Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Denker des Christlichen: Zu René Girard, verstorben am 4. November 2015 in Stanford, Kalifornien

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er ist einer der kreativen Denker, kreativ im Sinne von Neues schaffend, keiner Mode nachlaufend, eigenständig und eigensinnig, über alle wissenschaftlichen „Disziplinen“, nicht ohne Stolz, erhaben: Er hat streitbare Erkenntnisse formuliert, deswegen war er immer umstritten, deshalb hatte er aber auch viele Freunde, viele Schüler, viele LeserInnen, auch wenn er wohl immer ein Einzelgänger blieb. Einige Jahre, seit 2005, gehörte er zu dem erwählten und erlauchten Kreis der Mitglieder der „Académie Francaise“ in Paris. Dabei hatte er zu Frankreich eher ein etwas gespanntes Verhältnis; die deutlichste Rezeption seines Denkens erlebte er wohl in den USA und Italien. Seine Wirkung bezieht sich heute auf Philosophen, Psychologen, Theologen… Seinen viele „Disziplinen“ übergreifenden und deswegen umfassenden Forschungsbereich nennt man wohl am besten „Kulturanthropologie“.

René Girard wurde 1923 in Avignon geboren, er war ein mittelmäßiger Schüler, wurde dann, ab 1947, in den USA erfolgreich, lehrte dort (an der John Hopkins University von Baltimore zuerst) französische Literatur. Dann wurde er Professor in Stanford für Anthropologie, mit starken Interessen an den Religionen, besonders am Judentum und Christentum. Seine Entdeckung, die er sein Leben lang erklärte und verteidigte: Die Mimesis ist die Basis, um menschliches Miteinander zu verstehen. Der Mensch ist das nachahmende Wesen! Wenn zwei Menschen dieselbe Sache begehren, so die Grundkonstellation, entsteht ein Konflikt; diese Rivalität ist für Girard die Basis, um die Gesellschaft zu verstehen. „Der westliche Humanismus sieht nicht, dass die Gewalt sich spontan entwickelt, wenn die Menschen ein und dasselbe Objekt begehren“, so Girard im Interview mit dem „Magazine Philosophie, Hors Serie, November 2011, Seite 12.) Aus der Mimesis folgt, um Frieden zu schaffen inmitten der Rivalitäten und Konflikte, das Bedürfnis, einen Sündenbock zu haben, der „an allem“ schuld ist bzw. schuld sein soll; über den sich die rivalisierenden Kräfte (kurzfristig) vereinen und versöhnen können. Auf dem Opfer eines Unschuldigen beruht also der (kurzfristige) Friede. Der entscheidende Punkt ist: Die Jesus Gestalt ist auch ein Sündenbock, aber sie legt den Wahn der Sündenbock Mechanismen frei, sie offenbart den Zusammenhang von Mimesis, Gewalt und … Sündenbock. Und weil durch Jesus die realen Verhältnisse der Gewalt offenbar werden, kann Frieden möglich werden. Jesus ist kein passiv erduldender Sündenbock, er ist unschuldig und er weiß das, dieses Leben ist einzig möglich für ihn im Glauben an seinen „Vater“. Die Offenbarung des Neuen Testaments ist damit für Girard ein geradezu notwendiges Buch der Analyse der menschlichen, elenden Wirklichkeit mit der Zusage der Erlösung. Der Gott der Bibel solidarisiert sich mit dem Opfer! Nicht mit den Tätern!

Das Evangelium als Text kultureller und politischer Relevanz wird somit durch Girard in die Kultur der Gegenwart „zurückgeholt“. Selten hat man in den letzten Jahren eine solche Lehre der Erlösung, also des Friedens in der Gesellschaft, gelesen, anspruchsvoll und bei den Prämissen dann auch fundiert. Selten hat sich der christliche Glaube so einbringen können als Deutung der Wirklichkeit! Das Ende der Gewalt ist möglich durch Einsicht in die tiefsitzenden seelischen „Mechanismen“. Noch enmal: Gewalt kann durch Einsicht und Vernunft überwunden werden. Wodurch denn auch sonst? Eine Welt ohne Sündenböcke ist möglich, und damit auch eine Welt ohne das irrige Bewußtsein der Täter, Recht zu haben in ihrem Töten des Sündenbocks. Der Zwang der Mimesis, der sich auch als Zwang der Tötung des Sündenbocks äußert, kann durch kritische Selbst-Erkenntnis überwunden werden.

