Habermas und die Religion: „Weil so vieles zum Himmel schreit“

Warum der Philosoph Jürgen Habermas den Dilaog mit religiösen Menschen und Theologejn sucht
Von Christian Modehn

SIEHE AUCH DIE AKTUALISIERUNGEN 2019 ZUM THEMA. Sowie die Hinweise 2014.

Anläßlich des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas habe ich für NDR, Redaktion Glaubenssachen, Sendung am 14. 6. 2009, einen Beitrag über diesen bedeutenden Philosophen geschrieben. Hier biete ich eine längere Fassung dieses Textes.

1.

Philosophen werden in der Öffentlichkeit häufig mit einem  einzigen Begriff oder einer Metapher identifiziert. Immanuel Kant steht für den „Kategorischen Imperativ“, Martin Heidegger für die „Seinsfrage“. Von Jürgen Habermas hat sich  – inzwischen weltweit – herumgesprochen, er sei „religiös unmusikalisch“. Es ist für Habermas durchaus ungewöhnlich, überhaupt Einblick in seine persönliche Weltanschauung zu geben, hat er sich doch immer gescheut, über Privates und Familiäres öffentlich zu sprechen. Vor 80 Jahren, am 18. Juni, wurde er in Düsseldorf geboren. Er beschreibt den Geist seines Elternhauses selbst mit „liberal – protestantisch“. Die biblische Botschaft war nur aus der Ferne, vom Hörensagen, bekannt. Mit einer Kirchen – Gemeinde war er nie eng verbunden. Seine fehlende Begabung für religiöse Fragen hat der international hoch geschätzte und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler mit einem umfangreichen Werk kompensiert. Darin diskutiert er die Grundlagen menschlicher Kommunikation und die Strukturen einer vernünftigen, nicht mehr religiös geprägten Ethik. Unermüdlich hat er als streitbarer Bürger zahllose kritische Kommentare zum Zeitgeschehen publiziert. In den großen Kreis der „religiös unmusikalischen Menschen“ hat sich Habermas im Jahr 2001 in aller Deutlichkeit eingereiht. Früher sprach man eher davon, mit der „Gnade des Glaubens“ von Gott nicht beschenkt zu sein. Aber heute sind die religiösen Begriffe in der Öffentlichkeit so weit verschwunden, dass sich die meisten „religiös Unmusikalischen“ mit den eher prosaischen Titeln „Atheist“ oder „weltlicher Humanist“ begnügen. Sie erklären ihren Unglauben zur bloßen Privatsache und kümmern sich eigentlich nicht weiter  um die „anderen“, die Religiösen,  genauso wie die Frommen wenig Neigung haben, neugierig und lernbereit mit Atheisten zu sprechen. Der Dialog der verschiedenen Religionen ist heute an vielen Orten eine Selbstverständlichkeit; an einem ausführlichen Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden hingegen haben nur wenige Interesse. Habermas will das ändern. Er erinnert sich offenbar daran, dass schon so manch ein Unmusikalischer durch eindringliche Schilderungen eines Musikbegeisterten wenigstens die „Zauberflöte“ schätzen gelernt hat. Und ein musikalisch völlig Ahnungsloser konnte einem Opernfreund klar machen: Ich bin auch ohne intime Kenntnisse über „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ glücklich. Habermas hatte als junger Erwachsener entscheidende Begegnungen mit glaubenden Menschen. Sie zeigten ihm, wie viel Vitalität und Widerstandskraft dem Glauben entspringen kann: Als Student zu Beginn der fünfziger Jahre lernte er evangelische Theologieprofessoren kennen. Sie konnten ihm zwar nicht den Besuch von Gottesdiensten schmackhaft machen. Aber sie haben ihn als Menschen, als politischen Bürger, geprägt.

„Es lehrten in Bonn die Theologen Helmut Gollwitzer und Hans Joachim Iwand, die sich während der Nazi Zeit nicht hatten korrumpieren lassen. Sie hatten in der frühen Bundesrepublik den Mut, gegen einen erdrückenden Konformismus mit ununterbrochen fortdauernden Nazi- Mentalitäten den Mund aufzumachen. Von solchen Theologen habe ich den aufrechten Gang gelernt“.

Opportunistische Anbiederei an die Herrschenden hat Habermas seit der Zeit als eine große Untugend gebrandmarkt. Die beiden authentischen Theologen haben aber noch einen anderen, nicht minder prägenden Eindruck hinterlassen:

„Ich konnte auch die spirituelle Tradition, aus der sie lebten, nicht einfach polemisch beiseite schieben“.

2.

Es ist genau diese biblische Tradition, die Habermas nicht einfach beiseite schiebt, auch wenn er sich bis heute „Agnostiker“ nennt. Er sieht sich als Philosoph zwar außerstande, die grundsätzlichen Fragen der Metaphysik, etwa nach der Existenz Gottes, definitiv zu beantworten. Aber er kann es nicht leugnen, dass die großen Ideale der Freiheit und Selbstbestimmung jüdisch – christliche Wurzeln haben. Dabei haben die Kirchen als Institutionen diese Emanzipation Europas hin zu Demokratie und allgemeiner Menschenwürde allerdings eher behindert.

„Aber die Idee des solidarischen Zusammenlebens, der Emanzipation und der individuellen Gewissensmoral ist ein Erbe der jüdischen Ethik der Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik“.

Der „religiös Unmusikalische“ hat den Dialog mit Glaubenden immer gepflegt: In den siebziger Jahre als Professor in Frankfurt und später am Max Planck Institut in Starnberg hat er Theologen zum Gespräch getroffen, zu seinen Gästen gehörten Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann. Er widersetzte sich damit den Üblichkeiten seiner Freunden und Kollegen aus linken, zum Teil marxistisch geprägten Kreisen. Sie sahen es als eine Selbstverständlichkeit an, dass bei zunehmendem ökonomischen Fortschritt und dem Ausbau des Sozialstaates die religiöse Frage im ganzen an Bedeutung verliere. Die Verweltlichung des Lebens, die Säkularisierung, verdränge letztlich die Religionen, meinten sie.
Hingegen hat Habermas zur Kenntnis genommen, dass sich in den letzten Jahren immer wieder neue religiöse Gruppierungen in den Mittelpunkt drängen, wie die Pfingstler und die Evangelikalen oder die extrem fundamentalistisch geprägten muslimischen Kreise. Andererseits gibt es eine große Bewegung sozial engagierter Basisgemeinden in Lateinamerika, Afrika und auf den Philippinen: Sie versuchen linke politische Impulse mit der Bibel zu versöhnen. Habermas zweifelt also an der beinahe üblichen Einschätzung, Gott sei tot. Darum müssen ganz neue Begriffe geschaffen werden, die dieser Entwicklung entsprechen. Er nennt unsere Gegenwart „post-säkular“. D.h.: Sie ist gleichzeitig  geprägt von  frommen wie auch von ungläubigen, „säkulären“ Menschen. Als Habermas seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 2001 hielt, waren die Terroranschläge in New York gerade fünf Wochen vergangen. Auf dieses Ereignis muss er als kritischer Kommentator des Zeitgeschehens eingehen.

„Im Terrorismus äußert sich auch der verhängnisvoll sprachlose Zusammenstoß unterschiedlicher religiöser Welten. Aber jenseits der Gewalt müssen sie eine gemeinsame Sprache entwickeln!“

3.

Eine gemeinsame menschliche Sprache wieder finden: Habermas hat damit das Motto seines philosophischen Programms zusammengefasst. Den neuen religiösen Herausforderung möchte er noch entschiedener als zuvor mit der Kraft der Argumente begegnen. Für ihn ist es ein Weg ins Verderben, angesichts der Verbrechen fundamentalistisch geprägter Kreise in blindem Wahn neue Kreuzzüge zu beschwören und oder gar Religionskriege großen Ausmaßes für möglich halten. Die Grundlagen seiner Philosophie lauten ganz anders:

„Wenn sich die Menschen nur auf  das Gespräch einlassen und  wenn jeder Teilnehmer des Dialogs als gleichwertig gilt, dann kann aus Verständigung doch noch Versöhnung werden“.

Aber Versöhnung kann niemals die Vorherrschaft der einen Meinung über die andere bedeuten: Auf die Toleranz kommt es an, entscheidend ist die wechselseitige Anerkennung von Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen und Bekenntnisse:

„Toleranz heißt, dass sich Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige gegenseitig Überzeugungen und Lebensformen zugestehen, die sie für sich selbst ablehnen. Dieses Zugeständnis muss sich auf eine gemeinsame Basis gegenseitiger menschlicher Anerkennung stützen, nur so lassen sich Widersprüche überbrücken. Die Basis für die Anerkennung der anderen Positionen ist die Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger“.

