Rechtsextreme und Identitäre in der katholischen Kirche Frankreichs heute

Wenn die „Identitären“ das Evangelium verfälschen und die Kirche beherrschen
Ein Hinweis am 16.9.2026 von Christian Modehn auf ein neues Buch.

Ein Vorwort:
Wir bieten hier ein Beispiel dafür, wie Rechtsextreme in Frankreich auch das Leben der katholischen Kirche bestimmen; mit ihrer Ideologie das kirchliche Leben vergiften und die Gläubigen beeinflussen, d.h. zu einer gesellschaftlichen und politischen Praxis verführen, die mit den Weisungen Jesu von Nazareth UND der humanen Vernunft nichts mehr zu tun hat. Und die Kirchenführung in Frankreich ist wie üblich hilflos. Und hat nichts Dringenderes zu tun, als die massenhaften Massenkundgebungen (anders kann man das Spektakel nicht bezeichnen) mit Papst Leo zu organisieren: Welch ein Wahn, dass der Papst allen Ernstes eine Messe, Eucharistie genannt, mit 600.000 Frommen auf der Place de la Concorde „feiern“ will. Nebenbei: Wenn alle diese 600.000 Leute sich dann die Kommunion (Hostie) in den Mund stecken wollen, werden Stunden des Austeilen vergehen. Und die Place de la Concorde? Absolut kein heiliger Ort, sondern ein Ort des Mordens und Abschlachtens, etwa in der Französischen Revolution… Von den Straßenschlachten dort zwischen Rechtsextremem und der Polizei 1934 ganz zu schweigen.. Ein sehe feiner Platz halt, voller Charme und göttlichen Friedens… Hat die katholische Kirche angesichts des auch in Frankreich drohenden Faschismus (Wahl 2027, Sieg des Rassemblement National…) nichts Dringenderes? Aber die in Frankreich stets schrumpfende Anzahl der Frommen sucht Halt bei Ihrem Führer, dem Papst. Die Huldigung für einen Führer ist also nicht zu überwinden…Und: Diese Vier-Tages-Reise des Papstes als Chef des „Heiligen also Stuhls“ und PAPA aller Katholiken kostet mindestens 25 Millionen Euro…

Ein weiterer Hinweis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zu „Rechtsextreme Katholiken“ in Frankreich: LINK 

1.
Pünktlich zum Besuch Papst Leos in Lourdes, Paris und Metz (25. – 28. September 2026) erscheint ein Buch über den Zustand der katholischen Kirche in Frankreich. Der Essay von 155 Seiten erinnert manchmal an eine theologische Meditation voller Empörung über die rechtsextremen Tendenzen in der Kirche… Der Autor ist ein kenntnisreicher Insider, kein „Kritiker von außen“, kein „Religionssoziologe… sondern ein Priester, der die gefährliche Entwicklung in der französischen Kirche freilegt. De Sinety (Jahrgang 1968) ist ein Kleriker mit einer beachtlichen Karriere: Er war Sekretär des konservativen Kardinals Lustiger in Paris (2004), Pfarrer in sehr bürgerlichen, reichen Vierteln in Paris; jetzt hat er eine führende Stellung im Bistum Lille: Da kommt kein Verdacht einer linken häretischen Abweichung auf.

2.
Der Titel des Buches: „La Cause du Christ“, „Die Sache Christi“. Sicher ist „cause“ auch im juristischen Sinn als „Causa“ gemeint, es geht dem Autor letztlich um das Urteil, dass sich katholisch nennende Gruppen die Sache Christi verfälschen: Der Untertitel ist präzise: „L` évangile contra l` identité chrétienne“: „Das Evangelium gegen die `christliche Identität`“. Das Buch ist eine dringende Warnung vor den sich katholisch nennenden rechtsextremen Kreisen, die politisch auf der „christlichen Identität“ Frankreichs (und Europas) insistieren: Diese Kreise wollen ein strenges, intolerantes Europa bauen, das sich als christliches Bollwerk gegen den Islam versteht, ein christliches Bollwerk ohne Menschenrechte gegen alle Fremden, gegen alle, die sich gegen den Wahn eines abgeschotteten Abendland wehren. De Sinety betont: Da wird das Christentum missbraucht, da wird das Evangelium Jesu Christi verfälscht und zerstört. Auf entsprechende Tendenzen im us- amerikanischen Katholizismus weist de Sinety hin; wir stellen Frankreich in den Mittelpunkt.