Girard verstand sich also explizit als christlicher Denker, eine Rarität in der intellektuellen Welt von heute. Er war, wie er selbst sagt, Autodidakt, er vertiefte sich in die Grundtexte des Christentums: „Ich bin Christ geworden, weil mich meine Forschungen dahin geführt haben, was ich denke, und so bin ich Christ geworden“. Also ein Christwerden durch das Studium; eher ein seltenes Ereignis heute, könnte man meinen. In dem Buch „Des choses cachées depuis la fondation du monde“ von 1978 wird diese „Umkehr“ deutlich. Tatsächlich hat sich Girard in den USA spirituell in den letzten Jahren eher den lateinischen, den klassischen Messen zugewandt. Das Heilige sprach sich für ihn offenbar am besten auf Latein aus.

In dem oben genannten Heft der Reihe „Philosophie Magazine“ von 2011 über Girard äußert sich auch Peter Thiel über diesen vielseitigen Anthropologen. Thiel, ein Schüler von Girard an der Stanford University, ist der Erfinder von PayPal, und erster Aktionär von facebook, er hat den Hegdefond Clarium geschaffen, der Tea –Party soll er nahe stehen (gestanden haben) usw. Bei allen Bindungen an den Neoliberalismus ist doch eine religiöse Entdeckung für Peter Thiel durch Girard wichtig geworden: „Girard hat die Vernunft des Christentums neu gedacht“ (Seite 97). Den Glauben an das permanente Wirtschaftswachstum hat Peter Thiel, so im Interview, jedenfalls nicht verloren. Und eine Bekehrung zu den Armen hin eigentlich Kernbotschaft des Evangeliums,  wird auch nicht einmal von ihm angedeutet im Interview. Girard selbst hat immer wieder vom „subversiven Charakter des Christentums“ gesprochen. Diese Lehre ist offenbar nicht bei allen seiner Schüler in den USA angekommen! Christentum als Theorie eben. In seinem Buch „Achever Clausewitz“ von 2007 sagt Girard angesichts der zunehmenden Gewalt und des Egoismus: „Das Christentum ist gescheitert“. Ihm (und uns) bleibt die Hoffnung: Dass die Menschen weltweit nicht die globalen kriegerischen Gewalttaten ständig nach-ahmen, diese wieder und wieder wiederholen zu ihrem eigenen immer heftigeren Verderben. Nein. Dass die letzten „Restbestände“ einer ethisch guten Praxis nachgeahmt werden, dass die Menschen wieder lernen, das ethisch Gute (nach kritischer Selbstprüfung) nachzuahmen und zu leben. Wenn diese ethische Aufgabe das Christentum fördert, dann wäre es wohl doch nicht ganz gescheitert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Aktualisiert am 16. Dezember 2015 durch CM

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages

Was sind unsere Mythen des Alltags? Zur Aktualität von Roland Barthes, anlässlich seines 100. Geburtstages (am 12. November 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Roland Barthes ist ein Philosoph der besonderen Art, er wählt fürs Philosophieren auch eher seltene Themen, man denke an die „Mythen des Alltags“. Sein 100. Geburtstag am 12. November 2015 ist ein Anlass, sich auf seine Arbeiten (wieder) einzulassen. Barthes ist, man verzeihe den Ausdruck, ein „typisch“ französischer Denker: Er fühlte sich eher den Essayisten zugehörig als den „Systemdenkern“, die – vor allem in Deutschland – häufig an den Universitäten als verbeamtete Philosophie-Professoren anzutreffen sind. Schon Michel Foucault hat in einem Radio Interview 1975 von dieser philosophischen Begabung Barthes „am Rande“ des/der Etablierten gesprochen. Foucault meint, Barthes hätte das Etablierte „erschüttert“.

Barthes, am 12. 11. 1915 in Cherbourg geboren, hat etliche Jahre als Gymnasiallehrer, Lektor und Redakteur gearbeitet, ehe er an der „Ecole Pratique des Hautes Etudes“ in Paris arbeitete und später noch, bis zu seinem plötzlichen Tod am 26.3.1980, am Collège de France Vorlesungen hielt. Die Berufung ins „Collège“ ist sicher eine der höchsten Auszeichnungen für diesen Denker „am Rande“ der Etabliertheiten.