Für eine Kultur der Toleranz und des friedlichen Miteinanders zu plädieren, hat oft den beliebigen Ton einer „netten Sonntagsrede“. Habermas vermeidet solche Belanglosigkeiten. Er erinnert mit scharfen Worten an die bedrohliche Situation der Menschheit. Dabei benutzt er häufig eine Metapher, die aus Welt der hoch spezialisierten Technik stammt: Er befürchtet, dass die moderne Welt, so wörtlich,  „entgleisen“ könnte, also in einer Katastrophe ihr Ende findet. Das Unglück muss verhindert werden, denn der Zug  rast bereits auf die falsch gestellten Weichen zu. Als Philosoph präsentiert er in allgemeinen, aber nicht minder schockierenden  Worten „die Welt kurz vor der Entgleisung“:

„Es gibt dauernde Verstöße gegen allgemeine Gerechtigkeitsnormen. Die Lebenschancen in einzelnen Ländern, aber auch auf Weltebene sind völlig ungleichmäßig  verteilt. Das drastische Elend nimmt zu. Die Regierungen haben den entfesselten,  so genannten freien Märkten einfach freien Lauf gelassen. Die Europäische Union ist keine Gestaltungskraft mehr, sie wird zur bloßen Freihandelszone. Als Konsequenz dieses Vordringens ökonomischen Denkens werden auch die menschlichen Beziehungen nach Kosten und Nutzen beurteilt. Der moralische Auftrag, verantwortlich für andere und mit anderen zu handeln, verschwindet. Die Bürger in den wohlhabenden Ländern richten ihre egoistischen Vorhaben und ihre subjektiven Rechte wie Waffen gegeneinander. Die Entfremdung unter den Menschen ist so weit fortgeschritten, dass die meisten diese Entfremdung gar nicht mehr spüren. Sie wissen nicht mehr, dass ihr Leben falsch ist“.

4.

Wer diese Analysen von Habermas hört, fühlt sich manchmal  an den Protest alttestamentlicher Propheten erinnert. Aber das Jammern, Wehklagen und Weinen eines Jeremias oder Amos ist nicht Aufgabe des Philosophen. Er setzt darauf, die Stimme der Vernunft über alle ideologischen und religiösen Grenzen wirksam zu Gehör zu bringen:

„Die praktische Vernunft verfehlt ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, bei den profanen Bürgern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität zu wecken und wach zu halten, und ein Bewusstsein von dem zu erzeugen, was zum Himmel schreit“.

So vieles schreit heute zum Himmel, meint Habermas, aber „hört“ der Himmel die Stimme der Verzweifelten? Für den „Agnostiker“  Habermas kommt der Himmel als Ort des Trostes nicht in Frage. Rettung angesichts der „Entgleisungen“ kann es für ihn nur in einer  gemeinsamen Anstrengung der Menschen geben. Als Philosoph setzt er darum wieder und wieder auf das Gespräch. Aber damit meint er  nicht das nette, kluge Plaudern ohne jede Verbindlichkeit. Er meint den Dialog, der von Lernbereitschaft bestimmt ist. Darum macht er weit reichende Vorschläge, wie religiöse und nichtreligiöse Menschen miteinander hier in Europa umgehen sollten. Den Atheisten und weltlichen Humanisten mutet er zu, von den Werten religiöser Menschen zu lernen.

„Schon in der heute gängigen Alltagssprache zeigen sich noch Verweise auf christlich fundierte Begriffe. Wenn wir „bitten“  sagen, klingt das „Beten“ noch mit. Wenn wir  das Wort „bezeugen“ verwenden, schwingt das „Zeugnis Ablegen“ noch mit. Wenn wir meinen, etwas sollte wieder „heil“ werden, klingt das „Heilige“ noch aus der Ferne“.

Habermas versucht, den religiös Unmusikalischen die unterschwellige Anwesenheit des Religiösen im scheinbar prosaischen „säkularen“ Alltag aufzuzeigen. Er plädiert bei den Atheisten für christliche Weisheitslehren, gerade weil sie menschlich wertvoll und unverzichtbar sind.

„Wir säkularen Bürger kennen nur das moralisch Falsche, haben aber den Sinn für das abgrundtief Böse verloren. Wir wollen verzeihen, wissen aber nicht, wie wir mit dem angetanen Leid umgehen können. Wir beklagen das Leid unschuldig misshandelter und getöteter Menschen, wissen aber nicht, was der Lebenssinn dieser sinnlos Ermordeten sein könnte“.

Kann die menschliche Vernunft darauf jemals eine Antwort finden? Habermas ist da skeptisch. Er sieht die Begrenztheit der weltlichen Moral. Aber er kann auf sie niemals verzichten. Denn nur die Ethik ist in ihrer von Vernunft geprägten Argumentation tatsächlich allen Menschen aller Religionen und Weltanschauungen zugänglich. Aber das schließt ja nicht aus, dass das Christentum den Atheisten und Humanisten neue Horizonte und weiterführende Perspektiven eröffnet. Nur muss dann eine Voraussetzung erfüllt sein: Die Christen müssen ihre religiösen Traditionen in einer vernünftigen Sprache und in allgemein nachvollziehbaren Begriffen darstellen. Sie müssen also bereit sein, ihre eigenen, spirituell bestimmten Wertvorstellungen zu übersetzen und möglicherweise Übersetzungshilfen vonseiten der Philosophen anzunehmen.. Habermas nennt ein Beispiel gelungener Übersetzungsarbeit:

„Die Bibel spricht davon, dass jeder einzelne Mensch Gottes Ebenbild ist. Weltlich übersetzt und deswegen plausibel für alle könnten wir sagen: Diese Ebenbildlichkeit gegenüber Gott meint die gleiche und unbedingt zu achtende Würde aller Menschen. Kein Mensch darf  als Zweck für anderes missbraucht werden. Durch diese Übersetzung einer religiösen Botschaft in die weltliche Sprache bleibt die Religion für die Menschheit im ganzen von Bedeutung. Die Religion wächst aus der kleinen Gemeinde der Frommen heraus“.

5.

Aber der spirituelle „Mehrwert“  dieser religiösen Bilder kann dabei nicht bewahrt werden. Denn vom Gott selbst als absolutem Wesen ist z.B. in der weltlichen Deutung der Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen nicht mehr die Rede. Einzig die humane, die menschliche Bedeutung steht im Mittelpunkt. Darüber ist Habermas nicht unglücklich. Denn für ihn wäre es schon ein hoher Gewinn für die Staat und Gesellschaft, wenn alle unterschiedlichen Gruppen die  Würde eines jeden Menschen in der Praxis unbedingt achten.
Diese Argumente inspirieren, noch weiter zu denken: Gehören denn die Bilder aus den Gleichnis Erzählungen Jesu von Nazareth nur den Kirchen? Dürfen sich nur die Gemeindemitglieder an der Erzählung vom Verlorenen Sohn erfreuen? Also an jener Geschichte von dem liebenden Vater, der seinen Sohn wieder aufnimmt, als er nach Jahre langen Abenteuern und moralischen Irrwegen zurückkehrt: Ohne Vorwürfe heißt er ihn willkommen und bereitet sogar ein Festmahl. Diese Erzählung vom „verlorenen Sohn“ kann auch Atheisten zu einem „großherzigen“ Lebensstil verleiten, jenseits aller bürgerlichen Üblichkeiten.  Sollten die Christen nicht dankbar sein, wenn diese Gleichnisse Jesu auf neue Art an ungeahnten Orten weiterleben? Weil „so vieles zum Himmel schreit“, weil überall Gerechtigkeit und Toleranz mit den Füßen getreten werden, müssen alle Gruppen in der Gesellschaft ihre dogmatisch verfestigten Ideologien überwinden. Wenn die Religionen sich im Getto einschließen, kann nur Gewalt entstehen. Wer nur seine religiöse Tradition achtet, vergisst das Interesse an der Gestaltung der Welt. Darum lässt Habermas nicht locker: Christen sollen die Gestaltung einer gerechten Gesellschaft genauso ernst nehmen wie die Pflege ihrer Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Die Religionen, in unseren Breiten vor allem die Kirchen, müssen sich verändern.

„Die Religionen sollten den Pluralismus der Weltanschauungen anerkennen. Keine Religion hat heute ein Monopol, keine religiöse Gruppe „hat“ die Wahrheit. Die Religionen müssen anerkennen, dass heute nur die Wissenschaften qualifiziert deuten. Religiöse Mythen haben ihren Platz einzig im Gottesdienst. Die Frommen müssen anerkennen, dass die Moral sich heute einzig in der vernünftigen Diskussion erschließt. Einzig die allen gemeinsame Vernunft hat das letzte Wort, wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht“.

Die Zumutung verbindet Habermas mit einer dringenden Mahnung an die andere Seite, die Atheisten, Skeptiker und Agnostiker. Auch von ihnen verlangt er um der Rettung der Menschheit willen ein „neues Denken“ :

„Säkulare Mehrheiten dürfen keine Beschlüsse fassen, bevor sie nicht dem Einspruch von religiösen Opponenten
Gehör geschenkt haben. Sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie selbst daraus lernen können“.

6.

Jürgen Habermas ist inzwischen zu einem Moderator zwischen Atheisten und Glaubenden geworden. Als Brückenbauer geht er selbst mit gutem Beispiel voran: Er hat sich mit einem der religiös wohl hoch „Musikalischen“  unter allen Frommen in München zu einem viel beachteten Dialog getroffen, mit Joseph Ratzinger. Damals, im Januar 2004, war er noch als katholischer Chef – Theologe der Leiter der römischen Glaubensbehörde in Rom. Diese Begegnung in der Katholischen  Akademie München wurde von den Medien nachträglich zu einem kleinen Weltereignis hochgespielt, obwohl es unter strenger Geheimhaltung nur für ein kleines, handverlesenes Publikum stattfand. Schon die Kleiderordnung war bemerkenswert: Joseph Ratzinger hatte auf seinen sonst immer üblichen Kardinals- Talar mit dem goldenem Brustkreuz verzichtet. Er trug einen schwarzen Anzug mit dem eher unauffälligen weißen Kollar eines gewöhnlichen Klerikers. Dadurch wollte er schon vom Äußeren her als Wissenschaftler und weniger als römische Amtsperson erscheinen. Die Fotos zeigten zwei alte, ergraute Herren, die tief versunken im Gespräch einzig ihren Gedanken nachgingen. Der Atheist und der Glaubenswächter hatten sich ein hoch komplexes Thema ausgesucht. Es hieß: “Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Damit sollte angedeutet werden, dass die westliche Demokratie auf Werten beruht, die außerhalb des politischen Kalküls liegen. Zum Beispiel muss der Staat erwarten, dass die Bürger Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit, Solidarität, Mitgefühl und Toleranz hoch halten. Aber diese Werte kann der Staat als solcher nicht schaffen, sie müssen sozusagen von außen, etwa von Philosophien oder Religionen,  vorgestellt und gefördert werden. Darin waren sich der Philosoph und der Kardinal einig. Und diese Übereinstimmung  wurde in den Medien oft hoch gepriesen; manch ein Journalist ließ sich später zu der Vermutung hinreißen: Dieses scheinbare Einvernehmen von Jürgen Habermas mit Joseph Ratzinger habe sogar noch bis in die Papstwahl 2005 hineingewirkt: Alle Kardinäle hätten einmal mehr die intellektuelle Brillanz Kardinal Ratzingers erlebt. Aber Habermas hat bei einem späteren Gespräch mit den Jesuiten in München eindeutig festgestellt:  Zwischen ihm, dem religiös Unmusikalischen und dem religiös hochbegabten Papst, liegen Welten. Denn der Führer aller Katholiken glaubt, einzig die religiösen Ideale des Christentums könnten die dringend erforderlichen Werte bereitstellen, um die Entgleisung der Welt zu verhindern. Die menschliche Vernunft sei hilflos, segensreich könne nur die christliche Religion sein. Joseph Ratzinger meint allen Ernstes: Nur das Christentum sei hilfreich, das „selbstverständlich“ einzig von Papst und Bischöfen authentisch interpretiert wird. Ohne die moralische Führung durch die Kirche gehe die Welt in die Irre. Habermas als Philosoph kann sich dieser Haltung nicht anschließen. Er empfindet es als Hochmut, wenn ein einzelner Gesprächspartner überhaupt auf die Idee kommt, zu behaupten: Ich besitze die Wahrheit. Darum hat Habermas für alle weiteren Religionsgespräche noch einmal die Prämisse unterstrichen:

Einzig mit den Mitteln der Vernunft können wir Werte formulieren, die dann für alle als Leitlinien empfohlen werden“.

Die höchsten Autoritäten der katholischen Kirche und viele Kreise der evangelikalen Protestanten stellen sich taub, sie können diese Position noch nicht annehmen. Sie wollen nicht die Offenbarung auf den Bereich der Gläubigen und die Gemeinden einschränken, sondern mit „Gottes Wort“ Gesellschaft und Staat unmittelbar gestalten. Habermas aber lässt sich als Brückenbauer und Moderator von solchen Irritationen nicht beirren: Er hält an seinem „Dialog – Programm“ fest und fordert, angesichts der Krise der Menschheit einzig auf vernünftige Argumente zu setzen. Habermas ermuntert,  an dieser Haltung trotz aller Rückschläge festzuhalten:

„Bei allem empirisch begründeten Pessimismus über die Aussichten eines weltweiten Zustandes von Recht und Gerechtigkeit sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Das Engagement für eine Neue Weltordnung könnte sich doch noch lohnen. Dabei fühlen wir uns zu diesem Engagement moralisch verpflichtet“.

Eine beinahe gläubige Haltung haben einige Beobachter aus dieser Stellungnahme herausgehört und eine Stimme der Hoffnung vernommen, die fast in religiöse Dimensionen weist. Aber Habermas weist solche Interpretationen zurück: Er sei Philosoph und nichts anderes! Er müsse in aller Nüchternheit die Sache der Vernunft hochhalten, mehr nicht. Denn nur die Vernunft kann davor bewahren, dass „alles entgleist“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 31. März 2026 durch CM

Heterosexuell geprägte Kultur ist nicht „normal“

Ein Beitrag aus PUBLIK FORUM vom 22.5. 2009

Was heißt schon »normal«?

Ein Blickwechsel erschließt eine neue Welt: Unsere heterosexuelle Kultur ist nicht einfach »richtig«. Aber was könnte bloß falsch daran sein? Ein Essay

Von Christian Modehn

In Berlin wurde vor einigen Wochen ein großes Hotel eröffnet, das sich offiziell »heterofriendly« nennt. Dort wollen sich Schwule und Lesben als die Mehrheit unter den Gästen besonders freundlich gegenüber der heterosexuellen Minderheit verhalten. Homosexuelle werden an vielen Orten, am Arbeitsplatz oder bei Vermietern, in Restaurants oder Hotels, nur selten »friendly« behandelt. So möchte das Berliner Hotel zeigen: Selbst eine weltweit immer noch verachtete und oft verfolgte Minderheit kann freundlich sein zur Mehrheit.

Als ich mir das Hotel kürzlich anschaute, erlebte ich, wie schwule Paare sich selbstverständlich an der Bar küssten. In dieser erfreulich freien Atmosphäre saßen irritiert zwei Heteropaare, so als würden sie sich fragen: Dürfen wir uns hier auch mal umarmen? Aber je länger sie sich am Abend in der Bar an die ausgelassene Stimmung gewöhnten, umso spürbarer fühlten sie sich in dieser Runde wohl. Eine Französin begann hier mit ihrem Mann ihre Deutschland-Reise zur Silberhochzeit: »In diesem Haus erlebe ich mich zum ersten Mal bewusst als ›Hetero‹ oder sagt man ›Hetera‹?« Sie lachte. »Wir als sexuelle Mehrheit nennen uns selbst sonst nie so! Nur die Minderheit wird von uns mit einem Titel ausgegrenzt, zu ›anderen‹ gemacht.«

Auch wenn die Heterosexuellen statistisch die absolute Mehrheit unter den Menschen darstellen: Sind sie deswegen »die Normalen«? Sind sie automatisch die »Natürlichen«, die bestimmen sollten, was gut und richtig ist? Schon die mittelalterlichen Logiker lehrten: Die Mehrheit hat nicht automatisch recht! Wahrheit ist keine Frage der Quantität. Damit ist aber auch nicht gesagt, dass die Minderheiten recht haben.

In den Debatten der letzten Jahre über die Geschlechterrollen kamen ausführlich feministische Forderungen zur Sprache, auch die Rolle der (Hetero-)Männer wurde Thema zahlreicher Studien. »Nur die soziale Bedeutung und historische Herkunft der Heterosexualität wurde bisher kaum untersucht«, berichtet Louis-Georges Tin. Der 35 Jahre alte Historiker, Literaturwissenschaftler und Publizist hat vor Kurzem in Paris das viel beachtete Buch »Die Erfindung der heterosexuellen Kultur« veröffentlicht. 2003 hatte er bereits ein umfangreiches wissenschaftliches Lexikon zum Thema »Homophobie« herausgegeben. Diese Bücher wurden mit viel Zustimmung aufgenommen, unter anderem von der renommierten Tageszeitung Le Monde.

Für Louis-Georges Tin ist die heute wie selbstverständlich erscheinende heterosexuell geprägte Kultur alles andere als eine naturwüchsige Gegebenheit. Sie ist wie jede Kultur von Menschen geschaffen. Aber sie hat sich als einzig legitimes und allseits propagiertes Verhalten durchgesetzt: im Recht, in der Kunst, der Literatur, der Religion.

Das Hauptargument dieses »Heterosexismus«, so Tin, sei die »universale Verwiesenheit« des Menschen auf »den anderen«. In dieser weltweit propagierten Ideologie könne sich der Mensch nur mit diesem sexuell anderen »entwickeln«. Und das heiße: Die biologische Unterschiedlichkeit von Männern und Frauen werde als notwendige Verwiesenheit aufeinander gedeutet und zur Norm erklärt. Wer sich anders verhalte, werde als »Anormaler«, »Kranker«, »Perverser« ausgegrenzt. So werde aus dem Biologismus ein universaler Wert.

»Aber erst seit dem 12. Jahrhundert ist dieser Heterosexismus in Westeuropa absolut bestimmend«, schreibt Tin. »Bis dahin hatte die von den Rittern geprägte homosexuell bestimmte Kultur ihr Lebensrecht. Ich denke auch an die Lieder, die männliche Freundschaften preisen, etwa im Rolandslied. Oder im Lied Claris und Lars.«

Diese homoerotisch dominierte Zeit der Ritter begann etwa im 8. Jahrhundert. Louis-Georges Tin empfiehlt sie keineswegs pauschal als Vorbild. Denn: Viel Gewalt bestimmte diese Zeit. Dem Pariser Autor liegt nur daran zu erinnern: Es gab einmal eine längere Epoche in Europa, die »anders« war. Das »christliche Abendland« sei nicht »immer« von der Ehe zwischen Mann und Frau bestimmt gewesen.

Tins Studien werden von angesehenen Mittelalter-Historikern unterstützt, etwa von Georges Duby. Er schrieb: »In der Ritterschaft ist die normale Liebe, die dazu drängt, sich selbst zu vergessen, sich zu überschreiten zu Ehren eines Freundes, tatsächlich homosexuell. Ich meine nicht, dass diese Liebe zwangsläufig immer zu einer körperlichen Vereinigung führte. Aber es ist ganz klar, dass die Gelehrten damals angesichts dieser Liebe zwischen Männern überhaupt erst das Wort Liebe erfanden.« Unterstützt werden diese Überlegungen auch von Studien des US-Amerikaners Jonathan Katz über »Die Erfindung der Heterosexualität« (New York 1995); auch sie sind in Deutschland fast unbekannt.
Seit dem 12. Jahrhundert setzt die Kirche die Verbindung von Mann und Frau als einzig mögliche Form sexueller Begegnung durch. In dieser Ehe wird sexuelle Praxis nur als Kinderzeugung respektiert; seit dieser Zeit ist sie auch eine gottgewollte Institution, ein Sakrament.
Dadurch sollte Ordnung und Übersichtlichkeit in Staat und Gesellschaft geschaffen werden, der Ehegatte wurde zum allmächtigen Vater der Familie. Sexuelle Lust als solche wurde verboten. Ledige Mütter, Unverheiratete, »Junggesellen«: Alle, die dieser patriarchalen Ehe nicht entsprachen, wurden diskriminiert, am meisten natürlich die »Perversen«. Es ist sehr bezeichnend, dass gleichzeitig im 12. Jahrhundert der Pflichtzölibat für Priester eingerichtet wurde: Unverheiratete Männer darf es nur noch als Priester geben. Aber in gewisser Weise hat dort eine gelegentliche schwule Vorliebe für die Travestie überlebt: Denn die Priester- und Bischofsgewänder erinnerten weiterhin an die Frauenmode der Antike. »Die langen Gewänder waren ursprünglich Frauen vorbehalten«, schreibt der Kulturwissenschaftler Thomas Hauschild: »Die Priester ließen es zu, dass ihre Kleidung immer weibischer wirken musste. Zur Messe präsentierten sie sich prächtig wie Paradiesvögel auf der Altarbühne …«

In dieser Epoche einer totalisierten Heterosexualität und einer nach außen hin asexuellen Zölibatswelt konnten nur sehr wenige Mutige offen vom Glück ihrer Männerfreundschaft sprechen. Einer von ihnen war der Philosoph Michel de Montaigne (1533-1592). Für ihn war die Verbindung mit seinem Freund Etienne de la Boétie überhaupt das Höchste und Reinste. Deren Freundschaft zeigte: Es gibt ein »Wachsen des Einzelnen durch die Liebe zum anderen Menschen des gleichen Geschlechts …«

In einigen wenigen demokratischen Ländern haben Schwule und Lesben in den letzten vierzig Jahren erfolgreich für die Anerkennung ihrer Gleichwertigkeit gekämpft. Dort wurde die »Homo-Ehe« eingeführt. In Schweden, aber auch in Holland, können homosexuelle Ehepaare sogar Kinder adoptieren. Den Gesetzgebern ist klar: Heterosexualität ist nicht automatisch eine Qualifizierung für die Kindererziehung. Die hohe Anzahl verwahrloster oder getöteter Kinder aus Hetero-Ehen ist dafür nur ein Beleg.

Mit der Einführung der Homo-Ehe beginnt eine neue, eine menschlichere Epoche, eine Zeit der Gleichberechtigung. Und dabei verändert sich auch die »Hetero-Ehe«: Vom klassischen »Herrn der Familie« ist in unseren Breiten nicht mehr oft die Rede. Und Hetero-Männer dürfen sich heute auch mal schwach fühlen, sich der Zärtlichkeit hingeben, ja auch »passiv«, »empfänglich« werden …

Aber gerade die gesetzlichen Verbesserungen im Leben schwuler und lesbischer Menschen haben auch die Homophobie – also die Angst vor der Homosexualität – erneut angefeuert. Evangelikale Kreise wollen Lesben und Schwule zur »einzig wahren Heterosexualität« bekehren. Kürzlich wurde bei einem Kongress in Marburg für solche »Gehirnwäschen« geworben.

Aber in der zivilisierten Welt setzt sich die Meinung durch: Heterosexualität ist nichts anderes als eine sehr häufig vorkommende Variante in der Vielfalt gleichberechtigten sexuellen Lebens. Wer das (noch) nicht sieht, könnte ja mal »heterofreundliche« Orte besuchen …
COPYRIGHT: Christian Modehn; Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 13. April 2020 durch CM

Pierre Hadot: Philosophische Lebenskunst, philosophische Lebensgemeinschaften

Der Philosoph als Exerzitienmeister
Pierre Hadot – Porträt eines ungewöhnlichen Denkers
Von Christian Modehn (2009)

Wenn er sich auf schwierige Herz – Operationen vorbereiten musste, fand er Trost in der Philosophie. „Die innere Ausgeglichenheit haben mir die Philosophen der Stoa gegeben“, berichtet Pierre Hadot, „meine individuelle Situation konnte ich relativieren, wenn ich mir vorstellte, wie ich, gleichsam fliegend, von hoch oben, auf die Welt schaue. Diese Übung gegen alles egozentrische Denken zeigt: Wie unbedeutend alles ist“.
Pierre Hadot hat erlebt und erfahren, dass philosophisches Nachdenken wie eine Therapie heilsam ist: „Lebe jeden Tag so, als wäre er ein erster Lebenstag. Und lebe ihn so, als wäre er der letzte. Dann freust du dich entweder über das Aufgehen einer Welt in dir und um dich herum. Oder du siehst im Blick auf das Ende die Ganzheit des Lebens. Nur in dieser meditativen Haltung, ein Vorschlag antiker Philosophen, entdeckt man die Tiefe des Lebens, die Freude, jetzt diese Gegenwart zu erfahren“.
Philosophie ist für Pierre Hadot mehr als abstraktes Debattieren, mehr als systematisches Reflektieren in den Universitäten: Sie ist eine Lebenshaltung. Nebenbei gesagt, hat sie Pierre Hadot ein langes Leben geschenkt: 1922 in Paris geboren, hat er sich schon als Jugendlicher für die Philosophie leidenschaftlich interessiert. Er erinnert gern an ein Erlebnis ungewöhnlicher Art, das er als „ozeanisches Gefühl“ beschreibt: Er erlebte die Wellen in einem unendlich erscheinenden Ozean, und plötzlich fühlte er sich einbezogen in eine geheimnisvolle Welt. Diese Unendlichkeit hat er nicht mit Gott in Verbindung gebracht. „Es war sozusagen ein religionsfreie philosophische Erfahrung der Unendlichkeit“.
Pierre Hadot lehrte als Professor für Philosophie am berühmten „Collège de France“ in Paris. Sein Fachgebiet: Die antike Philosophie, aber auch das Denken von Montaigne und Kant, Goethe und Wittgenstein.
Seine zahlreichen Bücher  haben vielen Menschen vor allem die antike Philosophie nahe gebracht: Die Schulen der Stoiker und Epikuräer, der Platoniker und Skeptiker. Befreit man deren Lehren von zeitgebundenen Vorstellungen und Einflüssen, wie bestimmten Ideen vom Kosmos oder den Atomen, dann zeigen diese so alten Denker ihre aktuelle Bedeutung für die Lebensgestaltung heute. „Pierre Hadot hat grundlegend unsere Vorstellung von Philosophie verändert“,  schreibt der auf Philosophie spezialisierte Publizist Roger – Pol Droit aus Paris. „Philosophen wie Seneca, Marc Aurel oder Epiktet haben nicht systematische Lehrbücher hinterlassen“, betont Hadot, „sondern Reflexionen, die ihnen selbst wie auch ihren Schülern Lebenshilfe sein sollten.
Dabei hatte zu Beginn seiner Studien alles darauf hingedeutet, dass er eine Karriere innerhalb der katholischen Kirche macht: Von den „Christlichen Schulbrüdern“ ausgebildet, „hatte ich  einen naiven Kinderglauben ohne Enthusiasmus“. Er studierte Theologie, 1944 wurde er zum Priester geweiht, weil das Seminar in Reims dringend einen Geistlichen als Philosophie Dozenten brauchte. Die gegen alles Moderne  gewandte Enzyklika „Humani Generis“ von Papst Pius XII. war für ihn ein Schock; die stereotypen Wiederholungen der liturgischen Sprache empfand er als Ärgernis, den immer wieder propagierten Glauben an übernatürliche Wunder konnte er nur ablehnen. „1953 habe ich die Kirche verlassen“, er gab sein Priesteramt auf. 1964 heiratete er in Berlin die Philosophin Ilsetraut Marten, mit ihr hat er das  gleiche Thema bearbeitet: Die Philosophie als Exerzitium, als geistige Übung.
Die antiken Philosophen wollte den Geist ihrer Zuhörer anregen, „bearbeiten“, sie wollten nicht nur den Geist  informieren, sondern – durchaus mit einem missionarischen Anspruch- die Seele formen. In den zahlreichen und in allen Städten weit verbreiteten philosophischen Schulen wurde mit dem „Meister“ über diese Exerzitien diskutiert. Aber wirklich praktizieren muss die Übungen der einzelne Mensch. Er muss es lernen, philosophische Lebenshilfe in jeder Lebenssituation zur Verfügung zu haben. Darum muss er zentrale Einsichten auswendig lernen und wie in einem inneren Dialog seinen Geist formen: „Bald wirst du alles vergessen haben, und bald werden dich alle Menschen vergessen haben“. Ein Lehrspruch von Marc Aurel, er verhindert blinden Übermut oder gar den Wahn, ewig jung bleiben zu können. Philosophische Übungen als verinnerlichtes Bedenken der Weisheit fördert die geistige Präsenz. Die Versuchung, wie im Dämmerzustand durch das eigene Leben zu tapern, wird zurückgewiesen. Was brauche ich wirklich zum Leben? Epikur lehrte zum Beispiel: „Das Elend der Menschen besteht darin, dass sie Dinge fürchten, die gar nicht gefürchtet werden dürfen, zum Beispiel den Tod oder die Götter: Von unserem Tod können wir nichts wissen. Und von den Göttern wissen wir auch fast nichts, weil sie im fernen Himmel sind“. Innere Ruhe tritt ein, wenn wir uns sagen: „Wir dürfen nicht wollen, dass das, was sowieso eintritt, doch besser nicht eintritt. Sondern wir müssen wollen, das anzunehmen, was nun einmal unabänderlich kommt“.
Zu den Exerzitien der antiken Philosophen gehört für Pierre Hadot entscheidend die Achtsamkeit auf meine Gegenwart: Darum empfiehlt er, wie die Meister der Antike, die reflektierende Meditation am Morgen: Nach welchen Grundsätzen will ich heute handeln, aus egoistischem Antrieb oder gemäß einer vernünftigen Ethik. Und am Abend findet die Gewissenserforschung statt, nicht etwa, weil ein Gott das verlangt, sondern weil es vernünftig und deswegen heilsam ist. Habe ich heute mit Wohlwollen die Menschen behandelt, lebe ich für die anderen, ist mir die Freundschaft das höchste Gut? Habe ich mich der Resignation hingegeben? Marc Aurel hat gelehrt: „Erwarte nicht die ideale Republik, sei zufrieden wenn eine kleine Sache vorankommt. Und bedenke, was dann daraus wird, das ist dann oft gar keine kleine Sache mehr“.
Die Exerzitien der antiken Philosophen haben später die Exerzitien der Kirche geprägt, Pierre Hadot hat das nachgewiesen. Die Christen haben sogar diese freien philosophischen Übungen vereinnahmt, als sie die Philosophie seit dem Mittelalter zur „Dienerin der Theologie“ erklärten  und das Dogma über das kritische Fragen stellten. Philosophie soll noch heute in der Ausbildung der Priester zur Annahme der Kirchenlehre bewegen.
Pierre Hadot lässt keinen Zweifel daran, dass auch heute die philosophischen Exerzitien eine spirituelle Hilfe sind. Der einzelen muss sie leisten, wie in einer Form von „Selbsterziehung“, und diese einzelnen können sich zu philosophischen Gesprächskreisen zusammenschließen. Der zeitliche Abstand zu den Texten antiker Philosophen ist ja nicht größer als zu den Texten der Bibel. In beiden Fällen muss historisch – kritisch gelesen werden. Die Philosophien bleiben zumindest genauso relevant wie das „Buch der Weisheit“ . Denn im Unterschied zu kirchlichen Exerzitien wollen die philosophischen Exerzitien einzig den freien, selbständigen Menschen fördern, er muss sich keiner kirchlich vorgegebenen Moral anpassen. Vielmehr zählt einzig die Achtsamkeit auf die Stimme der Vernunft. Sie führt zum inneren Frieden. „Ein Geschenk, das gerade in Zeiten globaler Krisen lebensrettend sein kann“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das wichtige Buch von Pierre Hadot auf Deutsch „Philosophie als Lebensform“ (Fischer Verlag) ist leider immer noch vergriffen. Auf Französisch ist wichtig als Einführung das Interview mit Hadot „La Philosophie comme manière de vivre“ (Livre de Poche) aus dem Verlag Albin Michel, Paris. 2001, 6 Euro!

Aktualisiert am 23. August 2024 durch CM

Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich.

Gegen den Trend

Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag wurde im Jahr 2009 publiziert. Inzwischen gab es einen Wechsel in der Leitung des Erzbistums Poitiers, nach der altersbedingten Pensionierung des sehr verdienten und mutigen Erzbischofs Albert Rouet. Er hat das Programm „Laien leiten Gemeinden“ und „Laien leiten Sonntagsgottesdienste mit Kommunionempfang (!)“  entworfen und immer unterstützt. Manche sahen in dem (unten beschriebenen Projekt) eine Chance, auch kleine Gemeinden, auf dem Land zumal, lebendig zu erhalten und mit dem üblichen (und bei dem zunehmenden Mangel an Priestern für die Gemeinden zerstörerischen) dominanten Klerus-Modell endlich Schluss zu machen. Der neue Erzbischof ist seit 2012 Pascal Wintzer. Er baut dieses stark auf die verantwortliche Mitwirkung der Laien setzende Modell langsam ab und kehrt zur römisch willkommenen Klerus-Vorherrschaft in den Gemeinden wieder zurück. In der vorzüglichen Studie „Trombinoscope des Eveques 2016-2017 (Edition Golias, Villeurbanne, Nov. 2016) wird jeder (!) französische Bischof, wie es sich journalistisch gehört, krititisch, also nicht kirchenabhängig, gewürdigt. Auf den Seiten 316 bis 320 wird über Erzbischof Pascal Wintzer, Poitiers, berichtet; der Beitrag über ihn hat den bezeichnenden Titel „Fossoyeur“, also Totengräber … für diese neuen Gemeindeformen. In diesen Tagen tritt eine Synode in Poitiers zusammen, dort treffen sich die Katholiken, die dem Erzbischof treu ergeben sind („identitaires“, wie die „Trombinoscope“ S. 320 berichtet. Sie sollen die Laien ablösen, die noch für das Laien-Gemeinde-Modell eintreten, schreiben die Autoren der „Trombinoscope“ (= „Jahrbuch“)…Wir empfehlen allen Interessierten dieses in unserer Sicht einmalige Buch über den realen Zustand der französischen Hierarchie. Und bitten alle, die enthusiastisch einst die unten notierten Zeilen gelesen haben, und das sind auch in Deutschland viele, mit ihrer (üblichen) Frustration fertig zu werden. Im Reformationsgedenken 2017 gilt das Motto: Der Klerus beherrscht die römische Kirche … nach wie vor. Insofern bleibt Luther aktuell…

Ergänzung im November 2016: Die Gemeinden in Frankreich sterben aus, weil der Klerus ausstirbt. So einfach ist das. Und so schlimm, wenn man an den Tod der Kommunikation dadurch in den Dörfern und den möglichen Verlust an Spiritualität denkt. Über jüngste (2016) Entwicklungen, zum Thema, im Bistum Tulle (Corrèze) klicken Sie hier.

