Rainer M. Woelki und der Theologe Karl Rahner

Rainer M. Woelki und die Theologie Karl Rahners

Siehe auch den Beitrag: Das theologische Profil Kardinal Woelkis LINK

Die Auseinandersetzung über die theologische Doktorarbeit von Rainer M. Woelki, (Erzbischof und Kardinal),  eingereicht an der Opus Dei Universität „Santa Croce“ in Rom (2000), hat sehr viele Leser dieser website interessiert; auch die Tatsache, dass der erste Betreuer der Arbeit (der Spanier Antonio Miralles vom Opus Dei) kein Deutsch spricht; auch der zweite Betreuer (Klaus Limburg,) ist Mitglied des Opus Dei. Nebenbei: Man muss nicht explizit Mitglied im Opus Dei sein, um wie das Opus zu denken und zu handeln. Woelki sagt, er sei nicht Mitglied dieses „Werkes Gottes“…

Nun haben sich einige unserer Leser in die Doktorarbeit vertieft, die ja äußerst schwer zu erreichen und einzusehen ist.

Vor allem die Rezeption des Denkens des weltweiten bekannten Konzilstheologen und Jesuiten Karl Rahner hat einige unserer Leser zu tieferen Nachforschungen ermuntert. Es fällt auf, dass die wirklich wichtigen Arbeiten Karl Rahners zum Promotionsthema „Die Pfarrei“ von Woelki nicht beachtet wurden. Gerade diese Arbeiten aber sind das, was man Ausdruck einer modernen Theologie nennt, in denen Zukunft eröffnet wird. Diese Arbeiten, noch einmal, wurden von Woelki nicht herangezogen. Es geht ja hier gar nicht um Rahner im engeren Sinne, sondern darum, wie man im Jahr 2000 eine theologische Doktorarbeit in dieser Begrenztheit schreiben kann. In den systematischen Überlegungen der Doktorarbeit überwiegen Zitate aus Konzilsdokumenten und Zitate von päpstlichen Erklärungen. Das zeugt von absoluter Treue zum Lehramt. Katholische Theologie wird so offenbar als fleißige Repetition offizieller Texte von Offiziellen und Herrschenden verstanden. Über diesen Begriff von Theologie ließe sich eigens diskutieren.

Es ist bezeichnend, dass in der Doktorarbeit Woelkis über „Die Pfarrei“ (nicht der theologisch naheliegende und treffendere Begriff „Gemeinde“ steht im Mittelpunkt, sondern sozusagen die amtliche Institution „Pfarrei“) etwas ausführlichere Diskussionen über bedeutendere (deutschsprachige) Theologen ausdrücklich auf „die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts“ begrenzt sind. Erwähnt werden dabei Franz X. Arnold, Pius Parsch oder ein gewisser Constantin Noppel, und eben Karl Rahner, den Woelki bei dieser zeitlichen Begrenzung seines Themas dann eben auch nicht weiter beachten muss. Man könnte also denken, die Arbeit Woelkis wäre eine historische Arbeit über die katholische Pfarrei vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Tatsächlich aber will der Text als systematische Arbeit auf die Gegenwart bezogen sein. Von daher ist das Ausblenden und Verdrängen der wirklich neuen, wegweisenden Arbeiten Karl Rahners SJ zum Thema Pfarrei bzw. Gemeinde  eigentlich ein Skandal.. Hätte man diese Arbeit in der  benachbarten staatlichen Fakultät in Bonn (wo Woelki damals in unmittelbarer Nachbarschaft lebte) oder in Münster an der dortigen staatlichen theologischen Fakultät angenommen? Das müssen Fachtheologen  aus dem Bereich systematische und praktische Theologie beantworten, falls Sie sich die Mühe machen, diesen eigentlich unerreichbaren Text Woelkis zu finden. Der Text wird offenbar sehr gern „unzugänglich“ gehalten und wurde nicht in einem Verlag publiziert. Vielleicht kommt es nur auf den Dr. Theol. Titel an, ein solcher Titel macht sich besser für einen Kleriker mit Karrieremöglichkeiten. Interessanterweise wagt sich kein hochbezahlter Theologieprofessor an einer staatlichen Universität, also existentiell/finanziell relativ geschützt, an das Thema: Welche theologischen Doktorarbeiten werden an päpstlichen Universitäten in Rom geschrieben, und vor allem: Warum werden sie geschrieben? Wer wählt warum diese Themen aus?

Ein aktueller Hinweis: Interessant ist, dass Woelki, sozusagen nun Experte für die Notwendigkeit von „Pfarreien“ für das katholische Leben,  Ende 2012 im Erzbistum Berlin deklarierte: Von den bestehenden 105 Pfarreien im Erzbistum werden bis 2020, also in 5 Jahren, nur noch 30 (in Worten dreißig) übrigbleiben. Großpfarreien also müssen entstehen, weil der Klerus fehlt. Kirchliches Leben hat sich bitte schön einzig nach dem Klerus zu richten, das ist die klerikale Botschaft der Herren der Kirche. Bei dem zunehmenden Priestermangel wird es – bei diesem Denken – dann im Jahr 2040 vielleicht nur noch drei oder vier Pfarreien in Berlin geben…Die Gläubigen haben dann längst die spirituelle Weite gesucht; und die Bischöfe werden wieder klagen, wie böse und atheistisch doch die Welt geworden ist.