Seine Arbeiten sind sehr vielschichtig, manche sagen, wie Professor Eric Marty, ein Freund und Interpret, sie seien manchmal zweideutig und im Grunde oft nicht sehr leicht lesbar. In den letzten Jahren erschienen posthum einige Werke von Barthes, erstaunlich etwa sein „Journal de deuil“, erschienen bei Seuil 1999. Durchaus ein Buch der Melancholie, sehr persönlich, manchmal intim. Im Herbst erscheinen ebenfalls bei Seuil Vorlesungen, die Barthes am Collège de France gehalten hat (1978-1980).

Eric Marty hat im Barthes Gedenkjahr 2015 einen Band herausgegeben über Barthes als Briefschreiber, so wird die biographische Entwicklung noch deutlicher, auch der Umgang mit der Krankheit, die sein Leben bestimmte. Eine sehr differenzierte, leicht nachvollziehbare Biographie hat Thiphaine Samoyault vorgelegt, (Editions du Seuil, 720 Seiten nur 28 €, jetzt auch auf Deutsch bei Suhrkamp für 39,95 €), sie erinnert natürlich auch an seine Kindheit in Südwestfrankreich, spricht von seiner Liebe zum Licht, sein Verschmähen des Konformismus, seiner Leidenschaft für das Reale, Wirkliche…

Eher traurig macht das Urteil von Eric Marty (Le Monde, 23. Januar 2015), dass die (französischen) Philosophen überhaupt nicht (mehr) Barthes lesen. Er werde stärker „auf dem literarischen Feld“ beachtet. Tatsächlich hatte Barthes kein Interesse am Einsortiertwerden in Schubfächer und an Aufteilungen des intellektuellen Lebens in fixe Kategorien. Darum lebt der philosophische Gedanke in vielen seiner Werke. Diese implizite und explizite Anwesenheit des Philosophischen in den Werken der Kunst, der Literatur, der Soziologie ist unseres Erachtens das eigentlich Spannende am philosophischen Denken.

Nur auf einige Ansätze im Denken Barthes kann hier hingewiesen werden. Bekannt und weit verbreitet auch in Deutschland sind „Die Mythologien des Alltags“ und „Fragmente einer Sprache der Liebe“.

Besonders aktuell, so scheint uns,  sind die „Mythen des Alltags“, das Buch geht auf Texte aus den Jahren 1954 bis 1956 zurück, 1957 erschien die erste Buchausgabe der Mythologies bei Seuil. Seit 5 Jahren liegt übrigens eine neue, eine vollständige Ausgabe dieses Textes zu den Zeichen des Alltags auch auf Deutsch vor, sie ist bei Suhrkamp erschienen, hat 325 Seiten und kostet 28€. Gegenüber der knappen Textauswahl als Taschenbuch (seit 1964 auf Deutsch) ein enormer Gewinn!

Wir empfehlen dringend diese vollständige Ausgabe der „Mythen des Alltags“. Darin wird der falsche Schein der Wirklichkeit enthüllt, nämlich die Behauptung, Phänomene des Alltags seien bloß natürliche, sozusagen „normale“;  dabei wird das geschichtliche Gewordensein dieser Phänomene unterschlagen. Man lese etwa das Kapitel  „Stumme und blinde Kritik“ in den „Mythen des Alltags“: Dort wird die Arroganz der Kritiker gegenüber Themen/Autoren freigelegt, von denen sie, die Kritiker, dann stolz ihren Lesern bekennen: „Dies verstehen wir nicht“. Damit rücken sie sich in die Position der Herrschenden, die den Autor, den angeblich unverstehbaren, schlecht machen. Hinter dieser Arroganz der Kritiker, die nichts als Dummheit ist, sieht Barthes die Macht des „gesunden Menschenverstandes“, dessen vorausgesetzte Gesundheit die Kritiker selbstverständlich nicht prüfen. Die Kritiker glauben sich absolut auf der Seite des vorausgesetzten gesunden Menschenverstandes zu befinden. Deswegen können sie den Autor, sein Werk, niedermachen. Aber Barthes tröstet sich und die Leser damit, dass die Philosophie den angeblich „gesund-vernünftigen“ Kritikern überlegen ist. Denn der Philosoph erkennt und begreift beide, den Kritiker und das Werk. Während der Kritiker in seiner kleinen Welt befangen bleibt.

