Maria Maienkönigin… und religiöse Illusionen.

Pseudo-Romantik in einer entzauberten Welt.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 2.5.2020, am 2.5.2022 noch einmal etwas bearbeitet.

1.
Die Zeit der Maienkönigin hat begonnen: Denn der Mai hat auch einen katholischen Titel: Marienmonat! Im Mai verehren Katholiken ihre gemeinsame Königin. Sie heißt Maria und ist die Mutter des armen Jesus von Nazareth, der am Kreuz hingerichtet wurde. Aber diese Mutter wurde post mortem sehr schnell von der „Schmerzensmutter“ zur glorreichen Gestalt umgewidmet. Der „Wonnemonat Mai“ ist ihre Hoch-Zeit.
2.
Maiandachten, in weiten Teilen Europas meist am Abend zelebriert, finden in diesen Corona – Zeiten wahrscheinlich nicht öffentlich statt. Aber die Wochen und Monate der Pandemie sind religionspolitisch besondere Epochen: Viele sehr hohe katholische Kirchenführer nehmen diese tiefe Krise der Menschheit als ihre Chance wahr, wieder abergläubige Praktiken (Ablass, Reliquienverehrung usw.) zu empfehlen und zu praktizieren. Es ist diese starke Rückkehr des Irrationalen, die einige Theologen eigentlich „auf die Barrikaden“ bringen sollte, wenn sie denn am Wert einer vernünftigen christlichen Religion Interesse haben. Aber das haben offensichtlich wenige. Denn sonst gäbe es einen Aufschrei gegen den Wahn des Aberglaubens – in katholischen Kreisen – heute.
Und zu diesen höchst populären Glaubenshaltungen gehört auch die Maiandacht. Sie ist förmlich der Inbegriff einer ganz auf mysteriöses Inhalte fixierten, manchmal sich „poetisch“-reimend frisiert gebenden katholischen (Volks-)Frömmigkeit.
3.
Ich habe als Kind und Jugendlicher viele Maiandachten erlebt und mitgemacht. Wer sie in Kirchen mitfeierte, die von der Natur umgeben waren und dabei die Blumen und Bäume sah, die Sonnenstrahlen oder einen plötzlichen Regen erlebte, der fühlte sich in eine Naturmystik entrückt, in der Welt und Umwelt so fantastisch schön, so „entzückend“ und entrückend durchstrahlt war. Was war die Welt und die Kirche doch – dem Scheine nach – friedlich. Und die Leute fühlten sich geborgen in einem Dunst und Duft des Mysteriösen und Unbegreifbaren, die Lieder sorgten für diese Entrückung ins “Vorgeburtliche”. Aber schön, war es doch, sagen manche.

Und Maria war die mütterliche Herrscherin, ganz anders als der strafende Gott: „Maria, wir rufen zu dir, Mutter Gottes, wir rufen zu dir“, wurde förmlich gegrölt. „Dich loben die Chöre der Engel“ usw… Dann wurde nach dem „Ave Maria“ sanft das Lied „Es blüht der Blumen eine“ gesungen und zum Schluss „Maria breit den Mantel aus“. Alles voller Inbrunst gesungen. Es war auch der Schrei der leidenden, vielleicht sogar geknechteten Kreatur… Ich hatte –als Jugendlicher – das undeutliche Gefühl, dass sich da aber auch eine große Gruppe eigentlich sonst doch verständiger Menschen in einen Rausch hinein begeben hatte. Dieser Rausch wurde exzessiv, wenn spezielle „schlesische Maiandachten“ gefeiert wurden, bei denen Lieder wie „Über die Berge schallt, lieblich durch Flur und Wald, Glöcklein dein Ruf“ geschmettert wurden. In der Zeit meiner Jugend waren die Kirchen noch voll, selbst in Berlin Ost und West! Und den Teilnehmern – auch den Priestern – war es schlichtweg egal, ob diese Gottesmutter bereits von den Frommen als Göttin verehrt wurde oder nicht. Hauptsache, die Stimmung stimmte.

Und die meisten TeilnehmerInnen der Mai-Andachten waren gerührt, fühlten erhoben, geborgen, hatten Tränen in den Augen, etwa, wenn sie zum Schluss das Lied sangen “Sei Mutter der Barmherzigkeit, sei Königin gegrüßet…” Ich sehe die Frauen, offenbar leidend, noch vor mir, als Kind, in der St. Martin-Kirche in Kaulsdorf -Mahlsdorf in Berlin-Ost, auch die alte Dame, Reihe 13, in einer Bank, die fast kaputt war, ganz hinten, da wurde geschluchzt und gefleht, da wurde die Königin angerufen, ausgerechnet in der DDR, dass dies auch ein frommer Protest war, dies war den meisten wohl nicht bewusst. Eine Himmelskönigin in der DDR, was hätte Ulbricht dazu gesagt? Er hatte doch nur seine Lotte.
4.
Man könnte sich natürlich auf den Standpunkt stellen: Jeder und jede soll glauben, was er und sie will, selbst wenn die Inhalte hochgradig esoterisch sind. Das kann solange richtig sein, als dieser esoterische Inhalt nicht allgemein ins Politische und damit „Allgemeine“ hineingezogen wird. Und das ist auch mit dem Marien/Maien-Lied „Es blüht der Blumen eine“ (gemeint als Blume ist natürlich Maria) passiert. Diese Zusammenhänge hat das wichtige, kritische Buch des Literaturwissenschaftlers Hermann Kurzke (Prof.em. Uni Mainz) und der Historikerin Christiane Schäfer freigelegt, „Mythos Maria“ ist der Titel ihrer grundlegenden, wichtigen Studie. Der Untertitel „Berühmte Marienlieder und ihre Geschichte“ (C.H. Beck Verlag, 2014). Das Buch hat meines Erachtens leider nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden.
5.
Zum Lied “Es blüht der Blumen eine...“: Das Lied wurde etwa im 1. Weltkrieg an der Front als Trost präsentiert, denn in der 3. Strophe heißt es: “Und wer vom Feind verwundet, zum Tode niedersinkt. Von Ihrem Duft gesundet, wenn er ihn gläubig trinkt“. Abgesehen von den miserablen Reimen und dem Irrsinn, als könne der Soldat Marias Duft trinken: Dieses Lied war Bestandteil des „Feldgesangbuches“ im Ersten Weltkrieg, betonen die Autoren (Seite 80). „Maria wird zur Sterbehelferin… das unschuldige Lied macht nun das Unaushaltbare aushaltbar. Oppositionelle Regungen werden besänftigt, diszipliniert, abgelenkt und eingeschläfert“ (83f.). Aber auch das Marienlied „Geleite durch die Welle…“ wurde für den Kampfgeist der deutschen Soldaten instrumentalisiert. In der 7. Strophe heißt es: „Beschirme unsere Krieger, du mächtigste der Frauen, führ bald sie heim als Sieger, in ihrer Heimat Auen. Und lass alle Wunden an Leib und Seel gesunden, Maria, o Maria hilf“. (ebd. 79). Der Marienkult als nationalistisches Opium, auch als geistiges Versagen der Kirche! Denn etwas anderes als diesen Singsang, „Schmarrn“ sagen die Bayern, oder kluge, tausendmal hin und her gedrehte diplomatische Worte zum Kriegswahn und dem Nationalsozialismus hatte sie doch nicht entgegenzusetzen, oder? Diese Kirchenführer und mit ihnen viele Gläubige meinten allen Ernstes, dass da im Himmel eine Jungfrau sitzt, Maria genannt, die ihren Sohn und den lieben Gott-Vater bettelt, doch die Gebete der Soldaten an der Front zu erhören. Oder besonders diesen frommen Fritz, warum nicht auch einen Walter? Aber sollte Pierre aus Frankreich beschützt werden oder sogar der Sowjetsoldat Wladimir? Da gab es sicher heftige himmlische Debatten! Dieses himmlische Helfer-System, selbst wenn es mütterlich gefärbt ist, den armen Menschen einzureden schon vor dem Krieg, ist in meiner Sicht ein theologisches Vergehen, selbst wenn diese Dosierung Opium in letzter Minute vielleicht beruhigt. Was haben diese Kirchenführer nur aus dem christlichen Glauben gemacht, fragt sich der theologische Beobachter: Mit diesen Liedern hat man die nachdenklichen Menschen aus der Kirche getrieben, die jungen besonders. Man sieht heute die Ergebnisse dieses Festhaltens an einem irrationalen Wahn im Katholizismus. Maiandachten sind, abgesehen von touristischen oder folkloristischen Veranstaltungen in Oberbayern nicht mehr en vogue. Die Königin wird vielleicht noch gesucht, aber nicht mehr in der Gestalt der Mutter Jesu, sondern eher in der Figur der Schönheitskönigin…
6.
Die Autoren, von der Kirche und ihrer Theologie unabhängig, analysieren in diesem Kapitel ihres Buches noch jede einzelne Strophe dieses Songs „Maria, Maienkönigun…“. In der 3. Strophe geht es um die Stellung der Frauen: “Behüte uns mit treuem Fleiß, o Königin der Frauen! Die Herzensblüten lilienweiß, auf grünen Maies-Auen“.
Die Frauen sollen „mit treuem Fleiß“ behütet werden, von der im Himmel agierenden Maienkönigin. Warum nur die Frauen? Aber diese Frauen sind die „Herzensblüten lilienweiß auf grünen Maies-Auen“. Die lilienweißen (unschuldigen) Frauen werden förmlich in den Himmel erhoben. Und Maria möge sich dann bitte auch um „die kalten und glaubensarmen Seelen“ kümmern, wie es dann in der 6. Strophe heißt…. Die Autoren von „Mythos Maria“ schreiben: “Die Textanalyse hat Nebel zum Ergebnis, die Stimmungen bedient …. dieser Nebel ist überall dort einsetzbar, wo man Nebel braucht – im Interesse von Majestäten und Autoritäten, im Interesse von Desinformation und Aufklärungsverhinderung, im Interesse von Fortschrittsverweigerung zugunsten nostalgisch aufgeladener Vergangenheitsbeschwörung“, schreiben die beiden Autoren sehr treffend. Kein Inhalt eines Marienliedes fällt wohl katastrophaler aus als dieses, “Maria Maienkönigi, dich will der Mai begrüßen…”
7.
Dieses Lied  war noch in dem Gesangbuch fürs Bistum Berlin „Ehre sei Gott“ (auch Ost-Berlin, 1958) als Nr. 218 vertreten! Das Lied ist auch in einigen Ausgaben des neuen Gesangbuches „Gotteslob“ in einigen Bistümern zu finden, über You Tube ist es noch erreichbar, als letztes Zeichen einer hoffentlich vergangenen Welt?
8.
Warum hat die katholische Kirche eigentlich nie das wunderbare Lied der jungen Frau Maria weit verbreitet und nicht nur auf Latein singen lassen, das Lied, das sich „Magnificat“ nennt und im Neuen Testament einen wunderbaren Platz (Lukas Evangelium, 1. Kapitel) hat. Ich denke, es liegt daran, dass die Gläubigen auch an die mächtigen Herren der Kirche hätten denken müssen, wenn sie den Text auf Deutschen hätten singen dürften: „Gott stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Die Laien, die kleinen Leute… vor allem die armen Frauen werden erhöht, welch eine Utopie. Auch für eine herrschaftsfreie römische Kirche…Niemals wurde dieses Lied in Europa gesungen, in Lateinamerika eher, etwa auf der Insel Solentiname, mit Ernesto Cardenal, dem Mystiker und Poeten in Nikaragua…
9..
Ich möchte diesen Hinweis beenden mit einem Hinweis der Autoren: „Die Maienkönigin ist keine pralle Naturgottheit aus dem Geist eines sinnlichen Heidentums. Sondern nur ein dürftiges Nachtschattengewächs der Gegenaufklärung“: Clemens Brentano, der romantische Erbauungsschriftsteller, gehörte zu dieser Gegenaufklärung sowie Eichendorff, Friedrich Schlegel, Joseph Görres, später sein Sohn Guido Görres, der große Propagandist der Maiandachten…
10.
Im Jahr 1940 erschien im „Wehrverlag Joseph Bercker“ ein katholisches „Militär – und Gesangbuch. Es wurde herausgegeben von dem Feldbischof der Wehrmacht Franz Justus Rarkowski, er ist interessanter Weise Mitglied der katholischen Ordensgemeinschaft „Gesellschaft Mariens, Maristen“ mit der offiziellen Abkürzung des Ordens „SM“! Von diesem Marienverehrer und Mlitärbischof heißt es bei wikipedia:: „Bischof Rarkowski hatte eine mangelnde Distanz zum nationalsozialistischen Regime …So schrieb er in einem so genannten „Hirtenbrief“ vom „bolschewistischen Untermenschentum“ und wünschte den verwundeten Soldaten, dass jeder von Euch recht bald genese und sich auf dem Platz, den er einnimmt, weiterhin im Dienste des Führers, Volk und Vaterland bewähre. Dazu verhelfe Euch der allmächtige Gott …“). Hitler bezeichnete der Bischof als „Vorbild eines wahrhaften Kämpfers...“

Dieser Nazi-Freund und Militärbischof hatte also in dem von ihm herausgegeben Gesangbuch für die Soldaten auch Marienlieder (leider ohne Noten, diese fehlten doch wohl auch an der Front?! aufnehmen lassen. Nr. 96 ist das schon genannte „Es blüht der Blumen eine…“, Nr 98 ist „Geleite durch die Welle…“ Nr. 107 ist das Lied „Mutter dich rufen wir…“. Dort wird es skandalös: Es heißt in Strophe 3: „Schirme im Feuer den kämpfenden Schwarm, stähle den Helden zur Abwehr den Arm, stärke die Herzen mit flammenden Mut freudig zu opfern das Leben, das Blut“ , ein Lied, das schon im 1. Weltkrieg gesungen wurde.
Ich betone: Dieses Lied ist eine Gotteslästerung. Und wenn man den Begriff noch will: Dieses Lied ist auch eine Häresie. Aber es galt offiziell selbstverständlich als gut-katholisch. Als häretisch galten für die Hierarchie die wenigen “anderen”, die katholischen Friedensfreunde etwa, wie der Dominikaner-Pater Franziskus Stratmann vom „Friedensbund der deutschen Katholiken“. Was für eine Schande, diese Verteufleung eines vernünftigen Pazifisten in der Weimarer Republik und unter Hitler.
11.
Wie tief ist die Kirche mit diesem ganzen Marien-Kult bis heute gesunken? Sie ist zur Religion der Beliebigkeit geworden, des Göttinnen-Glaubens im Christentums. Das muss ja nicht falsch sein, abre das Thema sollte als solches debattiert wertden. Maria als Göttin, warum sollte man das nicht kritisch prüfen?
12.
Wahrscheinlich brauchen viele Menschen, auch viele Christen, eine weibliche Gottheit. Das wissen viele Theologen, aber sie sagen es nicht öffentlich. Wie zwiespältig ist auch der klassische Marien- Titel „Gottes-Mutter“? Denn wenn, diesem Bild folgend, Maria als Gottes – Mutter eben einen Gott zur Welt bringt, dann kann sie doch selbst auch schon vor der Gottes-Geburt Göttin gewesen sein. Oder? Wenn das nicht so ist, sollte man bitte auf den uralten, aber falschen Titel „Gottesmutter“ verzichten. Genauso, wie man aufhören sollte, Jesus von Nazareth, theologisch oberflächlich gedacht, „Gott“ zu nennen. Aber das ist ein anderes Thema.

Das empfehlenswerte Buch „Mythos Maria“ umfasst 303 Seiten, es kostet 24,95 EURO. Verlag C.H.Beck. Es enthält hoch interessante Studien zu 12 Marienliedern, darunter „Maria durch ein Dornwald ging“, „Mein Zuflucht alleine, Maria die reine“, „Segne du Maria, segne mich dein Kind“ (übrigens das „Lieblingslied des Marienkindes” und verständnisvollen Vertuschers pädosexueller Verbrechen des Klerus Kardinal Joachim Meisner von KÖLN).

13.

Wer möchte nicht bei dem Thema mit dem Marienlied enden: „Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn“? Fragt sich nur welche Maria wollen wir lieben. Natürlich die Maria des biblischen Magnificat, die Gott preist, weil er die Mächtigen vom Thron stürzt. Hat er leider nur selten gemacht, es waren wohl zu viele Kirchenfürsten und Politiker, Diktatoren  und Milliardäre und Manager, die er da hätte vom Thron stürzen müssen…

Falls man noch eine Bibel zur Hand hat, bitte nachlesen: Lukas, 1,46-55.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Spiritualität am Karfreitag…

Hinweise zu einer Spiritualität des Karfreitags:

Der hier publizierte Text ist die ausführliche Fassung einer Ra­dio­sen­dung aus dem Jahr 2014 im RBB, später auch im NDR und HR gesendet. Wegen etlicher Nachfragen zur Lektüre dieses Hörfunk Beitrags hier der Text in voller Länge. Vielleicht sind einige Aussagen inspirierend. Christian Modehn am 7.4.2022.

……………………………….
RBB: Gott und die Welt
Karfreitag, 18.04.2014

Elend, nackt und bloß
Jesus am Kreuz
Von Christian Modehn

1.SPR.: BerichterstatterIN
2.SPR.: Berichterstatter
3.SPR.: Zitator

21 O Töne, zus. 12 30“
7 Musikal. Zuspielungen. Die Musik Jordi Savalls über Caravaggio, bitte nicht zu knapp einsetzen. Bei jeder Musik etwa 20 Sek. nach Start reingehen!

1. Musik. Ca. 0 12“ freistehend, verwenden ab 0 18“ dort. leise im Hintergrund.

1. O TON, Bachl, 0 28“.
Ich meine das Kreuz, das in unserer christlichen Kulturwelt, in unseren Räumen, doch weithin ein Möbel geworden ist. Zwar ein Möbel, mit einer gewissen Ehrfurcht behandelt, es ist ein Möbel,
ein hübsches Ausstattungsstück für eine Wohnung. Wenn das Kreuz etwas ist in der Kultur, dann ist es der Querbalken in der Kultur.

1. Musik, ca. 0 06“ wieder freistehend

2. O TON, Sander, 0 18“
Man identifiziert sich mit jemandem, der ohnmächtig ist. Und das ist eine ganz schwierige Identifikation. Weil man sich damit mit seiner Ohnmacht auch auseinandersetzen muss. Von daher ist die Auseinandersetzung mit dem Gekreuzigten immer auch das Zu-sich-Selber-Finden in die eigenen Abgründe hinein.

1. Musik, ca. 0 06“ wieder freistehend.

3. O TON, Manfred Richter, 0 31“.
Es ist das Bewusstsein der irdischen, der kreatürlichen Hinfälligkeit, dass dieser Gottessohn selbst in erbärmlicher Nacktheit gezeigt wird. Die Nacktheit war verbunden mit gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Und je mehr die Hinfälligkeit des irdischen Lebens bewusst wurde, hat man diesen Aspekt des ausgegrenzten Christus als Trost verstanden

1. MUSIK. 0 06“, aber Titelsprecherin freistehend.

Titelsprecherin:
Elend, nackt und bloß
Jesus am Kreuz
Eine Sendung von Christian Modehn

2. MUSIK, 0 12“ freistehend.

1. SPR.:
Der katalanische Komponist Jordi Savall, [ˈʒɔɾði səˈβaʎ] kann seinem Entsetzen über das Sterben Jesu nur musikalisch Ausdruck geben. In der Sprache der Musik äußert er die Gefühle der Freunde Jesu, erzählt von ihren Tränen, dem Schluchzen, dem Schrei des Entsetzens.

2. MUSIK, 0 08“ freistehend.

2. SPR.:
Jesus von Nazareth hängt leblos am Kreuz; ausgeblutet; qualvoll verendet an diesem Todes-Balken, der nur für Verbrecher bestimmt ist. Dabei galt Jesus unter den Armen und Ausgebeuteten in Palästina als der Gerechte, der Menschenfreund. Er war der Bote eines gütigen Gottes.

2. MUSIK, 0 06“ freistehend.

1.SPR.:
Bei der Marter der Kreuzigung war der lange hinausgezögerte Tod durch Kreislaufversagen durchaus von den Herrschern vorgesehen. Die Römer verurteilten in ihrem Imperium auf diese Weise politische Fanatiker und Rebellen. Aber Jesus von Nazareth dachte gar nicht an ein begrenztes politisches Programm. Ganz andere Projekte sind für ihn entscheidend: Die neue, geschwisterliche Gesellschaft, die in ihrer Liebe zum Nächsten und zu Gott ihren Sinn findet.

2. SPR.:
Seit mehr als tausend Jahren ist für Christen und ihre Gemeinden die Verehrung des sterbenden Jesus am Kreuz unverzichtbar. Sie sind auf das Kreuz Jesu geradezu fixiert, sie forderten ständig Künstler auf, den toten Jesus zu malen. So wird der Schmerzensmann in alle nur denkbaren Landschaften placiert, in Städte, Häuser, Kirchen. Jeder Altar braucht sein Kruzifix. Nur die Reformierten verweigern sich jeglicher bildlicher Darstellung Jesu. Aber in der frommen Phantasie entsteht dann doch ein persönliches, ein inneres Bild von Jesus.

1. SPR.:
Jeder Künstler nimmt auf seine eigene Weise das Kreuzesgeschehen wahr. Raffael und Rembrandt, Tizian und El Greco, Hieronymus Bosch und Rubens, Altdorfer und Caravaggio, um nur einige prominente Maler des 16. und 17. Jahrhunderts zu nennen, schaffen alles andere als dokumentarische, gar historisch korrekte Arbeiten. Sie bieten dem Publikum ihre Sicht des Kreuzweges; sie interpretieren ihren Kalvarienberg und ihre Kreuzesabnahme und Grablegung. So können die Gläubigen immer wieder einem neuen Antlitz des Gekreuzigten begegnen. Aber immer wird ein fast nackter Jesus gezeigt, bemerkt der Salzburger Theologe Hans – Joachim Sander:

4. O TON, Sander, 0 26“.
Der nackte Jesus am Kreuz ist eine Demonstration, und zwar die Demonstration einer Ohnmacht. Der Gekreuzigte selbst, der dann im Mittelpunkt rückt, das ist die Darstellung eines zerstörten, zerbrochenen Männerkörpers, der einer politischen, religiösen Konstellation zum Opfer gefallen ist. Und damit das Zurschaustellen, das Ausstellen, das Aussetzen eines ohnmächtigen Menschen.

3. MUSIK, 0 12“ freistehend.

1. SPR.:
Der Musiker Jordi Savall lässt sich von einem Gemälde des italienischen Meisters Caravaggio inspirieren. Es hat den Titel „Kreuzabnahme“, im Jahr 1603 wurde es für eine Kirche in Rom geschaffen. Der fast nackte Leichnam Jesu wird von Joseph von Arimathäa, einem treuen Jünger, und von Johannes, dem Apostel, sanft gehalten, bevor er ins Grab gelegt wird. Maria von Magdala verbirgt inmitten der Trauernden ihr Gesicht, sie will ihre Verzweiflung nicht zeigen. Maria, die Mutter Jesu, wendet sich, vom Schmerz bewegt, noch einmal ihrem verstorbenen Sohn zu. Dessen rechter Arm, reglos und schlaff, berührt bereits das Grab. Der Apostel Johannes ist so verwirrt, dass er beim Heben des Leichnams in Jesu offene Wunde greift. Sie wurde verursacht, als die Soldaten das Herz durchbohrten. Diese Szene wird von einem schwarzen Hintergrund beherrscht. Die Trauerden stehen wie vor einer undurchdringlichen Mauer. Der Kunsthistoriker Dominique Fernandez schreibt:

3. SPR.:
Es ist ein nicht mehr zu steigerndes, ein absolutes Schwarz. Ein solches Drama ist eigentlich unbegreiflich, unsäglich, jenseits jeglicher Form.

3. MUSIK, noch einmal 0 06“ freistehend.

1.SPR.:
Für die Christen der ersten Jahrhunderte war das Kreuz noch nicht das entscheidende Symbol ihres Glaubens. Sie hatten eine große Scheu, die Gestalt Jesu von Nazareth bildhaft darzustellen. Der Berliner Theologe und Kunst-Kenner Pfarrer Manfred Richter hat sich mit dieser Frage befasst:

5. und 6. O TON Manfred Richter, 0 51“.
Man hat nun, Jahrhundertlange, die erst zwei bis drei Jahrhunderte lang, keine Bilder gehabt. Man hatte keine gebauten Gottesdienststätten. Man ist in den Hauskirchen zusammen gekommen. Und dann hat man ganz andere Motive für Jesus verwendet, wie der gute Hirte, der das Lämmchen auf der Schulter trägt, den verlorenen Menschen. Für die Christenheit, für die Jüngerschaft, war es ein Skandal erster Ordnung, dass der, auf den sie gesetzt hatten, am Kreuz wie ein aufbegehrender Rebell hingerichtet wurde in entehrender Weise. Die Hinrichtung hat ja außerhalb der Stadt stattgefunden, also an einem unreinen Ort.

1. SPR.:
Der elend ans Kreuz Geschlagene, der soll der Erlöser sein? Er soll der Gottmensch sein, dem alle Ehre gebührt? In den ersten Jahrhunderten nach Christus stellten die Gebildeten, vor allem die Philosophen, diese Fragen. Sie fanden die positive Antwort der Christen eher unverständlich, wenn nicht abartig. Erst unter Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert gelang es, die breite Öffentlichkeit umzustimmen und für die Verehrung des Gekreuzigten zu gewinnen. In den neu gebauten Kirchen, den Basiliken, wurde dann ein Kreuz besonderer Art gezeigt: Es verzichtete auf den Corpus, den Leichnam Jesu. Die riesigen Mosaike präsentierten voller Stolz den neuen Herrscher, den Gottmenschen Jesus Christus: In der Apsis der römischen Kirche Santa Pudenziana ist ein entsprechendes Mosaik noch heute zu sehen. Der Kunsthistoriker Horst Schwebel schreibt:

3. SPR.:
Das neue Christusbild des 5. Jahrhunderts greift auf die Darstellungen des Kaiserbildes zurück. Die Kirche, Basilika genannt, wird zur Königshalle des himmlischen Kaisers Christus. In Purpur gekleidet sitzt er auf dem Globus als Symbol für den Kosmos. Bis in die Zeiten der romanischen Kunst wird Jesus hoheitsvoll dargestellt, finster blickend, aber den Sieg Gottes verheißend.

2. SPR.:
Im Mittelalter verlangten die Menschen nach anderen Bildern, seit dem 11. Jahrhundert setzte sich die Überzeugung durch: Dieser machtvoll herrschende Christus ist viel zu abweisend! Er hat kein Mitgefühl. Die Erfahrungen von Leid, Krieg und Gewalt waren so einschneidend, dass nur der mit- leidende Jesus, der Schmerzensmann am Kreuz, eine Antwort auf die letzten Lebensfragen sein konnte.

1. SPR.:
Im Neuen Testament erzählen die Evangelisten von einem demütigen Jesus von Nazareth, sie berichten von seiner Geburt in einer Krippe im Stall. So elend, nackt und bloß wie er geboren wurde, so endete er auch, einsam am Kreuz. Diesem Jesus will Franziskus von Assisi nachfolgen, der Sohn einer reichen Tuchhändlerfamilie. Er befreit sich im Italien des 12. Jahrhunderts von seinen bisherigen Überzeugungen und wirft tatsächlich alles von sich im Moment seiner Bekehrung, berichtet Pater Cornelius Bohl, der Provinzial des Franziskanerordens in München:

7. O TON, Pater Cornelius Bohl, 0 45“.
Franziskus trennt sich von seinem Vater, er gibt ihm also alles zurück, selbst die Kleider, die er hat. Und sagt eben: Bisher habe ich dich meinen Vater genannt, aber jetzt habe ich nur noch den Vater im Himmel. Er steht nackt vor dem Vater und vor der ganzen Stadt, und das wird zum äußeren Zeichen auch seiner radikalen Trennung von seinem bisherigen Leben. Also wenn er sich von den Kleidern trennt, die auch einen Stand ausgedrückt haben, die Reichtum bedeutet haben, die gesellschaftliche Stellung ausgedrückt haben, dann trennt er sich nicht nur vom Vater, sondern von diesem ganzen System, in das er hineingeboren ist; ein System, das auf Macht basiert, auf Geld, all das lässt er los, um etwas ganz Neues zu beginnen.

2. SPR.:
Franziskus von Assisi gründet eine Ordensgemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die sich zu einem Leben in radikaler Armut verpflichten. Viel weiter noch reicht seine Anregung, die allen Christen gilt: Sie sollen den leibhaftigen, den historischen Jesus verehren, vor allem sein Leiden am Kreuz. „Nackt dem nackten Jesus nachfolgen“: So umschreibt er selbst das Grundprinzip seines Leben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1226 hält Franziskus daran fest.

8. O TON, Pater Cornelius BOHL, 0 19“.
Als er merkt, dass er sterben wird, lässt er sich nackt auf die nackte Erde legen. Er will also ganz bloß und arm, so,wie er geboren ist, auch in den Tod gehen. Er gibt alles von sich, selbst seinen Habit, er liegt nackt auf dem Boden, um geboren zu werden für das ewige Leben.

1. SPR.:
Seit dem 14. Jahrhundert werden Kreuzesdarstellungen immer beliebter, sie zeigen einen von Schmerzen gekrümmten, halbnackten Jesus am Balken des Todes. Diese Tradition setzt sich endgültig durch. Nur einmal und bloß für kurze Zeit, präsentieren Künstler einen schönen Gekreuzigten. Michelangelo zum Beispiel will in der Renaissance, im 15. und 16. Jahrhundert, für einen anderen Christus werben: Er stellt den harmonisch schönen Jüngling am Kreuz dar, den idealen Menschen, der gelassen und vom Schmerz unberührt seinem Tod entgegen sieht. Michelangelo hat als junger Künstler für die Augustinerkirche in Florenz eine viel beachtete Skulptur eines schönen nackten Jesus geschaffen. Auch später noch hat er für die Sixtina in Rom nackte Leiber der Heiligen gemalt. Auch Michelangelo ließ sich von biblischen Impulsen leiten, meint Pater Bohl:

9. O TON, Cornelius Bohl, 0 21“.
Die Nacktheit ist eigentlich der natürliche Zustand, der paradiesische Zustand des Menschen, der Mensch, der so ist, wie er von Gott geschaffen ist, der sich nichts vormacht, der anderen nichts vormacht, der sich nicht verstecken muss, auch durch Kleider nicht verstecken muss. Weil er sich annehmen kann, auch von Gott angenommen ist. Also Nacktheit ist gut und Nacktheit ist paradiesisch.

1. SPR.:
Je mehr sich jedoch die genaue Kenntnis der biblischen Erzählungen durchsetzte, umso deutlicher wurde: Von ästhetisch gefälliger Schönheit kann bei Jesus nicht die Rede sein. Sein Lebensende heißt Leiden, Blut, Schmerz, Einsamkeit. In Zeiten von Pest und Hungersnot stand dieser Schmerzensmann den Menschen näher als ein wohlgeformter Jüngling am Kreuz. Darauf weist der Theologe Gottfried Bachl hin:

10. O TON, Gottfried Bachl, 0 43“
Das, meine ich, müsste man auch sich vergegenwärtigen: Die Hässlichkeit Jesu in ihren verschiedenen Brechungen. Ich meine damit nicht den charakterlichen Mangel oder dass er unsympathisch gewesen sei oder abstoßend gewesen sei. Ich meine damit seine wirkliche Querlage zu dem, was wir gemütlich nennen, hübsch, zu all dem, was wir mit einer gewissen Lust über unser wirkliches Leben hinweg schmieren und zumachen und verniedlichen.

1. SPR.:
Einen gefälligen Jesus, hübsch anzusehen: Davon wollten die Sterbenden im Hospiz von Isenheim im Elsass überhaupt nichts wissen. Sie suchten den verständnisvollen Freund, der im eigenen Todeskampf Vorbild ist und so Hoffnung spendet.

2. SPR.:
Wenn Matthias Grünewald im Jahr 1515 den grauenvollen Leichnam Jesu in Isenheim malte, dann wussten die Sterbenden genau: Wer an Jesus Christus glaubt, wird wie er auch den Tod überwinden. Aber schon damals musste man länger vor dem Bild verweilen, um in dem Gemälde Trost und Hoffnung zu erkennen, betont Pfarrer Manfred Richter:

11. O TON, Manfred Richter, 0 33“.
Wenn man mal beobachtet, gerade bei Grünewald, dass der Lendenschurz, zugleich geschwungen gezeigt wird, dass er nämlich quasi spricht. Das ist das Zeichen, dass sein Leiden sprechend ist und einem Zuspruch bedeutet. Als Trost ja. Als Zuspruch erst mal der Leidenden, die also da im Krankenhaus diesen Christus vor Augen hatten, dass er wie sie leidet, und durch dieses Leiden hindurch die Irdischkeit hinter sich gelassen werden kann.

1.SPR.:
In einer religiös geprägten Kultur gab es für die Menschen keine Zweifel: Die Kreuzesdarstellungen verweisen auf die Lebensgeschichte Jesu. Es gilt also, über den Jesu Tod hinauszuschauen und seinen Alltag in Palästina wahrzunehmen. Dann werden überraschende Erkenntnisse geschenkt, meint der Jesuitenpater Klaus Mertes:

12. O TON, Klaus Mertes, 0 39“
Das ist ein ganz wichtiger Punkt, also dass Jesus ganz offensichtlich jemand ist, der ich sagt. Also er predigt nicht über Dinge, sondern er spricht über sich. Wenn er zum Beispiel sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Dann sagt er nicht: Ich verkündige euch die Auferstehung und das Leben. Sondern er sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Was ich zu sagen habe, zeige ich durch das, was ich bin. Durch mein Sein. Also ich habe nicht etwas im Kopf, was ich euch sagen will, sondern ich zeige euch, was ich lebe, ich zeige euch, welche Menschen ich liebe, ich zeige euch, welche Dinge mich verletzen. Ich zeige euch, was meine Sehnsucht ist. Das ist meine Verkündigung. Es ist ein Sprechen durch Sein mehr als durch Worte. Und das ist die tiefere Nacktheit bei Jesus!

1. SPR.:
Elend, nackt und bloß lebt Jesus von Nazareth bereits während seines ganzen öffentlichen Lebens in Palästina. Da hat er den Mut, sich vorbehaltlos zu zeigen, sein Inneres preiszugeben. So wird sein Wesen klar, nämlich hüllenlos sichtbar:

13. O TON, Klaus Mertes, 0 23“
Sich in die Öffentlichkeit zu stellen, bedeutet auch immer, sich schutzlos zu machen, die Kontrolle über sich aus der Hand zu geben. Und sich aber zugleich von der Öffentlichkeit nicht diktieren zu lassen, sich zu verstecken. Da ist eine ganz starke konfrontative Dimension, einfach nur in diesem Sich Zeigen, wie ich bin, und wie ich fühle und wie ich denke.

4. MUSIK:

1. SPR.:
Vom Kreuz Jesu kommen die Künstler nicht los, selbst wenn sie nicht mehr den Glauben der Kirchen teilen. Seit dreihundert Jahren ist es eher selten, dass ein Bischof und gar ein Papst einen angesehenen, aber kirchenkritischen Maler mit einer Arbeit beauftragt. Und nur selten finden sich Gemeinden bereit, auf den üblichen Gebrauchskitsch der Kunsthandwerker zu verzichten und ein wirkliches Kunstwerk zu bestellen.

2. SPR.:
Wenn seit dem 18. Jahrhundert Künstler ihren Schmerzensmann malen, dann nur aus ihrem eigenem, individuellen spirituellen Interesse. Lovis Corinth hat die Schrecken des Ersten Weltkrieges überstanden. Er sieht das Gemetzel noch Jahre später vor sich, die Leichenberge, die zerfetzten Köpfe der Soldaten. Dann malt er 1922 ein außergewöhnliches Bild. Es zeigt einen Christus mitten der vor Blut triefenden Grausamkeit des Krieges, berichtet Manfred Richter:

14. O TON, Manfred Richter, 0 41“
Lovis Corinth: Der rote Christus, da wird der existentiell bis zum Letzten zerrissene und kaputt gemachte Mensch, wie er im Ersten Weltkrieg erlebt werden konnte, und im zweiten auch erst recht, dargestellt. Und dieser Lovis Corinth Christus ist rot und Fleisch, wie Francis Bacon in drastischerer Weise die Zerrissenheit der menschlichen Figur, darstellt. Da ist noch mal ein neuer Typus der Christusbesinnung da, die ihn aber mit uns, mit unserem zeitgenössischen Schicksal, in engste Verbindung bringt.

1. SPR.:
Lovis Corinth ist nicht der einzige Künstler, der überzeugt ist: Dieser leidende Jesus lebt heute, er ist gegenwärtig. Um nur einige bekannte Namen zu nennen: Der Schmerzensmann wird Max Beckmann oder Arnulf Rainer, Francis Bacon, Georges Rouault, Alfred Hrdlicka und Herbert Falken gemalt.

2. SPR.:
Und etliche Künstler gehen soweit, dass sie sich mit dem sterbenden Jesus identifizieren. Der Schweizer Maler Louis Soutter (sprich Sutär) war dem Ende nahe, seelisch zerrüttet, von der eigenen Familie abgeschoben in ein Heim: Dort hat er seinen persönlichen Heiland Jesus am Kreuz gemalt. Soutter kauerte sich etwa im Jahr 1935 nackt auf den Boden, um seinen nackten Christus am Kreuz zu malen. Davon berichtet der Kunstexperte Pater Friedhelm Mennekes:

15. O TON, Pater Mennekes, O 57“.
Er hat die Christusgestalt immer wieder gemalt, ans Kreuz geheftet. Aber es sind Christusgestalten von einer unglaublichen Spannung und Dichte, bei denen sich zeigt, dass hier an der Gestaltung dieser Figur ein Mensch um sein Überleben als vernünftiger Mensch kämpft, wie ein Mensch im Malen des Christus Trost und Lebensmut erringt, erzeichnet. Am Ende seiner Tage mit bloßen und sogar blutigen Händen. Wir verdanken ihm die ersten Fingermalereien, ohne Pinsel, sondern direkt mit der flachen Hand und den bloßen Fingern gemalt: Das Entscheidende an seinem Christusbild ist, dass hier ein Maler im Zeichen des Christusbildes für sich eine dauerhafte Hoffnung errungen hat und die Therapie: dass er nicht in die völlige geistige Umnachtung zurückfiel.

1. SPR.:
Gehören künstlerische Darstellungen des nackten Jesus am Kreuz in die Mitte eines Kirchengebäudes? Darüber wird kaum noch gestritten: Viele Gemeinden begnügen sich mit einem Kruzifix nach der Art der Schnitzwerkstätten von Oberammergau. Einen anderen Weg geht die evangelische Gemeinde in Berlin – Plötzensee. Ihr damaliger Pfarrer Bringfried Naumann hat den Bildmauer und Maler Alfred Hrdlicka (sprich Hríd-litzschka) aus Wien eingeladen, für diese Berliner Kirche ein umfangreiches Werk zu schaffen, den Plötzenseer Totentanz. Mit diesem Auftrag wollte die Gemeinde auch bezeugen, wie stark sie von der Nachbarschaft zur ehemaligen Hinrichtungsstätte der Nazis in Plötzensee betroffen ist. So entstanden mehrere große Tafeln, in schwarz –weiß gehalten. Auf einer Arbeit wird auch die Kreuzigung Jesu gegenwärtig. Sein Leichnam ist total nackt, berichtet der heutige Pfarrer Michael Maillard:

16. O TON, Michael Maillard, 0 55“
In dem Hinrichtungsschuppen in Plötzensee gibt es einen Stahlträger mit Haken dran. An dem wurden Hitlergegner mit einer Schlinge um den Hals herum gehängt. Ein sehr grausamer Tod. Dann hat Alfred Hrdlicka gesagt, er möchte die Kreuzigung Jesu in diesen Kontext stellen. Obwohl er ansonsten auf diesem Bild Klassisches darstellt,
Jesus in der Mitte mit Dornenkrone und anderen Zeichen, die wir aus der biblischen Überlieferung kennen, rechts und links die beiden Verbrecher, mit denen er zusammen hingerichtet worden ist.
Bei uns ist er völlig nackt dargestellt, die beiden Schächer auch. Es soll dargestellt werden, dass die Leute, die da hingerichtet wurden, aller Würde entblößt worden sind. Und das passiert heute in Gefangenenlagern, Foltercamps, immer noch.

