„Christus ist kein nur christliches Phänom“: Spirituelle Aspekte im Werk von Ursula Sax

Spirituelle Aspekte im Werk von Ursula Sax: Die Christusgestalt aus Packpapier.

Ursula Sax, international bekannte Künstlerin, Bildhauerin, lebt jetzt wieder in Berlin, war u.a. auch Professorin an der Dresdner Kunstakademie von 1993 bis 2000. Kürzlich hat sie ihren 80. Geburtstag gefeiert. Sie macht in ihren Arbeiten (aus Metall, Holz, Kunststoff, Ton) das Freie und die Freiheit real und die vielen Möglichkeiten der (Lebens-)Gestaltung. Sie zeigt dabei durchaus das Weiche, nicht das Starre. Ursula Sax hat einen Sinn, wie Räume, mit Objekten gestaltet, erst als Räume gelten können. Sie plante etwa eine begehbare Großplastik für die Grünanlage der Bundes-Minsterien, damals noch in Bonn. Wenig bekannt ist, dass die vielseitige Künstlerin auch Kreuze gestaltet hat – aus Packpapier. Wenn man z.B. spirituell den Menschen Jesus Christus als Gegenwart des Göttlichen in dieser Welt versteht, dann ist eben auch Packpapier ein treffendes, geradezu typisches Material dieses alltäglichen Jesus. Schafft die barocken Heiligenscheine beiseite, gestaltet ihn mit irdischem Stoff, mit Gebrauchspapier z.B., dann kommt man Jesus Christus nahe, sage ich als Theologe.  Bis zum 21. November 2015 sind zahlreiche Arbeiten von Ursula Sax in der Galerie SEMJON CONTEMPORARY zu sehen, in der Schröder Str. 1 in Berlin-Mitte; geöffnet Dienstag bis Samstag von 13 bis 19 Uhr. www.semjoncontemporary.com. Ein neuer Katalog wird dort am 1. November vorgestellt. Danach sind die Arbeiten in Dresden zu sehen (Deutsche Werkstätten Hellerau).

Christian Modehn. Die interessante website von Ursula Sax erreichen Sie beim Klicken hier.

Ursula Sax hat uns ihren eigenen Text zur spirituellen Dimension ihrer Arbeiten zur Verfügung gestellt:

Ich begreife Christus nicht christlich – Christus ist kein nur christliches Phänomen

Von Ursula Sax, Berlin

Mich interessieren alle großen Religionen gleichermaßen.

Im christlichen Kulturkreis bin ich geboren und aufgewachsen – lebe ich.

Die Bibel und die Geschichte Jesu sind mir durch mein Elternhaus sehr vertraut.

Davon nahm ich dann erst einmal Abstand. Ich habe mich in den anderen Kulturräumen umgesehen. Buddha ist mir ebenso eindrucksvoll. Es gibt so herzbewegende Buddhageschichten, Zengeschichten, Sufigeschichten, Christusgeschichten. Die immergleiche Wahrheit, dieselben Appelle an uns. Es gibt viele wunderbare Buddhafiguren, mich ergreifende bildliche Darstellungen der Kreuzigung, innige, von Gläubigkeit und Liebe des jeweiligen Künstlers zeugend, die mich tief berühren.

Ich hätte gerne eine Buddhafigur. Ich wünschte mir ein Kruzifix und manchmal dachte ich, ich sollte das selbst machen, aber ich wusste nicht wie.

Ich habe es ruhen lassen.

Jetzt hat es sich ergeben, dass mir das „unangemessen” schäbige, vergängliche Material Packpapier als Realisierungsmittel für dieses große Thema – das bei uns ja sehr verbraucht und belastet ist und als Gegenstand der Kunst, heute eher als fragwürdig betrachtet wird – gerade recht erschien und eine Formulierung möglich machte.

Christus meint für mich die Überwindung des Egos, die Kreuzigung des Egos, zugunsten einer viel größeren Dimension des Seins, einer Befreiung von den engen Konzepten unserer Welt-und-ich-Vorstellung.

Copyright: Ursula Sax

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My understanding of Christ is not Christian – Christ is not solely a Christian phenomenon

By Ursula Sax, Berlin

I am equally interested in all the major religions.

I was born and grew up in a Christian culture – and live in it.

I am very familiar with the bible and Jesus from my parental home.

I initially distanced myself from it. I explored the other cultural spaces. I am just as attracted to Buddha. There are such heart-rending Buddha stories, Zen stories, Sufi stories, Christ stories. The same unchanging truth, the same appeal to us. There are many wonderful Buddha figures, poignant, heartfelt pictorial representations of the crucifixion that testify to the belief and love of the respective artist which move me deeply.

I would have liked to have had a Buddha figure. I wanted a crucifix, and sometimes I thought I should make one myself, but I didn’t know how.

I left the idea to one side.

Then it occurred to me that the “inappropriate”, shabby, transitory material of packing paper was precisely the right medium for realising this great theme, making a formulation possible – a theme that has become exhausted and as a subject of art now tends to be viewed with suspicion.

For me Christ means transcending the ego, the crucifixion of the ego in favour of a far greater dimension of being, a liberation from our strict concepts of “world and me“.

