Sexueller Missbrauch: Pater Marcial Maciel: Schon seit 1943 waren seine Untaten im Vatikan bekannt

Der sexuelle Missbrauch durch Kleriker wird immer umfassender

Von Christian Modehn
Vorweg eine Erinnerung: 1998 fahren zwei Missbrauchsopfer von Pater Maciel (Arturo Guzmán und José Barba Martin) nach Rom,sie treffen sich mit dem Untersekretär der Glaubenskongregation Gianfranco Girotti, sie beantragen bei ihm selbst ein Verfahren gegen den Täter Maciel(als solcher im Vatikan seit 1954 bekannt). Sie erfahren ein Jahr später, dass ihre Klage im Vatikan „ruht“. 2004 feiert Maciel mit allem Pomp im Vatikan sein 60. Priesterjubiläum. Erst im Dezember 2004 leitet Kardinal Ratzinger ein Verfahren gegen Maciel ein. 6 Jahre lang also eine deutliche Vertuschung der Verbrechen. Der Vatikan -Spezialist Marco Politi erinnert daran, („Benedikt,Krise eines Pontifikats“,Berlin, 2012, Seite 382),dass der Vatikan schon die Untersuchungen des pädophilen Kardinals Groer, Wien, stoppte!
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Über Pater Marcial Maciel, den Gründer des katholischen Ordens „Legionäre Christi“ und der Laienbewegung „Regnum Christi“ wurde ausführlich berichtet, seit etwa 12 Jahren vor allem auf dieser website. Die deutschen Theologen an den Universitäten hielten sich bis jetzt bei dem Thema angstvoll zurück. Denn die Legionäre Christi sind immer noch sehr mächtig und sie haben sehr (!) viel Geld…

Hier kann nur an einige Tatsachen erinnert werden: Den ständigen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und jungen Erwachsenen durch den Ordenspriester und tatsächlich so genannten „Generaldirektor“ seines Ordens Pater Maciel; sein zölibatäres Doppelleben mit Frauen und die Zeugung von Kindern; die maßlose finanzielle Gier, die Verlogenheit, sein frommes Gehabe, “Christus ist mein Leben“, heißt eines seiner Bücher; seine tiefe und innige Freundschaft mit dem jetzt Heiligen polnischen Papst Johannes Paul II, dieser Papst war sich nicht zu schade, öffentlich Pater Maciel „ein Vorbild der Jugend“ zu nennen, auch mit Kardinälen im Vatikan, in Mexiko, in Spanien hatte Maciel innige „reiche“ Beziehungen usw.

Doch nun gibt es etwas Neues: Der für das Ordensleben weltweit zuständige Kardinal Joao Braz de Aviz im Vatikan muss nun öffentlich zugeben: Schon seit 1943 war es dem Vatikan, den dortigen Behörden, also auch wohl dem damaligen Papst (Pius XII.) bekannt, welche Untaten Pater Marcial Maciel praktizierte, für weitere aktuelle Informationen klicken Sie hier. Der Vatikan schwieg, nur von 1956 bis 1959 wurde er aus Rom entfernt, vor allem wegen eklatanter Drogenabhängigkeit; man „untersuchte“ seinen „Fall“, fand aber – wie zu erwarten – nichts Schlimmes. Schlimm waren für den Vatikan und die Bischöfe nur die wenigen so genannten linken Priester und die Arbeiterpriester. Ein sexueller Verbrecher aber wurde, weil sehr wohlhabend, und nach außen sehr dogmatisch orthodox, geschont. So konnte Maciel 1959 zurück nach Rom und sein Treiben fortsetzen. Es gab etliche sehr deutliche Stellungnahmen von Opfern der sexuellen Gewalt durch Pater Maciel, vor allem von ehemaligen Ordensmitgliedern; aber nichts geschah. Und erst kurz nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. konnte Papst Benedikt XVI. den alten Priester Maciel, den er nach einigen Recherchen öffentlich einen Verbrecher nannte, höflich bitten, sich doch bitte bitte zurückzuziehen und den Mund zu halten. An eine Überstellung des selbst von ihm selbst, dem Papst, bezeichneten Verbrechers an die staatlichen Justizbehörden dachte Papst Benedikt XVI. gar NICHT. Auch diese Verbrechen sollten also wie üblich kirchenintern behandelt werden. Maciel aber bleibt nach dieser so freundlichen Behandlung durch den Papst nicht, wie befohlen, in Rom, sondern fliegt in die USA, wo er sich versorgen lässt und dann dort stirbt .. und in aller Stille in sein mexikanisches Heimatdorf überführt wurde.

Von einem Prozess gegen ihn, von einem Ernstnehmen der Opfer keine Spur. Der Klerus regelt alles „unter sich“. Die Opfer des Missbrauchs sind eigentlich egal.

Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass die Ordensmitglieder, die Legionäre, die ja in seiner unmittelbaren Nähe wohnten und ihn von Besuchen direkt kannten, von dem Treiben ihres so hoch verehrten Ordensgründers Maciel wussten. Man plante ja schon eine Heiligsprechung… Aber nach der Freilegung der verbrecherischen Taten durch Maciel wurde der Orden nicht etwa aufgelöst: Nein, er besteht munter weiter, schließlich braucht die Kirche diese vielen jungen „Legionäre“ und auch ihr Geld. Und so reisen die jungen Legionäre durch die Welt, predigen, betteln als Millionäre um Geld bei den Armen, halten Vorträge, wie kürzlich in Berlin ausgerechnet zum Gedenken an Romano Guardini. Wann werden sie eine von vielen neuen „Großgemeinden“ übernehmen?

Was am wichtigsten ist: Kardinal Joao Braz de Aviz muss nun zugeben: Seit 1943 hat der Vatikan die Verbrechen Maciels verheimlicht und geschützt. Kein Papst, kein Kardinal kam auf die Idee, diesen Herrn der staatlichen Justiz zu übergeben. Alles wurde „unter dem großen vatikanischen Deckel gehalten“. Der Klerus hält eben zusammen! Die Klerus-Gesetze sind wichtiger als die Menschenrechte. Bis heute! Voltaire würde in dem Zusammenhang vielleicht sagen: „Ecrasez l infame“…

Jetzt beginnt aber auch – hoffentlich – die Zeit der historischen Forschungen zum Dauerthema „Zölibatärer Klerus und sexueller Missbrauch“, diese Forschungen aber müssen weit über das 20. Jahrhundert hinausgehen: Es gilt, den sexuellen Missbrauch durch Priester in Orden und Gemeinden freizulegen, als fundamentalen Teil, als Struktur der Klerus-Geschichte. Aber Klerus-Geschichte ist weithin im Katholizismus identisch mit „allgemeiner“ Kirchengeschichte.

Für Kardinal Joao Braz de Aviz ist es jedenfalls „ein furchtbarer Irrtum“, so wörtlich, zu glauben, der sexuelle Missbrauch durch Priester sei ein zeitgenössisches Phänomen. „Wir stehen eigentlich erst am Anfang der Erkenntnisse“. Und wie lange die Geduld der Mitglieder dieser Kirche noch reicht mit diesem Klerus, ist eine andere Frage. Es könnte ja sein, dass sehr bald gebildete Katholiken entdecken: Die göttliche Wirklichkeit ist in mir, wie Meister Eckart lehrt und viele andere. Wofür dann noch diese Klerus-Kirche?

Wie die Kirche früher, im 17. Jahrhundert, mit dem sexuellen Missbrauch durch Priester umging, kann man am Beispiel des Ordens der Schulpriester, auch Piaristen, genannt, nachlesen. Ich habe darüber berichtet, bisher ohne größere Aufmerksamkeit etwa der Medien. Jedenfalls gab es einmal eine Zeit, als ein Orden des sexuellen Missbrauchs wenigstens zeitweise aufgelöst wurde. Dieser Beitrag enthält auch eine Stellungnahme von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Aktualisiert am 28. März 2019 durch CM

Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht: Vor 100 Jahren ermordet.

„Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden“
Nachtrag am 22.2.2019: Ein Hinweis auf das wichtige Buch von Sebastian Haffner. Am Ende dieses Beitrags.

Hinweise von Christian Modehn

1.Die so genannten „bürgerlichen, liberalen Kreise“ sollten jetzt Korrekturen ihrer Denkmuster vornehmen. Und am 15.1. 2019, ein hundert Jahre nach der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu einem Buch greifen und es lesen. Es ist eine Studie, die von einem auch in bürgerlichen Kreisen anerkannten Historiker und Publizisten geschrieben wurde: Sebastian Hafner hat in sein Buch (252 Seiten) „Die deutsche Revolution 1918/19“ schon 1969 unter dem Titel „Die verratene Revolution“ veröffentlicht, darin das ausführliche Kapitel über die Zusammenhänge der Ermordung von Luxemburg und Liebknecht. Die Ermordung der beiden Sozialisten sei bereits „spätestens Anfang Dezember 1918 geplant und systematisch betrieben worden“ (S. 174, in der Ausgabe des Rowohlt Verlages 2018): Von wem? Von Mitarbeitern des offiziellen „Stadtkommandanten Wels“ (SPD). Auch der für Bürgerkriegs –Belange zuständige Gustav Noske (SPD), enger Mitarbeiter von Friedrich Ebert (SPD, war in der Verfolgung und Ermordung Luxemburgs und Liebknechts sehr engagiert (S. 176). Warum wurden diese beiden Sozialisten, Gegner der staatstragenden Mehrheits-SPD, ermordet? Sebastian Hafner schreibt: Luxemburg und Liebknecht „verkörperten in den Augen von Freund und Feind die deutsche Revolution. Sie waren ihre Symbole. Und mit ihnen erschlug man die Revolution“ (S. 180). Beide erkannten das „Spiel“, das von Anfang an mit der deutsche Revolution von ihren angeblichen Führern (der SPD, C.M.) getrieben wurde, und sie schrieen ihre Erkenntnis täglich laut heraus. Sie waren sachverständige Zeugen, die man erschlug, weil man ihrem Zeugnis nichts entgegenzusetzen hatte“ (ebd.) „Die „Mordhetze wurde auch und gerade von der sozialdemokratischen Presse betrieben“ (S. 181). Ein brisantes Thema und man ist gespannt, wie die SPD am 15. 1. 2019 sich zu einer Stellungnahme aufrafft. Dass im Hintergrund die reaktionären Kräfte um General Erich Ludendorff agierten und die Republik von vornherein kaputt machen wollten, ist auch klar.