1.SPR.:
Auch hier bricht das Grundmotiv moderner Künstler durch: Jesu Leiden ist keineswegs nur ein Ereignis der Vergangenheit; seine Kreuzigung geschah gestern und geschieht heute in den Hungerregionen Afrikas oder den Todeslagern Nordkoreas. Aber, so will Alfred Hrdlicka sagen, schaut genau hin! Dann werdet ihr Lebensmut empfangen: Denn dieser Jesus, der Gerechte, verhält sich noch sterbend wie ein Erhabener:

17. O Ton, Michael Maillard, 0 46“
Auf der Kreuzigungsdarstellung des Plötzenseeer Totentanzes fällt auf, dass die Christusfigur die Fäuste nach oben reckt, die Hände der beiden anderen Gehängten hängen schlaff nach unten. Aber die Christusfigur hat Kraft in den Händen. Das ist auch sehr wichtig. Da hat Alfred Hrdlicka, das ist überliefert, an Menschen gedacht, die nach dem Todesurteil aufrecht, ungebrochen, in den Hinrichtungsschuppen gegangen sind. Und gewusst habe, eigentlich sind sie die Sieger, und nicht der Freisler, der sie gerade zum Tode verurteilt hat, weil sie das Richtige gemacht haben und den richtigen Weg gegangen sind.

1.SPR.:
Ist das Kreuz das absolute Ende? Diese Frage kann bei der Auseinandersetzung mit dem Kreuz Jesu gar nicht ausbleiben. Aber die Hoffnung auf eine Überwindung des Todes stellt sich bei modernen Künstlern nicht so schnell ein. Hrdlicka denkt zwar an den Auferstanden. Aber er malt eine Szene der Emmausjünger, wie der lebendige, aiuferstandene Jesus mit seinen Freunden das Brot teilt– aber wiederum im Dunkel einer Gefängniszelle.

2. SPR.:
Die übliche, gefällige religiöse Gebrauchskunst mit ihren Schnitzereien vermag vielleicht beruhigendes Opium zu reichen. Aber Künstler wie Hrdlicka sind ehrlicher: Sie sagen: Inmitten des Grauens gibt es Spuren des Lichts, der Hoffnung. An dem Thema hat sich auch der weltweit bekannte Joseph Beuys abgearbeitet. Als spiritueller Mensch war er von der geistigen Präsenz des Gottmenschen Christus in der heutigen Wirklichkeit überzeugt. Selbst noch in den hässlichen Abstellkammern der Kliniken, wo Schwerkranke mit dem Tod kämpfen, gibt es für ihn Hoffnungsschimmer. Eine seiner Installationen nannte Joseph Beuys „Zeig mir deine Wunde“, berichtet Pater Mennekes.

18. O Ton, Pater Mennekes, 0 51“.
Beuys ist ja wirklich einer, der tief davon überzeugt ist, dass auch die Welt der Todeszonen, wie etwa ein Sezierraum, umgriffen ist, von einer Welt, die durchpulst, durchwebt, ist von der Christussubstanz. Beuys hat mir in einem Gespräch gesagt, eines der interessantesten Themen, die es überhaupt für ein Bilderhauer, Maler, Zeichner, gibt, ist das Unsichtbare darzustellen. Das Unsichtbare z.B. des auferstandenen Jesus. Das ist die große Herausforderung eigentlich. Was er möchte, ist, dass der Mensch die eigenen Kräfte zum Leben inmitten von Sterben als Basis der Hoffnung entdeckt.

1. SPR.:
Zu ähnlichen Einsichten gelangt im Jahr 1970 aus der Erfahrung der Philosophie Max Horkheimer. Und das ist wichtig, weil so die Verbundenheit der Künstler mit der allgemeinen Kultur der Moderne wahrzunehmen ist. Max Horkheimer betont:

3. SPR.:
Ich drücke mich bewusst vorsichtig aus: Theologie ist die Hoffnung, dass es bei dem Unrecht, durch das die Welt gekennzeichnet ist, nicht bleibe, dass das Unrecht nicht das letzte Wort sein möge.

1. SPR.:
Wer sich mit dem Kreuz Jesu meditativ betrachtend auseinandersetzt, sucht Antworten auf seine spirituellen Interessen. Es geht um die Frage, wie man angesichts des Todes persönlich reifen und wachsen kann. Die Beschäftigung mit dem nackten Jesus am Kreuz eröffnet dann Möglichkeiten, sich selbst authentisch zu wahrzunehmen, sagt Pater Klaus Mertes:

19. O TON, Klaus Mertes , 0 47“.
Ich kann dem nackten Gott nicht begegnen, wenn ich selbst bekleidet bleibe. Eigentlich habe ich immer das Christentum so verstanden, dass es ein Bekenntnis zur eigenen Nacktheit ist. Und zur Nacktheit Gottes in mir. Und nur in dieser Nacktheit begegne ich Gott. Prunk und Pomp und tolle Gewänder und so sind eben nicht einfach nur eine nette Schwäche, sondern sind ein Symptom.
Und Jesus kritisiert ja die Kleidung und die Funktion von Kleidung. Hinter dieser Fassade wird nämlich das Eigentliche versteckt, worauf es ankommt, nämlich das Leben, das Lebendige. Letztlich begegne ich dem Lebendigen immer nur in der Nacktheit.

1. SPR.:
Wer diesen Spuren folgt, kann definitive, fix und fertige Antworten in der Religion nur verschmähen; er wird im Blick auf den sterbenden Gottmenschen die Fragwürdigkeit des Daseins anerkennen, betont Pfarrer Manfred Richter:

20. O TON Manfred Richter, 0 33“.
Es ist die condition humaine, die Grundbefindlichkeit des Menschen, die und das ist die Stärke der zeitgenössischen Kunst, die darauf verzichtet, jetzt eine definitive Antwort zu geben, sondern das ist ein so lauter Schrei oder eine so totale Stille, dass du selbst aufgerufen wirst, eine Antwort zu suchen. Aber nicht zu schnell, denke erst mal nach.

1. SPR.:
Aus der Kraft des Innehaltens, der Unterbrechung und des Nachdenkens im Angesicht des Kreuzes wächst dann eine neue Spiritualität: Sie braucht keine glanzvollen, keine entzückenden Bilder und wortreiche Lehren. Sie wird als christliche Religion selbst einfach, nackt und bloß! Davon ist der Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho überzeugt:

21. O TON Thomas Macho, 0 47“.
Den Begriff der nackten Religion – den finde ich ganz wunderbar, ohne historische, ohne theoretische, ohne wortgewaltige Gewänder, sondern ein Stückweit pur. Und dann sind wir bei etwas angekommen, dass wir alle Sterbliche sind. Und weil wir Sterbliche sind, können wir auch miteinander Teilen, Hoffnung, Angst, Bedürfnis nach Trost und Sicherheit und Geborgenheit und Barmherzigkeit. Und diese Gemeinschaft, die anzustreben, das wäre doch ein mögliches Ziel. Ein humanistisches Christentum, das ist ein wunderschöner Begriff und das heißt: Im Grunde eine solidarische Gemeinschaft der Menschen. Der Menschen, die guten Willens sind, die bilden so was wie eine communitas. Die Communitas heißt, wenn man es wörtlich übersetzt, das geteilte Leid. Die geteilte Last, die Last, die wir gemeinsam teilen.

Jordi Savall, Lachrimae Caravaggio. Le Concert des Nations. Hesperion XXI. Edition lia Vox.

Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.3.2022.  Zugleich ein Versuch, das Ewige im Menschen zu denken und in Kriegszeiten zu retten.

Ein Vorwort:

Wenn hier vom “Ewigen im Menschen” gesprochen wird, bedeutet dies keine Flucht ins religiös Beliebige oder gar ins “Mystische” (im Sinne von “Opium des Volkes”). Das “Ewige im Menschen” benennt den unendlichen Wert des Menschen, von dem die universalen Menschenrechte sprechen. Wer als Kriegsherr Menschen tötet (bzw. töten lässt), leugnet den ewigen Wert eines jeden Menschen. Der aggressive Kriegsherr stellt sich damit ins Außerhalb der Menschheit und Menschlichkeit.

Wer im Krieg die Opfer des Tötens im Angriffskrieg bedauert, weiß: Diese armen Menschen, Opfer des Krieges, fallen nicht ins Nichts, sie sind mehr als eine zerstückelte Masse von Menschenfleisch, das in Plastiktüten in Massengräbern bestattet wird. Die Opfer des Krieges haben selbstverständlich Anteil am “Ewigen im Menschen”. Und dieses Ewige im Menschen muss als menschliche Lebendigkeit unbedingt gerettet und geschützt werden! Die Kriegsherren, ohne Gewissen, dem Nichts vertrauend, haben dieses Ewige in sich selbst längst getötet, zum Stillstand gebracht.

1.
Es erscheint vielen als eine Ungeheuerlichkeit, wenn Menschen von der Auferstehung Jesu von Nazareth mit vernünftigen Begriffen sprechen, also nicht, wie üblich, ins fromme Stammeln oder enthusiastische Schwärmen ausweichen. Diese Haltung ist nur die kaschierte Hilflosigkeit oder die Gedankenlosigkeit.
Die Frage nach der Auferstehung ist Teil einer christlichen Lebensphilosophie, und diese kann niemals auf ein Verstehen in Worten und Begriffen verzichten. Wer die Frage nach der Auferstehung Jesu und der anderen Menschen stellt, macht auch deutlich, wer der Mensch „wesentlich“ ist.

Dass dieser Hinweis noch Fragen offen lässt, versteht sich bei dem Thema von selbst. Siehe dazu einige Fragen am Ende dieses Beitrags (Nr.16 – 19).

2.

Natürlich bewegt die Frage nach einer erklärbaren Auferstehung nicht alle Menschen. Aber wer sich für diese Frage interessiert, ist alles andere als ein Egozentriker, der das eigene „Weiterleben“ post mortem wichtig findet. Unsere Antwort fällt bescheiden aus, wie wir sehen werden. Aber sie ist intellektuell redlich.

3.

Dass die Antworten zur Auferstehung dann im ganzen eher bescheiden ausfallen, liegt an der Kraft des vernünftigen Denkens. Hier werden nicht die alten Mythen aus dem Neuen Testament zum Tausendsten Mal einfach wiederholt, wie dies leider in vielen Predigten üblich ist. Es geht hier also überhaupt nicht darum, ob wir post mortem die Großmutter im Himmel wiedersehen usw. So viel Phantasievolles, wenn nicht Spinöses, hat in einer christlichen Lebensphilosophie keinen Platz. Damit wird nicht geleugnet, dass ein einzelner in dieser Glaubenshaltung sein privates Illusions – Glück finden kann…Vielleicht.

4.

Dieser kurze Essay zeigt also: Die Auferstehung Jesu von Nazareth, nach seiner Hinrichtung am Kreuz im Jahr 34, lässt sich in Worten, in Begriffen, aussagen. Einen unvernünftigen „Sprung des Glaubens“ ins Nichtverstehen darf es nicht geben. Es muss also heute in neuen, für viele vielleicht in ungewöhnlichen Worten von der Auferstehung gesprochen werden.

5.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine Erkenntnis von Jesu Freundinnen und Freunde: Dieser ungewöhnliche Mensch, in dem sie Gottes Güte sichtbar erlebten, kann mit seinem Tod nicht ins Nichts versunken sein. Diese geistvolle Erkenntnis der Gemeinde, der Freunde, korrespondiert mit der inneren, seelischen und geistigen Qualität Jesu von Nazareth: Die geistvollen Menschen erkennen den von Gottes Geist der Güte bestimmten Jesus von Nazareth.Sie erkennen ihn in dieser Gemeinschaft, dieser Korrespondenz des einen Geistes, und sagen dann: Jesus ist kraft des göttlichen Geistes auferstanden. Und dieser göttliche Geist lebt genauso in der Gemeinde und der Menschheit.

6.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in unserer Sicht nur aufgrund einer philosophischen Einsicht zu verstehen, sie gehört zu den Grundüberzeugungen vieler nicht-religiöser Menschen: Es ist das Bild und die Metapher von der „Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott“. In diesem Bild wird gesagt: Gott, das Göttliche, der Ewige, der absolut Schöpferische, hat die Welt„geschaffen“, und dabei zugleich der Menschheit an seiner göttlichen Wirklichkeit Anteil gegeben. Eine Welt, die als Schöpfung eines Gottes sozusagen völlig losgelöst von ihm existierte, würde dem Begriff des Göttlichen widersprechen, das ist eine Einsicht der Metaphysik, die zwar alt, aber deswegen nicht falsch ist. Das aber heißt: Die Welt und die Menschheit sind von göttlichem, d.h. ewigen und lebensspendendem Geist geprägt. Welt ist also Welt in Gott, Menschen sind Menschen in Gott, d.h. mit Gottes Geist verbunden; wobei Gott, wie schon angedeutet, auch als Göttliches, Ewiges, Absolutes unbeholfen begrifflich benannt werden kann.

7.

Die Welt als eine Schöpfung Gottes verstehen ist das einzige Wunder fürs kritische Denken. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

8..

Die alles entscheidende Basis für ein Verständnis der Erzählung von der Auferstehung Jesu, also der Überwindung des Todes, ist: Gottes lebendiger Geist als das „Wesen“ auch des Menschen Jesus von Nazareth ist stärker als der Tod. Der Tod ist überwunden, weil der Geist und die Seele der Menschen ewig sind, d.h. weil sie Anteil haben am Ewigen, an Gott.

9.

Diese Erkenntnis wird von den 4 Autoren, den Evangelisten, im Neuen Testament, naturgemäss in einer ganz anderen Sprache, in ihrer bildhaften und enthusiastischen Sprache beschrieben. Diese Evangelien-Texten, in den Jahren 70 bis 100 verfasst, müssen selbstverständlich unter heutigen Bedingungen verstanden werden. Zum Beispiel: Das Grab Jesu war nicht leer, gerade weil er als der Auferstandene, als der auf neue Art Lebendige, erkannt wurde. In der Bildwelt der Autoren des Neuen Testaments damals gab es keine Möglichkeit, die Auferstehung nüchtern, sachlich, vernünftig zu erzählen. Heute ist dies notwendig.

10.

Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor umfassender Studie zum Thema schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.Und Karl Rahner, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts betont: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“. Wäre Jesus leibhaftig greifbar auferstanden, wäre die Frage nach seinem Tod und was dann danach „geschieht“, erneut aufgekommen.

11.

Die nach dem Tod Jesu zeitlich früheste uns vorliegende Erzählung zur Auferstehung Jesu von Nazareth hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ mitgeteilt: Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Bis dahin hatten die Freundinnen und Freunde Jesu, also die erste Gemeinde, von Jesus nur gesprochen, von seinem Leben und Leiden sowie von der Einsicht: Dieser Jesus, die leibhaftige Güte Gottes, ist nicht tot. Im Kapitel 1, Vers 10, des 1. Thessalonicher – Briefes schreibt Paulus lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu konfrontiere die Menschen auch mit dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist hier: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth konnte schon 17 Jahre nach seinem Tod schriftlich mitgeteilt werden. Gleichzeitig betont Paulus: Das Auferstehen aus dem Tod betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 des 1.Thessalonicher Briefes heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass die Menschen, auch die Verstorbenen, den Tod überwinden. Noch einmal später, in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden“ (1. Korintherbrief 15, 16). Jesus offenbart nur, dass alle Menschen, wie er vom Geist Gottes bestimmt, kraft dieses göttlichen Geistes auferstehen. Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont in der Zeitschrift CONCILIUM: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
Die Auferstehungs-Erzählungen der vier Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und flüchtet sich in eine religiöse Naivität und leider auch dies: Dummheit. Aber viele Menschen meinen, sie könnten technisch-praktisch hochgebildet sein, gleichzeitig aber auf einem naiven Kinder-Glauben beharren, der letztlich auch glauben kann: Im Himmel ist Jahrmarkt.

12.

Die Auferstehung Jesu als Erfahrung und Entdeckung der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber ist theologisch irreführend und missverständlich. Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barock hat den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.

13.

Diese Reflexionen über ein vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu sind alles andere eine neue Form von weltflüchtigem Mystizismus. Diese Interpretation der Auferstehung hat politische Konsequenzen: Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden, treten für die Geltung der universalen Menschenrechte und werden zu Repräsentanten des göttlichen Geistes in dieser Welt. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die katholischen (in den USA ausgebildeten) Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“. Oscar Romero ist schon kurz nach seiner Ermordung in seinem Volk auferstanden, von der anderen Form der Auferstehung als Fortdauern in Gott war dann später noch einmal die Rede, als Oscar Romero heilig gesprochen wurde.

14.

Die Auferstehung Jesu wird also in eine vernünftige christliche Lebensphilosophie gestellt. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

15.

Was bedeutet also für spirituelle Menschen heute OSTERN als FEST der Auferstehung von den Toten? Es ist die Überzeugung vom bleibenden Verbundensein des Menschen mit Gott als dem lebendigen Geist über den Tod hinaus. Mehr kann nicht gesagt werden, und das ist eigentlich viel. Das Wenige, das hier gesagt wurde, erschließt sich der Vernunft. Und nicht einem willkürlichen, nur enthusiastischen – charismatischen oder autoritätsgebundenen Glauben.

Es ist das Ewige im Menschen, an das erinnert wird zu Ostern und im Gedenken an die Auferstehung Jesu von Nazareth und aller Menschen. Das Ewige im Menschen zu denken und zu leben hat weitreichende Konsequenzen fürs Zusammenleben in der globalen Welt. Mord und Krieg sollten unter der Bedingung nicht mehr möglich sein, wer Krieg führt, tötet nicht nur Menschen, vor allem tötet er das Ewige, das den Menschen als Menschen Auszeichnende,  in sich selbst. Er fällt also als Kriegsherr und Kriegsideologe aus der Gemeinschaft der Menschen heraus.

WEITERE FRAGEN:

16.

Die enge Verbindung der Auferstehung Jesu und der Menschen mit einer Idee der “Schöpfung” der Welt und der Menschen durch Gott, das Göttliche, berührt auch die Frage nach den Grenzen der Welt als Schöpfung, sie zeigen sich etwa in Naturkatastrophen. Die Welt insgesamt selbst ist nicht göttlich, sie ist vielmehr das “Andere” des Unendlichen und Ewigen, Welt ist also das Endliche und Begrenzte. Aber dieses endliche Andere, die Welt, bleibt als Anderes einbezogen in Gott, das Göttliche. Das ist eine wesentliche Einsicht Hegels, der in meiner Sicht Gültigkeit hat.

17.

Theologisch gesehen wird in diesem Hinweis die wesentliche Erkenntnis freigelegt: Die Kraft der Auferstehung beruht in der Gegenwart des Göttlichen im Menschen. Damit werden die Interpretationen der biblischen Erzählungen im Neuen Testament nicht überflüssig, aber sie sind bloß bildhafte Illustrationen für die überraschende Einsicht der ersten Christen: Jesus von Nazareth und mit ihm auch die Menschen haben den Tod überwunden. Was dann im einzelnen “post mortem” passiert, entzieht sich jeder Spekulation. Bezeichnenderweise entweicht der Auferstandene in den Himmel, “Himmelfahrt” Jesu, d.h. er erscheint nicht mehr, wie die Erzählungen ausmalen, plötzlich in der Gemeinde.

Jesus entzieht sich post mortem in den “Himmel” der göttlichen “Welt”, und in dieser Region endet alles Denken.

18.

In den Erzählungen des Neuen Testamentes werden Auferstehung (Ostern), Pfingsten (Geistsendung) und Himmelfahrt Jesu als drei verschiedene “Ereignisse” dargestellt. Dass es sich bei den genannten Erfahrungen (“Ereignisse” in der Sicht der damaligen Autoren) nicht um Tatsachen historischer Art handelt, ist selbstverständlich.

Die damaligen Autoren des Neuen Testaments, die ihre Erkenntnisse erzählten, konnten nur diese drei Erfahrungen, chronologisch als Geschehen hintereinander, aussagen. Tatsächlich aber müssen bei heutigem Wissen diese drei Erfahrungen (“Ereignisse”) als eine Einheit verstanden werden.

Das heißt: Die Freunde Jesu, die erkennen: Jesus ist auferstanden, kommen zu dieser Aussage nur, weil sie den göttlichen, den heiligen Geist bereits (seit der Schöpfung durch Gott) “in sich haben”, so wie Jesus auch schon zu seinen Lebzeiten von diesem göttlichen Geist belebt wurde. Und die “Himmelfahrt” Jesu ist nur noch einmal ein anderes Bild für die Auferstehung Jesu, also dafür, dass Jesus den Tod überwunden hat und in die Ewigkeit des Göttlichen eintritt.

19.

Dieser Hinweis zur Auferstehung Jesu und der Menschen sagt nur: Die Menschen, mit göttlichem Geist durch die Schöpfung Gottes beschenkt, haben Anteil an dem geistigen Leben des Ewigen, Gottes. Weitere Aussagen zum “post mortem” sind nicht möglich, aber diese Aussage ist schon viel.

Vor allem befreit die Erkenntnis dieses Hinweises von der Bindung an die dogmatische Ideologie der Erbsünde, eine Erfindung des heiligen Augustinus (354-430). Er deutete die Menschheit so schlecht und verdorben und gottfern, dass ihm nur die Erbsünde als Konstruktion einfiel. Tatsächlich aber wollte er mit dieser konstruierten Ideologie die Menschen drängen, sich taufen zu lassen, also eine Bindung an die Kirche und den die Taufe spendenden Klerus einzugehen. Der “Witz” ist nur: Trotz Taufe als der angeblichen Überwindung der Erbsünde haben die Menschen Böses getan. Warum also die Erbsünde?

In unserem Hinweis wird deutlich: Die Menschen, mit dem göttlichen Geist ausgestattet, können sich in ihrer Freiheit auch gegen die Erkenntnisse ihrer Vernunft und ihres Gewissens wehren und Böses tun. Aber sie können kraft des Geistes als der Vernunft und des Gewissens sowie der Gemeinschaft anderer wieder zur Menschlichkeit zurückfinden.

20.

Ostern als Fest der Auferstehung Jesu und der Menschen ist ein Fest der Besinnung in Gemeinschaften, auch der Lebensfreude, auch ein Fest der Kontemplation als der kritischen Vertiefung in biblische Einsichten und Grundlagen vernünftiger Theologie; ein Fest auch der Meditation, als Versuch, seinen Geist zu befreien von so vielem ideologisch-religiös Belastendem, das den Menschen im Laufe einer kirchlich-dogmatischen Bildung bzw.Unbildung  angetan wurde.

Literaturhinweise:
Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.
Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 Russland und die Ukraine werden vom Papst der unbefleckten Jungfrau Maria geweiht! Eine Form des offiziellen Aberglaubens!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.3.2022.

Die zentrale Aussage der Predigt von Papst Franziskus am 25.3. 2022 im Petersdom anläßlich der Weihe der Ukraine und Russlands  an die “Gottesmutter Maria” siehe unten, am Ende dieses Beitrags.

Jeder kann sich auf seine Art von dem theologischen Niveau dieser Predigt ansprechen lassen. Merkwürdig ist nur, wenn schon der Papst so viel von Maria spricht als der Retterin in der Not: Warum verschweigt er das Magnificat, das bekannte Gebet der Mutter Jesu von Nazareth. Dort rühmt sie Gott, der, so wörtlich, “die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht”, so im Lukas Evangelium, Kapitel 1, Vers 52.  Warum wird diese politische Einsicht Marias nicht auf die heutigen Machthaber und Kriegsherren (und den Patriarchen Kyrill) in Russland bezogen? Mein Eindruck ist: Viele fromme Worte und fromme altbekannte Floskeln sind in dieser Papstpredigt. Keine politische Analyse, keine Nennung der Namen der Kriegsverbrecher, alles hübsch diplomatisch und harmlos verkleistert. CM am 3.4.2022.

…………….Am 17.3. 2022 wurde dieser Hinweis publiziert:

1.

Der Krieg Putins gegen die Ukraine ist auch als Völkermord von so ungeheurer Bedeutung, dass die demokratische Welt von einem Kulturbruch, einer prinzipiellen Wende, einer anderen Epoche spricht.

2.

Diese Zeitenwende erfordert ein anderes, ein neues Denken, ein Denken stets im Schatten eines Krieges bzw. nach einem Friedensabschluss im Schatten eines nach wie vor bedrohlichen Russland. Denn dass Russland nach einem Ende Putins eine Demokratie wird, ist wohl angesichts der historisch gewachsenen Mentalitäten dort ausgeschlossen.

3.

Was tut die katholische Kirche mit ihrem Papst in Rom in dieser Zeitenwende, inmitten dieses globalen Umbruchs? Es ist aus der Distanz und vernünftig gesehen, eher eine schwache Leistung: Der Papst greift auf die üblichen alten spirituellen Mittel zurück, die immer schon in Kriegszeiten propagiert wurden. Papst Franziskus wird am 25. März 2022 Russland und die Ukraine der unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter weihen, und zwar in einem feierlichen Gottesdienst im Petersdom. Ein Geschehen der Weihe, das man schlicht und einfach nur noch esoterisch nennen muss. Solche Weihen bestimmter Länder oder auch der ganzen Welt (etwa schon im Jahr 2013 durch Papst Franziskus) sind Ausdruck eines zutiefst mysteriösen, manche sagen zurecht abergläubischen Denkens: Die fromme These des Papstes ist: Maria als Himmelskönigin kann von Büßenden und betenden Katholiken im Himmel bestürmt werden. Denn sie hat, so allen Ernstes in der offiziellen katholischen Theologie, viel Einfluß bei dem himmlisch herrschenden, sehr personal gedachten Gott-Vater. Maria kann als Gottesmutter Jesu Christi also förmlich Gott-Vater beeinflussen, doch bitte schön Frieden zu schaffen, in dem Fall in der Ukraine … und letztlich in Europa.

Man könnte leicht auf den Gedanken kommen, dass diese in göttlichen Sphären höchst einflussreiche Jungfrau Maria doch als eine Art Göttin verehrt wird .… Also: Endlich ein weiblicher Gott im Christentum, mütterlich ansprechbar, freundlicher als der strenge Vater-Gott. Man lese bitte in dem Zusammenhang die alten Marien-Lieder in den katholischen Gesangbüchern bis ca. 1970, da wimmelt es förmlich an Vorstellungen von Maria der Göttin…Aus protestantischer Freundlichkeit  Nachlössigkeit wurden diese Fragen ökumenisch-theologisch bis heute nicht bearbeitet. Man lese aber zur Einstimmung das wichtige Buch “Mythos Maria”, von Hermann Kurzke, C.H.Beck Verlag.  LINK.

Diese Weihe Russlands und der Ukraine durch den Papst von Rom ist natürlich auch eine imperiale Geste, denn nur er, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus, weiß sich befugt, einige Länder oder gar die ganze Welt Maria zu weihen und mit seinem Weihwasser den ganzen Globus zu bespritzen, mit banalem Wasser, das er in heiliges Weih – Wasser verwandelt hat.
Ob die orthodoxen Patriarchen über diese imperiale Geste des Papstes, „bloß“ des Patriarchen von Rom in orthodoxer Sicht, begeistert sind, ist sehr die Frage.

Theologisch wichtiger aber ist die Frage: Was soll Maria im Himmel an Gottes Thron bloß tun: Sie muss Gott bitten, dem Kriegstreiber Putin ein Ende zu setzen. Und sie muss Gott bitten, die Kampfbereitschaft des ukrainischen Volkes zu stärken, vielleicht auch die Unterstützung der Nato göttlich abzusegnen. Einige Freunde fragen mich: Geht `s noch, bei dieser Weihe?

4.

Was wäre aber, wenn der Papst – in seinem (Aber)glauben  –  die Ukraine und Russland aus aktuellem Anlass doch besser dem gemeinsamen, dem ukrainisch-russischen Heiligen Wladimir bzw. Wolodymyr, weihen würde? Wladimir bzw. Wolodymyr (Ukrainisch) ist doch der Vorname von Putin wie von Selenskyi. Wladimir/Wolodymyr könnte doch an Gottes Thron Gott um Hilfe bitten oder? Dabei sollte die jüdische Konfession Selenskyis keine Probleme machen? Selenskyi denkt doch inter-religiös!
Immerhin ist doch auch Wladimir/Wolodymyr auch für die katholische, die römische Kirche, ein Heiliger, sein Feiertag ist der 15. Juli.
Wir sagen also mit dem selbstverständlichen kritischen Ton: „Also, heiliger Wladimir, tu was im Himmel!“ Vergessen wir also die Mittlerin zu Gott, die Jungfrau Maria, setzen wir mal auf Wladimir! Vielleicht sollte der Papst alsbald in dessen heilige Stadt Kiew reisen, solange sich Kiew vom russischen Feind schützen kann?

5.

So wird also im 21.Jahrhundert ohne weiteres die uralte Lehre des Bittgebetes wieder belebt, diesmal richtet sich das Bittgebet der verzweifelten Menschen an die Mittlerin Maria, die die Bitten Gott Vater förmlich überreicht. Maria also doch als Mittlerin der Gnaden, eine These, die von Protestanten zurecht abgelehnt wird und manchmal auch von katholischen Theologen abgelehnt wurde. Aber Maria als Gnadenmittlerin wird aber dann doch weiterhin ganz offiziell gelehrt und geglaubt.

6.

Dass Bittgebet als Einflussnahme auf den göttlichen Willen nun längst theologisch obsolet sein sollte, hat sich bis zu Papst Franziskus leider nicht herumgesprochen. Er selbst hat bekanntlich den mysteriösen Kult von „Maria der Knotenlöserin“ aus Augsburg in seiner argentinischen Heimat als Erzbischof propagiert.

7.

Bittgebete im übertragenen, nachvollziehbaren Sinn haben nur die Bedeutung, den einzelnen und die Gruppe in die Stille zu führen, ins Nachdenken, ins Meditieren, ins Debattieren, und vor allem ins gemeinsame Handeln zugunsten der Leidenden. Es geht in der Poesie des Bittgebetes um menschliche Selbstkritik, nicht um Beeinflussung Gottes im Himmel via Maria.
Aber diese noch mögliche kritische Theologie des Betens als persönliche, kritische Poesie im „Angesicht“ des Unendlichen und Ewigen ist in der katholischen Kirche marginal. Alle Welt fleht nach wie vor Maria an, macht Prozessionen, küsst Ikonen, schmettert alte Lieder („Maria breite den Mantel aus…“), alles in der Hoffnung, dass auf diese Weise Frieden eintritt. Wenn der Russe betet, denn betet er für Frieden in Russland, fürs Überleben seiner Soldaten; der Ukrainer bittet um Frieden, also um Sieg, in seinem Land…, und die Deutschen beten vielleicht. „Lieber Gott mach alles gut und lass uns hier bloß ungeschoren davon kommen“.

Das Bittgebet ist also meistens nationalistisch gefärbt, man schaue sich die Gebetbücher der deutschen und der französischen Soldaten im 1. und 2. Weltkrieg an.

8.

Und kritische Theologen sind so wahrhaftig und sagen: Empirisch, historisch nachweisbar, haben diese Gebete und diese Weihen an die heilige Jungfrau bisher de facto keinen Frieden gebracht, sie haben den Krieg nicht verhindert, den Krieg nicht verkürzt.… Man denke daran, dass Papst Pius XII am 31.10. 1942 die ganze Welt (!) dem Unbefleckten Herzen Marias weihte. Der Krieg endete nicht, die Ermordung des europäischen Judentums ging weiter. Gott hat also geschwiegen, wenn man es klassisch-theologisch sagen will, und Marias Mittlerrolle bei Gott Vater hat versagt. Oder will man uns mysteriös einreden: Hätte diese Weihe nicht stattgefunden, dann wäre alles noch viel schlimmer gewesen? Auf diese Weise kommt man in unendliche haltlose Spekulationen, in religiösen Wahn.

9.

Diese Weihe wird am 25.3.  als Verdoppelung nicht nur in Rom, sondern auch im portugiesischen Marien-Wallfahrtsort Fatima vollzogen. In Fatima ist die Jungfrau Maria leibhaftig im Jahr 1917 kleinen Hirtenkindern erschienen, sie hat Botschaften der Bekehrung den Kindern mitgeteilt und auch zum Gebet für Russland aufgefordert. Fatima ist höchst beliebt bei Päpsten, auch bei Franziskus, aber auch höchst umstritten bei kritisch denkenden katholischen Theologen: Das ganze Szenario der so genannten Erscheinung ist zu sehr von Menschen gemacht, von rechten Politikern in Portugal damals gefördert und gewünscht. Zu viel mysteriöses Rätsel- Raten rund um die „Geheimnisse von Fatima“ hat die Jungfrau den Kindern mitgeteilt, Fatima ist ein Ort, der den Niedergang des klaren Denkens dokumentiert, ein missbrauchter Ort, nur noch für den frommen Massentourismus dort, genannt Pilgerreisen, wichtig.

10.

Natürlich kann in einer Demokratie jeder und jede privat glauben, was er/sie will, zum Beispiel: „Im Himmel ist Jahrmarkt“. Oder aktueller, was jetzt Papst Franziskus propagiert: „Die unbefleckte Jungfrau Maria möge von Himmel aus für den Frieden sorgen in der Ukraine“. Damit wird auch die politische Hilflosigkeit der Kirchen dokumentiert. Wer sagt: „Die Kirchen können nur noch Bittgebete beten und Wunder von der Jungfrau Maria im Himmel erwarten“, formuliert nur das Seufzen der elenden, unaufgeklärten, unvernünftigen Kreatur. Eine solche Kirche, die Weihen Russlands und der Ukraine an die Unbefleckte verkündet, ist schlicht und einfach vergreist, was ja vom Personal her auch stimmt.

11.

Zusammenfassend: Wenn der Katholizismus etwas Spirituelles zum Frieden anbieten will: Dann ist das die gründliche Einübung der Meditation, der Stille, des Nachdenkens, des Dialogs, der Bildung, der kritischen Lektüre kritischer Medien, der Hilfsbereitschaft. Der einzelne Fromme kann sich meditativ in seiner Not in einem absoluten Sinngrund geborgen fühlen. Man denke an das bekannte Gedicht und Lied Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“…
Mehr kann ein Christentum nicht sagen, wenn es vernünftig nachvollziehbar bleiben will. Und das muss es, wenn es nicht als spinöser esoterischer, aber protziger und Geld gieriger Verein gelten will.

In Kriegszeiten als Papst auf den Einfluss der Unbefleckten Jungfrau Maria im Himmel zu setzen, ist schlicht und einfach Aberglauben. Und auch das muss man wohl innerhalb einer kritischen katholischen Theologie sagen. Solche Weihen überhaupt in Erwägung zu ziehen und stolz zu propagieren, ist eine Schande für das theologische Niveau im Vatikan. Damit werden die Brücken für einen Dialog mit aufgeklärten, kritischen Bürgern noch viel weiter abgerissen.

…………………………….

Die zentrale Passage in der Papst-Predigt am 25.3. 2022 im Petersdom:

“Denn wenn wir wollen, dass sich die Welt ändert, muss sich zuerst unser Herz ändern. Dazu lassen wir uns heute von der Gottesmutter bei der Hand nehmen. Schauen wir auf ihr unbeflecktes Herz, an dem Gott geruht hat, das einzige Herz eines menschlichen Geschöpfes, auf dem kein Schatten liegt. Sie ist voll der Gnade (vgl. V. 28) und deshalb frei von Sünde. In ihr gibt es keine Spur des Bösen, und deshalb konnte Gott mit ihr eine neue Geschichte des Heils und des Friedens beginnen. Dort hat sich der Lauf der Geschichte gewendet. Gott hat die Geschichte verändert, als er an das Herz Marias klopfte.
Und auch wir klopfen heute, erneuert durch die Vergebung Gottes, an jenes Herz. Gemeinsam mit den Bischöfen und den Gläubigen in der ganzen Welt möchte ich alles, was wir gerade erleben, feierlich zum Unbefleckten Herzen Mariens tragen. Ich möchte die Weihe der Kirche und der ganzen Menschheit an sie erneuern und ihr in besonderer Weise das ukrainische und russische Volk weihen, die sie in kindlicher Zuneigung als ihre Mutter verehren. Es handelt sich dabei nicht um eine magische Formel, sondern um einen geistlichen Akt. Mit diesem Gestus vertrauen sich die Kinder ganz ihrer Mutter an; in der Bedrängnis dieses grausamen und sinnlosen Krieges, der die Welt bedroht, kommen sie zu ihrer Mutter und legen ihr all ihre Ängste und Leiden ans Herz und übereignen sich ihr. Wie Kinder, wenn sie sich fürchten: Sie gehen zu ihrer Mutter und weinen, suchen Schutz. Es geht darum, die kostbaren Güter der Geschwisterlichkeit und des Friedens, alles, was wir haben und was wir sind, in dieses reine und unbefleckte Herz hineinzulegen, in dem Gott widerscheint, damit sie, die Mutter, die der Herr uns gegeben hat, uns beschützen und behüten kann.
„Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat“
Von Marias Lippen kam der schönste Satz, den der Engel Gott überbringen konnte: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (V. 38). Die Muttergottes findet sich hier nicht passiv oder resigniert mit ihrer Situation ab, sondern hegt den lebhaften Wunsch, ganz Gott zu gehören, der »Gedanken des Heils und nicht des Unheils« (Jer 29,11) hegt. Das ist engste Teilnahme an seinem Plan für den Frieden in der Welt. Wir weihen uns Maria, um in diesen Plan einzutreten und bereit zu sein für das, was Gott vorhat. Nachdem die Mutter Gottes ihr Ja gesprochen hatte, machte sie sich auf den langen Weg in eine Bergregion, um ihre schwangere Verwandte zu besuchen (vgl. Lk 1,39). Sie eilte: Ich denke gerne daran, dass die Muttergottes eilte. So ist es immer: die Muttergottes, die eilt, um uns zu helfen und uns zu beschützen.
Möge sie uns heute bei der Hand nehmen und uns über die steilen und mühsamen Pfade der Geschwisterlichkeit und des Dialogs auf den Weg des Friedens führen.
(vatican news)volume_up

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Russisch-orthodoxe Kirche mit Patriarch Kyrill I. gehört nicht mehr zur Ökumene

Ein Hinweis von Christian Modehn am 2. März 2022.  Siehe auch den Hinweis vom 26.2.2022. Siehe auch “Homosexualität ist Schuld an der Krise” (Kyrill I.)

Notiert am 5.3.2022:

Entscheidend ist: Putin und der Patriarch Kyrill I. von Moskau (und mit ihm die meisten seiner Bischöfe) sind sich einig in der leidenschaftlichen Verurteilung der so genannten “westlichen Ideen”, also der Philosophie der Aufklärung, der Demokratie, der Menschenrechte. 

Entscheidend ist zweitens: Die Jahrzehnte andauernde Mitgliedschaft der Russisch-orthodoxen Kirche in verschiedenen ökumenischen, also westlichen, d.h. protestantischen und auch katholischen Gremien und Konferenzen (wie dem “Weltrat der Kirchen” in Genf) hat für die Russisch-orthodoxe Kirche keinerlei Erkenntnisgewinn gebracht. Diese Kirche war offenbar nur des schönen Scheins wegen in den ökumenischen Gremien, um international mit Pomp und Weihrauch zu glänzen. Und die westlichen Kirchen fragten nie: Wie haltet ihr Russisch-Orthodoxen es mit den Menschenrechten in eurem Land? Seid Ihr als Kirche bereit, bei eurer Macht, auch politische Opposition zu sein?

Mit anderen Worten: Nicht nur westliche Politiker waren naiv im Umgang mit Putin, westliche Kirchenführer waren (und sind ?) genauso naiv im Umgang mit Kyrill I. und Co.

Es klingt geradezu lächerlich, wenn katholische Theologen, selbst die Päpste der letzten Jahre, sagen: Wir brauchen die (russisch ?) Orthodoxen als “unsere zweite Lunge”, so Papst Johannes Paul II. und ähnlich auch Benedikt XVI.

…………………………..

1.
Die Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. ist seit Jahrzehnten schon eine Art Putin-Kirche. Auch im Krieg Putins gegen die Ukraine hat die Russisch-orthodoxe Kirche als eine einflußreiche Organisation in Russland (ca. 60 % der Russen gelten als Mitglieder) bisher nur allgemeine Floskeln zum Frieden in der Ukraine geäußert. Einige Popen in Frankrerich denken wohl anders als der Patriarch und die Bischöfe, aber werden sie ernst genommen, werden sie ausgegrenzt und verfolgt? (Siehe unten Anmerkung 1, der Appell einiger russisch-orthodoxer Pfarrer in Frankreich). Am 3.3.2022 hat auch der Ökumenische Rat der Kirchen durch seinen Generalsekretär einen freundlich bittenden Brief an Patriach Kyrill geschickt.

