Gerechtigkeit ist etwas Göttliches: Wenn ein katholischer Theologe den Kirchenfeind Proudhon lobt.

Ein Hinweis auf ein Buch von Henri de Lubac über Proudhon
Von Christian Modehn am 2.2.2026

„Revolution und Gerechtigkeit“: Für diese Ziele kämpft der radikale Philosoph Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) in seinem sehr umfangreichen Werk. Mit diesem rebellischen, heftig kirchenkritischen Denker beschäftigt sich objektiv, aber durchaus auch voller Sympathie der katholische Theologe Henri de Lubac in seinem Buch „Proudhon et le christianisme“.
Warum ist es wichtig, daran zu erinnern? Der Theologe veröffentlicht sein Buch unmittelbar nach dem Zusammenbruch der rechtsradikalen, faschistoiden Pétain-Diktatur. Eine denkwürdige Konstellation. Der prominente katholische Theologe zeigt den (französischen) Christen nach dem Ende des Pétain – Regimes: Die meisten Katholiken haben das Regime unterstützt. Hätten sie die Gerechtigkeit für alle als etwas Göttliches angesehen, wäre der Zusammenbruch der Republik, die Verfolgung der Juden und der Linken nicht möglich geworden. Also: Hätten sie den verschmähten antiklerikalen Philosophen Proudhon gelesen, was er über die Gerechtigkeit schreibt…

1.
Das Buch „Proudhon et le christianisme“ wird 1945 in den „Editions du Seuil“, Paris, veröffentlicht, ein Jahr nach der Überwindung der Herrschaft des Vichy-Regimes. De Gaulle ist am 26. 8.1944 in das befreite Paris einmarschiert.

Die Studie des katholischen Theologen de Lubac erscheint unmittelbar nach der Überwindung des antisemitischen, menschenfeindlichen, anti-demokratischen Pétain-Regimes. Aber die LeserInnen werden erstaunt sein, dass es nur einen einzigen winzigen Hinweis auf die Zeit dieses Nazi-ergebenen Regimes Pétain im Buch gibt: De Lubac widmet seine Studie einem Priester, einem Jesuiten, der in der Résistance aktiv war und von der Gestapo am 10.8.1944 ermordet wurde. Sein Name:  Yves de Montcheuil. Da veröffentlicht also der schon damals berühmte Theologe de Lubac ein Buch 1945 und verbindet das Thema nicht mit der politischen Aktualität. Das Buch “Proudhon et le christianisme” ist trotz dieser “politischen Abgehobenheit” wichtig. 

2.
Der Autor ist ein schon damals bekannter Theologe im Jesuitenorden: Henri de Lubac wurde geboren 20.2.1896, gestorben ist er am 4.9.1991. Im Jahr 1929 wurde er Professor für „Fundamentaltheologie“ an der Hochschule der Jesuiten in Lyon. 1938 hatte er das viel beachtete Buch „Catholicisme“ veröffentlicht. Darin plädiert er für ein großzügiges, weites Konzept des Katholischen in der heutigen Welt, „alles Menschliche in höchstmöglicher Liebe einschließend“, schreibt der Theologe Herbert Vorgrimler. (Quelle: FUßNOTE 1)
3.
Aber Liebe zu allen Menschen erfordert auch den Widerstand gegen Rechtsradikale, Antisemiten, Faschisten: De Lubac gehörte während des Vichy-Regimes des Marschall Pétain und seiner Nazi – Freunde zur Résistance in Lyon. Besonders zum „intellektuellen Widerstand“ derer, die den unmittelbar politisch Handelnden im Widerstand helfen, durch persönliche Unterstützung, auch durch theoretische Arbeiten: De Lubac war eng verbunden mit den eher kleinen Kreisen der katholischen Résistance, die sich in Lyon um die geheimen Widerstandszeitschrift „Cahiers du Témoignage Chrétien“ sammelten. Das Motto dieser – bis heute bestehenden – Zeitschrift: „Vérité et Justice quoi qu il en coute“, „Wahrheit und Gerechtigkeit, koste es, was es wolle“.
4.
De Lubac weiß aus eigener Erfahrung, dass nur ein kleiner Teil des Klerus und der „praktizierenden katholischen Laien“ das Vichy Regime aktiv bekämpfte. Die mehrheitlich „braven Christen“ (Mitläufer, Nazi-Freunde etc.) will er durch sein Buch daran erinnern: Der Philosoph Proudhon, zwar ein heftiger Feind der Kirche, stellt auf vorbildliche Weise das Thema der Gerechtigkeit für alle Menschen (zumal für die Menschen im Elend, in Armut) in den Mittelpunkt. Proudhon bewertet die Gerechtigkeit für alle Menschen so hoch ein, dass er ihr sehr deutlich in seinen zahlreichen Publikationen göttliche Qualitäten zuspricht. Die Christen haben also nach Meinung de Lubacs von einem antiklerikalen Gegner der Kirche zu lernen! Man möchte sagen: Trotz dieser Aussagen erhielt diese Proudhon-freundliche Studie des Jesuiten de Lubac die damals erforderliche „kirchliche Druckerlaubnis“.
5.
De Lubac arbeitete an seiner – übrigens leicht lesbaren – wissenschaftlichen Studie über Proudhon (316 Seiten mit zahllosen Belegen und wissenschaftlichen Verweisen) natürlich schon einige Jahre, also zu Zeiten der Herrschaft des Pétain Regimes. De Lubacs Erkenntnis ist eine Provokation für alle Katholiken, die Proudhon bisher als Feind Nr. 1, als Anarchisten, Kommunisten usw. bewerteten. Proudhon hingegen, in der Sicht de Lubacs, will die Religion keineswegs zerstören, sondern auf neue Weise retten, aber er will nicht die bestehende Kirche unterstützen: „Um die Religion wiederherzustellen, muss man die Kirche verurteilen.“ (S. 85).Und die Religion? Sie ist für Proudhon vor allem die Verehrung der göttlichen Gerechtigkeit! De Lubac schreibt ein eigenes Kapitel mit dem Titel: „Proudhon der Theologe.“ Das heißt: Er ist zwar antiklerikal, aber er verdient den Titel Theologe (S.112).
6.
Proudhon neu zu bewerten, ihn aus der üblichen oberflächlichen Interpretation eines „Anarchisten“ oder Atheisten und Kommunisten usw. zu befreien, ist für de Lubac eine theologische Verpflichtung. Denn durch die Hochschätzung der Gerechtigkeit für alle entsteht eine Art neue, große Ökumene: Sogenannte Antiklerikale haben eine tiefe, eine radikale Hochachtung für die Gerechtigkeit, das beweist die Résistance der Sozialisten, Kommunisten, Freidenker. Mit ihnen zusammen haben einige Christen in der Résistance gekämpft, warum sollte diese Gemeinschaft nicht weitergehen? Die „göttliche Gerechtigkeit“ verbindet doch unterschiedliche Menschen! Aber diese Gedanken wurden auch von einer auf sich selbst fixierten Kirche nach 1945 nicht weiter gedacht, schließlich waren ja nun die Kommunisten Feind Nr.1 der Kirche….
7.
Gerechtigkeit steht als Prinzip der Gestaltung von Welt und Gesellschaft an oberster, „göttlicher“ Stelle, betont also Proudhon. Und er zieht daraus die Konsequenz: Ein Christ, der sich nicht für die umfassende soziale Gerechtigkeit interessiert und einsetzt, handelt nicht entsprechend der Logik seines Glaubens (S. 221). De Lubac ist überzeugt: Diese Hochschätzung der Gerechtigkeit „kann man nicht anders als religiös qualifizieren“ (S.297). De Lubac meint sogar: Proudhon erlebe der Gerechtigkeit gegenüber sogar einen „Schauder des Heiligen“ (ebd.) Proudhon ist überzeugt: „Das Gerechte, das Schöne, das Wahre ist die Religion der Zukunft“ (ebd.). Letztlich will er das kirchliche Christentum in der modernen Welt durch die Idee der heiligen Gerechtigkeit ersetzen. De Lubac widmet darum ein eignes Kapitel der Bindung Proudhons an die Gerechtigkeit: „Adoration de la Justice“, „Anbetung der Gerechtigkeit“ ist der Titel (S. 294ff).
8.
De Lubac hat als Theologe durchaus Anfragen an dieses Konzept der göttlichen Gerechtigkeit. Etwa: Sollte nicht doch ein transzendenter Gott mit – bedacht werden, weil er diese Idee der Gerechtigkeit, die in allen Menschen letztlich lebt, „geschaffen“ hat? Denn Proudhon denkt selbst an den Schöpfer: „Gerechtigkeit als das Wesen der Menschheit ist förmlich etwas Angeborenes in der Seele der Menschen“ (S. 302). Angesichts dieser Erkenntnis muss Proudhon betonen: „Diese starke Idee der `angeborenen Gerechtigkeit im Menschen` bleibt ein Geheimnis“ (S. 313).
9.
Bis heute fällt auf: Katholische Autoren erwähnen NICHT in ihren Studien zu dem inzwischen offiziellen vatikanischen Theologen de Lubac dessen Buch „Proudhon et le Christianisme“: Nur ein Beispiel: LINK.
Hingegen war nicht-katholische Presse unmittelbar nach Erscheinen voller Lob: LINK.  www.persee.fr/issue/r1848_1155-8792_1946_num_37_172
10.
Die weitere theologische Entwicklung de Lubacs kann hier nicht dargestellt werden: Er hatte sich seit 1950 zu einem progressiven theologischen Störenfried entwickelt mit entsprechenden Bestrafungen durch den Vatikan (Lehrverbot etc..). Allerdings wurde er durch Papst Johannes XXIII. als theologischer Berater in das 2. Vatikanische (Reform-) Konzil berufen. Seit der Zeit allerdings verbreitete de Lubac eher offizielle, papstfreundliche akzeptable Positionen, wobei seine Interessen etwa für den Buddhismus etwas Besonderes bleiben. Papst Benedikt XVI. auch Papst Franziskus schätzten de Lubac, im hohen Alter wurde er noch zum Kardinal durch Papst Johannes Paul II. ernannt. Heute sind es eher konservative Theologen und Bischöfe, die den nun offiziell katholischen Theologen de Lubac verehren, von Auseinandersetzungen mit Proudhon und dessen Maxime „Eigentum ist Diebstahl“ ist von diesen konservativen Theologen nichts zu hören. Darum merke: Selbst anfänglich progressive Theologen (wie de Lubac anfänglich) werden zu Vertretern des offiziellen Lehr – Systems, wenn sie von Papst und Bischöfen integriert und belohnt werden…
Nun soll der Mann, der 1945 den Kirchenkritiker und Agnostiker Proudhon so sympathisch fand, auch noch „selig gesprochen“ werden, also als Fürsprecher im Himmel von Katholiken hier auf Erden angefleht werden, so beschloß es die Konferenz der französischen Bischöfe 2023. Ob dadurch auch Proudhon etwas in den Stand des Seligen gerät? Eher unwahrscheinlich!
11.
Posthum erschien eine Studie Proudhons über Jesus: „Jésus et les Origines du christianisme”, „Jesus und die Ursprünge des Christentums“. Darin interessiert sich der theologische Agnostiker und Kirchenfeind vor allem für die menschliche Person Jesu im historischen Umfeld. Schon seit seiner Jugend hat sich Proudhon für die Jesusgestalt interessiert. Ausführliche Darstellungen über Jesus bietet auch das Buch „De la justice dans la Révolution et dans l’Église” („Über die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche“). Die Arbeiten über Jesus zeigen Proudhon als Bibelwissenschaftler, Soziologen und Philosophen. Der Theologe Gérard Bessière hat zu dem Thema ein wichtiges Buch veröffentlicht, das leider auch – in Deutschland – wenig Beachtung fand. (Fußnote 2)
12.
Unsere, von de Lubac inspirierte Erinnerung an Proudhon, an dessen Hochschätzung der Gerechtigkeit, ist natürlich keine „Seligsprechung“ Proudhons.
Wir wissen, dass er ein damals übliches, sehr enges Bild von Familie hatte, dass er die Homosexualität ablehnte und auch antisemitische Äußerungen in die Welt setzte.
Trotz dieser Begrenztheiten: Über die göttliche Gerechtigkeit lässt sich weiter nachdenken. Der Philosoph Omri Boehm zeigt in einer Interpretation des alttestamentlichen Mythos vom Untergang Sodoms: Gott ist selbst an die Gerechtigkeit gebunden, Gott steht nicht über der Gerechtigkeit: Darauf wird im Mythos Gott selbst von Abraham belehrt (etwa: Genesis 18).
In einer Besprechung des Buches „Radikaler Universalismus“ von Omri Boehm hat Christian Modehn geschrieben: „Da die Gerechtigkeit universell ist, steht sie auch über der Autorität der einen wahren Gottheit“ (zit. S. 53 in Boehms Buch). Diese über allem und allen stehende Gerechtigkeit ist entscheidender noch als Gott! Das in dieser Deutlichkeit zu sagen, ist sensationell, weil dann Gott nicht mehr der „Aller-Oberste“ ist. Es gibt eine Art „Gott über Gott“, und dies ist die universale Gerechtigkeit. Aber die zeigt sich in der Erfahrung der Menschen als eine nicht von Menschen gemachte und von Menschen verfügbare Wirklichkeit.“ Quelle: LINK
13.
Proudhon und sein Interpret de Lubac (1945) hätten sich über diese Erkenntnis des (an Kants Philosophie geschulten) Philosophen Omri Boehm sehr gefreut. Wir freuen uns, dass offenbar manche Erkenntnisse der Philosophie Proudhons doch nicht ganz verschwinden und aktuell eine Bestätigung finden.

Fußnote 1: Orientierung, Zeitschrift der Jesuiten, Zürich, 1970, S. 107
Fußnote 2: Gérard Bessière, Jésus selon Proudhon. La « messianose » et la naissance du christianisme, Paris, Éditions du Cerf, 2007, 484 p.

Fußnote 3: Zum Thema “Eigentum ist Diebstahl” (Proudhon) LINK

Fußnote 4: zum Thema: Superyachten – die obszönen Kapitalisten und Milliardäre, Hinweis auf ein wichtiges Buch:  LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der christliche Glaube ist einfach – Auch das Bekenntnis ist einfach!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.12.2025 … nicht nur zum Weihnachtsfest aktuell…

1.

Anläßlich des Gedenkens an das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren wurde viel über das dort formulierte christliche Glaubensbekenntnis gesprochen, es wurde später noch ausführlicher propagiert … gegen allerlei Ketzer … immer in einer Sprache der griechischen Philosophie: Für die meisten Menschen – zumal außerhalb Europas – sind dies eher unverständliche, existentiell nicht berührende Thesen. Aber die Kirchenführer und die ihnen ergebenen Theologen wärmen förmlich diese alten Texte immer wieder auf … um ihre klerikale Macht zu beweisen. Alte Dokumente haben bekanntlich nur Bedeutung, wenn sie zu neuen Interpretationen auffordern…

2.

In den zahlreichen Ra­dio­sen­dungen von Christian Modehn können immer wieder wichtige Hinweise entnommen werden, die eine moderne und vernünftige christliche Spiritualität inspirieren. 

3.

Im März 2014 sendete der Hessische Rundfunk in seiner Reihe „Camino“ (Red. Klaus Hofmeister) das Feature von Christian Modehn mit dem Titel „Glauben ist einfach“. 

Wir dokumentieren einige O Töne zum Thema „Glauben ist einfach“: Gemeint ist: Der christliche Glaube lässt sich auch heute in wenigen Worten nachvollziehbar sagen, er braucht nicht das ständige Beschwören und Wiederholen der uralten Bekenntnisse vor 1.700 Jahren. Damals hatten diese Christen den Mut, in ihrer Sprache der Philosophie den Glauben zu sagen, heute haben Theologen selbstverständlich die Freiheit, auf ihre Art, in ihrer Sprache, ihre christliche Spiritualität zu sagen. 

3.

Der katholische Theologe Karl Rahner ist sicher einer der wegweisenden Denker des Christelichen, er ist 1984 im Alter von 80 Jahren verstorben. Er legte in seinen zahlreichen Publikationen allen Nachdruck auf  den einen, entscheidenden Mittelpunkt des Glaubens: 

 O TON Karl RAHNER: 

Weil wir alle Religionsunterricht gehabt haben, kann es vielleicht so aussehen, als ob das Christentum, gerade das katholisch- kirchliche Christentum, eine ungeheure Menge von Dingen sagt, einen indoktriniert und zu glauben befiehlt. In Wirklichkeit sagt das Christentum das Selbstverständlichste, das gleichzeitig unbegreiflich ist: In deinem Leben ist immer schweigend,  umfassend bergend, liebend das namenlose Geheimnis am Werk, ein Christentum, das eigentlich sehr einfach ist. 

Alle subtile Theologie, alles Dogma, alles Kirchenrecht, alle Institution, alles Amt und alle seine Vollmacht; alle heiligen Liturgie und alle mutige Mission, haben nur das einzige Ziel: Glaube und Hoffnung und Liebe zu Gott und dem Menschen. Alle anderen Pläne und Taten der Kirche aber würden absurd und pervers, wollten sie sich dieser Aufgabe entziehen und allein sich selbst suchen.“

4.

Dem Projekt, auf neue Art einen einfachen, insofern armen Glauben zu formulieren, folgte etwa auch der Theologe Pater Heiner Wilmer, ihn konnten wir 2014 als Provinzial seines Ordens interviewen, inzwischen ist Wilmer Bischof von Hildesheim.