3.
Das Evangelium ist für den Autor eine Botschaft der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, der Gastfreundschaft für Fremde, der universellen Liebe eines Gottes, der als „Vater“ aller Menschen geehrt wird. Es geht also nicht nur um humanistische Werte, diese sind Gebote Gottes, für Katholiken unverzichtbar für ein humanes Zusammenleben.

4.
Diese Feinde des Evangeliums, die sich als Freunde des abendländischen Christentums tarnen, gewinnen immer mehr Macht, urteilt de Sidney: Es gibt etwa die Gemeinden der mit Rom versöhnten Traditionalisten, wie das reaktionäre „Institut du bon Pasteur“ in Bordeaux, dort ist Abbé Matthieu Raffray für die rechtsextreme Sache heftig in den social Medien engagiert…
Es gibt die katholischen „Columbus- Ritter“ mit ihrer radikalen Forderung: Es muss wieder richtig männliche Männer geben, also die Kämpfer und Krieger so wie dann auch als Beschützer ihrer sorgenden Frauen zu Hause. „Virilität“ heißt die neue Tugend (S. 26 ff.). Zu den Columbus Rittern n Frankreich: https://www.chevaliers-de-colomb.fr/index.php/les-enjeux-de-la-masculinite/
Auch die berüchtigte rechtsextreme katholische „academia christiana“ erwähnt de Sinety, selbstverständlich ist von den vielen tausend Freunden der „alten Messe“ im Sinne der Traditionalisten die Rede: Und er weist darauf hin, dass diese alte Messe mit dem Priester im absoluten Zentrum, von den Gläubigen abgewandt zelebriert er die Messe; die Gläubigen werden zur schweigenden Masse der Ehrfürchtigen in einem für sie sprachlich unverständlichen „Mysterium“. Diese Messen sind Ausdruck der alten feudalen Ordnung, der (Un)Ordnung der Hierarchie. Dass de Sinety die neue Messe des Konzils als demokratische Form versteht, ist freilich sehr fragwürdig, gerade wenn man an den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt denkt.

5.
Im Mittelpunkt der Ideologie, Glaube genannt, der Identitären steht: Christus ist ein Meister und Lehrer der Stärke und Macht. Christus ist ein Kämpfer für „die“ Wahrheit. Christus wurde in einem bestimmten Volk geboren, deswegen gilt: Gott liebt – nun – das christliche Volk Frankreich. Bezeichnenderweise interessiert in diesen Kreisen die Gestalt Jesu von Nazareth nicht, weder seine Gleichnis Reden noch seine Bergpredigt. Die Rede von Christus kommt – wie so oft- ohne einen Bezug zu Jesus von Nazareth aus.
Dieser Katholizismus der moralischen Strenge und politischen Macht findet immer mehr Anklang in den Kreisen, die man einst „normale, bürgerliche Gläubige“ nannte. Über die verbliebenen Mitglieder der französischen Kirche beschreibt der Autor: „Der französische Katholizismus ist jetzt soziologisch gesehen, was er niemals exklusiv sein dürfte: Bürgerlich, bourgeois, ´konsumorientiert…“
Linke, kritische Katholiken haben sich längst aus der Kirche verabschiedet. Auf Seite 64 heißt es: „En moins de vingt ans, tout a basculé“: „In weniger als 20 Jahren ist alles gekippt, befindet sich die französische Kirche also am Kipppunkt:“ Zahlreiche wissenschaftliche Umfrage zeigen bekanntlich seit Jahren: Nur noch eine Minderheit (30 %) der Franzosen nennt sich katholisch, eine verschwindende Minderheit (etwa 4 Prozent) nimmt noch an der Sonntagsmesse gelegentlich teil, die Zahl der Priester sinkt ständig, immer wieder werden neue Missbrauchsfälle im Klerus freigelegt … LINK

Angesichts des Niedergangs dieser Kirche „trösten“ auch die 20.000 Taufen von Erwachsenen und Jungendlichen im Jahr 2026 nicht.

6.
Militante rechtsextreme Kreise im französischen Katholizismus wollen diese am Boden liegende Kirche retten und als politisch machtvolle Organisation zugunsten des „christlichen Abendlandes“ aufbauen. Sie streben eine Kirche ohne Christus an, eine machtvolle Kirche, vom Evangelium entkernt. Diese Ideologie hat eine lange Tradition in Frankreich: Das Vorbild der heutigen katholischen Rechtsradikalen ist die „Action Francaise“ um 1920, sie war auch antisemitisch fixiert. Auf den Antisemitismus verzichtet jetzt die rechtsradikale Le Pen Nachfolge -Partei „Rassemblement National“ aus taktischen Gründen… Ein anderer Rechtsextremer und „Identitärer“ ist der Jude Eric Zemmour, er ist ein expliziter Feind des Islams und explizit auch ein Verteidiger der „Rückführung“, also des Rausschmeissens von störenden (muslimischen) Fremden…

7.
Benoist de Sinety, der wie gesagt, kein Religionssoziologe ist, bewertet die rechtsextremen Kreise Im französischen Katholizismus als Kräfte der Zerstörung. Diese Leute bauen Mauern aus Hass, Schlösser der Paranoia.