Der publizierte Text von 2009:

Die Vergangenheit wirkt so beruhigend, weil sie tot ist.« Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers im Westen Frankreichs, liebt klare Worte, wenn er von der »Pfarrgemeinde« als Organisationsform kirchlichen Lebens spricht: Sie ist für ihn überholt. »Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.« Weiterlesen ⇘

Aktualisiert am 18. Januar 2017 durch CM

Die brasilianische Religion CANDOMBLE in Deutschland

Von Christian Modehn

ein Radiobeitrag für den WDR.

Moderationshinweis:
Eine „Karnevals – Religion“ ist der Candomblé sicher nicht. Wie jeder anderen Glaubensgemeinschaft geht es auch dieser „Religion der Naturkraft“ um die grundlegenden Fragen von Leben und Tod. Aber Candomblé ist viel zu brasilianisch, als dass er den Karneval in Rio oder Salvador da Bahia einfach ignorieren könnte. Jetzt ist Candomblé auch in Deutschland mit einem Tempel und einer Gemeinde vertreten. Christian Modehn berichtet. Weiterlesen ⇘

Aktualisiert am 22. November 2017 durch CM

Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung

Der folgende Beitrag ist der Text einer RADIO Sendung des Saarländischen Rundfunks 2005.

Wir weisen auf aktuelle Ergänzungen vom 9.5. 2016 hin mit Beiträgen des kompetenten Befreiungstheologen Kardinal Lorscheider über die „Option für die Armen“, die unglückliche Rolle von ADVENIAT“ usw. Klicken Sie zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Ein „Vorwort“ am 4. 2. 2011: Mich freut es sehr, dass dieser Beitrag vielfach gelesen und hoffentlich auch verbreitet wird. Ich weise nur noch einmal darauf hin, dass dieser Beitrag, eine Ra­dio­sen­dung, aus dem Jahr 2005 stammt. Die Befreiungstheologien haben sich seit der Zeit natürlich weiter entwickelt. Ich arbeite daran und hoffe, bald Aktualisierungen zu bieten. Aktuelle Themen könnten sein: Die Zusammenarbeit von Papst Johannes Paul II. mit dem us amerikanischen Präsidenten Reagan im gemeinsamen Kampf gegen die Befreiungstheologie; die direkte und indirekte Unterstützung für Diktatoren in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Die enge sehr freundschaftliche Verbindung Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologie, dem Chef der Legionäre Christi, Marcial Maciel; die Rolle des opus dei als Motor des kampfes gegen die Befreiungstheologie wäre zu untersuchen, abgesehen von den genau wichtigen Themen wie der Rolle der Theologinnen in der Befreiungstheologie, die Bedeutung der indigenas Religionen, der afrobrasilianischen Kulte usw. Die neue „Macht“ der Pfingskirchen und die offiziell theologische Degradierung der Basisgemeinden usw…

Eine weitere Ergänzung am 2.3.2016 zu Kardinal Müller, Rom, und der Theologie der Befreiung bzw. der so laut herausgestellten Freundschaft von Gustavo Gutierrez und Gerhard  Müller, Rom, klicken Sie hier.

Das Thema gehört in einen „religionsphilosophischen Salon“, weil diese lateinamerikanische Theologie eng mit den großen Perspektiven einer freien, einer emamzipierten Welt verbunden ist.

„Für mich ist der christliche Gott genau der Gott der universalen Gerechtigkeit. Und das ist der Gott, der das Leben ALLER Menschen will. Wer zu Gott DU sagt, und den Mitmenschen zum Objekt seiner Interessen erniedrigt, der betet nicht zu Gott, sondern zum privaten Hausgötzen seiner partikulären Interessen. Es geht um eine Theologie, die Stachel im Fleisch bleibt. Es steht dein ewiges Heil am Spiel, ob du bereit bist, den zu sehen, der nichts zu essen hat“.

Martha Zechmeister ist Ordensfrau und Professorin für katholische Theologin an der Universität Passau. Regelmäßig arbeitet sie als Dozentin auch in Lateinamerika, vor allem im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Sie teilt dort mit den Armen die bescheidenen Behausungen, erlebt die tägliche Sorge um sauberes Wasser und halbwegs genießbare Nahrung. Die meisten Bewohner in diesem Land leben unterhalb der Armutsgrenze. Die Wirtschaft ist – wie fast überall in Lateinamerika – am Boden. Das Elend wächst und damit auch die Bereitschaft zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Aber die Armen fragen in den christlichen Gemeinden nach der Bedeutung des Glaubens inmitten von Elend und Unterdrückung. Dabei hat Martha Zechmeister entdeckt, dass der Kern des Christentums eigentlich etwas ganz Einfaches ist:

„Die Herrlichkeit Gottes ist der Mensch, der lebt. Das heißt mich: Ohne die Armen kein Heil. Das ist nicht ein spirituelles Problem, sondern das ist ein politischer Anspruch“.

In Lateinamerika stellen sich heute zahlreiche katholische, aber auch etliche protestantische Theologen den politischen Ansprüchen des Glaubens. Frei Betto, Jon Sobríno, Elsa Támez, Paulo Suess, Leonardo Boff, Gustavo Gutiérrez: Sie und viele andere Theologen haben sich entschieden, für die Hungernden, die Ausgrenzten und Arbeitslosen Partei zu ergreifen. „Option für die Armen“ heißt ihr Motto. Zum ersten Mal in der Geschichte der Kirchen gibt es eine systematisch ausgearbeitete Theologie der Unterdrückten; eine „Wissenschaft von Gott und dem Glauben“, die nicht am Schreibtisch entsteht, sondern im Einsatz für mehr Gerechtigkeit. Der peruanische Priester Gustávo Gutiérrez hat vor 35 Jahren diese „teología de la liberación“, die Theologie der Befreiung,  in ihren Grundzügen formuliert. Bei einer Konferenz in Frankreich sprach Gustavo Gutiérrez kürzlich erneut über seine wichtigsten theologischen Lehrmeister:

„Wir nennen diese Menschen die Bedeutungslosen. Sie haben keine Bedeutung für die Wirtschaft. Sie zählen nichts aufgrund ihrer Hautfarbe. Sie zählen nichts, weil sie Frauen sind. Diese wirkliche Ausgrenzung und Armut ist der Ausgangpunkt unserer theologischen Überlegungen. Denn wir sind überzeugt,  die Frage der Armut ist nicht nur ein soziales Problem. Vielmehr wird von der Armut her unser ganzes Verstehen der christlichen Botschaft geprägt“.

In der ursprünglichen Predigt Jesu werden die Armen selig gepriesen, ihnen gehöre das Reich Gottes, sie seien von Gott besonders geliebt. Die Kirchen haben diese biblischen Weisungen zwar nie ganz vergessen. Aber erst lateinamerikanische Befreiungstheologen haben diese Forderungen wieder in die Mitte kirchlicher Praxis gestellt. Sie erinnern daran, dass Jesus von den Reichen verlangte, den Besitz zu teilen. Auch einige Bischöfe unterstützen diese Theologie, die so leidenschaftlich an einer besseren Welt interessiert ist, zum Beispiel der inzwischen pensionierte Kardinal Evaristo Arns aus Sao Paulo in Brasilien:

„Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

Befreiungstheologen wollen das leibliche, das materielle Wohlergehen der Armen fördern. Nur so kann für sie Kirche glaubwürdig sein! Glaube darf niemals beruhigendes Opium werden, „der Himmel soll geerdet werden“, sagen sie. Die Erlösung durch Gott muss auch weltlich und politisch erfahrbar sein. Dagegen haben führende Vertreter des Vatikans bis hin zu Papst Johannes Paul II. entschieden protestiert. Auch Kardinal Ratzinger meinte als Chef der Glaubenskongregation, die Befreiungstheologen leugneten den Himmel, wenn sie für die irdische Gerechtigkeit hier und jetzt eintreten. Ganz auf dieser Linie denkt ein führender Mitarbeiter der vatikanischen Behörden Jorge Medína Estévez:

„Wenn man die Befreiungstheologie in einem horizontalistischen, also bloß weltlichen Sinne versteht, dann reicht das nicht! Es ist falsch zu glauben, die Rettung durch Christus betrifft vor allem die Veränderung der menschlichen Strukturen, die Arbeitsstrukturen und die ökonomischen Verhältnisse der Armen. Damit hat die Rettung durch Christus nichts zu tun. Denn der wahre katholische Glaube betrifft vor allem das Herz des Menschen. Der Arme ist für den Christen jemand, in dem Christus sichtbar wird. Es geht nicht um den Armen selbst, sondern darum, den Armen in Christus zu sehen“.