2.
Die Forderung: Eine Kirche, die sich nur in Worten und feierlicher Liturgie auf das Evangelium Jesu Christi bezieht, aber de facto zur nationalistischen Putin-Kirche entartet ist, gehört nicht mehr in repräsentative christliche ökumenische Gremien (in Genf, auf Landesebene in Europa oder in Landeskirchen/Bistümern).

Diese Kirche kämpft – gut dokumentiert – gegen alle Freiheiten der Bürger, der Frauen, der sexuellen Vielfalt, der Künstler. Und sie will sogar „Väterchen“ Stalin in den Rang eines Heiligen erheben. Eine solche Organisation sollte von demokratischen und christlich gesinnten Kirchen nicht mehr zu einer christlichen Ökumene gehören, die noch dem Niveau des Evangeliums und der Menschenrechte verpflichtet sein will.

3.
Die Erkenntnis ist: Die Russisch-orthodoxe Kirche sollte – mindestens bis zu der von Russland ausgesprochenen FRIEDENS-Garantie eines unabhängigen Staates Ukraine durch Putin oder dessen alsbaldigem Nachfolger – aus allen ökumenischen, christlichen Gremien entfernt werden. Diese Strafe wird eine Wirkung haben in der russischen Öffentlichkeit. Und manche werden sich in Russland fragen: Warum ist diese mächtige Kirche eigentlich nicht zur einzig noch möglichen Opposition gegen das Putin Regime geworden?

4.
Ich weiß, Christen schätzen auch heute nicht den Bruch, die Trennung einer Kirche aus der Ökumene…

Aber im aktuellen Beispiel geht es um etwas Anderes, es geht um eine Kirche, die im 20. und 21. Jahrhundert etwas dazugelernt haben könnte und wissen könnte, dass die nationalistische Treue zu einem diktatorischen Regime, das Krieg führt, niemals ein Kennzeichen einer christlichen Kirche sein kann.

Was wäre denn sonst der Sinn der langjährigen Mitgliedschaften der Russisch-orthodoxen Kirche in so vielen prominenten theologischen Begegungen? Gewiss, in der Zeit der Sowjetunion waren die Delegierten, also die Erzbischöfe bzw. Metropoliten  der Russisch-orthodoxen Kirche, eindeutig Vertreter und Gesandte der herrschenden kommunistischen Partei der Sowjetunion, etwa im Genfer Weltrat der Kirchen. Aber nach 1990 hatte doch allem Anschein nach eine bessere Zeit beginnen können, was die theologische Forschung in Russland angeht.

Man fragt sich jetzt, im März 2022: Waren wirklich dieser ganze ökumenische Aufwand, diese ständigen ökumenischen Konsultationen, Konferenzen und so weiter sinnlos und vertane Zeit, was die Entwicklung des theologischen Niveaus der Russiosch-orthodoxen Kirche angeht? Ja, sie waren sinnlos, wenn man sich das Verhalten von Kyrill I. und Co. seit Beginn des 21. Jahrhunderts bis heute anschaut. So viel Wahrhaftoigkeit muss möglich sein.

Auch die westlichen Kirchen waren naiv und blind, was den theologischen Zustand der Russisch-orthodoxen Kirche angeht.

5.
Es kann also nicht sein, dass die Ökumene der christlichen Kirchen eine kriegerisch – nationalistische orthodoxe Kirchenführung unbesehen als Teil der christlichen Welt gelten lässt.

6.
Die zentrale Erkenntnis ist: Es muss ein neues Denken beginnen, was Ökumene der vielen verschiedenen Kirchen eigentlich bedeutet, es muss genau gefragt werden, wer dazu gehört und wer eben nicht. Kriterium der Mitgliedschaft einer Kirche kann nicht einfach nur sein, dass diese sich christlich nennt; Kriterium muss sein, dass die Praxis dieser Kirche auch dem Geist und dem Buchstaben der Menschenrechte entsprechen. Nicht nur der Bezug auf das Neue Testament also ist entscheidend, sondern auch der praktische Respekt der universalen Menschenrechte.

7.
Der Hintergrund: Alle demokratischen Staaten und Gesellschaften bewerten heute den Krieg Putins gegen die Ukraine als eine „Zeitenwende“, als ein Bruch mit bisherigen Üblichkeiten, Mentalitäten und Denkzwängen in den Demokratien.
Eine gewisse Naivität im Umgang mit politischen Gegnern wird von den demokratischen Gesellschaften und Staaten überwunden. Sie wissen jetzt: Aus dem Gegner Putin von einst ist der Feind Putin geworden. Und dieser Feind darf keine Macht mehr behalten.

8.
Diese Erkenntnis bleibt aber genauso gültig: Immer mehr Waffen schaffen allein durch die Tatsache, dass es immer mehr Waffen in den Demokratien gibt, nicht den Frieden.

Es steht fest: Die Vernunft und der Dialog bleiben das allerbeste Mittel, um ein friedliches Zusammenleben in der pluralen Menschheit zu schaffen. Dazu gehört auch die Einschätzung, dass der andere, der Gegner, immer noch Mensch ist, und dazu gehört trotz Anwendung von Waffen die Überzeugung, dass auch der mörderische Feind immer noch hoffentlich etwas Menschliches bewahrt hat. Deswegen wird, nebenbei gesagt in einem Rechtsstaat selbst ein Massen-Mörder nicht hingerichtet, sondern ins Gefängnis gesperrt.

9.
Insofern bleibt auch die Hoffnung, dass die Russisch-orthodoxe Kirche durch den völligen Ausschluss aus allen internationalen und nationalen ökumenischen Gremien doch noch zur Vernunft kommt und zum Evangelium des Friedens zurückfindet. Sollte dies nachweislich in der Praxis der Fall sein, ist diese Kirche auch in ökumenischen Kreisen wieder willkommen.

10.
Sollten die Patriarchen und Bischöfe jetzt sagen: „Lieber orthodoxer Christ Putin, beenden Sie auch als guter Freund unseres Patriarchen Kyrill I. den Krieg gegen unser„Brudervolk“, die Ukrainer und ihres souveränen Staates“, dann würde der Ausschluss dieser Orthodoxen (orthodox heißt rechtgläubig, dieser Titel passt wahrlich nicht zur russischen Kirche) aus der Ökumene zunächst wohl überflüssig. Aber diesen Schritt kann nur eine Kirche wagen, die entschlossen ist, politische Opposition zu werden. Aber dazu fehlt der russischen Orthodoxie die Kraft, der Geist, der Mut. Die Bequemlichkeiten der Staatskirche – seit Bestehen dieser Kirche – sind für den überwiegenden Teil des Klerus – nicht nur in Russland – oberster Wert.

11.
Diese Hinweise und Vorschläge hier sind wahrscheinlich nur illusorisch. Denn die Christen und die Kirchenführer weltweit sind eingeschüchtert und irenisch, d.h. sie wollen den Streit und Trennung um jeden Preis vermeiden. Sie werden es doch ihren „Brüdern“ in der Ökumene nicht antun, auch einmal eine Strafe auszusprechen.

So werden wohl die westlichen Kirchen die einzige gesellschaftliche Gruppe sein und bleiben, die angesichts des Mordens durch Putin keine mutigen Konsequenzen ziehen, Konsequenzen, die wirklich den Titel „Zeitenwende“ verdienen. Von Zeitenwende, von einem Umschwung und Umbruch, reden alle Organisationen in den demokratischen Staaten. Nur die Kirchen verschlafen diese Zeitenwende. Sie sind ja, wie sie so gern sagen, mit der Ewigkeit verbunden. Was ist da schon die jetzige Zeit?

12.
Trotzdem führt der Krieg auch zu tiefen theologischen Entscheidungen: Es kann deutlich werden, welchen Sinn und auch welchen Unsinn die Bitt-Gebete und die Bitt-Gottesdienste um Frieden haben.

Verändert der liebe Gott im Himmel die Weltpolitik, je nachdem wie intensiv da Gebete wird? Was für eine blasphemische Vorstellung! Wem soll Gott denn folgen, etwa den für ihr Land betenden Russen oder den für ihr Land betenden Ukrainern? Hoffentlich entscheidet sich der liebe Gott für die betenden Ukrainer, möchte man als Religionskritiker sagen.

Spaß beiseite: Gebete um Friede können einzig und allein den einzelnen Menschen seelisch etwa stärken, ihn zu Meditation führen, zur Stille, zum Nachdenken, um ihn dann zur politischen Aktion zugunsten der Menschenrechte zu motivieren.

Aber daran zweifelt doch kein vernünftiger Christ: Bloße Gebete um Frieden werden niemals politischen Frieden bewirken. Friedensgottesdienste werden den lieben Gott im Himmel nicht bestimmen oder umstimmen. Friedensgottesdienste wecken die seelische Stärke und den kritischen politischen Geist, mehr nicht. Und sie sind schöne Erfahrungen von Gemeinschaft. Zu diesem kritischen Bewusstsein müssen die Kirchen endlich finden. Auch sie stehen jetzt, 2002, vor einer theologischen „Zeitenwende“.

Anmerkung 1: Der Appell einiger Pfarrer der russisch.orthodoxen Kirche zum Frieden:

APPEL DU CLERGÉ DE L’ÉGLISE ORTHODOXE RUSSE À LA RÉCONCILIATION ET À LA FIN DE LA GUERRE quelle: https://www.egliserusse.eu/blogdiscussion/APPEL-DU-CLERGE-DE-L-EGLISE-ORTHODOXE-RUSSE-A-LA-RECONCILIATION-ET-A-LA-FIN-DE-LA-GUERRE_a6461.html

Nous, prêtres et diacres de l’Église orthodoxe russe, chacun en son nom propre, lançons un appel à tous ceux dont dépend la fin de la guerre fratricide en Ukraine, avec un appel à la réconciliation et à un cessez-le-feu immédiat. Nous adressons ce message après le dimanche du Jugement dernier et dans l’anticipation du Dimanche du pardon.

Le Jugement Dernier attend chacun d’entre nous. Aucune autorité terrestre, aucun médecin, personne ne nous l’évitera. Soucieux du salut de tous ceux qui se considèrent comme un enfant de l’Église orthodoxe russe, nous ne voulons pas qu’il comparaisse à ce Jugement, portant le lourd fardeau des malédictions proférées par les mères ayant perdu leurs enfants.

Nous pleurons l’épreuve à laquelle nos frères et sœurs ont été injustement soumis en Ukraine.

Nous rappelons que la vie de chaque personne est un don inestimable et unique de Dieu, et c’est pourquoi nous souhaitons le retour de tous les soldats – russes et ukrainiens – chez eux et dans leurs familles, sains et saufs.

Nous pensons avec amertume à l’abîme que nos enfants et petits-enfants en Russie et en Ukraine devront surmonter pour recouvrer l’amitié des uns avec les autres, pour se respecter et s’aimer mutuellement.

Nous respectons la liberté de l’homme donnée par Dieu et croyons que le peuple ukrainien devrait faire son choix de manière indépendante et non sous la menace d’une arme, sans pressions de l’Occident ou de l’Orient.

Dans l’anticipation du Dimanche du pardon, nous rappelons que les portes du Paradis sont ouvertes à quiconque, même à une personne qui a péché lourdement, si elle demande pardon à ceux qu’elle a humiliés, insultés, méprisés, ou à ceux qui ont été tués par ses mains ou sur ses ordres. Il n’y a pas d’autre voie que le pardon et la réconciliation mutuelle.

« La voix du sang de ton frère me crie de la terre ; et maintenant sois maudit et chassé de la terre qui a ouvert la bouche pour recevoir de ta main le sang de ton frère», dit Dieu à Caïn, qui était jaloux de son jeune frère. Malheur à toute personne qui se rend compte que ces paroles lui sont adressées personnellement.
Aucun appel non violent à la paix et à la fin de la guerre ne devrait être réprimé de force et considéré comme une violation de la loi, car tel est le commandement divin : « Heureux les artisans de paix. »

Nous appelons toutes les parties en conflit au dialogue, car il n’y a pas d’autre alternative. Seule la capacité d’entendre l’autre peut offrir l’espoir d’une sortie de l’abîme dans lequel nos pays ont été jetés en quelques jours seulement.

Permettez-vous et permettez-nous à tous d’entrer dans le Carême dans un esprit de foi, d’espérance et d’amour.

Arrêtez la guerre!

Prêtre Alexy Antonovsky
Hegumen Nikodim (Balyasnikov)
Prêtre Hildo Bos
Prêtre Vasily Bush
Archiprêtre Stefan Vaneyan
Hiéromoine Jacob (Vorontsov)
Archiprêtre Yevgeny Goryachev (vétéran de la guerre afghane)
Hiéromoine John (Guaita)
Prêtre Alexy Dikarev
Prêtre Alexander Zanemonets
Archiprêtre Vladimir Zelinsky
Prêtre Georgy Ioffe
Archiprêtre Andrei Kordochkin
Prêtre Lazar Lenzi
Archiprêtre Andrei Lorgus
Hegumen Peter (Meshcherinov)
Prêtre Evgeny Moroz
Hiéromoine Dimitry (Pershin)
Prêtre Alexander Piskunov
Archiprêtre Stefan Platt
Archiprêtre Dionysius Pozdnyaev
Archiprêtre Georgy Roy
Hiéromoine Theodorit (Senchukov)
Archiprêtre Dimitri Sobolevsky
Archiprêtre Alexander Shabanov
-Diacre Valerian

………………………………..

ОБРАЩЕНИЕ СВЯЩЕННОСЛУЖИТЕЛЕЙ РУССКОЙ ПРАВОСЛАВНОЙ ЦЕРКВИ С ПРИЗЫВОМ К ПРИМИРЕНИЮ И ПРЕКРАЩЕНИЮ ВОЙНЫ
Мы, священники и диаконы Русской Православной Церкви, каждый от своего имени, обращаемся ко всем, от кого зависит прекращение братоубийственной войны в Украине, с призывом к примирению и немедленному прекращению огня.
Мы направляем это обращение после воскресенья о Страшном Суде и в преддверии Прощеного воскресенья.
Страшный суд ожидает каждого человека. Никакая земная власть, никакие врачи, никакая охрана не обезопасит от этого суда. Заботясь о спасении каждого человека, считающего себя чадом Русской Православной Церкви, мы не желаем, чтобы он явился на этот суд, неся на себе тяжелый груз материнских проклятий. Мы напоминаем, что Кровь Христова, пролитая Спасителем за жизнь мира, будет принята в таинстве Причащения теми людьми, кто отдает убийственные приказы, не в жизнь, а в муку вечную.
Мы скорбим о том испытании, которому были незаслуженно подвергнуты наши братья и сестры в Украине.
Мы напоминаем о том, что жизнь каждого человека является бесценным и неповторимым даром Божьим, а потому желаем возвращения всех воинов – и российских, и украинских – в свои родные дома и семьи целыми и невредимыми.
Мы с горечью думаем о той пропасти, которую придется преодолевать нашим детям и внукам в России и в Украине, чтобы снова начать дружить друг с другом, уважать и любить друга друга.
Мы уважаем богоданную свободу человека, и считаем, что народ Украины должен делать свой выбор самостоятельно, не под прицелом автоматов, без давления с Запада или Востока.
В ожидании Прощеного воскресенья мы напоминаем о том, что врата райские отверзаются всякому, даже тяжело согрешившему человеку, если он попросит прощения у тех, кого он унизил, оскорбил, презрел, или же у тех, кто был убит его руками или по его приказу. Нет другого пути, кроме прощения и взаимного примирения.
“Голос крови брата твоего вопиет ко Мне от земли; и ныне проклят ты от земли, которая отверзла уста свои принять кровь брата твоего от руки твоей”, сказал Бог Каину, позавидовавшему своему младшему брату. Горе всякому человеку, сознающему, что эти слова обращены к нему лично.
Никакой ненасильственный призыв к миру и прекращению войны не должен насильственно пресекаться и рассматриваться как нарушение закона, ибо такова божественная заповедь: “Блаженны миротворцы”.
Мы призываем все противоборствующие стороны к диалогу, потому что никакой другой альтернативы насилию не существует. Лишь способность услышать другого может дать надежду на выход из бездны, в которую наши страны были брошены лишь за несколько дней.
Дайте себе и всем нам войти в Великий Пост в духе веры, надежды и любви.
Остановите войну.

иерей Алексий Антоновский
игумен Никодим (Балясников)
иерей Хилдо Бос
иерей Василий Буш
протоиерей Стефан Ванеян
иеромонах Иаков (Воронцов)
иерей Александр Востродымов.
священник Дионисий Габбасов
иерей Андрей Герман
протоиерей Евгений Горячев (ветеран Афганской войны)
иеромонах Иоанн (Гуайта)
иерей Алексий Дикарев
иерей Александр Занемонец
протоиерей Владимир Зелинский
протоиерей Петр Иванов
протоиерей Георгий Иоффе
диакон Илия Колин
протоиерей Андрей Кордочкин
иерей Лазарь Ленци
протоиерей Андрей Лоргус
игумен Петр (Мещеринов)
протоиерей Константин Момотов
иерей Евгений Мороз
иеромонах Димитрий (Першин)
иерей Александр Пискунов
протоиерей Стефан Платт
протоиерей Дионисий Поздняев
протоиерей Георгий Рой
священник Николай Савченко
иеромонах Феодорит (Сеньчуков)
протоиерей Иосиф Скиннер
протоиерей Димитрий Соболевский
диакон Пимен Трофимов
протоиерей Александр Шабанов
иеромонах Киприан (Земляков)
иерей Иоанн Леонтьев
протоиерей Виталий Шкарупин
протоиерей Сергий Дмитриев
протоиерей Владимир Королев
протоиерей Сергей Титков
диакон Валериан Дунин-Барковский

Священники и диаконы Русской Православной Церкви, желающие подписаться под письмом, могут написать на адрес russianpriestsforpeace@gmail.com

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Neue Religionen und Kirchen werden gegründet.

Ein unbekanntes Phänomen im 19.Jahrhundert – noch aktuell?
Ein Hinweis von Christian Modehn.

1.
„Ich gründe meine Religion, meine Kirche“: Dies könnte als Motto für französische Intellektuelle im 19. Jahrhundert gelten.
Die Gründe dafür nennt der Mentalitäts – Historiker Georges Minois:
„Das 19.Jahrhundert ist reich an Beispielen von Menschen, die wegen der unnachgiebigen Haltung der (katholischen) Kirche und ihrer intellektuellen Unbeweglichkeit den (katholischen) Glauben verloren haben“, (Georges Minois, Geschichte des Atheismus, Weimar, 2000, S. 531).
Eine Erkenntnis, die der Historiker Michel Vovelle weiterführt: „Die Originalität Frankreichs in der Geschichte des westeuropäischen Christentums der Moderne ist: Es wurden weltliche Religionen entwickelt, die transzendente Wahrheiten ersetzten durch einen Kult des Vaterlandes oder der Werte Freiheit und Vernunft“ (in „Histoire de la France Religieuse”, Paris 1991, S. 510.)
Und der Kulturphilosoph Wolf Lepenies ergänzt, in seiner umfangreichen Studie über den Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve (1804-1869):
“In der modernen Welt des 19. Jahrhunderts an der herkömmlichen Religion festzuhalten, war Byzantinismus – der Fortschritt verlangte auch nach der Ausbildung einer zeitangepassten Moral, die zugleich das überzeitliche Bedürfnis des Menschen, sich an Werten zu orientieren und von Vorbildern leiten zu lassen, befriedigte“ (S. 333 in: „Sainte-Beuve“, 2006).

2.
Diese Mentalität weckt förmlich die Bereitschaft, die persönlichen weltanschaulichen Überzeugungen in eigenen Kirchen und Religionsgemeinschaften zu gestalten. Als Kirchengründer oder als Religionsgründer gefahrlos aufzutreten, war erst durch die Revolution von 1789 möglich geworden, sie hatte die Religionsfreiheit als Menschenrecht anerkannt. Es waren oft Laien, also nicht immer Theologen oder Priester, die sich als Kirchengründer betätigten. Sie suchten dadurch für sich und ihre Freunde Auswege aus einem dogmatisch erstarrten Katholizismus: Gleichzeitig wollten sie eine Religion/Kirche gestalten, die die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung respektierte und in einem politisch pluralen Staat den notwendigen ideologischen Zusammenhalt stiftete.

3.
Diesem Impuls zu Neugründungen von Religionen steht um 1800 das Erstarken eines katholischen Volksglauben, zumal in ländlichen Regionen, gegenüber, den selbst manche Priester als Aberglauben deuteten… Aber weil die Kirchenbindung dieser Frommen wichtiger erschien, tolerierten und unterstützten die Kleriker diese Form des zum Teil magisch geprägten Volkskatholizismus. Es waren vor allem Frauen, die sich daran klammerten, wie etwa die exzessive Heiligenverehrung, der Marien-Kult, der aus der Mutter Jesu eine weibliche Gottheit und eine Miterlöserin machte, die Verehrung bestimmter Landpfarrer (wie den Pfarrer von Ars). (Siehe dazu. „Histoire de la France Religieuse“, III, 1991, S. 528.)

4.
Diese Bemühungen um Kirchengründungen sind im Rückblick nicht erfolgreich gewesen, was die Mitgliederzahlen und die Lebensdauer dieser Gemeinden betrifft. Aber in ihrer Vielfalt zeigen diese Gründungen doch, wie umfassend die Unzufriedenheit mit dem Katholizismus war. Der Katholizismus im 19. Jahrhundert war institutionell – unter dem Schutz des Stellvertreters Christi auf Erden – so mächtig, dass er weiterhin den Wissenschaften feindlich eingestellt bleiben konnte, dass er die Werte der Philosophie der Aufklärung, auch die Menschenrechte, als gottlos verurteilte … und dadurch die Einheit von katholischem Glauben und Anti-Moderne zementierte.

5.
Das Thema Kirchengründungen in Frankreich und in einem zweiten Kapitel auch in Deutschland ist sicherlich in einer breiten Öffentlichkeit nicht so vertraut und bekannt ist. Es hat aber durchaus aktuelle Bedeutung, angesichts der tief greifenden Krise der katholischen Kirche in Europa und Amerika am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts.Diese Krise ist begründet unter anderem auch in dem freigelegten sexuellen Missbrauchs durch tausende Priester über viele Jahrzehnte. Viele hunderttausend Katholiken distanzieren sich vom Katholizismus, „treten aus“, die meisten suchen nun individuell den eigenen spirituellen Weg, vielleicht aber auch im Zusammenhang neuer Gemeinschaften oder in progressiven protestantischen Kirchen.
Unabhängige Gemeindegründungen im Katholizismus gibt es im 20.Jahrhundert in den Niederlanden: Seit 1970 wurden neue ökumenische Gemeinden von Katholiken gegründet, oft Basisgemeinden genannt, die sich explizit aus dem System des Katholizismus (d.h. des Bistums) verabschiedeten und zum Teil bis heute bestehen: Wie die inzwischen weltweit bekannte „Ecclesia“, inszeniert vor allem von dem ehemaligen Jesuiten und bedeutenden Poeten Huub Oosterhuis (Liturgie im Kulturzentrum de rode hoed). Oder die „Dominicus-Gemeinde“, ebenfalls in Amsterdam. Die Dominicus-Gemeinde wurde ursprünglich (bis ca. 1970) von Dominikaner-Paters geleitet, dann haben Laien als Team die Leitung übernommen und schließlich hat die Gemeinde, nun ökumenisch, das schöne Kirchengebäude gekauft. Diese Gemeinden sind nicht mehr konfessionell, sondern ökumenisch, sie führen unterschiedliche Theologien zusammen. Auch die ökumenische Gemeinde „de Duif“ in Amsterdam muss in dem Zusammenhang erwähnt werden! Die website der Gemeinde de duif bietet auch etliche links zu ähnlichen Versuchen freier Gemeinden.
(Zu den Kirchengründungen in der frühen Kirchengeschichte siehe Fußnote 1, unten)

Das erste Kapitel: Gründungen von Kirchen/Religionsgemeinschaften im 19. Jahrhundert in Frankreich.

6.
Das Thema ist im katholisch geprägten Milieu ausschlaggebend.
Die protestantische Kirche in Frankreich (vorwiegend Calvinisten und einige Lutheraner) war damals zahlenmäßig zu klein, um Neugründungen oder Abspaltungen innerhalb der Konfession Raum zu geben. Die protestantischen Kirchen waren dank der Revolution von 1789 den grausamen Verfolgungen gerade erst entkommen und konnten frei sein. Es gab hingegen ab 1840 bis ca. 1880 bei etlichen, vorwiegend intellektuellen Katholiken eine Begeisterung für protestantische Ideen, die der Historiker Yves Hivert-Messeca als Philoprotestantismus bezeichnet: (siehe: https://yveshivertmesseca.wordpress.com/2014/05/24/du-philoprotestantisme-dans-la-france-des-annees-1840-1880/)
Hivert-Messeca erinnert dabei an eine wichtigen Vortrag von Sainte-Beuve am 19. Mai 1868 im Senat von Paris: Darin deutet er die religiöse Situation Frankreichs im Bild einer „neuen, großen Diözese“, die „Tausende von Gläubigen aller ideologischer Couleur umfasste …außerhalb des Katholizismus. Zu dieser „großen Diözese“ gehören etwa Katholiken, die sich dem Protestantismus nahe fühlen und z.B. nach der staatlichen Hochzeitszeremonie noch in einer protestantischen Kirche eine religiöse Feier wünschen. Diese Praxis wird vom Historiker als entschieden anti-katholische Haltung gedeutet. (Zu den Neugründungen in den USA und im Katholizismus des 20.Jahrhunderts siehe Fußnote 2)

7.
Seit der Französischen Revolution ist die Bereitschaft groß, neue Religionen für die Franzosen zu inszenieren. Der Gründung der Republik als Ergebnis einer Revolution, also eines tiefgreifenden Umsturzes des Ancien Regime, entsprach bei vielen Revolutionären die Überzeugung, nun auch die einzige Kirche aus dem Ancien Régime, eben die katholische, zu überwinden.
Während der Revolution wurde der „Kult der Göttin Vernunft“ zelebriert, etwa am 10.August 1793 mit der Statue der „Göttin Vernunft“ auf der Place de la Bastille, am 10. November 1793 dann die feierliche „Messe“ in der Kathedrale Notre Dame de Paris mit einer leibhaftigen Göttin der Vernunft.
Robespierre hingegen praktizierte seinen deistischen „Kult des höchsten Wesens“ seit dem 8. Juni 1794. Dieser Kult sollte Staatsreligion werden, um den Katholizismus, DIE Kirche des „Ancien Regime“, zu ersetzen. Nach der Hinrichtung Robespierres wurde auch der „Kult des höchsten Wesens“ beendet.
Nach 1795 versuchte die religiös -humanistische Gemeinschaft der „Theophilanthropen“ (bis 1803) einen rationalen deistischen Kult zu etablieren, der in zahlreichen katholischen Kirchengebäuden parallel zu den Messen gefeiert wurde. (LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/4039_eine-humanistische-religion-die-theophilanthropen-in-frankreich_forschungsprojekt)

8.
Nach 1825 werden Texte veröffentlicht, die sich für ein neues Christentum stark machen. „Nouveau Christianisme“ heißt das schon vom Titel viel sagende Buch des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Claude-Henri de Rouvroy de Saint-Simon (1760-1825), kurz vor seinem Tod 1825 publiziert. Im „neuen Christentum“ sollten nicht mehr die katholischen Dogmen gelten, der Glaube sollte auf die Wissenschaften und die Entwicklung der modernen Technik gegründet sein! Praktische „Hauptaufgabe“ dieses neuen Christentums war die Verbesserung der Lebensbedingungen der Armen, Brüderlichkeit sollte die wichtigste Tugend werden, schließlich, so Saint-Simon, habe auch Jesus Christus das ewige Leben nur denen versprochen, die den Armen wirksam helfen. Eine Idee, die wohl typisch ist für einige der „Frühsozialisten“…Später haben sich Katholiken in ihren sozialpolitischen Erklärungen auch auf Saint Simon bezogen, sie kritisierten die begrenzte christliche Mildtätigkeit und forderten die umfassende Solidarität unter allen Menschen.

9.
Diese Ideen fanden eine weite Verbreitung. Vor allem der Philosoph und Soziologe Auguste Comte (1798 – 1857) ließ sich von ihnen inspirieren. Er war persönlicher Sekretär Saint -Simons von 1817-1824. Comte ging noch weiter als sein Lehrer, er wurde zum Gründer der Religion des Positivismus. Die Ablehnung der kirchlichen Dogmen ist für Comte nicht zufällig, sondern sie basiert auf dem Gang der Weltgeschichte, den er sich dachte: Von der Religion über die Philosophie als Metaphysik hin zur dritten Stufe, dem Positivismus, als der Form der objektiven Wissenschaften. Die kritischen Zeitgenossen sollen die wissenschaftlichen Erkenntnissen als Wahrheiten respektieren und die alten Dogmen beiseite tun. (Vgl. die Studie des Philosophen Bernard Jolibert: „Science et Religion chez Auguste Comte: https://inspe.univ-reunion.fr//fileadmin/Fichiers/ESPE/bibliotheque/expression/23/Comte.pdf).
Comte plädierte dafür, Religion vom Gottesbegriff und vom Glauben an Gott zu trennen. Er stiftete eine Religion, die sich von den überlieferten christlichen Dogmen absetzte, und sich „positivistisch“ nannte, im Sinne von den „Wissenschaften folgend und mit ihnen verbunden“.
Comte stammte aus einem frommen katholischen Elternhaus, hat sich aber schon bald zum Atheismus bekannt. Trotzdem sah er durchaus die bedeutende, die soziale Rolle der Religion für den Zusammenhalt der Gesellschaft. 1852 veröffentlichte er für seine Kirche einen „catechisme positiviste“, in dem auch die Gestaltungen seines Kultes, seiner Sakramente (!), die Rolle seiner Priester, usw. definiert wurden. Auf bestimmte Elemente der katholischen Kirche konnte Comte nicht verzichten.

10.
Comtes wissenschaftliche Religion ohne Gott sollte als „Religion der Menschheit“ angesichts der Krise des Katholizismus Hilfen bieten für ein besseres Miteinander in der pluralen Gesellschaft. Religion wurde also im Sinne von Comte funktional gebraucht fürs Wohlergehen einer friedlichen Gesellschaft. Der Kult fand zu Beginn durchaus Zustimmung, d.h. Mitglieder. Nach Comtes Tod 1857 wurden die Vorschläge seiner Religion aufgegriffen von Politikern, die sich für die Trennung von Kirchen und Staat einsetzen. Die Vormachtstellung der katholischen Kirche etwa unter Napoleon III. wurde kritisiert und z. T. überwunden, anstelle der Theologie wurde die Religionswissenschaft an staatlichen Universitäten gelehrt und gefördert. Schon 1880 wurde am „Collège de France“ ein Lehrstuhl für Religionsgeschichte eingerichtet, sicher auch Wirkungen der Publikationen von Auguste Comte und seines maßgeblichen Schülers Pierre Laffitte (1823-1903).
Übrigens: Der Schriftsteller Michel Houellebecq bezieht sich in seinen Romanen und Essays oft auf Ideen von Auguste Comte, darauf weist Jérome Grévy hin: In seinem Essay „La Religion positiviste“, in dem Sammelband „Misère de l Homme sans Dieu. Michel Houellebecq et la question de la foi“ (Paris 2022, S.23-44).
Comte, der Kirchengründer, verstand sich selbst als „Erzpriester“, seine Kirche
hatte eigene Kapellen für ihre Gottesdienste, sogar ein neuer Kalender wurde ausgearbeitet. In Paris, in der Rue Payenne, Nr. 5, steht noch ein „Tempel“ der Religion von Comte, die „Chapelle de l Humanité“. Das „Haus von Auguste Comte befindet sich in der Rue Monsieur le Prince, Nr. 10 in Paris.

11.
Diese Kirche besteht als religiöse Institution heute in Frankreich nicht mehr, in Brasilien ist hingegen Comtes Einfluß auch heute noch bedeutend, „Ordem e progresso“ steht auf denFlaggen Brasiliens als Wahlspruch, Worte, die bezogen sind auf das Motto von Comte: „Liebe als Prinzip, Ordnung als Basis, Fortschritt als Ziel“. Die Gründerväter Brasiliens waren mit der Philosophie Comtes eng verbunden. Die „positivistische Kirche“ dort wurde 1881 gegründet, sie hat noch heute Tempel in mehrere Städten Brasiliens. Die Ausstattung des Tempels in Rio de Janeiro erinnert an eine christlichen Kirche. (siehe:https://www.degruyter.com/document/doi/10.31819/9783964566690-012/pdf).
Inspirationen für seine neue Religion fand Comte auch bei der von ihm hoch geschätzten katholischen (!) Schriftstellerin Clotilde de Vaux (1815-1846), in dem neuen positivistisch – religiösen Kalender war der 6. April stets „Clotilde Tag“. So wurden Frauen insgesamt in dieser neuen Kirche hoch geschätzt.

12.
Einige Kirchengründungen wurden auch von katholischen Priestern inszeniert, die mit der offiziellen Lehre nicht mehr übereinstimmten. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhunderts gaben viele ihr Priesteramt auf, sie hatten nur Mühe, außerhalb der Kirche für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Viele katholische Priester wurden protestantische Pfarrer, der Ex-Priester Bourrier gründete für diese Konvertiten sogar eine eigene Zeitschrift „Le Chrétien Francas“. (Siehe Jacqueline Lalouette, „La Republique anticléricale“ , Paris, 2002, S. 118)
Zu den Freidenkern wandte sich Abbé Jules Claraz oder die Priester Duhamel, Harren, Blains, Salle, Bertrand usw…( Siehe J. Lalouette, S. 95 f). Auch ehemalige katholische Nonnen wurden militante FreidenkerInnen (S. 118 f. Bei J. Lalouette).
Der Priester Ferdinand Francois Chatel (1795-1857) ist im Jahr 1831 der Gründer der Kirche „Eglise Catholique Francaise“, er nannte sich jetzt „Primas von Gallien“. Diese Kirche feiert die Messe in französischer Sprache, als Gottesdienstzentrum diente ein ehemaliges Ladenlokal in Montmartre. Chatel hob das Zölibats-Gesetz für Priester auf, es wurde die Kelchkommunion auch für Laien gepflegt usw., von Rom frustrierte Katholiken fanden in dieser Kirche Zuflucht. Es kam zu Konflikten mit der Regierung, die Kirche wurde verboten. Über Chatels Tod hinaus bestand seine Kirche nicht mehr. Aber sie ist ein Beispiel, wie schon Jahrzehnte vor der Gründung der „Alt-katholischen Kirche“ (1870) diese Reform – Theologie virulent war.
Chatel war mit Bernard-Raymond Fabre-Palaprat (ein Priester aus Cahors) verbunden, er hatte eine esoterische Kirche, die sich Johanniter-Kirche nannte. Er hat unter anderem eine gnostische Version des Johannes-Evangeliums verfasst.

Der Priester Victor Charbonnel (1860 – 1926) setzte sich schon vor der „Weltausstellung“ in Paris im Jahr 1900 dafür ein, dass dort ein „Interreligiöses Parlament der Religionen“ stattfinden sollte. Denn, so war er überzeugt, „entstammen alle Religionen dem gleichen Prinzip, und dieses erzeugt unter den Religionen mehr gemeinsame als entgegengesetzte Lehren“. Die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten seien nichts anderes als eine Art „Schnickschnack der Konfessionen“, sie seien nur „armselige Motive für Stolz und Rivalitäten“. Der Priester Charbonnel ahnte sehr genau, dass seine Vorschläge Widerstand finden im Katholizismus, zwei Jahre hielt er es noch aus, Priester in einem extrem konservativen theologischen Milieu zu bleiben, dann gab wer sein Priesteramt auf.

13.
Der Historiker Frank Paul Bowman, (1927-2006), einst Professor an der Pennsylvania University, hat in seinem Buch „Le Christ des barricades 1789-1848“, Paris 1987, ein ganzes Kapitel den „neuen Christentümern, den neuen Messiassen“, wie er sagt, gewidmet (S-231- 246). Bowmans Buch zeigt einen Trend auf: Die Kirchengründungen sind nur ein Ausdruck für den Abschied vom offiziellen römischen Katholizismus, genauso wichtig ist: Im 19.Jahrhundert wird eine Fülle von Deutungen zur Gestalt Jesu Christi publiziert: „Die Theoretiker eines sozialistischen Jesus“, heißt bezeichnenderweise ein Kapitel in dem Buch von Bowman (S.167-230), Beziehungen zur lateinamerikanischen Befreiungstheologen des 20. Jahrhunderts müssten eigens dokumentiert werden.

14.
Auch Literaten bemühten sich um ihr persönliches, also gegenüber der Amtskirche „häretischen“ Christus-Bild, etliche dachten auch an die Gründung einer eigenen Kirche.
Hier soll nur George Sand genannt werden. „Manchmal plant sie eine mögliche Erneuerung des Katholizismus, aber dann, ist sie eher überzeugt, eine neue soziale Religion zu gründen, als Modell könnten die Kulte von 1789 dienen,“ schreibt Bowman (S. 265). „George Sand beschreibt eine Religion der brüderlichen Gleichheit und des gemeinsamen Besitzes…“ Sie ist bewegt von den Hussiten wie von Franz von Assisi, Joachim von Fiore und dem Philosophen Lamennais… Sie glaubt, der Mensch könne seinen Kontakt mit dem Göttlichen aufnehmen“, und zwar aufgrund seines Willensentschlusses. (S. 267).
Von Victor Hugo muss man in dem Zusammenhang sprechen, und dabei nicht so sehr an die Phase seiner Begeisterung für spiritistische Sitzungen erinnern. Sondern vielmehr zeigen, wie er außerhalb der Bindung an die katholische Kirche seinen eigenen Glauben an Gott und an die persönliche Auferstehung entwickelte. Politisch wurde die Freiheit und Gleichberechtigung in der Republik Hugos wichtigstes Programm. Das Volk, das sich nach gesetzlich garantierter Freiheit in der Republik sehnt, ist für Hugo „das heilige Volk“, schreibt Alain Decaux in seinem Aufsatz „Victor Hugo et Dieu“ (2002).
Im Klerikalismus sah Hugo den größten Feind, zumal für die Errichtung der staatlichen Schulen für alle. Hugo sagte 1850. „Ihr Kleriker seid die Parasiten der Kirche, ihr seid die Krankheit der Kirche, ihr seid Sektierer einer Religion, die ihr gar nicht versteht. Mischt nicht die Kirche in eure Affären, in eure Strategien, in eure Lehren und eure Ambitionen“. (Quelle: Ein Beitrag von „France Culture“ am 8.12.2020; https://www.franceculture.fr/emissions/ils-ont-pense-la-laicite/hugo-limprecateur)
Noch kurz vor seinem Tod bekannte er: „Je crois en Dieu“. … und er glaubte nicht an die katholische Kirche.

15.
Unter den Komponisten soll nur Eric Satie (1866-1925) erwähnt werden. Er komponierte eine „Messe der Armen“, die allerdings ein Fragment blieb. Und er gründete seine eigene Kirche, mit dem irritierenden Titel: „Eglise Metropolitaine d` Art de Jésus Conducteur“, „Metropolitane Kunst- Kirche von Jesus dem Führer“.
Satie gab sogar eine Art Gemeindeblatt heraus, als Kirchengründer verurteilte er auch bestimmte Sünder, und er genierte sich nicht, tatsächlich als das einzige Mitglied seiner Kirche aufzutreten, was wohl den Tatsachen entsprach. Eine gewisse individualistische Verschrobenheit ist dieser Kirchengründung gewiss nicht abzusprechen. Satie stand auch in Verbindung mit dem Schriftsteller und Esoteriker Josephin Péladan, der eine Symbiose suchte zwischen Rosenkreuzertum und katholischem Glauben.