Ich meine, das Inspirierende des Buches „Mythen des Alltags“ liegt ja gerade darin, diesen Text immer weiter fortzuschreiben, aktuell, über die konkreten Beispiele von Barthes hinaus. Denn die „Barthes-Mythen“ werfen beim Lesen dringend die Frage auf: Wo sind heute unsere „Alltagsmythen“? Wer kann von ihnen so nüchtern – distanziert schreiben, wie Barthes? Wer hat den Mut der Entdeckerfreude, wer wagt es,  heutige Alltags-Themen tatsächlich als einflussreiche Mythen, die das Bewusstsein prägen, zu beschreiben? Ist Fußball etwa der größte und allmächtigste Mythos der Gegenwart, ist die fast religiös anmutende Lust am Fußball so stark, dass selbst heftigste Verfehlungen korrupter Fußball-Manager von den Fussball-Gläubigen verziehen und „überspielt“ werden? Das klingt dann fast wie in der Kirche: Der Klerus ist korrupt, aber das stört die Frommen nicht so sehr, denn der vom Klerus gepredigte Gott bleibt offenbar unanstastbar! Ist auch die Lust an der Tätowierung des eigenen Körpers ein Mythos? Oder ist der so häufige Ortswechsel der nicht ganz Armen in Form des häufigen Reisens, der Seefahrten usw. ein Mythos? Gibt es Alltags-Mythen, die nach einer längeren Zeit, den Charakter des Mythos wieder verlieren, etwa der Mythos einer vegetarischen Lebensweise oder jetzt die Form veganen Lebens? Ist unsere ständige Fixierung auf Gedenktage im kulturellen Leben ein Mythos, weil man sich vor der Utopie und dem Blick nach vorn, der Zukunftsgestaltung,  scheut? Ist die gelegentliche Abgabe von Stimmzetteln bei Wahlen ein Mythos, weil uns eingeredet wird, das „Kreuzchenmachen“ auf Wahlzetteln sei schon das Wichtigste am „demokratischen Bekenntnis“? Aber sind wir nur von Mythen umgeben? Ist im Alltag alles Mythos und möglicherweise so vieles Mystifizierung? Wohl kaum, es gibt noch den Blick der klaren Vernunft auf die Realität der Welt. Wer Mythen als solche entdeckt, will ja gerade Raum schaffen für die Erfahrung der unverstellten Wirklichkeit.

Der Begriff vom Mythos ist bei Barthes verbunden mit dem Begriff der Mystifizierung, der bewusst eingesetzten Positionierung ins Außergewöhnliche, man möchte fast sagen der Heiligsprechung.  Die Aufgabe heißt: Entschleierung, Aufklärung, Licht (lumière), umfassende Kritik.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Aktualisiert am 16. Dezember 2015 durch CM

Unbefangen Gott denken: Ein Hinweis auf ein neues Buch des niederländischen Theologen Johan Goud.

Unbefangen Gott denken. Ein Hinweis auf das neue Buch von Johan Goud.

Der remonstrantische Theologe Johan Goud ist Autor des Buches „Onbevangen. De wijsheid van de liefde“, „Unbefangen. Die Weisheit der Liebe“. Erschienen 2015 bei Meinema, Holland.

In einem Beitrag in der Zeitschrift ADREM (Mai 2015) erläutert Peter Korver das Buch: „Einerseits wird darin die solide theologische Kenntnis deutlich, andererseits wird nach einer Verbindung mit der modernen Kultur gesucht, besonders in der Kunst und der Literatur. Johan Goud beschreibt sich als jemand, der sein Leben lang versucht hat, tief das Wort Gott zu verstehen. Er sagt selbst: “Ich bin ziemlich sicher, dass das Rätselwort Gott von einer Wirklichkeit beantwortet wird, einer Wirklichkeit, die in letzter Hinsicht unbegreiflich ist, die aber in den Menschen wohnt und die es anstellt, dass die Menschen tun, was sie tun, zum Schlimmen, aber auch zum Guten. Das Wort Gott selbst brauchen Menschen dabei nicht einmal auszusprechen“.

Peter Korver fährt fort: Dabei ist der Titel des Buches „Unbefangen“ wichtig: Es geht um eine unbefangene Weise des theologischen Denkens, weg von Dogmen und Konventionen, das ist keine einfache Sache. In der Kunst, der Literatur und der Mystik gibt es Raum für diese Unbefangenheit. Gott ereignet sich in Gedichten oder in der Musik, aber auch zuweilen unerwartet in Reflexionen. Was wird dabei entdeckt? Das Überraschende und Ergreifende ist, dass nicht du am Suchen und am Finden von Antworten bist. Es ist eher umgekehrt. Du entdeckst, dass du gefunden wirst durch das, was du suchst und findest. Dieser Wechsel (Umschlag) ist wesentlich, er wird von Goud Liebe genannt.

Diese Denkhaltung ist etwas anderes, als wenn in Untersuchungen Gott als ein etwas objektiviert wird und beurteilt wird.

Der Untertitel des Buches verweist auf den Philosophen Emmanuel Lévinas, mit dessen Denken sich Goud schon sehr früh befasst hat.

Am Freitag, den 27. November 2015, um 19 Uhr, ist Prof. Johan Goud zu Gast im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Anmeldungen bitte an: christian.modehn@berlin.de

Übersetzung: Christian Modehn.

Buddhismus und säkulare Ethik. Ein Beitrag von Michael Peterssen

Buddhismus und säkulare Ethik. Ein Beitrag von Michael Peterssen Berlin

Es geht um die Frage: Was bedeutet für mich eine säkulare Ethik?

Säkulare Ethik ist eine Ethik, die erstens nicht begründet wird mit Rückgriff auf eine überweltliche Instanz wie Gott oder ein anderes religiös-philosophisches Prinzip, wie z.B. Karma und Wiedergeburt, sondern auf innerweltliche Instanzen, wie z.B. Natur, Vernunft, berechtigte Interessen, Glück, Tugend, Wohlleben, Zwecke usw.

Zweitens ist es eine Ethik, die sich in ihren konkreten moralischen Normen ganz auf den Menschen oder andere fühlende Wesen konzentriert und nicht auf einen (Schöpfer-)Gott, neben dem man keinen anderen Gott haben dürfe, dessen Namen man nicht missbrauchen soll, der erwartet, dass man den Sabbat heilig halte usw.

Eine säkulare buddhistisch inspirierte Ethik wäre meines Erachtens eine Ethik, die sich in ihrer Begründung nicht auf das Karma-Gesetz beruft, sondern auf die Goldene Regel: „Was du nicht willst das man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu“. Die goldene Regel ist in den traditionellen Schriften ebenfalls zu finden:

– die Grundprinzipien buddhistischer Ethik wie z.B. andere nicht töten oder ihnen sonst irgendwie schaden, nicht stehlen, nicht lügen, andere nicht sexuell missbrauchen usw., ebenso wie grundlegende Tugenden wie liebevolle Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind eigentlich nicht spezifisch buddhistisch und können daher auch Nicht-Buddhisten als Leitlinien im Leben dienen – was sie zum Teil ja auch tun.

Damit unsere Welt wahrhaft friedlicher werden kann, bedarf es

  • nicht nur der Veränderung der äußeren Verhältnisse
  • sondern auch einer tief greifenden Transformation des Individuums, denn der menschliche Geist ist mit Gier, Hass und Verblendung in allen Stärkegraden behaftet
  • nötig dazu ist eine umfassende Schulung; sie besteht aus einem dreifachen Weg:
  1. der Entwicklung von Weisheit
  2. ethischem Verhalten
  3. der Sammlung des Geistes.

 Die Entwicklung von Weisheit beinhaltet die Einsicht in grundlegende Merkmale unseres Lebens wie z.B. dass dieses Dasein letztlich unbefriedigend ist, dass wir alle miteinander verbunden sind, und darüber hinaus die Kultivierung einer friedfertigen inneren Haltung, was z.B. auch Bescheidenheit und Großzügigkeit mit einschließt.

Das ethische Verhalten betont neben den erwähnten moralischen Prinzipien besonders die Menschen verbindende Rede und einen Lebenserwerb, der so moralisch wie nur möglich ist.

Die Sammlung des Geistes umfasst die Schulung von Achtsamkeit und Konzentration sowie das Bemühen darum, den Geist möglichst immer in eine ethische Richtung zu lenken.

Besonders in diesem letzten Punkt kommt die Meditation als einer speziellen Methode der Geistesschulung ins Spiel.

Fazit:

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Meditation allein reicht aus buddhistischer Sicht nicht, um den Frieden zu fördern – genauso wenig wie gute Vorsätze sich ethisch zu verhalten.

Es braucht neben sozialen und politischen Maßnahmen nach buddhistischer Ansicht vor allem eines umfassenden spirituellen Trainings, das

  1. auf der Grundlage von wirklichkeitsgerechten Einsichten als Ergebnis gründlichen Nachdenkens,
  2. zu einem vertiefenden Verständnis durch Kontemplation und Meditation führt,
  3. und schließlich in die praktische Umsetzung ethischer Ideale in die Tat mündet,

Wenn wir die Arbeit am eigenen Geist in der Stille und aktives, mitfühlendes Engagement nicht mehr trennen. kann dies helfen, einen nachhaltigen Frieden in unserer so zerstrittenen Welt zu fördern.

Michael Peterssen ist Lehrer für Buddhismus und Mitarbeiter der Buddhistischen Akademie Berlin

Copyright: Michael Peterssen.

 

 

 

 

 

 

 

Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

Ein Hinweis auf drei Beiträge, die gerade im Umfeld des Reformationstages von Interesse sein könnten.

-Prof. Wilhelm Gräb in einem Interview über Reformation und die Flüchtlinge heute: Klicken Sie hier.

-Über einen Reformator, der wieder in Vergessenheit gerät, Thomas Müntzer, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn.

-Über die Aktualität und Gegenwart des Ablasses, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn

 

 

Aktualisiert am 2. August 2017 durch CM

Die Welt im Lot: Mondrian. Die Linie‘ – Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Ein Gastbeitrag von Christian Langner

Die Welt im Lot: ‚Mondrian. Die Linie‘ – eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

Ein Gastbeitrag von Christian Langner

Am 26. Oktober führte uns, eine Gruppe aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon und weitere Interessierte, Christian Langner durch die Ausstellung „Mondrian. Die Linie“ im Martin-Gropius-Bau. Für alle, die dabei waren oder die gerade nicht dabei sein konnten, überlässt uns Christian Langner seinen Text, er weckt Verständnis … und hoffentlich Lust, die Ausstellung noch zu besuchen. CM.

Im Martin-Gropius-Bau gibt es eine Buchhandlung, in der auch Designobjekte, früher nannte man das Kunstgewerbe, verkauft werden. Dort finden sich zur Zeit Tabletts, Trinkbecher und Servietten mit schwarzen Linienrastern, mit roten, gelben und blauen Farbflächen auf weißem Grund – und jeder weiß nun bereits, dass hier von Bildern Piet Mondrians die Rede sein wird. Was einmal als Ausdruck einer tiefernsten, religiösen Suche, einer Pilgerreise, ins Werk gesetzt wurde, ist in einer Gesellschaft, der nichts heilig ist und die alles zum Objekt ihrer dekadenten Konsumwünsche macht, zum Markenzeichen und zur banalen Dekoration verkommen. Wer die einmalige Gelegenheit nutzen will, sich in einen Dialog zu begeben mit den Bildern eines der ganz Großen der Klassischen Moderne, muss sich von dieser ‚Rezeptionsgeschichte‘ befreien und sollte sich vergegenwärtigen, dass eine andere Ikone der Moderne, die Neue Nationalgalerie, vor 50 Jahren mit einer großen Piet-Mondrian-Retrospektive eröffnet wurde. Sie wäre auch der angemessene Ort für diese Ausstellung. Eng ist die Verbindung der Ideen Mondrians zur Architektur, kongenial der Bau Mies van der Rohes, und dessen war man sich vor einem halben Jahrhundert auch noch sehr bewusst. Nahezu symbolisch muten daher die beiden Buchstaben an, die dort wie ein Menetekel Touristen und Berlinern entgegenhalten: ZU! Wegen Renovierung für Jahre geschlossen. So sind mehr denn je auch die Wege zu Mondrian verschlossen (s.o.) und es gilt, einen neuen Zugang zu finden, sie wieder zu erschließen, sich über unsere neo-biedermeierliche Nippes-Kultur hinweg zu setzen und ihnen ihren Sinn, ihre Bedeutung und ihre Würde zurück zu geben.

Dafür ist diese Ausstellung mit Werken aus dem Gemeentemuseum Den Haag auf ideale Weise geeignet. Bild für Bild macht sie nachvollziehbar, wie traditionell Mondrians Reise begann und in welche kosmischen Weiten ihn seine ‚Kompositionen‘ führten, der Entwicklung der Linie folgend, die seit alters her den Geist ins Bild setzt – in Verbindung oder im Gegensatz zur Fläche, zur Farbe, die den Körper repräsentiert. Wie man dem Meer jeden Quadratmeter Land mühsam abringen muss – wer wüsste das besser als Piet Mondrian, Holländer und Küstenbewohner, so erobert Mondrian konsequent neues Terrain auf dem Weg vom (naturalistischen) Abbild zum Bild(zeichen), das seinen Sinn einzig aus und in sich selbst hat ohne deshalb bedeutungslos zu sein. Das hat es bis vor hundert Jahren in der Malerei nicht gegeben und die in diesen Bildern zum Ausdruck gebrachte Sehnsucht nach universeller Harmonie war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Verheerungen des (1.)Weltkriegs in den Köpfen und Herzen der Menschen, denen jeglicher verlässliche Grund entzogen war, die ihr seelisches Gleichgewicht verloren hatten.

Mondrian geht von der Natur aus, die ihn umgibt und versucht, durch Reduktion und Konzentration seiner darstellerischen Mittel immer größere Klarheit und Aussagekraft zu entwickeln. Das Meer, die Weite des Horizonts und die Holzpfähle der Buhnen, die Bäume am Strand sind das ganz handgreifliche, sinnliche Ausgangsmaterial, um die dualistischen Lebensprinzipien, ‚weiblich und männlich‘, Frieden und Krieg, in einen horizontalen und vertikalen Rhythmus zu übersetzen, der hinter die Sichtbarkeit der Natur blickt, der durch sie hindurch sieht, denn „Inneres macht leben“, jenseits der oberflächlichen Genüsse; aber: „Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre“. Und so führt der Weg, die Metamorphose in die sichtbare Welt des Geistigen über die vergängliche Welt welkender Blumen (‚Sterbende Chrysantheme‘, 1908) in die Sphären reiner Formen und Farben – und gerader Linien im rechten Winkel, wo „die Welt (wieder) im Lot ist“ (Komposition in Oval mit Farbflächen 2, 1914). Das Oval gibt hier den idealen Rahmen, um darin das Unbegrenzte zu Erforschen. Die Lebensaufgabe: Das ‚Gleichgewicht aus Kontrasten‘ immer wieder neu herzustellen – Kreuzungspunkte, Knotenpunkte des Lebens in seiner permanenten Bewegung, dabei Proportionen ausmessend zwischen alles sprengender Lebenskraft und harmonischer Balance, zwischen Offenheit und Begrenzung – objektiv, nach Proporz und Portionen ermittelt, ebenso abstrakt (und damit gerecht) wie konkret (und damit menschlich) – nichts weniger als ein Gesellschaftsmodell, in dem die Einheit von Religion und Philosophie, von Wissenschaft und Kunst wieder hergestellt ist.

Wie alle Idealisten ist Mondrian ein Romantiker. Malen ist für ihn deshalb kein Abbilden, sondern ein Sich-vorstellen. Gerade seine logisch-abstrakte Bild-Grammatik ist das Forschungsergebnis intensiver Auseinandersetzung mit den mystisch-theosophischen Strömungen seiner Zeit, besonders wirksam auf dem Hintergrund des strengen niederländischen Calvinismus. Mit seinen Kreuzstrukturen im ovalen ‚Rahmen‘ macht sich Mondrian auf in eine asketische Welt gemalter Utopien, wo „die Kunst (als ‚Kunstgenuss‘) überflüssig wird“, weil ihre/seine Formeln für sittliches Verhalten in ihrer ethischen Wirkung verstanden, d.h. ‚gelebt‘ werden. ‚Kunst‘ ist bei Mondrian nicht mehr aber auch nicht weniger (!) als der Weg zum Ziel und er entfernt alles Subjektive, fragt bei jedem Bild neu ‚was ist notwendig, was ist entbehrlich, um das zu bedenken, was (noch) mehr als die Kunst sein könnte?‘ So bleibt auch die organische Urform der Natur, das Oval, schließlich zurück, und das (Bau-)gerüst des Lebens, die ‚Architektur der Natur‘, tritt immer radikaler in Erscheinung. Mondrian sucht danach „durch die Natur hindurch zu sehen“, in eine Tiefe, wo nicht die subjektive Wahrheit, sondern die Wahrheit hervortritt. Seine Bilder werden dabei zu ‚Gesetzestafen‘ (als solche 1925 vom Bauhaus anerkannt) und entfalten in der Architektur einen wegweisenden Lebensraum – eine Erfahrung, die beim Besuch der Meisterhäuser des Bauhauses in Dessau heute wieder nachvollzogen werden kann und damit die lebendige Verkörperung einer wohl geordneten Welt mit humanen, universell gültigen Regeln und Gesetzen. Auf der Suche nach einem harmonischen Ganzen hinter der Macht des Zufalls wird die Ästhetik zum ethischen Maßstab des 20. Jhdts.:“Die Ästhetik bringt uns der Vollendung oder Vollkommenheit so nahe wie wir können (als) die einzige qualitative Form der Erkenntnis.“ (M.Seuphor)

