Auch Gott untersteht dem Recht und der universellen Gerechtigkeit!

Für Abraham ist Gott nicht das „Wichtigste“!
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Das Motto:
Wenn die Erkenntnis der Bibel, mitgeteilt in einigen Geschichten über Abraham, von den Religionen und Kirchen beachtet würde: Dann wäre die wahre Religion die ethische Haltung, die Gerechtigkeit für alle fordert und lebt. Dann wäre ein Ende der offenbar allmächtigen Klerus-Herrschaft (Klerus gibt es bekanntlich in allen Religionen) absehbar…

1.
Erich Fromm, Psychologe und Philosoph, hat in seiner Studie „Psychoanalyse und Religion“ (1950) eine grundlegende Erkenntnis zum Verhältnis des Menschen zu Gott (in der Überlieferung des Alten Testamentes) formuliert.
Diese Erkenntnis hat leider im Laufe der Geschichte des jüdischen Volkes und der Kirchen nur wenig Beachtung gefunden.
Und das sollte sich ändern. Nun hat sich auch der Philosoph und Kenner der hebräischen Bibel (Altes Testament) Omi Boehm in seinem neuen Buch „Radikaler Universalismus“ (2022) dieser Erkenntnis von Erich Fromm angeschlossen.Sie wird in gewisser Weise unterstützt im neuen Buch des US-amerikanischen Philosophen John D. Caputo „Die Torheit Gottes“.

2.
Worum geht es? In den Erzählungen des Alten Testaments verpflichtet sich Gott selbst, niemals alles Leben auf Erden zu vernichten (Gen. 9,11). Gott schließt einen Bund mit den Menschen, und diese sollen sich ihrerseits verpflichten, niemals einen anderen Menschen zu töten. Gott bindet sich also in einen Vertrag, an „ein Prinzip, das er, Gott, nicht verletzen darf, nämlich das Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben….Der Mensch kann auch Gott zur Rechenschaft ziehen, wenn er sich der Verletzung des Prinzips schuldig macht“ (betont Erich Fromm, Gesamtausgabe Band VI, S. 253).
Als Gott die Städte Sodom und Gomorrha wegen der Sünde der Menschen dort vernichten wollte, wird er von Abraham daran erinnert: Er, Gott, wollte sich selbst unter das Gesetz der Gerechtigkeit stellen. Und Gott lässt sich durch Abraham an seinen Grundsatz erinnern. (Vgl. Die Erzählung Genesis, 18, Vers 25).

1966 ist Erich Fromm erneut auf dieses Thema zurückgekommen, in seinem Beitrag „Ihr werdet sein wie Gott“ (1966): „Mit der Kühnheit eines Helden fordert Abraham (im Fall von Sodom und Gomorrha) Gott auf, sich an die Grundsätze der Gerechtigkeit zu halten. Abraham verhält sich also nicht wie ein demütiger Bittsteller, sondern wie ein stolzer Mann, der das Recht hat, von Gott zu verlangen, dass dieser sich an das Prinzip der Gerechtigkeit hält“ (S. 99).

3.
Abraham ist der Vater der (monotheistisch) Glaubenden, er lehrt: Über Gott steht die Gerechtigkeit, stehen die Gesetze, zu denen er sich selbst verpflichtet hat. „Weil Gott durch die Normen von Gerechtigkeit und Liebe gebunden ist, ist der Mensch nicht länger sein Sklave. Beide Mensch und Gott, sind an festgelegte Prinzipien und Normen gebunden“, so Erich Fromm (ebd.).

4.
Auch in der späteren Erzählung über Abraham und seinen Sohn Isaac zeigt sich, dass Abraham sich dem Befehl Gottes widersetzt, seinen Sohn Isaac abzuschlachten. (Vgl. Genesis, Kap. 22, bes. Verse 9 ff.) Es sind die gründlichen Studien des Philosophen Omri Boehm, die uns von dem Klischee befreien, Abraham sei der total Gehorsame, der sich nur von einem Engel (Vers 11) davon abhalten lässt, seinen Sohn Isaac zu töten. Denn mit dem „Engel des Herrn“ wird noch unterstellt, dass Gott selbst noch die Initiative ergreift, um Abrahams Gehorsam nicht bis zur tödlichen Konsequenz zu treiben. Boehm weist nun nach, dass die beiden Verse 11 und 12, also die Verse, die vom Eingreifen des göttlichen Engels sprechen, später eingefügt wurden. Nimmt man diese beiden Verse aus der Erzählung sinnvollerweise heraus, dann ist es Abraham selbst, der zur Erkenntnis kommt: Ungehorsam gegen Gottes Tötungsbefehl ist das Wahre. Abraham entdeckt selbst den Widder, den er anstelle Isaacs tötet.

5.
Immanuel Kant hat in seiner Publikation „Streit der Fakultäten“ (1798) als einer der ersten Philosophen deutlich gefordert, dass Abraham seinen Sohn niemals hätte töten dürfen, Nur Ungehorsam gegen Gott wäre also richtig und ethisch wahrhaftig gewesen. Kant schreibt: „Abraham hätte auf diese vermeinte göttliche Stimme antworten müssen: Dass ich meinen guten Sohn nicht töten soll, ist ganz gewiss; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sei, davon bin ich nicht gewiss und kann es auch nicht werden“.

6.
Der Philosoph Omri Boehm hat sich ausführlich, auch von dem jüdischen Philosophen Maimonides inspiriert, mit dem ethisch richtigen Ungehorsam Abrahams befasst. „Abrahams Punkt ist, dass eine universalistische Moral nur über der Gottheit stehen kann“ (in „Radikaler Universalismus“, S. 54). Aufgrund der universellen Gerechtigkeit (die ausnahmslos ALLEN Menschen immer gilt) ist es wahr, „Gottes Autorität zu widersprechen“ (ebd.)

7.
Die revolutionäre, sozusagen Gott-kritische Erkenntnis heißt also:
„Die wichtigste Errungenschaft des biblischen Monotheismus ist das Bekenntnis zu einer exklusiv einzigen, wahren Gottheit – um diese anschließend einer noch höheren, über ihr stehenden Gerechtigkeit zu unterwerfen“ (von Omri Boehm kursiv gesetzt, S. 21) Abraham ist der Vater aller Völker, eine Bedeutung, die ihn über Moses erhebt, betont Boehm. “Es gibt nur einen wahren Gott, doch die Autorität der universellen Gerechtigkeit steht über ihm“ (Omri Boehm, S. 22).

8.
Dies ist eine provozierende, wenn nicht unangenehme Erkenntnis für die Religionen und Kirchen. Denn ihre Theologen und Kirchenleiter und Religionsführer bedienen sich ständig mit göttlicher Autorität der Weisungen, die angeblich von Gott selbst stammen. Die Religionsführer brauchen förmlich Gott und seine begrenzten Gebote, um ihre eigene Herrschaft zu zementieren. Tausend Beispiele wären zu nennen, etwa: Israel ist nur der Staat der Juden; Frauen dürfen niemals katholische Priesterinnen werden; Frauen sind den Männern im Islam untertan usw… Es wäre wichtig, eine große Studie in Gang zu bringen, die die – geringe – Bedeutung Abrahams im Laufe der Geschichte der drei monotheistischen Religionen aufzeigt, Gehorsam gegen Gott erschien immer die den Religionsführern bequemere Lösung als das Eintreten für einen universellen religiösen Humanismus.

9.
Die entscheidende und dringend geforderte Reformation der drei monotheistischen Religionen kann nur gelingen, wenn die Religionsführer und die von ihnen geführten Gläubigen wahrnehmen und in der Praxis anerkennen: Über Gott und seinen von den Religionsführern interpretierten Gesetzen steht die universale Gerechtigkeit für alle Menschen überall und immer. Abrahams Erkenntnis könnte also heute die drei monotheistischen Religionen in ihrer Beton-Mentalität aufsprengen und endlich aus den Religionen humane Institutionen werden lassen. Aber das setzt vor aus. Dass die Religionsführer der drei monotheistischen Religionen lernfähig werden und sich endlich um die Erkenntnisse Abrahams kümmern. Aber die Konsequenzen wäre Machtverlust des gesamten „Klerus“ der drei Religionen. Und diesen Machtverlust wollen diese Herren (es sind fast immer Männer) überhaupt nicht hinnehmen. Also bleibt Abrahams entscheidender, humaner Ungehorsam gegen Gott auf Dauer doch marginal … und fast vergessen.…

10.
… So, wie die entscheidende Rede Jesu „Vom Weltgericht“ (Matthäus-Evangelium, 25. Kap., Verse 31 bis 46) als Umsturz alles nur „Religiös-Frommen“ und als Durchbruch einer humanen ethischen Haltung ALS Religion von den Religionen, Kirchen, nicht respektiert wird. Die Aussage Jesu gipfelt bekanntlich in einer Lehre umfassender Humanität: „Was ihr Menschen für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Vers 40). Das heißt: Der wahre Gottesdienst im Sinne des Propheten Jesus von Nazareth ist Nächstenliebe. Alles andere ist zweitrangig, das Zweitrangige, also das Religiöse, die Gottesdienste, Liturgien, Kirchengesetze etc. werden aber vom Klerus als erstrangig gefordert und durchgesetzt. Und die Gläubigen glauben in ihrer autoritären Bindung dem Klerus auch noch und folgen nicht den Weisungen des Propheten Jesus von Nazareth..

11.
Nur einige gebildete religiöse Menschen werden die Kraft haben, sich aus dieser Herrschaft der Religionsführer zu befreien und sich einer humanen Vernunft-Religion anschließen, die schon Immanuel Kant beschrieben und gefordert hat in seiner sehr lesenswerten Publikation „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. LINK

12.
Auch die Studien des US-amerikanischen Philosophen John D. Caputo folgen einer Erkenntnis, die der Erzählung über Abrahams Einsicht entspricht: In seinem Buch „Die Torheit Gottes“ (Grünewald-Verlag, Ostfildern 2022) befreit Prof. Caputo das religiöse Denken vom Glauben an den allmächtigen Gott in der Höhe oder auch in der Tiefe. In seinen durchaus provozierend gemeinten Überlegungen zeigt Caputo: Gott existiert nicht (als ein vorzeigbares „Objekt“), Gott existiert nicht, aber er INSISTIERT: Das heißt das göttliche Leben insistiert im Menschen als Ruf, als Aufforderung, human zu leben. Das Bild „Reich Gottes“ sagt diese Möglichkeit aus, einen universal geltenden Humanismus zu leben. (Vgl. bes. das Kapitel „Dein Reich komme“ in „Die Torheit Gottes, S. 137 ff.) Auch Caputo erinnert eindringlich an die revolutionäre Kraft der Rede Jesu vom Endgericht (S. 143).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Gegen den Wahn, sich in „Identitäten“ abzukapseln. Für einen radikalen Universalismus.

Über ein wichtiges neues Buch des Philosophen Omri Boehm.
Von Christian Modehn.

1.
Nun haben sich schon wieder Nationalisten als stärkste Parteien durchsetzen können: die Rechtsextremen und die Post-Faschisten in Italien bei den Wahlen am 25.9.2022. Ihnen gemeinsam ist die Fixierung auf die „Identität“, die sich immer über das entscheidende Wort „zuerst“ definiert: Also nun auch „Italien zuerst“, wie die postfaschistische Girorgia Meloni betont, wie früher schon Madame Le Pen mit ihrem „Frankreich zuerst“ (Le Pen) oder auch „America first“ von Mister Trump.

2.
In dieser Situation einer zunehmenden nationalen und ins Faschistische abgleitenden Identitäts-Politik ist das neue Buch des Philosophen Omri Böhm von besonderer aktueller Bedeutung. Der Titel „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“ (Propyläen-Verlag, 2022) beschreibt sein philosophisches Programm, das Boehm mit aller Schärfe und Klarheit der Argumentation vorträgt. Boehm, Jahrgang 1979, ist israelischer und deutscher Staatsbürger, er lehrt als Associate Professor für Philosophie an der „New School of Social Research“ in New York.

3.
Die heutige Betonung einer angeblich absoluten Geltung der Identitäten betrifft nicht nur die nationalistischen und faschistischen politischen Strömungen. Identitäts-Fixierungen werden sichtbar, so Boehm, in zahlreichen aktuellen Theorien und Ideologien. Etwa, wenn behauptet wird, dass vorrangig die Identitäten von Geschlechtern oder sozialen und politischen Minderheiten respektiert werden müssen, dass also „meine Bindung“ an „meine besondere Gruppe“ (bzw. Nation) wichtiger sei als mein Respekt der universalistischen Werte der Menschheit.
Jedoch gilt: An dieser „allgemeinen“ Menschheit mit ihren universalen Rechten und Pflichten hat aber jeder einzelne Mensch als Mensch Anteil. Und diese allen gemeinsame Bindung an die Menschheit mit ihren rechten und Pflichten muss bestimmender und vorrangiger sein als die begrenzten Werte, die aus meiner/unserer immer begrenzten Identität (etwa als Homosexueller, als Indigener usw.) folgen. Boehm tritt also in aller Schärfe für einen „universellen Humanismus“ ein, das betont er schon in seinem „Prolog“ auf S. 12. Boehm zeigt, dass der moralische Universalismus die unbedingte Pflicht eines jeden Menschen bedeutet, für die universale Gerechtigkeit und für alle geltende Gleichheit einzutreten und diese zu leben und auch politisch zu gestalten.

4.
Die Kämpfer für die „identischen“ Rechte von bestimmten, abgegrenzten Gruppen (etwa „LGBTQ-Menschen, S. 13) will Boehm keineswegs diffamieren. Er will nur beweisen, dass sie in ihrem Einsatz für ihre Identitäten durchaus die Verbindung mit den universalen Grundrechten benötigen, soll denn das Engagement zum Ziel führen, also für sie selbst erfolgreich sein. Der universelle Humanismus soll also für Boehm „ein Kompass, sogar eine Waffe“ sein (14). Und Boehm weiß, dass es viele „falsche Universalisten“ gibt, die mit ihren Sprüchen und Taten nur die westliche Vorherrschaft meinen, etwa: Von Menschenrechten groß schwadronieren, aber sich selbst nicht an sie binden. Das trifft etwa für die katholische Kirchenführung zu, dieses Beispiel nenne ich, konsequenterweise, nicht Boehm.

5.
Immanuel Kant ist für Omi Boehm „der unverzichtbare Denker“ (16). Kant hat, sage ich nun mit einem klassischen Begriff, „Wesentliches“ vom Menschen gedacht. Boehm meint dasselbe, wenn er betont: Kant habe den Menschen „frei von jeder Beimischung biologischer, zoologischer, historischer und soziologischer Tatsachen“ (16) erkannt. Diese Konzentration Kants auf das Allgemeine, „Wesentliche“ des Menschen bzw. der Menschheit, nennt Boehm durchgehend in seinem Buch „abstrakt“. Der entscheidende Begriff „des“ Menschen, muss also Kant folgend, „abstrakt bleiben“ (16), das betont Boehm immer wieder.
Ich möchte fragen, ob es geschickt ist, diesen universalen „Wesensbegriff“ des Menschen „abstrakt“ zu nennen. „Abstrakt“ hat oft eine negative Konnotation.
Aber abgesehen davon: Durch Kant wird die Menschlichkeit des Menschen nicht durch natürliche Bestimmungen festgelegt, sondern durch die geistigen Leistungen der Freiheit, zu der auch die Pflicht gehört, das moralische Gesetz in mir als unbedingt auch für mich geltend wahrzunehmen und ihm zu folgen. Denn der Mensch kann in seiner Freiheit dem moralischen Gesetz in seiner Lebenspraxis folgen, betont Kant, warum sonst würde sich dieses moralische Gesetz denn sonst im Menschen überhaupt unbedingt zeigen?
Wenn der Mensch sich von sich distanzieren kann, wenn er also fragen kann, was er tun soll, dann zeigt er sich darin als freie Person. Er kann dem kategorischen Imperativ prinzipiell folgen!
Dieser „kategorische Imperativ“ ist eine geistige Wirklichkeit, diese ist „nicht von Menschen gemacht“ (17), sie kann also auch nicht von Menschen ausgelöscht werden. D.h.: Der kategorische Imperativ ist also nicht an bestimmte Konventionen gebunden oder historische Umstände, er gilt universell. Nur im Respekt vor einem „höheren Gesetz“ (20), also dem Kategorischen Imperativ, kann der einzelne darauf hoffen, dass seine persönlichen Wünsche (etwa hinsichtlich der Bindung an eine Identität) von anderen respektiert werden. Jeder, der ernsthaft seine eigenen Identitäten verteidigt, braucht als argumentative Unterstützung notwendigerweise die universalen Menschheitswerte der Freiheit, der Gleichheit, der Gerechtigkeit. „Die abstrakte, absolute Verpflichtung auf die Menschheit (durch die universalen Rechte, CM) löscht die Identitäten ja nicht aus; ganz im Gegenteil sind es die Identitäten, die sich gegenseitig auslöschen. Letztlich wird nur der Universalismus sie verteidigen können“. (155).

6.
Boehm ist mit der jüdischen Spiritualität bestens vertraut. Seine besondere Leistung ist, dass er auch in seinem neuen Buch alt vertraute biblische Erzählungen korrigiert, etwa die Erzählungen der hebräischen Bibel, des Alten Testaments, die sich auf die Gestalt Abrahams beziehen. Abraham ist für Boehm die entscheidende und prägende Figur der Bibel: Abraham hat als gläubiger Mensch den Mut, Gott zu widersprechen und sogar noch weiter zu gehen, wenn er betont: Dass es für Gott eine noch über ihm stehende Gerechtigkeit gibt, der auch Gott unterworfen ist. Gerechtigkeit, durch die Vernunft der Menschen erkannt, steht nicht über den göttlichen Geboten, mehr noch: Gott selbst steht in der Erfahrung Abrahams unter dem universalen Gebot der Gerechtigkeit! Was für eine Aussage, deren Konsequenzen leider Boehm nicht weiter entwickelt! Diese Erkenntnis führt zu einer radikalen Kritik des überlieferten und konfessionell immer nicht prägenden Begriff Gottes!

7.
In seiner Auseinandersetzung mit Gott angesichts der Bestrafung von Sodom und Gomorrah betont Abraham: „Sollte der Richter aller Welt, Gott, nicht gerecht richten“? (Genesis, 18., Vers 25). Die universelle Gerechtigkeit, die eben auch die Rettung der wenigen Unschuldigen in Sodom und Gomorrha betrifft, ist also wichtiger und größer als Gott selbst! Gort muss sich an das Prinzip der Gerechtigkeit binden!
Diese Erkenntnis bezieht Boehm auch auf die bekannte Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaac. Boehm zeigt: Abraham widerspricht Gott, und er opfert seinen Sohn gerade NICHT, wie es Gott anfänglich verlangte. Boehm hat zu dieser biblischen Erzählung ausführliche Studien betrieben. In der „Jüdischen Allgemeinen“ hat er schon am 24.2. 2015 darüber kurz berichtet: „Ich versuche nun, zu zeigen, dass zwei Verse dieser biblischen Geschichte in Wirklichkeit nachträgliche Hinzufügungen zum Originaltext sind. Es handelt sich um die Verse 11 und 12 in Genesis, Kapitel 22, in denen der Engel des Herrn Abraham im letzten Moment davon abhält, seinen Sohn zu töten. Wenn man diese Verse – eine spätere Einfügung – wieder herausnimmt, bekommt man eine in sich geschlossene, aber völlig andere Geschichte. Das heißt: Abraham entscheidet selbst und auf eigene Verantwortung – ohne das Eingreifen des Engels –, Gottes Weisung nicht zu befolgen“.
Noch einmal: In seinem neuen Buch betont Boehm: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (53). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt noch eine Art „Gott über Gott“, dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.

8.
Ist diese oberste Gerechtigkeit also selbst „wahrhaftig“ göttlich zu nennen, sozusagen der „oberste Gott“? Sollte sie, diese universale Gerechtigkeit, dann nicht auch – in welcher Form – verehrt werden?
Diese Frage wird leider von Boehm nicht erörtert. Nebenbei: Es gab ja bei dem protestantischen Theologen Paul Tillich schon den Gedanken, dass es einen „Gott über Gott“ gibt. Und auch Meister Eckart hat unterschieden zwischen Gott und der Gottheit, die er allerdings für unerkennbar bzw. undefinierbar hielt. Eine weitere Frage: Ist nicht diese oberste Gerechtigkeit („über Gott“ noch stehend) auch notwendigerweise dann doch (allzu) menschlich gedacht? Wenn ja, was sicher ist: Wie kann man dann aber noch an einem „eigentlich“ unerkennbaren, bildlosen Gott des Alten Testaments festhalten?

9.
Boehm zeigt weiter in seinem Buch, wie der Bürgerrechtler Pastor Martin Luther King ebenfalls die universalen Menschenrechte in seinem Kampf zugunsten der Rechte der Schwarzen an die erste Stelle setzte.
Eher auf die US-amerikanische Situation bezogen sind Böhms Auseinandersetzungen mit dem dort überaus populären Philosophen Richard Rorty: Er entwickelt eine eher „liberal“ genannte Philosophie, die sich auch nicht scheut, die Bedeutungslosigkeit der Philosophie für die Politik öffentlich zuzugeben. Auch der us-amerikanische Philosoph Dewey wird von Boehm heftig kritisiert, weil er eine kategorisch geltende Wahrheit ablehnt.

10.
Omi Boehm, geboren in Haifa, setzt sich seit einigen Jahren auch mit der Politik des Staates Israel auseinander, vor allem was den Aufbau gerechter Verhältnisse mit den Palästinensern angeht. Er kritisiert auch in seinem neuen Buch, so wörtlich, „die Apartheitstruktur“ (S. 150), die die israelische Siedlungspolitik im Westjordanland „seit vielen Jahren betreibt“. Wie alle westlichen liberalen Demokratien ist in Böhms Sicht auch der Staat Israel „auf der gewaltsamen Unterdrückung anderer gegründet“ (S. 152). Diese Identitätspolitik der Palästinenser wie der Juden kann nur, so Boehm, „jeweils zur Auslöschung der anderen führen“. Boehm plädiert für die „Einstaatenlösung“.

11.
So wird Omi Boehm durch seine erneute Auseinandersetzung mit Israel zu der Erkenntnis geführt: „Die einzige Möglichkeit, die Antinomien von Identitäten aufzulösen, die einander nihilistisch auslöschen, besteht darin, auf dem Universalismus als Ursprung zu beharren statt auf Identität. Darin, die eigen Politik mit der Verpflichtung auf die Gleichheit aller Menschen zu beginnen und die Ansprüche von Identität an dieser Verpflichtung zu prüfen“ (154).

12.
Das Buch „Radikaler Universalismus“ verlangt eine konzentrierte Lektüre, es ist aber nicht für die wenige Fachphilosophen“ geschrieben. Ausnahmsweise muss man als Rezent einmal sagen: Ich hätte mir sogar noch ausführlichere Darstellungen und Begründungen und Ausweis von Konsequenzen gewünscht.

13.
Kants Studie „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ sollte in dem Zusammenhang viel mehr gewürdigt werden. Vielleicht gelingt das zum Kant Jubiläum 2024 (300. Geburtstag). Kants Vorschläge könnten den Christen (auch den Juden und Muslime) Möglichkeiten zeigen, ohne dogmatische Bindungen und ohne religiöse fixierte Institutionen ein vernünftiges religiöses Leben zu gestalten. Eben in der Überordnung des Ethischen (des moralisch guten Lebens) über die religiösen Gebote und Gesetze, über die kirchlichen Lehren sowieso, wie Kant dringend fordert! Ausführliche Hinweise, siehe: LINK.

Omri Boehm, „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identitäten“. Propyläen Verlag, Berlin, 2022, Aus dem Englischen übersetzt von Michael Adrian. 175 Seiten, 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Der neue Faschismus – die Gefahr für die Menschheit heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 20.9.2022.

