Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide und der Friedensnobelpreis 2015 für Tunesien

Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster, Autor und beliebter Referent, hat dieser Tage sein neues Buch im Herder Verlag unter dem Titel „Gott glaubt an den Menschen. Mit dem Islam zu einem neuen Humanismus“ veröffentlicht. Christian Modehn traf Prof. Khorchide am 10. Oktober 2015 in Berlin (anläßlich einer Tagung des „Humanistischen Verbandes Deutschlands“) zu einem Interview. Darin äußert sich Khorchide unter anderem auch zum Friedensnobelpreis 2015, den das tunesische „Quartett“ für den nationalen Dialog erhalten wird. Die Gruppe bemühte sich, nach dem Sturz des tunesischen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali im Jahr 2011, die Demokratie möglich zu machen und aufzubauen.

Mouhanad Khorchide:  „Der Nobelpreis für Tunesien ist ein sehr wichtiges Signal, wenn man bedenkt, dass in der arabischen Welt vor ein paar Jahr noch Regime dort geherrscht haben. Nun sieht man, dass Menschen in Tunesien in der Lage sind, sich demokratisch zu entfalten, dass auch demokratische Grundwerte dort gewürdigt werden. Das zeigt: Es macht Sinn, daran zu arbeiten. Und der Nobelpreis ist ein Symbol für andere Länder, die noch nicht so weit sind. Sie sollen sehen: Es macht Sinn für die Menschenrechte einzutreten, aber man muss selber die Veränderungen in die Hand nehmen“.

Steht diese Aussage auch im Zusammenhang mit Ihrer Theologie?

„Wir Muslime glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, gerade demokratische Grundwerte, Menschenrechte, alles, was im Sinne des Menschen steht, ist im Sinne Gottes.

Der Koran unterstreicht, dass man bestehende politische Realitäten kritisch hinterfragt. Und wenn man die heutige islamische Welt anschaut, dann wird man feststellen, es fehlen dort Menschenrechte großenteils. Da und dort gibt es Ausnahmen. Und dann ist es Aufgabe der Theologie, diese Grundwerte in den Kern der Theologie zu rücken; es geht nicht um dogmatische Sätze, sondern darum, dass praktisch die Werte der Menschenrechte umgesetzt werden.

Es gibt einen Grundsatz im Koran, in der 21. Sure, Vers 107, da heißt es: „Wir haben dich, Mohammed, lediglich als Barmherzigkeit für alle Welten entsandt.“ Barmherzigkeit in dem Sinne: Alles, was den Menschen gut tut. Das heißt: Wir können aus diesem Grundsatz der Barmherzigkeit heute die Menschenrechte genauso ableiten wie unsere demokratischen Grundwerte, weil alles, was im Sinne des Menschen ist, auch im Sinne Gottes ist. Wir glauben an einen humanistischen Gott, der an den Menschen glaubt. Das heißt, alle demokratischen Grundwerte, Menschenrechte, alles was im Dienste des Menschen ist, ist eben auch im Sinne Gottes.

copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon

 

Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?

Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?      Hinweise zur frühen Geschichte der Remonstranten und zur Gegenwart einer nicht dogmatischen protestantischen Kirche.

Von Christian Modehn

Wenn Historiker und Theologen heute wie früher über „Toleranzdiskurse in der frühen Neuzeit“ (so ein neues Buch hg. von Friedrich Vollhardt, erschienen 2015) sprechen und über Duldung und besser noch Akzeptanz religiöser Pluralität, „dann ist es auffällig, dass Weiterlesen ⇘

Aktualisiert am 25. August 2017 durch cm

Macht Arbeit Sinn? Zum neuen „Philosophie Magazin“

Macht Arbeit Sinn? Ein Themenschwerpunkt im „Philosophie Magazin“, Ausgabe Oktober 2015

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das „Philosophie Magazin“ erscheint leider nur alle 2 Monate. Die Leidenschaft fürs Philosophieren muss wohl noch erheblich in Deutschland zunehmen, damit wir auch hier – wie in Frankreich – monatlich auch durch Zeitschriften ins Fragen, ins philosophische Fragen, kommen… Das wird wohl erst möglich werden, wenn der Philosophie Unterricht an den Schulen viel weitere Verbreitung und größeren Respekt findet. Und die „philosophischen Cafés“ mehr Verbreitung finden und mehr Ansehen genießen und etwa als eigenständige kulturelle Basisinitiative gefördert werden und öffentliches Interesse finden. Es gibt in Deutschland etliche Literaturhäuser, aber kein einziges „Haus der Philosophie“…

Immerhin: Jedes Heft des Philosophie Magazins bietet auf 100 Seiten eine vielfältige Fülle von Anregungen, ins eigene Denken zu gelangen. Und dies natürlich nicht als eher belangloses „Hobby“. Das eigene kritische und selbstkritische Nachdenken bietet Orientierung und die Fragen, die zu Antworten führen rufen wiederum weitere Fragen wach und so weiter.

Der thematische Schwerpunkt heißt diesmal „Macht meine Arbeit noch Sinn?“ Die Frage ist dringend, und darauf weist Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur, einleitend hin: Im Anschluss an Einsichten Dostojewskis aus dem sibirischen Arbeitslager betont er, dass „das Bewusstsein dauerhafter Sinnlosigkeit“ auch und gerade in der eigenen Arbeit erlebt, nicht ertragen werden kann. Und er weist auf die Tätigkeit der heutigen Finanzmanager hin, die nichts tun als Geld hin und her zu schieben per Computer-Knopfdruck „ohne etwas zu produzieren oder irgendjemandem benennbar zu nutzen“. Und Wolfram Eilenberger deutet politische Implikationen an: „Vielmehr geht die Sage, hinter diesem Geld-Geschiebe versteckten sich in Wahrheit tausend kleine Verbrechen“. Diese Erkenntnis möchte der Leser gern vertiefen. Sie ist auch philosophisch, weil ethisch, und würde zur vollständigeren Antwort die Zusammenarbeit mit Politologen und Verbrechensforschern implizieren. Diese neuen Bündnisse von Philosophie mit anderen Wissenschaften wären nicht nur reizvoll, sie könnten die Philosophie aus der naturgemäß eher abstrakten Argumentation herausführen; Philosophie würde so wieder mehr „ihre Zeit in Gedanken fassen“ (Hegel), also durchaus mehr mit empirischem Material „arbeiten“.

Die weiteren Hinweise von Wolfram Eilenberger sind wichtig: Nach diesem eher sehr wenig Sinn stiftenden Job, etwa an der Börse, „reißen sich“ sehr viele Bewerber. Sie suchen persönlich mit Luxus-Gehältern überhäuft zu werden. Und das ist für sie wichtiger als eine sinnvolle Arbeit. Denn Geld ist der (neue/alte) Gott, dem man sogar die eigene Sinnerfahrung und das eigene sinnvolle Leben opfert. Dieser Gedanke wird leider in dem Beitrag nicht weiter ausgeführt. Er könnte in die Richtung weisen „Für Geld tue ich alles“..

Viele dringende Fragen wirft auch der Beitrag „Macht meine Arbeit auch Sinn?“ auf, verfasst von Nils Markwardt. Auch er betont: „Der Sinnlosigkeitsverdacht der Arbeit beschäftigt uns (heute) wie nie zuvor“. In der Dienstleistung- und Informationsbranche oder im EDV Bereich werden keine vorzeigbaren, greifbaren „Werke“ hergestellt, die – idealerweise – als das eigene Werk angeschaut, eine gewisse Zufriedenheit des Handwerkers bewirkten: „Mein Werk, geschaffen für die anderen“, ist ja das bekannte Motto von Philosophen zugunsten nicht-entfremdeter Arbeit.

Heute hingegen erleben wir die Arbeit als „Fluxus“, als fließend und ungreifbar. „Die Verflüssigung des Werkes macht die Suche nach einem buchstäblich fassbaren Sinn zusehends schwieriger“.

Ob die sinnlose Arbeit dadurch wieder an Sinn gewinnt, „weil es schwer fällt, an den Tod zu denken, wenn es Arbeit zu tun gibt“, wie Alain de Botton in dem Beitrag zitiert wird, ist philosophisch doch sehr zu bezweifeln. Vorausgesetzt, man hält die Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod philosophisch für sinnvoll. Das tun ja viele nachdenkliche, nicht nur „fromme“ Leute.