Zweites Kapitel: Kurze Hinweise zu Deutschland

16.
Ein wichtiges Beispiel im 19. Jahrhundert für die Idee einer Gründung einer neuen Religion bietet Friedrich Hölderlins (1770 – 1843). Hölderlin ist tief verwurzelt im Christentum, aber er will es in seiner ursprünglichen Gestalt, gemäß den Zeugnissen des Neuen Testamentes. Die „orthodoxen“ Kirchen – Lehren und die Institutionen der Kirchen zu seiner Zeit waren Hölderlin ein Grauen, von dem er sich abwandte. Aber die Christus- Gestalt schenkte ihm eine innere prägende Erfahrung. Nur deswegen konnte er Christus in Verbindung setzen mit den Mythen und Göttergestalten Griechenlands. Christus wird, so der Philosoph Heinrich Rombach, „neben die anderen Götter der Menschheitsgeschichte gestellt. Es gibt dann eigentlich keine heidnischen Götter mehr, darum vor allem sprechen wir von Universaltheologie bei Hölderlin“ ( S. 66 in: „Der Friede allen Friedens. Hölderlins Universaltheologie“, Rombachs Aufsatz in dem Buch „Gott alles in allem. Religiöse Perspektiven künftigen Menschseins“, Herder Verlag, 1985).
Hölderlin plädiert für einen “Gestaltwandel” Gottes: Nur als konkreter Geist ist Gott lebendig! Und dem entspricht auch ein Gestaltwandel der Gemeinde, der Kirche: Gemeinde ist keine Massenveranstaltung, kein anonymes Beisammensein Fremder: Gemeinde ist für Hölderlin vor allem ein eher kleiner Freundeskreis, ein Kreis von Gleichberechtigten, ohne Hierarchie, ohne Vorschriften, ein Kreis, der gemeinsam mit Brot und Wein feiert und dabei ins wesentliche religiöse Gespräch kommt, das dann als Poesie, als Dichtung, Gestalt wird. Und diese Feier geschieht im Wissen der geistigen Anwesenheit des universalen Christus, der alle Schranken und Grenzen der Religionen überwindet und überwinden hilft: Dies ist die „Friedensfeier“. „Der Himmel wird (von Hölderlin) in ein irdisches Geschehen verlegt, nämlich in die Gemeinde“ (Rombach, S. 68). Diese feiert ihre Feste, in denen man, „die Götter nicht zählt“ (S. 51), also diese Götter auch gelten lässt als Ausdruck der Versöhnung und des Friedens. Das sind die Ideen Hölderlins, als Wirklichkeit kann er sie nicht erleben…

17.
Der Autor der Romantik, Friedrich Schlegel, schreibt Ende Dezember 1798: „Ich denke daran eine neue Religion zu stiften, dass dies durch ein Buch geschehen soll, darf um so weniger befremden, da die großen Autoren der Religion – Moses, Christus, Mohammed, Luther – stufenweise immer weniger Politiker und mehr Lehrer und Schriftsteller werden“, (Zitat bei Rüdiger Safrans, „Romantik“, München 2007, S. 136).
Allerdings zweifelt Friedrich Schlegel dann doch an seinem Mut und begibt sich als Konvertit 10 Jahre später in den sicher erscheinenden Hafen des Katholizismus. Er schreibt: „Die ästhetische Träumerei (von 1798), dieser unmännliche pantheistische Schwindel müssen aufhören, sie sind der großen Zeit unwürdig und nicht mehr angemessen“ (S. 137).

Auch an Novalis (also Friedrich von Hardenberg, 1772-1801) muss erinnert werden, er will eine neue, neu-geborene universale Christenheit hervorrufen. Dabei helfen ihm Erkenntnisse, die Privatoffenbarungen genannt werden können. Die historische Gestalt des üblichen Christentums wird verblassen und vergehen, das ist seine Überzeugung, ein neues Zeitalter einer universalen Religion werde beginnen. So Novalis in „Die Christenheit oder Europa“, 1799 verfasst, 1802 in Auszügen veröffentlicht.
Bei aller pauschalen Kritik von Novalis an der Aufklärung und hier Philosophie ist seine Idee einer künftigen Religion der Diskussion wert: Ich zitiere eine Würdigung dieser von Novalis neu erdachten Religion aus dem Novalis-Beitrag von wikipedia (gelesen am 2 1.2.2022): „Die neue, dauerhafte und von konfessionellen Schranken befreite Kirche, eine Verbindung von Christentum und Naturphilosophie, soll an die Stelle des Papsttums und des Protestantismus treten. Hiermit ist jedoch nicht so sehr ein institutionelles Gebilde gemeint, sondern eine Friedensgemeinschaft. Diese europäische Friedensgemeinschaft wäre der erste Schritt zu einer Weltgemeinschaft. Novalis fordert „echte Freiheit“, das heißt einen freieren und poetischeren Umgang mit den biblischen Schriften. Somit soll das Christentum ausgeweitet werden. Mit der Auflösung der Abgrenzung von den übrigen Religionen nähert sich das von Novalis erdachte neue Christentum immer weiter einer allgemeinen Weltreligion an. Diese visionäre Zukunftsreligion sollte im Alltag erfahrbar sein und soziale Gemeinschaft schaffen, aber dennoch nicht die Freiheit einschränken…In der neuen goldenen Zeit soll dagegen die Freiheit in der Religion vorherrschen. Das Ende dieser angestrebten Entwicklung ist jedoch noch nicht gekommen, aber der Sprecher in der Rede vertröstet den Hörer und betont, dass diese Zeit sicher kommen wird. Nur ein wenig Geduld ist notwendig“. Siehe Fußnote 3, unten.

18.
Auch an Richard Wagner muss bei unserem Thema erinnert werden. Er war überzeugt: Die religiöse und theologische Krise der Kirchen hat viele Menschen in eine Art Leere und Sinnlosigkeit geführt: Wagners Musik, seine Opern insbesondere, „sollten ein Gemeinschaftserlebnis, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit vermitteln, wie es sonst nur religiösen Veranstaltungen eigen war“, so Herfried Münkler in seiner Studie „Marx, Wagner, Nietzsche“, Berlin 2021, S. 213. Wagners Festspiele, so Münkler, sollten – wie die Kirchen und Religionen es versprachen – einen neuen Menschen schaffen. „Nicht von ungefähr sprach man von einer Bayreuther Theologie, die Sektencharakter hatte…Erst in den 1950er Jahren kam ein Prozess der Deskralisierung in Gang..“ (S. 214).

3. Kapitel: Jeder gründet seine eigene Religion?

19.
Die Überzeugung setzt sich durch: Religionen und Kirchen werden nicht mehr von göttlich berufenen Propheten, Aposteln oder Evangelisten oder gar von Gott selbst gegründet, wie die katholische Kirche von sich selbst überzeugt ist. Religionen und Kirchen können auch von Laien oder einfachen Priestern und Theologen, auch von Philosophen, Künstlern und Schriftstellern ins Leben gerufen werden. Sie sind als Institutionen zwar oft nur von kurzer Lebensdauer, weil die Gründer nicht den militanten missionarischen Elan und die finanziellen Mittel haben, wie etwa die Gründer neuer Religionsgemeinschaften in den USA. Und diese neuen Religionen konnten gegenüber den Jahrhunderte alten Institutionen (Papst im Vatikan, und Könige/Kaiser als protestantische Kirchenchefs) nicht konkurrieren.

20.
Jeder Mensch, der irgendwie seine persönliche Beziehung zu einer transzendenten Wirklichkeit oder einem „absolut geltenden Sinn“ auf seine Weise denkt und auf die eigene, persönliche Weise lebt, gründet oft unbewusst und wenig reflektiert, seine eigene ganz individuelle – persönliche Religion. Jeder Mensch wählt aus dem ihm zur Verfügung stehenden Angebot spiritueller Weisheit das ihm Passende. Wichtig ist, dass dann die subjektive, die eigene Religion das Gespräch mit anderen sucht, nicht nur um der Informationen willen, sondern auch um die eigene Position zu erweitern und zu korrigieren. Ob auf diese Weise noch einmal neue Gemeinschaften entstehen, ist offen, wahrscheinlicher ist, dass Christen, die etwa in Deutschland aus den Kirchen ausgetreten sind, in der individuellen Position der Vereinzelung verbleiben. Das kann man aus sozialen – kommunikativen Gründen wie aus theologischen und philosophischen Einsichten bedauern.

…………………….

Fußnote 1:
Abspaltungen von den offiziellen sich „orthodox“, rechtgläubig nennenden Kirchen gab es seit Etablierung der offiziellen (Staats-) Kirchen im 4. Jahrhundert und auch schon vorher. Aber diese Spaltungen waren meist nur Varianten, Zuspitzungen, der sich als rechtgläubig definierenden Kirche mit dem Papst als Oberhaupt. Diese „Varianten“ des Katholischen wurden dann Sekten genannt und als Häretiker entsprechend verfolgt und oft ausgelöscht, man denke nur Hus und die Hussiten oder den breiten Strom der Reformatoren seit dem 16. Jahrhundert.

Fußnote 2:
Bekanntlich gab es im 19. Jahrhundert in den USA viele Abspaltungen von den dort etabliert traditionellen protestantischen Kirchen. Einige religiöse, christlich inspirierte Gemeinschaften wurden gegründet, wie die Mormonen, die Zeugen Jehovas, die Christliche Wissenschafter usw. Diese Gemeinschaften gehen auf Erleuchtungen bzw. neue Erkenntnisse einzelner zurück. Sie sind, was die Anzahl der Mitglieder betrifft, durchaus erfolgreich.
Auch auch innerhalb der etablierten „mainstream“ Kirchen, wie den Anglikanern oder Reformierten, gab es und gibt es dann Abspaltungen. Dies ist ein durchaus typisches protestantisches Phänomen.
Wer sich von der katholischen Kirche löst und eine neue Gemeinschaft gründet, wie etwa Alterzbischof Marcel Lefèbvre, wird automatisch exkommuniziert, als er im Jahr 1988 eigenmächtig vier seiner Priester zu Bischöfen weihte, um das Überdauern seiner Gemeinschaft sozusagen kirchenrechtlich korrekt abzusichern. Darum sind Lefèbvres Bischöfe zwar unerlaubt (vom Papst), aber gültig (von einem gültig geweihten Erzbischof) geweiht…Das macht die Sache so kompliziert in diesem Römischen Rechts – Denken. Die Exkommunikation Lefèbvres und der vier von ihm geweihten Bischöfe wurde durch Papst Benedikt XVI. am 21.1.2009 aufgehoben! Übersehen wurde dabei, dass einer der vier Bischöfe sich kurz zuvor extrem antisemitisch öffentlich geäußert hatte.
Im 20.Jahrhundert wurden weltweit viele neue religiöse Gemeinschaften gegründet, manche beziehen sich auch auf das Christentum, aber auch auf andere spirituelle Quellen. Die religiösen Umbrüche in Afrika,. Lateinamerika oder Asien konnten hier nicht berücksichtigt werden.

………………………
Fußnote 3 zu Novalis: Aus einer Ausgabe von 1826:
„Die Chriſtenheit muß wieder lebendig und wirkſam wer¬
den, und ſich wieder ein ſichtbare Kirche ohne Ruͤckſicht auf
Landesgraͤnzen bilden, die alle nach dem Ueberirdiſchen durſtige
Seelen in ihren Schooß aufnimmt und gern Vermittlerin, der
alten und neuen Welt wird.
Sie muß das alte Fuͤllhorn des Seegens wieder uͤber die
Voͤlker ausgießen. Aus dem heiligen Schooße eines ehrwuͤrdi¬
gen europaͤiſchen Conſiliums wird die Chriſtenheit aufſtehn,
und das Geſchaͤft der Religionserweckung, nach einem allum¬
faſſenden, goͤttlichem Plane betrieben werden. Keiner wird dann
mehr proteſtiren gegen chriſtlichen und weltlichen Zwang, denn
das Weſen der Kirche wird aͤchte Freiheit ſeyn, und alle noͤ¬
thigen Reformen werden unter der Leitung derſelben, als fried¬
liche und foͤrmliche Staatsprozeſſe betrieben werden“.  S. 208 in: Novalis Schriften Bd I, Berlin 1826. Hg. von Tieck und Schlegel, https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/novalis_christenheit_1826?p=30

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Mensch soll sich die Erde untertan machen. Und auch die Kirche soll sich alle Menschen untertan machen.

Biblische Weisungen mit totalen Ansprüchen.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Dieser Beitrag zeigt:
Mit dem göttlichen Auftrag an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ ist eng verbunden der Auftrag Jesu Christi an die (katholische) Kirche „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern, also zu Kirchenmitgliedern“. Die Missionsgeschichte und die der Kolonisierung beweist: Auch der Auftrag Jesu wurde als Unterwerfung, als „Untertan-Machung“, verstanden und praktiziert. Und innerhalb der katholischen Kirche gibt es dann noch eine weitere Form der Unterwerfung, die Unterwerfung der menschlichen Natur (Sexualität) des Klerus durch klerikale Gesetze.
Wie stark ist in der biblischen Lehre also eine Geschichte der Unterwerfung, der Erzeugung von Untertanen, angelegt? Und wenn das so ist: Wie sehr macht das herrschende Verständnis der Bibel die Menschen und die Welt krank?

1.
Die Zerstörung von Welt/Natur/Tieren und damit verbunden die seelische und physische Selbst-Zerstörung der Zerstörenden, der Menschen, wird immer mehr Leuten bewusst, und manche leisten dagegen Widerstand, förmlich „in letzter Stunde“.
Um diesen total gewordenen Willen zur Zerstörung von Welt und Menschheit zu verstehen, muss man sich auch auf die seit langem herrschenden und wie selbstverständlich gelebten Mentalitäten beziehen. Das heißt: Ideologie, Glaube, Überzeugungen müssen beachtet werden, um diese Zerstörung zu verstehen.
Trotz der „Säkularisierung des Bewusstseins“ lebt immer noch die prägende, christlich/kirchlich vermittelte Ideologie, die als Zitat Gottes höchstpersönlich bekannt ist mit dem Spruch: „Macht euch die Erde untertan.“ Diese biblische Lehre wirkt de facto selbst dann noch, wenn viele Europäer sich heute von Bindungen ans Christentum befreien.
2.
Die Zerstörung der Natur heute, kaum noch zu reparieren, ist als eine Art totales Geschehen zu verstehen. Dies ist heute tägliche Erfahrung der kritischen Menschen. Diese ökologische Katastrophe muss nicht mehr im Detail beschrieben werden, sie hat viele zerstörerische Aspekte: Luft, Meere, Tiere, Pflanzen, Wälder, Städte, soziale Beziehungen und so weiter, alles soll unter die Herrschaft der alles gebrauchenden und verbrauchenden Menschen gebracht werden. Alles wird zum Untertan des Menschen.
Aber allmählich beginnt diese Überzeugung wirksam zu „bröckeln“. Der „Mensch“ als „Herr der Schöpfung“, der sich alles untertan machen darf mit göttlichem Segen, erscheint trotz aller riesigen technischen „Errungenschaften“ der Naturbeherrschung auch als eine kleine, jämmerliche und unvernünftige Kreatur. Selbst Milliardäre als die Gewinner der totalen Natur- und Technikbeherrschung wissen, sie sind als Menschen begrenzt, endlich, also sterblich. Nebenbei: Vielleicht ist das der letzte Trost der Millionen Hungernden. Sie hätten gern menschlich gelebt, wenn nicht so viele Herren der Welt so besessen und gierig nur zu eigenem Profit auf die Welt zugegriffen hätten.
3.
Das ist eine zentrale Frage: Sind es „die“ Menschen, wie der Bibelspruch suggeriert, die sich als Herrscher über die Natur etabliert haben? ODER sind es die Herren in Ökonomie, also bestimmte Privilegierte, die überall Profit machen und alles beherrschen und alles sich (!) untertan machen. Diese Herren brauchen dabei Massen-Menschen, die z.B. das globale Projekt der Naturvernichtung unterstützten, weil sie, die „kleinen Leute“, von der totalen Naturzerstörung irgendwie doch noch finanziell profitieren. Ohne diese „Klassenanalyse“ kann also eine Debatte über die Auswirkungen des göttlichen Befehls an die Menschen „Macht euch die Erde untertan“ (AT, Buch Genesis, 1,28) gar nicht geführt werden.

Bibelwissenschaftler versuchen heute in ihren Interpretationen dieses Textes das “Untertan-Machen” durch den Menschen abzumildern. Sie wollen uns beinahe plausibel machen,  als empfehle der liebe Gott den Menschen schon den Tierschutz und die ökologische Lebensform. Siehe dazu unten den ausführlichen Hinweis, Fußnote 1.
Die herrschende Mentalität ist also vor allem die Mentalität der Herrschenden, die allen anderen – auch durch die Medien – vermittelt, besser: „aufgedrückt“ wird.
4.
Die allgemeine Mentalität bestimmt über die christlich – jüdischen Bereiche hinaus Menschen weltweit: Menschen sahen und sehen ihr Lebensziel darin, sich die Erde untertan zu machen! Es geht um Untertanen und Herren! Diese Ideologie hat sich seit der frühen Neuzeit in Europa durchgesetzt.
Die Natur wurde als „das für den Menschen andere und Fremde und weniger Wertvolle“ wahrgenommen. Die Natur wurde zur Welt der „Objekte“. Zu diesen Objekten zählte man seit der frühen Neuzeit explizit auch die Tiere. In dem Zusammenhang wäre über Descartes ausführlicher zu sprechen: Er betont: Das Denken des Menschen steht der Welt der „Ausdehnungen“, also der Natur gegenüber, die Natur wird zu einem „Mechanischen“ degradiert. Tiere deutete Descartes als „seelenlose Maschinen“ , „Automaten“, dies schrieb er in seinem Brief an den Marquis von Newcastle vom 23.11.1646.
Immanuel Kant hat dann später in seiner „Metaphysik der Sitten“ die Tierquälerei verurteilt, aber nicht so sehr um der Tiere willen (die sind vernunftlos), sondern weil der Mensch sich selbst dabei seelisch schadet, weil er „verroht“. Tierschutz und Naturschutz werden also, wie schon seit dem Mittelalter „anthropozentrisch“ verstanden, immer steht der Mensch (als Herr) im Mittelpunkt.

Und der Mensch sieht nicht: Wenn er die Natur zu dem “Fremden”, “Anderen” erklärt, dass er dann als Mensch seine menschlichen Kategorien des Denkens diesem Anderen, Fremden, aufdrückt, um über das Andere, Fremde umgehen zu können, um über es zu verfügen. Und die Natur gehorcht ja auch dem Zugriff des Menschen, indem sie sich bearbeiten und verändern lässt. Der Mensch will letztlich in dieser Herrschafts – Beziehung zur Welt, als seiner Welt, mit sich allein sein.

Und der Mensch kann in dieser Haltung der totalen Menschen – Herrschaft nicht mehr die Natur, die Tiere, vor allem: die anderen, befremdlich erscheinenden Menschen als solche respektieren und sein und leben lassen. Alles wird also unter die letztlich tötende Verfügung des Menschen gestellt: Er kann dann die gute und wahre Stimme der “anderen” nicht mehr hören. Eine Form von Taubheit und Blindheit ist die Konsequenz dieses herrschenden monologischen Verhältnisses des herrschenden Menschen zum anderen, Fremden, auch zur Natur, zu den Tieren.

„Naturschutz“ wurde als Begriff für eine von Menschen bedrohte Natur erst 1888 von dem Komponisten Ernst Rudorff (1840-1916) geprägt, als ein normativer Begriff, der den Zustand (die Lebendigkeit) der Natur bewerten sollte. Auch von den Leistungen Albert Schweitzers wäre hier zu sprechen, von seiner Erkenntnis: „Alles, was lebt, ist wie eine große Familie“ und der „Mitgeschöpflichkeit“ als Verbindung aller Lebewesen inklusive des Menschen.
Aber diese Erkenntnisse blieben marginal, sie konnten den Willen zur totalen Herrschaft über die Natur weder im Staats-Sozialismus noch im Kapitalismus/Neoliberalismus bremsen.

Ein aktuelles Beispiel (Februar 2022): Der neue Film von Andrea Arnold mit dem Titel “Cow”: Die Protagonistin in diesem Film ist die Kuh “Luma”, ihr Leben als Leiden wird eindringlich und empatisch vorgestellt. Schon kurz nach der Geburt ihres Kalbes wird das junge Tier der Mutter entrissen. Das Tier erlebt das Drama der Trennung, dem kann sich der Zuschauer nicht entziehen. “Luma” ist nur ein Objekt in der kapitalistischen Milch – und Fleischproduktion, eine Maschine, die den menschlich vorgebenen Effizienz – Normen entsprechen muss. Dass man dem Tier einen Namen gibt, dient wahrscheinlich der höheren “Effizienz”, diese wird bei freundlicher Namensgebung wohl erwartet. “Ist alles aus dem Körper der Kuh für die Menschen herausgeholt, findet ihre Existenz ein frühes Ende”, schreibt Esther Buss in einer Rezension des “Tagesspiegel” (9.2.2022, S. 20).
5.
Diese Mentalität hat in der Metapher ihr sozusagen „göttliches Zentrum“: „Der Mensch soll und darf sich alles untertan machen“. Es muss noch einmal an das viel zitierte Wort „Gottes” bei der Erschaffung der Menschen erinnert werden, mitgeteilt gleich in den ersten Zeilen der Bibel, im Buch Genesis, 1.Kap. Vers 28 ff. Gott befiehlt: „Seid fruchtbar und vermehret euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch, und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.” Dass dieser göttliche Spruch auch die ungehemmte Vermehrung der Menschen erlaubte, ist klar. Unkontrollierte Vermehrung der Menschheit und Herrschaft über die ganze Natur sind nur zwei Seiten desselben Phänomens. Dieser Text wurde ca. 600 v.Chr. geschrieben, also in einer Welt, in der sich die Menschen von wilder Natur und wilden Tieren bedroht sahen, dies nur als historische Einordnung. Das Schlimme ist, dass dieser Spruch, geschrieben vor ca. 2.600 Jahren sich offenbar bruchlos in den Köpfen festgesetzt hat bis heute: Mit der Zuspitzung: Die Herrschenden sollen herrschen. Und die Herrschenden sind die Weißen. Sie haben Untertanen nicht nur in den Tieren, sondern in den für minderwertig bewerteten „anderen“ Menschen, etwa den Schwarzen, den „Einheimischen“ Amerikas und Asiens usw.
Es führt also eine direkte Linie von dem göttlichen Auftrag zur Naturbeherrschung zur Herrschaft einiger Herrenmenschen über andere Menschen, die nicht mehr als vollständige, gleichberechtigte Menschen, sondern als Sklaven betrachtet und behandelt wurden und werden. Die mediale Aufregung über drei verunglückte Skifahrer in Europa ist größer als das Hungersterben von vielen tausend „Schwarzen“ in Afrika. Rassismus ist eine Konsequenz von „Macht euch die Erde untertan.“
6.
Für die christlichen Kirchen kommt zu diesem universalen, praktisch-technischen Herrschaftsauftrag durch Gott noch ein weiterer Befehl im Neuen Testament hinzu! Und dieser Befehl ist der die Kirche betreffende Auftrag, alle Menschen zu Mitgliedern der vom Klerus bestimmten Kirche zu „machen“. Die vielen „Laien“ macht sich der Klerus zu Untertanen der einen großen Kirche. Denn nur der Klerus tauft, nur der Klerus lehrt, nur der Klerus darf der Eucharistie vorstehen, die Sakramente spenden etc. Pluralität vieler unterschiedlicher Religionen soll es nicht geben, sondern Ziel ist die Einheit der Menschheit in EINER Kirche. Der immer noch bestehende Anspruch der römischen Kirche, „allein seligmachend“ zu sein, hat darin seine Wurzeln.
Wie kam es zu dieser totalitär erscheinenden Auffassung: Die Christen und ihre Kirchenführer werden, so erzählt der Mythos, von dem auferstandenen Jesus Christus persönlich aufgefordert, zu allen Völkern zu gehen: „Und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe”, so heißt es am Schluss des Matthäus-Evangeliums Kap. 28, Vers 19.
Jesus von Nazareth wird also in diesem Text aus den Jahren zwischen 75-90 bereits als Kirchengründer gedeutet mit einem universalen Anspruch. Dass Jesus von Nazareth, am Kreuz elend gestorben im Jahr 30, diese Worte, von einem Autor Matthäus geschrieben, überhaupt nicht gesagt haben kann, schon gar nicht als ein der menschlichen Sprache nicht mehr mächtiger Auferstandener, ist historisch-kritisch erwiesen.
Der universale Missionsbefehl Jesu ist also eine theologische Erfindung der ersten Gemeinde, die sich als universale „Heilsgemeinschaft“ (Kirche) trotz (oder gerade wegen) ihrer damals zahlenmäßigen (UN)Bedeutung positionieren musste. Tatsache ist, dass Jesus von Nazareth so sehr von einem Ende der Zeiten und dem Beginn des Reiches Gottes „alsbald“ überzeugt war, dass er an eine lange Zeit bestehende kirchliche Organisation gar nicht denken konnte. Der aus der katholischen Kirche exkommunizierte französische Theologe Alfred Loisy (1857-1940) sagte treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“.
Worauf diese universale Missionstätigkeit auch gesellschaftlich-politisch hinausläuft, ist für die Kirche selbst nicht deutlich oder wird heute eher verschwiegen: Was soll denn werden, wenn alle Menschen (!) katholisch sind? Sollen also alle dem Papst gehorchen? Und ein katholisches Welt-Regime errichten?
7.
Die erste Kirchengemeinde fühlte sich aber so stark, einen totalen Anspruch formulieren zu müssen: ALLE Menschen sollen „Jünger Jesu“ werden. Einen Jünger Jesu könnte man sich grundsätzlich auch außerhalb einer Kirchen-Organisation vorstellen: Jünger Jesu waren (und sind) auch (und vor allem!) alle Friedfertigen, Gerechten, Solidarischen usw., siehe die Bergpredigt Jesu! Das Jüngersein sprengt also alle kirchlichen Eingrenzungen.
Aber daran denkt der Autor Matthäus nicht: Er betont: Wer Jünger Jesu sein will, muss sich taufen lassen und dabei ein Bekenntnis ablegen zum trinitarischen Gott. Dass diese Formel des trinitarischen Gottes schon in der Frühzeit der Kirchen höchst umstritten war und als offizielles Bekenntnis eher vom Kaiser den Christen aufgezwungen wurde, kann hier nur nebenbei erwähnt werden. Bedeutende Theologen, wie Sozzini und seine Kirche im 16. Jahrhundert, haben ein Christentum zeigen wollen und gelebt, das ohne diese klassische trinitarische Formel auskommt. Aber Sozzini und die Seinen haben sich in den großen, sich selbst unbescheiden rechtgläubig nennenden großen Kirchen nicht durchgesetzt: Ob Inder oder Chinesen, Indigenas am Amazonas oder Philosophen und Naturwissenschaftler in Europa usw., sie alle müssen, wollen sie denn Jünger Jesu sein IN der Kirchen-Organisation, das trinitarische Bekenntnis sprechen (ob sie es verstehen, ist eine andere, aber entscheidende Frage).
Die Kirche will heute spirituell, vor allem, im Mittelalter auch sehr „weltlich“-politisch, herrschen über die Menschheit. Sie hat dabei diese Herrschaft immer als Dienst, als Hilfe zum guten Leben etc. darstellen wollen. Aber mit sanftmütigen Worten wurde grausam missioniert, man denke an die Kreuzzüge im Mittelalter, vor allem an die Kreuzzüge ins „Heilige Land“ zur Vertreibung der Muslime von den „heiligen Stätten“ UND zur Stärkung der eigenen Wirtschaft. Die Kreuzzüge sind also eine Art Bündelung von „Machst euch die Erde untertan“ UND „Macht alle Völker zu Kirchenmitgliedern“. Dafür gibt es viele weitere Beispiele. Man denke an die Verbindung von Mission und Kolonisierung in Amerika seit 1492.
Ich zitiere nur kurz einen kirchenoffiziellen Text aus den missionarischen Jahren der „Entdeckung“ Amerikas (siehe dazu den Historiker Wolfgang Reinhard, Die Unterwerfung der Welt, C.H.Beck Verlag München, 2016, S. 311): Die spanischen Missionare in (Latein)Amerika forderten die Indigenas auf, sich dem katholischen Glauben anzuschließen. Dann sei alles soweit geregelt, sagten die Spanier. Aber wer sich NICHT taufen ließ? Da heißt es in dem Dokument u.a. (zit bei W. Reinhard): „Wenn Ihr („die Indios“) aber nicht die Kirche als Herrin anerkennt, so tue ich euch kund, dass ich mit der Hilfe Gottes euch bekriegen und euch unterwerfen werde unter das Joch und den Gehorsam der Kirche und ihrer Hoheiten. Und eure Personen und eure Frauen und Kinder werde ich gefangen nehmen und zu Sklaven machen und als solche verkaufen… Und ich erkläre, dass die Tötungen und Schäden, die sich daraus ergeben werden, von euch selbst verschuldet sind“.
Die offizielle Proklamation, Requerimiento genannt, wurde seit 1513 „freundlicherweise“ von der Kirche den Einheimischen zur Kenntnis gebracht.
8.
Menschliche Herrschaft und ineins damit kirchliche Herrschaft über die „anderen“ haben ihre Wurzeln in der Bibel, vorausgesetzt, dass man die entsprechenden Befehle Gottes (im AT) und Jesu Christi (im NT) in der üblichen, durchaus bis heute populär verbreiteten Bibellektüre und Interpretation versteht. Dass es Minderheiten innerhalb der Kirche gab, die den Missionsbefehl eher als „Aufforderung zum Dialog“ verstanden, wie Franziskus von Assisi, muss erwähnt werden. Aber Franziskus von Assisi hat sich auch in dieser Hinsicht in seiner Kirche NICHT durchgesetzt.
9.
Der Herrschaftsanspruch der Kirche ist immer der Herrschaftsanspruch des Klerus, der sich selbst als die einzig authentische Elite zur Interpretation biblischer Texte und zur Formulierung von Dogmen ermächtigt hat – bis heute ist diese totale Herrschaft eine Realität, „Synodale Vorgänge“ („Synoden“) in einzelnen „Landeskirchen“ sind dann nur Beschäftigungstherapien für oft mutlose Laien… Für die Spitze der katholischen Kirche, die sich, so wörtlich, als göttliche (!) Stiftung versteht, gibt es aber noch spezielle Anweisungen zur Herrschaft: Die Priester werden per Kirchengebot zum Zölibat verpflichtet: Nur als Ehelose können die Kleriker treue Untertanen von Papst und Bischöfen sein!
Das hat eine leidvolle Konsequenz, sie betrifft eine besondere Unterdrückung der Natur, nämlich der menschlichen, leiblichen, sexuellen Natur des Klerus. Es geht um das Verbot, der eigenen menschlichen Natur zu folgen, und der Klerus soll auf Sexualität „freiwillig“ verzichten, auf körperlicher Vertrautheit und Vereinigung mit anderen Menschen. Auch die menschliche Natur aller Priester soll wegen einer Entscheidung des hohen Klerus im Mittelalter geknechtet und stillgelegt werden.
10.
Auf ein weithin unbekanntes Detail muss hingewiesen werden: Der führende Klerus, selbst „zölibatär“, fordert die jungen Priesteramtskandidaten (also oft schon im Alter von 19/20 Jahren) zu einer problematischen, wenn nicht krank, neurotisch machenden Askese auf. Im Dekret über die Priesterausbildung des 2. Vatikanischen Konzils (1962-65), im § 10 ,heißt es: „Auf die Gefahren, die ihrer Keuschheit besonders in der gegenwärtigen Gesellschaft drohen, sollen die Priesterkandidaten hingewiesen werden. Sie müssen lernen…eine vollkommene Herrschaft über Leib und Seele und eine höhere menschliche Reife zu gewinnen und die Seligkeit des Evangeliums tiefer zu erfahren.” Das wagen die greisen Konzilsväter den jungen Männern zuzumuten, diese Herren-Bischöfe, Exzellenzen, Hochwürden etc. genannt, wissen, dass sie damit die jungen Männer seelisch und dann auch körperlich krank machen. Und dann schwafeln diese Herren noch von der bei so viel Leiden und „Opferbringen“(!) Erfahrenen, wörtlich, der „Seligkeit des Evangeliums“.
Man kann hier nur von einer verordneten Vergewaltigung („Untertan – Machung“) von Seele und Leib sprechen. Und jetzt wissen so viele: Der dekadente, wegen sexuellen Missbrauchs verbrecherische Teil des Klerus ist sozusagen der leibhaftige Ausdruck dieser Herrschaft über die eigene Natur und die eigene Sexualität.
Schon im § 9 des genannten offiziellen Konzils-Dokumentes wird empfohlen: Die jungen Priesterkandidaten sollten „im Geist der Selbstverleugnung erzogen werden, so werden sie dem gekreuzigten Christus ähnlich”. Da wird also die Unterdrückung von Sexualität mit dem Kreuz Jesu von Nazareth verbunden: Jesus ist ja nicht wegen unterdrückter Sexualität hingerichtet worden, sondern wegen seiner umfassend lebensbejahenden und erotisch gefärbten Haltung, auch zu den Frauen, einen „Lieblingsjünger“, Johannes mit Namen, hatte Jesus ja bekanntlich auch, er ruhte an der Brust des „Herren“. Nebenbei: Über die Erotik Jesu von Nazareth ist viel zu wenig geforscht worden. Aber dafür muss man sich mehr für den Juden Jesus von Nazareth interessieren als für den vergöttlichen, leibfreien „Christus“ – also auch den trinitarischen himmlischen „Logos.“
Der genannte Konzilstext erklärt, warum diese ganze Prozedur der Unterdrückung der menschlichen Natur durch die Priester geschehen soll: Im § 9 heißt es weiter: „Dann werden die Priester dem Stellvertreter Christi, also dem Papst, in demütiger und kindlicher Liebe ergeben sein, und sie werden später als Priester dem Bischof als ergebene Mitarbeiter anhangen…” In Liebe ergeben: Wer als Priester dies war, der wurde auch als wegen pädosexueller Verbrechen durch die Liebe des Bischofs vor den Gerichten bewahrt…Aber auch dies: In Liebe ergeben darf man bitte nicht wörtlich nehmen, im Sinne von homosexueller Liebe, das würde offiziell pervers genannt, aber de facto praktiziert. Siehe das Buch von Frédéric Martel, Sodom. LINK.
11.
Dieser kurze Hinweis beschreibt nur ein ausbaufähiges Projekt, das schon mehrfach von verschiedener, auch nicht-theologischer Seite aufgegriffen wurde.
Uns liegt nur daran, an die fatalen Folgen bestimmter biblischer Texte zu erinnern, weil sie – wie so viele andere biblische Sprüche – aus Gründen der Herrschaft wörtlich verstanden werden. Diese Sprüche haben sich wegen einer gewissen „griffigen Formulierung“ als herrschende Mentalität durchsetzen können. Es wäre für aufgeklärte Christen besser und heilsamer, diese uralten Texte aus einer fernen, vor-modernen Welt nur noch als historisch interessante Mythen zu lesen. Unmittelbar praktisch „umsetzbar“ sind sie nicht und sollten sie um der Welt und der Menschen NICHT sein.
Kritisches Verstehen der Bibel vermag vielleicht schlimmste Missverständnisse, selbst wenn sie sich „eingeprägt“ haben, zu verhindern. Die Bibel ist eben nicht total „Gottes Wort“.
Die Bibel kann für eine kritische Theologie nur ein Buch sein, das literarisch unterschiedliche religiöse Überzeugungen versammelt, von Menschen aus den Jahren 1000 vor Christus bis ca. 120 nach Christus. Und diese religiösen Überzeugungen und Erzählungen früherer Menschen sind nicht automatisch „göttlich“.

12.

Es kommt also darauf, die genannten Weisungen Gottes zur “Untertan – Machung” beiseite zu legen und neue Weisungen zu formulieren, die den Menschen aus der totalen Rolle des Alleinherrschers über die Natur und die “anderen” befreien. Der Philosoph Hans Jonas hat da schon großartige Vorschläge gemacht.

FUßNOTE 1: Die Bibelwissenschaftler Prof.Karl Löning und Prof. Erich Zenger befassen sich in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“ (Düsseldorf 1997) auch mit dem Auftrag Gottes an die Menschen „zur Gestaltung der Welt“, wie beide Wissenschaftler dann sehr moderat die von Gott empfohlene und befohlene „Herrschaft des Menschen über die Natur“ nennen. Die Exegeten wehren sich explizit gegen die Luther-Übersetzung „Macht die Erde euch untertan“, und sie wehren sich auch gegen die katholische Einheitsübersetzung „Unterwerft die Erde euch und herrschet“ (S. 149).

Aber diese Kritik an den Übersetzungen schränken die beiden Professoren dann sofort wieder ein: “Beide Übersetzungen sind nicht voll falsch, aber sie sind in zweifacher Hinsicht problematisch“ (S. 149). Was soll schon „voll falsch“ bedeuten?

Es ist also für die Bibelwissenschaftler eine Art „Grauzone“, im einzelnen betonen sie:
Gemeint sei in der Bibel nicht, der Mensch solle wie ein kriegerischer Feldherr gegen die Erde kämpfen!
Falsch übersetzt sei sogar, wenn in beiden genannten Übersetzungen von EUCH (bezogen auf die Menschen) die Rede ist. „Das Dativ `euch` steht nicht im hebräischen Text“. (ebd.)

Dabei muss aber die Frage gestellt werden: An wen wendet sich dann aber Gott? Irgendeinem Wesen muss der tätige Umgang mit der Welt und den Tieren ja gelten! Also dann doch den Menschen, selbst „wenn das Dativ im hebräischen Text fehlt“.

Beide Autoren verweisen dann noch auf den Grundgedanken des Schöpfungsberichtes: Und dieser sei die „Gottebenbildlichkeit des Menschen“ (S. 153), mit diesem Verweis meinen sie, die „Härte“ des Auftrages Gottes „zur Gestaltung der Welt“ abzumildern.

Dennoch müssen die Exegeten zugeben: „Eine gewalttätige und nur dem Menschen dienliche Herrschaft über die Welt, Tiere usw. Ist – bei Berücksichtigung der Gottebenbildlichkeit des Menschen – WENIG WAHRSCHEINLICH“ (153). Diese gewalttätige Herrschaft des Menschen ist also dann doch auch denkbar und wahrscheinlich. Man hat bei diesem Hin und Her der Argumente den Eindruck, die beiden Exegeten betreiben eine Art apologetische Bibeldeutung, nach dem Motto: In der Bibel darf es nur richtige und gute Empfehlungen „Gottes“ geben. Noah und seine Arche, die auch Tiere rettete, werden dann noch als Beleg gedeutet förmlich für den Tierschutz, den schon Noah leistete.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Papst Franziskus – ein Papst der Widersprüche. Versuch einer Erklärung.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Inhaltsverzeichnis zu diesem Hinweis:

1.Der von Kardinal Bergoglio gewählte Papst-Name Franziskus (von Assisi) ist von vornherein ein Hinweis auf die inneren Spannungen und Widersprüche in seinem „Pontifikat“.

2. Die offenkundigen Widersprüche im Reden und Handeln von Papst Franziskus lassen sich auch mit der zentralen Ideologie seiner argentinischen Herkunft, konkret: seiner Nähe und Sympathie für die „Guardia de Hierro“, „die Eiserne Garde „des Peronismus, besonders von 1972-1974, erklären.

Das Motto:

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss sich immer gleichzeitig mit der gedanklichen Entwicklung von Beziehungen des Menschen zu einer göttlichen Wirklichkeit befassen UND in gleichem Maße mit den gegenwärtigen Formen sich religiös nennender Praxis. Kritik der Religionen (auch Kritik des Glaubens, der sich „Atheismus“ nennt) und Kritik der Kirchen gelingt nur mit dem Maßstab der Vernunft. Sie ist die innere Mitte der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Es ist also ausgeschlossen, dass religiöse, konfessionelle Normen oder so genannte heilige Bücher das Kriterium liefern für religionsphilosophische Debatten.

Erinnerung an einige allseits bekannte Fakten:

Das wissen alle, die sich mit dem jetzigen Papst Franziskus beschäftigen: Papst Franziskus ist eine zwiespältige Gestalt. Er glaubt an den Teufel, argumentiert oft in  volkstümlicher Überzeugung mit dessen Existenz. Andererseits gibt Papst Franziskus sich theologisch ein bisschen auf der Höhe der Diskussionen: Er fordert mehr synodale Strukturen,  also eine Art bescheidene katholische Variante von Demokratie. Aber er führt als Papst synodale Entscheidungen nicht zu Ende, siehe die berühmte „Amazonas-Synode“ und die dort geforderte Aufhebung des Pflichtzölibates für Priester. Einerseits zeigt er sich als Freund der Armen und Flüchtlinge, er besucht Lampedusa, auch Lesbos usw. und diese Besuche lassen ihn in der Öffentlichkeit glaubwürdig erscheinen. Andererseits ist er als Papst schon aufgrund des Amtes autoritärer Herrscher im Vatikan (Legislative, Judikative, Exekutive alles in seiner „Hand“). Er hat nach wie vor nicht die Erklärung der Universalen Menschenrechte unterschrieben. Einerseits plädiert Papst Franziskus für „mehr Ökumene“, aber er verfügt nicht, dass die römische Kirche volles Mitglied im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (Genf) wird. Denn so glaubt er: Die katholische Kirche ist eben doch etwas Besseres und Einmaliges, das ist die Botschaft der Päpste bis heute! Einerseits will er vieles gegen die Sexualverbrechen durch Kleriker tun, ist aber in der Realisierung dieses Vorhabens sehr zurückhaltend, gerade was den umfassenden Respekt für die Opfer angeht.

