Kardinal Alfred Bengsch: Ein Bischof von Berlin, der „theologische Mauern“ errichete. Im Osten wie im Westen.

Hinweise von Christian Modehn

Zur Einführung:
Warum dieses Thema? Es gibt heute viel Dringenderes. Zweifellos.

– Aber am Beispiel von Erzbischof und Kardinal Bengsch (1921-1979), Bischof in der geteilten Stadt Berlin, wird einmal mehr deutlich, wie ein einzelner sich „Ober-Hirte“ nennender Kleriker eine ganze Kircheneinheit, ein Bistum, ins geistige Getto und zu einem von Angst bestimmten Glauben führen kann. Die Herrschaft einzelner, sich Macht anmaßender Bischöfe ist ja im aktuellen Fall von Kardinal Woelki (Köln) allgemein bekannt. Woelki hat in der klerikalen Arroganz viele „Vorgänger“ und „Mitstreiter“. Einer ist Bengsch, einer von vielen „Oberhirten“.

– Als Berliner, geboren in Ost–Berlin, in Friedrichshagen, 1958 Flucht nach West-Berlin und dort Abitur sowie ein Semester Studium der ev. und kath. Theologie sowie der Philosophie an der F.U., (die Studien konnte ich in der BRD abschließen), kenne ich Bengsch, weil ich auch familiär mit dem „katholischen Milieu“ damals eng verbunden war. Mir ist es wichtig, ein Stück Erinnerungsarbeit zu leisten. Und vielleicht Aspekte deutlich zu machen, die anlässlich seines 100. Geburtstages in Jubelfeiern verdrängt werden.

Diese Hinweise sind also ein Beitrag der Religionskritik, eines Hauptthemas der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

1. Lobeshymnen oder die historische Wahrheit?
In diesen Wochen erinnern sich nicht nur „Katholiken an den Berliner Erzbischof und Kardinal Alfred Bengsch. Es handelt sich um einen katholischen Bischof, der das katholische „Leben“ in Berlin (-Ost wie auch -West) bestimmte und sich darüber hinaus mit seiner sehr konservativen Theologie in den Katholizismus der BRD einschaltete.

Alfred Bengsch ist, summarisch betrachtet, ein Prototyp des ängstlichen, verschlossenen, dialog-unfähigen und arroganten Bischofs. Diese Tatsachen werden hoffentlich Beachtung verdienen, wenn anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch, wie offiziell – katholisch üblich, die erwünschten Lobeshymnen auf den „Ober-Hirten“ angestimmt werden. Der Herder Verlag wirbt für ein neues Buch über Bengsch mit der Behauptung: „Alfred Kardinal Bengsch gilt bis heute als einer der prominentesten und beliebtesten Oberhirten des Erzbistums Berlin“. Prominent war er auf seine Weise; aber als sturer Dialogverweigerer, kann er da als beliebt gelten? Bei einigen theologisch eher anspruchslosen Gläubigen vielleicht, die sich an Bengschs Predigten erbauten, die ganz auf die traditionelle Masche der klassisch-konservative Innerlichkeit und des bloß spirituellen Trostes setzten.

2. Bengsch wird Bischof – eine Art „Notlösung“
Alfred Bengsch wurde am 10. Februar 1921 in Berlin-Schönberg geboren, zum „Weihbischof“ in Berlin mit Amtssitz in Ost-Berlin wurde er 1959 von Papst Johannes XXIII. ernannt. Zum maßgeblich leitenden Bischof des Bistums Berlin wurde er drei Tage nach der Errichtung der Mauer, also am 16. August 1961, ernannt. Er war also in einem für katholische Bischöfe extrem jugendlichen Alter, er war 40 Jahre alt. Diese Ernennung ist begründet vor allem in der Abberufung des in West-Berlin lebenden Bischofs Julius Döpfner, er wurde Erzbischof von München-Freising. Und Bengsch war da eine schnelle „Lösung“, manche sagen, er wurde verantwortlicher Bischof, weil der Papst „sonst niemanden hatte“.

3. Bengsch repräsentierte die so genannte Einheit des Bistums Berlin
Bischof Bengsch „residierte“ in Ost -Berlin mit dem dortigen kirchlichen Verwaltungsapparat („Ordinariat“), hatte aber die Möglichkeit als einer der wenigen DDR- Bürger regelmäßig nach West-Berlin einzureisen und den aufwendigen, parallelen Verwaltungsapparat im Ordinariat West (wie viele Priester waren damals eigentlich nur „Verwaltungsbeamte“?) sowie die Gemeinden zu besuchen. Das muss noch einmal betont werden: Bengsch war als Bischof in der DDR auch für die Katholiken im freiheitlich und demokratisch geprägten West-Berlin zuständig. Und auch das ist wichtig: Die von kirchenoffizieller Seite bis heute viel beschworene und gerühmte „Einheit des Bistums Berlin“ nach dem Mauerbau am 13.8. 1961 repräsentierte de facto und als leibhaftige Einheit Bischof Bengsch allein: Er war einer der wenigen regelmäßigen, von der DDR-Regierung akzeptierten, Ost-West-Pendler. Natürlich besuchten einige Katholiken aus dem West-Berlin privat auch den Ostteil, aber offizielle Begegnungen in den Ost-Gemeinden fanden nicht statt.
Am 13. Dezember 1979 ist Erzbischof Bengsch in Berlin verstorben.

4. „Eine markige Persönlichkeit“?
Über weitere Details seines Lebens kann man sich über wikipedia usw. informieren. Hier geht es darum, wie es sich gehört, kritische Hinweise zum theologischen und kirchenpolitischen Denken Bengschs zu skizzieren. Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass anlässlich des 100. Geburtstages von Bengsch eher Lobeshymnen angestimmt werden als objektive Beobachtungen. Ein Text der Katholischen Akademie Berlin vom Sommer 2021 nennt Bengsch etwa eine „markige Persönlichkeit“, was immer das „markig“ bedeuten mag. Und die Akademie fährt fort: „Er hat bis heute bleibende Spuren hinterlassen“. Wohl wahr, von diesen „Spuren“ handelt dieser Hinweis, es sind – schon jetzt zusammenfassend formuliert – Spuren, die die Katholiken in West-Berlin, in einer Stadt in der „freien Welt“, ins Getto führten, in eine geistige Verkrampfung und Abgeschlossenheit, die spiegelbildlich der Mentalität der DDR-Führung durchaus entspricht. Insofern wäre es eine ausführliche Studie wert zu zeigen, wie Bischof Bengsch in seinem Verhalten des rigiden Regierens die DDR-Mentalität der Herrschenden belebte.

5. Nur Bengsch kennt das „unverkürzte Evangelium“
Eine gewisse Leitlinie der Interpretation des Denkens und Handels von Bengsch bietet sogar eine offizielle katholische Deutung: 1980 wurde im katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig das Buch „Der Glaube lebt“ veröffentlicht, darin schreibt das katholische DDR- Autorenteam sehr ehrlich: „Kardinal Bengsch war kein progressiver Bischof“ – mit der sehr treffenden Ergänzung: „falls es so etwas gibt. Im Schubladendenken … ist er einwandfrei im Fach konservativ gelandet, und das noch nicht einmal gegen seinen Willen“ (S. 135). Dieser konservative und ängstliche Theologe Bengsch hatte sich übrigens als seinen Wahlspruch gewählt: „Helfer eurer Freude“. Gemeinte war selbstverständlich bei ihm immer die „innerliche Freude“ der dogmatisch korrekt Glaubenden. Das wahre Motto Bengschs war eher das von ihm häufig verwendete Wort: „Ich will die Lehre der Kirche UNVERKÜRZT lehren“. Wobei er von sich selbst, durchaus arrogant, meinte, das unverkürzte, also das ganze und das authentische Evangelium zu kennen: Pluralismus der Meinung schloss diese Überzeugung aus. Bengsch allein bestimmte, was „unverkürzt“ bedeutet…Davon wird noch zu sprechen sein.

6. Die Häretiker suchen und bestrafen.
Zur theologischen und kirchlichen Laufbahn Alfred Bengschs: In den neunzehnhundertfünfziger Jahren konnten Priester der DDR noch an bundesdeutschen theologischen Fakultäten promovieren, so auch Alfred Bengsch. Er erwarb 1956 an der Universität München bei dem katholischen Dogmatiker (und auch später noch explizit konservativen Theologen) Michael Schmaus seinen Dr. theol. Das Thema der Promotionsschrift ist: „Heilsgeschichte und Heilswissen bei Irenäus von Lyon. Eine Untersuchung zur Struktur und Entfaltung des theologischen Denkens im Werk „Adversus Haereses, „Gegen die Häretiker“.
Das Thema hat keine aktuelle Bedeutung, damals schon nicht, also 10 Jahre nach Kriegsende und der von Nazis betriebenen Vernichtung des europäischen Judentums! Da hätte man sich ja auch Relevanteres vorstellen können für einen jungen Theologen aus dem geteilten Deutschland. Aber nein, es musste ein Theologe und ein so genannter „Kirchenvater“ des 1. Jahrhunderts sein, Irenäus von Lyon, über den schon 1956 sicher mindestens 20 Studien vorlagen. Irenäus von Lyon lebte von 135 bis 200. Die Abgrenzung des wahren Glaubens von den Meinungen der Häretiker (bei Irenäus waren es die so genannten Gnostiker) prägte das Denken von Bengsch also von Anfang an.

7. Die grundlegende „Weichenstellung“ im Denken von Bengsch
Das ist für das Verständnis entscheidend: Bischof Bengsch lehnte als Teilnehmer des 2. Vatikanischen Reform- Konzils (1962-1965) das entscheidende und grundlegende Konzilsdokument „Die Kirche in der Welt von heute“, auch „Gaudium et spes“ genannt, ab. Am 7. Dezember 1965 fand nach langen und heftigen Debatten die Schlussabstimmung statt: 2.309 Ja-Stimmen standen 75 Nein-Stimmen gegenüber. Mit Nein hatte auch Bischof Bengsch von Berlin gestimmt. Unter der verschwindenden Minderheit der Nein-Sager befanden sich die berühmtesten reaktionären Bischöfe damals, in dieser Gesellschaft bewegte sich also Bengsch offenbar guten Gewissens. Die „Neinsager“ lehnten eine dialogbereite Kirche ab, sie wollten überhaupt nicht, dass sich die Kirche als „Hort der absoluten Wahrheit“ auch lernbereit mit den modernen Denkweisen auseinandersetzen muss. Bekanntlich wurde selbst der Dialog mit Atheisten vom Reformkonzil mit absoluter Mehrheit gutgeheißen. Von dieser Wegweisung des Reformkonzils wollte Bengsch nichts wissen. Die Konsequenz war: Bengsch lehnte den Dialog mit der säkularen, atheistischen, sozialistischen Welt ab, genauso wie dies auch der spätere Traditionalist und „Piusbruder“ Erzbischof Marcel Lefèbvre tat oder der reaktionäre brasilianische Erzbischof Geraldo Sigaud svd. Er war führendes Mitglied der bis heute bestehenden internationalen reaktionären Bewegung „Für Tradition, Familie und Privateigentum“. Bischof Sigaud ist nachweislich der heftigste Feind des Propheten Erzbischof Helder Camara gewesen. Die reaktionären Kreise sammelten sich während des Konzils im „Coetus Internationalis Patrum“, also dem „Internationalen Bund der Väter“, (leibliche Väter waren sie wahrscheinlich nicht). Zu diesem Kreis gehörte auch der große Gegner von Papst Johannes XXIII. :Kardinal Alfredo Ottaviani, Chef der damaligen „Inquisitionsbehörde“. Ob Bengsch zu diesem reaktionären „Coetus“ als Mitglied gehörte, ist für mich nicht eindeutig. Der einstige Pressesprecher des Bistums Berlin, Dieter Hanky schrieb in der offiziellen Bistumszeitung „Petrusblatt“: „Bengschs Bedenken, mit denen er sich zwar nicht allein, aber in einer kleinen Gruppe (also doch dem genannten „Coetus“?, CM) befand, galten vor allem jenen Textstellen, von denen er glaubte annehmen zu dürfen, dass sie vor allem von kommunistischen und anderen atheistischen Regierungen zum Schaden der Kirche missbraucht werden könnten… Als dann das Konzilsdokument, die Konstitution Kirche in der Welt von heute, wenn auch in einigen Punkten verbessert, mit großer Mehrheit vom Konzil angenommen wurde, schrieb Erzbischof Bengsch am 22. November 1965 in tiefer Sorge einen ausführlichen Brief an Papst Paul VI., in dem er ihm die Gründe für seine Ablehnung der Konstitution darlegte. Zu seiner großen Überraschung bat ihn der Papst am 6. Dezember zu einer Privataudienz, in der er den Papst noch einmal beschwor, der Konstitution in dieser Form die Zustimmung zu versagen. Er befürchtete Folgen in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang, wo die Verteidigung der religiösen Werte der Kirche als Widerstand gegen den gesellschaftlichen Fortschritt gewertet würde. Es war umsonst“. (Petrusblatt 12. Dezember 1999). Gott sei Dank, muss man sagen, sonst hätte Bengsch die ganze Kirche noch weiter ins Getto geführt…

8. Die katholische Kirche einmauern, im Osten wie im Westen.
Das Nein zu einem Dialog mit der säkularen, atheistischen Welt hat Bengsch als Bischof von Berlin Ost wie Berlin West fortgesetzt und durchgesetzt. Zusammenfassend lässt sich sagen: So, wie sich die DDR in Berlin mit einer Mauer umgab, so umgab Bengsch auch die katholische Kirche in der DDR mit einer Mauer. Seine Mauer-Abschottungs-Ideologie setzte er auch in der Kirche in West-Berlin rigoros durch.

9. Bengsch baut katholische Mauern in der DDR
Über Bengschs durchgängiges Bemühen, die katholischen Kirche in der DDR mit einer geistigen Mauer zu umgeben, sind etliche prägnante historische Studien erschienen. Ich erwähne nur die eher summarische Darstellung von Clemens M. März in dem Buch „Unser Glaube mischt sich ein. Evangelische Kirche in der DDR“, Ev. Verlagsanstalt Berlin 1990. Der Titel des Beitrags von Clemens M. März nach dem Mauerfall, 1990 geschrieben: “Aus dem Winterschlaf erwacht: Befreit zur Katholizität“ Seite 111-120). März zeigt: Die katholische Kirche in der DDR „distanzierte sich ostentativ von jeglicher gesellschaftlichen Mitarbeit“ (S. 115). Die DDR sollte nach Bengschs Meinung soweit es nur geht ignoriert werden,“ die Kirche flüchtete sich in die Katakombe“ (S. 117). Die offenen, weiterführenden Einsichten der Diözesansynode von Meißen (1969-1971) wurden von ihm unterdrückt. „Sie wurden von Bengsch der Ketzerei verdächtigt“ (S. 116) … Da haben wir schon wieder Bengschs Suche nach Ketzern (Häretikern), eine Leidenschaft seit seiner Doktorarbeit. Der katholische Theologe in Leipzig, Dr. Wolfgang Trilling, spricht sogar von einer „Liquidierung der Synode in Meißen“ durch Bengsch, siehe Trillings wichtigen und sehr erhellenden Beitrag in der Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988), Seite 324.
Im ganzen, meint auch der Autor Clemens M. März, habe Bengsch „das selbstgewählte Getto“ gepflegt (S. 118) „indem die katholische Kirche auch dort schwieg, wo sie, analog zum mutigen Eintreten der evangelischen Kirche, für Freiheit und Menschenrechte, hätte reden müssen“ (S. 117).
Zu demselben Ergebnis in der Einschätzung von Bengschs Wirken in der DDR kommt der schon genannte katholische Theologe und Professor für Bibelwissenschaftler Wolfgang Trilling (Leipzig). Er hat seinen Beitrag in der oben genannten Festschrift für Johann Baptist Metz „Mystik und Politik“ (Mainz 1988) unter den Titel gestellt „Kirche auf Distanz“ (Seite 322-332). Man darf sagen, dass dieser theologisch-historische Beitrag über die katholische Kirche in der DDR, in Leipzig verfasst 1987, stimmungsmäßig auch von einem „heiligen Zorn“ Trillings auf das katholische System bestimmt ist: “Nicht Produktivität, Phantasie, Experiment, Kritik, Freimut mit den neuen Partnern auf den verschiedenen Ebenen (der DDR) werden von Katholiken erwartet und als christliche Verhaltensweisen empfunden, sondern Gemeinsamkeit, ja gar Geschlossenheit, Zusammenhalt der kleinen Herde…“ (S. 324)… „Die Konstitution des Konzils Kirche des Konzils in der Welt von heute wurde in der DDR faktisch nicht rezipiert…es ging keine belebende Wirkung von ihr aus“ (S. 325). Und Trilling weist darauf hin, dass sich „katholische Jugendliche vielfach evangelischen Gruppen angeschlossen hatten, in denen die Friedensthematik z.B. leidenschaftlich diskutiert wurde“ (S. 328). Summa summarum schreibt der katholische Theologe Wolfgang Trilling: „Die gegenwärtige Lage, die durch das Fehlen jedes Instrumentariums innerkirchlicher Öffentlichkeit (synodale Einrichtungen, eigene Laienverbände…) verschärft wird, ist grotesk und in der Weltkirche singulär. Dennoch: Was uns nottut, ist eine entschlossene Abkehr von dem bisherigen Weg“, so (S.331). Über Trillings Widerspruch gegen den „Bengsch-Kurs der Abschottung“ hat auch Theo Mechtenberg in der Trierer Zeitschrift „Imprimatur“ (Heft 3, 2018) geschrieben. Die katholische Kirchenzeitung in den neuen Bundesländern, Ost-Deutschland, „Tag des Herrn“, berichtete am 11.4. 1999 von einer Tagung, auf der der Erfurter Historiker Jörg Seiler über die Beziehung der katholischen Bischöfe zu den jungen Katholiken mit “Gewissenskonflkten“ berichtete, es ging also um die Frage: Was denken die katholischen Bischöfe vom Dienst als Bausoldat oder von Totalverweigerern. Besonderen Einfluss dabei hatte der Berliner Erzbischof Alfred Bengsch: „Er sah direkte Interventionen in der Frage der Wehrpflicht als Gefährdung des relativ ruhigen Staat-Kirchen-Verhältnisses an.“ Die Auseinandersetzungen um die Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen überließ man der evangelischen Kirche“, so der Journalist Matthias Holluba in „Tag des Herrn“.

10. Bengsch und sein „Maulkorberlass“
Der schon genannte Autor Clemens M. März erwähnt zur „politischen Dialogverweigerung Bengsch auch den so genannten „Maulkorberlass von Bengsch“ vom 1. Juni 1977, der den Priestern wie auch den Laien der DDR verbot, politische Aktivitäten auszuüben! Bengsch betonte sogar: „Das kirchliche Amt (also Bengsch selbst, CM) als gültiges Zeichen der Einheit und die prophetische Freiheit (was meint der Bischof denn damit?, CM) verlangen, kein wie auch immer geartetes politisches Engagement einzugehen“ (S. 117). Dadurch hatte sich die katholische Kirche der DDR auch vom Friedensengagement distanziert. Die „friedliche Revolution“ von 1989 war institutionell tatsächlich nur von der Evangelischen Kirche unterstützt und gefördert. 1990 wird dann der neu ernannte Bischof Georg Sterzinsky in einem Interview mit der „WELT“ (1.2.1990) vorsichtig und ein bisschen selbstkritisch bekennen: „Wir Katholiken der DDR hätten unsere Solidarität mit jungen Oppositionsgruppen deutlicher zum Ausdruck bringen müssen“ (S. 119). Um den Titel des Beitrags von Clemens M. März etwas zu variieren: 1990, nach dem die Mauer gefallen war, war die seit Bengsch in den Winterschlaf verfallene katholische Kirche im Osten Deutschlands ein bisschen erwacht…

11.Eine Mauer soll auch West-Berliner Katholiken einschließen
Die Mauer und das eingemauerte Denken hatte Bengsch so tief verinnerlicht, dass er auch die Katholiken in West-Berlin in eine geistige, theologisch engstirnige Mauer einsperrte, was er auch mit aller Bravour in West-Berlin durchsetzte:
Keine katholische Pressefreiheit
Der Redakteur der katholischen Kirchenzeitung in West-Berlin, “Petrusblatt“, Günter Renner, hatte es 1967 gewagt, einen kritischen Leserbrief gegen eine Entscheidung der katholischen Verwaltungsbehörde, des Ordinariates in West-Berlin, zu publizieren. Etwas Normales für eine freie Presse in einer freien Stadt. Die Verwaltungs-Prälaten waren jedoch empört und setzten alles in Bewegung, um den fähigen und bei den meisten Lesern beliebten Redakteur Pfarrer Renner abzusetzen. Viele Zeitungen, auch katholische Blätter in der BRD, zeigten sich verärgert über diese Entscheidung. Selbst die mit der CDU eng verbundene Berliner Morgenpost aus dem eigentlich immer kirchlich wohlgesinnten Hause Axel Caesar Springer protestierte. Die Medien forderten Bengsch auf, Pfarrer Renner als Redakteur weiter arbeiten zu lassen, aber vergebens. Bengsch war entschieden gegen umfassende und normale Pressefreiheit innerhalb der katholischen Kirche. Wieder eine erstaunliche Parallele zur Pressefreiheit in der DDR. Dieses Denken in einem Freund-Feind-Schema ist formal gesehen die gemeinsame Mentalität von Bengsch und der DDR-Führung.
Also musste der Redakteur Pfarrer Renner seinen Posten aufgeben, „er werde mit seinem kritischen Arbeiten den einem Diözesanblatt gestellten Aufgaben nicht gerecht“, hieß es. Nachfolger von Pfarrer Renner wurde damalige, mit Bengsch eng verbundene Ordinariatsräte und konservative Theologen wie Wolfgang Knauft oder Erich Klausener. Sie machten aus dem Petrusblatt eine katholische „Prawda“ oder „Neues Deutschland“. Aus einem dialogbereiten Blatt wurde ein offizielles „Organ“. Dagegen wehrte sich kurze Zeit ein kritisches Wochenblatt, mit dem Titel „Der Christ“ (Auflage 5.000). Bengsch nannte diese Zeitschrift wörtlich, so berichtete der SPIEGEL 1968, auf seine „freundliche“ Art „ein Käseblatt“. Aus Mangel an Geld musste „Der Christ“ bald verschwinden. Kirchensteuer-Gelder erhielten nur die offiziellen Propaganda-Blätter wie das Petrusblatt. (Über die Kirchenpresse im geteilten Berlin siehe auch: https://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/259675/christliche-gemeinschaft-im-geteilten-berlin)
Was die publizistische Wirkung angeht: Bengsch genießt noch heute wegen seiner rigorosen Haltung als Konservativer viel Achtung, etwa in dem reaktionären Monatsblatt aus Regensburg mit dem Titel „Der Fels“, dort ein Beitrag von Bengsch im Dezember 2013.