Copyright: Ursula Sax

 

 

Aktualisiert am 19. Oktober 2016 durch CM

DIE Rede Kermanis in der Paulskirche. Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

Die Rede Navid Kermanis: Analyse, Appell, Gedenken und … Gebet

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.10.2015 um 14.15 Uhr

In der Frankfurter Paulskirche wurde wieder einmal gebetet. Nicht in einem konfessionellen Gottesdienst, sondern in einer der ganz großen kulturellen, „weltlichen“ Feierstunden, bei der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ am 18. Oktober 2015 an den großen Navid Kermani. Und alle Anwesenden folgten der Gebets-Einladung des gläubigen Muslims Navid Kermani und erhoben sich – zu stiller Meditation, zum Gebet und – wer das alles nicht so mag – eben zu einem säkularen Wünschen, dem Wünschen des Guten, für die bedrohten und verfolgten und verschleppten und ermordeten Christen in Syrien. Ausdrücklich dem Gebet anempfohlen wurde von Navid Kermani der befreundete verschleppte Jesuitenpater Paolo dall Oglio. Alle Menschen können gemeinsam in tiefer Not angesichts der Weltlage beten und Gutes wünschen, also sich sammeln, auf das Herz hören und der Stimme der Vernunft folgen. Ein solches Ereignis real zu erleben, ist schon, sagen wir es ruhig, ein Wunder. Ein Geschenk des (heiligen, sagen religiöse Menschen) Geistes.

Und daran wird man sich in Deutschland lange erinnern: Da werden die Säkularen und die Christen und die in der Paulskirche wohl nicht sehr zahlreich anwesenden Muslime und Juden aufgefordert, einmal nicht dem üblichen routionierten Applaus am Ende des Vortrags zu folgen, sondern diese eingeschliffene Routine zu unterbrechen, und etwas ganz anderes, ganz Ungewöhnliches, zu tun, eben zu Gott dem Barmherzigen zu beten oder eben Gutes zu wünschen. Die aufgeschlossenen Theologen werden später zurecht zeigen, wie nahe beide Haltungen einander stehen.

Das stille gemeinsame Beten und Gutes Wünschen in Zeiten des globalen Welt-Krieges („denn wir leben bereits im Krieg“, sagte Kermani) erinnerte mich an die Krisenzeit in Prag, an das Ende der kommunistischen Herrschaft, als der katholische Priester und Dissident Vaclav Maly auf dem Wenzelsplatz im November 1989 vor einer halben Million Menschen, die meisten sehr säkular-denkend, wenn nicht kommunistisch, das Vater-Unser anstimmte und einige, die den Text noch ein bisschen kannten, tatsächlich auch mitbeteten. Da wurde nicht Magie betrieben, da wurde kein Wundergott auf die Erde herabgezaubert, die Atheisten mögen sich bitte beruhigen, da wurde die Üblichkeit des alltäglichen Denkens, das oft so dumm und wahnhaft ist, unterbrochen. Eine geistvolle Pause trat ein. Eine Stille, die wie eine Ewigkeit empfunden wurde.

Es war ja auch die Rührung bei Kermani selbst zu beobachten, als er vom Ende der großen muslimischen Kultur fast in der gesamten arabischen Welt sprach, von der Geistlosigkeit der stinkend-reichen ÖL-Staaten, die von Europa in ihrer verbrecherischen Haltung gestützt werden, bloß weil sie ökonomisch dem Westen Profit bringen. Der gemeinsame Gott, so möchte man die Rede Kermanis fortsetzen, ist unter den arabischen Verbrecher-Regierungen wie in den westlichen Kommerz-Regierungen auf je andere Weise eben doch der gemeinsam Gott, das Geld. Wenn die eigene Kasse für die wenigen Privilegierten immer voller wird, dann ist der Respekt vor den Menschenrechten sekundär. Die Anklage Kermanis gegenüber der eher dummen bzw. bloß geldgierigen westlichen Politik gegenüber den arabischen Staaten werden sich hoffentlich die Politiker und die Bürger, die diese Politiker immer wieder „brav“ und unpolitisch denkend wählen, hoffentlich gut merken.

Zurück zu Kermani selbst: Deutschlands Kultur verändert sich, das zeigt dieser Tag deutich, und das ist immerhin ein Lichtblick: Ein weit denkender, frommer Muslim, den Sufis nahe stehend, das Christentum gut verstehend, wenn nicht liebend, ein exzellenter Kenner der islamischen Kulturen von einst, ein solcher Intellektueller hat die Chance, ganz vorn in Deutschland wahrgenommen zu werden. Man wünscht sich dringend, immer wieder und wieder Navid Kermani zu hören und zu lesen. Das philosophische Thema wird uns noch stärker als bisher befassen müssen, nach dieser Rede: Wie braucht die säkulare Kultur tatsächlich auch die religiöse Weisheit? Wie wirkt sie in die Routinen des Alltäglichen befreiend und inspirierend hinein? Man möchte die These aufstellen: Die säkulare Kultur der Vernunft der Menschenrechte braucht doch öfter die Stimme des religiösen Herzens. Aber eben nicht mehr konfessionell-dogmatisch eingesperrt. Man braucht die religiöse Weisheit von weit her, wenn denn diese Stimme so authentisch, so freundlich vermittelt und übersetzt wird, wie von Navid Kermani.