O TON, Heiner Wilmer,

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Glaube der Zukunft nur ein armer Glaube sein kann in einer armen Kirche. Und arm verstehe ich hier als Selbstbescheidung, als Konzentration auf das Wesentliche, und ich verstehe darunter ein Zurückdrängen von Nebensächlichkeiten. Auch nebensächlichen Schauplätzen, auf die wir uns immer zu sehr getummelt haben. 

Also Glaube ist Vertrauen. Und der Gegenbegriff von Glaube ist nicht Unglaube, sondern Angst. Der gläubige Mensch ist jemand, der ein tiefes Vertrauen hat ins Leben, das Geheimnis seines eigenen Lebens. Zur Ethik: 

Wenn du dich um andere kümmerst, wirst du selbst groß. Wenn du auf andere zugehst, wächst du innerlich. Wenn du deinen eigenen Horizont sprengst und die Welt offen siehst, und auch auf Unbekanntes mutig zugehst, wirst du selbst in ungeahnter Weise wachsen und zu einer erstaunlichen Größe gelangen, die dich selbst verblüfft.

5.

Der protestantische Theologe Professor an der Humboldt Universität in Berlin war als „liberaler Theologe“ immer offen für neue Formulierungen des Glaubens. Er sagt uns in einem Interview 2013: Wilhelm Gräb von der Berliner Humboldt Universität betont:  

O TON, Wilhelm Gräb:

Das Wesen des christlichen Glaubens ist, dass das Christentum die Menschwerdung Gottes behauptet, in dem Sinne, dass wir die Entgrenzung dieser Aussage verstehen: Nicht nur in dem einen Individuum des Jesus von Nazareth ist Gott Mensch geworden. Er wird es in jedem Menschen. Jedem Menschen wohnt eine göttliche Dimension inne, dass jeder Mensch in sich selbst unendlich wichtig ist, das ist das Wesen des Christlichen. 

Wilhelm Gräb ist leider 2023 gestorben im www.religionsphilosophischer-salon.de sind zahlreiche Interviews mit Prof. Gräb nachzulesen, die Fragen stellte Christian Modehn. 

6.

Frido Pflüger hat als Jesuit viele Jahre in Uganda und Kenia gearbeitet. Im Rahmen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes hat er dort für ein menschenwürdiges Leben ausgehungerter, sterbenskranker Flüchtlinge aus den benachbarten Krisengebieten gekämpft. Inzwischen leitet Pater Pflüger den Jesuitenflüchtlingsdienst in Berlin. Pater Pflüger ist 2021 an Covid in Uganda gestorben. 

Inmitten eines aufreibenden politischen Engagements hat Frido Pflüger das Grundlegende, das Wesentliche des christlichen Glaubens entdeckt: 

O TON, Frido Pflüger. 

Das erste Wesentliche ist für mich in meinem eigenen Leben,  dass ich diese Grundüberzeugung habe, dass mein Leben sinnvoll ist, dass mein Leben getragen oder gegründet ist auf einen Ursprung, der hält. Und das ist das Wesentlichste am christlichen Glauben, dass ich davon auch Sicherheit für mein eigenes Leben verspüre. Das heißt, das ist die Basis dafür, dass ich auch ausgreifen kann, dass ich was tun kann, dass ich einfach keine Angst haben muss um mein Leben. Egal, was ich mache. Ich sag es mal einfach so: Ich kann mein Leben auch in die Pfanne hauen für andere. Ich mach mir auch nicht viel Gedanken über das Spätere. Ich hab einfach so große Zuversicht, dass mein Leben nicht scheitern wird, dass mir das eine große Lebensgewissheit ist und Sicherheit für jetzt gibt.  Was mir diese Sicherheit dann gibt, ist mein Glaube an die Auferstehung.  

O TON, Für Frido Pflüger ist in dem Zusammenhang das Thema Beten wichtig: 

Auf der einen Seite kommt natürlich durch die Erfahrung von Leid und Not, auch Tod, andere Dimension ins Gebet. Weil das einfach Anliegen meines Gebets wird.  Dass ich die Menschen, die ich kenne und die in diesen Situationen leben, dass ich für sie bete. Das Beten heißt: Dass sie in meinem Herzen sind, in meinem Herzen mit Gott verbunden. Und auf der anderen Seite gibt das Gebet natürlich trotzdem dann auch für mich Bestärkung, meinen Weg weiterzugehen. Und den Sinn für mein Leben zu bestärken, dass ich diese Dinge zugunsten der Armen mit den Armen tun kann. Denn manchmal ist man auch einfach müde, und da brauche ich diese Kraft, dass ich mein Herz öffne für die Leute.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Papst Leo verteidigt das uralte, das veraltete Glaubensbekenntnissen des Konzils in Nizäa (325).

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn, am 23.11.2025.  Über das starre und sture Festhalten des Papstes (und anderer Kirchenführer) an einem heute unverständlichen Glaubensbekenntnis.

………………..

ERGÄNZT am 1. Dezember 2025: Wenig überraschend ist für kritische TheologInnen die “Gemeinsame Erklärung”, die Papst Leo XIV. und der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Patriarch Bartholomaios I., am  Samstag, 29.11.2025, in Istanbul unterzeichnet haben. Quelle:  LINK   

Wir weisen zu diesem Text nur darauf hin: Das Glaubensbekenntnis von Nizäa aus dem Jahr 325 wird von Papst Leo und Patriarch Bartholomaios I. selbstverständlich in höchsten Ton gelobt und als Maßstab auch für Gegenwart und Zukunft bezeichnet: Dass heute längst nicht alle christlichen Kirchen dieses Nizäa-Bekenntnis faktisch sehr hoch schätzen, wird nicht erwähnt. Hingegen wird das uralte Bekentnnis inn uralter Sprache noch einmal wiederholt … etwa:  “Wir müssen anerkennen, dass uns der Glaube verbindet, der im Glaubensbekenntnis von Nizäa zum Ausdruck kommt. Dies ist der rettende Glaube an die Person des Sohnes Gottes, wahrer Gott vom wahren Gott, homoousios (eines Wesens) mit dem Vater, der für uns und zu unserem Heil Mensch geworden ist und unter uns gewohnt hat, gekreuzigt wurde, gestorben ist und begraben wurde, am dritten Tage auferstanden ist, in den Himmel aufgefahren ist und wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. …” Und dann noch dieser fromme Wunsch: “Mit diesem gemeinsamen Bekenntnis können wir uns unseren gemeinsamen Herausforderungen stellen, (suc, CM) indem wir in gegenseitigem Respekt Zeugnis ablegen für den in Nizäa zum Ausdruck gebrachten Glauben und mit echter Hoffnung gemeinsam an konkreten Lösungen arbeiten….Wir sind überzeugt, dass die Feier dieses bedeutenden Jubiläums zu neuen und mutigen Schritten auf dem Weg zur Einheit inspirieren kann.”

Der sich orthodox-gläubig nennende Ideologe des Putin-Regimes, Patriarch Kyrill von Moskau, hat an dem Treffen in Istanbul nicht teilgenommen, er steht mit Patriarch Bartholomaios “auf Kriegsfuß”..: Weil Bartholomaios die Verbindung Kyrills mit Putin ablehnt. Immerhin hat Bartholomaios dazu den Mut, während der “Ökumenische Rat der Kirchen” in Genf die russisch – orthodoxe Kirche mit dem Kriegstreiber Patriarch Kyrill noch immer nicht aus ihrem ökumenischen Rat rausgeworfen hat.

Sehr allgemein und überhaupt nicht konkret haben Leo und Bartholomaios knapp in ihrem Dokument gesagt: „Insbesondere lehnen wir jede Benutzung der Religion und des Namens Gottes zur Rechtfertigung von Gewalt ab.“ Damit können fundamentalistische evangelikale Christen in den USA, fundamentralistische Muslime und fundamentalistsiche Juden, oder eben auch Patriarch Kyrill von Moskau gemeint sein. Ökumene ist halt immer noch eine Sache der frommen Worte und der allgemein gehaltenen Forderungen… Sind Kirchenführer etwa in erster Linie Diplomaten? Man hat den begründeten Eindruck…

………. Der Text, publiziert am 23.11.2025: 

1.
Papst Leo XIV. hat am 23.11. 2025 ein Dokument veröffentlicht, das sich mit der Einheit der getrennten Kirchen und Christen befasst.
Sagen wir das Erfreuliche zuerst: Eine Rückkehr der Orthodoxen und Protestanten zur römischen „Mutterkirche“ wird es für ihn als Papst nicht mehr geben. (Siehe dazu in der Nr. 12 des Textes: “Das bedeutet keine Rückkehrökumene zum Zustand vor den Spaltungen, auch keine gegenseitige Anerkennung des aktuellenStatus quo der Vielheit von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, sondern vielmehr eine Zukunftsökumene der Versöhnung auf dem Weg des Dialogs, des Austauschs unserer Gaben und geistlichen Schätze…”. Ob dann Rom doch in dieser etwas undeutlichen “Zukunftsökumene” siegt, wird man sehen…

2.
Der Anlass für diesen Text: des Papstes Reise in die Türkei, an den Ort, der einst Nizäa hieß, heute heißt er Iznik. Dort wird er auch den Orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel treffen. Er ist Ehrenprimas aller Orthodoxen.

3.

Wie zu erwarten, lobt Papst Leo in seinem Apostolischen Schreiben das vom Konzil in Nizäa vor 1.700 Jahren formulierte Glaubensbekenntnis in höchsten Tönen.

Der Papst lobt, wie zu erwarten ist in dieser weithin erstarrten vatikanischen Theologie, dass im Bekenntnis von Nizäa die Gottheit des Menschen Jesus von Nazareth als definitive Glaubenslehre herausgestellt wird.
Er lobt also, dass in Nizäa die Gottgleichheit Jesu ausgesprochen wurde.
Dabei musste selbstverständlich die griechische Sprache verwendet werden: Es ist das homooúsios, das „wesensgleich“, also nicht etwa „wesensähnlich mit „Gott – Vater“, Formeln, die die griechische Philosophie so fein unterscheidet.

4.
Papst Leo erwähnt nicht, dass in dem Bekenntnis von Nizäa fast keine Rede ist von dem Mann Jesus von Nazareth, von dessen Predigten, Handlungen, Weisungen.
Der Papst sieht offenbar gar nicht, dass das Bekenntnis von Nizäa Jesus von Nazareth zum Gott macht ohne jeglichen Respekt für die Berichte der Evangelisten Markus, Matthäus und Lukas im Neuen Testament! Und: dass dieses Glaubensbekenntnis von der jüdischen Herkunft Jesu kein Wort verliert. Denn korrekt müsste es wohl heißen: Gott ist in Jesus nicht nur Mensch, Gott ist ein Jude geworden…Aber das passte nicht in das damalige Konzept, schon damals war die Kirche interessiert, aus der Jesus-Gestalt die Christusgestalt für alle, auch für die Heiden) zu machen.

5.
Der Papst erwähnt den großen Gegenspieler dieses Konzils, den Theologen Arius: Er hatte sehr zurecht seine theologischen Probleme mit den sich selbst „rechtgläubig“ nennenden Bischöfen, die Jesus zum Gott erklärten. Arius betonte, Jesus stehe doch eher mehr auf der Seite der Menschen. Papst Leo XIV. ist in seinem Dokument immerhin so ehrlich zuzugeben, dass selbst viele Bischöfe damals die Lehre des Arius als sympathischer und treffender einschätzten. Leo erwähnt nicht, dass die Schriften des Arius von den sich orthodox nennenden Bischöfen verbrannt wurden…

Der Papst erwähnt auch nicht, dass das Konzil von Nizäa auch einen SEHR politischen Zweck hatte: es sollte die EINE Religion in des Kaisers Reich befördern, denn nur so lässt sich besser herrschen und regieren…

6.
Wir wollen dieses apologetische, fromme und floskelhafte Dokument von Papst Leo XIV. nicht weiter kommentieren.

Wir können nur unser Bedauern äußern, dass mit keinem Wort vom Papst die Aufforderung ergeht, diese  Ökumene nun durch eine neue mutige Praxis voranzubringen; etwa durch Glaubensbekenntnisse (PLURAL!) heute, die diese seit langer Zeit schon unverständliche Sprache der griechischen Metaphysik von Nizäa endlich überwinden. Wer versteht heute noch dieses Glaubensbekenntnis von 325, selbst wenn es oft nachgesprochen und nachgeplappert wird.
Aber diese neuen, modernen Glaubensbekenntnisse sollten doch bitte, dem Neuen Testament folgend, vor allem von dem großen Weisheitslehrer Jesus von Nazareth sprechen, von seiner Bergpredigt, von Jesus als dem MENSCHEN!

7.
Wie schon gesagt: Worüber wir uns nun wirklich etwas freuen: Der Papst will offenbar Abschied nehmen von der im Vatikan bislang üblichen „Rückkehr-Ökumene“, d.h.: dass alle anderen christlichen Kirchen zu Rom zurückkehren und sozusagen römisch -katholisch werden. Das ist schon mal eine gewisse Korrektur des Früheren!

8.
Aber genau in dem Zusammenhang ist es ärgerlich, dass Leo XIV. die orthodoxen Kirchen explizit als Kirchen (selbstverständlich wird die römische Papst – Kirche als Kirche vorausgesetzt) bezeichnet:
Hingegen von den Kirchen der Reformation spricht er nur von „kirchlichen Gemeinschaften“. Die Protestanten (Lutheraner, Angelikaner, Reformierte, remonstarnten…) sind also für ihn keine Kirchen. Warum? Weil sie nicht in der vom Papsttum definierten (!) apostolischen Sukzession stehen. Also hat der Papst doch – versteckt – die Dominanz? Natürlich, nur nicht mehr so undiplomatisch formuliert wie zu Zeiten des polnischen Papstes…(Siehe dazu in der 12. des Schreibens von Leo XIV.: “Auch wenn uns die volle sichtbare Einheit mit den orthodoxen und altorientalischen Kirchen und den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, noch nicht geschenkt wurde,”  usw… Für Spezialisten: Es ist schon komisch, dass der Papst auch die altorientalischen Kirchen (Kopten, Äthiopier  usw.) als Kirchen bezeichnet, sind diese doch “Monophysiten”, lehnen also die Christologie der Katholiken und Orthodoxen ab…
Nebenbei: Ich habe auch große Probleme, die us-amerikanischen oder nigerianischen Mega-Churches als Kirchen (und nicht als politisch reaktionäre kapitalistische Unternehmen) zu bezeichnen… aber sind die katholischen Fundamentalisten denn auch Kirche in ihre sektenhaften, von Zölibatären beherrschten Abgeschlossenheit?

9.
Und wie geht also die Ökumene im Sinne des Augustiner- Papstes Leo XIV. weiter: Seine übliche und ständige hilflose Empfehlung auf den Websites des Vatikans heißt: Beten, beten, beten, beten… Empfehlungen also, die nichts Konkretes bedeuten und fordern, sondern alles im himmlischen Fürbitten – Nebel belassen.

10.
Man könnte doch als angeblich etwas moderner Papst heute sagen: Ab sofort sollen selbstverständlich konfessionsverschiedene Paare gemeinsam zur Kommunion gehen. Und: Auch Protestanten können und sollen an der katholischen Kommunion teilnehmen. Auch Katholiken sollen bitte schün am evangelischen Abendmahl teilnehmen (es wird besser und würdevoller gefeiert als die schnelle Abspeisung der Katholiken bei der Kommunion).
Und auch dies sollte der pPapst in seiner Allmacht sagen: Wir Katholiken haben von den Protestanten endlich etwas gelernt und weihen nun Frauen zu Diakoninnen und Priesterinnen…Und weiter: In tiefster katholischer Diaspora mögen doch bitte die wenigen auf den Dörfern verbliebenen Katholiken Freude daran haben, protestantische Gottesdienste dort zu besuchen (das gilt etwa für Brandenburg, oder für Island, Norwegen etc…).

11.
Nach der Lektüre dieses eher doch langweiligen Papst – Textes fragt sich der kritische Theologe: Wie viele Texte werden eigentlich noch in den nächsten 100 Jahren, also noch vor dem tatsächlichen Ende der getrennten Kirchen in Europa, zur Ökumene noch veröffentlicht?

Einige Leute „freuen“ uns jetzt trotzdem auf die nächsten päpstlichen Papiere und Dokumente und Ermahnungen und Apostolische Schreiben und Enzykliken und „Synoden“ Beschlüsse usw. usw. Da gibt es doch vieles zu lesen, es sind Lektüren, denen keine neue, reformatorische ökumenische Praxis folgen darf!

Zur Verteifung siehe unseren Beitrag zum Konzil von Nizäa: LINK 

Der Text des Papstes zur Ökumene vom 23.11.2025: LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Weihnachten verstehen: Dann können wir Weihnachten besser feiern.

Ein Interview mit dem Autor des Buches „Die Weihnachtsgeschichte – Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung“: Frank Kürschner-Pelkmann
Die Fragen stellte Christian Modehn am 6.11.2025

Frage von Christian Modehn: Ihr neues Buch über Weihnachten (erschienen im Oktober 2025) hat 680 Seiten, die Fußnoten noch gar nicht mitgezählt. Ihr erstes Buch über Weihnachten aus dem Jahr 2012 „Von Herodes bis Hoppenstedt. Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte“ hatte 696 Seiten. Warum sind Sie so leidenschaftlich, möchte ich fast sagen, an Weihnachten interessiert?Warum ist es Ihnen so wichtig, Aufklärung und Kenntnis zum Weihnachtsfest zu fördern?