8.
Es ist paradox: Das Buch von Benoit de Sinety ist im Verlag Grasset in Paris erschienen. Dieser Verlag gehört dem rechtsextremen katholischen Medien- Mogul und Milliardär Vincent Bolloré, er ist ein Freund der Identitärer Politiker: LINK

De Sinety erwähnt in seinem Buch sehr vorsichtig sogar Bolloré (S. 94f.), nennt aber keine Fakten zu dessen Imperium, sondern beschränkt sich sehr schlicht (ängstlich?) darauf, an einige Lehren Jesu Christi zum Reichtum und zum Leben im Staat zu erinnern. Auch den anderen prominenten katholischen Milliardär Pierre Stérin erwähnt de Sinety: Da wird er schon etwas konkreter, wenn er daran erinnert, dass dieser Milliardär – Wohltäter leider keine Projekte unterstützt, die sich auf die Unterbringungen von Migranten, also Flüchtlingen, beziehen (S. 96).
Das Buch des Priesters de Sinety gegen die Identitäten Katholiken ist am 13. Mai 2026 erschienen: Offenbar konnte Bolloré den Druck dieses Buches und den Vertrieb nicht mehr stoppen, so landete es in den Buchhandlungen am 13. Mai. Einen Monat zuvor (am 14.4.2026) hat Bolloré den weithin geschätzten verantwortlichen Hauptlektor des Grasset – Verlages, Olivier Nora, fristlos entlassen: war es die Wut, weil Nora das Buch von de Sinety publizierte?

9.
So wertvoll auch die heftige Warnung de Sinetys vor der Umgestaltung der französischen Kirche durch die katholischen Rechtsradikalen und Identitätren in Frankreich ist: Die Argumente des Autors wirken manchmal merkwürdig schwach, etwa wenn er die bestehende Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich, die laicité, nur als einen formalen Rahmen versteht, den die Kirche mit (ihrem) Inhalt füllen sollte: Dabei hat doch die laicité selbst ihre eigene humanistische Philosophie: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, letztlich auch die Menschenrechte als das Ideal der Republik. Mit den klassischen theologischen Argumenten des sehr frommen Autors de Sinety wird man die Rechtsradikalen und Identitären, selbst wenn sie sich katholisch geben, nicht von ihrem falschen Denken und falschen Handeln abbringen. Anders gesagt: Ohne philosophische Argumente wird man rechtsextremen Ideologien – auch katholisch rechtsextremen Ideologien – nicht begegnen können.

10.
Man muss freilich auch daran erinnern, dass auch schon 2016 der Journalist Jean-Claude Guillebaud in der Pariser Wochenzeitschrift „La Vie“ an jene Rechtsextreme erinnerte, die er «Les catholiques athées“, also die atheistischen Katholiken nannte, in Erinnerung an die genannte „Action franciase“ und ihres Gründers Charles Maurras. Auch ihm ging es um die Verteidigung der Institution Kirche als Garantie der konservativen Ordnung. Auch Mussolini war ein Anhänger dieser – vom Papst verbotenen, aber bis heute lebendigen – Ideologie. Der Schriftsteller Georges Bernannos hat der Action Francaise heftig widersprochen, in seinem Text “Scandale de la verité“, Skandal der Wahrheit, schieb er 1939 über diese „falschen Christen“, die katholischen Rechtsextremen: «Ils croiraient volontiers que le Christ est mort uniquement pour la sécurité des propriétaires, le prestige de tous les hauts fonctionnaires et la stabilité des gouvernements-: „Sie glauben ohne weiteres, dass Christus einzig für die Sicherheit der Eigentümer gestorben ist, für das Prestige der hohen Beamten und die Stabilität der Regierungen. (Der französische Text von Bernanos: LINK.  https://fr.wikisource.org/wiki/Scandale_de_la_v%C3%A9rit%C3%A9)