Leider ist der Redetext Kermanis in der Paulskirche erst ab Dienstag abrufbar, der Himmel weiß warum, eigentlich sehr schade,  wo wir doch jetzt alle die Rede nachlesen wollen:

www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Franzosen, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen…

Franzosen, die in den „heiligen Krieg“ ziehen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein Wort vorweg:

Es gibt in Frankreich eine angesehene Zeitschrift, die sich unabhängig von konfessionellen Bindungen –das Blatt ist selbstverständlich an den großen Kiosken zu kaufen – der Welt der Religionen widmet: „Le Monde des Religions“ ist der Titel. Da klagen immer noch Leute in Deutschland, die von Frankreich wenig (bzw. gar keine) Ahnung haben, dass dort der totale Laizismus herrscht und religiöse Themen in der Öffentlichkeit nicht vorkommen. Das ist natürlich falsch, diese Meinung wird allein schon widerlegt, dass in Frankreich an jedem Sonntag seit Jahrzehnten von 8.30 bis 12 Uhr alle großen Religionen in eigener Verantwortung ! (also Buddhisten, Juden, Muslime, Orthodoxe, Protestanten und Katholiken) ihr eigenes religiöses Programm gestalten können, auf France 2. Und nebenbei nur ganz schnell: Es gibt in Frankreich immer noch eine lesbare, sogar zitierfähige, dogmatisch nicht allzu enge katholische Tageszeitung, La CROIX mit Namen, Auflage ca. 90.000. Zu solchen Leistungen ist die Milliarden-reiche deutsche katholische Kirche gar nicht in der Lage. Bekanntlich sind die Kirchen aufgrund der Trennung von Kirchen und Staat eher „arm“.

Zurück zu dem Heft „Le Monde des Religions“. Dort wurde am 22. 9. 2015 ein interessanter Beitrag auf der website des Blattes publiziert über die jungen Leute, die aus Frankreich in den angeblich „heiligen Krieg“ in Syrien etwa ziehen. Wir wollen den deutschen LeserInnen einige Erkenntnisse dieses Artikels nicht vorenthalten, weil ja leider (!) Französisch eine Sprache in Deutschland (und fast überall) ist, die nur noch Minderheiten sprechen.

Es gibt in Paris ein Zentrum, das sich mit der Prävention gegen das Abgleiten ins Sektiererische im Islam befasst. Es heißt CPDSI, siehe: http://www.cpdsi.fr/. : Dounia Bouzar leitet, vom Innenminister beauftragt (!), diese „Association“, also dieses auf für französische Verhältnisse üblicherweise vereins-mäßig organisierten Präventionszentrum.

Heute haben die jungen Leute, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen wollen, ein sehr unterschiedliches Profil, betont Dounia Bouzar. Sie stammen aus muslimischen, christlichen und atheistischen Familien, und „meme juifs“, also selbst aus jüdischen Familien, betont die Leiterin.

Die meisten sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. „In diesem Alter haben junge Menschen das Gefühl, gesandt zu sein zur Rettung der Welt“.

Diejenigen, die diese jungen Leute anwerben, sind ganz ins französische Leben integriert. Sie gaukeln den jungen Leuten die wahren Werte der Brüderlichkeit und Solidarität vor.

Das Ziel der seelischen Bearbeitung durch die „Werber“ ist: Die jungen Leute sollen jegliche Vertrauen verlieren in die Welt, in der sie groß geworden sind. Das Motto heißt: „Alle sind hier verdorben, alle lügen. Nur eine Art blutiger Endkampf könne die reale Welt heute noch retten“.

Für diesen Kampf werden die jungen Leute vorbereitet: Sie müssen mit ihrer ganzen bisherigen „Welt“ brechen, mit ihren musikalischen Vorlieben etwa, vor allem aber mit der Familie. In dieser äußerst kritischen Situation hilft es nach Dounia Bouzar gar nichts, noch einen „verständnisvollen Imam“ zu bewegen, mit dem Jugendlichen zu sprechen, um den Jugendlichen von seinem Vorhaben abzubringen. Wichtiger ist die Mitarbeit der Familie, Dounia Bouzar nennt das – in Anlehnung an die Erinnerungs“arbeit“, wie sie Marcel Proust beschreibt, „la madelaine de Proust“. Bekanntlich war beim Erleben, Riechen, Genießen einer Madelaine die Erinnerung bei Proust wach geworden, wie denn die früheren, längst vergangenen Jahre waren. Diese Methode soll versuchen, den betroffenen Jugendlichen an die schönen Zeiten in der Familie und unter Freunden zu erinnern. Es sollen Gefühle geweckt, wie die gemeinsame Vergangenheit früher aussah, es waren doch angenehme gemeinsame Stunden. Erst dann kann ein tieferer religiöser Dialog beginnen.

Dounia Bouzar hat 2015 in dem Verlag “Editions de l Atelier“ (Paris) das Buch veröffentlicht: „Comment sortir de l emprise djihadiste ?“. 160 Seiten, 15 Euro.