12. Keine katholisch- theologische Wissenschaft in Berlin
Über die Mauer, die Bengsch um die katholische Kirche in West-Berlin zog, wären viele Beispiele zu nennen: So gab es etwa überhaupt kein katholisch-theologisches Institut, also keine theologische Forschung, die den Namen verdient. Das wirklich winzige „Seminar für katholische Theologie“ an der Freien Universität stand zwar in der Nähe des FU Hauptgebäudes, dem Henry Ford Bau, es stand aber geistig völlig am Rande, spielte überhaupt keine Rolle im kulturellen und religiösen Leben der Stadt. Der Leiter dieser „Klitsche“, wie wir Studenten damals das winzige Seminar für katholische Theologie nannten, war seit 1956 Prof. Marcel Reding (aus Luxemburg), ein stiller, zurückhaltend-netter gebildeter Priester, der auch etwas Bengsch-kritisch war, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Redings Lebenswerk war die Marx-Interpretation im Lichte des mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin. Dann dozierte dort noch der Moral-Theologe und Jesuit Waldemar Molinski, mit dem sich heftige Debatten ergaben etwa über den Willen einiger Studenten, eine ökumenische, also eine gemeinsame katholisch-evangelische Studentengemeinde zu gründen. Diese ökumenische Initiative wurde unterdrückt. Ökumene war überhaupt nicht Bengschs Interesse. Er benutzte evangelische Kirchengebäude auf dem Lande, in Brandenburg, wenn denn kein „katholisches Gotteshaus“ zur Verfügung für die kleine Gemeinde. Aber das war es…
Eine katholische Akademie in West-Berlin, die diesen Namen verdiente, wie etwa die 1957 gegründete Katholische Akademie in München, gab es zu Bengschs Zeiten nicht. Das so genannte“ katholische Bildungswerk“ war ein Einmann-Betrieb mit Pfr. Fassbender, die Sendungen über Kirchen in der ARD Anstalt SFB wurden von Ordinariatsräten streng beobachtet und kritisiert. Demokratische Meinungsvielfalt war ein Horror für Bengsch, dies wollte er seinen Untertanen einbläuen. Prälat Klausener in West-Berlin hatte die Bengsch-Theologie völlig verinnerlicht: „Demokratie ist in der katholischen Kirche abzulehnen, vielmehr ist dem kirchlichen Amt Vertrauen und Gehorsam geboten“, zitiert der katholische Politologe Manfred Krämer in seiner Studie „Kirche kontra Demokratie?“ (München, 1973, S. 46). Dr. Manfred Krämer war ein geradezu leidenschaftlich kluger Vorkämpfer für eine moderne katholische Kirche auch in West-Berlin, aber ist mit seinem Engagement selbstverständlich gescheitert … und leider viel zu früh verstorben…

13. Mit Stasi-Methoden in der Kirche arbeiten
Dem SPIEGEL war es in Heft 26 des Jahres 1969 ein Bericht wert: Kardinal Bengsch folgte Stasi-ähnlichen Methoden und konnte deswegen einen theologisch gebildeten Kaplan in der West-Berliner Gemeinde St. Bernhard in Dahlem vertreiben. Konkret: Ein Bengsch-freundlicher Katholik hatte heimlich – wie die Stasi – die „theologisch-modernen“ Predigten von Kaplan Hebler mitgeschnitten und die Kassetten dem Kardinal bzw. seinen Prälaten zugeschickt. Sie hörten die Mitschnitte ab und … Kardinal Bengsch entfernte Kaplan Hebler aus der Gemeinde. Der SPIEGEL hat sogar den Tonband-affinen Katholiken genannt, es war ein gewisser Alfons Ryzlewicz. Er also förderte, sicher nicht allein, mit seinem orthodoxen Eifer die Absetzung Heblers … wieder einmal wegen „Häresieverdacht“. Der SPIEGEL berichtet: Hebler wurde ins Bischöfliche Ordinariat (West) zitiert, „wo er fünf Stunden lang auf Fragen einer fünfköpfigen Kommission antworten musste. Zwar tranken die geistlichen Herren dabei Tee mit dem Beschuldigten, doch diesem war angesichts der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der »private Ton« eher lästig. Denn er wurde u.a. beschuldigt, er habe den Gottesdienst zum Ort des Protestes gemacht und »engagierte politische Erklärungen« in die Verkündigung gebracht usw… Tatsächlich wurde Hebler dann von Bengsch nach dem Rausschmiss aus der Gemeinde ein „Studienurlaub“ gewährt… Der bekannte, an der FU von moderaten Demokraten sehr geschätzte Katholik, der Politologe Prof. Alexander Schwan, sprach von Hebler als einem der wenigen, die „zu den erschreckend wenigen Predigern in Berlin gehörten, die … einem Großstädter die Verkündigung Jesu Christi heute noch nahezubringen und bedeutsam zu machen vermögen«. Viele Dahlemer Katholiken protestierten gegen die Entscheidung Bengschs und sandten dem Kardinal einen entsprechenden Brief, aber sie erhielten keine Antwort.
Bengsch und die „68 er Bewegung“
Interessant ist auch die Ignoranz Bengschs und der Prälaten in West-Berlin im Umfeld des Mai 68. Als der Studentenführer Rudi Dutschke am 11.4. 1968 am Kurfürsten Damm 141 Opfer eines Attentates wurde, das er nur schwerstkrank überlebte, berichtete das Petrusblatt recht knapp über „Osterzwischenfälle“ (dieser Titel erinnert an die Sprachregelung des „Neuen Deutschland“ der SED). Und weil einige Demonstranten auf dem Kurfürsten Damm ein Kreuz in der Hand hatten und es hoch hinaus wie eine Mahnung in die Öffentlichkeit streckten, schrieb Prälat Erich Klausener im „Petrusblatt“: „Junge Leute nehmen das Kreuz für sich in Anspruch. In ihrem Sendungsbewusstsein fühlen sie sich als Vollstrecker der Geschichte“. Das Kreuz, so der Prälat, gehöre in die Hände der Kirche, nicht der Aufständischen! Und der Prälat kritisierte dann die Demonstranten weiter, „weil sie einen moralischen Absolutheitsanspruch haben, der nur von wenigen erhoben wird“. Als einige katholische Studenten Flugblätter über den Mai 68 in der Sankt Canisius-Kirche (Charlottenburg) verteilten, wurden sie sofort rausgeworfen. Das Petrusblatt berichtete, dass der dort aufhaltende Erzbischof Bengsch ausdrücklich die Annahme dieses Flugblattes verweigert hätte, weil er sich ja auf die Feier des Pontifikal – Amtes in dieser Kirche vorbereiten musste…(In diesem Absatz zitiere ich aus meinem Beitrag in dem Buch „Zwischen Medellin und Paris. 1968 und die Theologie“, der Titel meines Beitrags: „Der Traum ist vorbei“. Edition Exodus, Luzern/Münster, 2009, S. 11-24).

14. Die Idee vom „unverkürzten Evangelium“
Alfred Bengsch, Bischof und dann auch Kardinal, liebte es, seine eigene überragende Rolle als einzig kompetenter Interpret der Lehre Jesu Christi zu definieren: „Ich will das unverkürzte Evangelium predigen“. Dabei predigte er immer sein auf katholisches Getto verkürztes Evangelium, ohne jeden Respekt für Pluralität auch in der Kirche, Meinungsfreiheit, intellektuelles Niveau. Bekanntlich gibt es im Neuen Testament schon theologische Pluralität….Bengsch aber war von seinem „unverkürzten Evangelium“ absolut und unerschütterlich überzeugt. 1966 fanden sich Westberliner Katholiken noch in der riesigen Deutschlandhalle und füllten geduldig den Raum. Da bezog sich Bengsch auf Kritik und Vorwürfe, die sich gegen sein Kirchenregiment wandten und er fuhr dann in der ihm eigenen Leidens-Mine fort: „Ich werde das alles eher ertragen, als dass ein einziger junger Mensch in meinem Bistum mir vorwerfen sollte, er wäre in die Irre gegangen, weil ich zu feige gewesen wäre, das unverkürzte Evangelium Gottes zu predigen“.
Tatsächlich hat sich, von außen betrachtet, Bengschs unverkürztes konservativ-rigides und nur auf innere Gefühle setzendes Evangelium nicht durchsetzen können. Ab 1968 begann der große kirchliche Abbruch, auch quantitativ gesehen, des West-Berliner Katholizismus. In Bengschs Sicht sind dann also doch viele „in die Irre gegangen“, weil sie schlicht und einfach aus der Kirche austraten. Und daran ist nicht nur irgendeine diffuse säkulare Mentalität „schuld“, wie Kirchenführer oft sagen, sondern auch das rigide Kirchenregiment des Berliner „Ober-Hirten“ und seiner Getreuen. Viele West-Berliner Katholiken haben sich aus der von Bengsch errichten katholischen Getto-Mauer befreit… und sind spirituell als freie Menschen eigene Wege gegangen.

15. Ein eigenes Bistum West-Berlin mit einem freien Bischof für eine freie Metropole.
Es wurde nie ernsthaft diskutiert, ob nicht doch ein eigenes Bistum West-Berlin letztlich für die betroffenen Katholiken hilfreicher gewesen wäre, weil sich dann eine eigene Form katholischen Lebens in einer demokratischen Stadt hätte entwickeln können. Bekanntlich hat die Evangelische Kirche in Berlin zwei Bischöfe gehabt, einen im Osten, einen im Westen. Dadurch konnten die Protestanten frei und auf die unterschiedlichen Verhältnisse unterschiedlich reagieren.
Aber die Fixierung auf die Einheit des Bistums Berlin war ein Wahn, weil, wie gesagt, Bengsch allein diese Einheit als Grenzgänger repräsentierte. Bengschs Nachfolger Bischof Joachim Meisner (bis 1989) war für West-Berliner auch alles andere als ein Lichtblick. Auch er herrschte in einer rigiden Herrschaft, ohne Sinn für theologische Pluralität und Meinungsfreiheit. Auch Meisner hat viele interessierte Katholiken West-Berlins aus dieser Kirche herausgeführt. Auch Meisner dachte in den undemokratischen Kategorien der DDR-Führung. LINK.

15. Gegen die „Schlipspriester“
Ich will mit einer kleinen persönlichen Erinnerung an Bischof Bengsch diese Hinweise beenden. Als Berliner Katholik habe ich als Jugendlicher diesen Berliner Bischof mehrfach erlebt. Eine Szene in einem Gemeindehaus werde ich nicht vergessen, als der Bischof an der Krawatte eines jungen Priesters zerrte und an dem Schlips hin – und herzog und dann brüllte: „Sie Schlips-Priester“. Ich hatte mich so gefreut, dass sich katholische Priester wie andere Männer ein bisschen „normal“ kleiden. Bengsch wollte auch die eindeutige klerikale Kleiderordnung. Und einmal saß ich in einer Runde des katholischen „Primanerforums“ (Leitung der Jesuit Pater Lachmund), da kam Bengsch kurz in den Raum, eilte von einem Jugendlichen zum anderen, schüttelte die Hände, fragte eigentlich desinteressiert kurz nach dem Namen und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinde… und verschwand. „Der ist aber gar nicht freundlich“, sagte ein Freund am Tisch. Ich konnte dem nur zustimmen.

16.
Bengsch war die falsche Person an diesem exponierten Platz Ost – und West – Berlin. Sein kardinaler Fehler: Er hat zusätzlich zur DDR-SED-Mauer noch katholische Mauern in beiden Teilen der Stadt gebaut, er war in dieser theologischen Enge und Angst-Besessenheit der offiziellen DDR/SED Mentalität nicht ganz unähnlich. Und er hatte geradezu Lust, Dissidenten zu verfolgen und zu bestrafen, und ließ, wie oben gezeigt, Stasi-Methoden in der Kirche zu. 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Vatikan – ein Blick hinter die Mauern. Päpste und Prälaten regieren die Kirche hinter Mauern…

Prälaten und Päpste herrschten und herrschen hinter hohen Mauern
Ein Besuch in der Vatikanstadt
Von Christian Modehn (urspünglich eine Ra­dio­sen­dung im WDR 2009). Noch einmal veröffentlicht am 24.7.2021.

Im Jahr 2009 habe ich diesen Beitrag über den Staat „Vatikan-Stadt“ („Heiliger Stuhl“) veröffentlicht. Diese Hinweise sind nach wie vor gültig: Die hohen und dicken Mauern des Vatikans umgeben die Herrscher der Katholischen Kirche noch immer. Das Thema „Katholizismus ist eingemauert“ wäre ein spezielles Thema, wenn man des Mauerbaus am 13.8.1961 in Berlin gedenkt und an Regime denkt, die sich einmauern…

Am 11. 2. 2009 hat einer der ungewöhnlichsten Staaten der Welt sein 80 jähriges Bestehen gefeiert: Nicht nur ein Kleinstaat, wie Andorra, sondern noch kleiner als ein Kleinst- Staat wie etwa die Republik San Marino. Unser Staat verfügt zwar nur über knapp einen halben Quadratkilometer Fläche und zählt 550 Bürger. Aber in diesem Winzling von Staat ist sehr viel politische und religiöse Macht versammelt. Sie wissen es bereits: Wir meinen die Vatikanstadt: In einem Vertrag mit dem Faschisten Benito Mussolini war es Papst Pius XI. im Jahr 1929 gelungen, einen souveränen Staat zu errichten.
Jeder Rombesucher muss die Republik Italien verlassen, wenn er dem Papst auf dem Petersplatz zujubeln will: Denn der Segen „Urbi et Orbi“ wird auf ausländischem Territorium, auf dem Gebiet der Vatikanstadt, gespendet. Und die umfasst z.B. den Petersdom, die Sixtinische Kapelle, die vatikanischen Gärten, einige Kirchen, Paläste und Verwaltungsgebäude sowie auch noch exterritoriale Gebiete wie die luxuriöse Sommerresident Castel Gandolfo. Wenn der oberste Hirte vom Petersdom aus seinen frommen Schäfchen den Segen erteilt, bleibt er selbstverständlich das politische Oberhaupt seines souveränen Staates, der Vatikanstadt. Aber die Rompilger sollten trotz Weihrauch und lateinischen Gesängen einen klaren Kopf behalten: Denn das vatikanische Staatsoberhaupt ist mit einer weiteren umfassenden Macht ausgestattet: Die Päpste ließen es sich vor 80 Jahren von Mussolini verbriefen, dass sie sogar als einzelne Personen auch „Völkerrechtssubjekte“ sind, also geradezu unantastbare Würde weltweit genießen. Als Inhaber des „Heiligen Stuhls“ sind die Päpste von höchster moralischer und religiöser Autorität. Die Appelle z.B. beim Segen Urbi et Orbi stammen also vom Heiligen Stuhl, nicht vom vatikanischen Staatsoberhaupt. Auch Benedikt XVI. fühlt sich in dieser doppelten Rolle als Politiker und religiöser Führer zugleich  recht wohl.
Wer einmal wissen möchte, in welchem Umfeld der Papst lebt, muss hohe Festungsmauern  aus dem 16. Jahrhundert überwinden. Denn das ganze Gebiet der Vatikanstadt ist von meterhohem Gestein umgeben, es ragt bis zu 20 Meter in die Höhe. Die Berliner Mauer wirkt demgegenüber wie ein politischer Witz. Die Botschaft ist deutlich: Besucher sind in der Vatikanstadt nicht erwünscht. Zahlungskräftige Touristen sind lediglich in den vatikanischen Museen willkommen, nicht im Innern des Staatsgebietes. Es wäre darum sinnlos zu versuchen, als frommer Christ aus den Vatikanischen Museen auszubrechen, um ins freie Gelände der Vatikanischen Gärten zu gelangen. Und wer einmal die Gnade empfangen hat, im Vatikanischen Archiv Akten zu studieren, sollte bei der strengen Bewachung besser nicht die Tür öffnen, die ins Innere der päpstlichen Herrschaft führt. Erfolgreicher könnte der Versuch sein, mit einem Rezept ausgestattet, die Apotheke innerhalb der  Vatikanstadt zu konsultieren. Man sollte den kontrollierenden Schweizer Gardisten an der „Porta Santa Ana“ allerdings nicht verraten, dass man „die Pille“ oder gar „Kondome“ zu kaufen wünscht. Die gibt es nämlich nicht in der päpstlichen Pharmazie. Und so wäre dieser Versuch, ins Innere der Papst Stadt einzudringen, zum Scheitern verurteilt. Erfolgreich könnte vielleicht das Ersuchen sein, unbedingt Geld zu wechseln bei der Vatikanbank IOR, schließlich, so wurde berichtet, hätten ja auch machtvolle Familien aus Neapel und Sizilien ihr Geld dort anlegen wollen.
Man sollte gar nicht erwarten, Frauen im Innern des Papststaates zu treffen: Die wenigen Nonnen des Staates müssen sich um Essen und Wäsche ihrer geistlichen Herrn kümmern, einige andere Damen sind im Radio Vatikan mit der Weitergabe päpstlicher Lehren befasst. Wer Tierliebhaber ist, sollte versuchen, auf dem Vatikan Friedhof nach der letzten Ruhestätte des einst so beliebten, weil so umtriebigen Katers Rambo zu fragen: Er ist das einzige nicht getaufte Wesen, das in vatikanischer, d.h. katholischer  Erde ruht.
Der ganze Staat zählt kaum 40 Straßen. Eine Gasse führt zum Beispiel zur Obersten Glaubensbehörde. Dort verfolgte ihr damaliger Chef Kardinal Joseph Ratzinger angebliche Ketzer wie Hans Küng oder Leonardo Boff. Die geistlichen Bürokraten dort im Range eines Erzbischofs verdienen 3.500 Euro netto monatlich. „Wer in einem Interview aber irgendein Geheimnis verrät und dann namentlich zitiert wird“, berichtet der Publizist Alexander Smoltczyk, „kann sein Entlassungsschreiben sofort abholen“. Innerhalb der vatikanischen Mauern ist Selbständigkeit im Denken absolut  unerwünscht. Ein hoch angesehener Insider, Prälat Walter Brandmüller, kann es sich leisten, öffentlich zu sagen: “Man profiliert sich niemals, die Regel heißt: Bloß nicht aufffallen“. Der Vatikan Prälat betont sogar: “Das Ideal des kurialen Funktionärs ist die graue Maus“.
Innerhalb der Mauern überwacht ein klerikaler Mitarbeiter den anderen. Ausschweigungen, auch sexueller Art, sind unter diesen repressiven Bedingungen absolut tabu. Solche Freiheiten dürfen sich Kurienmitarbeiter nur außerhalb der Mauern, also im Sumpf der Metropole Rom, leisten. „Der einzige Unterschied, der bei den Vatikanprälaten zählt, ist die Frage, ob man hetero – oder homosexuelle Vorlieben hat“, berichtet Alexander Smoltczyk. Ältere Herrschaften aus dem Vatikan befriedigen ihre Lust, so wird berichtet,  eher in Luxus Restaurants in der römischen Altstadt. Alexander Smoltczyk nennt die Adressen. Aber diese Freiheiten nehmen sich alle Beteiligten selbstverständlich in absoluter Verschwiegenheit. Verlogenheit wird zum Prinzip, schließlich will man ja noch möglichst lange dem Hof, dem päpstlichen, dienen. Beförderungen spricht der Papst nach eigenem Gutdünken aus, er herrscht wie ein absoluter Fürst. Sehr treffend nennen alle Lexika die Vatikanstadt eine absolute Monarchie. Menschenrechte klagt der Papst nur bei anderen Staaten ein, auf seinem eigenen Territorium vereinigt er in seiner Person alle drei politischen Gewalten.
Der unangemeldete und unerwünschte Besuch im Innern des Papststaates ist eigentlich schnell beendet. Die Türen zu den Behörden in den Renaissance Palästen öffnen sich nur Eingeweihten, und die müssen geweiht sein. Aber der verstohlene Blick in die Gemächer hoch oben zeigt: Da wird das Evangelium verwaltet, inmitten antiker Möbel, von Seidentapeten umgeben und barocker Kunst verziert. „Wer angesichts des Vatikans noch römisch – katholisch bleibt, der  muss schon sehr, sehr tapfer sein“,  sagt ein Insider, natürlich anonym. Aus Angst.

Zahlreiche Informationen verdank ich dem neuen Buch (2009!) von Alexander Smoltczyk, der in Rom als Journalist arbeitet. Er hat seiner Studie den Titel „Vatikanistan“ gegeben. Er will damit gewisse Anklänge an zentralasiatische Regime wecken, die, wie etwa Usbekistan, nicht gerade Vorbilder der Demokratie sind. Das Buch mit Lesebändchen (!) hat 352 Seiten und kostet 17,95 €, erschienen ist es im Heyne Verlag in München. Sehr zu empfehlen!

Katholische Kirche in Deutschland – vor der Abspaltung von Rom?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Dieser kurze Hinweis ist interessant, weil er das mögliche Scheitern des „Synodalen Weges“ der katholischen Kirche in Deutschland heute mit einem Hinweis auf das tatsächlich Scheitern des „Niederländischen katholische Pastoralkonzils“ und damit der katholischen Kirche der Niederlande insgesamt begründet. Nebenbei: Bekanntlich hat Philosophie immer die Aufgabe, Religionskritik zu lehren.

Dieser knappe Hinweis hat sechs kleine Kapitel:

1. Die heutige Angst im Vatikan vor einem Schisma.
2. Was ist ein Schisma, bzw. damit eng verbunden, was bedeutet der Häresie-Vorwurf?
3. Der „Synodale Weg“ der Kirche in Deutschland.
4. Das Scheitern der „Synode der katholischen Kirche in den Niederlanden“ als Hinweis auf das Scheitern (die Erfolglosigkeit) des „Synodalen Weges“ in Deutschland.
5. Warum die römische Kirche außerstande ist, tiefgreifende Reformen, die den Wert einer Reformation haben, zu gestalten.
6.
Warum wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma in Deutschland?

