The­sen­an­schlag heute: Kurz und störend. Ein Projekt zum 31. Oktober 2017!

Neun Komma fünf (9,5) Thesen zur Gesellschaft und zu den Kirchen. Als neuer Thesen – Anschlag.

Anstelle der heute schon wieder üblichen, in Büchern usw. veröffentlichten 95 Thesen:

Also: Neuneinhalb Thesen! Sie sind überschaubarer und vielleicht „heftiger“…

Thesen sind Einladungen zum Weiterfragen. Sie haben nichts Abgeschlossenes. Sie können selbstverständlich nicht „alles“ sagen zum Thema „Reformation 2017“.

Diese Thesen sind vor dem Hintergrund der Bedrohung der Demokratien durch das Lügen-Regime von Mister Trump formuliert sowie angesichts der Macht der Rechtsradikalen in ganz Europa; angesichts des Mauerbauens  rund um Europa; angesichts des vom reichen Europa zugelassenen massenhaften Krepierens von Afrikanern auf dem Mittelmeer; angesichts der zugelassenen „neuen KZs, die sich heute Flüchtlingslager nennen“ (Zitat von Papst Franziskus, April 2017). Diese Thesen zum Reformationstag sind formuiert vor dem Hintergrund der Bedrohung der Menschheit durch (von Menschen gemachte) ökologische Katastrophen und durch die von Menschen gemachten bzw. gewollten Kriege. Diese sind intendiert von der Gier der Waffenproduzenten in Europas und Amerika. Gegenüber diesen Herren sind offenbar alle machtlos, nur die üblichen mahnenden Worte werden gesprochen…

Unsere leitende Erkenntnis ist also: Angesichts dieser Welt heute kann man nicht mehr „wie immer schon üblich“ von Reformation oder gar von Luther, Kirche, Spiritualität usw. reden und entsprechende Kirchen-Veranstaltungen planen. Haben wir das alles nicht schin 100 mal erlebt? Neues muss gesagt werden. Neue Thesen sollten gewagt werden. Die Erinnerung an einst ist wissenschaftlich wichtig, existentiell im Augenblick aber nicht so wichtig.

Lassen wir also Luther einmal beiseite und seine ewig wiederholten Prinzipien. Diese sind altbekannt, in schätzungsweise 50 neuen Lutherbüchern 2016/17 dargestellt: All das hat aber politisch bis jetzt wenig bewirkt. Widerstand gegen Unrecht, Unrechtssysteme und Lügensysteme ist bekanntlich alles andere als eine Kategorie im Denken Luthers und der meisten Lutheraner.

Es gilt heute den humanen Kern der biblischen Botschaft als menschlicher Weisheit freizulegen. Es gilt aber vor allem, einen alle Menschen verbindenden Humanismus der Vernunft zu entdecken und zu fördern. Dies ist die aktuelle Aufgabe der christlichen Kirche.

Wir verstehen die 9,5 Thesen als Projekt, an dem sich möglichst viele beteiligen können und sollen.

Gudrun Modlich hat am 27.9.2017 ihre neuneinhalb Thesen veröffentlicht:

Ist es sinnvoll an einen Gott zu glauben? Wenn ja, an welchen Gott?

9,5 Thesen von Gudrun Modlich

Vorwort:    Durch das Buch des Dalai Lama: „Ethik ist wichtiger als Religion“ wurde mir klar, dass eigentlich gar nicht die Religionen ihre Ethik an die Menschen herantragen, sondern die Menschen sind es, die ihre jeweilige Ethik in ihre Religion hineinlesen. (Die Bewertung der Relevanz von Bibel- oder Koranstellen etwa erfolgt immer – unbewusst – im Licht des viel geschmähten „Zeitgeistes“ oder – wie im Falle der Homophobie – um sein eigenes Unbehagen zu legitimieren.) Ein atheistischer Mensch verhält sich nicht unethischer als ein religiöser; das Maß an Mitgefühl und Altruismus korreliert nicht mit der Frömmigkeit. Was also bietet das Postulat eines Gottes? Ich habe etliche fromme Menschen erlebt, deren Glaube im Leid die Nagelprobe nicht bestand. Atheistisch erzogene Menschen hingegen griffen, um mit unverstehbarem Leid zurechtzukommen, zu einem sehr einfachen Gottesbild, das ihnen half. Im Folgenden versuche ich die Grundzüge dieser „Basisreligion“ zu skizzieren, ohne Begriffe zu verwenden, die auf eine bestimmte etablierte Religion hindeuten könnten.  Das folgende Welt- bzw. Gottesbild habe ich aus Beobachtungen und Gesprächen mit Menschen, die mit Leidsituationen gut zurechtkamen, gewonnen und selbst bei Sterbebegleitungen mehrfach angewendet. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Menschen es ausprobieren und ihre Erfahrungen systematisch auswertet würden (inwieweit ist es wem, wann, unter welchen Voraussetzungen hilfreich), so dass daraus eine evidenzbasierte Maßnahme zu AEDL 13 des Pflegemodells nach Monika Krohwinkel werden könnte.

Meine 9,5 Thesen:  1. Gott ist das transzendente Du, das dem Dasein die Bedeutungsdimension hinzufügt. Diese Bedeutung ist mystisch, unverstehbar, durchzieht die Welt und übersteigt sie zugleich. Mit Gott erhält alles Dasein Glanz und Schimmer. Im Bild gesprochen: Ein an Gott Glaubender erlebt die Welt gewissermaßen in 4 D. (Was nicht heißt, dass 3 D nicht auch okay ist.)

2. Gott ist ein Baum mit vielen Blättern. Wiewohl der einzelne Mensch Gott spüren, ahnen und erfahren kann, reichen die Erfahrungen aller Menschen aller Generationen nicht aus, um das Bild Gottes zu vervollständigen.

3. Gott ist NICHT notwendig, um die Welt zu erklären. Verstandesmäßig lässt er sich nicht erfassen. Gott ist eher zu „begreifen“ mit Grundeinstellungen wie Staunen, Hingabe, Liebe.

4. Gott ist NICHT notwendig, um ethische Normen zu etablieren. Wir haben mittlerweile genügend Erfahrungen gesammelt, um daraus unsere Schlüsse zu ziehen. Der Mensch ist in der Lage, „gut“ und „böse“ selber zu erkennen.

5. Wer OHNE Gott NICHT auskommt, das ist der Mensch in seinen existenziellen Erfahrungen, Leid, Schmerz, Verlust, Tod. In diesen Momenten ist Gott ein Ufer, an dem wir ankern können, um nicht wahnsinnig zu werden. Ohne Gott wird es hier sehr hart.

6. Das zu verkündende Gottesbild muss demzufolge ein menschliches und Leid linderndes sein. Einen unmenschlichen und grausamen Gott brauchen wir nicht! Damit Gott ein menschlicher ist, müssen wir ihn als rettend, haltend, tröstend, helfend, liebevoll, verstehend, annehmend und verzeihend beschreiben.

7. Wir Menschen sind Partner Gottes. Gott handelt durch uns, sofern wir ihn nicht daran hindern. Indem wir von uns selbst absehen, werden wir durchscheinend für die Liebe Gottes, und durch uns wird sie in der Welt erfahrbar.

8. Gott straft nicht. Niemals. Die Hölle, das sind wir selber. Das Fegefeuer ist unser Entsetzen im Erkennen darüber, wer wir selber sind, wenn wir unser Leben betrachten. Je mehr wir vorher mit unserem Leben Frieden gemacht haben, desto friedlicher ist unser Tod. Uns erfasst eine Sehnsucht. Wir werden abgeholt. Wir gehen ins Licht. Alle.

9. Gott ist nicht nur Gott aller Menschen. Er ist Gott alles Seienden. Was wir als grundloses Leid erfahren, ist nur von unserem anthropozentrischen Blickwinkel her unverstehbar. Aus einer „onto-zentrischen“ Warte, d. h. mit Focus auf alles Seiende in seinem steten Wandel (welches zu überschauen nur Gott möglich ist) wären diese Erfahrungen erklärbar.

9,5. Raus aus bedrückenden Denkmustern!

Copyright: Gudrun Modlich.