Für den Sitzungssaal des nach diesen Prinzipien der ‚reinen, neu gebildeten Schöpfung‘ (mit Neo-Plastizismus so ‚deutsch‘ wie missverständlich übersetzt) 1928-31 neu erbauten Rathauses von Hilversum wurde ein repräsentatives Gemälde gesucht. Mondrian bot ‚Im rechten Winkel‘ an, eine Komposition, die ausschließlich aus zwei sich kreuzenden schwarzen Linien in einem auf die Spitze gestellten Quadrat bestand. Die Ratsherren hatten eher an etwas im Stile Rembrandts gedacht und reagierten mit Entsetzen und Gelächter auf diesen ‚würdelosen Witz‘. Mondrian hatte ihnen ein ernstes Zeichen gegeben, einen Maßstab der Unveränderlichkeit und der verlässlichen Ruhe für verantwortliches Handeln unter den Bedingungen des politischen Tagesgeschäfts voller individueller Interessen und gefühlsgeleiteter Machtspiele. Der Appell an eine ‚rechtwinklige‘, rechtschaffene Lebensführung, dem Gemeinwohl verpflichtet in der Suche nach Interessenausgleich, demokratischen Gesellschaftsstrukturen und Lösungen für ein harmonisches Miteinander, war hingegen eine inakzeptable Zumutung. Mondrians Bilder sind eben keine Dekorationen sondern Provokationen.

Christen kennen die Wirkmächtigkeit und den Skandal solcher Zeichen im Symbol des Kreuzes. Und im Grunde wissen sie deshalb auch, dass gerade ‚abstrakte‘ Bilder ohne den ‚inneren Dialog‘ mit ihrem Betrachter – ohne das Gebet (die Meditation) – totes Holz bleiben. Man kann den Klang dieser Bilder hören, ihre Schwingungen spüren, wenn man bereit ist, an ihnen ‚weltfremd‘ zu werden. In ihrer schöpferischen Mehrdeutigkeit und bewusst gestalteten Offenheit sind sie – immer ‚im Rahmen des von ihnen vorgegebenen Möglichen‘ – Wegweiser und Wegbegleiter, ähnlich einem Mandala: „Denn ‚das Letzte‘ lässt sich nicht in Gestalten bannen“(heinrich Lützeler) – es lässt sich eben nicht abbilden, sondern bildet sich in uns, wenn wir es zulassen.

copyright: Christian Langner

Mondrian. Die Linie

Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau noch bis zum 6.12.2015

Mi-Mo (Di geschlossen) 10-19 Uhr

11 Euro / Gruppen ab 5 Personen 8 Euro (bis 16 Jahre Eintritt frei)

www.gropiusbau.de

 

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur

Zur Vernunft kommen. Unterwegs zu umfassender Menschlichkeit. Eine Ra­dio­sen­dung auf NDR Kultur von Christian Modehn

Am Sonntag, den 8. November 2015 um 8.40 Uhr auf NDR KULTUR

Wir sind nie vernünftig. Wir werden es, aber wir müssen uns zur Vernunft aufmachen, ihr entgegenstreben, dabei Kritik, vor allem Selbstkritik, wie einen Kompass gebrauchen. Dann werden Vernunft und Freiheit für alle als Einheit erkannt. Unterwegs treffen wir Irregeleitete, die glauben, die Vernunft gepachtet zu haben. Andere geben Willkür und Egoismus als Leitprinzipien aus. Woher kommt die Energie, sich trotz Elend und Not an der Vernunft zu orientieren? Sie ist für Philosophen auch mit „Licht“ identisch; einem Licht, das unzerstörbar ist, solange der Geist lebendig bleibt.