Kardinal Medina war in den achtziger Jahren als Erzbischof in Valparaíso, Chile, einer der engsten Freunde und Mitarbeiter des Diktators Augusto Pinochet. Noch als Kurienkardinal in Rom setzt er sich für den Diktator ein. Medina hat auch dafür gesorgt, dass Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Santiago de Chile vom Diktator aufs herzlichste empfangen wurde und mit ihm eine Privat-Messe feierte. Befreiungstheologen haben dagegen protestiert! Aber ihnen ist es wichtiger, gegen eine abwegige Frömmigkeit zu kämpfen, die den Armen sozusagen „vergeistigt“, zu einem Objekt der Christus-Frömmigkeit macht! Den Befreiungstheologen geht es tatsächlich um die Armen als Arme in ihrer Armut! Sie kämpfen für ein besseres Leben hier und jetzt. Und sie glauben, dass genau dies der Wille Gottes ist. Der weltweit bekannte brasilianische Befreiungs-Theologe Leonardo Boff hat diese Meinung vertreten. Er wurde nach vielfachen Schikanen von Rom mit Rede- und Schreibverbot bestraft. Mitte der neunziger Jahre resignierte er und gab sein Priesteramt auf. Ob er noch einmal rehabilitiert wird und die kirchliche Lehrbefugnis, die missio canonica, erlangt?

„Da ich gerade so die Haltung habe, die sehr kritisch ist und deswegen auch mich nicht ganz in der Linie von Rom mich fühle, werde ich nie diese missio canonica bekommen. Und ich bedauere diese Situation, weil es die Freiheit in der Kirche einschränkt und man kann nie eine gute Theologie treiben, ohne Freiheit, ohne Kreativität“. .

Der Vatikan hat mit seiner Politik der Bischofsernennungen die Befreiungstheologie in allen Ländern Lateinamerikas systematisch untergraben. Konservative Oberhirten sollen für Ruhe und Ordnung sorgen. So entspricht die Kirche auch den Vorstellungen der Machthaber in den Ländern selbst, vor allem aber den Wünschen der allmächtigen US Regierung. Für sie heisst „Option für die Armen“ immer noch „Option für den Kommunismus“; eine abwegige Vorstellung, die so oft  widerlegt wurde, aber immer noch in den Köpfen der Herrscher herumspukt. Ludger Weckel hat am Institut für Politische Theologie in Münster diese globale Kirchenpolitik am Beispiel El Salvadors genau beobachtet:

„Der ermordete Erzbischof Romero 1980 war einer der ganz grossen Verteidiger der Befreiungstheologie an der Seite der Armen. Ist deswegen umgebracht worden. Sein Nachfolger war durchaus eher in der Linie, ein eher vorsichtiger Mensch, aber trotzdem in der Linie der Befreiungstheologie. Und heute ist ein Erzbischof, in San Salvador am Werk, der ist in erster Linie Militärbischof und als solcher auch mit seinen Positionen vertreten. Und favorisiert in diesem Bistum ganz eindeutig sehr konservative, sehr reaktionäre Kräfte“.

Und die machen sogar auch noch den bescheidenen Studienzentren der Befreiungstheologie das Überleben möglichst schwer. Die Theologieprofessorin Martha Zechmeister hat dies bei ihren Studien – Aufenthalten in San Salvador erfahren:

„Repressalien gibt s genug. An der UCA, der Universität der Jesuiten, haben die Diözesan Priester von San Salvador das Verbot dort zu studieren. Und Ordensgemeinschaften,  die dürfen nicht auf Diözesangebiet wohnen. Also die müssen lange Fahrwege in Kauf nehmen. Der Erzbischof verweigert das Wohnrecht. Also es sind Repressalien massiver Natur. Verrückt auch!“

Aber in gewissem Sinne „verrückt“ erscheint es vielen Beobachtern, dass sich die Befreiungstheologen und die mit ihnen verbündeten Armen NICHT mundtot machen lassen. Darin folgen sie ihrem Vorbild, dem von Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero aus San Salvador. Seiner Vision folgend, halten sie daran fest, nach einem „geerdeten Himmel“ zu suchen. Dabei nehmen sie es in Kauf, dass sich die Wohlhabenden und Reichen von ihnen abwenden. Professor Martha Zechmeister erlebt dies ständig in der Kathedrale von San Salvador:

„Die Unterkirche ist die Krypta Monsignore Romeros. Und da sind die Campesinos, die ihren Tagesmarsch hinter sich haben und wo das Volk feiert mit ihrem Märtyrer in einer sehr vitalen und ausdrucksstarken Weise. Und sie haben darüber die Kathedrale, die ist jetzt in einem Neoklassizismus wunderbar vollendet. Und da feiert Erzbischof Saenz, der jetzige Opus Dei Erzbischof von San Salvador, seine Hofliturgie, mit dem Präsidenten in der ersten Reihe. Frauen in hübschen Kostümchen, Uniformen, sammeln die Kollekte ein. Und da gibt es auch die einzige Orgel im Land. Es sind auf engsten Raum zwei kirchliche Welten, die nicht kompatibel sind“.

Heute wird in der Öffentlichkeit bereits von einer Spaltung der katholischen Kirche in Lateinamerika gesprochen, vom einer Spaltung zwischen Reichen und Armen Christen. Die wenigen Begüterten haben ihre eigenen „Wohlstandstheologen“. Sie gehören vor allem zum Umfeld der Geheimorganisation Opus Dei und der Ordensgemeinschaft Legionäre Christi. Aber von diesen Problemen abgesehen: Die Armen und die mit ihnen verbündeten Theologen haben noch viel heftigere Konflikte auszustehen:

„Unsere größte Schwierigkeit, für die Befreiung einzutreten, kommt von der politischen Macht, von der ökonomischen und militärischen Macht; diese Systeme töten die Christen, sie haben Erzbischof Romero getötet und Hunderte von engagierten Christen“.

Die Liste der Opfer ist lang. Wer im Engagement für die Befreiung sein Leben ließ wird oft wie ein Heiliger verehrt. Die Täter sind meist bekannt: Denn der gezielte, zum Teil tödliche Kampf gegen die Befreiungstheologen und ihre Freunde wird besonders von den USA aus organisiert. Inzwischen hat Amnesty International nachgewiesen, dass vor allem in der Militärakademie „School of Americas“ im Bundesstaat Georgia Tausende von Scharfschützen im Kampf gegen die aufmüpfigen Armen Lateinamerikas ausgebildet wurden. Aber die engagierten Gruppen lassen sich nicht einschüchtern. Im Gegenteil, an der Basis entstehen immer mehr Initiativen, NGOs wie man heute gern sagt. Sie versammeln sich regelmäßig, z.B. bei den Treffen des Weltsozialforums. Der Befreiungstheologe Franz Hinkelammert aus Costa Rica war bei diesen Treffen in Brasilien dabei:

„Es entsteht ein Christentum auf der Strasse. Diese Gruppen, die sich heute etwa in Porto Alegre treffen haben eine enorme Partizipation von christlichen Personen; aber auch christliches Denken spielt eine grosse Rolle.  Aber Christentum geht wieder auf die Strasse, da habe ich überhaupt keine Zweifel,. Und zwar auf eine sehr autonome Art und Weise. Die machen richtige Gottesdienste und die holen dann auch mal einen Priester dazu, oder auch nicht. Aber da ist eine selbstständige Welt am Entstehen“.

Aber diesen Basis-Gruppen weht der Wind stärker denn je ins Gesicht. Die ökonomische Macht in den reichen Ländern nimmt immer mehr Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas. Die Völker werden wegen der hohen Auslandsverschuldung so unter Druck gesetzt, dass sie den Weisungen der internationalen Konzerne Nordamerikas und Europas folgen müssen. Um des Profits willen werden gewisse soziale Errungenschaften in Frage gestellt, wie das Verbot der Kinderarbeit, der Streik der Gewerkschaften, der Mutterschutz, die Krankenversicherung, die Umweltgesetze usw. Sie gelten den Herren der allumfassenden Privatisierungen als „Marktverzerrungen“. Und die  müssen abgeschafft werden! Der Theologe und Ökonom Professor Franz Hinkelammert aus Costa Rica spricht in dem Zusammengang von dem Kampf der Basis gegen das allmächtige Imperium:

„Die grossen Schritte gibt s nicht im Moment, aber es gibt unglaublich viele Volksbewegungen, in Argentinien, Venezuela usw. Die Sache ist nicht verloren, wenn auch die Volksbewegungen das Imperium selbst nicht treffen können, das ist klar“.

Es sind die Theologen der Befreiung, die Ordensleute sowie die gebildeten Frauen und Männer aus aktiven Gemeinden, die sich der Allmacht der globalisierten Wirtschaft immer noch widersetzen. Sie haben inzwischen viele Mitstreiter gefunden. Zum Beispiel: 180 Millionen Hektar Ackerland liegen in Brasilien brach, es gehört den Großgrundbesitzern. Und gleichzeitig hungern Millionen Menschen! In ihrer Not besetzen immer mehr Arme das ungenutzte Land;  für sie die einzige Chance zu überleben. Die brasilianische Bewegung der Landlosen ist daraus entstanden, sie zählt mehr als 400.000 Mitglieder. Der Franziskaner Pater Augustinus Diekmann aus Bacabal in Nordost-Brasilien unterstützt diese Gruppen.

„Das Bezeichnende ist nicht nur an der Landlosen-Bewegung,  sondern auch an anderen Basisbewegungen in Brasilien ist, dass die mehr und mehr unabhängig geworden sind, unabhängig von Kirchen, Parteien, von Gewerkschaften und anderen sozialen Gruppierungen. Was ich sehe begrüsse: Wer dort mitmachen will, kann das tun, auch wir von der Kirche, Aber wir haben nicht in erster Linie das Sagen. Das Positive ist, dass eine betroffene Gruppe, nämlich die Landlosen, ihr Schicksal selbst in die Hand genommen haben“.

Die Ideale der Befreiungstheologie sind nicht totzukriegen: Die größte brasilianische NGO ist das Werk „Crianza, Hilfe für elende Kinder“. Einige Millionen Heranwachsender wurden durch diese Initiative eines gesundheitlichen Basisdienstes vor dem Tod bewahrt! Gegründet hat diese Bewegung „Crianza“ die brasilianische Ärztin Zilda Arns, sie ist die Schwester von Kardinal Arns:

„Wir haben 262.00 ehrenamtliche Menschen, die uns helfen, von diesen die meisten leben in ganz armen Gemeinden. Die Armen helfen den Armen! Wir geben Kurse zur Bildung dieser Armen, dass gut die Kinder können aufpassen, gesund und Erziehung und alles. Und dann diese armen Leute vermehren die Solidarität mit den anderen Familien, den Nachbarn. Und dann haben wir eine Million und dreihundert tausend  Familien, die jeden Monat sind besucht. Es ist wichtig, dass wir gute Krankenhäuser haben, aber es ist mehr wichtig die Prävention“.

In einer Situation, in der selbst progressive Parteien von Korruptionsskandalen erschüttert werden, sind oft die christlichen Gemeinden und ihre Befreiungstheologen noch die einzigen Verteidiger der Menschenrechte. Bischof Erwin Kräutler vom Riu Xingu in Brasilien versteht sich als „ökologischer Befreiungstheologe“, wenn er sich gegen die globalen Rodungen der Wälder in der Amazonas Region wehrt:

„Da brennen einem die Augen Tag und Nacht vom Rauch. Da fahre ich hunderte Kilometer im Jeep, und was ich in diesen Monaten sehe, ist nichts als Asche und verkohlte Baumstämme auf beiden Seiten der Strasse. Alle 500 Meter kommt mir zudem ein schwerbeladener Lastwagen entgegen  aus dem nicht noch nicht abgebrannten Urwald und aus den Indianerreservaten werden Tausende von Kubikmetern Mahagoni Holz in die Nächste   geschickt. Auch dieses Holz gehört nicht den Brasilien, sondern den Europäern und den Nordamerikaner. Die Kirche darf nicht neutral bleiben, denn es geht um Leben und Tod. Tatenlos zuzusehen wie Gottes Schöpfung zerstört wird, das ist Gottes Lästerung“.

Die Christen, die immer noch für die Befreiung von sozialer Ungerechtigkeit kämpfen, haben eine spirituelle Heimat, einen Ort, wo sie religiöse Kraft empfangen für ihr stets bedrohtes Leben. Und das sind die kleinen, überschaubaren Basisgemeinden. Allein in Brasilien sind über eine Million Menschen mit ihnen verbunden. Pater Augustinus Dieckmann:

„In diesem Netz der Basisgemeinen ist gar nicht wegzudenken diese Verkoppelung von Glauben und Leben. Zum Beispiel eine viel stärkere Nachbarschaftsstruktur als hier in Deutschland, auch unter Christen. Dass es einem nicht egal ist, wie es den Alten geht, wie es den Kindern geht, ob die Schule funktioniert. Es ist nicht eine Gemeinde, die man mit einem Supermarkt vergleichen könnte, wo die Kirche halt Dienstleistungen und darunter auch die Sakramente anbietet, es geht eher in die Richtung eines persönlichen Engagements. Ich entscheide mich dafür, weil ich von meinem Glauben überzeugt bin, dass es gut ist, in solch einer Gemeinschaft mitzumachen“.

Die Mitglieder der Basisgemeinden wählen als demokratisch strukturierte Gruppen ein Team von Frauen und Männern zu Gemeindeleitern. Und diese Verantwortlichen möchten gern auch die Messe mit ihren Kreisen feiern. Aber der Vatikan ist strikt dagegen, er zeigt sich wie übermächtiger Verwaltungs-Apparat: Nur zölibatären Priestern erlaubt er die Feier der Eucharistie. Viele tausend Basisgemeinden in ganz Lateinamerika müssen darum auf die Messe verzichten, weil es viel zu wenige Pfarrer gibt. Gegen diese vom Klerus bestimmte Kirchen-Struktur wehren sich Befreiungstheologen, wie zum Beispiel Pater Heribert Rembecki aus Bacabal in Nordost-Brasilien:

„Wir haben eine komplizierte Art, Kirche zu verwirklichen. Wir haben eine komplizierten Apparat, wir müssen unsere Missionsarbeit, unsere kirchliche Arbeit, viel viel einfacher machen. Weniger zentralistisch. Und immer mehr Laien auch Verantwortung übergeben, nicht nur mal hier und da“.

Die Katholische Kirche Lateinamerikas steht vor einer globalen Wende: Die Befreiungstheologen, offiziell eingeschränkt und manchmal verteufelt, arbeiten an der Basis weiter. Auf der anderen Seite pflegt Rom beste Kontakte zu den politisch-ökonomischen Herrschaftseliten. In dieser Situation wenden sich viele tausend lateinamerikanische Katholiken den modern erscheinenden, flexibel agierenden evangelischen Pfingstkirchen zu. In manchen Ländern gehört schon jeder Fünfte diesen eher fundamentalistisch frommen Gemeinen an. Nur wenige katholische Bischöfe haben überhaupt noch den Mut, Reformen anzumahnen. Zu ihnen gehört Bischof Norberto Strothmann aus Chosica in Peru:

„Wir brauchen als Motivationsschub eine starke eine starke sozialengagierte, linke Theologie. Sie müssen davon ausgehen, dass wir in Lateinamerika in einer Unrechtssituation sind. Und es kann doch nicht sein, dass der katholische Kontinent, was soziale Ausgewogenheit angeht, so ziemlich an letzter Stelle auf Weltebene herumhantelt. Das bedrückt mich und macht mich ungeheuer besorgt. Wenn Sie in dem Zusammenhang eine Diagnose erlauben, ich würde wünschen, dass Rom so etwas hört: Wenn das noch 20 Jahre so weitergeht, dass zu sozialen Fragen nicht dezidierter Stellung genommen wird, dann könnte es zu einem grossen Erdrutsch kommen. Denn man sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, die Zuwachsraten bei den rechtsgerichteten Sekten christlicher Provenienz sind sehr hoch, aber es könnte auch so sein, dass die Enttäuschung über die katholischen Kirche ihr noch mal leicht 50 Prozent ihrer Mitglieder wegbrechen lassen könnte“.

Die offizielle Ausgrenzung der Befreiungstheologie hat die Glaubwürdigkeit der Kirche beschädigt. Die Armen fühlen sich alleingelassen, wenn nicht verraten von dieser weltumspannenden kirchlichen Organisation, die offenbar selbst Teil der globalen Herrschaft geworden ist. Anders können es sich die Armen ja nicht erklären, dass der Vatikan ungerührt an uralten, im europäischen Mittelalter entstandenen Kirchengesetzen festhält und diese den Lateinamerikanern heute aufdrängt. Wer kann es den Armen dann verdenken, wenn sie jetzt ihr Heil in kleinen, überschaubaren Pfingstgemeinden suchen? Ob sie dort eine Antwort finden für ihre Suche nach umfassender Befreiung ist allerdings die Frage. Es bleibt ein mühevoller Prozess, „den Himmel zu erden“.

Aktualisiert am 9. Mai 2016 durch CM