Antwort Frank Kürschner-Pelkmann: Ich bin überzeugt, dass man durch ein ernsthaftes Studium der biblischen Texte und ihres geistes- und sozialgeschichtlichen Hintergrunds zu einem tieferen Glauben gelangen kann. Das haben bereits manche Denker der Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert so gesehen. Damals fehlten aber noch viele Erkenntnisse, die uns verschiedene Wissenschaften inzwischen ermöglicht haben. Um diese spannende Spurensuche zu beginnen, muss man kein Theologieprofessor oder Philosoph sein, sondern es gibt viele auch für Nicht-Experten gut verständliche Darstellungen zu diesen Themen. Ich habe eine große Zahl von theologischen und historischen Darstellungen gelesen, die für die Weihnachtsgeschichten relevant sind, ein Beispiel ist das neue Verständnis von Maria in der feministischen Theologie. Die aus dieser Studienarbeit gewonnenen Erkenntnisse sind durch Zitate und eigene Darstellungen in das Buch eingeflossen. Das hat natürlich zum Umfang des Buches beigetragen.

Dafür eröffnet das Buch einen Zugang nicht nur zu den Weihnachtsgeschichten, sondern – so hoffe ich jedenfalls – auch zu einem aufgeklärten Verständnis des ganzen Neuen Testaments. Die Weihnachtsgeschichten können zugleich eine Brücke zur Hebräischen Bibel bilden und sind eindeutig von Lukas und Matthäus so verfasst worden. Zugleich sind diese einleitenden Kapitel so etwas wie Ouvertüren zu den dann folgenden Evangelien. Es klingen wie in einer musikalischen Ouvertüre schon einmal die Themen an, die im übrigen Werk ausführlicher und in Variationen zu hören sind.
Dazu ein kleines Beispiel. Dass es bei Lukas die Hirten sind, die zum Stall in Bethlehem kommen, also eine marginalisierte Gruppe der damaligen Gesellschaft, weist schon darauf hin, dass im Lukasevangelium immer wieder betont wird, dass den Armen das Heil verheißen wird. Diese Erkenntnis behält auch dann ihre Gültigkeit, wenn wir wahrnehmen, dass die Geschichte von den Hirten eine Legende ist. Ja, das gilt gerade dann, wenn wir dies wahrnehmen. Die Hirten haben keinen Auftritt in der Geschichte, weil sie gerade in der Nähe und nachts noch wach waren. Sie werden als Repräsentanten der Armen in die Heilsgeschichte einbezogen, wie sie Lukas erzählt. Er war kein Historiker und wollte es auch nicht sein, sondern er hat Geschichten aufgeschrieben, die Menschen zum Glauben führen und ihnen Hoffnung in einer trostlos erscheinenden Zeit geben wollte.
Das hat auch Matthäus getan. Und da die Evangelisten ihre Werke parallel verfassten und die Texte des anderen nicht kannten, gibt es wie erwähnt Abweichungen in den Darstellungen. Das können wir interessiert, aber gelassen wahrnehmen. Der Kern der Botschaften dieser Evangelien (und des übrigen Neuen Testaments) sind in hohem Maße identisch.

Frage: Ist denn Ihr starkes Interesse an Weihnachten auch mit Ihrer persönlichen Geschichte verbunden?

Antwort: Meine Weihnachtsgottesdienst-Erinnerungen beginnen in der Schlosskirche in Ahrensburg, einem evangelischen Barockbau. Der große Weihnachtsbaum mit den vielen Lichtern (damals noch mit echten Kerzen) hat mich tief beeindruckt. Davor stand die Krippe, und weil ich schon damals kurzsichtig war, bestand ich am Ende des Gottesdienstes darauf, nach vorne zu gehen und mir die Krippenfiguren genau anzusehen. Auch in der Schul- und Konfirmandenzeit war der Besuch der Weihnachtsgottesdienste für mich immer ein Höhepunkt der Weihnachtszeit. Im Konfirmandenunterricht ist mir dann ein Verständnis des Christentums vermittelt worden, das Vernunft und religiöse Gefühle miteinander in Einklang bringen wollte. Ich habe später versucht, Frömmigkeit zu verbinden mit einem radikalen Verständnis der Bibel und des christlichen Engagements in dieser Welt.
Es war und ist mir immer ein Graus, wenn biblische Verse, auch aus der Weihnachtsgeschichte, aus ihrem Zusammenhang gerissen und in die jeweilige gesellschaftspolitische Argumentation einbezogen wird. Die Bibel ist kein Steinbruch, wo man sich gerade passende Verse heraussucht und dem Gegenüber an den Kopf wirft. Dieser Versuchung sind leider immer wieder auch Kritiker der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse erlegen.

Gerade die Weihnachtsgeschichte, kann helfen, grundlegende Einsichten darüber zu gewinnen, was die Botschaft dieses Jesus von Nazareth ist. Wir müssen diese Geschichten gründlich lesen und so zum Beispiel erkennen, was Legenden sind und welche tiefere Bedeutung sie haben. Es ist aber unbedingt zu vermeiden, die Bibeltexte so lange zu sezieren, bis wir vor einem Trümmerhaufen stehen, den wir dann mehr oder weniger resigniert verlassen. Für mich sind die Weihnachtsgeschichten zentrale Texte, um das miteinander zu verbinden, was wir wissen können und was wir glauben dürfen, wenn wir das wollen.

Frage: Sie haben also die Erwartung oder wenigstens die Hoffnung, dass durch die vermehrte Kenntnis der Weihnachtsgeschichte, erzählt von den vier Evangelisten und den zahlreichen „apokryphen Erzählungen“ zur Jesus-Gestalt, Menschen wieder intensiver, auch spirituell, Weihnachten erleben und feiern können? Also jenseits des weltweit vorherrschenden „Konsumrausches“ anläßlich von Weihnachten?

Antwort: Nach dem Verfassen meines Buches bin ich mehr denn je überzeugt, dass die Weihnachtsgeschichte geeignet ist, Menschen intellektuell und spirituell anzusprechen. Es gibt beim Hören und Lesen dieser Geschichten sehr viele Aha-Erlebnisse, wenn man sich auch mit den historischen und sozialgeschichtlichen Hintergrund der Geschichten beschäftigt. Man kann zum Beispiel erfahren, dass die Verfasser der Evangelien ihre Werke als Gegengeschichten zum Herrschaftsanspruch und zur Propaganda von Kaiser Augustus verfasst haben, bis hinein in ihre Wortwahl. Nicht Augustus, sondern Gott ist der wahre Herrscher der Welt, lautet die Botschaft. Diese Botschaft konnten die damaligen Menschen in Galiläa und Judäa erkennen, während sie heute nicht mehr bei einer Lektüre der Evangelien ohne ein Wissen über historische Bezüge und Zusammenhänge zu erkennen sind. Die Propaganda von Augustus, seine „guten Nachrichten“ („euangelion“, das griechische Wort für „Evangelium“) erreichten auch das letzte Dorf in Palästina. Man war also in der Lage kaiserliche Propaganda und biblische Botschaft in Beziehung zueinander zu setzen. Die Jesusbewegung hat ihre „Evangelien“ dagegengestellt und deutlich gemacht, dass die politischen Herrscher dieser Welt, allen voran Augustus, nicht die wahren Herrscher sind – eine wahrhaft kühne Botschaft einer bedrängten kleinen Jesusbewegung. Im Magnifikat singt Maria, dass Gott die Mächtigen vom Thron gestürzt hat (Luther hat diese radikale Botschaft abgemildert und übersetzt, dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzen wird).Die radikalen Aussagen in den Evangelien sind kein politisches Manifest. Sie sind tief eingebunden in eine Spiritualität, die die Menschen einlädt, aus dem Glauben heraus eine innere Freiheit zu finden, sich für eine umfassende Befreiung der Menschheit einzusetzen und mitzuarbeiten am Reich Gottes. Weihnachten ist ein guter Anlass, diese Verheißung auf lebendige Weise erfahrbar zu machen. Das wird dann geradezu zwangsläufig prägen, wie wir Weihnachten feiern. Ein „Konsumrausch“ hat dann keinen Platz in unseren Weihnachtsfeiern, wohl aber das immer neue Staunen darüber, wie mehr als 2.000 Jahre alte Geschichten uns Hoffnung und Orientierung im eigenen Leben und im Miteinander geben können.

Frage: Sie legen allen Wert darauf, unseren Blick auf die vielfältigen christlichen Glaubenshaltungen und Theologien außerhalb Europas – auch zum Thema Weihnachten – zu richten?

Antwort: Mein Interesse an der Auslegung der Weihnachtsgeschichte in der weltweiten Ökumene hat zunächst einmal biografische Gründe. Die Beschäftigung mit theologischen Texten aus der Ökumene und besonders der Befreiungstheologie hat meinen Glauben und meine theologischen Auffassungen sehr stark beeinflusst. In dem halben Jahrhundert, in dem ich mich nun mit theologischen Fragen beschäftige, haben ökumenische theologische Beiträge immer wieder im Zentrum gestanden.
Ich will aber nicht verschweigen, dass die Weihnachtsgeschichten in der weltweiten Ökumene durchaus Konfliktstoff birgt. Die meisten, vermutlich die allermeisten, Missionare haben die Bibel als Wort für Wort von Gott übermittelt dargestellt. Die Bibel ist auch heute für viele Millionen Christinnen und Christen im Süden der Welt „Gottes Wort“ in einem sehr engen Sinne. Die historisch-kritische Auslegung biblischer Texte wird besonders in Afrika von vielen Pastoren und Bischöfen abgelehnt. Die Folgen zeigen sich zum Beispiel beim Umgang mit dem Thema Homosexualität, wo eine biblizistische Auslegung einiger weniger Bibelverse zu einer kompromisslosen Ablehnung von Homosexualität veranlasst. Das hat die anglikanische Weltgemeinschaft zeitweise fast zu einer Spaltung geführt.
Wir müssen solche Konflikte aushalten und wie schon die ersten Gemeinden der Jesusbewegung damit leben, dass es unterschiedliche Auffassungen in Glaubensfragen gibt. Es gibt in religiösen Fragen keinen Alleinvertretungsanspruch, wohl aber den Auftrag zu einem gemeinsamen Ringen um das richtige Verständnis. Gern zitiere ich den jüdischen Gelehrten Pinchas Lapide: „Jede Streitfrage hat, zutiefst gesehen, drei Seiten: deine Seite – meine Seite – und die richtige Seite.“

Es gibt auch im Süden der Welt inzwischen eine größere Zahl von Theologinnen und Theologen, die dogmatische Festlegungen infrage stellen, die auf den ersten Konzilen der entstehenden Kirche getroffen wurden. Das betrifft zum Beispiel die Frage, ob Maria eine Jungfrau war oder diese dogmatische Festlegung lediglich auf dem Hintergrund des hellenistischen Weltverständnis zu sehen sind. Müssen Diese Dogmen heute weiterhin für weltweite Christenheit verbindlich sein? Tissa Balasuriya, ein Befreiungstheologe in Sri Lanka, wurde zeitweise vom Vatikan exkommuniziert, weil er dies infrage stellte.
Inzwischen gibt es auch in Afrika erfreulicherweise eigenständige feministische Theologien und auch die lateinamerikanische Befreiungstheologie kann uns weiterhin zu neuen Erkenntnissen und Einsichten verhelfen. Weltweit ist ein Aufbruch zu neuen eigenständigen Theologien zu beobachten. Sie könnten die deutschen Kirchen bereichern, wenn man sie denn auf einer breiteren Ebene wahrnehmen würde. Ich habe im Buch eine ganze Reihe wegweisender Theologinnen und Theologen aus der weltweiten Ökumene zu Wort kommen lassen.

Frage: Die zahlreichen Gottesdienste vor allem am „Heiligen Abend“ sind, im Vergleich zu „üblichen Sonntagen“, geradezu überfüllt. Die FAZ beispielsweise berichtet, dass 28 Prozent der Befragten Weihnachtsgottesdienste besuchen wollen. Was zeigt sich in dieser ungewöhnlichen Begeisterung für Gottesdienste selbst bei sonst eher kirchlich desinteressierten Menschen?

Antwort: Ein wichtiger Grund ist, dass besonders Lukas Weihnachtsgeschichte weiterhin viele Menschen, auch Kinder, tief bewegt. Sie hat das auch schon gleich nach der Entstehung dieses Evangeliums getan und Hoffnung in einer bedrohten Situation als kleine religiöse Gruppe im riesigen Römischen Rech geweckt. Andere jüdische Gruppen lehnten die radikalen Botschaften Jesu ab, den sie nicht als Messias anerkannten. Manche Gruppen der Jesusbewegung wurden aus Synagogen ausgewiesen. Sie verloren damit auch den begrenzten Schutz, die die Römer den Juden gewährt hatten. Diese Römer hatten den Anführer der Jesusbewegung gekreuzigt und damit begonnen, seine Anhänger zu verfolgen. In dieser Situation fand Lukas die richtigen Worte, um mit seiner Weihnachtsgeschichte den Menschen Mut zu machen und Hoffnung zu geben. Das tun diese Verse auch heute noch. Ich habe bei der Beschäftigung mit theologischen Beiträgen zur lukanischen Weihnachtsgeschichte gelernt, dass ein Grund für die Wirkung dieser Geschichte ist, dass Lukas bei seine Darstellung der Geschichte auf viele Details verzichtet hat, die in einer solchen Geschichte hätten erzählt werden können. Das eröffnet den Hörerinnen und Hörern der Geschichte die Gelegenheit, mit viel Phantasie selbst auszuschmücken und das einzufügen, was ihnen wichtig ist.

Ich möchte hier ein zweites, mir wichtiges Thema ansprechen. Viele der Menschen, die heute in Weihnachtsgottesdienste strömen, haben Erinnerungen an solche Gottesdienste in ihrer Kindheit. Aber viele heutige Kinder haben diese Erfahrungen nicht mehr. Und ihre Eltern können ihnen auch nicht mehr viel von dem vermitteln, was dieser Jesus später gesagt und getan hat. Es besteht also die Gefahr eines Traditionsabbruchs. Es muss deshalb gelingen, in den heutigen Weihnachtsgottesdiensten jene Begeisterung entstehen zu lassen, von der Sie in Ihrer Frage gesprochen haben.

Wir empfehlen das Buch „Die Weihnachtsgeschichte – Fakten, Legenden und tiefere Bedeutung“ von Frank Kürschner-Pelkmann. Rediroma-Verlag, 680 Seiten, Oktober 2025, kartoniert, 26,95 €.

Weitere Informationen zu den Büchern Frank Kürschner-Pelkmanns: LINK.

Copyright: Frank Kürschner-Pelkmann und Religionsphilosophischer-Salon.de

General Franco, Spaniens faschistischer Führer, vor 50 Jahren gestorben…Und seine Ideologie wird lebendig…

Als sich die Kirchenführung mit dem Faschisten, dem Regime des „Caudillo“ Franco, vereinte.
Ein Hinweis von Christian Modehn am 29. Oktober 2025

Am 17.11.2025 ergänzt: In 15 Städten Spaniens wird in katholischen Kirchen am 20. November 2025, dem 50. Todestag des Faschisten General Franco, eine Totenmesse gefeiert. Die Bindung vieler Katholiken Spaniens an den Faschisten ist offensichtlich. Die Bischöfe werden diese Pro-Franco -Messen sicher nicht verbieten. Bezeichnenderweise finden diese Pro-Franco-Messen nicht in Katalonien und im Baskenland statt, diese Regionen waren weithin Anti-Franco und republikanisch eingestellt… Weitere Infos: LINK.

Einführung: Der reaktionäre „Nationalkatholizismus“ damals und heute
Wir erinnern an den spanischen Faschisten Francisco Franco und seine katholische „Nationalkirche“. Und wir denken dabei jetzt auch an die USA unter Trump und Co., eng verbunden mit einer christlich – fundamentalistischen „National-Religion“. Sie ist Mittelpunkt us-amerikanischer „weißer“ Identität. Dieses Christentum (präsent nicht nur unter Evangelikalen, auch unter Katholiken) wird eingesetzt, um die politische und kulturelle Vorherrschaft von Trump und Co. zu zementieren. Quelle: LINK:
In Frankreich wird aktuell wieder verstärkt von rechtsextremen Politikern (Eric Zemmour u.a.) der „Nationalkatholizismus“ propagiert, finanziert von den reaktionären Milliardären Vincent Bolloré und Pierre Eduard Sterin, siehe etwa die Auseinandersetzungen um den aktuell erfolgreichen Kinofilm „Sacre Coeur“ Quelle: LINK : An diese konkreten (!) Parallele zum Faschisten Franco gilt es zu denken. Und auch: Francos Regime scheiterte, weil demokratische Kräfte nach seinem Tod 1975 stärker waren. Der klerikale Katholizismus als ideologischer Kitt des Regimes verlor seine Bedeutung und so führte die Demokratie die katholische Kirche in eine zunehmend schwächere Rolle, trotz allen Pomps, den die Herren Kardinäle und Bischöfe dort noch öffentlich, bei ihren Auftritten, an den Tag legen und so den Eindruck erwecken, als wäre alles “noch „beim alten“.

1.
Eine Erinnerung an den faschistischen Führers Spaniens, Generalissimo Francisco Franco und seine 36 Jahre (1939-1975) dauernde Herrschaft: Geboren wurde Franco am 4. Dezember 1892, gestorben ist er am 20. November 1975: Aber ist Franco wirklich tot? Sicher nicht! Rechtsradikales, faschistisches Denken lebt noch heute in Spanien und wird immer stärker, siehe die Entwicklung der VOX-Partei. Rechtsextreme Parteien in ganz Europa sind auf dem Vormarsch und setzen sich leider durch. Dass die Herrschaft Francos durch Nationalismus, Antikommunismus, Einparteienstaat, Zensur, Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender (Linker, Demokraten…) bestimmt war, macht ihren faschistischen Charakter aus.