Es gibt hunderte weiterer Beispiele: Papst Franziskus sagt nicht nur mal dieses und dann mal jenes. Seine Worte und Taten sind oft widersprüchlich. Diesem Papst fehlt die innere konsequente Linie. Er jongliert. Nur gelegentlich spricht er päpstliche Allmachtsworte, wie den Rausschmiss Kardinal Müller aus dem Amt des obersten Glaubensbehörden-Verwalters, später wurde Müller wieder etwas rehabilitiert. Gegen die aktuelle Polemik Müllers schreitet er hingegen nicht ein…

1.Papst FRANZISKUS

Für die Widersprüchlichkeit im Sprechen und Handeln von Papst Franziskus (man denke nur an die elenden Debatten um Homosexuelle) gibt es eine erste Erklärung, sie wurde meines Erachtens bisher zu selten beachtet: Es ist die Spannung, wenn nicht der Widerspruch, der sich im Namen und Titel „Papst Franziskus“ zeigt. Mit anderen Worten und etwas zugespitzt gesagt: Ein Papst kann sich eigentlich nicht und darf sich nicht „Franziskus“ nennen, wenn denn mit „Franziskus“ der heilige Franziskus von Assisi gemeint ist. Bis jetzt hat sich auch kein Papst „Petrus II“ .genannt, offenbar aus Ehrfurcht (oder Aberglauben) vor diesem verheirateten Fischer, der angeblich von Jesus höchstpersönlich zum „Fels“ der Kirche ernannt wurde.

Zur Biographie des ständig idealisierten un auch verkitschten Franziskus von Assisi: Er war ein Laie, der im Mittelalter bei einer reichen Kirche in Italien für eine radikale Kirchenreform kämpfte. Er wollte eine Reform-Bewegung von Laien, die gegen die mittelalterliche Prunksucht der Päpste und Bischöfe aufbegehrten und eine andere Kirche wollten, eine Kirche im Sinne des armen Jesus von Nazareth, ohne die Allmacht des Klerus, auch die Allmacht der Päpste. Sein Zeitgenosse, Papst Innozenz III., selbst ein Allmächtiger, wusste, welche theologische „Sprengkraft“ in Franziskus von Assisi vorhanden war… und ihm gelang es, Franziskus, den Antiklerikalen, in diese bestehende Kirche einzubinden. So wurde des Franziskus` eher papstkritische Laienbewegung der Armen gestoppt … und ein klerikaler Franziskanerorden entstand.

Wenn sich ein Papst auf diesen Franziskus von Assisi bezieht, tritt er selbst automatisch in eine antiautoritäre, antiklerikale und letztlich antipäpstliche Tradition ein. Er kann sich aber als weiterhin im Vatikan-Staat mit seinen Palästen, allerdings dort bescheiden lebender Papst damit trösten, dass Franziskus von Assisi sozusagen von Innozenz III. und den Kardinälen „umgedreht“ wurde und sich auf eine „Entschärfung“ und „Ent-Radikalisierung“ seiner Botschaft einließ…in Gestalt eines strukturierten klerikalen Ordens.

Mit anderen Worten: Wenn ein Kardinal sich als Papst den Namen Franziskus (von Assisi) gibt, kündigt er eigentlich mit dieser Wahl auch das Ende des (bislang üblichen) Papsttums an.  Dieser Namenswahl könnte etwa, leicht zugespitzt, eines Tages auch der Papstname „Papst Martin Luther I.“ entsprechen. Das wäre sicher das Ende des „klassischen“ Papsttums, hoffentlich, ist aber unwahrscheinlich.

2. Bergoglio – der Peronist.

Es wurde in der theologischen und religionskritischen Forschung bis jetzt leider der wichtige Aufsatz von Colm Tóibín übersehen, den der irische Journalist und Literaturwissenschafter, Lehrbeauftragter an der Stanford University usw., in der Zeitschrift „Lettre International“, Ausgabe Frühjahr 2021, S. 68 -75, veröffentlichte.

Der Titel von Tóibíns Studie: „Das Lächeln Bergoglios. Vom peronistischen Jesuiten zum Heiligen Vater im Vatikan – Eine Karriere“.

Tatsache ist, dass Bergoglio von 1972 bis 1974 der peronistischen Bewegung „Guardia de Hierro“ („Eiserne Garde“) nahestand, das wird von Historikern überhaupt nicht bestritten. Wie sich daraus eine Nähe UND Distanz des Provinzials der argentinischen Jesuiten Bergoglio zu den mordenden Militärs in Argentinien (von 1976-1983) entwickelte, wird noch weiterhin hoffentlich umfassend studiert und diskutiert. Der Sozialist und Ökonom Roberto Pizarro H. entschuldigt förmlich die bekannte damalige „Schwäche“ („debilidad“) des führenden Jesuiten Bergoglio in dieser Zeit damit, dass Bergoglio nun als Papst so viel Gutes tut zugunsten der Armen. So kann man auch politische Fehler eines Jesuitenprovinzials reinwaschen. Quelle: https://www.eldesconcierto.cl/opinion/2018/01/13/el-papa-francisco-la-guardia-de-hierro-y-el-genocida-massera.html.

Über die undeutliche Haltung des Jesuitenprovinzials Bergoglio während der Militärdiktatur spricht auch Tóibín in seinem Artikel. Auch seine spirituelle Praxis, volkstümlicher Art („Verehrung von Heiligenbildern und der Kultus der Madonna“, S. 70) wird ausführlich behandelt. Wichtig ist die innere Verbundenheit mit „dem“ Peronismus: „Bergoglio ist ein Peronist, und die Pointe des Peronismus ist es, dass er sich niemals definieren lässt. Die Montoneros, die in den siebziger Jahren Argentinien mit einer Terrorismuskampagne überzogen, waren Peronisten. Und die Eiserne Garde, die rechte Gruppe, mit der Bergoglio in Verbindung stand, bestand ebenfalls aus Peronisten. Präsident Carlos Menem war Peronist und die Präsidenten Kirchner waren es auch. Ein Peronist zu sein, heißt alles und nichts. Es heißt, dass man zeitweise mit genau den Dingen einverstanden sein kann, die man ansonsten ablehnt. Man kann sowohl Reformer sein wie gleichzeitig ein Konservativer“ (S. 74). …“Bergoglio konnte in einem Augenblick den Anarchisten spielen und im nächsten in seine autoritäre Rolle zurückfallen“ (S. 73).

Das heißt: Es ist dieses taktische Lavieren, dieses Schwanken je nach der machtpolitischen Situation zwischen Ja und Nein, es ist diese Dialektik von Zustimmung und Widerspruch ohne zu einer neuen höheren Ebene zu führen, die den – in Deutschland weithin unbekannten – Peronismus auszeichnet…und die, wie Colm Tóibín schreibt, auch den peronistischen Jesuiten Bergoglio und Papst Franziskus prägt. So wird eine Antwort gegeben auf das widersprüchliche Verhalten dieses Papstes etwa zum Zölibat – angesichts der „Amazonas-Synode“ – oder zur konsequenten Bestrafung von sexuellen Missbrauchstätern im Klerus. Oder zum äußerst verständnisvollen und geduldigen Umgang mit den in dem Zusammenhang hoch belasteten Kardinälen (wie Woelki in Köln). Andererseits: Der rasante Rausschmiss des Pariser Erzbischofs Aupetit, der den „furchtbaren“ Makel hat, sich in eine Frau ein bisschen verliebt zu haben und das auch noch dummerweise veröffentlichte. Aber solche heterosexuellen  Makel werden wohl immer seltener, mangels heterosexueller Priester…

Das ist erstaunlich: Die katholische Wochenzeitschrift „Christ in der Gegenwart“ (Herder-Verlag) scheibt in ihrem Kommentar vom 6.1.2022, wie Papst Franziskus geradewegs ungeniert und nur aus machtstrategischen Überlegungen (dies ist auch peronistischer „Geist“ !) Kardinal Marx (München) zur Fortsetzung seines Amtes als Erzbischof verdonnert, obwohl Marx nachweislich viele Fehler begangen hat…Weil er viele pädosexuelle Verbrechen im Klerus nicht der staatlichen Justiz übergab. André Lorenz scheibt in „Christ in der Gegenwart“: „In bitterer Erinnerung bleibt der Satz von Papst Franziskus aus seinem Schreiben an Kardinal Marx, in dem er dessen Rücktrittsangebot am 10. Juni 2021 abgelehnt hatte: „Das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising. “Das ist das Problem…:So lange Bischöfe, in deren Zuständigkeitsbereich sexueller Missbrauch durch Geistliche systematisch vertuscht worden ist, im Amt bleiben dürfen, wird nichts mehr gut in unserer Kirche“, soweit „Christ in der Gegenwart“. .

Man wird also sagen: Trotz aller großen Worte und so sympathischer populärer Gesten (Umarmen von Kindern, Fußwaschungen von Obdachlosen etc.), ist auch Papst Franziskus ein Vertuscher, ein Machtpolitiker üblicher vatikanischer Tradition seit Jahrhunderten, und eben ein Peronist.

Und man wird dadurch erneut aufgefordert, Bergoglios Verhalten als Provinzial der Jesuiten in Argentinien zu studieren, sein zwiespältiges Verhältnis zur Militärjunta und zu so genannten linken Jesuiten, die sich seines Schutzes als Provinzial vor der Gewalt des Militärregimes nicht sicher fühlten, also etwa die Jesuiten Franz Jalics und Orlando Yorio…

Pater Jalics hat nach seiner Freilassung aus den Gefännissen der Militärs Bergoglio freigesprochen, für die erlittenen Qualen durch die Militärs mit-verantwortlich zu sein. Es war „die ständige Anrufung Jesu im Gebet“, die bei dem frommen Pater Jalics diese Läuterung des Verzeihens (gegenüber Bergoglio) bewirkte. (Fußnote 15 im wikipedia Beitrag zu Franz Jalics SJ).

Papst Franziskus wird, wenn nicht ein Wunder geschieht, als jonglierender, hin – und her zerrissener Papst in die Geschichte eingehen. Er ist eben nur zum Teil ein so genannter Progressiver. Und es sieht alles danach aus, dass die tatsächliche Allmacht der katholischen Klerus-Kirche (die manche noch verbliebenem Katholiken förmlich zur Verzweiflung bringt heute) ad aeternum fortbestehen wird. Wenn einmal ein persönlicher Hinweis erlaubt ist: Wer noch Vernunft und Mut hat, sollte darüber nachdenken, sich dem theologisch-liberalen Protestantismus anzuschließen, auch als Beitrag zur Ökumene, oder den mystischen Weg zu gehen… Man muss nur gut hinhören in all den Kommentaren aus seriösen katholischen Zeitschriften, wie „Christ in der Gegenwart“. Der Tenor ist doch klar: Dieser klerikale Katholizismus ist vorbei, inhaltlich, theologisch, spirituell, auch wenn er noch als machvolles institutionelles Skelett mit vielen alten Klerikern fortbesteht (solange das Geld fließt)…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Macht des Aberglaubens im Katholizismus

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.11.2021.

Zur Einstimmung:

„Der Aberglaube hat die christliche Kirche von Anfang an verpestet. Die Kirche hat die Magie immer verdammt, aber immer an sie geglaubt“. (Voltaire, 1694 – 1776, „Philosophisches Wörterbuch“, Frankfurt am Main, 1985, S. 48.)

“Um den ersten Segen eines Neupriesters zu erlangen, sollte man sehr weit laufen, man sollte sich dabei sogar die Schuhsohlen kaputt laufen”. Vielfach geäußerte Lebensweisheit frommer Katholiken in Deutschland bis in die Jahre 1960.

In Loreto, in den Marken, Italien, befindet sich der “zweitwichtigste Wallfahrtsort Italiens”. Dort wird das Haus in Nazareth verehrt, in dem Maria, die Mutter Jesu, aufwuchs. Dieses Haus wurde, das ist die offizielle katholische Version,  “von Engeln nach Loreto gebracht”. (vgl. etwa wikipedia, Loreto). 4 Millionen Pilger besuchen dieses Haus Mariens.

„Es wird (in der Kirche) eine eigenwillige Frömmigkeit der Ignoranz rhetorisch stark gemacht, so, als ob Gott tatsächlich irgendwie unmittelbar in den Lauf der Dinge eingriffe… Auch der christliche Gottesbegriff weist Konstruktionsfehler auf“. (Oliver Wintzek, Kathol. Theologe und Privatdozent an der Uni Freiburg, Herder-Korrespondenz 2021, S. 47).

„So will Gott nicht trotz seiner Unbegreiflichkeit, sondern gerade in seiner Unbegreiflichkeit die Seligkeit des Menschen sein“. Karl Rahner SJ, „Über die Verborgenheit Gottes“, Gesammelte Schriften 1975, s. 300).

Siehe auch: “Der Aberglaube im Katholizismus kann tödlich sein”: LINK.

1.
Dieser Beitrag ist „pro-vozierend“, also „heraus-rufend, heraus-fordernd“. Befreiend von einem verfehlten christlichen Denken und Handeln. Der Beitrag will also stören, bei dem bedenkenlosen Gerede in der katholischen Kirche heute, dass Gott und die Heiligen überall je nach Laune wirken und walten, vor allem in der Hierarchie, die über die absolute Interpretationsgewalt zu Gottes Anwesenheit verfügt. Als These zusammengefasst: Der katholische Glaube und die katholische Kirchenpraxis sind auf weiten Gebieten auch heute noch Aberglaube. Und Aberglaube sollte eigentlich nicht das spirituelle Leben der Menschen bestimmen. Ob diese Erkenntnis bei den allseits bekannten katholischen Erstarrungen eine Chance hat, wirksam und verändernd zu sein?

Mit diesem Beitrag wird keineswegs geleugnet, dass der Aberglaube eine viel umfassendere und verheerende Bedeutung etwa in den Kulturen Koreas und Indiens hat. Nur: Leider ist der Aberglauben auch im Christentum immer noch eine Macht, auch im Katholizismus. Und von dem ist hier die Rede. Mag ja sein, dass im Mittelalter und in der frühen Neuzeit der Aberglaube im Katholizismus sehr umfassend und bestimmend war; aber Aberglaube ist in dieser Kirche heute immer nch Realität.

2.

Aberglaube wird hier in einem umfassenden Sinn verstanden. Gedacht ist natürlich nicht an populäre Meinungen und schlichte Irritationen etwa anlässlich des Auftretens schwarzer Katzen oder an das mehrfache Klopfen auf den Tisch, um Böses zu verhindern, vom „Freitag, den 13.“ ganz zu schweigen. Diese Verhalten können eine Art dumme Angewohnheit heute sein, aber sie werden oft wie magische Riten praktiziert. Dabei wissen die Menschen, dass sie sich selbst dabei etwas “vormachen”, dass sie lügen, sich selbst belügen, wenn sie an die Wirksamkeit dieser abergläubischen Praxis glauben. Lüge und Aberglaube sind eng verbunden, das zeigt sich auch in der Auseinandersetzung über Aberglauben im Katholizismus.

3..

Hier wird Aberglaube als weit verbreitete religiöse Haltung und Praxis vieler frommer Katholiken und ihrer Führer verstanden. Dieser Aberglaube wird als der grenzenlose Überschuss an Frömmigkeit und „Spiritualität“ gedeutet, mit dem Ziel, alles religiös, spirituell, „mystische und mythische Ahnbare“ mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Etwa das Einsalben der Körper von Menschen und Tieren mit heiligen Ölen als Hilfe bei Krankheit, man denke an das St. Rita-Öl oder an das das heilige Wasser des Marienwallfahrtsortes Lourdes. Oder an die propagierten „Gebetsstürme“ der Fatima-Freunde einst, um im Gebet den Kommunismus zu besiegen. Er wurde ja besiegt, aber sicher nicht von Gebetsstürmen… Oder man denke an den Wahn, irgendwelche kleine Schnipsel des Kreuzes Jesu von Nazareth oder gar von Jesu Vorhaut als Objekte der Verehrung im Besitz einer Kirchengemeinde zu haben.

Die Praxis des Katholizismus war und ist durchsetzt von diesen wahnhaften Vorstellungen, die sich gegen jegliche, der allgemeinen Vernunft zugängliche Argumente sperren. Das Problematische ist, dass fromme Katholiken im Vollzug der genannten „volkstümlichen“ Praktiken meinen, wirklich mit Gott verbunden zu sein bzw. in dem Unendlichen/Ewigen geborgen zu sein. Das kann ja subjektiv so gefühlt werden, warum aber der schwierige Umweg über diese Praktiken, die an Magie erinnern und nichts mit einem reifen, kritisch reflektierten Glauben zu tun haben. Das bekannte Bonmot „Im Himmel ist Jahrmarkt“ passt gut in diesen Zusammenhang. Auf theologisch noch problematischere Formen des katholischen Aberglaubens wird später noch ausführlicher hingewiesen.

4.

Die Kleriker, vor allem die Glaubensbehörden im Vatikan, tun alles, damit diese phantasievollen und oft wahnhaften Überzeugungen und Praktiken beibehalten werden, etwa das Segnen von Autos und Tieren und Handys, schließlich profitieren sie als Kleriker finanziell von diesen Segnungshandlungen. Denn Segnen als feierlichen offiziellen Ritus darf bekanntlich nur der Kleriker…Auch die Überzeugung, dass Maria die Mutter Jesu, selbst unbefleckt empfangen wurde, könnte man in diesen der Vernunft nun schon nicht mehr vermittelbaren Aberglauben einordnen. Schließlich sind ja selbst die Eltern dieser Maria, also Anna und Joachim, erfundene, „mythische“ Gestalten, aber natürlich selbst als erfundene Heilige werden sie sehr verehrt! Die Überzeugung, dass es eine Hierarchie der Engel im Himmel gibt, Cherubim und Seraphim, dass es eine spezielle Vorhölle für ungetaufte Kinder gibt, dass der „liebe Gott“ durch den Mund Jesu den Zölibat der Priester (Männer!) persönlich wünscht. All das wird ein Mensch, der die kritisch reflektierte Vernunft als Maßstab der Lebensorientierung nimmt,  als Aberglauben bezeichnen.

5.

Manchmal wird dieser fromme Wahn des Aberglaubens selbst den Herren im Vatikan zu viel, wenn sie etwa die Idee zurückweisen, Maria die Mutter Jesu von Nazareth, sei durchaus als Mit-Erlöserin zu verehren. Das würde dann doch stark an eine „heidnische“ (?) Muttergottheit erinnern, aber zu viel Weiblichkeit wollen die zölibatären Kleriker ohnehin nicht.

6.

Deutlich ist jedenfalls geworden: Die Hierarchie lässt im großen und ganzen diesen wild wuchernden Glauben, den katholischen Aberglauben, zu, weil man die so genannten „einfachen Gläubigen“ in ihrer „Volksreligion“ nicht kritisch bilden will und kann. Sowie: Weil der Klerus davon auch finanziell  profitiert – siehe das Geschäft mit den und in den Wallfahrten, den „Wunderorten“!

Oder man denke daran, dass Katholiken immer noch und weltweit – auch in Deutschland – für 5 oder 10 Euro eine Messe beim Priester „bestellen“ können, der dann im Anliegen des Geldgebers die Messe feiert und speziell etwa für einen bestimmten Verstorbenen betet (dass dieser doch alsbald aus dem Fegefeuer entlassen wird…) Man nennt diesen Handel üblicherweise „Messstipendien“ für Priester. Die Gelder, die der Priester entgegennimmt, sollten in Deutschland der Gemeinde, nicht der Person des Priesters, zugutekommen. Das betont auch eine Information der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, der Abtei, in der der erfolgreiche Vielschreiber Pater Anselm Grün wirkt. LINK https://www.abtei-muensterschwarzach.de/beten/messstipendien

Die Benediktiner verlangen nur 5 Euro pro bestellte Messe. Die sehr wohlhabenden Ordensleute von den „Legionären Christi“ verlangen unbescheiden 10 Euro, so heißt es auf ihrer Website. Sie empfiehlt auch die „Gregorianische Messe“, diese wird von den „Legionären“ 10mal gelesen, kostet bei ihnen allerdings 350 Euro. (https://www.messintentionen.de/messe/unterstuetzen-sie-uns-mit-einem-mess-stipendium.html)

Aber abgesehen vom finanziellen Handel: Nicht nachvollziehbar ist die Vorstellung, dass ein Priester, der die Messe (Eucharistie) liest/feiert, mit diesem seinen Kultus Gott im Himmel bewegen könnte, doch etwas Besonderes für die Seele etwa des Herrn Fritz Schulz (im Fegefeuer) zu tun. Welches infantile Gottesbild wird da noch am Leben erhalten?

Man sieht: Wenn man einmal anfängt, sonderbare und heute schrullig wirkende, unvernünftige Überzeugungen und Praktiken im Katholizismus aufzulisten, kommt man mit diesen Formen eines katholischen Aberglaubens an kein Ende.

Es herrscht diese diffuse, schwammige Mischung auch im heutigen Katholizismus, diese Mischung von etwas Progressivem, von etwas religiös Seriösem, auch ursprünglich Jesuanischem, „Evangelischem“ UND eben diese Anwesenheit von vielem Abstrusen, Konstruiertem, Neurotischem, Krankhaften und Abergläubischen.

7.

In dieser Kritik am Aberglauben im Katholizismus hat man sogar ein wenig auch die offizielle Kirchenlehre auf seiner Seite. In einer allgemein gehaltenen Formulierung des offiziellen katholischen Katechismus (von 1993) lehren sogar die Herren im Vatikan: „Der Aberglaube ist gewissermaßen ein abartiges Zuviel an Religiosität“ (§ 2110).

8.

Dieses „Zuviel an katholischer Religiosität“ wird in diesem Beitrag nur in einigen Umrissen untersucht. Das Kriterium, das Aberglauben von einem reifen, kritischen religiösen Glauben unterscheidet, kann nicht aus den Glaubenslehren selbst stammen! Dies sind in sich zu verwirrend. Das Kriterium kann nur die allgemeine selbstkritische Vernunft sein und die von ihr als universal einsichtig formulierten Menschenrechte. Dabei spielt auch ein vernünftiger Bezug des Menschen zu einer transzendenten Wirklichkeit eine Rolle!

9.

Das Thema ist alles andere als eine intellektuelle Spielerei oder bloß eine Spezialfrage für Theologen oder Philosophen. Denn die Bedeutung des Aberglaubens für die seelische Gesundheit eines sich religiös nennenden Menschen ist offensichtlich. Wer in wichtigen Fragen seiner Lebensphilosophie (z.B. auch „Glauben“ genannt) beginnt, spinös zu werden, zerstört langfristig sein klares, argumentierendes, selbstkritisches Denken. Auch Demokratie kann nur (über)leben, wenn es möglichst wenig politischen-ideologischen-religiösen Aberglauben gibt, siehe jetzt den Wahn der Verschwörungstheoretiker angesichts der Corona-Epidemie oder den Reinkarnationsglauben etwa in Anthroposophen-Kreisen als Abwehr gegen die Corona-Impfung. Im katholischen Bereich denke man an die gewaltsamen Attacken von Marien-Fans gegen den Film „Je vous salue Marie“ in den Pariser Kinos oder die gewaltsamen Attacken derer, die PRO LIFE als Verbot jeglichen Schwangerschaftsabbruches verstehen und deswegen Abtreibungs-Klinken und Ärzte in den USA oder Polen schikanieren.

10..

Der Philosoph Voltaire hat in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ klar gesagt: „Der Abergläubische wird vom Fanatiker beherrscht und wird selbst zum Fanatiker. Kurz, je weniger Aberglaube, desto weniger Fanatismus, und je weniger Fanatismus, desto weniger Unheil“ (Voltaire, Philosophisches Wörterbuch, Frankfurt am Main, 1985, S.48 und 51).  Es sind also bereits Fanatiker, auch religiöse Führer, Kleriker und fundamentalistische Katholiken, die ihren eigenen Aberglauben anderen aufdrängen, das sagt Voltaire! Im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs durch Priester wurde vielfach deren propagierte abergläubische Theologie freigelegt…Etwa so: Ein Engel soll es dem pädophilen Ordensgründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, befohlen haben, dass ein Knabe ihn sexuell im Kloster befriedigt, angeblich sollte so Maciels Krankheit geheilt werden…, das redete der Chef des Ordens der Legionäre Christi den Knaben, ein, die er nachts in sein Bett lockte…So berichten die Opfer… Zum sexuellen Missbrauch durch Priester: LINK

11.

Hier geht es um den Aberglauben in der katholischen Kirche heute. Und selbstverständlich müsste das Thema auch in den evangelikalen Kirchen und Pfingstgemeinden diskutiert werden, selbstverständlich auch in allen orthodoxen Kirchen oder auch in allen anderen Religionen und Ideologien und Weltanschauungen. Vor allem ist niemand und keine Organisation geschützt, in Aberglauben zu versinken. Und Psychologen müssten untersuchen, ob Aberglauben irgendwie zur strukturell bedingten seelischen Verführbarkeit „des“ Menschen gehört. Ein weites Feld…

12.

Um noch einmal auf den offiziellen katholischen Katechismus (1993 im Vatikan in sehr vielen Sprachen erschienen) zurückzukommen: Er spricht anlässlich der Bestimmungen zum „Ersten Gebot“ merkwürdigerweise nur sehr allgemein von „dem“ Aberglauben , und dieser wird in einem Atemzug mit dem „Unglauben“ bzw. dem Atheismus verbunden. „Das erste Gebot („Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“) untersagt Aberglauben und Unglauben“… „Der Aberglaube ist gewissermaßen ein abartiges Zuviel an Religiosität“ (§ 2110).

Damit wird überraschend eine interessante Perspektive eröffnet. Denn von einem „Zuviel“ an Religiosität kann im Katholizismus damals wie heute die Rede sein. Man denke, wie schon angedeutet, an die Wallfahrten und Gelübde, den Kult mit den Heiligen; man denke an die besondere, oft neurotische Verehrung, („Hochwürden“, „Exzellenz“, „Heiliger Vater“…), die immer noch Priester und Ordensleute als „besondere Katholiken“ „genießen“; man denke die überschwänglichen und jeder Vernunft entbehrenden Lieder zu Ehren Marias der „Gottesmutter“, die offiziell üblichen Segnungen von Autos und Tieren und Handys (aber nicht von Homosexuellen) usw.

Aber dieser maßlose Überschwang, der zum Aberglauben führt, wird im Katechismus selbst nicht ausführlicher thematisiert. Kardinal Ratzinger, damals als Glaubens-Behörden-Chef oberster Verantwortlicher für dieses Buch, in der deutschen Ausgabe mit 816 Seiten, ahnte wohl, dass es diplomatisch klüger ist, nicht zu konkret die Irrwege des Aberglaubens im heutigen Katholizismus zu beschreiben. Immerhin: In § 2111 wird Aberglauben „als Entgleisung verstanden, als Entgleisung des religiösen Empfindens und der Handlungen. Aberglaube kann sich auch in die Verehrung einschleichen, die wir dem „wahren Gott“ erweisen. Im Katechismus heißt es weiter: „So wenn z.B. bestimmten, berechtigten oder notwendigen Handlungen eine magische Bedeutung beigemessen wird“. Auch das bloß äußerliche Verrichten von Gebeten ohne „innere Haltungen“ wird im Katechismus Aberglaube genannt. Aber wie gesagt, all dies wird nicht weiter vertieft und mit Beispielen belegt. Ob im Katechismus bei den „bei dem bloß äußerlichen Verrichten von Gebeten“ etwa auch an den beliebten „Rosenkranz“ gedacht ist, den man/frau bekanntlich wie im Dämmerzustand herunterplappern kann? Aber vielleicht ist gerade dieses Dämmern im Religiösen heilsam und genauso viel wert wie die „esoterische Musik zur Entspannung?

13.

Bei der Dokumentation des umfassend praktizierten Aberglaubens im Katholizismus sollt man selbstverständlich auch vom Ablass sprechen, den der Katechismus immer noch verteidigt (§ 1471)! Oder vom Bittgebet (§ 2629ff.). Aber beides wird leider im Katechismus nicht mit Aberglauben in Verbindung gebracht. Und das ist theologisch falsch!

14..

Eher zufällig ein Beispiel aus der Fülle der Möglichkeiten, um Aberglauben förmlich als universale Dimension im Katholizismus zu belegen: Da laden z.B. der evangelische und der katholische Bischof von Berlin zu einem ökumenischen Gottesdienst ein – anlässlich der konstituierenden Sitzung des Berliner Abgeordneten-Hauses am 4.November 2021: Sie sprechen dabei, wie selbstverständlich, als ob man vom Wetter redetet, von Gott, dem Herrn, und er wird ausdrücklich wie ein zuhörender Teilnehmer angesprochen und gebeten, den Abgeordneten beizustehen: „Schenke ihnen Kraft, Mut und gute Ideen für das Gemeinwohl, und stärke sie, sich für eine Kultur des Miteinanders einzusetzen.“

Man stelle sich das vor: Gott als Gott wird als ein personaler Himmelsherr gedacht, der – wie ein Übermensch – „Kraft, Mut und gute Ideen schenken“ kann. Dieser Gott wird von den Herren der Kirche gar nicht weiter erklärt, zumal in dieser Stadt Berlin, in der bekanntlich sehr viele säkulare Menschen (und sich säkular verstehende PolitikerInnen) leben. Dieser allzu menschlich erscheinende und aktuell verfügbare Gott soll also in seiner willkürlichen Freiheit in den Geist der Abgeordneten „Kraft, Mut und gute Ideen“ einfügen. Ein Geschehen, das an die klassischen Erklärungen der „unbefleckten Empfängnis“ Jesu erinnern. Der Heilige Geist soll nach alter Lehre durch ein Ohr (!) Mariens irgendwie mysteriös in Mariens Leib geraten sein. Man vergleiche dazu den Beitrag im katholischen Pressedienst CNA aus den USA am 25.3.2021: Quelle: https://de.catholicnewsagency.com/article/empfaengnis-durch-durch-das-ohr-1292

15.

Auch das populäre Bittgebet sollte viel ausführlicher als Form des Aberglaubens, im angedeuteten “weiten Sinne“, diskutiert werden. Wenn Christen glauben: Gott ist Person, mit leicht relativierenden Anführungszeichen oder auch nicht gemeint, dann betonen sie: Der Glaubende könne diese göttliche Person direkt ansprechen. Und viele meinen sogar, in einen Dialog mit Gott eintreten zu können und fürs eigene Wohlergehen um Gottes hilfreiches Eingreifen bitten. An den leidenden Nächsten wird dabei oft nicht gedacht, hier hat das Ego alle religiöse Bedeutung.

Ich weiß, die reflektierte und kritische Theologie in Europa hält inzwischen nicht mehr viel von dem fordernden Bittgebet der Frommen, die mit Gott wie mit einem Kumpel auf Du stehen. Tatsache aber ist, dass die populäre und manchmal gedankenlose Gebets-Praxis immer noch üblich ist. Zeigt sich darin etwa, dass „der“ Mensch unheilbar naiv-religiös ist?

16..

Ein weiteres, eher zufällig aus vielen anderen Beispielen gefundenes Exempel: Eine Äußerung von Pater Klaus Mertes SJ im Kölner DOM-Radio: „Ich nenne ein Beispiel: Eine Freundin, die nicht glaubt, ruft mich an und fragt mich: Kannst du bitte für mich beten? Ich bin an Krebs erkrankt, ich kann selbst nicht beten. Auf diese Frage kann ich ja nur mit “ja” antworten, wenn ich tatsächlich glaube, dass es so etwas wie eine Stellvertretung anderer vor Gott geben kann“ (Quelle:  Interview im Dom-Radio 26.10.21).

Was folgt daraus: Der Fromme kann also aufgrund seiner Qualität der Gottes-Verbundenheit seine Beziehungen mit Gott sozusagen spielen lassen und für eine offenbar atheistische Freundin eintreten: Das ist nur eine Art Rechnerei innerhalb der göttlichen Welt. Der “Stellvertreter“, der Fromme, wird’s schon richten… Wie weit dürfen theologische „Spekulationen“ eigentlich gehen, wäre die Frage.

17.

Es wird also zu Beginn des 21. Jahrhundert  noch eine katholische Religion praktiziert, die niemals auf Wunder verzichten kann und Unmögliches für möglich hält und dieses dann als Religion verkauft! Wer sich etwa mit dem weltbekannten Marienwallfahrtsort Lourdes in Frankreich befasst, wird dort im Jahr 1858 mit dem angeblichen Auftreten Marias, der Mutter Jesu von Nazareth, konfrontiert. Sie ist vom 11. 2. bis zum 16. 7.1858 in dem französischen Dorf höchstpersönlich in Gestalt einer weiß gekleideten Frau 18mal „erschienen“ und hat dem Kinde, dem „Seher-Kind“, der 14 Jahre jungen Bernadette Soubirous, (1844-1879), auf Französisch gesagt: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“. Maria selbst also befahl nicht in ihrer Muttersprache Aramäisch, sondern auf Französisch, Buße zu tun, eine Kapelle am Ort ihres Auftretens zu errichten (mit Blick auf späteren Wallfahrer-Tourismus) und „dass man in Prozessionen hierher kommen solle“. Und diesem „Ereignis“ als Wunder gedeutet, glauben viele Millionen Menschen bis heute: Es ist eine mysteriöse Traumwelt, die da mit dem Glauben an eine göttliche Wirklichkeit  verwechselt wird. Ähnliches spielte sich in Fatima (Portugal) oder La Salette (Frankreich) und an vielen Orten ab. Und viele sind bis heute entzückt. Sie lieben die „Romantik“ solcher Orte, lieben die Anwesenheit des Wunderbaren, des mysteriös Überweltlichen. Mag ja sein, dass dieser Marien-Glaube als ein erfreulicher, heilsamer Zustand wahrgenommen wird! Aber: Ist er nicht eher das Opium des Volkes? Das „Rauschmittel“, das auch Papst Franziskus gern verabreicht, wenn er selbst besonders „Maria als Knotenlöserin“ verehrt, ein Marienbild, das er einst aus Augsburg in seine argentinischen Heimat erfolgreich „importierte“.

Noch ein Detail zu Lourdes: Maria also erscheint persönlich, spricht Französisch und zeigt sich als himmlische Unterstützerin des gerade ganz frisch verkündeten Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Maris, das Papst Pius IX, am 8. Dezember 1854 verordnete. Welch ein göttlicher Zufall!. Himmlische Unterstützung für ein umstrittenes Dogma! In jedem Fall hat Maria persönlich dem bescheidenen Dorf Lourdes eine große religiös-touristische Karriere bereitet.  Zum Marien/Mutter-Gottes-Kult in den absonderlichen Marienliedern siehe diesen LINK

Man denke an viele weitere Beispiele etwa der Heiligenverehrung, etwa an die absurde, aber auch von Papst Franziskus direkt unterstützte Verehrung des heiliggesprochenen angeblich stigmatisierten Kapuziner- Paters Pio, den viele Kenner für einen Scharlatan halten, zum Pater PIO Kult siehe: LINK.

Man denke darn, dass die wie eine Heilige verehrte Stigmatisierte, in Frankreich äußerst populäre Marthe Robin mit ihren “Foyers de Charite”, 2019 von einem Mystik-Forscher als Betrügerin entlart wurde: LINK.

18.

Es muss mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass 500 Jahre nach Luthers Kritik der Ablass in der katholischen Kirche offiziell noch praktiziert und auch Papst Franziskus empfohlen wird. Er spricht häufig von der Wirkkraft des Teufels. Und es ist bekannt, dass in Italien, Frankreich, Spanien usw. selbstverständlich die Exorzisten-Priester alle Hände voll zu tun haben. Der Exorzist ist ein offiziell angestellter Spezialist in vielen Bistümern, Exorzisten werden ausdrücklich in offiziellen Publikationen mit Telefon Nr. etc. erwähnt. Der Glaube an den Teufel ist also nicht „totzukriegen“, und er scheint akzeptiert zu sein von den offiziellen Herren der Kirche. Papst Franziskus spricht oft von der Macht des Teufels!  Fortbildungen der Exorzisten veranstaltet regelmäßig ausgerechnet die Universität der „Legionäre Christi“ in Rom, vielleicht wollen diese Herren sich dadurch auch vom Ungeist ihres verbrecherischen Ordens-Gründers Pater Marcial Maciel befreien. Nur ein Beispielfür die Aktivitäten von Exorzisten, etwa in der Erzdiozese Paris, über die website gut erreichbar:https://www.paris.catholique.fr/service-de-l-exorcisme.html. In Italien gibt es einen wahren “Boom” an Exorzisten: “Die vom Vatikan anerkannte Internatioanle Vereinigung der Exorzisten schätzt, dass allein in Italien die Dienstleistungen dieser speziell ausgebildeten Priester – der Exorzisten – rund eine halbe Million po Jahr in Anspruch genommen werden, die Tendenz ist seit Jahren steigend” so Dominik Straub, Der Tagesspiegel, 10.12. 2021, Seite 36.

19.

Eine absolut geltende zentrale Gottesvorstellung des Katholizismus hat sich spätestens seit dem 3. Jahrhundert durchgesetzt. Diese Gottesvorstellung ist religionsphilosophisch und kritisch theologisch naiv bzw. abergläubisch zu bewerten. Sie ist eine Ursache, dass immer mehr Christen die Kommunikationsgemeinschaft einer Gemeinde verlassen. Sie wollen spirituell leben und glauben, ohne dabei auf die kritische Vernunft zu verzichten. Was ist diese uralte, für heilig und unantastbar gehaltene offizielle Gottesvorstellung der Kirche? Der Gott der Christen wird oft wie eine menschliche Person gedacht und verkündet und in Gebeten und Liedern auch wie eine greifbare und verfügbare Person verehrt. Göttliche Person besonderer Art wird in der alten Glaubenslehre Jesus von Nazareth genannt, der als wahrer Gott und wahrer Mensch verehrt werden soll. Jesus von Nazareth „ist“ also auch „wahrer Gott“…Ein religionsphilosophisch und kritisch-theologische nicht akzeptabler Gedanke. Die Alten mussten bekanntlich bei ihren theologischen Prämissen Jesus von Nazareth zum Gott erklären, um ihre eigene verschrobene Erlösungslehre plausibel machen zu können: „Nur ein Gott zugleich als Mensch kann die von Erbsünde zerstörte Menschheit retten…“ Diese „Theologie“ kann man getrost beiseite lassen, sie sollte als Aberglaube bewertet werden, der nicht ohne die Konstruktion einer Erbsünde auskommt….Jesus ist im Bild, als Metapher gesprochen, „Gottes Sohn“, aber nur, so wie alle anderen (!) Menschen ebenfalls sich als Söhne und Töchter Gottes betrachten können.

Bekanntlich wird in der göttlichen Trinität sehr missverständlich von drei Personen gesprochen. Dieser Gott als Person gedacht und verehrt kann also je nach persönlicher Laune ins Weltgeschehen eingreifen, ER kann z.B. den Seuchen ein Ende setzen oder den Feind („die anderen“) im Krieg besiegen. Wenn ER dies nicht wunschgemäß tut, sind die Menschen böse und verzweifelt. Trotzdem glaubt man: ER wirkt Wunder, wann und wo immer Er es will.  Die Frommen flehen ihn an, ER erhört sie oder auch nicht, ER fördert in seinen angeblich heiligen Texten die Angst vor dem Weltenende usw. „Es ist der launische Fatalismus der antiken Gottheiten“, der sich da noch am Leben erhält“, schreibt der Historiker Vito Fumagalli („Wenn der Himmel sich verdunkelt“, Berlin, 1988, S. 16).

20.

Unser Thema „Aberglauben in der katholischen Kirche“ berührt also das Zentrum biblischer Gottesvorstellungen und Gottesbilder: Im Mittelpunkt steht dabei, tausendmal in der Bibel beschrieben, die Vorstellung: Gott schließt einen Bund mit den Menschen, ER wird also in diesem Bund persönlich präsent als greifbarer Bundespartner; er tritt nahe, erhält individuelle Züge, ER spricht und flucht und straft, ER lässt verlauten und offenbart sich verbal. Die Zurückhaltung Gottes in den uralten Geschichten und Erzählungen gegenüber seinem “Profil“ ist bekannt: Etwa Gottes Selbstbezeichnung: „Ich bin der ich bin“. Aber die Frommen konnten sich damit nicht begnügen und hängten Gott alle möglichen „persönlichen“ Eigenschaften an.

Das also ist die Herausforderung: An dieser Gottesvorstellung des allzu menschlichen und bildreichen BUNDES-Gottes muss Kritik geübt werden, um eines reflektierten Glaubens willen…Und um die Menschen vor Verirrungen und Wahnvorstellungen zu bewahren. Die Befreiung von einem allzu menschlichen Gottesbild ist freilich für viele noch ein Skandal, die in Gebeten und Liedern und Kult-Bildern (Ikonen) den greifbaren Gott, „ihren“ zurechtgemachten Gott über alles lieben. Da blüht die Phantasie, die romantische Vorstellung, so bezaubernd in dieser Zeit der rationalen Kühle und menschlichen Kälte. Ist dann dieses Opium „Aberglaube“ eine beruhigende Wohltat, wenigstens für die kurze Zeit religiöser Verzückungen?

21.

Worauf läuft dieser religionskritische Hinweis hinaus?

Das Bild des irgendwie willkürlich und launisch handelnden und immer ansprechbaren Gottes sollte einem reifen, reflektierten Gottesbild Platz machen, das sich der Mystik und Philosophie verdankt.   Nur so kann der Aberglaube überwunden werden, falls die Frommen und die Hierarchie dies überhaupt wünschen!

Ein interessantes historisches Beispiel: Ende des 18. Jahrhunderts war es dem Klerus in Tarbes, Südfrankreich, sogar gelungen, die Gläubigen von einem Aberglauben zu befreien: Bei Gewitter verlangten sie, dass der Pfarrer die Glocken läute: „Das Volk erwartete vom Ritual des Läutens als einer Beschwörung eine unmittelbare Wirkung…Bei einem Misserfolg (also Blitzeinschlag und Hagel) nimmt die Gemeinde gegen ihren Pfarrer  eine aggressive Haltung ein, weil er kein Hagelvertreiber ist“. (zit. in „Der Mensch der Aufklärung“, Beitrag „Der Priester“, Fischer Taschenbuch 1998, S. 316f.) Der Priester führte dann den Blitzableiter ein, den Benjamin Franklin erfunden hatte …und das Glockenläuten bei Gewitter erschien eher albern und überflüssig. Wer baut weitere „Blitzableiter“ gegen den herrschenden Aberglauben?

22.

Gott oder das Göttliche wahrnehmen als den tragenden, freundlichen Sinn des Lebens und der Welt: Das ist religiös gesehen eigentlich alles, was geübt, gelehrt, besprochen, gefeiert werde sollte. Diesen Gott bzw. Göttlichen können Menschen nicht manipulieren, sie können ihn NUR berühren, ihn also NICHT und niemals umgreifen und definieren. Die ganze Last der Theologie, die sich dreht und windet hinsichtlich der Frage, wo und wie und warum handelt Gott, entfällt also. Eine Ernüchterung wird geltend, eine Befreiung von der Lst der Dogmen, die der Klerus im Laufe der Jahrhunderte aufgehäuft hat – als Last für die Glaubenden.

Christlich (auch katholisch) Glauben heißt dann: Inmitten eines erhofften und gelegentlich erlebten Sinn-Grundes als Menschen einfach „da sein“ zu dürfen mit anderen, die auch nichts anderes verlangen als das, was man selbst auch für zentral hält: Die Nächsten – und Selbst-Liebe, Gerechtigkeit und Friede. Daraus folgen politische, ökonomische und ökologische Forderungen, nach Gerechtigkeit und Frieden. Glauben wird in dem Sinne einfach, im guten Sinn reduziert auf einige elementare Erkenntnisse und Imperative.

23.

Noch einmal: Der authentische christliche Glaube sollte sich auf die einfache Lehre Jesu von Nazareth beziehen UND genauso deutlich auf die Verwirklichung der Menschenrechte: Also Gottesliebe und Nächsten/Fernsten-Liebe sowie die Selbstliebe sind im Sinne des Propheten Jesus als Einheit zu verstehen. Dabei muss zur Vertiefung von der Religions-Philosophie und der Mystik gesprochen werden, etwa von Meister Eckart oder Johannes vom Kreuz, die wissen: Gott ist unergründliches, aber vom Menschen kaum berührbares Geheimnis. Der große katholische Theologe Karl Rahner hat in dem eingangs genannten Aufsatz „Über die Verborgenheit Gottes“ geschrieben: „Da ursprüngliche Erkennen Gottes ist das Angerufensein von dem, was keinen Namen mehr hat; das Sich-Einlassen auf, was nicht bewältigt wird; das Sagen des Namenlosen, über das sich nicht klar reden lässt, der letzte Augenblick vor dem Verstummen, der notwendig ist, um das Schweigen zu hören und Gott liebend anzubeten“ (S. 297). Dieses Geborgensein in einem tragenden Lebenssinn braucht keine Wunder, keine besonderen göttlichen Eingriffe, keine egoistischen Wünsche zur Gebetserhörung: Der Mensch ist in einer im Göttlichem gründenden Welt, dem unfassbaren SINN, geborgen, von einem Gott, der ewiger schöpferischer Geist ist. Wer inhaltlich mehr behauptet und entwickelt, gelangt wieder schnell … in den Aberglauben.

24.

Ausblick

Hier konnten nur einige Lehren und Praktiken der katholischen Kirche als Aberglauben genannt werden, sozusagen als Impuls für eine Fortsetzung der religionskritischen Forschung, weiter zu fragen: Etwa: Inwiefern ist die Institutionalisierung des katholischen Glaubens als einer hierarchischen Männer- Kirche und deren Eingliederung in die politischen Systeme der Herrschaft seit dem 4. Jahrhundert verantwortlich für die Ausbildung des christlichen Glaubens zu einem zum Teil abergläubischen Dogmen-System? Dies geschah sicher auch mit Rücksichtnahme auf vorhandenen volkstümlichen Überzeugungen, derer, die da bekehrt werden mussten.

Weitere Strukturen der dogmatischen Lehre des Katholizismus müssten untersucht werden:

Das ungebrochene Festhalten der heutigen Hierarchie an einer fundamentalistischer Bibeldeutung: Dies betrifft die skandalöse Abwehr von Frauen im Priesteramt.

Dies betrifft vor allem das Papsttum selbst, verbunden mit der Arroganz der jeweils herrschenden Päpste, selbst die miserabelsten Verbrecher auf dem Papst-Thron (mit den vielen Gegenpäpsten etc.) noch als Teilhaber an der „apostolische Sukzession“ zu verstehen. Man lese dazu die Studie des katholischen Theologen Hermann Baum, „Die Verfremdung Jesu“, Patmos Verlag Düsseldorf, 2006, etwa das Kapitel „Die Kirche der Kaiser“, S. 130 ff.  Auch Papst Franziskus reiht sich ein – offenbar ohne Probleme – in diese große Gruppe „apostolischer“, aber verbrecherischer Päpste…Man muss dabei nicht nur an Papst Alexander VI. denken oder Leo X., sondern etwa ans 10. Jahrhundert, wie Hermann Baum schreibt: “Intrigen (unter den Päpsten und den Adelsfamilien) enden mit Totschlag und Mord. Und in diese Gräuel und Untaten sind die Päpste engstens verwickelt, als Opfer und Täter“, S. 135.

Diese ganze ,immer auch politische – ökonomische Papst-Geschichte beruht einzig auf einem fundamentalistischen, also wort-wörtlichem Verstehen eines erst viele Jahre nach Jesu Tod konstruierten Wortes Jesu von Nazareth an einen Fischer und Apostel namens Petrus:  „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“. (Matthäus, 16. Kap., Vers 18)

Dabei wissen kritische Exegeten heute, dass Jesus von Nazareth – zu Lebzeiten, wann denn sonst?  – nicht im entferntesten an eine Kirchengründung dachte. Jesus war absolut eingestimmt auf ein baldiges Ende der Welt. Es war die frühe Gemeinde der Petrus-Freunde, die Jesus dieses Wort an den Fischer Petrus in den Mund legte. Aber diese Erkenntnis wird von den sich zu Herren der Kirche erklärenden Klerikern ignoriert, schließlich wollen nur sie allein authentisch die Bibel deuten. Und diesen Machtanspruch halten allerdings jetzt einige Katholiken für erlogen und konstruiert.

Auch der Anspruch der Päpste, Nachfolger des armen Fischers Petrus zu sein, ist schlicht und einfach Aberglaube. Peinlich ist der offizielle Hymnus, der in Mexiko 2012 allerorten gesungen wurde, als Papst Benedikt XVI. das Land besuchte. Man weiß nicht. Wird da Christus als Heilsbringer gerühmt oder der Papst? LINK.

Weiter wäre zu sprechen von der Lüge der „Konstantinischen Schenkung“: Gemeint ist die von Päpsten seit dem 8. Jahrhundert verbreitete Behauptung, Kaiser Konstantin hätte den Päpsten weltliche Macht übergeben und ihnen auch den so genannten Kirchenstatt geschenkt. Diesen Wahn der Päpste, einen eigenen Staat beanspruchen zu dürfen, hat der Philosoph Lorenzo Valla schon im Jahr 1440 wissenschaftlich korrekt beschrieben und als LÜGE der Päpste dargestellt. (siehe etwa in kurzer Form: Thomas Sören Hoffmann, Philosophie in Italien, dort das Kapitel über Lorenzo Valla, bes. S. 219). Selbstverständlich wurde gegen Lorenzo Valla ein Inquisitionsprozess eingeleitet. Auch durch Vermittlung des Kardinals Nikolaus von Kues konnte Valla die Inquisition überleben, er ist 1457 eines natürlichen Todes gestorben. Aber an das Recht, einen eigenen, wenn auch jetzt winzigen, aber einflussreichen Staat haben zu dürfen, glauben die Päpste und mit ihnen die Katholiken bis heute.

Nur aufgrund der Lüge der Konstantinischen Schenkung, also wegen des Vatikanstaates, ist der Nachfolger des Fischers Petrus bis heute sowohl Staatschef UND spiritueller Führer. Ein Staatschef freilich, dessen Regime Politologen übereinstimmend als eine „absolute Monarchie“ bezeichnen. Und die Päpste sind stolz darauf, KEINE demokratische Kirche zu leiten und NICHT die „UN-Menschenrechts-Charta“ unterzeichnet zu haben. Der Grund: „Der Vatikan-Staat ist kein normaler Staat und auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Und er bezieht sich auf eine grundsätzlich andere, von Gott her definierte Rechtsgrundlage. So gelten im kleinen vatikanischem Staatsgebiet bis heute auch weder die Religionsfreiheit noch die Rechte-Gleichheit von Mann und Frau“. (Das schreibt unverblümt eine offizielle katholische Quelle: https://www.katholisch.de/artikel/19912-warum-die-kirche-gegen-die-menschenrechtserklaerung-war), gelesen am 28.11.2021.

Das ist nun ein Beweis für den herrschenden Aberglauben im Katholizismus: Die Herren der Kirche behaupten explizit: Gott selbst habe die Rechtsgrundlage für diese Kirche geschaffen…Bei einem solchen Denken steht die Kirche den religiösen Fundamentalisten im Islam, Judentum, Hinduismus usw. sehr nahe.

Zur Formel “Hokus Pokus” siehe: LINK

 Vorläufiges Schlusswort: „Der Schlaf der Vernunft zeugt Ungeheuer“ (Francisco Goya, 1797).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Ein christlicher Glaube, befreiend, kein Opium: Vor 50 Jahren erschien das Buch „Theologie der Befreiung“

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.11.2021

1.Der große Inspirator: Gustavo Gutiérrez

Die christlichen Kirchen erleben außerhalb Europas – zahlenmäßig – einen „Boom“. Sie zeigen eine bunte, verwirrende und manchmal widersprüchliche Vielfalt christlichen Glaubens. Dies betrifft vor allem die „unglaublich“ vielen charismatischen, pfingstlerischen und evangelikalen Gemeinschaften. Aber es gibt auch eine Minderheit: Christen und vor allem katholische Gemeinden, die sich dem politischen Projekt einer ganzheitlichen Befreiung der Armen aus Elend und Ausbeutung verpflichtet wissen…und entsprechend handeln! Und diese Minderheit der „links-politisch“ Frommen haben eine Theologie: Die „teologia de la liberacion“, die Befreiungstheologie. Sie ist unter diesem Namen auch mit verschiedenen neuen Ansätzen, etwa zur Ökologie oder zum Feminismus, lebendig. Ihr „Gründervater“ bzw. Initiator ist der Peruaner Gustavo Gutiérrez (geb. am 8.Juni 1929 in Lima). Zur Biografie nur ganz kurz: Gutiérrez hat neben Philosophie und Theologie auch Medizin und Sozialwissenschaften, vor allem in Lyon und Louvain, studiert, er ist katholischer Priester, Autor zahlreicher Studien zur Befreiungstheologie, vielfach mit Ehrendoktoraten geehrt, sowie im Jahr 1975 Gründer des befreiungstheologischen Studienzentrums „Bartolomé de las Casas“ in Lima-Rimac. Mit dem dort rigoros-engstirnig herrschenden Kardinal Cipriani vom Opus Dei hatte auch Gutiérrez viele heftige Konflikte durchzustehen.

2.Regionale Herkunft-universale Bedeutung

Die „teología de la liberación“, die Befreiungstheologie, ist zwar regional in Lateinamerika entstanden und verwurzelt, sie hat aber universale Bedeutung nicht für Christen, sondern für alle, denen eine gerechte Welt als politische Ziel der Menschheit wichtig ist. Begrenzter Herkunftsort und universale Bedeutung schließen sich bekanntlich nicht aus, siehe die Herkunft der universal geltenden Menschenrechte aus Europa…

Diese Theologie der Befreiung hat nun sozusagen einen Geburtstag, einen wichtigen Gedenktag: Als dieser gilt der 1. Dezember. Vor 50 Jahren wurde das grundlegende und international verbreitete Buch des peruanischen Theologen Gustavo Gutiérrez mit dem Titel „Theologie der Befreiung“ veröffentlicht. Es kann hier nicht der gesamte Inhalt dieses wichtigen Buches zusammengefasst werden, das zudem 1992 in seiner 10. Auflage gewisse Korrekturen des Autors aufweist, etwa hinsichtlich der Einschätzung der sozialwissenschaftlichen Dependenztheorie.

Anlässlich des „Gedenktages“ soll nur auf einige besonders relevante und „auffällige“ und nach wie vor aktuelle Themen hingewiesen werden, um Interesse zu wecken an der Lektüre des Buches…

3.Gutiérrez und seine vielen MitstreiterINNEN

Das erste große Werk von Gustavo Gutierrez, die „Theologie der Befreiung“ , ist 1973 auch auf Deutsch erschienen, in einer Übersetzung des Lateinamerika-Spezialisten Horst Goldstein. Inzwischen liegt das Buch in 20 Sprachen vor. Es geht auf Vorträge zurück, die Gutiérrez einige Jahre zuvor etwa in Montréal gehalten hatte und dann auch in Chimbote, Peru. Auch andere Theologen, wie der gleichermaßen bedeutende Juan Luis Segundo SJ aus Uruguay (1925-1996), hatten schon vorher von „Befreiungstheologie“ gesprochen. Aber Gustavo Gutiérrez war eben mit seinem Buch von 1971 etwas Grundlegendes, bei einem Umfang von 288 Seiten, gelungen. Seitdem ist die Liste der tatsächlich berühmten Befreiungstheologen lang, Leonardo Boff, Frei Betto, Pablo Richard, Elsa Tamez, Jon Sobrino, Franz Hinkelammert und so weiter. Wichtig ist auch: Einige Bischöfe waren mit der Befreiungstheologie verbunden, wie der in Deutschland leider unbekannte Pedro Casaldaliga, der Mystiker und Poet aus Sao Felix, Brasilien.  LINK:

4.Das zentrale Bild: Reich Gottes

Die zentrale Erkenntnis der Befreiungstheologie, auch im Sinne von Gutiérrez, heißt: Der von Jesus von Nazareth verkündete Sinn und das Ziel des Lebens der Menschen ist in dem Bild „Reich Gottes“ ausgedrückt, als eine Art erstrebenswertes Ideal der Gerechtigkeit für alle, auch und vor allem für Arme, der gelungenen Versöhnung der Menschen untereinander und mit dem, was religiöse Menschen die göttliche Wirklichkeit nennen. Die Armen und ihre Lebensrechte stehen im Mittelpunkt dieser Theologie. Den Armen gilt die Befreiung … hin zur Freiheit, zum realen Erleben der Gültigkeit der Menschenrechte auch für sie. Und dies nicht als frommer Traum oder als Vertröstung auf etwas Jenseitiges. Das Reich Gottes kann und soll reale, auch materielle, auch politische Wirklichkeit werden. Vorbei also sind die Zeiten, als Glaube nur etwas Spirituelles, nur etwas Seelisches war. Diese „innere“ Dimension bleibt bestehen, aber sie wird eingefügt (und dadurch relativiert) in den Rahmen des politischen Eintretens für Befreiung der Armen.

5.Auch die Unterdrücker müssen befreit werden

Wer den Spuren Jesu von Nazareth als seiner „Lebensphilosophie“ folgt, d.h. wer also religiös glaubt, ist berechtigt, die Erlösung schon hier, auch irdisch, in weltlichen – politischen Zusammenhängen, zu erleben, vor allem in demokratischer Verfassung, in Gleichheit der Menschen….  Das „gute Leben“ der Ernährung, der Bildung für alle, des humanen Wohnraums außerhalb der Dreckhütten, der Abwehr von krimineller Gewalt der Banden und der Herrscher, all das ist ein Anspruch, den der christliche Glaube als Heil und Erlösung predigt und fordert. Dabei ist für Gutiérrez klar: „Wer von Klassenkampf spricht, propagiert ihn nicht etwa! Nein, er stellt einfach eine Tatsache fest“ (S. 261). „Alle Menschen lieben heißt nicht, Auseinandersetzungen aus dem Wege gehen und eine fiktive Harmonie aufrechterhalten. Universale Liebe bemüht sich vielmehr, in Solidarität mit den Unterdrückten auch die Unterdrücker von ihrer Macht, ihren Ambitionen und ihrem Egoismus zu befreien“ (S. 263). „Die Befreiung von Armen und Reichen ist ein gleichzeitiger und wechselseitiger Prozess“, betont in diesem Sinne auch der katholische Theologe Jules Girardi“ (ebd.)

Aber dabei bleibt es nicht: Inmitten der zerrissenen und ungerechten Welt kann Friede und Gerechtigkeit wenigstens fragmentarisch erfahrbar werden.  Dies ist eine, man könnte sagen, optimistische Sicht, angesichts der grausam – und meist hoffnungslosen Kämpfe um eine gerechte, auch ökologisch gerechte Welt.

6.Erlösung soll – wenigstens als „Vorschein“ -materiell/politisch erfahrbar sein

Gustavo Gutiérrez schreibt (S. 148 in der deutschen Übersetzung): „Wer gegen eine Situation des Elends und der Ausbeutung kämpft und eine gerechte Gesellschaft aufbaut, hat ebenfalls teil an der Bewegung der Erlösung, die freilich erst noch auf dem Weg zur Vollendung ist…“ Und zuvor hat Gutiérrez geschrieben: „Wer arbeitet und diese Welt verändert, wird mehr Mensch, trägt zur Gestaltung einer menschlichen Gesellschaft bei und – wirkt erlösend“. Die so genannte Heilsgeschichte, also die Geschichte Gottes mit den Menschen, und die politische Geschichte sind also eng verbunden.  Für eine Trennung von „Zwei-Reichen“, das eine Reich ist weltlich, das andere, das religiöse, daneben und getrennt, gibt es also keinen Platz! Es gibt nur die eine Geschichte der Menschheit, nur die eine Geschichte von Heil und Unheil, an der die Menschen verantwortlich beteiligt sind.

7.Es gibt nur die EINE Geschichte der Menschen

Es ist entscheidend zu sehen, dass diese Theologie, die für ein materiell erfahrbares „religiöses Heil“ bzw. eine materiell historisch-politisch Erfahrung von Erlösung eintritt, auch von dem großen europäischen Theologen Edward Schillebeeckx (1914-2009) – er lehrte in Nijmegen (NL), unterstützt wird.

Dabei ist zweifelsfrei: Die umfassend und ganze heile und gerettete Menschheit ist in dieser Ganzheit eine Utopie: Sie vollständig „durchsetzen“ zu wollen, wäre ein totalitärer Wahn. Andererseits ist auch zweifelsfrei: Der religiösen Erlösung, allein als seelischen Gewinn oder fernes, himmlisches Ziel zu verkünden, widerspricht einerseits: Dass es die Erfahrungen des Guten und Erfreulichen („Heilen“) im privaten wie im gesellschaftlichen Leben – wenigstens kurzfristig – gibt. Und dass andererseits auch im politischen und ökonomischen Zusammenleben doch noch positive, humane Erfahrungen, also ein humaner Fortschritt, erlebbar sind, zwar selten, aber immerhin.

Schillebeeckx schreibt also in seinem Aufsatz „Befreiende Theologie“ (in „Mystik und Politik“, 1988): „Die Spur des Handelns Gottes muss auch auf der gesellschaftlich-politischen Ebene lesbar sein…Es besteht die Hoffnung, Fragmente des Heils hier und heute schon in unserer Geschichte anzusiedeln“ (S. 70). Mit anderen Worten: Der Katholik Schillebeeckx wehrt sich gegen die „Zwei-Reiche-Lehre“ Luthers, „die der Einheit der Geschichte widerspricht“, sagt Schillebeeckx (S. 71).

8.Die strukturelle Sünde

Dem entsprechend erhält der alte und belastete, oft nur moralisch verwendete Begriff der Sünde eine neue, politische und ökonomische Bedeutung. Gegen Sünde, das lehrten ja auch die europäischen klerikalen Theologen, soll der Glaubende kämpfen. So auch in der Theologie der Befreiung: Denn sie wissen, das inhumane Verhalten („Sünde“ ) so vieler verfestigt sich in der Welt, in den Strukturen der Gesellschaft und des Staates. Es gibt also ganz offensichtlich eine „strukturelle Sünde“. Gutiérrez schreibt: „Sünde wird greifbar in unterdrückerischen Strukturen, in der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, in der Beherrschung und Versklavung von Völkern, Rassen und sozialen Klassen“ (S. 169). Und, wie gesagt, gegen diese Strukturen, also inhumaner, „sündiger“ Strukturen, hat die Kirche und mit ihr die Theologie zu kämpfen.

9.Karl Marx und Thomas Müntzer und die anderen

Selbstverständlich wird an dieser zentralen Erkenntnis der Befreiungstheologie deutlich, wie stark sie sich auf die Gesellschaftskritik bezieht, die Karl Marx vorgetragen hat (siehe etwa die Verweise  auf Marx in den Fußnoten 96 und 98, s. 169 f.) Und dieser Hinweis auf Marx ist sehr treffend und selbstverständlich berechtigt, will doch die Befreiungstheologie anknüpfen an die großen berechtigen, philosophisch formulierten Sehnsüchte auch nach Erlösung inmitten dieser als grausam erlebten Welt. Kein Wunder, dass sich einige Befreiungstheologen auf einige Einsichten des Reformators Thomas Müntzer beziehen, wie etwa der katholische Priester und Theologe Hugo Echegaray, Lima, Peru (1960-1979): „Christus spricht nicht von Tugenden, es geht nicht um Tugendmoral, sondern um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ (in: Alejandro Zorzin, „Thomas Müntzer in Lateinamerika“, 2010, S. 14). Das Thema müsste vertieft werden, auch die Beziehungen zur Philosophie von Ernst Bloch müssten erörtert werden, an die Gestalt des revolutionären kolumbianischen Priesters Camilo Torres (1929-1966) hat der Religionsphilosophische Salon Berlin kürzlich erinnert: LINK

10.Lebenserfahrungen poetisch zur Sprache bringen

Die Befreiungstheologie ist also keine Schreibtischtheologie von hochbezahlten Professoren an gut ausgestatteten Universitäten, wie üblich in Europa, viele BefreiungstheologINNEN arbeiten in sehr bescheidenen, finanziell auf Spenden angewiesenen wissenschaftlichen Instituten. Die Befreiungstheologie ist keine bürgerliche Theologie im Sinne der üblichen „Spiegelung des Glaubens gut-situierter frommer Christen“. Sondern eine Theologie, die inmitten der Armen und Arm-Gemachten lebt. Diese Theologie hat eine eigene Spiritualität, aber diese ist Ausdruck der politischen wie der religiösen Erfahrungen und der Bibel-Lektüre der Armen und Unterdrückten. Man denke etwa an das bekannte Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname. Gespräche über das Leben Jesu, aufgezeichnet von Ernesto Cardenal“, Band 1, Wuppertal 1976.

Befreiungstheologen sind mit dem politischen Befreiungskampf der Armen verbunden, und sie bringen deren Lebenserfahrungen gern zum Ausdruck. Ihre theologischen Reflexionen leben von der dichten Verbindung mit dem verzweifelten Kampf um Gerechtigkeit. Deswegen wurden und werden Befreiungstheologen verfolgt wie ihre Freunde, die Armen in den Slums oder den entlegenen Dörfern, inmitten der abgefackelten Urwälder oder den Hungerzonen in den Metropolen. Diese TheologINNNEN sind genauso bedroht wie ihre Companeros/Companeras: Sie reiben sich auf im Kampf um elementare Menschenrechte, werden von Herrschenden bedrängt und …ermordet, siehe Guatemala, Honduras, Nikaragua, Brasilien usw. Zur Befreiungstheologie gehört immer auch die Märtyrer-Erfahrung. Wer als Theologe kein religiöses Opium verkauft, das den Herrschenden gefallen würde, lebt gefährlich. Man denke an die Ermordung der Jesuiten in El Salvador im November 1989, etwa an den Befreiungstheologen Pater Ignacio Ellacuria. Oder an die Ermordung des befreiungstheologischen Erzbischofs Oscar Romero schon 1980. Die Mörder waren bekennende rechtsextreme Katholiken ebenfalls aus El Salvador, die Waffen lieferten „Ausbildungszentren“ in den USA… Wer ermordete Erzbischof Romero: LINK

11. …und die TheologInnen Europas?

Die Befreiungstheologie muss als ein radikaler Einschnitt verstanden werden innerhalb der — bis 1970 – europäisch zentrierten und europäisch beherrschten Theologien bzw. klerikalen theologischen Ideologien. Europäische TheologInnen stehen meist zu den herrschenden sozio-ökonomischen Verhältnissen in einvernehmlichem oder moderat kritischem Verhältnis. Sie wollen schließlich nicht ihren gut bezahlten Job verlieren.

12.Die Angst der Hierarchie vor Basisgemeinden

Ihren inspirierenden Ort fanden und finden Befreiungstheologen in den Basisgemeinden. Sie waren und sind Zusammenkünfte von Katholiken in Städten wie auf dem weiten Land, sie fühlen sich als Christen zurecht berufen, selbst und eigenständig ihre Gemeinden zu gestalten, gerade weil kein Priester für sie zur Verfügung stehen. Indem aber der Vatikan den Laien es untersagte, Eucharistie zu feiern oder Frauen von vorrangigen Funktionen in der Gemeinde ausschloss, waren viele tausend kleinen Basisgemeinden aufgrund des rigiden Verhaltens des Papstes nicht von langer Dauer. Viele tausend frustrierte Katholiken sind zu den charismatischen evangelischen Gemeinden übergewechselt, in etlichen lateinamerikanischen Staaten (wie Guatemala oder Chile) sind Katholiken längst nicht mehr die zahlenmäßig stärkste Konfession. Dass Lateinamerika nun aufhört, als katholischer Kontinent zu gelten, ist auch die Schuld der dogmatisch rigiden katholischen Kirche. Mit ihrer Kritik an der Befreiungstheologie ging immer die Kritik an selbstständigen Laien-Basis-Gemeinden einher. Wer noch im Sinne der katholischen Kirche denkt, muss also sagen: Die Führung der katholischen Kirche ist für ihren eigenen Niedergang in Lateinamerika verantwortlich. Die große Amazonas-Synode im Vatikan (2019) hätte eine Korrektur bewirken können. Die weitrechenden Reformvorschläge wurden aber von Papst Franziskus zurückgewiesen, wie die Aufhebung des Zölibates wenigstens für Priester in der Amazonas-Region…

13.Die Feinde der Befreiungstheologie, das Opus Die, die Legionäre Christi usw.

Man muss die globalen Zusammenhänge vor Augen haben, um das Besondere der lateinamerikanischen Befreiungstheologie zu verstehen. Diese anti-bourgeoisen katholischen Theologen und Theologinnen wurden auch vom Vatikan, dem Papst und vielen Bischöfen drangsaliert, der Häresie angeklagt, als Kommunisten bezeichnet, um so die aggressive Aufmerksamkeit des antikommunistischen CIA auf diese Christen zu lenken. Das Image der Befreiungstheologie und der mit ihr verbundenen Basisgemeinden der Armen wurde jedenfalls von Anfang an ramponiert, und zwar durch die Kirchenführer selbst, allen voran von Kardinal Ratzinger und Johannes Paul II. im Verbund mit Reagan und Co. Sowie später setzte sich die Diffamierung kirchenoffiziell fort, etwa durch die den Studienkreis „Kirche und Befreiung“, gegründet 1973, inszeniert von Bischof Franz Hengsbach, Essen, und Erzbischof Lopez Trujillo, Kolumbien, später Vatikan. Von Bischof Franz Hengsbach ist das skandalöse Wort überliefert: „Die sogenannte Theologie der Befreiung führt ins Nichts. In ihrer Konsequenz liegt der Kommunismus…“ (KNA, 13.5.1977). Der Erzbischof und spätere Kardinal Lopez Trujillo war in diesem Kreis zweifelsfrei einer der übelsten Hardliner des reaktionären Flügels der römischen Kirche. Er war als definitiver Feind der Befreiungstheologen ein Freund von Johannes Paul II. und,so wird berichtet, der Drogenmafia. Über seine privaten Leidenschaften hat der Pariser Soziologe Frédéric Martel geforscht, siehe sein Buch „Sodom“, 2019, dort die Recherchen zu Kardinal Lopez Trujillo, Seite 358 und bes. S. 365. LINK

14.Zur Wirkungsgeschichte

Hier wurde mit Nachdruck an den großen Inspirator der Befreiungstheologie Gustavo Gutiérrez erinnert. Aber, wie gesagt, gehören zur Befreiungstheologie viele andere TheologInnen, sie haben weitere Akzente gesetzt, etwa zum Feminismus oder zur Ökologie (wie etwa die letzten Bücher von Leonardo Boff), auch vorsichtige Ansätze einer schwul-lesbischen lateinamerikanischen Befreiungstheologie machen sich bemerkbar, siehe etwa die Studien von André Sidnei Musskopf, Brasilien. Und vor allem: Auch in Afrika und Asien haben sich eigene Formen der Befreiungstheologie entwickelt. In Europa müsste eine Befreiungstheologie eine Befreiung der Kirche aus dem Kapitalismus sein, aber zu einer solchen Theologie ist nur sehr marginal die Rede.

15.Kritisches zu Gutiérrez

Aber bei allem Respekt vor dem Werk von Gustavo Gutierrez: Er hat sich theologisch und kirchenpolitisch weit nach vorn gewagt, aber, offenbar um zu überleben in dieser Welt feindlicher Systeme, hat er sich auch nicht zu weit nach vorn gewagt: Ein treffendes Beispiel für die Ängstlichkeit vor der klerikalen Hierarchie ist sein Verhalten anlässlich eines Vortrages 1970 in Corodoba, Argentinien, für die Gruppe der „Priester für die die Dritte Welt“. Bei diesem Vortrag hatte sich Gutierrez die Anwesenheit des inzwischen mit einer Frau zusammenlebenden EX-Bischofs von Avellaneda, Jeronimo Podestá (1920-2000 ) ausdrücklich verbeten. Jeronimo Podestas Frau, Clelia Luro, hatte sich später noch einmal klagend wegen dieses Verhaltens an Gutierrez gewandt. Quelle: https://es.wikipedia.org/wiki/Gustavo_Guti%C3%A9rrez_(te%C3%B3logo)

Im Unterschied zu dem bedeutenden und für ökologische Fragen äußerst anregenden Befreiungstheologen Leonardo Boff aus Brasilien hat sich Gutiérrez eher selten über die unterdrückerischen Strukturen der hierarchisch verformten Katholischen Kirche geäußert. Vielleicht ließ man ihn deswegen im Vatikan weithin „in Ruhe“. Deswegen muss mit Nachdruck auf Boffs Buch „Kirche – Charisma und Macht“ empfehlend hingewiesen werden.

16.Der Freund, Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Und merkwürdig erscheint auch die von Kardinal Gerhard Ludwig Müller (Regensburg-Vatikan) viel beschworene Freundschaft mit Gustavo Gutiérrez. Natürlich kann jeder mit jedem befreundet sein, warum nicht ein sehr Rechter und ein Linker? Für katholische Verhältnisse bleibt es aber erstaunlich, wenn ein theologisch bekanntermaßen sehr europäischer und sehr konservativer Theologe, also Müller, mit einem doch eher linken und Befreiungstheologen, befreundet sein könnte. Aber vielleicht hat diese Freundschaft Gutierrez vor Verfolgungen durch den Vatikan bewahrt…

Erstaunlich ist auch, dass Gutierrez im Alter von 72 Jahren (im Jahr 2001) dem Dominikanerorden beigetreten ist, ein ungewöhnlicher Vorgang; manche vermuten, dass die Spannungen mit dem reaktionären Opus-Dei – Kardinal von Lima, Juan Luis Cipriani, zu stark wurden, so dass sich Gutiérrez förmlich in den relativ selbständigen und aufgeschlossenen Orden der Dominikaner flüchtete.

17.Ein Kongress in Lima

Vom 25. bis 29.Oktober 2021 fand in Lima, Peru, ein internationaler Kongress statt, anlässlich von „50 Jahre „teología de la liberación“. Referenten aus Europa waren nicht dabei. Siehe, auch mit einem Statement von Gustavo Gutierrez: LINK

Mensaje de Gustavo Gutiérrez al clausurar Seminario Internacional sobre Teología de la Liberación

18.Die Kirche in Deutschland hält sich ans Spenden. Nicht an die Kapitalismus – Kritik

Hat die lateinamerikanische Befreiungstheologie die römische Kirche zum Beispiel in Deutschland verändert? Schwer zu sagen, wie die indirekten Wirkungen aus Lektüre und Begegnungen zu bewerten sind. Aber das Verhältnis der Kirche in Deutschland etwa gegenüber Lateinamerika und seiner Kirche ist weiterhin vom Geist der Spenden, der begrenzten Hilfsbereitschaft und der marginal bleibenden Studien bestimmt. Die grundlegende Kritik an den Zusammenhängen von Ausbeutung (Europa) und Unterdrückung (Lateinamerika) wurden im Sinne der Befreiungstheologie auch in Deutschland artikuliert, aber die große Wende einer Parteinahme der ganzen Kirche in Deutschland für die globale Gerechtigkeit hat nicht stattgefunden. Die Kirche in Deutschland ist und bleibt ein Teil der reichen Welt, und verhält sich auch entsprechend in ihrer repräsentativen Selbstdarstellung. Die Art, katholische Kirche zu sein, bleibt eher unberührt von der Befreiungstheologie. Basisgemeinden finden in Deutschland kein Wohlgefallen in der Hierarchie, Kapitalismuskritik (etwa auch Kritik am Kirchensteuersystem) schon gar nicht. Man schämt sich als Kirchenführung nicht, über 6 Milliarden Kirchensteuer pro Jahr zu haben. Dabei erleben die Kirchenführer hilflos, wie die Katholiken zu Hunderttausenden aus dieser über Milliarden verfügenden Amts-Kirche austreten. Die offizielle Antwort der Kirchenführungen auf das Elend weltweit heißt: Spenden, Almosen geben. Diese sind natürlich angesichts des realen Elends nett, aber strukturell wirkungslos.

19.Auch in Lateinamerika jetzt eher marginal

Aber man mache sich auch keine Illusionen: Die Befreiungstheologie ist auch im lateinamerikanischen Katholizismus eher ein marginales Phänomen geworden. Die charismatischen Katholiken werden beliebter und offiziell propagiert, man schätzt eher das fromme Tralala und Alleluja-Singen, also letztlich das religiöse Opium, das für kurze Zeit Glücksmomente beschert in einer eigentlich hoffnungslosen Gesellschaft gravierender Ungerechtigkeit.

Der größte Skandal ist wohl, dass viele brasilianische Bischöfe Bolsonaro unterstützen. Ein angesehene Politiker,der wahrscheinlich künftige Präsident Luiz Inacio Lula, ist ein alter Freund der Befreiungstheologen. Er nennt Bolsonaro explizit „einen Verbrecher und Faschisten“. (Tagesspiegel, 16.11.2021). Und den unterstützen die Reichen Brasiliens, die man naiv „Eliten“ nennt.

20.Ein Hinweis zum Autor dieses Beitrags

Der Autor dieser kurzen Hinweise, Christian Modehn, hatte bereits im Juni 1973 in St. Augustin bei Bonn die erste große internationale Tagung in Deutschland über die Befreiungstheologie angeregt und mit-gestaltet, er war damals Theologiestudent innerhalb des Ordens „Gesellschaft vom göttlichen Wort“, SVD. Zum Tgungsbericht in Orientierung, Zürich: LINK. 1975 verfasste er eine erste kleine Einführung in die Befreiungstheologie „Der Gott, der befreit“, 1977 veröffentlichte er zusammen mit Karl Rahner SJ und Hans Zwiefelhofer SJ „Befreiende Theologie“, (Kohlhammer Verlag) als Sammelband mit Beiträgen u.a. von Jon Sobrino, Juan Carlos Scannone, Leonardo Boff, Michael Göpfert, Miguel Manzanera und anderen. Das Buch fand viel Interesse und die erste (und einzige) Auflage war schnell vergriffen. Vor allem Horst Goldstein (1939-2003) hat sich als einer der ersten als Übersetzer und Autor um die Rezeption der Befreiungstheologie in Deutschland verdient gemacht. Wichtig sind für den deutschen Sprachraum die zahlreichen, auch befreiungs-philosophischen Studien von Raul Fornet-Betancourt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.de.

Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 25.9.2021. Über eine neueste Umfrage zu dem Thema vom August 2021, publiziert Ende Sept. 2021, siehe LINK.

Zwei Bemerkungen am Anfang, als Einführung zum neuen Buch (2021) von Guillaume Cuchet:

–„Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich“ ist kein Sonderthema für einige Spezialisten. Wenn eine Religion aus der Praxis und dem Bewusstsein der Menschen eines ganzen Landes langsam, aber regelmäßig verschwindet, ist das ein kulturelles und soziales Ereignis, das weit über theologische Detail-Fragen hinausweist. Wenn Religionen langsam verschwinden, dann verschwinden bestimmte kulturelle Werte (und Unwerte, die bekanntlich Religionen auch verbreiten).

Es wird hier in aller Kürze gezeigt, wie in einem Land, das Kleriker immer noch gern  „die älteste Tochter der römischen Kirche“ nennen, die bist noch vorherrschende Religion, der Katholizismus, kontinuierlich schwächer wird. In vielen Regionen bzw. Départements (wie Limousin, Guéret, Burgund, Dordogne usw.) ist diese Kirche de facto bereits seit längerer Zeit verschwunden, d.h. fast niemand interessiert sich heute in lebensmäßiger Praxis für sie, bestenfalls im Fall von Bestattungen oder Riten wie Taufen und Hochzeiten. Eine historische Würdigung dieser Tatsache, die weit in die Geschichte ausgreift, hat etwa der bekannte Historiker Jean Delumeau verfasst. LINK

Das ist die Erkenntnis der gut entwickelten religionssoziologischen Forschung in Frankreich: In absehbarer Zeit wird der Katholizismus im ganzen Land zu einer verschwindenden Minderheit werden. Ob dann die von Klerikern viel beschworene „kleine Herde“ noch die Kraft hat, spirituell und sozial relevant zu sein, ist die Frage. Die vielen prächtigen Kathedralen, die romanischen Kirchen und alten Klostergebäude werden bleiben, Zeugnisse einer „anderen“ Zeit. Aber es wird in diesen Gebäuden eher selten noch katholischer Ritus mit Priestern, Mönchen und Nonnen stattfinden. Es ist wohl etwas anderes, Gesänge von wirklichen Mönchen tagaus tagein in einer Abtei mehrmals am Tag zu hören als alle zwei Monate einmal am selben Ort von einem angereisten Chor, um nur ein Beispiel zu nennen

Eine einst katholisch geprägte Kultur verschwindet, die vielen verfallenden Kirchen im ganzen Land werden fotografisch und kunstvoll bereits dokumentiert. LINK.

Und eine von vielen Fragen ist: Ob man in naher Zukunft noch – wie jetzt – ca. 90 Bischöfe mit entsprechenden Diözesen und Diözesan-Verwaltungen braucht. Das wird auch finanziell problematisch werden, weil bekanntlich ein Bischof in Frankreich ca. 1.200 Euro Monatsgehalt (aus Spenden, nicht aus Kirchensteuern oder staatlichen Zuwendungen) erhält…  und nicht wie 12.000 Euro die Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland…

Dieses absehbare Verschwinden des französischen Katholizismus gilt auch für viele andere Länder Europas, wie Irland, die Niederlande, Belgien, sogar Spanien, die Schweiz, die Tschechische Republik …und nun auch in Polen nimmt die Distanz der (jungen) Katholiken von der Kirche immer mehr zu. Ob dieses langsame Verschwinden des kirchlichen, des katholischen Christentums auch für Deutschland gilt, wird noch diskutiert, ist aber sehr wahrscheinlich, wenn man sich die Statistiken kirchlichen Lebens ansieht, vor allem die extrem hohen Austrittszahlen und dabei Vergleiche zieht, für die BRD, etwa von 1950 an. Solange der Katholizismus weltweit stur den zölibatären Klerus absolut ins Zentrum (der Liturgie, der Macht etc.) setzt, ist das Ende auch des Katholizismus in Deutschland allein schon wegen dieser – theologisch unsinnigen – absoluten Bindung an den Klerus sicher.

–Das Thema „Katholizismus in Frankreich“ interessiert mich als Theologe und Journalist seit mehr als 40 Jahren. Dazu habe ich etliche Publikationen vorgelegt, die alle von dem Bemühen geleitet waren und sind, breitere Kreise auf diese Fragen aufmerksam zu machen. Nur ein Beispiel: Von 1989 bis 2005 habe ich ca. 50 Halbstundensendungen fürs Kulturradio des Saarländischen Rundfunks (SR2) gestaltet mit dem Titel „Gott in Frankreich“. Diese Sendung wurde nach der Pensionierung des verantwortlichen Redakteurs Norbert Sommer „einfach so“ und „sang und klanglos“, abgesetzt.

ZUM THEMA: “Das langsame Verschwinden des Katholizismus in Frankreich”:

1. In Frankreich ist die „Die Zukunft des Katholizismus in Frankreich“ eine Art Dauerthema wissenschaftlicher Publikationen. Und es ist keine Übertreibung: Fast unüberschaubar viele Publikationen, Bücher und Zeitschriftenbeiträge, wurden zu unserer Fragestellung in den letzten 100 Jahren geschrieben, seit 1950 kam die Debatte heftig in Schwung nach der Veröffentlichung des Buches (!943) „La France – pays de mission?“, ausgerechnet während des Pétain-Regimes veröffentlicht). Etwa seit 1970 gibt es ständig Neuerscheinungen zu dem Thema….Die Frage wird diskutiert, Vorschläge werden gemacht, aber die Kleruskirche bleibt allmächtig. Laieninitiativen werden als Ausdruck der neuen Liberalität des Klerus willkommen geheißen, aber sie werden niemals die klerikale Macht zugunsten eines demokratischen Miteinanders aller einschränken.

2. Wer eine erste schnelle, zusammenfassende Antwort will: Tatsächlich ist der Katholizismus in Frankreich am Verschwinden, wenn man die Statistiken von Umfragen zur Konfessionszugehörigkeit oder die Statistiken der Teilnehmer an Sonntags-Messen oder die Anzahl der Neupriester pro Jahr studiert. Dieses Urteil bezieht sich notgedrungen auf äußere Vollzüge, „Praxis“ genannt, ins „Innere“ der religiösen oder nichtreligiösen Seele eines jeden einzelnen lässt sich bekanntlich nicht objektiv schauen, so bleiben also vor allem die statistischen Werte, um den Zustand der konfessionellen Bindung in einem Land präzise zu fassen… Wichtig zu wissen ist, dass es aufgrund der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich seit 1905 keine vom Staat veranstalteten objektiven Konfessionsstatistiken gibt. Alle Statistiken in unserem Zusammenhang beruhen also auf repräsentativen Umfragen.

3. Pauschal gesagt heißt das Ergebnis:  Die katholische Kirche in Frankeich ist zahlenmäßig gesehen am Verschwinden. Das Ende wäre auch rein rechnerisch fast datierbar, wenn sich nur Religionssoziologen entschließen würden, genau das Durchschnitts-Alter des aus Frankreich stammenden Klerus zu ermitteln und diese Erkenntnis auf die nächsten 20 Jahre zu beziehen. Sehr wahrscheinlich ist das Ergebnis: Der aus Frankreich stammende Klerus stirbt aus, so wie die meisten Frauenorden verschwinden werden. Noch retten sich die Bischöfe, die, wie überall in Westeuropa, auf den sogenannten zölibatären Klerus setzen damit, dass sie Priester aus Afrika und Asien nach Frankreich holen und dies mit dem Euphemismus kaschieren: Diese Priester könnten die internationale Dimension des Katholizismus beweisen. Dass diese Priester in Afrika oder Asien viel eher „gebraucht“ würden, wird dabei diplomatisch verschwiegen.

4. „Hat der Katholizismus noch eine Zukunft in Frankreich?“ ist der Titel des neuesten Buches des Historikers Guillaume Cuchet (erschienen bei Seuil, Paris, im September 2021). Cuchet hat schon mehrfach zum Katholizismus in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert publiziert, diesmal bietet er eine Sammlung seiner Aufsätze aus den letzten Jahren.

5. Mehrfach spricht Cuchet von „rupture,“ von Bruch, der sich in der französischen Gesellschaft ereignet, wenn sich immer mehr, man möchte heute sagen: fast alle jüngeren Franzosen von der Bindung an die katholische Kirche lösen. 1965 wurden noch 94 % der Neugeboren katholisch getauft; 2021 sind es etwa noch 30 %…wobei die heutige Vorliebe für sakrale Feiern, wie Taufen, nicht auf eine dauerhafte religiöse Praxis der Beteiligten schließen lässt. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden noch ca. 1.500 Männer pro Jahr zu Priestern geweiht; jetzt sind es jetzt etwa 80 bis 100, die in den Klerikerstand als Priester eintreten wollen. Auf Seite 67 nennt Cuchet die Prozentzahl der französischen Katholiken, die sonntags regelmäßig an der Messe teilnehmen: Es sind 2 bis 3 Prozent. Vor zwanzig Jahren waren es noch 8 Prozent, 1950 waren es noch mehr als 30 Prozent. Die meisten TeilnehmerInnen an der Sonntags-Messe sind heute bekanntlich ältere bis sehr alte Menschen. Nebenbei erwähnt Cuchet, dass es heute wohl mehr religiös praktizierende Muslime als religiös praktizierende Katholiken gibt (S.86). Der Islam wird die „zweite Religion in Frankreich“ genannt, zahlenmäßig betrachtet, aber wahrscheinlich sind die Unkirchlichen und Atheisten bereits längst die stärkste, nicht organisierte „Konfession“.

6. Cuchet bietet viele Hinweise auf diese globale rupture, diesen Bruch im religiösen Leben Frankreichs: Er nennt Formen des säkularen Glaubens, der sich äußert in einer großen Vielfalt, sogar das Joggen wird als eine Form der Askese gedeutet (S.69). Cuchet weist ferner auf die große und in sich vielfältige Gruppe der Menschen hin, die sich „sans culte“, ohne Religion, nennen, Leute also, die in England oder den USA  als „nones“ bezeichnet werden, Leute des NON, des Nein zur Religion. Bei der letzten noch staatlich veranstalteten Befragung zur Religionszugehörigkeit im Jahr 1872 (!) nannten sich von den 36 Millionen Franzosen nur 80.00 „ohne Religion“. Heute sind die Menschen mit der Konfession „Ohne Religion“ in Frankreich fast die Mehrheit. Interessant sind die Hinweise Cuchets zur Bedeutung buddhistischer Präsenz in Frankreich, die er vor allem in einer breiten Bewegung der „Meditierenden“ entdeckt. Dabei ist die Frage, welche neue Form des inhaltlich wohl reduzierten Buddhismus in Europa entsteht…Dabei wird die Frage diskutiert, welcher Unterschied heute zwischen dem ständig verwendeten Begriff „Spiritualität“ und dem der „Religion“ bzw. des Glaubens besteht. Von Spiritualität zu sprechen, deckt sozusagen alle Formen einer etwas intensiveren Lebensgestaltung ab, von Meditation über veganes Essen zu Yoga und Astrologie etc.

7. Es gibt freilich auch heute noch Zentren katholischer Präsenz, vor allem in Paris und anderen sehr großen Städten, von einigen gut besuchten Klöstern abgesehen. In Paris sind es vor allem die Angehörigen der gehobenen Mittelschicht aus dem eher vornehmen 14., 15. und 16. Arrondissement, die katholisch „aktiv“ sind, das gilt auch für die vornehmen Quartiers in Versailles, Lyon, Bordeaux usw. Der Rest-Katholizismus ist (groß)bürgerlich, die katholischen Arbeiterbewegungen sind jetzt nur noch marginal vertreten.

Es gab in letzter Zeit große politische Demonstrationen, an denen die großbürgerlichen Katholiken heftig beteiligt waren, also die “Manifestationen gegen die Ehe für alle“, gegen das Gesetz, das die so genannte „Homo-Ehe“ erlaubt. Und die französischen Bischöfe berichten 2021 stolz Papst Franziskus, dass durch die Massendemonstrationen mit heftiger Unterstützung konservativer bis reaktionärer politischer Parteien die Kirche wieder in der Öffentlichkeit sichtbar wurde. Seit 1930 gab es immer wieder linke katholische Bewegungen und linke katholische Theologen, aber die sind inzwischen fast alle … gestorben und haben keine Nachfolger gefunden. Die progressive Gemeinschaft „Mission de France“ gibt es noch oder auch den Orden „Fils de la Charité in der Banlieue, aber diese Gruppen sind fast ohne Einfluss. Angesichts einer Übermacht konservativer und reaktionärer Kräfte (man denke an den einflussreichen, auch politisch -reaktionären Bischof von Toulon, Dominique Rey von der charismatischen Gemeinschaft Emmanuel) sind die linken Katholiken fast verschwunden, sie haben das Feld geräumt. Man bedenke auch, dass die Absetzung des einzig wahrhaftigen progressiven und linken Bischofs, Jacques Gaillot, Evreux, durch den Vatikan im Jahr 1995 einen tiefen Bruch im Katholizismus erzeugt hat. Bischof Gaillot wurde nun zum Titularbischof des längst untergegangenen Bistums Partenia in Algerien ernannt, also buchstäblich in die Wüste geschickt. Und mit ihm viele tausende progressive Katholiken. LINK .Es ist der Vatikan in seinem Wahn, Pluralismus zu verbieten, der die Gläubigen aus der Kirche treibt. Dasselbe lässt sich auch für den Niedergang des holländischen Katholizismus evident zeigen.

8. Zum Ende des französischen Katholizismus: Der Abschied breiter Kreise der Katholiken begann schon vor der Französischen Revolution, begründet im Entsetzen des Volkes über den maßlosen Reichtum der Klöster und der Bischöfe, über die enge Bindung der Kirchenführer und Äbte an das absolutistische Regime der Könige; die Revolution selbst mit der inszenierten Propaganda der Entkirchlichung in vielen Regionen blieb nicht ohne Wirkung. Der gescheiterte Aufstand der Pariser Commune 1871 zeigte die enge Bindung von reaktionärer Herrschaft und reaktionärem Klerus. Im 20.Jahrhundert wurde durch den Vatikan der Versuch zerschlagen, eine aufseiten der Arbeiterklassen angesiedelte Kirche (Arbeiterpriester) zu bilden. Die Einmischung des Klerus in die gelebte Sexualität („Humae Vitae“) förderte den Abschied vom Katholizismus, um nur einige Beispiele zu nennen. Noch einmal: Der Klerus, Bischöfe, Päpste sind für die Entkirchlichung verantwortlich zu machen. Dieses Thema sollte viel stärker in den Focus der Forschung treten.

9. Der ganze Stolz des französischen Katholizismus seit etwa 1970 sind die so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“, oft charismatischer „pfingstlerischer“ Prägung und mit der ganzen primitiven theologischen Schlichtheit der Evangelikalen ausgestattet. Diese zahlreichen Gemeinschaften hatten um 1980 tatsächlich noch viele jüngere Katholiken angezogen. Aber seit etwa 2015 werden „kleckerweise“ immer neue „Fälle“ von sexuellem Missbrauch durch Führergestalten dieser neuen geistlichen Gemeinschaften bekannt, so dass sich Papst Franziskus einschaltete und die Überwindung der Missstände einforderte. Nun ist also auch der gute Ruf dieser einst so gerühmten neuen geistlichen Gemeinschaften dahin.Eine ziemliche Blamage angesichts des Eifers und des Stolzes derer, die auf den Straßenmissionen ihr Alleluja schmetterten. Hinzu kommen noch die vielen Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester und des Vertuschens durch Bischöfe sowie die zunehmende Macht reaktionärer traditionalistischer Gemeinschaften und Klöster gerade INNERHALB des offiziellen Katholizismus. Es war ja Papst Benedikt XVI., dem es ein Herzensanliegen war, Klöster der Lefèbvre-Getreuen wieder mit Rom zu versöhnen. Aber diese Mönche zeigen sich nicht nur theologisch reaktionär, sie sind es auch politisch, in ihrer Verbindung mit der Partei Le Pens. Darauf habe ich mehrfach hingewiesen.LINK

10. Der französische Katholizismus versucht sich angesichts dieser vielen Probleme und Skandale irgendwie über Wasser zu halten, zum Teil durch merkwürdige Formen der Volksfrömmigkeit, indem man in diesem Jahr 2021 eine Statue des heiligen Josef durchs ganze Land schleppen lässt oder die marianischen Wallfahrtsorte wieder reaktiviert.

11. Und kein Theologe stellt die entscheidende Frage: Ist am statistisch nachgewiesenen Niedergang des Katholizismus in Frankreich auch das starre Beharren auf der uralten Lehre mit den immer selben Formeln und Floskeln der Dogmen schuld? Mit anderen Worten: Die Leblosigkeit und Erstarrung, das zwanghafte Festhalten an den immer selben Formeln des Glaubensbekenntnisses oder der Mess-Feier etwa, sind heftigster Ausdruck dafür, dass kein lebendiges Wagnis der Neuformulierung eingegangen wird, um nur ein Beispiel zu nennen: „Jesus als erlösendes Vorbild“ zu nennen. Oder: Den Abschied von der Ideologie der “Erbsünde“ zu verkünden, wagt kein katholischer Theologe, kein Bischof, kein Papst.

12. Es kann also jetzt die Situation eintreten, dass eine Religion so alt, so starr und stur geworden ist, dass sie de facto verschwindet? Rechnet man heute ernsthaft auch mit dem Tod von Religionen in bestimmten Teilen der Welt?  Etwa in Europa im 21. Jahrhundert? In Nordafrika ist auch im 6. Jahrhundert ein blühendes Christentum verschwunden, durch die Aggressionen der muslimischen Kämpfer gewiss, aber vielleicht war das Christentum dort auch schon “schwach“ gewesen, so dass die Zwangsbekehrungen zum Islam relativ schnell erfolgreich waren…. In der Tschechischen Republik, vor allem in Böhmen, ist das Christentum, auch die katholische Kirche, zahlenmäßig bereits fast verschwunden. Dazu hat Prof. Tomas Halik Wichtiges veröffentlicht…Wie gesagt, auch in Teilen Frankreichs, wie in dem Limousin oder dem Département Creuse ist die Kirche schon verschwunden… Wenn nicht afrikanische Priester nach Frankreich „eingeflogen“ würden, wäre das kirchliche Leben schon viel früher erloschen. Und wegweisende Projekte, wie die Leitung der Pfarrgemeinden durch Laien in Poitiers, haben wenig Resonanz in anderen Bistümern gefunden.

13. Theologisch betrachtet besteht wohl Die Überzeugung: Der humane Geist des Propheten Jesus von Nazareth wird auch in anderen Organisationen als den Kirchen überleben. Er lebt ja bereits, wenn auch unthematisch, unter den Aktivisten der vielen humanitären NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, Medico, Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer usw.

Ohne jede religiöse Vereinnahmung könnte doch einmal die Präsenz des jesuanischen Geistes unter den Mitgliedern dieser Menschenrechts-Bewegungen besprochen werden…

14. Diese Hinweise haben sich auf den französischen Katholizismus konzentriert. Ähnliche Ergebnisse gäbe es auch beim klassischen französischen Protestantismus, also unter Reformierten und Lutheranern. Zahlenmäßig wahrnehmbar ist der französische Protestantismus vor allem wegen der vielen charismatischen und evangelikalen Kirchengemeinschaften.

Eine Auswahl von wichtigen Studien, die zeigen, mit welcher Intensität die Frage nach der Zukunft der katholischen Kirche in Frankreich studiert und debattiert wird:

2018: Guillaume Cuchet, “Comment notre monde a cessé d etre chrétien. Anatomie d un effondrement”. Ed. Du Seuil, Paris.

2018: Jérome Fourquet, “A la droite de Dieu.” Ed. du Cerf, Paris

2015: “Métamorphoses catholiques”, Céline Béraud et Philippe Portier, Ed. de la Maison des sciences d homme.

2012: “A la gauche du Christ. Les Chrétiens de gauche en France de 1945 à nos jours“ (Denis Pelletier et Jean-Louis Schlegel), Ed. du Seuil Paris.

2007: Céline Béraud, “Pretres, diacres, Laics. Révolution silencieuse dans le catholicisme francais”. Presses Universitaires de France, Paris.

2003: Daniéle Hervieu-Léger, Catholicisme, la fin d un monde. Ed. Bayard, Paris.

2002: “Chretiens, tournez la page” (Autoren  R. Rémond, D. Hervieu-Léger u. andere) Ed. Bayard, Paris

1999: Hippolyte Simon (Bischof von Clermont-Ferrand). “Vers une France paienne?” Editions Cana, Paris.

1999: Danièle Hervieu-Léger,“ Le Pèlerin et le converti“. Flammarion, Paris. Auch auf Deutsch: „Pilger und Konveriten“, 2004, Ergon Verlag Würzburg.

1991: „Les Francais sont-ils encore catholique? Analyse d un sondage d opinion“ (4 Beiträge, u.a. Guy Michelat) Ed. du Cerf, Paris.

1991: Gérard Cholvy, “La religion en France de la fin du 18 siècle à nos jours“,Hachette, Paris.

1985: “La Scène Catholique”, Revue Autrement, Paris. Mit 33 Beiträgen z.T. prominenter Autoren (wie Marcel Gauchet) au seiner Zeit, als es noch viele euphorische „Aufbrüche“ im französischen Katholizismus gab.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kardinal Alfred Bengsch: Ein Bischof von Berlin, der „theologische Mauern“ errichete. Im Osten wie im Westen.

Hinweise von Christian Modehn

Zur Einführung:
Warum dieses Thema? Es gibt heute viel Dringenderes. Zweifellos.

– Aber am Beispiel von Erzbischof und Kardinal Bengsch (1921-1979), Bischof in der geteilten Stadt Berlin, wird einmal mehr deutlich, wie ein einzelner sich „Ober-Hirte“ nennender Kleriker eine ganze Kircheneinheit, ein Bistum, ins geistige Getto und zu einem von Angst bestimmten Glauben führen kann. Die Herrschaft einzelner, sich Macht anmaßender Bischöfe ist ja im aktuellen Fall von Kardinal Woelki (Köln) allgemein bekannt. Woelki hat in der klerikalen Arroganz viele „Vorgänger“ und „Mitstreiter“. Einer ist Bengsch, einer von vielen „Oberhirten“.

– Als Berliner, geboren in Ost–Berlin, in Friedrichshagen, 1958 Flucht nach West-Berlin und dort Abitur sowie ein Semester Studium der ev. und kath. Theologie sowie der Philosophie an der F.U., (die Studien konnte ich in der BRD abschließen), kenne ich Bengsch, weil ich auch familiär mit dem „katholischen Milieu“ damals eng verbunden war. Mir ist es wichtig, ein Stück Erinnerungsarbeit zu leisten. Und vielleicht Aspekte deutlich zu machen, die anlässlich seines 100. Geburtstages in Jubelfeiern verdrängt werden.

Diese Hinweise sind also ein Beitrag der Religionskritik, eines Hauptthemas der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

1. Lobeshymnen oder die historische Wahrheit?
In diesen Wochen erinnern sich nicht nur „Katholiken an den Berliner Erzbischof und Kardinal Alfred Bengsch. Es handelt sich um einen katholischen Bischof, der das katholische „Leben“ in Berlin (-Ost wie auch -West) bestimmte und sich darüber hinaus mit seiner sehr konservativen Theologie in den Katholizismus der BRD einschaltete.

Alfred Bengsch ist, summarisch betrachtet, ein Prototyp des ängstlichen, verschlossenen, dialog-unfähigen und arroganten Bischofs. Diese Tatsachen werden hoffentlich Beachtung verdienen, wenn anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch, wie offiziell – katholisch üblich, die erwünschten Lobeshymnen auf den „Ober-Hirten“ angestimmt werden. Der Herder Verlag wirbt für ein neues Buch über Bengsch mit der Behauptung: „Alfred Kardinal Bengsch gilt bis heute als einer der prominentesten und beliebtesten Oberhirten des Erzbistums Berlin“. Prominent war er auf seine Weise; aber als sturer Dialogverweigerer, kann er da als beliebt gelten? Bei einigen theologisch eher anspruchslosen Gläubigen vielleicht, die sich an Bengschs Predigten erbauten, die ganz auf die traditionelle Masche der klassisch-konservative Innerlichkeit und des bloß spirituellen Trostes setzten.

2. Bengsch wird Bischof – eine Art „Notlösung“
Alfred Bengsch wurde am 10. Februar 1921 in Berlin-Schönberg geboren, zum „Weihbischof“ in Berlin mit Amtssitz in Ost-Berlin wurde er 1959 von Papst Johannes XXIII. ernannt. Zum maßgeblich leitenden Bischof des Bistums Berlin wurde er drei Tage nach der Errichtung der Mauer, also am 16. August 1961, ernannt. Er war also in einem für katholische Bischöfe extrem jugendlichen Alter, er war 40 Jahre alt. Diese Ernennung ist begründet vor allem in der Abberufung des in West-Berlin lebenden Bischofs Julius Döpfner, er wurde Erzbischof von München-Freising. Und Bengsch war da eine schnelle „Lösung“, manche sagen, er wurde verantwortlicher Bischof, weil der Papst „sonst niemanden hatte“.

3. Bengsch repräsentierte die so genannte Einheit des Bistums Berlin
Bischof Bengsch „residierte“ in Ost -Berlin mit dem dortigen kirchlichen Verwaltungsapparat („Ordinariat“), hatte aber die Möglichkeit als einer der wenigen DDR- Bürger regelmäßig nach West-Berlin einzureisen und den aufwendigen, parallelen Verwaltungsapparat im Ordinariat West (wie viele Priester waren damals eigentlich nur „Verwaltungsbeamte“?) sowie die Gemeinden zu besuchen. Das muss noch einmal betont werden: Bengsch war als Bischof in der DDR auch für die Katholiken im freiheitlich und demokratisch geprägten West-Berlin zuständig. Und auch das ist wichtig: Die von kirchenoffizieller Seite bis heute viel beschworene und gerühmte „Einheit des Bistums Berlin“ nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 repräsentierte de facto und als leibhaftige Einheit Bischof Bengsch allein: Er war einer der wenigen regelmäßigen, von der DDR-Regierung akzeptierten, Ost-West-Pendler. Natürlich besuchten einige Katholiken aus dem West-Berlin privat auch den Ostteil, aber offizielle Begegnungen in den Ost-Gemeinden fanden nicht statt.
Am 13. Dezember 1979 ist Erzbischof Bengsch in Berlin verstorben.

4. „Eine markige Persönlichkeit“?
Über weitere Details seines Lebens kann man sich über wikipedia usw. informieren. Hier geht es darum, wie es sich gehört, kritische Hinweise zum theologischen und kirchenpolitischen Denken Bengschs zu skizzieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch eher Lobeshymnen angestimmt werden als objektive Beobachtungen. Ein Text der Katholischen Akademie Berlin vom Sommer 2021 nennt Bengsch etwa eine „markige Persönlichkeit“, was immer das „markig“ bedeuten mag. Und die Akademie fährt fort: „Er hat bis heute bleibende Spuren hinterlassen“. Wohl wahr, von diesen „Spuren“ handelt dieser Hinweis, es sind – schon jetzt zusammenfassend formuliert – Spuren, die die Katholiken in West-Berlin, in einer Stadt in der „freien Welt“, ins Getto führten, in eine geistige Verkrampfung und Abgeschlossenheit, die spiegelbildlich der Mentalität der DDR-Führung durchaus entspricht. Insofern wäre es eine ausführliche Studie wert zu zeigen, wie Bischof Bengsch in seinem Verhalten des rigiden Regierens die DDR-Mentalität der Herrschenden belebte.

5. Nur Bengsch kennt das „unverkürzte Evangelium“
Eine gewisse Leitlinie der Interpretation des Denkens und Handels von Bengsch bietet sogar eine offizielle katholische Deutung: 1980 wurde im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig das Buch „Der Glaube lebt“ veröffentlicht, darin schreibt das katholische DDR- Autorenteam sehr ehrlich: „Kardinal Bengsch war kein progressiver Bischof“ – mit der sehr treffenden Ergänzung: „falls es so etwas gibt. Im Schubladendenken … ist er einwandfrei im Fach konservativ gelandet, und das noch nicht einmal gegen seinen Willen“ (S. 135). Dieser konservative und ängstliche Theologe Bengsch hatte sich übrigens als seinen Wahlspruch gewählt: „Helfer eurer Freude“. Gemeinte war selbstverständlich bei ihm immer die „innerliche Freude“ der dogmatisch korrekt Glaubenden. Das wahre Motto Bengschs war eher das von ihm häufig verwendete Wort: „Ich will die Lehre der Kirche UNVERKÜRZT lehren“. Wobei er von sich selbst, durchaus arrogant, meinte, das unverkürzte, also das ganze und das authentische Evangelium zu kennen: Pluralismus der Meinung schloss diese Überzeugung aus. Bengsch allein bestimmte, was „unverkürzt“ bedeutet…Davon wird noch zu sprechen sein.

6. Die Häretiker suchen und bestrafen.
Zur theologischen und kirchlichen Laufbahn Alfred Bengschs: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren konnten Priester der DDR noch an bundesdeutschen theologischen Fakultäten promovieren, so auch Alfred Bengsch. Er erwarb 1956 an der Universität München bei dem katholischen Dogmatiker (und auch später noch explizit konservativen Theologen) Michael Schmaus seinen Dr. theol. Das Thema der Promotionsschrift ist: „Heilsgeschichte und Heilswissen bei Irenäus von Lyon. Eine Untersuchung zur Struktur und Entfaltung des theologischen Denkens im Werk „Adversus Haereses, „Gegen die Häretiker“.
Das Thema hat keine aktuelle Bedeutung, damals schon nicht, also 10 Jahre nach Kriegsende und der von Nazis betriebenen Vernichtung des europäischen Judentums! Da hätte man sich ja auch Relevanteres vorstellen können für einen jungen Theologen aus dem geteilten Deutschland. Aber nein, es musste ein Theologe und ein so genannter „Kirchenvater“ des 1. Jahrhunderts sein, Irenäus von Lyon, über den schon 1956 sicher mindestens 20 Studien vorlagen. Irenäus von Lyon lebte von 135 bis 200. Die Abgrenzung des wahren Glaubens von den Meinungen der Häretiker (bei Irenäus waren es die so genannten Gnostiker) prägte das Denken von Bengsch also von Anfang an.

7. Die grundlegende “Weichenstellung” im Denken von Bengsch
Das ist für das Verständnis entscheidend: Bischof Bengsch lehnte als Teilnehmer des 2. Vatikanischen Reform- Konzils (1962-1965) das entscheidende und grundlegende Konzilsdokument „Die Kirche in der Welt von heute“, auch „Gaudium et spes“ genannt, ab. Am 7. Dezember 1965 fand nach langen und heftigen Debatten die Schlussabstimmung statt: 2.309 Ja-Stimmen standen 75 Nein-Stimmen gegenüber. Mit Nein hatte auch Bischof Bengsch von Berlin gestimmt. Unter der verschwindenden Minderheit der Nein-Sager befanden sich die berühmtesten reaktionären Bischöfe damals, in dieser Gesellschaft bewegte sich also Bengsch offenbar guten Gewissens. Die „Neinsager“ lehnten eine dialogbereite Kirche ab, sie wollten überhaupt nicht, dass sich die Kirche als „Hort der absoluten Wahrheit“ auch lernbereit mit den modernen Denkweisen auseinandersetzen muss. Bekanntlich wurde selbst der Dialog mit Atheisten vom Reformkonzil mit absoluter Mehrheit gutgeheißen. Von dieser Wegweisung des Reformkonzils wollte Bengsch nichts wissen. Die Konsequenz war: Bengsch lehnte den Dialog mit der säkularen, atheistischen, sozialistischen Welt ab, genauso wie dies auch der spätere Traditionalist und „Piusbruder“ Erzbischof Marcel Lefèbvre tat oder der reaktionäre brasilianische Erzbischof Geraldo Sigaud svd. Er war führendes Mitglied der bis heute bestehenden internationalen reaktionären Bewegung „Für Tradition, Familie und Privateigentum“. Bischof Sigaud ist nachweislich der heftigste Feind des Propheten Erzbischof Helder Camara gewesen. Die reaktionären Kreise sammelten sich während des Konzils im „Coetus Internationalis Patrum“, also dem „Internationalen Bund der Väter“, (leibliche Väter waren sie wahrscheinlich nicht). Zu diesem Kreis gehörte auch der große Gegner von Papst Johannes XXIII. :Kardinal Alfredo Ottaviani, Chef der damaligen „Inquisitionsbehörde“. Ob Bengsch zu diesem reaktionären „Coetus“ als Mitglied gehörte, ist für mich nicht eindeutig. Der einstige Pressesprecher des Bistums Berlin, Dieter Hanky schrieb in der offiziellen Bistumszeitung „Petrusblatt“: „Bengschs Bedenken, mit denen er sich zwar nicht allein, aber in einer kleinen Gruppe (also doch dem genannten „Coetus“?, CM) befand, galten vor allem jenen Textstellen, von denen er glaubte annehmen zu dürfen, dass sie vor allem von kommunistischen und anderen atheistischen Regierungen zum Schaden der Kirche missbraucht werden könnten… Als dann das Konzilsdokument, die Konstitution Kirche in der Welt von heute, wenn auch in einigen Punkten verbessert, mit großer Mehrheit vom Konzil angenommen wurde, schrieb Erzbischof Bengsch am 22. November 1965 in tiefer Sorge einen ausführlichen Brief an Papst Paul VI., in dem er ihm die Gründe für seine Ablehnung der Konstitution darlegte. Zu seiner großen Überraschung bat ihn der Papst am 6. Dezember zu einer Privataudienz, in der er den Papst noch einmal beschwor, der Konstitution in dieser Form die Zustimmung zu versagen. Er befürchtete Folgen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, wo die Verteidigung der religiösen Werte der Kirche als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gewertet würde. Es war umsonst“. (Petrusblatt 12. Dezember 1999). Gott sei Dank, muss man sagen, sonst hätte Bengsch die ganze Kirche noch weiter ins Getto geführt…

8. Die katholische Kirche einmauern, im Osten wie im Westen.
Das Nein zu einem Dialog mit der säkularen, atheistischen Welt hat Bengsch als Bischof von Berlin Ost wie Berlin West fortgesetzt und durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen: So, wie sich die DDR in Berlin mit einer Mauer umgab, so umgab Bengsch auch die katholische Kirche in der DDR mit einer Mauer. Seine Mauer-Abschottungs-Ideologie setzte er auch in der Kirche in West-Berlin rigoros durch.

9. Bengsch baut katholische Mauern in der DDR
Über Bengschs durchgängiges Bemühen, die katholischen Kirche in der DDR mit einer geistigen Mauer zu umgeben, sind etliche prägnante historische Studien erschienen. Ich erwähne nur die eher summarische Darstellung von Clemens M. März in dem Buch „Unser Glaube mischt sich ein. Evangelische Kirche in der DDR“, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1990. Der Titel des Beitrags von Clemens M. März nach dem Mauerfall, 1990 geschrieben: “Aus dem Winterschlaf erwacht: Befreit zur Katholizität“ Seite 111-120). März zeigt: Die katholische Kirche in der DDR „distanzierte sich ostentativ von jeglicher gesellschaftlichen Mitarbeit“ (S. 115). Die DDR sollte nach Bengschs Meinung soweit es nur geht ignoriert werden,“ die Kirche flüchtete sich in die Katakombe“ (S. 117). Die offenen, weiterführenden Einsichten der Diözesansynode von Meißen (1969-1971) wurden von ihm unterdrückt. „Sie wurden von Bengsch der Ketzerei verdächtigt“ (S. 116) … Da haben wir schon wieder Bengschs Suche nach Ketzern (Häretikern), eine Leidenschaft seit seiner Doktorarbeit. Der katholische Theologe in Leipzig, Dr. Wolfgang Trilling, spricht sogar von einer „Liquidierung der Synode in Meißen“ durch Bengsch, siehe Trillings wichtigen und sehr erhellenden Beitrag in der Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988), Seite 324.
Im ganzen, meint auch der Autor Clemens M. März, habe Bengsch „das selbstgewählte Getto“ gepflegt (S. 118) „indem die katholische Kirche auch dort schwieg, wo sie, analog zum mutigen Eintreten der evangelischen Kirche, für Freiheit und Menschenrechte, hätte reden müssen“ (S. 117).
Zu demselben Ergebnis in der Einschätzung von Bengschs Wirken in der DDR kommt der schon genannte katholische Theologe und Professor für Bibelwissenschaftler Wolfgang Trilling (Leipzig). Er hat seinen Beitrag in der oben genannten Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988) unter den Titel gestellt „Kirche auf Distanz“ (Seite 322-332). Man darf sagen, dass dieser theologisch-historische Beitrag über die katholische Kirche in der DDR, in Leipzig verfasst 1987, stimmungsmäßig auch von einem „heiligen Zorn“ Trillings auf das katholische System bestimmt ist: “Nicht Produktivität, Phantasie, Experiment, Kritik, Freimut mit den neuen Partnern auf den verschiedenen Ebenen (der DDR) werden von Katholiken erwartet und als christliche Verhaltensweisen empfunden, sondern Gemeinsamkeit, ja gar Geschlossenheit, Zusammenhalt der kleinen Herde…“ (S. 324)… „Die Konstitution des Konzils Kirche des Konzils in der Welt von heute wurde in der DDR faktisch nicht rezipiert…es ging keine belebende Wirkung von ihr aus“ (S. 325). Und Trilling weist darauf hin, dass sich „katholische Jugendliche vielfach evangelischen Gruppen angeschlossen hatten, in denen die Friedensthematik z.B. leidenschaftlich diskutiert wurde“ (S. 328). Summa summarum schreibt der katholische Theologe Wolfgang Trilling: „Die gegenwärtige Lage, die durch das Fehlen jedes Instrumentariums innerkirchlicher Öffentlichkeit (synodale Einrichtungen, eigene Laienverbände…) verschärft wird, ist grotesk und in der Weltkirche singulär. Dennoch: Was uns nottut, ist eine entschlossene Abkehr von dem bisherigen Weg“, so (S.331). Über Trillings Widerspruch gegen den „Bengsch-Kurs der Abschottung“ hat auch Theo Mechtenberg in der Trierer Zeitschrift „Imprimatur“ (Heft 3, 2018) geschrieben. Die katholische Kirchenzeitung in den neuen Bundesländern, Ost-Deutschland, „Tag des Herrn“, berichtete am 11.4. 1999 von einer Tagung, auf der der Erfurter Historiker Jörg Seiler über die Beziehung der katholischen Bischöfe zu den jungen Katholiken mit “Gewissenskonflkten“ berichtete, es ging also um die Frage: Was denken die katholischen Bischöfe vom Dienst als Bausoldat oder von Totalverweigerern. Besonderen Einfluss dabei hatte der Berliner Erzbischof Alfred Bengsch: „Er sah direkte Interventionen in der Frage der Wehrpflicht als Gefährdung des relativ ruhigen Staat-Kirchen-Verhältnisses an.“ Die Auseinandersetzungen um die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen überließ man der evangelischen Kirche“, so der Journalist Matthias Holluba in „Tag des Herrn“.

10. Bengsch und sein „Maulkorberlass“
Der schon genannte Autor Clemens M. März erwähnt zur „politischen Dialogverweigerung Bengsch auch den so genannten „Maulkorberlass von Bengsch“ vom 1. Juni 1977, der den Priestern wie auch den Laien der DDR verbot, politische Aktivitäten auszuüben! Bengsch betonte sogar: „Das kirchliche Amt (also Bengsch selbst, CM) als gültiges Zeichen der Einheit und die prophetische Freiheit (was meint der Bischof denn damit?, CM) verlangen, kein wie auch immer geartetes politisches Engagement einzugehen“ (S. 117). Dadurch hatte sich die katholische Kirche der DDR auch vom Friedensengagement distanziert. Die „friedliche Revolution“ von 1989 war institutionell tatsächlich nur von der Evangelischen Kirche unterstützt und gefördert. 1990 wird dann der neu ernannte Bischof Georg Sterzinsky in einem Interview mit der „WELT“ (1.2.1990) vorsichtig und ein bisschen selbstkritisch bekennen: „Wir Katholiken der DDR hätten unsere Solidarität mit jungen Oppositionsgruppen deutlicher zum Ausdruck bringen müssen“ (S. 119). Um den Titel des Beitrags von Clemens M. März etwas zu variieren: 1990, nach dem die Mauer gefallen war, war die seit Bengsch in den Winterschlaf verfallene katholische Kirche im Osten Deutschlands ein bisschen erwacht…

11.Eine Mauer soll auch West-Berliner Katholiken einschließen
Die Mauer und das eingemauerte Denken hatte Bengsch so tief verinnerlicht, dass er auch die Katholiken in West-Berlin in eine geistige, theologisch engstirnige Mauer einsperrte, was er auch mit aller Bravour in West-Berlin durchsetzte:
Keine katholische Pressefreiheit
Der Redakteur der katholischen Kirchenzeitung in West-Berlin, “Petrusblatt“, Günter Renner, hatte es 1967 gewagt, einen kritischen Leserbrief gegen eine Entscheidung der katholischen Verwaltungsbehörde, des Ordinariates in West-Berlin, zu publizieren. Etwas Normales für eine freie Presse in einer freien Stadt. Die Verwaltungs-Prälaten waren jedoch empört und setzten alles in Bewegung, um den fähigen und bei den meisten Lesern beliebten Redakteur Pfarrer Renner abzusetzen. Viele Zeitungen, auch katholische Blätter in der BRD, zeigten sich verärgert über diese Entscheidung. Selbst die mit der CDU eng verbundene Berliner Morgenpost aus dem eigentlich immer kirchlich wohlgesinnten Hause Axel Caesar Springer protestierte. Die Medien forderten Bengsch auf, Pfarrer Renner als Redakteur weiter arbeiten zu lassen, aber vergebens. Bengsch war entschieden gegen umfassende und normale Pressefreiheit innerhalb der katholischen Kirche. Wieder eine erstaunliche Parallele zur Pressefreiheit in der DDR. Dieses Denken in einem Freund-Feind-Schema ist formal gesehen die gemeinsame Mentalität von Bengsch und der DDR-Führung.
Also musste der Redakteur Pfarrer Renner seinen Posten aufgeben, „er werde mit seinem kritischen Arbeiten den einem Diözesanblatt gestellten Aufgaben nicht gerecht“, hieß es. Nachfolger von Pfarrer Renner wurde damalige, mit Bengsch eng verbundene Ordinariatsräte und konservative Theologen wie Wolfgang Knauft oder Erich Klausener. Sie machten aus dem Petrusblatt eine katholische „Prawda“ oder „Neues Deutschland“. Aus einem dialogbereiten Blatt wurde ein offizielles „Organ“. Dagegen wehrte sich kurze Zeit ein kritisches Wochenblatt, mit dem Titel „Der Christ“ (Auflage 5.000). Bengsch nannte diese Zeitschrift wörtlich, so berichtete der SPIEGEL 1968, auf seine „freundliche“ Art „ein Käseblatt“. Aus Mangel an Geld musste „Der Christ“ bald verschwinden. Kirchensteuer-Gelder erhielten nur die offiziellen Propaganda-Blätter wie das Petrusblatt. (Über die Kirchenpresse im geteilten Berlin siehe auch: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/259675/christliche-gemeinschaft-im-geteilten-berlin)
Was die publizistische Wirkung angeht: Bengsch genießt noch heute wegen seiner rigorosen Haltung als Konservativer viel Achtung, etwa in dem reaktionären Monatsblatt aus Regensburg mit dem Titel „Der Fels“, dort ein Beitrag von Bengsch im Dezember 2013.

12. Keine katholisch- theologische Wissenschaft in Berlin
Über die Mauer, die Bengsch um die katholische Kirche in West-Berlin zog, wären viele Beispiele zu nennen: So gab es etwa überhaupt kein katholisch-theologisches Institut, also keine theologische Forschung, die den Namen verdient. Das wirklich winzige „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität stand zwar in der Nähe des FU Hauptgebäudes, dem Henry Ford Bau, es stand aber geistig völlig am Rande, spielte überhaupt keine Rolle im kulturellen und religiösen Leben der Stadt. Der Leiter dieser „Klitsche“, wie wir Studenten damals das winzige Seminar für katholische Theologie nannten, war seit 1956 Prof. Marcel Reding (aus Luxemburg), ein stiller, zurückhaltend-netter gebildeter Priester, der auch etwas Bengsch-kritisch war, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Redings Lebenswerk war die Marx-Interpretation im Lichte des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Dann dozierte dort noch der Moral-Theologe und Jesuit Waldemar Molinski, mit dem sich heftige Debatten ergaben etwa über den Willen einiger Studenten, eine ökumenische, also eine gemeinsame katholisch-evangelische Studentengemeinde zu gründen. Diese ökumenische Initiative wurde unterdrückt. Ökumene war überhaupt nicht Bengschs Interesse. Er benutzte evangelische Kirchengebäude auf dem Lande, in Brandenburg, wenn denn kein „katholisches Gotteshaus“ zur Verfügung für die kleine Gemeinde. Aber das war es…
Eine katholische Akademie in West-Berlin, die diesen Namen verdiente, wie etwa die 1957 gegründete Katholische Akademie in München, gab es zu Bengschs Zeiten nicht. Das so genannte“ katholische Bildungswerk“ war ein Einmann-Betrieb mit Pfr. Fassbender, die Sendungen über Kirchen in der ARD Anstalt SFB wurden von Ordinariatsräten streng beobachtet und kritisiert. Demokratische Meinungsvielfalt war ein Horror für Bengsch, dies wollte er seinen Untertanen einbläuen. Prälat Klausener in West-Berlin hatte die Bengsch-Theologie völlig verinnerlicht: „Demokratie ist in der katholischen Kirche abzulehnen, vielmehr ist dem kirchlichen Amt Vertrauen und Gehorsam geboten“, zitiert der katholische Politologe Manfred Krämer in seiner Studie „Kirche kontra Demokratie?“ (München, 1973, S. 46). Dr. Manfred Krämer war ein geradezu leidenschaftlich kluger Vorkämpfer für eine moderne katholische Kirche auch in West-Berlin, aber ist mit seinem Engagement selbstverständlich gescheitert … und leider viel zu früh verstorben…

13. Mit Stasi-Methoden in der Kirche arbeiten
Dem SPIEGEL war es in Heft 26 des Jahres 1969 ein Bericht wert: Kardinal Bengsch folgte Stasi-ähnlichen Methoden und konnte deswegen einen theologisch gebildeten Kaplan in der West-Berliner Gemeinde St. Bernhard in Dahlem vertreiben. Konkret: Ein Bengsch-freundlicher Katholik hatte heimlich – wie die Stasi – die „theologisch-modernen“ Predigten von Kaplan Hebler mitgeschnitten und die Kassetten dem Kardinal bzw. seinen Prälaten zugeschickt. Sie hörten die Mitschnitte ab und … Kardinal Bengsch entfernte Kaplan Hebler aus der Gemeinde. Der SPIEGEL hat sogar den Tonband-affinen Katholiken genannt, es war ein gewisser Alfons Ryzlewicz. Er also förderte, sicher nicht allein, mit seinem orthodoxen Eifer die Absetzung Heblers … wieder einmal wegen „Häresieverdacht“. Der SPIEGEL berichtet: Hebler wurde ins Bischöfliche Ordinariat (West) zitiert, „wo er fünf Stunden lang auf Fragen einer fünfköpfigen Kommission antworten musste. Zwar tranken die geistlichen Herren dabei Tee mit dem Beschuldigten, doch diesem war angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der »private Ton« eher lästig. Denn er wurde u.a. beschuldigt, er habe den Gottesdienst zum Ort des Protestes gemacht und »engagierte politische Erklärungen« in die Verkündigung gebracht usw… Tatsächlich wurde Hebler dann von Bengsch nach dem Rausschmiss aus der Gemeinde ein „Studienurlaub“ gewährt… Der bekannte, an der FU von moderaten Demokraten sehr geschätzte Katholik, der Politologe Prof. Alexander Schwan, sprach von Hebler als einem der wenigen, die „zu den erschreckend wenigen Predigern in Berlin gehörten, die … einem Großstädter die Verkündigung Jesu Christi heute noch nahezubringen und bedeutsam zu machen vermögen«. Viele Dahlemer Katholiken protestierten gegen die Entscheidung Bengschs und sandten dem Kardinal einen entsprechenden Brief, aber sie erhielten keine Antwort.
Bengsch und die „68 er Bewegung“
Interessant ist auch die Ignoranz Bengschs und der Prälaten in West-Berlin im Umfeld des Mai 68. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnert an die Sprachregelung des „Neuen Deutschland“ der SED). Und weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener im „Petrusblatt“: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius-Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete, dass der dort aufhaltende Erzbischof Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…(In diesem Absatz zitiere ich aus meinem Beitrag in dem Buch “Zwischen Medellin und Paris. 1968 und die Theologie“, der Titel meines Beitrags: „Der Traum ist vorbei“. Edition Exodus, Luzern/Münster, 2009, S. 11-24).

14. Die Idee vom „unverkürzten Evangelium“
Alfred Bengsch, Bischof und dann auch Kardinal, liebte es, seine eigene überragende Rolle als einzig kompetenter Interpret der Lehre Jesu Christi zu definieren: „Ich will das unverkürzte Evangelium predigen“. Dabei predigte er immer sein auf katholisches Getto verkürztes Evangelium, ohne jeden Respekt für Pluralität auch in der Kirche, Meinungsfreiheit, intellektuelles Niveau. Bekanntlich gibt es im Neuen Testament schon theologische Pluralität….Bengsch aber war von seinem „unverkürzten Evangelium“ absolut und unerschütterlich überzeugt. 1966 fanden sich Westberliner Katholiken noch in der riesigen Deutschlandhalle und füllten geduldig den Raum. Da bezog sich Bengsch auf Kritik und Vorwürfe, die sich gegen sein Kirchenregiment wandten und er fuhr dann in der ihm eigenen Leidens-Mine fort: „Ich werde das alles eher ertragen, als dass ein einziger junger Mensch in meinem Bistum mir vorwerfen sollte, er wäre in die Irre gegangen, weil ich zu feige gewesen wäre, das unverkürzte Evangelium Gottes zu predigen“.
Tatsächlich hat sich, von außen betrachtet, Bengschs unverkürztes konservativ-rigides und nur auf innere Gefühle setzendes Evangelium nicht durchsetzen können. Ab 1968 begann der große kirchliche Abbruch, auch quantitativ gesehen, des West-Berliner Katholizismus. In Bengschs Sicht sind dann also doch viele „in die Irre gegangen“, weil sie schlicht und einfach aus der Kirche austraten. Und daran ist nicht nur irgendeine diffuse säkulare Mentalität „schuld“, wie Kirchenführer oft sagen, sondern auch das rigide Kirchenregiment des Berliner „Ober-Hirten“ und seiner Getreuen. Viele West-Berliner Katholiken haben sich aus der von Bengsch errichten katholischen Getto-Mauer befreit… und sind spirituell als freie Menschen eigene Wege gegangen.

15. Ein eigenes Bistum West-Berlin mit einem freien Bischof für eine freie Metropole.
Es wurde nie ernsthaft diskutiert, ob nicht doch ein eigenes Bistum West-Berlin letztlich für die betroffenen Katholiken hilfreicher gewesen wäre, weil sich dann eine eigene Form katholischen Lebens in einer demokratischen Stadt hätte entwickeln können. Bekanntlich hat die Evangelische Kirche in Berlin zwei Bischöfe gehabt, einen im Osten, einen im Westen. Dadurch konnten die Protestanten frei und auf die unterschiedlichen Verhältnisse unterschiedlich reagieren.
Aber die Fixierung auf die Einheit des Bistums Berlin war ein Wahn, weil, wie gesagt, Bengsch allein diese Einheit als Grenzgänger repräsentierte. Bengschs Nachfolger Bischof Joachim Meisner (bis 1989) war für West-Berliner auch alles andere als ein Lichtblick. Auch er herrschte in einer rigiden Herrschaft, ohne Sinn für theologische Pluralität und Meinungsfreiheit. Auch Meisner hat viele interessierte Katholiken West-Berlins aus dieser Kirche herausgeführt. Auch Meisner dachte in den undemokratischen Kategorien der DDR-Führung. LINK.

15. Gegen die „Schlipspriester“
Ich will mit einer kleinen persönlichen Erinnerung an Bischof Bengsch diese Hinweise beenden. Als Berliner Katholik habe ich als Jugendlicher diesen Berliner Bischof mehrfach erlebt. Eine Szene in einem Gemeindehaus werde ich nicht vergessen, als der Bischof an der Krawatte eines jungen Priesters zerrte und an dem Schlips hin – und herzog und dann brüllte: „Sie Schlips-Priester“. Ich hatte mich so gefreut, dass sich katholische Priester wie andere Männer ein bisschen „normal“ kleiden. Bengsch wollte auch die eindeutige klerikale Kleiderordnung. Und einmal saß ich in einer Runde des katholischen „Primanerforums“ (Leitung der Jesuit Pater Lachmund), da kam Bengsch kurz in den Raum, eilte von einem Jugendlichen zum anderen, schüttelte die Hände, fragte eigentlich desinteressiert kurz nach dem Namen und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde… und verschwand. „Der ist aber gar nicht freundlich“, sagte ein Freund am Tisch. Ich konnte dem nur zustimmen.

16.
Bengsch war die falsche Person an diesem exponierten Platz Ost – und West – Berlin. Sein kardinaler Fehler: Er hat zusätzlich zur DDR-SED-Mauer noch katholische Mauern in beiden Teilen der Stadt gebaut, er war in dieser theologischen Enge und Angst-Besessenheit der offiziellen DDR/SED Mentalität nicht ganz unähnlich. Und er hatte geradezu Lust, Dissidenten zu verfolgen und zu bestrafen, und ließ, wie oben gezeigt, Stasi-Methoden in der Kirche zu. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vatikan – ein Blick hinter die Mauern. Päpste und Prälaten regieren die Kirche hinter Mauern…

Prälaten und Päpste herrschten und herrschen hinter hohen Mauern
Ein Besuch in der Vatikanstadt
Von Christian Modehn (urspünglich eine Ra­dio­sen­dung im WDR 2009). Noch einmal veröffentlicht am 24.7.2021.

Im Jahr 2009 habe ich diesen Beitrag über den Staat “Vatikan-Stadt” (“Heiliger Stuhl”) veröffentlicht. Diese Hinweise sind nach wie vor gültig: Die hohen und dicken Mauern des Vatikans umgeben die Herrscher der Katholischen Kirche noch immer. Das Thema “Katholizismus ist eingemauert” wäre ein spezielles Thema, wenn man des Mauerbaus am 13.8.1961 in Berlin gedenkt und an Regime denkt, die sich einmauern…

Am 11. 2. 2009 hat einer der ungewöhnlichsten Staaten der Welt sein 80 jähriges Bestehen gefeiert: Nicht nur ein Kleinstaat, wie Andorra, sondern noch kleiner als ein Kleinst- Staat wie etwa die Republik San Marino. Unser Staat verfügt zwar nur über knapp einen halben Quadratkilometer Fläche und zählt 550 Bürger. Aber in diesem Winzling von Staat ist sehr viel politische und religiöse Macht versammelt. Sie wissen es bereits: Wir meinen die Vatikanstadt: In einem Vertrag mit dem Faschisten Benito Mussolini war es Papst Pius XI. im Jahr 1929 gelungen, einen souveränen Staat zu errichten.
Jeder Rombesucher muss die Republik Italien verlassen, wenn er dem Papst auf dem Petersplatz zujubeln will: Denn der Segen „Urbi et Orbi“ wird auf ausländischem Territorium, auf dem Gebiet der Vatikanstadt, gespendet. Und die umfasst z.B. den Petersdom, die Sixtinische Kapelle, die vatikanischen Gärten, einige Kirchen, Paläste und Verwaltungsgebäude sowie auch noch exterritoriale Gebiete wie die luxuriöse Sommerresident Castel Gandolfo. Wenn der oberste Hirte vom Petersdom aus seinen frommen Schäfchen den Segen erteilt, bleibt er selbstverständlich das politische Oberhaupt seines souveränen Staates, der Vatikanstadt. Aber die Rompilger sollten trotz Weihrauch und lateinischen Gesängen einen klaren Kopf behalten: Denn das vatikanische Staatsoberhaupt ist mit einer weiteren umfassenden Macht ausgestattet: Die Päpste ließen es sich vor 80 Jahren von Mussolini verbriefen, dass sie sogar als einzelne Personen auch „Völkerrechtssubjekte“ sind, also geradezu unantastbare Würde weltweit genießen. Als Inhaber des „Heiligen Stuhls“ sind die Päpste von höchster moralischer und religiöser Autorität. Die Appelle z.B. beim Segen Urbi et Orbi stammen also vom Heiligen Stuhl, nicht vom vatikanischen Staatsoberhaupt. Auch Benedikt XVI. fühlt sich in dieser doppelten Rolle als Politiker und religiöser Führer zugleich  recht wohl.
Wer einmal wissen möchte, in welchem Umfeld der Papst lebt, muss hohe Festungsmauern  aus dem 16. Jahrhundert überwinden. Denn das ganze Gebiet der Vatikanstadt ist von meterhohem Gestein umgeben, es ragt bis zu 20 Meter in die Höhe. Die Berliner Mauer wirkt demgegenüber wie ein politischer Witz. Die Botschaft ist deutlich: Besucher sind in der Vatikanstadt nicht erwünscht. Zahlungskräftige Touristen sind lediglich in den vatikanischen Museen willkommen, nicht im Innern des Staatsgebietes. Es wäre darum sinnlos zu versuchen, als frommer Christ aus den Vatikanischen Museen auszubrechen, um ins freie Gelände der Vatikanischen Gärten zu gelangen. Und wer einmal die Gnade empfangen hat, im Vatikanischen Archiv Akten zu studieren, sollte bei der strengen Bewachung besser nicht die Tür öffnen, die ins Innere der päpstlichen Herrschaft führt. Erfolgreicher könnte der Versuch sein, mit einem Rezept ausgestattet, die Apotheke innerhalb der  Vatikanstadt zu konsultieren. Man sollte den kontrollierenden Schweizer Gardisten an der „Porta Santa Ana“ allerdings nicht verraten, dass man „die Pille“ oder gar „Kondome“ zu kaufen wünscht. Die gibt es nämlich nicht in der päpstlichen Pharmazie. Und so wäre dieser Versuch, ins Innere der Papst Stadt einzudringen, zum Scheitern verurteilt. Erfolgreich könnte vielleicht das Ersuchen sein, unbedingt Geld zu wechseln bei der Vatikanbank IOR, schließlich, so wurde berichtet, hätten ja auch machtvolle Familien aus Neapel und Sizilien ihr Geld dort anlegen wollen.
Man sollte gar nicht erwarten, Frauen im Innern des Papststaates zu treffen: Die wenigen Nonnen des Staates müssen sich um Essen und Wäsche ihrer geistlichen Herrn kümmern, einige andere Damen sind im Radio Vatikan mit der Weitergabe päpstlicher Lehren befasst. Wer Tierliebhaber ist, sollte versuchen, auf dem Vatikan Friedhof nach der letzten Ruhestätte des einst so beliebten, weil so umtriebigen Katers Rambo zu fragen: Er ist das einzige nicht getaufte Wesen, das in vatikanischer, d.h. katholischer  Erde ruht.
Der ganze Staat zählt kaum 40 Straßen. Eine Gasse führt zum Beispiel zur Obersten Glaubensbehörde. Dort verfolgte ihr damaliger Chef Kardinal Joseph Ratzinger angebliche Ketzer wie Hans Küng oder Leonardo Boff. Die geistlichen Bürokraten dort im Range eines Erzbischofs verdienen 3.500 Euro netto monatlich. „Wer in einem Interview aber irgendein Geheimnis verrät und dann namentlich zitiert wird“, berichtet der Publizist Alexander Smoltczyk, „kann sein Entlassungsschreiben sofort abholen“. Innerhalb der vatikanischen Mauern ist Selbständigkeit im Denken absolut  unerwünscht. Ein hoch angesehener Insider, Prälat Walter Brandmüller, kann es sich leisten, öffentlich zu sagen: “Man profiliert sich niemals, die Regel heißt: Bloß nicht aufffallen“. Der Vatikan Prälat betont sogar: “Das Ideal des kurialen Funktionärs ist die graue Maus“.
Innerhalb der Mauern überwacht ein klerikaler Mitarbeiter den anderen. Ausschweigungen, auch sexueller Art, sind unter diesen repressiven Bedingungen absolut tabu. Solche Freiheiten dürfen sich Kurienmitarbeiter nur außerhalb der Mauern, also im Sumpf der Metropole Rom, leisten. „Der einzige Unterschied, der bei den Vatikanprälaten zählt, ist die Frage, ob man hetero – oder homosexuelle Vorlieben hat“, berichtet Alexander Smoltczyk. Ältere Herrschaften aus dem Vatikan befriedigen ihre Lust, so wird berichtet,  eher in Luxus Restaurants in der römischen Altstadt. Alexander Smoltczyk nennt die Adressen. Aber diese Freiheiten nehmen sich alle Beteiligten selbstverständlich in absoluter Verschwiegenheit. Verlogenheit wird zum Prinzip, schließlich will man ja noch möglichst lange dem Hof, dem päpstlichen, dienen. Beförderungen spricht der Papst nach eigenem Gutdünken aus, er herrscht wie ein absoluter Fürst. Sehr treffend nennen alle Lexika die Vatikanstadt eine absolute Monarchie. Menschenrechte klagt der Papst nur bei anderen Staaten ein, auf seinem eigenen Territorium vereinigt er in seiner Person alle drei politischen Gewalten.
Der unangemeldete und unerwünschte Besuch im Innern des Papststaates ist eigentlich schnell beendet. Die Türen zu den Behörden in den Renaissance Palästen öffnen sich nur Eingeweihten, und die müssen geweiht sein. Aber der verstohlene Blick in die Gemächer hoch oben zeigt: Da wird das Evangelium verwaltet, inmitten antiker Möbel, von Seidentapeten umgeben und barocker Kunst verziert. „Wer angesichts des Vatikans noch römisch – katholisch bleibt, der  muss schon sehr, sehr tapfer sein“,  sagt ein Insider, natürlich anonym. Aus Angst.

Zahlreiche Informationen verdank ich dem neuen Buch (2009!) von Alexander Smoltczyk, der in Rom als Journalist arbeitet. Er hat seiner Studie den Titel „Vatikanistan“ gegeben. Er will damit gewisse Anklänge an zentralasiatische Regime wecken, die, wie etwa Usbekistan, nicht gerade Vorbilder der Demokratie sind. Das Buch mit Lesebändchen (!) hat 352 Seiten und kostet 17,95 €, erschienen ist es im Heyne Verlag in München. Sehr zu empfehlen!

Katholische Kirche in Deutschland – vor der Abspaltung von Rom?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Dieser kurze Hinweis ist interessant, weil er das mögliche Scheitern des „Synodalen Weges“ der katholischen Kirche in Deutschland heute mit einem Hinweis auf das tatsächlich Scheitern des „Niederländischen katholische Pastoralkonzils“ und damit der katholischen Kirche der Niederlande insgesamt begründet. Nebenbei: Bekanntlich hat Philosophie immer die Aufgabe, Religionskritik zu lehren.

Dieser knappe Hinweis hat sechs kleine Kapitel:

1. Die heutige Angst im Vatikan vor einem Schisma.
2. Was ist ein Schisma, bzw. damit eng verbunden, was bedeutet der Häresie-Vorwurf?
3. Der „Synodale Weg“ der Kirche in Deutschland.
4. Das Scheitern der „Synode der katholischen Kirche in den Niederlanden“ als Hinweis auf das Scheitern (die Erfolglosigkeit) des „Synodalen Weges“ in Deutschland.
5. Warum die römische Kirche außerstande ist, tiefgreifende Reformen, die den Wert einer Reformation haben, zu gestalten.
6.
Warum wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma in Deutschland?

1.
Die katholische Tageszeitung „La Croix“ (Paris) ist meist gut informiert über das, was die päpstliche Kurie und der Papst über die katholische Kirche in Deutschland denken. Der Vatikan-Korrespondent dieser Zeitung Loup Besmond de Senneville publizierte am 26.6.2021 einen Beitrag mit dem Titel: „Deutschland, die große Angst (des Vatikans) vor einem Schisma“. Dieser Titel deutet schon an, wie die Kirchenführer im Vatikan nun in Deutschland Angst erzeugen wollen: Denn nichts ist für „normale“ Katholiken belastender, als eines Schisma bzw. der Häresie angeklagt zu werden.
2.
Schisma ist ein Wort aus dem Griechischen und bedeutet Abspaltung von einer bestehenden Kirchenorganisation. Ein Schismatiker wird aber schnell zu einem Häretiker in der Sicht des katholischen Kirchenrechts, weil etwa die Ablehnung des päpstlichen Primates nicht nur ein Schisma bewirkt, sondern eine Irrlehre ist, also eine Häresie. Es gibt also nur eine geringe Trennschärfe zwischen dem mehr aufs Institutionelle abzielenden Schisma und der Ablehnung bestimmter Dogmen, also der Haltung der Häresie.
Es gab bedeutende Abspaltungen von der römischen Kirche in den letzten Jahrzehnten, etwa die Gründung der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland als Protest einiger Theologen gegen das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit 1871. Es gab die, in Deutschland kaum bekannte, Abspaltung von Rom durch zahlreiche Pfarrer, die 1920 die von Rom unabhängige „Tschechoslowakisch-Hussitische Kirche“ gründeten, die in den ersten Jahren einen starken zahlenmäßigen Zuspruch fand. Diese Kirche besteht bis heute. Man denke an die unabhängige katholische Kirche auf den Philippinen, die Aglipayan – Kirche. Und es gab kürzlich die Spaltung, die der ursprünglich römisch- katholische, dann aber traditionalistische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 vollzog, als er ohne die Erlaubnis Roms vier seiner traditionalistischen Priester zu Bischöfen weihte. Diese Gemeinschaft besteht bis heute und die römischen Gelehrten sind sich nicht im klaren, ob diese Pius-Brüder nun bloß Schismatiker oder schon Häretiker sind. Viele Kenner meinen, die Traditionalisten sind Häretiker.
Man sieht bei diesem Thema, dass es fürs katholische Denken tatsächlich eine Art „Wahrheits-Zentrale“ im Vatikan gibt, die einfach verfügen kann: „Du bist Häretiker, du bist Schismatiker“. Dass diese Wahrheitszentrale („Glaubenskongregation“, einst „Inquisition“) selbst häretisch sein kann bzw. auch ist, liegt außerhalb des selbstherrlichen Blickfeldes der „Mitarbeiter der Wahrheit“ (so der Wahlspruch von Kardinal Joseph Ratzinger). Man denke nur daran, mit welcher Bravour der Vatikan den Wahn der Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert bis heute pflegt und verteidigt….Aber dies ist ein anderes Thema.
3.
Der „Synodale Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland, 2019 begonnen, ist durchaus bekannt, es handelt sich um einen „Gesprächsprozess eigener Art“, an dem Laien und Kleriker beteiligt sind. Werden Beschlüsse gefasst, die tatsächlich dringende Reformbeschlüsse wären, wie die Aufhebung des Pflichtzölibates, müssen diese Beschlüsse „selbstverständlich“ in den Vatikan zur Überprüfung und Genehmigung geschickt werden. Nun weiß jedes Kind, dass grundlegende Reformwünsche, wie etwa zum Zölibat oder zum Priestertum der Frauen, von den Herren der Kirche a priori abgeschmettert werden, auch von Papst Franziskus, der bekanntlich alles andere als ein deutlicher und präziser Reform-Theologe und Reformpapst ist.
Der Synodale Weg kann also als eine Art Freizeitbeschäftigung diskussionsfreudiger, oft frustrierter Katholiken, ohne weitreichende Bedeutung, interpretiert werden. Man denke etwa auch an die mit großem Aufwand betrieben, aber ziemlich wirkungslose „Synode der deutschen Bistümer“ in Würzburg (1971 -1975) oder an spätere Beratungsrunden in vielen einzelnen Bistümern, wie auch in Berlin unter Bischof Joachim Meisner, die nichts anderes waren als zeitraubende Debatten. Der Autor dieses Textes, damals noch Mitglied der römischen Kirche, hat selbst an solchen Tagungungen teilgenommen, da wurden Laien vom Klerus mit leeren Versprechen schlicht und einfach in die Irre geführt. Ich denke an die von mir inszenierten Debatten über Kirchenreformen in der Großstadt, die nichts anderes waren als hübsche Plauderstündchen.
Führende vatikanische Kleriker warnen jedoch seit langem vor dem heutigen „Synodalen Weg“: „Niemand weiß, wie weit die Deutschen gehen werden, aber es ist potentiell explosiv“, zitiert der Korrespondent von „ La Croix“ vatikanische Herren, auch Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Heiligen Stuhles, hat mehrfach seine Sorgen geäußert, dass der Synodale Weg die Einheit der Kirche störe. (Mit Einheit der Kirche meint er natürlich die vom Vatikan definierte Einheit der Kirche).
4.

In den Niederlanden wurde das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 65) und dessen Reformbeschlüsse mit besonders großem Enthusiasmus aufgenommen. Katholiken veranstalteten von 1966 – 1970 das „Pastoraal Concilie“, das niederländische Pastoralkonzil, ein Beratungsgremium aus Laien, Priestern und Bischöfen. Sie waren entschlossen, auf ihre Weise die Reformvorschläge des Zweiten Vatikanischen Konzils für ihre Kultur und ihr Land umzusetzen und zu erweitern. Am 7.1.1970 wurde etwa vom Pastoralkonzil mit überwältigender Mehrheit beschlossen, dass Priester heiraten dürfen und als verheiratete Priester weiterhin in ihren Gemeinden arbeiten sollten. Dieses Thema war nur eines, das, dem römischen Rechtssystem entsprechend, nur von den Herren der Kirche im Vatikan genehmigt werden konnte. Der Beschluss der katholischen Niederländer wurde selbstverständlich im Vatikan abgelehnt. Zuvor hatten sich die niederländischen Katholiken in Rom total unbeliebt gemacht wegen ihres neuen Glaubensbuches, den sie „Neuen Katechismus“ nannten, ein Buch, das den christlichen Glauben in moderner Sprache nachvollziehbar beschreibt, ohne auf Kirchenkritik explizit zu verzichten, etwa was den Zentralismus der Kurie angeht. Dieses Glaubensbuch wurde in 34 Sprachen übersetzt und zu hunderttausenden von Exemplaren verbreitet. Das waren Zeiten, als einige progressive Geistliche in Deutschland  aus purer Neugier plötzlich begannen, Niederländisch zu lernen, um dieses Buch zu lesen.
Aber Rom hatte nicht das geringste Interesse, in einen Dialog mit den sehr reformbegeisterten Niederländern einzugehen. Der Vatikan hörte damals wie heute auf die Stimmen der Reaktionären und setzte den Niederländern dann Bischöfe vor, die ganz stramm und extrem auf römischem Kurs standen und entsprechend autoritär handelten.
Mit anderen Worten: Das Niederländische Pastoralkonzil war ein begeistertes Unternehmen, auch von den damaligen Bischöfen, wie Kardinal Alfrink oder Bischof Bluyssen unterstützt, aber es war eine Art Spielwiese, die Beschlüsse des Pastoralkonzils konnten nicht Wirklichkeit werden. Immer mehr Katholiken zogen sich enttäuscht von der Kirche zurück, heute (2021) nennen sich noch etwa 23 Prozent katholisch, zur Messe am Sonntag gehen (2021) regelmäßig etwa 1 Prozent. Die katholische Kirche der Niederlande wurde vom Papst (Johannes Paul II. und Benedikt XVI.) de facto als progressive Kirche zerstört, vor allem durch zahlreiche sehr konservative Bischöfe, am bekanntesten wurden Simonis und Gijsen, aber es sind noch viele andere. „Diese reaktionären Bischöfe haben ihre Gläubigen im Stich gelassen“, sagen niederländische Katholiken seit langer Zeit, resigniert. Und die Gläubigen sind „ausgewandert“, aber wohin? In kleinere eigenständige Basisgemeinden (etwa die Gemeinde, die Huub Oosterhuis gegründet hat) oder in progressive protestantische Kirchen (wie die Remonstranten) oder in spirituelle Gruppen, die noch sehr zahlreich sind in Holland. Ein explizit progressiver niederländischer Katholizismus (im „Synodalen Geist“) ist fast nicht mehr vorhanden. Die großen Orden, wie die Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten oder Augustiner stehen kurz vor dem Verschwinden, falls nicht polnische oder indische „Mitbrüder“ noch ein leerstehendes Kloster bewohnen wollen. Jedenfalls ist die Kultur der Orden und Klöster, auch der Frauenorden, so gut wie tot. Ursache dafür ist nicht etwa (nur) der vom Rom viel genannte säkulare Ungeist, sondern vor allem das reaktionäre und sture Verhalten Roms und der meisten Bischöfe. Sie haben die Katholiken aus ihrer Kirche vertrieben, das ist klar. Der niederländische Katholizismus wurde von Rom und den meisten Bischöfen „platt“ gemacht, Tendenz „scheintot“, sagen manche. Das wäre ein Thema für deutsche Historiker, die nicht der Kirche und ihrer Kontrolle verpflichtet sind, also keine Theologen, sondern Historiker sind. (Zur führenden progressiven Gestalt unter den niederländischen Bischöfen: Über Kardinal Alfrink : Siehe den Beitrag von Walter Goddijn (1988) in der Zeitschrift Orientierung, Zürich: http://www.orientierung.ch/pdf/1988/JG%2052_HEFT%2001_DATUM%2019880115.PDF

NOCHMAL direkt zu Kapitel 4:
Die Strukturen der römisch-katholischen Kirche sind so, dass die herrschenden Kleriker über alle Gewalten verfügen. Sie haben sich selbst zu den einzig maßgeblichen Interpreten der Bibel und der Kirchenlehre gemacht, der Papst hat sich mit seinem Anspruch, in Glaubens-und Sittenfragen unfehlbar gemacht und ins Getto eingemauert. Nun gibt es zwar die ca. mehr als eine Milliarde katholischer Laien: Aber die haben in der Kirche nichts zu bestimmen, können nicht mitbestimmen und mitentscheiden. Sie sind wie immer die gehorsamen Schäfchen, denen der Klerus jetzt, weil alles andere total blamabel wäre, gewisse Debattiermöglichkeiten freistellt. So weckt diese autoritäre und, was Demokratie angeht, wahrlich aus der Zeit gefallene religiöse Großorganisation nur den Anschein, dialogbereit und lernfähig zu sein. Sie ist es aber gar nicht. Dies nicht nur zu erkennen, sondern auch mit allen Konsequenzen für einen anderen religiösen Weg anzunehmen, fällt sehr vielen Katholiken schwer. Sie begeben sich gern auf die Spielwiese und fühlen sich aufgewertet, weil sie ein paar Worte sagen, die bei den ewigen Strukturen dieser Klerus beherrschten Kirche aber letztlich keinerlei Rolle spielen. Masochismus und katholische Kirchenbindung waren und sind oft eine innige Einheit.
Um wirklich frei und befreit zu sein, muss ein Schisma doch auch mal gewagt werden. Davon hat der große Reformtheologe Hans Küng leider nie gesprochen. Hätte Luther ewig Angst vor dem Papst gehabt, wäre die Papstkirche entweder verschwunden (was Nietzsche bereits voller Freude andeutete) oder sie würde als riesiges Renaissance – und Barock – Theater noch fortbestehen, zur Erbauung aller Theaterfreunde.
6.
Warum also wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma der deutschen Katholiken? Nicht nur aus theologisch – ideologischen Gründen, damit des Vatikans Herrschaft universal bleibt.
Die Antwort ist auch und sehr materiell: 6,76 Milliarden Euro hat die katholische Kirche im Jahr 2019 an Kirchensteuern eingenommen. Auch die Spenden für den Vatikan, „Peterspfennig“ genannt, sind beträchtlich. Bricht diese ultrareiche deutsche Kirche für den Vatikan weg, wird sie schismatisch, geht sie eigene Wege, wäre dies auch ein finanzielles Desaster für den Vatikan, auch darauf weist der Korrespondent von „La Croix“ ausdrücklich hin.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholische Kirche ist am toten Punkt: Kardinal Marx beurteilt den Zustand der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 5. Juni 2021.

1.
In einem Brief bittet Kardinal Reinhard Marx den Papst, seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising zu akzeptieren.
Dieser Brief und die Erklärungen von Marx zu seinem Rücktritt am 4.6.2021 enthalten wichtige Aspekte vor allem zur immer noch nicht umfassend bearbeiteten „Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, so Kardinal Marx wörtlich.
Auch die Auswirkungen des Rücktritts von Marx auf die anderen Bischöfe in Deutschland bleiben wichtiges Thema: Wie lange wird etwa der von den meisten Kölner Katholiken nicht mehr respektierte Kardinal Woelki sich noch mit aller Macht an sein Amt klammern können? An eine Vertreibung Woelkis aus seinem Bischofspalais in Köln denken die Kölner wohl noch nicht.
2.
Viel wichtiger und ganz zentral und bedenkenswert sind drei Worte in dem Brief von Marx an den Papst: Es handelt sich um den „gewissen toten Punkt“, an dem sich für Kardinal Marx die katholische Kirche jetzt befindet.
3.
Die Katholische Kirche also: An einem “toten Punkt”! Das hat man in der Deutlichkeit noch nicht von einem der prominentesten Kardinäle gehört. Klingt entfernt etwas nach Martin Luther. Was für eine treffende und wahre Analyse der Zustände der römischen Kirche heute. “Am toten Punkt”, das könnte heißen: Diese Kirche ist zwar noch vorhanden, als Organisation, als Macht rituellen Geschehens, als Repräsentation des Klerus mit allem üblichen „Brimborium“ der Mitras und Hirtenstäbe, umwölkt von Weihrauch-Schwaden. Aber, wie gesagt, diese Kirche ist weithin nur noch vorhanden, sie lebt nicht mehr, ist nicht mehr kreativ, ist nicht mehr lebendig. Und lebendig heißt: Mutig auch inhaltlich den christlichen Glauben neu aussagen. D.h: Alten dogmatischen und kirchenrechtlichen “Schrott”,könnte man diese dogmatisch ausgetüftelte System nennen, also entrümpeln, wie etwa das Zölibatsgesetz, den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, die “Ehe für alle” als Sakrament (nicht nur als “Segnung”) gestalten usw. Alte Traditionen mögen zwar alt sein, aber sie sind keineswegs noch “ehrwürdig” für eine aufgeklärte Theologie und für demokratisch fühlende Menschen. Und ist es nicht geradezu lächerlich, wenn Kleriker so viel von Gott wissen und arrogant behaupten: Gott höchst persönlich will diese unsere Kirchengesetze?
4.
Der Duden belehrt uns, genau das von Kardinal Marx zitierte Wort „toter Punkt“ zu verstehen: „Die Wendung der tote Punkt kann zwei Bedeutungen haben:
– Ein Stadium, im dem keine Fortschritte mehr erzielt werden, in dem etwas stagniert: Die Verhandlungen waren auf dem toten Punkt angelangt.
– Ein Zustand stärkster Ermüdung, Erschöpfung: Ein starker Kaffee sollte ihr über den toten Punkt hinweghelfen“.

Die „Stagnation“ ist katholische Realität. Und sie ist von den Päpsten und den Klerikern seit Jahrzehnten und Jahrhunderten als solche gewollt. Natürlich gab es im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils (1962 -1965) kleine Reförmchen und Schönheitsreparturen, aber an den alten Dogmen (wie etwa dem furchtbaren Wahn der Erbsünde) wurde nichts verändert. Die unsäglich altertümliche Sprache der Messe wurde aus dem Lateinischen wortwörtlich in die modernen Sprachen übersetzt: Unverständlich fremd und störend ist diese Übersetzung aus dem Lateinischen bis heute.
Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Stagnation wird von den Hierarchen heute klein geredet mit dem Hinweis auf Reförmchen, etwa dass Laien ihre Meinung sagen dürfen (in „Laiengremien“), aber selbstverständlich nichts entscheiden dürfen (bestenfalls, ob die Sonntags-Messe um 11 Uhr statt um 10 Uhr beginnt). Von demokratischer Kultur keine Spur in dieser Kirche. Und die Päpste und Prälaten sind stolz darauf und sagen das so, dass ihre Kirche nicht demokratisch ist. „Gott will keine demokratische Kirche, wir Bischöfe reden zwar vom allgemeinen (!) Priestertum aller katholischen Gläubigen, aber wir Kleriker halten uns nicht daran”. Das ist die Realität, die jeder Aufmerksame kennt.

In der zweiten Duden-Definition des „toten Punktes“ wird auf eine mögliche Schocktherapie gegen den toten Punkt im Alltag verwiesen: Etwa Koffein bei starker Müdigkeit.
Im Falle der römischen Kirche heißt die „Schocktherapie“ gegen den Null-Punkt: Gebt der Vernunft, dem Geist, dem Verstand, den absoluten Vorzug in allen kirchlichen und theologischen Fragen. So wie die Missbrauchskatastrophe nicht von Klerikern wegen deren theologischer Befangenheit „gelöst“ werden kann, sondern nur von „auswärts“, also von vernünftigen Spezialisten, so kann auch der „tote Punkt“, an dem sich die Kirche theologisch befindet, nicht von der Theologie überwunden werden. Denn Theologie als „kirchliche, d.h. kirchen-amtliche „Wissenschaft“ ist befangen, wenn nicht blind, zumindest immer verängstigt.
Eine grundlegende Reformation einleiten kann allein eine kirchenamtlich unabhängige Vernunft. Sie allein ist imstande, den Wahn mancher Dogmen und Gesetze zu erkennen und deren Abschaffung zu fordern. Dieser Verzicht als Befreiung macht die Glaubens“lehre“ einfach und nachvollziehbar. Und weiter reformierbar und wieder neu aussagbar für spätere Generationen.
5.
Wird es dazu kommen, wird also „der tote Punkt“ überwunden werden? Kardinal Marx als frommer Theologe setzt erwartungsgemäß, so wörtlich, „auf den österlichen Glauben“, also auf eine Art Auferstehung der Kirche von den Toten. Dieser Glaube aber setzt bei der Überwindung des toten Punktes auf eine Aktivität Gottes. Aber Gott kann bekanntlich gemäß altem dogmatischen Denken „handeln“ wann und wie und wo er “wunderbar” will. Reformen geraten aber damit ins Willkürliche, in den Wartestand auf ein Wunder (der erneuten Auferstehung). Vielleicht will aber dieser Gott gar nicht mehr diese Kirche. „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“, fragte schon Nietzsche, vieles spricht heute dafür.
6.
Wer aber noch als Mensch auf seine Vernunft setzen will, hält an der Erkenntnis fest: Tote Punkte können NUR mit dem Mut der Vernunft überwunden werden. Vorausgesetzt: Alle Interessierten handeln vernünftig in ihren Reformen, und vernünftig heißt, philosophisch gesehen, immer auch frei und demokratisch.

Zur Vertiefung zu dem Thema: “Es ist vorbei”: Katholische Kirche in Europa: LINK
Und auch:LINK

Zum neuen Buch von Hubertus Halbfas, Säkulare Frömmigkeit: LINK

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