Die neuneinhalb Thesen von Christian Modehn vom Februar 2017:

  1. Kirchen und Glauben, Religionen und Atheismen sind nicht primär wichtig. Was heute für den einzelnen und die Gesellschaft im Mittelpunkt steht ist das ethisch verantwortete und reflektierte Leben.
  2. Die eigene Urteilsbildung und die seelische Reife der Menschen (und Christen) zu fördern ist wichtiger als konfessionelle Dogmen – etwa im Unterricht – zu vermitteln und zu verbreiten. Philosophieren muss im Mittelpunkt stehen. Ideologien werden entlarvt und dringende humane Projekte (Ökologie, atomare Abrüstung, Kritik der totalitären und „halbtotalitären“ Herrschaft  usw.) besprochen.
  3.  Eine konfessionell geprägte, so genannte christliche Ethik, ist niemals primär und maßgeblich. Sie kann lediglich die allgemeine humane, die vernünftige Ethik verstärken. Jesus von Nazareth kann „inspirierendes Vorbild“ genannt werden. „Jesuanischer Geist“ findet sich außerhalb der Gruppen, die sich ständig und oft scheinheilig auf Jesus Christus berufen. Sein Geist ist z.B. in einigen NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International) anwesend und lebendig, vielleicht sogar lebendiger als in den müden, um Dogmen und andere Themen ewig ringenden und streitenden Kirchen.
  4. Die Menschen sollten sich in neuen offenen und reifen Gruppen und Gemeinden treffen; auch, um gemeinsam für mehr Gerechtigkeit hier und weltweit einzutreten. Das Ziel: Es darf keine Mauern zwischen den unterschiedlichen, aber gleichberechtigten Menschen und Kulturen geben. Wer als Politiker Mauern baut, auch in Europa gegenüber Flüchtlingen, muss zurückgewiesen und „in Pension“ geschickt werden.
  5. Das Hungersterben, das weltweite Elend, muss als absolute Schande der Menschheit wahrgenommen werden. Es muss alles Denken und Handeln begleiten. Es kann nur durch eine neue, gerechte Welt-Gesellschaft überwunden werden. Dazu müssen Umverteilungen des Reichtums, auch durch Enteignungen von Milliardären etwa, stattfinden. Es gilt, endlich eine „Obergrenze“ ethisch vertretbarer Einkünfte zu debattieren.
  6. Die getrennten Kirchen erkennen an: Wir wollen nur noch das eine Wesentliche, das eine Zentrum, des christlichen Glaubens lehren und leben: Die Liebe unter den Menschen und die Liebe zu einer Wirklichkeit, die viele Gott nennen. Die immer wieder und endlos besprochenen dogmatischen Differenzen werden als überflüssige Hobbys klerikaler Herrscher entlarvt. Gottesdienste werden aus der rituellen Erstarrung und Langeweile befreit. Sie werden zu Lebensfeiern.
  7. Der biblische Gott wird nicht länger als immer zur Verfügung stehende (Herrschafts-)Formel und Floskel verwendet. Gott wird vielmehr als Geheimnis eher schweigend und liebend und in einer allgemeinen Mystik verehrt. So finden unterschiedliche Religionen zueinander. Die neuen Götter in ihrer ganzen Vielfalt werden entlarvt (Fußball, Sport, Leistung, Körperkult usw.) sowie owie der oberste Gott, über allem, das Geld bzw. das Bestreben, „immer mehr“ das „Haben“ als absoluten Wert zu verehren.
  8. Das göttliche Geheimnis kann selbstverständlich auch in Kunst, Literatur, Musik, in der Erotik, in der Natur, im solidarischen Engagement entdeckt werden. Diese Gotteserfahrung ist dann authentisch, wenn sie die Menschen zu einer personalen Befreiung und Reifung führt.
  9. Die Befreiung der Frauen, besonders der leidenden und unterdrückten Frauen in den arm gemachten Weltregionen, hat oberste politische und kirchliche Priorität. Solange die römische Kirche (von den orthodoxen Staats- bzw. Regime-Kirchen ganz zu schweigen) Frauen nicht als völlig gleichberechtigt akzeptiert, kann sie nicht ernst genommen werden. Auch die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen muss weltweit erkämpft werden. Homosexualität ist normal, Homosexualität ist eine normale Variante in der sexuellen Orientierung. Alles andere zu behaupten ist Unsinn, ist kontra-faktisch, widerspricht den Wissenschaften. Offenbar sind viele Christen und Kirchen immer noch gern gegen Wissenschaften eingestellt.

      9,5. Weiter denken: Und die eigenen neuneinhalb Thesen schreiben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 30. September 2017 durch CM

Karl Jaspers: Plädoyer für den philosophischen Glauben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 26.2 1969 ist der Philosoph Karl Jaspers in Basel gestorben (geboren wurde er am 23.2. 1883 in Oldenburg). Der Religionsphilosophische Salon Berlin erinnert an Jaspers als einen kritischen politischen Denker in der BRD und einen entschiedenen Kritiker der politischen Verblendung von Martin Heidegger und: Vor allem als einen Denker, der die Vernunft so reflektierte, dass er für einen „philosophischen Glauben“ (so der Buchtitel von 1948) eintreten konnte und für den „philosophischen Glaube angesichts der Offenbarung“ (1962) sich stark machte. Die Konzeption und Weiterentwicklung eines vernünftigen philosophischen Glaubens bleibt ein Thema unser Diskussionen. Der „philosophische Glaube“ bietet nicht nur Denk-Möglichkeiten, gerade in Zeiten, in denen der konfessionelle dogmatische Glaube der Kirchen nicht mehr als geistig-bewegende Lebendigkeit erfahren wird. Der philosophische Glaube im Sinne von Jaspers kennt nur Grundsätze, keine Dogmen. Gewalt gegen Andersdenkende wird selbstverständlich abgelehnt, er ist offen für Einwände, hält nicht wunderbare Behauptungen für selbstverständlich, er gibt keine Ruhe im Denken und Fragen. Aber der philosophisch Glaubende interessiert sich für die „Chiffren“, für vieldeutige Zeichen, die aber auch auf Transzendenz weisen können.

Es wäre interessant, den philosophischen Glauben im Sinne von Jaspers mit den Thesen des südafrikanischen Theologen und Bischofs Desmond Tutu zu konfrontieren, Thesen, die er in dem Buch „Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit“ (2012) mitgeteilt hat. Tutu weist die Vorstellung zurück, dass Christen im Besitz einer alleinigen Wahrheit sind, er sucht das Gemeinsame in den Religionen…; jeder Mensch lebt in enger Verbindung mit dem Göttlichen, die Vernunft in allen Menchen ist das wahrhaft Religiöse…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 8. Februar 2025 durch CM

Spinoza und die kritische Bibelforschung

Ein Hinweis auf einen Gedenktag, also einen Tag zum Denken….an Spinozas Bibelkritik und seine Verteidigung der Philosophie….

Von Christian Modehn

Am 21. 2.1677 ist in Den Haag der Philosoph Baruch de Spinoza gestorben (geboren wurde er am 24.11. 1632 in Amsterdam). Auch als Verteidiger und Förderer der historisch-kritischen Bibelexegese muss er für weite Kreise (besonders der unbegildeten heutigen Bibel-Fundamentalisten)  noch entdeckt werden. Genau so wichtig ist Spinozas Forderung: Die Theologie (also auch die Leitung der Religionsgemeinschaften) darf der Philosophie nicht das Recht auf eigenständige Erkenntnis, auch Gotteserkenntnis, streitig machen. Der wahre Gottesdienst für Spinoza ist die lebendige Gestaltung von Gerechtigkeit und Nächstenliebe. Wichtig ist hier das Buch Spinozas „Tractatus Theologico-Politicus„, (1670 anonym erschienen).Darin wendet sich Spinoza auch gegen den schlichten Wunderglauben, der da meint: Gott wirke im Ungewohnten und Außergwöhnlichen. Man solle Gott vielmehr suchen in der durchgängigen Gültigkeit der Gesetze der Natur. Jeder Mensch hat das Recht, frei seine eigenen religiösen Überzeugungen zu sagen, diese Freiheit sei die Bedingung für eine staatliche Ordnung.

….Goethe sagte über Spinoza: „Ich fühle mich ihm sehr nahe, obgleich sein Geist viel tiefer und reiner ist als der meinige“.

Der Text des Tractatus von Spinoza ist erreichbar unter: http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf

Aktualisiert am 13. Februar 2017 durch CM

Steve Bannon katholisch, mit Freunden auch im Vatikan, wird er exkommuniziert?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.2.2017.

Der stärkste und militanteste Mann im Trump – Regime, den sehr viele einen Rassisten und faschistoiden Typen nennen, Steve Bannon, ist, bisher eher selten wahrgenommen, ein Katholik. Der Vorschlag des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ heißt: Der Vatikan könnte und sollte Steve Bannon exkommunizieren. Als juristischen Beitrag kirchlicherseits gegen Bannon, um dadurch auf dessen völlig inakzeptable ethische und politische Positionen aufmerksam zu machen, Meinungen und Positionen, die den Weltfrieden bedrohen. Im Canon 1369 des offiziellen „Codex Iuris Canonici“ heißt es innerhalb der Ausführungen zu den „Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ u.a. „Wer eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt oder Hass und Verachtung hervoruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden“. Diesen „Tabestand“ vor Augen hatte Papst Franziskus im Juni 2014 Mitglieder der süditalienischen Mafia exkommuniziert. Dieses Ereignis kommentierte Roberto Saviano mit Blick auf Italien in „Die Zeit“ vom 26. Juni 2014, Seite 5: „Die Exkommunikation ist als eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen“… Welche politischen Verbindungen würden „gekappt“ werden, wenn Bannon exkommuniziert wäre?