11. ERGÄNZUNG:

Der Essay von Benoit de Sinety „La Cause du Christ“ nennt nur wenige Gruppen, Gemeinschaften und Orden, die zu der sehr rechten, stets stärker werdenden Dimension im französischen Katholizismus gehören: Ich nenne ergänzend einige Beispiele dieser einflussreichen Kreise, sie werden unter Religionssoziologen als „intransigent“ bezeichnet, das heißt:. Sie sind „kompromisslos“, „unerbittlich“, „unnachgiebig“ hinsichtlich ihrer Treue zu ihren extrem konservativen Überzeugungen.
In einer Studie in dem Buch „Jean Paul II – la fin d` un règne“ (Edition Golias 2003) werden viele der neuen geistlichen Gemeinschaften genannt, etwa Emmanuel oder die Gemeinschaft „St. Jean“ und so weiter, alle snd seit Jahren nun bekannt auch als Orte sexuellen Missbrauchs und spirituellen Missbrauchs. Auf S. 184 wird auf die „Intransigenten Medien“ verwiesen, etwa auf „La Nef“, „L Homme nouveau“, „Familie chrétienne“, „France catholique“. oder auch auf die machtvolle Organisation „Associations familiales catholiques“ (AFC). Das Opus Dei hat auch in Frankreich einen eigenen Verlag, „Editions du Laurier“…. Diese reaktionären Kreise bestimmen weithin das Leben der katholischen Kirche in Frankreich. Aus diesen Kreisen werden die vielen tausend Papst – Bewunderer stammen anläßlich der Reise Papst Leos nach Lourdes, Paris und Metz…

Benoist de Sinety, „La Cause du Christ. `L Evangile contre l`identité chrétienne“. Paris 2026, Editions Grasset, 160 Seiten, 16 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Die AFD und der Front National, Frankreich

Hinweise von Christian Modehn nicht nur anläßlich des Katholikentages in Münster

Dieser Beitrag zeigt:

Die Verbindungen zwischen Katholiken und rechtsextremen Gruppierungen und deren Ideologien sind in Frankreich sehr viel ausgeprägter als in Deutschland. Das ist hier kein Grund zum Jubeln, sondern nur eine Art Mahnung: Was in Frankreich heute in weit verzweigten rechtsextrem – katholischen Netzwerken geschieht, kann bald auch in Deutschland (oder Österreich, der Schweiz usw.) bestimmend werden. Dabei ist historisch vorausgesetzt: Rechtslastiges und rechtsextremes Denken spielt im französischen Katholizismus seit der Französischen Revolution eine ungebrochen große Rolle. Der Kollaborateur Marschall Pétain etwa verstand sich als praktizierender Katholik. Und viele Bischöfe standen an der Seite Pétains. Die Résistance war bekanntlich nur die Sache einer Minderheit, von linken Katholiken, Sozialisten und Kommunisten.

Die freundschaftlichen Verbindungen zwischen der AFD und der rechtspopulistischen, rechtsradikalen Partei Front National sind spätestens seit dem Treffen dieser Parteien in Koblenz im Januar 2017 evident. Deutschland ist anders als Frankreich. Aber leidenschaftliche Verteidiger der Demokratie mit aller Hingabe zugunsten der Menschenrechte sind bekanntlich hier eher die Ausnahme.

Im Umfeld des Katholikentages von Münster im Mai 2018 wird viel über die „Christlichkeit“ der AFD und ihrer Grundsätze diskutiert. Immerhin haben bei der Bundestagswahl 2017 zehn Prozent der Christen in Deutschland die AFD gewählt; sie glaubten also, in der AFD auch ihrer Kirchlichkeit Ausdruck geben zu können. Viele kritische Beobachter sprechen hingegen treffend vom Verachten explizit christlicher Grundsätze im Parteiprogramm der AFD. Vor allem im verbalen Umgang dieser Politiker (und deren oft rabiater Anhänger) mit politischen Gegnern bzw. Feinden ist wenig von Toleranz und selten etwas von vernunftgesteuerter Debatte zu spüren. Toleranz und Vernunft sind bekanntlich die ins Weltliche, in Humanistische, übersetzten Prinzipien einiger Weisheits – Lehren Jesu von Nazareth. Menschenrechte als unantastbare Basis des Zusammenlebens haben humanistische Wurzeln, sind aber auch christlich inspiriert, aber das nur nebenbei.

Diese Debatten über die (Un)Christlichkeit der AFD wirken relativ“ milde“, wenn man an die Bindung von Katholiken an rechtsradikales Denken und rechtsradikale Parteien in Frankreich denkt.