1.
Die katholische Tageszeitung „La Croix“ (Paris) ist meist gut informiert über das, was die päpstliche Kurie und der Papst über die katholische Kirche in Deutschland denken. Der Vatikan-Korrespondent dieser Zeitung Loup Besmond de Senneville publizierte am 26.6.2021 einen Beitrag mit dem Titel: „Deutschland, die große Angst (des Vatikans) vor einem Schisma“. Dieser Titel deutet schon an, wie die Kirchenführer im Vatikan nun in Deutschland Angst erzeugen wollen: Denn nichts ist für „normale“ Katholiken belastender, als eines Schisma bzw. der Häresie angeklagt zu werden.
2.
Schisma ist ein Wort aus dem Griechischen und bedeutet Abspaltung von einer bestehenden Kirchenorganisation. Ein Schismatiker wird aber schnell zu einem Häretiker in der Sicht des katholischen Kirchenrechts, weil etwa die Ablehnung des päpstlichen Primates nicht nur ein Schisma bewirkt, sondern eine Irrlehre ist, also eine Häresie. Es gibt also nur eine geringe Trennschärfe zwischen dem mehr aufs Institutionelle abzielenden Schisma und der Ablehnung bestimmter Dogmen, also der Haltung der Häresie.
Es gab bedeutende Abspaltungen von der römischen Kirche in den letzten Jahrzehnten, etwa die Gründung der Alt-Katholischen Kirche in Deutschland als Protest einiger Theologen gegen das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit 1871. Es gab die, in Deutschland kaum bekannte, Abspaltung von Rom durch zahlreiche Pfarrer, die 1920 die von Rom unabhängige „Tschechoslowakisch-Hussitische Kirche“ gründeten, die in den ersten Jahren einen starken zahlenmäßigen Zuspruch fand. Diese Kirche besteht bis heute. Man denke an die unabhängige katholische Kirche auf den Philippinen, die Aglipayan – Kirche. Und es gab kürzlich die Spaltung, die der ursprünglich römisch- katholische, dann aber traditionalistische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 vollzog, als er ohne die Erlaubnis Roms vier seiner traditionalistischen Priester zu Bischöfen weihte. Diese Gemeinschaft besteht bis heute und die römischen Gelehrten sind sich nicht im klaren, ob diese Pius-Brüder nun bloß Schismatiker oder schon Häretiker sind. Viele Kenner meinen, die Traditionalisten sind Häretiker.
Man sieht bei diesem Thema, dass es fürs katholische Denken tatsächlich eine Art „Wahrheits-Zentrale“ im Vatikan gibt, die einfach verfügen kann: „Du bist Häretiker, du bist Schismatiker“. Dass diese Wahrheitszentrale („Glaubenskongregation“, einst „Inquisition“) selbst häretisch sein kann bzw. auch ist, liegt außerhalb des selbstherrlichen Blickfeldes der „Mitarbeiter der Wahrheit“ (so der Wahlspruch von Kardinal Joseph Ratzinger). Man denke nur daran, mit welcher Bravour der Vatikan den Wahn der Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert bis heute pflegt und verteidigt….Aber dies ist ein anderes Thema.
3.
Der „Synodale Weg“ der katholischen Kirche in Deutschland, 2019 begonnen, ist durchaus bekannt, es handelt sich um einen „Gesprächsprozess eigener Art“, an dem Laien und Kleriker beteiligt sind. Werden Beschlüsse gefasst, die tatsächlich dringende Reformbeschlüsse wären, wie die Aufhebung des Pflichtzölibates, müssen diese Beschlüsse „selbstverständlich“ in den Vatikan zur Überprüfung und Genehmigung geschickt werden. Nun weiß jedes Kind, dass grundlegende Reformwünsche, wie etwa zum Zölibat oder zum Priestertum der Frauen, von den Herren der Kirche a priori abgeschmettert werden, auch von Papst Franziskus, der bekanntlich alles andere als ein deutlicher und präziser Reform-Theologe und Reformpapst ist.
Der Synodale Weg kann also als eine Art Freizeitbeschäftigung diskussionsfreudiger, oft frustrierter Katholiken, ohne weitreichende Bedeutung, interpretiert werden. Man denke etwa auch an die mit großem Aufwand betrieben, aber ziemlich wirkungslose „Synode der deutschen Bistümer“ in Würzburg (1971 -1975) oder an spätere Beratungsrunden in vielen einzelnen Bistümern, wie auch in Berlin unter Bischof Joachim Meisner, die nichts anderes waren als zeitraubende Debatten. Der Autor dieses Textes, damals noch Mitglied der römischen Kirche, hat selbst an solchen Tagungungen teilgenommen, da wurden Laien vom Klerus mit leeren Versprechen schlicht und einfach in die Irre geführt. Ich denke an die von mir inszenierten Debatten über Kirchenreformen in der Großstadt, die nichts anderes waren als hübsche Plauderstündchen.
Führende vatikanische Kleriker warnen jedoch seit langem vor dem heutigen „Synodalen Weg“: „Niemand weiß, wie weit die Deutschen gehen werden, aber es ist potentiell explosiv“, zitiert der Korrespondent von „ La Croix“ vatikanische Herren, auch Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Heiligen Stuhles, hat mehrfach seine Sorgen geäußert, dass der Synodale Weg die Einheit der Kirche störe. (Mit Einheit der Kirche meint er natürlich die vom Vatikan definierte Einheit der Kirche).
4.
In den Niederlanden wurde das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 65) und dessen Reformbeschlüsse mit besonders großem Enthusiasmus aufgenommen. Sie veranstalteten von 1966 – 1970 das „Pastoraal Concilie“, das niederländische Pastoralkonzil, ein Beratungsgremium aus Laien, Priestern und Bischöfen. Sie waren entschlossen, auf ihre Weise die Reformvorschläge des Zweiten Vatikanischen Konzils für ihre Kultur und ihr Land umzusetzen und zu erweitern. Am 7.1.1970 wurde etwa vom Pastoralkonzil mit überwältigender Mehrheit beschlossen, dass Priester heiraten dürfen und als verheiratete Priester weiterhin in ihren Gemeinden arbeiten sollten. Dieses Thema war nur eines, das gemäß dem römischen System nur von den Herren der Kirche im Vatikan genehmigt werden konnte. Der Beschluss der katholischen Niederländer wurde selbstverständlich im Vatikan abgelehnt. Zuvor hatten sich die niederländischen Katholiken in Rom total unbeliebt gemacht wegen ihres neuen Glaubensbuches, den sie „Neuen Katechismus“ nannten, ein Buch, das den christlichen Glauben in moderner Sprache nachvollziehbar beschreibt, ohne auf Kirchenkritik explizit zu verzichten, etwa was den Zentralismus der Kurie angeht. Dieses Glaubensbuch wurde in 34 Sprachen übersetzt und zu hunderttausenden verbreitet. Das waren Zeiten, als einige progressive Geistliche etwa in Berlin aus purer Neugier plötzlich begannen, Niederländisch zu lernen, um dieses Buch zu lesen.
Aber Rom hatte nicht das geringste Interesse, in einen Dialog mit den sehr reformbegeisterten Niederländern einzugehen. Der Vatikan hörte damals wie heute auf die Stimmen der Reaktionären und setzte den Niederländern dann Bischöfe vor, die ganz stramm und extrem auf römischem Kurs standen und entsprechend autoritär handelten.
Mit anderen Worten: Das Niederländische Pastoralkonzil war ein begeistertes Unternehmen, auch von den damaligen Bischöfen, wie Kardinal Alfrink oder Bischof Bluyssen unterstützt, aber es war eine Art Spielwiese, die Beschlüsse des Pastoralkonzils konnten nicht Wirklichkeit werden. Immer mehr Katholiken zogen sich enttäuscht von der Kirche zurück, heute nennen sich noch etwa 23 Prozent katholisch, zur Messe am Sonntag gehen regelmäßig etwa 1 Prozent. Die katholische Kirche der Niederlande wurde vom Papst (Johannes Paul II. und Benedikt XVI.) de facto als progressive Kirche zerstört, vor allem durch zahlreiche sehr konservative Bischöfe, am bekanntesten wurden Simonis und Gijsen, aber es sind noch viele andere. „Diese reaktionären Bischöfe haben ihre Gläubigen im Stich gelassen“, sagen niederländische Katholiken seit langer Zeit, resigniert. Und die Gläubigen sind „ausgewandert“, aber wohin? In kleinere eigenständige Basisgemeinden (etwa die Gemeinde, die Huub Oosterhuis gegründet hat) oder in progressive protestantische Kirchen (wie die Remonstranten) oder in spirituelle Gruppen, die noch sehr zahlreich sind in Holland. Ein explizit progressiver niederländischer Katholizismus (im „Synodalen Geist“) ist fast nicht mehr vorhanden. Die großen Orden, wie die Franziskaner, Dominikaner, Jesuiten oder Augustiner stehen kurz vor dem Verschwinden, falls nicht polnische oder indische „Mitbrüder“ noch ein leerstehendes Kloster bewohnen wollen. Jedenfalls ist die Kultur der Orden und Klöster, auch der Frauenorden, so gut wie tot. Ursache dafür ist nicht etwa der vom Rom viel genannte säkulare Ungeist, sondern vor allem das reaktionäre und sture Verhalten Roms und der meisten Bischöfe. Sie haben die Katholiken vertrieben, das ist klar. Der niederländische Katholizismus wurde von Rom und den meisten Bischöfen „platt“ gemacht, Tendenz „scheintot“, sagen manche. Das wäre ein Thema für deutsche Historiker, die nicht der Kirche und ihrer Kontrolle verpflichtet sind, also keine Theologen, sondern Historiker sind.
NOCHMAL direkt zu Kapitel 4:
Die Strukturen der römisch-katholischen Kirche sind so, dass die herrschenden Kleriker über alle Gewalten verfügen. Sie haben sich selbst zu den einzig maßgeblichen Interpreten der Bibel und der Kirchenlehre gemacht, der Papst hat sich mit seinem Anspruch, in Glaubens-und Sittenfragen unfehlbar gemacht und ins Getto eingemauert. Nun gibt es zwar die ca. mehr als eine Milliarde katholischer Laien: Aber die haben in der Kirche nichts zu bestimmen, können nicht mitbestimmen und mitentscheiden. Sie sind wie immer die gehorsamen Schäfchen, denen der Klerus jetzt, weil alles andere total blamabel wäre, gewisse Debattiermöglichkeiten freistellt. So weckt diese autoritäre und, was Demokratie angeht, wahrlich aus der Zeit gefallene religiöse Großorganisation nur den Anschein, dialogbereit und lernfähig zu sein. Sie ist es aber gar nicht. Dies nicht nur zu erkennen, sondern auch mit allen Konsequenzen für einen anderen religiösen Weg anzunehmen, fällt sehr vielen Katholiken schwer. Sie begeben sich gern auf die Spielwiese und fühlen sich aufgewertet, weil sie ein paar Worte sagen, die bei den ewigen Strukturen dieser Klerus beherrschten Kirche aber letztlich keinerlei Rolle spielen. Masochismus und katholische Kirchenbindung waren und sind oft eine innige Einheit.
Um wirklich frei und befreit zu sein, muss ein Schisma doch auch mal gewagt werden. Davon hat der große Reformtheologe Hans Küng leider nie gesprochen. Hätte Luther ewig Angst vor dem Papst gehabt, wäre die Papstkirche entweder verschwunden (was Nietzsche bereits voller Freude andeutete) oder sie würde als riesiges Renaissance – und Barock – Theater noch fortbestehen, zur Erbauung aller Theaterfreunde.
6.
Warum also wollen die Herren der Kirche in Rom kein Schisma der deutschen Katholiken? Nicht nur aus theologisch – ideologischen Gründen, damit des Vatikans Herrschaft universal bleibt.
Die Antwort ist auch und sehr materiell: 6,76 Milliarden Euro hat die katholische Kirche im Jahr 2019 an Kirchensteuern eingenommen. Auch die Spenden für den Vatikan, „Peterspfennig“ genannt, sind beträchtlich. Bricht diese ultrareiche deutsche Kirche für den Vatikan weg, wird sie schismatisch, geht sie eigene Wege, wäre dies auch ein finanzielles Desaster für den Vatikan, auch darauf weist der Korrespondent von „La Croix“ ausdrücklich hin.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholische Kirche ist am toten Punkt: Kardinal Marx beurteilt den Zustand der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 5. Juni 2021.

1.
In einem Brief bittet Kardinal Reinhard Marx den Papst, seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising zu akzeptieren.
Dieser Brief und die Erklärungen von Marx zu seinem Rücktritt am 4.6.2021 enthalten wichtige Aspekte vor allem zur immer noch nicht umfassend bearbeiteten „Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“, so Kardinal Marx wörtlich.
Auch die Auswirkungen des Rücktritts von Marx auf die anderen Bischöfe in Deutschland bleiben wichtiges Thema: Wie lange wird etwa der von den meisten Kölner Katholiken nicht mehr respektierte Kardinal Woelki sich noch mit aller Macht an sein Amt klammern können? An eine Vertreibung Woelkis aus seinem Bischofspalais in Köln denken die Kölner wohl noch nicht.
2.
Viel wichtiger und ganz zentral und bedenkenswert sind drei Worte in dem Brief von Marx an den Papst: Es handelt sich um den „gewissen toten Punkt“, an dem sich für Kardinal Marx die katholische Kirche jetzt befindet.
3.
Die Katholische Kirche also: An einem „toten Punkt“! Das hat man in der Deutlichkeit noch nicht von einem der prominentesten Kardinäle gehört. Klingt entfernt etwas nach Martin Luther. Was für eine treffende und wahre Analyse der Zustände der römischen Kirche heute. „Am toten Punkt“, das könnte heißen: Diese Kirche ist zwar noch vorhanden, als Organisation, als Macht rituellen Geschehens, als Repräsentation des Klerus mit allem üblichen „Brimborium“ der Mitras und Hirtenstäbe, umwölkt von Weihrauch-Schwaden. Aber, wie gesagt, diese Kirche ist weithin nur noch vorhanden, sie lebt nicht mehr, ist nicht mehr kreativ, ist nicht mehr lebendig. Und lebendig heißt: Mutig auch inhaltlich den christlichen Glauben neu aussagen. D.h: Alten dogmatischen und kirchenrechtlichen „Schrott“,könnte man diese dogmatisch ausgetüftelte System nennen, also entrümpeln, wie etwa das Zölibatsgesetz, den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt, die „Ehe für alle“ als Sakrament (nicht nur als „Segnung“) gestalten usw. Alte Traditionen mögen zwar alt sein, aber sie sind keineswegs noch „ehrwürdig“ für eine aufgeklärte Theologie und für demokratisch fühlende Menschen. Und ist es nicht geradezu lächerlich, wenn Kleriker so viel von Gott wissen und arrogant behaupten: Gott höchst persönlich will diese unsere Kirchengesetze?
4.
Der Duden belehrt uns, genau das von Kardinal Marx zitierte Wort „toter Punkt“ zu verstehen: „Die Wendung der tote Punkt kann zwei Bedeutungen haben:
– Ein Stadium, im dem keine Fortschritte mehr erzielt werden, in dem etwas stagniert: Die Verhandlungen waren auf dem toten Punkt angelangt.
– Ein Zustand stärkster Ermüdung, Erschöpfung: Ein starker Kaffee sollte ihr über den toten Punkt hinweghelfen“.

Die „Stagnation“ ist katholische Realität. Und sie ist von den Päpsten und den Klerikern seit Jahrzehnten und Jahrhunderten als solche gewollt. Natürlich gab es im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils (1962 -1965) kleine Reförmchen und Schönheitsreparturen, aber an den alten Dogmen (wie etwa dem furchtbaren Wahn der Erbsünde) wurde nichts verändert. Die unsäglich altertümliche Sprache der Messe wurde aus dem Lateinischen wortwörtlich in die modernen Sprachen übersetzt: Unverständlich fremd und störend ist diese Übersetzung aus dem Lateinischen bis heute.
Dies sind nur zwei Beispiele von vielen. Stagnation wird von den Hierarchen heute klein geredet mit dem Hinweis auf Reförmchen, etwa dass Laien ihre Meinung sagen dürfen (in „Laiengremien“), aber selbstverständlich nichts entscheiden dürfen (bestenfalls, ob die Sonntags-Messe um 11 Uhr statt um 10 Uhr beginnt). Von demokratischer Kultur keine Spur in dieser Kirche. Und die Päpste und Prälaten sind stolz darauf und sagen das so, dass ihre Kirche nicht demokratisch ist. „Gott will keine demokratische Kirche, wir Bischöfe reden zwar vom allgemeinen (!) Priestertum aller katholischen Gläubigen, aber wir Kleriker halten uns nicht daran“. Das ist die Realität, die jeder Aufmerksame kennt.

In der zweiten Duden-Definition des „toten Punktes“ wird auf eine mögliche Schocktherapie gegen den toten Punkt im Alltag verwiesen: Etwa Koffein bei starker Müdigkeit.
Im Falle der römischen Kirche heißt die „Schocktherapie“ gegen den Null-Punkt: Gebt der Vernunft, dem Geist, dem Verstand, den absoluten Vorzug in allen kirchlichen und theologischen Fragen. So wie die Missbrauchskatastrophe nicht von Klerikern wegen deren theologischer Befangenheit „gelöst“ werden kann, sondern nur von „auswärts“, also von vernünftigen Spezialisten, so kann auch der „tote Punkt“, an dem sich die Kirche theologisch befindet, nicht von der Theologie überwunden werden. Denn Theologie als „kirchliche, d.h. kirchen-amtliche „Wissenschaft“ ist befangen, wenn nicht blind, zumindest immer verängstigt.
Eine grundlegende Reformation einleiten kann allein eine kirchenamtlich unabhängige Vernunft. Sie allein ist imstande, den Wahn mancher Dogmen und Gesetze zu erkennen und deren Abschaffung zu fordern. Dieser Verzicht als Befreiung macht die Glaubens“lehre“ einfach und nachvollziehbar. Und weiter reformierbar und wieder neu aussagbar für spätere Generationen.
5.
Wird es dazu kommen, wird also „der tote Punkt“ überwunden werden? Kardinal Marx als frommer Theologe setzt erwartungsgemäß, so wörtlich, „auf den österlichen Glauben“, also auf eine Art Auferstehung der Kirche von den Toten. Dieser Glaube aber setzt bei der Überwindung des toten Punktes auf eine Aktivität Gottes. Aber Gott kann bekanntlich gemäß altem dogmatischen Denken „handeln“ wann und wie und wo er „wunderbar“ will. Reformen geraten aber damit ins Willkürliche, in den Wartestand auf ein Wunder (der erneuten Auferstehung). Vielleicht will aber dieser Gott gar nicht mehr diese Kirche. „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“, fragte schon Nietzsche, vieles spricht heute dafür.
6.
Wer aber noch als Mensch auf seine Vernunft setzen will, hält an der Erkenntnis fest: Tote Punkte können NUR mit dem Mut der Vernunft überwunden werden. Vorausgesetzt: Alle Interessierten handeln vernünftig in ihren Reformen, und vernünftig heißt, philosophisch gesehen, immer auch frei und demokratisch.

Zur Vertiefung zu dem Thema: „Es ist vorbei“: Katholische Kirche in Europa: LINK
Und auch:LINK

Zum neuen Buch von Hubertus Halbfas, Säkulare Frömmigkeit: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der unbekannte Comenius ist der Theologe Comenius

Das neue Buch von Manfred Richter
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Keine Frage: Jan Amos Komensky ist nicht nur ein bedeutender Intellektueller Tschechiens. Er ist unter dem Namen Comenius weltweit bekannt als ein bis heute inspirierender Pädagoge, deswegen gilt er als „Lehrer der Völker“. Comenius lebte von 1592 bis 1670, er wurde von den katholischen Habsburgern in seiner Heimat verfolgt, flüchtete nach Polen und in die Niederlande, in Amsterdam ist er gestorben. Er hat ein sehr umfangreiches Werk hinterlassen, und darunter zahlreiche theologische Studien, die stets mit seiner kirchlichen Praxis verbunden sind. Und darum geht es hier.
2.
Jetzt hat der Berliner Comenius-Spezialist, Pfarrer Dr. Manfred Richter, erneut in einem umfangreichen Buch einige seiner gründlichen Studien zu dem hierzulande eher unbekannten Theologen und Bischof der protestantischen „Brüderunität“ Jan Amos Comenius vorgelegt: Der Untertitel macht von vornherein die ökumenische Energie dieses tschechischen Theologen deutlich: “Ein Bischof fordert: Ökumene radikal“. Warum radikal? Weil Comenius überzeugt ist: Eigentlich könnten die unterschiedlichen, verfeindeten protestantischen Kirchen mit gutem Willen und in friedfertigem Geist zur Versöhnung finden. Dabei werden auch die spirituellen Verbindungen von Comenius mit dem großen böhmischen Reformator Jan Hus deutlich: „Die Gemeinsamkeit liegt in der Bereitschaft, auf Gott selbst sein Vertrauen zu richten, nicht auf die abgeleitete Autorität der Kirche, die freilich ihre gottgewollte Bedeutung behält“ (S. 39).
3.
Zuflucht fand der aus dem katholischen Böhmen vertriebene Comenius auch in Polen. Mit den damals dort dialogfreundlichen Katholiken suchte er das ausdauernde, geduldige Gespräch, etwa im „Religionsgespräch in Thorn“ im Jahr 1645. Dort forderte er als Weg zur Versöhnung mit den Katholiken ein universales Konzil. Darüber hat Manfred Richter ein eigenes Buch verfasst.
Nebenbei: Heute hat das katholisch reaktionäre, antisemitische Medienimperium Radio Maryja in dieser Stadt Thorn (Torun) seine Zentrale, die beste Stütze der PIS Regierung. Ob der Manager, der Redemptoristen-Pater Rydzyk, schon mal den Namen Comenius gehört hat?
4.
Für viele LeserInnen neu dürfte sein, dass auch der Philosoph Leibniz den Theologen und Pädagogen Comenius schätzte, was sich in seinem Abschiedsgedicht zu Ehren von Comenius etwa ausdrückte (S. 359). Auch zum Thema „Leibniz und Comenus“ bietet das empfehlenswerte Buch von Manfred Richter viele Informationen.
5.
Comenius konnte als ökumenischer Vermittler wirken, weil er das Dogma der damals starken und mächtigen Kirchen teilte, das Trinitäts-Dogma, also den Glauben an den dreifaltigen, dreieinigen Gott. An diesem Bekenntnis hielt Comenius unerschütterlich fest in den Auseinandersetzungen mit der kleinen kirchlichen Bewegung der Sozzinianer, benannt nach den italienischen Juristen und Theologen aus der Familie Sozzini: Sie wollten und konnten nicht anerkennen, dass Jesus von Nazareth als Gott und damit als eine zweite Person in der Trinität betrachtet wird. Die Sozzinianer fanden ebenfalls Zuflucht in dem damals toleranten Polen. Comenius begegnete ihnen, den „Anti-Trinitariern“, also. Manfred Richter spricht von „aggressiven Bekehrungsbemühungen“ seitens der Sozzinianer. Und er nimmt als Historiker selbst persönlich Stellung, wenn er die Sozzinianer Christen nennt, aber Christen in Anführungszeichen, so werden diese verfolgten anders denkenden Christen erneut verurteilt. Gut, dass wenigstens die niederländischen Remonstranten die Sozzinianer immer noch schätzen. Woher kommt denn diese Arroganz zu wissen, dass der arme Prophet Jesus von Nazareth zur zweiten Person der Gottheit erklärt werden kann. Geht es nicht auch einfacher? Muss man einen lebendigen Gott immer trinitarisch denken? Sicher nicht, Gott „nur“ als Geist verstanden ist auch immer schon als Geist lebendig.
Manfred Richter schreibt etwa, die Sozzinianer hätten „die komplexe religiöse Logik des Heilsgeschehens (was ist denn das?, CM) nicht nachvollziehen können und eine „plumpe Eindimensionalität vertreten“ (S. 229, Fn. 16). Die Sozzinianer hätten also nicht die (offenbar trinitarische?) Qualität der Texte der Bibel gekannt, behauptet er. Als würde es im Neuen Testament auch nur einen einzigen bescheidenen Hinweis geben auf das Trinitätsdogma! Dieses ist ein Produkt des 4. Jahrhunderts, unter allerhand politischem Druck zustande gekommen, was hier nicht vertieft werden kann.
Über die Sozzinianer hat sich treffend und richtig der Philosophiehistoriker Kurt Flasch geäußert in seinem neuen empfehlenswerten Buch „Christentum und Aufklärung“.
Auch die in dem Buch „Der unbekannte Comenius“ geäußerte Liebe zu dem Kirchenvater Augustin, dem Erfinder der ebenfalls unbiblischen Erbsündenlehre, wirkt befremdlich, dass christliches Leben ohne die Erbsünden-Ideologie möglich ist, kann man anderswo nachlesen, LINK.
Aber Manfred Richter zweifelt offenbar dann doch an seinem Bravour-Urteil gegen die Sozzinianer und deren angeblicher Liebe zur willkürlichen Auswahl der Bibeltexte. Richter schreibt also in seinem Buch etwas später sehr richtig: „Allerdings muss die Frage erlaubt sein, taten es (also die willkürliche Auswahl) die orthodoxen Christen nicht auch, und bis heute? (S. 241.) Wohl wahr!
Nebenbei. Bei einer willkürlichen Auswahl der Bibeltexte wären dann also auch die so genannten orthodox glaubenden Christen Häretiker, also Leute, die auswählen.
Comenius sprach von einer triadischen Struktur der Wirklichkeit, die ein stummes Zeugnis biete für den dann doch auch triadisch gedachten Gott. Also weil Gott triadisch ist, ist die Wirklichkeit triadisch? Ist es nicht umgekehrt: Das Triadische wird von Menschen auf Gott übertragen, wie es später dann Hegel in seiner Logik der Dialektik tat: Weil der menschliche Geist (!) dialektisch, also irgendwie „trinitarisch“ ist, muss auch Gott als der absolute Geist, dialektisch, also „trinitarisch“, verstanden werden… Aber das nur am Rande, von Hegel ist in dem Buch Manfred Richters keine Rede.
6.
Weil das Thema der dogmatisch gefassten Trinität ja durchaus ein ökumenisches Thema sein sollte, das gegenüber den Festlegungen aus dem 4. und 5. Jahrhundert debattiert werden sollte: ein Zitat des großen katholischen (sic) Theologieprofessors und Dominikanermönchs in Nijmegen Edward Schillebeeckx: Er wollte und konnte ehrlicherweise von Gott nicht „zu viel wissen“. Er sah sich verpflichtet, Gott eben Gott sein zu lassen, als ein bleibendes Geheimnis. Darum sagte Schillbeeckx: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts-Theologie fast ein Agnostiker. Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“. („Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Luzern 1994, S. 107).
7.
Ich habe im Oktober 2017 ein Interview mit Manfred Richter über seinen Vorschlag publiziert, eine „Erste gesamtökumenische Enzyklika“ zu verfassen. Das Interview ist nach wie vor interessant, es wird in dem Buch nicht erwähnt, siehe: LINK.

Manfred Richter, „Der unbekannte Comenius. Ein Bischof fordert – Ökumene radikal“. LIT Verlag Berlin 2021, 406 Seiten, 29,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Für den Bruch mit der bestehenden Kirche.

Der katholische Theologe Hubertus Halbfas plädiert für eine „säkulare Frömmigkeit“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Das neue Buch des katholischen Theologen Hubertus Halbfas ist – im ganzen gesehen – ein dringender Aufruf zu einer grundstürzenden Reformation der Kirchen: „Nur ein Systembruch (mit dem dogmatischen Kirchensystem, CM) kann die Kirchen retten“ (S. 139), „sonst bleibt auch das Rest-Christentum entbehrlich“ (S. 200).
2.
Halbfas hat einen radikalen Reformvorschlag, also einen an die Wurzeln des bisher Selbstverständlichen gehenden Vorschlag: Nur eine säkulare Frömmigkeit, die kritische Glaubende wie kritische Nichtglaubende gemeinsam (!) leben und reflektieren können, ist noch relevant für die Menschen von heute. Er denkt dabei an die gebildeten Europäer, nicht aber an die Armgemachten in Afrika oder Lateinamerika, die Religion immer noch als Opium offenbar brauchen und gebrauchen.
3.
Das neue Buch von Halbfas könnte trotz dieser Begrenzung als eine Art Impuls für die aktuellen „Reformbewegungen“ („Maria 2.0“ etc.) und den so genannten „synodalen Weg“ gelesen werden. Diese immer noch ein bisschen hoffnungsvoll gesinnten noch kirchentreuen Katholiken sollten, salopp gesagt, das Buch debattieren und es ihren Bischöfen, Generalvikaren, Ordensoberen usw. schenken „Bitte lesen, Pflichtlektüre“.
4.
Hubertus Halbfas ist ein viel gelesener Autor mit etwa 16, zum Teil sehr umfangreichen Büchern (allein im Patmos Verlag) und ein deutlich schreibender und klar denkender, vor allem umfassend gebildeter Theologe. Er wird sich gesagt haben: Mit meinen 88 Jahren brauche ich jetzt auf keinen Hierarchen mehr Rücksicht zu nehmen. Dies hat er auch nie getan. Er hat die Gabe der Zuspitzung und der Radikalisierung von Erkenntnissen, eher eine Seltenheit unter katholischen Theologen Deutschlands.
5.
Warum ist das Buch „Säkulares Christentum“ so wichtig? Halbfas nennt in aller Kürze die wichtigsten theologischen und bibelwissenschaftlichen Erkenntnisse zur Gestalt Jesu Christi, zu den Kirchen und ihren Dogmen. Es sind Erkenntnisse, die in der theologischen Forschung überhaupt keinem Zweifel unterliegen, die aber von den (an alte Dogmen gebundenen) Hierarchien und ihren Theologen (sollte man besser sagen: Ideologen) ignoriert werden.
6.
Einige Erkenntnisse, an die Hubertus Halbfas in seinem neuesten Buch erinnert:
– Jesus von Nazareth ist nicht der Gründer der Kirche(n).
– Paulus kannte offenbar nur sehr wenige Lehren des historischen Jesus (etwa seine Gleichnisse). Paulus hat autoritär eine Dogmatik entworfen. Zum Beispiel: Gott als Vater im Himmel opfert seinen Sohn zur Erlösung der Menschheit. Es gibt einen „Unterschied zwischen dem Evangelium Jesu und dem Evangelium des Paulus“ (S. 200). Die „paulinische Erlösungskonstruktion ist eine fehlgeleitete Entwicklung“ (S. 162). Nicht erwähnt wird von Halbfas die zweifellos vorhandene poetische Begabung des philosophisch gebildeten Apostels Paulus, etwa sein „Hohes Lied der Liebe“ (1. Korintherbrief, Kap. 13), es sagt in seiner Deutlichkeit einen verwandten Inhalt zum Gleichnis Jesu vom „Barmherzigen Samariter“.
– Jesus von Nazareth, der Prophet, wurde seit dem 4. Jahrhundert als die zweite „Person“ einer göttlichen Trinität gedacht und damit auch als wahrer Gott verstanden und verehrt. „Der Christus ist eine Kunstfigur, ihn braucht die Kirche für ihre eigenen Repräsentation, für Herrschaft und Glanz“ (S. 140).
– Der authentische Jesus von Nazareth hat „mit dem Kirchen- Jesus der meisten Gebete, Lieder und Bilder nichts gemeinsam“ (S.191).
– Jesu Lebensprogramm ist das auch weltlich erfahrbare und realisierbare „Reich Gottes“ als ein Leben der universellen Gerechtigkeit. Das Spezifische an Jesus wird in seiner „offenen Mahlgemeinschaft“ sichtbar, das gemeinsame Speisen an einem Tisch mit unterschiedlichen, zum Teil einander verfeindeten Menschen (S. 176 f.). Diese offene Tischgemeinschaft haben die Kirchen zu einem exklusiven Sakrament umgedeutet und religiös verfremdet. Hier setzt Halbfas seinen Impuls: Erlösung im Sinne Jesu ist nicht ein transzendentes Geschehen, Erlösung als politische Befreiung geschieht auf Erden. Was „post mortem“ für die Menschen kommt, werden wir dann sehen, meint Halbfas….
– Die Dogmatik der ersten Jahrhunderte folgte der Macht, die vor allem ein Augustinus ausübte, etwa, als er seine Erbsündenlehre erfand und gegen Widerstände (gegen Bischof Julian von Eclanum u.a.) durchsetzte. An diesem Wahn des furchtbaren Erbsündendogmas halten die allermeisten Kirchen bis heute fest. Und vertreiben mit diesem Dogma nachdenkliche Christen aus den Kirchen.
– Die (katholische) Hierarchie hat sich also der von ihr erfundenen Christus-Gestalt bemächtigt und schließt in ihrer Herrschaft Frauen vom Priesteramt aus; die Hierarchie verfügt über die Gesetze der Moral, des Zugangs zu den Sakramenten etc. Die Hierarchie hat sich ihre eigene, von außen nicht kontrollierbare Welt aufgebaut.
– Es gibt Menschen, natürlich auch außerhalb der Kirchen, die dem Lebensentwurf Jesu entsprechen, die also als die weiteren Jesus-Gestalten angesprochen werden könnten: Halbfas nennt als Beispiele: Gandhi oder Janusz Korczak, Franz Jägerstätter und Maximilian Kolbe (S. 188f.).
7.
Sein Buch versteht der Autor ausdrücklich, vom Titel her, als Impuls für eine „säkulare Frömmigkeit“: Fromm hat für ihn eine ungewohnte, durchaus merkwürdige Bedeutung. Ich würde den Mut haben, diesen Begriff „säkulare Frömmigkeit“ mit „humanistischer jesuanischer Frömmigkeit zu übersetzen. Halbfas versteht Frömmigkeit als “rechtschaffen, sorgfältig, tüchtig, vortrefflich“ (S.11). Zur säkularen Frömmigkeit gehört selbstverständlich auch der Respekt vor den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschungen, der Biologie, der Geschichte, der Religionsgeschichte usw. Ich persönlich finde dieses Verständnis von Frömmigkeit noch zu eng, denn zum Menschen gehört auch das Transzendieren, die Erfahrung des unendlichen Geborgenseins in einer göttlichen „Hand“. Halbfas spricht selbst später davon, wenn er etwa ein Gedicht des Romantikers Eichendorf bewegend findet. Warum also diese enge Definition von Frömmigkeit?
8.
Wichtig bleibt der Hinweis von Halbfas: Ein Glaube, der an den Realitäten der heute erkennbaren Wissenschaften „vorbei-glaubt“, ist existentiell nicht hilfreich und deswegen auch sinnlos. „Nicht Flurprozessionen, sondern der chemisch richtige Dünger sichert eine gute Ernte. Nicht Gelübde schützen vor Diphterie und Scharlach, sondern eine Forschung, die den schützenden Impfstoff erfand“ (S. 47).
9.
Diese säkulare Frömmigkeit verbindet Glaubende wie Nichtglaubende. Insofern kann sich Halbfas selbst auch als säkular verstehen. In diesem Sinne benutzt er das Wort Gott nicht mehr als Titel, der reserviert wäre allein für Glaubende: “Ein Atheist kann das mit dem Wort Gott Gedachte als geistigen Entwurf des Weltganzen nehmen…“ (S. 171).
10.
Der Glaubende im Sinne von Halbfas erlebt eine innere, bleibend-geistig-seelische Präsenz. Dabei beruft sich der Autor auch auf den mittelalterlichen Philosophen Meister Eckart. Dessen Hinweis auf den „Göttlichen Funken“ in der Seele eines jeden Menschen findet Halbfas sehr angemessen für ein „aufgeklärtes Christentum“, wie das Buch im Untertitel fordert.
Interessant und weiter sehr bedenkenswert in dem Zusammenhang auch der viel zu knappe Hinweis: “Wir können auch die Stimme unseres Gewissens … als Stimme Gottes ansehen“ (S. 57). Leider werden diese Einsichten wie auch die zu Meister Eckart nicht vertieft. Das bestätigt den eher thesenartigen Charakter des Buches und weist auf einen Mangel an philosophischer Reflexion hin (Kant, Hegel etc.)
11.
Dies empfinde ich als überflüssig, wenn nicht störend: Der Text stellt sich als Dialog dar. ABER: Die Fragen stellt der Autor selbst. Gerade bei dem Thema und dem Titel wäre eine echte Person als Fragende sehr sinnvoll gewesen.
12.
Zur weiteren Debatte regen die Hinweise zum Sinn des Betens, vor allem der Fürbitte an; dazu hat sich Halbfas schon vor Jahrzehnten geäußert. Für ihn sind Bittgebete immer irgendwie egozentrisch und Ausdruck eines magischen Denkens. „Man kann nicht dafür beten, dass Borussia Dortmund gegen Bayern München gewinnt“ (S. 49). Beten für etwas hat bei Halbfas vor allem den Sinn: „Ich muss mich fragen, was ich etwa für einen Kranken tun kann, für den ich bete“ (S. 49).
13.
Problematisch finde ich, dass Halbfas nicht sieht: Das „klassische“ Beten, auch das Bittgebet, kann die Bedeutung einer persönlichen Poesie haben, auf die sich die Betenden dann noch einmal nachdenkend beziehen. Dabei könnten sie entdecken, dass sie durch diese Gebete in ihrem Wünschen und Fragen über alles weltlich Verfügbare hinausreichen, dass sie sich in ihrem Denken von sich selbst befreien und dem anderen denkend und liebevoll gesinnt zuwenden, dessen Stärke und Schwäche sehen. Solch ein Beten für einen anderen in diesem Sinne hat nicht den Charakter eines „magischen Denkens“. Es führt zur inneren Reife und Selbstfindung und „Nächsten-Findung“.
14.
Problematisch finde ich das erste Kapitel des Buches, das stark eintritt für den Glanz der griechischen Götterwelt. Halbfas spricht da von „poetischer Gültigkeit der altgriechischen Welt“ und dem „darin aufleuchtenden Geheimnis“ (S. 19). Kann man ja mal behaupten, aber es sei daran erinnert: Die ersten Philosophen Griechenland, wie Platon, waren froh, die griechischen Göttermythen im Logos hinter sich gelassen zu haben. Die Schönheit der Götter in ihren Statuen wird dann philosophisch vermittelt! Wir wissen heute aus vielerlei Mythen, wie diese Götter unter sich verfeindet waren, wie widersprüchlich ihr Charakter, wie verworren die Erzählungen sind. Diese Götterwelt muss nun wirklich nicht herhalten für ein heutiges Gespür von Heiligem und von Frömmigkeit. Von Kleists „Amphytryon“ usw. will ich lieber gar nicht sprechen. Ebenso wenig, inwiefern sich da Türen zum Polytheismus öffnen. Den muss man ja nicht verteidigen, wenn man den fundamentalistischen Monotheismus ablehnt. Das gilt allgemein und ist nicht auf Halbfas bezogen.
15.
Wie schon gesagt: es fällt auf, dass bei Halbfas doch eine gewisse Liebe zur Romantik durchbricht. So ganz rationalistisch will er dann doch nicht sein. Er will ja nicht nur die antike (also altgriechische) Naturfrömmigkeit, sondern auch das romantische Naturgefühl in den Diskurs über Religion einführen“ (S. 74). Halbfas spricht voller Achtung und Verehrung von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“, er sieht darin “mehr Frömmigkeit als in kirchlichen Gebetbüchern“ (77). Es gibt ja nun auch vernünftige Gebete, die sich auf einen personal gedachten Sinngrund („Gott“) von allem beziehen und nicht in einem stimmungsvoll schönen Mondnacht-Erleben verbleiben, ich denke an Bonhoeffers späte Gebete. Aber vielleicht, ironisch gefragt, können die Menschen auch zum Mond ein personales Verhältnis entwickeln, der Mond, der ihnen letzte Geborgenheit vermittelt…Wer weiß… darüber wäre zu diskutiere.
Deutlich ist jedenfalls: Auch die rationalistische Theologie kommt nicht ohne einen Rest von Verzauberung und romantischen Gefühlen aus. Das ist, philosophisch gesehen, nicht „schlimm“, wenn denn gesagt würde: Der menschliche Geist steuert den Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und romantischen Gefühlen. Von dieser koordinierenden, steuernden Funktion des Geistes ist leider keine Rede.
16.
Dass von der Evolution gesprochen wird, ist natürlich richtig und selbstverständlich. Ich hätte mir nur mehr präzisere Formulierungen gewünscht: Auf Seite 30 schreibt Halbfas: „Wir sind mit zwingender Konsequenz Geschöpfe der Evolution“ (S. 30). Wir sind Geschöpfe der Evolution, heißt das: Also hat uns die Evolution geschaffen? Aber: Wer oder was hat denn die Evolution erschaffen? Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Auch der Geist ist ein Produkt des evolutionären Geschehens. Er ist bereits in der toten Natur mit angelegt und insgesamt dem Universum inhärent“. Woher aber kommt dieser richtig erkannte „inhärente Geist“, dieses „Produkt des evolutiven Geschehens“?
17.
Vieles andere bleibt merk-würdig im kritisch – fragenden Sinne: Die globale politische Ungerechtigkeit des Neoliberalismus wird nicht umfassend angesprochen, auch nicht das Miteinander der verschiedenen Religionen, Islam, Buddhismus, Judentum, Hinduismus usw.
18.
Wichtig sind die Hinweise etwa zur theologischen Rechtfertigung der Kriege und der kirchlichen Abweisung von Wehrdienstverweigerern (S. 111 f). Seit Kaiser Konstantin stehen die Kirchen auf der Seite der Machthaber. Davon werden sie sich „nie mehr erholen können“ (S. 113), betont Halbfas. „Der jesuanische Ursprung und sein Reich-Gottes-Konzept sind in der kirchlichen Realität verblasst“ (ebd.).
19.
Welcher Gesamteindruck bleibt nach der Lektüre dieses Buches? Selbstverständlich wird jede LeserIN eigene Konsequenzen ziehen. Viele werden wohl die Konsequenz ziehen und die Institution Kirche als (zahlendes) Mitglied verlassen. Das geschieht ja auch. Aber was dann? Fühlen sich doch viele der „Ausgetretenen“ durchaus als spirituelle, vielleicht sogar als jesuanisch interessierte Menschen. Werden sie die Kraft haben, eigene Gemeinden der kritischen religiösen Vernunft zu schaffen? Oder sich den wenigen bestehenden „freisinnigen“ Kirchen anzuschließen?
20.
In jedem Fall wird aber deutlich, dass Halbfas die humane, „humanistische“ Lebenspraxis (im Sinne eines ursprünglichen Jesus von Nazareth) über alles geschätzt und empfiehlt. Explizit religiöse Kulte, Gebräuche, Riten hingegen bleiben unter dem Verdacht, nur die Herrschaft des Klerus zu stützen und Menschen von einem authentischen Leben abzulenken.
Religiöse Kulte, wie Wallfahrten, Prozessionen, Reliquienverehrungen, in den südeuropäischen und osteuropäische Ländern üblich, werden schnell missbraucht zur Verschleierung realer Zustände. Diese Kulte und Prozessionen, fördern, wenn sie denn mehr sind als touristische Folklore, nur die Scheinheiligkeit der Herrschenden. Und trotzdem werden sie vom Klerus weiterhin dem „Volk“ aufgedrängt. In Süd-Italien hat die Mafia ihre bis vor kurzem noch offiziell – kirchlich unterstützten Wallfahrtsorte. Und die katholische Volksfrömmigkeit in vielen Staaten Lateinamerikas hat auch nicht gerade demokratische und weithin gewaltfreie Verhältnisse geschaffen. Katholische Länder sind kaum Vorbilder der Demokratie, das liegt -psychologisch betrachtet – auch daran, dass die Leute wissen: Die „heilige römische Kirche“ ist selbst nicht demokratisch organisiert, sie kennt keine Gleichberechtigung von Frauen. Wenn das bei einer „von Gott gestifteten“ Institution Kirche so ist: Warum soll denn unser Staat demokratisch sein? Warum sollen die Männer aufhören extrem machistisch zu sein und Gewalt gegen Frauen normal zu finden? Diese Zusammenhänge sollten diskutiert werden.
So wie auch der evangelikale Glaube oder der Glaube vieler Pfingstgemeinden etwa in Nigeria den Zustand politischer und ökonomischer Ungerechtigkeit eher verfestigt. Christliche Religion ist also weithin oft Opium des Volkes, was selbstverständlich auch für alle anderen Religionen gilt. Ohne Religionen als Klerus-Herrschaft religiös sein und ohne Kirchenbindung jesuanisch sein – das ist wohl die Herausforderung religiös bzw. spirituell interessierter Menschen heute und morgen.

Hubertus Halbfas, „Säkulare Frömmigkeit. Gespräche über ein aufgeklärtes Christentum“. Patmos Verlag, 2021, 208 Seiten, 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Beten um ein Wunder in der Pandemie: Über die Macht des Glaubens und des Aberglaubens.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 25.4.2021.

1.
Am 1. Mai 2021 startet ein Marathon: Alle Katholiken sollen im Mai, dem Marien – Monat, so wünscht es Papst Franziskus, täglich den Rosenkrank beten. LINK.
Der „Rosenkranz“ muss vielleicht elementar kurz erklärt werden: Er ist ein traditionsreiches Gebet aus dem Mittelalter, das vor allem aus einer Verbindung von Bibelzitaten und dem „Ave Maria“, also dem „Gegrüßet seist du Maria“, besteht. Diese insgesamt 50 Ave Maria werden 4 mal durch das Vater Unser unterbrochen. Fürs Beten wird eine Gebetskette, der „Rosenkranz“, verwendet. Beim Beten kann durch die vielen monoton wirkenden Wiederholungen eine meditative Stille trotz der Worte entstehen. Wer an gut besuchten Rosenkranz – Andachten in Barockkirchen teilnahm, hörte förmlich das „Seufzen der Kreatur“…

2.
Die „Marathon – Beter“ im Mai 2021 sollen sich dabei in Verbundenheit wissen – auch durch Life-Schaltungen – mit berühmten Marien-Wallfahrtsorten weltweit. Denn dort sind ja schon Wunder geschehen. Und um die geht es in dieser ehrgeizigen Gebets – Veranstaltung. Sie wird ausdrücklich Marathon genannt, also assoziiert mit einer intensiven sportlichen körperlichen Anstrengung. Die alte katholische Maxime „Betet heftig, stark und viel“ wird also aktualisiert. Als Sieger gilt allerdings nicht der menschliche Beter, sondern – hoffentlich – Gott persönlich. Denn er soll sich durch das Beten der Menschen zu einem großen Wunder bewegen lassen. Gott soll der Pandemie bitte schön ein Ende setzen. Auf dieses unbescheidene Ziel setzt das „Marathon -Projekt“ ausdrücklich.

3.
Auf diesen Titel ist der „Päpstliche Rat zur Förderung der neuen Evangelisation“ gekommen. Dieser Behörde gehört seit Dezember 2014 auch der bekannte ehemalige Bischof von Limburg, Franz Peter Tebartz – van Elst, an. Der Begriff „Marathon“ ist ihm wohl in den Sinn gekommen, als er sich daran erinnerte, wie er in einem autoritären Geldverschwendungs – Marathon das Bistum Limburg ins Finanzdesaster stürzte wegen extremer Luxus-Bauvorhaben für die eigene bischöfliche Residenz. Und engagierte Katholiken deswegen wie in einem Marathon – Lauf aus der Kirche fortliefen. Jetzt also „macht er“, im Vatikan arriviert, ganz aufs Beten um Wunder. Und dies nennt er dies „Neuevangelisierung“.

4.
Nun kann jede Glaubensgemeinschaft beten um was sie will. Das ist Ausdruck der Bekenntnisfreiheit. Dieses Grundrecht kann jede religiöse Gemeinschaft beanspruchen, so lange sie dabei nicht das Leben der eigenen Gemeinden wie der anderen, der Menschen in der Gesellschaft, gefährdet. Und das ist bei dem geplanten Marathon wohl nicht der Fall.

5.
Aber es muss theologisch und religionsphilosophisch die Frage gestellt werden: Was soll dieser Marathon, der offenbar davon ausgeht: Da sitzt im Himmel ein allmächtiges göttliches Wesen, das, je nach Laune und unter Druck der Betenden und Bittenden, eben mal auch eine Pandemie beseitigen kann. Fromme nennen diese Erwartung „wunderbares Handeln Gottes“. Dabei ist mir bewusst, wie komplex das Thema Bittgebet ist: Wie viele schöne Gesänge (Gregorianik, Messen, Lieder) wurden als Bitt-Gesänge komponiert und werden noch heute gesungen, zur Erbauung und „Rührung“ der HörerInnen. Wer möchte im Ernst auf diese musikalische Kultur verzichten? Aber, das ist die andere Seite bei dem Thema Bittgebete, es darf nie vergessen werden, wie schnell das Bittgebet in den Aberglauben abgleitet, in das Kleinmachen und Verfügbarmachen der göttlichen, der ewigen Wirklichkeit. Und dieser Missbrauch passiert wohl in dem nun auch technisch perfekt arrangierten Gebetsmarathon mit Lifeschaltungen von Rom nach Lourdes und Fatima und Guadeloupe und so weiter. Mit diesem technischen Aufwand und mit diesem Titel „Marathon“ wird förmlich suggeriert: Massenhaftes Beten bewirkt Wunder. Wir Menschen können Gott beeinflussen! Die frommen Brasilianer wünschen sich vielleicht mehr Impfstoffe, die Polen mehr Betten in den Kliniken, die Deutschen wünschen von Gott vielleicht eine Regierung, die endlich einen harten Lock down beschließt, damit wirklich eine Pandemie- Wende kommt in Deutschland. So viele unterschiedliche Bitten soll Gott im Himmel also erhören, abgesehen von sehr persönlichen individuellen Bitten der Schüler im Lockdown: „Lieber Gott, lass mich meine Mathe-Arbeit bestehen“.
Wehe nur, wenn die Betenden enttäuscht werden. Was passiert dann mit ihrem Glauben?

6.
Das Gebet, vor allem das Bittgebet, ist zweifellos ein spiritueller Mittelpunkt der meisten Religionen. Aber das Gebet und vor allem das Bittgebet muss natürlich auch theologisch und religionsphilosophisch kritisch verstanden werden, bezogen auf das Selbstbewusstsein und Fühlen der Menschen von heute. Ein weites Feld, weil es auch auf tiefsitzende Bindungen an das Göttliche, Allmächtige, verweist, Bindungen, die viele Menschen spüren. Aber bekanntlich gibt es Glauben und Aberglauben. Und dieser ist ein Glauben, der den erwachsenen Menschen religiös auf eine infantile Stufe bindet und Gott zu einem braven Kumpel von nebenan macht. Wer als Kirchenleitung beides vermeiden will, sollte sorgsam mit Bittgebeten umgehen und schon gar nicht einen „Marathon“ organisieren, bei dem man vielleicht beleibte Prälaten und Kardinale hächelnd beim betenden Schnelllauf imaginiert…

7.
Bittgebete sind also schlicht und einfach zwar verständliche, aber genauer betrachtet doch illusorische, manchmal egoistische und sogar krankhafte Formen des Wünschens. Sie haben einen gewissen Sinn, wenn der Bittende dabei seine eigene subjektive Situation klarer sieht und versucht, selbst entsprechend zu handeln, sich neu in der Lebenspraxis zu orientieren. Also nicht Gott um Frieden bittet, sondern selbst alles unternimmt, dass Friede auf Erden wirklich wird. Der Betende muss also sein Beten kritisch betrachten und beobachten, er muss auch aus dem Beten nachdenkend heraustreten. Das lernen Katholiken normalerweise nicht. Wie viele Formen des Aberglaubens werden im Marien – Monat Mai in den alten Marienliedern nur so daher gesungen. Vgl. dazu das Buch „Mythos Maria“, etwa das Lied „Maria, Maienkönig, dich will der Mai begrüßen, o segne holde Mittlerin, uns hier zu deinen Füßen“… Welch eine Poesie! Diese Autoren kannten nur eins: Den Reim-Zwang! LINK

8.
Bittgebet hat also nur einen gewissen Sinn für reife Menschen, wenn er sich meditativ und nachdenkend klar macht: Er ist wie jeder andere Mensch mit dem geheimnisvollen Lebens – Grund verbunden, den man auch göttlich nennen kann. Und diese Verbindung mit dem gründenden Lebenssinn erschließt ihm auch den Sinn des eigenen Lebens. Dies ist die Erfahrung und dann Erkenntnis grundsätzlicher metaphysischer Geborgenheit. Mehr braucht ein Mensch – auch von der göttlichen Wirklichkeit – nicht zu verlangen. Bittgebete sind also poetisch betrachtet vielleicht sinnvoll, wenn sie als ein auch zu therapierender Ausdruck der inneren Befindlichkeiten verstanden werden.

9.
Man bedenke und studiere zudem, wie die Kirchenführung die Wunder in Lourdes und Fatima, Guadeloupe manipuliert hat.

10.
Noch einmal: Bittgebete führen zu der Erkenntnis: Gott sorgt für die Welt und die Menschen, was immer kommen mag. Aber wenn es schlimm kommt, müssen die Menschen selbst Abhilfe schaffen. Mehr ist theologisch nicht zu sagen. Aber Päpste und Prälaten fühlen sich auch heute, im 21. Jahrhundert, berufen viel mehr zu wissen, und die frommen Seelen mit Aberglauben zu verstören. Die Frommen sollen ja, so der offizielle päpstliche Text, „von Gott das Ende der Pandemie fordern und erbitten“. Dass diese Pandemie auch durch menschliches Fehlverhalten im Umgang mit der Natur und den (Wild)-Tieren verursacht wurde, wird von Kardinälen und dem Papst nicht gesagt. Beten hat also für diese Kirchenführer und ihre Behörden (Tebartz – van Elst…) nichts mit politischer und philosophischer Aufklärung zu tun. Und das ist der große theologische Fehler.

11.
Nun fördert also Papst Franziskus erneut populäre, aber letztlich dem Aberglauben verbundene Frömmigkeitsformen. schon früher hatte er zur Verehrung den einbalsamierten Leichnam des populären heiligen Pater Pio im Petersdom aufgebahrt oder in ganz Argentinien die obskure Verehrung von „Maria Knotenlöserin“ (Ursprung dieses Kultes ist Augsburg) verbreitet. Immer deutlicher wird: Dieser Papst ist nach außen hin aufgeschlossen, politisch manchmal mutig, aber theologisch konservativ, wundergläubig, also abergläubisch. Wunder werden vom Papst immer wieder verlangt: Etwa bei Heiligsprechungen müssen Heilungswunder nachgewiesen werden, die nach dem Tod des heilig zu Sprechenden durch dessen himmlische Vermittlung geschehen sind. Überhaupt: Diese Vorstellung, es könnten Heilige, es könnte Maria als Himmelskönigin, durch ihren Einfluss „da oben“, bei Gott, Fürsprecher sein… Das kann man alles glauben, irgendwann ist man aber auch bereit zu glauben, „im Himmel ist Jahrmarkt“, eine Vorstellung, die vielleicht mit der immer noch üblichen katholischen Ablass-Lehre zu verbinden wäre. Wer behauptet, die römische Kirche hätte von Luther gelernt, irrt: Die katholische Ablass -Lehre besteht nach wie vor. Luther dreht sich im Grab um, leider hören das die ewig über Ökumene Debattierenden nicht…

12.
Mit anderen Worten: Der offizielle Katholizismus zeigt auch heute – durch seinen Gebetsmarathon – sein populäres religiöses Profil, das eigentlich vom Ausbleiben kritischer Vernunft bestimmt ist. Dabei ist doch die Vernunft, ist doch der Geist, eine Gabe Gottes! Aber wer einmal Vernunft als erste Tugend im Vatikan zu fordern beginnt, fängt schnell an, die päpstliche Unfehlbarkeit abzuschaffen oder das Zölibatsgesetz…, Vernunft ist gefährlich, das wissen die klerikalen Vatikan – Beamten, darum fördern sie ja auch die Unvernunft, den Aberglauben jetzt mal als „Marathon“.