2. „Klerikaler Faschismus“
Unseren Interessen im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ entsprechend, wird hier kritisch vor allem auf die entscheidende Stütze der Diktatur Francos, den Katholizismus, hingewiesen. „Tatsächlich war die katholische Kirche während der ersten zwei Jahrzehnte (also bis Ende der 1960 Jahre) der deutlichste ideologische Partner der Diktatur Francos. Sein faschistisches Regime war ein klerikaler Faschismus“, so Antonio Gomez Movellán. (Fußnote 1). “Seit ewigen Zeiten war die katholische Kirche in Spanien eins mit den Mächtigen. Sie nahm zwar nicht direkt an der Erhebung des Bürgerkriegs teil, stellte aber häufig logistische Unterstützung. Und dort,  wo “die Bewegung` (die Falange und die Miltärs) den Sieg davon trug, wurde das Bild von Spanien als einem Land der Inquisition von neuem Wirklichkeit”, schreibt der Spezialist, der Historiker Pierre Vilar in seiner Studie “Der spanische Bürgerkrieg”, Berlin 2005, S. 102.

Und heute? Francisco Franco gilt bei vielen SpanierInnen noch immer als eine Art Erlöser seiner Nation, weil er die “Republik der Linken“ mit blutiger Gewalt überwunden hat. In Spanien sind praktizierende Katholiken traditionell bis heute mit der konservativen Partei „PP“, der Nachfolgepartei Francos, verbunden (Fußnote 2) oder jetzt mit der rechtsextremen Partei „VOX“ unter ihrem Führer Santiago Abascal. Zuvor gab es rechtsextreme Gruppen wie „Hazte Oír“, eine militante Strömung des Katholizismus. Sie wurde stark, wie üblich, mit reaktionären Positionen zu Fragen der Familie, der Abtreibung und der Feindschaft gegenüber Ausländern…
Laut der jüngsten „Sigma-Dos“-Umfrage für die Tageszeitung EL MUNDO würden heute 14,8% der Wahlberechtigten für Vox stimmen. Unter diesen VOX Wählern bezeichnen sich 72 % als katholisch, 2.615.230 Menschen. Quelle: EL MUNDO, 11.8.2025, Beitrag von Paloma H. Matellano. Von den Katholiken, die sonntags an der Messe teilnehmen, also „praktizieren“, würden sogar 24,1% für VOX stimmen. Selbst wenn sich Bischöfe jetzt gegen rechtsradikale Parteien und gegen VOX aussprechen und die Menschenwürde der Ausländer und Flüchtlinge und Muslime verteidigen: Große Teile der katholischen „praktizierenden“ Basis halten sich nicht an die Weisungen der Bischöfe. In der heutigen katholischen traditionell – konservativen Mentalität lebt die strukturelle Verbindung von Katholizismus und Rechtsextremismus aus Francos Zeiten weiter: Diese Mentalität war bestimmt von der Zustimmung zur Herrschaft des EINEN Führers, des Caudillo bzw. des Einen, des „unfehlbaren Papstes“ bzw. seiner Bischöfe.

3. Die kurze Zeit der 2. Republik
Die Situation der Kirche vor Franco, konkret seit dem Ende der Monarchie im Jahr 1931:
Zwischen 1931 bis 1936, dem Beginn des Bürgerkrieges, konnten SpanierInnen in dieser „Zweiten Republik“ die Offenheit der Demokratie erleben und Demokratie gestalten. Die liberalen Regierungen widersetzten sich der üblichen finanziellen Bevorzugung der katholischen Kirche. Die Republik führte Gesetze ein zur Ehescheidung ein, die Zivilehe wurde möglich, es gab kostenlosen Unterricht für alle… Radikale antiklerikale Kreise setzten ihre alte, angestammte Wut auf den reaktionären Klerus in Gewalt um. Heftigste Ablehnung der Republik durch die Kirchenführung ließ nicht auf sich warten: Am 3. Juni 1933 verurteilte Papst Pius XI. in seiner Enzyklika „Dilectissima Vobis“ die Republik wegen der „Unterdrückung der spanischen Kirche“ und der Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten… Schon komisch, dass sich ein Papst für bürgerliche Freiheiten endlich einmal einsetzte…Die Bischöfe waren aufseiten der Monarchie, aber wegen ihrer Privilegien und ihrer reaktionären Mentalität vor allem bei vielen Intellektuellen und gebildeten Bürgern zu recht höchst unbeliebt. Davon spricht Papst Pius XI. nicht.

Es gab allerdings eine „kleine katholische Minderheit“ von Demokraten, Verteidigern der Republik im spanischen Katholizismus. Etwa José Manuel Gallegos Rocafull (Priester, Theologe, Philosoph, der nach Mexiko flüchtete), Angel Ossorio y Gallardo (Jurist, er starb im Exil in Argentinien) oder José Bergamin (angesehener Schriftsteller, Präsident der Allianz der Antifaschisten). Der katalanische demokratische katholische Politiker Manuel Carrasco Formiguera wurde im April 1938 auf Francos Befehl hingerichtet, weil er nicht mit den offiziellen Ansichten übereinstimmte…Tatsache ist auch: Die Republik war nicht in der Lage, ihre internen Konflikte demokratisch zu lösen. Mit dem Putsch (unter Führung General Francos) begann am 17.7.1936 der Bürgerkrieg.
Deutschland unter Hitler und Italien unter Mussolini unterstützten Franco, diverse Linke aus verschiedenen europäischen Ländern – in ihrer ideologischen Vielfalt und Widersprüchlichkeit – stellten sich auf die Seite der spanischen Linken und Republikaner. Der Spanische Bürgerkrieg war sozusagen auch so etwas wie ein “europäischer Bürgerkrieg“.

4. Der Bürgerkrieg 1936 – 1939.
Seit Beginn des Krieges gaben Generäle den Befehl, »das spanische Volk« zu »reinigen« und alle »linken Elemente zu eliminieren«. „Dieser Terror hielt sich bis zum Herbst 1937 und wandelte sich bis weit in die Vierzigerjahre hinein zu einem Strukturelement des Unterdrückungsapparates der Diktatur Francos: Es gab Konzentrationslager, Zwangsarbeit, überfüllte Gefängnisse, Kinder wurden ihren »roten« Eltern weggenommen, und alle als »rot« verdächtigten Personen streng überwacht. Quelle: Prof. Georg Pichler, Madrid, LINK:
Weiteste Kreise der Kirche, die überwiegende Mehrheit der Priester, unterstützten den Putsch der Militärs und der Rechten, also den gewalttätigen Umbruch der Machtübernahme. „Der Bürgerkrieg war in dem streng kontrollierten Land im Sinne Francos der Kampf des Guten gegen das Böse.“ Quelle: LINK Quelle ebd. Und: „Im Vatikan betrachtete man Franco als einen `Retter“ … Das Regime wurde lange Zeit als Modell eines katholischen Staates behandelt“ (siehe Fußnote 1.)

Die Faschisten der „Falange“, die „Nationalisten“, säuberten“ das Land durch die Hinrichtung von Staatsfeienden, und das waren die Linken. Die katholische Kirche behauptete, dieses Morden der Republikaner sei nichts als eine berechtigte Reaktion auf das Morden der Linken, also der Mord an Priestern und Ordensleuten. Franco schuf ein Gesetz der „Politischen Verantwortung“, es blieb bis 1962 in Kraft und sollte seiner politischen Unterdrückung der Republikaner und der Linken einen gewissen legalen Anschein geben. Der Historiker Stanley G. Payne schätzt, dass die Zahl der Todesopfer des „Weißen Terrors“ der Faschisten während des Kriegs höher ist als die Zahl der Todesopfer des „roten terrors“: Payne, Stanley. “Chapter 26: A History of Spain and Portugal vol. 2”. Grundlegend auch:  https://en.wikipedia.org/wiki/White_Terror_(Spain)

Die Führung der spanischen Kirche duldete den „Weißen Terror“ der Faschisten:
Kardinal Gomá erklärte, dass „Juden und Freimaurer die nationale Seele mit absurden Lehren vergifteten“ …Wer nicht regelmäßig zur Messe ging, wurde leicht ‚roter‘ Tendenzen verdächtigt. Unternehmer verdienten viel Geld mit dem Verkauf religiöser Symbole … Quelle: Beevor, Antony (2006). The Battle for Spain; The Spanish Civil War 1936–1939. Penguin Books.
Die Bischöfe Spaniens veröffentlichen am 1. Juli 1937 einen „Hirtenbrief“, mit dem Ziel: Die ganze Welt solle tatsächlich Franco unterstützen: Führend war daran beteiligt der Madrider Erzbischof Leopoldo Eijo y Garay (1878- 1963). Es ist der „Brief der spanischen Bischöfe aus Anlass des Bürgerkrieges: Siehe: “Carta colectiva de los obispos españoles con motivo de la guerra en España”.

“Die Präsenz des Klerus bei den Zermonien, in der Armee, in den Gefängnissen, bei den Hinrichtungen symbolisierte die Vereinigung des Politischen und des Religiösen, von Staat und Kirch in ihren härtesten Aspekten. Das persönliche Leben der Spanier (Taufe, Heirat, Führungszeugnis) hing von neuem vom kirchlichen Apparat ab,” schreibt der schon in Nr.2. erwähnte Historiker Pierre Vilar (S. 102).
Juan Goytisolo, einer der bekanntesten und wichtigsten Autoren Spaniens, schreibt in seinem Buch „Spanien und die Spanier“, Suhrkamp, 1982, S. 217: „Ein spezifisch spanischer Aspekt des Bürgerkrieges ist die Gewalttätigkeit. Die enge Tradition der Intoleranz, der Verdächtigung und des Argwohns erklärt zur Genüge, wie jenes Phänomen (der Gewalttätigkeit) zum Allgemeinverhalten wurde, und zwar mit einer Heftigkeit, die alle Zeugen bestürzte. Pierre Vilar (geschätzter Historiker der spanischen Geschichte und Gegenwart) schreibt: `Es gab Priester, die zu den übelsten Massenerschießungen ihren Segen erteilten, und es gab Menschenmeuten, die alle aufspürbaren Geistlichen zu Tode jagten. Es ist der Zusammenprall einer Religion und einer Gegenreligion…“

An die Häuserwänden wurde Franco – Propaganda geschmiuert mit der Parole: “Franco, Führer Gottes und des Vaterlandes. Auf der Welt der erste Besieger des Bolschewismus auf den Feldern des Kampfes”. (So im genannten Buch von Pierre Vidal, siehe Nr. 2,  S. 92).

5. Deutsche Katholiken und der Bürgerkrieg
Wenig bekannt ist heute die Bindung von Katholiken in Nazi – Deutschland an die „freiwilligen“ Kämpfer im spanischen Bürgerkrieg aufseiten Francos. Gerade unter katholischen deutschen Jugendlichen gab es eine Verehrung dieser heldenhafter katholischen Kämpfer. Der Publizist Carl Amery hat sich mit dem Thema befasst: „Der Durst nach Heldentum und heroischen Vorbildern wurde gesättigt mit francistisch – katholischen Kreuzzugs – Idolen, etwa mit dem Faschisten José Moscardo im Alcázar in Toledo (Massaker an Republikanern 1936) oder mit Werner Mölders, dem deutsch-katholischen „Fliegerhelden“ im spanischen Bürgerkrieg (Werner Mölders, geb.am 18.3.1913 Gelsenkirchen, im Kriegs-Einsatz umgekommen am 22.11.1941 bei Breslau.) Carl Amery hat sich in einem Beitrag für das Radio-Programm in WDR3 am 7. August 1989 (Kritisches Tagebuch) mit dem Thema befasst.

6. Francos Herrschaft vom 31. März 1939 bis zum 20. November 1975
Wie regierte Papst PIUS XII.auf den Sieg Francos? Ein Zitat aus wikipedia: LINK.  Am 1. April 1939, dem Tag, an dem General Franco seinen berühmten „letzten Bericht“ veröffentlichte, in dem er verkündete, dass „der Krieg vorbei ist“, gratulierte der neu gewählte Papst Pius XII. Franco per Telegramm zu seinem „katholischen Sieg“: „Wir erheben unser Herz zum Herrn und danken Ihnen, Exzellenz, aufrichtig für den ersehnten katholischen Sieg Spaniens. Wir wünschen uns, dass dieses geliebte Land, nachdem es den Frieden erreicht hat, mit neuer Kraft seine alten Traditionen wieder aufnimmt, die es so groß gemacht haben. Mit diesen Gefühlen senden wir Eurer Exzellenz und dem gesamten spanischen Volk unseren apostolischen Segen.“
Franco antwortete ihm umgehend:
„Das Telegramm Eurer Heiligkeit anlässlich des vollständigen Sieges unserer Waffen, die in einem heldenhaften Kreuzzug gegen die Feinde der Religion, des Vaterlandes und der christlichen Zivilisation gekämpft haben, hat mich zutiefst bewegt. Das spanische Volk, das so viel gelitten hat, erhebt ebenfalls mit Eurer Heiligkeit sein Herz zum Herrn, der ihm seine Gnade geschenkt hat, und bittet ihn um Schutz für sein großes Werk der Zukunft. (…)
(Die Zitate sind dem Buch von Hilary Raguer. La pólvora y el incienso. La Iglesia y la Guerra Civil española (1936-1939). (Col. Gran Atalaya, 2008). Barcelona: Península.) Übersetzt mit DeepL.com

Seit dem 31. März 1939 ist also Spanien unter der Kontrolle von Francos Truppen. „Es beginnt dann eine Welle der Verfolgung von Franco-Gegnern mit etwa 270.000 Häftlingen und zehntausenden Toten. In den ersten Nachkriegsjahren leidet Spanien unter einer Hungersnot. Bis in die Siebzigerjahre werden zahlreiche Neugeborene aus Familien von Oppositionellen den Eltern entzogen.“(Quelle: LINK
Zu Beginn der Herrschaft Francos organisierten die Bischöfe am 20. Mai 1939 in der Kirche St. Barbara in Madrid einen prachtvollen Gottesdienst, um Gott zu danken für den Sieg Francos im Bürgerkrieg. Während der Messe legte Franco sein Schwert zu Füßen der Figur „Christus von Lepanto“. Bei Lepanto, im Golf von Korinth, besiegten am 7. Oktober 1571 Galeeren-Verbände des Papstes das Osmanischen Reich mit dem Untergang der muslimischen Kriegsflotte. Die Inszenierung der Verehrung Lepantos sollte eine Verbindung herstellen zur definitiven Vertreibung der Muslims aus Spanien Ende des 15. Jahrhunderterts.
Den Segen über den siegreichen Vernichter der Linken, also Generalissimo Franco, sprach in der St. Barbara Kirche der innige Franco – Freund Kardinal Isidro Gomá: „Gott, dem sich alle unterordnen, dem alles dient, gewähre, dass die Zeit Deines treuen Dieners, des Führers Francisco Franco, eine Zeit des Friedens und der Freude sei, damit der, den wir unter Deiner Führung an die Spitze unseres Volkes gestellt haben, Frieden und ruhmreiche Tage erlebe. Wir beten heute, Herr der Herren, dass Du vom Thron Deiner Majestät wohlwollend auf unseren Führer Francisco Franco herabblickst, dem Du ein Volk gegeben hast, das seiner Herrschaft unterworfen ist und ihm in allen Dingen nach Deinem Willen zur Seite steht.“ Quelle: LINK .

Nebenbei: Der Katholik Franco war eng verbunden und verbündet mit katholischen Diktatoren in Lateinamerika, etwa mit Leonidas Trujillo, dem sich Chef nennenden Diktator der Dominikanischen Republik. Vom 2. Juni 1954 besuchte Trujillo mit seiner Familie für einigeTage Franco: Trujillo wurde sehr pompös empfangen, es war förmlich ein Fest: Die Schüler hatten Extra -Ferien erhalten, die offizielle Arbeitszeit gekürzt, damit die SpanierInnen Trujillo zujubeln konnten usw.. Von Spanien aus reiste der Diktator Trujillo dann weiter nach Rom, um im Vatikan das Konkordat zu unterzeichnen. Papst Pius XII. gewährte dem Diktator Trujillo eine Privataudienz am 16. Juni 1954. Siehe das Foto dieser Begegnung: LINK. Der Religionsphilosophische Salon hat ausführlich zu diesem Thema publiziert: LINK.

Dass noch im Jahr 2007 die Diktatur Francos von konservativen Politikern falsch eingeschätzt wurde, zeigte Otto von Habsburg in einem Interview mit der Springer – Zeitung „DIE WELT“ am 28.6. 2007. Otto von Habsburg antwortete auf die Frage „Wie steht es mit der Innenpolitik Francos?“ : „Schauen Sie, für mich war der Franco ein Diktator des südamerikanischen Typus, ein Caudillo, eben nicht totalitär wie Hitler oder Stalin. Er wollte ja keine Ideologie durchsetzen.“ (Das Gespräch führten Ulli Kulke und Felix Müller für „Die WELT). Warum wollte wohl Herr von Habsburg so viel Unsinn reden?

7. Das Konkordat vom 27.8.1953:
Das Konkordat mit dem Vatikan ersetzte das Konkordat von 1853. Franco erwartete von der Vereinbarung mit dem Papst Pius XII. und dem Vatikan eine stärkere internationale Anerkennung. Festgelegt wurde unter anderem: Die katholische Kirche ist Staatskirche. Es gibt Privilegien für den Klerus, es gilt für sie die Befreiung von Steuern, der Staat unterstützt den Neubau von Kirchen, Katholiken müssen kirchlich heiraten, der Staatschef hat mit zu entschieden, wer Bischof wird.