Diese Forderung einer öffentlichen Ausgrenzung, Exkommunikation, Bannons sollte ausgesprochen werden, auch wenn sie wenig Chancen auf eine Realisierung hat. Denn Steve Bannon hat zu viele mächtige Fürsprecher im Vatikan, auch unter zahlreichen reaktionären Kardinälen dort, siehe unsere Hinweise auf das Institut“Dignitatis Humanae“ in Rom und Brüssel. Man wundert sich dabei nur, mit wie vielen sekundären Themen sich der Vatikan befasst, wie dieses „ewige“ Thema der „Wiederverheiratet Geschiedenen“…

Die „New York Times“ hat dazu ein ausführliches Dossier veröffentlicht, wie sich Bannon im Vatikan beliebt machte. Klicken Sie hier.

Und die konservative katholische Wochenzeitung „National Catholic Register“ berichtete über Bannons Verbindungen zu einem reaktionären katholischen Studienzentrum in Rom und Brüssel, mit dem hübschen Namen „Dignitatis Humanae Institut“, der Titel erinnert an einen Text zur Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Zu weiteren Informationen über dieses „Forschungszentrum“ mit dem Namen „Institut der menschlichen Würde“ (vor allem für die Würde des Mister Bannon) klicken Sie hier. Wer die website dieses Instituts aufschlägt, ist sofort mit dem Katholiken Bannon konfrontiert. Zu den „Patrons“ des Instituts gehörte u.a Otto von Habsburg, sehr konservative Kardinäle, wie die Herren Kardinäle Brandmüller, BURKE oder Sarah, gehören zur Leitung; offizieller „Hausgeistlicher“ ist der umstrittene englische Franziskaner Michael Seed. Informationen auch über ihn, der für die Konversion von Tony Blair zuständig war… Klicken Sie hier.

Wir fragen uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin:

Die Richter und Juristen im allgemeinen sind wohl noch eine starke Kraft in den USA, um gegen die totalitären Ansprüche des Trump-Regimes vorzugehen. Warum nicht auch die katholischen Kirchen-Juristen? Warum sollte also nicht die Frage diskutiert werden: Wann wird Steve Bannon, der mit universal geltenden Menschenrechten überhaupt nichts zu tun hat, siehe seine Beiträge in „Breitbart“, wann also wird dieser katholische Ober-Hetzer und katholische Feind des Demokratie nicht von Papst und US-Bischöfen EXKOMMUNIZIERT? Wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon sind überhaupt keine Freunde von Exkommunikationen. (Es wurden allzu oft die falschen, nämlich die theologischen Abweichler und theologisch kreativen Ketzer exkommuniziert…).  Aber in größter Not haben Exkommunikationen auch heute einen symbolischen und vielleicht auch politischen Wert: Den Amis sollte der Papst also sagen: Dieser Typ Steve Bannon ist ab sofort nicht mehr katholisch. Bei den großen Mafia-Bossen in Italien hat Papst Franziskus diesen symbolischen Akt auch vollzogen. Die Mafiosi morden trotzdem weiter, aber die Öffentlichkeit weiß: Diese Typen gelten selbst im Vatikan nicht als katholisch. Sie sind Verbrecher. Beichten reicht dann für sie nicht mehr: Diese Typen müssen sich politisch-ethisch verwandeln d.h. zum Respekt vor der universal (!) geltenden Menschlichkeit und den Menschenrechten zurückkehren.

Aber vielleicht stehen viele führende Katholiken und Bischöfe in den USA insgeheim und offen auf Steve Bannons Seite? Das wäre eine Katastrophe, die kritischer Recherche-Journalismus natürlich dokumentieren müßte.

Thomas Assheuer bietet in „Die Zeit“ vom 9.Februar 2017, Seite 35, den wichtigen Hinweis auf eine Connection zwischen Steve Bannon und Alexander Dugin, Russland, der dort als Neo-Faschist betrachtet wird.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Aktualisiert am 11. August 2018 durch CM

Ein anderer Kirchentag 2017. Interview mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Man muss kein Zukunftsforscher sein, erst recht kein Prophet, um zu sehen: Wenn der Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stattfindet, wird es noch mehr irritierende politische Turbulenzen geben: Die Wahlen in Holland und Frankreich sowie die Landtagswahlen in Deutschland werden leider wohl starke rechts(extrem)lastige Ergebnisse zeigen. Und die Zustände in den USA unter Trump werden sich gewiss noch nicht gebessert haben. Diese Themen werden das Miteinander in der Demokratie auch hier weiter belasten. Und genau damit sollten sich die TeilnehmerInnen des Kirchentages befassen.  Also: Kann unter diesen aktuellen Umständen ein Kirchentag einfach so, wie vorgesehen, sein Programm „durchziehen“? Mit all den nun schon vertrauten eher üblichen Themen? Oder muss ein „Ruck“ durch den Kirchentag jetzt noch gehen? Sollte nicht das eine zentrale dringende Thema, nämlich die Verteidigung der Demokratie und des Friedens, das ganze Programm bestimmen?

Das Elend ist eben, dass man sich nicht mehr traut, vom protestantischen Prinzip zu reden, das durch die Reformation zur bestimmenden Kraft im Christentum geworden ist. Mit historischen Ausstellungen, finanziert von Auswärtigen Amt, wird die Reformation als historisches Ereignis, das keineswegs nur kirchliche, sondern enorme gesellschaftliche, politische und kulturelle Auswirkungen hatte, gefeiert. Wenn es um die theologische und kirchliche Gegenwartsbedeutung der Reformation geht, und erst recht, wenn es darum geht, zu sagen, wofür ein sich an der Reformation orientierendes Christentum in den atemberaubenden Konflikten und politischen Verwirrungen unserer Tage einzutreten hat, dann bleiben Theologie und Kirche jedoch merkwürdig stumm.

Man wiederholt formelhaft die Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Gnade und dass die Kirche sich an Christus allein zu orientieren habe. Das erregt natürlich auch nirgendwo Widerspruch, auch in der Katholischen Kirche nicht. So begannen die höchsten Repräsentanten der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland das Reformationsjubiläumsjahr damit, dass sie gemeinsam eine Reise nach Jerusalem unternommen haben. So pilgert der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm am 6. Februar 2017 mit einer Delegation der EKD nach Rom, um mit dem Papst zusammen das Reformationsfest als „Christusfest“ zu begehen.

Man ergeht sich in innerkirchlicher Selbstbeweihräucherung, indem man die Überwindung theologischer Gegensätze feiert, die schon längst niemand mehr versteht, geschweige denn interessiert. Die kirchlichen Würdenträger auf evangelischer wie katholischer Seite zelebrieren ökumenische Verbundenheit in dem irrigen Glauben, gemeinsam könnten sie im Kampf gegen die säkulare Welt besser bestehen. Die Evangelischen sind dabei so sehr von der Angst ihrer gesellschaftlichen Marginalisierung getrieben, dass sie sogar vor Unterwerfungsgesten der nach wie vor machtvoll auftretenden Katholischen Kirche nicht zurückschrecken. Sie fahren nach Rom, nachdem der Papst sich geweigert hatte, nach Wittenberg zu kommen. Wie soll angesichts so viel theologischer Selbstverleugnung der evangelischen Kirchenführer das protestantische Prinzip noch zur Geltung kommen können? Es wird auch auf dem Kirchentag dem innerkirchlich motivierten ökumenischen Einheitswahn zum Opfer fallen.

Natürlich wird man sich auf dem Wittenberger Kirchentag auch mit den gesellschaftlichen und politischen Konflikten und Herausforderungen der zerrissenen Weltgesellschaft beschäftigen. Es wird den ganzen Sommer über unzählige Foren in Berlin und Wittenberg auch zu Demokratie und Menschenrechten geben. Es werden der Trumpismus und die AFD wichtige Themen sein. Das steht alles außer Frage. Aber man wird nichts darüber hören, was das spezifisch Protestantische in der Stellungnahme ist, die angesichts der heutigen politischen und gesellschaftlichen Situation von Christen gefordert ist. Von einer protestantischen Identität will man um des lieben ökumenischen Friedens willen in den Leitungsgremien der EKD ebenso wenig etwas wissen wie unter den Cheforganisatoren des Evangelischen Kirchentages. Man übersieht dabei jedoch, dass es viele Menschen in der Evangelischen Kirche und vielleicht noch mehr in der Katholischen Kirche gibt, die sehnlichst darauf warten, dass das durch die Reformation ins Christentum eingeführte protestantische Prinzip sich in der Kirche wie dann erst recht in Politik und Gesellschaft heute erneut energisch Geltung verschafft.