13.
Das einzige überhaupt diskutable Wunder wird in der philosophischen Frage angesprochen: „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts?“ Diese Frage ist die einzige philosophisch gesehen legitime Frage nach einem Wunder. Sie bezieht sich auf das „Gegebensein“ von evolutiver Schöpfung in einem Universum… Alle anderen Wunder – Fragen sollte man bitte von uns fernhalten.

14.
Es mag ja angesichts der globalen Hilflosigkeit in der Krise der Pandemie sehr verständlich sein, wenn sich religiöse Menschen allerhand Wunderbares einreden: Und eben auch an einem Gebetsmarathon teilnehmen. Aber: Entscheidend hilfreich wäre es, wenn dies die Kirche leisten könnte: Die Menschen in Gruppen lehren, sich besser um einander zu kümmern, wirksam politisch zu handeln zugunsten der Bereitstellung von Impfstoffen. Katholiken in den reichen Ländern sollten ihre Regierungen kritisieren und bedrängen wegen ihres nationalen Egoismus. Katholiken in Brasilien sollten mit ihren Bischöfen alles tun, dass dieser Präsident Bolsonaro, den sehr viele für einen großen Übeltäter halten, endlich von der politischen Bühne verschwindet. Wie viele sich katholisch nennende Diktatoren und zugleich Pandemie- Leugner gibt es eigentlich, etwa in Afrika? Katholiken sollten überall politische Petitionen unterschreiben, anstatt Petitionen in Richtung in Himmel zu senden. Sie sollten alles tun, um die KrankenpflegerInnen und ÄrztInnen zu unterstützen und dafür kämpfen, dass sie Anerkennung und einen gerechten Lohn erhalten. Politisches Engagement wäre der geforderte Marathon der Katholiken in Pandemie-Zeiten. Religiös sein heißt für Christen immer zuerst und vor (mit-)menschlich sein, auch politisch zugunsten der Leidenden und Armen. Das ist die eindeutige Weisung des Weisheitslehrers Jesus von Nazareth.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Voltaire zeigt: Der christliche Glaube sollte sich von vielen Dogmen befreien.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Gibt es einen einfachen, also einen weithin von Dogmen befreiten und von der Vernunft begründeten christlichen Glauben? Der Philosoph Voltaire ist davon überzeugt und er setzt sich in seinen Büchern dafür ein, meist in Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Denken des Philosophen Blaise Pascal.
Es lohnt sich, Voltaires Erkenntnissen zu folgen. Gerade heute, wo die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Europa aufgrund eigenen Versagens verschwindet und spirituell Fragende von den vielen Lehren, Moralprinzipien und Dogmen zurecht nichts mehr wissen wollen…

2.
Ich beziehe ich mich auf das neue Buch des bekannten Philosophiehistorikers und Philosophen Kurt Flasch: „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“ (2020). Es ist in vielfacher Hinsicht anregend und wichtig, es ist sozusagen eine viel ausführlichere Studie als der Essay: „Voltaire gegen Pascal“ aus dem Buch von Flasch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008), dort die Seiten 331 – 347.
Um die durchaus aktuellen Gedanken Voltaires vorzustellen, muss an einige grundlegende Erkenntnisse, „Voraussetzungen“, erinnert werden, die Kurt Flasch in seiner neuen umfangreichen Studie vorstellt.

3.
Grundsätzlich gilt für den Philosophiehistoriker Flasch: Voltaire als Atheisten zu verstehen ist falsch (S. 412). Diese populäre, oberflächliche Deutung ist bis heute in kirchlichen Kreisen noch gängig, dieses Vorurteil verhindert eine für die Kirchen gefährliche, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Voltaire. Er war aber auch kein „Deist“, also ein Denker, der an einen fernen, an der Welt desinteressierten „Uhrmacher – Gott“ glaubt .
Voltaire war nicht nur Theist, (also bezogen auf einen transzendenten Gott, der sich um seine geschaffene Welt kümmert), sondern er war Christ, ein Christ allerdings der besonderen, der kritisch reflektierten Art. „Voltaire hat intensive theologiegeschichtliche Studien betrieben“ (S. 364). „Er hat das Wissen von Lorenzo Valla, Erasmus, Servet, Fausto Sozzini, Denis Pétau und Richard Simon zusammengefasst“ (S. 412), also das Wissen der bekannten Humanisten und historisch – kritisch forschenden Theologen und Bibelwissenschaftler im 16. Und 17. Jahrhundert. Diese genannten Wissenschaftler erschütterten das klerikale und machtvoll durchgesetzte System des veralteten üblichen Wissens. Sie wurden also an den Rand der damaligen Wissenskultur gedrängt, wenn sie nicht sogar als „Irrlehrer“ verfolgt wurden.
Aber „dieses Wissen hat Voltaire gegen Pascal zur Geltung gebracht. Er versuchte, den Grundbestand des Theismus zu sichern, indem er ihn von der Metaphysik auf die Moral herüberzog“ (ebd.). Flasch weist darauf hin, dass dieser Ansatz dann von Immanuel Kant eine ausführliche Vertiefung fand, als dieser Religion in der praktischen Vernunft gegründet wusste.
Noch einmal: Voltaire ist ein theistischer Christ der besonderen, der modernen Art. Jedoch: „Die Dogmen der Welterschaffung, der moralischen Weltregierung und der Gottebenbildlichkeit des Menschen hat er nie aufgegeben, ebenso wenig die christliche Ethik in einer nicht-augustinischen Interpretation“ (402). Voltaire hat sozusagen die Zahl der glaubenden Hypothesen reduziert, er hat dadurch die Menschheit entlastet von allerhand mysteriösem Ballast.
Voltaire weiß, in welchem tiefen geistigen Umbruch er lebt, er will ein vernünftiges Christentum bewahren. „Voltaire hielt das Christentum für gesellschaftlich wünschenswert, sogar für unentbehrlich (290). Und das ist etwas ganz anderes als das leidenschaftliche religiöse Engagement Pascals: Flasch schreibt: „Pascal rettete das Christentum indem er allen blutgetränkten mythologischen Tiefsinn, den er bei Moses, Paulus und Augustin finden konnte, zur Aktualisierung des Christentums aufbot. Vom Irrationalsten (=Erbsünde, C.M.) und Unmöglichen lenkte er dunklen Glanz auf den dogmatischen Altbestand“ (291).

4.
Voltaire will also, wie Pascal hundert Jahre zuvor, den christlichen Glaubens „retten“, so wörtlich Kurt Flasch, und zwar gegen andringende Freigeister und Atheisten, aber auch vor den maßlosen dogmatischen Ansprüchen der Hierarchen und ihrer Theologen. Pascal hatte dies noch auf seine Art etwa in den Notizen, den „Pensées“ versucht. Aber er hatte keinen Respekt vor der historischen Kritik der Bibeltexte oder der philosophischer Religionskritik. Pascal hatte sich absolut an das theologisch wie historisch – kritisch unbegründbare „Mysterium der Erbsünde“ gebunden, die Erbsünde rückte in den Mittelpunkt seines Denkens. „Er machte sie zur zentralen Idee des Christentums“ (S. 414). Die Verdorbenheit der ganzen Menschheit und die Teilhabe nur weniger Erwählter an der Gnade im Sinne des späten Augustinus war für Pascal entscheidend, er wollte das von ihm gedeutete totale Elend der Menschen durch Bezug auf das ideologische Konstrukt Erbsünde des späten Augustinus verstehen. Darin folgte Pascal auch der Bindung an Augustin, die die Reformatoren Luther, Calvin und später auch der katholische Bischof Jansenius bzw. die Jansenisten über alles pflegten und liebten.

5.
Mit vielen Argumenten und Belegen spricht Kurt Flasch auch in seinem neuen Buch von seiner wissenschaftlichen Abwehr der Erbsünden – Ideologie des Augustinus, die sich verheerend auswirkte in der Kirchengeschichte, nicht nur bis zu Pascal, sondern darüber hinaus. „Voltaire ruft Pascal zu, seine Argumentation (bezogen auf die Allmacht des Konstrukts Erbsünde) schaffe Atheisten“ (S. 415). Denn sie mache den Glauben lächerlich, indem behauptet wird: Später Geborene sollen schuldig sein an der Schuld eines Früheren, nämlich des Herrn Adam. Und diese Schuld solle sich durch alle Zeiten aller Völker im „Geschlechtsverkehr“ übertragen. Und überhaupt: Nur wenige Christen werden von diesem Zornes – Gott gerettet. Die meisten sind die „massa damnata“, die verurteilte Masse derer, die zur Hölle bestimmt sind von Gott persönlich.
Was für ein Grauen wird da behauptet, auch durch Pascal. Er mag ja hübsche Sätzchen zitierfähig über das Wesen des Menschen geschrieben haben seinen „Pensées“, aber etwas zynisch gesagt: Wäre er doch bloß nur Mathematiker geblieben…Ohne ihn hätte das Christentum vielleicht einen erfreulichen Anblick erhalten.
Die offizielle dogmatische Lehre von der Erbsünde ist für Voltaire also ein Konstrukt, ein Willkürakt, den Bischof Augustin gegen besser informierte Theologen (wie Bischof Julian von Eclanum) mit Gewalt durchsetzte.
Auch darauf hat Kurt Flasch seit Jahren nun auch in anderen Studien hingewiesen. Wird seine Forschung beachtet? Ich fürchte nein, wenn man nur z.B. bedenkt, dass dem „berühmten“ Eugen Drewermann nichts anderes einfiel, meine Abweisung der Erbsündenlehre in einem Essay für Publik – Forum als „atheistisch“ zu disqualifizieren. LINK
Es ist also immer die alte Leier, die Kirche glaubt, nur Kraft der Erbsünde bestehen zu können, was in diesem System so falsch ja nicht ist: Denn, so die Dogmatik, von der Erbsünde werden Menschen allein durch die Taufe befreit. Die Taufe aber spendet einzig der Klerus. Also ist der Klerus unverzichtbar, der Erbsünden-Erfindung sei Dank, besonders dir, lieber Augustin.

6.
Hier geht es um etwas anderes, genauso Wichtiges:
In seinem genannten neuen Buch befasst sich Flasch mit den hoch gebildeten italienischen Theologen und Reformatoren Sozzini, vor allem mit Fausto Sozzini(1539-1604) und Lelio Sozzini (1525-562). Um diese Reformatoren, die das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen, wissenschaftlich, historisch begründet ablehnten, bildeten sich Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. Polnische Brüder, weil sich die Sozzininis nach Polen flüchten konnten, das damals relativ tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam).
Die Sozzinianer bzw. die „Polnischen Brüder“ waren im Studium der christlichen Traditionen schon weiter als Pascal, „sie kannten die Vielfalt der historischen Wirklichkeit aufgrund ihrer Quellenstudien“ (158). Flasch bevorzugt in seinem neuen Buch die Schreibweise „Socinianer“, ich bleibe bei der üblichen.
Es ist wichtig, dass Flasch auf die Wirkungsgeschichte der Sozzinianer auf die Arminianer hinweist. Arminianer ist bekanntlich eine ältere Bezeichnung für die bis heute in den Niederlanden vor allem bestehende humanistische freisinnige christliche Kirche der Remonstranten (vgl. etwa S.352)
Flasch betont eine „Affinitiät“ Voltaires zu den verfolgten Sozzinianern: „Sie sahen Gott … als den Vater aller Menschen, also nicht nur einer Kirche, schon gar nicht mit Jansenius und Pascal als Gott nur der Auserwählten (S 366).

7.
Eine Art Zusammenfassung:
Kurt Flasch zeigt in seinem neuen Buch, wie Voltaire das Christentum und damit die sich „orthodox“ nennenden christlichen Kirchen von vier Dogmen befreite. Sie hätten, so Voltaire, keine Begründung in der Bibel, vor allem im Neuen Testament. Das alles ist keine „theologische Spielerei“! Voltaire betont: Diese Dogmen sind gefährlich, wenn sie gesellschaftlich und politisch gelebt werden.
Diese vier Dogmen sind:
Der Glaube und das Dogma, dass die Bibel wörtlich unmittelbar von Gott selbst stammt, die so genannte Verbalinspiration der Bibel.
Der Glaube und das Dogma, dass Gott eine Trinität ist, bestehend aus drei Personen und dass Jesus von Nazareth ewig-gleich mit Gott-Vater ist.
Der Glaube und das Dogma, das alle Menschen durch die Schuld des einen Manne, Adam, schuldig wurden (Erbsünde) und dass Jesus von Gott (dem liebenden Vater ?) zu einem Sühneopfer am Kreuz zur „Erlösung“ bestimmt wird.
Der Glaube und das Dogma, dass nur einige wenige wegen der Erbsünde von Gott zur Erlösung vorherbestimmt sind.

8.
Kurt Flasch kommentiert lapidar mit Voltaire: „Da ist kein Glaubensartikel dabei, der nicht Bürgerkrieg verursacht hat“ (S. 422). „Die endlosen (dogmatischen) Wortgefechte wurden Kriegsgründe. Nicht das Christentum war abzuwählen, sondern diese vier dogmatischen Unruheherde und die immer noch kampfbereiten Konvulsionäre“ (also Ultrafromme, charismatisch sich begeistert fühlende Christen, die ihren Glauben in Zuckungen und allerhand Geschrei ausdrückten, C.M.) (422).

9.
Kurt Flasch hält sich mit Aktualisierungen seiner Studien zurück. Am Ende seiner großen Studie „Christentum und Aufklärung“ (2020) deutet er seine Skepsis an: Die Kirchen werden sich wohl kaum für den Weg des einfachen und vernünftigen, von Voltaire beschriebenen Glaubens einlassen. Eigentlich bräuchte die moderne Welt ein anderes Christentum als das herschende. Aber das Christentum, also die großen, sich machtvoll gebenden Kirchen, sind alt geworden, starr, können sich nicht aufraffen zu einer dogmatischen Säuberung ihrer ewig mitgeschleppten Lehren. Die allermeisten Kirchen sind erstarrt, haben Angst vor Neuerungen auch dogmatischer Art, weil dies de Eingeständis eines Irrtums gleich käme. Aber dogmatische Irrtümer gibt es in der Ideologie der römischen Kirche nicht, alles einmal definierte Glaubensgut der Dogmen bleibt, auf Teufel komm raus möchte man sagen.

10.
Was bleibt? Daran denken, dass es noch kleine undogmatische christliche Kirchen gibt. Oder: Den eigenen spirituellen Weg allein oder in kleinen Gruppen gehen. Oder: Voltaire lesen oder eben auch die großartigen Studien von Kurt Flasch. Für ihn wie für uns ist Augustin alles andere als ein Heiliger, in seinen letzten 30 -40 Lebensjahren hat er die Kirchen bleibend vergiftet … mit seinem Erbsünden – Wahn. Manche Erkenntnisse aus seinen literarisch so schönen „Confessiones“ bleiben natürlich bedenkenswert.

Kurt Flasch, „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“, Verlag Vittorio Klostermann, 2020, 436 Seiten, 49 Euro.

Von Voltaire empfehle ich als Einstieg das „Philosophische Wörterbuch“, das bei Reclam jetzt neu erschienen ist.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Luther auf dem Reichstag in Worms: Der Durchbruch zum Pluralismus im Christentum!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.4.2021

1.
Warum ist das Ereignis „Luther auf dem Reichstag in Worms“ am 17. und 18. April 1521 von allgemeinem Interesse? Weil mit diesem Ereignis der religiöse Pluralismus in der Christenheit nicht nur begann, sondern von kirchlicher wie von staatlicher Seite, trotz aller Wirrnisse danach, im letzten nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Und dieser religiöse Pluralismus ist trotz aller Auseinandersetzungen in den folgenden Jahrhunderten tatsächlich eine Wohltat für Europa! Die Vorstellung „Eine einzige Kirche/Religion in einem Staat“ widerspricht jeglicher Vorstellung von Demokratie als einem Staatswesen der Pluralität und Toleranz. Die Idee der Menschenrechte bildete sich also in der Konsequenz der Ereignisse von 1521 als universale Dimension.
Dies anzuerkennen ist die erste und wichtige Erkenntnis, die sich aus der Erinnerung an „Luther auf dem Reichstag von Worms 1521“ ergibt: Weder der (katholische) Kaiser noch die mit ihm verbundene katholische Kirche haben die Allmacht zu bestimmen, was als christlich gelten kann. Ein radikaler Bruch ist geschehen, die Eröffnung eines pluralen Christentums. Was für eine große Tat!

2.
Dieser religiöse Pluralismus, eingeleitet „letztendlich“ durch Luthers Beharren auf dem Wormser Reichstag, hat also innerhalb des Christentums die Stellung der Religionen/Konfessionen im Staat bzw. der Demokratie relativiert. Der religiöse Pluralismus hat dann im 18. Jahrhundert als Folge von Luthers Tat zu der Erkenntnis geführt: Es gibt Menschenrechte und diese stehen ÜBER den verschiedenen konfessionellen Meinungen. Die konfessionellen Lehren sind also für das Wohlergehen und den Frieden der Menschen sekundär. Sie sind eben nur Wahrheiten, die dem einzelnen als einzelnen oder der konfessionellen Gemeinde ein Gefühl von Wahrheit und Geborgenheit geben. Aber konfessionelle Wahrheiten der Religionen, aller Religionen, sind in diesem Sinne immer nur „subjektiv gültige“ Wahrheiten. Von objektiver allgemeiner Gültigkeit kann eine immer begrenzte religiöse Wahrheit niemals sein.

3.
Menschenrechte sind also das, was über allen Religionen steht und von den Staaten/Demokratien gepflegt und geschützt werden muss und glaubhaft politisch gestaltet werden sollte. Das ist leider nicht immer der Fall. Aber eine einzelne Religion kann als einzelne auch nicht für den Frieden in der Welt sorgen. Das kann nur die allgemeine, kritisch reflektierte Vernunft der einen Menschheit, die erkennt: Ohne die gelebten und stets weiter zu entwickelnden Menschenrechten hat die Menschheit keine Chance auf ein menschenwürdiges Überleben.

4.
Hinweise zu den Ereignissen damals:
Martin Luther reist Anfang April 1521 von Wittenberg zum Reichstag nach Worms (Ankunft 16. April) bereits als „Ketzer“ (verurteilt durch den päpstlichen Kirchenbann).
Diese katholische Einschätzung hätte eigentlich schon den Tod, die Hinrichtung, Luthers bedeutet.
Aber es gab Fürsten, die anders dachten, also bereits wirksam Pluralität bezeugten und verlangten: Luther muss vor dem Reichstag seinen Glauben, seine theologischen Einsichten, erläutern. Dafür ist vor allem Luthers Landesherr Kurfürst Friedrich der Weise erfolgreich eingetreten.
Kaiser Karl V. sieht seine Allmacht in Frage gestellt. Er kann den sich durchsetzenden Pluralismus religiöser Auffassungen nicht akzeptieren. Deswegen lässt er also den „Ketzer“ Luther nach Worms zum Reichstag reisen, um ihn für Rom und den Kaiser wieder zu gewinnen. Das Weitere ist bekannt: Luther wiederholt am 17. bzw. am 18. April 1521 vor dem Kaiser seine theologische Grundeinsicht, unter anderem sagt er: „Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde, denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“
Luther betont also, dass er sich von seiner Überzeugung nur abbringen ließe, wenn die Zeugnisse der Bibel gegen ihn sprächen oder „klare und helle Gründe“ genannt würden. Das kann die katholische Seite aber nicht bieten.
Damit ist dann de facto der Bruch zwischen römischer Kirche vollzogen. Die Einheit des westlichen Christentums ist vorbei. Es beginnt die Zeit des christlichen Pluralismus, selbst wenn Karl V. und auch Luther, ihren Äußerungen zufolge, die Einheit der Kirche doch noch anstrebten. Aber bei diesen nun offenkundigen Differenzen auch in Worms konnte Versöhnung nicht mehr eintreten.
Luther kann – wegen eines „Schutzbriefes“ – aus Worms abreisen, er wird durch das Eingreifen Friedrich des Weisen in der Wartburg bei Eisenach versteckt. Dort übersetzt Luther das Neue Testament ins Deutsche.

5.
Viele Herrscher (Könige) in den folgenden Jahrzehnten versuchten noch, mit aller Gewalt nur eine einzige, ihnen gefällige Religion in ihrem Reich zuzulassen, wie in Spanien und Frankreich (dort bis zur Revolution 1789), aber auch in protestantischen Staaten, wie in Schweden gab es die „Staatskirche“. In Preußen ließ erst Friedrich II. (der „Große“) eine gewisse religiöse Pluralität zu. In den Niederlanden hingegen war spätestens seit 1630 konfessionelle Pluralität eine Tatsache, auch innerhalb des Calvinismus wurde dann Vielfalt geduldet (mit den Remonstranten), auch Katholiken hatten im mehrheitlich calvinistischen Holland keine Verfolgung zu befürchten. Remonstranten wie Katholiken konnten ihre eigenen Kirchen bauen, zwar versteckt („Schuilkerken“), aber immerhin, es gab die Freiheit des Glaubens in einem toleranten Pluralismus. Der drückte sich auch aus in der Freiheit niederländischer Verlage, hoch umstrittene, „ketzerische“ Bücher aus dem Ausland zu publizieren und Religionsflüchtlinge etwa aus Frankreich aufzunehmen. Auch wegen der Toleranz als eines Zustandes des innenpolitischen Friedens konnten sich die Niederlande zu einem erfolgreichen Zentrum des Welt – Handels entwickeln.

6.
Der Reichstag zu Worms im April 1521 als dem Start eines pluralen Christentums in Europa kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, selbst wenn im „Dreizigjährigen Krieg“ und später noch die Zustimmung zur christlichen Pluralität bekämpft wurde. Es waren absolute Herrscher, die in ihrem einen reich aus machtpolitischen Gründen nur eine Konfession ertragen konnten und Andersdenkende verfolgten. Das galt etwa in Spanien bis kurz vor Ende des katholischen Franco – Regimes, das gilt bis heute in vielen muslimischen Ländern.

7.
Aber die Pluralität IM Christentum hat sich durchgesetzt. Und kein vernünftiger Mensch will mehr die eine und einzige zentralistische Kirche wie im Mittelalter wiedererstehen sehen, selbst wenn solche Vorstellungen in manchen einflussreichen katholischen Kreisen noch heute herumgeistern, unter dem Stichwort „Die katholische Kirche als römische Kirche ist die alleinseligmachende Kirche“.
Christliche Pluralität ist nicht nur ein bleibendes Faktum, sie ist ein Segen. Und die einzige Frage jetzt in der Erinnerung an den Wormser Reichstag ist: Wie kann die Pluralität vor einem Zerfallen in eine widersprüchliche und sich bekämpfende Vielfalt bewahrt bzw. aus einem Zustand der Konkurrenz und der Missgunst herausgeführt werden. Man denke etwa an das konfessionelle Gegeneinander in lateinamerikanischen Ländern, wo fundamentalistische evangelikale oft rabiat Katholiken abwerben.
Die dringende Aufgabe ist: Wie kann es eine Versöhnung der Verschiedenen geben, die sich als bleibend Verschiedene verpflichten, einander zu schätzen, auf Konkurrenz-Verhalten zu verzichten und sich von Feindseligkeiten zu befreien. Dass damit nicht alle, die sich „christliche Kirche“ nennen, vom Ökumenischen Rat der Kirchen als Kirchen anerkannt werden können, ist auch klar. Es gibt ein bleibend normatives Kriterium für Organisationen, die sich christliche Kirchen nennen. Kirchen, die sich in ihrer eigenen Lehre gegen die universal geltenden Menschenrechte aussprechen, sind keine christlichen Kirchen. Die Menschenrechte sind insofern das wichtige Kriterium der Unterscheidung auch für die Kirchen!

8.
Versöhnte Verschiedenheit – darauf wird sich auch die römische Kirche definitiv einlassen müssen, will sie nicht auf Dauer als fundamentalistische, Wahrheitsbesessene Gemeinschaft dastehen und an Respekt verlieren. Vielleicht kommt sie jetzt, angesichts ihrer Identitätskrise nicht nur wegen des sexuellen Missbrauchs durch Priester, dazu, diese theologischen Vernunft zu realisieren. Es gilt wohl anzuerkennen: Das Beten um die Einheit der Christen seit ca. 100 Jahren ist jedenfalls, für Menschen wahrnehmbar, völlig erfolglos. Und auch für die die theologischen Debatten über die feinsten Feinheiten der konfessionellen Unterschiede hat kaum jemand noch Verständnis, Zeit und Interesse. Alles ist in dem Zusammenhang gesagt! Das hat der große katholische Theologe Karl Rahner schon 1983 zusammen mit Heinrich Fries geschrieben in seiner leider vergessenen, verdrängten Studie „Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit“ (Herder – Verlag). Alles ist gesagt: Schafft jetzt praktisch die Kircheneinheit der versöhnten Pluralität!

9.
Es gilt also jetzt damit zu beginnen, Kirchen – Einheit als versöhnte Verschiedenheit zu leben. Also auch Anerkennung der Ämter, Zulassung aller Interessierten zu jeder Form des Abendmahls oder der Kommunion. Das zu praktizieren, ist, theologisch gesprochen, eine Wirkung des Heiligen Geistes Sollte die römische Kirche in ihrer dogmatischen Erstarrung verharren, so ist abzusehen, dass sie zumindest in Europa zu einer Sekte der Fundamentalisten und Freunde des uralten Klerikalismus wird.