Zu dem Beitrag in „le Monde des Religions“ siehe: http://www.cpdsi.fr/actu/dounia-bouzar-le-registre-de-la-raison-est-inefficace-pour-parler-a-un-jeune-embrigade-le-monde-des-religions-fr/

Spiritualität für Atheisten und alle anderen: Die Haikus. Der Philosoph Michel Onfray entdeckt die berühmten „Dreizeiler“ der Zen Tradition

Spiritualität für Atheisten und alle anderen: Die Haikus.

Der Philosoph Michel Onfray entdeckt die berühmten „Dreizeiler“ der Zen Tradition

Ein Hinweis von Christian Modehn

Michel Onfray (Caen, Frankreich) ist einer der besonders umstrittenen und streitbaren und polemischen Philosophen Frankreichs, Autor vieler, zum Teil sehr voluminöser „Geschichten der Philosophie“, zudem ein militanter Gegner des religiösen Glaubens im allgemeinen. Dass er in seiner radikalen Religionskritik oft sehr „daneben liegt“, haben inzwischen philosophische Studien gerade in Frankreich gezeigt. Das hindert Onfray freilich nicht, weiter zu polemisieren und zu pauschalen Urteilen zu kommen. Auch in Deutschland sind seine Bücher verbreitet.

Interessant und sicher wichtig auch für die weitere Diskussion in Deutschland über Spiritualität ist, dass Michel Onfray seit einigen Monaten eine für uns bislang neue, unbekannte Dimension seines Denkens zeigt, eine weniger polemisch-polternde, sondern eben ruhige, sanfte, sensiblere Art: Onfray schreibt Poesie, vor allem Haikus. In diesen Dreizeilern aus alter Zen-Tradition wird die Frage nach Gott offen gehalten, ja, sie kommt gar nicht vor und kann auch im Raum der Zen-Tradition gar nicht vorkommen als solche. Onfray tritt entschieden für die Geltung der Haikus auch in der Jetzt-Zeit ein, wenn er selbst „seine Haikus“ schreibt. Er verteidigt zudem das Projekt, dass eigentlich jeder und jede – mühsam und mit Geduld – Haikus schreiben kann. Für Onfray ist eine Voraussetzung dafür die Verbundenheit mit der Natur, die Nähe zu ihr, das Erleben der Natur. In der Stadt, so Onfray, könne er keine Haikus schreiben. Was jedoch problematisch ist, denn sehr viele an Haiku-Spiritualität Interessierte leben nun einmal in Städten. Wer Haikus nur in der Einsamkeit kleiner Dörfer schreiben kann, rückt sie in den Rahmen einer idealisierten ländlichen (alten) Welt.

Aber immerhin, der Vorschlag ist gemacht und verdient umfassende Diskussion: Können Haikus, die schon vielen vorliegenden Haikus der großen Meister aus Japan und Haikus eines Monsieur Onfray und vieler anderer Damen und Herren heute, können diese also eine Basis sein für ein spirituelles Gespräch zwischen Menschen aller Glaubens-Richtungen, also Atheisten, Skeptiker, Mystiker, christlicher Rationalisten usw. Wir im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon meinen ja, Haikus können eine gute spirituelle Basis sein. Wie auch andere Traditionen des Zen, etwa die Tee-Zeremonien, noch entdeckt werden sollten für eine außerreligiöse UND religiöse Spiritualität. Da gibt es noch viel zu tun für unseren privaten und völlig unabhängigen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin und die viel besser finanziell etablierten Akademien usw. Die Suche nach gemeinsamen Traditionen für Atheisten und Glaubende/Religiöse ist doch nicht ergebnislos und uferlos, die gemeinsame Gesprächs-Basis könnte es bereits geben, wenn man nur diesen Vorschlägen ausgerechnet von Onfray folgen möchte: Schreiben wir Haikus….

Zu den französischen Publikationen Haikus und Poesie von Michel Onfray:

Un Requiem athée (Galilée, 2013). Avant le Silence/Haïkus d’une année (Galilée, 2014). Les Petits Serpents (Galilée, 2015). L’Éclipse de l’éclipse (Galilée, à paraître en 2016).#

Haikus hat die von Martin Heidegger inspirierte Philosophin Ute Guzzoni in ihrem großartigen Buch „NICHTS“ (Verlag Karl Alber) dargestellt und philosophisch interpretiert. Eine anregende und anstrengende Lektüre!

 

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann. Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Die Vernunft entscheidet, was heute als Offenbarung Gottes gelten kann.

Ein Hinweis auf Abu Zaid und eine Reform-Moschee in Amsterdam

Von Christian Modehn

Der „Humanistische Islam“ in seinen verschiedenen Ausprägungen beschäftigt den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon schon seit langem. Dass wir von der hervorragenden Bedeutung der kritischen Philosophie bei diesem Thema überzeugt sind, ist selbstverständlich.