Was es mit dem Protestantismus als Prinzip auf sich hat, hat als erster Paul Tillich in den 1920er Jahren ausgesprochen. Er meinte damit, dass die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangene Kirchenreform sich gegen alle ideologische Überhöhung menschlicher und weltlicher Macht ins Göttliche gerichtet hat. Protestantisch ist der Protest gegen eine Arroganz der Macht, die sich auf höhere Rechtfertigungen beruft als die, auf Zeit und nach demokratischen Regeln vergeben worden zu sein. Absolute, göttliche Rechtfertigung steht nur Gott zu. Kein Mensch darf sich auf sie berufen, um damit am vernünftigen Diskurs vorbei seine Entscheidungen zu legitimieren. Das protestantische Prinzip ist der permanente Einspruch gegen die ideologische, sich auf höhere Gewalt berufende Rechtfertigung der Macht. Es lässt, wie Tillich sagte, Priester zu Laien, Sakramente zu bloßen Worten, Heiliges zu Profanem werden. Es begründet das Priestertum aller Gläubigen. Es ist, in seinem politischen Konsequenzen, das demokratische Prinzip, die theologische Begründung des Rechts auf vernunftgeleitete, diskursiv ausgehandelte Selbst- und Mitbestimmung.

Es ist schon so: das protestantische Prinzip verbindet sich eng mit der reformatorischen Einsicht in die Rechtfertigung allein aus Glauben, damit, dass diese in letzter Instanz Gottes und nicht des Menschen Sache ist. Aber es greift über das Kirchliche ins Politische und Gesellschaftliche hinein. Es beschreibt, was es heißt, in Politik und Gesellschaft aus der „Freiheit eines Christenmenschen“ zu leben. Aus der theologischen Lehre vom Priestertum aller Gläubigen folgen dann der demokratische Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und ihr Recht auf Mitbestimmung in allen das Gemeinwesen bestimmenden Angelegenheiten.

Dieses protestantische Prinzip ist zu Zeiten der Reformation weder kirchlich noch staatlich verwirklicht worden. Anpassung an obrigkeitsstaatliches Denken und Demokratieverachtung waren in der ganzen Geschichte auch des Protestantismus ganz überwiegend seine mehrheitskirchlichen Kennzeichen.

Dennoch scheint mir dieses protestantische Prinzip, das jeden Menschen vor Gott gleichstellt, jedem Menschen einen unendlichen Wert zuspricht, die Arbeit für mehr Gerechtigkeit zur moralischen Pflicht zu machen und den Frieden zum Endzweck allen politischen Handelns zu erklären. Allein deshalb schon sollte es auch theologisch ins Zentrum des Reformationsgedenkens treten.

Dann müsste es auch auf dem Wittenberger Kirchentag darum gehen, theologisch Farbe zu bekennen und an der protestantischen Identität des Christentums zu arbeiten. Wir brauchen keinen ökumenischen Versöhnungsschleim. Die politischen, sozialen und ideologischen Gegensätze, die unsere Welt zerreißen, gehen auch durch die Kirchen. Wo diese meinen, ihnen enthoben zu sein, betreiben sie die ganz und gar unprotestantische Vergöttlichung und Immunisierung ihrer Macht.

Der Pluralismus ist auch im Christentum eine Realität. Und er kann auch etwas Gutes haben, nämlich, dass Christen sich darüber Klarheit verschaffen, wofür sie selbst stehen und einzustehen bereit sind, religiös und politisch. Und beides hat eben sehr viel miteinander zu tun.

Was nützt es auch angesichts unserer Welt, wenn die TeilnehmerInnen des Kirchentags noch einmal etwas mehr von der „Rechtfertigung aus Glauben allein“ erfahren? Was nützt, wenn sie abermals hören, wie nahe sich Protestanten und Katholiken schon (angeblich) gekommen sind? Wenn die Zivil- Gesellschaft und der demokratische Staat an so vielen Orten bedroht ist? Würde Luther heute nicht 95 Thesen zur Rettung der Menschenrechte veröffentlichen?

Ja, davon bin ich überzeugt, Luther würde heute seine Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben als die Botschaft einer Rechtfertigung des Existenz- und Lebensrechtes eines jeden Menschen, allein deshalb, weil er ein Mensch ist, von den Kanzeln predigen! Er würde seine Überzeugung auf die Marktplätze bringen, in TV-Debatten verteidigen und über unzählige Tweets allen, die ihm folgen, weltweit bekannt machen.

Selbstverständlich wollte er auch, dass der zum Gedenken der Reformation in Wittenberg gefeierte Kirchentag sich nicht wieder in die Lehrstreitigkeiten des 16. Jahrhunderts hineinbegibt. Die innerkirchlichen Auseinandersetzung, aber auch die ökumenischen Verständigungsbemühungen hätten ihn vermutlich überhaupt nicht interessiert. Für ihn war die Wiederentdeckung des Evangeliums von einer über Leben und Tod, ewiges Heil oder ewige Verdammnis entscheidenden Wahrheit von alleiniger Bedeutung. Entsprechend entscheidet heute die Anerkennung oder Verleugnung der Menschenrechte täglich über Leben und Tod, offene Zukunft oder endgültiges Verderben von Tausenden von Menschen. Sie bleiben an den Grenzzäunen wie sie überall, auch in Europa, errichtet werden, hängen, ersaufen im Mittelmeer – oder aber sie finden Aufnahme in Ländern, die ihnen das Überleben sichern, oder, noch besser, sie erhalten durch den Aufbau einer gerechteren Welt- und Friedensordnung die Chance, zum wirtschaftlichen Aufbau ihrer eigenen Länder beizutragen.

Ein Kirchentag, der die Entdeckung des protestantischen Prinzips der Unmittelbarkeit eines jeden Menschen zu Gott und damit die unhintergehbare Bestätigung des unendlichen Wertes jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt – unabhängig von dessen religiösen, politischen nationalen oder ethnischen Zugehörigkeiten – feiert und in seinen weltweiten politischen Konsequenzen diskutiert, wäre ein Kirchentag im Sinne Luthers.

Allerdings, keiner von uns hätte dabei die Chance, sich aufs hohe Ross eigener moralischer Rechtschaffenheit zu setzen. Wir sind auch da durch Luthers 95 Thesen gewarnt. Die erste seiner 95 Thesen lautete bekanntlich, dass unser ganzes Leben ein in der Buße, d.h. in kritischer Selbstbesinnung zu führendes Leben sei.

Wenn der Glaube also im Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten eine Rolle spielt: Welche Gestalt des Glaubens ist es dann? Vielleicht ein elementarer Glaube an die Gründung allen Lebens in einem Sinn? Mit anderen Worten: Sollte der protestantische Glaube heute nicht elementar einfach sein? Und wenig dogmatisch, dafür aber sinnstiftend?

Vom protestantischen Prinzip zu sprechen und nicht von einer „reformatorischen Theologie“ oder einem „reformatorischen Rechtfertigungsglauben“, zielt genau darauf, das Protestantische als eine bestimmte, sich von anderen unterscheidende, die protestantische Identität ausmachende Lebenshaltung und Sinneinstellung aufzufassen. Sie kann genauso gut in der katholischen Kirche lebendig sein und ist es unter katholischen Christen de facto auch. Ja, diese vom protestantischen Prinzip bestimmte Lebenshaltung ist an gar kein kirchliches Mitgliedschaftsverhältnis gebunden.

Das Protestantische als Lebenshaltung überschreitet das Kirchliche. Sie geht ins Gesellschaftliche und Politische, ist aber doch religiös grundiert. Sie kommt von einem religiös bestimmten Grundsinnvertrauen her. Das Protestantische ist eine Lebenshaltung, die sich darum bemüht, jeden Menschen in seinem unbedingten Lebensrecht anzuerkennen. Sie schöpft ihre Kraft aus der Gewissheit eigenen Getragen- und Gehaltenseins, eines Gottvertrauens, wie es freilich in den Erfahrungen des Lebens auch immer wieder brüchig werden kann.

Aber, um es noch einmal ins Theologische zu wenden. Das eben heißt Glauben: Glauben meint nicht das Für-wahr-halten von überlieferten Glaubensbekenntnissen und kirchlichen Dogmen. Glauben bedeutet, darauf sich zu verlassen, dass die eigene Existenz bedingungslos gerechtfertigt ist, von Gott gerechtfertigt ist, nicht durch eigene Leistungen und Machtbeweise behauptet werden muss. Anerkannt, akzeptiert bin ich, so wie ich bin. Mein Leben hat einen Sinn. Es ist für mich gesorgt!

Wer aus solchem Glauben lebt, wie kann der anders, als sich zu fragen, wie die Welt aussehen müsste, damit jeder Mensch aus solcher Sinnerfahrung leben kann.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin.

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM

Die Heimat des Weltbürgers. Ein Text zum Salongespräch am 27.1.2019

Hinweise von Christian Modehn

Das dringende Thema voller offener Fragen

Die Begriffe Heimat – Nation und Weltbürger (Kosmopolit) stehen in einer Spannung zueinander, nicht nur in der politischen Philosophie, sondern in der Existenz des einzelnen. Es kommt heute in der globalen Welt darauf an, eine vernünftige Gestalt des Weltbürgers zu beschreiben und gleichzeitig eine kritische Verbundenheit mit Heimat bzw. Heimaten zu entwerfen. Dabei ist (geographische) Heimat einbezogen in einen Nationalstaat und wiederum in eine übergreifende politisch-ökonomisch-kulturelle Struktur, die EU.