Ich nenne einige Aspekte im weiten Netzwerk rechtsextremer Katholiken und deren Ideologien.

1.Rechtsextreme Katholiken in Frankreich sind – seit langem – sehr zahlreich. Soziologen unterscheiden in Umfragen zwischen den so genannten praktizierenden und den nicht mehr an Gottesdiensten teilnehmenden Katholiken: Beim 2. Wahlgang zur Präsidentenwahl 2017 haben 38 Prozent der praktizierenden (!) Katholiken für die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen gestimmt! (Quelle:http://www.lemonde.fr/election-presidentielle-2017/article/2017/05/09/les-catholiques-pratiquants-ont-vote-le-pen-a-38_5124530_4854003.html).

Diese Kreise benutzen jetzt die Ermordung des greisen Priester Jacques Hamel während der Messe in St. Etiénne du Rouvray bei Rouen am 26. Juli 2016 durch zwei islamistische Mörder des IS als Beweis für die Schwäche des französischen Christentums: Das Bild wird verbreitet: Der uralte Priester inmitten einer winzigen Gemeinde alter Menschen, die dem bedrohten Pfarrer nicht beistehen konnten. Es gibt eine katholische Gruppe mit dem Titel „Optimum“, die der katholischen charismatischen Bewegung Emmanuel nahe steht (sie ist auch in Deutschland sehr aktiv). Der „Optimum“ Gründer Gabriel Morin sagte im Zusammenhang der Ermordung des greisen Priesters: „Der Islam entwickelt sich bei uns, weil uns die Männlichkeit (virilité) fehlt. Die Muslime fragen uns: Warum sei ihr Christen nicht stärker? Sie können unsere Resignation/Schwäche nicht verstehen“. Dahinter verbirgt Gabriel Morin die Behauptung: Die Katholiken „müssen die Weichheit und Weiblichkeit aufgeben und männlicher und stärker werden, um dem Werben des Islams in Frankreich zu widerstehen“, so deutet der Politologe Jérome Fourquet in seiner neuesten Studie „à la droite de Dieu“, Paris 2018, S. 46, diese Aussage des „Optimum“ – Gründers. Er organisiert für Männer eine Art Sommerlager, damit diese wieder die Stärke ihrer (selbstverständlich) heterosexuellen Männlichkeit entdecken und pflegen. Diese Sommerlager mit der Männlichkeitsschulung stammen ursprünglich aus evangelikalen Kreisen der USA, aber sie finden in Frankreichs rechtslastiger katholischer Kirche Zuspruch (siehe: https://psyzoom.blogspot.de/2016/12/des-catholiques-veulent-rendre-leglise.html)

2. Die „starken katholischen Männer“ sollen sich gegen die sehr männlichen, aber als aggressiv wahrgenommenen islamischen Männer und ihr missionarisches Werben behaupten: Dies ist auch das Ziel des Vereins „Pater“, gegründet von Pfarrer Simon Chouanard: „Gott (der katholische Gott, CM) will nicht freundliche Knaben; er will (echte) Männer“. Dies ist das Motto seines Vereins. Selbstverständlich tritt der Verein „Pater“ (Vater) für die Trennung der Geschlechter in der Erziehung ein. In entsprechenden „Lagern“ (camps-retraites) werden junge Männer den Initiationsriten unterzogen. Von dieser Idee ließ sich der allgemein als reaktionär eingeschätzte Bischof von Toulon, Dominique Rey, Mitglied der in Frankreich mächtigen charismatischen Bewegung Emmanuel, begeistern: Er veranstaltet „Sommerlager der Virilität“ seit 2014 in seinem Bildungshaus in Sainte Baume, Département Var. Nebenbei: Über Bischof Rey wurde schon vieles publiziert: Ich habe kürzlich geschrieben: Dem Front National eher zugeneigt ist neben anderen Bischöfen vor allem Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er die FN Politikerin Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras Quelle: http://religionsphilosophischer-salon.de/9039_die-rechtsradikale-partei-front-national-und-marine-le-pen-sprechen-von-christlichen-wurzeln-europas-hinweise-auf-gefaehrliche-propaganda_religionskritik

3.Diese katholischen Initiativen zur Stärkung einer militanten katholischen Männlichkeit sind eng verbunden mit der seit Jahren bestehenden katholisch geprägten Massenbewegung „La Manif pour tous“, also der landesweiten Massen – Demonstrationen gegen die so genannte Homo-Ehe. Das Gesetz für die Homo-Ehe wurde vom Parlament im Mai 2013 beschlossen; aber die Proteste gehen weiter und haben das ganze Land aufgewühlt und gezeigt: Wie viele Massen von rechtslastigen katholischen Organisationen auf die Straße zur Demo gebracht werden können. Auf diese Weise wurde die Hetero- Ehe sozusagen neben Gott und der Kirche zum obersten Wertund Halbgott für Katholiken. Mit all der üblichen Abwehr von Gender – Akzeptanz! Die „heilige Hetero – Familie“ mit der Frau in der Küche erlebt nicht nur unter Frankreichs Katholiken einen Boom.