Merkwürdig, zum Fragen aufregend bzw. anregend und inspirierend ist der Schlussteil des Beitrags von Nils Markwardt. Darin behauptet er, dass es doch sinnvoll sei, wenn sich in „Sachen Arbeit“ „die Frage nach dem Sinn gar nicht erst einstellt“ (S. 47). Wir sollen uns in Selbstvergessenheit in der Arbeit öffnen, ein „ozeanisches Gefühl“ würde sich dann einstellen und „ein zeitloser Funkenflug der Selbsterfülllung“ und ein „göttlicher Zustand“ . O Gott, möchte man rufen, sag diese Weisheit bitte einmal nicht nur den gestressten Frauen an der Aldi-Kasse, den afrikanischen Plantagenarbeitern in Spanien, vor allem den ausgebeuteten Landarbeitern in Brasilien (Tageslohn nach 12 Stunden Arbeit: 5 Euro) oder den ausgepowerten, miserabel bezahlten, gesundheitlich stark gefährdeten Fabrikarbeitern etwa in Bangladesh. Nur wenn philosophisches Denken sich der Not der Menschen öffnet, und die allermeisten leben und arbeiten im kapitalistischen Weltsystem höchst erbärmlich, kann es den Anspruch haben, Weisheit zu sein, also humane Orientierung zu bieten. „Der zeitlose Funkenflug der Selbsterfüllung“ und dann sogar „der göttliche Zustand, den jeder von uns bei prosaischer Tätigkeit finden kann“, diese eher poetisch-mystischen Worte sind – mit Verlaub – nichts als Opium, eingepackt in schöne Worte.

In dem Heft werden Menschen vorgestellt, die so privilegiert sind, dass sie sich aus einem langweiligen, nervtötenden und sinnlos erscheinenden Job befreien konnten und neue erfreuliche Arbeit für sich entdeckten. Eine Assistenzärztin in einem deutschen Universitätsklinikum findet bei den „Ärzten ohne Grenzen“ eine insgesamt sinnvollere, auch mehr auf Eigenverantwortung setzende Tätigkeit unter elenden Menschen des Süd-Sudans. Ein Lehrer findet seine sinnvolle Erfüllung als Koch usw. Etliche Beispiele gelungenen Berufswechsels „um des Lebenssinns willen“ werden vorgestellt. Der Leser fragen sich: Habe ich selbst noch die Chance, neu und anders zu arbeiten? Diese Frage kann er weiter reflektieren wenn er sich auf die spannenden kontroversen Vorschläge bedeutender Philosophen einlässt. Michel Eltchaninoff stellt unter anderen die Überzeugungen Hegels und Simmels gegenüber zu der Frage: Arbeiten wir, um Geld zu verdienen? Weitere Beiträge gelten der Auseinandersetzung

Arbeiten wir, ja oder Nein, um die Welt zu verändern?

Erfreulich ist es in unserer Sicht, dass sich das „Philosophie Magazin“ auch religionswissenschaftlichen Themen zuwendet, diesmal wird eine Reportage geboten „Wer ist der nächste Dalai Lama?“.

Ein ausführliches Interview mit Michel Houellebecq über dessen neuestes Buch „Unterwerfung“ wird der klassischen (uralten, gegründet 1829) französischen Kulturzeitschrift „Revue des deux Mondes“ vom Juli 2015 entnommen. Dabei erscheint, mit Verlaub gesagt, der weltberühmte pessimistisch-nihilistisch-verzweifelt- suchende Autor wie ein ewig Klagender und Jammerer. „Gott will mich nicht. Er hat mich zurückgewiesen“ ist seine Aussage, und sein Bekenntnis gipfelt „in der Angst, der puren Angst“, dass „wir“ (also das angeblich christliche Europa) von einer anderen Kultur (gemeint ist eindeutig „der“ Islam) beherrscht werden könnten (Seite 31 unten). Da stellt der Journalist anschließend schon gar keine Frage mehr, er hat seine eigene These: „Aber es gibt keine Lösung für diese Angst“. Houellebecqs geradezu nahe liegende Antwort auf diese These: „Nein, das ist pure Angst“.

Ich finde es hoch bedauerlich, dass dieses doch schon relativ alte Interviews (es wurde für die Pariser Zeitschrift Revue des deux mondes sicher schon im Mai, Juni 2015 geführt) einfach kommentarlos stehen bleibt. Soll der große Meister Michel H. auch uns Angst machen, oder? Dieses Interview aus alten Zeiten jetzt zu platzieren, ist ohnehin sehr schade, hat doch die Tageszeitung „Le Monde“ im August noch mehrere sehr differenzierte Beiträge zu Michel Houellebecqs Denken (und pessimistischen, angstvollen) Raunen publiziert. Erstaunlich ist dabei vor allem der Beitrag vom 22. August 2015, in dem die Autorin Ariane Chemin der Beziehung Houellebecqs zum Katholizismus detailliert nachgeht. Sie berichtet von seinem Besuch im Benediktinerkloster von Ligugé bei Poitiers im Dezember 2013. Im Roman „Unterwerfung“ wird auch darüber ausführlich – mit Änderung der Namen der Mönche dort – geschrieben. Mit 13 Jahren, so betont „Le Monde“, erhält Houellebecq zum ersten mal eine Bibel, später nimmt er an katholischen Gruppen „Groupe de parole chétien“ teil, geht auf Wallfahrt nach Chartres. In Paris geht er viele Jahre zur Messe, nimmt in einer Gemeinde im Montparnasse-Viertel an der Vorbereitung zur Taufe teil. In seinem Buch „Ennemies publics“ lobt Houellebecq in höchsten Tönen das Ritual der katholischen Messe… Interessant ist zudem, wenn „Le Monde“ berichtet, wie der eher konservative Bischof von Poitiers, Msgr. Wintzer, sich, so wörtlich, „als absoluter Houellebecq Fan“ outet, mit dem er per email korrespondiert, beide haben sich sogar schon getroffen. Ganz anderer Meinung ist Erzbischof Dagens im benachbarten Angouleme, er ist Mitglied des Academie Francaise und hält Houellebecq, so wörtlich, für einen Unglückspropheten, vor dem man warnen muss. Auch wenn Houellebecq meint „Gott will mich nicht“, so hat er doch gegenüber Bruder Joel von Ligugé bekannt, nicht mehr Atheist, sondern Agnostiker zu sein (Le Monde, 22. August, Seite 21). „Ich bin sicher, Michel H. ist en route, ist unterwegs“, hofft Frère Joel. „Das Kloster ist bereit, von neuem seine Arme zu öffnen für seinen berühmten Gast“, heißt es in „Le Monde“.

Nach diesem kurzen Exkurs wieder zurück zum Heft:

Mit besonderer Aufmerksamkeit sollte man den Beitrag des in Berlin lehrenden Philosophen Byung-chul Han lesen über „Das falsche Versprechen der Arbeit“ (S. 62 ff.), ein ungeheuer dicht geschriebenes Essay, ursprünglich ein Vortrag zur Ruhrtriennale am 15.8.2015. Eine zentrale These: “Die Welt ist heute ohne jedes Göttliche und Festliche. Sie ist ein einziges Warenhaus geworden…Ich bin mit der Warenwelt nicht einverstanden… Wir haben auch jede Fähigkeit zu Staunen verloren…“ Man fühlt sich in die Zivilisationskritik Martin Heideggers zurückversetzt. Immerhin hat Byung-Chul Han im Unterschied zu dem bloß klagenden Heidegger einen knappen Vorschlag, wie es besser werden könnte: „Wir sollten aus diesem Warenhaus endlich ausbrechen, wir sollten aus dem Warenhaus wieder ein Haus, ja ein Festhaus machen, in dem es wirklich zu leben lohnt“ (Seite 65). Aber: WIE wir denn nun Schritt für Schritt das Warenhaus persönlich und mit anderen in ein Festhaus verwandeln können, wird nicht angedeutet. In dieser Undeutlichkeit meldet sich offenbar Meister Heidegger zurück, der bei solchen Problemen nur eins wusste und ewig wiederholte und seine Getreuen allein ließ mit seinem Raunen: „Hören wir auf die Weisungen des Seins (Seyns), werden wir zu Hirten des Seins“ etc.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Das Philosophie Magzin kann per email bestellt werden: philomag@pressup.de

Oder telefonisch 040 41 448 463.

 

 

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv. Philosophisches zur Bischofssynode

Die Hüter der absoluten Wahrheit werden aggressiv: Zur Bischofssynode in Rom (4. – 25. Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer die gegenwärtige „Lage“ der Welt vor Augen hat: Syrien, Ukraine-Russland, Flüchtlinge, Elend, Kinderarbeit, Ökokatastrophen, Missachtung der Menschenrechte weltweit, Korruption, Völkermord und so weiter und so weiter, der wundert sich, dass am 4. Oktober 2015 im Vatikan aus aller Welt ca. 260 Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle, zusammenkommen, um über „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ zu debattieren. Haben diese Prälaten kein wichtigeres Thema, haben sie keine Ideen mehr, wie der Menschheit in der Krise geholfen werden könnte? Vielleicht haben sie wirklich keine hilfreichen Vorschläge… Und reden lieber über das genannte Thema.

Wie auch immer: Diese Synode mit dem Papst als Vorsitzenden und Letzt-Entscheidenden wird, so berichten Insider weltweit einmütig, trotzdem ein wichtiges Ereignis sein, das den Weg der römischen Kirche und das Schicksal des eher reformfreudigen Papstes Franziskus bestimmen wird. Deswegen ist diese Synode auch für religionskritisch Interessierte von Bedeutung.

Warum also wird dieses im ganzen doch nicht absolut relevante Thema in Rom debattiert? Weil die Bestimmung dessen, was Familie ist, und damit, was Sexualität und Kindererziehung und Partnerschaft bedeuten, die allerletzte Bastion ist, die die römische Kirche noch als ihr eigen betrachtet: Die Gesetzgebung der Staaten kann die Kirche nicht mehr, wie noch bis ins frühe 20. Jahrhundert, mitbestimmen. Zum Frieden kann sie zwar immer wieder mahnen, aber sie kann keinen politischen Frieden schaffen. Und selbst das subjektive Glaubensbewusstsein der einzelnen kann die Kirchenführung nicht mehr beeinflussen. Zahllose Umfragen haben ergeben: Die Katholiken halten sich de facto nicht mehr an die Gebote der Ehe – und Sexualmoral. Sie sind darüber – „Gott sei Dank “ hinausgewachsen. Trotzdem reden mehr als 250 ältere Prälaten erneut über diese starre fixierte Ethik, an die sich fast niemand mehr hält. Irgendwie wollen die konservativen Kirchenführer diese veralteten Moralvorstellungen am liebsten den Katholiken vielleicht einimpfen…Heftige Debatten wird sicher das öffentliche coming-out eines Priesters, Theologen und Mitarbeiters in der obersten vatikanischen Glaubensbehörde (Chef: Kardinal Müller) in Gang bringen: Der aus Polen stammende Priester Krzysztof Charamsa hat sich am 3. Oktober 2015 als homosexuell geoutet und sich mit seinem Partner öffentlich gezeigt, siehe auch Fußnote 2 unten.  Der Theologe Charamsa ist zweifellos eher dem theologisch-konservativen „Lager“ zuzurechnen, er studierte u.a an der bekanntermaßen konservativen Hochschule von Lugano (eng mit den Neokatechumenalen verbunden) und war bis zuletzt als Dozent an der Universität des Ordens „Legionäre Christi“, Regina Angelorum, in Rom, tätig. Die „Legionäre“ nehmen bekanntermaßen nur konservative Theologen in ihre Universität als Dozenten auf. Diese theologische Orientierung Charamsas ist für die konservative Kirchenführung ein um so größerer Schock.

Jedenfalls, Tatsache ist: Die römische Kirche hat jetzt de facto alle äußere Macht und damit allen „Glanz“ verloren, die sie im Mittelalter, bis über die Französische Revolution hinaus besaß. Wenn nun die Kirche jeglichen Einfluss auf die „Familienfrage“ und auf die Vorschriften zur Sexualität verliert, dann steht sie in der Öffentlichkeit definitiv arm und förmlich nackt da. Sie ist dann nur noch eine spirituelle Organisation. Aber welche Spiritualität hat sie zu bieten? Das ist ein anderes Thema.

Hat die Kirche zur Familie und dem weiten Umfeld der Sexualität nichts mehr zu sagen, dann ist das Mittelalter definitiv zu Ende. Davor haben die Prälaten natürlich Angst.

DESWEGEN kämpfen die konservativen Kleriker in Rom jetzt besonders heftig um den Erhalt der letzten noch verbliebenen kirchlichen Machtansprüche für „die Welt“, also für „die Familie“. Und diese Kleriker verunglimpfen in ihrem Kampf jene, die, etwas sich aufgeschlossener zeigen und durchaus ein bisschen Verständnis für Veränderungen in der Ehe-„Lehre“ und im Tolerieren der „Homosexuellen“ haben.

Tatsache ist: Selten wurde in solchen Schlammschlachten von konservativ-reaktionärer Seite auf die halbwegs noch etwas aufgeschlossenen Kleriker eingedroschen. Es würde im Rahmen der für unseren Philosophischen Salon selbstverständlichen Religionskritik zu weit führen, alle diese Attacken zu dokumentieren. Man wird ihnen vom 4. Oktober erneut vom Vatikan aus begegnen, falls denn eine objektive Berichterstattung gelingt und nicht nur offizielle Propaganda von kirchlicher Seite als „Information“ verabreicht wird.

Was erstaunt ist: In einer Zeit, in der gebildete Menschen äußerst zurückhalten sind, wenn es gilt, inhaltlich fest beschriebene Wahrheiten als gültig für alle und immer hinzustellen, treten konservative Kleriker, ohne vor Scham zu erbleichen, möchte man sagen, auf und verfügen: Unsere inhaltlich präzise Meinung ist die Wahrheit für alle und für immer. Vor allem sehen sie sich förmlich auf der Seite des „lieben Gottes“ und haben keine Angst, ein dermaßen verdinglichtes Gottesbild zu propagieren! Wann gibt es nicht den Aufstand der Mystiker gegen diese unsäglichen Gottesbilder, wenn etwa Kardinal Sarah sagt: „Unsere Wahrheit stammt von Gott selbst!“ Man lese die Stellungnahme des aus Guinea stammenden Kurienkardinals Robert Sarah, er ist der oberste Chef in allen Fragen, die Gottesdienste (Liturgien) betreffen. Sarah hat jetzt ein Buch verfasst mit dem eindeutigen Titel „Gott oder Nichts“. Also kurz zusammengefasst: „Wer meinem Gott nicht folgt, landet im Nichts“. Oder: „Wer meinem Gott, er ist der einzig Wahre, nicht folgt, zerstört sich selbst, zerstört die Kirche, zerstört die Welt“. Dabei nimmt Kardinal Sarah das Neue Testament wortwörtlich, in diesen vielfältigen und z. T. widersprüchlichen Texten spricht für ihn Gott selbst, behauptet er, weil es ihm in seinen eigenen ideologisch-politischen Kram passt! Und der heißt: Die alte Ordnung der Hetero-Ehe muss streng bewahrt bleiben. Dabei müsste er wissen, dass die Hetero-Liebesehe eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts ist, die jetzt als DIE Ehe in manchen Kreisen Europas gilt. In Afrika ist diese europäische Liebesehe des 19. Jahrhunderts überhaupt keine Realität, auch in Lateinamerika hat eine katholische Frau normalerweise 5 Kinder von 3 verschiedenen Männern. Die Frau allein kümmert sich um die Kinder. Werden diese Menschen jemals zur förmlich in Rom heilig gesprochenen Liebesehe des 19. Jahrhunderts finden? Oder wären nicht ganz andere Fragen wichtig? Wie kann die Gesellschaft so gerecht gestaltet werden, dass Frauen und Kinder und auch die Väter wenigstens ein Minimum an Menschenrechten genießen dürfen? Aber Nein, die Kardinäle reden über Wiederverheiratet-Geschiedene. Darf man aus philosophischer Sicht erneut sagen? Das ist angesichts der „Lage“ der Welt geradewegs lachhaft, wenn nicht skandalös; zumal: wenn man auch bedenkt wie viele Millionen Dollar diese Synode an Unkosten verursacht, von den weltweiten Flügen und ihren ökologischen Implikationen der aus allen Ländern anreisenden Prälaten einmal ganz abgesehen.

Wenn das Wort nicht so abgegriffen wäre: Kardinal Sarah vertritt puren FUNDAMENTALISMUS. Merken wir uns: Es gibt ihn also nicht nur in islamischen oder hinduistischen Kreisen…

Es ist bezeichnend, dass dieses Buch „Gott oder Nichts“ im September 2015 im Schloss der Frau Fürstin von Thurn und Taxis in Regensburg vorgestellt wurde, das Vorwort schrieb kein Geringerer als der Intimus Benedikt XVI., Erzbischof Georg Gänswein, der wohl immer noch zusätzlich als Sekretär von Papst Franziskus tätig ist (1). Da schreibt also der engste Mitarbeiter des etwas aufgeschlossenen Papstes Franziskus ein Vorwort in einem Buch, das sich zumindest indirekt entschieden gegen Franziskus selbst richtet. Eine hübsche Geschichte vom „Hofe“ (früher soll ähnliches am Hofe Ludwig XIV. passiert sein). Aber wichtiger ist, dass dieses Buch von Kardinal Müller, einst Regensburg, jetzt oberster Glaubenswächter im Vatikan, bei der Fürstin vorgestellt wurde. Da sieht man, was sich da an Connections im Vatikan gegen Franziskus zusammengebraut hat. Zu Kardinal Sarah, der ebenfalls durch seine Anwesenheit die Fürstin erfreute, (auch Martin Mosebach war selbstverständlich dabei und der Bruder des Papstes Emeritus, also der einstige oberste Regensburger Domspatz Georg Ratzinger). Zum Buchautor Kardinal Sarah bemerkt Hannes Hintermeier in einem wertvollen Beitrag in der FAZ (am 3.9.2015): „Bei der nächsten Papstwahl dürfte Sarah zu den „papabile“ zählen. Mit siebzig Jahren ist er in einem Alter, in dem man in der Kurie zur Kategorie „Hoffnungsträger“ zählt“.

