Das eigene Leben

Das philosophische Wort zur Woche

Das eigene Leben…

„Die wichtigste Aufgabe aber, die wir haben, ist für jeden die eigene Lebensführung. Denn ebendarum sind wir hier auf dieser Erde. ..Ich habe mich auf öffentliche Ämter einzulassen vermocht, ohne auch nur einen Fingerbreit von mir abzuweichen und mich anderen hingeben können, ohne mich preiszugeben“.

Michel de Montaigne, Essais, in der Übersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main 1998, S. 507.

Montaigne war einer der ersten Philosophen, die allen Wert auf die persönliche Lebensführung legten, auf das Ablegen von Schablonen und Masken….

Tag des Nachbarn in ganz Europa

Heute, am 31. Mai 2013, wird in ganz Europa der „Tag des Nachbarn“ gefeiert, eine Initiative, die vor allem in Frankreich viele Sympathisanten und Aktivisten hat. Auch in Deutschland wird in einigen Städten versucht, an diesem Tag praktisch zu zeigen, dass in gerade in großen anonymen Hochhäusern Menschen zueinander finden können: Aus Nachbarn können Freunde werden. Lesen Sie dazu einen Beitrag von Christian Modehn aus der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, bitte klicken Sie hier zur Lektüre.

Das Leben genießen oder die Pflicht erfüllen. Ein Salon über Kierkegaard

In seinem Buch „Entweder – Oder“ stellt der dänische Philosoph Sören Kierkegaard zwei Existenzformen gegenüber: Die ästhetische Lebensanschauung, „welche das Leben genießen“ will und die eher konträre Lebensanschauung, „welche des Lebens Sinn darein setzt, für die Erfüllung seiner Pflichten zu leben“ (so in Entweder – Oder). Später setzt Kierkegaard noch die religiöse Lebensanschauung daneben. Wir werden Möglichkeiten und Grenzen dieser zwei (drei) Lebensformen besprechen. Welche Lebensform als vernünftige ist unsere?
Der Salon versteht sich auch als Einstimmung auf die aktuelle Ausstellung zum Kierkegaard Thema „Entweder Oder“ im Kulturzentrum „Haus am Waldsee“ in Berlin- Zehlendorf mit Arbeiten zahlreicher Künstler, vor allem aus Dänemark und Schweden.

Um Anmeldung für den 28. Juni wird gebeten, weil dann einige kl. Texte zur Einstimmung zugesandt werden können.
Der Salon findet wieder in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin Wilmersdorf um 19 Uhr am Freitag, den 28. Juni 2013, statt.
Herzliche Einladung!

Kant und die „wahre Religion“

Philosophisches Wort zur Woche: Siehe auch den aktuellen Beitrag von 2023: LINK
Kant und die „echte Religion“

„Der Kern echter Religion besteht für Kant gemäß den bereits im Buch „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ erarbeiteten Thesen ganz einfach im guten Lebenswandel; die Menschen, die so lebten, machten eine unsichtbare Kirche aus, die allein die wahre allgemeine Kirche sein könne. Sonst sei alles bloß Lohnglaube, Aberglaube, Frondienst an einem Gott, den man sich naiverweise nach dem Bild eines irdischen Herrschers vorstelle, der vorrangig Zeremonien und Unterwürfigkeit verlange. Sämtliche Forderungen und historischen Bräuche seien frommes Spielwerk und Nichtstuerei, alles Ersatztätigkeiten, die sich leichter vollziehen ließen als das tugendhafte Handeln. Der radikale Humanist Kant verwirft die gesamten christlichen Praktiken als Ablenkungen von der wahren Religion“.

So schreibt Terence James Reed in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Mehr Licht in Deutschland“. Eine kleine Geschichte der Aufklärung. Becksche Reihe, 2009, S. 152 über Kant, bezogen auf dessen Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.

Alle Gottesbilder sind relativ

Sind Gottesbilder Bilder von Gott?
Fragen und Überlegungen beim Treffen der Freunde der Remonstranten am 3. Oktober 2010
Siehe auch www.remonstranten-berlin.de

Ist unsere Beziehung auf die Wirklichkeit nicht zumeist von Bildern geprägt?
Denken wir nicht äußerst häufig in Bildern? Können wir in unserem Umgang mit der Welt auf Bilder verzichten?
Nehmen wir uns selbst, die anderen, die Welt, nicht sehr oft (notwendigerweise) bildhaft wahr? Siehe „Weltbild“ als Begriff.

Wenn das so ist: Warum soll das Sich Beziehen auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit in Bildern dann etwas zu Überwindendes sein? Man denke an das Bilderverbot in der jüdischen Tradition oder in
calvinistischen Kreisen.

Was passiert jedoch bei Menschen, die Heiligenbilder (z. B. Maria) oder das Kreuz oder eine Dreifaltigkeits – Ikone küssen? Sehr verbreitet im Katholizismus und der Orthodoxie. Wollen diese Glaubenden (magisch??) Anteil haben an der heiligen Wirkkraft der Dargestellten?

Wie ist die barocke Bilderflut, die in manchen Barock Kirchen den Menschen erschlägt oder zumindest zu einer permanenten Zerstreuung verleitet, einzuschätzen?
Ist Barock die religiöse Kultur der Ablenkung vom Wesentlichen? Will die barocke Bilderwelt vielleicht sogar das Wesentliche gar nicht freilegen? Ist die Barocke Kultur Herrschaftskultur, im Sinne von:_ „katholische Missionskultur“.
Ist das reformierte Bilderverbot und die Betonung auf dem gesprochenen Wort der Predigt realistisch, wenn man bedenkt: Auch eine gute Predigt, die anschaulich sein will und wohl sein muss, erzeugt Bilder beim einzelnen Hörer. Welcher Unterschied liegt in der Bildererzeugung des einzelnen zur Bildkonfrontation eines Menschen, der in einer Barockkirche sitzt? Wahrscheinlich ist der einzelne Hörer einer bildhaften (reformieren) Predigt persönlich freier in seiner Phantasie.

Wird Gott immer in Bildern erfahren und gedacht? Selbst die Psalmen, die sich gegen den bildhaften Gott wehren, sagen: Gott ist gerecht und gütig. Wecken solch Gottesprädikate nicht auch wieder Bilder? Wer in die farblosen (weiß – grauen) Fenster reformierter Kirchen schaut, stellt sich Gott vielleicht farblos vor. Ist das ein persönlicher Gewinn oder ein Verlust?

Wahrscheinlich müssen wir betonen: Wir brauchen immer Gottes – Bilder, wir machen sie notgedrungen, aber wir dürfen uns an kein festes Gottesbild binden, kein Gottesbild für endgültig und ewig halten. Jedes Gottesbild ist relativ, das heißt: es wird im Laufe der Lebensgeschichte wieder überwunden und durch ein neues (natürlich lebensmäßig wieder begrenztes) ersetzt.
Also: Ja zu Gottesbildern. Aber bitte alle sehr relativ nehmen.
Relativität ist kein Schimpfwort, schon gar nicht eine Schande, oder Ausdruck des Kulturverfalls, wie Joseph Ratzinger (Benedikt XVI) behauptet: Relativität ist die Rettung: spirituell und menschlich. Tatsächlich, es handelt sich um eine menschliche Rettung, weil die Relativität ALLER BILDER von Fixierungen und Festlegungen befreit. Das Leben kann wieder lebendig sein, kann fließen, für Überraschungen und neue Einsichten offen werden. Wahrscheinlich gehören (heiliger) Geist und Relativität ganz eng zusammen. Und fundamentalistischer Ungeist äußert sich als Macht der Herrscher in ihrem Kampf gegen „Relatives“.

Für einen modernen Katholizismus

Katholizismus und Moderne verbinden.
Perspektiven von Jacques Gaillot.

Auszüge aus einem Buchbeitrag von Christian Modehn

Klicken Sie zur Lektüre einen aktuellen Link vom Juni 2013 hier

Jacques Gaillot hatte als Bischof von Evreux (1982 bis 1995) zahlreiche Kontakte mit jungen Menschen, auch mit Atheisten, mit Menschen, die durch ihn wieder Interesse an der Kirche fanden. Aber „dieser Hoffnungsträger“ wurde 1995 von Rom abgesetzt. Unverschämt geradezu der Vorwurf seiner vatikanischen Richter: „Gaillot hat sich als Bischof als unfähig erwiesen“. Im Rückblick muss man die Absetzung Bischof Gaillots als Beispiel für die „Selbstzerstörung des Katholizismus“ durch die Kirchenführung selbst interpretieren. Indem sie sich in den alten Mauern einschließt, gibt sie dem lebendigen Leben keine Chance. Ausdruck für den versteinerten Geist und die versteinerte Institution ist das Bemühen Benedikt XVI., die besonders Versteinerten, die in das Uralte verliebt sind und den Antisemitismus verteidigten, die Pius-Brüder, wieder in die römische Kirche „zurückzuholen“. Psychologen sprechen in dem Zusammenhang von der Lust am Morbiden…
Gleichermaßen politisch wie theologisch konservative bzw. reaktionäre Kräfte haben Jacques Gaillot zu Fall gebracht. „10 Jahre wurde Gaillot vom Vatikan beobachtet“, also praktisch seine ganze Zeit als Bischof von Evreux, betonte ganz freimütig einer seiner Richter im Vatikan, Msgr. J. Tauran im Januar 1995 in einem Zeitungsinterview. Danke für die Offenheit! Zu Gaillots heftigsten Widersachern gehörte, um nur ein Beispiel von vielen anderen Beispielen zu nennen, Abt Gérard Calvet vom traditionalistischen Benediktiner Kloster Le Barroux bei Avignon. Ursprünglich eng mit den Lefèbvre Leuten (den „Piusbrüdern“) verbunden sowie den Ideen des rechtsextremen Front National (Le Pen), war es Kardinal Ratzinger gelungen, diese Mönche mit ihrem Abt Calvet wieder an den Papst zu binden…Auf ihn hörte der Vatikan, als man Gaillot zu Fall brachte. Der „Fall Gaillot“ war also immer auch ein „politischer Fall“, wobei sich der Vatikan stets auf der sehr rechten Seite präsentierte…
Die Absetzung Jacques Gaillots als Bischof wurde zu recht schon damals als das symbolische Ende eines um Freiheit und Evangelium bemühten Flügels innerhalb der römischen Kirche wahrgenommen. Historiker werden bei noch größerem zeitlichen Abstand feststellen: Jacques Gaillot war als Bischof eine für katholische Verhältnisse „einmalige Gestalt“ im Europa des 20. Jahrhunderts, eine Verbindung von Moderne und Evangelium, wie sie sonst kaum möglich erschien, vergleichbar vielleicht den von Rom ebenso ungeliebten Bischöfen Pedro Casaldaliga oder Dom Helder Camara, beide Brasilien…Dass auch Jacques Gaillot (wie alle anderen Bischöfe auch) einmal sozusagen im Dauerstress übereilt reagierte oder dabei Fehler machte, versteht sich von selbst. Aber seine theologische Linie, Moderne und Katholizismus zu verbinden, blieb und bleibt zweifelsfrei vorbildlich und, sagen wir es ruhig, einmalig.
Auch wenn jetzt noch einige „Reformkatholiken“ die ewig selben Reformvorschläge wiederholen und wiederholen: Der „Fall Gaillot“ hat meines Erachtens klargemacht: Reformen grundlegender, radikaler Art haben im römischen System keine Chance. Einzig eine neue Reformation hätte Sinn, dann bliebe aber zumindest ein Teil der römischen Kirche nicht mehr „der selbe“ wie vorher…(siehe Martin Luther). Jacques Gaillot hat sich entschieden, nicht zum Reformator zu werden, er wollte kein französischer Luther sein. Das ist seine Entscheidung, die es zu respektieren gilt, auch wenn niemals wenigstens gedanklich durchgespielt wurde und auch heute nicht durchgespielt wird, was denn eine neue Reformation bedeutet hätte und immer noch bedeuten würde, gerade angesichts der tiefen Krise und des absoluten Vertrauensverlustes des Katholizismus etwa jetzt im Frühjahr 2010.
Im Rückblick bleibt auch das Bedauern, dass Jacques Gaillot nie deutlich spürbare Unterstützung von prominenten Theologen gefunden hat: Die Namen der „großen“ Theologen z.B. in Tübingen oder Münster brauchen hier nicht genannt zu werden, sie haben meines Wissens diesem bescheidenen Mann des Evangeliums niemals öffentlich und deutlich zur Seite gestanden. Waren sie sich – von der Solidarität Eugen Drewermann einmal abgesehen – zu fein, waren sie sogar so unbescheiden, dass sie meinten, dieser Bischof aus Evreux und später in Partenia „biete theologisch zu wenig“? So viel Arroganz wäre schlechthin unverständlich.
Eine andere entscheidende Frage lautet: Wird Jacques Gaillot noch zu Lebzeiten rehabilitiert werden? Wird sich Rom bei ihm für die Absetzung entschuldigen und sich dann bedanken für die zahlreichen Impulse, die er den Menschen von heute gegeben hat? Wird sich die französische Bischofskonferenz entschuldigen, dass sie ihn seit 1995 weitestgehend ignoriert hat und praktisch niemals mehr zu ihren Versammlungen eingeladen hat? Wird sie diesem Bischof mit der einfachen und deswegen so befremdlich wirkenden Botschaft die Hand reichen? Gibt es noch Menschen, die glauben, der römische Katholizismus könne sich wie durch ein Wunder reformieren und dem Geist des Evangeliums entsprechen? Was bleibt für die anderen? „Um das Licht zu sehen, müssen wir aus den Mauern heraustreten“, so Bischof Jacques Gaillot zu Ostern 1983.

Den vollständigen Text und viele andere interessante Beiträge zu Jacques Gaillot finden Sie in dem neu erschienen Buch:

„Die Freiheit wird euch wahr machen“, herausgegeben von Roland Breitenbach, Reimund-Maier-Verlag Schweinfurt: ISBN 978-3-926300-64-5, Preis: 18,80 Euro
Direktbestellung des Buches: info@reimund-maier-verlag.de

Erasmus kontra Luther

Erasmus kontra Luther

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wird immer wieder auf entscheidende Diskussionen zwischen Theologen und Philosophen hingewiesen. Eine für die „lutherische Welt“ alles Weitere prägende Debatte fand im 16. Jahrhundert statt zwischen Luther und Erasmus. Religionspolitisch hat sich Luther gegen über dem mehr philosophisch argumentierenden Erasmus durchgesetzt; der Hinweis auf diese Debatte ist deswegen von besonderer Dringlichkeit: Denn sie berührt den Kern lutherischen Denkens, von besonderer Aktualität angesichts der bevorstehenden bzw. längst begonnenen Feierlichkeiten und „Gedenkveranstaltungen“ zum großen Luther Jubiläum 1517 (500 Jahre „The­sen­an­schlag“) in Wittenberg und anderswo.

Luther wurde zu recht als Befreier begrüßt im Hinblick auf die persönliche Glaubensentwicklung des einzelnen, die Bibelübersetzung und die Überwindung der Bindung ans Papsttum. Aber in einem zentralen Aspekt ist die theologische Überzeugung Luthers höchst und äußerst problematisch: Darauf weist der Philosoph Kurt Flasch in seinem äußerst lesenswerten Buch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008) hin (S. 248 ff):

„Erasmus brach mit Luther, denn er hielt (im Gegensatz zu Luther) die Willensfreiheit für die Voraussetzung aller Moralität und aller Religion. Als Philologe und Kenner des Neuen Testaments stellte Erasmus klar, dass der Wortlaut der Schrift die radikal – antihumanistische Interpretation Luthers nicht erzwinge…Angesichts der Erbsündenlehre Luthers verweist Erasmus darauf: Ein Gott, der so wahllos straft und grundlos vernichtet, verliert alle ethischen Prädikate, er wird zum Ungeheuer… Genau genommen sprach Luther nicht einfach von der „Schwäche“ unserer Vernunft, er sah sie im Besitz des Satans“, soweit Kurt Flasch.

Wir sind gespannt, wie sehr es den Jubiläumsfeierlichkeiten zu 2017 gelingt, die kritische Distanz zu Luther auszubauen. Bezeichnend und sympathisch und äußerst bedenkenswert für eine tiefere und menschliche Spiritualität finden wir einen Hinweis von Kurt Flasch (S. 251): „Nach Egon Friedell war Luthers Reformation Mönchsgezänk im Vergleich mit der intellektuellen Revolution Meister Eckharts“. Mit anderen Worten: Wie hätte sich der christliche Glaube, wie hätten sich die christlichen Kirchen entwickelt, hätte sich Meister Eckhart im 13. Jahrhundert durchgesetzt mit seiner Überzeugung: Der unbegreifliche Gott als Geheimnis zeigt sich in Geist und Seele eines JEDEN Menschen ohne die Notwendigkeit einer „Vermittlung“ durch kirchliche Institutionen. Die Frage „Was wäre wenn“ ist natürlich müßig, aber sie verweist erneut auf die absolute Zeitgebundenheit (und deswegen wohl auch Überwindbarkeit) des Denkens Luthers an dieser Stelle…