4.Selbstverständlich gibt es auch eigene katholische Vereine und Ordensgemeinschaften, die sich ausdrücklich um die Bekehrung der Muslims zum katholischen Glauben bemühen. Am 4. Februar 2017 fand etwa in der Gemeinde Notre Dame de Bellecombe von Lyon ein noch eher geheimes Treffen statt unter dem Thema: „Jesus der Messias. Wie kann man sich bilden, um die Frohe Botschaft Christi den Muslims zu verkünden“. Dabei waren Konvertiten aus dem Islam, wie etwa der bekannte Mohammed Christophe Bilek, 66 Jahre alt, er stammt aus Algerien und ist der Gründer des Vereins „Unsere liebe Frau von Kabylien und die Mutter Quabel“. Ausdrücklich wird angesichts der angeblichen totalen Bedrohung durch den Islam in Frankreich das Recht verteidigt, dass Muslime Christen werden sollten. Gegen Religionsfreiheit und freie Wahl der Konfession ist überhaupt nichts zu sagen! Auffällig ist nur der Rahmen, in dem für Konversionen aus dem Islam geworben wird! (vgl. die entsprechende Werbung: http://www.eleutheros.eu/prier/priere-du-dimanche-de-la-communion).

Und es bilden sich immer mehr Gruppen, die speziell die Muslims bekehren wollen, wie die „Kleinen Brüder und kleinen Schwestern vom Lamm“ (sic!) oder die Gemeinschaft Rocher, die betont: „Die Banlieue (mit ihren zahlreichen islamischen Bewohnern) ist eine unglaubliche Chance für die Evangelisierung“, so Cyrill Tisserand, Gründer von „Le Rocher“. Mit anderen Worten: Es setzt sich unter Katholiken die Meinung durch: Nur ein bekehrter Muslim ist ein akzeptabler Muslim, weil er dann „ungefährlich“ ist.

5.Auf der Linie der Werbung für Konversionen liegt auch der Orden „Missionare des göttlichen Erbarmens“, von Pfarrer Loiseau vor 12 Jahre gegründet, bezeichnenderweise hat dieser Orden mit vielen jungen Mitgliedern sein Zentrum im Bistum von Bischof Rey von Toulon. Pfarrer Loiseau betont: „Der Islam hat immer von Situationen profitiert, in denen das Christentum sehr schwach und gespalten war. Deswegen ist es eine Pflicht für Katholiken, den Islam als eine missionarische Priorität anzusehen“ (zit. aus dem Buch von Fourquet, Seite 50). Dieser Ideologie folgend will „der“ Islam will also wieder Europa erobern, eine Ideologie, die vor allem von der viel schreibenden jüdischen Autorin Bat Ye Or (Pseudonym für Gisèle Littmann) in zahlreichen Publikationen verbreitet wird, diese finden in reaktionären Kreisen heftige Begeisterung. Der norwegische Massenmörder Anders Breivik war, nebenbei gesagt, ein eifriger Leser von Bat Ye Or. Einige ihrer Bücher sind auch auf Deutsch erschienen. Ich habe über die Ideologie von Bat Ye Or schon mehrfach publiziert (http://religionsphilosophischer-salon.de/?s=bat+ye+or).

6.Von daher gibt es ein leidenschaftliches Interesse rechtslastiger und rechtsextremer Christen für die heute verfolgten Christen in den islamischen Ländern. Dabei wird unterstellt: Wenn die Katholiken nicht aufpassen, wird auch bald in Frankreich und in Europa das Christentum von Muslims verfolgt. Die Ermordung des greisen Priesters Hamel dient dabei als Beleg. Komisch nur, dass Katholiken und Kirchenführer darauf reinfallen und Pater Hamel am liebsten im Schnellverfahren selig und heilig sprechen wollen. Selbst Papst Franziskus nennt den greisen Priester Hamel sehr vorschnell, bloß weil er von Islamisten ermordet wurde, einen Seligen (Quelle: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/franziskus-nennt-jacques-hamel-einen-seligen). Es wird nun eine neue rechtsextreme Ideologie verbreitet: In der Gesellschaft würde, durch Muslims vor allem eine „Christianophobie“ erzeugt, gegen die es sich katholischerseits zu wehren gilt. Es erstaunt darum nicht, dass Bernard Antony, ein rechtsextremer Politiker, lange Jahre führendes Mitglied in der Partei Front National, nun eine „Allgemeine Allianz gegen den Rassismus (gemeint ist der Rassismus gegen die Christen!) und für den Respekt der französischen und christlichen Identität“ (AGRIF abgekürzt) gegründet hat. Dieser rechtsextreme katholische Verein steht wiederum in enger Verbundenheit mit dem katholischen Club „Civitas“ von Alain Escada, er ist mit den erz-katholischen Traditionalisten nahe. Escada hat die Demos gegen die Homo- Ehe heftig mit organisiert. Seit 2007 gibt es sogar ein „Observatorium der Christianophobie“, finanziert von Guillaume de Thieulloy, einem Philosophen, der in seinem eigenen rechtsextremen Verlag die „Erinnerungen“ des Gründers des rechtsextremen Front National, Jean Marie Le Pen, als Buch herausgegeben hat. Ein toller Verkaufserfolg übrigens! De Thieulloy ist zudem mit dem ebenfalls rechtsextremen und sehr mobilen Club dem „Salon beige“ (also hell braun) verbunden.

7.Es ist evident: Es bildet sich in Frankreich ein breiter Strom rechtsradikalen Denkens und Agierens unter den Katholiken. Man spricht etwas zu milde von einem „christlichen Populismus“ (siehe das Buch von Fourquet, Seite 54).

8.Die Rechtsextremen und mit ihnen die rechtsextremen Katholiken instrumentalisieren das tatsächliche Leiden vieler Christen in der islamischen Welt für ihre eigenen innenpolitischen Zwecke. An vorderster Stelle ist da die Organisation „SOS Chrétiens d Orient“ zu nennen, gegründet von Leuten, die aus dem Umfeld der Partei Front National stammen, wie die objektive katholische Wochenzeitung La Vie, Paris, am 4. Januar 2017 nachgewiesen hat (zum Ganzen: https://fr.wikipedia.org/wiki/SOS_Chr%C3%A9tiens_d%27Orient). Mit dieser rechtslastigen SOS Organisation arbeitet auch das sehr katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ (vom „Speckpater“ gegründet) in Frankreich zusammen. Man veranstaltete gemeinsam eine Nacht des Gebets (ausgerechnet) im „Invalidendom“ zu Paris, berichtete die Tageszeitung La Croix am 23.6.2016. Dieses SOS – Hilfswerk arbeitet in mehreren Ländern, etwa in Syrien, im Irak…und entsendet auch Freiwillige. Selbst der offizielle Vertreter des offiziellen bischöflichen Hilfswerkes für die Kirche im Orient, Prälat Pascal Gollnisch, beschwerte sich über diese rechtsextremen SOS – Leute, er warnte ausdrücklich vor den Verbindungen zur Partei Front National und zu ihrer Verteidigung mit Bachar el Assad.

9.Es wäre weiter zu berichten über die Publikationen, die die hier genannten Ideen/Ideologien verbreiten, etwa die Wochenzeitungen „Valeurs actuelles“ (Auflage 163.000) oder sogar „Famille Chrétienne“ (Auflage 55.000). Es ist bezeichnend, dass der Chefredakteur von „Famille Chrétienne“, Samuel Pruvot, am 5. 6. 2017 in „Figarovox“ schrieb: „Das Gefühl herrscht vor, dass das Christentum dabei ist zu verschwinden. Dann kommt zweitens hinzu: Die wachsende Religion ist von nun an der politische Islam unter seiner radikalsten Gestalt“. Angst machen vor „dem“ Islam: Darin kommen rechte Katholiken und rechtsextreme Parteigenossen und Wähler überein.