Das Motto: „Der Faschismus – auch der Post-Faschismus – ist die organisierte Ablehnung des menschlichen Lebens. Er ist eine Anti-Moral“ (Paul Mason)

1.
Man spricht diskret von „Post-Faschismus“. Um etwa die Partei „Fratelli d Italia“ zu bewerten.

2.
Und diese „Fratelli“, diese „Brüder Italiens“, bewegen sich in der Einschätzung der Politologen in der Grauzone zwischen Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Faschismus.
Diese „rechtsextreme Grauzone“ setzt sich überall in Europa durch:
Von der Le Pen Partei „Rassemblement National“ und der Partei von Eric Zemmour in Frankreich, über die Rechtsextremen in Schweden (SD, „Schwedendemokraten“) und Griechenland („Goldene Morgenröte“) und Spanien („Vox) und Ungarn („Jobbik“ und z.T. sicher auch „Fidesz“ von Herrn Orban) und Polen („Nationale Bewegung“ und „Freiheit“ und Teile der PIS) und Österreich (FPÖ) und Deutschland (AFD und viele kleinere Parteien) und den Niederlanden („Partei für die Freiheit“, Wilders, und „Forum für Demokratie“ usw.) und Belgien („Vlaams Belang“) und Vereintes Königreich („British National Party“) und Slowenien „Slowenische Nationale Partei“) und Kroatien („Kroatische Partei des Rechts“, HSP) und Dänemark ( Danske Folgepartei) und Finnland („Wahre Finnen“) . usw.
Überall in Europa (und in den USA und Lateinamerika) finden rechtsextreme Parteien immer mehr Zuspruch mit ihrer wirren Ideologie. Um es klar zu sagen: Diese Parteien sind zerstörerisch, sie zerstören Demokratie und Menschenwürde und Menschenrechte und Frauenrechte, sie werden in der Politikwissenschaft oft „postfaschistisch“ genannt.

3.
Ein erster Schritt des Widerstandes: Die zerstörerischen Ideologien dieser rechtsextremen, postfaschistischen Parteien kritisch studieren und mit anderen debattieren. Dabei darf es nicht bleiben: Politische Aktionen müssen dann folgen.
Alle demokratischen Organisationen, auch die Kirchen, sollten das Studium des Rechtsextremismus und Post – Faschismus in den Mittelpunkt stellen.
Ein provozierendes, aber mögliches Beispiel: Anstelle der Predigten sollten regelmäßig in den Sonntags-Gottesdiensten Informationen über den neuen Faschismus stattfinden, über die seelische und materielle Disposition, ins Faschistische abzurutschen: Dann wären die Kirchen und ihre Prediger auf der erforderlichen Höhe der Zeit und vom Ritus des „Immergleichen“ (Predigens) befreit. Das hätte den Vorteil, dass sich die Pfarrer und Prediger genau politisch bilden müssen. Diese Neuorientierung des Predigens ist um so dringlicher, weil viele „praktizierende Katholiken“ – etwa in Frankreich – post-faschistische Parteien wählen. Und die Diskussionen nach dem Gottesdiensten wären sicher sehr lebendig.

4.
Der Begriff „Post-Faschismus“ bedeutet mehr als eine Zeitangabe, also, nach („post“) dem Faschismus von Mussolini und nach der Nazi-Ideologie Hitlers. „Post“ benennt den aktuellen Wandel des Faschismus, förmlich sein modernisiertes Versteckspiel. „Neo-Faschismus“ würde die Bürger vielleicht doch noch stören.“Post-“ weckt den Eindruck des Harmloseren.
Aber die Verwendung des „Post-“ ist alles andere als harmlos:

5.
Heutiger Faschismus bedient sich – wie der frühere Faschismus – einer Mythologie, einer Erzählung, also der ideologischer Propaganda, um die Demokratie zu zerstören.
Paul Mason hat in seiner großen Studie „Faschismus“ (Suhrkamp Verlag, 2022) darauf aufmerksam gemacht und fünf Strukturelemente herausgearbeitet:
Heutiger „Postfaschismus“ verkündet: Es findet in der Welt der Reichen Europas ein „Austausch der Bevölkerung“ statt. Durch die Zuwanderung von Fremden, von Muslimen, Afrikanern, Lateinamerikanern etc. werde ein „Genozid“ an der weißen Bevölkerung Europas und Nordamerikas betrieben. Minderwertige übernehmen also die Macht der Wertvollen Menschen, und das sind dieser postfaschistischen Ideologie folgend, die weißen Europäer.
Es sind die Menschenrechte, also die universalen (!) humanen Ideen der Moderne, die diesen Genozid zulassen und befördern. Menschenrechte werden von Demokratien verteidigt. Also müssen Demokratien verschwinden, so die postfaschistische Ideologie.
Die Idee der Menschenrechte als Eintreten für die Rechte der Armen und Ausgebeuteten wurde von westlichen marxistischen Denkern vertreten. Darum bekämpfen die Post-Faschisten entschieden „den“ Marxismus und alles „Linke“, wie schon die früheren Faschisten, etwa Mussolini.
Durch die sogenannten, angeblich „harmlos“ erscheinenden „normalen“ rechtspopulistischen Parteien in den noch halbwegs funktionierenden Demokratien wird Druck auf die Demokratie ausgeübt, es werden Netzwerke von Unzufriedenen gefördert, die massiv die liberale Demokratie zum großen Übeltäter erklären und symbolisch zerstörerisch und gewaltsam zu agieren beginnen.
Es wird in den post-faschistischen Führer-Kreisen auf einen „Tag X“ hin gearbeitet, an dem die genannten post-faschistischen Projekte durchschlagen und in Form von Bürgerkriegen die liberale und sozial eDemokratie ausschalten. In Brasilien droht der post-faschistische Präsident Bolsonaro etwa mit einem Bürgerkrieg, für den Fall, dass er nicht wieder zum Präsidenten gewählt wird.

6.
Die stärker werdende Welle der post-faschistischen Bedrohung in ganz Europa wird durch die aggressive Einmischung von Putin noch weiter verstärkt. Der Krieg Russlands bzw. des Diktators Putins gegen die Ukraine gehört zu einem großen Plan: Die Demokratien zu zerstören, auch die Demokratien in Europa. Sein Mittel: Diese postfaschistischen Parteien finanziell unterstützen. „Dies ist die erste Säule der Theorie der extremen Rechten: die Erwartung einer globalen Katastrophe, welche die Moderne, die Aufklärung, vollkommen rückgängig machen wird. Dies soll nicht wie in den Projekten Hitlers oder Mussolinis in einem einzelnen Staat geschehen oder durch Eroberungen verwirklicht werden. Sondern in Form eines simultanen globalen Zerfalls von Staaten und Institutionen“ (Paul Mason, a.a.O., S. 63). (Siehe auch Nr. 9. in diesem Hinweis)

7.
Der Faschismus bzw. jetzt der Post-Faschismus drückt sich gern mit einem international verbreiteten Slogan aus: Immer ist darin das Wort ZUERST enthalten: „Amerika first“. Oder „La France d abord“ oder „Les Francis d abord“. „Deutsche den Deutschen….“ „Gli Italiani primo“ (Motto von Matteo Salvini und anderen Rechtsextremen).
Diese Slogans mit dem Wort „zuerst“ (first, d abord, primo usw). ziehen Grenzen und Wertungen zwischen den Menschen: Es gibt in dieser Ideologie die Wertvollen, die „zuerst“ gut leben sollen. Dies sind die weißen Europäer, christlich geprägt oder jüdisch, wie Rechtsextreme jetzt gern sagen, um Muslime abzuwerten und minderwertig zu finden. Und die anderen, eben diese Minderwertigen, die bestenfalls den Wertvollen (Weißen) zu billigen Diensten zur Verfügung stehen dürfen. Selbst die rechtsextremen „brauchen“ also doch zum Funktionieren ihrer Wirtschaft noch die Armen, die Flüchtlinge, die Gestrandeten, die Hilflosen, weil diese das sklavenähnliche Hilfspersonal für die weiße Elite stellen.

8.
Zu Giorgia Meloni (geb. 1977), ein mögliche Regierungschefin, und ihre Partei „Fratelli d Italia“: Dieser Titel bezieht sich auf die ersten Worte der italienischen Nationalhymne, ein deutlicher Hinweis auf die nationale Fixierung der Partei.

Die Umfrage zur Akzeptanz der Wähl für diese Partei:
August 2019: 6,1 %
Juli 2022: 22 %.

Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. schreibt in einer Studie der „Friedrich Ebert Stiftung“:

„Melonis kulturelle und politische Auffassungen zeugen unter anderem vom Fortbestand eines zweideutigen Verhältnisses zum
italienischen Faschismus und Postfaschismus, von der Vision einer illiberalen und organizistischen Gesellschaft, auf der sie eine reaktionäre Lesart der Rechte des Individuums aufbaut – wobei der oder die Einzelne stets der Familie und der Gemeinschaft verpflichtet ist – , sowie von einem essenzialistischen und ethnozentrischen Begriff von Nation und von einer Interpretation des 20. Jahrhunderts, die die Werte relativiert, die nach der Niederlage des nationalsozialistischen Totalitarismus entstanden sind, von einer manichäischen Gegenüberstellung von Volk und Elite und von einer verschwörungs-theoretischen Auslegung der Wirklichkeit“…. „Der Hass auf Einwander_innen geht Hand in Hand mit dem so genannten welfare chauvinism, das heißt der Auffassung, dass die Vorteile des Sozialstaates nur bestimmten Gruppen, etwa den Einheimischen des jeweiligen Landes, vorbehalten sein sollten.
In diesem Zusammenhang betont Meloni stets, dass es erforderlich sei, Italiener_innen beim Bezug von Sozialleistungen zu bevorzugen…”
“Melonis FdI bewegt sich in eine weniger konservative als vielmehr reaktionäre, souveränistische, nationalistische und illiberale Richtung. Mit diesen Positionen tritt Meloni zu den Wahlen am
25.9.2022 an, die nach dem von der 5-Sterne-Bewegung und den mit ihr regierenden Rechtsparteien Forza Italia und Legaprovozierten Sturz der Regierung Draghi (21.7.2022) angesetzt wurden. Anders als 2018 ist Fratelli d’Italia diesmal die in Umfragen stärkste Partei der Rechten und ihre Vorsitzende die natürliche Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin im Falle eines Sieges. Von ihrem Erfolg oder Misserfolg wird mit Sicherheit das Wohl der italienischen Demokratie abhängen. Er wird sich als Gradmesser der italienischen Demokratie erweisen“.

Zit. eines Beitrages von Sofia Ventura, Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Bologna. Quelle:    LINK

9.
Siehe auch den Beitrag von Christian Modehn vom Mai 2022 „Putin der Faschist“.  LINK

Der “Tagesspiegel” hat am 18.9.2022 auf S. 4 eine Dokumentation publiziert über „Putins beste Freunde“, darin wird die finanzielles Unterstützung Putins (den einige Beobachter einen Faschisten nennen) für seine Freunde in den post-faschistische Parteien in (West)Europa dargestellt.
„Fest steht, dass Meloni von den „Fratelli d Italia“ im Falle eines Wahlsiegs am 25.9.2022 mit den beiden Putin-Freunden Salvini und Berlusconi regieren würde – ein Ergebnis, das dem Kreml-Herrscher sehr genehm wäre. Denn dann könnte Italien innerhalb der EU auf ein Ende der Sanktionen gegen Russland hinarbeiten“. (den Tagesspiegel Beitrag schrieb Claudia von Salzen).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ludwig Wittgenstein – in einem neuen Handbuch umfassend dargestellt.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.9.2022

Das aktuelle Motto, ein Zitat Wittgensteins: “Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen.“ (Siehe Nr. 4 in diesem Hinweis)

1.
Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) ist einer der denkwürdigsten und einflußreichsten Philosophen. Dabei fällt er sozusagen aus dem Rahmen der üblichen „Philosophie-Professoren an Universitäten“. Nicht nur, weil er nur ein Buch zu „Lebzeiten“ veröffentlichte. Vor allem: Für ihn war persönliches Leben und philosophisches Denken in einer spannungsreichen Verbindung. Wittgenstein schwankte existentiell zwischen einer üblichen Laufbahn an einer Universität und einem schlichten Alltagsleben, auch als Grundschullehrer.
Wittgenstein hinterließ einen großen Umfang an Studien und Notizen, die seine ständige philosophische Selbstkorrektur und Entwicklung dokumentieren. Er war äußerst vielseitig begabt, manche nennen ihn ein Genie, kompetent in der Mathematik und Logik, aber auch im Maschinenbau und als Architekt, er schätzte Literatur, Musik und Kunst und auch zur Religion hatte er einen eigenen, besonderen Zugang entwickelt.
2.
Philosophisch gebildete Kreise können nun ein anspruchsvolles „Wittgenstein -Handbuch“ für ihr Studium, auch als Einstieg, nutzen, ein Handbuch, das umfassend den ganzen Wittgenstein und sein vielfältiges Werk darstellen und erklären will. Das Buch hat 482 Seiten, umfasst 94 Kapitel, neben einer ausführlichen Biographie vor allem Hinweis zu seinem umfassenden Werk, auch zum Briefwechsel. Herausgegeben ist dieses Buch von den Wittgenstein-Spezialisten Stefan Majetschak (Kunsthochschule Kassel) und Anja Weinberg (Uni Wien). Das Buch wird in der Fülle der äußerst vielen speziellen Wittgenstein Studien, auch angesichts der verschiedenen Wittgensteingesellschaften in Norwegen, England, Österreich usw., sicher die Bedeutung einer wichtigen Erstinformation wie auch eines grundlegenden Nachschlagewerk haben.

3.
Ein solches umfassendes Wittgenstein-Lexikon kann selbstverständlich nicht in wenigen Worten „besprochen“ werden.
Den Schwerpunkten unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin entsprechend, interessierte uns besonders das Kapitel „Religion“, ein Thema, das für Wittgenstein auch lebensmäßig alles andere als marginal ist. Der Philosoph Ludwig Nagl hat den entsprechenden Beitrag im Handbuch verfasst. „Ich bin zwar kein religiöser Mensch, aber ich kann nicht anders: Ich sehe jedes Problem von einem religiösen Standpunkt“, so Wittgenstein in einem Gespräch mit Maurice Drury. Ob Wittgenstein „wirklich“ kein religiöser Mensch war, wird heftig diskutiert, zu deutlich ist in seinen Notizen persönliche Betroffenheit von religiösen Aussagen, zumal des Neuen Testaments (Ludwig Wittgenstein wurde katholisch getauft). Wichtig ist seine Erkenntnis, dass die Sinnfrage nicht wissenschaftlich beantwortet werden kann, sondern ins Religiöse, in den Glauben, weist. „Wie soll ich leben“, bleibt die zentrale Frage Wittgensteins. Schon in jungen Jahren las er Tolstoi, Dostojewski, vor allem Augustinus schätzte er sehr und Kierkegaard. Gerade die Auseinandersetzung mit Augustin und Kierkegaard führte Wittgenstein zu theologischen Aussagen, die stark an die dialektische Theologie etwa eines Karl Barth erinnern, darauf weist Ludwig Nagl leider nicht hin. Von einer „vernünftigen Theologie“, im Katholizismus mit der Pflege der Gottesbeweise üblich, hielt Wittgenstein gar nichts! Wegen des Dogmas des 1. Vatikanischen Konzils, dass die Existenz Gottes „durch die natürliche Vernunft bewiesen werden kann“, war es ihm „unmöglich, Katholik zu sein“ (S. 365 im Handbuch).

4.
Je mehr sich Wittgenstein von den Erkenntnissen seines frühen Werkes, des „Traktates“, löste, um so deutlicher wurde sein Interesse für Religion und die Frage „Was ist Glauben“. Für ihn war in der persönlichen Bindung an Christus nicht der Glaube, sondern die Liebe entscheidend. Aber für die religiöse Haltung gilt wohl insgesamt: Sie „ist nicht verständlich, es ist aber auch nicht unverständlich“ (S. 365 im Handbuch), ein typischer Wittgenstein Satz, möchte man meinen, der sich um „extreme“ Differenzierung bemüht.
Dass die christliche Religion zur Institution, also zur Kirche wurde, findet Wittgenstein sehr problematisch: „Zu seinem Freund Drury sagte er: „Soweit Sie und ich das wissen können, wird die Religion der Zukunft ohne Priester und Geistliche auskommen. Eines der Dinge, die Sie und ich lernen müssen, ist, dass wir ohne den Trost der Zugehörigkeit zu einer Kirche leben müssen“ (S. 365 im Handbuch).

5.
Auch das Stichwort Glauben und Wissen in der Rubrik „Begriffe und Themen“im Handbuch ist für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon von großem Interesse. Deutlich zeigt Nuno Venturinha ,dass Wittgenstein an dem Thema schon sehr früh arbeitet, später aber den „überkommenen (also vom Menschen nicht abzuschaffenden, C.M.) Hintergrund” des menschlichen Geistes verteidigt: Übersetzt heißt dies: Es gibt geistige Strukturen, die niemals durch Lernen und Unterricht erworben werden, sondern die vorgefunden und da sind, wie etwa die Form des Glaubens. Glauben ist für Wittgenstein in seinen Hinweisen „Über Gewissheit“ grundlos im Menschen „vorhanden“. Wir Menschen haben also etwas Vorgegebenes, „das weder wahr noch falsch sei“, wie Wittgenstein in „Über Gewissheit“ schreibt (S. 205). Da hätte mich interessiert, ob eine Verbindung zu Kant gegeben ist, etwa hinsichtlich dessen Erkenntnis des „Faktums der Vernunft“.

6.
In dem Zusammenhang ist es erstaunlich, was der katholische Religionsphilosoph, der Jesuit Prof. Friedo Ricken, München, etwa zu den „Vermischten Bemerkungen“ Wittgensteins zur Religion betont: „Sie gehören für mich zum Tiefsten, was ich in der neueren philosophischen Literatur zu diesem Thema gefunden habe, aus ihnen sprechen ein tiefer Ernst und eine überzeugende Ehrlichkeit”.(Friedo Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, Stuttgarrt, 2003, S. 29).

7.
Man wird in dem „Handbuch“ die Erörterung der Stichworte Politik, Gesellschaft oder Staat vergeblich suchen, darf man daraus schließen, dass diese Themen Wittgenstein philosophisch nicht interessierten?

8.
Soweit ich sehe, wird in dem „Handbuch“ nicht explizit von einer homosexuellen Neigung Wittgensteins gesprochen, die vielfältigen Freundschaften mit jungen Männern werden ausgeführlich angesprochen. Entsprechende Behauptungen zur Homosexualität Wittgensteins vonseiten des Biographen William Barley (von 1973) gelten wohl jetzt als übertrieben. Hingegen hat der Wittgenstein Forscher Ray Monk später noch einmal diskret davon gesprochen, im Personenregister des Handbuches wird Monk nicht erwähnt. Und es ist sicher gar kein Zufall, dass eine große Wittgenstein Ausstellung unter dem Titel „Verortungen eines Genies“ (Ausstellung 18. März bis 13. Juni 2011) ausgerechnet im „Schwulen Museum“ , damals noch in Berlin-Kreuzberg, stattfand. Der Junius-Verlag hatte ein reich mit Fotos ausgestattetes, hervorragendes Begleitbuch publiziert. Justus Noll hat in dem Buch einen Artikel über „Schüler, Freunde und Liebhaber“ verfasst.

9.
Wittgenstein bleibt ein zweifellos einseitiger, aber außergewöhnlich inspirierender Philosoph, auch, weil er sein Denken mit seinem eigenen Leben und Leiden aufs engste verbunden hat. Peter Sloterdijk hat schon recht, wenn er in seiner kleinen Skizze über Wittgenstein (in „Philosophische Temperamente“, München 2009) schreibt: „Es tritt das Profil eines Denkers an den Tag, der unzweifelhaft zu den Sponsoren der künftigen Intelligenz gehören wird. Noch in ihren logischen Härten und menschlichen Einseitigkeiten hält Wittgensteins Intensität Geschenke von unabsehbarer Tragweite an die Nachwelt bereit“ (S. 128 f.)

10. Zugänge zu Wittgensteins Werk:
„Im deutschsprachigen Raum veranstaltet die Österreichische Ludwig Wittgenstein Gesellschaft (http://www.alws.at) seit 1976 internationale Wittgenstein-Symposien in Kirchberg am Wechsel in Niederösterreich, einem Ort nahe Trattenbach, in dem W. einen Teil seiner Zeit als Volksschullehrer verlebte. Die Vorträge dieser Symposien werden in zwei Buchreihen, den Contributions of the Austrian Wittgenstein Society sowie den Publications of the Austrian Ludwig Wittgenstein Society – New Series veröffentlicht (letztere Reihe enthält auch weitere Publikationen; https://www.degruyter.com/serial/PALWS-B/html).
In Fortsetzung der in den 1990er Jahren von der Deutschen Ludwig Wittgenstein Gesellschaft begründeten digitalen, seinerzeit im Diskettenformat verbreiteten Zeitschrift Wittgenstein Studies gibt deren Nachfolgeorganisation, die Internationale Ludwig Wittgenstein Gesellschaft e. V. (ILWG) (http://www.ilwg.eu) seit 2010 die Reihe Wittgenstein-Studien. Internationales Jahrbuch für Wittgenstein-Forschung sowie die Buchreihen Über Wittgenstein (deutsch) und On Wittgenstein (englisch) heraus“. (Zitat aus dem „Handbuch“)

11.
Im März 2016 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis zum Thema „Wittgenstein – ein religiöser Philosoph“ publiziert.

LINK

2011 hat Christian Modehn für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen Hinweis publiziert zum Thema: „Das Mystische und das Unaussprechliche“ (Zu Wittgenstein).

LINK

Anja Weiberg / Stefan Majetschak (Hg.)
Wittgenstein-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
J. B. Metzler Verlag, 2022.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Es ist ein Wahn, dass der Papst und die Kirchenführung noch am Zölibat festhalten“.

Ein Hinweis auf einen wichtigen Film von ARTE

Von Christian Modehn

1. Man denke bloß nicht, das Thema Pflichtzölibat für den katholischen Klerus sei heute ein Randthema. Das Thema Zölibat gehört ins Zentrum, wenn man die katholische Kirche verstehen will. Etwa 400.000 katholische Priester gibt es heute weltweit. Solange es die römisch-katholische Kirche in West-Europa noch gibt, wird man sich als philosophisch Interessierter mit dieser Institution befassen müssen, schon um der Pflicht zur Religionskritik zu entsprechen.

2. Eine ausführliche Dokumentation von ARTE beweist: Es sind die wenigsten Priester, die dem Zölibatsgesetz Folge leisten. Bischöfe und Päpste wissen das, aber sie unternehmen nichts, um den Gegensatz zwischen offiziellem Kirchengesetz und lebensmäßiger Realität unter den Priestern aufzuheben: Das heißt, das Zölibatsgesetz aufzuheben. In dem ARTE Film nennen diesen Zustand gebildete, d.h. kritische Theologen die „katholische Schizophrenie“.

3. Papst Franziskus wird in die Geschichte eingehen, als ein Papst, der – nach der so genannten „Amazonas-Synode“ in Rom (im Oktober 2019) – das Zölibatsgesetz hätte aufheben können. Aber er tat es nicht. Weil er Angst hat vor der Macht der reaktionären Vatikan-Kardinäle. Oder weil er viel zu sehr selbst noch traditioneller Kleriker ist?