Ein Hoffnungsträger in der Sicht Roms also, dieser Fundamentalist, der Denker in Kategorien des „Alles oder Nichts“, Verzeihun:  „Gott oder Nichts“. Sandro Magister, Vatikan-Spezialist, berichtet über ihn in La Repubblica“, wir zitieren Sarah in einer Übersetzung: “Homosexual unions are completely against God’s plan, which was to create man and woman who complement one another perfectly. And the family and the future of society comes from this [hetrosexual] union. A homosexual union has no future, it does not create life . . .”

Warum werden solche Äußerungen nicht als Volksverhetzung erkannt? Warum wird Herr Sarah wegen dieser Diffamierung Homosexueller nicht angeklagt? Die Antwort dürfte bekannt sei: Es handelt sich eben um Äußerungen innerhalb einer Glaubensgemeinschaft, diese Äußerungen muss die Glaubensgemeinschaft selbst regeln, da darf sich kein Gericht einmischen. Das sind noch Restbestände mittelalterlichen Denkens, von der eigentlich in zivilisierten demokratischen Ländern gültigen Laizität ist da wenig zu spüren!

Der AFP Pressedienst (Autor: Jean-Louis Vaissiere, am 28.2.2015) bietet weitere Zitate von Kurienkardinal Sarah: „Gott hat sich deutlich über Homosexualität ausgesprochen. (…) Wenn ein Prälat sich gegen die Offenbarung stellt, ist das seine Sache, aber wir werden auch weiterhin unterstreichen, was Gott von Homosexualität hält. Das bedeutet nicht, dass man diese Menschen nicht pastoral begleiten muss“, sagt Sarah. Offenbar geht die Begeleitung dahin, dass sie ihre Homosexualität, nach allerlei drangsalierenden „Therapien“, aufgeben.. Sarah fährt fort:

„Das gleiche gilt für die bürgerlich wiederverheirateten Geschiedenen: Da gab es eine Erklärung des Katechismus der Katholischen Kirche und eine starke Aussage von Johannes Paul II (…), dass es nicht möglich ist, wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion zu geben. Dennoch muss der Priester diese Menschen begleiten, sie ermutigen, zur Messe zu gehen und ihren Kindern eine christliche Erziehung zu geben“, fügt er hinzu.

Direkt auf die Debatten der Synode bezogen, warnt Sarah vor einem nicht-fundamentalistischen Verständnis der Bibel, denn diese enthält ja wie alle wissen, die direkten Äußerungen Gottes: „Wie soll man verstehen, dass katholische Pfarrer die Doktrin, das Gesetz Gottes und die Lehre der Kirche zur Homosexualität, Scheidung und Wiederheirat zur Abstimmung freigeben?“

Und Kardinal Sarah tut so, als wäre eine Neuinterpretation der katholischen Doktrin über die Homosexualität z.B. ein Abfall vom Glauben, den möglicherweise dieser Papst mitzuerantworten hat. Da sagt Sarah wie in einer Drohgebärde: „Ich versichere feierlich, dass die afrikanische Kirche stark sein wird gegen jede Rebellion gegen die Lehre von Jesus und dem Lehramt! Wie kann eine Synode die beständige Lehre von Paul VI, Papst Johannes Paul II und Benedikt XVI. revidieren wollen? Ich setze mein Vertrauen in die Treue von Franziskus.“

Das heißt: Der Reaktionär aus Guinea rechnet damit, dass die Synode die angeblich ewige Lehre Gottes aufgeben könnte. Er hofft aber, deutlich in seiner Zweideutigkeit, „auf die Treue von Papst Franziskus“. Was meint da Treue von Papst Franziskus: Treue zum reaktionären Flügel der afrikanischen Kirche? Oder gar noch tief greifender: „Treue zu Evangelium“? Sarah unterstellt also, dass der Papst dem Evangelium untreu werden könnte, also ein Ketzer werden könnte. Das Klima in der römischen Kirche ist vergiftet, vor lauter Wahrheitsbehauptungen und dem Wahn, auf der Seite Gottes zu stehen, hat sich römische Kirche wie in einem riesigen Netz verklammert. Wie löst man eigentlich ideologisch-wahnhaft bedingte „gordische Knoten“? Martin Luther wusste es noch.

Diese Hinweise zeigen, dass der Streit um die angeblich absolute Wahrheit die alten wackeren Herren in ihrem römischen Barock-Palästen förmlich aus dem Häuschen bringt, die Emotionen steigen, der Hass, die Ablehnung. Manche Beobachter sprechen von einer Spaltung der Institution der Kirche, die die schon längst de facto bestehende theologische Spaltung der römischen Kirche in reaktionär und ein bisschen aufgeschlossen nur institutionell deutlich machen würde. Dann könnten sich die Piusbrüder wenigstens dem offiziell reaktionären vatikanischen Flügel anschließen.

Aber so weit wird es wohl nicht kommen: Der Papst als der oberste definitive Entscheider, als der absolute Herr des letzten Wortes, wird um des lieben (angeblichen) Friedens willen, den Konservativen und Reaktionären recht geben und weitere, etwas progressivere Entwicklungen auf spätere Jahre (Sankt Nimmerleinstag) verschieben. Er wird nachgeben müssen, um selbst in diesem heißen Kessel aus Polemik und Hass zu überleben. Mächtig sind ja bekanntlich in jeder Hinsicht immer die Konservativen. Weil sie eben nur alte „Wahrheiten“ wiederholen müssen, weil sie nur die alten Autoritäten zitieren müssen. Die Reaktionären brauchen nicht zu argumentieren, sie müssen alte Texte nur zitieren. Das ist, nebenbei, ein interessantes philosophisches Thema, das sich im Blick auf die Synode erneut zeigt.

Papst emeritus Benedikt XVI. wird aus der Nähe seinen geschulten Blick auf die Synode werfen und über Herrn Gänswein einige Worte, direkt oder indirekt, verbreiten. „Macht weiter ihr lieben Konservativen, kämpft den guten Kampf“ wird er sagen.

Philosophisch ist dieser Vorgang interessant, weil er zeigt, auf welch einem so wenig reflektierten, um nicht zu sagen blamablen theologischen Niveau sich die maßgeblichen vatikanischen Herren und Glaubenslehrer bewegen. Herr Sarah hat ja als junger Kleriker zahlreiche Studien in Rom absolviert. Und diese mit diesem jetzt sichtbaren „Erfolg“ bestanden. Wie soll sich auch jemand von ewigen Wahrheiten befreien, dem Jahre lang in allen theologischen Fakultäten Wahrheit und nichts als Wahrheit eingepaukt wurden. Sarah und die anderen römischen Wahrheitsfanatiker sind nur das sichtbare Ergebnis einer in sich schon hoch problematischen (um nicht zu sagen arrogant-verkorksten) offiziellen Theologie, einer Theologie des Hofes, der Curia romana.

Interessant wäre auch eine öffentliche, interdisziplinäre Debatte: Warum sind so viele Afrikaner gegen den menschlichen Respekt für Homosexuelle? Wer erzeugt diesen Hass, dieses Morden homosexueller Menschen? Wer tritt eigentlich für sie ein? Wer schützt homosexuelle Menschen in Kenia, Uganda, Simbabwe und so weiter? Doch wohl nicht katholische oder pfingstlerische Gemeinden? Aber erhalten diese nicht viele Spenden aus Europa? Spenden da etwa noch gebildete Europäer für diese Verächter der Menschenwürde? Warum müssen die Kirchenführer Afrikas, auch Kardinal Sarah, diese rassistische homophobe Ideologie ihrer Staaten wichtiger nehmen, diesen irren Wahn, als die humanistische Menschenfreundlichkeit, die ja ein bisschen wohl auch im Neuen Testament durch die Gestalt Jesu repräsentiert wird? Wie verblendet sind diese alten Herren? Gibt es da noch Hoffnung auf Licht, auf Aufklärung, fragen sich philosophisch Interessierte? Gibt es Hoffnung auf einen schwachen Sieg der Philosophie der Aufklärung? Man lese bitte „unbedingt“ Kants Schrift „Über die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“. Man erkennt dann: Die faktisch bestehenden Religionen mit ihren so vielfältigen angeblich absoluten Wahrheiten sollten durch das Licht der Vernunft „gereinigt“ werden, also zur Menschlichkeit finden, zum humanen Maß. Dann ginge es etwas menschlicher zu in dieser Welt. und in unserer Sicht: Jesuanischer! Aber wird außerhalb kleine philosophischer Kreise noch über eine moderne Religion der Vernunft debattiert? Hat die christlich orientierte Vernunft-Religion noch eine Chance? Vielleicht wäre eine moderne liberale Theologie der Ort dafür.