Zurück zur Reduzierung der Pfarreien im Erzbistum Berlin, das die Hauptstadt und das Land Brandenburg sowie Vorpommern umfasst. Der Grund für die Entscheidung Woelkis, der ja Pfarrei – Spezialist ist: Vor allem: Der Priestermangel. Denn in dem Opus Dei gemäßen Denken Woelkis kann es nur „Pfarreien“ geben, wenn zölibatäre Kleriker diesen Pfarreien vorstehen. In seiner Doktorarbeit aus der Santa Croce Universität heißt denn auch das entscheidende Kapitel: „Das Amt als Repräsentation Christi“ bzw als Unterkapitel „Die sakramentale Vergegenwärtigung Christi durch den Kleriker„. Weil im zölibatären Kleriker also Christus  sakramental (zeichenhaft) gegenwärtig wird, kann nur dieser  Christus darstellende  Priester Pfarreien leiten. Der Kleriker, also der zölibatäre Priester, ist für christliche Gemeinden absolut unersetzlich in dieser Sicht; so will es Gott selbst, könnte man sagen. Wohin diese Theologie genannte tatsächliche Ideologie führt, sieht man etwa in Lateinamerika, wo Katholiken mangels Priestern zu Tausenden zu anderen Konfessionen abwandern oder eben sich selbst ihre eigene private Spiritualität entwickeln. Papst Franziskus spricht oft davon. Bischof Erwin Kräutler, Xingu, Brasilien, fordert jetzt, dass endlich aus den brasilianischen Basis Gemeinden selbst Laien als priesterliche Leiter der Eucharistie zugelassen werden. In Rom wird man über ihn schmunzeln, Kräutler wird sicher mit 75 Jahren sicher sofort pensioniert und das alte Denken herrscht danach auch am Xingu weiter. Bischof Helder Camara forderte ähnliches, Kardinal Arns auch, alle wurden ausgelacht und ausgegrenzt und bestraft. Ähnliche Vorschläge der niederländischen Dominikaner wurden selbstverständlich von den Herren der Kirche sofort verboten (2005).

Viele Leserinnen dieser Berichte hier bitten dringend um Erklärungen dieser hochkomplexen Kleriker – Ideologie, die die Doktorarbeit ausdrückt. Sie fragen: Stammen diese Texte aus dem 16. Jahrhundert? Wir empfehlen in solchen Fragen eher Karl Rahner SJ zu lesen, etwa das Kapitel „Eine entklerikalisierte Kirche“ in seinem Buch „Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance“ (Freiburg 1972), Seite 61 ff.

Deutlich wird jedenfalls: Diese Doktorarbeit der Santa Croce Universität ist Ausdruck eines explizit klerikalen Denkens. Wer vor 15 Jahren solches klerikal Denken als das seinige offenbarte, solllte sich zumindest jetzt öffentlich davon distanzieren und sagen, was er wirklich unter einer Gemeinde versteht, die dem Evangelium des armen Jesus von Nazareth folgen will, der ja bekanntlich keine Kirche gründete und gründen wollte.

Für weitere Hinweise zu Rainer M. Woelki, aus aktuellem Anlaß und aus religionsphilosophischem bzw. religionskritische Denken publiziert, klicken Sie bitte hier.

Nun hat der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige sehr behutsam den Mut gefunden, sanft Kardinal Woelki zu kritisieren. Dieses Ereignis eines bescheidenden Mutes unter Bischofskollegen verdient sicher Aufmerksamkeit, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.  Gelesen am 13. 7. 2014 sogar in dem ultrakonservativen kath.net

Die Wochenzeitung „Christ und Welt“ berichtet in der Ausgabe 30/2014 auf Seite 3 von der Pressekonferenz des neu ernannten Erzbischofs von Köln am Samstag 19.Juli 2014. Da fragt, so wird berichtet, ein Journalist nach dem Opus Dei. Christ und Welt schreibt: „Beim Opus Dei wird er (Woelki) unwirsch. Dazu habe er schon so viel gesagt (so viel??, wo? CM), die Frage nach dem Opus Dei (gemeint sind die Sympathien Woelkis für diese Geheimorganisation CM) könne man streichen. Es stimmt, Woelki hat seine Mitgliedschaft ausdauernd bestritten….aber das gilt für viele Themen, die an diesem Morgen zu Sprache kommen. Im Raum sitzen einige Opus-Dei-Leute, das mag die Antwortfreude mindern“, so Christ und Welt.  Und unsere Freude wird gemindert: Wenn die Redakteure schon Opus Dei Leute im Saal als solche erkennen, warum werden sie nicht namentlich genannt? Wieder einmal beherrscht die Angst einen Journalismus, der sich christlich nennt. Immerhin heißt es auf der selben Seite in Christ und Welt über die Opus Dei Uni Santa Croce in Rom, wo Woelki sein Doktorarbeit einreichte: „Unter Theologen an staatlichen Universitäten gilt sie als päpstliche Schmalspurhochschule“. Und weiter fast wörtlich das, was wir seit Jahren schreiben:“Dissertation werden (dort) so sparsam veröffentlicht, als müßte man sie verstecken“.

Für den religionsphilosophischen Salon: Christian Modehn.

Ich habe Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahre mit Karl Rahner in München zusammengearbeitet und mit ihm die Bücher „Theologie der Befreiung“ und „Volksreligion“, beide bei Kohlhammer, herausgegeben. Außerdem ist in der Gesamtausgabe der Werke Rahners in Band 31, Seite 194 – 200, ein Interview von mir mit Rahner abgedruckt. Der Titel, an dem uns beiden lag: „Zu einer offenen Kirche“.

Wir bieten im folgenden einige Zitate von Lesern der Website zur mangehalften Rahner Rezeption durch Rainer M. Woelki, mitgeteilt Ende 2011:

„Rainer M. Woelki ist nicht entfernt imstande, das komplexe Denken Karl Rahners auch nur darzustellen. Er hätte sicher die zwei Aufsätze „Friedliche Erwägungen…“ und „Zur Theologie der Pfarrei“, die er ja beide zitiert,  genauer vergleichen müssen, dann hätte er es vermieden, eine so theologisch äußerst schlichte und exklusive Festlegung auf das „Ortsprinzip“ der Pfarrei zu betreiben. Karl Rahner hat sich ja bekanntlich auch nach 1966 sehr viel zum Thema Pfarrei und Gemeinde geäußert und auch publiziert…“

„Offensichtlich benutzt Rainer M. Woelki in seiner Darstellung nicht die wichtigen Texte Karl Rahner insgesamt. Schließlich fehlen völlig die späteren wichtigen Texte Rahners zu den Basisgemeinden, zum „Strukturwandel der Kirche“ usw. Woelki schließt seine Auseinandersetzung mit den Rahner-Texten Mitte der sechziger Jahre ab. Autoren, wie Joseph Ratzinger, zitiert er hingegen bis zum Jahr 2000, also dem Jahr seiner Promotion. Ist das bezeichnend?  All die wichtigen späten Texte Rahners zur Gemeinde und Basisgemeinde hätte der Doktorand Woelki leicht finden können, aber offenbar interessierten ihn die Texte über den „Strukturwandel der Kirche“ nicht. Dabei wären gerade diese Vorschläge Rahners angesichts der tiefen Krise der römischen Kirchen (Priestermangel, Zusammenlegung von Pfarrgemeinden, einfach deswegen, weil es so wenige zölibatäre Priester gibt usw.) sehr inspirierend. Aber eine Opus Dei Universität (und ein dort offenbar freiwillig promovierender Theologe)  können es sich vielleicht nicht leisten, den von Rahner und anderen vernünftigen Theologen vorgeschlagenen Strukturwandel der Kirche (Überwindung der Zölibatsverpflichtung, Basisgemeinden, die von qualifitierten Laien geleitet werden usw). auch nur leise zu denken“. Ein Leser schreibt: „Diese Arbeit Woelkis ist völlig überflüssig, sie ist veraltet, und wurde wohl nur geschrieben, um einen Doktortitel zu erhalten.“

copyright: religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

Aktualisiert am 31. Juli 2023 durch CM

Philosophie lebt in Frankreich heute – Wandlungen und Neubeginn

Philosophie in Frankreich heute: Wandlungen und Neubeginn

Von Christian Modehn

Die Erinnerung an Jean – Jacques Rousseaus 300. Geburtstag führt weiter zu der Frage: Wie geht es „der“ Philosophie in Frankreich heute? Die Tageszeitung Le Monde (Paris) hat in ihrer Ausgabe vom 23. Juni ein recht umfangreiches Dossier zu dem Thema publiziert unter dem Titel: „Le nouveaux clients de la philo“ (Die neuen Kunden der Philosophie). In dem Beitrag von Nathalie Brafman und Nicolas Weill werden interessante Perspektiven mitgeteilt, wir wollen nur einige hervorheben. Sie zeigen, dass in Frankreich, einmalig in Europa, die Philosophie immer noch eine große öffentliche Bedeutung hat, also alles andere ist als eine marginale Disziplin an den Universitäten.

1.

„Seit etwa 40 Jahren werden Debatten mit Philosophen sehr gut besucht, das Publikum wünscht Gespräche mit Philosophen, deren Bücher so gut verkauft werden, dass  Romanautoren darüber vor Neid erbleichen“, so die Autoren.

2.

Dieser ersten globalen Einschätzung in Le Monde steht die Tatsache gegenüber, dass in den Schulen Philosophie Pflichtfach ist. 500.000 Abiturienten haben in diesem Jahr eine Abschlussprüfung in Philosophie gemacht. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist das so, dahinter stand die Idee, auf diese Weise gute Bürger heranzubilden. Bis heute werden die Themen und Fragen zur Abschlussprüfung in Philosophie auch in Büchern publiziert.

3.

Der Philosophieunterricht in den Schulen ist hingegen weithin bei den Schülern unbeliebt. „Er ist zu weit entfernt vom Alltag“, heißt es.  „Die Schüler nehmen Philosophie als ein sehr schwieriges Thema wahr, sie finden dort kein Mittel, wirklich voran zu kommen“, so wird Cécile Victorri zitiert, Philosophie  – Lehrerin in Sarcelles. Es gibt zwar eine nationale Forschungsgruppe zum Philosophieunterricht (Greph), aber die hat bisher keine tief greifenden Reformen im Unterricht durchsetzen können.

4.

In den Universitäten, so Le Monde, hat Philosophie jetzt einen schweren Stand. Selbst in der berühmten Universität Nanterre („Mai 68“) wurde die Philosophie reduziert und mit anderen Wissenschaften verschmolzen zu „Humanités“, also Humanwissenschaften. Die Strategie, die bisher eigenständige Philosophie mit anderen Wissenschaften zu verschmelzen, setze sich immer mehr durch, heißt es. „Wenn Philosophie nur noch Medizinern angeboten wird, die eine bestimmte Ethik suchen, dann ist das nicht eigentlich mehr philosophische Arbeit“, so Anne Fraisse, Präsidentin der Universität Montpellier III.

5.

Außerhalb der Universitäten geht es der Philosophie hingegen sehr gut, so wird ausdrücklich betont. Le Monde erwähnt auch das wunderbare Kulturradio „France culture“, wo die philosophischen Sendungen eine sehr große Beachtung finden, besonders die Sendung „Les nouveaux chemins de la connaissance“ (Die neuen Wege der Kenntnis). 430.000 Personen laden sich zum Beispiel die Manuskripte dieser Sendung pro Monat herunter.

6.

Von einzelnen Philosophen werden Bücher in sehr hohen Auflagen verkauft: Besonders die Werke des populären, eher materialistisch – hedonistisch – atheistisch orientierten Philosophen Michel Onfray, er hat seine eigene Volksuniversität in Caen, Normandie. Viel verkauft werden auch die Bücher von Luc  Ferry und  -das freut uns besonders! – die Arbeiten von André Comte – Sponville. Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wurde schon vor einigen Jahren auf die ausgezeichneten, aber leicht zugänglichen Arbeiten des in Paris lebenden freien Philosophen verwiesen.

7.

In Paris wurden Mitte der 1990 Jahre die „philosophischen Cafés erfunden, die Verdienste der Gründung kommen dem unvergessenen Marc Sautet (1947 – 1998) zu, das von ihm begründete Café philo im Cafe Phare an der Place de la Bastille setzt seine Arbeit unermüdlich weiter, auch wenn Le Monde im allgemeinen ein nachlassendes Interesse an diesen populären Debatten feststellt.

8.

Im Jahr 2008 wurde die „Université conventionelle“ in Paris gegründet, eine Initiative, an verschiedenen Orten in der Hauptstadt Philosophie auf hohem Niveau zu lehren, gratis und meist am Abend, damit Menschen aus allen Berufen an den Kursen teilnehmen können. Uns freut, dass diese Initiative auch eigene Angebote hat  zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, im Augenblick zur Apokalypse. Dieser Initiative wird eine große Bedeutung zugeschrieben.

9.

Heute, so berichtet Le Monde, wird Philosophie vor allem durch das Internet verbreitet. Auch die altehrwürdige „Société de philosophie“, gegründet 1901, hat viel besuchte Internet – Auftritte. Die Université conventionelle  hat 300 Besucher pro Tag auf ihrer website.

10.