Über Ebert und Noske schreibt Otto Friedrich in „Morgen ist Weltuntergang“, Berlin in den Zwanziger Jahren, Berlin 1998, S. 55.: „Wie für Ebert bedeutete Sozialismus auch für Noske, aus der Armut aufzusteigen und am Glanz des Kaiserreiches teilzuhaben…“

2.Den Interessen des religionsphilosophischen Salons entsprechend ein Wort zur „Spiritualität“ bzw. „religiösen Dimension“ von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Denn „religiöse Dimensionen“ sind wohl in jedem lebendigen Menschen lebendig, selbst wenn oder gerade weil er/sie NICHT an die Dogmen einer bestimmten Konfession gebunden ist. Bei Rosa Luxemburg wird der Gedanke der Revolution sozusagen mit einer transzendenten Aura beschrieben. In ihrem letzten Beitrag, am 15.1. 1919, schrieb Rosa Luxemburg als Redakteurin der „Roten Fahne“: „Ihr stumpfen Schergen! Die Revolution wird sich morgen schon rasselnd wieder in die Höhe richten und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: „Ich war, ich bin, ich werde sein“. Revolution also als Ewigkeit, am Ende der Zeiten (?) siegreich gedacht. Seinen Glauben drückte Karl Liebknecht am gleichen Tag mit den Worten aus: “Leben wird unser Programm. Es wird die Welt der erlösten Menschheit beherrschen, trotz alledem“. (Von Sebastian Hafner zitiert auf der Seite 177). Hafner schildert auch, mit welcher bestialischen Brutalität Luxemburg und Liebknecht von den Mördern, die von den SPD-Führern engagiert, hingerichtet wurden. Die SPD, überglücklich, parlamentarisch reagieren zu dürfen, fühlte sich als Repräsentantin der alten Ordnung, zu der nun einmal eine blinde Wut auf alles gehörte, was Revolution sich nannte. Und Hafner zeigt weiter: Der Mord an Luxemburg und Liebknecht war „der Auftakt zu den tausendfachen Morden in den folgenden Monaten der Noske Zeit, zu den millionenfachen Morden in den folgenden Jahren der Hitler Zeit“ (S. 182).

3.Auch das berühmte Zitat Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ sollte heute ausführlich reflektiert werde, es bezieht sich auf die Zustände der bolschewistischen Herrschaft Lenins. Geschrieben hat dieses Wort Luxemburg im September/Oktober 1918, also wenige Monate vor ihrer Ermordung. Dieser berühmte Luxemburg Satz gehört zu ihrer größeren Studie „Zur russischen Revolution“, die erst 1922 von Paul Levi aus dem Nachlass veröffentlicht wurde. Welche Bedeutung hat dieser viel zitierte, so gar nicht „kommunistische Satz“ heute angesichts der Zunahme von rechtsradikalen Untaten in ganz Europa und weltweit? Wie weit können die Feinde der Demokratie sich der demokratischen Grundsätze bedienen, um gegen die Demokratie zu agieren? Rosa Luxemburg schrieb also die „berühmten Worte“: „Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei– mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.“ (Die Russische Revolution, Hrsg. Paul Levi, Verlag Gesellschaft und Erziehung G.m.b.H., 1922, S. 109 ).

André Brie ergänzt: „Luxemburg kritisiert auch, dass die Bolschewiki den Kapitalisten die Pressefreiheit verweigerten, denn „ohne eine freie, ungehemmte Presse, ohne ungehindertes Vereins- und Versammlungsleben“ sei „gerade die Herrschaft breiter Volksmassen völlig undenkbar“. Ihre Vorstellung ist offenbar, dass die „politische Schulung und Erziehung der ganzen Volksmasse“ nicht anders als im offenen Streit zwischen ihr und den Kapitalisten erfolgen kann. An dieser Schulung aber, und das ist der Kern ihrer Kritik, hätten Lenin und Trotzki gar kein Interesse: Es sei die „stillschweigende Voraussetzung“ ihrer Diktaturtheorie, „dass die sozialistische Umwälzung eine Sache sei, für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, das dann nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche“ (in „Standpunkte“, 10/2011)

4.Es ist eine historische Katastrophe, dass sich Kommunisten später nie an diese grundlegende Einsicht der Sozialistin Rosa Luxemburg hielten. Sie veranstalteten ihr zu Ehren Jubelfeiern, etwa in der DDR; diese grundlegende Einsicht Luxemburgs wollte man schon gar nicht wahr –nehmen, … angesichts der Diktatur der alles bestimmenden Partei. Und: Welche Rolle spielt Rosa Luxemburg heute in den sich noch kommunistisch nennenden Regimen Chinas und Nord-Koreas? Gar keine! Ist damit aber Luxemburgs Erkenntnis „Freiheit ist immer die Freiheit der anders Denkenden“ hinfällig? Überhaupt nicht. Wie könnten wir Menschen denn noch menschlich leben, wenn wir dieses „Ideal“ aufgäben.

5.Die Organisationen im „bürgerlichen Bereich“ waren auch nicht gerade Vorbilder in der Gewährung der Freiheit der anders Denkenden. Man erinnere sich an die frühe Geschichte der Bundesrepublik, an den Nazi –Freund Hans Globke, von Adenauer gefördert; an die Dominanz der alten, aus NS Zeiten stammenden Richter und Beamten, an die Hetzjagden auf Linke damals etc. Man denke auch an die Kirchen und ihre Verfolgung der Ketzer, der Abweichler bis heute, an die Exkommunikationen usw. bis heute..

6.Im Jahr 2014 erschien Band 6 der „Gesammelten Werke“ Rosa Luxemburgs, er bezieht sich auf die Jahre 1893 bis 1906. Darin wird auch das Thema „Luxemburg und die Religion“ dokumentiert. Der Kulturwissenschaftler Horst Groschopp schreibt zu diesem Band 6: „Rosa Luxemburg, selbst säkularisierte Jüdin, ist eine humanistisch gebildete und religionsgeschichtlich kundige Autorin. Ihre Gegnerschaft trifft nicht Kirche und Religion schlechthin, schon gar nicht religiöse Menschen (“niemals … Kampf gegen religiöse Überzeugungen”), sondern den Klerikalismus und die “Kirche als geistige[n] Generalstab der herrschenden Klassen”. Kirche und Religion verklären die kapitalistische Weltordnung, meinte Rosa Luxemburg. (Quelle: https://hpd.de/node/17915). Wer würde leugnen, dass diese Erkenntnis Luxemburgs bis heute Gültigkeit hat? Wie viele Veranstaltungen in kirchlichen Akademien Deutschlands wird es zur Ermordung von Rosa Luxemburg geben? Wie viele (selbst-)kritische Gedenkartikel in kirchlichen und theologischen Zeitschriften? Wir werden uns in dieser Sache wieder melden…Wird es möglich sein, endlich der Erkenntnis zu folgen: Rosa Luxemburg war KEINE „Bolschewistin“! Viele Jahre haben bürgerlich-konservative wie auch kommunistische Interpretationen – je auf ihre Weise – Rosa Luxemburg als Bolschewistin entweder verurteilt oder verklärt.

Eine Ergänzung am 22.2.2019:

Ein Hinweis von Christian Modehn zur Mitschuld der SPD am Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat auf die Bedeutung von Rosa Luxemburg, auch auf ihre selten explizit thematisierte „humanistische Spiritualität“, hingewiesen. Und anlässlich des Gedenkens an die Ermordung von Rosa Luxemburg auf das große Werk von Sebastian Haffner empfehlend verwiesen: Haffner hatte schon 1969 sein Buch zum Thema Revolution in Deutschland 1918/19 unter dem Titel „Die verratene Revolution“ publiziert. Diese maßgebliche Studie erscheint nun unter dem Titel „Die deutsche Revolution 1918/1919“ (Rowohlt Verlag).
Der Tagesspiegel (19.2.2019) macht in einem Beitrag von Uwe Soukup darauf aufmerksam: Entgegen vieler polemischer Äußerungen stimmt die grundlegende Einsicht des (nicht-kommunistischen) Autors Haffner nach wie vor, nämlich: „Die Teilhabe der SPD an unfassbaren historischen Verbrechen wie den Morden an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht“. Uwe Soukoup berichtet von dem letzten Pressegespräch Haffners für DIE ZEIT. Er sagte: „Ebert und Noske haben die Revolution verraten, sie sind schuld an der Ermordung von Liebknecht und Luxemburg, ohne sie (die SPD) wäre Hitler nicht an die Macht gekommen“.
In seiner Kritik an der vor allem an Regierungsgewalt interessierten SPD sagte Haffner: „Ich habe es immer als sehr unangenehm empfunden, dass die Parteistiftung der SPD `Friedrich Ebert Stiftung heißt“.
Die SPD Vorsitzende Andrea Nahles musste am 9.11. 2018 einräumen, dass der SPD Politiker Gustav Noske „bei den Morden an Luxemburg und Liebknecht seine Hände im Spiel gehabt hatte“. Aber aus dieser noch vorsichtig formulierten Einsicht folgte keine Neuorientierung der SPD gegenüber Noske und seinem Meister: Ebert.
Ich hatte der Friedrich Ebert Stiftung geschrieben und an die im Hintergrund laufende Verquickung der SPD mit den Rechtsradikalen seit 1919 hingewiesen. Darauf erhielt ich am 18.1.2019 diese Antwort von Dr. Peter Beule, Mitarbeiter der Friedrich Ebert Stiftung in Bonn, Projekt Netzwerk Demokratie/Geschichte: Diese Antwort kann ich gegenüber dem nun auch aktuell im „Tagesspiegel“ Freigelegten nur als Ausrede bezeichnen, Beule schreibt: „Der Forschungsstand macht deutlich, dass die Rede von einem Mittun Friedrich Eberts bei der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, so Ihre Formulierung, jedweder Quellenbasis entbehrt. Auf die Ermordung der ehemaligen Sozialdemokrat“_innen durch rechtsradikale Freikorps am 15. Januar 1919 reagierte Ebert mit Abscheu und Bestürzung“. Was heißt schon „Mittun“? Jemand, der eine Tat inszeniert und bewusst zulässt, „tut auch mit“…
Peter Beule, SPD, meint also, Sebastian Haffners Studie sei veraltet. Das Gegenteil ist ja der Fall. Und: Keine Frage, Ebert musste nach außen hin mit Abscheu über den Mord reagieren. Hätte er öffentlich jubeln sollen, dass die in seiner Sicht „Bolschewistin/Revolutionärin“ Rosa Luxemburg endlich ermordet wurde?
Ebert hatte doch keine größere Angst als die vor einer revolutionären demokratischen Wandlung Deutschlands.
Und nebenbei: In meiner Mail hatte ich auch eine Änderung des Namens der SPD nahen Stiftung vorgeschlagen, wie Sebastian Haffner schon. Aber dazu nahm Herr Beule gar nicht Stellung. Aber wenn die SPD noch einmal selbstkritisch mit ihrer Vergangenheit umgeht: Dann darf ihre Stiftung sich nicht mehr mit dem Namen Ebert „zieren“. „Willy Brandt Stiftung“ wäre treffender!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 22. Februar 2019 durch CM

Nichtrechthabenwollen. Viel Sinn und weniger Sinn

Hinweis auf ein neues Buch von Martin Seel

Von Christian Modehn

Martin Seel, Philosophieprofessor an der Frankfurter Uni, will versuchen, das Philosophieren etwas aus der Strenge des Rechthaben- Wollens zu befreien. Sehr löblich! Denn bekanntermaßen sind Philosophen oft die wahren „Streithähne“. So ganz kann der Befreier aber auch selbst nicht auf die Berechtigung des Rechthabenwollens und damit auch auf einen Wahrheitsanspruch verzichten (S. 24, auch S. 40). Seels Position will ja ernst genommen werden, also als berechtigt, wenn nicht als recht und wahr gelten können. Es geht also gar nicht darum, auf die für den einzelnen unabwerfbare Einbindung des eigenen Denkens ins Rechthaben-Wollen bzw. in die Wahrheit zu verzichten. Denn wer für sich selbst darauf verzichtet, in seinem nun einmal immer satzhaften Denken für sein eigenes (!) Leben recht zu haben und eben auf der Seite des Wahren zu leben, gibt sich selbst auf. Darauf weist Seel in seinem Buch auch selbst hin.

Aber er wagt es dennoch, Gedankenspiele vorzustellen: Und dies ist der für alles Verstehen dieses ersten Kapitels des Buches entscheidende Untertitel: „Gedankenspiele“. Es sind Spiele, es ist also durchaus etwas Unterhaltsames, was da geboten wird, förmlich eine Art philosophische Lockerungsübung, aber nicht nur für die „Freizeit“ im Denken: Denn das Sich Versteifen aufs Rechthaben ist ein Grundübel der offenen Kommunikation. Menschen mit „absolutem Wahrheitsbesitz“ werden zurecht gemieden. Aber, so Seel, „es geht mir nicht um die Kritik der Rechthaberei“ (S.22). Aber was dann? Es geht um die Akzeptanz der freien Erzählung in der Philosophie. Denn das Erzählen hält die Möglichkeit bereit, „ohne alles Rechthabenwollen auszukommen“ (S. 29).

Der Philosoph Martin Seel, der so viele interessante Essays geschrieben hat, in denen er selbstverständlich für sichere Erkenntnis, also fürs Rechthaben(wollen) eintritt, will nun nicht länger, so wörtlich, „an EIN Genre gebunden sein“. In dem Essay „Wie phänomenal ist die Welt ?“ (in „Paradoxien der Erfüllung“) schreibt er: „Kenntnis wird zur Erkenntnis, wo wir das, womit wir bekannt geworden sind, mit begrifflicher Bestimmtheit ansprechen können“ (S. 175), also mit unserer Erkenntnis dann doch recht haben dürfen! Sind die Zeiten dieser Erkenntnis vorbei?

Nun also ein Plädoyer fürs Erzählen, als dem Spielerischen. „Ich möchte ungehemmt schreiben können“, so in dem neuen Buch (S. 33).

Wer darf es ihm verbieten, „ungehemmt“ zu schreiben? Niemand. Nur: Die philosophische Reflexion, die ja doch auch in einem Gedankenspiel fürs Spielen übliche Gesetze hat, fragt dann: Was hat man davon, wenn man zum Beispiel „ungehemmt schreiben würde“: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Und was haben andere, LeserInnen, davon, wenn sie diese meine ungehemmte „Erkenntnis“ zur Kenntnis nehmen: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Bestenfalls Theologen mit der Spezialisierung in Eschatologie (d.i. die Lehre von den letzten Dingen im Jenseits) könnten sich für diese ungehemmte Erkenntnis erwärmen…

Martin Seel erwähnt dieses Beispiel nicht, wie er überhaupt kein Beispiel für seine Gedankenspiele bietet, leider. Denn dann wäre zumindest aufgefallen, dass man doch unterscheiden sollte zwischen meinem eigenen, nur auf mich selbst bezogenen Nichtrechthabenwollen. Und der Dimension, wenn ich meine Sätze, immer mit der Qualität des Nichtrechthabenwollens, den anderen, der Gesellschaft, mitteile. Was haben die anderen denn dann von diesen nichtrechthabenwollenden Sätzen? Sie können sie als Poesie subjektiver Art deuten oder als hübsche (Märchen)-Erzählung, aber das wars dann auch.

Leider finden die Gedankenspiele Martin Seels außerhalb jeder politischen Dimension statt. Wie nett wäre es doch, wenn Pegida-Anhänger sagen würden: „Mit meinen brutalen Beleidigungen demokratischer Politiker und Journalisten will ich nicht recht haben. Sie sind nur meine kleinen, lieblichen Gedankenspiele“. Wunderbar wäre dies. Nur, wenn dann die Demokraten und die Verteidiger der universalen Menschenrechte, etwa von „Amnesty International“ oder „Ärzte ohne Grenzen“, kommen und sagen: „Auch unsere universalen Menschenrechte sind nur ein Gedankenspiel. Wir haben gar nicht recht, wie sprechen keine universal gültige Wahrheit aus!“

Das wäre eine Katastrophe. Oder würden sich Pegida Fanatiker und Menscherechtler um den Hals fallen und sagen: „Wir alle sind so liebe Brüder, gerade weil wir alle nicht recht haben wollen“. Bloß: Wie ging es dann weiter in der Politik? Die starke Hand würde sich schon durchsetzen, denn immer gibt es Leute, die leider extrem politisch fanatisch recht haben wollen..

Ich denke, dieses erste Kapitel des Buches „Nichtrechthabenwollen“ ist, sorry, nette, aber nicht sehr ins Weite führende Unterhaltung, es ist ein kurzes Lese-Spiel, das man dann aber auch wieder beiseite legt. Dieses Spiel führt nicht wirklich weiter in neue Erkenntnisse, wenn man denn die (noch) sucht: Denn dass Philosophen erzählen müssten ist vielen doch klar. Hat nicht deswegen der Philosophieprofessor Peter Bieri seinen Job an der FU Berlin aufgegeben und dann begonnen, zum Teil sehr beachtliche Romane zu schreiben? Und dass andererseits in Erzählungen der „Literaten“ sehr viel mehr Philosophie enthalten ist, als in expliziter Philosophie, ist völlig klar. Philosophie findet nicht nur dort statt, wo an den Universitäten Philosophie drauf steht. Gott sei Dank ist das so.

Martin Seel hat das erste Kapitel nach Ziffern gegliedert, er erinnert damit entfernt an die bravouröse Bezifferung im „Tractatus Logico-Philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein. Für Seel scheint mir die Ziffer 42 (S. 38) besonders wichtig zu sein (Seel bietet nur 67 Ziffern, die z.T.den Charakter von knappen Aphorismen haben). Wir sollen „auf Abstand zu unseren Ansichten und Absichten“ (Ziffer 43) gehen. Wenn das die Summe des ersten Kapitels ist? Wahrscheinlich! Diese Wahrheit musste doch mal von kompetenter Seite gesagt werden. Es kommt zudem, so Seel, darauf an, „alles in der Schwebe zu halten“. (Nr. 48). Die Problematik dieses Satzes, bezogen auf „die Welt“ und die Politik, ist, wie vorher von mir gezeigt, sehr erheblich!  Ich persönlich halte den Satz für falsch. Man kann nur kurzfristog etwas in der Schwebe halten. In dieser verrückten Welt dürfen Demokraten eben nur sehr sehr wenig in der Schwebe lassen…

Ich bin bei dem Gedankenspiel des ersten Kapitels förmlich hängen geblieben, und schreibe also nichts zu den Kapiteln 2 und 3. Aber ich denke, dieser Stil, nur ein Kapitel zu „besprechen“, passt gut zum spielerischen Anspruch des Buches. Ich habe dann doch noch etwas weiter, ins 2. Kapitel, hinein geblättert und bin auf Seite 99 hängen geblieben: „Meine Religion ist das Schreiben“, betont Seel, „näher komme ich dem Numinosen nicht“. Vielleicht gibt es für Martin Seel doch noch mal Momente, wo er als Philosoph versucht, diesen Gedanken sehr ausführlich zu entfalten; und vielleicht dem Numinosen auch auf andere Art, dann durchaus etwas recht haben wollend, näher zu kommen. Ich würde mich darüber sehr freuen und warte förmlich schon auf sein längeres Essay zum Thema Religion, weil ich doch etwas recht haben will mit meiner unverschämten Frage: Kann ein so interessanter Philosoph im Ernst darauf verzichten, etwas Ausführliches zum Thema Numinoses, sagen wir unverschämterweise auch „Gott, Göttliches“ zu schreiben? Irgendwie hat er ja de facto schon seine religiöse „Startbasis“: das Scheiben…Ohne einen säkularen Ansatz für Numinoses kommt auch Martin Seel nicht aus… Mit dieser Aussage will ich natürlich nicht recht haben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.  Auf dieser website kann ein sehr interessantes Interview mit Martin Seel nachgelesen werden über sein 2012 erschienenes wichtiges Buch „Tugenden und Laster“.

Martin Seel, Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele. S. Fischer Verlag, 158 Seiten. 2018, 18€.

Wie könnten Christen Weihnachten noch feiern? Abschied von der „Stillen Nacht“: Weil „alles schläft“!

Ein Kommentar und Diskussions-Beitrag

Von Christian Modehn am 29.Dezember 2018

Einige Freundinnen haben mich gefragt: Was denn der „Hintergrund“ für diesen Kommentar sei.

Meine Antwort: Weihnachten ist weltweit so ein zentrales Ereignis, dass man sich auch außerhalb der Weihnachtstage mit dem Ereignis befassen sollte. Und vor allem: Weil die bisher üblichen Weihnachtsfeiern/Gottesdienste der Kirchen nicht den gewünschten „Erfolg“ zeigen, und dies seit Jahrhunderten: Weihnachten als viel besprochenes „Fest des Friedens“ etwa ist eine reine Farce. Wer Jahre lang an Weihnachtsgottesdiensten teilnahm, der ist, soweit man das empirisch feststellen kann, eben nicht friedlicher geworden: D.h.:Die Welt ist trotz der üblichen vielen Weihnachtsgottesdienste eben nicht besser, „erlöster“, „geretteter“ geworden. Man denke nur daran, dass in dem „katholischen Kontinent“ Lateinamerika die tötende Gewalt, die Korruption, die Verbrechen gegen die Menschenwürde alltäglich sind und immer mehr zunehmen. Haben diese Verbrecher nicht oft an (Weihnachts-)Messen, die so hübsche Krippe verehrt und an Wallfahrten und Prozessionen teilgenommen? Haben sie nicht die „heilige Jungfrau“ so oft singend gepriesen, bevor sie zu Massenvergewaltigungen sich entschieden haben? Kann eine Kirche so viele „spirituelle Erfolglosigkeit“ auf Dauer ertragen? Ist das nicht alles für die Kirche furchtbar blamabel? Warum sollte man angesichts dieses spirituellen wie politischen Desasters nicht fragen: Dann sollen die Christen und Kirchen z.B. endlich beginnen, radikal anders Weihnachten zu feiern. In unserem religionsphilosophischen Salon am 14. Dezember 2018 hatten wir uns auch schon auf dieses Thema eingelassen. Zu wenig Beachtung findet auch in diesem Text leider die totale Ökonomisierung des Weihnachtsfestes. Weihnachten ist eben total Weihnachts-MARKT geworden. Und die Kirchen machen diesen Trubel und Konsumrausch mit.

Es ist naturgemäß verwegen, die Kirchen in Europa, auch in Deutschland, aufzufordern: Weihnachten in der bisherigen Form nicht mehr zu feiern. Das wäre ein dringendes Thema für die nächsten 12 Monate in 2019.

Denn, so sagen die zahllosen kirchlichen Weihnachtsfreunde: Die Gottesdienste sind doch gut besucht, wenn nicht überfüllt. Die Leute singen halt so furchtbar gern „Stille Nacht“ und „Zu Bethlehem geboren“ in den Kirchen bei Kerzenschein usw. Die Kindern staunen dann auch über die (meist kitschigen) Krippen. Einige gute Summen an Spenden werden gesammelt, für „Brot für die Welt“ und „Adveniat“. Wobei niemand wagt, diese ca. 70 Millionen Spenden in ein Verhältnis zu setzen zu den Milliarden Ausgaben zu Weihnachten für Geschenke. (Von den sinnlos verschleuderten, die Umwelt schädigenden Millionen fürs Herumballern zu Silvester ganz zu schweigen). Hinzu kommt: Die Predigten der Bischöfe und Pfarrer zu Weihnachten werden auch nicht kritisch – theologisch untersucht auf einen nachvollziehbaren Inhalt hin für die heutigen, weithin säkularisierten Weihnachtsgottesdienst-Besucher. Viele Predigten sind nur eine Wiederholung der Weihnachtsmythen der Evangelien. Und wenn es politisch wird, dann immer staatstragend moderat: Dass zu der Zeit, wo „Stille Nacht“ gesungen wird, viele Flüchtlinge in der stillen Nacht des Mittelmeeres herumirren auf ihren Kähnen, wird kaum gesagt, genauso wenig, dass so viele Menschen hierzulande eben keinen Gänsebraten verzehrten, weil die Ungerechtigkeit, d.h. die Armut, so groß ist. Nur Tierschützer können sich über diesen aufgezwungenen Gänsebraten- Verzicht freuen.

Wenn Weihnachtspredigten einen Hauch von Politik, und das heißt Politik-Kritik haben, dann sind sie allgemein, unverbindlich, in den Aussagen eben nicht „hart“ formuliert. Dass Geldspenden nur eine äußerst hilflose Art der Solidarität mit den arm gemachten Menschen in Afrika usw. ist, wagt kein Prediger zu sagen: Er müsste nämlich von einem Umbau unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem sprechen. Wer will das schon hören?

Die Menschen verlassen die Gottesdienste der überbeschäftigten Weihnachtspastoren in dem schon von der Großmutter überlieferten kindlichen Wissen: „Christus ist erschienen, uns zu versühnen“, wie es im Lied altmodisch heißt. Oder: „Der Erlöser, der Retter, ist da. Alleluja“. Aber keiner weiß, was das bedeutet: Der Erlöser ist da? Wie bitte? Hier bei uns, in Afrika, bei Mister Trump und Putin und den übrigen so furchtbaren inhumanen Politikern wie in Syrien, Brasilien oder auf den Philippinen. Weihnachten, so der Gesamteindruck, bestätigt nur unverstandenes Geraune: „Der Erlöser ist da“, „Maria geht durch einen Dornwald“, „Tochter Zion freue dich…“ Und so weiter.

Weihnachten ist das Fest der Christen, das einerseits viel populäre Beliebtheit hat und andererseits in seinem Inhalt kaum verstanden wird.

Es ist populär beliebt, weil es mit dem Kaufrausch verbunden ist. Darum wird es auch in Japan gefeiert: Dort sagt man sich: Endlich irgend so ein europäisches Fest, das uns mit bestem Gewissen maßlos konsumieren lässt.

Aber: Der Inhalt wird auch hier in einem einst kirchlichen Europa nicht verstanden: Und der wesentliche Inhalt lässt sich in drei Worten sagen: „Weihnachten ist das Fest der „Vergöttlichung der Menschen“. Man denke an den Mystiker Angelus Silesius: „Wäre Jesus Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest dann verloren“. Weihnachten also heißt: Alle Menschen sind absolut wertvoll, das Ewige wohnt in ihnen; alle Menschen, aber auch alle, haben deswegen ein göttliches Anrecht, umfassend – menschlich zu leben. Weihnachten ist also ganz modern, sehr säkulär und nachvollziehbar für alle Vernünftigen gesagt: Das Fest der Menschenrechte.

Natürlich mag es in dieser zerrissenen Welt für einige hübsch und beruhigend sein, zu Weihnachten in infantile Phasen zurück zu gleiten, Kindheitserinnerungen zu pflegen, „vom Himmel hoch“ zu singen, zu Tränen gerührt zu sein über die sympathischen Heiligen Drei Könige etc. Aber alles das hat mit Weihnachten als dem göttlichen Fest der Menschenrechte nichts zu tun. Wobei Menschenrechte als ideale, aber bindende Forderung verstanden wird, viele verbrecherische Politiker, die Waffenhändler, die „Reformer“ der neoliberalen Wirtschaft usw. berufen sich schamlos auf die Menschenrechte, das ist leider Realität, spricht aber nicht gegen die absolute Geltung der Menschenrechte.

Fordern wir also –aussichtslos, aber deutlich – eine Unterbrechung kirchlicher Weihnachtsgottesdienste der alten, „ewig“ wiederholten Art? Ja! Eindeutig!

Warum also nicht zu Weihnachten Alternativen pflegen: die Kirchen öffnen, dort nachvollziehbare Dialoge führen mit Menschen, die auf der Suche nach einem Lebenssinn sind, vernünftig von Jesus von Nazareth sprechen, von seiner Familie, von seinen Geschwistern, seiner späteren Rebellion; dann etwas Musik hören, still sitzen, Kunst betrachten, miteinander Kleinigkeiten essen, Wein trinken, einander kennenlernen, Freundschaften bei solch einem Weihnachtsfest in den Kirchen schließen, Verabredungen treffen, also endlich mal in einer Kirche lebendig werden…

Mal sehen, wie dann die alten Weihnachtsfreunde reagieren, wie sie an den Kirchentüren klopfen und bitten: Erklärt uns doch endlich mal, was Weihnachten wirklich ist. Was die Geburt dieses armen Propheten Jesus von Nazareth eigentlich bedeutet? Gibt es für uns Erlösung, Heil, Rettung? Wenn ja: Wo und wie? Und die Antwort heißt: Erlösung gibt es nur, wenn wir den Vorschlägen und Vorschriften der Menschenrechte praktisch folgen. Und nur das ist der wahre Gottesdienst (im Sinne Jesu). Und dann kann man noch manchmal, aber sehr leise, ein bisschen schamhaft, „Stille Nacht“ singen, dann, wenn die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet sind und die vielen tausend Menschen im Jemen nicht mehr krepieren und die Milliardäre weltweit endlich angemessene, also gerechte Steuern zahlen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Philosophie ist kein Beruf, keine Disziplin, sondern ein schöpferischer Akt“

Den georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili entdecken:

Ein Hinweis von Christian Modehn auf das Buch „Die Metaphysik Antonin Artauds“

Das Erstaunen ist in Deutschland sicher noch groß: Es gab einmal im Sowjet-Imperium einen ziemlich frei denkenden, eigenständigen Philosophen. Sein Überleben dort war nicht einfach, er nutzte aber die geringen Ausweichmöglichkeiten der Freiheit, er studierte u.a. französische Autoren. Seine Wirkung auf die damals Studierenden war wohl groß: Auch Michail Ryklin zählt zu den Philosophen, die von ihm beeinflusst sind: Von dem aus Georgien stammenden Philosophen Merab Mamardaschwili (1930-1990). Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2018 habe ich schon einige Hinweise zum Denken Mamardaschwilis veröffentlicht.

Nun liegen (endlich) zwei kleinere Essays vor, es sind Vortrags – Mitschriften von Studenten: Denn Mamardaschwili bevorzugte als Philosoph die freie Rede. Und das ist auch in den Essays deutlich zu spüren, es ist der freie Denkstil, der sich da äußert. Das macht die Lektüre nicht immer einfach. Aber die Breite seiner öffentlichen Auseinandersetzungen etwa mit Artaud, Proust, Kafka, aber auch Descartes und Kant ist erstaunlich.

Vielleicht sollte man zuerst das Nachwort von Zaal Andronikashvili lesen, dort wird auf Mamardaschwilis Kritik an der kommunistischen Gewaltherrschaft hingewiesen, er nannte das Regime eine „Hölle“ (S. 47), ein Urteil, das vielen „Links-Intellektuellen“ im Westen gar nicht gefiel (S. 94). Mamardaschwili hat sich als Philosoph der philosophisch reflektierten, kritischen und „klassischen“ Metaphysik verpflichtet gewusst. Was ja äußerst schwer war in einem Sowjetsystem, das seine eigene primitiv- materialistische „Metaphysik“ als Staatsideologie durchsetzte. Mamardaschwili verstand Philosophie nicht als ausgegrenzten Beruf einiger weniger Spezialisten an der Universität.Philosophie war für ihn Grundvollzug des menschlichen, d.h. personalen, kritisch sich selbst reflektierenden Lebens (vgl. S. 97 ff).

Der Essay bzw. abgedruckte Vortrag erfordert große Konzentration. Und man wünscht sich, dass nachvollziehbarere Texte des georgischen Philosophen bald auf Deutsch zugänglich werden. Die Art des freien Denkens und des freien Vortrags macht neugierig. Vielleicht ließe sich eine Übersetzung des auf Französisch erschienenen Interviews „La pensée empechée“ (Paris 1991) ermöglichen. Zu einer Weitung der hiesigen philosophischen Perspektiven kann dieser, auch gegenüber Georgien, kritische Denker sicher beitragen.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Merab Mamardaschwili, „Die Metaphysik Antonin Artauds“ (1988), mit einem weiteren Essay „Wien vor der Jahrhundertwende“ (1990) und einem Nachwort von Zaal Andronikashvili. Aus dem Russischen übersetzt von Roman Widder und Maria Rajer.   Matthes und Seitz Verlag Berlin, 2018, 110 Seiten, 16 €.

Religions-philosophischer Salon Berlin: Ein Rückblick.

Ein Jahresrückblick: 

Was haben wir im Jahr 2018 unternommen? Die Salon-Gespräche fanden 2018 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 statt. Für die Gastfreundschaft besten Dank. Ich habe etliche mails erhalten von den (insgesamt 480) Abonnenten meines newsletters, die unsere Initiative beachtlich finden und leider nicht teilnehmen können: Sie wohnen zu weit entfernt von Berlin… Weitere Informationen, auch über die Notwendigkeit weiterer kleiner philosophisch-religionswissenschaftlich und auch (liberal)-theologischer Salons finden Sie auf meiner website. Auf die Salonabende wird auch auf meiner webiste www.remonstranten-berlin.de hingewiesen. Zu allen Veranstaltungen stehen kurze  inspirierende Hinweise und Einführungen von Christian Modehn auf der website bereit. Alle Veranstaltungen wurden gemeinsam mit Hartmut Wiebus geplant und gestaltet.

Eine Übersicht: Zusammengestellt von Christian Modehn am 22.12. 2018:

Am 28.12.2018 eine kleine (private) philosophisch-poetische „Weihnachtsfeier“ mit einigen TeilnehmerInnen des Salons.

Am 14. 12. 2018: Eine kleine Philosophie des (Weihnachts-) Festes: Mit einem Hinweis auf einen Weihnachtstext aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus: Gott unterbricht sich selbst (Kenosis). Zugleich einige Hinweise auf Denken des Philosophen Gianni Vattimo. Es waren 12 TeilnehmerInnen dabei.

Am 23. 11. 2018: „Tod-Sterben-Abschied“. Ein Salonabend mit Prof. Johan Goud, Pastor der Remonstrantenkirche, Den Haag. Mit 23 TeilnehmerInnen.

Am 18.10.2018: Gespräche (und gemeinsames Speisen) im algerischen Bistro „Chez Zola“ in Berlin, Gespräche über Algerien, islamische Philosophie, interreligiösen Dialog. Mit 12 TeilnehmerInnen.

Am 28. 9. 2018: „Monotheismus und Gewalt. Hinweise zu Jan Assmann“ (14 TeilnehmerInnen)

Am 24. 8. 2018: „Die Weisheit der Bibel und die philosophische Weisheit“ (14 TeilnehmerInnen)

Am 10.8. 2018: Sommerausflug des Salons nach Erkner (Gerhart Hauptmann Museum) und Friedrichshagen (Friedrichshagener Dichterkreis). Mit 10 TeilnehmerInnen.

Am 20. 7. 2018: „Jürgen Habermas und die Religion“ (18 TeilnehmerInnen)

Am  22. 6. 2018: „Der alltägliche Rassismus“  (13 TeilnehmerInnen)

Am 5. 2018: „Warum wir Europa fördern“. Zus. mit Jungen Remonstranten aus Holland (20 TeilnehmerInnen)

Am 23.3.2018 sprachen wir (mit 17 TeilnehmerInnen) über „Was gibt uns Halt im Leben?“

Am 23.2.2018 sprachen wir (mit 19 TeilnehmerInnen) über „Gibt es Fortschritt in meinem Leben“?

Am 26.1.2018 (mit 21 TeilnehmerInnen) sprachen wir mit Prof. Wolfgang Ullrich über das Thema „Wahre Meisterwerte“. So auch der Buchtitel im Wagenbach – Verlag.

2017:

Am 15. Dezember 2017 (mit 15 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Eine kleine Philosophie der Sehnsucht“.

Am 23.11.2017 (mit 19 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: „Vanitas, die Vergeblichkeit von allem?“

Am 25. 10. 2017 (mit 8 TeilnehmerInnen) sprachen wir – angesichts des Reformationsjubiläums – über das Thema : „An welchen Gott können wir und wollen wir heute (noch) glauben?“

Am 15. September 2017 (mit 17 TeilnehmerInnen) sprachen wir über das Thema: Was tun? Über den MUT, diese schwierige Tugend in düsteren politischen Zeiten!“

Am 4. August 2017 machten wir mit 10 TeilnehmerInnen den Sommerausflug, diesmal nach Frohnau, u.a. mit Gesprächen mit Pfarrerin Gräb, dem Künstler Moegelin und einer Begegnung im Buddhistischen Haus…

Am 14. Juli 2017, sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich des 125. Geburtstages des Philosophen Walter Benjamin (am 15.Juli) vor allem über dessen „Geschichtsphilosophische Thesen“.

Am 26. Mai 2017 sprachen wir mit 15 TeilnehmerInnen über das Thema „Ist Religion Opium? Wann ist Religion kein Opium?“ (Anlässlich des Geburtstages von Karl Marx).

Am 21. April 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Postfaktische Untaten – Ein Salonabend über das Lügen und die Suche nach Wahrheit“.

Am 31.März 2017 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen über das Thema: „Glauben und Wissen. Getrennt und doch verbunden“.

Am 24. Februar 2017 sprachen wir mit 14 TeilnehmerInnen über das Thema: „Bei Verstand bleiben. Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung“.

Am 29. Januar 2017 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Die Heimat des Weltbürgers. Ein Versuch, dem Wahn des Nationalismus und Dogmatismus zu widerstehen“.

2016:

Ende Dezember 2016 machten wir wieder eine kl. philosophische Weihnachtsfeier.

Am 16. Dezember 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema: „Was ist uns heute (noch) HEILIG?“

Am 18. November 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über die aktuelle Bedeutung des Philosophen LEIBNIZ, anlässlich seines 300. Todestages.

Am 26. Oktober 2016 sprachen wir mir 20 TeilnehmerInnen über das Thema „Der Mensch ist böse? Und von Gott geschaffen?“ (Zur so gen. „Erbsünde“)

Am 23. September 2016 sprachen wir mir 13 TeilnehmerInnen über das Buch des Philosophen Michel Serres: „Erfindet euch neu“. Mit einem Beitrag von Hans Blersch.

Am 26. August 2016 machten wir wieder unseren Sommerausflug, diesmal nach Karlshorst mit dem dortigen Pfarrer Edgar Dusdal.

Am 15.Juli 2016 sprachen wir mit 19 TeilnehmerInnen – anlässlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) über die religiösen und philosophischen Hintergründe des „Goldenen Zeitalters“.

Am 24. Juni 2016 sprachen wir mit 21 TeilnehmerInnen in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ anlässlich des vorgegebenen Themas der Neuköllner Kulturtage über das Thema „Sattsein ….Übersättigtsein …..Hungern“.

Am 20. Mai 2016 sprachen wir mit 23 TeilnehmerInnen über den Philosophen Emil Cioran, mit dem Berliner Philosophen Dr. Jürgen Große.

Am 29. April 2016 sprachen wir mit 18 TeilnehmerInnen über das Thema „Alle Menschen sind Grenzgänger“.

Am 18. März 2016 gab es ein sehr großes Interesse mit 25 TeilnehmerInnen zum Thema „Für eine Philosophie der Auferstehung“.

Am 26. Februar 2016 sprachen wir mit 22 TeilnehmerInnen über das Thema „Privateigentum und Gemeinwohl“. Mit einem Beitrag von Elisabeth Hoffmann..

Am 22. Januar 2016 sprachen wir mir 18 TeilneherInnen über das Thema: „Was ist wichtiger: Freiheit oder Sicherheit?

Zu 2015 nur diese wenigen Hinweise:

Wieder fand eine kl. eher private philos. Weihnachtsfeier statt.

Am 11. Dezember 2015 sprachen wir mit 17 TeilnehmerInnen (in der Weinhandlung „Sinnesfreude“, Neukölln, über „Der schöne Schein, Wahrhaftigkeit und Authentizität“.

Am 27. November 2015 sprachen wir mit 26 TeilnehmerInnen mit dem remonstrantischen Theologen Prof. Johan Goud aus Den Haag über das Thema: „Theologie und Autobiographie“. 

….. die Liste ab Oktober 2015 wird demnächst fortgesetzt und auf der website veröffentlicht….

Der Religionsphilosophische Salon wurde 2007 gegründet und hat seit der Zeit meistens einmal im Monat eine Veranstaltung angeboten. Der Religionsphilosophische Salon wird seit der Zeit von Christian Modehn geleitet, sozusagen „ehrenamtlich“ und ohne jede finanzielle Unterstützung von irgendeiner Seite.

Aktualisiert am 6. Januar 2019 durch CM

Weihnachten – das Fest der (göttlichen) Unterbrechung und der Menschenrechte.

Hinweise von Christian Modehn zum religionsphilosophischen Salon am 14.12.2018

Zuerst einige Hinweise zu einer kleinen Philosophie des Festes als einer not-wendigen Unterbrechung im Leben. Dann, damit zusammenhängend und auf Weihnachten bezogen, einige Hinweise zu der Überzeugung: Gott selbst unterbricht sich. Gott wird Mensch. Zu Weihnachten gedenken/feiern Christen also den menschlichen Gott, d.h. Gott als Menschen und den Menschen, jeden Menschen, ja auch dieses in gewisser Weise, als göttlich. D.h. in säkularer Sprache: Absolut wertvoll. Von daher ist Weihnachten das Fest der universalen Menschenrechte. Selbstverständlich der ideologisch, kapitalistisch usw. NICHT missbrauchten Menschenrechte.

Ein Fest hat wesentlich den Charakter der Unterbrechung.

Wir können ein (Weihnachts-)Fest feiern, wenn wir noch in der Lage sind, ein Fest außerhalb der üblichen Gewohnheiten und Strukturen des Alltags zu gestalten und eben nicht bloß – zwangsweise, traditionsgemäß etc. – zu „begehen“. Feste als Routine werden ohne innere Bewegtheit, ohne spirituelles Berührtsein, ohne „Resonanz“ (Hartmut Rosa) bloß „abgefeiert“. Mit Gästen, die sich langweilen. Diese Feste werden ohne Vorbereitung, ohne Reflexion zuvor, ohne eine(n) „Zeremonienmeister(in)“, ohne eine kleine „Liturgie“, bloß „abgewickelt“. Ein Fest hat viel mit lebendigem Ritus, mit Hinhören und Nahesein, Überraschung, Spontaneität, mit Gemeinschaft ohne dauernde „Bla Bla“-Gespräche, zu tun, also auch mit Ausgelassensein, Tanz, Musik, Ekstase, Reflexion, Dialog und mit gemeinsam ausgehaltenen, erfreulichen Schweigen. Warum wird bei Festen nicht auch einmal gemeinsam geschwiegen? Mir scheint: Die meisten Europäer können keine Feste (mehr) in dieser Weise feiern. Weil der Alltag mit seinen Strukturen von Zeit (-„Managment“), Streß und Frust allbestimmend ist.

Für ein Fest brauchen alle Beteiligten Zeit UND inneres Offensein. Und Zeit haben heute immer weniger Menschen. Aber nur, wenn wir dieses Wichtige (Zeit) im Leben neu gestalten, wenn wir also im Fest aus der einseitig nach vorn laufenden Zeitlinie heraustreten können und wollen, wenn also eine „lange Gegenwart“, als dauernder und gewünschter langer Augenblick entsteht, dann ist ein Fest ein Ereignis des Miteinanders.

Wir können oft Feste nicht mehr feiern, weil wir sie nicht als Unterbrechung, sondern als lediglich als eine uns vorgesetzte, eine aufgesetzte kurze, zeitlich determinierte Pause verstehen. Zum Beispiel: Auch christliche Gottesdienste, die eigentlich immer ein Fest sein sollten, sind heute nur „Pausen“: Bei den Gottesdiensten schauen so viele schon auf die Uhr. Christliche Gottesdienste als gemeinsames Mahl und Miteinander des Sich-Austauschens sind weithin verschwunden. Sie wurden zur Routine. Und haben mäßigen Zuspruch: Wer will schon in seiner freien Zeit auch noch an rituellem Leerlauf teilnehmen? Die Gottesdienste in Taizé selbst z.B. werden wohl von vielen als Fest der Gemeinschaft erlebt, ohne Zeitdruck, ohne Floskeln etc. ein Ort, an dem die petsönliche Poesie, Gebet genannt, gelingen kann. Leider ersetzen diese Taizé-Feierstunden nicht die üblichen langweiligen Messen und Gottesdienste um 10 Uhr morgens…

Aus einer Pause kehrt man nur ein bisschen entspannt und etwas innerlich bewegt wieder in den alten Lebens/Arbeitsrhythmus zurück. Eine Pause ist noch keine Unterbrechung, denn diese zeigt neue Lebensmöglichkeiten. Unsere auf Fortschritt und Wachstum getrimmte Zivilisation versteht Pausen, auch den Kurz-Urlaub, nur als funktionale Formen der Rekreation, um dann in den vorgegebenen Alltags- und Arbeitsprozess „mit bester Gesundheit“ zurückzukehren. Die „Auszeit“ wird heute oft propagiert, sie steht wahrscheinlich aber auch noch im Dienst einer zu stärkenden Arbeitskraft, als Rückkehr ins alte Leben und der Wiederholung der üblichen Rhythmen und Arbeiten.

Ein Fest hingegen lässt sich nicht funktionalisieren! Es ist in sich sinnvoll und zeigt überraschende Wirkungen möglicherweise. Ein Fest dient nicht der Steigerung der Arbeitsfähigkeit. Es dient der Kommuniktionfähigkeit und Lebenslust.

Eine Unterbrechung hingegen ist also eine längere zeitliche Einheit, in der man Abstand nimmt vom üblichen Rhythmus zuvor; die Unterbrechung selbst wird als eine eigene Lebenswirklichkeit erfahren und reflektiert. Eine Unterbrechung kann eine von außen erzwungene Unterbrechung sein, etwa eine Krankheit; sie kann aber auch und dies ist wichtig, ein frei gewählter Abschied, wenigstens für kürzere Zeit, sein, Abschied vom „früheren Leben“ und früherem, für selbstverständlich gehaltenen Denken mit seinen je eigenen Werten.

Die Unterbrechung selbst ist eine eigene Zeit:

Man lässt die alte Alltagswelt hinter sich, man verabschiedet sich förmlich vom Alltag, tritt in einen freien Zeit-Raum, der voller Überraschungen sein kann und neuen Einsichten, und weiß, aus diesem freien Zeitraum, genannt Unterbrechung, tritt man ins Alltags-Leben verändert heraus: Man kehrt ja nach der Unterbrechung wieder ins Alltägliche zurück, aber in ein nun zu veränderndes Alltägliches: Denn du hast dein Leben und Denken (ein bisschen, vielleicht tiefer gehend) verändert mitten in der Unterbrechung. Du erlebst dich anders, denkst auch anders, du hast andere Werte und Ziele.

Weihnachten ist als Fest eine Unterbrechung.

Es ist ein Fest, über das christlich gebildete Menschen wissen: Gott unterbricht sich selbst. Das Fest als Unterbrechung findet sozusagen zu Weihnachten eine Art „göttliche“, absolute Bestätigung.

Die Kirchen haben auch zugelassen, dass Weihnachten wohl weltweit zum Konsumrausch wurde. Und mit Kitsch und Lametta zu einem meist banalen Weihnachtsmarkt-Unternehmen entartete. Weihnachten und Markt gehören ganz eng zusammen. Die Kirchen lassen das zu. Die Kirchen haben keine eigene Weihnachtskultur entwickelt. Sind die überfüllten, oft hektisch „abgesungenen“ Weihnachtsgottesdienste Ausdruck einer Weihnachtskultur? Ich denke: Sie sind es eher nicht.

Ich schlage als Beleg dafür, dass Gott sich selbst unterbricht, um es in einer dem Mythos entlehnten Sprache zu sagen, eine Lektüre eines Textes aus dem Neuen Testament vor. Im Philipperbrief des Apostels Paulus wird gezeigt: Die Metaphysik des herrschenden allmächtigen Gottes in einem fernen Himmel wird überwunden. Es gibt einen Gott, der sich verändert, der auf seine Macht verzichtet.

Nur als Hintergrund angedeutet: Das Neue Testament ist ein Buch voller unterschiedlicher Vorschläge zur Lebensgestaltung. Über die man selbstverständlich sich kritisch verständigen soll. Das Neue Testament ist ein Buch der Lebensweisheit, formuliert von Menschen, die ganz unter dem Eindruck einer ihnen einmalig erscheinenden Person, Jesus von Nazareth, lebten. Und die dieses innere Bewegtsein von dieser Person anderen weitergeben wollten. Dabei haben diese Autoren des Neuen Testaments auch viel Unsinn – in heutiger Sicht – gesagt, etwa zum Thema Frauen in der Kirche oder zur Homosexualität. Nicht alles ist weise im Neuen Testament, aber doch vieles. Wenn man es richtig übersetzt, auch säkular übersetzt.

Und so ist auch der jetzt folgende Text aus dem Philipperbrief des Apostels Paulus ein Vorschlag zu einem Verständnis der eigenen Existenz und der Welt: Auch ein Bibeltext hat niemals nur eine einmal autoritär festgelegte Sinnrichtung und Interpretationsmöglichkeit. Ein Text schenkt sich dem Leser zu einem je neuen und je eigenen Interpretieren. Weil der Text selbst in seiner Sprache schon eine Pluralität des Verstehens enthält. Der Philosoph Emmanel Lévinas sagt: „Biblische Texte werden gewissermaßen vom Leser fortgeschrieben. Derjenige, der geschrieben hat, hat mehr gesagt, als er selbst denken konnte. Als ob es ein Denken gäbe, das mehr zu denken vermag, als es denkt und sagt“ (In: „Aussichten des Denkens“, S. 43).

Noch einmal zum Philipperbrief, 2.Kapitel: Gott selbst, lehrt Paulus, setzt eine Unterbrechung. Und zwar radikal: Er unterbricht sich selbst. Er will für sich selbst, für sein göttliches Leben möchte man fast sagen, eine Unterbrechung, d.h: Gott selbst will Neues, Welt und Menschen Veränderndes. In dieser Sicht ist die Vorstellung nicht mehr möglich, Gott sei ewig derselbe.

Wem das Wort Gott zu abgenutzt oder zu diffus erscheinen mag: Ich könnte auch sagen: Der grundlegende und alles tragende letztlich gute Sinn zeigt sich je neu; in einer Unterbrechung offenbart sich neuer Sinn…

Ich verwende aber den Begriff Gott, weil er ein Symbol ist für eine Wirklichkeit, die in der Tradition immer wieder verwendet wurde und wird. Wir haben vielleicht kein anderes Wort zur Verfügung?

Der Theologe Paulus dachte anfangs sehr systematisch: Gott im Himmel, der Mensch auf Erden. Dieser Vorstellung des Apostels Paulus folgend schreibt Paulus im Philipperbrief das Provozierende: Der Logos wird Mensch. Das bedeutet nichts anderes: Gott selbst wird ganz menschlich. Dies ist die zentrale These. Wenn man das weltlich interpretieren will: Der grundlegende Sinn zeigt sich neu mitten in der Welt.

Der Theologe Paulus geht davon aus, dass es Gott gibt; dass er „im Himmel“ lebt; dass er als lebendiger Gott „nicht allein im Himmel ist“, sondern einen Logos, eine göttliche Weisheit, bei sich hat. Dies ist die Rede von der Prä-Existenz des göttlichen Logos in himmlischen Sphären. Das Prä, das Zuvor, bezieht sich auf seine dann Existenz eben in Himmelshöhen. Aus der göttlichen Himmelswelt tritt der Logos heraus. Wird Mensch, wird Welt. Dies ist eine Revolution der Gottes-Bilder.

Zum Kapitel 2 des Philipperbriefes des Apostels Paulus: Philippi ist eine Stadt in der Nähe von Kavala in heutigen Nordgriechenland. Diese erste christliche Gemeinde in Europa wurde von Paulus im Jahr 49 gegründet. Der kurze Text im 2. Kapitel enthält zuerst die Aufforderung an die Gemeinde, sich der Existenz-Form, also der Gesinnung Jesu von Nazareth, anzuschließen. Dies ist eine übliche Einladung an die Gemeinde, die Lebensphilosophie des Christlichen zu leben und zu vertiefen.

Noch einmal: Christlicher Glaube ist eine Lebensphilosophie, und diese gibt es nur im Plural. Und als (politische) Praxis.

Der Brief des Theologen Paulus selbst wurde etwa im Jahr 54 geschrieben, also etwa 20 Jahre nach dem Tode Jesu von Nazareth.   (https://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/neues-testament/paulinische-briefe/philipper/

In der Übersetzung der Züricher Bibel heißt es: (http://www.neutestamentliches-repetitorium.de/inhalt/philipper/Paragraph8.pdf)

DER TEXT: Vers 5:  Seid so gesinnt, wie es eurem Stand in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der doch von göttlichem Wesen war, hielt nicht wie an einer Beute daran fest, Gott gleich zu sein,

7 sondern gab es preis und nahm auf sich das Dasein eines Sklaven, wurde den Menschen ähnlich, in seiner Erscheinung wie ein Mensch.

8 Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.

JETZT folgt die theologische Aufwertung dieses Lebens im „Abstieg“zu einem weltlichen Leben Gottes:

9 Deshalb hat Gott ihn auch über alles erhöht und ihm den Namen verliehen, der über allen Namen ist,

10 damit im Namen Jesu sich beuge jedes Knie, all derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Zur Interpretation:

Paulus denkt hier an die göttliche Wirklichkeit im Himmel. Diese göttliche Wirklichkeit wurde schon in der jüdischen Weisheitsliteratur so gedacht, als wäre die Weisheit als göttliche Weisheit schon bei der Schöpfung der Welt durch Gott „dabei“.

Diese göttliche Weisheit bei/in Gott wird in der frühen christlichen Theologie als Person aufgefasst, als Christus-Gestalt. Logos bedeutet auch Vernunft und Gespräch. Wenn der Logos in die Welt kommt, sucht er – als Jesus von Nazareth/Christus – den Dialog.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Und das führt uns zu Weihnachten: Dieser Gott als Logos tritt aus dem Himmel des Göttlichen heraus und wird ganz Mensch, eben in der uns bekannten (siehe die Mythen im Matthäus/Lukas Evangelium) Krippe im Stall zu Bethlehem. Der göttliche Logos als göttliche Weisheit wurde Mensch, und dieser Jesus von Nazareth folgte immer seinem Gewissen („hörte auf die Stimme Gottes, den Jesus Vater nannte“) und Jesus endete als Freund der Menschen, der Ausgegrenzten zumal, als radikaler Kritiker der Gesellschaft und des herrschenden Gottesbildes am Kreuz. Jesus wusste um das Risiko seiner theologisch-politische Radikalität und war zum Äußersten bereit. „Ihm liegt daran, eine neue Ordnung, eine neue „Herrschaft“ der Liebe zu verkünden, dieses Projekt ist konträr zur bestehenden Gesellschaft. „Für Jesus hat Menschlichkeit Priorität vor einer akribischen Gesetzeserfüllung“ (Jos Rosenthal, Der Prozess Jesu, 2003 S. 24.)

Und es entsteht dann die Überzeugung der Gemeinde: Dieser außer-gewöhnliche Mensch wurde dann von Gott für sein Leben „ausgezeichnet“: Gott will, so glaubt man, dass dieser Mensch Jesus ein Lebensmittelpunkt für andere sein kann. Es ist ein Vorschlag, den das Neue Testament und Paulus machen: Dieser Jesus kann für die Menschen sogar von absoluter Bedeutung werden, das meint Paulus, wenn er von „Erhöhung“ durch Gott: Vor ihm kann man niederknien, wie sagt man heute: Das ist ja zum Hinknien usw.

Das ist die Grundaussage: Wer Gott sucht, wird auf den Menschen verwiesen, auf die Menschlichkeit, wie sie Jesus von Nazareth lebte. Diese Menschlichkeit ist Liebe. Liebe zum Nächsten. Gott wird also in der Liebe entdeckt.

Dieser Text, der den Verzicht Gottes auf seine Göttlichkeit beschreibt, wird als Erniedrigung als „Kenosis“ heute auch philosophisch bedacht.

Kenosis: Auf dieses griechische Wort aus dem Philispperbrief kommt es an: es meint das Leerwerden. Die Entäußerung. Das Freiwerden. Alles dies auf Gott selbst bezogen.

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo definiert Kenosis „als Verzicht Gottes auf die eigene souveräne Transzendenz“, in: „Die Zukunft der Religion“, S. 62). Auch in seinem Buch „Glauben-Philosophieren“ (Reclam, 1997, Seite 56) sagt Vattimo: Die Menschwerdung Gottes, also die kenosis, sei das große Paradox, das einzige Skandalon der christlichen Offenbarung. Vattimo spricht von einer „Aussetzung aller transzendenten, unverständlichen und bizarren Züge des Göttlichen“.

Der Philosoph Vattimo ist der prominente Denker eines Christentums, das als Kenosis lebt, auch einer Kirche, die als Kenosis, als Verzicht, lebt. „Ein kenotisches Christentum ist von der Liebe (caritas) bestimmt, es entsagt allen Gewaltmechanismen, auch denjenigen, die nur theoretisch eine letzte, allgemeinverbindliche Wahrheit verteidigen wollen“ (Bernd Irlenborn, „Nach dem Tod Gottes. Gianni Vattimos Entwurf eines postmodernen Christentums“ (in: Orientierung, Zürich, 2004, S. 258)

Vattimo hat sich dem christlichen Glauben wieder zugewandt, allerdings in der Gestalt der Kenosis, was ihn zum Kritiker der etablierten und dogmatischen Kirche,  des immer noch noch auf Macht und Gewalt bedachten offiziellen Katholizismus machte. Vattimo nennt sein eigenes Denken „schwaches Denken“, „schwach“, weil es nicht mehr der metaphysischen Macht der alten Gottes-Konzepte lebt. (Siehe auch sein Buch: „Jenseits des Christentums“, München 2004.). Die kenotische Kirche akzeptiert die Säkularisierung (die schwache Kirche ohne Macht) als eine Konsequenz des Glaubens, meint (nicht nur) Vattimo.

Für Vattimo ist die Interpretation der Kenosis als der zentralen Erfahrung des Christentums eine Neuentdeckung. So soll es auch sein, denn die Interpretationsgeschichte geht weiter in die Zukunft.

Weihnachten als Kenosis Fest ist von daher nicht rückwärts, in die Vergangenheit gerichtet, sondern nach vorn, zu neuen Erfahrungen…

Dies ist eine Einladung einer spirituellem Lebensphilosophie: Wir sollten, wenn wir denn dem Lebensmodell folgen wollen, leer werden, uns unserer Sicherheiten entäußern. Wenn man so will: Dann werden wir heil, „glücklich“…Landen aber vielleicht wie Jesus von Nazareth am Kreuz, siehe Erzbischof Romero in El Salvador, oder Dietrich Bonhoeffer usw…

Weihnachten ist ein Fest des Leerwerdens. Des Weggebens alter Überzeugungen. Dem Befolgen des Gewissens. Der Verbundenheit mit den Menschen. Gott ist Liebe, sagt die Tradition. Die Lebensphilosophie Jesu von Nazareth, des Logos, folgt dieser Weisheit umfassend. Jesus von Nazareth wird selbst zum Symbol der Liebe. Wir können also sagen: Die Liebe ist göttlich, die Liebe ist in gewisser Weise Gott?

Diese Verse aus dem Philipperbrief wurden oft interpretiert, weil es um die Unterbrechung Gottes geht. Und die Göttlichkeit des Menschen!

Darum noch ein Hinweis auf den Philosophen und Religionskritiker Ludwig Feuerbach. Im Anschluss an die Jesus-Gestalt sagt er: „Gott ist die Liebe. Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt, der ist Christ, der ist Christus selbst“ (zit. in Vittorio Hösle, Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie, 2013, s 172.)

Feuerbach will dem Leben und der Förderung des Lebens als solchem eine religiöse Bedeutung abgewinnen und darin folgt ihm dann Nietzsche: Er hat als heftigster Religionskritiker jedoch die Jesus-Gestalt geschätzt, wenn er sagte: Man muss sich Jesus als »wärmstes Herz« denken, als den »edelsten Menschen«. Seine Botschaft der Ganzheitlichkeit lautet, so in „Der Antichrist“: »Das wahre Leben, das ewige Leben, ist gefunden. Es wird nicht verheißen, es ist da! Es ist in Euch: Als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz.« Diese Erfahrung der innersten Nähe des Göttlichen »hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in tausend Jahren. Es ist eine Erfahrung in einem Herzen, es ist überall da, es ist nirgends da …«

Gott ist Mensch. Und der Mensch, jeder Mensch, ist in gewisser Weise göttlich. Dies ist Weihnachten. Sucht Gott nicht mehr im Himmel!

Säkular verstanden: Der Mensch, jeder Mensch, ist absolut wichtig und voller einmaliger Würde. Die Pflege und Unterstützung des Menschen, jedes Menschen, der Notleidenden zumal, ist absolut wichtig. Unverzichtbarer Mittelpunkt auch aller Politik.

Weihnachten wird so zum Fest der – ideologisch von Kapitalisten usw. nicht missbrauchten – Menschenrechte. Die Aufforderung zu Weihnachten, etwas Geld für „gute Zwecke“, für die Armen usw. zu spenden, ist der hilflose Versuch, den Menschenrechten auch etwas zu entsprechen. Dabei wäre umfassende Information über den Niedergang der Menschenrechte weltweit verbunden mit politischem Engagement die treffende Antwort auf den Geist des Weihnachtsfestes. Der ewige Singsang der Kinderlieder zu Weihnachten ist nett, eine Ablenkung, vielleicht ein kurzer Ausstiegaus der banalen Alltagswelt; aber dieser Singsang ist sicher nicht die einzige Antwort auf den Gott, der Mensch ist.

Man sollte nicht in diesen Kinderliedern auf Dauer hängen bleiben. Und dann, dumm geblieben, Gott als Mann mit Bart sich denken, umgeben von hübschen Putten etc… Auch der christliche Glaube als eine Lebensphilosophie ist intellektuell anspruchsvoll. Hat nichts mit Infantilität zu tun, auch nicht zu Weihnachten. Aber leider bilden sich in der Hinsicht so wenige (Christen) Menschen weiter. Wir bedienen z.B. smartphones wie die Verrückten, wissen alles darüber…Aber wir wissen nichts von Weihnachten, wie es wirklich ist in einer reflektierten Lebensphilosophie. So bleiben viele als Erwachsene infantil, hängen den idyllischen Weihnachtsbildern Bildern der Kindheit an…Und danach geht alles weiter wie bisher. Ohne Unterbrechung. Siehe oben!

Das Spenden-Wesen zu Weihnachten als bescheidene Tat der „Gewissensberuhigung“, aber auch als politische Ablenkung zu kritisieren, ist wohl eine der schwersten, äußerst selten vollzogenen Aufgaben eines kritischen Journalismus.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 4. Dezember 2024 durch CM