Ausgangspunkt für unser Thema kann nur die kritisch reflektierte Erfahrung gegenwärtiger Politik sein. Und da hat sich in den letzten Jahren eine Metamorphose vollzogen. Man kann sie inhaltlich als bewusste Abkehr von den humanen und demokratischen Werten beschreiben, die noch vor 15 Jahren „eigentlich“ für die allermeisten selbstverständlich waren. Aber die demokratisch Gesinnten waren zu naiv: Unter dem Schein des „Normalen“ schlummerten bei vielen Rassismus, Anti-Humanismus, Nationalismus.

Es gibt also immer mehr eine aggressive Abwehr von Fremden und Flüchtlingen, mit Stacheldraht wie etwa in Ungarn, in den USA, nun auch zusätzlich noch mit Mauern.

Wir leben wieder in einer Zeit, die scharf bewachte Grenzen liebt und aktuell das mögliche Erfrieren von Flüchtlingen in der eisigen Kälte in Serbien einfach so hinnimmt. Hotels für Sommergäste stehen in den griechischen Inseln leer, und vor den Türen erfrieren Flüchtlinge in der Kälte. Und kein Mensch kommt auf die Gedanken, im Rahmen eines „humanitären Notstands“ die Hotelzimmer zwangsweise zu öffnen… Heimatliebe und Privateigentum gehen eben vor. Es gibt eine neue Fixierung auf das Eigene. Die Humanität wird vom Egoismus zerfressen und droht dabei unterzugehen.

Ich fand in der neuesten Broschüre der katholischen Akademie Frankfurt am Main auf Seite 29 angesichts der zunehmenden ungleichen Verteilung von Reichtum ein Zitat des bekannten Theater-Autors Heiner Müller: “Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße“, so in dem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ von 1977. Ein literarischer Ausdruck für erstarrte Menschlichkeit, für die dialektische Abhängigkeit vom Leiden der fernen Anderen und dem dann doch nicht so erfreulichen Leben in einer materiell gut versorgten Welt. Die katholische Akademie Frankfurt schreibt: „Doch wenigstens diese künstlerische Übermittlung der Wahrheit sollten wir wohl aushalten können. Machen wir uns nichts vor: Genauso wie es der Dramatiker Heiner Müller ausdrückt, ist es“.

Wir müssen uns z.B. angesichts des Trump-Regimes darauf einstellen, dass wir weiterhin mit einer dauerhaften gezielten Sprachverwirrung konfrontiert werden. Man denke etwa an das dort propagierte Wort der „alternativen Tatsachen“ bzw. „alternativen Wahrheit“, also der vom Regime bestimmten Wahrheits-Propaganda als Leugnung der überprüften und überprüfbaren Tatsachen. Erstaunlich und bezeichnend, dass der große Roman „1984“ von George Orwell zur Zeit wieder höchste Auflagen erlebt, nicht nur in den USA.

Heimat braucht Kritik

Der Begriff Heimat, ein typisch deutsches Wort, das immer noch romantische Vorstellungen wachruft. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“ Der Text des bekannten Liedes von Franz Schubert endet mit einer Verheißung: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort und immer hör ich’s rauschen: du fändest Ruhe dort“. Heimat, ein Sehnsuchts-Ort, an dem man Ruhe findet in der „tiefen Nacht“ der fremden Welt. Heimat ist in dem Sinne der vertraute Ort der Geborgenheit, der Familie und der guten Menschen, des Naturerlebens. Heimat ist auch eine überschaubare Region, in der das eigene Leben sinnvoll und lebenswert erscheint. Dies ist ein gutes Recht des Bürgers, sich diese Heimat als Ideal zu wünschen. Unter der Bedingung, dass diese Heimat von den Bürgerrechten und der Demokratie bestimmt ist. Und das ist auch in Deutschland nicht selbstverständlich. Wie viele Flüchtlinge werden in den kleinen Dörfern der Heimatverbundenen schikaniert und bedrängt. Heimatverbundenheit und Respekt der Menschenrechten gehören zusamen. Selbstverständlich haben viele Menschen mehrere „Heimaten“: Etwa die Literatur, die Musik, auch die Religionen, geistige Sphären, in denen man sich, wo auch immer man lebt, wohl fühlt, zuhause fühlt.

Der Nationalstaat und seine Aggressionen

Die geographische Heimat gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts nur als Einbindung in einen Nationalstaat. Der Nationalstaat ist eine moderne Erfindung. Im Nationalstaat werden wir mit bestimmten Bürgerrechten ausgestattet, wir haben etwa Ausweispapiere, sind also nicht staatenlos, „ohne Papiere“, wie man heute in Flüchtlingskreisen sagt. Der Nationalstaat mit der einheitlichen Sprache, der Zentralverwaltung und Verfassung und den festen Grenzen und Grenzkontrollen entwickelt eine Art Sendungsbewusstsein, einen missionarischen Drang. Die „Grande Nation“, Frankreich, hatte diese Mission, sie wirkte sich kolonialistisch aus; die USA hatten und haben eine Mission, weil sie meinen, die freie Welt zu repräsentieren und den eigenen Lebensstil allen anderen aufzudrücken, bis hin zum US Imperialismus.

Der Nationalstaat wird von den Herrschern als bindender Wert für alle Bürger beschworen: Siehe die Hymnen, die Flaggen-Verehrung, die Staatsfeiertage usw. Es wird der Nationalstaat auch emotional als wirksame Ideologie verbreitet, die sich in den Köpfen der Bürger festsetzen soll. Der Nationalstaat braucht als „identischer Ort“ die ideologische Abgrenzung von den anderen, den Fremden. Ich zitiere aus dem Buch „Enzyklopädie Philosophie“, Band II, ein Beitrag von Peter Alter: “Die Nation braucht Feinde, weil das offenbar die Suche nach der eigenen Identität erleichtert“ (S. 1702).

Der Nationalstaat ist nicht nur kriegerisch, er ist imperialistisch und kolonialistisch. Noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit der Sklaverei. Trotz einiger Kritik vor allem in England wurden 3,3 Millionen Sklaven noch im 19. Jahrhundert von Afrika über den Atlantik transportiert. (Christopher Baly, Die Geburt der modernen Welt, Frankfurt 2006, Seite 500). Erinnert werden muss an die so genannte „Kongo-Konferenz“ in Berlin 1884-1885, als Europa, auch Deutschland, sich Afrika aufteilte und Kolonien festlegte.

Heute erleben wir ein massives Erstarken des Nationalismus in ganz Europa und in den USA. Man denke an die Sprüche von Mister Trump „America first“ usw. Die AFD und ihr Vorzeigephilosoph Marc Jongen beziehen sich gern auf den jetzt offenbar wieder beliebten Nazi-Vordenker Carl Schmitt. Er hat in seinem Buch „Begriff des Politischen“ (1927) nicht nur die Vernichtungsmaschinerie der NAZIS vorformuliert, er stellt die Vernichtung des Heterogenen, also was nicht in den deutschen Staat passt, heraus. Schmitt hat das Freund-Feind-Schema hochgejubelt; er ist für die Plebiszite als der angemessenen Form der Demokratie eingetreten: „Die Regierten (also die Bewohner) sollten sich mit den Regierenden identifizieren!“ (in: Enzyklopädie Philosophie, II, S. 2090, Beitrag von Werner Goldschmidt). Es ist heute Konsens der Demokraten, dass die AFD „nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich“ ist, wie es Justizminister Heiko Maas sagte. „Das Programm der rechtspopulistischen Partei ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern“, schreibt er für SPIEGEL Online.

Heute kommt es darauf an, die Macht selbst eines demokratischen Nationalstaates zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass er in über-nationale Zusammenhänge und Staaten-Bündnisse (EU) eingebunden ist. Die Chancen dafür sind im Augenblick nicht gerade verheißungsvoll. Aber: Eines Tages wird es wohl eine friedliche „Nation Europa“ geben, ein Bundesstaat Europa hätte den Nationalismus überwunden.

Europa muss die Weite des freien Geistes, der Aufklärung, wieder als die Grundlage der eigenen Staaten und der vielen europäischen Heimaten erkennen.

Wir brauchen wieder die Philosophie der Aufklärung, wir brauchen den kritischen Geist gegen die Herrschaftsformen, die Ablehnung alles Totalitären in Staat und Kirchen, kurz: wir brauchen wieder mehr KANT.

 Der Weltbürger Kant und der „ewige Friede“

Es ist wichtig, an Immanuel Kant zu erinnern.