Wichtig bleiben trotzdem die philosophischen Zeitschriften. Auch da ist Frankreich führend, etwa mit dem „Magazine philosophie“, das monatlich (Verbreitung ca. 46.000 Exemplare, am Kiosk zu haben) erscheint, inzwischen wird es in etwas knapperer Form auch in Deutschland publiziert. Auch andere Monatszeitschriften, wie Esprit oder Etudes oder Débat bringen regelmäßig viele philosophische Beiträge.

11.

Es gibt zahlreiche bedeutende Philosophie Festivals, etwa im schönen St. Emilion (verbunden mit Wein – Proben) oder in Lille, wo das Festival „Citéphilo“ einen sehr guten Ruf hat. „Aber wir haben niemals nachgegeben, die Philosophie leicht zu machen“, betonen die Verantwortlichen, Gilbert Glasman und Leon Wisnia.

12.

Schade ist, dass Le Monde in dem Beitrag nicht ausführlich von dem bekannten und seit Jahren bewährten „Collège International de Philosophie“ in Paris 5 spricht. Wir werden darauf zurückkommen.

Im ganzen haben wir den Eindruck, dass die Wege des kritischen philosophischen Nachdenkens in Frankreich sehr vielfältig und lebendig sind. Das Interesse an Philosophie ist wohl ein Beweis dafür, dass die kritische Demokratie als Projekt weiter besteht. Darüber hinaus wird Philosophie als Lebensorientierung geschätzt, in Zeiten abnehmender Konfessionsbindungen auch dies ein interessanter Hinweis auf den religiösen „Umbruch“.

Aktualisiert am 22. Mai 2013 durch

Beschneidung – Eine kritische Frage

Beschneidung – Eine kritische Frage

Von Christian Modehn

Ein Hinweis vorweg, veröffentlicht am 5. Jui 2012:

Uns freut es, dass im Tagesspiegel vom 5. Juli 2012 auf Seite 8 ein vernünftiger und sehr lesenswerter Beitag von Georg Ehrmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, publiziert wurde. Der Beitrag zeigt, dass der Religionsphilosophische Salon mit seinem Kommentar (vom 28.6.) in der Frage nicht allein steht. „Eine schmerzhafte und belastende Operation“ ist der Titel des Kommentars, dem wir auch weite Verbreitung in religiösen Kreisen wünschen, die uralte Traditionen unbedingt für etwas Göttliches halten und höher einschätzen als Menschenrechte.

Am 12. Juli 2012 weisen wir darauf hin, dass in „DIE ZEIT“ an diesem Tag auf Seite 54 ein sehr lesenswerter Beitrag  des Strafrechtlers Prof. em. Rolf Dietrich Herzberg gedruckt ist, als Antwort auf die polemischen Ausführungen des Philosophen Robert Spaemann eine Woche zuvor. Herzberg schreibt u.a.: „Was die Kölner Richter verurteilen, ist allein die empathielose Bagatellisierung dessen, was man wehrlosen Kindern antut, und die darin liegende Mißachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrheit“. Herzberg zitiert außerdem den integrationspolitischen Sprecher der Grünen, Memet Kilic, der u.a. auf den Tatbestand einer merkwürdigen „multireligiösen Ökumene“ in diesem Fall hinweist:“ …bei mir kommt der Verdacht auf, sie (= die Vertreter von Judentum, Kirchen und Islam) verteidigten ihren eigenen Machtbereich. Die Glaubensgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen, fordern zum Gebrauch der Vernunft auf. Das heißt: Neue Einsichten erlauben es, alte Praktiken zu ändern“. Genau dies ist die begründete Meinung des religionsphilosophischen Salons. PS.: Leider ist der wichtige Beitrag von Rolf Dieitrich Herzberg nicht im Internet (bis jetzt) lesbar…

Am 14. 7. weisen wir hin auf einen neuen Link, eine weitere Marginalie,  zum Thema Beschneidung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Dann verweisen wir auf ein Interview (20.7.2012) mit dem  protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin.

Am 28. Juni haben wir einen Kommentar publiziert, nach einigen Diskussionen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon, der sich auf das sogen. „Kölner Beschneidungsurteil“ bezieht. Aufgrund einiger Anfragen wollen wir noch einmal betonen, dass unser Kommentar lediglich anregen will, über den Zusammenhang von religiösen Traditionen und dem, was aufgeklärte Vernunft meint, nachzudenken. Selbst wenn man heute von einer Pluralität von „Vernunft“ ausgeht, bleibt doch die Frage, wie bestimmte Traditionen zur Vernunft in Beziehung gesetzt werden können. Das gilt nicht nur für die Beschneidungsproblematik. Die Frage, in welcher Weise sich religiöse Traditionen heute vernünftig ins Gespräch bringen lassen und wie diese Traditionen heute noch ohne weiteres gelten können, ist nach wie vor der Diskussion wert, gerade wenn diese religiösen Traditionen, mit Verweisen auf Heilige Schriften, als Rechtfertigung von Macht und Verfügung über andere Menschen verwendet werden.

Der Religionsphilosophische Salon kann die plötzlich aufgetretene Debatte über die religiös motivierte Beschneidung nicht ignorieren. Denn dabei handelt es um einen Konflikt zwischen religiösen Traditionen und Ansprüchen der Menschenrechte, also der allen zugänglichen und immer wieder neu zu debattierenden Vernunft.

Selbstverständlich muss eine Demokratie religiöse Traditionen respektieren und zulassen, dass diese sich auch rituell Ausdruck verschaffen in religiösen Räumen.

Es muss aber in einer Demokratie immer gefragt werden: Sind bestimmte religiöse Traditionen und Überzeugungen möglicherweise auch Ausdruck einer fundamentalistischen Haltung: Ist die Beschneidung von Knaben – so alt und vielleicht auch ehrwürdig diese Tradition auch sein mag – tatsächlich in Religionen noch vertretbar, die wirklich im Heute leben wollen, also durchaus argumentativ religiöse Bräuche verdeutlichen wollen? Oder will man gar nicht im Heute leben und lieber argumentationsfern einfach alte Bräuche fortsetzen, weil man glaubt, sie stifteten Identität? Kann Religion – im allgemeinen gesagt – bestehen, die argumentationsfern Bräuche heilig findet, bloß weil sie uralt sind? Also: Welche vernünftigen, allen zugänglich zu machenden Argumente sprechen für die Beschneidung der Babies und Jungen?  Wir sehen kein Argument. Es ist, wie so oft im religiösen Feld, immer nur dieselbe Antwort: Es ist halt lange, lange … Tradition.

Das wäre ohne weiteres zu respektieren, wenn mit dieser langen  Tradition nicht über andere Menschen verfügt würde: Über Kinder wird bestimmt, sie können die Entscheidung ihrer Eltern nicht mehr rückgängig machen, Beschneidung bleibt auf ewig Beschneidung.

Da stoßen sich tatsächlich Vorstellungen von der unantastbaren Würde des Menschen, also Menschenrechte, mit der langen religiösen Tradition. Gegen die doch bisher kaum ein Beschnittener aufbegehrt hat, wie zu hören ist. Also sind alle Beschnittenen als Beschnitte rundum glücklich? Wer will das wissen?  Wurde jemals danach gefragt? Wurde jemals dokumentiert, wie viele alte Männer mit ihrem Messer auf den Dörfern die Kinder und Jungs verletzten? Wer hat das alles dokumentiert an Grausamkeit?

Die Debatte darüber jetzt ist also durchaus sinnvoll, weil sie nach der Vernunft religiöser Traditionen fragt. Und da werden weitere Fragen berührt: Etwa im Katholizismus: Dort beruft sich das Papsttum gern  zur Rechtfertigung der eigenen Macht auf das Wort, das im Neuen Testament Jesus zugeschrieben wird: „Du bist Petrus der Fels“, soll Jesus gesagt haben, offenbar den künftigen Vatikan vor Augen, „und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“.  Erstens wollte und konnte Jesus von Nazareth – vom ganz nahen Kommen des Gottesreiches überzeugt – keine Kirche bauen. Und außerdem: Er sagte – wenn überhaupt – dieses Wort zum Fischer Petrus. Aber benutzt wird dieses Wort bis heute, um das Papsttum und den Vatikan zu rechtfertigen. Darf man das Ideologie statt Theologie nennen?

Was hat das mit der Beschneidung zu tun? Sehr viel: In beiden Fällen handelt es sich um das Festhalten an sehr alten religiösen Traditionen und Überlieferungen. Um Ideologien. Die aber – so scheint uns – vor der kritischen Vernunft kein Bestand mehr haben.  Vor wem oder was sollten denn auch religiöse Traditionen Bestand haben, wenn nicht vor der Vernunft?  Oder will man prinzipiell Religion als unvernünftig etablieren? Wer das tut, und das tun heute viele, wird zum Totengräber des Religiösen, weil sich das Religiöse jeglicher Argumentation entzieht..

Wobei es im Falle des Streites um die Beschneidung so enden wird: Eine Einschränkung oder gar ein Verbot der Beschneidung sei politisch und praktisch nicht durchsetzbar. Also: Ende der Debatte um des so genannten lieben Friedens willens… Schließlich haben sich die Leiter und Führer der Juden, Muslime und Katholiken zusammengeschlossen: Sie verteidigen gemeinsam die langen, langen Traditionen. Wenn eine Tradition fällt, fallen auch andere. Deswegen ist interreligiöse Einheit angesagt.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 

 

 

Aktualisiert am 4. Juni 2013 durch

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

300 Jahre Jean – Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Zum 300. Geburtstag des vielseitigen Philosophen am 28. 6. möchten wir noch einmal kurz auf die Aktualität seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie hinweisen. Dabei ist entscheidend:

Rousseau nimmt teil am Kampf der Aufklärung gegen die „betrügerischen Priester“  und den Aberglauben (in) der Kirche.  Die Gestalt Jesu sieht er als Vorbild eines Erziehers der Menschlichkeit, seine Worte erreichen direkt das Herz des Menschen. Jesu brutaler Tod am Kreuz ist der Tod eines Einzelgängers, von allen Seiten verleumdet. Irgendwie „erlösend“, sozusagen automatisch für alle Menschen aller Zeiten, ist dieser Tod aber nicht. Wer Jesus nachfolgen will, muss einzig auf die Stimme seines Gewissens hören. Das Gewissen ist die Quelle der Wahrheit. „Darin zeigt sich die göttliche Dimension, die unsterbliche und himmlische Stimme“, so Rousseau im „Emile“. Für Rousseau haben die christlichen Kirchen den wahren Geist des Christentums verloren. „Die Herrschaft, die die Theologen ausüben, geschieht über einen priesterlichen Despotismus in der Auslegung der Heiligen Schrift. Dabei wird das Wesentliche vergessen, das Hören auf das Wort Gottes und die die Praxis seiner Gebote“, schreibt Dominique Julia in dem Buch „Histoire de la France religieuse“, Band 3, Seite 153. Für Rousseau ist die bestehende Kirche nicht in der Lage, humanistische Ethik in der Welt zu verbreiten und zu fördern, weil ihre Prinzipien auf Willkür und Macht beruhen. „Die Kirche und ihre Lehre dient nur dazu, unter den Menschen Spannungen zu erzeugen, Kriege aller Art“, so Rousseau in einem Brief an Christophe de Beaumont, Erzbischof von Paris. Von daher wird der Wunsch Rousseaus immer stärker, das „Glaubensbekenntnis des Vikars aus Savoyen“ zu fördern, für den sich Gott in der Vernunft zeigt und im Gewissen. „Und wenn Gott sich für Rousseau zeigt, dann nicht über kirchliche Vermittler. =Jean Jacques=, wie er von sich selbst schreibt, versteht sich so nicht als Schüler der Priester, sondern als Schüler Jesu Christi“.  (ebd. S. 154.) In der Kritik der bestehenden Religion in Frankreich damals stimmt Rousseau weithin mit – seinem Gegner –  Voltaire überein. Diese Philosophen waren die ersten, die für die Freiheit und Selbständigkeit der Glaubenden gegenüber den – als willkürllich – autoritär erscheinenden – kirchlichen Institutionen eintraten; deren Überzeugung, so bestätigen Religionssoziologen heute aus Umfragen, setzt sich jetzt immer mehr durch. Wir leben also in einer Gesellschaft, in der die Menschen mit ihrer Vernunft und ihrem Gewissen entscheiden, was sie selbst religiös für wirklich entscheidend halten. Ist das Ende der Institutionen also absehbar, selbst wenn sie faktisch und äußerlich noch bestehen, fragt Rousseau. In jedem Fall: Rousseau lebt, auch sein Denken über Religionen… und lädt ein zum Disput.

Aktualisiert am 11. Februar 2016 durch

Rousseau zum 300. Geburtstag: Wo sind die wahren Menschen?

Jean Jacques Rousseau, Gemälde von Allan Ramsay

Wo sind die wahren Menschen?

Erinnerung an den Philosophen Jean Jacques Rousseau

Von Christian Modehn

Wie lebt ein Mensch, der die Üblichkeiten und Moden seiner Zeit zurückweist und die „angesagten“ Meister – Denker ablehnt? Jean Jacques Rousseau, Dichter, Komponist, Philosoph, hat sich im 18. Jahrhundert, in Zeiten politischer Rechtlosigkeit, für diesen Weg individueller Freiheit entschieden. Kein Wunder, dass er sich auch anders kleidet, auf die üblichen Kniestrümpfe und Perücken verzichtet; erst recht auf die zur Schau gestellten Accessoires, etwa den Degen. Er will nur eins: Authentisch leben und niemandem untertan sein. Dabei entdeckt er, dass er gerade in der alternativen Lebensform zum kreativen Denken findet. Die feinen Salons der Pariser Philosophen lernt er zwar kennen, die Aufklärer, Holbach, Diderot, Voltaire. Aber er zieht es vor, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Selbstbewusst lehnt Rousseau sogar eine großzügige Rente des Königs ab. Er will lieber arm als abhängig leben. Einen freien Geist finden die Despoten unerträglich: Sie zensieren seine Bücher, lassen sie verbrennen, verfolgen den Autor.

Vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712 in Genf geboren, wird er von seinem Vater, einem Uhrmacher, privat unterrichtet. Eine Schule besucht er nicht. Alle erreichbaren Bücher studiert er leidenschaftlich, etwa den antiken Schriftsteller Plutarch oder die gängigen philosophischen und theologischen Autoren, wie Bayle oder Fénélon. In lebt in der Gewissheit: Den Menschen zeichnet die „Sprache des Herzens“ mehr aus als der rechnende Verstand. Mit 16 Jahren verlässt er seine Heimatstadt. Sein unstetes Leben beginnt, das Wandern zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz. Selbst nach England verschlägt es ihn. Es ist die Suche nach einer dauerhaften Bleibe. Nie wird er sie finden. 1778 stirbt er in Ermenonville (bei Paris). Calvinistisch getauft, konvertiert er im Alter von 16 Jahren zum Katholizismus, später (1754) wendet er sich wieder dem  Protestantismus zu. Vielseitig begabt, verdient er zuerst sein Geld als Hauslehrer, Notenkopist, Sekretär. „Autodidakt“ ist für ihn kein Schimpfwort.

Ungewöhnlich und vielschichtig sind die Anregungen seiner Bücher  bis heute. Etwa die Frage: Wie kann ich meine Privatsphäre schützen, meine Eigenheit als Individuum entwickeln und bewahren? Angesichts allgegenwärtiger öffentlicher Video – Kontrollen oder der Selbstpreisgabe vieler Menschen im Facebook ist die Antwort Rousseaus radikal: Nur in dauernder Distanz zur Gesellschaft ist authentisches Leben möglich. „Es wäre aber zu einfach, die hochmütige Einsamkeit Rousseaus als Beweis für eine Neurose zu deuten. Man muss in ihr die Glorifizierung des Privaten als Grundlage der philosophischen Wahrheitsfindung sehen“, schreibt der Historiker Jean Marie Goulemot. Rousseau hat den Anspruch, alle Erkenntnisse mit dem eigenen Gewissen zu konfrontieren. Nur in der engen Verbundenheit mit dem echten Gefühl des eigenen Herzens entsteht die eigene, unvertretbare Identität. Sein „eigenes“ Leben offenbart er in Briefen und Bekenntnissen, in Gesprächen und den „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“. „Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit zeigen“, schreibt er in seinen „Bekenntnissen“, „und dieser Mensch werde ich sein“. Nicht mehr Gott ist der Adressat der „Confessiones“, der Bekenntnisse, wie im gleichnamigen Buch des Heiligen Augustinus (5.Jahrhundert). Rousseau „beichtet“ sozusagen bei seinem besseren Ich … und den anderen.  Der Philosoph Jürgen Habermas hat darauf hingewiesen, dass sich „Rousseaus Bekenntnisse nicht an der Wahrheit historischer Aussagen bemessen, sondern an der Authentizität der Selbstdarstellung. Sie setzen sich, was Rousseau weiß, dem Vorwurf der Doppelzüngigkeit und der Selbsttäuschung aus, nicht aber dem Vorwurf der Unwahrheit“.

Diese ungewöhnliche „Selbstdarstellung“ ist ein Wagnis, aber sie wird Schule machen: „Rousseau will die Transparenz der Herzen fördern, die das Merkmal nicht – korrumpierter Gesellschaften ist“, so der Historiker Jean Marie Goulemot. „Darum gesteht er öffentlich seine masochistische Lust an Züchtigungen in der Jugend, seine Liebesaffären, seine vielfältigen Versuchungen. Er will den tiefsten Grund seines Ichs verstehen, er begibt sich auf die Suche nach Schlüsselerlebnissen, die seine Persönlichkeit erklären“. Dazu gehört auch das Eingeständnis von Schuld: Seine Kinder, fünf insgesamt, hat er gleich nach der Geburt (in den Jahren 1747 bis 1752) in ein Heim für Findelkinder gegeben, aus Angst, wie er später bekennt. Er fürchtet nämlich, für die Kinder angesichts seiner eigenen Krankheiten und des alsbald bevorstehenden Todes nicht mehr sorgen zu können. Zudem lebte er mit seiner Partnerin, der Wäscherin Thérèse Levasseur, unverheiratet zusammen. Sie wäre, im Falle seines Todes, nicht imstande gewesen, sich um die Kinder zu kümmern. Mit „starken Gewissensbissen“ erinnert sich der alte Rousseau an die Fortgabe der eigenen Kinder. Der Philosoph Bernhard H.F. Taureck weist immer wieder darauf hin, dass Rousseaus Leben von „Dissonanz“ geprägt sei, also von „Missklängen“ und fehlender Harmonie. Ein „Heiliger“ war er nicht, wie manche seiner Verehrer im 19. Jahrhundert meinten, als sie „ihren“ Rousseau auf Amuletten stets bei sich hatten oder mit  Büsten des „Verewigten“ ihr Zimmer schmückten.

Viele seiner Erkenntnisse bestimmen das geistige Leben bis heute.

Mit der schonungslosen Offenlegung des eigenen Ich gerät Rousseau in Opposition zu den viel beachteten Philosophen Holbach oder d  ` Alembert. Sie halten sich, so meint er,  an „den kalten und objektiven Verstand“. Sie sprechen nur von anderen oder von dem „Abstrakt – Allgemeinen“, nicht aber von sich selbst. Mit diesen Philosophen kann Rousseau auf Dauer keine Freundschaft schließen.

Zum eigenständigen Denker wird er im Jahr 1749. Unterwegs in Vincennes bei Paris „empfängt“ er, so sein Bericht, „wie im Rausch Inspirationen und wird von tausend Lichtern geblendet“. Rousseau entschließt sich, auf die aktuelle Preisfrage der Akademie von Dijon zu antworten: „Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und der Künste zur Verfeinerung der Sitten beigetragen“? Seine Antwort, ein klares Nein, überrascht die tonangebenden Meisterdenker: Denn Rousseau findet den zur Schau gestellten Optimismus der Intellektuellen unerträglich. Er zeigt, wie die viel beschworenen Tugenden nur leere Floskeln sind. „Tatsächlich reden unsere Staatsmänner von nichts als von Handel und Geld“. Die Geschichte insgesamt erscheint ihm als Abkehr von dem, was die Menschen auszeichnet: Respekt vor dem Gewissen, Respekt vor der Würde. Fortschritt bedeutet also nicht „Verbesserung des Menschlichen“.

Rousseau ist überrascht, dass seine Thesen tatsächlich von der Akademie angenommen und prämiert werden. Mit einem Schlag ist er berühmt … und von vielen angegriffen, die meinen, technischer Fortschritt sei insgesamt heilsam für die Menschheit. Schuld am Niedergang der Humanität sei aber der exklusiv und heilig gehaltene Privatbesitz, meint Rousseau. Auch darin ist er inspirierend bis heute. „Die herrschende politische Ordnung sichert das Eigentum weniger. Der Besitzlose wird diesem System unterworfen. Der Dämon des Eigentums infiziert alles, was er berührt“, schreibt er. Und weist dann darauf hin, wie die Reichen beim Raffen sich selbst fremd werden. „Ein Reicher will eben überall der Herr sein. Deswegen will er immer dort hin, wo er gerade nicht ist. So ist er gezwungen, auch sich selbst stets zu fliehen“. Aber schaffen diese entfremdet lebenden Reichen nicht doch auch Wohlstand für viele, wie schon damals behauptet wird. Rousseau meint: „Der Luxus mag nützlich sein, um den Armen Brot zu geben. Doch wenn es keinen Luxus gäbe, dann gäbe es auch keinen Armen. Denn der Luxus nährt vielleicht 1000 Arme in unseren Städten, aber er bewirkt den Tod von 100.000 auf dem Lande“.

Darum muss die feudalistische Ordnung verschwinden, meint Rousseau, nur eine Republik kann die Gleichheit aller Menschen respektieren. In seiner viel beachteten Schrift „Vom Gesellschaftsvertrag“ hat sich Rousseau dazu ausführlich geäußert. Seitdem wird leidenschaftlich die Frage diskutiert: Wie kann der einzelne Mensch erkennen, dass es gut für ihn ist, mit anderen gerechte Gesetze zu schaffen. Von dieser republikanischen Ordnung kann der einzelne in seiner Freiheit geschützt werden und die vielen anderen auch, die von einem gerechten System profitieren. Wahre Freiheit besteht in der freiwilligen Bindung an die Gesetze, die sich alle gegeben haben. Zu Zeiten Rousseaus war das noch ein Traum. Aber mit diesen Thesen wird der Feudalismus ins Wanken gebracht und die Französische Revolution vorbereitet. Robespierre hat sich später auf Rousseau berufen. Aber von der Guillotine hat der  Philosoph nichts geschrieben.

Die Überzeugung, dass Gleichheit aller Menschen gut und wertvoll ist, braucht für Rousseau eine religiöse Fundierung. Auch darin ist er aktuell: Ohne eine allen gemeinsame Spiritualität, so Rousseau, fällt die Gesellschaft aus Menschen unterschiedlicher Überzeugungen auseinander. Feindseligkeiten entstehen, wenn jede Religion sich für die wahre hält. Darum plädiert Rousseau für eine neue, allen gemeinsame überkonfessionelle „Zivil – Religion“. Sie folgt den Einsichten der Vernunft, nicht den Weisungen heiliger Bücher. Ohne den Glauben an einen vernünftig handelnden transzendenten Gott kann es keine guten Bürger geben, meint Rousseau. Am wichtigsten bleibt für ihn die absolute Verpflichtung aller zur Toleranz und zum Kampf gegen die Intoleranten: „Ich bezeichne als intolerant einen Menschen, der glaubt: Man könne kein wahrer Mensch sein, ohne auch das zu glauben, was er selber glaubt. Und der alle verdammt, die nicht denken wie er“.

Was hat Rousseau selbst geglaubt? Obwohl er für eine allgemein menschliche Vernunftreligion eintrat, „fühlte er sich als ein Jünger Jesu Christi“, wie Pater André Ravier SJ betont. Er hat allerdings die Lehren des Evangeliums seiner eigenen Prüfung unterworfen. Er kann  nur die christlichen Lehren beibehalten, die seinem inneren Gefühl und der Vernunft entsprechen. Auch darin ist er aktuell.

Entscheidend bleibt für ihn am Lebensende die enge Verbindung mit der Natur. Sie schenkt ihm Gefühle unendlicher Geborgenheit: „Das Hin – und Herfließen des Wassers, sein gleichmäßiges Geräusch, zugleich in Intervallen anschwellend und mein Ohr und meine Augen ohne Unterlass erreichend, ersetzte meine inneren Bewegungen, so dass die =Träumerei=  in mir erlosch, also die Unordnung meiner Gedanken“. Jean Jacques Rousseau erinnert sich an einen Abend am Bieler See, am Rande des schweizerischen Jura. Es sind Augenblicke, die ihm Lebensenergie schenken. Das überraschende Einswerden mit der Natur, so schreibt Rousseau in seinen „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, „genügte, um mich mit Lust meine Existenz fühlen zu lassen“. Es gibt also doch etwas Glück und ein bisschen Trost, auch in Zeiten der Selbstzerstörung der Menschheit.

Copyright:; christian modehn. Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, dort aucn Probeabonnements bestellen!

Wir empfehlen als ersten „Einstieg“  die RoRoRo Monographie „Jean Jacques Rousseau“ von Bernhard H.F.Taureckt, Reinbek bei Hamburg 2009.

 

 

 

Aktualisiert am 2. November 2024 durch CM

Natur und Philosophie: Ein Spaziergang

Der Religionsphilosophische Salon macht einen Spaziergang: Natur erleben – Natur bedenken

Ein philosophischer Spaziergang am Freitag 20. Juli 2012, Beginn um 16. 30.

Nun kann jeder Spaziergang zum Philosophieren verführen. Wir versuchen es etwas gezielter:

Wir wollen von Waidmanslust aus ein Stück des Tegeler Fließes Richtung Lübars  entlang gehen, innehalten, besprechen, wie wir Natur und Park erleben: Gibt es überhaupt noch Natur? Ist alles längst Kultur? Wäre das schlimm? Kann, wie im Mittelalter, noch ansatzweise Natur ein Denkweg zum Göttlichen sein? Warum brauchen wir das Abstandnehmen in der Natur? Welchen Sinn macht eine “Natur – Spiritualität”?

Nebenbei werden Impulse gegeben, etwa zur Parklandschaft, zu den englischen und französischen Parks…Oder Themen, die von den TeilnehmerInnen in dem Zusammenhang vorgeschlagen werden.

Darüber werden wir dann weiter austauschen in der Labsaal bzw. im Lübarser Dorfkrug.

Ist es zu viel verlangt, wenn jede und jeder, die/der wirklich teilnehmen will, vorher sich anmeldet? Denn wir wollen danach noch etwas in Lübars zusammen bleiben und weiter diskutieren… Da will ich einige Plätze reservieren. Darum bitte ich bei Interesse um Anmeldung an:christian.modehn@berlin.de

Ausgangspunkt unseres Spaziergangs ist der (kleine) Robinienweg Ecke Berliner Str., dicht am S Bahnhof Hermsdorf und dicht am Fließ um 16.30.

Auch diese Veranstaltung des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons ist kostenlos, aber sicher nicht “umsonst”.

 

 

Auch diese Veranstaltung des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons ist kostenlos, aber sicher nicht „umsonst“.

Aktualisiert am 5. Juli 2012 durch

„Die Gestalt des Windes“ – Eine Ausstellung von Bingyi in Berlin

„Die Gestalt des Windes“ –  Zu einem Galerie – Besuch des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons am 15. 6. 2012

Die Ausstellung „Die Gestalt des Windes –  In den Fuchun Bergen“ der Künstlerin Bingyi (New York – Beijing) erleben die TeilnehmerInnen unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons als eine Zusammenfügung moderner Malweise und klassischer chinesischer Landschaftsmalerei. Modern ist diese ungewöhnliche Arbeit, weil sie als „action painting“ entstanden ist. Die Künstlerin gestaltet ihr Werk – zusammen mit einem Assistenten – in einigen Stunden; sie arbeitet mit dem freien Spiel von Wasser, Asche, Wind (Luft), ja sie tanzt dabei auf dem Papier in weißem Gewand, wie uns die Kuratorin der Ausstellung, Frau Zhang Jue, berichtet. Klassisch ist die Dimension dieser 160 Meter langen Arbeit, die an der Kuppel der St. Johannes Evangelist Kirche in Mitte befestigt ist, weil an der Dreiheit von „Himmel – Erde – Mensch“ festgehalten wird. Der Raum der (evangelischen Kultur – ) Kirche reicht leider nicht aus, um tatsächlich die ganze 160 Meter lange Arbeit auszurollen. Dieses „fragmentarische Zeigen“ kann man aber wohl durchaus als Teil der Kunst selbst verstehen. Die Verwendung von Asche ist nur ein Hinweis, dass mit der Vergänglichkeit (des einst benutzten, nun zu Asche gewordenen Papiers) gearbeitet wird, aber aus dem Vergänglichen und Toten entsteht wieder ein Werk, das zur Meditation anregt und durch die Inspirationen Leben weckt  und den Geist wach macht. Eines Tages aber wird diese Kunst aber auch vergangen und verschwunden sein, sie wird wieder verwendet zu neuem Werk. Kunst und philosophische Meditation fügen sich zur Einheit.

Die Arbeit von Bingyi wurde von der Galerie WiE der Öffentlichkeit präsentiert, hinter dem Kürzel WiE verbirgt sich West Information East, damit wird ausgedrückt, dass die Galerie in der Heidestr. in Berlin – Mitte dem Kulturaustausch verpflichtet ist, so werden etwa auch Konzerte von der Galerie WiE organisiert. Gegründet hat diese wichtige Kulturinitiative Frau Cheng Yang.

Der Besuch der Ausstellung „Die Gestalt des Windes“ in der evangelischen Johannes Kirche ist für uns ein Impuls, noch deutlicher auch den philosophischen Blick nach China zu richten. Wir hoffen auf eine gemeinsame Veranstaltung, die sich etwa mit dem Thema der „Mitte“ in klassischen chinesischen Denken  (etwa bei Konfuzius) und  der europäischen Philosophie (etwa bei Hegel) befasst. Interessant zu hören und zu lesen ist es schon, wie sehr auch chinesische Künstler Berlin als einen kreativen „Umschlagplatz“ für interkulturelle Begegnungen erleben. Wir weisen gern auf die Zeitschrift YISHU hin, die im Jahr 2002 als Englisch – sprachiges Magazin für zeitgenössische chinesische Kunst in Kanada gegründet wurde.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Juli 2012 von Diestang bis Sonntag von 12 Uhr bis 20 Uhr zu sehen, der Eintritt ist frei. Deutsch sprachige Führungen sind von Donnerstag bis Samstag um 15 Uhr. Am 22.6. udn 23. 6.wird ein Konzert geboten unter dem Titel „Eine Reise der Seele“. Der Ort: Auguststr. 90, 10117 Berlin.

Aktualisiert am 22. Mai 2013 durch