10.
Luther wurde also exkommuniziert: Diese päpstliche Strafe „erlischt“ mit dem Tod des Ketzers, aber in den Köpfen vieler Katholiken ist Luther immer noch der Ketzer. Unvorstellbar, dass sich eine römisch -katholische Kirche „Martin – Luther – Kirche“ nennen könnte. Katholische Kirchen werden eher nach der Unbefleckten Empfängnis, dem heiligen Papst Pius X. oder der „Heiligen Familie“ benannt…
Einige katholische und protestantische Theologen setzen sich mit dem Mut des Sisyphus,, wie der „Altenberger Ökumenische Gesprächskreis“, dafür ein: Der Papst sollte offiziell verkünden: „Luther ist kein Ketzer!“ (Am 3.1.1521 wurde Luther von Papst Leo X. exkommuniziert). Als „Gegenleistung“ wird den Lutheranern empfohlen zu bekennen: „Der Papst ist für kein Antichrist“. Ob es dazu kommt, ist fraglich.

11.
Zum Schluss die Erinnerung an eine zentrale Einsicht des Philosophen G. W.F. Hegel (1770 – 1831).Er hat als einer der ersten in der Moderne im Pluralismus der Kirchen kein Übel, sondern eine bleibende „Errungenschaft“ gesehen, trotz aller Auseinandersetzungen und Kriege, die eine Konsequenz der Reformation waren. Für diese „Schattenseiten“ sind freilich nicht allein die Reformatoren verantwortlich zu machen.
Hegel meint also: Dadurch, dass sich zwei oder drei verschiedene Kirchen, etwa in Preußen, befinden, also Lutheraner, Calvinisten, Katholiken, ist es Aufgabe des Staates, und prinzipiell als Rechtsstaat dazu verpflichtet, für Frieden in der Gesellschaft zu sorgen. Der Staat muss also aus seinem eigenen Selbstverständnis als Rechtsstaat die Prinzipien der Toleranz und des Miteinanders entwickeln. Der Staat ist für Hegel nicht bloß etwas Funktionales, „Äußerliches“ wie er sagt, der Staat ist vielmehr philosophisch gesehen Ausdruck des Lebens des absoluten Geistes. Er ist als Rechtsstaat nämlich die Wirklichkeit des Geistes! In dieser anspruchsvollen Bedeutung des Rechtsstaates kann der Staat die für alle Menschen gültigen Menschenrechten formulieren und sollte diese auch praktizieren. Hegel spricht in dem Zusammenhang vom Rechtsstaat als der „sittlichen Wirklichkeit des Geistes“, so etwa in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1820), dort § 270. Hegel schreibt am Ende dieses Paragraphen: „Es ist daher weit gefehlt, dass für den Staat die kirchliche Trennung (also die Pluralität der Kirchen, CM) ein Unglück wäre oder gewesen wäre; es ist so, dass der Staat nur durch sie, die kirchliche Pluralität, hat werden können, was seine Bestimmung ist: Die selbstbewusste Vernünftigkeit und Sittlichkeit.“ Mit anderen Worten: Die verschiedenen Kirchen mit ihren unterschiedlichen Lehren sind als solche untergeordnet gegenüber dem Rechts – Staat. Die Pluralität der Kirchen hat förmlich die Notwendigkeit eines Rechtsstaates mit erzeugt.
Dieser Staat ist verpflichtet, die universalen, für alle, auch für alle unterschiedlichen Konfessionen, gültigen Menschenrechten auszusprechen, einzufordern und zu realisieren. An ihm, den Rechtsstaat und den von ihm vertretenen Menschenrechten, müssen sich die verschiedenen Religionen orientieren, wenn sie in Gesellschaft und Staat aktiv – gestaltend werden wollen.

12.
Diesen Zusammenhang entwickelt sehr eindringlich der bekannte Hegel – Spezialist Walter Jaeschke in seinem Aufsatz „Staat und Religion“ in: Hegels Philosophie“ (Felix Meiner Verlag, 2020, Seite 263 -280). Walter Jaeschke weist ausdrücklich darauf hin, dass Hegel die Überzeugung der Romantiker entschieden ablehnt, es käme primär auf eine Einheit der christlichen Religion und des Staates an, diesen Zustand lehnt Hegel als „mittelalterlich“ ab. Die Religion als Religion ist gänzlich ungeeignet, „die Verfassung des Staates und die in ihm wirkliche Erkenntnisform vorzugeben“, schreibt Jaeschke (S. 269). Und er fährt fort: „Und deshalb spricht Hegel der Religion nicht das Recht zu, in Fragen der Staatsgestaltung mitzusprechen…“ Das Problem der Überordnung des Rechtsstaates gegenüber den Religionen wird dann von Jaeschke ausführlich weiterentwickelt.

13.
Was bleibt also von „Luther auf dem Reichstag in Worms“? Es bleibt die Einsicht: Gott sei Dank, möchte man sagen, hat sich Luther NICHT der katholischen und kaiserlichen Macht und ihren Lehren gebeugt! Er hat in Worms – vielleicht noch ohne sein explizites Wissen – den Weg in den christlichen Pluralismus eröffnet. Diese wird niemals mehr verschwinden, er bedarf aber der kritisch reflektierten (!) Versöhnung der im christlichen Glauben Verschiedenen.

14.
Was also ist die „Fern-Wirkung“ von Luthers Beständigkeit auf dem Reichstag in Worms? Das Christentum konnte sich langsam, aber deutlich als Pluralität entwickeln. Kein Christ wurde, ebenfalls als „Fern-Wirkung“, seit dem 19. Jahrhundert wegen seines „abweichenden christlichen Glaubens“ von einer zentralen Staatsmacht oder einer katholischen – römischen Kirche verfolgt. Prinzipiell gibt es keine Staatskirche mehr und es darf keine solche geben.
So sind die Kirchen nun auch befreit und in der Lage, bei heftigem Verletzen der Menschenrechte durch den demokratischen Staat und jeden anderen Staat dagegen öffentlich zu protestieren, unterstützt von den humanen Impulsen des Evangeliums.

Wichtig ist auch: Der demokratische Staat schützt und unterstützt die freie theologische Forschung. Etwa: Liberale Theologie und kritische Bibelforschung konnte sich entwickeln. Und Befreiungstheologen konnten sich ab 1971 in Lateinamerika wenigstens bemerkbar machen, wenn auch viele BefreiungstheologInnen aufgrund des Bündnisses von Vatikan und US-Regierung verfolgt wurden und ihr Leben ließen – im Einsatz für die Armen und für die vom Imperialismus Entrechteten. Die tötende Gewalt (man denke an den Heiligen Erzbischof Oscar Romero, El Salvador) ging noch einmal aus vom ideologischen Bündnis der Einheit von Vatikan (Papst Johannes Paul II. bzw. Ratzinger) UND Reagan und Co (CIA).

15.
Aber die absolute Überordnung der Menschenrechte über alles Konfessionelle, Religiöse, Kirchliche, kann nicht mehr zerstört werden. Diese Überordnung bleibt, auch wenn einzelne christliche, muslimische, jüdische, buddhistische, hinduistische usw. Führergestalten noch dagegen polemisieren…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-salon.de

Kirche in der Stadt – Ein spannungsvolles und „spannendes“ Verhältnis.

Ein Interview mit Pfarrer Michael Göpfert, München.
Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin

1.
Vor 40 Jahren, 1981, haben wir eine Aufsatz – und Essay – Sammlung mit dem Titel „Kirche in der Stadt“ im Kohlhammer Verlag herausgegeben. 24 Mitarbeiter aus verschiedenen europäischen Städten waren daran beteiligt. Nun sind 40 Jahre an sich noch kein denkwürdiges Jubiläum. Aber kritischer Rückblick und kritischer Vorblick sind bei dem Thema wichtig. Denn nirgendwo sonst wie in den Großstädten zeigt sich der religiöse Umbruch so deutlich: Etwa der Abschied weiter Kreise von den Kirchen und damit die neue religiöse Pluralität. Inzwischen sind etliche weitere Studien zum Thema „Kirche und Stadt“ erschienen. Blicken wir zunächst zurück: Warum war dir damals das Thema wichtig?

Ich glaube, die Idee zu dem Buch kam von dir, Christian, als Journalist warst du in vielen europäischen Städten unterwegs. Die Idee faszinierte mich, ich liebe Städte, vor allem Großstädte, schon immer. Vor Jahren hatte ich mir antiquarisch die 10 Hefte des Berliner „Großstadtapostels“ der „Zwanziger Jahre“ Carl Sonnenschein gekauft: „Notizen-Weltstadtbetrachtungen.“ In einem rasanten impressionistischen Stil und mit Tempo erzählt er von seinen Eindrücken und Erfahrungen, er taucht in die Stadt ein, weil er die Menschen in Berlin mag, beschreibt aber auch das Licht und die vielen Schattenseiten der Metropole. Und gestaltete förmlich im Alleingang eine neue Präsenz der (katholischen) Kirche in Berlin: Hilfsangebote, eine bedeutende öffentliche Bibliothek, er gestaltete ein Wohnungsbauprogramm, organisierte Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, er machte aus der Kirchenzeitung eine lesenswerte Zeitung, vernetzte sozial Engagierte und so weiter. So, dachte ich, könnte Großstadtkirche sein, als verbunden in mit der Kultur der Stadt und verbunden mit den Menschen, nicht nur den so genannten „Kirchgängern“.
Seit ich dann ab 1974 in München war, fiel mir auf, wie sehr das Thema Kirche und Stadt gleichsam in der Luft lag und von Theologen, Soziologen und Architekten diskutiert wurde. Kirchen sind immer eingebunden in bestimmte Orte, also in Wohn -, Lebens – , Arbeitskulturen. Kirchen sind wie Theologien niemals „ortlos“: Eine Citykirche „funktioniert“ anders als eine Dorfkirche, also: Entdecke den Genius loci! Glaube hat neben dem Zeitindex auch einen Ortsindex und daraus folgt eine Freilassung der Differenzen, eine Vielfalt und Buntheit von Kirchen, gerade in den Städten.

2.
Wie waren deine Erfahrungen in den ersten Jahren nach der Publikation des Buches: Zeigte sich Interesse am Thema? Von wem ging das Interesse aus? Waren es dann Debatten, die auch praktische Wirkungen zeigten?

Meine Erfahrungen nach Erscheinen des Buches waren überraschend, weil die Resonanz so gut war. Es gab Einladungen zu Tagungen, Vorträgen, Zeitungsaufsätzen. Am interessantesten für mich war die Einladung im Herbst 1981 zu einem Treffen von evangelischen Stadtdekanen und Stadtsuperintendenten in Berlin, eine Konsultation über Kirche und Großstadt. Ich schrieb darüber einen Zeitungsaufsatz und die Folge war, dass ich von da an bei fast allen Treffen dabei war und die Berichte darüber schrieb… bis 2013. Eine weitere Folge war, dass ich bei diesen Konsultationen den Hamburger evangelischen Theologen Wolfgang Grünberg kennenlernte, der dort an der Universität die Arbeitsstelle Kirche und Stadt aufgebaut hatte. Daraus entstand 1991 die Buchreihe „Kirche in der Stadt“, die ich in den Anfängen mitplante, vor allem auch mit dem Stadtsuperintendenten von Hannover Hans Werner Dannowski. Im Lauf der Zeit entstand eine Art Netzwerk der Stadtkirchen, gebildet zwischen der Konsultation, den Treffen der Citypfarrer/innen und denen der Kirchencafés.

3.
Als Leitlinien für eine Kirche, die in der Großstadt nicht als Fremdkörper erlebt werden soll, formulierten wir damals z.B. „Kreativität“, „Dialog“, „Basisorientierung“. Gibt es heute überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Kirche in der Stadt diesen Leitlinien folgen sollte?

Der Glanz der Begriffe Kreativität, Dialog, Basisorientierung ist etwas verblasst, aber faktisch leben die Stadtkirchen von dem damit signalisierten Potential. Wenn ich etwa an den Ideenreichtum von St. Maximilian in München denke oder an die frühere Kunststation St. Peter in Köln, die von dem Charisma des Jesuiten Friedhelm Mennekes lebte, wird mir deutlich, wie entscheidend die Geistesgegenwart, der Mut und die Ideen zunächst auch einzelner vor Ort sind.

4.
Ich habe den Eindruck: Die Kirchen in Deutschland und in ganz Europa setzen seit einigen Jahren schon entschieden auf das Programm „Reduzierung“ kirchlicher Präsenz in den Großstädten: Viele Kirchen – Gemeinden („Pfarreien“) werden zu großen, fast unüberschaubaren Verbänden zusammengeschlossen. Es fehlt an theologisch gut ausgebildeten Mitarbeitern, Pfarrern, Priestern. Ist „Kirche in der Stadt“ also auf dem Rückzug? Diakonie ist dabei abgespalten von den Gemeinden und als autonome Großorganisation etabliert?

Sicher wird es in den nächsten Jahren für beide Kirchen weniger finanzielle und personelle Ressourcen geben. Aber wenn Menschen von einer Aufgabe begeistert sind, arbeiten sie auch ohne Geld und wer sagt denn, dass so viele Aufgaben von bezahlten Hauptamtlichen gemacht werden müssen. Die Basis hat noch gar nicht zeigen können, was sie alles kann. Es wird wohl viel weniger große Kirchen geben, aber warum nicht viel mehr kleine Kirchenläden und Ladenkirchen in den städtischen Quartieren, in denen die Einheit von Liturgie, Diakonie vor Ort und religiöser Weiterbildung gelebt wird? Nicht Reduzierung von Präsenz von Kirche in der Stadt, sondern Verdichtung, aber eben nicht eine, die von Oben vorgeschrieben, geplant und organisiert wird. Zentralisierung ist Machtbündelung, Dezentralisierung heißt Abgeben von Macht und Vertrauen in die Basis vor Ort.

5.
Ich beobachte das in der Presse ständig: Kirche als positiv besetzter Ort der Begegnung ist eigentlich für weiteste Kreise kein Thema mehr. Im Mittelpunkt stehen die unsäglichen Skandale des Missbrauchs durch Priester oder die Zunahme fundamentalistischer Religiosität. Wo sind die theologischen Orte, die kritisches Reflektieren förmlich als „Dauerzustand“ praktizieren?

Die lange Missbrauchsdebatte ist notwendig, aber sie überlagert auch vieles. Die Sehnsucht nach Orten der Begegnung ist wohl für Menschen überlebenswichtig, sie kann nicht sterben und sie wird nach Corona vielleicht noch deutlicher werden. In vielen Städten sind die kirchlichen Stadtakademien gute Adressen für Austausch und Begegnung über Gruppenidentitäten hinweg, aber das reicht natürlich nicht. Warum nicht mehr lernen z.B. von der Tradition literarischer oder philosophischer Salons, von Treffen in Kneipen und in den Wohnzimmern. Jeder, der will, kann auf seine Weise durchaus die Initiative ergreifen und vielleicht zum Kristallisationspunkt von Begegnung werden.

6.
Wer in Spanien, Italien oder Frankreich die dortigen, meist geöffneten Kirchen besucht, fühlt sich angesichts der vieler hindurch eilenden Touristen wie in einem Museum. Werden Kirchengebäude zu Museen und Gottesdienste zu esoterischen Veranstaltungen nur für einige Eingeweihte?

Natürlich kann ich eine Kathedrale wie ein Museum benutzen, aber auch als Gottesdienstort. Ich kann mich in die Krypta verkriechen, um mit mir allein zu sein, ich kann mit dem Kinderwagen im Sommer den Schatten suchen…Die Nürnberger Lorenzkirche zum Beispiel hatte im Mittelalter nie nur religiöse Funktionen, sondern z. B. auch politische. Der Rat der Stadt oder die Stände und Zünfte trafen sich da. Die heutigen „Vesperkirchen“ verwandeln sich im Winter zu Suppenküchen und Wärmestuben für Obdachlose. Synagogen waren früher Räume des Gebets, aber auch Lernorte, Übernachtungsorte, sie boten Möglichkeiten für Mahlzeiten, und das alles unter einem Dach!
Ein für mich nach wie vor faszinierendes Beispiel für spirituelle Gemeinschaften und spirituelle Orte in der Stadt sind für mich die vielen hundert Bethäuser der Juden vor allem in Mittel-und Osteuropa. Sie wurden von 1940 bis 1945 im Wahn der Nazis und ihres verbrecherischen Antisemitismus fast vollständig ausgelöscht und vernichtet. Joseph Roth schreibt einmal über seine Heimatstadt Brody, die Stadt habe zwei Kirchen, eine Synagoge, aber 40 Bethäuser. Es gab Netzwerke der Gemeinschaft und Solidarität, Orte des Lernens der religiösen Überlieferung, der Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses, der Einübung in die Weisheit der Bibel.
In einer schrumpfenden Volkskirche werden wir in Zukunft wahrscheinlich immer weniger Kirchen, aber immer mehr „Lese – Lern – und Versammlungsräume“ brauchen, die von diesem Geist geprägt sind, Stützpunkte der Einübung in den Geist des Christentums inspiriert aus dem Geist des Judentums. Gerade dann, wenn die Kirchen ärmer werden, könnten sie umso reicher werden durch die Vielfalt kleiner Läden und Treffpunkte, sozusagen um die Ecke in den Quartieren und Nachbarschaften. So könnte die Kultur der biblischen Traditionen entdeckt und aktuell neu gedeutet werden. Ich stelle mir solche Orte vor, wie sie Roman Vishniac kurz vor der Vernichtung noch fotografiert hat: Bücherwände, Holztische, Suppenküche, Gesichter des Lernens und der Versenkung… Grüße vom Schtetl in unsere Städte, die uns wie eine Flaschenpost erreichen.

7.
Unser Buch von 1981 hatte einen gewissen Mangel: Erfahrungen, Reflexionen, aus Asien, Afrika und Lateinamerika wurden nicht berücksichtigt. Nun sind inzwischen viele Menschen aus diesen Ländern in Europa gelandet und gestrandet, als Flüchtlinge etwa: Ist das Miteinander mit den „anderen“, etwa den Muslimen, eine zentrale neue Aufgabe für Menschen, denen „Kirche in der Stadt“ noch am Herzen liegt?

Kirche in der Stadt muss sich vor allem bewähren in der Begegnung mit dem Fremden und den Fremden, das ist ein Prüfstein nicht nur für das Christentum, sondern für alle Religionen. Gastfreundschaft mit den Fremden ist ein Schatz der religiösen und kulturellen Überlieferung und deshalb muss der Kampf gegen Abschottung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Rassismus, Nationalismus auch von den Kirchen geführt werden. Die vielen Flüchtlingsinitiativen vor allem seit den 90er Jahren sind ein ermutigendes Vorbild. Klöster, gerade auch Nonnenklöster, gewähren Kirchenasyl, diese Klöster sind Lichtblicke in der kirchlichen Landschaft. Der persönliche Kontakt mit Fremden, mit anderen Religionen und Kulturen bedroht nicht unsere Identität, sondern fördert sie, erweitert sie, korrigiert sie, kann sie befreien von Verkrustungen, Verhärtungen, von Fanatismus und Dogmatismus. An dem Punkt sieht man auch, dass die Delegation diakonischen Handelns und Helfens an die großen Wohlfahrtsverbände, Diakonie und Caritas, gravierende Schattenseite hat: Die Fremden, Flüchtlinge, Obdachlosen, Menschen mit Handicap, werden den Augen der Gemeinde, also ihrem Erleben vor Ort, entzogen. Ich schaue unter den Bedingungen also dem Fremden und Flüchtling und Armen buchstäblich nicht mehr in die Augen. Das darf nicht sein!
Die Migrationsbewegungen werden noch anwachsen, der Fremde wird für viele ängstliche, nationalistisch Denkende als bedrohlich propagiert werden. Hier steht den Kirchen, den Religionen, der demokratischen Zivilgesellschaft eine harte Bewährungsprobe noch bevor. In den Kirchen in der Stadt stranden doch oft die „Anderen“, die Fremden zuerst, wird die Kirche noch eine Vorreiterrolle wahrnehmen wollen?

8.

Wenn wir von Kirche in der Groß – Stadt sprechen, darf man nicht vergessen, was eine zentrale Verpflichtung der Kirche ist: Von Gott zu sprechen und im Handeln deutlich zu machen. Wie sollte Kirche heute in den Metropolen Westeuropas, die zunehmend als säkularisiert gelten, von Gott sprechen und im Handeln deutlich machen?

Natürlich darf man nicht vergessen, daß es bei allem Reden über Kirche nicht um Kirche als Selbstzweck geht, sondern daß es in der Religion um Gott geht. Bei allen Struktur-und Reformdebatten wird das manchmal vergessen. Auch beim Reden über Kirche und Stadt geht es eigentlich um Gott. In der Apostelgeschichte heißt es einmal: Ich, Gott, habe ein großes Volk in der Stadt. Das ist eigentlich eine Provokation, das Volk ist nicht das Kirchenvolk, sondern es ist das Gottesvolk. In der Bibel geht es eigentlich immer um die Geschichte Gottes mit dem jüdischen Volk und mit allen Völkern und Menschen. Die biblische Literatur, das sind immer wieder neue und andere Versuche, über Gott zu sprechen, von ihm zu erzählen, in ganz unterschiedlichen Formen, in Erzählungen und Romanen, in Gedichten und Liedern, in Briefen und Predigten. Diese Sprechversuche über Gott sind radikal unterschiedlich, widersprechen sich, korrigieren sich. Man vergleiche nur einmal das hochpoetische Buch „Hohes Lied“ mit dem Josephsroman im ersten Buch Mose, oder das Hiobbuch mit seinen Anklagen gegen Gott mit dem skeptischen Buch Kohelet. Die Kirchen in der Stadt sollten endlich ihre eigenen biblischen Klassiker wiederentdecken, lesen, vorlesen, auslegen, neu inszenieren in allen möglichen Formaten, in Kooperationen mit Musik, bildender Kunst, Theater. Ich glaube, die Bibel fasziniert immer noch viel mehr Menschen als bloß das „Kirchenvolk“. Also, bei ihrem Sprechen über Gott sollten die Kirchen in die Schule der Bibel gehen und lernen, daß es sich um Sprechversuche handelt und nicht um dogmatische Statements, und sie sollten die biblischen Sprechversuche durchbuchstabieren.

Copyright: Pfarrer Michael Göpfert, München und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Charles Baudelaire – 200. Geburtstag.

Ein Poet – auch des Religiösen?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Warum an Charles Baudelaire erinnern? Sein 200. Geburtstag am 9. April 2021 ist ein willkommener Anlass, an ihn zu denken, sein Werk zu lesen, auch als einen Zeugen des religiösen Umbruchs, der vom 19. Jahrhundert aus bis heute bestimmend ist. (Baudelaire ist am 31. August 1867in Paris im Alter von 46 Jahren gestorben).
Baudelaire ist ein Meister der Poesie, seine Worte überraschen, führen ins Fragen, stören und verstören. Er spricht von der Transzendenz, von Gott, aber nicht nur von einem guten Gott. Der göttliche Tyrann ist ihm genauso nahe wie das Böse. Baudelaire erlebt, wie Bindungen an die herrschende katholische Religion schwinden und eine neue spirituelle Pluralität entsteht
Er ist ein Poet der Widersprüche, auch in seiner politischen Haltung. Den Aufstand der Arbeiter im Juni 1848 unterstütze er, den erzreaktionären Autor und Politiker Joseph de Maistre respektierte er.
Dass die Poesie eigenständig ist und sich nicht unmittelbar einem Zweck zur Verfügung stellen darf, ist seine bleibende Einsicht.
Als Poet erlebt er radikal die sozialen Umbrüche in seinem 19. Jahrhundert. Er ist erschüttert über den radikalen Umbau von Paris, er sieht, was die Herrschaftsarchitektur (von Haussmann betrieben) anrichtet, also auch das Vertreiben der Armen aus dem Zentrum der Metropole.
In seiner Poesie will er nichts „Fremdes“ wiedergeben, sondern nur die eigenen inneren Erfahrungen zu Wort bringen. Seine Gedichte (auch seine „Poesie als Prosa“) finden kaum Zustimmung, werden als Skandal empfunden von einer sich moralisch korrekt fühlenden „Elite“.
Baudelaire lebt also in einem Moment spiritueller wie politischer Konfrontationen. Es ist ein Pluralismus, den manche als Durcheinander der Orientierungslosigkeit deuten. Das Negative, Belastende, Ausweglose, Ungewisse beherrscht das Lebensgefühl. Den Zustand der Gegenwart, die von den Herrschern als gut und von Gott gewollt ausgegeben wird, ist auch für ihn nur eine systematische Form der Unterdrückung.

2.
Charles Baudelaires Vater Joseph-Francois Baudelaire war katholischer Priester (geb. 1759, gestorben 1827), aber schon während der Revolution gab er im Jahr 1793 sein Priesteramt auf. Der Sohn wird in katholischen Schulen und Internaten erzogen. Dort ist die Prügelstrafe noch üblich, Baudelaire hat den damals unverschämten Mut, sich dagegen öffentlich zu wehren. Das Zusammenleben der Menschen, von Gewalt geprägt, erlebt er als krankhaft, pathologisch.

3.
In dieser Welt muss Baudelaire als Poet leben. Er gerät in finanzielle Abhängigkeit, weil Lyrik, Dichtung, Literatur ins Feuilleton der Zeitungen verwiesen werden und damit dem launischen Geschmack der Massen ausgesetzt sind. Was der Masse nicht passt, wird eben nicht gedruckt…

4.
Als Poet will er zeigen, wie dann „mitten im Schmutz“ auch die Blumen, das Schöne, entstehen kann. In einem seiner Gedichte (Epiloge der „Blumen des Bösen“) sagt Baudelaire (wie in einem Anklang an Alchemie?) über Paris: „Tu m` a donné ta boue, j en ai fait de l or“ („Du hast mir deinen Dreck gegeben, ich habe daraus Gold gemacht“). Er muss zum Hässlichen Stellung nehmen, es aussagen, erst dann kann die Überwindung des Hässlichen, des Negativen, eventuell gelingen. Baudelaire opponiert gegen das Bestehende. Schönheit als solche kann er selbst vor allem in der Musik und der Malerei erleben.

5.
Das Hauptwerk Baudelaires ist ein Gedichtband mit dem bezeichnenden Titel „Les fleurs du mal“, „Die Blumen des Bösen“, das Werk ist in drei Fassungen zwischen 1857 (1.100 Exemplare) und 1868 erschienen. Es enthält etwa 100 Gedichte, und es war schon im Moment des Erscheinens hoch umstritten: Dem Autor wurde von dem insgesamt reaktionären Regime Napoléons III. die Missachtung der Moral und die Gotteslästerung vorgeworfen, sechs Gedichte wurden als besonders anstößig empfunden und durften nicht publiziert werden.
„Die Blumen des Bösen“ sind das poetische Hauptwerk, ein Durchbruch für die französische Poesie insgesamt. Inhaltlich geht es in den Gedichten auch um die seelischen Erfahrungen des Menschen in der großen Stadt. Wie lebt der Mensch, der sich inmitten der Massen langweilt und am Leben leidet, im Erleben des Bösen. Auswege sucht Baudelaire selbst im Rausch durch Opium und Haschisch und Alkohol… mit Geld kann er nicht gut umgehen. Diese Unfähigkeit gilt in der Zeit der „moralischen, kirchlichen Ordnung“ als eines der schlimmsten Übel, das bestraft werden muss. Schon 1844, als Baudelaire erst 23 Jahre alt, leitet tatsächlich die eigene Mutter (inzwischen als Madame Aupick mit einem Major verheiratet) das Entmündigungsverfahren gegen ihren Sohn ein, am 21.9.1844 erhält Baudelaire einen Vormund, Maitre Ancelle.

6.
Er lebt in einer Epoche, die zunächst von Louis Philippe, dann in einer kurzen Phase einer liberalen Republik (1848), danach aber von dem sehr konservativen und dem Klerus ergebenen Regime Napoléons III. bestimmt ist. Es ist eine Zeit, in der es kleine Kreise „liberaler Katholiken“ (Lamennais, Montalambert, Lacordaire) gibt, sogar christliche Sozialisten (Philippe Buchez). Aber im Ganzen lassen sich der Adel und die „braven Bürger“ (nicht die Republikaner, nicht die Arbeiter, nicht die Armen) von der starren, auf Prinzipien und Dogmen bedachten Katholischen Kirche (wenigstens nach außen hin) bestimmen. Oder sie benutzen diese Dogmen als Stütze der eigenen politischen Ideologie, die monarchistisch, reaktionär und antisemitisch ist.
Für Baudelaire ist religiöser Glaube auch eine Frage der Ästhetik. Kunst wird für ihn etwas Heiliges!

7.
Etwa 50 Gedichte in den „Blumen des Bösen“ haben Anklänge an religiöse Themen. Über die religiöse Bindung Baudelaires ist vieles Unterschiedliche publiziert worden. Der Literaturkritiker und Theologe im Dominikanerorden, Pater Jean Pierre Jossua, (Paris), hat darüber einen ausführlichen Bericht geschrieben ( Quelques interprétations de la religion de Baudelaire | Cairn.info)
Ein „definitives“ Urteil, welche Bedeutung der christliche Glaube für Baudelaire hatte, wird kaum möglich sein, dazu sind dessen entsprechende Äußerungen zu vielfältig und zum Teil doppeldeutig, wenn nicht widersprüchlich. Aber auch dies ist zunächst kein Mangel, sondern ein Beweis dafür, wie tief Baudelaire dem religiösen Suchen und Zweifeln in seiner Zeit verhaftet ist.
Das kann man auch beobachten an seiner Tendenz zu einem gewissen Satanismus. Als große List Satans nannte er dessen Fähigkeit, den Menschen glauben zu machen, dass es ihn, den Satan nicht gebe. Baudelaire dachte, es gebe einen ewigen Kampf zwischen Gott und dem Satan. Aber vielleicht war das auch nur Phantasie? Da war sich Baudelaire nicht sicher.

8.
Jean Pierre Jossua meint in einer Art vorsichtigen Gesamteinschätzung: Baudelaire sei schon aufgrund seiner Herkunft und Bildung auf betont eigene Weise christlich gewesen: In seinen letzten Gesprächen mit dem Freidenker Nadar sei er noch für den Glauben an Gott eingetreten. Und auch Beten sei ihm immer wichtig gewesen, freilich in der Form einer individuellen frommen Poesie. Was das Christentums ihm doch bedeutet, bringt Baudelaire noch einmal zur Sprache in dem Gedicht „Mon coeur mis à nu“, das erst 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde.
Darin bekennt Baudelaire, dass er an jedem Morgen sich im Gebet Gott zuwendet, der für ihn eine Art Reservoir aller Kraft und aller Gerechtigkeit ist. Aber, so sagt Baudelaire in der ihm eigenen Spiritualität, er wende sich im Gebet auch seinem verstorbenen Vater, dann auch Mariette (dem guten Dienstmädchen aus der Kindheit) und dem Dichter Edgar Allan Poe zu, und er meint sie als Fürsprecher bei Gott. (siehe: https://fr.wikisource.org/wiki/Page:Baudelaire_-_%C5%92uvres_posthumes_1908.djvu/139)

9.
Jean-Pierre Jossua ist überzeugt: Der christliche Gedanke an eine Erlösung war Baudelaire sicher fremd und die Erfahrung der Macht des Bösen wohl zu stark. Sie wurde verstärkt durch den Augustinismus und Pessimismus des reaktionären Autors von Joseph de Maistre. Über die Bindungen an reaktionäres politisches Denken wäre eigens kritisch zu sprechen.

10.
Trotz aller Spannungen der widersprüchlichen Person Baudelaire gehört sein Werk als Anregung in unsere heutige Zeit, weil er dadurch typisch ist, dass er auf die religiösen Umbrüche in einer Art subjektiven Sensibilität immer wieder irritierend reagierte. Als Mensch des 19. Jahrhunderts gehört er insofern auf seine Art auch in eine Reihe mit Nietzsche oder dem ganz anderen, dem prophetischen Karl Marx. Baudelaire hat auf seine Art die Menschen der Moderne erinnert, dass der damals schon allgemeine Glaube des Materialismus tödlich ist für Geist und Seele. Für Yves Bonnefoy, den kürzlich verstorbenen Poeten und Baudelaire Kenner, steht fest: Die Poesie Baudelaires kann wirksam auf das menschliche Verlangen antworten, das Gefühl für die Transzendenz zu bewahren, dies gilt auch, wenn man annimmt: Gott ist tot. (Vgl. Yves Bonnefoy, Le siècle de Baudelaire, Ed. Du Seuil, Paris 2014.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ratzingers Herrschaft – eine Katastrophe.

Über das neue Buch „Nur die Wahrheit rettet“.
Hinweise auf das Buch und weiterführende Erkenntnisse von Christian Modehn.

1.
Wer das Buch über das „System Ratzinger“ (der Untertitel) gelesen hat, muss sich notwendigerweise fragen: Was ist nach der Lektüre, „summa summarum“, die Wahrheit über die langdauernde Kirchen-Herrschaft Joseph Ratzingers? Diese Wahrheit ist in wenigen Worten zu sagen: „Ratzinger ist der totale Kleriker“. Zu Beginn seiner steilen Karriere war er kurze Zeit „Seelsorger“, dann Theologieprofessor, daraufhin Erzbischof in München, dann Kardinal als Chef der Glaubenskongregation in Rom (1982 – 2005) und engster Berater Papst Johannes Paul II. Dann wurde Ratzinger erwartungsgemäß Papst unter dem Namen Benedikt XVI. (2005 -2013). Seit seinem Rücktritt nennt er sich immer noch Papst, er hat den sonderbaren Titel „Papa emeritus“ mit eigenem großen Freundes/Unterstützer-Kreis. Und auch dieses noch: Er ist als unmittelbarer Nachbar im Vatikan aufmerksamer Beobachter von Papst Franziskus. Er zog sich also als „emeritus“ nicht in seine bayerische Heimat zurück, er blieb im Vatikan. Vielleicht überlebt er Papst Franziskus? Falls Franziskus auch zurücktritt, will er ebenfalls im Vatikan bleiben und mit einem neuen Pontifex maximus hätten wir dann eine Art Trinität: Drei Päpste auf einmal. Göttlicher geht’s dann wahrlich nicht mehr…

2.
Welche Wahrheit muss angesichts dieses Buches „Nur die Wahrheit rettet“ und über das Buch hinaus gesagt werden … zu diesem „totalen Kleriker“ Ratzinger? Allerdings unter dem normativen Anspruch einer Theologie, die die Qualität des kritischen Prüfens sich bewahrt hat! Ich denke: Die einfache und deswegen für manche frommen Leute wohl schockierende Wahrheit über Ratzinger ist: Dieser Kleriker hat den Niedergang der katholischen Kirche befördert. Andere kritisch denkende Theologen (kann denn Theologie heute anders als vernünftig – kritisch sein?) würden treffender sagen: Dieser Kleriker Ratzinger war und ist eine Katastrophe für die römische Kirche.

3.
Diese Wahrheit stellt sich ein, wenn man das Buch liest mit dem Titel „Nur die Wahrheit rettet“ mit dem Untertitel “Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger“. Verfasst haben es Doris Reisinger (Theologin) und Christoph Röhl (Autor und Regisseurs eines umfassenden Films über Ratzinger).
Aber welche Wahrheit stellt sich ein, die größer ist als Ratzingers Ideologie, welche Wahrheit über Ratzinger rettet und befreit? Naheliegend müsste man fordern: Dieser EX- Papst Joseph Ratzinger sollte sich entschuldigen, öffentlich, nicht nur bei den Opfern des tausendfachen sexuellen Missbrauchs durch Priester, sondern bei allen, die er mit seiner rigiden Herrschaft beleidigt, ausgegrenzt und krank gemacht hat. Vor allem: Denen er mit seiner Herrschaft den Glauben und das Grundvertrauen (in Gott) genommen hat. Es ist diese bedrückende Erkenntnis: Glaubensverlust wegen der Institution Kirche, die hier zur Debatte steht. Das Problem ist nur: Ratzinger selbst ist Ausdruck und Vollstrecker (Schreibtischtäter) des klerikalen Systems. Kann sich ein System entschuldigen? Nein. Es kann nur überwunden werden. Zur Überwindung kann nur jeder und jede einzelne beitragen…

4.
Dabei bietet das Buch von Doris Reisinger und Christoph Röhl nur eine Haupt-Perspektive, sozusagen einen entscheidenden Ausschnitt, aus dem unseligen Wirken dieses Klerikers, den man in Frankreich in gebildeten Kreisen treffend den „Panzerkardinal“ genannt hat.
Die Autoren zeigen ausführlich und gut dokumentiert: Ratzinger hat die Opfer sexuellen Missbrauchs viele Jahrzehnte ignoriert, er hat die Täter entschuldigt und „gedeckt“. Er hatte seinen Klüngel um sich gebildet, vor allem um seinen Freund, den hochumstrittenen Kardinal Tarcisio Bertone aus dem Salesianer-Orden. Bertone bewohnt bekanntlich als armer Ordensmann eine nach seinen Angaben „300 bis 400 Quadratmeter“ große Wohnung…(Das Buch „Avaricia“ von Emiliano Fittipaldi hat das alles gut dokumentiert)
Im Mittelpunkt des Buches von Reisinger und Röhl stehen die Ungeheuerlichkeiten des Gründers der Legionäre Christi, des in diesem Orden so bezeichneten „Generaldirektors“ Marcial Maciel, allein schon dieser Titel „Generaldirektor“ für einen Ordenschef zeigt die heftige ökonomische Interessiertheit dieser Herren.
Ratzinger hat Marcial Maciel, nachdem endlich seine Verbrechen öffentlich gemacht wurden, nur moralisch als Sünder getadelt. Im klerikalen Denken Ratzingers entstand gar nicht die Frage: Sollte er Maciel, den sexuellen Missbraucher seit Jahrzehnten, der staatlichen Justiz für seine Untaten übergeben? Nein, das wollte Ratzinger dann doch nicht. Der bloß moralisch getadelte Verbrecher bewahrte sich unverschämt wie immer und vom Vatikan weiterhin unkontrolliert seine übliche Reiselust, zuerst nach Florida, bevor er mit Frau und Kind Weltreisen antrat. In Florida ist er 2008 verstorben. Die Legionäre haben nach seinem Tod einfach die Fotos Maciels aus all ihren Häusern und Zimmern entfernt. Erwähnt wird der Name ihres einst als heiligmäßig verehrter „Vaters“ auf der website des Ordens seitdem nicht mehr. Die Legionäre treten jetzt also wie ein Orden ohne Gründer auf. Diese Verlogenheit im Umgang mit Maciel erinnert an die „Säuberung“ nach dem Tode Stalins. Der sowjetische Diktator verschwand als Bild und Foto in der Öffentlichkeit… aber sein Geist blieb. So auch bei dem Herren Generaldirektor Pater Maciel. Alte Freunde gibt es bei ihm auch, die dann schwadronieren: „Maciel hat doch nur gute Früchte hervorgebracht“, sagen sie, die von ihm auch finanziell Begünstigten! Sie glauben, der Orden der „Legionäre Christi“ müsse wegen der vielen jungen Priester unbedingt erhalten bleiben. Und wegen des Geldes, das der Orden seit jeher über alles liebt (natürlich verbunden mit der Liebe zu Millionären weltweit)

5.
Die Autoren breiten darüber hinaus reiches Material zum Umgang des sexuellen Missbrauchs in anderen so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, sie wurden gepflegt und gefördert während der Ratzinger – Herrschaft in enger Verbindung mit dem polnischen Papst. Die neuen geistlichen Gemeinschaften erschienen Ratinger wie Wojtyla als große Retter der „Kirchenkrise“. Diese neuen Gemeinschafen, insgesamt mit einigen Millionen Mitgliedern und Sympathisanten, sind insgesamt theologisch konservativ bis reaktionär, sie bilden Sonderwelten in der Kirche, werden aber von der Klerus – Herrschaft geschützt. Warum wohl? Weil die kinderreichen Familien dieser auch von Laien geprägten Gemeinschaften viele gehorsame Priester zur Verfügung stellen und das klerikale System fortzusetzen helfen. Das ist meine Ergänzung zu dem Buch „Nur die Wahrheit macht frei“.

6.
Vieles, was das Buch mit großem Fleiß dokumentiert, ist bekannt. Ich selbst habe seit 2007 als einer der ersten in Deutschland über die Legionäre Christi ausführlich auf meiner website religionsphilosophischer-salon.de und in zahlreichen Ra­dio­sen­dungen kritisch berichtet oder auch über das „Neokatechumenat“. Davon „zehren“ auch die beiden Autoren. Aber sie sind so vornehm und „verschwiegen“, dass sie darauf nicht hinweisen. Das nur am Rande.

7.
Das Buch ist eigentlich ständig aktualisierbar: Eine dritte Auflage sollte detailliert zeigen, dass die im Vatikan so hoch gepriesenen Gründer der neuen geistlichen Gemeinschaften in den letzten Monaten (2020/2021) als Täter sexueller Gewalt und spiritueller Bevormundung bzw. Herrschaft überführt wurden: Die Liste könnte beginnen mit dem Gründer der Ordensgemeinschaft St. Jean (Johannes-Brüder), könnte weiter gehen zu Jean Vanier, dem Gründer der weltweiten Arche-Gemeinschaften, weiter zu Père Pierre-Marie Delfieux, dem Gründer der Mönchsgemeinschaft „Jérusalem“ in Paris, über ihn hat eine ehemalige Nonne das Buch geschrieben „Quand l église détruit“… dann müsste man weiter forschen über den Gründer der sehr einflussreichen und sehr reaktionären internationalen Gemeinschaft „Sodalicium“ aus Peru, dann weiter gehen zu Chiara Lubich und ihrer Focolarini, dann zum Gründer der Gemeinschaft „Béatitudes“, weiter zu den Oberen der neu gegründeten „Franziskaner der Immakulata“ oder zu dem reaktionären Orden „Institut des inkarnierten Wortes IVG. Da wurden heftige massive Missbräuche des Ordensgründers gegenüber Mitgliedern dokumentiert. Ratzinger ist der große Förderer dieses Ordens aus Argentinien. Die Rede müsste sein von Pater Kenntenich, dem Gründer Schönstatt-Bewegung und so weiter und so weiter. Man sehe sich auch besonders gut an, welche Gruppen und Grüppchen reaktionären Einschlags sich im Bistum Toulon – Fréjus sammeln, Chef ist dort Bischof Dominique Rey, er ist führendes Mitglied der großen katholisch – charismatischen Bewegung „Emmanuel“. Diese Gemeinschaft praktiziert in Frankreich auch die „Konversions-Therapie“ von Homosexuellen. Einer der „Emmanuel – Priester“, Pater Bernard Peyrous, wurde wegen „sexueller Übergriffe“ an Frauen suspendiert, aber er darf weiter pastoral wirken…Zu sprechen wäre von der neuen Ordensgemeinschaft der „Soeurs de Bethléem“ und deren Machtmissbrauch innerhalb des Ordens. Mit anderen Worten: Die hoch gelobten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ sollten unter strenger Beobachtung stehen…Sie sind einziger Sumpf!
Von diesen Gemeinschaften ist dem neuen Buch von Reisinger und Röhl nicht die Rede, es handelt sich hier um meine Recherchen.

8.
Für mich wäre es besonders wichtig, welche Beziehungen der vatikanische Behörden Chef Ratzinger zu Kardinal Groer in Wien hatte. Groer, als Benediktinermönch vom Stift Göttweig, wurde 1986 von Papst Johannes Paul II. zum Erzbischof ernannt, Groer musste dann nach lang andauernden heftigen Protesten 1995 wegen ganz offensichtlichen sexuellen Missbrauchs zurücktreten.
9.
Noch interessanter ist die sehr große Sympathie, die Freundschaft und Fürsorglichkeit Ratzingers für den nicht minder höchst umstrittenen Bischof von St. Pölten in Österreich, den Theologieprofessor Kurt Krenn.Er wurde zunächst 1987, ein Jahr nach Groer, zum Weihbischof von Wien ernannt. Weil er dort nach vielen Protesten unhaltbar wurde, beglückte der Vatikan die Katholiken im Bistum St. Pölten mit Krenn als Bischof (1991 – 2004). Er war u.a Mitarbeiter der von vielen als Vulgär-Blatt beurteilten „Kronen-Zeitung“, kein Wunder, er war ein Freund von FPÖ Chef Jörg Haider. In Krenns Bistums waren ebenfalls die „neuen geistlichen Gemeinschaften“ höchst willkommen, etwa die „Diener Jesu und Mariens“ in Blindenmarkt, ebenso die „Gemeinschaft der Seligpreisungen“ oder die „Gemeinschaft vom heiligen Josef“. In seinem Priesterseminar wurden gern zu zehn tausenden (ARD: https://web.archive.org/web/20140129075019/http://www.tagesschau.de/ausland/krenn100.html) kinderpornographische Fotos betrachtet. Das Magazin PROFIL in Wien schrieb u.a.: „In der Kinderpornoaffäre, über die „Profil“ ebenfalls berichtete, hält die Staatsanwaltschaft die Indizien für so erdrückend, dass es zu mehreren Anklagen gegen Seminaristen kommen wird. Gefunden wurden zum Beispiel Fotos, auf denen ein fünf- bis sechsjähriges Mädchen beim Oralverkehr mit erwachsenen Männer gezeigt wird ….usw.“ Der Priesterkandidat Piotr Zarlinski wurde deswegen zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Krenn nannte diese Porno – Praxis, so wörtlich, „Bubendummheiten“. Kurz danach ist Krenn als Bischof zurückgetreten.
Die ganzen Affären um Bischof Krenn bezeichnete der international geschätzte Theologe Prof. Paul M. Zulehner als „pastoralen Supergau“.
Aber wie regiert Joseph Ratzinger wenige Wochen, nachdem er zum Papst gewählt wurde: Er bemitleidet aufs innigste den armen Freund Krenn, rückt sein Leiden in die Nähe zu Jesu Leiden….
(Nach seinem Rücktritt als leitender Bischof lebte Krenn schwerkrank, Folgen seines Alkoholismus, in einem katholischen Pflegeheim).
Am 18.6. 2005, also wenige Wochen nach seiner Papstwahl, hatte Krenns alter Freund und Gönner, Joseph Ratzinger, nichts Eiligeres zu tun, als ihm einen salbungsvollen Brief zu schreiben. Dieses Dokument muss allen, die unter dem Regime von Bischof Kurt Krenn gelitten haben, wie eine Ohrfeige erscheinen. Der Brief offenbart auch die wahre spirituelle und ideologisierte Theologie Joseph Ratzingers als Papst:
Hier nur einige Zitate aus dem handschriftlich unterzeichneten Brief an Bischof Krenn:
„Lieber Mitbruder! Wie ich höre, leidest du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen. Seit langem bete ich jeden Tag für dich! …. Unser Herr hat uns letztlich nicht durch seine Worte und Taten, sondern durch seine Leiden erlöst. Wenn der Herr dich nun gleichsam mit auf den Ölberg nimmt, dann sollst du wissen, dass du gerade so ganz tief von seiner Liebe umfangen bist und im Annehmen deiner Leiden ergänzen helfen darfst, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1, 24) Ich bete sehr darum, dass dir in allen Mühsalen diese wunderbare Gewißheit aufgeht……. Von Herzen sende ich dir meinen apostolischen Segen. In alter Verbundenheit! Dein Papst Benedikt XVI.
(Dieser bemerkenswerte Brief ist (noch) nachzulesen : https://www.derstandard.at/story/2481036/papst-schickt-krenn-per-brief-troestende-worte)

Ich habe dieses Dokument (Bischof Krenn als leidender Jesus) schon 2011 publiziert in dem Aufsatz unter dem Titel „Benedikt XVI. ist politisch rechtslastig“, erschienen in dem Sammelband „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (Hg. Norbert Sommer und Thomas Seiterich, PUBLIK FORUM Edition, 2009). Nebenbei: Ich frage mich manchmal, wie es möglich ist, dass schon vorliegende kritische Studien wie diese von den Autoren neuer Bücher zum Thema Ratzinger einfach so ignoriert bzw.im Druck nicht erwähnt werden können.

10.
Ich empfinde es angemessen, wenn in dem umfangreichen Buch „Nur die Wahrheit rettet“, für das zwei Autoren zeichnen, genauer angegeben wird, wer denn welches Kapitel verfasst hat.

11.
Ist Ratzinger ist also alles anderes als ein „Mozart der Theologie“, wie Kardinal Meisner (2007 in Berlin) einmal in seiner üblichen Ratzinger – Ergebenheit schwärmte.
Ratzingers Bücher sind keine kritisch reflektierte Theologie auf dem Stand des 20. Jahrhunderts, sie nicht mehr als fromme persönliche Meditationen. Wenn Ratzinger wissenschaftlich argumentierte, dann als Historiker, als Kenner und Liebhaber des Werkes des Kirchenvaters Augustinus. Er selbst nennt sich wohl „Augustinist“. Und dies ist der Schlüssel zum Verstehen seiner Spiritualität und Theologie: Es ist nicht nur die über Augustin gegebene Liebe zu Platon, es ist das völlig pessimistische Menschenbild des späten Augustin, das in dem Wahn seiner Erbsündenlehre gipfelt. Sie wurde schon von hoch gebildeten Theologen seiner Zeit zurückgewiesen, wie von Bischof Julian von Eclanum. Aber Augustin verfolgte seine Kritiker und setzte sich mit Gewalt durch mit seiner verkorksten Erbsündenlehre, die er nur erfand, um den Status der Kleriker zu sichern: Denn sie allein konnten in der Taufe die Menschen von der tödlichen Erbsünde befreien… .
Diese Haltung des Rechthaber Wahns ist typisch für den alten Augustin wie für Ratzinger. Man lese bitte in dem Zusammenhang die Augustinus Studien des Philosophiehistorikers Kurt Flasch!

12.
Ratzinger hat ungebrochen seine augustinistische Theologie durchgeboxt. Auch insofern ist er eine Katastrophe für die Kirche, wie das Buch von Reisinger und Röhl zeigt: Eine Katastrophe ist Ratzingers Unfähigkeit, dem sexuellen Missbrauch durch Priester wirksam auch mit staatlich – juristischen Konsequenzen Einhalt zu gebieten und die Opfer zu hören und zu respektieren. Oder, um nur ein weiteres Beispiel seiner Verblendung zu nennen: Er will unbedingt die oft neofaschistischen Kreise französischer Traditionalisten (Lefèbvre – Leute) wieder mit der römischen Kirche zu vereinen usw…
Der Augustinist Ratzinger liebt halt das Alte und Veraltete und Versteinert – Tote, das Lateinische … und die Erhabenheit des Klerus über alles.
Ratzinger ist eine gefährliche Figur von vorgestern.

Doris Reisinger und Christoph Röhl, „Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger“. Piper – Verlag, München, 2. Auflage 2021, 348 Seiten,22 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auferstehung? Zu einem neuen Buch des Theologen Hans Kessler.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth ist umstritten, ungewöhnlich, sie sprengt Grenzen des Verstandes. Für einige ist sie berauschend, für andere lächerlich. Immer aber wird zur Auferstehung Jesu von Nazareth dann doch sprachlich Stellung genommen, also mit dem Anspruch zu argumentieren. Es gibt auch Versuche der kritischen Vernunft, für die Möglichkeit der Auferstehung zu plädieren. Diese Versuche verdienen genauso viel Aufmerksamkeit wie manchmal übereilt erscheinende Abweisungen.

1,
Der katholische Theologe Hans Kessler (Prof. em. für systematische Theologie an der Uni in Frankfurt/M.) publiziert seit vielen Jahren zu einem ziemlich wichtigen Thema, bei dem es um den Umgang mit Leben und Tod und dem „Danach“ geht, also zur Auferstehung Jesu von Nazareth bzw. zum Thema Ostern in den christlichen Kirchen. Vor allem seine umfangreiche Studie „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten“, zuerst 1985 erschienen, dann später sehr stark erweitert, hat ihn als katholischen „Auferstehungs-Spezialisten“ in Deutschland bekannt gemacht. Kessler versucht, das umstrittene, heftig debattierte Thema Auferstehung argumentativ zu erschließen. Also nicht, wie oft in Predigten üblich, die Worte aus den Evangelien bloß zu wiederholen oder in frommem Jubel zu rezitieren. Kessler nennt Gründe, warum die Überzeugung von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung der Menschen vernünftig plausibel sein kann. Wer mathematische Beweise in Philosophien und Religionen verlangt, ist sowieso falsch beraten… Kessler zeigt zudem, dass dieser Glaube eine Lebensdeutung, eine Art Lebensphilosophie sein kann, die selbstverständlich im Sinne der Auferstehung als „politischer Aufstand für die Gerechtigkeit“ auch politische Dimensionen hat. Darum werden auch die bekannten Gedichte von Kurt Marti und Marie Luis Kaschnitz gewürdigt.
Das neue Buch ist also zu empfehlen, als Einstieg zum Thema.
2.
Das vom Umfang her eher knappe Buch (170 Seiten eigener Text, 26 Seiten Quellenangaben!) hat den Titel: „Auferstehung?“ (mit Fragezeichen), das ist wichtig, um die Offenheit der Reflexionen gleich zu Beginn anzudeuten! Der Untertitel ist: „Der Weg Jesu, das Kreuz und der Osterglaube“. So wird von vornherein betont: Die Auferstehung Jesu kann überhaupt nur im Zusammengang seines ganzen Lebens und dann seiner Verurteilung und seines Sterbens verstanden werden. Denn um ein vernünftiges Verstehen geht es ja.
3.
Das Buch präsentiert sich systematisch, und darin zeigt sich es fast als kleines gut zugängliches „Lehrbuch“, auch für Studenten und Arbeitskreise geeignet. Es beginnt also mit Erläuterungen zu den unterschiedlichen Quellen zum Leben Jesu von Nazareth, das Buch betont Jesu „Schlüsselerfahrung und Grund-Botschaft“. Dann folgen längere Erklärungen zu den Gründen für Jesu Verurteilung und Kreuzigung. Sehr deutlich sagt Kessler, dass sich Jesus durch sein ungewöhnliches Leben und seine Botschaft „in Gegensatz zu maßgeblichen Kreisen seines Volkes“ stellte (40). Und: „Jesus geriet in Gegensatz zur geltenden Doktrin und ihren Hütern“ (ebd). Man dürfte dann konsequenterweise beschreibend und nicht bewertend sagen: „Jesus der Jude ist in gewisser Weise aus der herrschenden Theologie seines Volkes herausgewachsen“. (Das ist meine Hypothese, C.M.)
4.
Mit Nachdruck weist Kessler darauf hin: Die vier Oster-Berichte der Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich absolut KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und fördert eher die religiöse Naivität, wenn nicht Dummheit. Hingegen muss beachtet werden: Kurze Sätze, Bekenntnisse, die von der Auferweckung Jesu sprechen, gibt es schon sehr früh mündlich überliefert, dann vor allem in vielen Paulus-Briefen, etwa schon im Jahre 50 im 1. Brief an die Thessalonicher: 1. Thess 1, 10, auch 4,14 usw.
Die Auferstehung Jesu als Ereignis im Bewusstsein der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, das gibt Kessler zu, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Kessler hält dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber theologisch für irreführend und missverständlich (95). Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barocks hat meiner Meinung nach den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.
5.
Das ist zentral also in den Erfahrungen der Jünger und FreundInnen Jesu: Sie erlebten nach Jesu Tod einmal mehr, aus welcher spirituellen Mitte Jesus lebte: Es ist „seine ureigene Gotteserfahrung“ (49), seine Gottunmittelbarkeit. So wird er als „der Gott ganz entsprechende Mensch“ erlebt.Diese Erinnerung ist dann prägend und bestimmend.
6.
Damit sind wir bei dem, was Auferstehung Jesu genannt wird. Die Jünger erinnern sich nach Jesu Tod (um das Jahr 30) weiter an diesen ungewöhnlichen Menschen, „der ganz Gott entsprach“. Dieser gottverbundene Mensch mit seiner Botschaft von der Herrschaft Gottes, kann nicht im Tod versinken. Denn in ihm „lebt Gott“. Die Jünger „produzieren“ also in gewisser Weise den Glauben an die Auferstehung, wie es der Bibelwissenschaftler Ulrich B. Müller in seinen Studien zeigt. Aber, und das wird leider meines Erachtens nicht deutlich gesagt: Dieses menschliche „Produzieren“ der Auferstehung ist dialektisch gesehen ZUGLEICH ein Werk des göttlichen Geistes, der ja auch in den „produzierenden“ Menschen lebt, zu dem sie frei Stellung nehmen können.
7.
Der im Bewusstsein der Gemeinde lebendige, auferstandene Jesus kann also durchaus als menschliche Leiche im Grab liegen. Wo sollte auch ein Leichnam hin? Und wenn Jesu leibhaftig wieder da wäre als der „Alte“, dann müsste er ja erneut irgendwo sterben, dann beginnt die Frage der Auferstehung von neuem… Die Frage, was aus dem Grab Jesu „eigentlich“ dann wurde, interessiert die Gemeinde derer, die an die Auferstehung glauben nicht mehr. Erst später, im 4.Jahrhundert, wurde der Kult um Jesu Grab inszeniert, im Rahmen des Wallfahrtswesens.
Hans Kessler betont darum wie in früheren Publikationen schon eigentlich die Selbstverständlichkeit: Nach damaliger auch schon jüdischer und dann christlicher Auffassung musste das Grab nicht leer sein“ (87).“Das leere Grab ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens“ (ebd.)
8.
Die Auferstehung verstehen – das ist für einige vielleicht doch noch ein zentrales Thema zu Ostern! Dies erfordert einen anspruchsvollen Prozess des Nachdenkens und Forschens, der Befreiung von der üblichen immer noch praktizierten infantilen Bibellektüre. Also die Korrektur so schön überlieferter, aber banaler Denk-Bilder. Sehr schön zeigt Kessel auch in philosophischen Reflexionen, etwa mit Verweis auf Boethius, was eigentlich der Begriff „Ewigkeit“ bzw. „ewiges Leben“ bedeutet, der ja entscheidend ist für ein christliches Verstehen der Auferstehung aller Menschen: Denn das ist ja die Bedeutung der Auferstehung Jesu: Alle Menschen sind als „Geschöpfe Gottes“ zur Auferstehung als Todesüberwindung berufen und befähigt. „Ewiges Leben könnte, vorsichtig formuliert, darin bestehen, dass endliche vergängliche Geschöpfe an Gottes unvergänglicher (ewiger) Lebendigkeit Anteil bekommen“ (159). Man beachte also immer wieder: Jesu Auferstehung zeigt die grundsätzliche Auferstehung (als „Übergang“ in Gottes Ewigkeit) ALLER Menschen. Das ist förmlich der Sinn von Jesu Auferstehung: Zeigen, dass alle Menschen auferstehen.
9.
Gerade an der Stelle hätte ich mir eine Ausbreitung dieses Gedankens gewünscht: Wenn von Gott oder dem schöpferischen göttlichen Prinzip die Rede ist: Dann muss auch davon gesprochen werden, dass dieser allseits schöpferische Gott (und als Gott der Ewige) Welt und Menschen „erschaffen“ hat (in einer evolutiven Entwicklung). Und dass dann aber dieser schöpferische Gott als göttlicher Geist IN der Welt und IN den Menschen immer schon anwesend ist. Eine von Gott dem Schöpfer getrennt bestehende Welt der Menschen ist undenkbar, wenn man an dem Gottesbegriff festhalten will.
Das bedeutet: Nur weil der ewige Gott als Geist (Seele) in jedem Menschen ist, natürlich auch im Menschen Jesus, kann es überhaupt Auferstehung geben als die Erfahrung: Der Mensch hat kraft seines Geistes am Ewigen Anteil. Und dieses Ewige ist im Leben erfahrbar, etwa in der Liebe oder dem Tun des Gerechten. Leider erwähnt Hans Kessler nicht die in dem Zusammenhang wichtige Studie des protestantischen Bibelwissenschaftlers, Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) „Die Realität der Auferstehung“ (2009): „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes.“ „Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).
10.
Diese Erkenntnis hat Jesus von Nazareth offenbart und dadurch allen Menschen zugänglich gemacht. Dies ist also der entscheidende Vorschlag der christlichen Religion und der biblischen Überlieferung: Das menschliche Leben ist im Zusammenhang des schöpferischen (ewigen) Gottes zu verstehen. Nur weil das menschliche Leben immer schon in das Leben des Ewigen einbezogen ist, „gibt“ es die Auferstehung Jesu und die Auferstehung aller anderen Menschen.
Diese Erkenntnis wurde bekanntlich auch vom Philosophen G.W.F. Hegel vorgetragen und begründet.

Siehe auch den ausführlichen Beitrag von Christian Modehn, „Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehehen“, LINK

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.
Erneut veröffentlicht am 24.3.2021 mit einem Hinweis auf eine Antwort Eugen Drewermanns zu diesem Beitrag, Drewermann bietet eine pauschale Verteidigung der Erbsünden – Lehre des Augustinus!

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge Weiterlesen ⇘

„Beichtväter“ plaudern: Ein Skandal zur Schweigepflicht der Priester.

Das absolut geltende Beichtgeheimnis wird „ein bisschen“ gebrochen
Die Neuerscheinung „Je vous pardonne tous vos péchés“ von Vincent Mongaillard

Ein Hinweis von Christian Modehn am 13.3.2021. Am Ende dieses Beitrages siehe auch eine von vielen Stellungnahmen in Frankreich.

1.
Ein Skandal: 40 katholische Priester in Frankreich berichten jetzt vom Inhalt der Beichten, die sie von Frommen und weniger Frommen „gehört“ haben. Und diese Plaudereien sind so umfassend, dass sich daraus ein Buch von 480 Seiten machen ließ, das sehr preiswert für 14,90 € im Verlag „Edition de l Opportun“ (Paris) am 12.März 2021 veröffentlicht wurde, also im „Verlag des Günstigen“, der seinen interessanten Untertitel auf der Website mitteilt: „Découvrir, rire et surprendre“, also “Entdecken, Lachen, Überraschen bzw. Überrumpeln“. Ein Verlag, der durchaus seriös ist, auch wenn er in der intellektuellen Szene nicht so bekannt ist; zum Verlag gehört auch der auf Studenten spezialisierte Verlag „L Etudiant éditions“.

2.
Zum Lachen (rire) ist das Buch für die Katholiken und ihre Bischöfe und Theologen ganz und gar nicht. Denn es ist das Dokument eines ungeheuerlichen Tabubruches: Erst im Juli 2019 hatte Papst Franziskus eindringlichst gelehrt: „Das Beichtgeheimnis betrifft das Wesen der Kirche und des Christentums. Das Beichtgeheimnis muss durch den Priester absolut bewahrt werden“. Auch der offizielle Katechismus von 1993 betont im § 1467, „dass jeder Priester unter strengsten Strafen verpflichtet ist, über die Sünden, die seine Pönitenten ihm gebeichtet haben, Stillschweigen zu wahren…Dieses Beichtgeheimnis lässt keine Ausnahmen zu…“

3.
40 Priester haben sich jetzt diese Ausnahme erlaubt: Sie sprechen von den Sünden ihrer Pönitenten (Beichtenden), aber sie nennen keine Namen, die Priester wie die Beichtenden bleiben im Nebel des Anonymen. So entsteht trotzdem ein soziologisch interessantes Bild: Welche Sünden heute und in den letzten Jahren im Beichtstuhl einem Priester anvertraut wurden.

4.
Aber so 100 prozentig anonym sind dann doch die Berichte der Priester nicht: Die katholische Tageszeitung La Croix weist etwa darauf hin, dass auch Namen von Städten genannt werden, auch die Namen von weiteren Orten, „so dass gewisse Leute sich wiedererkennen oder erkannt werden“. Einer der plaudernden Priester berichtet etwa von Beichten, die er „gehört“ hat, bei großen Pfadfindertreffen im Wallfahrtsort Paray-le-Monial. Die Pfadfinder werden wohl in Zukunft nicht mehr so begeistert ihre Pfade zu einem Beichtstuhl finden…

5.
Das Buch von Vincent Mongaillard ist systematisch gegliedert, je nach der „Natur“, d.h. der Schwere und Bedeutung der Sünde. Der Autor ist als Journalist auf religiöse Themen spezialisiert in der eher populären Tageszeitung „Le Parisien“ (Auflage 2020 ca. 180.000 Exemplare) seit mehr als 20 Jahren tätig. Er betont in seinem Vorwort, die Bekenntnisse der Beichtenden seien präzise wiedergegeben. „Wir haben darauf geachtet, dass kein Sünden – Bekenntnis das hochheilige Geheimnis der Beichte verrät. Denn wir wollen nicht, dass wir, die „Wohltäter der Information“, nun förmlich entblößt dastehen aufgrund unseres profanen Werkes (Buches).“

6.
In jedem Fall ist das Vertrauen der Katholiken erschüttert, sie werden kaum noch den Drang verspüren, überhaupt noch zur Beichte gehen. Tatsächlich hat die Praxis des „Bußsakramentes“ in den Beichtstühlen seit Jahren rapide abgenommen. Während sich noch vor 50 Jahren lange Schlangen vor den Beichtstühlen bildeten, zumal vor Ostern, sind die Beichtzeiten in den Kirchen heute auf ein halbes Stündchen pro Woche geschrumpft.

7.
Insofern fördert dieses Buch den weiteren Niedergang der Beichte. War dies vielleicht auch die Absicht der 40 Priester, die da den Tabubruch begehen? Weil sie wissen, wie wenig seelische Hilfe tatsächlich eine Beichte im Beichtstuhl bieten kann, die meistens nicht länger als 3 Minuten dauert. Vielleicht sehen die anonym bleibenden Priester auch das Defizit der Beichte: Denn die Priester können dem Sünder nur empfehlen, die Schuld, die er gegenüber anderen Menschen auf sich geladen hat, zu korrigieren. Über die Motive der Priester, an dem Buch mitzuarbeiten, wird man noch weiter forschen, falls die Priester überhaupt noch einmal etwas sagen.

8.
Papst und Bischöfe werden die 40 Priester nicht zwingen können,ihre Identität preiszugeben. Die kirchlichen Autoritäten stehen also sehr hilflos da. Strafe ist aufgrund der Anonymität unmöglich. Und auch der Staat wird nicht eingreifen können, er lässt die Kirche doch ohnehin nach eigenen Gesetzen im Staat gewähren. Und dass sich ein Beichtender so präzise wiedererkennt, ist unwahrscheinlich.

9.
Warum also dieses Buch? Weil das Thema förmlich in der „Luft liegt“ bei all den nicht enden wollenden Affären zum sexuellen Missbrauch durch Priester. Im Tagesspiegel vom 13.3.2021, Seite 3, wird berichtet, dass ein Beichtvater einer jungen Frau die Abtreibung empfohlen hat, der Vater war ein anderer Priester. Im Beichtstuhl „brennt“ es, wenn ein Priester dort das schlimmste aller Übel in der Sicht katholischer Moral empfiehlt: die Abreibung, eine Empfehlung, die übrigens schon der Priester – Vater der jungen schwangeren Frau gegeben hatte. Wieder einmal: Der gute Ruf des Klerus ist sogar wichtiger als der viel beschworene Lebensschutz. Wahrscheinlich geht de Beichtvater nach dieser Beicht – Empfehlung zu einer „Pro – Life – Demo….“

10.
Das Buch „Ich vergebe euch alle eure Sünden“ wird die letzten Phasen der Debatte über die Beichte erneut noch einmal beleben, das Buch wird zu der Frage führen: Wie kommt der Klerus eigentlich dazu, als Mittler zwischen dem einzelnen und Gott, zwischen dem Sünder und Gott, aufzutreten und bindend und lösend zu agieren? Zumal der Verdacht des sexuellen Missbrauchs jegliches Ansehen des Priesters verdorben hat. Und nun auch die 40 französischen Priester, die etwas aus dem Beichtstuhl plaudern…Das ist sozusagen ein weiterer „Gau“ im Katholizismus.
Die Debatte wird also noch mal über die anmaßenden Rechte des Klerus gehen, ein Thema, das seit der Reformation virulent ist. In ihrer wissenschaftlichen Studie. „Pratiques de la Confession“ (Praxis der Beichte), Edition du Cerf, Paris, 1983, weisen die Autoren darauf hin, dass über die Beichte bis dahin wenig studiert und publiziert wurde. Das Detailwissen ist im allgemeinen gering. Erst im 7. Jahrhundert wurde in Irland die individuelle Beichte eingeführt (S.17). Die Studie weist auch auf die klerikale Macht hin, denn bis ins 19.Jahrhundert war der Beichtvater meist der Gemeindepfarrer. Er kannte also viele seelischen Aspekte seiner Mitbewohner, hatte ein geheimes Herrschaftswissen. Er kannte die Familien, wusste, welche Kinder aus welchen „guten“ Familien vielleicht mit einem kirchlichen Stipendium zu fördern seien und welche nicht. Zu Ostern mussten ohnehin alle Angehörigen einer Pfarrei zur Beichte gehen, sie erhielten nach der Beichte ein Zettelchen oder ein Heiligenbild, das die erfolgte Beichte dokumenterte. Nur wer dieses Dokument vorweisen konnte, durfte an der Osterkommunion teilnehmen.

11.
Einem Bekannten kommt diese Buchpublikation etwas mysteriös vor. Ich will gern den – wahrscheinlich doch wohl unbegründeten – Verdacht eines auch mal anonym bleibenden Bekannten weitergeben: Nichts ist leichter für einen Autor, der etwas Aufsehen erregen und Geld verdienen will, als ein Buch zu schreiben, in dem anonym Priester von der Beichte plaudern und von den Süden der Beichtenden erzählen. Niemals wird bewiesen werden können, ob die Stories authentisch sind oder der Phantasie eines Kenners entsprungen sind.
Wie gesagt: Die Kirchenführung hat kein Mittel, die 40 Priester, falls es sie gibt, zum Sprechen zu bringen. Und der Staat auch nicht. Und auch den Autor kann wohl kein Staat zwingen, Namen zu nennen. Die Kirche kann höchstens die Zeitungsredaktion so lange bearbeiten, bis der Journalist seinen Job verliert…
Aus diesem Stoff ließe sich gut ein „Tatort“ oder ein ähnliches Krimi-Stück realisieren. Die Geschichte: Erst wenn der erste plaudernde Priester identifiziert ist und stirbt und dann auch der Journalist angeschossen wird, kommt die Sache „ins Rollen“. Diese Idee hat Christian Modehn am 13.3.2021 formuliert.

12.
„Ins Rollen“ ist die Beichte in jedem Fall gekommen, sie wird wohl „fortrollen“. Die Beichte wird als flüsterndes Gespräch bzw. Getuschel in eher unbequemen, manchmal etwas muffigen Beichtstühlen mindestens in Europa verschwinden.Weil auch das Bewusstsein schwindet, ob der Mensch nun Sünden begangen oder schwere Fehler gemacht hat. Der Gott mit dem drohenden Zeigefinger ist verschwunden.
Leider sind die besseren Seelsorger, also die Psychotherapeuten, absolut ausgebucht.

13.
In einigen Staaten wird darüber debattiert, ob das Beichtgeheimnis der Priester bei „schweren Verbrechen“ gelten kann, so in Australien (Vicoria) oder im Bundesstaat Louisiana, USA.
Nach kirchlichem Recht hat der „Beichtvater“, wenn ihm ein schweres Verbrechen gebeichtet wird, nur die Pflicht, den Übeltäter aufzufordern (!), sich den staatlichen Justiz – Behörden zu stellen. Eine sehr vornehme Art der Kirche, mit beichtenden Schwerverbrechern umzugehen. Dies gilt besonders auch fürs süditalienische Mafia-Milieu, die Maffia Bosse haben ja bekanntlich ihre eigenen Wallfahrtsorte und damit Orte des Beichtens, wie etwa die Kirche Notre Dame de Polsi in Calabrien. „Le Monde“ berichtete darüber am 12.2.2021, Seite 19.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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Ein Beitrag des Radio – Senders Europe1 am 11.3.2021:

Dans „Je vous pardonne tous vos péchés“, Vincent Mongaillard a recueilli les confidences de 40 prêtres qui, tout en préservant l’anonymat des fidèles, ont accepté de lever le voile sur ce qu’ils entendent en confession. Si certains aveux prêtent à sourire, d’autres relèvent du Code pénal.
C’est une règle d’or depuis des siècles : face aux fidèles venus faire pénitence de leurs péchés, les prêtres sont tenus au secret. Les paroles chuchotées dans la petite alcôve d’un confessionnal sont protégées par le silence du clerc, quelle que soit la gravité du crime avoué. Dans Je vous pardonne tous vos péchés, publié ce jeudi par Vincent Mongaillard aux Éditions de l’Opportun, 40 prêtres dévoilent ce qu’ils ont pu entendre en confession au fil des années, tout en préservant l’anonymat de leurs ouailles.

Un travail de longue haleine pour le journaliste du Parisien, à qui il a fallu trois ans pour arriver à bout de ce livre.“On a établi un rapport de confiance avec ces prêtres et on a gardé que le prénom. Qu’ils se rassurent, ils ne seront pas excommuniés puisqu’ils ne brisent pas le secret de la confession. On ne peut pas identifier les pénitents“, assure-t-il au micro d’Europe 1. Mais comme il l’écrit, certains secrets sont plus lourds à porter que d’autres.

Un crime confessé devant le prêtre

Il y a en effet les petits péchés, comme ce chauffeur de taxi qui confesse prendre des chemins plus longs pour faire payer plus cher ses clients, ou encore ce septuagénaire qui raconte, 60 ans plus tard, avoir bu du vin de messe lorsqu’il était enfant. Il y a également ce jeune scout qui a tué une fourmi. Mais le livre évoque aussi des secrets très lourds. Ainsi, cet homme en détention provisoire qui a confessé son crime à un prêtre. Quelques mois plus tard, il plaide non coupable devant la justice des hommes et se voit acquitté. De quoi placer un énorme poids sur les épaules du prêtre, mais qui assume, comme tous les autres, le secret absolu de la confession.
Les prêtres encaissent en confession beaucoup de souffrance et doivent parfois improviser des solutions pour empêcher le pire. Vincent Montgaillard raconte comment l’un d’eux décide de récupérer l’arme d’un jeune homme de 20 ans qui vit en roulotte avec sa mère… dont il veut se débarrasser. Le prêtre finira par déposer le revolver au commissariat sans donner l’identité de son propriétaire.

C’est très dur pour eux parce qu’ils portent sur leurs épaules tous les vices, toute la misère de notre société. Certains vont vous dire que c’est le Seigneur qui fait le travail mais après une journée de confessions, ils sont épuisés. C’est extrêmement éreintant“, reconnaît l’auteur.
Des confessions plus cocasses
„Certains prêtres m’ont confessé que deux tiers des pêchés étaient liés au-dessous de la ceinture, à des histoires d’adultère, d’addiction“, a encore expliqué Vincent Montgaillard. Comme cette confession cocasse d’un couple : la femme raconte tromper son mari avec un ami du couple, mais juste après, le mari confesse lui aussi tromper sa femme avec un ami. Le prêtre comprend vite qu’il s’agit de la même personne. Mais l’avantage, c’est que tout, devant Dieu, est pardonnable.