2010 etwa gestaltete Christian Modehn z.B. eine Ra­dio­sen­dung im NDR (Reihe Lebenswelten, NDR INFO) zu dem damals in der Öffentlichkeit noch nicht umfassend bekannten Thema, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Unvergessen bleibt eine Begegnung mit dem kritischen Islam-Forscher Nasr Abu Zayd anlässlich einer Konferenz über den „Reform-Islam“ in der „Friedrich Ebert Stiftung“ in Berlin 2010. Abu Zaid war, nachdem er aus Ägypten, seiner Heimat, wegen angeblichen Abfalls vom Glauben flüchten musste, an der Universität der Humanisten in Utrecht NL als Professor tätig. Abu Zaid, geboren 1943 ist am 5. Juli 2010 in Kairo verstorben.

Er erläuterte mir noch 2010 in Berlin, wenige Monate vor seinem Tod, was denn für ihn der entscheidende, der wesentliche Mittelpunkt der Koran-Interpretation sei im O TON: „Mein Konzept eines humanistischen Islam besteht darin, die wirklich menschlichen Elemente des Korans aufzuzeigen. D.h. wir gehen zum Text zurück und entdecken dabei, was noch bedeutsam ist für unsere heutige moderne Zeit. Dabei kann nur die Vernunft entscheiden, was wirklich Offenbarung Gottes ist. Wir müssen dringend daran weiter arbeiten! Wir müssen diese Fragen weiter pflegen, um gegen die Tabus zu kämpfen“.

Die Autobiographie Abu Zaids, aufgeschrieben von Navid Kermani, ist schon 1999 erschienen. Im Oktober 2015 ist sie, pünktlich zur Verleihung des Friedenspreisesdes Deutschen Buchhandels, noch einmal im Herder Verlag erschienen. „Nasr Hamid Abu Zaid – Ein Leben mit dem Islam“. Aus dem Arabischen übersetzt von Cherifa Magdi. 222 Seiten, 2015.

Es gab einmal eine Reform-Moschee in Amsterdam…

Im Oktober 2008 entdeckte ich im Viertel Slotervaart, am Rande der Stadt Amsterdam, eine neue, eine ungewöhnliche Moschee. Sie ist in einem zweistöckigen ehemaligen Bürogebäude untergebracht. Ihr typisch niederländischer Titel: “Poldermoschee“. Mindestens 10 unterschiedliche Räume gehören zur Poldermoschee. Eine zierliche Frau, 25 Jahre alt, mit kleinem bunten Kopftuch, stellt sich als die Leiterin der erst 3 Monate alten Moschee vor. Sie heißt Yassmine Elksaihi, ihr Niederländisch ist perfekt:

„Das wichtigste ist, dass wir dem Islam in den Niederlanden ein Gesicht geben und zwar nicht nur ein liberales oder ein orthodoxes Gesicht oder eines des Mittelweges, sondern wir wollen auch die fröhliche und die gute Seite des Islam zeigen und damit nach außen treten. Daher versuchen wir mit dieser Moschee auch Jugendliche zu erreichen, sie können dann unsere Botschaft weitergeben. Man merkt auch, dass die Moschee viel mehr umfasst als das Haus des Gebetes. Die Menschen kommen nicht nur hierher, um zu beten oder wegzugehen. Vor allem junge Muslims unterschiedlicher Herkunft können hier ihre Freizeit gestalten“. Auch Europäer, selbst Atheisten sind willkommen. Mit dem symbolischen Titel „Polder“ – Moschee soll bewusst auf die Verwurzelung in der holländischen Kultur verwiesen werden.

Yassmine Elksaihi betont: „Die Predigten in dieser Moschee sind anders als in den übrigen Moscheen. Bei uns werden alle Predigten auf Niederländisch gehalten werden. Die Freitagspredigt zum Beispiel, die wichtigste Predigt, gibt’s auf Niederländisch. Manchmal werden kurze Stücke aus dem Koran auf Arabisch übersetzt, aber die Basissprache ist Niederländisch. Uns unterscheidet auch, dass wir einen gemeinsamen Gebetsraum haben für Männer und Frauen. Die Männer sind vorn und die Frauen hinten in demselben Raum“.

Der auch in Deutschland bekannte und geschätzte niederländische Schriftsteller Geert Mak (Amsterdam) äußerte sich zu dieser ungewöhnlichen Moschee: „Das ist auch ein Symbol, dass auch der Islam modernisiert, nicht nur in Holland, im ganzen Westen Europas. Es entwickelt sich ein neuer europäischer Islam. Man muss marokkanische traditionelle Islam umbauen zu etwas ganz Neuem, aber am Ende glaube ich, dass das möglich sein muss.

Im Herbst 2010 musste die Poldermoschee bereits wieder schließen, weil es, so heißt es, an finanziellen Mitteln fehlte…. Darf man die utopische Frage wagen: Wird es in absehbarer Zeit wieder eine REFORM-Moschee geben, in Holland, in Deutschland, eine Moschee, in der auf Niederländisch oder auf Deutsch gepredigt und gebetet wird, in der es nur einen einzigen gemeinsamen Gebetsraum für Männer wie für Frauen gibt usw.? Eine Reformmoschee ist – wie der Name sagt – viel „radikaler“ angelegt in ihrer richtigen Bereitschaft zur Modernisierung des Islam als eine bloß „liberale“…

Einen ausführlicheren Bericht über die Schließung der Poldermoschee siehe Zenitz, Zeitschrift für den Orient.

http://www.zenithonline.de/deutsch/koepfe/a/artikel/mitten-in-den-niederlanden-001231/

 

Cpyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Die Flüchtlinge in Deutschland: Die Reformation neu denken. Die Reformation muss weitergehen

Weiter denken:   3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Oktober 2015.