4. Das Thema Pflichtzölibat für Priester führt tatsächlich in die Abgründe der Verlogenheit, in die Abgründe der offiziell-klerikalen Ignoranz zu (weiblicher) Erotik und Sexualität und der maßlosen Sturheit alter Herrscher im Vatikan und in den Bistumsleitungen: Das ist der Tenor aller Interviewpartner aus zahlreichen Ländern, den der ARTE FILM „Zölibat – der katholische Leidensweg“ vorstellt. Sehr oft haben einige vernünftige katholische Bischöfe gefordert, das Zölibatsgesetz abzuschaffen? Aber sie jammerten nur, und taten nichts. Was würde denn passieren, wenn Bischof X in seinem Bistum verheiratete Männer und Frauen einfach so zu PriesterInnen weiht? Das kann er doch tun. Würde Rom einen aufmüpfigen Bischof gleich wieder exkommunizieren? Wäre eine mögliche Spaltung der Kirche so schlimm, die doch de facto längst gespalten ist?

5. Die Leidenswege von Priestern werden in der ARTE Dokumentation in vielen ausgezeichneten O-Tönen dargestellt, von Priestern, die die Liebe zu einer Frau oder einem Mann entdecken und auch leben, und die dann entweder permanent ein Doppelleben führen, was von den Kirchenoberen geduldet wird. Denn die Bischöfe brauchen jeden verfügbaren Priester, um das System zu erhalten. Wenn die Priester aber den Klerusstand verlassen, wenn sie ihre Liebe also endlich offen leben…kommen sie oft materiell oft ins Schleudern. Denn welchen „weltlichen“ Beruf können denn Männer ausüben, die nur katholische Theologie (recht und schlecht) studiert haben? Auch der Leidensweg der Kinder des katholischen Klerus wird in der ARTE Dokumentation dargestellt.

6. Das Festhalten am Pflichtzölibat führt dazu, dass immer weniger Männer sich ein solches verlogenes Leben im Verzicht auf sexuelle Liebe antun wollen. Diese Entwicklung ist an sich positiv zu bewerten. Der Nachteil ist: Katholische Gemeinden ohne Priester sind bis jetzt kaum vorstellbar. Denn allein die zölibatären Priester haben das Privileg, die Eucharistie zu feiern. Indem die Dogmatik des Vatikans lehrt, die Eucharistie sei das Wichtigste im katholischen Leben, macht sich der Klerus selbst zum Wichtigsten und Unersetzbaren! So zerfällt aufgrund des Priestermangels nicht nur das spirituelle Leben einer Gemeinde, es zerfällt oft auch das soziale Miteinander der Gemeindemitglieder, wenn Gemeinden aufgegeben werden.

7. So kann man durchaus treffend von einem moralischen Niedergang der offiziellen katholischen Kirchenführung auf verschiedenen „Ebenen“ sprechen, verursacht durch das theologisch längst als Unsinn erwiesene Zölibatsgesetz. In einem Interview für ARTE bezeichnet ein Jesuit aus Belgien das päpstliche Festhalten am Zölibat, diese permanente klerikale Verlogenheit, als Todsünde. Der Jesuit wusste schon, was er sagen durfte…
Allen, die den moralischen Niedergang der katholischen Kirche verstehen wollen, sei diese umfassende, objektive Dokumentation von Eric Colome und Rémi Benichou empfohlen: Der Film (100 Minuten) wurde auf ARTE am 13.9.2022 zum ersten Mal gesendet, er liegt noch bis 11.11. 2022 in der ARTE-Mediathek vor.vor: https://www.arte.tv/de/videos/097605-000-A/zoelibat-der-katholische-leidensweg/. LINK

8. Leider zeigt der Film nicht die wahren historischen Wurzeln des Zölibatsgesetzes. Ausschlaggebend dabei ist nicht nur die Verachtung von Frauen und von weiblicher Sexualität durch den Klerus. Genauso wichtig: Dieses Zölibatsgesetz wurde einst aus ökonomischen Gründen von Päpsten eingeführt, aus Geldgier könnte man sagen.
Das Zölibatsgesetz wurde in der westlichen, der römischen Kirche in den Bestimmungen des 2. Laterankonzils von 1139 offiziell verfügt, faktisch aber selten respektiert. Den Päpsten kam es nur darauf an, Priesterkinder nicht als Erben der Priester gelten zu lassen. „Die Kirchengüter sollten über das Zölibatsgesetz bewahrt und vermehrt werden. Das Hab und Gut alleinstehender Kleriker fiel nach deren Tod der Kirche zu.“ Quelle<: https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/das_christentum/pwiederzoelibat100.html

Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf schreibt in seinem empfehlenswerten Buch „Zölibat“ (München 2019) in dem Kapitel „Ökonomische Wurzeln“: „Die entscheidende Frage lautet: Wie kann man legitime Priesterkinder und damit die Existenz erbberechtigter Nachkommen am wirkungsvollsten verhindern? Indem man der Zeugung solcher Kinder die Voraussetzung entzieht … und Ehe und Priesteramt für unvereinbar erklärt“ (S. 58). Also das heißt: Indem man das Zölibatsgesetz erfindet … und behauptet, Gott und Jesus Christus wollen das. Dadurch konnte sich die päpstliche Macht gegenüber der weltlichen Macht materiell stark entwickeln. Von dem vielen Geld und Eigentum profitierten nur Päpste, Bischöfe, Äbte und Prälaten, nicht aber die „einfachen“ Pfarrer auf dem Lande.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Propaganda für den Polytheismus und das Heidentum: Julian Barnes Bekenntnisse!

Der neue Roman von Julian Barnes „Elizabeth Finch“
Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine neue religionsphilosophische und theologische Debatte steht bevor: Die Diskussionen werden sich – wie manchmal schon zuvor – mit dem Rühmen des Polytheismus (Heidentum) befassen und der schon üblichen Verurteilung „des“ Monotheismus, also auch der christlichen Kirchen.

1.
Julian Barnes, weltweit bekannter englischer Autor und Essayist, hat einen neuen Roman publiziert: “Elizabeth Finch“ ist der Titel, auf Deutsch soll er am 3.November 2022 erscheinen, auf Französisch schon am 1. September. Deswegen hat „Le Monde“ Barnes in London besucht, einen langen Artikel veröffentlicht mit wichtigen Zitaten von Barnes (am 26. August 2022, S. 12, in der Beilage „Le Monde des Livres“.)

2.
Barnes zeigt sich in dem Beitrag als leidenschaftlicher Verteidiger des Polytheismus, für ihn identisch mit dem Heidentum. Und konsequenterweise als leidenschaftlicher Gegner „des“ Monotheismus. Das Christentum erwähnt er ausdrücklich, er denkt aber wohl auch an die beiden anderen monotheistischen Religionen, das Judentum und das Islam. Aber es ist wohl auch die Verachtung der gegenwärtigen Kirchen (auch der Kirche in England), die ihn zur Verurteilung des Monotheismus motiviert.

3.
Im Roman ist die Protagonistin, Elizabeth Finch, eine Kulturwissenschaftlerin, eine explizite Verehrerin des römischen Kaisers Julian Apostata: Er wandte sich als Christ wieder dem alten römischen und griechischen Glauben des Polytheismus bzw. dem Heidentum zu und wollte die sich herausbildende Vormachtstellung des Christentums zurückdrängen. Er lebte von 331 bis 363, als Kaiser regierte er von 360 bis 363, er starb am Tigris, damals im persischen Reich, im Kampf gegen das Sassanidenreich.
Die Begeisterung der Professorin Finch für den „abtrünnigen“ („Apostat“) Kaiser Julian wird von ihrem Schüler Neil erzählt. Er erinnert sich, wie Elizabeth Finch davon öffentlich sprach, wie der Monotheismus (gemeint ist das Christentum) eine Katastrophe für die Menschheit war, wie der Monotheismus als „Herrschaft und Korruption zur Auszehrung des europäischen Geistes führte“. Auch dies: Dass Julian Apostata moralisch viel höher stand als die ganze Reihe der Päpste. Und dass mit dem Ende des Heidentums, mit seinem Propagandisten Kaiser Julian, die Lebensfreude aus Europa verschwand…

4.
Sehr verwunderlich ist, dass Julian Barnes in dem Interview mit „Le Monde“ selbst sehr heftig Partei ergreift für den Polytheismus und das Heidentum. Zu Beginn gesteht Barnes: „Ich bin überhaupt nicht religiös, alle Religionen sind Fiktionen. Aber ich glaube, unter allen Religionen sind diejenigen, die sich auf den Polytheismus gründen, am besten erfolgreich“. Kaiser Julian Apostat habe mit seiner Toleranz gegenüber allen bestehenden, also heidnischen Religionen, so wörtlich, einen „Supermarkt der Religionen“ erfunden. Das findet Barnes gut, deutet das als Toleranz, laut „Le Monde“.
Das ist der Gipfel der Phantasie: Wenn Kaiser Julian Apostata länger gelebt hätte, dann hätte unsere Welt eine andere, eine bessere Richtung genommen. Julian hätte dann, so der Wunsch des Autors Barnes, das Christentum marginalisiert. Christliche Priester hätten nur noch „eine bescheidene Rolle gespielt neben den Heiden und Druiden, den Anbetern der Bäume usw.“ Dann „träumt“ (so wörtlich) sich der weltbekannte Autor Barnes laut „Le Monde“ in eine heidnische Welt, in der es dann aufgrund der angeblichen Toleranz des Heidentums keine Kriege gegeben hätte, eine bessere Förderung der Wissenschaft ebenso, behauptet Barnes. Und vor allem hätten die Menschen in einer Hoffnung gelebt, die sich ganz ausschließlich aufs irdische Dasein bezieht und nicht, so wörtlich, dem „absurden himmlischen Disneyland im Jenseits nach dem Tod“ geglaubt.
Julian Barnes erinnert sich in dem Gespräch mit Le Monde an die Romanschriftstellerin Anita Brookner (1928-2016), sie hätte so hübsch gesagt: „Monotheismus. Monomanie. Monogamie. Monotonie: Nichts Gutes im menschlichen Zusammenhang beginnt mit der Vorsilbe MONO“.

5.
Die Auseinandersetzung mit diesen Lobeshymnen auf Kaiser Julian Apostata und die angeblich enormen menschlichen und wissenschaftlichen Vorzüge des Heidentums, des Polytheismus, muss ausführlich geführt werden.
Es ist bekannt, dass der Polytheismus auch in philosophischen Kreisen ein gutes Ansehen genießt, man denke an an den Philosophen Odo Marquard, der 1978 einen vielbeachteten Vortrag hielt „Lob des Polytheismus“ (in: „Abschied vom Prinzipiellen“, Reclam, 1981, S. 91 -116). Man denke an die Vordenker der „Neuen Rechten“, etwa an den Franzosen Alain de Benoît, der auf Deutsch 1982 sein Buch „Heidesein. Zu einem neuen Anfang. Eine europäische Glaubensperspektive“ veröffentlichte (Graber Verlag in Tübingen). Zuvor war schon in dem genannten Verlag der Sammelband „Das unvergängliche Erbe“ erschienen, mit dem bezeichnenden Untertitel „Alternativen zum Prinzip der Gleichheit“ (herausgegeben von Pierre Krebs). Damit wurde schon im Untertitel angedeutet: Der zu überwindende Monotheismus, etwa das Christentum, setze stark auf das Prinzip der prinzipiellen rechtlichen Gleichheit aller Menschen. Und das wollen die genannten Herren rund um Alain de Botton nun gar nicht. Antisemitismus und Heidentum/Polytheismus gehören oft zusammen…

6.
Auch das gilt: Der Monotheismus kann selbstverständlich nicht pauschal verteidigt werden. Monotheistisch-fromme Menschen, etwa Christen, Theologen, Päpste usw .haben im Laufe der Kirchengeschichte ihre Haltung bewiesen: „Wir besitzen die absolute Wahrheit, und wir drängen diese unsere absolute Wahrheit allen anderen auf, durch Kolonialismus, Mission, Bekehrung“. Da hat sich also die Überzeugung durchgesetzt, subjektiv etwas Wahres erkannt zu haben, total auf objektive Welt, in die Gesellschaft, die Staaten übertragen. Und die Kirchen als Institutionen haben die nur für den einzelnen Menschen privat mögliche absolute Wahrheit ins Objektive, ins Allgemeine, als allgemeine Lehre, übertragen. Und dann begann die Katastrophe des Kolonialismus usw.

7.
Es muss hier nicht ausführlich besprochen werden, dass selbstverständlich innerhalb des Monotheismus, also der Kirchen, einzelne und Gruppen lebten und leben, die den Respekt der universalen Menschenrechte über ihre subjektive Glaubensform stellen. Man denke an Franz von Assisi oder auch an den Verteidiger der Indigenas, Pater Bartolome de las Casas.
Eine pauschale Verurteilung des Monotheismus, wie sie Julian Barnes versucht, ist schlicht und einfach historisch falsch. Genauso, wie es auch falsch ist, den Polytheismus pauschal gut und prächtig zu finden. Tatsache ist, dass heidnische Religionen, man denke an die Azteken, in ihrer rituellen Praxis nicht gerade ein Inbegriff der Menschlichkeit und Sanftheit waren. Ob der polytheistische Hinduimsus pauschal so menschenfreundlich ist, bleibt angesichts der jetzigen Hindu-Nationalisten sehr fraglich. Und ob die germanischen heidnischen Stämme einst nun große wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht hätten, wie Barnes hofft, ist auch fraglich.
Und kann man heute gar nicht davon davon absehen, dass viele Soziologen und Politologen von den neuen Göttern des Kapitalismus und Neoliberalismus sprechen, Götter, die das permanente Wachstum gebieten und die Herrschaft der „Alternativlosigkeit“ predigen. Diese neuen materiellen Götter des polytheistischen Kapitalismus haben bei vielen jedenfalls keine gute Presse. Gott sei Dank, oder den Göttern sein Dank!

8.
Allein differenzierendes Argumentieren hilft bei dem Thema weiter und eine genau Kenntnis der Geschichte des spätrömischen Reiches, als es um das Zusammenleben von Heiden und Christen (und Juden) ging. Dazu gibt es vorzügliche historische Studien von bedeutenden Historikern, ich nenne nur den Engländer E.R. Dodds, Gräzist in Oxford, von ihm liegt auf Deutsch u.a.vor: „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ (Suhrkamp, 1985).

9.
Es wäre im einzelnen zu zeigen, dass die universal geltenden Menschenrechte erst im Zusammenhang des Monotheismus möglich wurden. Die Menschenrechte sind ein Produkt der philosophischen Aufklärung, aber diese lebte von dem Gedanken, dass es ein oberstes Prinzip (manche nannten es noch Gott, die Deisten) geben muss als schöpferische Kraft fürs Entstehen aller Menschen. Über diese oberste schöpferische Kraft (Monotheistisch) sind also alle Menschen über die eine gemeinsame Herkunft miteinander verbunden, als Brüder und Schwestern.

10.
Es muss weiter untersucht werden, wie sich vor allem im Katholizismus eine offiziell nicht eingestandene polytheistische Tradition entwickelt hat, man müsste also ernsthaft über den Marienkult reden als Form der Verehrung einer weiblichen Gottheit; man müsste über den Kult der Engel sprechen, heute sehr beliebt, nicht nur bei den geschätzten 20 Engelbüchern von Pater Anselm Grün, sondern auch bei „kirchenfernen“ Leuten. Man müsste sprechen die Heiligenkulte, die Reliquienkulte, die Segnungen von Bäumen und Autos und Handys und Tieren im Katholizismus. Und vor allem: Allen Ernstes müsste endlich gezeigt werden, wie polytheistische Inhalte im Glauben an die Trinität enthalten sind, der Theologe Edward Schilleeeckx hat drauf hingewiesen. Für Kirchenchefs ein peinliches Thema!

11.
Man ist aber insgesamt sehr erstaunt, wie ein „weltbekannter“ Autor wie Julian Barnes (40 Bücher, übersetzt in 30 Sprachen und vielfach mit Preisen überschüttet) sich derart fürs Heidentum heute einsetzen kann.
Aber Religionsphilosophen können auch dankbar sein, dass durch die ziemlich oberflächlichen Behauptungen und „Träume“, wie Barnes selbst sagt, das Thema „Wie böse ist denn nun =der= Monotheismus“ gründlicher diskutiert wird. Und deutlich werden muss auch: Alle rechtsextremen Kreise heute wie damals schmücken sich gern mit heidnischen Ideologien oder Versatzstücken von Edda und Wotan usw. Und sie sind oft Antisemiten!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Die Russisch-orthodoxe Kirche ist seit Jahren schon eine Putin-Kirche. Sie sollte also nicht länger Mitglied sein in „Ökumenischen Räten“ Europas und dem „Weltrat der Kirchen” in Genf.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die Russisch-Orthodoxe Kirche noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Ein  Hinweis von Christian Modehn. Zuerst veröffentlicht im März 2022. Überarbeitet am 24.8.2022, wegen des 11. Welt-Treffens des „Ökumenischen Weltrates der Kirchen” (ÖRK)  in Karlsruhe (31.8. bis 8.9.2022.)

Erstens: Zunächst einige Fakten  zur Teilnahme der russisch-orthodoxen Kirche an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates ÖRK in Karlsruhe:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche wird eine Delegation nach Karlsruhe senden, dem Tagungsort der 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Konkrete Namen wurden bis jetzt (Stand: 25.8.2022) nicht genannt. Wie sich die Teilnehmer aus der Ukraine in Karlsruhe zu ihren russischen Glaubensbrüdern verhalten, könnte spannend werden.
Einige Beobachter sprechen davon, dass etwa 20 (zwanzig) Delegierte der Russisch – orthodoxen Kirche in Karlsruhe dabei sein werden. (Quelle. https://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/osteuropa-expertin-russische-kirche-weltkirchenrat-nicht-isoliert)

2.
Die EKD Ratsvorsitzende Annette Kurschus sagt:
“Wie die Delegation der russisch-orthodoxen Kirche zusammengesetzt ist, können wir nicht beeinflussen. Aber wir hoffen sehr, dass Menschen dabei sind, die der russischen Kriegsführung kritisch gegenüberstehen, die also nicht die Haltung des Moskauer Patriarchen Kyrill vertreten“. Und weiter sagt die EKD Vorsitzende: “Ich erhoffe mir, dass auf kirchlicher Ebene eine Kommunikation möglich wird, die auch politisch etwas austrägt“. (Quelle: https://www.ekmd.de/aktuell/nachrichten/praeses-annette-kurschus-oekumene-gipfel-soll-friedensimpuls-in-ukraine-senden.html, vom 22.8.2022.

Nebenbei: Wenn diese von Frau Kurschus erwarteten kritischen Russen in Karlsruhe tatsächlich Klartext reden, also die Verbrechen Putins und seines ideologischen Hefters Kyrill benennen, können sie als Asylsuchende gleich in Karlsruhe bleiben. Dann hätte Frau Kurschus noch eine weitere Aufgabe, diese kritischen Russen unterzubringen.

3.
Klare und deutliche Worte, unseres Erachtens sehr richtige Worte, äußert Magdalena Zimmermann, von der weltweiten Organisation „Mission 21“ der Reformierten Kirche in Basel und Basel Land: „Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen“.
Der Moskauer Patriarch Kyrill ist zur Vollversammlung in Karlsruhe eingeladen. Doch ob er kommt, bleibt fraglich. Magdalena Zimmermann findet es falsch und realitätsfremd, mit Kyrill das Gespräch zu suchen. «Die russische Orthodoxie bildet unter Kyrill ein System mit Putin. Der Patriarch unterstützt das autokratische System und erhält dafür Privilegien. Einem solchen System kann man mit Vermittlung nicht beikommen. Man kann es nur klar ablehnen.» Der Weltkirchenrat habe eine prophetische Aufgabe, betont sie. «Eine Kirche, die sich auf das Evangelium beruft, kann nicht schweigen und auch nicht neutral sein, wenn ein wesentlicher Repräsentant einer grossen Kirche wie Kyrill die Religion instrumentalisiert und missbraucht.» (Quelle: https://reformiert.info/de/recherche/oekumenische-vollversammlung-klare-worte-gegen-den-krieg-in-der-ukraine-21297.html) publiziert am 22.8.2022.

4.
Die russisch-orthodoxe Kirche mit mehr als 160 Millionen Mitgliedern ist seit 1961 Mitglied im ökumenischen Dachverband des Wellrades der Kirchen in Genf, dazu gehören 352 verschiedene Kirchen mit über 580 Millionen Christen.

5.
Jede Mitgliedskirche zahlt in den großen Topf des Budgets des ÖRK in Genf einen Beitrag ein,:
Im Jahr 2020 zahlte die Russisch orthodoxe Kirche 10.229 Schweizer Franken sozusagen als Mitgliedsbeitrag in Genf ein.
Im Jahr 2021 waren es 10.618 Schweizer Franken. (Quelle. https://www.oikoumene.org/resources/documents/wcc-financial-report-2020)
Wenn man bedenkt, dass Patriarsch Kyrill von Moskau nachweislich Multi-Millionär ist, sind diese Einzahlungen seiner Kirche doch sehr bescheiden.
Es kann also nicht sein, dass der ÖRK in Genf unbedingt aus finanziellen Gründen an der Mitgliedschaft der russisch – orthodoxen Kirche hängt. Warum aber dann?

6.
Ist ein ÖRK ohne die russisch-orthodoxe Kirche etwa nicht denkbar, vielleicht, weil russische Metropoliten schon in der Zeit des Sowjetkommunismus gern gesehene Vertreter ihrer Kirche waren. Nur ein Hinweis:
Die 3. Vollversammlung fand vom 19.11.-5.12.1961 in Neu-Delhi / Indien unter dem Thema statt:
“Jesus das Licht der Welt”. Diese Vollversammlung brachte vielfältige Veränderungen. 23 neue Mitgliedskirchen konnten aufgenommen werden. Unter ihnen die Russisch-Orthodoxe Kirche. Die theologisch konservativen Kirchen des Ostblocks vertraten politisch die Interessen der Sowjetregierung. Fortan wurden die politischen Stellungnahmen immer einseitiger zugunsten der Sowjets. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde die von Kritikern der Ökumene schon lange ausgesprochene Vermutung bewiesen, daß viele orthodoxe Mitarbeiter, die im Stab des Ökumenischer Rat der Kirchen in Genf tätig waren, dem KGB angehörten. Quelle: https://handbuch.bibel-glaube.de/Oekumenischer_Rat_der_Kirchen.html. Gelesen am 25.8.2022.

7.
Die Russisch – orthodoxe Kirche aus dem ÖRK ausschließen? Ist das rechtlich möglich? 
Auf die Frage, ob der ÖRK die russisch-orthodoxe Kirche aufgrund der Haltung des Patriarchen als Mitglied ausschließen oder die Mitgliedschaft suspendieren könne, erklärte Peter Prove vom ÖRK
“Nur der ÖRK-Zentralausschuss kann so etwas unter ganz bestimmten Bedingungen beschließen. Wenn die theologischen Positionen einer Mitgliedskirche nicht mit der fundamentalen theologischen Grundlage für die ÖRK-Mitgliedschaft vereinbar sind, dann liegt ein solcher Fall vor“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Zweitens: Das Plädoyer für den Ausschluss der Russisch Orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien der demokratischen Welt:

Ich habe auf dieser website seit etlichen Jahren die Entwicklung dieser Putin-Kirche (d.h. der Russisch-Orthodoxen Kirche –  mit dem einstigen KGB Mann, Patriarch Kyrill I.) dokumentiert, siehe am Ende dieses Beitrags die entsprechende Liste!

Die Erkenntnis und die Forderungen:

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem allmächtigen Patriarchen Kyrill I. an der Spitze ist seit Jahrzehnten schon eine „Putin-Kirche“. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Krieg Putins geäußert. Die Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine hat sich von ihrem Moskauer Patriarchen inzwischen getrennt! Einige wenige russisch-orthodoxe Popen im Ausland, etwa in Frankreich und Holland, denken wohl anders als der Patriarch und seine gehorsamen Bischöfe.

2.
Die Forderung ist klar: Eine Kirche, die sich – wie üblich – nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – sehr gut seit Jahrzehnten wissenschaftlich dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und einige ihrer Popen wollen sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Das ist kein Witz! Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, falls diese noch den Anspruch Evangeliums und der Menschenrechte praktisch respektieren will.

3.
Die Forderung also ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen Garantie des unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden.

4.
Ich weiß, Christen schätzen heute nicht den Bruch, die Trennung von einer Kirche aus der Ökumene, denn viel zu lange wurden Ketzer verfolgt von den herrschenden Kirchen. Man könnte – etwas polemisch – meinen, heute herrscht in der evangelisch-bestimmten Ökumene (Genf etc.) das Motto. „Friede-Freude-Eierkuchen“. “Immer nur lächeln, immer nur nett sein“… auch zu Kriegstheologen und Kriegstreibenden Bischöfen. Aber übermäßiges und langes Hoffen auf die Kraft der Vernunft in dieser Putin Kirche Kirche ist naiv. Haben denn die Dialoge in Genf und anderswo mit den Vertretern der Russisch-orthodoxen Kirche nachweislich konstruktive Ergebnisse in Richtung Frieden und Respekt der Menschenrechte gebracht?? Mir ist das nicht bekannt. Fall diese Dialoge stattfanden, sie waren wohl eine Art Dialog-Spielerei.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen in der demokratischen Welt eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirche als Teil der christlichen Welt gelten lässt. Die Sanktionen gegen Putin Russland durch die Wirtschaft, Kulturinstitutionen etc. sind bekannt, sie wirken zum teil, sie isolieren Russland und fördern dadurch hoffentlich den Widerstand der nachdenklichen Russen gegen das Putin Regime. Warum sollte dies bei einer Isolation der Russisch Orthodoxen Kirche anders sein, vielleicht trennen sich dann einige vernünftig gebliebene Fromme von dem einstigen KGB Mitarbeiter Patriarch Kyrill?

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt. Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist ökumenisch entscheidend, sondern vor allem auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Die frühere Naivität im Umgang mit Putin wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist jetzt der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Ich weiß, bei dem Zustand der Ökumene mit dem Motto „Immer nur lächeln und alles verzeihen“ sind diese Vorschläge natürlich illusorisch. Die Christen und die Kirchen weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen Streit und Distanz und Rauswurf um jeden Preis vermeiden, sie werden es doch ihren „Brüdern“ und „Schwestern“ nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen. Der Rauswurf der Russisch-orthodoxen Kirche aus den ökumenischen Gremien würde eher dem Frieden dienen, also den Zusammenbruch des Putins Regimes befördern.

9.
ABER: Bei der Mentalität der Kirchen werden diese die einzige gesellschaftliche Gruppe bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine praktischen Konsequenzen ziehen; sie werden jammern und klagen, aber keine Konsequenzen ziehen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die Zeit?

10. Am Rande noch notiert:
Die Krise der Theologie des Bittgebetes ist evident!
Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn bedeuten die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden. Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den betenden Russen oder den betenden Ukrainern?
Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen seelisch stärken, um ihn zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren. Aber bloße Bitt – Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden.

11.
Und was passiert, wenn Papst Franziskus auch noch einmal (wie schoin einmal in Kuba) Patriarch Kyrill treffen wird? Das ist ja nicht ausgeschlossen, dass die beiden Greise sich in Kasachstan irgendwann im Herbst treffen. Und einander uzmarmen, wie üblich, mit einem Küßchen… Die Päpste lechzen förmlich nach einer „Versöhnung“ mit der Orthodoxie, diese Sehnsucht hatte unter Papst Johannes Paul II. einen Höhepunkt, er sprach von den zwei „Lungen“ „der“ Kirche, die eine Lunge eben katholisch, die andere orthodox. Die protestantischen Kirchen hielt er wohl er für den Blinddarm. Aber Ironie beiseite: Die Versöhnung mit den orthodoxen Kirchen ist gefährlich für Kirchen, die noch den Anspruch haben, dass Menschenrechte genauso wichtig sind wie die Weisheiten der Bibel.

DAS MOTTO: Das es ist eine Schande der Christen und der Kirchen, wenn die “Russisch-Orthodoxe Kirche” noch länger Mitglied der weltweiten christlichen Ökumene ist.

Hinweis auf ältere Studien, “Hinweise” genannt:

Am 11.4.2022: Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden:

Patriarch Kyrill muss endlich verurteilt werden.

Am 1.4.2022: Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen:

Jegliche Beziehung mit dem Moskauer Patriarchen abbrechen!

Am 10.3.2022: Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber:

Patriarch Kyrill ist ein Kriegstreiber: Die Fratze der russisch-orthodoxen Hierarchie.

Am 23.2.2022: Putins Aggression: Seine wichtigste Stütze, der Patriarch von Moskau:

Putins Aggression, seine wichtigste Stütze: Der Patriarch von Moskau und die Russisch-Orthodoxe Kirche.

Am 19. Dez. 2021: Russisch orthodoxe Kirche, 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion – dem Herrscher ergeben:

Die Russisch-orthodoxe Putin-Kirche: 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion dem Herrscher ergeben.

Unter den zahlreichen älteren Beiträgen nenne ich hier noch den

Beitrag vom 3. Okt. 2013:
Wer sind denn die Gotteslästerer? – Zu den Pussy Riots… :

Wer sind die Gotteslästerer? Zu einer Stellungnahme des Moskauer Patriarchats.

Am 19.8.2012: Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin:

“Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin”: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ludwig Feuerbach, vor 150 Jahren gestorben: „Der Mensch erschafft sich Gott“!

Wie aktuell ist der radikale Überwinder einer christlichen Theologie? Ludwig Feuerbach am 13.9.1872 gestorben.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Ausgangspunkt:
In der Erinnerung an den Philosophen Feuerbach wird deutlich: Philosophische Reflexionen, zugespitzt auf griffige Formeln, werden weit über die kleine philosophische Fachwelt hinaus verbreitet, sie können dann das Denken und Fühlen weiter Kreise bestimmen. Ludwig Feuerbachs Ethik mit der Formel „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“ gehört zu diesen Slogans wie auch seine Behauptung: „Die Vernunft, die an Gott glaubt, glaubt nur an sich selbst, also an die Realität ihres eigenen unendlichen Wesens“. Solche Sprüche haben sich durchgesetzt und wurden – wie sollte es anders sein – auch wiederum nur geglaubt und als allgemeiner Glaube wie für selbstverständlich gehalten. Die Wirkungsgeschichte gerade des Buches „Das Wesen des Christentums“ ist paradox, betonte doch Feuerbach darin ausdrücklich, sein sehr umfangreiches Werk sei vor allem für die gebildeten Kreise bedeutsam. Dennoch haben sich bestimmte publikumswirksame Thesen der Religionskritik Feuerbachs schnell weit verbreitet …und werden wie Dogmen geglaubt.

1. Der große Umbruch der Mentalitäten!
Nach dem Tod G.W.F. Hegels im Jahr 1831 spürten die Intellektuellen, wie sich der geistige Horizont veränderte, wie sich ein Umbruch in der Mentalität ereignete, nicht nur unter den genanten gebildeten Kreise in Deutschland, sondern darüber hinaus. Was Feuerbach inszenierte, war eine Revolution des Denkens, der Normen, der Werte, des politischen Handels, der Bindung an die Kirchen usw. Diese grundstürzende Veränderung nahm ihren Ausgangspunkt an der Kritik der von ihm erlebten spekulativen Philosophie, zumal der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels. Dieser geistige, philosophische und religiöse Umbruch fand statt inmitten der Etablierung der politischen Reaktion im so genannten „Vormärz“ (1815-1848). Vielleicht war Feuerbachs philosophisches Bemühen der Versuch, etwas – mindestens philosophisch Revolutionäres – der reaktionären Welt entgegen setzen.

2. War Hegel ein Pantheist? Feuerbach behauptet dies.
Hegel wusste, dass die christliche Religion, auch der in den Kirchen gelehrte Glaube, in der Form der dogmatischen Behauptungen mit ihren historischen Details keine Überlebenschancen („Akzeptanz der Menschen“) mehr hat. Er wusste: Die dogmatischen Formeln wurden noch nachgesprochen, aber sie fanden kein Echo im Denken der sich noch nach außen hin kirchlich gebenden Leute. Hegel zeigte in den Berliner Jahren an der Universität einen Ausweg: Der Inhalt der christlichen Lehre (Dogmatik) wurde in seiner Philosophie „aufgehoben“, wurde also in wesentlichen Aussagen bewahrt, aber eben auch verändert („erhoben“): D.h.: Die dogmatischen Lehren wurden aus der Anschaulichkeit der Gottesdienste und Bilder, der Wallfahrten und der Überordnung des Klerus über die Laien befreit: Die dogmatischen Glaubensbekenntnisse wurden in die Form philosophischer Begriffe erhoben und deswegen für alle Vernünftigen auch vernünftig erklärt. Gott ist dann also kein heiliger „Gegenstand im Himmel“, auch keine „Person“, sondern er ist absoluter Geist, der sich aber in das Andere seiner selbst, in Welt und Mensch, entäußert, also als göttlicher Geist in Welt und Mensch lebt.
An dem göttlichen Geist hat also jeder Mensch Anteil. Der göttliche Geist ist in der Welt, aber die Welt ist nicht Gott. Hegel war kein Pantheist, wie Feuerbach behauptete, darauf hat der Philosoph Wilhelm Weischedel (in: „Der Gott der Philosophen. Erster Band“, Darmstadt 1972, Seite 390) hingewiesen. Hier liegt der entscheidende Fehler in Feuerbachs Verständnis der Philosophie Hegels: Feuerbach behauptet, Hegel sei als Pantheist ein Denker, der „das göttliche, absolute Wesen nicht als ein von der Welt Verschiedenes, als jenseitiges, himmlisches Wesen, sondern als ein Wirkliches mit der Welt identisches Wesen erfasst“ (Band II der Gesamtausgabe Feuerbachs, S 379). Hegel denkt hingegen Gott als absoluten Geist sozusagen auch „außerhalb“ der Welt, aber eben doch auch in der Welt, in der Lebendigkeit endlicher Menschen. Wenn man schon einen griffigen Begriff will: Hegel war Pan – en -Theist. Das heißt: Hegel dachte auch die Gestalt der Religionen in der Welt als Ausdruck des göttlich-menschlichen Geistes, also auch als Ausdruck der göttlichen Schöpferkraft, die sich mit den Menschen „äußert“, also institutionelle „äußere“ Realität wird.

3. Hegel – Feuerbach – Marx
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie fand den leidenschaftlichen Widerspruch unter seinen Schülern. Sie litten förmlich unter der Übermacht der Geistphilosophie und der Degradierung des Sinnlichen, des Leiblichen, also dessen, was sie die wirkliche Welt nannten. Wirklichkeit sollte ausschließlich die empirische und über die Sinne erfahrene Realität sein. Dass diese irdische Realität in geistigen Begriffen ausgesagt werden musste, störte die Leidenschaft dieser Verteidiger der ausschließlich irdischen Wirklichkeit gar nicht.
Ludwig Feuerbach, einer aus dem Kreis der Anti-Hegelianer, auch „Linkshegelianer“ (oder „Junghegelianer“) genannt, setzte sich mit rigorosem Nachdruck für das Irdische, Menschliche, Sinnliche als Prinzip der Philosophie ein. Er wurde dadurch zum „Freund der Menschen“. Der übliche christliche Gott der Tradition wurde von ihm als Illusion abgetan, als Produkt des noch nicht zum richtigen Verstand gekommenen Menschen gedeutet. Den Begriff „Illusion“ wird später Freud in dem Zusammenhang verwenden! Das Christentum und seine Theologie wurde also wirklich abgeschafft, als Wunsch-Projektion der Menschen disqualifiziert. Aber Feuerbach wusste, dass seine radikale Leidenschaft für die Welt und den Menschen nur ein Ausgangspunkt, ein Anfang, einer neuen Epoche sein konnte.
In der Hinsicht entwickelten Karl Marx und Friedrich Engels nach ihrer Lektüre von Feuerbach ihre politische und ökonomische Gesellschaftskritik. Nicht vom abstrakten Menschen und seiner Sinnlichkeit (wie bei Feuerbach) war bei ihnen die Rede, sondern von der Überwindung der ungerechten politischen und ökonomischen Verhältnisse, in denen Menschen leben müssen. Revolutionär war also nicht mehr die Behauptung Feuerbachs, Gott sei eine Illusion des Menschen. Revolutionär war nun die Lehre, dass Menschen, die Proletarier, im politischen Kampf ihr Leiden zugunsten einer gerechten Gesellschaft überwinden sollen. Philosophie als Form der vernünftigen Selbstverständigung konnte es unabhängig vom Klassenkampf nicht mehr geben. Und die Gottesfrage war für Marx und Engels durch Feuerbach ohnehin „erledigt“.
Diese Skizze des großen Umbruchs der Mentalitäten in der Mitte des 19. Jahrhunderts führt also zu Feuerbach, der in der Mitte steht zwischen dem Philosophen Hegel, der das Christentum denkend retten wollte und den Gesellschaftskritikern Marx und Engels, für die Religion und Kirchen bestenfalls noch „Opium des Volkes“ waren.

4. Das Zentrum der Philosophie Feuerbachs:
Ludwig Feuerbach ist in „weiten Kreisen“ noch heute bekannt: Mit einer gewissen Leichtigkeit verbreitete sich seine These, die dann geradezu populär wurde: Was die Menschen Gott nennen, ist kein Urgrund, keine himmlische Person, sondern ein Bild des idealen, des vollkommenen Menschen. Die Erkenntnis Gottes ist nichts anderes als die Selbsterkenntnis des Menschen. Theologie wird also für Feuerbach zur Anthropologie, der Mensch ist für ihn das höchste Wesen. „Das Höchste ist für den Menschen der Mensch“, so Karl Löwith, einer der frühen Feuerbach-Spezialisten im 20. Jahrhundert („Von Hegel zu Nietzsche“, Fischer Verlag 1969, S. 95).
Die Feuerbach Spezialistin Prof.Ursula Reitemeyer schreibt: „Ist Gott aber nur das Produkt menschlicher Phantasie, die Projektion einer Allmachtsidee im Angesicht menschlicher Ohnmacht, dann verkünden das Dogma und die sie stützende spekulative Logik, nur relative, vom Zeitgeist abhängige Meinungen, aber keine absolute Wahrheit. So trennt sich im Zuge von Feuerbachs Hegelkritik die Philosophie nicht nur ein weiteres Mal von der Theologie, sondern zugleich von der Macht der Meinungsmonopole. Dadurch wird Religionskritik zur Ideologiekritik.“ (https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).
Gott als personales Wesen als Idee, absoluter Geist außerhalb der Menschenwelt wird von Feuerbach beseitigt, aber die Prädikate, die Gott einst schon auszeichnen, Güte, Liebe, Gerechtigkeit, Weisheit bleiben als absolute Werte erhalten, auch wenn es Gott als Person, dem einst diese Prädikate zugesagt wurden, nicht mehr „existiert“. Es geht Feuerbach also um ein merkwürdiges Fortleben göttlicher Prädikate bei einem verstorbenen Gott. So kann Feuerbach behaupten, Atheist sei nur der, der die Bedeutung der Prädikate Gottes (Güte, Liebe etc. ) leugnet. „Güte und Gerechtigkeit sind keine Chimären, selbst wenn die Existenz Gottes eine Chimäre ist“ (VI. Band der Sämtlichen Werke Feuerbachs, S. 26). Tugenden werden also von Feuerbach vergöttlicht, und dies kann der Mensch durchaus leisten, meint er, weil im Menschen doch noch eine gewisse Unendlichkeit lebt: „Es gibt eine Unendlichkeit des Denkvermögens“… „fühlst du das Unendliche, so fühlst und betätigst du das Unendliche“ (VI. Band, S 10). Diese Ambivalenz (als Ja und Nein zum Unendlichen, Ja und Nein zum Göttlichen….) ist typisch für Feuerbach.

5. Biographischer Hinweis:
Ludwig Feuerbach starb vor 150 Jahren, am 13.9.1872, in Rechenberg bei Nürnberg, geboren wurde er am 28.7.1804 in Landshut. Er hat ein umfangreiches religionskritisches Werk verfasst, er war auch ein kenntnisreicher Theologe, vor allem: er war ein Schüler Hegels an der Berliner Universität. Wenige Jahre nach Hegels Tod (1831) setzte sich Feuerbach entschieden von seinem Lehre ab, den er bis dahin seinerseits auch in Vorlesungen erklärte. In seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“ (1839) behauptet Feuerbach, Hegel verbreite den „Unsinn des Absoluten“ , die Philosophie Hegels sei völlig haltlos, ohne Verbindung mit der realen Welt, sie bewege sich in einer reinen Welt der Begriffe. Nun aber, so Feuerbach, sei eine neue Epoche angebrochen, in der die Welt, die Natur, die realen, leibhaftigen Menschen nicht nur Ausgangspunkt der Philosophie sein müssen, sondern auch oberste Prinzipen und Normen darstellen.
Feuerbach war ein Gegner der politischen Restauration in Deutschland, die im „Vormärz“ das Leben bestimmte, einschränkte, kontrollierte.
Die reaktionären Fürstenstaaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts legitimierten sich durch theologische Argumente. In Preußen gab es eine starke Verbindung von Thron und Altar, protestantische Theologen hatten einen enormen Einfluss auf die Gestaltung der Bildung, auch in den Universitäten. Wer evangelischer Theologe wurde, hatte die Gewissheit, berufliche Karriere im Staat zu machen.

Schon Feuerbachs frühe Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ von 1830 brachten ihm Probleme mit der Obrigkeit, im Revolutionsjahr 1848 musste er wegen seiner politischen Haltung alle Hoffnungen auf eine Professur aufgeben, er starb zurückgezogen und verarmt.

6. Was ist Wirklichkeit?
Mit allem Nachdruck muss unterstrichen werden, dass der Übergang von Hegel zu Feuerbach sich an der unterschiedlichen Erfahrung und Wertung des Wirklichen festmachen lässt. Das Christentum und seine klassische Theologie war bis ins 19. Jahrhundert (und darüber hinaus) durchaus ein Feind der sinnlichen, irdischen, leiblichen und sexuellen Erfahrung. Die entsprechenden moralischen Weisungen (bzw. Abweisungen des Irdischen, Sexuellen etc. ) des Apostels Paulus und seiner Schüler, formuliert in den zum Neuen Testament gehörenden Briefen, sind bekannt. Die Philosophin Ursula Reitmeyer fasst Feuerbachs Position zusammen: „Erst mit der Etablierung des sinnenfeindlichen Christentums, das den Verlust der sinnlichen Vernunft durch eine Ästhetik des Übersinnlichen kompensiere, habe sich formelhaftes Wissen an die Stelle eines lebensweltlichen Materialismus gesetzt. Folge sei, daß der wirkliche, real arbeitende Mensch, ebenso entmündigt wie entleiblicht, seine Existenz kaum fristen könne, während sich das System und mit ihr die Elite permanent reproduziert. (Ursula Reitemeyer, in dem Beitrag „Über Feuerbach“, https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/ueber/index.html).

7. Kritische Hinweise zu Ludwig Feuerbachs Philosophie:
Feuerbach hat das leidenschaftliche Interesse, an die Stelle der Theologie die Anthropologie zu setzen, und dabei musste er bei seinem auf Sinnlichkeit fixierten Anthropologie – Begriff unbedingt auf metaphysische Spekulationen – etwa im Sinne der Vernunftphilosophie seines Lehrers Hegel – verzichten. Bei diesem radikalen Bruch in der Geschichte des Denkens hat Feuerbach bestimmte Differenzierungen und Nuancen übersehen. Abgesehen davon, dass Feuerbach Aussagen in „Das Wesen des Christentums“ durchaus sehr langatmig und gedehnt erscheinen, der Philosoph Walter Schulz nennt sie vornehm „weitausholend“ („Philosophie in der veränderten Welt“, Neske Verlag, 1980, S. 371). Wichtiger sind inhaltliche, philosophische Vorbehalte zu einigen zentralen Thesen Feuerbachs im „Wesen des Christentums“: „Feuerbach hat die (zentrale) These, dass der Mensch ein sinnliches Wesen sei, zwar propagiert – seine Schriften sind, wie die Titel zeigen, zumeist überhaupt Programmentwürfe – aber nicht wirklich reflektiert“ (, so Walter Schulz a.a.O., S 376). Walter Schulz meint, Feuerbach habe einfach die traditionelle Überzeugung, dass die Vernunft das Herrschende sei, in ihr Gegenteil verkehrt: “Der Mensch ist wesentlich NICHT von der Vernunft, sondern vom nichtvernünftigen Willen, dessen Träger der Leib ist, bedingt“ (a.a.O.).
Eine allgemein geteilte philosophische Erkenntnis ist, dass auch die sinnlichen Erfahrungen im Menschen eben Begriffe, Sprache, werden müssen, wenn sie denn als relevant im Menschen sein sollen: Das heißt die Sinnlichkeit, wenn sie denn als solche Erkenntnis befördert, muss sich eben doch in vernünftiger, also geistiger Sprache äußern.
Von Gott kann sich Feuerbachs Theorie der gottlosen Anthropologie auch nicht ganz befreien, auch daran muss noch einmal nachdrücklich erinnert werden: Feuerbach muss zur Bewertung des Menschen und die Bindung des einzelnen an die Gattung des Menschen dann doch auf Qualitäten des Göttlichen zurückgreifen: Der abgeschaffte Gott hinterläßt der gottlosen Menschheit die Bindung an die göttlichen und heiligen Prädikate des göttlichen Wesens. Denn bestimmte gute Eigenschaften hatte die Menschheit Gott zugeschrieben, jetzt sollen diese Eigenschaften allein als göttlich gelten. Der Mensch kommt also für Feuerbach nicht vom Göttlichen los, das kann daran liegen, dass, wie Hegel richtig sah, das schöpferische Göttliche (absoluter Geist) eben doch im Menschen wirkt. Religionen sind dann also Ausdruck der Geistigkeit des Menschen. Das deutet Feuerbach selbst an, wenn er Vernunft, Wille, Liebe, als Kräfte bezeichnet, die der Mensch nicht gemacht hat, also „göttliche, absolute Mächte sind, denen der Mensch keinen Widerstand entgegensetzen kann“ (zit in Weischedel,a.a.O, S. 400, auch Feuerbach Sämtliche Werke, Band VI 3f.).
Karl Löwith schreibt in seinem Buch „“Von Hegel zu Nietzsche“ (S. 96). „Gemessen mit dem Maß von Hegels Geschichte des Geistes muss Feuerbachs massiver Sensualismus gegenüber Hegels begrifflich organisierter Idee als ein Rückschritt erscheinen, als eine Barbarisierung des Denkens , die den Gehalt durch Schwulst und Gesinnung ersetzt“ .

8. Das Ende der Philosophie ?
Feuerbach selbst betonte, sein Denken als ein Denken der Sinnlichkeit, der sinnlichen Wirklichkeit von Welt und Mensch, sei bereits eine Negation der Philosophie, also der klassischen, Hegelschen Philosophie. Feuerbach meinte sogar, „sein Denken sei gar keine Philosophie mehr“. Die spekulative Philosophie sei – so wörtlich- eine betrunkene Philosophie. „Die Philosophie muss daher wieder nüchtern werden“, also nicht spekulativ, sondern sinnlich werden. (zit bei Weischedel, a.a.O., S. 392). Dabei sind viele Formulierungen Feuerbachs, leidenschaftlich und polemisch, alles andere als Ausdruck einer „nüchternen Philosophie“.
Nur in dieser Haltung glaubte Feuerbach, den „Menschen zur Sache der Philosophie zu machen“, eine Philosophie, die wie gesagt, die ihr eigenes Ende einläutet, also explizit sich selbst aufheben will und dies behauptet. Feuerbach sagt: „Die wahre Philosophie ist die Negation der Philosophie, ist keine Philosophie“ (Feuerbach Sämtliche Schriften, II, 409 f., zit auch bei Weischedel, a.a.O. 395). Tatsächlich aber waren die Gedanken Feuerbach dann doch wieder eine Gestalt von Philosophie, wie sollte es auch anders sein, man denke an Feuerbachs Reden von der Unendlichkeit des menschlichen Bewusstsein oder von der Göttlichkeit der menschlichen Prädikate Gottes.
Ludwig Feuerbach ist der durchaus irritierende, wenn nicht verwirrende Philosoph bzw., wie er selbst sagt „Nicht-Philosoph“, der wegen seiner populär verbreiteten Slogans eine enorme Wirkungsgeschichte hat. Aber eins ist sicher: Atheist – als heftiger Feind alles Göttlichen- war Feuerbach sicher nicht, wie auch Vittorio Hösle betont, und Feuerbach war kein heftiger Feind des Christentums und der Kirche, wie Nietzsche. Feuerbach bleibt ein Denker der „Zwischenstellung“, zwischen klassischer, sich noch fürs Christliche interessierenden Philosophie und der radikalen Gesellschaftskritik bzw. dem radikalen Atheismus. Für ihn ist Gott keine „himmlische Person“, die Abwehr der göttlichen Person verbindet ihn zwar mit Hegel, hingegen hielt Hegel bekanntlich an einer eigenständigen Wirklichkeit des „absoluten Geistes“ fest.

9. Gott ist die Liebe. Die Liebe ist göttlich.
Man darf niemals vergessen: Feuerbachs Grundsatz war: „Gott ist die Liebe“, verstanden als „Die Liebe ist göttlich“. Die Liebe sei zudem der Maßstab im Leben Jesu Christi. „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt … der ist Christ, der ist Christus selbst“ (zit. In Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, S. 172). Diese Liebe zum Menschen, die bei Feuerbach göttliche Qualitäten hat, zeichnen diesen immer wieder irritierenden Denker Ludwig Feuerbach besonders aus. Er versuchte im 28. Kapitel seines „Wesen des Christentums“ die anthropologisch relevante Dimension der kirchlichen Sakramente aufzuzeigen, etwa das christliche Abendmahl, verstanden als das Essen und Trinken als ein „Mysterium“ (S. 409 ff, in Reclam Ausgabe., 1971).
Feuerbach beendet diese seine umfangreiche Studie mit einer Übersetzung des christlichen Abendmahls in eine noch mögliche weltliche Bedeutung mit den Worten: „Heilig sei darum das Brot, heilig der Wein, aber auch heilig das Wasser! Amen.“ Das Amen beendet dieses grundlegende religionskritische Werk! Der Philosoph Vittorio Hösle findet dieses „Amen am Ende des Buches nicht aufgesetzt“ (a.a.O. . 172). Das Amen ist Ausdruck des irritierend frommen wie religionskritischen Denkers Feuerbach. Glaubte er mit seinem Opus amsterdam2
eine neue, anthropologische Predigt gehalten zu haben? Vielleicht!

Ich empfehle die Studien der „Arbeitsstelle Internationale Feuerbach-Forschung“ in Münster zu beachten, mit der Prof. Ursula Reitemeyer. Siehe: https://www.uni-muenster.de/EW/forschung/forschungsstellen/feuerbach/index.html.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Ein “Legionär Christi” wird am 27. August 2022 feierlich zum Kardinal ernannt.

……Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer Kritik der Religionen, der Kirchen, deswegen dieser Hinweis:

Unter den neu ernannten Kardinälen (feierliche Ernennungszeremonie am 27.8.2022 im Petersdom) ist auch ein Mitglied des immer noch hoch umstrittenen Ordens “Legionäre Christi”.  Sein Name: Bischof Fernando Vérgez Alzaga, ein Finanzfachmann im Vatikan! Der äußerst finanzstarke Orden, gegündet von Pater Marcial Maciel, den sogar viele Kirchenleute wegen sehr vieler heftiger sexueller Schandtaten als Verbrecher bezeichnen, wird durch diese Kardinalsernennung sozusagen “normalisiert”, also ins Übliche des Klerikalen erhoben.

An ihren verbrecherischen Ordensgründer erinnern die “Legionäre Christi” (und die Laien vom “Regnum Christi”) explizit auch nicht mehr, die vielen Fotos ihres “Vaters” wurden aus den vielen Legionäre-Christi-Residenzen längst entfernt. Sozusagen eine Art “Entstalinisierung” auf Katholisch.

Vielleicht ist der nächste Papst ein “Legionär Christi”? Prinzipiell ist dies nun möglich, ausreichend Geld steht dem Legionär Christi ja im “Vorfeld” zur Verfügung…

Es ist Papst Franziskus persönlich, der ausgerechnet einen Legionär Christ zum Kardinal ernennt, ist dies ein Ausdruck der Dankbarkeit für die Finanzgeschäfte des spanischen Legionärs?

Wer wagt es noch, Papst Franziskus einen Progressiven, einen Reformer zu nennen? Er ist eher ein Jongleur, der es allen Tendenzen im Vatikan und der römischen Kirche irgendwie recht machen will.

LINK

Copyright: Christian Modehn,. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jesuiten Pater Jörg Alt (Nürnberg) klebt sich mit Sekundenkleber an die Straße: “Ich arbeite mit einer radikalen, gewaltfreien Gruppe“.

Der Jesuitenpater Jörg Alt hat am Dienstagmittag (16.8.2022) mit anderen Aktivisten den Altstadtring in Nürnberg blockiert. Ein am Dienstag von seinem Orden verbreitetes Bild zeigt den Pater mit Priesterkragen auf der Straße vor dem Hauptbahnhof sitzend. “In der Klimakatastrophe hat die Kirche die Pflicht, die Regierung an ihre moralische Verantwortung den Menschen gegenüber zu erinnern”, so Alt. Mit an der Aktion beteiligt waren Aktivisten der “Letzten Generation” sowie “Extinction Rebellion.

Als Hintergrund lese man im Tagesspiegel vom 21.8.2022 auf Seite 6 den Beitrag von Armin Lehmann „Widerstand der Wissenschaft“. Der Beitrag bezieht sich auf die aktuellen Forschungen und Forderungen, die in der us-amerikanischen Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS) jetzt veröffentlicht wurden. Der Bericht hat den Titel „Climate Endgame“ – also Klima Endspiel“. Den Inhalt zusammenfassend: „Wir sind auf mögliche, auch tödliche Katastrophen nicht vorbereitet“ . Die Biologin Nana-Maria Grüning (Molekularbiologin an der Charite und aktiv bei Blockade): .„Die letzten Jahrzehnte haben bewiesen, dass Aktionen, die niemanden stören, ignoriert werden, das muss sich ändern“.

Der Aktivist Jörg Alt, Jesuitenpater in Nürnberg, sagte in einem Interview mit dem Kölner Radio „Dom Radio” am 17.8.2022:
DOMRADIO.DE: Sie sind mit einigen anderen verhaftet worden und schnell aus dem Polizeigewahrsam wieder entlassen worden. Wie würden Sie den Erfolg der Aktion bewerten?
Jörg Alt SJ (Jesuit und Pfarrer aus Nürnberg): Nun, wir wollten eine unignorierbare Störung inszenieren, um auf die Politikdefizite bei der Verkehrswende aufmerksam zu machen. Und das ist uns mehr als gelungen.

DOMRADIO.DE: Warum denn jetzt gerade die armen Autofahrer? Die sind ja unterwegs zur Arbeit oder wollen beispielsweise die Oma besuchen oder gehen einkaufen.

Alt: Die Stelle, die wir gewählt haben, war ausdrücklich so gewählt, dass nur der Autoverkehr gestört wird, aber nicht der öffentliche Personennahverkehr. Also Busse, Bahnen, Züge und U-Bahnen waren von unserer Blockade nicht betroffen. Und damit wollten wir aufmerksam darauf machen, dass das Problem der Zukunft ja nicht darin liegt, ob wir Elektroautos, Wasserstoffautos oder E-Fuels haben, sondern dass Autos das Problem sind, dass wir uns das einfach nicht mehr leisten können. Wir haben eine Woche vorher die Aktion angekündigt und haben empfohlen, dass man in dieser Woche mit einer Störung rechnen muss. Und wer da nicht gefangen werden will, der sollte bitte den öffentlichen Personennahverkehr benutzen, der sich gar nicht daran gehalten hat, hat in der Tat Pech gehabt.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist ja das Auto nun einmal des Deutschen liebstes Kind. Gibt es Dinge, die man sehr kurzfristig umsetzen könnte, um die Abgas-Verschmutzung zu reduzieren?

Alt: Aber selbstverständlich: ein Tempolimit und auch autofreie Sonntage, also Dinge, die die FDP nicht möchte.

DOMRADIO.DE: Mit welcher Art von Kleber haben Sie sich da an den Asphalt geklebt?

Alt: Der berühmte Sekundenkleber, den ich mir selber gekauft habe. Das war ziemlich dumm gewesen. Als mir ein Feuerwehrmann dann auch auf die Hand getreten ist, habe ich reflexartig die Hand weggezogen. Da ging der Kleber ab, da habe ich Glück gehabt. Aber beim zweiten Mal habe ich mich dann mit dem Kleber angeklebt, den auch die Aktivisten dabei haben. Und der hielt bombenfest.

DOMRADIO.DE: Wenn ich mir jetzt so vorstelle, ich klebe irgendwas zusammen mit Sekundenkleber, habe ich immer wahnsinnige Angst, dass mir zwei Finger aneinander aus Versehen hängen bleiben. Haben Sie denn da keine Angst gehabt, sich zu verletzen?
Alt: Der Punkt ist ja, die Störung soll unignorierbar sein. Und eine Störung, die nicht stört, ist keine Störung. Und wenn man sich nicht festklebt, hat die Polizei natürlich ein relativ leichtes Spiel, einen von der Straße wegzutragen. Aber dadurch, dass man sich eben festklebt, ist das Ganze doch deutlich komplizierter. Bis dann das Lösungsmittel besorgt ist, bis die Ambulanz besorgt ist, bis die Leute besorgt sind, die einen von der Straße lösen können. Ja, so klappt das ja auch. Alles andere würde ja keinen aufregen.

DOMRADIO.DE: Das heißt, es ist eine größere Aktion der Rettungskräfte. Es geht da keiner hin und natürlich nicht in unserem Land und reißt ihre Hand vom Asphalt einfach weg.

Alt: Nein, wir haben wirklich das ganz große Glück, in einem Land zu leben, wo die Polizei und auch gestern die Demonstranten sehr respektvoll miteinander umgegangen sind. Das hat man auch der Polizei wieder deutlich angemerkt, genau wie bei meinem Lebensmittel-Diebstahl, dass die Polizei insgeheim dann doch die Aktion ja irgendwie nachvollziehbar und gut findet. Und das ist wirklich etwas, wo wir dankbar sind. Aber genau das ist auch der Punkt, der uns verpflichtet. Man kann schlecht sagen, die Chinesen sollen ihre Regierung blockieren. Ich denke, wir müssen einfach in den Ländern der freien Welt Akzente setzen, wo dann eine chinesische Führung, die ja auch daran interessiert ist, dass ihre Wirtschaft funktioniert, irgendwann nicht mehr anders kann als nachzuziehen.

DOMRADIO.DE: Haben Sie Bedenken, ob Straßenblockaden ein geeignetes Mittel des gesellschaftlichen Dialoges sind?
Alt: Ich habe ja am Anfang mit meinen Freundinnen und Freunden genau über diese Frage auch lange diskutiert. Und ich habe auch gesagt: “Leute, die Nachteile sind größer als die Vorteile”. Aber dann haben wir gesagt: “Nein, wir müssen einfach eine Protestform finden, die vorwegnimmt, was der Klimawandel bewirken wird und die einfach eine Störung verursacht, die klein ist im Vergleich zu dem, was auf uns zukommt”. Und ich muss sagen, wir haben Recht behalten. Das heißt, seit Autobahnen blockiert werden, ist das Thema wieder in der Diskussion. Ich glaube, wir haben im Moment wieder ein Bewusstseinslevel erreicht, das wir zuletzt hatten, als die “Fridays” den Schulunterricht boykottiert haben, was im Übrigen ja auch ziviler Ungehorsam gewesen ist. Also wir brauchen einfach Formate, die unübersehbar sind und die Leute aufregen. Genau dann wird man, denke ich, doch am Abendbrottisch darüber diskutieren. Warum macht jemand so was Idiotisches? Gibt es da keine Alternativen? Ich sage: Nein, die wurden alle vergeblich versucht. Und dann sollte man mal darüber nachdenken, warum das so dringend ist, dass wir uns auf einmal nicht mehr darauf beschränken können, vor der FDP-Zentrale mal eine Mahnwache machen zu können? Weil, wir haben nur noch drei Jahre.

DOMRADIO.DE: Jetzt wird beim Abendessen wahrscheinlich nicht nur über Ihre Aktion diskutiert. Es wird auch diskutiert, dass viele Menschen Befürchtungen haben, dass sich Klimaaktivisten weiter radikalisieren und sich auch in eine terroristische Richtung entwickeln könnten. Auch Innenministerin Nancy Faser (SPD) sieht diese Gefahr und möchte jetzt die Bundespolizei entsprechend aufstocken. Wie sehen Sie das?

Alt: Das ist eine ganz einfache Reaktion auf eine vorhergehende Handlungsverweigerung. Und wenn die Bundesregierung weiter ihre Füße schleifen lässt, dann wird es natürlich weitergehen. Ich sage ja auch immer, wenn die FDP nicht blockieren würde, würde ich auch nicht auf die Straße blockieren gehen. Wenn die Politik endlich ins Handeln kommt, dann bin ich zufrieden. Genau das will ich erreichen. Aber mir ist im Moment das Überleben der Menschheit wichtiger als eine Strafaktion.

DOMRADIO.DE: Selbst wenn die Bundesregierung eine Radikalisierung von Klimagegnern befürchtet, beteiligen Sie sich also als Pfarrer trotzdem an solchen umstrittenen Aktionen und sagen: Ist dann so, man muss radikaler werden?

Alt: Ja, aber Sie werden ja wohl bemerkt haben, dass diese Aktion gestern absolut gewaltfrei war. Und ich arbeite mit einer radikalen Gruppe zusammen, ja, aber ich arbeite mit einer Gruppe zusammen, die die Gewaltfreiheit als Aktionskonsens hat. Und jeder, der gesehen hat, wie diszipliniert ich und meine Freundinnen und Freunde vorgehen, weiß, dass da ein ganz großer Unterschied ist zu der grünen RAF, die von anderen propagiert werden, die ich natürlich auch ablehne.

Das Interview führte Uta Vorbrodt, DOM RADIO KÖLN.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Struktur und Verfassung der katholischen Kirche sind Menschenwerk. Und deswegen wandelbar und korrigierbar.

Kritik und Zurpückweisung der klerikalen Ideologie, vertreten durch Kardinal Ludwig Müller.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
Kardinal Ludwig Müller (Rom) behauptet im Juli 2022: „Der Grund (meiner Ablehnung tiefgreifender Kirchen-Reformen) ist, dass die Kirche von Jesus Christus eingesetzt und entworfen worden ist. Wir haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“.

2.
Das sagt Kardinal Ludwig Müller (74 Jahre), von Papst Franziskus als Chef der obersten Glaubensbehörde im Juli 2017 abgesetzt. Seitdem ist er heftiger Gegner von Papst Franziskus.
Müller wohnt in der einstigen großzügigen Wohnung seines alten Gönners, Kardinal Joseph Ratzinger, ganz dicht am Vatikan. Er verbreitet seine Theologie, die vor wissenschaftlichen Standards keinen Bestand hat. Müller will tiefgreifende Reformen des römischen klerikalen Systems mit einer falschen Theologie bremsen und verhindern.
Theologisch nicht gebildete Leute fallen auf Müllers Sprüche rein. Sie wissen nicht, dass die oben zitierten Aussagen des Kardinals, der als Theologieprofessor in München arbeitete und Priester ausbildete, schlicht und einfach überholt und falsch sind. Es steht fest: Die katholische Theologie ist eine kritische Wissenschaft, falls sie sich nicht gängeln lässt von uralten Vorgaben und Kontrollen der kirchlichen Herrschaft. Auch eine freie und umfassend kritische katholische Theologie also erkennt Falsches und Wahres, wissenschaftlich Erwiesenes und in der Phantasie Erdachtes.
Müllers oben zitierte Abweisung von tiefgreifenden Kirchenreformen, wie sie der Synodale Weg in Deutschland vorschlägt, sind also Ausdruck einer uralten klerikalen Ideologie, die nur dazu dient, den Status quo zu schützen und zu erhalten. Trotz der theologisch – wissenschaftlichen Inkompetenz Ludwig Müllers lässt er sich als Kardinal „Eminenz“ anreden, in der offiziellen Vatikan-Sprache ist er also ein „Herausragender“, eine „Hoheit“. Und diese Eminenz äußerte sich also in dem genannten Zitat, es wurde veröffentlicht im „Tagesspiegel“, 1.8.2022, S. 4 oder in der „Süddeutschen Zeitung“, 1.8.2022, Seite 6.

3.
Die theologischen Fehler in der Argumentation Müllers wenigstens in Grundzügen darzustellen, ist alles andere als eine theologische Spitzfindigkeit, und keineswegs nur wichtig für einige Spezialisten. Daran sollten doch weite Kreise interessiert sein: Es geht um ein wissenschaftlich korrektes, also ein vernünftiges Verstehen von dem, was katholische Kirche eigentlich ist. Sie ist ein Werk von Menschen und deswegen stets reformierbar, also korrigierbar. Nur wenn man, wie die Klerus-Herrschaft es versucht, die katholische Kirche als Gottes Werk ( oder auch Christi Werk) versteht, wird sie wie Gott in die Ewigkeiten der Unwandelbarkeit erhoben. Und der Klerus kann seine Allmacht bewahren. Um dieses Problem also geht es!

4.
„Jesus Christus“ also soll – so Eminenz Ludwig Müller – die katholische Kirche „eingesetzt und entworfen haben“.
Der Fehler beginnt ganz entschieden damit, dass Müller von „Jesus Christus“ in einer Weise spricht, als wären beide Namen, also Jesus wie auch Christus, Eigennamen für eine historische Person, so, wie man etwa von einem „Hans Peter“ oder einem „Friedrich Wilhelm“ spricht.
Hingegen ist wahr: Eigenname als Vorname für eine historische nachweisbare Person ist allein der Name Jesus. Es ist Jesus von Nazareth, der jüdische Wanderprediger, der um 5 vor unserer Zeitrechnung geboren und im Jahre 30 in Jerusalem am Kreuz gestorben ist.
Die Bezeichnung „Christus“ ist hingegen kein Name, der eine historische Person nennt! Sondern Christus benennt nur eine besondere Qualität, in dem Fall die Qualität dieses Menschen Jesus von Nazareth. Die besondere Qualität „Christus“ bzw. „Messias“ im jüdischen Sinne meint keine göttliche Qualität, wie später die Kirchenführer behaupteten, sondern „Christus“ bzw. „Messias“ benennt nur eine besondere Auszeichnung eines Wanderpredigers als einem „Gesandten Gottes“ oder einem „König, der Heil bringt“.
Wer die Formel „Jesus Christus“ verwendet, meint also NICHT eine historische Person unter diesem Doppel-Namen. Sondern: Jesus von Nazareth, der nach etliche Jahre nach seinem Tod von Menschen gedeutet wurde als der „Christus“ bzw. (synonym) „Messias“ bzw. „der Gesalbte“. Aber diese Qualitäten werten diesen Jesus von Nazareth NICHT als Gott oder Gottes Sohn auf.

5.
Paulus, einst der Pharisäer Saulus, hat Jesus von Nazareth nicht persönlich gekannt, die 4 Evangelien konnte er nicht kennen, weil sie zu seinen Lebzeiten noch nicht verfasst waren. Paulus spricht in seinen authentischen Briefen vom Messias Jesus oder auch von Jesus Christus, im Sinne, wie oben beschrieben, also von Jesus als dem Christus, als dem von Gott Gesalbten. „Wenn Paulus in Jesus Christus einen Gott (oder Gott-Sohn) gesehen hätte, wäre es völlig widersinnig, wenn Paulus wörtlich zugleich auch von einem „Gott unseres Herrn Jesus Christus“ sprechen würde. Denn das hieße zu behaupten, dass dieser (angebliche) Gott Jesus noch einen Gott über sich haben würde. (Hermann Baum, „Die Verfremdung Jesu und die Begründung kirchlicher Macht“, Düsseldorf 2006, S. 59). Jesus von Nazareth sah sich selbst nicht als ein ein göttliches Wesen oder gar als eine zweite Person einer göttlichen Trinität.

6.
Der historische Jesus von Nazareth hatte, wissenschaftlich eindeutig erwiesen, keine Ambition, eine Kirche zu gründen. Jesus war so sehr auf ein baldiges Ende der Welt fixiert, dass ihn eine Kirchenorganisation mit Klerus und Sakramenten gar nicht in den Sinn kam. „Mit der Naherwartung Jesu – also der Erwartung eines bevorstehenden Welten-Endes – lässt sich die Absicht, eine Kirche zu gründen nicht vereinbaren“ (Hermann Baum, a.a.O., S 80).

7.
Es sind Menschen, die ersten Gemeinden, die sich auf Jesus Nazareth als Messias beziehen und sich dabei als eigene Gruppe zuerst versuchsweise innerhalb des Judentums, dann neben dem Judentum explizit konstituieren, die ihren „Meister“ Jesus von Nazareth als eine besondere und einmalige Gestalt deuten …. bis hin zum Johannes Evangelium, das Jesus mit dem göttlichen (himmlischen) Logos identifiziert, Jesus als Logos und damit als Wirklichkeit des transzendenten Gottes. Diese ins Göttliche weisende Interpretation des Johannes -Evangeliums wurde 60 Jahre nach Jesu Tod verfasst. Der Theologe Tertullian (ca.160-220) spricht bereits explizit von „Jesus Christus unserem Gott, der die Apostel sandte zu predigen…“ (zit. in Maurice Sachot, „L Invention du Christ“, Paris 2011, S. 211).

8.
Mit dieser von Menschen geleisteten absoluten Höchststellung Jesu von Nazareth geht auch der Ausbau der Kirche- Institutionen einher, die immer mehr vom Klerus bestimmt und beherrscht werden bzw. In den ersten Jahrhunderten von den theologisch einflussreichen, christlich, kirchlich, gewordenen römischen Kaisern.
Diese Interpretation (Jesus als Gott) ist Ausdruck einer Machtpolitik: Indem die Hierarchie beanspruchte, einzig kompetent die Bibel zu deuten und die Dogmen zu lehren, zog sie ihren Gott Christus als ideologische Stütze auf ihre Seite, also den ewigen Gott innerhalb der Trinität, der als der Ewige (d.h. damals Unwandelbare) natürlich keine Veränderungen und Reformen „seiner“ Kirche wünscht. „Wie es war im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit, Amen“, heißt es so schön in einer beliebten Gebets-Formel, die eigentlich nur den göttlichen Stillstand und die Unwandelbarkeit formuliert. Erst wenn Menschen Jesus zum Gott Christus erklären, hat die Hierarchie Chancen, ihre Macht auszuüben.
Der Klerus, die Priester, verstehen sich in besonderer Nähe zu der göttlichen Wirklichkeit, nur sie allein können (und dürfen) Brot und Wein in Jesu Leib und Blut verwandeln, wie die katholische Kirche lehrt.

9.
Die Kirchenführer sind so klug, diese ihre Auszeichnung Jesu von Nazareth als des göttlichen Christus nicht als ihre menschliche Verfügung und Tat hinzustellen. Sie sagen: Jesus als den Gott-Menschlichen Jesus Christus zu bezeichnen ist gnadenhafte Tat des göttlichen Geistes, also Gottes selbst. Sie haben sich vorher theologisch abgesichert, indem sie behaupten: Gott selbst will, dass der Klerus dogmatischen Traditionen schafft, also das Dogma formuliert: „Jesus von Nazareth ist der Gott-Mensch Jesus Christus“.
Ob nun mit heiligem Geist oder bloß mit menschlichem Geist erdacht: Die Kirche ist ein Werk von Menschen. Sie ist nicht Tat einer imaginären Person „Jesus Christus“, Christus ist nur ein schlichter Ehrentitel, mehr nicht, Christus ist keine einzelne Person unter diesem Namen.

10.
Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat sich populär und offiziell die Meinung durchgesetzt, Jesus von Nazareth sei von vornherein kein anderer als der Gott-Mensch Jesus Christus, oft nur Christus genannt. Man denke nur an den theologischen Unsinn populärer Weihnachtslieder mit ihrer Behauptung: Jesus sei in seiner Krippe zu Bethlehem ein „göttliches Kind“. „Des ewigen Vaters einig Kind, jetzt man in der Krippe findet“ usw…
Aber diese Theologie, die meint, es gebe eine historische Person mit dem Namen Jesus Christus wird auch bis heute offiziell verbreitet, etwa in der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65). Dieser zentrale Text stellt von Anfang an klar, dass eine Person, hier sogar nun kurz „Christus“ genannt, „das Reich der Himmel auf Erden begründet hat“ (§ 3). Unmittelbar daran anschließend ist von „Kirche“ (auch von dieser nur „Christus“ genannten Gestalt gegründet) die Rede. „Die Kirche, das heißt das im Mysterium schon gegenwärtige Reich Christi….“ (§ 3).

11..
Noch einmal zur Behauptung von Kardinal Müller.
Diese Analyse der Behauptung Müllers zeigt: Die katholische Kirche, wie alle anderen christlichen Kirchen, sind Werk von Menschen. Es ereignete sich keine Geheimoffenbarung in den Vatikanischen Gärten oder sonst wo, in der Gott selbst gesprochen hat, bestimmte auf ewig fixierte Kirchenstrukturen zu schaffen. Das Kardinalskollegium wie das Papsttum und die Sakramente und die Gestalt der Gottesdienste sind Menschenwerk, entstanden im Laufe der Kirchengeschichte.
Kardinal Müller aber behauptet in dem oben genannten Zitat: Dieser menschlich – göttliche Jesus Christus habe „DIE“ Kirche „eingesetzt“. Das Datum der „Einsetzung“ als angeblich historisches Ereignis wird nicht genannt und kann auch nicht genannt werden. Pfingsten hat kein Datum innerhalb der Weltgeschichte, die so genannte „Himmelfahrt Jesu“ auch nicht, in den fromm erdachten „Erlebnissen“ wurde jedenfalls noch nicht an die Struktur einer Klerus-Kirche gedacht.
Das Wort „Einsetzen“ wird von Müller verwendet, ein merkwürdiges Wort für die Kirchengründung. Müller hat offenbar doch Angst zu sagen, die Person Jesus Christus habe die Kirche gestiftet bzw. gegründet. Das kann selbst Müller als Theologieprofessor nicht meinen, er weiß doch in gewisser Weise: Jesus von Nazareth dachte nicht im entferntesten an eine Kirchengründung…
Die Behauptungen Kardinal Müllers werden noch irritierender:: Jesus Christus habe die Kirche, so wörtlich, ENTWORFEN. Was ist ein Entwurf? Eine Vorlage, der dann die Bauleute folgen. Also sind die gebauten Strukturen dieser römischen Kirche, so wie sie sind, von diesem Jesus Christus (wer immer das sein mag) irgendwie implizit doch gewollt? Damit wird wieder Tür und Tor geöffnet für die schon beschriebene Vorstellung: Diese Person, nun Jesus Christus genannt, wollte also diese faktische Klerusherrschaft, Jesus Christus wollte also diese Zölibats-Strukturen, die auch zu dem tausendfachen sexuellen Missbrauch durch Kleriker führten und führen? Jesus Christus wollte allen Ernstes, dass Frauen keine priesterlichen Ämter in dieser Kirche ausüben, nur weil die theologisch ungebildeten Kardinäle glauben: Aus der Berufung von 12 Männern zu Aposteln durch Jesus von Nazareth seien Frauen als Apostel ausgeschlossen…Das war Jesu „Entwurf“?

12.
Man denkt manchmal, wenn man die Texte Müllers liest, an Dogmen der neoliberalen Herrscher heute erinnert zu werden, vor allem an deren Aussage „There ist no Alternative“. Kardinal Müller scheint an diese Ideologie gebunden zu sein, wenn er allen Ernstes behauptet: „Wir (also Müller und der Klerus ) haben keine Vollmacht, diese Ordnung zu verändern“. Das ist es wieder: „There is no alternative!“. Eine erbärmliche Welt, eine erbärmliche Kirche, die keine Alternative sieht zu ihrer jetzigen Gestalt und Struktur.

13.
Man sollte daran erinnern, dass Eminenz Müller sich auch nicht dazu hinreissen lässt, zukünftige Reformen der Römischen Kirche als „Zugeständnisse an den Zeitgeist“ zu nennen. Aber: Was ist denn der Zeitgeist? Es ist der Geist dieser Zeit des 21. Jahrhunderts, ein Geist, eine Form von Mentalitäten und Überzeugungen, von denen Christen und theologisch Gebildete wissen: Es ist der Geist Gottes, der auch im 21. Jahrhundert irgendwie wirkt und „weht“. Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, gleiche Rechte für Homosexuelle, Lebensrechte für die Armen, Aufteilung des Kirchenbesitzes zugunsten der Armen usw. sind der gute Geist der Zeit, theologisch gesehen: Ausdruck des heiligen Geistes.
Wer aber, wie seine Eminenz, Herr Müller, in Abrede stellt, dass jede Zeit, auch unsere Zeit, irgendwie und irgendwo doch noch vom göttlichen Geist durchweht ist, der wurde einst und wird heute Atheist genannt, also ein Mensch, der nicht mehr an die Wirkkraft des göttlichen Geistes in allen Zeiten glaubt.

14.
Diese Kleruskirche beansprucht eine „heilige Kirche“ zu sein.
Im offiziellen katholischen Glaubensbekenntnis, dem „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ müssen die Glaubenden bekennen:“Ich glaube an die HEILIGE katholische Kirche“. Das genauso offizielle Glaubensbekenntnis des ökumenischen Konzils von Konstantinopel (381) formuliert: „Wir glauben an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. Auch die Evangelische Kirche (EKD) hält fest am Apostolischen Glaubensbekenntnis, und formuliert: „Ich glaube an die heilige (!) christliche Kirche… Das „katholisch“ wurde ökumenisch weit durch „christlich“ ersetzt, das „heilig“ blieb erhalten..
Tatsache ist für jeden Christen: Heilig ist einzig und allein Gott. Außer Gott noch etwas oder jemanden heilig zu nennen, ist eigentlich eine Gotteslästerung. Aber diese Grenzüberschreitungen sind üblich, zumal im Katholizismus: Da gibt es den „heiligen Vater“, den Papst oder „die heilige Kirche“: Davon spricht das 2. Vatikanische Konzil ständig: In § 8 der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ wird Christus (nicht etwa Jesus Christus, sondern, Christus behauptet als selbständige Person ) als Gründer der Kirche wieder einmal genannt: „Christus hat seine HEILIGE Kirche hier auf Erden verfasst…“ Eine sehr mysteriös anmutende Erklärung für die Heiligkeit der Kirche bietet der offizielle katholische Katechismus (Vatikan 1993) im § 823 mit Verweis auf das genannte Dokument des 2. Vatikanischen Konzils: Als Begründung heißt es im Katechismus. „Christus der Sohn Gottes, hat die Kirche als seine Braut geliebt, indem er sich für sie (offenbar am Kreuz, C.M.) hingab, um sie zu heiligen“. Die Heiligkeit des Sohnes Gottes als Kirchengründer überträgt sich auf die Institution der Kirche, hier mal eine „Braut“ genannt. Die Institution, die Verfassung mit der Hierarchie usw., soll also heilig sein und heilig ist im klassischen Verständnis immer unwandelbar! Überhaupt nicht heilig sind hingegen die allermeisten Mitglieder dieser Kirche, sie sind Sünder, das wird offen von den Päpsten seit Johannes Paul II. zugegeben. Aber diese sündigen Mitglieder der Kirche belasten oder verstören bzw. zerstören diese Kirche als Institution ganz und gar nicht, so die offizielle Lehre. Die Kirche als Institution, als göttliches Projekt oder gar als „Idee“, bleibt ewig heilig, und das heißt immer auch unveränderlich., siehe die einschlägige Meinung Kardinal Müllers. Mit anderen Worten: Diese Art von Theologie als Ideologie des herrschenden Klerus kann eigentlich nicht aufgebrochen werden, sie ist in sich verschlossen, erratisch. In dem Sinne auch: Sie macht hoffnungslos.

15. Zusammenfassung:
„Das Christentum ist eine Religion, die nicht bereits von Jesus gestiftet und festgeschrieben worden ist, sondern das Ergebnis einer zweitausend jährigen Entwicklung, geprägt von Menschen, deren grundsätzliche Irrtumsfähigkeit außer Zweifel steht“ ( Prof. Hermann Baum, a.a.O., S. 221).

16. Ausblick:
Nur eine grundlegende Transformation der katholischen Kirche zu einer demokratisch verfassten Gemeinschaft, ohne allmächtige, angeblich gottgewollte Hierarchie, hat eine Zukunft. Natürlich, diese Kirche in der jetzigen Struktur kann wie ein steinernes Skelett noch lange fortbestehen, solange Menschen diese Herrschaft aus Autoritätshörigkeit und Angst finanziell unterstützen.
Aber: Diese neue Gemeinschaft wird im Rahmen der Transformation viele ihrer Glaubensinhalte endlich beiseite legen und dies als Befreiung erleben. Der offizielle katholische Katechismus wird von jetzt 2865 Paragraphen zu Dogma und Moral (2875 Paragraphen in der Ausgabe des Vatikans, 1993) auf vielleicht 50 reduziert. Viele nebulöse, mythologische, d.h. unwissenschaftliche Interpretationen der Bibel, die im Dienst der Klerusherrschaft stehen, werden dann ausgelöscht sein. Und diese Gemeinschaft hat dann vielleicht noch Chancen, Menschen spirituelle Impulse, politische Ideen zugunsten der lebendigen Menschenrechte, also Hilfe und umfangreiche Befreiung und Heilung anzubieten.

17. Weitreichende Konsequenzen
Wenn Jesus von Nazareth als der Messias, aber nicht als der zum Gott gemachte Christus, anerkannt wird:
Dann muss u.a. die Trinitätstheologie neu bestimmt werden, siehe auch die Abwehr dieser 3 Personen – Trinitätslehre durch den katholischen Theologen Edward Schillebeeckx…
Dann muss die klassische, sich orthodox nennende Erlösungslehre („erlöst durch Jesus Christus“) neu bestimmt werden. In keinem Fall ist dann noch Jesus Christus als der von Gott zum erlösenden Kreuzestod zu den Menschen entsandte Sohn Gottes relevant. Vielmehr: Jesus als der Messias (nicht der göttliche Christus !) ist in der neuen Theologie erlösend, befreiend, zum Frieden inspirierend als das befreiende Vorbild.
Dann wird auch die sich orthodox nennende Lehre von der Erbsünde („totale Verfallenheit aller Menschen an eine sich durch die Sexualität immer fortsetzende Sünde Adam und Evas) beiseite gelegt.
Dann wird neu nachgedacht werden über die spirituellen Versammlungen der Gläubigen (Gottesdienste, Messen, genannt), die selbstverständlich jeder und jede gut ausbildete Gläubige leiten kann…

18. Finis: Ein Zitat für bibelfeste und bibeltreue LeserInnen:

Im Zusammenhang der Klerus – Kritik lohnt es sich immer, das 23. Kapitel des Matthäus-Evangeliums zu lesen „Worte gegen die Schriftgelehrten und die Pharisäer“, also übersetzt gegen den heutigen Klerus und seine Theologen.
Ich zitiere zum Schluss den Vers 4: „Sie (die Kleriker) schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, wollen selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen“.
Und Vers 13 heißt. „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

450 Jahre Bartholomäus-Nacht: Theologisch-politischer Wahn in Frankreich.

Zur „Bartholomäus-Nacht“ vor 450 Jahren (am 23./24.8.1572).

Hinweise von Christian Modehn.

1.
Die Bartholomäus-Nacht in Paris als Massaker und Pogrom an der Minderheit der französischen Protestanten bleibt ein außergewöhnliches Ereignis, es ist die Nacht des Massenmordens vom 23. zum 24. August 1572. Anläßlich der Hochzeit des Protestanten Heinrich von Navarra und Margarete von Valois (der Tochter von Katharina de Medici, die damals als Königin die oberste Herrscherin war) wurde der zur Feier eingeladene Führer der Protestanten Gaspard II.(de Coligny ermordet, anschließend wurden einige hunderte Protestanten umgebracht. Dann kam es in der französischen Provinz zu weiteren Massakern mit vielen Opfern.
Der Spezialist für diese Zeiten, der Historiker Jean Delumeau, (1) nennt insgesamt acht Religionskriege gegen die Protestanten in Frankreich, der erste Krieg bereits 1562, der letzte von 1585 bis 1598. Ein „bißchen“ Religions-Frieden gab es nur zwischen 1564 und 1566 und um 1582.
Für die Massaker der Bartholomäus Nacht trägt Katharina de Medici und die Gruppe der extrem katholischen Guisen (Herzöge in Lothringen) die Verantwortung, so Jean Delumeau, (2)
Seitdem ist jegliches Vertrauen der französischen Protestanten in die Herrschaft des Königs zerstört. Sie versuchen nun, ihre eigenen Zentren im Süden auszubauen, etwa in Nimes und Montauban sowie auch in La Rochelle. Papst Gregor XIII. war über das Massaker der Bartholomäus-Nacht hoch erfreut und ließ zum Dank ein „Te Deum“- Lobgesang im Vatikan veranstalten. So pervers konfessionalistisch dachte dieser Papst, und bekanntlich nicht nur er…

2.
Das Ereignis der Bartholomäus-Nacht legt die Ausmaße des religiösen und konfessionellen Wahns frei. Die Ereignisse rund um diese Massentötungen der Minderheit der Protestanten sind also mehr als „historische Daten“. Sie sind Symbole dafür, wohin Herrscher und die ihnen ergebenen Untertanen in ihrem Fanatismus geführt werden, wenn sie meinen: Sie allein hätten die „allgemeine objektive und göttliche Wahrheit“. Die Theologie der Kirchen hat diesen irrigen Gedanken einer objektiven Wahrheit (die als „Welt-Mission“ dann verbreitet wurde) seit dem 4. Jahrhundert durchgesetzt. Die Vorstellung, dass die römisch katholische Kirche „die“ göttliche Wahrheit besitzt (vor allem in Gestalt des Papstes), ließ sich bis heute nicht überwinden. So bleibt aufgrund der „allein selig machenden Kirche“ immer eine gewisse Gefahr für den Frieden unter den Menschen, selbst wenn hinsichtlich des gelebten religiösen Wahns islamistische Gruppen heute viel heftiger und gefährlicher sind…

3.
Die Erinnerung an das Ereignis und das weite Umfeld der Bartholomäus-Nacht im Frankreich des Jahres 1572 führt also zu der Erkenntnis: Es kann, wissenschaftlich, philosophisch, erkenntnistheoretisch betrachtet, keine objektive, für alle Menschen aller Zeiten gültige religiöse/kirchliche inhaltlich bestimmte Wahrheit geben, und zwar auch um des Friedens willen unter den Menschen in Gesellschaft und Staat. Es kann nur die subjektiven religiösen Wahrheiten für den einzelnen geben, die dieser für sich lebt und auch für sich behält, ohne daraus, sogar noch in aggressiver Werbung, eine gültige Wahrheit für alle und für immer zu formen … oder gar auf die Idee zu kommen, seine individuelle religiöse Wahrheit nun auch noch politisch und ökonomisch „für alle“ durchzusetzen. Dieser Wahn lebt heute z.B. in Kreisen der Abtreibungsgegner („Pro-Life“ Militante) oder evangelikaler Fundamentalisten.

4. Die Bartholomäus-Nacht:
Die Könige Frankreichs in den Zeiten der Reformation bis zur Revolution von 1789 folgten der Überzeugung: Nur eine einzige Religion, der Katholizismus, darf ein Lebensrecht im Königreich haben. Pluralität der religiösen Meinungen, umfassende Meinungsfreiheit insgesamt, war für den totalen Herrschaftsapparat der katholischen Könige nichts als eine Bedrohung. Pluralität und Toleranz mussten ausgerottet werden. Die gelegentlichen königlichen Toleranzedikte gegenüber den Protestanten waren von kurzer Dauer. Das Toleranzedikt Edikt von Nantes brachte im Jahr 1598 eine gewisse Beruhigung im Abschlachten, in den Attentaten, Massakern, Belagerungen usw. Das Edikt von Nantes wurde durch König Ludwig XIV. wieder abgeschafft, 1685, im „Edikt von Fontainebleau“. Es war eine grausame Verfügung der Intoleranz: Nicht nur wurde der Katholizismus zur einzig zugelassenen Religion, Gottesdienste der Protestanten wurden verboten, protestantische Kirchen zerstört, die reformierten Pfarrer vertrieben. Etwa 200.000 französische Protestanten mussten das Land verlassen, sie fanden Zuflucht in der Pfalz, in Brandenburg, in Holland…

5.
Der französische Staat unter Führung des absolutistischen Ludwig XIV. ging aus den Schrecken, Vertreibungen, Verfolgungen der konfessionell bedingten Bürgerkriege nur scheinbar als Sieger hervor. Viele tausend gebildete und wohlhabende französische Protestanten, viele qualifizierte Handwerker usw. mussten das Land verlassen, nur so entgingen sie der Verfolgung oder der Zwangskonversion. Und der Katholizismus war ein staatlich, königlich, dominierter Glaube, er sollte so des Königs von Gott gegebene Allmacht demonstrieren, und diese Verhältnisse Gabe es schon seit dem 14. Jahrhundert ( 3.) „gallikanisch“ bestimmt, d.h.: Das letzte Wort in Kirchenfragen, etwa bei der Ernennung von Bischöfen, hatte nicht der Papst, sondern der französische König. Der Jurist Pierre Pithou (1539-1596, Konvertit zum Katholizismus) hat das dafür grundlegende Werk „Les Libertés de l église gallicane“ 1594 verfasst. 1682 verfestigte der französische Klerus seine kritische Haltung gegenüber dem Papst und drückte offiziell seine Unterstützung aus zugunsten des Kirchenführers, des Königs. Der König war selbstverständlich nur nach außen katholisch, die katholischen Moralgebote galten für ihn, siehe das bischöflich geduldete Mätressen-Wesen. Und in den üblichen Kriegen konnte er gewissenlos tausende seiner Landsleute in den Tod schicken.

6.
Aber die erwünschte weltanschauliche, religiöse Einheit und Einförmigkeit in Frankreich blieb eine Illusion: Militante Papst-ergebene Katholiken (die „Ultramontanen) machten der Königsherrschaft das Leben schwer. So wurde die Konversion von König Henri IV., ursprünglich Protestant, von Ultramontanen heftig bezweifelt. Sie propagierten immer wieder die Theorie des Königsmordes: Tatsächlich wurde wurde König Henri IV. 1610 von einem militanten Katholiken ermordet.

7.
Diese Politik der absoluten religiösen Einheit bzw. Einförmigkeit hatte trotz der versuchten Ausrottung des Protestantismus keinen Erfolg: Es bildeten sich Kreise der literarischen – philosophischen Libertins, also der Freidenker, und vor allem, Skeptiker melden sich zu Wort, wie sehr früh schon Michel de Montaigne. Und vor allem: Es organisierte sich innerhalb des königlich dominierten Katholizismus die strenge spirituelle Gegenbewegung des Jansenismus, der in seiner rigorosen Gnadenlehre in gewisser Weise Ideen der reformierten Theologie Calvins übernahm. Der Jansenismus ist benannt nach dem Bischof von Ypern, Cornelius Jansen, 1585-1638, er war ein Verfechter der extremen Interpretation der augustinischen Theologie.
Auch wenn Ludwig XIV. die spirituellen Zentren und Klöster des Jansenismus zerstörte und die führenden Köpfe dieser spirituellen Bewegung tötete: Die Ideen der Jansenisten (der Mathematiker und Mystiker Blaise Pascal gehörte zu ihnen) überlebten, Jansenisten waren die einflußreichsten ideologischen Widersacher des Gallikanismus („der König ist der Herr der Kirche, nicht der Papst“) und der damals als liberal („moralisch lax“) geltenden Jesuiten.

8.
Es entwickelten sich rund um die philosophischen Salons in Paris religionskritische Philosophien, die den Katholizismus insgesamt überwinden wollten, nicht nur zugunsten eines materialistischen Atheismus (Julien de la Lamettrie, 1751 in Berlin gestorben), sondern auch zugunsten einer einfachen Vernunftreligion, etwa im Denken Voltaires.
Die radikalen Kreise der Revolutionäre von 1789 förderten mit Gewalt die Entkirchlichung, den Abschied der Franzosen von der Kirche, der Haß der Katholiken auf die ultra-reichen Klöster und privilegierten Bischöfe war kaum zu bremsen, es gab die Zerstörungen von Kirchen und Klöstern, die Verfolgung von antirevolutionären Priestern. Aber die Revolution brachte endlich die Religionsfreiheit für die Protestanten und später auch für die Juden sowie die Abschaffung der Sklaverei.

9.
Mit anderen Worten. Der Wahn der französischen Könige, seit dem ersten Auftreten von Protestanten in Frankreich bedeutet: Die eine und einzige Religion, den Katholizismus, sollte gefördert und verteidigt werde. Diese Ideologie als Wahn endete – In der Sicht der Herrscher und bei dem Leiden der Menschen – mit einem Desaster: Die Pluralität der Meinungen ließ sich eben nicht definitiv ausschalten, insgeheim blieb die Pluralität der Überzeugungen erhalten.
Seit 1905 gilt das Gesetz der laicité, der Trennung von Kirchen und Staat. Der Staat ist religiös neutral, er lässt die verschiedenen Religionen leben und sich entfalten, solange sie in ihrer Praxis sich nicht gegen die Grundlagen der Menschlichkeit verhalten.
Und vor allem: Die Verfolgung Andersgläubiger brachte die Menschen dazu, letztendlich nur noch ein äußerst geringes Interesse zu haben für die Formen der christlichen Religionen. Dass sich heute (2022) noch nicht einmal die Hälfte der Franzosen als Katholiken bezeichnen, ist letztlich auch ein (fernes) Resultat dieses religiösen Wahns der Intoleranz der Königsherrschaft. Aber entscheidender ist: Die so genannte religiöse „Praxis“ der Katholiken (d.h für Religions-Soziologen die regelmäßige Teilnahme an der Sonntagsmesse) tendiert heute (2022) in vielen Gegenden (etwa Burgund, Bourges, Limoges, Gueret, Moulins, Nevers, Carcassonne usw.) gegen Null. Die französische katholische Kirche besteht zwar noch in ihren ziemlich aufgeblähten Strukturen, aber sie ist eine von der Hochschätzung her gesehen eher schwache Institution, schwach, auch finanziell ausgestattet, vor allem geistig ist sie weithin schwunglos und erstarrt, weil immer mehr die konservativen und reaktionären Bewegungen der „Neuevangelisierung“ bestimmend werden. Auch die vielen tausend „Fälle“ von sexuellem Missbrauch durch Priester in Frankreich lassen die Kirche der Kleriker immer unglaubwürdiger erscheinen.

10.
Was zeigt diese historische Erfahrung Frankreichs? Wenn eine Kirche politisch beherrscht wird, also Staatskirche ist, und wenn die Vernunft, also die Toleranz, eine untergeordnete Rolle spielen gegenüber den konfessionellen, theologischen Lehren, dann ist der Niedergang der Kirche und des kirchlich geprägten Glaubens vorgezeichnet. Die Gläubigen verzeihen es weder der Kirche noch dem Staat, wenn in der Kirche-Staat-Einheit auch Staatsbeamte den Gottesdienstbesuch kontrollieren und prüfen, welches Gemeindemitglied zur Osterbeichte gegangen ist (Siehe dazu die Studie von Jean Delumeau, „Le catholicisme entre Luther et Voltaire“, Paris 1985, S. 336 ff.).

11. Hinweise zur Frühgeschichte der französischen Protestanten:

Die ersten so genannten „Falschgläubigen“ (also Protestanten bzw. „Hugenotten“) in Frankreich konnten schon 1520 Bücher Martin Luthers in Frankreich erwerben. (5) verbreitet. Dadurch wurden zuerst Kreise erreicht, die gebildet waren, also mindestens lesen konnten, und das waren Menschen in großen Städten. Die ersten Gemeinden waren eher Hauskreise, und pro forma besuchten die ersten Reformierten noch die katholische Messe (6). Das erste protestantische Abendmahl wurde 1541in Sainte Foy gefeiert, danach 1542 in Meaux, 1545 in Pau und Tours. 1559 wurde die erste Nationalsynode in Paris organisiert und ein Bekenntnis formuliert. „Der Protestantismus war nun eine Kraft im Königreich mit Schwert – der Adel hatte sich dem Protestantismus angeschlossen – und einer strukturierten Lehre“ (7). Der Admiral und Hugenottenführer Gaspard II. de Coligny aus dem Hochadel zählte 1562 schon 2.150 reformierte Gemeinden und der Pfarrer von Provinz wusste zu der selben Zeit, dass ein Viertel der französischen Bevölkerung protestantisch geworden ist. Längst war die protestantische Bewegung über intellektuelle Kreise hinaus gewachsen.

12.
Schon 1523 wird der Augustinermönch Jean Vallière als Anhänger der Lehren Luthers, seines Ordensbruders, wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen in Paris verbrannt, er war der erste Märtyrer der Reformierten Kirche bzw. der damals Hugenotten genannten Christen. (9). In Metz wird der Laienprediger Jean Leclerc wegen Ketzerei hingerichtet. 1526 wird Jacques Pauvant in Metz als Ketzer hingerichtet, der Übersetzer Martin Luthers, Louis Berquin wird 1529 gefoltert…..

13. Ein Hinweis zum Profil des Reformators Jean Calvin (1509-1564):
Calvin ist der Inspirator der Reformierten Kirche in Frankreich, geboren in Noyon, in der nordfranzösischen Picardie, bestimmte er mit seinen Schriften und seiner Autorität von Genf aus die Entwicklung von Rom-unabhängigen Gemeinden. Bemerkenswert ist: Er war Jurist und Humanist, sein besonderes Interesse gilt der Nähe der Philosophie der Stoa zum Christentum). Der junge Calvin „glaubt, dass der Stoizismus im Verbund mit dem Humanismus eine Koalition eingehen könne mit dem Christentum gegen die Epikuräer, also gegen eine hedonistische, auf das individuelle Glück zielende Lebensdeutung“ (10.). Die Abweisung des Epikureischen blieb Grundbestand der Lehre und Moral Calvins. Er hat (katholische) Theologie studiert, ohne katholischer Kleriker zu werden. Es war die persönliche intensive Bibellektüre, die zum Bruch mit der römischen Kirche führte.. „Gut reformatorisch geschieht die Bekehrung im Akt des Lesens der Bibel“ (11).
Calvin bleibt ein umstrittener und eher auch fanatisch wirkender Reformator, hinsichtlich der Strenge seiner Lehre erscheint er as Kirchenerneuerer fremd und in gewisser Weise „überholt“. Er war es, der den Humanisten und Gegner des trinitarischen Glaubens, Michel Servet (1511 in Spanien geb.) 1553 auf den Scheiterhaufen in Genf zur Verbrennung führen ließ. Die Hinrichtung löste immerhin Diskussionen unter den reformierten in Genf aus. Vor allem durch diese Untat ist der ohnehin eher spröde wirkende Calvin niemals ein populärer Reformator geworden,. Die Charakterisierung als eines „säuerlichen Gelehrten“ hat sich durchgesetzt. Schlimmer noch empfinden viele kritische Menschen, damals wie heute, Calvins Prädestinationslehre, also die Ideologie, Gott habe im Himmel schon bestimmt, wer gerettet wird und wer nicht… Die freisinnigen Remonstranten („Arminianer“) haben sich dann 1618 von dieser strengen Lehre abgesetzt und für die Freiheit der Menschen auch Gott gegenüber plädiert.
Interessant bleibt, dass sich im Unterschied zur „Lutherischen Kirche“ heute kaum noch eine Kirche sich auf ihren „Stifter“ Calvin namentlich bezieht und „calvinistisch“ nennt. Es hat sich der neutrale Titel „Reformierte Kirche“durchgesetzt mit einem „Reformierten Weltbund“ mit Sitz in Genf. Er versammelt ca. 80 Millionen Gläubige in ca 225 verschiedenen eigenständigen reformierten Kirchen.

14.
Politisch inspirierend und aktuell sind manche Äußerungen Calvins: Etwa:
Für ihn sind Könige auch nur Menschen und als solche Sünder und deswegen auch korrupt: Calvin schreibt: „So ist es sicherer und erträglicher, wenn mehrere Herrscher das Steuerruder halten, so dass sie also einander beistehen, sich gegenseitig belehren und ermahnen. Und wenn sich einer mehr als billig erhebt, eben mehrere Aufseher und Meister da sind, um seine Willkür im Zaume zu halten“.  (12)
Sätze, die den Königen in Frankreich gewiss nicht gefallen haben.
Calvin schwebt offenbar eine repräsentative Demokratie mit deutlich aristokratischen Anstrich – als der Herrschaft der Besten – vor, meint Klaas Prof. Huizing.

Quellangaben:

1:
Jean Delumeau, Histoire de la France, Larousse Paris, 1987, S 103.

2:
Ebd. S.105

3:
„Gegenreformation“ Von Ronnie Po-chia Hsia, (Prof. an der Uni New York, Fischer Taschwenbuch, 1998, S90.)

4:
Histoire de la France, S. 142

5:
Histoire de la France S. 143

6:
ebd.

7:
ebd.

8:
Ebd S. 139

9:
Klaas Huizing, Calvin, edition chrismon, 2008, S. 42

10:
ebd., S. 35

11:
ebd. S. 47.

12:
ebd.S 121, bezogen auf Calvins „Institiutio“, IV 20,8.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

Die vernünftige Religion fördern – den dogmatischen Kirchenglauben überwinden.

Zur Aktualität eines Vorschlags des Philosophen Immanuel Kant.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

(Die Zitate zum Kant-Buch beziehen sich auf die 2. Auflage von „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ , also mit dem Symbol B vor den Seitenzahlen…)

Diese zentrale These Kants wird hier erläutert:
Kant entwickelt in seinem Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ (1793) eine Religion der Vernunft, sie soll den „dogmatischen Kirchenglauben“ und „das herrschende Pfaffentum“, wie er sagt, überwinden. Die Vernunftreligion soll zur Religion der Menschheit werden, denn sie ist in der Vernunft allen Menschen zugänglich. So wird also im Denken selbst eine allgemeine Vernunftreligion konstituiert. Sie hat das Ziel, in der Praxis die Menschen und ihre Welt besser, humaner zu machen. Schon jetzt können religiöse Menschen die Freiheit der Vernunftreligion erleben und sich in einer „unsichtbaren Kirche“ vereint wissen. So können kirchenkritische Menschen eine elementare, einfache Spiritualität der Gott-Verbundenheit bewahren. Diese Spiritualität sieht den wahren Gottesdienst nicht in frommen Liturgien und Andachten, sondern ausschließlich in einer humanen Lebenspraxis. Kant weiß genau, dass diese seine Position den Weisungen Jesu von Nazareth entspricht, man denke an Jesu Gleichnisse („Barmherziger Samariter“) oder an Jesu Rede vom Weltgericht, Matthäus 25,31-46), in der Jesus einzig die guten Taten des Menschen als „letztlich“ entscheidend bewertet…
Kant geht soweit, die Vernunftreligion als den „allein selig machenden Religionsglauben“ (B278) zu bezeichnen.

Warum ist der Hinweis auf Kants Buch heute wichtig?
Kant entwickelt in seinem Denken eine auch der heutigen Problematik (d.h. im Sommer 2022) angemessene Form eines einfachen vernünftigen Glaubens. Das geschieht über die nach wie vor aktuelle Kritik des „Pfaffentums“ (B 277): Für Kant eine zentrale Herausforderung! Er schreibt: “Das Pfaffentum ist also eine Verfassung einer Kirche, sofern in ihrer ein Fetischdienst regiert, welcher allemal da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern Statuten und Gebete, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das Wesentliche dieser Kirche ausmachen“ (B 277). Wie auch immer die Verfassung bzw. die Organisation dieser Kirche sein mag, „sie ist und bleibt doch unter allen Formen immer despotisch. In dieser Kirche herrscht ein Klerus, der der Vernunft entbehren zu können glaubt, weil der Klerus sich als einzig autorisierter Bewahrer und Ausleger des Willens des unsichtbaren Gesetzgebers (Gott)“ versteht. (B 277). Dieser Klerus kann „nicht überzeugen, sondern nur über die Laien befehlen“ (B 278). Die aktuelle Kritik an der römisch-katholischen Kirche findet sich darin wieder.

Die aktuelle Situation:

Von Epochenwende und Zeitenwende ist jetzt ständig die Rede – nicht nur anläßlich des Krieges Russlands gegen die Ukraine. Tiefgreifende Veränderungen sind längst auch in allen Religionen zu beobachten. (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 1.)
Dieser Beitrag bezieht sich nur auf Entwicklungen im Christentum.
Was die Kirchen in Europa und Amerika betrifft: Viele tausend Kirchenmitglieder kündigen ihre Mitgliedschaft auf. In der römisch-katholischen Kirche wird mit aller Traditionsbesessenheit durch den herrschenden Klerus, nicht nur im Vatikan, das alte Gerüst der patriarchalen Kirchenverfassung verteidigt… (Dazu weitere Hinweise in Fußnote 2.)

Die „Entkirchlichung“

Religionssoziologen zeigen: In Europa distanzieren sich die Gebildeten, die Künstler, die Wissenschaftler, die Kritischen, die Frauen im allgemeinen, die Homosexuellen, die jungen skeptischen Menschen, die Armen, die zum Prekariat Verurteilten von den Kirchen. Es findet eine grundstürzende, sehr breite Entkirchlichung statt.
Wichtig ist dabei: Diese hat ihre Ursache nicht nur in der Kritik der klerikalen Institutionen, sondern vor allem in der Abweisung der dogmatischen und moralischen Lehren der meisten etablierten großen Kirchen. Das offizielle Glaubensbekenntnis versteht fast niemand mehr, der Sinn des klassischen Bittgebetes erschließt sich nicht mehr; der Inhalt der vielen alten, aber immer noch gesungenen Kirchenlieder führt in ferne, mysteriöse (Traum) Welten …und so weiter.
Die Krise der Kirchen ist also eine Krise der Kirchenlehren.
Und genau an dieser Stelle wird der Vorschlag des Philosophen Immanuel Kant interessant und wichtig!
So neu ist Kants Vorschlag ja nicht, man bedenke, dass Voltaire energisch eine vernünftige Religion anstelle des klerikalen Kirchenglaubens forderte, (Fußnote 3), dass schon im Umfeld der Reformationen des 16. Jahrhunderts anti-trinitarische Positionen vertreten wurden (etwa von den Sozzinianer), dass bis heute eine protestantische Kirche lebt, die die Bindung an traditionelle Dogmen mit gutem Grund auf ein Minimum reduziert hat (Remonstranten, Fußnote 4).

Kants Vorschlag heute wahrzunehmen, ist also die Entdeckung einer Alternative zu herrschenden Kirchenwelten.

1. Religion bedeutet: Ein moralisch guten Lebenswandel wissen und gestalten.

Immanuel Kant hat in seiner Publikation „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ eine bis heute bewegende Antwort gegeben auf die damals wie heute belastende Krise des Kirchenglaubens: Sein philosophisch begründeter Vorschlag ist radikal: „Alles, was außer dem guten Lebenswandel der Mensch noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden, ist bloßer Religionswahn“ (B 260 in der Ausgabe des Meiner Verlages, Hamburg, 2003). Und weiter: „Nur eine moralische (also dem Kategorischen Imperativ folgende) Herzensgesinnung kann Gott wohlgefällig machen“ (B 239). Und immer wieder diese These: „Die standhafte Beflissenheit zu einem moralisch guten Lebenswandel ist alles, was Gott von Menschen fordert (B 145). Und auch: „Diese Religion kann allen Menschen durch ihre eigene Vernunft fasslich und überzeugend vorgelegt werden“ (B 245). „Sie ist „in aller Menschen Herz geschrieben“ (B 239).

2. Die menschliche Vernunft entdeckt die allgemeine Religion

Kant hat das Buch, eine Aufsatzsammlung mit dem Titel „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ im Jahr 1793 veröffentlicht. Der Titel zeigt von vornherein: Hier wird Religion aus der allgemeinen menschlichen Vernunft entwickelt. Das Vorhaben ist ein geradezu revolutionärer Einschnitt innerhalb der Religionsgeschichte bzw. der Christentumsgeschichte, wobei es Beziehungen dieser Vernunftreligion zum Kirchenglauben gibt, dies wird später erläutert.
Man könnte den Titel von Kants Buch übersetzen: „Die Religion, die die Vernunft von sich aus mit ihren eigenen Möglichkeiten entwickelt“.

Dieses Buch macht einmal mehr deutlich: Kant ist alles andere als ein Feind der Religionen und der Gottesfrage, wie oft in populären Missverständnissen behauptet wird. Kant hat sich die mühevolle Freiheit genommen, in einem autoritär regierten Preußen unter Friedrich Wilhelm II., einem vielen spirituellen Absonderlichkeiten zuneigenden Herrscher, dieses besondere Buch zu veröffentlichen: Es weist mit Argumenten über die alte Welt der Kirchen als Institutionen hinaus. Die Aktualität haben schon viele Zeitgenossen Kants wahrgenommen. „Eine neue Auflage schon nach einem Jahr und zahlreiche Raubdrucke belegen das Interesse, das bis zum Tod Kants 1804 anhalten wird“, schreibt die Herausgeberin der genannten Ausgabe, die Philosophin Bettina Stangneth (Seite XI.)
Das Buch ist „ein ungemein vielschichtiges Werk und das auch gemessen an der ohnehin großen Komplexität Kantischer Schriften Überhaupt“, so Bettina Stangneth, (S. LIX.)

Der Kant-Text ist für heutige LeserInnen von der sprachlichen Konstruktion her oft nicht leicht zugänglich. Aber die Mühe der Lektüre wird belohnt durch neue Einsichten und Perspektiven, welche Auswege es gibt angesichts des aktuellen Niedergangs der Kirchen, der Klerusherrschaft und der Bindungen an viele Dogmen und Gesetze…
Hier wird nur ein kurz gefasster systematischer Durchblick durch das Buch geboten, dabei wird das „Dritte Stück“ (B 127 ff). und das „Vierte Stück“ (B 225 ff.) besonders beachtet.

3. Gegen den „Fronglauben“ (d.h. gegen einen Kirchenglauben, der sklavisch von den Laien nur Gehorsam verlangt).

Weil Kant die starke kontrollierende Macht der Kirchen, ihren Einfluss auf die Seelen der Menschen, kennt, kann er nur von einem „allmählichen Übergang“ vom Kirchenglauben zur allgemeinen Vernunftreligion sprechen (B 181).
Die umfassende „Errichtung dieser Vernunftreligion“ sieht Kant sogar noch in „unendlicher Weite von uns entfernt“ (ebd.) Das ist aber für Kant überhaupt kein Hindernis, diese Alternative dieser neuen „Weltreligion“, wie er sagt , im Denken zu fördern. Denn es steht allen Menschen jetzt sofort frei, die Vernunftreligion in sich selbst zu entdecken. Es sind in den Worten Kants vor allem die „natürlich-ehrlichen Menschen“, „welche die Religion nicht (wie die frommen Heuchler) zur Ersetzung, sondern zur Beförderung der Tugendgesinnung, die in einem guten Lebenswandel tätig erscheint, in sich aufnehmen“( B 313).
Diese „natürlich- ehrlichen Menschen“ bilden in ihrem moralischen Leben die unsichtbare Kirche, wie Kant sagt, auf das Thema wird noch einmal zurückzukommen sein.
Leider deutet Kant in seiner Kritik an faktischen Glaubensformen eine Art religiöser Ideologie nur an: Er spricht vom „Eigennutz, als dem Gott dieser Welt“ (B 243) … der Egoismus ist also der herrschende Götze dieser Welt.

Die Vernunftreligion soll die Menschen zu einem moralischen Leben inspirieren, ohne Moral (im Sinne des „Kategorischen Imperativs“) wird kein Frieden auf Dauer möglich sein. Erst wenn alle Menschen moralisch gut leben, also in ihrer Gott wohlgefälligen allgemeinen Vernunft-Religion leben, entsteht auch der „ethische Staat“, als ein Ziel der Weltgeschichte.

4. Der Inhalt des allgemeinen Vernunftglaubens.

Für Kant steht fest: Wer Gott als solcher ist, sozusagen in seinem eigenen, „inneren“ Leben, kann sich der Menschen im Denken nicht erschließen. Die Philosophen können nur sagen, „was Gott für uns als moralisches Wesen sei“, (B 211), also: wie der Mensch in der Beziehung zu Gott eher fragmentarisch Gott wahrnehmen kann. Aller Hochmut der klerikalen Dogmatiker ist damit gebrochen.

Diese drei Lehren gehören für Kant zu seinem allgemeinen Vernunftglauben, es sind Sätze, die sich in der Reflexion des Menschen auf sich selbst als endlichem geistigen Wesen zeigen:

„Erstens: Der allgemeine wahre (vernünftige) Religionsglaube ist der Glaube an Gott als den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erde. Das heißt auch: Gott als moralisch heiligen Gesetzgeber wahrnehmen.
Zweitens der Glaube an Gott als den Erhalter des menschlichen Geschlechts, als gütigen Regierer und als moralischen Versorger der Menschheit.
Und drittens der Glaube an ihn als den gerechten Richter“ (B 211), ein Gedanke, der wichtig ist im Zusammenhang der Unsterblichkeit der Seele der Menschen.

Man könnte diese drei Grundsätze auch übersetzen, etwa in dem einen Satz:
Der Mensch sieht sich in seiner Vernunft von einer transzendenten, göttlich zu nennenden Wirklichkeit getragen; sie ruft zum humanen Handeln in dieser Welt auf, sie lässt dabei den Lebenssinn aufscheinen und die Grenze des endlichen Daseins im Denken überschreiten.

5. Was bleibt von den Traditionen des Kirchenglaubens?

Für Kant ist der Hinweis auf den allen Menschen immer zugänglichen Vernunftglaubens auch ein Akt der Befreiung. Er sieht den Kirchenglauben sehr kritisch, wenn er auch weiß, dass viele Menschen noch gar nicht in der Lage sind, sich aus den volkstümlichen kirchlichen Traditionen und Regeln und Weisungen zu befreien. Für die Verhinderung einer tiefgreifenden Reformation sieht Kant das„Pfaffentum“ (B 311) verantwortlich, am wichtigsten bleibt es, das Pfaffentum zu überwinden Pfaffentum ist die angepasste, „usurpierte“ Herrschaft der Geistlichkeit über die Gemüter, weil die Pfaffen meinen, „dass sie im ausschließlichen Besitz der Gnadenmittel“ sind (ebd.)

Kant lehnt also entschieden die „angemaßte alleinige Rechtgläubigkeit der Häupter einer Kirche“ (B 156) ab, weil sie behaupten, von Gott unmittelbar Befehle der Herrschaft empfangen zu haben (B 140). Der Klerus machte sich seine Wahrheiten selbst, sie führen ihn dazu, so genannte Ungläubige und Irrgläubige zu verfolgen (ebd.).
Aber die Vernunft zeigt: Die angeblich göttlichen Gesetze der Kirche sind nichts als Menschenwerk (B 150), sie beziehen sich etwa auf biblische Erzählungen angeblich historischer Geschichten. Diese Bindung an eine äußere Geschichtenerzählungen (angebliche „Fakten“) deutet Kant, modern gesprochen, als Entfremdung des religiösen Bewusstseins.. Der Kirchenglauben führt also , so Kant wörtlich, zu „Blödsinn des Aberglaubens und Wahnsinn der Schwärmerei“ ( B 143.)

Dieses deutliche Urteil heißt aber nicht, dass in dem allgemeinen Vernunftglauben nicht auch bestimmte Traditionen des Kirchenglaubens in neuer Interpretation (!) erhalten bleiben können. Das ist wichtig, weil sonst die Vernunftreligion als völlig abstrakte Erfahrung erscheinen mag. So wird etwa der „Kirchgang“, also die Teilnahme an Gottesdiensten in den Kirchen (B 308), neu gedeutet: Der Kirchgang ist für Kant kein „Gnadenmittel“, so, als könne sich der Mensch etwa durch häufigen Besuch der Messe die Gnade Gottes erwerben. Der Kirchgang dient hingegen lediglich der Erbauung des einzelnen, aber auch der „Darstellung einer Gemeinschaft der Gläubigen“.
Das Thema geistliche Erbauung führt wieder zur Frage, welchen Sinn hat noch das Beten? Kant betont: Mit seinen Gebeten macht der Mensch Gott keine Freunde; der Mensch soll bloß nicht glauben, Gott durchs Beten sympathisch zu stimmen. Beten ist menschlich gesehen nur der ausdrückliche Wunsch, „Gott in allem Tun und Lassen wohlgefällig zu sein“ (B 302), d.h.: Es geht also um den Erwerb einer menschlichen Gesinnung, sie will mit Gott verbunden leben, und das heißt: Den Weisungen der Vernunft, in der Gott spricht, zu entsprechen.
Jesus Christus wird als Lehrer des Evangeliums verstanden, das in sich auch moralische Weisungen enthält, die in einer allgemeinen Vernunftreligion wichtig sind. Für den Weisheitslehrer Jesus von Nazareth waren nicht Gesetze, Statuten („statutarische Religion“) wichtig, sondern allein die moralische Gesinnung der Frommen. Dafür bietet Kant viele Beispiele (B 240)

6.
Aus dem Kirchenglauben entsteht – langsam – die vernünftige Religion.

Es ist keineswegs so, dass Kant den Kirchenglauben und die Vernunftreligion als völlig getrennte Welten sieht. Der Kirchenglaube geht, die Geschichte betrachtend, der Vernunftreligion voraus. Aber schon im Kirchenglauben leben Fragmente der Vernunft: Sie wird gestaltet, weil jeder Mensch, auch der kirchlich Glaubende, eben doch immer auch ein Vernunftwesen ist, in unterschiedlichen Stufen der Reflexion freilich.
Es kann sich also langsam die Vernunftreligion im Auszug und Abschied vom Kirchenglauben bilden.

7. Worauf kommt es Kant an? Die „wahre unsichtbare Kirche“.

Dieses Projekt einer aus allen historischen Kirchen entstehenden Vernunft – Religion nennt Kant das Entstehen einer unsichtbaren Kirche (B 142), sie ist die „Vereinigung aller rechtschaffenen Menschen unter der moralischen Weltregierung“. Diese unsichtbare Kirche kennt keine leitenden Kirchenbeamten , sondern ein jedes Mitglied dieser unsichtbaren Kirche „empfängt unmittelbar von dem höchsten Gesetzgeber (Gott) seine Befehle (B 227). Alle wohldenkenden Menschen werden dann Diener dieser Vernunftreligion bzw. der unsichtbaren Kirche, „doch ohne dabei Beamte zu sein“, fügt Kant hinzu.
Die Idee einer unsichtbaren Kirche ist alles andere abwegig, wenn man bedenkt, wie viele Menschen, aus moralischer Gesinnung, wie Kant sagen würde, heute aus der Verpflichtung der Menschlichkeit, sich für die Menschenrechte einsetzen. Die Liste der authentisch – humanitären Organisationen, Gesellschaften und Gemeinschaften und NGOs ist lang: Warum sollte man nicht meinen, diese solidarischen Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen, Sprache und Herkunftsreligionen bilden eine Art menschliche Gemeinschaft über alle Grenzen hinweg, verpflichtet den grundlegenden Weisungen der Humanität? Bilden sie also eine „unsichtbare Kirche“?
Leider haben die sichtbaren Kirchen es bisher versäumt, mit den Mitgliedern dieser unsichtbaren Kirche in ein theologisch explizites Verhältnis der Begegnung etc. zu kommen.

8. Kants Vorläufer! Vor-Denker!

Wenn Kant die Vernunftreligion als die Religion der einen Menschheit versteht, hat er durchaus Vorläufer. Man könnte an Voltaire denken, aber auch viel weiter bei Mystikern fündig werden, etwa bei Meister Eckart und seiner Lehre vom göttlichen Funken in der Seele der Menschen oder man denke an den großen modernen Mystiker Thomas Merton, er schreibt:“Was dem Christentum zugrunde liegt ist nicht einfach eine Anzahl von Glaubenssätzen von Gott…. Ganz im Gegenteil: Die Christen versäumen es nur allzu oft zu erkennen, dass der unendliche Gott in ihnen wohnt, so dass Er in ihnen ist und sie in Ihm sind“. (in Thomas Merton, „Sich für die Welt entscheiden“, Arbor Verlag, 2009, S 59).

9. Die Aktualität

Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ ist eine Aufforderung, über das festgefahrene System der Kirchen hinauszudenken, und eben auch alternativ im Sinne der Vernunftreligion zu handeln. Kants Schrift, heute eher nur bloßes Studienobjekt einiger PhilosophInnen oder „Kantianer“, ist eine Einladung, weiterzudenken:Welche Spiritualität können spirituell interessierte leben in den Krisen der Kirchen.
Die Vorschläge Kants sind natürlich weiterzuentwickeln: Wie können etwa Gesprächskreise, kleine Haus/Salon-„Gemeinden“ entstehen von Menschen, die sich der einfachen Vernunftreligion verpflichtet wissen? Wie können vielfältige religiöse Texte, auch Bibeltexte, vernünftig interpretiert, einbezogen werden in diese einfache Vernunftreligion? Dass die FreundInnen dieser „einfachen Vernunftreligion“ auch politisch sich einbringen (sollen), steht ebenso fest, ihre besondere Solidarität gilt den vom Neoliberalismus und Kapitalismus ausgegrenzten und leidenden Menschen in der Nähe genauso wie in der Ferne. Sie wissen sich verpflichtet, es nicht zuzulassen, dass die Menschen in der Klimakatastrophe in den Abgrund stürzen und Gottes Schöpfung dem Nichts ausliefern…

10. Was fehlt?
Dieser Hinweis bietet keine umfassende Auseinandersetzung mit Kants Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Es fehlt hier die Auseinandersetzung mit Kants Darstellung des Judentums (etwa B 190). Kant stellt zum Beispiel die problematische These auf, das Christentum habe das Judentum „verlassen“, also überwunden. Die Herausgeberin des Buches, Bettina Stangneth, hat sich in anderen Publikationen ausführlich mit der Frage befasst, ob Kant als ein Antisemit zu betrachten sei, ob er sogar für Auschwitz verantwortlich sein könnte, wie manche abwegig behaupten. In einer Rezension zu der Studie „Antisemitismus bei Kant…“, Würzburg 2001 heißt es: „Die Autorin (Bettina Stangneth) legt jedoch überzeugend dar, dass diese Annahme irrig ist, da Kants antisemitische Äußerungen weniger in seinem aufklärerischen Vernunftverständnis als in tiefsitzenden, sozialisatorisch erworbenen Vorurteilen begründet sind. Seine antisemitischen und antijudaistischen Motive seien nicht so sehr im Zentrum seines Aufklärungsdenkens zu verorten, sondern beruhten größtenteils auf Gedankenlosigkeit“ (Quelle: https://literaturkritik.de/id/4505).

11. Das große Projekt
Es ist dringend, über Alternativen zum herrschenden, aber langsam in die Minderheiten-Position abrutschenden Kirchenglauben intensiv nachzudenken. Die schönsten Kirchengebäude, Kathedralen, werden sehr oft von sehr vielen nur noch als Museen wahrgenommen. Was Gebet, human – vernünftig sein könnte, wissen die wenigsten. Der Klerus klammert sich an seine Privilegien, aber er stirbt aus, mindestens in Europa und so weiter.
Wenn man den Mut hätte, einmal Bilanz zu ziehen, was die Kirchen im Laufe ihrer Geschichte alles angerichtet haben, an Gutem und Schlechtem, wird man – ernüchtert angesichts der dunklen, teils grauenhaften Kirchengeschichte- mit allem Nachdruck sich der Frage stellen müssen: „Wie lässt sich die allgemeine Vernunftreligion“ beleben, als neue religiöse Form der Verbundenheit mit Gott und dem Weisheitslehrer Jesus von Nazareth.
Aber: Bei der noch faktischen Macht der sterbenden und immer unglaubwürdiger werdenden Kirchen werden diese hier genannten Fragen sicher noch ein paar Jahre von den kirchlich immer gebundenen Theologen ignoriert, indem man wider besseren Wissens nach wie vor behauptet: Kant sei doch ein Feind des Christentums gewesen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Kants Vernunftreligion „rettet“ förmlich das Christentum für heute und morgen.

Fußnote 1:
Buddhisten sind längst nicht, wie viele mein(t)en, a priori friedlich und freundlich, siehe das häßliche Gesicht des Buddhismus in Myanmar. In den verschiedenen Traditionen des Islam ist ein schwacher Widerstand gegen das herrschende fundamentalistische, also menschenrechtsfeindliche Tendenzen nicht zu übersehen. Im Judentum korrigieren liberale und reformerische Organisationen das Bild einer allmächtigen jüdischen Orthodoxie in Israel.

Fußnote 2:
Kräfte, die grundlegende Reformen, also eine Reformation des Katholizismus dringend verlangen, werden eingeschüchtert und abgewiesen. Das Gemeindeleben ist in vielen katholischen Gemeinden nahe dem Nullpunkt, weil nach katholischer Dogmatik nur ein zölibatärer Priester die Messe in den Gemeinden feiern, aber dieser zölibatäre Klerus stirbt aus, das wissen die obersten Kleriker, inklusive Papst, aber sie lassen sehenden Auges zu, wie die Gemeinden, also Formen des sozialen Miteinanders, aufgrund dieser Klerus-Fixierung sterben.
Die Liebe des Klerus zu volkstümlicher Frömmigkeit ist bis heute ungebrochen, etwa Wallfahrten, Heiligenverehrung, Kulte um heilige Knochen, Reliquien genannt usw. An die Verbrechen vieler Priester, „sexueller Missbrauch“, soll nur erinnert werden. Die römisch-katholische Kirche ist insgesamt ungläubig geworden.
Die evangelischen Kirchen werden immer mehr vom Geist des Evangelikalen geprägt, der die wortwörtliche Deutung der Bibel bevorzugt und die Sexual-Moral des 19. Jahrhunderts für „typisch christlich“ hält. Man denke auch daran, das bis heute weite Kreise der Evangelikalen in den USA zu den heftigsten Verteidigern von Trump bzw. der reaktionären Republikanischen Partei gehören.
Was die Orthodoxen Kirchen angeht, so ist deren Bindung an die nationalen und nationalistischen Ideologien ihrer „Stammländer“ im Osten Europas nicht zu übersehen, der oberste Kleriker Russlands, Patriarch Kyrill I. von Moskau ist als theologischer Kriegstreiber ein Verteidiger der mörderischen Aktionen des sich orthodox nennenden Staatschefs Putin.
Diese Andeutungen zur aktuellen Situation des Christentums müssen genügen, von Afrikas Kirchen wäre zu sprechen, von der dort herrschenden Macht der bunten Fülle evangelikaler Kirchen und der Pfingstgemeinden.

Fußnote 3: zu Voltaire: LINK

Fußnote 4: Remonstranten, Link zum Glaubensbekenntnis.

Immanuel Kant, „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Felix Meiner Verlag Hamburg, 2003, mit einer Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Bettina Stangneth. 368 Seiten., 22,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche“

Die aktuelle Kirchenkritik des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
„Gegen den Strich“ („A rebours“) ist das wichtigste und bis heute am weitesten verbreitete Werk des französischen Schriftstellers Joris-Karl Huysmans (1848-1907). Er wollte, wie er später sagte, mit dem Roman „um jeden Preis etwas Neues schaffen“, einen Text, der die Mentalität des „Fin de Siècle“ widerspiegelt und reflektiert.
Der Roman, 1884 veröffentlicht, wurde mit vielen Begriffen “eingeordnet”, darunter „Literatur der Dekadenz“… Michel Houellebecq hat sich in seinem Roman „Unterwerfung“ mehrfach auf Huysmans bezogen und durchaus eine Huysmans-„Renaissance“, auch in Deutschland, angestoßen… Der Roman hat autobiographischen Charakter.

2.
Manche haben „Gegen den Strich“ („A rebours“) einen Anti-Roman genannt, und sie können sich dabei auf Huysmans Äußerungen beziehen. Er sagte 1903 (im Vorwort zur zweiten Auflage des Buches), die „Romanform hätte er nur als Rahmen benutzt für ernstere Themen“. Das heißt: Der Roman enthält auch sozusagen Fragmente sachlicher Essays.

3.
Eines dieser „ernsteren Themen des Romans“ mit 16 Kapiteln ist die katholische Kirche. 1884 hatte sich Huysmans noch nicht explizit der katholischen Kirche angeschlossen, das wurde erst deutlich in seinem Roman „Unterwegs“ (1895). Von 1899 bis 1901 lebte er als Laienmitglied („Oblate“) in einem Haus des Benediktinerklosters Ligué bei Poitiers. Aber er war schon als junger Autor 1884 stark an religiösen Fragen interessiert, die ihn auch zu esoterischen Erfahrungen führten, dargestellt etwa in dem Roman „Là-Bas“, der auch sein Interesse am Satanismus dokumentiert.

4.
Zu den „ernsten Themen“ des Romans „Gegen den Strich“ gehört also die Kirchenkritik im 16. Kapitel, sie äußert der Protagonist des Romans, Des Esseintes, aber in dessen Urteil wird die Position Huysmans sichtbar. An dessen Kirchenkritik heute, 2022, zu erinnern ist wichtig, weil es immer noch überraschend ist, wie spirituell interessierte Autoren in Frankreich vor der radikalen Trennung von Kirchen und Staat dort (1905) den Katholizismus grundlegend kritisierten. Huysmans hat seine heftige Kirchenkritik im Roman „Gegen den Strich“ auch nach seiner „katholischen Wende“ verteidigt, deutlich im Vorwort zur zweiten Auflage 1903. (vgl. das Nachwort von Ulla Komm in der deutschen Ausgabe des Romans, DTV 2021, S. 264).

5.
Aus aktuellen Gründen also ist es interessant zu sehen, wie Elemente heutiger Kirchenkritik sich schon in einem Roman von 1884 wiederfinden. Trotz einiger Reformen des 2. Vatikanische Konzils (1962-65) wurde keine grundlegende Reformation eingeleitet: Die Allmacht des männlichen Klerus ist bis heute ungebrochen.
Die kritische Position Huysmans ist sogar eher konservativ geprägt! Huysmans verabscheut die „Gewinnsucht“, „diesen pekuniären Juckreiz“ des Klerus (S. 255). „Die Klöster hatten sich in Fabriken für Pillendreher und Likörhändler verwandelt“. (Man denke heute an die Brauereien mancher Klöster)….Der Autor geht förmlich, als empirischen Beleg, fast alle Orden und Klöster durch, also nennt er etwa (S. 255) die Schokolade aus dem Kloster Citeaux, den Likör der Trappisten, den Likör der Benediktiner, den „Chartreuse“ der “Ordensbrüder des heiligen Bruno“, also der Kartäuser, usw.

6.
„Wie die Lepra zerfraß die Gier die Kirche, beugte die Mönche über Verzeichnisse und Rechnungen“… „Der Handel war in die Kirche eingedrungen, wo „anstelle der Choralbücher dicke Rechnungsbücher auf den Pulten lagen“ (S. 255).
Man schaue sich heute, zum Studium der aktuellen Lage, etwa die Etats der großen Klöster und Stifte in Deutschland oder Österreich oder Belgien an, falls überhaupt Informationen zur „Finanzlage“ dieser sich „arm“ nennenden Mönche publiziert werden. (Fußnote 1) Man denke daran, dass etwa der Orden der „Legionäre Christi“, gegründet von dem allgemein als Verbrecher bewerteten Pater Marcial Maciel, in der spanischen Welt treffend und zurecht als „Millionarios Christi“ bezeichnet usw…
Und man lese als eine aktuelle Fortsetzung zur Gier des (vatikanischen usw.) Klerus die faktenreiche Studie des italienischen Vaticanologen Emiliano Fittipaldi „Avaricia“ („Habsucht“) über die Finanz-Skandale im heutigen Vatikan (Editionen Akal, Madrid 2015).

7.
Huysmans schreibt die entscheidenden, heute gültigen Worte: „Es sind nicht einmal die Physiologen (Naturwissenschaftler und Materialisten, CM) oder die Ungläubigen, die den Katholizismus zertrümmern, es sind die Priester persönlich, deren ungeschickte Werke noch den festesten Glauben ausrotteten“ (S. 257).

8.
Diese Zitate sind Reflexionen des Protagonisten Des Esseintes im Roman „Gegen den Strich“. „Für ihn (den Suchenden, Verzweifelten, sicher auch seelisch Belasteten) gab es entschieden „keinen Ankerplatz, kein Ufer“ mehr, heißt in den letzten Zeilen des Romans (S. 258).

9.

Angedeutet wird in dem Roman eine gewisse,  im allgemeinen sich eher verklemmt äußernde Homosexualität des Protagonisten. Im 9.Kapitel des Romans hingegen wird deutlich von einer Begegnung des Esseintes mit einem jungen Mann in Paris berichtet: “Aus dieser zufälligen Begegnung war eine fordernde Freundschaft entstanden, die monatelang anhielt” (S. 133). Aber an diese erotisch geprägte Freundschaft kann  des Esseintes nur “mit Erschauern” zurückdenken. Sie war für ihn ein “verlockendes und unerbitterliches Joch”, weil er als frommer Katholik und Jesuitenschüler die Abhandlungen der Theologie “über die Verstöße gegen das sechste und neunte Gebot” (S. 133) verinnerlicht hatte. Die sexualethischen Forderungen der Kirche und ihrer Theologen erscheinen ihm als “außermenschliches Ideal”, das keine Befreiung bringt, sondern sogar eher  “das gesetzeswidrige Ideal der Wolllust nährt” (ebd.).

Nebenbei: Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer weist in seiner Studie  “Außenseiter” (Suhrkamp 1981, S. 262) , darauf hin, dass es durchaus Anregungen Huysmans auf Oscar Wilde in dessen Konzeption von “Dorian Gray” gegeben hat. Ausführlicher zur Homosexualität im Werke Huysmans und  im Roman “Gegen den Strich”: Ein Beitrag von Patrick Mimouni:     LINK

 

Fußnote 1:
Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw. Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen sind Stifts-Eigentum und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat.
Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat z.B. 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit relativ gesehen bescheidenen Spenden gedacht (Quelle: Spenden des Klosterneuburg:
http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/
Zu Saft Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreich: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Widerspruch zu der These:„Es gibt keinen (christlichen) Glauben ohne einen ihn tragende Institution“.

Diese These wird behauptet in PUBLIK FORUM, Ausgabe 8.Juli 2022, Seite 10. Sie ist im Zusammenhang der Kirchenaustritte in Deutschland formuliert, der Titel des Beitrags „Das große Kirchensterben“.

Diese These finde ich in mehrfacher Hinsicht falsch:

1.
Der Glaube (gemeint ist im Beitrag immer der christliche) wird theologisch in allen Konfessionen als ein Geschenk Gottes an die Menschen, also als Gnade, bezeichnet. Aber auch, und das ist genau so wichtig: Christlicher Glaube wird zugleich möglich durch das Bemühen der Menschen, als Fragen und Suchen nach Gott.

2.
Für die Zurückweisung der These ist der zweite Aspekt entscheidend: Denn Suchen und Fragen nach Gott kann der Mensch immer auch ohne eine kirchliche Institution. Von „tragender Institution“ ist ja in der These die Rede. Was auch immer das Bild von der „tragenden Institution“ meinen mag: Eine Institution (wer denn innerhalb der Institution?) soll unseren Glauben „tragen“…

3.
Ich betone: Wer den Gott der Christen und die Bindung an ihn, den Glauben an ihn sucht, kann die Bibel lesen, vor allem mit Kommentaren der Bibelwissenschaft die Texte richtig und zeitgemäss verstehen. Er oder sie kann Texte der Mystiker lesen (Meister Eckart, Thomas Merton, Dietrich Bonhoeffer usw.) und sich auf neue Denk – und Lebensweg führen lassen.
Wer sich von der Weisheitslehre, der „Lebensphilosophie“ des Neuen Testaments ansprechen lässt, kann, als Experiment sozusagen, eine Glaubenspraxis beginnen, also die Nächstenliebe leben und meditativ beten. Durch das Studium und das Leben nach den praktischen Weisungen des Neuen Testaments kann sich dann die Kraft oder auch die Kraftlosigkeit des christlichen Glaubens erschließen. Und der Mensch kann sich dann auch sagen: Dieser Lebensweisheit, in Vielfalt formuliert im Neuen Testament) will ich gern folgen: Dann beginnt das, was man „christlichen Glauben“ nennt.

4.
Der christliche Glaube hat nicht tausendundeinen Inhalt oder gar hunderte von Paragraphen eines Katechismus. Der christliche Glaube hat nur die eine Erkenntnis: Der Mensch sieht sich in seinem Geist verbunden mit einem unendlichen Geheimnis, das viele spirituelle Menschen mit dem Symbol „Gott“ nennen. Dieses Verbundensein mit einem unendlichen Lebensgeheimnis wird immer wieder fragmentarisch entdeckt in der Nächstenliebe, im Eintreten für Gerechtigkeit und in der meditativen Praxis, auch in der Poesie des Gebetes, aber auch im Hören von Musik, in der Auseinandersetzung mit Kunst usw.

5.
Es wäre in meiner Sicht verheerend, gerade in diesen Zeiten des radikalen kirchlichen Umbruchs, also des Auszugs vieler hunderttausend Christen aus den Kirchen, der These folgend, die Bindung des Glaubens an eine „ihn tragende Institution“ zur notwendigen Bedingung des Glaubens und des Glaubenskönnens zu machen.

6.
Diese These ist auch deswegen falsch, weil die Institution, also die römische Kirche, insgesamt als „tragende Institution“ überhaupt nicht mehr glaubwürdig ist, weil sie nicht mehr den freien Glauben eines reifen Menschen ermöglicht und fördert. Diese Kirche wird auch unter dem unentschiedenen, manchmal etwas reformerischen, manchmal etwas traditionell-volkstümlichen Papst Franziskus eher als unbelehrbarer, nicht reformierbarer klerikaler Verein erlebt. Die vielen Belege dafür müssen hier nicht wiederholt werden.

7.
Darum gilt diese Ermunterung, persönlich formuliert: „Du brauchst als glaubender Christ keine tragende Institution. Wenn dich „einer“ trägt, dann ist es das „göttliche Lebensgeheimnis“. Es kann aber sein, dass du Menschen triffst, mit denen du über deine religiösen Lebenserfahrungen sprechen kannst.“
Dann sind dies die „zwei oder drei versammelt“, von denen Jesus sprach, suchende, zweifelnde, glaubende Menschen, die sich in seinem Namen versammeln, das heißt an ihn denken, die Texte des Neuen Testaments kritisch lesen, Jesus von Nazareth als einen Lehrer der Weisheit schätzen und in seinem Sinne zur meditativen Stille finden, zu einem unzeitgemäßen Leben in dieser verrückten Welt und zur bescheidenen gemeinsamen Feier bei Brot und Wein, natürlich ohne herrschenden Klerus…

9.
Nein, liebe „Ausgetretene“ und Fragende, Zweifelnde…ihr braucht wirklich NICHT diese tragende kirchliche Institution. Die römische Kirche als System trägt euch spirituell nicht, sie ignoriert euch, besonders die Frauen und die Homosexuellen, die Armen zumal, denen man caritativ spendet, aber oft nicht politisch zur Befreiung beisteht. Das schließt nicht aus, dass innerhalb der Kirche doch viele authentische Christen leben, deren Interesse mehr am Wohl der Menschen, der Armen zumal, liegt als am Befolgten von Dogmen und moralischen Weisungen der angeblich „tragenden Institution Kirche“.

10.
Viele sprechen jetzt zurecht von einer grundlegenden, grundstürzenden Zeitenwende. Diese Zeitenwende ist nach den vielen Skandalen, der Reformationsunfähigkeit der Römischen Kirche, der bleibenden Allmacht des Klerus usw. im Katholizismus längst geschehen.
Diese Zeitenwende ist DA, man muss sie nur erkennen und als solche aussagen. Diese Zeitenwende bedeutet inhaltlich: Es gibt christlichen Glauben auch ohne eine „tragende Institution“. Wer zu glauben versucht, findet im Alltag Menschen (vielleicht eine Gemeinschaft), mit denen er Lebens – und Glaubenserfahrungen austauschen kann.
Andererseits sollte es als Antwort auf die Zeitenwende viele offene Gesprächsforen geben, „philosophische Salons“ außerhalb der Kirchenmauern, wo sich unterschiedlich suchende und fragende Menschen zum Gespräch, zur „Begegnung“ treffen. Und diese Gesprächsforen können sich dann zu kleinen „Gemeinden“ entwickeln, zu Kreisen der Freundschaft und des Dialogs und der Hilfsbereitschaft. Diese Gruppen werden sich vernetzen mit sozialkritischen NGOs oder auch spirituellen Gruppen, etwa des Buddhismus, um die Begrenztheiten eines nur christlichen Lebens zu überwinden.

11.
Angesichts der radikalen Zeitenwende sind also radikale Formen des spirituellen Neubeginns wichtig. Die alten kirchlichen katholischen Institutionen erscheinen oft nur noch als finanziell gutausgestattete, aber noch halbwegs zusammengeflickte Skelette einer Institution, die gerade nicht mehr trägt, nicht mehr tragen kann, sondern die die Menschen fallen lässt, weil diese von Männern beherrschte Institution Antworten gibt, die keiner mehr versteht. Diese Kirchen-Institution reicht viel zu oft Steine statt Brot als spirituelle, d.h. menschlich-hilfreiche Nahrung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.