Er zeigt sich als Kosmopolit, als ein Philosoph, der die Menschheit wichtiger bewertet als die Bindung an eine Heimatregion. Er entwirft in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (von Ende 1795) die Prinzipien einer internationalen Rechts- und Friedensordnung. Nur diese Hinweise:

Kant geht es nicht um den angeblichen Frieden, genannt Waffenstillstand. Er will Frieden auf Dauer, „auf ewig“. Und dies nicht als schönen Traum, über den die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“, so wörtlich, nur lächeln können. Kant ist überzeugt: Ewiger Friede ist langfristig möglich, und er muss auf gesetzliche Weise gestaltet werden. Generell wird der Krieg von ihm geächtet. Aber solange es noch Kriege gibt, muss wenigstens eine auf den Frieden bezogene Reform der Kriegsplanungen stattfinden. Kant plädiert darum in seinen Maximen fürs Abrüsten; es darf keine Staatsschulden geben, die für ihn zur ständigen Aufrüstung führen; es darf kein stehendes Heer geben, das nur zum Wettrüsten führt; man darf sich nicht mit Gewalt in andere Regierungen einmischen, sie sollen sich selbst reformieren. Frieden setzt humanes Vertrauen untereinander voraus und das muss gefördert werden.

Was treibt die Menschen zum globalen Frieden? fragt Kant. Man sollte sie an die Schrecken der Kriege ständig erinnern; die Republik fördern als Mitbestimmung aller, also für die Demokratisierung eintreten. Die Bürger haben aus Liebe zum eigenen Leben kein Interesse an Krieg! Das heißt: Der aufgeklärte, (selbst)kritische Mensch will keinen Krieg. Nur der aufgeklärte Mensch in einer Republik, kann Frieden schaffen.

Das ist der Geist der AUFKLÄRUNG: Die Menschen sollen sich an das erinnern, was sie sein können und tun können, sich nicht auf den Ist-Zustand begrenzen. Wir leben in Zeiten, in denen die angeblich Klugen, die Besserwisser, jegliche positive Entwicklung abweisen, lächerlich machen. Diese Stimmung kann den kritischen Elan der Vernunft einschränken.

Hinter diesem Realismus der Realpolitiker verbirgt sich nur der Machterhalt der eigenen Privilegien. Wer ernsthaft in Deutschland die Rüstungsindustrie als den Kriegs befördernde Industrie nicht einschränkt und verbietet, hat als Politiker bestimmte (materielle) Interessen. Er steht nicht aufseiten des Friedens, sondern der Waffenschmiede. Warum werden solche Politiker nicht befragt und ggf. nicht mehr gewählt?

Kant fordert für das Leben einer sich dem Frieden zuwendenden Welt: Die Menschen können zwischen den Staaten hin und her verkehren; Forscher, Händler, Missionare. Immer aber sollen sie ohne Gewalt in anderen Ländern tätig sein. Im Weltbürgerrecht gibt es das Recht, dass jeder Fremde die Hospitalität, also ein Recht des Besuchens, genießen kann. Jeder kann jedes Land besuchen. Kant spricht also nicht von Gastrecht, also von einer Form des Bleiberechts. Er will nur das Besuchsrecht. Das sagt er im Blick auf die Kolonialherren: Die dürfen sich in fremden Territorien nicht niederlassen, nicht festsetzen. Kant kritisiert die Kolonialpolitik der europäischen Staaten. Die Europäer verstehen das Besuchsrecht in Afrika usw. als Eroberungsrecht. Das ist Missbrauch des Besuchsrechts. Und das muss abgewiesen werden. Darum plädiert er nur für das globale Recht, alle Länder (kurzfristig) zu besuchen.

Kant plädiert bloß für einen eher „locker verbundenen“ Völkerbund, das ist sicher ein Mangel in Kants Überlegungen.

Er sieht, dass seine Idee des Völkerbundes noch keine übergeordnete vereinheitlichende Staatsmacht kennt. Kant kann mit seiner Völkerbundsidee nur hoffen, dass die einzelnen Staaten ihre egoistische Staatsraison zurücknehmen, um des Friedens willen. Es gilt für Kant immer die MORALISCHE Pflicht, den Frieden zu fördern. Das können nur Politiker, die selbst den Prinzipien der Moral (Kategorischer Imperativ) entsprechen.

Was ist kosmopolitisch? Wer ist ein Weltbürger?

Kosmopolitisch leben heißt: Verbundenheit mit einer über alles Nationale hinausgehenden Wirklichkeit, der ganzen Welt prinzipiell. Schon Diogenes von Sinope (323 vor Chr. gestorben), der Kyniker, also der radikale Alternativler in der Antike, sah sich mehr in der Ordnung des Kosmos als in der eigenen Polis verwurzelt. Später hat dann Dante in seinem politiktheoretischen Werk „Monarchia“ von 1316 ein Weltkaiserreich entworfen, in dem die Bürger ihre partikulare Herkunft überwinden und so friedlich miteinander leben können.

Heute sind wir de facto schon immer Weltbürger. Wir sind immer schon hinausgewachsen aus den engen Grenzen von Heimat und Nation, das gilt für den Lebensstil und die Nutzung der Technik, das gilt für die Vernetzung in der Ökonomie.

Der Soziologe Ulrich Beck hat sich in zahlreichen Studien mit dem Kosmopolitismus auseinandergesetzt, für ihn hat er „eine uralte und zukunftsweisende Bedeutung“: Er ist pränational und postnational (S. 24 in: „Das kosmopolitische Europa“, 2007). Das kosmopolitische Projekt ist das Bemühen, „neue demokratische Formen der politischen Herrschaft jenseits der Nationalstaaten zu konzipieren“ (S. 25).

Kosmospolitisch handeln beginnt schon, wenn man in größeren Zusammenhängen, etwa Europas oder der Beziehungen Deutschlands zu Afrika denkt.

Dabei kommt es zuerst darauf an wahrzunehmen, dass wir immer schon in kosmopolitische Zusammenhänge hineingestellt sind:

In der eigenen Nation leben heute Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener ursprünglicher Heimaten. In Deutschland sind 20 Prozent aller Mitbürger „anderer Herkunft“, also Immigranten, Gäste, Studenten von weit her, Flüchtlinge usw. Den deutschen Pass haben Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sie sind Deutsche! Dadurch wird die Form der homogenen Heimat überwunden.

Wir leben längst schon in kosmopolitischen HANDLUNGSRÄUMEN, betont der Soziologe Ulrich Beck. Allein schon in der Lebensgestaltung, in den neuen transnationalen Lebensräumen, sind wir mit der Welt verbunden, oft auf eine bloß äußerliche Art…

ABER: Wir sind, wegen unserer, im übrigen schon gar nicht mehr aufzuhebenden internationalen Bindungen, noch längst nicht Kosmopoliten. Die internationalen Bindungen können auch für die Vorherrschaft der eigenen Nation oder des eigenen Konzerns usw. genutzt werden. Die Zusammenhänge des Welthandels hingegen gerechter zu gestalten, ist eine „Dauerforderung“ des Kosmopoliten. Er muss sich Formen politischen Handels überlegen, um dieses Ziel durchzusetzen.

Zum Kosmopolitischen Leben und dem Weltbürger gehört elementar: Die Anerkennung des anderen Menschen ALS Menschen. „Das Fremde wird nicht als bedrohlich, desintegrierend, fragmentierend erfahren und bewertet, sondern als bereichernd….Wer die Sicht der Anderen im eigenen Lebenszusammenhang integriert, erfährt mehr über sich selbst UND die Anderen“ (Ulrich Beck, a.a.O, S 28). Zum Weltbürger gehört: Die Herrschaft des gerechten Rechts, politische Gleichheit, soziale Gerechtigkeit….

Die politische und ethische Praxis des Weltbürgers

Ein Kosmopolit ist also nicht einfach schon jeder Weltreisende. Weltbürger sein ist zuerst und vor allem eine geistige, politische, vielleicht sogar spirituelle Haltung! Ein Kosmopolit hat Kenntnisse der anderen Kulturen und Nationen. Er kann sich in die Menschen anderer Kulturen hineinversetzen, indem er mindestens die eigenen übliche Sitten und Gebräuche relativiert.

Ein Kosmopolit schätzt den anderen und die anderen, die Fremden und Befremdlichen, als gleichberechtigte menschliche Wesen. Ein Kosmopolit will die anderen als andere. Das ist kein romantisches Gefühl, in dem man sich unter Tränen der Rührung der eigenen Großzügigkeit erfreut. Den anderen und die anderen weltweit prinzipiell als Menschen anzuerkennen, hat rechtliche Konsequenzen.

Ein Beispiel: Wer etwa in seiner Heimat, seinem Nationalstaat Deutschland, gut lebt, hoffentlich aufgrund gerechter Wirtschaftsbeziehungen, und wer dieses gute Leben für sich beansprucht, muss sich sagen: Ich kann nur frei sein (also gut leben, Freiheit ist die unverzichtbare Basis dafür), wenn auch die anderen frei leben können, also gut leben können. Und zwar letztlich „alle anderen“!