10.Es wäre weiter zu sprechen über Bischöfe, die explizit politische wie theologisch reaktionäre Positionen beziehen, von Bischof Rey von Toulon war die Rede, über ihn habe ich vielfach publiziert. Interessant ist auch die Position des einstigen Militärbischofs und jetzigen Erzbischofs von Straßburg, Luc Ravel, der Positionen vertritt, die denen von Bat Ye Or nahe stehen (Quelle: http://religionsphilosophischer-salon.de/?s=Bischof+in+Stra%C3%9Fburg+)

11.Es wäre weiter zu berichten von den Klöstern, die ursprünglich traditionalistisch orientiert waren und damit der Le Pen Partei nahe standen. Die nun aber mit Rom offiziell versöhnt sind, aber die uralte Theologie und die Vorliebe fürs politisch Rechtsextreme bewahrt haben, man denke nur an Le Barroux, dessen heutige Abt Dom Louis Marie de Geyer d Orth explizit den bekannten rechtsextremen Journalisten Jean Madiran lobte. Und er erklärte: „Der Islam kann an sich nicht eine Chance für Frankreich sein. Der Islam ist in Frankreich zu integrieren“. (Quelle: https://www.lesalonbeige.fr/pere-abbe-du-barroux-la-montee-de-lislam-ne-peut-pas-etre-une-chance-en-soi-pour-la-france/). Sein Vorgänger, Dom Calvet, war tief verwurzelt in rechtsextremen Kreisen, auch noch nachdem ihn Kardinal Ratzinger wieder von den Lefèbvre Bindungen befreite und offiziell mit Rom versöhnte…

12.Zusammenfassend: Es gibt bis heute auch unter Frankreichs praktizierenden Katholiken eine breite, offenbar stabile sehr rechtslastige und meist rechtsextreme Bewegung: Sie tritt ein für die Nation, den Stolz auf Frankreich als Nation, die Abwehr der Fremden, vor allem der Muslims und der Flüchtlinge. Sie tritt ein für das alte klassische römisch katholische Kirchenmodell mit der Führung durch die Bischöfe, sie tritt ein für das alte Familienmodell. Und es sind sogar junge Leute, vor allem aus wohlhabenden Kreisen in Paris und Versailles, die diesen Ideologien folgen. Ob diese Kreise (immerhin haben ja, wie oben erwähnt, 38 Prozent der praktizierenden Katholiken 2017 Marine Le Pen als Präsidentin gewünscht) nun durch Präsident Emmanuel Macron eines besseren belehrt werden ist, fraglich.

13.Die Bindung an (anti-muslimische und fremdenfeindliche) Ideologien unter rechten und rechtsextremen Katholiken ist auch eine Flucht vor der Realität der eigenen Kirche, d.h. die zunehmende Schwäche des Katholizismus selbst: Es ist bezeichnend, dass 2018 (wie schon so oft vorher, man denke an die viel beachteten Studien der Religionssoziologin Prof. Danièle Hervieu- Léger) wieder eine große Studie erschien über den zahlenmäßigen Niedergang des französischen Katholizismus: „Comment notre Monde a cessé d etre chrétien“, erschienen im Verlag du Seuil, Paris. Verfasst von dem Historiker Prof. Guillaume Cuchet. Nur ein Beispiel: Im Jahr 1961 nahmen 25 Prozent der Katholiken jeden Sonntag an der Messe teil; 2012 waren es noch 5 Prozent. Heute sind es noch viel weniger angesichts der Altersstruktur der „praktizierenden Katholiken“. Etwa 55 Prozent der Franzosen nennen sich noch katholisch. Vor 50 Jahren waren es 90 Prozent. Die Zahl der sich „atheistisch, agnostisch“ nennenden Franzosen steigt stetig.

14.Wenn die Kirche in Frankreich also in wenigen Jahren so klein geworden ist wie eine „Sekte“, liegt das vor allem an der bis dahin geltenden All-Macht des Klerus, am Fehlen ernstzunehmender demokratischer Strukturen und an der mangelnden Bereitschaft, auf überholte Dogmen und moralische Prinzipien zu verzichten. Solange die katholische Kirche an allen, auch sprachlich kaum noch nachvollziehbaren Dogmen festhält, die irgendwann einmal definiert wurden, ist und bleibt sie eine starre, leblose, nicht der Kritik und Korrektur fähige Organisation. „Lebendigsein heißt Sich Korrigieren können“, sagt der Psychologe Erich Fromm. Auf die Reduzierung der dogmatischen„Inhalte“ also kommt es an, auf mehr Jesuanisches und weniger Dogmatisches: Diese Rückkehr zur einfachen, nur wesentlichen Lehre ist nicht nur in Frankreich am wichtigsten. Sonst werden die Kirche zu Gräbern Gottes, wie Friedrich Nietzsche voraussah…

15.Ich verdanke viele Informationen dem wichtigen Buch des Politologen Jérome Fourquet, à la droite de Dieu. Erschienen in den Editions du Cerf, Paris, 2ß18. 174 Seiten, 18 Euro. Dieser Verlag wird vom Dominikaner Orden geleitet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin