer Hinsicht sind viele Themen Baumans bleibend aktuell, seine zentralen fragen: Wie destruktiv ist die Ratio der Aufklärung (im Blick auf den Holocaust)? Wie begegnen die westlichen Gesellschaften dem Zusammenbruch der alten rationalen Ordnungen? In wiefern ist die Moderne flüchtig, zerbrechlich, verschwimmend? Wo zeigt sich ein Halt in dieser Situation? Gibt es überhaupt noch eine Sprache, gibt es Begriffe, für diese neue Situation des globalen Wandels?

Ulrich Beck hat darauf hingewiesen, wie auch zentrale Begriffe Baumans zu weiterer (philosophischer) Reflexion auffordern: Etwa das Wort Überleben. Gemeint ist: Wenn ich überleben kann und darf, wurde ich aus einer größeren Gruppe von Todeskandidaten ausgesondert. Überleben hat also auch mit Selektion zu tun. Nur der Stärkere überlebt. Sind das Erkenntnisse, die auch in der Debatte über Flüchtlinge eine Rolle spielen? Auch viele Menschen in den westlichen Gesellschaften haben –etwa angesichts der vom Neoliberalismus bzw. Neo-Kapitalismus verursachten Krisen – die Überzeugung, physisch und psychisch nur noch zu „überleben“. Von einer eigenen, freien autonomen Lebens-Führung kann bei vielen Menschen selbst in der westlichen Welt keine Rede mehr sein.

Wichtig bleiben Baumans Überlegungen zu dem Trend, sich wieder in die eigene Nation abzukapseln: In seinem Buch „Flüchtige Moderne“ (Suhrkamp 2003) ist vor allem das Kapitel „Gemeinschaft“ wichtig. Nationalismus, so Bauman, lebt grundlegend vom Hass auf die anderen. Man will als Nationalist (Patriot) den eigenen Staat und damit das eng umgrenzt Eigene ausleben und feiern. Man fühlt sich nur noch in der Runde der mit mir Identischen, der Patrioten, wohl. Nur mit diesen Menschen will man verbunden sein, so entstehen Abneigung und Hass auf alle „Andersartigen“. Der Kommunitarismus wird aktiviert jetzt z.B. in Ungarn oder Polen,in Frankreich finden die nationalistischen Sprüche wie „La France d abord“ immer mehr Zustimmung. Mister Trump will die USA am liebsten einmauern als Lebensraum für die „richtigen Amerikaner“, die so weiß und christlich bzw. unchristlich wie er selbst sind. Für Baumann ist klar: Die Fixierung auf die vertraute, Fremde ausschließende Gemeinschaft führt zu einer gefährlichen „Verengung“ des ganzen Lebens, die sich in Aggressionen gegenüber den anderen nicht nur an der Grenze des Eigenen entlädt.

„Die Angst vor den anderen“ ist eines der letzten Essays von Zygmunt Bauman, bei Suhrkamp 2016 erschienen. Es zeigt, dass die europäischen Regierungschefs sich längst an die politische Lösung des ungarischen Nationalisten und Ministerpräsidenten Orban halten: Die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen, auch durch den Einsatz von hohen Stacheldrahtzäunen. Bauman zitiert einen Artikel in der NYTimes vom 21. 12. 2015 an, der zeigt: Dass sich europäische Staatschefs „wenn auch nicht im selben hässlichen Tonfall an Orbans Politik angeschlossen haben“. Aber: „Diese Europäer verstecken ihre Botschaft feige oder scheinheilig hinter dem Schleier eines politisch korrekten Vokabulars“: Sie wollen als angeblich gute Europäer, aber sich oft versteckt gebende Nationalisten unbedingt die „Kontrolle über die Außengrenzen des Kontinents wiedergewinnen“: Dahinter stecke, so Bauman mit Michel Agier (einem der kenntnisreichsten Erforscher der mehr als 2000 Millionen Migranten) die Vorstellung, eine „Aufteilung der Welt in zwei große Weltteile (zu verfestigen): Auf der einen Seite eine saubere, gesunde und sichtbare Welt; auf der anderen Seite die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests…. Flüchtlings-Lager werden nicht mehr dazu dienen, wehrlose Flüchtlinge am Leben zu erhalten, sondern unerwünschte Menschengruppen jeglicher Art zu parken und unter Bewachung zu halten“ (S. 88). Mit anderen Worten: Die Flüchtlingspolitik der zudem angeblich so christlichen und kirchlichen Europäer führt zur Sichtbarkeit eines (lange schon lebhaften) globalen Rassismus. Die Einwanderung, auch von Flüchtlingen, wird nicht mehr als positive, auch ökonomisch positive Entwicklung gesehen. Die Tatsache, dass einige Terroristen unter den vielen tausend Flüchtlingen sind, wird auch von den Medien, die darin den Politikern folgen, so sehr in den Mittelpunkt aller politischen Überlegungen und Entscheidungen gestellt, dass der Eindruck entstehen soll: Flüchtlinge sind a priori nur gefährlich, tendenziell gewalttätig. Wenn dieser falsche Eindruck weiterhin von führenden Politikern auch in Deutschland propagiert wird, weil sie sich der angeblichen Volksstimmung anpassen (ihrer eigenen Politiker Karriere willen), wird nur das Ziel des so genannten Islamischen Staates betrieben: Das Ziel ist: Angst zu schüren, Nationalismus zu fördern, die Gesellschaft im Westen zu spalten. Politiker, die heute Flüchtlinge nur als Gefahr ansehen, betreibe sozusagen in gewisser Weise unbewusst das Geschäft des so genannten IS. Können Argumente, können Gespräche, noch die Vernunft fördern, die darin besteht: Die Flüchtlinge als Chance zu sehen und in den Herkunftsländern tatsächlich für eine Verbesserung der politischen und ökonomischen Verhältnisse zu sorgen sowie hier die bestehenden (!) Gesetze zur Abwehr von Terroristen europäisch koordiniert anzuwenden. Momentan aber wird angesichts des Terrors weitgehend bewusst eingesetzte Panikmache betrieben. Und wie mit Selbstverständlichkeit wird der Wahn verbreitet: Sicherheit sei für den Menschen und die Gesellschaft immer wichtiger als individuelle und gesellschaftliche Freiheit. Wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird, gibt es keine umfassend menschlichen Wesen mehr, für die die Sicherheit noch relevant sein könnte. Unfreie Menschen leben nicht mehr im emphatischen Sinne; sie überleben bloß noch, aber sicher. Bloß wozu noch? Um den autoritären Staaten und ihren autoritären Regierungen zu dienen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 18. Dezember 2015.

Man muss  sich jedoch auch im Jahr 2017 mit der aktuellen Entwicklung der sich allmächtig fühlenden PIS Partei in ihrer Verquickung mit der katholischen Kirche befassen. Hilfreich dabei sind die Analysen des polnischen Politologen (und EX-Jesuiten) Stanislaw OBIREK, jetzt Professor in Warschau. Er ist leider in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Wann werden Bücher von Obirek übersetzt? Der MDR hat einige seiner kritischen Gedanken zu PIS und polnischem Katholizismus publiziert, ein sehr wichtiges Interview, klicken Sie hier.

Wichtig ist auch der Beitrag von Florian Kellermann „Wie Pech und Schwefel“ über die engste Einheit von katholischer Kirche (Klerus) mit dem PiS System. Der Beitrag erschien in der Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, also in „Christ und Welt“ vom 2. Februar 2017, Seite 5). Die zentrale Aussage: Mit Hilfe eines nationalistisch-reaktionären Klerus wird die polnische Gesellschaft und der polnische Staat in ein autoritäres System umgebaut. (Erneut gilt es, philosophisch, religionswissenschaftlich, soziologisch und historisch die ideologische Nähe von hierarchischem Klerus bzw. absolut hierarchisch organisierter Kirche zu autoritären Regierungsformen zu untersuchen: Das Spanien unter Franco, die Diktatur in Portugal, Mussolini, die faschistoiden klerikalen Politiker in Kroatien einst, die Verbundenheit von Diktatoren Lateinamerikas mit der Kirche wären erneut zu studieren). Und es erstaunt, dass der angeblich progressive Papst Franziskus den PiS Freund Marek Jedraszewski zum (politisch so bedeutsamen) Erzbischof von Krakau ernannte… Die wenigen noch mutigen demokratischen Richter und Oppositionspolitiker verdienen mehr Beachtung und Respekt, natürlich die wenigen katholischen Priester und Theologen, die den PiS Wahn nicht mitmachen.

Wichtig wäre, wenn umfassend freigelegt werden könnte in einer objektiven Recherche: Warum kann weder die Leitung des Redemptoristen-Ordens in Rom noch der Vatikan (der Papst) den nationalistischen und antisemitischen Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk vom Posten des Medien-Imperiums Radio Maryja entfernen? Und natürlich diesen Hetz-Sender abschalten?  Nebenbei: Theologische Links-Abweichler werden sofort vom römischen System bestraft und „still gelegt“, nicht hingegen Hetz-Propagandisten wie Pater Rydzyk und sein Medien-Imperium, das sozusagen ein Sprachrohr der PiS Regierung ist.

Auch am Beispiel des heutigen Polen wird deutlich: Der wahre oberste Gott, dem alle demokratischen Grundrechte geopfert werden, heißt: Absolutes Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung. Und absolutes Verbot jeglicher Gender-Offenheit. Diese beiden Themen sind die hochheiligsten Götter so vieler Katholiken in Polen (und anderswo). Die Kirche ist offenbar theologisch und spirituell so arm, dass sie alle Energie in den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche und in den Kampf gegen Gender-Debatten setzt. Welche theologische Blamage (eventuell kommt noch der äußerst beliebte und geförderte Marien-Kult hinzu, als Beispiel für die gehorsame Frau an Heim und am Herd…)

Mein Hinweis, verfasst am 18.12.2015: Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Ra­dio­sen­dung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Reformation in Spanien: Casiodoro de Reina: „Einfach nur Protestant sein“.

Von Christian Modehn.    Dieser Beitrag erschien Ende 2016 in kürzerer Fassung in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-FORUM

Kaum sind Juden und Muslime vertrieben oder zur Konversion gezwungen, da wird in Spanien die Inquisition gegen „alles Lutherische“ aktiv. Der erste Bericht von Protestantenverfolgung datiert aus dem Jahr 1524 in Valencia. Vor allem die Gebildeten, im Adel und im Klerus, verlangen nach einer biblischen Spiritualität; sie weisen den volkstümlichen Aberglauben zurück. Und sie sind gut informiert: Über die zahlreichen Häfen gelangen reformatorische Schriften ins Land, viele Bücher von Reformatoren werden jedoch von der Inquisition entdeckt und sofort verbrannt, wie in San Sebastian.

Dabei sind Spanier an Erasmus von Rotterdam genauso interessiert wie an den Schriften Luthers. Vor allem in Klöstern des damals sehr einflussreichen Hieronymiten-Ordens verfügen die Mönche über erste spanische Ausgaben des Neuen Testaments. Im Kloster San Isidro del Campo bildet sich um die Cripiano de Valera, Juan Pérez de Pineda und Antonio del Corro eine Art Begeisterung für reformatorische Schriften. Einer der maßgeblichen reformgesinnten Mönche im Kloster San Isidro in Sevilla ist der Hieronymit Casiodoro de Reina. Er weiß, dass sich nur kleine Zirkel (etwa in Valladolid) und Gruppen in Klöstern für Reformation und Humanismus interessieren. Strukturierte evangelische „Gemeinden“ gibt es nicht.

Casiodoro de Reina wurde 1520 in der Nähe von Badajóz geboren. Freie theologische Debatten sind verboten. Kaiser Karl V. will Spanien mit aller Gewalt als letzte katholische Bastion verteidigen. Reformgesinnte Mönche, wie der prominente Casiodoro, werden verdächtigt, insgeheim Juden geblieben zu sein. Er sieht für sich keine Chancen zum Überleben. 1557 flüchtet er nach Genf, weitere Mönche, auch aus anderen Klöstern, folgen ihm. Casiodoro de Reina, obwohl eher mit Luther vertraut, flieht ins Zentrum Calvins: Für ihn spielen die unterschiedlichen reformatorischen Lehren keine große Rolle. Er ist ein Reformator, der „nur“ evangelisch sein will mit starker Bindung an den Humanismus von Erasmus. Casiodoro lehrt: „Niemand darf wegen seines persönlichen Glaubens verfolgt oder gar verbrannt werden“, kritische Worte gegen Calvin, der die Verbrennung des theologischen „Abweichlers“ Michel Servet, auch er ein Spanier, 1553 betrieben hatte. „Genf hat sich in ein neues Rom verwandelt“, urteilt Casiodoro. Auch die von führenden Reformatoren heftig kritisierten „Wiedertäufer“ sind für ihn „Brüder im Glauben“. Als „liberaler Protestant“ muss er Genf verlassen, nachdem er 1559 ein offenes „Glaubensbekenntnis“ publiziert hat. Seit der Zeit leidet Casiodoro unter der Engstirnigkeit aller christlichen Kirchen, auch wenn er, von der materiellen Not gedrungen, Pastorenämter unterschiedlicher Konfessionen annimmt. Als unbequemer Denker kann er in keine (geistliche) Heimat finden. Der spanische Katholizismus hat ihn, im Symbol seines Bildes, öffentlich verbrannt; im Rahmen der volkstümlichen Spektakels „Autodafé“. König Philipp II. setzt sogar Spione gegen ihn ein, ein Kopfgeld lässt er ausschreiben. Er erhält den offiziellen Ehrentitel „Chef-Häretiker“ … und bedankt sich für diese Verurteilung mit einer Studie über „Die Kunst der spanischen Inquisition“. Um 1557 ist der protestantische Glaube in Spanien öffentlich ausgelöscht, die dort lebenden Protestanten sind verbrannt. In Pamphleten dokumentieren die Evangelischen in westeuropäischen Ländern diese Schandtaten.

Von Genf gelangt er zum ersten Mal nach Frankfurt am Main, dann zieht er weiter nach London, wo ihm Königin Elisabeth I. großzügigerweise den Aufbau einer spanisch sprechenden „Flüchtlingsgemeinde“ gestattet. 1562 wird er sogar zum Pastor der „Kirche von England“ ordiniert. In London heiratet er. Hier beginnt er mit der Übersetzung der gesamten Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Spanische. Unter den zerstrittenen Protestanten in London wird er verleumdet und muss nach Antwerpen fliehen. Bettelarm kann er dort weiterarbeiten. Seine Übersetzung der spanischen Bibel wird 1569 in Basel veröffentlicht, wegen des Titelblattes mit dem Bären spricht man nur von der „Biblia del Oso“. Die dogmatischen Calvinisten in Genf sind empört, dass Casiodoro diese große Arbeit ohne ihre Zustimmung gemacht hat.

Immer auf der Suche nach einer Bleibe, um seine Studien fortzusetzen, irrt er quer durch Europa, man sieht ihn in Heidelberg, sogar in Frankreich, in Basel. Als Handwerker kann er sich am Leben halten. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in Frankfurt am Main, er wird Bürger dieser Stadt. Für die Gemeinde der spanischen Flüchtlinge wird er zum lutherischen Pastor ordiniert. Er stirbt am 15. März 1594. Zu dieser Zeit hat die Inquisition alle Spuren protestantischen Lebens in Spanien total ausgelöscht.

Noch während des Bürgerkrieges wurden die wenigen Evangelischen verfolgt, sie mussten flüchten. Nach dem 2. Weltkrieg waren alle nicht-katholischen Bibelübersetzungen verboten. Protestantisches Leben musste sich in privatem Rahmen abspielen, evangelische Gebetsstätten duften nach außen nicht erkennbar sein. Erst nach dem Ende der Franco Diktatur können dort Evangelische frei leben. Heute nennen sich etwa 400.000 Spanier „Protestanten“.

Literaturhinweis: Manuel de Leon, 1946 Historiker, er hat u.a. publiziert: „Los protestantes y la espiritualidad evangélica en la España del siglo XVI” 2 tomos, 1600 páginas, Der Text ist im Internet als PDF Datei verfügbar: http://www.saavedrafajardo.org/Archivos/Libros/Libro0778.pdf

Zur Bibelübersetzung von Casiodoro de Reina: http://www.protestantes.net/enciclopedia.asp?id=620

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Trump widerstehen. Thomas Jeffersons Vorschläge und ein Hinweis von Peter Sloterdijk

Ein Hinweis zum 20. Januar 2017: Mister Trump wird US-Präsident und er befindet sich als (zukünftiger) „Mauerbauer“ in bester Gesellschaft mit dem Mauerbauer Walter Ulbricht, DDR.

«Der Geist des Widerstands gegen die Regierung ist bei gewissen Gelegenheiten so wertvoll, dass ich mir wünsche, er möge immer lebendig bleiben. Ich mag ein bisschen Rebellion dann und wann. Sie ist wie ein Sturm in der Atmosphäre.»

Das schrieb der spätere US – Präsident Thomas Jefferson 1787 als Botschafter in Paris, in den Monaten vor der Französischen Revolution. Die Hoffnung der Menschen, die sich nicht nur ihre Vernunft bewahrt haben, sondern  – im Unterschied zu Mister Trump – auch einen letzten Rest von Anstand und Wahrhaftigkeit, werden auf diesen „Sturm des Widerstands“ gegen Trump hoffen und alle Möglichkeiten suchen, vernünftig den Geist des Widerstands gegen diese Regierung zu leben. Sie werden sich dabei nicht national einschließen, sondern auch die besonders Betroffenen, etwa die Mexikaner und Lateinamerikaner im allgemeinen, unterstützen im Widerstand gegen die verbrecherische Mauer, die Mister Trump an der Grenze zu Mexiko bauen will. Der letzte, der eine ganz große Mauer baute, war 1961 der kommunistische Diktator Walter Ulbricht. Trump ist also – wieder mal – in „bester Gesellschaft“.

Der Philosoph Peter Solterdijk schrieb am 24. November 2016 in „Die Zeit“, Seite 49, einen meines Erachtens eher wenig beachteten Text. Slolterdijk rechnet nämlich ganz schlicht damit, dass alsbald die Frage auftritt, wie man die Zeit nach Trump gestalten solle. Der Philosoph Sloterdijk schreibt dann: „Die Chance von Donald Trump, die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit zu überleben, liegt vermutlich bei kaum mehr als zehn Prozent“. Slolterdijk nennt die USA weiter eine bloß hypothetische Demokratie, weil in dieser stets umstrittenen, „wackligen“  Demokratie der politische Mord eine, so wörtlich von Sloterdijk, „aktive Option“  ist. Im Falle eines Ausscheidens von Trump wäre dann Pence, der Vizepräsident, so Sloterdijk, der „richtige Trump-Nachfolger“… „Auf seine Mediokrität ist Verlass“.

Lassen wir diese heftigen Spekulationen Sloterdijks… Inspirierend sind auch die Überlegungen des US Literaturwissenschaftlers Mark Greif in der TAZ vom 14.1. 2017 Seite 03 veröffentlicht. Der ernstgemeinte Titel des erregten Autors Greif: „Ausflippen! Jetzt!“ Zur Lektüre des TAZ-Artikles klicken Sie hier.

Zur (hoffentlich eintretenden) Möglichkeit der Amtsenthebung des Herrn Trump als US-Präsident schreibt der Berliner Politologe Prof. Christian Lammert, klicken Sie hier.

Auch der Philosoph Immanuel Kant kann in der heutigen vernetzten Welt niemals der Maxime von Mister Trump zustimmen: „Make America great again“. Wenn auch Deutschland diese Maxime für die eigene Politik gelten lassen würde: „Mach Deutschland wieder groß“. Oder Österreich: „Mach Österreich(-Ungarn) wieder groß“. Oder Russland:“Mach die Sowjetunion wieder groß“ usw.: Wenn dieser Maxime jeder Staat heute in einem neuen nationalistischen Wahn folgen würde, hätten wir schnell den totalen Weltkrieg. Darum: Diese Maxime als Regierungsprogramm von Mister Trump ist kriegerisch, ist gefährlich, sie gehört verboten zu werden. Kant sagt: „Diese kriegerische Maxime hat wie jede andere kriegerische Maxime kein Recht. Sie entspricht nicht der Würde der Menschen und der Würde der Menschheit. Diese Maxime ist lebensgefährlich, sie muss überwunden werden“. Kant kann nur diese Maxime ertragen: „Make America democratic and human again“. Oder: „Gestaltet Deutschland und Europa und die Welt s0, dass die Würde und die Gleichheit jedes Menschen respektiert wird“.

Noch einmal, auch aus religionsphilosophischen Gründen, zurück zu Jefferson und nem Aufruf zum Widerstand: Jefferson war von 1801 bis 1809 der 3. Präsident Amerikas, er ist der Autor der Unabhängigkeitserklärung; ein einflussreicher Staatstheoretiker. Die Trennung von Kirche und Staat in den USA geht auf ihn zurück. Als Präsident nannte er für sich keine Religionszugehörigkeit, obwohl anglikanisch erzogen.

Interessant ist: Er zerschnitt seine Bibel, um die für ihn entscheidenden Textstellen für sich zusammenzustellen, Aussagen, die vor der kritischen Vernunft Bestand haben. Es entstand die „Jefferson – Bibel“. Er sagte: „Der Korruption des Christentums stehe ich in der Tat ablehnend gegenüber, aber nicht den wahren Prinzipien Jesu. Ich bin ein Christ in dem Sinne, wie Jesus es wollte.“ Als Propagandist für kirchenfeindliche Strömungen ist der dritte US-Präsident völlig ungeeignet.

Copyright: Christian Modehn Berlin

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben. Ein Interview mit Prof. Johan Goud, Den Haag

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben

Ein Interview mit dem Theologen und Pastor der Remonstranten-Kirche Prof. em. Johan Goud (Den Haag):

Die Fragen stellte Christian Modehn

Zwei Fragen beziehen sich unmittelbar auf die Theologie: Die Freiheit ist entscheidend für Remonstranten, auch die Selbstbestimmung des einzelnen, seinen Glauben zu leben auf seine je individuelle Art. Haben deswegen die Remonstranten de facto kein allgemein verbindliches Glaubensbekenntnis? Ebenso gilt die weitere Frage: Was hält Remonstranten zusammen bei der akzeptierten Glaubens-Pluralität? Und warum ist Pluralität der religiösen Überzeugungen ein Vorteil?

Aber zunächst zur aktuellen politischen Situation in den Niederlanden, dort sind Parlaments-Wahlen am 15. März 2017, mit der Prognose, dass die populistische und rechtslastige Partei PVV stark wird): Was können Christen in den Niederlanden, was können Remonstranten, jetzt tun gegen Wilders und die PVV?

Johan Goud:

Diese Frage betrifft auch den Populismus, der sich im Augenblick in der ganzen Welt regt und der in den Niederlanden verbunden ist mit dem Namen Weiterlesen ⇘

Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und viel Nazi – Wahn!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.12.2016.

Am 21.April 2026: Anläßlich des 50. Todestages von Martin Heidegger am 26. Mai 2026 empfehlen wir zur „Einstimmung“ oder auch zum „Abschied von Heidegger“  unsere etwas ausführlichere Buchbesprechung von 2016. Weitere kritische Heidegger-Hinweise  des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ liegen schon vor, ein weiter Hinweis folgt alsbald. CM.

1.
Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl. Jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namenstags – Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger als den „einzigen Menschen“, kommt förmlich die Erlösung durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.

2.
Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.
Dieses kleine Zitaten – Beispiel zeigt, wie dringend tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

3.
Man ist ziemlich erstaunt, dass der sich liberal nennende Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber auf dieses Projekt einließ. Meines Wissens trat Homolka als Heidegger Forscher bisher nicht hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Herder- Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner als Herausgeber gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers. Vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben.
Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Istver ein Kenner des umfassenden Werkes des Opas?n Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“.

4.
Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am dort 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomas-Tag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird abermals deutlich: In eher etwas links und kritisch angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts“, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…
In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird.

5.
Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, der so gern Heidegger mit Heideggers eigenen Wort zu erklären versuchte, in dem Buch nicht zu Wort kommen konnte. Er hätte uns erklären können, warum er lang und breit ein so wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang am 13.1.2013 führen konnte, über YOUTUBE noch 2026 erreichbar. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum………
Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br.: Warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

6.
So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald – Liebe gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung.

7.
Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger – Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

8.
Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…
Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (S. 129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

9.
Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich so genannte „wesentliche Winke“ gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert.“ Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

10.
Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)
Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?
Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht haben…
Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

11.
Es ist deutlich geworden, dass dieser unser Hinweis leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten leider keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden.
Auf einen Text soll doch noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman (Potsdam) hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt…Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“
Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

12.
Über die stets ungebrochene Liebe, Zuneigung, der jüdischen Philosophin Hannah Arendt für ihren Lehrer und Liebhaber Martin Heidegger, auch nach 1945, wäre ausführlich zu forschen. Ob man bei dieser von unerschütterlicher Liebe diktierten Bindung Arendts jemals etwas klarer sieht, ist wohl fraglich. Vielleicht schätzte Hannah Arendt das radikale Fragen des frühen Heidegger, etwa im Umfeld von „Sein und Zeit“. Die „Schwarzen Hefte“ konnte sie noch nicht kennen. Aber sie wusste doch vieles von der Nazi Bindung Heideggers. Und liebte ihn wohl „trotzdem“ weiter, sie suchte seine Nähe bei ihren Besuchen in Deutschland nach 1945…

Siehe auch unseren Beitrag „Die große Irre“… über eine Broschüre des Heidegger Spezialisten Peter Trawny: LINK 

Siehe auch unseren Beitrag zu einer wichtigen Broschüre von Peter Trawny über Heidegger als esoterischer Philosoph, vielleicht ist das ein möglicher Schlüssel zum verqueren Alterswerk Heideggers (seit 1933) . LINK 

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.