Kosmopolitisches Leben hat heute vor allem angesichts der katastrophalen ungleichen Verteilung der Güter und der Einkommen Auswirkungen, es geht um den Aufbau gerechter Gesellschaften innerhalb der einen Weltgemeinschaft.

Es geht dann auch um den Willen, einen eigenen Beitrag zu leisten für den Aufbau einer gerechten Weltordnung, und das ist eine Weltgesellschaft, in der alle Menschen menschlich leben können, also gesund, gebildet, mit wirklichem Wohnraum, in demokratischer Ordnung.

Zu dem Eintreten für internationale Solidarität (als Ausdruck der weltbürgerlichen Existenz und vor allem als Ausdruck dafür, dass wir alle einer Menschheit angehören) eine Erinnerung:

In einer nüchternen philosophischen Betrachtung kann man sich auf die Weisheitssprüche des Neuen Testaments beziehen: Denken Sie etwa an das Wort Jesu bzw. schon der hebräischen Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Mit dem „Nächsten“ ist der andere Mensch gemeint, auch der in der weiten Ferne lebende andere.

Jesus spricht auch vom Barmherzigen Samariter, das Lukasevangelium im 10. Kapitel erzählt davon. Jesus verwendet das Gleichnis vom hilfsbereiten Samariter, als Beispiel, um die Frage zu illustrieren: Wer ist denn mein Nächster? Ich will hier nur aufmerksam machen, dass der barmherzige Samariter tatsächlich schon strukturelle Hilfe leistet: Er pflegt nicht nur die Wunden des Verletzten, er bringt ihn eine Herberge , bleibt bei ihm und bezahlt den weiteren Aufenthalt des Verletzten.

Stefan Gosepath, Philosoph in der FU, meint: Es gibt eine HILFSPFLICHT: Die unmittelbare Not eines anderen Menschen verpflichtet mich zu helfen, und zwar gilt diese Pflicht für nahe Menschen vor unseren Augen wie für Menschen in der weiten Ferne. Die Hilfspflicht geht von der Einsicht aus: Ich will, dass man mir in meiner Not tatsächlich hilft. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir in meiner Not nicht hilft. Daraus folgt: Auf Hilfe hat prinzipiell jeder Mensch als Mensch Anspruch, gerade dann, wenn er in einem Umfeld lebt, in dem humane Strukturen wenig ausgebaut sind.

Der Weltbürger sucht sich Kontakte, Partner, weltweit

Man kann wohl als einzelner Weltbürger hier nicht die Lebenssituation aller Menschen in Afrika oder wenigstens in einem Land zum Positiven verändern. Aber der deutsche Weltbürger kann sich sagen: Auch die fernen Leidenden, sagen wir in Bangui, Zentralafrikanische Republik, haben Anspruch darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es ist doch seltsam, dass dort wie fast überall in Afrika die wenigsten Menschen z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, aber smartphones besitzen, auf denen sie den Luxus der Europäer der einstigen Kolonialherren, sehen und bewundern…

Der Kosmopolit, der Weltbürger, ist der sich ständig fortbildende Bürger. Er sucht, wenn möglich, persönliche Beziehungen zu Menschen in der „Ferne“, etwa in Afrika oder Lateinamerika..

Über den kleinen Horizont der Heimat und Nation muss jeder hinausschauen … und wahrnehmen: Es sind die von den reichen Nationen dominierten ökonomischen Strukturen, die das Leben der Armen – weltweit – behindern. Und in Afrika und Lateinamerika leben überwiegend „arm gemachte Menschen“. Diese ökonomischen Strukturen muss der Weltbürger öffentlich machen und freilegen. Und sich NGOs anschließen, die diese ökonomische Allmacht gewisser transnationaler Konzerne kritisieren, sich mit dem „transfairen Handel“ befassen usw… Es gibt also „Pflichten“ des Weltbürgers! Und es gibt Pflichten, sich zu informieren: Was die eigene persönliche Gesundheit angeht, informieren wir uns pflichtgemäß über Nebenwirkungen der Medikamente usw. Wir müssen uns auch informieren, unter welchen antihumanen Bedingungen Menschen in Afrika (vor allem Kinder) dafür sorgen, dass wir modernste (Elektro)Geräte in Europa und Amerika verwenden können.  Lesen Sie dazu den aktuellen Beitrag des Geographen Michael Reckordt in der SZ, klicken Sie hier.

Zu den Grenzen von bloßer Toleranz und dem „Multi-Kulti“

Weltbürgersein erschöpft sich NICHT in Toleranz: Toleranz bedeutet bekanntlich: Ich ertrage jemanden, dessen bestimmte Eigenarten ich eigentlich nicht mag, den ich aber aus gesetzlichen Gründen nicht aus meiner Heimat vertreiben kann; mit dem ich mich also arrangieren muss. Das ist eine ganz schwache Form des Miteinanders oder besser Nebeneinanders.

Hingegen: Weltbürgersein heißt: Der Weltbürger respektiert und schätzt die einzelnen Individuen, aber er liebt in ihnen auch die Menschheit, das Gemeinsame, das uns alle verbindet. Darum gilt: In jedem einzelnen leuchtet die einmalige Individualität auf und die allen gemeinsame Menschheit.

Die Frage ist, ob eine neue weltbürgerliche Welt-Gesellschaft ohne Formen der Veränderung des eigenen Lebensstandards hierzulande und bei den so genannten Eliten in den armen Staaten gelingen kann. Das Wort Verzicht hatte noch nie einen guten Klang, es wirkt altmodisch und zu spirituell. Aber wird ohne Verzicht bestimmter Kreise, auch mit Umverteilung des Reichtums, die Krise überstanden werden? Dabei ist es selbstverständlich, dass ein Millionär anders verzichten muss als ein Mensch aus dem Mittelstand. Mit anderen Worten: Ohne eine Neuordnung des Besitzes, etwa durch Steuern auf Vermögen und Erbschaft, wird eine weltbürgerliche Ordnung, die den Namen verdient, kaum realisierbar sein.

Auch der Begriff des „Multi-Kulti“ ist kritisch zu sehen: Er unterstellt die Anwesenheit vieler verschiedener Kulturen, die aber gerade nebeneinander leben und sich nur präsentieren, etwa bei einem Karneval der Kulturen. Die anderen können sich in ihrem eigenen, abgegrenzten Bereich austoben, ihre separate Kultur pflegen und sie mir in einer Show, Karneval der Kulturen etwa, zeigen. Aber es ist exotischer, ferner Charme, der sich da zeigt, der mich nichts angeht. Der Kosmopolit ist nicht in erster Linie ein Ästhet, sondern ein politischer Ethiker der Verbundenheit unter Gleichberechtigten!

Das Nebeneinander des Multikulturellen (in England etwa Kommunitarismus) sollte durch weltbürgerliches Miteinander über werden.

Die Überwindung der skandalösen Verteilung von Reichtum: Eine Aufgabe des Weltbürgers

Nur Zur Erinnerung: Acht Multimilliardäre besitzen ebenso viel an Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. … Lauf Oxfam besitzt das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung weit mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Was folgt daraus für aufgeklärte Menschen: Es muss eine Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen stattfinden. Die dumme und längst auch widerlegte Glaubenshaltung einiger Ökonomen, denen sich auch Mister Trump angeschlossen hat, heißt: „Der Markt richtet alles zum Guten, was den Reichen und Superreichen nutzt, wird am Ende allen nützen,“. Weil der Reichtum dann von oben, von den Milliardären, nach unten, zu den kleinen Leuten wie von selbst fließt. Dieser Glaubenssatz ist falsch, hat sich als dreiste Lüge erwiesen. Es muss auch darüber nachgedacht werden, in welcher Weise, nach demokratischen Regeln, Milliardäre enteignet werden zugunsten des Überlebens der vielen Millionen Hungernder.

Der kosmopolitisch Religiöse und der kosmopolitische Humanist

Zum Schluss nur der Hinweis, der später vertieft werden muss: Auch Religionen und Philosophien werden weltbürgerlich. Ich kann nicht mehr nur Christ sein, ich lerne – auch inhaltlich, von den Weisheiten anderer Religionen, verbinde mehrere Traditonen, werde also in gewisser Weise „multireligiös“. Auch Humanisten können nicht bloß europäisch-fixiert sein, sie lernen von nicht-europäischen Humanismen und (warum nicht auch religiösen) Weisheitslehren. Viele Religionen sind noch nationalistisch geprägt, sie leben in verengten Horizonten, spiegeln eher das Nationale und das Heimatliche als die Weite des Spirituellen, das überall lebt und überall anregend und aufregend ist.