Im Angesicht der Flüchtlinge: Die Reformation muss weitergehen.

(Ein Hinweis: Wir haben uns erlaubt, diese weitreichenden, in die nahe Zukunft weisenden Fragen zu erörtern, obwohl wir wissen: Die Zustände heute in den Flüchtlingsheimen, oft in Zelten, die bei bitterer Kälte keine Zuflucht bieten, sind katastrophal, das sagen Betroffene wie Beobachter an vielen Orten, auch in Berlin. Diese Situation ist sicher auch Ausdruck einer bürokratischen, unbeweglichen, phantasielosen Haltung der zuständigen, aber überforderten Staats-Diener. Ohne die bis zur Erschöpfung arbeitenden Ehrenamtlichen wäre die „Flüchtlingshilfe“ längst total zusammengebrochen, und das Elend HIER noch größer. Welchen langfristigen Eindruck von der „Willenkommenskultur“ haben die Flüchtlinge? Wie wid sich das in Zukunft auswirken? Man lese bitte über die Flüchtlings“hilfe“ in Berlin den Beitrag im „TAGESSPIEGEL“ vom 15. Oktober 2015, Seite 9, unter dem realistischen, keineswegs etwas „herbeiredenden “ Titel: „Angst vor der Katastrophe“…Nur am Beispiel der medizinischen Versorgung: „Es droht eine humanitäre Katastrophe“, so wird dort der Caritas-Sprecher Thomas Gleissner zitiert….

Jedenfalls gilt: Die Ehrenamtlichen sind sozusagen, wenn das Wort erlaubt ist, die Helden in diesem Staat. Diese reale Not schließt ja nicht aus, sich Gedanken zu machen über eine hoffentlich bessere gemeinsame Zukunft  von „Einheimischen“ und „Flüchtlingen“. Ob diese bessere gemeinsame Zukunft überhaupt real wird, zumal angesichts der rassistischen Entgleisungen aus dem rechtsextremen Umfeld, siehe die „Pegida“ Demos etwa in Dresden, die entsetzlich vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime usw., ist eine Hoffnung, die Demokaten tätig-kritisch gestalten. Christian Modehn am 15. Okt. 2015)

1. Die Reformation Martin Luthers zielte auf den Wandel des Bewusstseins: Nicht mehr eingeschliffene religiöse Traditionen sollten unbefragt respektiert werden, sondern die Grundideen einer befreienden Botschaft, Evangelium genannt. Bisher hat sich alles Reformationsgedenken vor allem auf diese explizit religiöse Veränderung bezogen. Wäre es heute nicht dringend geboten, den Reformationsbegriff zu weiten und ihn auf die Veränderungen unserer Gesellschaft angesichts der Flüchtlinge zu beziehen? Also etwa eine Reformation des Denkens insgesamt zu fördern und zu pflegen unter dem Motto: Die Flüchtlinge auch als Partner wahrzunehmen? Als Partner im kulturellen Dialog, von dem beide Seiten profitieren?

In meinen Augen war das Entscheidende an der Reformation Luthers sein Plädoyer für das „Priestertum aller Glaubenden“. Das war der große Schritt in die religiöse Autonomie, mit der dann die Aufwertung der Ethik, der moralischen Selbstbestimmung, schließlich auch das demokratische Prinzip und die Selbstverantwortung in Fragen des allgemeinen Wohls einhergingen. Das „Priestertum aller Gläubigen“ war Luthers größte und folgenreiste Idee, gewiss eine Idee, damals im 16. Jahrhundert keineswegs realisiert, bis heute nicht vollständig realisiert. Aber das, was wir jetzt angesichts der doch immer noch auf beeindruckende Weise anhaltenden Hilfsbereitschaft erleben können, gehört in die Geschichte der Verwirklichung der reformatorischen Einsicht, dass es auf jeden und jede ankommt, dass jeder und jede gleich unmittelbar zu Gott ist, frei ist zum Tun des Guten und Gerechten, weil wir wissen, dass für uns gesorgt ist und wir uns im Grunde unseres Dasein anerkannt und geborgen wissen können. Das war die befreiende Botschaft der Reformation, das Evangelium. Sie trägt im Grunde auch heute noch. Nur gilt es, wie Sie richtig sagen, sie in die Gesellschaft zu tragen.

Ich bin immer noch beeindruckt davon, wie die Bundeskanzlerin das macht. In dem Fernsehinterview mit Anne Will hat sie wieder und wieder auf die Mitarbeit der unzählig vielen Menschen verwiesen, ohne die ihre Politik der unbeschränkten Aufnahme aller Asylsuchenden nicht durchzuhalten sei. Was es jetzt zusätzlich noch braucht, das wäre in der Tat eine Reformation unserer Denkungsart auch über die Flüchtlinge und, in der Konsequenz, ein besseres Asylrecht, eines, das sehr viel schneller zu der Entscheidung führt, ob sie bleiben dürfen und, sofern dies der Fall ist, ihnen dann auch Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. So käme es zu konkreten Schritten, die zeigen, dass wir sie nicht als Versorgungsfälle ansehen, sondern als Partner behandeln, von denen schließlich auch wir enorm profitieren werden.