8. Das 2. Vatikanische Konzil befreit die spanische Kirche aufgrund des Drucks „von außen“
Das Ende dieser Symbiose von Katholizismus und Franco Regime wurde durch das 2. Vatikanische Konzil beschleunigt. Eine klare Entscheidung traf die spanische Bischofskonferenz schon 1966, ein Jahr nach Ende des 2. Vatikanischen Konzils, als sie – durch die Konzilsbeschlüsse etwa zur Religionsfreiheit förmlich getrieben – grundsätzlich auf innerkirchlichen Privilegien verzichtete. Am 29. April 1968 schrieb der Papst Paul VI. einen Brief an Franco und forderte ihn auf, als katholischer Staatsmann ein gutes Beispiel zur Verwirklichung der vom Konzil erhobenen Forderungen zu geben und auf seine alten Privilegien der Mitentscheidung bei Bischofsernennungen zu verzichten. Franco aber lehnte diese Bitte des Papstes am 12. Juni 1968 ab. Er wollte auf diesen Einfluß absolut nicht verzichten. Die Bischofskonferenz forderte 1973 die Trennung von Kirche und Staat und eine Revision des Konkordats von 1953. „Nachfolgende Verhandlungen über eine solche Revision scheiterten auch, weil Franco sich weigerte, auf sein Vetorecht bei den Ernennungen von Bischöfen durch den Vatikan zu verzichten. Bis zu seinem Tod verstand Franco den (neuen) Widerstand der Kirche gegen ihn nicht. Franco beklagte sich bitter über die seiner Ansicht nach undankbare Haltung der Kirche. LINK

9. Zur Verfassung von 1978:
In der Konstitution Spaniens aus dem Jahr 1978 werden Kirche und Staat getrennt: Im Artikel. 16 heißt es.
Absatz (1): „Die Freiheit des weltanschaulichen Bekenntnisses, der Religion und des Kults wird dem einzelnen und den Gemeinschaften gewährleistet; sie wird in ihrer äußeren Darstellung lediglich durch die vom Gesetz geschützte Notwendigkeit der Wahrung der öffentlichen Ordnung beschränkt.
Absatz (2) Niemand darf gezwungen werden, sich zu seiner Weltanschauung, seiner Religion oder seinem Glauben zu äußeren.
(3) Es gibt keine Staatsreligion. Die öffentliche Gewalt berücksichtigt die religiösen Anschauungen der spanischen Gesellschaft und unterhält die entsprechenden kooperativen Beziehungen zur Katholischen Kirche und den sonstigen Konfessionen.
Über diesen Absatz 3 und die späteren ergänzenden Abkommen von Kirche und Staat (1979) wurde und wird heftig debattiert: Sollte die katholische Kirche immer noch eine ganz besondere, privilegierte Rolle im Staat spielen?

Ein ergänzendes Abkommen zur Verfassung wurde mit der katholischen Kirchenführung getroffen, am 3. Januar 1979, also kurz nach Inkrafttreten der Verfassung: Diese Vereinbarung sieht bestimmte Steuerbefreiungen für die katholische Kirche vor, dies führte zu Kontroversen und Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof. Katholischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen wird als ein Wahlfach eingeführt…

10. Massenweise Seligsprechungen
Im Bürgerkrieg wurden viele Priester und Ordensleute von radikalen Unterstützern linker, kommunistischer, anarchistischer Parteien ermordet: Sie galten den Linken pauschal als Freunde des Militärs und der Faschisten, und sicher zutreffend als feinde der Republik und der Demokratie.
Viele dieser Priester und Ordensleute wurden von den Päpsten seit den 1980 Jahren offiziell als „Selige“ anerkannt, d.h. sie können nun „an Gottes Thron für die Gläubigen eintreten.“ Papst Johannes Paul II. sprach insgesamt 471 spanische Ermordete selig und stellte am 11. März 2001, wie er selbst meinte, einen persönlichen Rekord auf, als er diese Ehre der Seligsprechung 233 Opfern, »Märtyrer« genannt, zukommen ließ. Am 13. Oktober 2013 wurden in Tarragona 522 »Märtyrer der religiösen Verfolgung des 20. Jahrhunderts in Spanien«, wie die offizielle Bezeichnung heißt, seliggesprochen. Bezeichnenderweise waren bei dieser Messe zur Seligsprechung mehrere Minister anwesend, während noch nie ein Vertreter der Regierung an einer Bestattungsfeier von republikanischen Opfern teilgenommen hat. Quelle kfsr
Die Auswahl dieser durch den Vatikan zu Seligen erklärten Opfer bzw. Märtyrer erläuterte Erzbischof Edward Novack (von der Abteilung für die Seligsprechungen Vatikan) im „L’Osservatore Romano“: „Und von Fall zu Fall ist es für die Seligsprechung wichtig, dass Menschen, unter denen der Selige gelebt hat, ihren Ruf als Märtyrer bestätigen und anerkennen und dann zu dem Seligen beten und Gnaden erlangen. Es sind nicht so sehr Ideologien, die uns bei der Seligsprechung interessieren, sondern vielmehr der Glaubenssinn des Volkes Gottes, der das Verhalten der Person beurteilt.“
Papst Benedikt XVI. sprach im Oktober 2007 weitere 498 spanische Märtyrer selig. Dies wurde zur größten Zeremonie einer Seligsprechung in der Geschichte der katholischen Kirche. Diese „Massenseligsprechung“ von Geistlichen, die während des Bürgerkriegs mit Franco verbündet waren und gegen die Republik eingestellt waren, wurde empört von der spanischen Linken zurückgewiesen. Der Vatikan ignorierte etwadie 16 Priester, die schon als “linke Priester“ in den ersten Kriegsjahren von der nationalistischen Seite Francos hingerichtet wurden.

11. Das Gefängnis für Priester in Zamora.
Das ist sensationell: Franco errichtete ein spezielles Gefängnis für Priester in Zamora, ein einmaliges Projekt weltweit: Die Priester wurden inhaftiert, weil sie sich öffentlich gegen das Franco – Regime ausgesprochen hatten. Sie wurden im so genannte „Konkordats-Gefängnis“ in Zamora inhaftiert. Die ersten „linken Priester“ wurden 1968 eingesperrt, hundert waren es bis zur Auflösung dieses Priester-Gefängnisses im Jahr 1976. Die für ihre Priester verantwortlichen Bischöfe schützten diese ihre „linken“, kritischen Priester nicht vor dem Zugriff des rechtsextremen Franco – Regimes. Sie duldeten das Gefängnis. Alberto Gabikagogeaskoa war der erste Priester, der im Juli 1968 in diesem Flügel des Provinzgefängnisses in Zamora inhaftiert wurde. Sein Verbrechen? Er hielt eine subversive Predigt, für die er wegen illegaler Propaganda angeklagt wurde. In dieser Predigt prangerte der Priester an, dass in den Gefängnissen des Baskenlandes Gefangene gefoltert würden. Das Gericht für öffentliche Ordnung verurteilte ihn zu sechs Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 10.000 Peseten.“
Weitere Details bietet die website der „Abogacia espanola“, die „Spanische Anwaltschaft“. LINK:
Das Leben einiger dieser „roten Priester“ zeigt der Dokumentarfilm von baskischen Regisseuren Ritxi Lizartza, Oier Aranzabal und David Pallarés, mit dem Titel „Apaiz Kartzela / The Priestergefängnis“, Jahr 2021. Vier dieser früheren Insassen des Priestergefängnisses, die Priester Josu Naberan, Juan Mari Zulaika, Xabier Amuriza und Eduard Fornes, drei Basken und ein Katalane reisen zum alten Gefängnis von Zamora, das heute eine Ruine ist, und erinnern sich an ihre Haft. LINK
Erst nach vielen Jahren wagten es einige Priester, Insassen des Priestergefängnis des Franco – Regimes, sich öffentlich zu äußern. Die Geschichte der Beziehung zwischen der katholischen Kirche und dem Franco-Regime kommt selbst 45 Jahre nach Francos Tod nur mühsam ans Licht der Öffentlichkeit.

12. Das OPUS DEI
Ein Hinweis auf die katholische „Geheimorganisation“ Opus Dei gehört unbedingt zum Thema „Kirche in Spanien und Franco“: Das „Opus“ wurde 1928 in Spanien von José Maria Escrivá y Balaguer gegründet und schon 1941 vom Franco – Freund, dem Erzbischof von Madrid, Leopoldo Eijo y Garay, offiziell anerkannt. Damals schon gab es Kritik durch einige Jesuiten an dieser Institution, aber der Erzbischof ignorierte Bedenken. 1950 geschah die offizielle Anerkennung auf höchster Ebene durch Papst Pius XII. Seitdem ist das Opus Dei machtvoll, aber ziemlich undurchsichtig im Katholizismus als mächtige Organisation etabliert. Das Opus hat neben vielen Hochschulen auch eine eigenenUniversität (Santa Croce) in Rom, wo auch Kleriker aus Deutschland studier(t)en, wie der Kölner Günstling Kardinal Meisners, Rainer M. Woelki. Heute ist er Kardinal in Köln. Georg Gänswein, der von Papst Benedikt hoch geschätzte Sekretär, war Dozent an der Opus Dei Universität in Rom. Man merke sich: Man muss nicht Opus – Dei – Mitglied sein, um wie das Opus zu denken und in seinem Sinne zu handeln. „Der Geist des Opus Dei hat in der Tat als wesentliches Merkmal die Tatsache, dass es jeden Menschen dazu führt, die Aufgaben und Pflichten seines eigenen Staates, seiner Sendung in der Kirche und in der Zivilgesellschaft mit größtmöglicher Vollkommenheit zu erfüllen.Dieser Geist bzw. dieses Charisma war sehr geeignet, um die materiellen Bedürfnisse des Wiederaufbaus Spaniens nach dem Ende des Bürgerkriegs in den späten 1930er Jahren zu erfüllen. Sein sozialer Nutzen war ausschlaggebend für die Unterstützung, die es von der aufstrebenden Franco-Diktatur und der Kirche erhielt, und half ihm, die während der Republik verlorenen Räume und Ideologien zurückzugewinnen. Das Werk Gottes war ein wichtiger Partner von Francos nationalem Projekt.“ Quelle: LINK

Die Jesuiten stehen traditionell eher „links“ und Anhänger des „Opus Dei“ eher „rechts“. Beide kämpfen an ihren Eliteschulen und Universitäten um die besten Talente des Landes und ihren Einfluss. Die Wirtschaftsschulen IESE (Instituto de Estudios Superiores de la Empresa, geleitet vom „Opus Dei“) sowie ESADE (Escuela Superior de Administración y Dirección de Empresas, von Jesuiten geführt) gehören zu den besten der Welt, so die Politologin Stefanie Claudia Müller (Madrid).
Opus Dei Mitglieder haben etwa am Ende der Franco -Ära und danach als Technokraten in der Regierung den Umbau des Staates zu einem eher industrialisierten Land mit dem Tourismus Schwerpunkt betrieben.

Ein bekanntes Mitglied des Opus Dei in Spanien ist Andres Ollero, es ist bekanntlich sehr schwer, Opus – Dei – Mitglieder als solche zu identifizieren, nur wenige machen ihre Mitgliedschaft öffentlich. „Als Mann mit konservativen Überzeugungen und Mitglied des Opus Dei verband Andres Ollero eine breite akademische Karriere mit seinem politischen Aktivismus, der 1980 mit der Unterstützung des andalusischen Vorschlags von Manuel Clavero begann. 1986 trat er der Demokratischen Volkspartei (PDP) des Christdemokraten Óscar Alzaga bei und führte die Liste der Volkskoalition (die später zur Volkspartei wurde) in Granada an. Er gewann einen Sitz als Abgeordneter und wurde wiedergewählt. Er führte die Partei ohne Unterbrechung bis 2003, als er freiwillig von seiner politischen Tätigkeit zurücktrat. Zu seinen zahlreichen Verantwortlichkeiten in dieser Funktion gehören: Vizepräsident des Ausschusses für Bildung und Kultur des Abgeordnetenhauses (1989) und nacheinander Präsident der Nationalen Kommission für wissenschaftliche Forschung und technologische Entwicklung, des Bildungsausschusses und des Justizausschusses der Volkspartei. Er war auch Mitglied des Zentralen Wahlausschusses in der 8. Legislaturperiode und wurde vom Abgeordnetenhaus gewählt.“ (Übersetzung google) Quelle: LINK

13. Die neuen geiustlichen Gemeinschaften … Sekten? 
Man bedenke allerdings: Aus dem katholischen Spanien stammt auch eine andere „neue geistliche Gemeinschaft“, wie man kirchenoffiziell diese eher „sektiererischen Gemeinschaften nennt: Vor allem muss dbeidie „Neokatechumenale Bewegung“ erwähnt werden, begründet von Kiko Argüellez und Carmen Hernandez: Die Neokatechumenalen haben in Spanien viele tausend militante Mitglieder und sie leiten dort 14 Priesterseminare („Redemptoris Mater“ genannt), diese dort ausgebildeten explizit sehr klerikalen konservativen Priester sollen den bekannten Mangel an Priestern ausgleichen, sehr „zur Freude“ der wenigen noch progressiv denkenden Gemeindemitglieder… Auch die ebenfalls sehr konservativen Ordens – Männer der „Legionäre Christi“ mit ihrer großen Laienbewegung Regnum Christi sind in Spanien stark vertreten, etwa in der Leitung katholischer Privatschulen: Diese beiden Gemeinschaften wurde bekanntlich von dem Sexualstraftäter Pater Marcial Mariel (geb. Mexiko) gegründet, er war in Rom ein Freund Papst Johannes Paul II. Immer wieder wurden Priester des Ordens der „Legionäre Christi“ der Sexualdelikte auch mit Minderjährigen angeklagt…Der Religionsphilosophische Salon Berlinhat seit 2009 die Verbrechen Pater Maciels und anderer “Legionöre Christi” dokumentiert. LINK.
Der aus Spanien stammende katholische Theologe Mariano Delgado hat in der katholischen „Herder-Korrespondenz“ 2011 erklärt: „In einigen dieser Erneuerungsbewegungen mit ihrer militanten Haltung gegenüber der säkularen Gesellschaft und der inneren Säkularisierung vieler Kirchendiener sowie mit ihrem Neu-Evangelisierungskonzept, das auf eine Heimholung der Welt in den Schoss der Kirche hinzielt, lebt gewissermassen das Gedankengut des spanischen Traditionalismus fort. Sie stellen einen „Antimodernismus mit modernen Mitteln“ dar. Andererseits kann man ihnen nicht absprechen, dass sie Menschen für die Nachfolge Jesu zu begeistern versuchen…“ Aber mit der Tendenz: das eigene kritische Denken ausschalten, wenn man denn so glaubt, wie es diese „Erneuerungsbewegungen“ propagieren…

14. Erinnern oder Vergessen/Verdrängen?
Franco ist 50 Jahre tot, aber seine Ideologie und die Ausstrahlung seiner „Persönlichkeit“ auf Rechte und Rechtsradikale sind noch lebendig. Dies ist auch begründet im „Pacto de olvido“ (dem Pakt des Vergessens), einer ungeschriebenen Vereinbarung, Institutionen oder Einzelpersonen für ihre Handlungen während des Regimes nicht zu verfolgen oder zu bestrafen. Der Pakt sollte den Übergang zur Demokratie nach dem Ende der Diktatur erleichtern, die Rechten meinten so, eine Amnestie zu erhalten für alle ihre Verbrechen in der Franco-Zeit, Linke dachten daran, auf diese Weise ihre Gefangenen frei zu bekommen.

„So wurde etwa festgestellt, dass Spanien nach Kambodscha das Land ist, in dem es die meisten Opfer des »erzwungenen Verschwindens« gibt – bis heute sind noch immer mehr als 114.000 Opfer der franquistischen Repression nicht exhumiert. Die wichtigsten Forderungen der Gedächtnisbewegung lauten »Verdad, Justicia y Reparación« – Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung“. Quelle Prof. Georg Pichler, Madrid, LINK

Immerhin konnten ich sehr langen, sehr heftigen Debatten Francos sterbliche Überreste im Jahr 2019 aus der monumentalen Basilika im „Tal der Gefallenen“ exhumiert und auf einem kleinen Friedhof bei Madrid untergebracht werden. Diese Basilika sowie die monumentale Gedenkstätte mit ihrem 150 Meter hohen Steinkreuz wurden von Franco errichtet, sie haben Jahrzehnte lang politische und gesellschaftliche Spannungen verursacht.
Dieses monumentale „Gotteshaus“ im sogenannten „Tal der Gefallenen“ wird allerdings weiterhin für Gottesdienste genutzt. Auch die Benediktinergemeinschaft auf dem Gelände der Gedenkstätte wird dort in den Madrider Bergen bleiben. Darauf hätten sich die spanische Regierung und der Vatikan geeinigt, sagte Madrids Erzbischof José Cobo laut spanischer Medienberichte.  Quelle: LINK  . Zur Abtei LINK

15. Die Katholische Kirche in Spanien heute –  einige Statistiken
Die Volksreligion und die eher abergläubische Volksfrömmigkeit sind noch heute lebendig, werden aber auch als Folklore verstanden und als Touristenattraktion zelebriert („Semana Santa“, Ausstellung von Reliquien und heiligen Knochen, Verehrung eines Kelches, aus dem Jesus – angeblich – getrunken hat, in Valencia, und so weiter und so weiter .. bis heute). Die Volksreligion wird auch aus kommerziellen Gründen noch am Leben gehalten und von Priestern unterstützt. Juan Goytisolo, einer der wichtigsten Autoren Spaniens, schreibt: “Kirchliches Andachtswesen und Folklore durchdringen sich in Spanien zu einem unlöslich christlich – heidnischen Phänomen“ (in: „Spanien und die Spanier“, Suhrkamp 1982, S. 219)…Man sollte auch sagen: Hier wird Religion gegen Vernunft und Einsicht gestellt.

Das Resultat der Symbiose Franco – Kirche: Der Abschied der SpanierInnen von dieser Kirche ist radikal: 1965 nannten sich 98 Prozent der Spanier katholisch. 2025 waren fast nur noch die Hälfte, nämlich 55 Prozent. Quelle: LINK https://www.newtral.es/evolucion-catolicismo-espana/20250422/
Weitere wichtige Quellen zum Thema: LINK :
Auch wichtig zum Niedergang der katholischen Kirche in Spanien:  LINK: „Die katholische Kirche in Spanien steht vor einer immer offensichtlicher werdenden Herausforderung: der Überalterung des Klerus und dem Mangel an Nachwuchs. Nach aktuellen Angaben der Spanischen Bischofskonferenz liegt das Durchschnittsalter der Priester in vielen Diözesen bereits über 65 Jahren, und in einigen ländlichen Gebieten ist es nicht ungewöhnlich, dass achtzigjährige Pfarrer aufgrund fehlender Nachfolger weiterhin im Dienst sind. Der Rückgang der Priesterberufungen ist ein seit Jahrzehnten anhaltender Trend. Während in den 60er und 70er Jahren die Seminare voll waren, ist die Zahl der neuen Seminaristen heute sehr gering. Im Jahr 2024 beispielsweise gab es landesweit nur noch knapp 1.000 Seminaristen, eine Zahl, die im Gegensatz zu den mehr als 7.000 im Jahr 1990 steht.“ Quelle: LINK

„Ungläubig“ oder „atheistisch“ nannten sich im Oktober 2021 39,9%, also mehr als ein Drittel der Bevölkerung. 1978 waren es nur 8,5% der Bevölkerung, die sich atheistisch nannten.
Das ist entscheidend: Unter den Jugendlichen bezeichneten sich 2021 nur noch 28,2% als katholisch. Und die jungen Menschen sieht man selten noch in der Sonntagsmesse… Zur Teilnahme an der Messe unter den Katholiken aller Altersgruppen: Im Jahr 2021 sagten 56,8%, niemals an der Sonntagsmesse teilzunehmen, im Jahr 1983 waren es nur 22,2%. Die Zukunft der katholischen Kirche in Spanien, wie überall in Europa, ist also düster…Und die Kirchenführung will nicht anerkennen, dass sie vor allem mit ihren uralten Dogmen und ihrer rigiden Moral die Gläubigen aus der Kirche treibt, also mitschuldig ist am zahlenmäßigen Verschwinden der Kirche, selbst wenn noch viele Klöster und Kathedralen – oft wie Museen – das Bild der Städte bestimmen. Die katholische Theologie als Wissenschaft verliert immer mehr an Bedeutung, wie überall in Europa, auch in Deutschland. Das Opus Dei leitet eine theologische Fakultät an seiner Universität in Pamplona.

Über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute in Spanien wäre eigens zu berichten, über die vielen Mühen, die Opfer haben, um ihr Leiden anerkannt zu wissen. Die in Spanien übliche offizielle Hochschätzung des Klerus ist nun vorbei. Der Klerus vertreibt die Gläubigen. 

2025 wurde berichtet: “Die Spanische Bischofskonferenz (CEE) hat im Jahr 2024 über die Kinderschutzstellen der verschiedenen Diözesen 146 neue Zeugenaussagen von Missbrauchsopfern gesammelt. Damit steigt die Zahl der Fälle seit Einführung dieser Verfahren vor vier Jahren auf über 1.000. Die Zahl der vor der Vorlage des Tätigkeitsberichts für 2024 gesammelten Missbrauchsfälle „überstieg 1.000 Fälle”, betonte der Generalsekretär und Sprecher der CEE, Francisco César García Magán. „Zu diesen neuen Fällen kommen noch weitere hinzu, da sie noch nicht verhandelt wurden und sich in der Bewertung befinden”, was eine Zahl von fast 1.200 Anzeigen ergeben würde, präzisierte er.
94 Fälle kamen aufgrund des Todes des Täters nicht vor Gericht. Von den 146 neuen Zeugenaussagen, die 2024 eingegangen sind, wurden 94 nicht vor Gericht verhandelt, weil der Täter verstorben ist oder weil die Straftat verjährt ist, berichtete García Magán auf der Pressekonferenz nach der 127. Vollversammlung der CEE, zu der sich diese Woche alle Bischöfe Spaniens in Madrid versammelt hatten”. . Quelle: LINK 

Zusammenfassend.

Ein Kommentar der Politologin Stefanie Claudia Müller (Madrid): „Weil es während der Diktatur offensichtlich enge Verbindungen zwischen Franco, seinen Anhängern und der streng kirchlich konservativen Gemeinschaft „Opus Dei“ gab, haben sich viele Spanier von der Kirche abgewandt. Wer für die Republik ist, stellt sich heute immer noch meist gegen die Kirche. Die Zahl der Monarchie-Gegner, die im König die Fortführung der Diktatur sehen, nimmt nach jüngsten Umfragen vor allem an den Universitäten zu. Nach dem Ende der Diktatur wurde die Kirche trotz der ihr in der Verfassung zugewiesenen neutralen Rolle von verschiedenen Interessengruppen politisiert, was sie ebenfalls Mitglieder gekostet hat“. Quelle:„Herder-Korrespondenz” 2019: LINK

Unser Kommentar zum Schluss: Der Nationalkatholizismus in Frankreich jetzt und die Bindung von Katholkien an rechtsextreme Parteien in Spanien heute sowie das “National-Christentum” von Trump und Co. gefährden und zerstören nicht nur die Demokratie, sie zerstören auch die Möglichkeit, eine moderne katholische Kirche zu gestalten. Es sind die konservativ – bürgerlichen Kreise, die noch zu dieser Kirche halten. Diese Kreise werden aber in heftigen Krisenzeiten dann doch eher nach Rechtsextrem sich orientieren. Diese Kirche, wie am Beispiel Spaniens gezeigt, wird langsam, aber sicher zu einer verschwindenen Organisation, die als Sekte am Rande noch überlebt.

FUßNOTE 1. Antonio Gómez Modelan, La iglesia católica y otras religiones en la Espana de hoy“, Ediciones VOSA, noviembre 1999.

FUßNOTE 2: Der Gründer von Alianza Popular, des späteren Partido Popular (PP), ist Manuel Fraga, war während der Diktatur Informations- und Tourismusminister, sein Nachfolger an der Parteispitze ist José María Aznar, auch er familiär mit Franco verbunden. Der ehemalige Innenminister und EU-Parlamentarier Jaime Mayor Oreja, einst Sprecher des PP im Europaparlament, sagte zur Franco-Diktatur in einem Interview im November 2007: »Warum sollte ich den Franquismus verurteilen, wo doch viele Familien ihn ganz natürlich und normal erlebten? (…) Es war ein Zustand außergewöhnlichen Wohlbehagens.« Quelle: Prof. Georg Pichler, Madrid, LINK

PS: Über die sehr schwierige Situation der Protestanten, Juden und Muslims und die wenigen sich atheistisch nennenden Spanier unter Franco (!) folgen später Hinweise.

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Die reiche Kirche und die Armen: Papst Leo schreibt eine offizielle „Ermahnung“

Der Titel der „Apostolischen Exhortation“: „Dilexi te“: „Ich habe dich geliebt. Über die Liebe zu den Armen“.
Hinweise von Christian Modehn am 12.10.2025

1.
Eine päpstliche „Exhortation“ ist eine Ermahnung und Ermunterung an die katholischen LeserInnen. Sie hat keine umfassende Verbindlichkeit wie eine „Enzyklika“, sollte aber als Äußerung des obersten Lehramtes sehr ernst genommen werden. Auf dieses erste offizielle Dokument Leo XIV. haben manche gewartet.

2.
Wir können hier nicht umfassend dieses 121 Absätze umfassende Dokument besprechen. Wir zeigen das Beachtliche des Textes auf, nennen aber auch kritisch einige Ausführungen des Papstes, die in der Öffentlichkeit bisher wenig Beachtung fanden.

3.
Weite Teile dieser „Ermahnung“ sind bibeltheologische Erörterungen zur Armut. Es werden von Leo auch lang und breit die entsprechenden Lehren der Kirchenväter aus der Antike vorgestellt, selbstverständlich fehlen bei einem Papst als Mitglied des Augustiner-Ordens nicht längere Ausführungen zur Liebe des heiligen Augustinus zu den Armen. Wen interessiert das? Es werden dann viele Ordensgemeinschaften detailliert in ihrer Geschichte erwähnt, die alle irgendwie als Hilfe und Beistand für Arme gegründet wurden. Von der durchaus beträchtlichen aktuellen Hilfe dieser Ordensgemeinschaften für Arme ist eher wenig die Rede.

4.
Den LeserInnen wird eingeschärft: Die Hilfe für Arme ist unverzichtbares Element christlichen Lebens. In sehr kurzen, politisch – kritischen Ausführungen folgt Papst Leo seinem in dieser Hinsicht mutigeren und radikaleren Vorgänger Papst Franziskus. So kritisiert auch Leo die „Diktatur einer Wirtschaft, die tötet“ (Nr. 92), ohne dass er dabei, soweit ich sehe, explizit den Kapitalismus und den Neoliberalismus beim Namen nennt. Leo schreibt sehr vorsichtig, offenbar um niemanden unter den Herrschern des Kapitals zu verletzen: „Obwohl es nicht an Theorien fehlt, die versuchen, den aktuellen Zustand zu rechtfertigen, oder die als Theorien erklären, dass die wirtschaftliche Vernunft von uns verlangt, darauf zu warten, dass die unsichtbaren Kräfte des Marktes alles lösen, ist die Würde eines jeden Menschen jetzt und nicht erst morgen zu respektieren. Das Elend so vieler Menschen, deren Würde negiert wird, muss ein ständiger Appell an unser Gewissen sein.“ Der Papst erwähnt die „unsichtbaren Kräfte des Marktes, denkt dabei offenbar an den radikalen Liberalismus eines F.A.Hayek, der heute in „liberalen Parteien “ und bei „libertären Politikern“ (Milei, Argentinien) seine Freunde hat. Aber wie gesagt, Namen werden vom Papst nicht genannt, man muss ja diplomatisch bleiben… Und in Nr. 94 heißt es dann leider viel zu kurz und zu knapp: „Wir müssen uns immer mehr dafür einsetzen, die strukturellen Ursachen der Armut zu beseitigen….Mangelnde Gerechtigkeit ist »die Wurzel der sozialen Übel. Denn »oft stellt man fest, dass tatsächlich die Menschenrechte nicht für alle gleich gelten«. Immerhin taucht in dieser „Ermahnung“ das Wort Menschenrechte auf. Die Päpste müssen mit der Verteidigung der grundlegenden Idee der „Menschenrechte“ bekanntlich vorsichtig umgehen, denn die Menschenrechte gelten in der Kirche explizit nicht (etwa die umfassende Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche…), genauso, wie die Kirche explizit keine demokratischen Strukturen will.

5.
Die ganze „Ermahnung“ ist eher langatmig und von einer üblichen, tief erscheinenden Frömmigkeit bestimmt. Man fragt sich: Werden diesen ja doch wohl etwas politischen Text auch NGOs debattieren in ihrer Solidarität mir Armen, Hungernden, Verfolgten, Flüchtlingen, Ausgegrenzten, ungerecht Behandelten usw.? Ich vermute: Eher nicht! Der Text wirkt weithin wie eine Predigt alter Art. Es fehlen Aussagen zur Frage: Wieviel Schuld hat die Kirche in der weltweiten Ausgrenzung der Armen seit Jahrhunderten, wenn es im globalen Süden bis heute „himmelschreiende Armut“ etwa aufgrund des Kolonialismus gibt? Diese Frage hätte doch ein Papst stellen könne, der etliche Jahre im armen Peru arbeitete und der dort als Bischof mit Gummistiefeln durch die überschwemmten Elendsviertel laufen musste. Immerhin betont der Papst, die Armen hätten ihre eigene Kultur (Nr. 100), die sie pflegen sollen!

6.
Auch das wird bisher öffentlich nicht beachtet: Der Titel „Dilexi te“, „Ich habe dich geliebt“, ist, wie der Papst ausdrücklich schreibt, dem neutestamentlichen „Buch der Offenbarung des Johannes“ entnommen (Kap. 3, Vers 9).
Warum ausgerechnet das Motto? Weil es den besten Anschluss bietet an den Titel eines Schreibens von Papst Franziskus „Dilexit nos“, „Er liebt UNS.“ Nun also bei Leo: „Ich habe DICH geliebt“. Und dieser knappe Titel stammt aus einem äußerst schwierigen, bei der Lektüre nicht verständlichen Text voller Symbole, Rätselsprüchen, Geheimnistuerei und Trostsprüchen für die verfolgten christlichen Gemeinden, eben aus der „Offenbarung des Johannes“. Ein Leitwort, ein Motto, mit dem Inhalt „Ich habe dich geliebt“ hätte man auch anderswo im Neuen Testament schnell gefunden. Etwa im Johannes Evangelium, 13. Kapitel, Vers 34: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Aber „Ich habe DICH geliebt“ weist hin auf die extreme Bindung des Papstes an Augustinus, der nur in der eher privaten Ich – Du – Beziehung seinen Gott fand. In Papst Franziskus` Titel:  „Dilexit nos“, „Er liebt UNS“, wird die Gemeinschaft betont, dies ist bester Ausdruck christlicher Spiritualität.

7.
Sehr problematisch ist das Motto der Ermahnung Leos vor allem deshalb, wenn man sich diesen Vers 9 im 3. Kapitel der „Offenbarung“ genauer anschaut. Dieser Vers steht im Kontext eines imaginären Briefes des Autors „Johannes“ an die Gemeinde in der Stadt Philadelphia, heute ist dies die türkische Stadt Alaşehir. In dem mysteriös – schwierigen Vers 9 heißt es wörtlich: „Leute aus der Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben, es aber nicht sind, sondern Lügner – ich werde bewirken, dass sie kommen und sich dir (also dem Engel der Christengemeinde, CM) zu Füßen werfen und erkennen, dass ich dir meine Liebe zugewandt habe.“ Da ist also das wichtige Wörtchen: Auf Latein: „Dilexi te“. (Das Bibelzitat ist der „Einheitsübersetzung“ der katholischen Kirche Deutschlands entnommen).
Schon erstaunlich, dass dieses Motto der ersten „Apostolischen Ermahnung“ Leos ausgerechnet einem Vers entnommen ist, in der die Juden im Gegenüber zu den Christen damals als „Synagoge Satans“ bewertet werden… sie werden dann, so Johannes, der Autor, bei der Wiederkunft Christi ihr Judentum aufgeben (müssen).
Dies ist einer der vielen eher mysteriösen Verse aus der „Offenbarung“, die man als LeserIN niemals ohne ausführliche Interpretationshilfe verstehen kann. Die katholische Theologin Prof. Elisabeth Schüssler – Fiorenza aber behauptet in ihrer großen Studie „Das Buch der Offenbarung“, Kohlhammer Verlag, 1991, Seite 76 , die Rede von der „Synagoge Satans” „sollte nicht als Antisemitismus mißverstanden werden.“ Wir sagen nur: Na ja, die Phantasie einer Theologin ist wohl groß.

8.
Papst Leo, so wird in der katholischen Presse behauptet, vertritt in diesem seinen Text eine Art lateinamerikanische Befreiungstheologie. Aber oft ist in dem Text die Rede von der Kirche, die für die Armen eintritt, so, als stehe die Kirche den Armen gegenüber, und tue FÜR sie – aus Barmherzigkeit – Gutes. Dabei sollte es doch wohl so sein: Die Kirche ist mit den Armen solidarisch, weil sie selbst als Kirche eine Organisation der Armen ist und als Kirche selber arm ist bzw. im Sinne Jesu sein sollte… Nicht FÜR die Armen, sondern MIT ihnen ist authentische Befreiungstheologie. Komischerweise muss man sagen, macht sich Leo am Ende seiner langen Ermahnungen dann sogar noch für die klassischen Almosen stark. SAlso für die Almosen für die Armen,  jene üblichen Spenden der reichen Christen in der reichen Welt, die einiges Hilfreiche bewirken, aber überhaupt keine adäquate Antwort sind auf die entsetzlichen Lebensbedingungen der meisten Menschen im globalen Süden etwa.

9.
Was deutlich fehlt in dieser Ermahnung des Papstes: Nirgendwo ist die Rede davon, wie denn die Kirchenführungen, also die klerikale Hierarchie, also auch der Vatikan, also auch die gut ausgestatteten Bischöfe in ihren Palästen – den Armen praktisch beistehen sollen. Man fragt sich natürlich: Kann diese Kirche überhaupt eine arme Kirche mit den Armen werden bei diesem ihrem vorhandenen Glanz etwa in den Gebäuden des Vatikans und Roms und in anderen europäischen Zentren?
Diese Zahlen kann man überall überprüfen: Der Vatikan besitzt weltweit rund 5500 Immobilien – vor allem in Italien, aber auch in der Schweiz, Frankreich und England. Es sind Wohnungen, Kirchen, Klöster, Büros und Land…Die katholische Kirche in Deutschland besitzt etwa 8.250 km² Land, was sie zum größten privaten Grundbesitzer macht…Das Erzbistum Paderborn gilt als das reichste Bistum in Deutschland mit einem Vermögen von rund 7,15 Milliarden Euro. Und so weiter…

10.
Warum sagt der Papst als Mitglied des Bettelordens der Augustiner nichts dazu, dass Gebäude- Teile einiger jetzt viel zu groß gewordenen Augustiner – Klöster in Luxus Hotels umgewandelt wurden und eben nicht in Sozialwohnungen? Für den Augustiner Orden nur das Beispiel aus Rom LINK oder in Prag LINK.  Selbstverständlich lassen sich solche Beispiele auch von anderen Orden nennen.
Ein leiser, allerdings nur auf die Vergangenheit bezogener kritischer Ton wird in Nr. 63 formuliert, wenn Leo von den Bettelorden des Mittelalters, also auch den Augustinern, schreibt: „Das Zeugnis der Bettelorden forderte sowohl die klerikale Opulenz als auch die Kaltherzigkeit der städtischen Gesellschaft heraus.“ Von klerikaler Opulenz heute ist jedenfalls in Leos „Ermahnung“ keine Rede…

11.
Da setzt der Papst einen Text in die Welt gesetzt, der von der praktischen Verantwortung dieser Hierarchie (!) für die Armen wenig spricht. Man möchte gern einmal lesen: Die Bischöfe in Deutschland und in anderen reichen Ländern Europas verzichten auf 30 Prozent ihres zweifellos üppigen Gehaltes zugunsten von Projekten für die Armen. Die Bischöfe verlassen also – etwa in Köln, etwa in München – ihre Paläste und ziehen in Drei- Zimmer- Wohnungen zur Miete. Solche Ideen sind natürlich ketzerisch und selbstverständlich „eigentlich“ sinnlos.
Nebenbei: Wir haben einmal – in literarischer Imagination – Jesus heute nach Rom kommen lassen, von Dostojewski inspiriert. LINK

Aber vielleicht hat die katholische Kirche in Europa und Amerika auch fast kein Geld mehr … wegen der „Entschädigung“ – Zahlungen an die vielen tausend Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Priester und Nonnen.

12.
Das öffentliche und etwas gründlichere Interesse an dieser päpstlichen “Ermahnung”  ist — von ein paar Kirchenzeitungen abgesehen – bisher eher sehr sehr verhalten.

13.
Dabei sollten die wirklich weiterführenden Teile dieser päpstlichen Ermahnung gelesen und in Praxis realisiert werden, auch von Priestern, Bischöfen, Päpsten…

Ich zitiere nur ein Beispiel: Nr. 114: „Wir sprechen nicht nur von Hilfe und vom notwendigen Einsatz für Gerechtigkeit. Die Gläubigen müssen sich einer weiteren Form der Inkonsequenz gegenüber den Armen bewusst werden. In Wahrheit ist »die schlimmste Diskriminierung, unter der die Armen leiden, der Mangel an geistlicher Zuwendung […]. […] Die vorrangige Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen religiösen Zuwendung zeigen.»[127] Diese geistliche Aufmerksamkeit für die Armen wird jedoch durch bestimmte Vorurteile, auch seitens der Christen, in Frage gestellt, weil wir uns ohne die Armen wohler fühlen. Manche sagen fortwährend: „Unsere Aufgabe ist es, zu beten und die wahre Lehre zu verkünden.“ Und indem sie diesen religiösen Aspekt von einer ganzheitlichen Förderung trennen, fügen sie hinzu, dass allein die Regierung sich um sie kümmern sollte oder dass es besser wäre, sie in ihrem Elend zu lassen und ihnen erst einmal das Arbeiten beizubringen. Manchmal werden auch pseudowissenschaftliche Kriterien herangezogen, wenn etwa gesagt wird, dass der freie Markt von selbst zur Lösung des Problems der Armut führen werde. Oder man optiert sogar für eine Seelsorge der sogenannten „Eliten“ und behauptet, dass man, statt Zeit mit den Armen zu verschwenden, sich besser um die Reichen, Mächtigen und Berufstätigen kümmern sollte, um durch diese zu wirkungsvolleren Lösungen zu gelangen. Die Weltlichkeit hinter diesen Auffassungen ist leicht zu erkennen: Sie verleiten uns dazu, die Wirklichkeit mit oberflächlichen Kriterien zu betrachten, bar jedes übernatürlichen Lichts, wenn wir es lieber mit Menschen zu tun zu haben, die uns ein Gefühl von Sicherheit geben, und wenn wir Privilegien suchen, die uns genehm sind.“

14.

Von den 130 Belegen, Quellen, für die Zitate der “Exhortatio”, verweist ein einziger Beleg auf einen “weltlichen Bereich”,  nämlich den “Rat der Europäischen Gemeinschaften”. Alle anderen Fußnoten beziehen sich auf innerkirchliche Dokumente, Enzykliken vor allem von Papst Franziskus, auf theologischen Werke antiker und mittelalterlicher Heiliger usw. Auch dieses päpstliche Dokument  kreist, wie üblich, in der eigenen “Suppe”. Dass es mindestens hundert aktuelle soziologische, psychologische, theologische, philosophische Studien zum Thema Armut und Arme gibt, scheint im Vatikan beim Autor Leo XIV. oder den Ghostwritern nicht angekommen zu sein. Dass dieser Respekt (!) für die wissenschaftlichen Forschungen eigentlich üblich sein sollte, auch für ein päpstliches, katholisches Dokument mit universellem Anspruch, sollte eigentlich heute endlich selbstverständlich sein. Man ist im Vatikan aber immer noch irgendwie selbstzufrieden mit den eigenen kirchlichen Texten. Man braucht halt die Wissenschaften nicht!

Der Text der “Exhortation”: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn die Kirchen zu viele Kirchen haben

„Leben statt Leere“: Zu einem neuen Buch (2025) über den Umgang mit „überflüssigen“ Kirchengebäuden

Hinweise von Christian Modehn am 30.9.2025

1.
Seit 1990 wurden in Deutschland 514 evangelische Kirchengebäude aufgegeben, davon wurden 128 abgerissen; bei den Katholiken wurden 603 „Gotteshäuser“ seit 1990 aufgegeben, davon 173 abgerissen. Quelle:„Plus- Minus“, Magazin der ARD/Das Erste am 24.9.2025.
Gerade der Abriss von Kirchengebäuden kann als Symbol verstanden werden für das stetige Verschwinden der Kirchen in Deutschland und Europa. Ob damit auch der christliche Glaube langsam aber „sicher“ verschwindet, ist eine andere Frage. Und: An irgendeinen Gott (vielleicht Götzen) glauben wohl die meisten, weil sie Menschen sind und immer irgendwie „gläubig“ sind, aber das ist Philosophie…

2. Immer weniger Kirchenmitglieder
Weil immer mehr Kirchenmitglieder in Deutschland aus der Kirche austreten, haben die Gemeinden und Landeskirchen bzw. die Bistümer wegen der ausbleibenden Kirchensteuern kein Geld (und kein bezahltes Personal) für den Erhalt ihrer vielen Kirchengebäude. 23.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) besitzt die Evangelische Kirche noch in Deutschland, 24.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) die katholische Kirche. Zu den großen Kirchen gehören (2024) 39 Millionen Mitglieder, für das Jahr 2060 werden schätzungsweise noch 23 Millionen Bewohner Deutschlands Kirchenmitglieder sein. Dass die Bewohner Deutschlands mehrheitlich in Zukunft wieder Kirchenmitglieder werden: Daran glauben wohl selbst die frömmsten Bischöfe nicht. Da ist also Eile angesagt, wollen die Kirchen Schließung, Verkauf, „Mischnutzung“ oder Abriss von Gotteshäusern mit den jeweiligen Kommunen sinnvoll und das heißt immer auch mit finanziellem Gewinn gestalten. PS: Über die vielen, z. T.”überflüssigen”, z.T. hübsch renovierten Dorfkirchen in Brandenburg habe ich 2020 einen provozierenden Beitrag verfasst. LINK

3. Könnten Kardinäle, Bischöfe, Pfarrer auf einen kleinen Teil ihres Gehaltes verzichten?
Man könnte denken: Zur Finanzierung des Erhalts wenigstens einiger, von den Gläubigen als sehr wichtiger angesehener bestehender Kirchen – Gebäude könnten auch die Kürzungen der Gehälter von Pfarrern, Oberkirchenräten, Erzpriestern und Bischöfen und Kardinälen beitragen, dies wäre ein schlichter solidarischer, aber öffentlich wirksamer Effekt. Kardinal Marx von München hat immerhin Ende Dezember 2020 tatsächlich 500.000 Euro aus seinem Privatvermögen (sic!) für „Betroffene des sexuellen Missbrauchs“ in seine Stiftung eingezahlt. Quelle: LINK
Kardinal Marx erhält – aus Staatsleistungen Bayerns – ein Monatsgehalt von etwa 13.600 €. Kardinal Woelki in Köln erhält ein Monatsgehalt von 13.800 €, ziemlich unbescheiden, wenn man bedenkt, dass sein Verhalten im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch ein Hauptgrund war und ist für die große Austritts-„Welle“ im Erzbistum Köln…Quelle: LINK
Ein evangelischer Pfarrer verdient in Deutschland heute durchschnittlich 5.300€ brutto im Monat. Ähnliche Gehälter erhalten katholische Pfarrer, auch bei ihnen gilt: Oft mit freier Dienstwohnung…

4. Kirchen verkaufen und umwandeln: Alles andere als ein Nebenthema
Der vielfältige mögliche Umgang mit „überflüssig“ gewordenen, also nicht mehr klassisch für Gottesdienste/Messen zu nutzenden Kirchen bzw. Gotteshäusern ist alles andere als ein kulturelles „Nebenthema“. Diese Frage gehört ins Zentrum der Debatten über die Umbrüche der Religionen und Kirchen in Europa heute. Man beachte immer dabei: Für Protestanten sind Kirchengebäude eben nur Gebäude genutzt für Gottesdienste usw., aber eben nicht wie bei Katholiken eher verehrungswürdige „Gotteshäuser“…
Über eine umfangreiche Foto – Dokumentation von verfallenen, allmählich nur noch als Ruinen wahrnehmbaren Kirchengebäuden in einigen Ländern Europas habe ich im Jahr 2020 eine Rezension geschrieben. LINK
Dabei wird deutlich: In Frankreich wurden schon im 19.Jahrhundert viele Gotteshäuser von der Kirche aufgegeben, weil einfach die Gläubigen nicht mehr gläubig waren und die Messe nicht mehr besuchten, man sehe sich dazu etwa im Département Yonne oder in anderen Gegenden Burgunds oder des Limousin (Guéret!) um…

5. Ästhetisches – religiöses Erleben angesichts von (umgewandelten) Kirchen
Heute gilt in Deutschland die allgemeine ästhetische Überzeugung: Kirchengebäude in unseren Städten und Dörfern als Ruinen wahrzunehmen, ist nicht förderlich für einen guten Gesamteindruck und nicht inspirierend für einen letzten Rest spirituell – christlicher Stimmung unter den Bürgern. Ein schönes Kirchengebäude in einer grauen Stadtlandschaft oder in einem sonst langweiligen Dorf in Brandenburg empfinden selbst Atheisten noch als ästhetische Bereicherung. Und selbst die Kirchenleitungen sind überzeugt: Wenn bei umgewandelten Kirchengebäuden wenigstens nach außen hin eine „christliche Aura“ durch die erhaltenen Kirchen – Fassaden, Außenmauern, bunten Fenster und den Glockenturm (mit noch immer läutenden Glocken), dann sind solche Umwandlungen ein Erfolg. Der protestantische Theologen und EKD – Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen definiert den klassischen Begriff für Gottesdienst, und dies ist der Begriff Liturgie, in einem sehr weiten Sinne: Er meint, Liturgie sei als Dienst auch im allgemeinen Menschlichen zu verstehen, nicht nur als explizite Gottes – Dienst – Veranstaltung (richtig „klassisch“). So kann seiner Meinung nach eine umgewandelte Kirche, etwa als Bibliothek, noch einen guten humanen Dienst leisten, also irgendwie dem Begriff Liturgie gerecht werden (Seite 118ff.) Claussen meint zudem sehr gewagt: „Wer an dem Kirchenbau vorbeigeht, entwickelt nicht selten so etwas wie alltägliche Liturgie. Man schaut hoch auf den Turm und seine Uhr, nimmt einen Glockenschlag wahr, lässt die Architektur für einen Augenblick auf sich wirken, erinnert sich kurz an hier Erlebtes, es kann sich dabei so etwas wie eine `Religion der Religionslosen?(Robert Musil) ereignen.“ (Seite 119). Ob sich dieses weltliche punktuelle und kurzfristige irgendwie spirituelle Liturgie – Erlebnis auch im Angesicht einer umgebauten Kirche sich ereignet, ist eine offene Frage: Zudem: Dieses kurze, irgendwie noch christlich geprägte Erleben angesichts eines umgewandelten Kirchengebäudes gilt sicher nur für Menschen, die diese Kirche einst von innen gesehen haben und vielleicht an einem Gottesdienst teilgenommen haben, aber diese alten Menschen sterben leider aus…

6. Zum Gottesdienst eine umgewandelte Kirche mieten
Das ziemlich umfangreiche neue Buch mit dem sehr provozierenden Titel „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ ist auch deswegen wichtig, weil zu den AutorInnen keineswegs nur TheologInnen gehören, sondern vor allem SpezialistInnen für Baukultur und Stadtentwicklung, für Baudenkmäler, Fachleute fürs Stiftungswesen oder Gedenkstätten usw. Die 28 Essays handeln also von rechtlichen Problemen bei der „Nutzungserweiterung“ der Kirchen, beschreiben die Vielfalt neuer „Nutzungen“ der einst nur religiösen Kirchengebäude. Die gemeinsame Nutzung durch eine Kirchengemeinde wie auch durch „weltliche“ neue Nutzer scheint mir besonders wichtig zu sein. Nebenbei: In Amsterdam etwa mieten arm gewordene Kirchengemeinden am Sonntag ihre einstige Kirche für zwei Stunden, die sonst in ein Museum bzw. ein Kulturzentrum ist. In dem genannten Buch ist vor allem der Beitrag von Leona Lynen sehr inspirierend, wenn man konkrete, schon realisierte, vielleicht erfolgreiche Projekte kennenlernen will.

7. Die noch aktiven Kirchen sind meist leer
Der Titel des Buches „Leben statt Leere“ ist sehr provokativ: Er kann nämlich suggerieren: Einst, als die Kirchengebäude noch für Gottesdienste/Messen genutzt wurden, herrschte eigentlich Leere: Das ist sogar richtig, wenn man sich die Statistiken der Teilnahme am evangelischen Gottesdienst in einigen Städten und Dörfern anschaut: Da sitzen sonntags um 10 Uhr in vielen Gemeinden Berlins, Leipzigs, Hamburgs usw. nur einige wenige, ziemlich weit voneinander, in den Bänken. 3,3% der Protestanten in Deutschland setzen sich sonntags um 10 in die Kirche. Es gibt in Brandenburgs Dörfern beheizbare „Winterkirchen“ innerhalb der großen Kirchen. „Winterkirchen“ sind die Zimmerchen gleich am Eingang: Die dort aufgestellten 20 Stühle sind treffender Ausdruck der erwarteten TeilnehmerInnen von „Sonntags um 10 oder 11“. An der katholischen Sonntags – Messe nehmen im Erzbistum Berlin etwa noch etwa 8,5 % der Gläubigen teil. Aber auch hier gilt, zumindest in Berlin: Nach den Gottesdiensten werden die Kirchen verschlossen, weil auch kein „Freiwilliger“ mehr da ist, der „aufpasst“ und mögliche Diebe vertreibt. So stehen die großen Kirchen während der Woche also leer herum, die tatsächliche „Nutzungszeit” beträgt wahrscheinlich nur etwa 4 Stunden pro Woche, wenn man Orgelkonzerte, Taufen oder Trauungen zu den Gottesdiensten mitzählt. Gäbe es nicht die immer noch sehr gut „besuchten“ Heilig – Abend Gottesdienste, sähe die Jahres – Statistik zum Gottesdienstbesuch sehr düster aus.
Darum ist der Titel „Leben statt Leer“ treffend: Die vorhandenen Kirchengebäude stehen wirklich fast immer leer herum. Und selbst tagsüber offen gehaltene Kirchen stehen zu Zeiten leer, wo sie eigentlich genutzt werden könnten: Hier in Berlin – Schöneberg, wo ich lebe, sitzen sehr viele junge Leute an jedem Sommerabend auf Grünanlagen vor der Apostel -Paulus – Kirche, sie trinken und plaudern und lachen, eine Art kleine Oase. Die Kirche, schließt um 18 Uhr. Aber dann beginnt erst das turbulente Leben im unmittelbaren Umfeld der Kirche… In Paris habe ich einst so genannte „Nacht-Kirchen“ – offen meist am langen Wochenende- kennengelernt und für die ARD dokumentiert, wie die Kirchen St. Gervais, St. Severin, St.Leu usw… Sie waren bis über Mitternacht hinaus offen. Heute zwingt der „Vandalismus“ in den Kirchen zu früher Schließung… Vielleicht sind die Kirchen sogar ein ganz kleines Bißchen froh, weil sie heute keine ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, „Aufsicht“, mehr haben. Damals waren die Gemeindepfarrer in ihren Nachtkirchen anwesend.

8. Viele schöne Fotos umgewandelter Kirchen
Das Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit alten Kirchen“ enthält auf 240 Seiten 28 Essays. Genauso wichtig aber ist: Das neue „Leben“ der Kirchen wird auf mindestens 60 ganzseitigen Farbfotos so anmutig und so schön präsentiert, dass man eigentlich denken kann: Prima, dass diese Kirchen nun keine expliziten Gotteshäuser mehr sind. Die umgebauten Kirchen sind jetzt sehr lebendige Häuser, etwa prächtige Buchhandlungen oder angenehme Kindergärten oder hübsche Theater oder gar nicht so bescheidene Kleiderkammern für Arme, auch die Jugendherbergen sind beachtlich, erstaunlich, dass einige Kirchenfenster und dezent erhaltenen Kreuze den Früstücksraum schmücken. Man möchte also meinen: Endlich haben diese einst grauen, selbst sonntags fast leeren und während der Woche fast immer verschlossenen Kirchen/Gotteshäuser eine sympathische, so menschliche, durchaus progressive Ausstattung erhalten… Und man wird Theologen fragen, ob sie diese Entwicklung ebenfalls sympathisch und entzückend finden können und – normativ betrachtet – finden dürfen.

9. Wer oder was ist schuld an den Kirchenschließungen?
Wer stellt eigentlich noch in kirchlichen und theologischen Kreisen die provozierende, aber sehr berechtigte Frage: Wer oder was ist eigentlich schuld daran, dass so viele Kirchen „überflüssig“ geworden sind? Soweit ich sehe, wird dieses Thema in dem Buch bedauerlicherweise nicht bearbeitet. Wer nach einer Antwort sucht: Man wird doch theologisch nicht im allgemeinen „die“ Säkularisierung oder „die“ Moderne dafür verantwortlich machen, dass nun so viele Kirchengebäude für die Kirchen selbst überflüssig geworden sind. Denn Tatsache ist: Beide Kirchen hatten und haben immer Jahresetats von vielen Milliarden Euro aus Kirchensteuereinnahmen. Der katholische Theologe Konstantin Manthey nennt in seinem Beitrag die Zahl von „fast zwei Millionen Kirchenangestellten“ heute (S. 125). Darf man fragen, was haben diese meist gut bezahlten Damen und Herren falsch gemacht, dass es zu einem solchen stetigen Kirchenaustritt von Millionen getaufter Christen kommen konnte und kann?

10. Die alte Dogmenwelt und die unverständlichen Gebete/Gesänge
Was würde ein sehr großes Wirtschaftsunternehmen tun, wenn es einen so miserablen „Erfolg“ erzielen würde wie die Kirchen, die Millionen Mitglieder verlieren, obwohl die finanzielle Ausstattung wirklich bestens war (und bis jetzt noch immer ist)? Aber der Rücktritt von Bischöfen oder EKD – Synodalen würde in dem Zusammenhang nicht mehr als richtiges Symbol eines „Schuldbekenntnisses“ sein. Aber die eigentliche „Schuld“ an der Misere der Kirchen ins Deutschland und Europa weist auf anderes, über das öffentlich, auch in der Theologie, kaum gesprochen wird: Es ist die nicht anders als aufgeblasen zu nennende uralte dogmatische Glaubenswelt der Kirchen; es sind die meist sehr altertümlichen Kirchen – Lieder und – Gesänge: Bezeichnenderweise haben die Katholische Bischöfe der Niederlande und Deutschlands fast all Lieder des niederländischen Theologen Huub Oosterhuis als Mess-Gesänge verboten. Diese Lieder sind aber wohl die einzigem, die ein denkender Christ heute noch singen kann.. Schuld sind auch die intellektuell kaum nachvollziehbaren Gebete und Fürbitten; die erstarrten Liturgien/Messen oder das „Trallala“ mancher Kindergottesdienste, all das hat den Abschied so vieler hundert tausend kritischer und denkender Menschen aus den Kirchen beschleunigt.
Wer hat als Teilnehmer der Messe nicht schon oft den Eindruck gehabt: Das ist doch alles immer der selbe Ritus, dieses reglementierte Auf und Ab von Hinknien, Aufstehen, Sitzen, standardisiert antworten auf standardisierte Aufforderungen und Gebete des Priesters. Und dann auch dies noch: Das Sprechen eher sinnloser Texte: Etwa vor dem Empfang der Kommunion (!) müssen die Gläubigen diese Worte sprechen: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“… Wo bitte ist denn „mein Dach“, unter dem ich die Kommunion nun erhalte und verzehre…. Antiquierte Redeweisen in den Messen bis heute: „Der Herr sei mit euch.“ „Und mit deinem Geiste…“ Wer sagt denn so was, muss Kirchensprache derart aus der Zeit fallen? Das ertragen die Leute einfach nicht mehr. Tausend Beispiele wären möglich, aber schon diese Hinweise zeigen: Sie haben sehr wohl mit den leeren Kirchen zu tun, mit den sich ständig leerenden Kirchen besser gesagt.
Das fehlt leider in dem Buch „Leben statt Leere“: Die ausgearbeitete selbstkritische Erkenntnis: Die Kirchen sind selbst schuld, dass sie jetzt auf ihren vielen überflüssig gewordenen Kirchengebäuden sitzen und diese dann abstoßen müssen.

11. Die fixierten Holzbänke aus den Kirchen endlich entfernen!
Ein weiterer Grund für die Leere der Kirchen, für die Abweisung kirchlicher Angeboten den alten Gotteshäusern: Diese Kirchen sind als Treffpunkte der Gemeinde schon von der Anordnung der Sitzgelegenheiten eine Katastrophe: Alle schauen nach vorn, meist auch nach oben, zum Altar, zu den unersetzlichen Priestern oder dem evangelischen Pfarrer, der manchmal noch in die Höhen der Kanzel zur 30 Minuten Predigt klettert. Und „alle“ schauen in die Höhe der Wahrheit … Noch wichtiger: Es sind diese wirklich widerlichen, fest verankerten Holzbänke, die nicht das geringste Gefühl von Kommunikation oder Wohlfühlen aufkommen lassen. Ich wage die These: Hätten die Gemeinden spätestens vor 50 Jahren die fest verankerten Holzbänke aus den Kirchen rausgeworfen und durch Stühle bzw. Sessel oder Polster oder bequeme Sofas ersetzt, Sachen also, die man auch in einen Kreis hätte stellen können zum Gottesdienst, dann hätte sich Kirche als sympathischer, einladender freundlicher Raum einer Gemeinde, einer „großen Familie“, bewiesen. Warum soll man das für die Menschen oft ungemütliche, weil kritisch – störende Evangelium Jesu von Nazareth nicht auf gemütlichen Stühlen verstehen können?

12. Die Kirchenführung zerstört die Idee „Kirchengemeinde in der Nachbarschaft“
Wenn sich die Kirchen jetzt und in naher Zukunft von vielen Kirchengebäuden trennen müssen, dann wird für die noch Interessierten – und das sind oft ältere Menschen – die bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren fast unmöglich gemacht, es sei denn man nimmt lange Busfahrten in Kauf, um noch eine Kirche zu finden, in der die Messe gefeiert wird. Die gute und bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren ist HEUTE um so dringender, wenn man an die vielfach dokumentierte Einsamkeit sehr vieler Menschen gerade in den großen Städten denkt: Wenn es denn offene, d.h.freundliche, wenig dogmatische Gemeinden gäbe, dann wären diese Gemeinden von hohem Wert gerade für „das seelisch wie politisch Beste einer Stadt“, nämlich die Pflege des Miteinanders. Aber alles wird gerade jetzt von den Kirchen selbst zerstört: Im Erzbistum Berlin etwa gilt das Konzept mit dem höchst fragwürdigen Motto: „Wo der Glaube Raum gewinnt“: Das bedeutet in Wahrheit: „Liebe (ältere, einsame) Gläubige gewöhnt euch an große weite Räume, wenn ihr noch eine katholische Kirche oder ein Gemeindehaus sucht. Kirchliche Nachbarschaft ist ab sofort ausgeschlossen.“
So sehr man auch in umgewandelten Kirchen und deren Bücherstuben oder Cafés oder Kleiderkammern über den Sinn des Lebens beiläufig reden kann: Eigentlich sollten Kirchengemeinden Orte der qualifizierten, freien und offenen Sinnsuche sein, der Frage nach dem Sinn des Lebens, Liebens und Arbeitens, der ungerechten Gesellschaft und der Klimakatastrophe, der Frage nach dem Sinn von Leiden, Sterben und Tod. Sicher haben die Kirchengemeinden gar nicht mehr dieses qualifizierte Person für Gespräche über diese auch therapeutischen Fragen… , insofern ist wohl realistisch, wenn die Kirchen mangels qualifizierten Personals ihre Kirchen verkaufen und „umwandeln“.

13.
Obwohl die vielfältigen Formen der Umwandlung von „überflüssigen“ Kirchen beide großen Konfessionen betrifft, beziehen sich in dem Buch, soweit ich sehe, nur drei katholische AutorInnen auf entsprechende Erfahrungen und Einsichten ihrer Kirche. Dabei ist klar: An einer ökumenischen Zusammenarbeit bei Verkauf und Umwandlung der Kirchen via Internet oder Ebay mangelt es immer noch, berichtete kürzlich (September 2025) das genannte „Plus- Minus“ Magazin der ARD.

14. Erzbischöfe in Berlin setzen auf teure Repräsentativ -Kirchen.
Wir wollen hier nur auf den Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht erstaunlich kritisch über das Verhalten der Kirchen, also auch der katholischen Kirche, zu unserem Thema, er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“.
Sehr wichtig ist der Hinweis Mantheys: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (sic) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127).

15.
Ist wirklich kein Geld da, um wenigstens einige kleine religiöse oder theologische Salons anzumieten als Treffpunkte für religiös Interessierte, die es ja sicher auch in den neuen Stadtquartieren geben wird?
Tatsache ist: Geld haben die Kirchen heute noch sehr reichlich, das lässt sich etwa am Beispiel des Erzbistums Berlin: Das wird allerdings von Konstantin Manthey nicht dokumentiert: Die Rede muss also sein über die vielen Millionen Euro, die für die – eigentlich unnötige – Total- Renovierung der St. Hedwigskathedrale ausgegeben wurden: „Mit 44,2 Millionen Euro wurden die 2016 prognostizierten Gesamtkosten für den Umbau der Bischofskirche nur um rund 4 Millionen Euro überschritten“, heißt es im Erzbistum. Konkret: Zwölf Millionen Euro kamen vom Bund und acht Millionen Euro vom Land Berlin für den Umbau der Kathedrale, 28 Millionen Euro muss also die Kirche selbst bezahlen. Und zum Neubau des Bischofshauses und eines Kirchenzentrums, direkt neben der Kathedrale, „Bernhard Lichtenberg Haus“ genannt: „Hier waren zu Beginn 17 Millionen Euro veranschlagt worden, inzwischen rechnet das Erzbistum jedoch mit nahezu verdoppelten Kosten von 33,8 Millionen Euro – für die das Hauptstadtbistum zudem allein aufkommen muss.“ Quelle: LINK.

Schon 2024 hatte der “Tagesspiegel”  nachgewiesen: In Berlin ist der Bodenbesitz aller religiösen Gemeinschaften laut Liegenschaftsplan  mit 1.206 Hektar anzugeben. Das sind 1,3% der Stadtfläche, der evangelischen und katholischen Kirche gehört der größte Teil der Liegenschaften, wie der “Tagesspiegel” erneut am 1.10.2025, Seite 4 im Berlin – Heft berichtet. 1.206 Hektar sind etwa 12 Quadratkilometer im Besitz der Religionen, der Kirchen. Der Vatikan-Staaat hat 0,44 Quadratkilometer Fläche, der Berliner Bezirk Schöneberg 12,2 Quadtratkilometer.

16. In den Wohnbezirken verschwinden katholische Gemeinden
Die angeblich arme katholische Kirche Berlin setzt also auf Repräsentativ-Bauten in der Innenstadt, interessant für Touristen vor allem, die „Unter den Linden“ flankieren oder zum Humboldt – Forum eilen… Um an das nötige Geld zu kommen, werden von den Erzbischöfen Berlins Gemeindezentren und Kirchen in den dicht bewohnten Bezirken aufgegeben oder verkauft, wie etwa nun die Gemeinde mit großer Kirche im „Katharinenstft” (mit einem Kloster der Herz – Jesu – Priester) in Prenzlauer Berg.Über den Verkauf des Katharinenstiftes, auf einem „Filetgrundstück“, hat der Journalist Patrick Pohl am 14.7.2025 auf seiner website berichtet. Oder: Die St. Albertus Magnus Kirche im bevölkerungsreichen Wilmersdorf: „Die 61 Jahre alte St. Albertus-Magnus Kirche in Wilmersdorf/Halensee wurde schon im November 2023 geschlossen, von einer neuen Nutzung ist noch immer nichts zu sehen, Quelle: „Tagesspiegel“ am 8.9.2025. Alsbald wird wohl die St. Kamillus Kirche in Charlottenburg mit einem integrierten „Altenheim“ verkauft.
Mit anderen Worten: Die Kirchenleitung nimmt den Menschen die nahe Erreichbarkeit ihrer altvertrauten Gotteshäuser und Gemeindezentren zugunsten von Millionen teuren Renovierungen und Neubauten von Repräsentativgebäuden. Die Kirche will offenbar noch groß und mächtig und modern nach außen erscheinen…
Wie viele Kirchen ließen Berlins katholische Bischöfe schon abreißen oder verkaufen? Wir nennen nur: St. Raphael in Gatow, Bezirk Spandau), St. Agnes in Kreuzberg., St. Johannes Capistran Tempelhof. Erstaunlich, dass der in der Katholischen Akademie Berlin angestellte Theologe Konstantin Manthey von all den genannten Zusammenhängen keine Silbe verliert.

Auch im Bistum Dresden – Meißen setzen die Kirchenoberen auf repräsentative Bauten: Ca. 19.000 Katholiken sind zwischen 2014 und 2024 dort aus der Kirche ausgetreten, die Zahl der Katholiken im Bistum Sachsens beträgt noch 128.000. Trotzdem die Kirchenführung baut für 49 Millionen Euro einen riesigen kirchlichen Verwaltungsneubau in Dresden, Eröffnung 2025. LINK 

Nebenbei: Es gibt inzwischen bei wikipedia einen eigenen Beitrag über die vielen „profanierten Kirchen“ im Erzbistum Berlin: LINK

17. Wann werden in Deutschland Kirchen in Moscheen umgewandelt?
Eine eigentlich dringende Frage wird überhaupt nicht öffentlich erörtert, weder in dem genannten Buch noch in anderen Publikationen oder etwa in Akademieveranstaltungen. Die Frage ist: Warum werden leerstehende Kirchen nicht muslimischen Vereinen zum Umbau als Moschee angeboten? Man könnte auch denken. Warum nicht auch jüdischen Gemeinden zum Umbau in eine Synagoge. Aber für Neubauten von Synagogen ist ja gut gesorgt.
Warum also keine zu Moscheen umgewandelten Kirchen? Man muss als Antwort nicht lange spekulieren: Weil Muslime in Deutschland immer noch unter einem ungerechten Generalverdacht des Radikalen stehen. Weil „der Islam nicht zu Deutschland gehört”, wie einzelne CSU Politiker (wie Horst Seehofer, 2018 und zuvor schon der CDU Ministerpräsident Sachsens Stanislaw Tillich schon im Januar 2015 in einem Interview mit „Die Welt“) sagten: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/6160_der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland-wenn-das-logische-denken-versagt_denkbar
Diese pauschalen und dummen Sprüche „Der Islam gehört nicht zu Europa“ war und ist wohl die beste Werbung einiger CDU CSU Politiker für die AFD…

18. In Amsterdam: Von der St. Ignatius Kirche zur Moschee
Ich kenne nur ein Beispiel dafür, dass tatsächlich einmal eine katholische Kirche in eine Moschee verwandelt wurde. Das hat sich im toleranten Amsterdam ereignet: 1971 haben die Jesuiten an der Rozengracht 150, ganz in der Nähe des Anne – Frank – Hauses, ihre St. Ignatiuskirche aufgegeben müssen: Dann geschah ein interessantes Intermezzo: Die Kirche wurde kurzfristig in einen Teppich-Laden umgewandelt und erst danach, im Jahr 1981, von der Islamischen Stiftung Fatih (Islamitische Stichting Nederland Fatih Amsterdam) erworben und als Moschee eingerichtet. Ein unmittelbarer Übergang von Kirche zu Moschee war selbst in Holland wohl „zu viel des Guten“. Dabei reden doch viele christliche Theologen eigentlich ständig von der Gemeinschaft der drei monotheistischen Religionen, aber man belässt es lieber im unverbindlichen akademischen Milieu. Seit 1981 trägt die auch von außen noch wahrnehmbar ehemalige Kirche also offiziell den Namen „Fatih-Moschee“. Die Leistung der Moschee dort hat mir selbstverständlich Filmaufnahmen für meine Dokumentation fürs Erste über die Religionen in Amsterdam gestattet. LINK

19. Kirchen werden den Buddhisten oder Humanisten überlassen.
Wenn es den Kirchen ernst ist mit einem umfassenden ökumenischen und interreligiösen Dialog: Warum bieten sie ihre überflüssigen Gotteshäuser nicht auch Buddhisten an, warum nicht auch dem „Humanistischen Verband“, der ja bekanntlich gute Sozialarbeit leistet? Aber schon diese unsere Frage werden „kirchenleitende Herrschaften“ als utopisch zurückweisen. Nebenbei: Wie viele Kirchen wurden an fundamentalistische „freie charismatische Gemeinden“ verkauft? Diese sind bekanntlich in ihrer Lehre gefährlich, “nur” für die seelische Gesundheit der “Gläubigen”??? Man schaue sich heute diese machtvollen, z. T gewalttätigen fundamentalistisch – evangelikalen Kreise in den USA des Mister Trump an….

Zur weiteren Information siehe auch die website Aktion Kirchenabriss: https://www.moderne-regional.de/listing-category/hashtag-kirchenabriss/

Das genannte Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ wurde u.a von Klaus -Martin Bresgott und Johann Hinrich Claussen herausgegeben. Das Buch ist über Kulturbüro der EKD zu beziehen: Kulturbüro des Rates der EKD, Auguststraße 80, D-10117 Berlin, https://ekd-kultur.de/. kultur@ekd.de

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de