Diese Hinweise sind nicht mehr als eine Einladung zum Gespräch und zum weiteren Nachdenken. Die Befreiung aus den starren emotionalen und rationalen Bindungen ans Heimatliche, Nationale und Nationalistische wird wohl dem einzelnen als einzelnen nicht so einfach gelingen. Darum: Die schrittweise Befreiung hin zum Weltbürger bedarf der Gesprächs- und Lerngemeinschaften, die wenigstens partiell auch politisch handeln, im Sinne des Kosmopolitischen. Solche Lern – und Lebensgemeinschaften (eigentlich sollten das christliche Gemeinden auch sein, aber die sind fixiert auf Fromme und Dogmatische und Traditionelle) sind förmlich ein „Gebot der Stunde“. Vielleicht wird die Philosophie noch einmal auch in der Hinsicht etwas belebend?

 Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

An Fakten glaubt man nicht!

An Fakten glaubt man nicht!

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die neue US – amerikanische Regierung unter Trump will der Öffentlichkeit einhämmern, dass sie allein weiß, was Fakten sind. Wir sollen Tatsachen (etwa: wie viele Leute bei der Amtseinführung Trumps dabei waren) in einer offiziell vorgegebenen Umdeutung als Glaubenshaltung akzeptieren. Glauben an die Machthaber soll Wissen ersetzen. Was kann der einzelne dagegen tun?

Es ist wirklich grotesk, was zurzeit im Weißen Haus in Washington geschieht. Es geht schlicht nicht, Faktenwissen zur Glaubensfrage zu erheben und dann auch noch über den richtigen Glauben durch willkürlichen Machtentscheid zu befinden. Was die Fakten sind, wie also sich etwas tatsächlich verhält oder verhalten hat, können wir wissen. Um solches Wissen können wir uns zumindest bemühen und das tun wir ja auch ständig. Deshalb recherchieren seriöse Journalisten, bevor sie mit einer Meldung an die Öffentlichkeit gehen. Auch die Wissenschaft, also das methodisch kontrollierte Bemühen um das Wissen, verlöre jeden Sinn, wenn das Wissen-Können durch ein Glauben-Müssen ersetzt würde.

Allerdings, worauf uns Trumps unverschämte Attacke auf die Freiheit der Medien und der Wissenschaft aufmerksam machen kann, ist, dass es Wissen und Glauben nicht nur zu unterscheiden gilt, sondern diese auch miteinander zusammenhängen.

Was wir wissen können, müssen wir auch wissen dürfen. Das ist die Basis einer freien und demokratischen Gesellschaft. Wo das Wissen, das möglich ist, nicht zugelassen oder unterdrückt oder schlicht per Machtentscheid zur Unwahrheit erklärt wird, haben wir es mit einer Diktatur zu tun. Das, was wir wissen oder zu wissen meinen, ist allerdings immer fraglich und umstritten. Ob hinsichtlich der Besucherzahl bei der Inaugurationsfeier die Medien oder die Trump-Leute Recht haben, muss geprüft werden. Das ist keine Glaubensfrage, sondern verlangt das Bemühen, herauszufinden, welche der strittigen Behauptung wahr ist. Jedes Wissen ist falsifizierbar, kann widerlegt werden. Von der Widerlegbarkeit des Wissens lebt die Wissenschaft. Die Bestreitung von Wissen will aber nie das Wissen durch einen Glauben, gar einen befohlenen Glauben ersetzen, sondern will ein zutreffenderes Wissen hervorbringen, herausfinden, was wirklich der Fall war oder der Fall ist, was also die Wahrheit ist.

Das Wissen kann und darf nicht durch den Glauben ersetzt werden. Gleichwohl ist das Wissen elementar auf den Glauben angewiesen, eben auf den Glauben an das Wissen-Können bzw. auf den Glauben an die Wahrheit. Wenn wir nicht mehr an die Wahrheit glauben und deshalb nach ihr suchen, ist kein kooperatives Zusammenleben mehr möglich.

Was kann der einzelne, was können wir tun, angesichts der empörenden Arroganz der Macht, die die neue US-amerikanische Administration demonstriert und mit der sie die Gefahr eines Endes der Freiheit der Medien, der Wissenschaft und damit der Demokratie heraufbeschwört?

Mir fällt nichts Besseres ein als zu sagen, es gilt ebenso treu wie trotzig am wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist, festzuhalten. Ermutigen kann uns dabei ein Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8, 32)

In den USA spielen fundamentalistische christliche Organisationen leider eine über-große Rolle auch in der öffentlichen Propaganda. Ist Trumps Eintreten für den autoritär vorgegebenen Glauben, entgegen der Faktenlage, auch ein Produkt dieser Kultur verirrter Frömmigkeit?

Der wahre Glaube, der ein Glaube an die Wahrheit ist, begrenzt nicht das Wissen, schon gar nicht ersetzt er das Wissen. Der wahre Glaube stachelt zum Wissen an. Wer an die Wahrheit glaubt und dann sogar auch noch weiß, dass wir an die Wahrheit glauben müssen, der will immer mehr wissen, will herausfinden, was wirklich der Fall ist. Der wahre Glaube führt in den Streit um die Wahrheit. Dieser Streit aber muss mit besseren Argumenten und mit dem Verweis auf die Evidenz von Fakten ausgetragen werden.

Insofern ist der Vorgang, den der neue US-amerikanische Präsident darstellt, in der Tat auch ein Resultat der heillosen Verwirrung im Verhältnis von Wissen und Glauben, den die religiösen Fundamentalisten aller Couleur seit längerem schon anstiften. Die religiösen Fundamentalisten behaupten ja z.B. zu wissen, dass Gott die Welt in 6 Tagen geschaffen hat. Sie versuchen dafür geologische Beweise vorzubringen. Sie kennen keinen Glauben, der wirklich Glaube ist, Vertrauen in die Durchsetzung der Wahrheit, um die wir Menschen uns immer nur strebend bemühen können. Die religiösen Fundamentalisten behaupten, zu wissen, wo es recht eigentlich um das Glauben geht und sie glauben, wo sie sich um ein besseres Wissen bemühen sollten.

Der heillosen religiösen Verirrung, der die Fundamentalisten erliegen und in deren Bannkreis auch Trump und seine Leute stehen, ist leider nur mit religiös-theologischer Aufklärung zu begegnen.

Glauben und Wissen sind zwei unterschiedliche menschliche Haltungen der Wirklichkeit gegenüber. In welcher Beziehung zur Wirklichkeit hat Glauben, wohl immer verbunden mit fragendem Zweifeln, überhaupt Sinn und ist vernünftig vertretbar?

Je mehr wir wissen, wissen können und wissen wollen, desto dringender brauchen wir den Glauben, den wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist. Der Glaube an die Wahrheit treibt uns dazu an, immer mehr wissen zu wollen. Er führt uns in den Streit um die Wahrheit, eben weil mit ihm das Wissen verbunden ist, dass unser Wissen immer strittig bleibt. Ohne die Auseinandersetzung zwischen miteinander streitenden Wahrheitsansprüchen gibt es kein Wissen. Wissen ist auf Dialog und Dialektik angewiesen. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr!

So gesehen macht dann das Glauben gerade dem, der wissen will und sich am Streit um die Wahrheit beteiligt, enorm viel Sinn. Unser Bemühen um das Wissen, herauszufinden, was wirklich ist, ergibt überhaupt erst in Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit einen Sinn. Würden wir nicht an die Wahrheit glauben, wären wir im Grunde alle in der Lüge gefangen. Dann träte aber auch genau der Zustand ein, in dem ein kooperatives menschliches Zusammenleben gar nicht mehr möglich ist.

Also, wer an der Möglichkeit des Wissen-könnens und damit an der Unterscheidung von wahr und falsch festhält, und das sind im Grunde alle, denen es um eine demokratische Verständigung über die unser Gemeinwesen betreffenden Angelegenheiten geht, der muss zugleich ganz stark glauben, muss an die Wahrheit glauben. Ja, die Wahrheit ist das, woran wir glauben müssen, weil wir sie selbst nicht wissen können. Die Wahrheit bleibt uns entzogen, letztlich unbegreiflich, ist aber gerade so das Ziel all unseres Streben nach Wissen. Diesen Glauben gibt es nicht ohne den Zweifel, eben weil er wahrer Glaube und kein Wissen ist, zu einem solchen auch niemals werden kann.

Statt vom Glauben an die Wahrheit können wir dann aber auch vom Glauben an Gott sprechen. „Gott“ ist das Wort für den unbegreiflichen Sinn des Ganzen. Wer wahrhaft an Gott glaubt – und nicht an einen zum Zwecke eigenen Machtstrebens aufgestellten und die eigene Größe demonstrierenden Götzen –, der strebt nach der Wahrheit, setzt sich argumentativ mit den Wahrheitsbehauptungen anderer auseinander, bleibt im Gespräch.

Wer nicht an Fakten, sondern an Gott als die Wahrheit glaubt, strebt nach der Wahrheit, indem er sie herausfinden will. Er behauptet nie, die Wahrheit zu besitzen und in der eigenen Tasche zu haben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM