Advent – ein philosophisches Thema?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn, im Jahr 2011. Siehe auch die philosophische Meditation: Advent in Kiew 2022. LINK

1.

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

2.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

3.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

4.

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

5.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

6.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher vom Warten und Suchen nach der Realisierung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

7.

Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter unmenschlicher Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum-Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent heute vor allem als Zeit egozentrischer Wünsche.

8.

Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 

Guadalupe – Perspektiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Guadalupe, Persepktiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko-Stadt, im Dezember 2011

Vorweihnachtliches Marketing überschwemmt auch die  Strassen, Geschäfte und Massenmedien in den Großstädten Mexikos, dort leben inzwischen 80 % der Bevölkerung. Überall gibt es üppig geschmückte Weihnachtsbäume, Lichterketten, Nikolaus Figuren und die obligate europäische und nordamerikanische Weihnachtsmusik. Kaufen und Verkaufen ist oberstes Gebot. Besonders die Unterhaltungselektronik stellt sich riesig heraus mit verführerischen Sonderangeboten. Kreditmöglichkeiten werden gleich genannt: “Auch wenn Du es nicht (bezahlen) kannst, mit uns kannst Du doch alles!” Das ist “Kommerz – Philosophie”.

Insbesondere in der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat deshalb ein beängstigender Stress begonnen. In Gesprächsrunden über “kritischer Konsum” versicherten mir in diesen Tagen verschiedene Eltern: Es gibt eine Art “affektive Erpressung” durch die heranwachsenden Kinder, die die neuesten Versionen von Videospielen, iPad, I Phone, MP3 Player mit Touchscreen u.s.w. nicht nur wünschen, sondern glasklar erwarten, mit Argumenten wie  “… meine Freundinnen bekommen auch und wie stehe ich dann da?” Bei den Eltern wächst zugleich das schlechte Gewissen. So erzählt eine Mutter von drei Heranwachsenden: “Wir Eltern, wir müssen beide arbeiten, sonst reicht’s nicht. So haben wir zu wenig Zeit für die Kinder… Zumindest mit diesen Geschenken können wir’s wieder gut machen, auch wenn wir uns weiter verschulden!” – Geht das wirklich so: Wieder gut machen?!

Beim weiteren Nachdenken über dieses “wieder gut machen”, kommen die beiden tieferen religiösen Wurzeln der Dezemberfeiern in Mexiko ins Gespräch. Das ist zuerst und vor allem das wohl wichtigste religiöse Fest des Jahres, das “Fest der Guadalupe”. Vorbereitet durch eine Novene (9 Tage) wird es am 12 Dezember bundesweit gefeiert. Und anschliessend beginnen die “Posadas” (Herbergssuche), wiederum eine Novene, um in der Weihnacht am 24. Dezember dann die “Menschwerdung Gottes” mitten unter den armen Menschen zu feiern.

Das Guadalupefest benötigt für Deutsche eine etwas ausführlichere Deutung. Die Eroberung Mexikos durch spanische Truppen, die mit den Fall der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan (jetzt Mexiko – Stadt) 1521 endete, war für die Bevölkerung wie eine Katastrophe, sie war traumatisch. Das seit undenkbaren Generationen geschaffene integrale Kultursystem, das dem Ganzen (= Kosmovision) wirtschaftlich, sozial, politisch und religiös Zusammenhalt und Sinn gegeben hatte, lag zerstört am Boden. Es war nicht nur ein verlorener Krieg, sicher schlimm genug, sondern tatsächlich “das Ende” einer Kultur, und zwar total!  In diesem “Chaos” erscheint das “göttliche Geheimnis” der zerstörten und verstörten Indio – Bevölkerung: eine weiblich – mütterliche Gestalt: “Unsere Frau von Guadalupe”, “Tonantzin” (in der Nahua – Sprache der Azteken), “la Morena” (unsere Dunkelhäuige, wie sie die einfachen Leute nennen).  Die Erscheinungslegende berichtet, dass “die Frau” dem Indio “Sprechender Adler”, getauft auf  “Juan Diego”,  Anfang Dezember 1531 ingesamt viermal begegnet. Diese Gestalt Juan Diego selbst ist eine Legende. Die Frau stellt sich ihm vor als “Eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen!” Das ist das Herz der Botschaft, und es gibt fast keine Mexikanerin und keinen Mexikaner, der diese Worte nicht in seinem Herzen hat. Damit diese Zusage eine institutionelle “Dauererfahrung” werden kann, bittet sie Juan Diego, vom Bischof die Erlaubnis zu erwirken, genau an diesem Erscheinungsort eine “Begegnungsstätte” zu errichten, dort, wo ein (zerstörtes) Heiligtum der göttlichen “Mutter Erde” war. Gesagt, getan. Der misstrauische Bischof bittet jedoch den Indio um einen Beweis. In einer erneuten Erscheinung gibt die geheimnisvolle Dame ihm die Anweisung, auf dem nahen Hügel Rosen zu pflücken und seinen Umhang damit  zu füllen. Juan Diego findet sie dort unter großem Vogelgezwitscher: “Blumen und Gesang”, in der indigenen Symbolsprache bedeutet es “das ist wahr und gut!” Mit dieser Wahrheit als Beweis, kehrt Juan Diego zum Bischof zurück, berichtet die Legende. Als er seinen Umhang mit den Blumen öffnet, wird im Stoff das Bild der “Frau von Guadalupe” sichtbar. Der Bischof ist ergriffen, er kniet sich voller Ehrfurcht hin: Die Amts – Kirche bekehrt sich und muss anerkennen: Die gesamte indianische Religion ist nicht einfach nur Teufelswerk, das zerstört werden muss. Das göttliche Geheimnis offenbart sich inmitten der Besiegten, in deren Symbolsprache. Ein Neuanfang kann nun beginnen von den eigenen indigenen Wurzeln, der eigenen Kultur, Philosophie und Religion her. So erzählt es die Legende, aufgeschrieben im Nican Mopohua, es ist wohl eine der tiefsinnigsten poetisch – philosophisch – theologischenen Schriften in der damaligen Nahua – Sprache.