2. Christliche Gemeinden und zahlreiche Christen helfen oft vorbildlich den Flüchtlingen. Sollten sich Gemeinden auch darauf einstellen, dass sich sehr bald die Flüchtlinge mit ihnen über Lebensfragen, über Elend und Not und neues Leben in einer neuen Heimat, tiefer austauschen wollen? Natürlich auch über religiöse Themen. Werden die Gemeinden also zu Orten des vielseitigen Gespräches?

Initiativgruppen in Kirchengemeinde haben sich wirklich vorbildlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, längst bevor das jetzt eine gesellschaftliche Bewegung geworden ist. Das war bewundernswert und das Vorbild, das bestimmte Kirchengemeinden in der Asylfrage geben, könnte, wenn jetzt die gesellschaftliche Kraft wieder erlahmen sollte, erneut ganz wichtig werden. Aber was dieser Einsatz für die Flüchtlinge für die Gemeinden selbst bedeutet und wie die Flüchtlinge die Gemeinden selbst verändern, dass muss erst noch in den Blick kommen. Dass das bedeutet, die Flüchtlinge als Partner anzuerkennen, sie damit gewissermaßen in die Gemeinde selbst aufzunehmen. Dass es dann zum Austausch in den Gemeinden kommen wird. Die Flüchtlinge könnten ihre Geschichte erzählen, woher sie kommen, was sie auf der Flucht erlebt haben, was sie hier jetzt, von ihrer neuen Heimat erwarten. Die hiesigen Gemeindeglieder könnten umgekehrt aber auch erzählen, was ihnen wichtig ist, was sie von den Flüchtlingen erwarten, wovor sie Angst haben. Religiöse Themen würden dabei zweifellos ebenfalls vorkommen, aber so, wie sie ins Leben gehören, als zugehörig zur Kultur der Menschen, als Ensemble der Werte, an denen sie sich orientieren, als Artikulation dessen, was ihnen wichtig ist, ihnen Halt gibt und den Mut, jetzt in der neuen Situation nicht den Mut zu verlieren.

Mit der Offenheit, in der Gemeinden sich jetzt in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ist eine große Chance auch für diese Gemeinden verbunden. Sie können sich dem lebendigen Austausch über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg öffenen. Damit werden sie einen enormen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft leisten.

3. Über „den“ Islam wird in den nächsten Jahren noch intensiver debattiert werden, er ist deutlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Über die Frage wird schon jetzt gestritten, ob der Gott „des“ Islams mit „dem“ christlichen Gott identisch ist. Wer vermag das schon so allgemein gesehen wissen? Wäre es nicht hilfreicher, sich auf eine gemeinsame ethische Basis zu besinnen? Was verbindet uns alle als Menschen? Der Dalai Lama sagte treffend: Ethik ist wichtiger als Religion. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich meine, dass wir mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ eine solche Ethik haben. Mit ihr kann die Integration der Flüchtlinge gelingen, unter Einschluss der Anerkennung ihrer verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Denn die Religionsfreiheit, im positiven wie negativen Sinn, gehört ja auch zu den Menschenrechten. Nur, damit sich ein solches Menschenrechtdenken durchsetzen kann, braucht es die Akzeptanz dessen, dass die Menschenrechte selbst eine religiöse Grundlage haben, also unbedingte Anerkennung verlangen, von der man sich deshalb auch nicht unter Berufung auf eine andere Religion freisprechen kann, etwa was die Gleichberechtigung der Frau betrifft.

Worum es im Austausch zwischen den Religionen, in unserem Fall insbesondere zwischen Islam und Christentum, gehen muss, ist, an der Vereinbarkeit der jeweils eigenen Religion mit der universalen Religion der Menschenrechte zu arbeiten. Es braucht die Arbeit an Religionssynthesen. Diese Arbeit ist schon weit fortgeschritten. Der Dalai Lama, den Sie zu Recht erwähnen, gibt das beste Beispiel für eine Vermittlung zwischen dem Tibetischen Buddhismus und der Religion der Menschenrechte, Gandhi für die Verbindung des Hinduismus mit der Religion der Menschenrechte, Martin Luther King für die Umformung des Christentums in eine Religion der Menschenrechte. Mehr und mehr gibt es auch Stimmen aus dem Islam, die für die Integration des Islam in die Religion der Menschenrechte eintreten und konkret zu zeigen versuchen, wie das gehen kann.

Ich würde also nicht die Religion gegen die Ethik ausspielen, sondern in Orientierung am Kriterium des Menschengerechten an einer religiösen Fundierung der Ethik festhalten. Denn was die Ethik nicht zu geben vermag, das finden wir in der Religion, eine unbedingt verlässliche, uns zum Tun des Guten motivierende, aber auch noch im Versagen unseren Daseinsmut stärkende Lebensgewissheit.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Der Religionsphilosophische Salon und das Forum der Remonstranten Berlin am 27. November 2015 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf:

Reden von Gott und von dir selbst: Über Theologie und Autobiographie

Ein Abend mit dem Theologen und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud aus Den Haag

Leider ist der Religionsphilosophische Salon am 27.11. 2015 AUSGEBUCHT. Alle bisherigen Anmeldungen (bis zum 24.11.) werden selbstverständlich berücksichtigt. Bitte um Verständnis, aber 1. sind die Raum – und Sitzzplatzkapazitäten begrenzt. Und 2. soll im Salon die Gesprächsmöglichkeit unbedingt – bei kleinerer Anzahl der TeilnehmerInnen – erhalten bleiben.

Gott und die Seele möchte ich kennen lernen, sonst nichts‘, so Augustin (356-430), der vielleicht grösste Denker in der Geschichte des Christentums – er schrieb seine Confessiones in denen er diese beiden Themen mit einander verbunden hat. In diesem Vortrag geht es um die Verbindung von Autobiographie und Theologie unter heutigen Bedingungen. Der Vortragende ist Theologe der protestantischen Kirche der Remonstraten in Holland mit großem Interesse an Literatur und Kunst, in denen das Autobiographische fast immer mitspielt.

Der Vortrag ist in deutscher Sprache.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Johan Goud, Jahrgang 1950, geboren in Dordrecht, NL, studierte Theologie und Philosophie in Amsterdam und Tübingen, Promotion in Leiden (NL) über den jüdischen Philosophen Immanuel Lévinas. Goud ist Pfarrer in verschiedenen Gemeinden der liberal-theologischen, „freisinnigen“ Remonstranten Kirche, zuletzt in Den Haag, dort auch Initiator einer religionsphilosophischen Akademie. Die Remonstranten sind ja bekanntermaßen die einzige christliche, protestantische Kirche, (Mitglied im „Weltrat der Kirchen“ in Genf), die ihre Mitglieder nicht zu einem festen überlieferten Glaubensbekenntnis auffordert. Jeder Remonstrant ist eingeladen, sein eigenes, individuelles Glaubensbekenntnis zu sprechen und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Die Remonstranten haben als erste christliche Kirche schon 1987 homosexuellen Paaren – gleich welcher religiöser Herkunft – in ihren Kirchen die Segnung der Partnerschaft, der Ehe angeboten, bis heute ist dies eine Selbstverständlichkeit. Sie sind die einzige Kirche, die auch Mitglieder anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften als Freunde willkommen heißt mit dem gleichen „Status“ wie die Mitglieder.

Johan Goud war bis vor kurzem Prof. in Utrecht (NL) für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologische Ästhetik, speziell Religion und Sinnerfahrung in Literatur und Kunst. Seit einigen Monaten ist Prof. Goud emeritiert. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Zeitschriftenbeiträge zu dem Thema.

Prof. Johan Goud in einem Interview mit der großen niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad, 16.5. 2015:

Einige wichtige Zitate in einer Übersetzung von Christian Modehn.

„Es handelt sich in der Rede von Gott um eine Wirklichkeit, die unbegreiflich ist, aber die doch IN den Menschen wohnt, die sie antreibt, zu tun, was Menschen tun, zum Bösen, aber auch zum Guten. Genau wegen dieser Doppelung, die sich in dem Wort Gott verbirgt, Gutes und Leiden, Liebe und Hass, haben religiöse Traditionen auch Theologie nötig, das heißt, ein kritisches Nachdenken über Gott.

Frage: Die christliche Tradition zerfällt langsam in Europa, was verschwindet da?

Antwort: Ich frage mich, ob Menschen, die diese Themen (etwa die Frage nach Gott) für sich ausschließen und unsinnig finden, sich nicht doch von einem Teil unserer Wirklichkeit abschließen. … Damit könnte auch die Erinnerung an eine „Seele in uns“ verschwinden. Damit meine ich: Dass da mehr ist als das, was wir mit unserem Selbstbewusstsein wahrnehmen und denken. Dadurch haben wir Teil an etwas, das größer ist als unser Leben. Vielleicht verschwindet mit dem Gedanken an Gott auch die Erinnerung an die Liebe, die eine Wirklichkeit (wirksam) ist…Den grundlegenden Zusammenhang finde ich in Kunst und Literatur, bisweilen auch im Nachdenken und Meditieren. Gott ist in hohem Maße sozusagen „jemand“, der auf eine literarische Weise gelesen werden will..

Frage: Warum spricht die literarische Form Sie so sehr an, um dem Glauben eine Form zu geben?

Antwort: Dichter wie Rutger Kopland und Willem Jan Otten versuchen ein semantisches Äquivalent zu finden für die Glaubenssprache. Um diese Suchbewegung, darum geht es mir. Gott hat ständig neue Beschreibungen nötig. Bisweilen stößt man dann bei der Suche auf etwas. Dieses Gefühl: Jetzt treffe ich das Gesuchte, – „das ist es!“ – dauert vielleicht nur solange, wie ein Gedicht dauert. Diese Erfahrung kann durch Gedichte entstehen, aber auch in der Musik und auch unerwartet im Nachdenken.

Übersetzung: Christian Modehn.

 

Aktualisiert am 24. November 2015 durch CM