(1) In seinem Vorwort tut Gänswein so, als wäre das Buch Sarahs eine hübsche und harmlose Geschichte eines alten afrikanischen Prälaten: Tatsächlich vertritt Gänswein erneut – wie der Buchautor – die offizielle römische traditionelle Theologie der völligen Unwandelbarkeit der katholischen Lehre: „Es wäre falsch, dieses Buch als einen Beitrag zu einer ganz bestimmten Debatte oder eine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer zu lesen. Damit würde man der Tiefe dieser Theologie und der Strahlkraft dieses bewegenden Glaubenszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es gerade nicht um die einzelne Konfliktfrage, sondern um das Ganze des Glaubens; er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist – und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, auch das Ganze beschädigt und geschwächt wird. Mag sein, dass Politik die Kunst des Machbaren ist, die Fertigkeit des Kompromisses unter sich ständig wandelnden Bedingungen; die christliche Botschaft aber kann niemals Verhandlungsmasse sein. Sie ist uns anvertraut und kann nur unverfälscht ihre heilbringende Wirkung in der Welt entfalten – auch und gerade in der Welt von heute“. Vatikanstadt, am Gedenktag Jean-Marie Vianneys, des heiligen Pfarrers von Ars, am 4. August 2015 + Georg Gänswein

(2) Der Vatikan-Theologe Krzysztof Charamsa betont: „Die Kirche ist im Vergleich zu dem Wissen, das die Menschheit inzwischen hat, zurück geblieben“, sagte der 43-Jährige Priester und Theologe Krzysztof Charamsa. „Es ist nicht möglich, noch weitere 50 Jahre zu warten. Die katholische Kirche müsse hinsichtlich gläubiger Homosexueller „die Augen öffnen und verstehen, dass ihre Lösung, totale Abstinenz und ein Leben ohne Liebe zu leben, unmenschlich ist“. Der polnischen Ausgabe des Magazins „Newsweek“ sagte Charamsa, der Klerus sei „überwiegend homosexuell und traurigerweise auch homophob bis zur Paranoia, weil es an Akzeptanz der eigenen sexuellen Orientierung mangelt“. Er wolle die Kirche nicht zerstören, sondern ihr helfen. „Mein Coming Out soll ein Appell an die Bischofssynode sein, ihr paranoides Handeln gegenüber sexuellen Minderheiten aufzugeben“, sagte er weiter. Charamsa sagte dem „Corriere della Sera“, die homosexuelle Liebe sei eine „familiäre Liebe“. Überdies habe er das Gefühl, dass er ein „besserer Priester, der bessere Predigten hält“, geworden sei, seit er zu seiner Orientierung stehe. (afp)

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

Philosophieren heißt Selber-Denken. Eine Alternative zur „Universitäts-Philosophie“

Philosophieren als Selber-Denken – Eine Alternative zur Universitäts-Philosophie

Ein Hinweis von Christian Modehn

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ versuchen wir seit seiner Gründung (2006) das Selber-Denken als Form des Philosophierens zu üben, zu besprechen, zu leben, in einer freundlichen Atmosphäre der Vielfalt. Für viele, selbst gebildete ZeitgenossInnen, hat „die“ Philosophie einen eher schlechten Ruf. Viele halten sie für genauso „unerreichbar“ wie die „höhere Mathematik“. Philosophie wird leider als doktrinäres und abstraktes Lehren an Universitäten erfahren („fast ausschließlich durch bezahlte Beamte und Angestellte betrieben“, so der Züricher Philosoph Michael Hampe selbstkritisch (1)). Dabei ist am Ursprung der Philosophie, denken wir nur an Sokrates, das eigene Reflektieren und Fragen absolut entscheidend, weil es den Geist belebt gegenüber aller Fixierung, etwa in Systemen und Doktrinen. Diese finden in schwer mitvollziehbaren philosophischen Büchern ihren Niederschlag. Abstrakte Philosophie ist nach wie vor unverzichtbar, sie gehört zur Kultur Europas, aber sie „entspringt“ förmlich dem eigenen Philosophieren, das jeder Mensch unthematisch immer schon lebt. Da ist die Quelle der Philosophie. Dies muss akademisches Philosophieren immer respektieren, denke ich. Denn jede Lebensentscheidung ist als Entscheidung immer Ausdruck reflektierter Freiheit, ist also Philosophieren. Die umfangreichen Bücher der Fachphilosophen sind meist nur für die Kollegen an den Universitäten bestimmt, nicht aber für Menschen, die lebendiges Fragen und Zweifeln als Orientierung in ihrem Dasein suchen. Ein Quantenphysiker kann ausschließlich für Quantenphysiker schreiben. Anders aber ein Philosoph, er sollte als Liebhaber der Weisheit (das bedeutet Philosophie) niemals verzichten, andere Menschen zur deutlicheren Liebe der Weisheit zu führen, aber eben liebend, also wohl auch behutsam nachvollziehbar. Auf der Rückseite des Umschlages des Buches von Hampe steht: „Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik“. Philosophieren hat mit mir zu tun, es geht um mich, aber auch um mich als (allgemeinen) Menschen…

Um so erfreulicher sind die Ausführungen des Züricher Universitäts-Philosophen Michael Hampe. In seinem Buch „Die Lehren der Philosophie“ legt er ausführlich dar, dass es auch eine andere, eine nicht-doktrinäre Form der Philosophie gibt und geben muss. Schon in den einleitenden Kapiteln 1 und 2 wird das deutlich. Wir empfehlen dringend die Lektüre!

Hampe zeigt zwei Gestalten der Philosophie in Europa: Das doktrinäre, universitäre, sich in Lehrbüchern niederschlagende wissenschaftliche philosophische Forschen. Auf der anderen Seite das auch in Europa lebendige „post-doktrinäre“ Philosophieren. Darin treffen sich Kritiker der herrschenden Moral, der politischen Ideologien, des religiösen Aberglaubens usw., betont Hampe. Zu denken wäre an Sokrates, an die Aufklärungs-Philosophien in den Salons von Paris, an Montaigne, Lichtenberg, Nietzsche, Wittgenstein und andere. Damit ist ja nicht geleugnet, dass etwa ein sehr systematischer, schwieriger Universitätsphilosoph wie Kant nicht auch „populäre“, halbwegs allgemein zugängliche Texte des Philosophierens publiziert hätte, etwa in seinen Beiträgen für die damaligen Berliner Kulturzeitschriften.

Das entschiedene Plädoyer Hampes für die postdoktrinären, oder sagen wir, vielleicht treffender, für die „nicht mehr doktrinäre Philosophien“ sollte auf breiter Ebene diskutiert werden. Es weitet das philosophische Selbstverständnis, es macht Mut, das Philosophieren – auch im Alltag unter „Nicht-Fachphilosophen“ (gibt es die??) – zu üben. Das nichtdoktrinäre Philosophieren ist ja keineswegs ein Plädoyer für die Beliebigkeit, etwa für die logische Willkür usw. Nicht doktrinäres Philosophieren ist nur nicht am Systemaufbau interessiert, nicht an der kryptischen Sprache, sondern am Verstehen und dann an der selbstverständlichen Kritik des alltäglichen Lebens: „Die nichtdoktrinäre Philosophie versucht zu verhindern, dass Menschen durch religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Dogmatismus unfrei werden“, so Michael Hampe, S. 49.

Hampe plädiert für das „Persönliche“ im philosophischen Denken, er fordert, dass die „die Philosophie auch in den akademischen Institutionen mit einem existentiellen Engagement zu betreiben ist“ (S.53). Und dieses Philosophieren muss selbstverständlich geübt werden, wie Hampe betont, (Seite 53 f.). Für dieses philosophierende „Üben“ als selbstkritisches Reflektieren, als Prüfung der Sprüche und angeblichen Weisheiten und Dogmen, die verbreitet werden, braucht man natürlich Räume, Orte. Und da ist Philosophie im öffentlichen Leben insgsamt absolut benachteiligt. Und niemand regt sich darüber auf! Es gibt Literaturhäuser, aber keine „Häuser der Philosophie“, in Paris gibt es ein entprechendes Haus in der Rue Descartes. Leider weist Hampe meines Wissens nicht auf die oft bescheidenden philosophischen Versuche der „Philosophischen Café“ oder der „Philosophischen Salons“ hin: Dies sind ja solche bescheidenen, provisorischen Orte des Übens, wo Menschen sich auch selbst neu entdecken können und Fraglichkeit als Lebensform schätzen lernen. Ein philosophisches Leben führen, auch diese Maxime nennt Hampe (S. 64) hat viele Gestalten, sicher ist nur: Der Philosophierende wird starke Vorbehalte haben gegenüber vorgegebenen Lehren der Weisheit, der religiösen Institutionen. Nicht nur, weil er sich selbst und sein freies Leben darin NICHT wieder findet, sondern eher entmündigt fühlt.. Vor allem: Diese Lehren und Dogmen und Doktrinen werden eingesetzt von (demokratisch oft gar nicht legitimierten) Herrschern und Beherrschern. Darum kann es für Hampe auch niemals philosophische Gurus geben. Er weist auch „religiöse Lebenslehren“ (S. 65) aus diesem Grund, der Fremdbestimmung, zurück. Über dieses pauschale Urteil wäre aber zu diskutieren: Denn es könnte ja auch religiöse Lebenslehren geben, die aus dem selbstkritischen, reflektierten Lebenszusammenhang selbst entspringen, aus der Erfahrung des Absoluten „in“ mir, so dass diese Religion nur das eigene Leben in seiner Tiefe aussagt und diese Aussage kritisch mit anderen (in einer religiösen Gemeinde) teilet, diese Menschen haben dann natürlich auch wieder ihre Erfarungen des Absoluten…Die neue liberale Theologie (als eine Theologie von unten, also vom Selbstbewusstsein her sich entwickelnd) würde diese nicht entfremdete Gestalt des Religiösen sein, in dem das im Menschen selbst entdeckte Göttliche zum Ausdruck kommen kann.

Michael Hampe bietet ein überaus inspirierendes Stück „Philosophie der Philosophie“. Und er macht damit deutlich, dass über Philosophie qualifiziert nur philosophisch gesprochen werden kann.

Copyright: Christian Modehn

(1) Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, Seite 55).

Aktualisiert am 11. Februar 2024 durch CM

Ungläubiges Staunen? Eher ein irritiertes Fragen. Ein Abend im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 25.9.2015

Ungläubiges Staunen? Eher ein irritiertes Weiter-Fragen.

Ein Abend im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 25.9.2015

Hinweise von Christian Modehn. Ergänzt am 1. Oktober 2015: Zu der Beziehung Navid Kermanis zu Erzbischof Georg Gänswein, Rom, siehe weiter unten ausführlicher im Text. Nur so viel: Gänswein hat sich jetzt deutlich als Unterstützer des sehr konservativen, um nicht zu sagen fundamentalistischen römischen Kurienkardinals Robert Sarah (Autor:“Gott oder Nichts“) und erklärten Papst-Franziskus-Gegners geoutet. Kermani schreibt in seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ (S. 292), wie viele „Einsichten“ und Hilfen er selbst Erzbischof Gänswein (einer seiner im Buch sonst namentlich nicht genannten Freunde) zu verdanken hat. Manche Kermani-LeserInnen fragen: Wie passt diese Gänswein-Connection zu einem doch sonst eher aufgeschlossenen Kermani? Wird Kermani dazu einmal Stellung nehmen?

Navid Kermani ist zweifelsfrei einer der sehr bedeutenden deutschen Intellektuellen: Reporter und Roman-Autor, als Orientalist hervorragender Wissenschaftler, zudem bester Kenner der deutschen Literatur, ein Muslim mit Vorliebe für die SUFI-Traditionen, leidenschaftlicher Kritiker der Verirrungen heutiger gewalttätiger Islam-Traditonen (die er z.T. faschistisch nennt), Vermittler einer Haltung, die man „kosmopolitisch“ nennen könnte… und seit seinem neuesten Buch auch, wie er selbst sagt, „verliebt ins Christentum“. Kermani ist als Preisträger des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ 2015 explizit ein „religiös gerade nicht unmusikalischer“ Mensch, sondern durchaus fromm und für eine lebendige spirituelle Beziehung mit Gott einladend, wenn nicht werbend: Dies im Unterschied zu dem Bekenntnis des Friedens-Preis Empfängers Jürgen Habermas (2001), der sich als religiös unmusikalisch outete.

Diese Liebe zum Christentum vor allem konservativ-katholischer Prägung (nicht ohne deutliche Kritik am Protestantismus) hat bei Kermani wohl zwei Gründe, die in seinem Buch „Ungläubiges Staunen“ (C.H.Beck Verlag 2015) deutlich werden: Die Begegnung mit der (in katholischem Milieu entstandenen) Malerei des 16. Jahrhunderts vor allem in Rom, anläßlich seines Aufenthalts in der Villa Massimo gefördert. In den Kirchen Roms betrachtete Kermani vor allem den von der Orthodoxie zum „Ketzer“ titulierten Meister Caravaggio. Die Liebe zum Christentum hat zweitens  ihren Grund in der  persönlichen Freundschaft mit dem italienischen Jesuiten Pater Paolo dall Oglio. Er ist in seinem Wüsten-Kloster in Syrien so intensiv mit der dortigen, muslimischen Bevölkerung befreundet, dass er inzwischen von sich bekennt: Ich bin eigentlich ein muslimischer Katholik. Der Dienst am Frieden in Syrien ging für Pater dall Oglio so weit, dass er sich dem IS als Vermittler anbot; seit etlichen Monaten ist er spurlos verschwunden. Wir hoffen so sehr, dass er noch lebt!

Navid Kermnai schreibt: „Wenn ich etwas am Christentum bewundere oder an den Christen, deren Glaube mich mehr als nur überzeugt, nämlich bezwang, aller Einwände beraubte… dann ist es nicht etwa die geliebte Kunst. Es ist die spezifisch christliche Liebe… Die Liebe, die ich bei jenen wahrnehme, die ihr Leben Jesus verschrieben haben. Diese Liebe geht bei Mönchen und Nonnen über das Maß hinaus, auf das ein Mensch auch ohne Gott kommen könnte: Ihre Liebe macht keinen Unterschied“.

Nebenbei: Die aus christlichem Glauben mögliche Liebe ist also für Kermani viel mehr, als was menschliche Menschen „auch ohne Gott“ leben können. Darin steckt eine gewisse Kritik an einer säkularen Ethik des Humanismus. Ob diese Kritik so dringend und vor allem stimmig ist, bleibt fraglich: Atheistische „Heilige“ hat man bisher sicher noch nicht gefunden, vielleicht gibt es sie aber. Man suche bitte im Umfeld der Menschenrechts-Arbeit. Für den Urvater der säkularen „Ethik aus Vernunft allein“, also für den immer aktuellen und in dem Fall wieder Recht habenden Immanuel Kant, war klar: Wer dem Kategorischen Imperativ folgt, wird letztlich auch in ein Denken des Erstaunlichen, des Transzendenten usw., wohl auch erlebnismäßig, geführt. Warum rechnen eigentlich religiöse Menschen nicht mit „Denk-Erlebnissen“ durchaus auch erschütternder Art? Warum glauben Sie meist, Vernunft sei etwas „Kaltes“ usw. Ist das alles noch eine (vielleicht sogar falsch verstandene) Wirkungsgeschichte noch von Adorno/Habermas? Also: Es gibt die Vermutung im Sinne Kants: Säkulare Ethik ist immer schon mehr als nur „säkular“. Aber das ist ein anderes Thema. Man sollte sich nur wehren, wenn im Sinne Kermanis religiöse Heilige, denn so bezeichnet Kermani den sehr verehrungswürdigen Pater dall Ogilo, profiliert werden gegen Menschen der säkularen Ethik und diese irgendwie kleiner gemacht werden. Religiöse Menschen haben es nicht nötig, sich auf Kosten anderer für etwas Besonderes zu halten!

Das Christentum, wenn es denn gelegentlich umfassend glaubwürdig und wahrhaftig gelebt wird, ist für Kermani die Religion der praktizierten, umfassenden Liebe. Davor hat Kermani höchsten Respekt. Aber er selbst denkt nicht daran, nun zum Christentum bzw. zum Katholizismus zu konvertieren. Kermani ist ohnehin ein Gegner der starren Identität: „Nur“ christlich oder „nur“ muslimisch oder „nur“ humanistisch ist ihm – wie vielen anderen, auch den Initiatoren des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin – immer schon viel zu eng, viel zu dogmatisch, viel zu langweilig, wenn man es einmal etwas salopp will.

Kermanis Buch „Ungläubiges Staunen“ beschreibt nicht das Staunen eines Ungläubigen! Sondern: Da staunt jemand über ihm eher zufällig entgegen tretende Gemälde vor allem in Rom, aber auch in Madrid, Köln und anderswo. Er staunt, hält inne, reibt sich die Augen, ist verwirrt, lässt sich viel Zeit beim betrachten. Und ist eben erstaunt, wie er, aus einer bildfeindlichen islamischen Tradition stammend, von katholisch geprägten Bilderwelten anschaulichster, gegenständlichster Art, bewegt und fast verführt wird. Wie Gott und seine Heiligen so drastisch leibhaftig dargestellt werden, sinnlich, greifbar, alltäglich. Daran haben sich christlich geprägte Menschen vielleicht längst gewöhnt bei der Bilderflut, die ihnen in Barock-Kirchen begegnen. Kermani lehrt auch diese Leute, darüber doch wieder zu staunen. Nämlich: Gott ist Mensch! Gott ist Fleisch. Das ist Kern der Lehre des Christentums. Zu Weihnachten wird dieser „Kern“ des Christenlichen irgendwie noch gefeiert, wenn er nicht im Konsum-Rausch zerstört wird. Das ist wohl die Herausforderung allen Denkens, über die auch Hegel nicht nur ins Staunen kam: Gott ist Mensch. Und das heißt aber: In allen Menschen ist Gott anwesend.

Diese Anwesenheit des christlichen Gottes mitten im Alltag (etwa das Gemälde „Berufung des Heiligen Matthäus“, von Caravaggio aus dem Jahr 1600) erstaunt Kermani, weil das Heilige nicht in einer getrennten, transzendenten Sphäre sich abspielt, sondern sozusagen am Stammtisch, an dem Matthäus sitzt.

Kermani schreibt seine sehr persönlichen Bild-Deutungen ohne jeden sichtbaren Bezug zu Forschungen der Kunstgeschichte. Man könnte diese Art des Schreibens über Kunstwerke private Meditationen nennen. Die selbstverständlich jeder immer schon macht, wenn er eine Gemäldegalerie betritt. Nur: Sehr wenige haben den Mut bzw. die Begabung (und die Publikationschance !), ihre persönlichen Eindrücke auszuarbeiten.

Kermani will die LeserInnen einladen, sich mit seiner sehr persönlichen und deswegen immer auch eigenwilligen Bild-Interpretation auseinanderzusetzen. Die eine und einzige dogmatisch korrekte Bild-Interpretation gibt es ja ohnehin absolut nicht; wenn Künstler etwa ihre eigenen Werke, die immer „größer sind als sie selbst“, interpretieren: Dann ist diese Deutung für sie selbst alles andere als maßgeblich. Ein Kunstwerk wird in die Welt „gesetzt“ und gibt sich radikal frei für verschiedene Interpretationen im Laufe der Geschichte. Dadurch macht es sich auch verletzlich.

Wo da die Grenzen des Subjektiven sind, darüber wurde in unserem Salon gestritten. Gibt es nicht doch auch Bilddeutungen, die bei allem Respekt vor der Vielfalt, dann doch irgendwie „daneben liegen“, wenn nicht gar falsch sind? Wo wären diese etwas überzogen, allzu privaten Deutungen bei Kermani?

Diese Frage lässt sich nur im sehr ausführlichen Lesen der Kermani-Texte beantworten.

Einen sehr treffenden Hinweis bietet der protestantische Theologe und Philosoph Johann Hinrich Claussen in der SZ vom 25.8.2015, Seite 12, wo er das Buch Kermanis in die Kategorie der „Erbauungsliteratur“ einfügen möchte. Sie soll – früher weit verbreitet – „das Gemüt erheben, fromme Gedanken wecken und zum Guten aufmuntern“. Solche Ziele verfolgt durchaus das Buch Kermanis. Er weist etwa in der Pietà-Interpretation treffend darauf hin, dass von dieser Skulptur auch atheistische Mütter, den unschuldig abgeschlachteten, sterbenden Sohn auf dem Schoß, bewegt werden können bzw. sollten.

Manche TeilnehmerInnen in unserem Salon am 25.9.2015 empfanden das freie Interpretieren Kermanis ohne Rücksicht auf die detaillierte (Kunst-) Geschichte hoch problematisch, wenn nicht gefährlich und falsch. Andere fühlten sich bei dieser subjektiven Deutung sehr wohl, möchten es förmlich selbst nachvollziehen.

Dass Kermanis Buch über das Christentum so viel z.T. enthusiastische Aufmerksamkeit findet, ist sicher der Einsicht geschuldet: „Da spricht –endlich einmal – ein Muslim auf diese Weise“. Man sagt sich vielleicht: Also, toll, dass von der muslimischen Seite einmal so viel Wohlwollendes über einen Ausschnitt der christlichen Kultur, der Bilder zumal, gesagt wird.

Eine Frage, die auch eine empirische Untersuchung verdiente: Wie reagieren muslimische Kreise, etwa in den Moscheen, auf dieses Buch? Wird darüber gepredigt? Gibt es Stellungnahmen? Wird das Buch als Inspiration und Hilfe im muslimischen Religionsunterricht eingesetzt? Gibt es Übersetzungen ins Arabische, ins Persische? Im Libanon könnten sie eventuell publiziert werden? Kermanis eigene Website meldet sehr zahlreiche Auftritte, Lesungen, Diskussione im ganzen deutschen Sprachraum: Für September 2015 werden 15 Veranstaltungen mit Kermani zum neuen Buch gemeldet, für Oktober sind es 9 Veranstatungen, für November 12, für Dezember 10 Veranstaltungen, falls wir uns nicht ganz verzählt haben.

Das heißt: „Alle Welt“ reißt sich offenbar förmlich um Kermanis neues Buch. Viele sehnen sich förmlich nach seiner Liebe zum barocken Christentum, sie dürsten danach, möchte man sagen, verlangen nach Kermanis sehr subjektiven, persönlichen Kunstdeutungen, wollen endlich eine sinnliche, möglichst vernunft-befreite (katholische) Christlichkeit erleben: „Bitte bloß nicht ein zu weltliches Christentum“! Bitte nichts Protestantisches!! Sein Buch ist ein sperriger Beitrag zum Reformationsjubiläum 2017? Wird er Ehrengast in Wittenberg sein?

Wahrscheinlich erhält Kermani im nächsten Jahr einen internationalen katholischen Buchpreis, vielleicht auch zwei Buchpreise. Eine Audienz beim Papst steht sicher bevor, selbstverständlich von Mosebach-Gänswein eingefädelt. Katholische Verlage in Frankreich,  Italien, Spanien, den USA bereiten Übersetzungen vor? Man könnte träumen: Die Katholiken haben fast einen neuen „Kirchenvater“. Kermani, immer noch Muslim, stört zwar ein bißchen mit seiner Ablehnung der Trinität, der Inkarnation Gottes „nur“  in Jesus usw… Aber immerhin: Der barocke Katholizismus könnte eine gewisse bescheidene Wiedergeburt erleben. Ob die Pius-Brüder sich freuen?

Eigentlich wäre es ja theologisch gesehen wunderbar, wenn ein Muslim Kirchenvater werden könnte! Aber muss man dazu, um dies zu werden, ein Loblied singen auf barocke Kunstwerke?

Das Buch als Erbauungsbuch findet viele Leser, gerade ist die 2. Auflage erschienen. Die begeisterten Stimmen sind in der Mehrheit. Noch einmal: Es ist eben die spontane Freude leitend, dass es solch einen Text eines muslimischen Intellektuellen überhaupt gibt. Vielleicht tröstet das viele LeserInnen angesichts des Grauens, das im Namen dieser Religion begangen wird. Aber über die Grenzen des Buches sollte man auch offen reden, durchaus auch über die sprachliche Gestalt, die so unsäglich viele ultralange, kaum überschaubare Satzperioden enthält, offenbar bestimmt für lautes Vorlesen mit dem „musikalischen Effekt“ wie bei einer – schönen – Koran-Lesung/einem Gesang.

Dringend geboten wäre jetzt im Anschluss an das Buch: Die Diskussion über das Aufbrechen der eigenen, der engen Identitäten, der Nationen, der Konfessionen, der Religionen, aller Ideologien, die Mauern um sich errichten. Natürlich soll jeder seine ihm eigene einmalige Identität haben, aber dies ist immer eine offene, eine lernbereite Identität.

Dann sollte wahrgenommen werden: Mit dem Werk Kermanis, nicht nur mit dem „Ungläubiges Staunen“, kommt die Religions-Debatte nicht als politische Debatte, sondern als philosophische, theologische Debatte wieder ganz neu nach vorn in Deutschland. Ob dabei die Abwehr Kermanis für eine rational geprägte Frömmigkeit hilfreich sein kann oder sein Pädoyer für den „göttlichen Schauer“, um es so zu formulieren, ist sehr die Frage. Emotional geprägte Religiosität, blind geworden für Zeichen der Vernunft, ist gefährlich. Darum wäre Kermanis Abwehr eines modernen, liberalen christlichen bzw. protestantischen Glaubens ein eigenes Thema. Kermani kann nicht sehen, wie gerade eine moderne, „liberale“ Religion orientierend sein kann. Immerhin gültig ist, wenn Kermani schreibt: „Es gibt etwas, das über uns steht, das wichtiger ist als wir“. Und: „Der Mensch soll sich nicht so ernst nehmen“.

Kermani spricht in dem Buch seltsam geheimnistuerisch, was zu seinem offenen Denken nicht recht so passt, von „dem oder den Katholischen Freund(en)“. Die Namen nennt er nicht, wenn es sie denn gibt und diese Freunde nicht nur eine literarische Erfindung, ein Trick, sind. Wer diese Freunde sein könnten: Siehe weiter unten….

Es ist ein unbescheidener Ausdruck besserer theologischer Kenntnis, wenn man Kermani dringend wünschen möchte: Suchen Sie sich auch andere kompetente christliche theologische Freunde. Es gibt auch sehr gebildete Kunst Experten unter den protestantischen Theologen, und es gibt moderne katholische Theologen, die das Interesse wecken können für religiöse Motive in der modernen Kunst. Wenn man sich denn auf den kleinen Sektor der Kunst fixieren wollte.

Aber vielleicht hat Herr Martin Mosebach seinen Freund Kermani vor modernen Theologen gewarnt? In einem langen Interview mit Mosebach und Kermani, publiziert in SZ Magazin Heft 35/2015, sagt Martin Mosebach die für ihn zweifelsfrei typischen Sätze zu seinem sich explizit als Freund bekennenden Navid Kermani: „In der westlichen Welt haben die Menschen (gemeint sind Katholiken CM) das Knien verlernt. Stattdessen wird auf lächerliche Art und Weise das Bild des mündigen Christen propagiert. Wenn es Gott gibt, ist es das einzig Vernünftige, sich vor ihm niederzuwerfen. Und der Anblick von Muslimen, die vor Gott auf die Knie gehen, ist mir da ein unendlicher Trost“.
Eine gewisse Beachtung kann ein Hinweis im Nachwort zu „Ungläubiges Staunen“ verdienen, das Kermani mit „Nourouz 1394“ (bitte im Lexikon recherchieren, was das in anderen Kalendern bedeutet, CM) datiert. In diesem Nachwort, tituliert mit „Dank“,  also dankt Kermani für „unvergessliche Einsichten“ zweier  Angehöriger der Curie, also des päpstlichen Hofes im Vatikan. Kermani nennt die beiden in einer erstaunlichen und für einige Leser sicher höchst ungewöhnlichen Ehr-Erbietung: „Seine Exzellenz Herrn Erzbischof Dr. Georg Gänswein und Prälat Dr. Eugen Kleindienst“.

Zu diesen Herrschaften, die „unvergessliche Einsichten“ bescherten: Nur diese wenigen Hinweise für LeserInnen, die mit dem päpstlichen Hof heute nicht so vertraut sind: „Exzellenz“ Gänswein war und ist Privatsekretär Benedikt XVI., mit er durchaus befreundet sein soll. Zuvor war Gänswein etliche Jahre Dozent an der Opus-Dei-Universität in Rom. An Opus Dei Universitäten können nur Sympathisanten, wenn nicht Freunde und Mitglieder des Opus Dei arbeiten. Aktuell ist Georg Gänswein enger Vertrauter und Verteidiger des ehemaligen Limburger Verschwender-Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst. Gänswein soll dafür gesorgt haben, so die Presseberichte, die kein Dementi fanden, dass der Bischof, nun mit einem Posten in Rom für die „Neuevangelisierung Europas“ ausgestattet, nicht persönlich für den Millionenschaden eintreten muss, den seine Leidenschaft am wunderschönen Bauen seines Luxusresidenz in Limburg verursacht hat.

Wer Zeit, Lust und Geld für eine Rom/Vatikan-Reise hat: Am Donnerstag, 5. November, findet in Rom, in der Residenz der deutschen Botschaft im Vatikan (!) eine Veranstaltung Kermani-Gänswein statt, das meldet Navid Kermanis Website..: „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum‘ – Lesung und Gespräch mit Erzbischof Georg Gänswein, so der offizielle Hinweis.

Und zu Monsigore Eugen Kleindienst, nur so viel: Er war früher Generalvikar im Bistum Augsburg. Damals (1995, so der Spiegel am 13.3.1995) habe er in einem Gerichtsverfahren behauptet, als Generalvikar (also für Personalfragen zuständig) nichts von dem sexuellen Missbrauch eines seiner Priester gewusst zuhaben…Heute ist Kleindienst nicht nur Navid Kermani behilflich, sondern auch enger Mitarbeiter der Deutschen Botschaft im Vatikanstaat. Die Botschafterin ist die CDU Frau und Exministerin Annette Schavan.

Es darf nicht verschwiegen werden: Natürlich kann jeder mit jedem befreundet sein. Dennoch mutet die öffentlich besprochene und explizite Freundschaft des sonst so kritischen Intellektuellen Kermanis mit Martin Mosebach wirklich etwas befremdlich an, mit Mosebach, dem Romanautor und katholischen Liebhaber der alten lateinischen Messe sowie heftig konservativ theologiesierenden Laien. Die Vermutung ist: Mosebach hat wohl Kermani geholfen, über die Beziehungen zu den „Exzellenzen“ Gänswein und Kleindienst „unvergessliche Einsichten zu gewinnen“( S. 292 im Buch).

Denn Martin Mosebach hat offensichtlich allerbeste Verbindungen zum konservativen „Flügel“ im Vatikan. Zum Beispiel: Die Presseinformation des Hauses Axel Springer schreibt zur Herausgabe ihres neuen Kunstmagazins „Blau“ am 29.4.2015: „So wandelt der Leser mit dem Schriftsteller Martin Mosebach auf Raffaels Spuren. Dem Büchner-Preisträger Mosebach gelang das fast Unmögliche: Er überzeugte Monsignore Georg Gänswein – die rechte Hand des Papstes –, dem BLAU-Fotografen François Halard exklusiven Zutritt zur ansonsten strikt für die Öffentlichkeit gesperrten Seconda Loggia im Apostolischen Palast zu gewähren“. Prälat Georg Gänswein – „die rechte Hand von Papst Franziskus“ – eine hübsche, zitierfähige Formulierung aus dem Hause Springer

Der begründete Eindruck besteht, dass Kermani das Christentum bzw. den von ihm so hoch gelobten Katholizismus auch ein bißchen durch die „Brille“ sehr konservativer „Exzellenzen“ und Schriftsteller kennen gelernt hat. Vielleicht sind Gänswein und Kleindienst die im Buch Kermanis namentlich mysteriös nicht genannten „Freunde“? Aber das sind Fragen, die zweifellos nie eine Antwort erhalten werden…

Es wäre jedenfalls fatal, wenn die vielen, ja so enthusiastischen LeserInnen des Kermani Buches den Eindruck hätten: Das Christentum ist eigentlich mit dieser barocken Bilderwelt des 16. Jahrhunderts, die Kermani so schätzt, weithin identisch. Diese Zeiten Caravaggios und der anderen ist die Epoche der Gegenreformation, des Hasses auf den anderen, der sich dann im Dreizigjährigen Krieg entladen hat. Ein Krieg, der heute in seiner Brutalität an die Verbrechen von IS Mördern, erinnert.

Wir empfehlen dringend die Lektüre anderer Bücher Navid Kermanis, vor allem „Wer ist wir?“, das jetzt auch im C.H.Beck Verlag als Paperback erschienen ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Aktualisiert am 17. Oktober 2015 durch CM

Religionsphilosophischer Salon am 30. Oktober 2015

Am Freitag, den 30. Oktober 2015, findet wieder ein Religionsphilosophischer Salon statt. Angesichts der Diskussionen über Flüchtlinge in Europa (Deutschland) wollen wir uns mit dem grundlegenden ethischen und damit philosophischen Thema der ANERKENNUNG des anderen/der anderen (auch Plural), des Fremden usw.  auseinandersetzen. Grundlage dafür ist ein fundamentaler Text von Hegel („Herr und Knecht“, aus der „Phänomenologie des Geistes“), dieser Text wird vorgestellt und auf seine Aktualität hin befragt und diskutiert. Es werden auch engagierte Menschen aus dem Umfeld der persönlichen Flüchtlings-Hilfe hoffentlich dabei sein. Zugesagt hat Dr. Dorothee Haßkamp, Berlin, Mitarbeiterin im weltweiten Flüchtlingsdienst der Jesuiten. Für weitere Infos klicken Sie bitte hier.

Ort: Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9, Wilmersdorf. Beitrag für die Miete: 5 Euro. StudentInnen haben freien Eintritt.

Anmeldung bitte an: christian.modehn@berlin.de. Wer damit seine Teilnahme signalisiert, erhält einen Hinweis zu Hegels „Herr und Knecht“ Ausführungen und weitere Infos.