Wir wissen natürlich aus der Geschichte, dass dann doch die offizielle Religion iberischer Ausprägung auf die Indio – Religion draufgesetzt und durchgesetzt wurde mit all dem, was das schmerzvoll beinhaltete, nämlich die Zerstörung der alten Kultur, auch wenn diese in vielen Elementen bis heute weiter präsent ist .  Zugleich jedoch entstand ein komplexer Synkretismus, wie immer bei kultureller Mischung, ob friedlich oder gewaltsam. So war es schon beim Eindringen des ursprünglich jüdischen Christentums in die griechische, dann römische, dann germanische Welt. Immer ergibt sich ein Vermischen mit der jeweiligen Kultur, Religion und Philosophie. Unser Weihnachtsfest ist ein typisches Beispiel solchen Synkretismus. Aber immer gibt es dabei Sieger und Besiegte, auch in der Verschmelzung religiöser Traditionen.

In Mexiko wurde “Guadalupe” immer mehr zum Symbol der langsam wachsenden nationalen Identität: die indigenen Völker haben sie als die Ihrige angenommen und ebenso auch die wachsende Zahl der Mestizenbevölkerung. Mit dem Bild der Guadalupe als Standarte rief 1810 der Pfarrer Miguel Hidalgo zum Unabhängigkeitkrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft auf: eine Offenbarungserfahrung des Trostes und der Ermutigung im brutalen Alltag wird Botschafterin politischer Befreiung! Diese beiden Elemente sind bleibend präsent. Heute gibt es in Mexiko sicher kein Dorf und keine Stadt, wo nicht zumindest eine Kapelle, ein Weiler oder ein Wohnviertel “Guadalupe” heisst und wo sie am Abend zum 12. Dezember gefeiert wird – besinnlich, gemeinschaftlich und herzlich-  als Fest des Trostes und der Ermutigung zum Neubeginn in allen Lebensdimensionen. “Guadalupe” als Wallfahrtsort inmitten der Riesenstadt Mexiko zählt jährich etwa 20 Millionen Pilger und ist somit mit Abstand der grösste Wallfahrtsort der Welt. An diesem 12. Dezember werden erneut mehr als 3 Millionen Pilger erwartet. “Mexiko ist sicher mehr guadalupanisch als katholisch”, urteilt ein bekannter mexikanischer Religionsforscher. “Wer Mexiko in seiner Tiefendimension verstehen will, muss zuerst und vor allem dieses “Guadalupe – Phänomen” begreifen versuchen”.

Aber nun zurück zum Weihnachtskommerz, dem Konsumkult als dem “Tanz um das goldene Kalb”. Da treffen zwei Welten konträr aufeinander: Zum einen ist es die materialistische Logik der Gewinnmaximierung als Motor von Fortschritt mit immer raffinierteren Verführungsinstrumenten (Symbolsprache) zu noch höherem Konsum, was auch immer er koste. Zum anderen ist es die kulturell – religiös gewachsene Wertewelt mit anderer Symbolsprache, die inmitten eines oft harten oder sogar brutalen Lebensalltag kollektive “himmlische” Begegnungen ermöglicht als Trost und Ermutigung, die auch befreiend werden kann. Genau hier ist der sensible “Ort” menschlicher Betroffenheit, wo “das tut weh” sich umformt in “wir machen es zusammen anders und besser”: Nachbarschaftsgruppen, Bürgerinitiativen, soziale, zivile oder kirchliche  Basisgemeinden praktizieren “anders besser leben” und das schließt Konsumkritik ein: Sich Befreien von Abhängigkeiten und sich neu solidarisch verknüpfen!

Es ist zudem sinnvoll, über weiteres nachzudenken: Alle Völker und Kulturen haben Mythen und Legenden, die Wesentliches ihrer Identität in Symbolsprache ausdrücken: für Israel war es die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für die Römer die Gründung Roms durch Romulus und Remus, für die Christen die Geburt von Jesus von Nazareth in Bethlehem. Ähnliches wäre anzugeben vom indischen Buddhismus oder dem arabischen Islam. Mythen und Legenden haben immer auch Historisches im Ursprung und darüber gibt es wissenschaftliche Forschungen. Dieses Besser- Verstehen erfasst jedoch nicht unbedingt das notwendige Begreifen der Herzensbotschaft, z.B. einer Ursprungslegende, die Millionen von Herzen bewegt. Denn diese tröstet und ermutigt und schafft damit reale Veränderung im Alltag: es sind Lebens- (verändernde) Philosophien.

Möglicherweise ist hier auch die derzeitige Krise eurozentrierter Logik einzuordnen: Eine einseitige, instrumentelle Rationalität mit technologischer Kapazität, die dem nicht mehr hinterfragbaren Fortschritt anhängt, hat unsere Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Bilanz ist erschreckend: Industrialisierung mit Ausbeutung der Arbeiter, 2 Weltkriege mit atomarer Zerstörung und Aufbau einer Vernichtungswaffenindustrie (sie hat z.B. in Mexiko in den Drogenkartellen finanzkräftige  Kunden der High – Tech Maschinengewehre), Zerstörung der Umwelt, genmanipulierte Lebensmittel usw.

Es gibt historisch gewachsene andere Logiken. Sie zu begreifen (Empathie), zu bedenken (Philosophie) und wertzuschätzen und dann zu bewerten (Ethik), ist die derzeitige und künftige Lernaufgabe für die okzidentale (westliche) Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr weltweit anerkannt wird, dass wir auf einem pluriökologischen und plurikulturellen Planeten leben. Alle Kulturen haben ihre Geschichte, einschließlich der Mythen und Religionsformen und alle haben darin auch ihre Weisheitsdeutungen, ihre je eigene Philosophie. Diese Vielfalt ist Reichtum und ihre wechselseitige Wertschätzung kann alle bereichern und ist damit eine nicht versiegende Quelle der Zukunftsfähigkeit der Menscheit. Solches Verständnis von Reichtum und Wertschätzung ist wie ein brutaler Widerspruch zu den “Werten”, die an Wertpapier – Börsen gehandelt werden und die Ratingagenturen “bewerten”. Genau darin wird der Kern der derzeitigen Zivilisationskrise sichtbar.

 

 

 

 

 

Adieu – zur Philosophie des Abschiednehmens

Adieu

Leben ist Abschiednehmen

Von Christian Modehn

Vor kurzem erhielt ich eine ungewöhnliche Einladung: „Herzlich willkommen zur Abschiedsparty! Viele Grüße von Anne und Richard“. Als ich dann, etwas verspätet, eintraf, plauderten die Gäste im Wohnzimmer, es war leer geräumt. Etwa 20 Bücherkartons standen in der Mitte, waren eine Art Buffet für Gläser und Tassen. Anne wandte sich an ihre Gäste: „Wir ziehen also um. Morgen geht’s los. Wir beide wollen nur noch halbtags arbeiten. Eine große Wohnung können wir uns nicht mehr leisten. Darum die Abschiedsparty, von euch … und von der Wohnung“.

Die beiden führten uns in die anderen Zimmer. „Hier, am Fenster, habe ich meine Magisterarbeit geschrieben“, sagte Anne. „Dort das Schlafzimmer “, meinte Richard schmunzelnd, „es war unser aller liebster Raum“. Zwischendurch berührten die beiden noch einmal die Wände und die Fenster, fast so, als streichelten sie ihre alte Wohnung. Dann machten sie jede Tür zu, fest entschlossen, diese Räume nicht mehr zu betreten. Wir Gäste schauten ein wenig verwundert. Aber Anne rief uns zu: „Seid ihr etwa traurig? Richard und ich freuen uns, wir sind glücklich über einen Neubeginn.“

Ein wenig irritiert verließ ich das Haus: Die beiden hatten sich von einem Abschnitt ihres Lebens mit einem kleinen Ritual verabschiedet. So wurde ihnen das Fortgehen erträglicher. Normalerweise überspielen wir das Abschiednehmen. Wie viele  „Tschüß“ und „Auf Wiedersehen“ sagen wir täglich. Meinen wir es ernst? Wir verdrängen gern, dass die herzliche Umarmung von einer guten Freundin oder einem lieben Kollegen vielleicht die letzte sein kann, für sie …oder auch für mich.

Ich hatte das Glück, in der Kindheit und Jugendzeit fast täglich ein kleines Abschiedsritual zu erleben. Meine Mutter war fest überzeugt: Ihren Kindern tue es gut, wenn sie uns vom Balkon aus nachwinkt. So drehte ich mich winkend um, auf dem Weg zur Schule oder auch nachmittags unterwegs zum Spielen oder Einkaufen. Das Winken war Tradition geworden, aber es war keine leere Geste, sondern Ausdruck der Verbundenheit. „Das Winken, diese sanfte Handbewegung, überwindet noch mal den Abstand“, sagte meine Mutter. „Wenn zwei Hände sich noch suchen und berühren wollen, entsteht eine Bewegtheit, etwas Lebendiges. Aber sofort müssen wir es akzeptieren, dass wir uns schließlich aus den Augen verlieren. Wir müssen unseren Weg weitergehen, allein oder mit anderen.“.

Seit einigen Jahren befassen sich Philosophen mit dem Abschiednehmen. Wilhelm Weischedel z.B. hat in seinem Buch „Skeptische Ethik“ den Begriff der „Abschiedlichkeit“ geprägt. „In dieser Haltung können wir uns von selbst distanzieren. Wir klammern uns nicht an einen Moment des Lebens. „Der abschiedlich lebende Mensch wird sein Herz und seine Vernunft nicht endgültig an das hängen, woran er sich bindet“, schreibt Wilhelm Weischedel.

Voraussetzung ist: Wir müssen denkend und meditierend einüben, dass das Leben ein Weg ist, und den kann es ohne Neubeginn gar nicht geben, sondern nur mit Brüchen und Umbrüchen, mit dem ständigen Weitergehen.

Mit dieser oft verdrängten Erkenntnis beginnt eine „abschiedliche“ Lebensphilosophie. Wer den Abschied in sein Leben integriert, hütet sich davor, allzu zu sehr zu „klammern“. Loslassen ist entscheidend, und diese Haltung können wir praktisch einüben: Volkshochschulen z.B. bieten spezielle Gesprächskreise zum Abschiednehmen an. In einer „Projektbeschreibung“ heißt es: „Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben beginnt eine neue Lebensphase. In einer ganz auf Aktivität und Arbeit fixierten Welt ist der Ruhestand oft verpönt. Wer abrupt aus der Arbeitswelt ins Rentnerdasein entlassen wird, ist oft in seinem seelischen Gleichgewicht erschüttert. Wer bewusst und langsam Abschied nimmt, erlebt nicht diese Erschütterungen“.  Ja Sagen zum Wandel, zu neuen Lebensphasen, zu Aufbrüchen, das spendet Energie.

Manchmal sind wir irritiert, wenn wir nach Jahren alte Bekannte unverhofft wieder treffen und feststellen müssen: Der Rolf oder die Ingrid sind immer noch so starrsinnig und festgefahren wie früher. Fast als Bonmot gilt inzwischen ein Satz aus den „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertold Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh! sagte Herr K. und erbleichte“.

Bertold Brecht war überzeugt: Menschliches Leben gibt es nur als Veränderung. Wer sich an eine bestimmte Lebensphase klammert, hat Angst vor dem Unbekannten, im letzten auch Angst vor dem definitiven Abschied, dem eigenen Tod. Es ist die Ungewissheit: Werde ich definitiv verschwinden, in ein Nichts stürzen oder gibt es etwas Bleibendes, was die Tradition „Ewigkeit“ oder „bei Gott sein“ nennt.  Beweise für die eine oder andere Meinung gibt es nicht. Aber die Erfahrung könnte weiterhelfen, dass wir in unserem Alltag meist unbewusst von einem Grundvertrauen in die Wirklichkeit leben. Wir glauben, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen als zu lügen, dass es besser ist gut als böse zu sein. Trotz vieler Enttäuschungen und Katastrophen halten wir daran, dass wir der Wirklichkeit im ganzen vertrauensvoll begegnen können, trotz widriger Zustände in der Welt gibt es eine letzte Geborgenheit. In dem „trotz allem“ zeigt sich doch eine Stärke menschlichen Geistes. Trägt uns die geistige Wirklichkeit auch über den Tod hinaus? Wer kann das grundsätzlich ablehnen?

Philosophen der Abschiedlichkeit drängen allerdings darauf,  sich nicht in diese Spekulationen zu verlieren, sondern die vielen kleinen Abschiede bewusst und achtsam wahrzunehmen, zu bedenken und im eigenen Herzen zuzulassen. Kinder sind froh, wenn sie nach dem Abitur nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern leben müssen und endlich eine eigene Wohnung haben. Wenn Verliebte zusammen leben wollen, erleben sie Abschied von zuhause als Befreiung in die Selbständigkeit. Selbst der Umzug in ein Haus betreuten Wohnens im Alter kann als Befreiung erlebt werden, vorausgesetzt, man entschließt sich noch als „jüngerer Rentner“ und nicht erst als Schwerkranker für diesen Neubeginn.

Religiöse Traditionen empfehlen zudem, den Abschied mitten im Alltag regelmäßig auch rituell zu gestalten. Im Sabbat, also am Freitagabend, verabschieden Juden ausdrücklich die vergangene Woche mit ihrer Mühe und Last. In der Sabbat Feier zu Hause zündet die Mutter Kerzen an und begrüßt mit diesem Ritus den Sabbat als einen neuen, einen „ganz anderen“ Tag. Auch in der Synagoge verabschieden sich die Gläubigen von der alten Arbeitszeit und  heißen den Tag der Ruhe wie eine „Braut“ willkommen:

„Auf, mein Freund, der Braut entgegen,

Das Angesicht des Sabbat wollen wir begrüßen.

Auf mein Freund, der Braut entgegen,

Die Königin Sabbat wollen wir begrüßen“.

Rabbi Shlomo Alkabez hat diese Worte im 17. Jahrhundert geschrieben, Worte, mit denen die Gläubigen am Sabbat für ein paar Stunden die alte Welt hinter sich lassen, die Arbeit und Plackerei, die Gier nach Erfolg und Geltung. Ist es  nur ein Traum, dass dieses Fest „der neuen Welt“  „auf ewig“ Bestand haben sollte?

Wer den Tod, den definitiven Abschied, mitten in sein eigenes Leben einbezieht, muss nicht in eine Angststarre geraten. Von Kurt Marti, dem weltweit geschätzten Dichter und Theologen in Bern, berichten seine Freunde: Kurt Marti habe jetzt als 90 Jähriger tatsächlich losgelassen und sich aus dem früheren Leben verabschiedet. Seine schöne Wohnung hat er aufgegeben und sich in einem Heim für alte Menschen sozusagen ein „leeres Zuhause“ geschaffen. Wer ihn besucht, findet tatsächlich neben dem Bett nur einen Sessel. In der Mitte steht ein Tisch mit zwei Stühlen, in einem Regal sind nur noch wenige Bücher. Kurt Marti, der Bücherliebhaber und Schriftsteller, nennt diese wenigen verbliebenen Gegenstände, sein „Gepäck“, von dem er sich leicht verabschieden kann, wenn das Leben zu Ende geht. In diesem Abschieds Zimmer hat er vor kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Heilige Vergänglichkeit“. Darin heißt es:

„Erwünscht wäre im Alter wahrscheinlich: Heitere Resignation. Noch besser ist allerdings – womöglich dankbare – Bejahung unserer Vergänglichkeit. Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb: Heilige Vergänglichkeit“.

Die Vergänglichkeit kann Kurt Marti, der Christ und Theologe, „heilig“ nennen, weil sie von Gott so gewollt ist: Wir sind als endliche Wesen mit einer begrenzten Lebensdauer für eine unvollkommene Welt von Gott geschaffen. Das ist eine Grundüberzeugung christlicher Spiritualität. Was wäre denn auch die Alternative? Die Vorstellung etwa, wir bräuchten als Unsterbliche uns niemals von unserer Existenz zu verabschieden, könnten also ewig leben auf Erden: Da würde man jede Entscheidung auf ewig verschieben, ohne Entscheidung aber gibt es keine Freiheit. Unsterblichkeit auf Erden: Das wäre zutiefst unmenschlich.

Darum bleibt die Frage entscheidend: In welcher Weise und in welcher Stimmung, können sich Menschen würdig verabschieden? Die christliche Religion hat darauf eine provozierende Antwort: Jesus von Nazareth hatte noch die Kraft, einen Tag vor seinem Leiden, den definitiven Abschied im Kreis seiner Freunde zu feiern, also in Ruhe zu speisen und Wein zu trinken. Die Bilder vom Letzten Abendmahl, etwa das Gemälde Leonardo da Vincis, sind weithin bekannt. Jesus hat sich hier die Gelassenheit bewahrt in tiefster Erschütterung, im Angesicht der bevorstehenden Verurteilung, nicht völlig verloren zu sein. Selbst sterbend am Kreuz betete er noch einen Psalm.

Aber wer kann heute seinen eigenen definitiven Abschied wirklich feiern? Sterben nicht die meisten abgeschoben, isoliert, verlassen?  Ich habe in Holland schwerstkranke Menschen erlebt, die im Kreis ihrer Familie und manchmal in Anwesenheit eines Pfarrers im Rahmen der frei gewählten Sterbehilfe würdig Abschied nehmen konnten. Letzte Küsse, letzte Worte, ein Lächeln. Ein „Adieu“. Wer das miterleben konnte, scheut sich vor übereilten Urteilen und Vorurteilen über die gelegentlich angewandte aktive Sterbehilfe…

Aber darüber hinaus gilt: Diese Gelassenheit, in schweren Stunden zuversichtlich „das endgültige Adieu“ zu sagen, verstehen viele Menschen als Geschenk göttlichen Energie. Der Briefwechsel zwischen James Graf Moltke mit seiner Frau Freya ist dafür ein Zeugnis. James Moltke, der Widersacher der Nazis, wartet im Gefängnis Berlin – Tegel auf sein Todesurteil. Beinahe täglich konnten die  Liebenden einander schreiben und so ihre Verbundenheit ein wenig spürbar werden lassen. Als dann das definitive Ende für ihren Gatten nahte, schrieb Freya Moltke: „Ich verlasse dich nicht, denn meine Gefühle und alles, was lieben kann in mir, gehört ja Dir“.

Eine Philosophie des Abschieds wird keine treffenderen Worte finden: Trotz der definitiven Trennung blieben wir im Geist verbunden, im Geist der Liebe. Denn „die Liebe währet ewiglich“, sagen die Weisen aller Religionen.

Dieser Beitrag erschien am 5. November 2011 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM,

copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Poesie und Selbsterkenntnis – Das „Bittgebet“. Ra­dio­sen­dung HR 2

Orte der Transzendenz – Charles Taylor wird 80

Orte der Transzendenz: Der Philosoph Charles Taylor (Montréal, Kanada)

Anläßlich seines 80. Geburstatags am 5. November

Er ist einer der vielseitigsten Philosophen der Gegenwart: Charles Taylor hat viele Jahre als Professor für Philosophie und Politologie an der Mc Gill University von Montreál gearbeitet. Hermeneutik, Anthropologie, Sprachphilosophie, Sozialphilosophie sind einige seiner Themen, abgesehen vom praktischen Engagement in der Provinz Québec, neu die Laizität des Staates und damit das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen vernünftig zu gestalten (siehe dazu auf Deutsch sein neues Buch „Laizität und Gewissensfreiheit“, Suhrkamp). Taylor hat den berühmten Hegelpreis 1997 erhalten, sowie den „japanischen Nobelpreis“, den Kyoto-Preis, im Jahr 2008. Wir weisen darauf hin, dass der beste Kenner der Taylorschen Philosophie der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa ist.

Das besondere Interesse Taylors gilt der Frage, wie Religion heute begründet werden kann, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur von der Säkularität, also der Immanenz und der Weltlichkeit, bestimmt ist.

Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon können nur einige Denkanstöße Taylors zur Diskussion weiter gegeben werden.

Taylor erinnert an grundlegende historische Entwicklungen:

1. Wir leben heute in einer “entzauberten Welt“. Der Glaube ist weithin verschwunden, dass etwa Naturgewalten mit kirchlich – religiösen Riten und Gesten besänftigt werden können (etwa das Läuten der Glocken bei Unwetter – zur Besänftigung Gottes – ist praktisch ganz verschwunden).

2. Es setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass menschliche Existenz ausschließlich immanent verstanden werden soll. Bei der Bestimmung des Begriffes des Guten wird mit „auf jeden Transzendenzbezug verzichtet“.

3. Anstelle des Kosmos wird heute das unendliche Universum erlebt. Aber da passiert nach Taylor etwas Merkwürdiges: Auch Ungläubige „kommen nicht umhin, eine tiefe Demut und Verwunderung angesichts dessen zu empfinden, das uns so über alles Maß übersteigt“ (zit. in einem Beitrag Taylors für die Zeitschrift „Information Philosophie“, Juni 2003, S 12). Nur evangelikale Fundamentalisten und „eingefleischte Materialisten“, so Taylor, sehen in dem Universum nichts Geheimnisvolles; die einen, weil sie alles biblisch erklären, die anderen, weil sie alles naturwissenschaftlich in den Griff zu bekommen meinen.

4. Wir leben, so Taylor, in einer Kultur der Gottesfinsternis. „Die Transzendenz ist aus dem öffentlichen Feld geschlagen“ (ebd., S. 14). Aber es hat keinen Sinn, das „Rad der Zeit“ zurückzudrehen. Die alte „Christenheit“ als machtvolles System kann nicht wiederhergestellt werden, das gilt vor allem im Blick auf die katholischen Traditionalisten. Wir sollen sehen, was jenseits der Gottesfinsternis für Möglichkeiten des Denkens liegen.  Taylor verweist auf die radikale Liebe zum Nächsten, „eine Liebe, zu der wir nur durch Gottes Gnade fähig sind“.

5. Die Musik, die Poesie und die Malerei hat uns neue Möglichkeiten gezeigt, die Wege in die Transzendenzerfahrung weisen.

6. Es gibt offenbar eine strikte Kontinuität im Denken Taylors. Religionsphilosophisch ist diese Dimension in der Frage nach Orten der Transzendenz fundiert. Dabei sieht der Philosoph, der sich als Katholik bezeichnet, auch die vielen Fehler, die vonseiten der Kirchen und ihrer Institutionen begangen wurden und werden. Er prognostiziert einen weiteren Exodus aus der katholischen Kirche aufgrund des rigiden Lehramtes und der moralischen rigorosen Gebote, die der Klerus, der diese verordnet, selbst oft nicht respektiert. Dann werden die Menschen wohl frei, eine vernünftige Form von Spiritualität selbst zu suchen und zu leben,  an neuen Orten der Transzendenz.

7. Zur jüngsten Veröffentllichung Taylors in deutscher Sprache über die Laizität: Darin trtt er für eine offene Laizität ein, er unterstützt den kulturellen, also den nicht- konfessionellen Unterricht über Religionen an öffentlichen und privaten Schulen, wie er in Québec eingeführt wurde, für Kinder wie für Jugendliche. Außerhalb des verbindlichen und gemeinsamen Lehrplanes können nur Privatschulen weiterhin einen konfessionellen Religionsunterricht anbieten.

Entscheidend ist für den Philosophen, das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft auf diese Weise zu fördern.

8. Zentral ist für Charles Taylor die Gleichbehandlung der Religionen, auch der nicht-religiösen Gemeinschaften, in einer pluralistischen Gesellschaft.

Das Thema: Neue Orte der Transzendenz wird das Motto unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons im Jahr 2012 sein.

Die wichtigsten Publikationen von Charles Taylor in deutscher Sprache:

– Ein säkulares Zeitalter, 2007, dt. Ausgabe 2009.

– Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, 2001

– Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Politische Aufsätze, 2001

– Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, 1994, dt. 1996

– Das Unbehagen an der Moderne, 1995,

– Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, 1992,

– Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, 1992,

– Hegel, 1978 und 1983

– Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen, 1976

 


 

 

 

 

 

Der Kampf um Befreiung – und die Theologie

Neue Herausforderungen und Perspektiven für die Befreiungstheologie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Mitte Oktober 2011

Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko, er beobachtet als Theologe die religiöse, soziale und polische Entwicklung in Mexiko und Lateinamerika. Als Gastautor schreibt er in der Rubrik „Der andere Blick“ über Themen, die sich im Zusammenhang von Befreiung und Unterdrückung stellen. Der religionsphilosophische Salon ist der philosophischen Aufklärung – und der Kritik der Religionen – verplichtet, deswegen haben Alfons Vietmeiers kritische Berichte zur Gegenwart Lateinamerikas ihren wichtigen Platz.

“Befreiende Hoffnung und Theologie”, so stand es groß auf der Leinwand im Versammlungszelt der Veranstaltung  “Theologische Tage” in Mexiko. Über 200 engagierte Christinnen und Christen waren Anfang Oktober dreieinhalb Tage zusammengekommen, um – endlich, so sagte eine ältere Teilnehmerin – die Impulse der lateinamerikaischen Befreiungstheologie im heutigen Kontext noch einmal grundlegend neu zu buchstabieren und zu “dynamisieren”, wie es hieß.

Es war kein akademischer Kongress. Natürlich haben auch einige akademisch in Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft Arbeitende teilgenommen, aber Mexiko hat fast keine universitäre Theologie, wegen der historisch gewachsenen scharfen Trennung von Kirche und Staat. Einstiegsreferate als persönliches Zeugnis haben eingebracht Enrique Dussel, seit vielen Jahren in Mexiko  lebender Historiker und Philosoph, und María Pilar Aquino, in den USA lehrende mexikanische Theologin. Es war auch kein Dialogforum mit Representanten  aus Kirche, Gesellschaft und Politik. Wohl gab es ein öffentliches Forum im überfüllten Auditorium der Menschrechtskommision über “Menschrechte und Friedensarbeit”, mit Zeugnissen des Koordinierungsteam der neuen mexikanischen Friedensbewegung, alle sind  engagierte Christinnen und Christen.  Das hatte Resonanz in den Medien, wobei man sehen muss: Das öffentliche, “mediale”  Kirchenbild ist fixiert auf amtskirchliche Äußerungen!

Es war ein seit Jahren immer erneut gefordertes und endlich gelungenes (Wieder-) Treffen der befreiungsttheologisch Motivierten im gesellschaflichen und kirchlichen Feld: sicher eine Minderheit, die sich jedoch bewegt. Wichtig war ein kreatives Miteinander dreier Generationen. Es brachten sich viele ältere “AktivistInnen” ein, insbesondere Ordensschwestern und Priester progressiver Provenienz, erfahren in ungezählten Auseinandersetzungen innerkirchlicher und außerkirchlicher Art, wenn sie sich bemühten die “Option für die Armen” und für eine gerechte Gesellschaft konkret, “vor Ort”, zu gestalten. Dann war dabei die Generation der 30- bis 50 Jährigen. Viele haben in den letzten 20 Jahren sogenannte “Zivilorganisationen” geschaffen, haben dort ihr Christsein gestaltet, weil das innerkirchliche Milieu zu erstickend für sie wurde. Und – das ist besonders erfreulich – war eine erstaunlich grosse Gruppe junger Leute unter 30 Jahren dabei, die  sich “frisch und munter”, möchte man sagen, in die Diskussionen einbrachten. Für Mexiko absolut neu war eine ökumenische Orientierung und zugleich ihre organisative Vernetzung mit einem progressiven Spektrum freikirchlicher Organisationen, insbesondere baptistischer, methodistischer und presbyterianischer Herkunft. Diese und andere prostestanische Kirchen haben in Mexiko – Stadt ein gemeinsames Aus- und Fortbildungsseminar; dort war auch der Tagungsort. Prägend war insbesondere die Teilnahme von Schlüsselleuten der mittlerer Führungsebene in Kirchen und Zivilgesellschaft, d.h. Multiplikadoren mit der Fähigkeit, sozialwissenschaflich und zugleich theologisch zu denken und zudem mit realem Einfluss in Prozessen vor Ort. Das brachte immer wieder frische Luft in den Erfahrungsaustausch und deren Vertiefung.

Das vitale, vieles umgreifende Thema war: “Gewalt und Spiritualität für den Frieden”. Befreiung geschieht immer im konkreten Kontext und dieser ist derzeit in Mexiko die schreckliche Realität von wachsender Gewalt und gleichzeitig ist der Schrei nach Gewaltlosigkeit, nach Frieden – Schalom, immer deutlicher zu vernehmen. Das Thema wurde vertieft in sechs Arbeitsforen: Ökonomie, Ökologie, Migration, Menschenrechte, Bürgerbeteiligung und kirchliche Praxis. Schon diese Auffächerung zeigt, wo es derzeit brennt und wo man sich bemüht um eine christlich befreiende Praxis und eine entsprechende theologische Vertiefung.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat ihre 40 – jährige Geschichte: Katholischerseits formulierte sie 1971 der Peruaner Gustavo Gutiérrez in seinem Buch “Theologie der Befreiung” , so wurde der Titel dieser neuen weltweiten theologischen Orientierung verbreitet. Seitens des Protestantismus hatte der Brasilianer Rubem Alves schon 1968 theologisch am Thema gearbeitet über “Theologie der menschlichen Hoffnung als Befreiung”.

Damals waren  autoritäre Regime, fast ausnahmslos von Militärdiktaturen, der gesellschaftliche Kontext in Lateinamerka. Davon galt es sich zu befreien. Das beinhaltete den Sturz der Diktaturen und das kostete auch ungezählte Opfer, Christen ließen ihr Leben, sie werden als Martyrer verehrt. Der kirchlich wohl bekannteste Martyrer ist Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador in Zentralamerika.

Aber leben wir seit dem Ende dieser grausigen Miilitärdiktaturen etwa im “gelobten Land” der formalen Demokratien und deshalb in Gerechtigkeit und Frieden?

Im bewährten befreiungstheologisch  – methodischen Dreischritt “Sehen – Urteilen – Handeln” ging es zuerst um eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse der derzeitigen und zu erwartenden und zu befürchtenden gesellschaftlichen Grundprobleme. Es gibt mehr Verarmte als vor 10 Jahren (siehe den neuen Welthungerbericht der UNO), diese Verarmten, arm gemachten Menschen, haben konkrete Gesichter und Leidensgeschichten. Das Ökosystem geht kaputt (grossflächige Abholzungen, zerstörerische Ausbeutung der Bodenschätze etc.). Die ländliche Räume bluten bevölkerungsmäßig weiter aus (Mais-, Kaffee- und andere Agrarrohstoffe werden an den Börsen hochspekuliert; die Gewinne bleiben im Agrobusiness). Das ist ein zentraler Grund für die Migration in die Megastädte (die chaotisch wachsen, sich mit Konsumtempeln füllen, wo alles mit immer mehr Pump finanziert wird und damit neue Elendsformen sich ergeben). Es gibt die Migration in den “Norden”, in die USA, dort sind die Latinos ohne Papiere wehrlos der Diskriminierung ausgesetzt. Aber auch dort ist Krise, z.B. in der Bauwirtschaft oder in der Hotelbranche: also Handlanger, Zimmermädchen und Kellner “raus”, heißt dort das Motto. Also zurück nach Mexiko! Und dort? Kanonenfutter der Drogenkartelle?! “Menschenrechte” verkommen dabei zu frommen Sprüchen und “Demokratie” wird zu einer leeren Worthülse, denn die wahre Macht haben einige Wenige , die minutenschnell mit Billionen “Wertpapiere” weltweit spekulieren, verzocken und vor allem ruinieren. Ein Teufelskreis wird sichtbar, zuerst einmal in konkreten Geschichten von Angehörigen und Bekannten in den eigenen Regionen.

Eine Systemkrise des “neoliberaler Spätkapitalismus” wird immer deutlicher: Ein sich immer schneller um Gewinnmaximierung drehendes Teufelsrad schmeisst immer mehr aus dem halbwegs menschlichen Leben “raus”: Riesige Bevölkerungsmehrheiten und nun auch ganze Länder. “Wir stecken im Sumpf.  Alle milliardenschwere Umschuldungen und Rettungsschirme sind wie der Versuch von Münchhausen, sich an den eigenen Haaren  aus dem Sumpf herauszuziehen!” merkte ein Teilnehmer an. Eine Teilnehmerin zitierte daraufhin Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind!” Und unter viel Zustimmung sagte sie energisch:  “Hier sind wir als Cristen eingefordert, Bekehrung voranzubringen in Gedanken, Worten und Werken! Schon Paulus ermahnte: Gleicht Euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt Euch!” Die Reflexion konzentrierte sich auf das, was “Wandel” konkret beinhaltet: er beginnt im eigenen Leben und in den Nahbeziehungen (= In Basisgemeinden und solidarischen Kollektiven schon praktizieren, was wir “nach aussen” als Gesellschaftsveränderung fordern.)  Zudem und zugleich beinhaltet der Wandel auch Vernetzung mit gesellschaftsverändernden Initiativen und deren Agenda.

Christsein ist befreiende Botschaft und befreiende Praxis. Diese ist natürlich verwoben mit Ökologie und Ökonomie, mit Migration, Menschenrechte und Bürgerbeteiligung. Gott ist nicht ausserhalb der realen Lebens mit ihrer Nöten und Hoffnungen. Dies ist keine Kopfgeburt einiger Theologen, sondern vitale Notwendigkeit der unter Sklaverei, Ausbeutung und Willkürherrschaft Leidenden. Diese Menschen sind weiterhin in vielen Teilen der Welt die absolute Bevölkerungsmehrheit.

Deshalb ist es auch für alle Religionen notwendig, klar zu sagen,wo konkret ihr Gott beheimatet ist: bei den Mächtigen oder bei den Ohnmächtigen? Gott verkörpert im ägyptischen Pharao? Nein! Jahwe hörte den Schrei der Sklaven und begleitete sie auf dem Weg der Befreiung! Gott verkörpert im römischen Kaiser? Nein, sagten die Christinnen und Christen, auch wenn es ungezählte Martyrer kostete. Macht darf nicht vergöttlicht werden. Gott selbst ist ein armer Machtloser geworden In Jesus von Nazareth. Wegen seiner Parteilichkeit (vgl. die Bergpredigt und sein Durchbrechen von Systemregeln) ist er selbst Opfer geworden. Ostern ist das neue Leben, trotz allem…  Von unten, von und mit den Verarmten und Opfern, wächst die andere Art von Sinn und Zukunft als Gerechtigkeit für alle!

Das seit etwa 20 Jahren sich immer mehr verschärfende “Gesetz der totalen Gewinnmaximierung” als Systemregel und Grundstruktur wirtschaftlichen Handeln ist Götzendienst. “En god we truth” steht auf der Dollarnote: “Nein, an diesen Götzen glauben wir nicht, davon müssen wir uns befreien!”, war einhellige Meinung. Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch: “Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld!”, sagte Jesus und praktizierte einen anderen, den solidarischen Weg. “Alle teilten untereinander was sie hatten und alle wurden satt”, so bei der Brotvermehrung., einer Geschichte aus dem Leben Jesu von Nazareth.

Die bei den “Theologische Tagen” Versammelten sahen genau hier die neuen Herausforderungen für “die befreiende Hoffnung und Theologie”. Ähnliche Treffen fanden in den letzten Monaten in anderen Regionen Lateinamerikas statt oder werden noch stattfinden. Das mündet im Oktober 2012 in einen lateinamerikanischen Kongress in Brasilien. “Die Befreiungstheologie ist nicht tot!”, unterstrich die Sprechergruppe  der Begegnungstage. “Die Herausforderungen sind heutzutage anders als vor 40 Jahren. Viele der damaligen Theologen sind alt geworden oder leben nicht mehr. Wir haben eine neue Generation, die befreiungstheologisch denkt und kämpft. Sie ist aktiv im solidarischen Teil unserer Kirchen, in Basisgemeinden und auch in  Bürgerinitiativen zugunsten der Zivillgeschaft, es gibt neue Vernetzungen, daraus erwächst eine neue Spiritualítät mit einer neuern  Agenda. Wir finden sie in fast allen Regionen Mexikos und über die Grenzen hinaus.”

Worum geht es in der neuen Agenda? Da ist zuerst und vor allem eine neue “Öko – Theologie”, die Ökologie, Ökonomie und Ökosysteme als integrales Ganze und göttliche Gabe begreift, daraus werden ökumenische Projekte: Befreiung von Ausbeutung der Natur und der Menschen, einfach Leben und gesund Leben und das in solidarischer Vernetzung (solidarische Wirtschaft). Das schließt ein, mit der Logik zu brechen von “Alles auf Pump” mittels Kreditkarten und dann mit lebenslanger Verschuldung. Deshalb gilt es, vor allem ein kritisches Konsumbewußstsein zu entwickeln, das sich emanzipert vom manipulierenden Marketing. So wie Drogenabhängige nicht mit gut gemeinten Ratschlägen, sondern nur einen Entziehungtherapie (“Entgiftung”) sich von dieser Abhängigkeit befreien können, benötigt auch ist unsere Konsum – (Kredit-, IPod-, Tabletten- etc.) Sucht viele Selbsterfahrungsgruppen, die diese “Entziehungskuren” einüben (“anders besser Leben”), wir brauchen therapeutische Begleitung. So wachsen und vernetzen sich immer mehr “Alternativ – Zellen”, die sich wiederum einsetzen für eine psycho – sozial gesundere Gesellschaft, die ihre plurikulturelle Vielfalt als Bereicherung annimmt und deshalb jegliche Diskriminierung  (aus sexuellen, rassischen, kulturellen, religiösen u.a. Gründen) überwindet. Das benötigt neue Sprach-, Aktions- und Organisationsformen, insbesondere in Vernetzung mit und inmitten der Vielfalt der Zivilgesellschaft.

Perspektiven und motivierte Leute sind da. Nun gilt es weiter machen.