Sexueller Missbrauch durch einen hochrangigen Priester im Spanien des 17. Jahrhunderts: „Der Prozess versandete“…

Eine historische Studie zum sexuellen Missbrauch.

Ein Hinweis von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht 2021, aktualisiert am 23.7.2023

1. Zur Einführung:

Die Geschichte der Homosexuellen war und ist eine von der heterosexuellen Mehrheit ignorierte Leidensgeschichte. In 69 Staaten wird auch heute noch, 2023, Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in 11 Staaten droht Homosexuellen die Todesstrafe. Quelle: LINK   
Ohne körperliches Leiden, ohne Verfolgung, ohne Scheiterhaufen konnten nur einige wenige prominente Homosexuelle, modern gesprochen ohne „Outing“, überleben, es waren Fürsten und Päpste, Bischöfe und Pfarrer und Ordensobere und „einfache Mitglieder“ von Ordensgemeinschaften.
Und wie bei der jeder Geschichte von unterdrückten Minderheiten gibt es, abgesehen vom Judentum, auch keine ausgebreitete, gründliche Forschung zur Geschichte der Verfolgung der Homosexuellen, obwohl etwa in Spanien und Italien viele Dokumente zur Verfolgung und Ausrottung der Homosexuellen durch die katholische Inquisition in den Archiven vorliegen.

2.

Es ist förmlich ein Glückstreffer, wenn man in Deutschland Beiträge kirchenunabhängiger Historiker findet zu dem Thema. Ich empfehle die Lektüre des Aufsatzes von Prof. Raphael Carrasco „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“. Die Studie ist erschienen in dem Sammelband „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. von dem Historiker Alain Corbin, Wagenbach Verlag, 1992, dort S. 45-58. Die französische Ausgabe erschien 1989. Das Buch ist auf Deutsch nur noch antiquarisch verfügbar…

3. Über den sexuellen Missbrauchs eines spanischen Priesters aus dem Merzedarier-Orden im 17. Jahrhundert , dargestellt von Raphael Carrasco, siehe die ausführliche Darstellung:  LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Die Auferstehung Jesu: Ostern ist das Fest des Ewigen im Menschen.

Ein Hinweis von Christian Modehn (März 2023).

Ostern ist mit der entscheidenden Einsicht verbunden: Jeder Mensch hat Anteil am Ewigen, am Göttlichen. Nur deswegen kann der Tod ein Übergang sein in eine neue geistige Wirklichkeit. Diese Einsicht hat Jesus von Nazareth vermittelt.

1.

Das Thema “die Auferstehung Jesu von Nazareth“ verweist auf die schwierige Frage: Gibt es eine Form der Überwindung des Todes, also ein „Weiterleben“ nach dem Tod?
Theologien und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können auf das Thema nicht verzichten,  sie haben es mit der Lebensgestaltung, auch mit Sterben und Tod, zu tun. Hier wird eine der Vernunft verpflichtete Interpretation des Auferstehung Jesu von Nazareth vorgestellt. Und diese vernünftige Deutung ist einfach, verglichen mit dem Wortschwall der vielen bloß subjektivistischen, fundamentalistischen streng – kirchlichen Deutungen der Auferstehung Jesu.

2.

Am häufigsten wird bis heute in den Kirchen gelehrt und gepredigt: „Jesus ist seinem Grab entstiegen, und er ist als der leibhaftig Lebendige der Gemeinde erschienen.” Er ließ sich sogar körperlich berühren (vgl. die Erzählung vom „ungläubigen Thomas“)… Und später ist der Auferstandene “leibhaftig in den Himmel aufgefahren“. Diese sehr schlichte, aber regelmäßig bis heute verkündete Lehre hat den christlichen Glauben zu einer mysteriösen “verzauberten” Angelegenheit gemacht. Die üblichen Worte der Kirchen zur Auferstehung wecken kein nachvollziehbares Verstehen, sondern sie verbreiten den Nebel des Mysteriösen. So rutscht der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu in den Bereich der Märchenerzählungen ab, aus Angst der Prediger und Theologen vor der Vernunft!

Man denke auch an die zahllosen Gemälde etwa aus der Barockzeit, die den Auferstandenen leibhaftig in der Welt herumlaufend zeigen oder das leere Grab mit schlafenden Grabeswächtern und siegreichen Engeln. Angesichts so viel wunderbaren Zaubers sagen dann viele Gläubige verzaubert: „Nach meinem Tod gibt es für mich im Himmel das große Wiedersehen mit den Eltern und dem lieben Onkel Heinrich und der Tante Charlotte“.
Man muss diese private Spiritualität als Meinungsäußerung respektieren, aber sie hilft nicht zu einer reflektierten Spiritualität der Menschen im 21. Jahrhundert. Sie hilft nicht zu einer reifen Spiritualität reifer, d.h. kritisch nachdenklicher, vernünftiger Menschen des 21. Jahrunderts.

3.

Die Frage ist also: Soll die Auferstehung Jesu von Nazareth ein zauberhaftes Ereignis in einer wunderbaren Welt des Ostermorgens voller frommer Phantasien bleiben? Oder sollte die Auferstehung Jesu von Nazareth mit dem einen Satz erläutert werden: „Die Freunde Jesu erkennen bald nach seinem Tod: Wie Jesus als der “Auferstandene” haben alle Menschen in ihrem Geist Anteil am Ewigen, es ist der Geist des Ewigen, der göttliche Geist, der den Tod eines jeden, auch den Tod Jesu, überwindet. Es geht um ein ewiges, geistiges „Leben“, nicht um ein leibliches.“

4.

Die zentrale Erkenntnis heißt: Nach seinem Tod wird Jesus von der Gemeinde, nach einer Phase der Trauer und des Entsetzens über seinen Tod am Kreuz, als der Lebendige erkannt. In ihrem Nachdenken über Jesus von Nazareth wendet sich die Gemeinde noch einmal dem Leben und den Lehren ihres Propheten Jesus von Nazareth zu: Und sie entdeckt: Dieser Jesus von Nazareth war von außergewöhnlicher geistiger Kraft in seinem Umgang mit den Menschen, in ihm selbst wurde die göttliche Wirklichkeit deutlich. Die Gemeinde erkennt also das Göttliche, das Ewige, im “irdischen” Leben Jesu von Nazareth. Und dieses Göttliche, dieses Ewige kann nur eine geistige Realität sein, sie kann als das Ewige im Menschen nicht sterben. Jesus nannte den Ewigen stets seinen Vater, er fühlte sich als sein „Sohn“, und lehrte zugleich: “Ihr Menschen seid – im Bild gesprochen – ebenfalls Söhne und Töchter des Göttlichen, des Ewigen, meines und unseres „Vaters“ im Himmel”.

Weil die Menschen Anteil haben am Ewigen, sind sie in der Lage, Jesus als den Auferstandenen zu erkennen.
Im „Neuen Testament“ gibt es vier unterschiedliche Erzählungen über diese Einsicht der Gemeinde: „Unser Freund und Lehrer Jesus von Nazareth, der „Menschensohn“, ist nicht in das Nichts des Todes verschwunden. Wir erfahren und verstehen kraft unseres Geistes IHN als eine bleibende, geistige Präsenz über den Tod hinaus.“

5.

Diese Erzählungen von der Auferstehung Jesu im Neuen Testament sind keine Tatsachenberichte! Kein Journalist, kein Historiker, hat die Auferstehung Jesu gesehen. Die Auferstehungs-Erzählungen des Neuen Testaments beziehen sich nicht auf ein datierbares Ereignis. Sie sind Mythen, d.h. Erzählungen von Menschen, die mit diesem Jesus persönlich und voller Liebe verbunden waren und nach seinem Tod gemeinsam zu neuen, überraschenden Erkenntnissen kommen.

6.

Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind Mythen. Der Theologe Rudolf Bultmann nannte sein Programm das „Entmythologisieren“ der biblischen Erzählungen, und er meinte damit überhaupt nicht die Zerstörung des Inhalts von Mythen, sondern die Übersetzung der Mythen in nachvollziehbare moderne Sprache. Nur dann können etwa die Mythen der Auferstehung als Lebensorientierung uch heute gelten.
Lebensorientierung anbieten – das ist der Sinn von christlichen Erlösung. Von Erlösung spricht die Kirche ständig, aber was Erlösung inhaltlich nachvollziehbar bedeutet, wird meist ins Imaginäre, Phantastische geschoben, etwa in die Ideologie der Befreiung von der sogenannten Erbsünde.
Die Erkenntnis vom „Ewigen“ in jedem Menschen kann als Erlösung verstanden werden, im Sinne der Befreiung von der Angst, im Tod ins Nichts zu versinken. Es ist der Geist als die Präsenz des Ewigen, der als Geist den Tod eines jeden Menschen überwindet. Weitere Details zum „himmlischen Weiterleben“ zu nennen, würde nur zu haltlosen phantasievollen Spekulationen führen.

7.

Es bleiben Fragen zu den Mythen der Evangelisten: Etwa zum leeren Grab Jesu: Das Grab Jesu kann gar nicht leer sein, Auferstehung ist, wie gerade betont, ein geistiges Geschehen. Jesu Körper blieb also im Grab, und er wurde – geistig – als der Lebendige erfahren. Die Kirchen erlauben seit einiger Zeit auch die Feuerbestattung, offenbar wissen sie: Der Verstorbene lebt, geistig, auch wenn sein Körper zu Asche wurde.
Und nebenbei: Wäre der Auferstandene mit seinem alten, gekreuzigten Körper „auferstanden“, hätte er ja als ein Mensch noch einmal sterben müssen, was wäre dann aber passiert? Ein erneuter Prozess gegen ihn, den Kritiker des strengen religiösen Systems? Sinnlose Spekulationen sind das.
Der katholische Theologe Hans Kessler, Autor einer umfassenden Studie zum Thema, schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“. Zum Buch von Hans Kessler: LINK

8.

Die erste schriftliche Äußerung hat der Apostel Paulus im Jahr 50 in seinem „Ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich“ notiert, also knapp 20 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Auch Paulus nennt kein Datum der Auferstehung. Er kennt aber den bereits lebendigen Auferstehungsglauben der Gemeinde, er spricht von der gemeinsamen, alles entscheidenden Überzeugung: „Wenn Jesus gestorben ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zu Herrlichkeit führen“ (4. Kapitel, Vers 14). Mit anderen Worten: Die Verstorbenen werden wie Jesus „auferstehen“. Damit sagt Paulus in seinen Worten das aus, was oben gezeigt wurde: Weil alle Menschen im Geist mit dem Ewigen verbunden sind, werden auch sie – wie Jesus – “zur Herrlichkeit Gottes” gelangen. Der katholische Theologe Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand schreibt in der theologischen Zeitschrift CONCILIUM (2006): „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.

9.

Die Rede vom „Ewigen im Menschen“ hat als notwendigen theologischen Hintergrund eine vernünftige Deutung des biblischen Bildes von der „Schöpfung“ der Welten durch Gott oder das Göttliche oder den Ewigen.
Nur diese kurze Erläuterung: Wenn „Gott“, der Ewige, die Welten „schafft“, dann kann Gott, der Ewige, dies nur realisieren, wenn diese Welten mit ihm, dem Göttlichen, verbunden sind. Wären die geschaffenen Welten total selbstständig, also außerhalb der Wirklichkeit des Ewigen, dann wäre Gott nicht mehr der Göttliche, der Alles Stiftende und Umfassende. Die gottlose Welt wäre eine Konkurrenz zu einem Gott, der dann keine göttlichen Qualitäten mehr hätte.
Die Welt und die Menschen können also nur in einer tiefen geistigen Verbundenheit mit Gott, dem Ewigen, dem lebendigen GEIST, verstanden werden. Eine Überlegung, die vor allem der Philosoph Hegel vorgetragen hat.

10.

Die Welt als eine „Schöpfung des lebendigen göttlichen Geistes“ verstehen: Dies ist das einzige Wunder, mit dem sich kritisches theologisches Denken beim Verstehen der Auferstehung auseinandersetzen muss. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

11.

Die Gegenwart des Ewigen wird inmitten des Lebens erfahren und nicht nur theoretisch gedacht. Das ist die Überzeugung der frühen Christengemeinde, die der  Autor des 1. Johannesbriefes im Neuen Testament ausspricht, es ist ein Text, der am Ende des 1. Jahrhunderts geschrieben wurde. Der Autor schreibt:
„Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod”. (1 Joh 3, 14). Und im 4. Kapitel, Vers 12, heißt es: “Niemand hat Gott je geschaut, wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet”.

Mit anderen Worten: In der Liebe wird das Ewige in diesem menschlichen Leben erfahren.

Nur weil die Menschen lieben, also Liebe (er)leben (und Liebe ist immer mehr als Caritas, sie ist immer auch erotische Liebe), erfahren sie und denken sie das Göttliche, das im Menschen lebt. Dieses inmitten des Lebens präsente Göttliche wird den Tod überdauern. Diese Erkenntnis spricht der 1. Johannes Brief lapidar aus im Vers 6, Kap. 4: „Wir aber sind aus Gott”.

12.

Die Auferstehung Jesu sollte eine Lebensphilosophie inspirieren. Die Theologin Elisabeth Moltmann – Wendel schreibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

13.

Kann die hier angedeutete Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth “trösten”?
Sterben und Tod gehören zwar zum „Wesen“ der Menschen, aber das Sterben wird verschieden erlebt und erlitten: Im Krieg viel brutaler genauso auch in Hungerkatastrophen, dieses Sterben ist gewalttätiger als in einem gepflegten Hospiz in Europa. Immer sollte es dabei um die gemeinsame Frage gehen: Wie hätte das vorzeitige Sterben noch verhindert werden können? Durch eine Friedenspolitik, durch eine solidarische Politik…
Aber selbst wenn diese Fragen durchgearbeitet sind, drängt sich die eine Frage auf: Ist mit dem Tod alles vorbei? Ist das Versinken im Nichts die Antwort? Waren die jungen Soldaten im Krieg Russlands gegen die Ukraine nichts als „Kanonenfutter“, nur „lebendes Fleisch“, das dann durch den „Fleischwolf“ des Krieges geschickt wurde, wie kürzlich ein Kriegsreporter in einer Talkshow sagte?
Wer an das Versinken des Verstorbenen im Nichts behauptet, verkündet seine Glaubensüberzeugung, genauso wie es eine Überzeugung, eine Glaubenshaltung ist, die Ewiges im Menschen, in jedem Menschen, erkennen kann.
Angesichts des Todes denken – dabei kann man, wie immer bei existentiellen Fragen, keine Evidenz erreichen, wie man sie in den Naturwissenschaften oder der Mathematik gewöhnt ist. Eigentlich ist dies eine Selbstverständlichkeit.

14.

Diese Überlegungen haben auch politische Bedeutung. Wenn die Menschen wissen, sie sind mit dem Ewigen verbunden, dann haben alle Menschen eine besondere Würde. Dabei ist die wesentliche Gleichheit aller Menschen der Mittelpunkt der Menschenrechte, eine Gleichheit, die im Zusammenleben in einer gerechten Weltordnung realisiert werden muss.
Inspirierend bleibt dabei das „Auferstehungsgedicht“ des Schweizer Dichters Kurt Marti (1921-2017).
„Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme,
erst dann die Herrschaft der Herren,
erst dann die Knechtschaft der Knechte
vergessen wäre für immer!
Das könnte den Herren der Welt ja so passen,
wenn hier auf der Erde stets alles so bliebe,
wenn hier die Herrschaft der Herren,
wenn hier die Knechtschaft der Knechte
so weiterginge wie immer.
Doch ist der Befreier vom Tod auferstanden,
ist schon auferstanden und ruft uns jetzt alle
zur Auferstehung auf Erden,
zum Aufstand gegen die Herren,
die mit dem Tod uns regieren!“

15.

Die vielen Millionen und Milliarden Leidender, Verfolgter, vor Hunger Sterbender, von den Kriegstreibern Getöteten: Was bedeutet für sie die Auferstehung? Darauf wird es keine evidente Antwort geben. Aber der in diesem Beitrag mitgeteilten Überzeugung folgend kann man denken: Sie haben als Menschen am Ewigen Anteil . Wer solches denkt, ist empört, dass für so viele Millionen Menschen auch heute nur der Gedanke an ein “ewiges Leben des Geistes”  sinnstiftend sein kann. Weil die herrschenden Menschen, die “Herrenmenschen” in der reichen Welt und die Herrenmenschen (Diktatoren) in der armen Welt, weiterhin weithin ohne Einschränkung so viel Unmenschlichkeit anrichten dürfen – vor den Augen der weithin hilflos gemachten “Bürger” dieser Länder.

16.

Ostern sollte also auch ein politisches Fest sein, das Fest der universalen gleichen Würde aller Menschen.
Dass diese gleiche Würde aller Menschen endlich Realität wird, ist die zentrale Aufgabe der Kirchen, wenn sie behaupten, dem Auferstandenen zu folgen. Aber die Kirchen sind zur Zeit fixiert auf sich selbst, zumal die katholische Kirche („Synodaler Weg“, Zölibat etc.), so dass sie ihre entscheidende Aufgabe der Weltgestaltung beinahe vergessen. Diese Weltgestaltung wird in dem schönen biblischen Symbol „Reich Gottes“ ausgedrückt, als einer Welt der Gerechtigkeit und des Friedens. Darin liegt der Lebenssinn für Menschen, die sich Christen nennen.

17.

Gilt die Auferstehung auch für die schlimmsten Verbrecher, Kriegstreiber, Mörder, Diktatoren? Dass sie als Menschen die Chance hatten, der vernünftigen Kraft ihres Geistes und ihrem Gewissen zu folgen, steht außer Frage. Nur: Sie haben sich dann im Laufe des Lebens stets für das Böse entschieden. Und sie sind dabei selbst böse geworden und haben sich damit selbst bestraft. Was mit diesen Leuten sozusagen post mortem passiert, entzieht sich jeder ernsthaften philosophischen oder theologischen Aussage… Die klassische Theologie kennt die neutestamentliche Erzählung vom “Endgericht” – und da wird eine deutliche Sprache gesprochen.

18.

Ich habe schon mehrfach Hinweise zum Thema “Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen” publiziert, etwa in einer Ra­dio­sen­dung für den RBB im April 2016, der TEXT: LINK

Und speziell ein Hinweis “Kant und die Auferstehung Jesu”: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Der Religionsphilosophische Salon Berlin. Einige Hinweise von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus am 3.2.2025.

Wer sich zunächst für die Vielfalt der Themen interessiert, die wir in unserem “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” besprochen und diskutiert haben: LINK

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. (Biographische Hinweise: Fußnote 1.)
 Übliche, also öffentliche Salon – Veranstaltungen fanden monatlich von 2007 – 2020 statt. Jetzt gestalten wir philosophisch – theologische Gespräche in kleinerem Kreis. Regelmäßig werden neue Beiträge als Hinweise zur philosophischen und theologischen Debatte auf unserer Website publiziert, bis jetzt sind es 1.800 Beiträge, “Hinweise” genannt, Stand 26.9.2025.

2.
 Titel und „Sache“ eines „(religions-)philosophischen Salons“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre eines Salons, ist evident. Das gilt, selbst wenn viele Interessierte beton(t)en, „Philosophie“ sei schwierig. Das ist sie vielleicht, nicht aber Philosophieren: Es ist das Lebenselement eines jeden Menschen.
 In unserem religionsphilosophischen Salon wird das möglichst eigenständige Philosophieren (kritische Nach – Denken) geübt.
 Philosophische Religionskritik gehört elementar zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Philosophische Religionskritik kann zeigen, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.

3.
 Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine relevante Frage, auch angesichts der Zunahme von christlichem und muslimischem Fundamentalisten. Dringend ist die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

4. 
In unseren Gesprächen wird oft erkannt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt.

5.
 Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten und das Göttliche, das Transzendente, erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend und dieses denkende Transzendieren ermöglichend. Die auf das Wesentliche reduzierte Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie von Kant gilt uns als wichtige Inspiration für eine heutige vernünftige (!) christliche Spiritualität.

6.
 Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. Der Widerspruch und der Kampf gegen alle Formen des Rechtsradikalismus (AFD, FPÖ, Le Pen, usw.) und Antisemitismus muss zum Mittelpunkt nicht nur unserer, sondern der philosophischen Arbeit insgesamt werden. Es gilt, die Demokratie zu retten.

7.
 Die „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus, Kapitalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich immer – oft umthematisch – in allen Lebensbereichen statt.

8.
 Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen „materiellen“ Ort? Als Treffpunkt, als Raum, eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und vor allem keine öffentlichen Räume.

9. 
In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

10.
 Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), das Dorf Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrenamtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird. Das ist der Preis für eine völlige Unabhängigkeit.

11.
 Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans-van Gunst aus Amsterdam…

Die Liste unserer Gäste und Refernten: Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören  Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Buddhismus-Lehrer Michael Peterssen (Berlin), der Komponist Joachim Gies (Berlin), Dr. Dorothea Hasskamp vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Berlin)……

12.
 Es ist uns leider deutlich, dass innerhalb der philosophischen Studiengänge an Hochschulen und Universitäten nicht im entferntesten daran gedacht wird, auch das Berufsbild eines Leiters, einer Leiterin besser „Inspiratorin“ philosophischer Salons zu entwickeln. Damit PhilosophInnen freilich ,als Salonnières arbeiten können, müsste die Kulturpolitik entsprechend handeln. Aber die interessiert sich offenbar absolut vor allem für die so genannte Hochkultur der Oper und der Theater, nicht aber für eine Form der „Basis-Philosophie“ als Möglichkeit, vor Ort unter den vielfältigen Menschen tiefere Kommunikation zu ermöglichen.
Eigentlich bräuchte es etwa in Berlin in jedem Stadtbezirk mindestens einen philosophischen Salon, besser noch ein philosophisches „Haus“ mit öffentlich zugänglicher kleiner Fach – Bibliothek , Lesezimmer, Meditations- Denk-Raum und Tee/ Kaffee-Stube.Viele leerstehenden Kirchen könnten entsprechend umgestaltet werden. Dass dort auch philosophisch – literarische Debatten oder Diskussionen zu Grundfragen der Politik, der Kunst und Musik und Spiritualität stattfinden können, ist keine Frage.

13.
 Die Bilanz: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs aufgegriffen und realisiert wurde.
Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre unserer Arbeit sehr sehr wenige “Vertreter” der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. Wir haben diese Ignoranz auch als Freiheit erlebt.

14.
 Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Die religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise von Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de, wurden bisher mehr als 2.300.000 „angeklickt“, was immer das inhaltlich auch bedeuten mag. (Stand 3.2.2025).

15.
 Unser letztes öffentliches Salongespräch vor der Corona – Pandemie fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr, statt, über das Thema: “Das Kalte Herz”. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die “imperiale Lebensweise”. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine überschaubare Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist immer wieder bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

16. Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören etwa: Der Philosoph Prof. Peter Bieri, der Philosoph und Theologe Prof. Michael Bongardt, der Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Physiker Dr. Hans Blersch (Berlin)…

17. Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprechend, keine Werbung für diese protestantische Kirche “betrieben”.

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Dieser Hinweis vom 7.2.2023 wurde am 3.2.2025 überarbeitet.

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FUßNOTE 1: 
Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“:

Christian (Johannes, 2. Vorname) Modehn,  1948 in Berlin (Ost) – Friedrichshagen geboren, nach dem Abitur am Goethe – Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf, Studium der katholischen Theologie (Staatsexamen nach 6 Jahren Studium in München, und St. Augustin bei Bonn und der Philosophie (Magister Artium in München, über Hegel). Christian Modehn war einige Jahre Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft.  Christian Modehn arbeitet seit 1973 immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie früher auch für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM: LINK, sowie auch für “Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt” (Hamburg), “Informations Catholiques Internationales” (Paris), “de bazuin” (Utrecht)  usw.. Zur Information über einige Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen und zu einigen Buchpublikationen: LINKSeit 2010 ist Christian Modehn Mitglied der freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten (Niederlande). 

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet. Er hat u.a. viele unserer Themen angeregt und immer als Moderator die Gespräche begleitet.

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Theologe Wilhelm Gräb gestorben. Seine Vorschläge zur Reformation der Kirchen!

Am 25.1.2023 notiert und am 10.2.2025 ergänzt: 

Eine traurige Nachricht, ein großer Verlust für eine moderne “liberale Theologie”: Prof. Wilhelm Gräb, Prof. em. für praktische Theologie an der Humboldt-Universität Berlin,  ist am 23. Januar 2023 in Berlin nach langer Krankheit gestorben. Der Religionsphilosophische Salon Berlin verdankt ihm viele wichtige Anregungen und dankt nochmals auf diese Weise für insgesamt 65 Beiträge und Interviews, die Wilhelm Gräb in mehr als zehn Jahren für diese website gab. LINK.

Ich darf sagen, wir haben einen Freund verloren, der als ein Theologe der heutigen Moderne ungewöhnliche, aber richtige Perspektiven zeigte in seiner großen Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit. Für ihn war die religiöse Glaubensform eines jeden Menschen wichtiger als die fixierenden, dogmatischen Lehren der Kirche. Diese theologische Freiheit, alle dogmatische Engstirnigkeit, allen Fundamentalismus auch in der evangelischen Kirche zu überwinden, “beiseite zu tun”, wie Wilhelm gern sagte, ist in ihrem radikalen Mut schon ziemlich einmalig. Ob diese Vorschläge und Ansätze zu einer Reformation der Kirchen noch ernstgenommen werden, gerade in dieser “Kirchenkrise” ist eine offene Frage… 

Wilhelm Gräb hatte begriffen: Die Krise der Kirchen heute ist eine Krise ihrer Dogmen, ihrer Lehren, sie gilt es zu korrigieren und in großem Umfang „beiseitezulegen“. Um den elementaren religiösen Glauben zu bewahren. Das verstehen nur die Kirchenführer nicht oder wollen es nicht verstehen, sie debattieren ewig über Strukturen und deren Reformen. Siehe jetzt die Debatten um das Konzil von Nizäa.

Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK

Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”. LINK:
Über vierzig viel beachtete Interviews mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb (Berlin, Humboldt – Universität) sind auf unserer Website publiziert. LINK.

Fest steht: Wilhelm Gräb war ein Theologe, der über die allmählich verschwindende Macht der Kirchen hinausdachte, damit auch über die so genannte Säkularisierung. Und der in der SINN-Frage, die jeden Menschen bewegt, die entscheidende Dimension geistvollen Lebens entdeckte und reflektierte. Letztlich kam es ihm auf die Pflege der SINN-Frage an, was für eine richtige Radikalität.

Die Vorlesung Wilhelm Gräbs beim offiziellen Abschied (Emeritierung) von der Humboldt – Universität hat der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Salon als erster publiziert. LINK.

Interessant in dem Zusammenhang das Interview, das uns Wilhelm Gräb 2012 zum Thema TOD und Sterben gab: LINK 

Zur theologischen Besinnung empfehle ich auch unser Interview mit Wilhelm Gräb “Der Gott der Liebe”. LINK:

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin, führte insgesamt 65 Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb, die auf der website des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en-salon.de   nachzulesen sind. LINK.

Siehe auch den Hinweis der Theologischen Fakultät der HU, in englischer Sprache, die schön in einigen Worten auch die menschlichen Qualitäten Wilhelm Gräbs deutlich machen. LINK.

Copyright: Christian Modehn. Berlin.   Religionsphilosophischer-salon.de

Gibt es „das“ Böse? Oder “nur”die bösen Menschen?

„Das Böse“ entsteht aus der Freiheit der Menschen.
Ein Hinweis von Christian Modehn.

Die These:
„Das Böse“ zeigt sich nur im Tun nicht-guter, oft inhumaner Taten durch den Menschen. Böses – Tun ist Ausdruck einer freien Tat des Menschen. Nur diese Analyse bringt Klarheit in der traditionellen komplexen Frage: Was ist „das“ Böse?
Die Antwort, kurz gefasst vorweg genommen: „Das“ Böse ist nur die Objektivierung nicht guter Taten freier Menschen.
Dazu folgen die Hinweise, die in einem Vortrag im Kreis „philosophisch Interessierter“ zur Diskussion gestellt wurden.
Diese Hinweise sind wichtig, weil wir überflutet werden von Beiträgen, im Film, in der Literatur usw., die einer Faszination für „das Böse“ Ausdruck geben. Dass der Krieg Putins gegen die Ukraine und die demokratische Welt ein Geschehen „des Bösen“ sei, wird allgemein naiv formuliert und oft behauptet. Dabei ist auch der böse Krieg Putins Ausdruck einer freien Entscheidung des russischen Herrschers und der Seinen. Wer nicht sieht, dass es einzig auf der Verständnis „der Bösen“ (der bösen Menschen) ankommt, klammert sich an stets verworrene, irritierende (Wahn)-Ideen und Vorstellungen von „der irgendwie und irgendwo  herumgeisternden, irgendwie alles bestimmenden Idee des Bösen“.

Einige Erläuterungen:

1.
Man spricht im Alltag von „dem Bösen“. Als ob es sich dabei um eine unsichtbare geistige Über-Macht handelt, eine mysteriöse Kraft, die immer wieder von sich aus willkürlich das Geschehen der Welt der Menschen bestimmt: Im Mord und Totschlag, im Betrug, in der maßlosen Gier, in Angriffskriegen, in der Missachtung der Menschenrechte, in diktatorischen Regimen, im fundamentalistisch-religiösen Wahn und so weiter: Menschen werden dann zu Instrumenten „DES Bösen“ und seiner Herrschaft.

2.
Welchen Erkenntnisgewinn bietet diese ewige Klage und das Jammern über die Herrschaft „DES Bösen“? Welche praktischen Konsequenzen werden dann gezogen?
Immer wird im Glauben an „DAS Böse“ eine bestimmte Gruppe, ein Volk, als Inkarnation „DES Bösen“ von den religiösen und politischen Herrschern festgelegt: Als böse Menschen werden sie fixiert und dann als „Träger DES Bösen zur Auslöschung freigegeben, etwa Juden, bestimmte „ungewöhnliche“ Frauen (Hexen), Homosexuelle, Ungläubige, Heiden… Sie werden von einer Gesellschaft, die „DAS Böse“ analytisch und kritisch gar nicht versteht, nicht analysieren kann und will, ausgegrenzt und getötet. In diesem üblichen Morden zur Überwindung „des“ Bösen zeigen sich aber keine greifbaren und dauerhaften Konsequenzen, keine Ansätze zur Überwindung „des Bösen“, „das“ Böse wird eher immer umfassender.

3.
Das Christentum, vor allem die katholische Kirche, hat als Ort der Überwindung „des Bösen“, kirchlich verstanden „der Sünde“, für den einzelnen Menschen den Beichtstuhl erfunden: Da werden wirkliche oder bloß der Beichtverpflichtung wegen erfundene „böse Taten“ dem Priester gestanden, mit ihm ultra-kurz besprochen, dann bereut, etwas Buße wird geleistet („Drei Vater Unser beten“)… und.. das war es dann auch. Eine tiefere Erklärung der Wirklichkeit „des Bösen“ im Menschen blieb aus: Mit „dem Bösen“ muss man also leben, man kann ja immer wieder beichten und die Belastungen durch „das“ Böses-Tun sozusagen himmlisch mit Gott (durch das Priesters Vermittlung!) verhandeln, alles spielt sich auf einer rein geistigen, man könnte sagen „metaphysischen Ebene“ ab.
Im kirchlichen Leben wird theologisch der Kampf des einzelnen Individuums gegen „das Böse“ als geistige, spirituelle Auseinandersetzung eingegrenzt. Hingegen: Im politischen und religiösen, auf Macht besessenen Denken der Hierarchen wird „das Böse“ dann doch mit Gewalt politisch bekämpft, weil die Herrscher zu wissen meinen, wer die bösen Feinde des eigenen Staates oder der eigenen Kirche sind. Die Feinde der Herrschaft werden zu Inkarnationen „des Bösen“ erklärt.

4.
Die Hilflosigkeit der offiziellen (katholischen und orthodoxen) Kirche im Verständnis „des“ Bösen zeigt sich im Glauben dieser Kirche an den Teufel.
Der Kampf gegen den Teufel wurde wichtiges Ereignis in der christlichen Moral: Man soll dem Teufel widerstehen, dem Verführer, dem Lügner, heißt es. Alle klassische kirchliche Moraldoktrin lebt von diesen geistigen Kampf gegen den Teufel, dabei ist er nichts als eine imaginäre Gestalt.

Zum Profil des Teufels: Es gilt als der Herr der Lüge, der Herr der (sexuellen) Verführung, die Macht, die zu den Todsünden verleitet. Aber es wird übersehen: Auch die Todsünden, etwa die Gier bzw. die Habsucht, haben immer auch konkrete menschliche Gesichter: Zum Beispiel: Völlig vom Egoismus beherrschte Milliardäre und Multimillionäre, denen der Zustand der Welt und das Allgemeinwohl völlig egal ist. Oder: Autokraten, Diktatoren, Folterknechte, Kriegstreiber, auch ideologisch-theologische Kriegstreiber, wie der Patriarch Kyrill von Moskau, der als Putin Freund und KGB Mann unbedingt Mitglied im Weltrat der Kirchen (Genf) bleiben soll.
Erst wenn diese Leute als konkrete Übeltäter, Verbrecher, benannt werden, kann eine politische Auseinandersetzung beginnen und eine Überwindung der bösen Taten und Haltungen.
Diese Überwindung „des Bösen“ läuft darauf hinaus, durch demokratische Gesetze zum Beispiel das maßlose Eigentum dieser von Gier beherrschten Herren zu begrenzen. Dieser politische Umgang mit „DEN Bösen“ (also bösen Menschen) ist etwas anderes als die Praxis der klassischen Theologie, die den Teufel nur herbeizitiert. Dies ist auch etwas anderes als das viel besprochene „Mysterium der Bosheit und des Bösen“, um die teuflische Gier oder Habsucht zu benennen. Dieser Appell an das Mysterium zu glauben, ist nur eine Art Denkverbot, eine Erstarrung vor dem Nicht Guten, das man Böses nennt. Der Hinweis auf das Mysterium des Bösen soll irgendwie durch religiöse Praktiken den Teufel einschränken, durch geistliche Buß – Übungen und Gebete etwa.
Wer das Böses – Tun zum Mysterium erklärt, gleitet ab ins Diffuse, Neblig-Trübe, in dem keine Klarheit des Denkens mehr möglich ist.

5.
Die entscheidende Frage ist: Gibt es denn eine sichtbare Realität, die diesen abstrakten „metaphysischen“, rein geistigen Oberbegriff ,„das Böse“ , anschaulich, greifbar und dadurch tatsächlich überwindbar macht? Das ist nicht der Fall. Es gibt nicht „das Böse“ als eine eigenständige metaphysische Wirklichkeit.
Die einzig weiterführende Frage also heißt: Sind die genannten Phänomene „DES Bösen“ nicht immer nur als sichtbare Taten konkreter Menschen zu verstehen, als Taten der Freiheit? Diese Taten werden real durch eine innere Reflexion m Menschen, im Nachdenken, in der Auseinandersetzung mit einer unabweisbaren Stimme im Gewissen, die auffordert, den Normen des Guten zu entsprechen. Alle Taten des Menschen, auch die Taten, die der Humanität widersprechen, objektivieren sich in der Gesellschaft, im Staat, in den Religionen. Sie verfestigen sich also wie alle anderen geistigen Taten der Menschen strukturell. Eine böse Welt als Resultat freier Entscheidungen wird so erlebbar, siehe den Krieg Putins gegen die Ukraine und die demokratische Welt. Bewusst geförderte Hungerkatastrophen, soziale Ausgrenzung, Sklaverei, Menschenhandel usw. sind Ausdruck von freien Entscheidungen der Menschen gegen das Humane, gegen das Gute.
Man sollte also nur von den Bösen, also von den bösen Menschen, sprechen. Dabei aber nicht in ein “Schwarz-Weiß-Denkschema” geraten, als wären nur die extrem Bösen wirklich böse. Alle Menschen haben die Fähigkeit und Freiheit böse zu sein, böse zu handeln. Nur einige Schwerstverbrecher, oft Diktatoren, sind aber Inbegriff  “der bösen Menschen”:

6.
Mit dieser Konkretisierung der bösen Taten der Menschen wird nicht eine Hexenjagd auf böse Menschen eröffnet. Hexenjagden gab und gibt es, wie oben gezeigt, wenn man „das Böse“ in einer nur ideellen, metaphysischen Weise auffasst und dann je nach Herrscherlaune einzelne Gruppen für negative Erscheinungen (Krieg, Hungersnöte…) verantwortlich machte.
Dabei gibt es Abstufungen des Böses-Tuns: Wer ein Pfund Äpfel stiehlt und dadurch den Händler etwas schädigt, ist auf andere Weise böse als ein Hitler oder Stalin … oder jetzt aktuelle Kriegstreiber.
Wer das Böse versteht als Tat der Bösen eröffnet keine Hexenjagd, weil in diesem Verständnis, die Täter des Bösen nach demokratischen Gesetzen bestraft und entsprechend resozialisiert werden.
Wer also die Frage nach „dem” Bösen zur Frage nach den bösen Menschen umgestaltet, respektiert die demokratischen und hoffentlich gerechten Gesetze der Demokratie zur Überwindung „des“ Bösen.
Wer auf diese Weise „das“ Böse versteht, weiß aber auch: Jeder Mensch handelt in seiner Freiheit auf die eine oder andere Art, mit Abstufungen also, gegen die Normen der Humanität.

7.
Schwieriger wird es, wenn demokratische Staaten, den Menschenrechten verpflichtet, sich mit Diktatoren und Kriegstreibern in der näheren oder weiteren Nachbarschaft auseinandersetzen müssen. Da hilft die Erkenntnis: Kriegstreiber müssen mit Mitteln der Demokratie bekämpft, das heißt in ihrem Tun des Bösen (im Krieg) eingeschränkt und auch schlimmstenfalls mit Waffen der Verteidigung im Angriffskrieg entmachtet werden. Dabei ist es für die Demokratien in der näheren und weiteren Nachbarschaft dieser Diktaturen entscheidend, schon bei den ersten Anzeichen der verbrecherischen Taten dieser Leute zu handeln und diese zu isolieren, zu bestrafen usw. Widerstand hat nur Sinn, wenn er rechtzeitig und früh geschieht.
Nebenbei: Leider haben gute Widerstandskämpfer manchmal Pech: Der Nazi-Gegner Johann Georg Elser war viel reflektierter und mutiger als die späteren adeligen Widerstandskämpfer von 1944: Elser hatte am 8. November 1939 einen umfassenden Sprengstoffanschlag auf Hitler im Bürgerbräukeller in München vorbereitet, der Anschlag scheiterte leider, weil Hitler und die Seinen 13 Minuten vor der Explosion der Bombe das Gebäude verließen.

8.
Muss man noch – förmlich als Illustration des philosophischen Hintergrundes – an elementare Erkenntnisse erinnern?
Zentral ist die Erfahrung der Normen des Humanen in jedem Menschen!
Im Erleben des Menschen gibt es die Einsicht: Ich habe Böses getan. Oder auch: Ich nehme wahr: Der andere hat Böses getan, ganze Gruppen, ein Volk, haben Böses getan. Es gibt also unabweisbar im Bewusstsein der Menschen (sofern sie nicht unter physischen Störungen ihrer Gehirnfunktion leiden) das Bewusstsein von den elementaren Normen der Humanität. Es gibt das faktisch sich im Gewissen zeigende Wissen: Es gibt moralische Grenzen des eigenen Handelns, es gibt ungeschriebene Gebote und Gesetze zu dem, was ich nicht tun darf, und was kein Mensch tun sollte.
Solche Einsichten des absolut Verwerflichen sind tatsächlich universal und nicht nur auf einen europäischen Kulturkreis begrenzt: Kein Mensch würde es normal und richtig und gut finden, wenn Kinder die eigene Mutter töten … aus bloßer Lust am Töten. Kein Mensch, nirgendwo, würde es normal finden, wenn Menschen sich an einem Tisch satt essen und schlemmen und direkt in Sichtweite Hungernde sitzen und im Laufe der Mahlzeit vor den Augen der Schlemmenden unter Schmerzen sterben. Diese Situation ist in gewisser Weise real, auch wenn einige hundert Kilometer zwischen Berlin und dem Südsudan oder dem Süden von Madagasca liegen. Weitere Beispiele, dass es „evident Verwerfliches“ gibt, kann jeder und jede leicht finden.

9.
Die Korrektur im Verständnis „des“ Bösen führt also zu einer Analyse der bösen Menschen. Sie befreit von verworrenen Denken, das leicht ins Phantasieren abgleitet. Die Klimakatastrophe ist Ergebnis von freien Entscheidungen bestimmter, dem Namen nach bekannter Unternehmen, nur an Karriere denkender Politiker und sehr vieler „einfacher Bürger” vor allem in der reichen Welt. Es sind die Chefs gieriger internationaler Firmen, die auf der Suche nach Gold etwa die Nebenflüsse des Amazonas verseuchen und das Wasser für die armselig dort lebenden Bewohner ungenießbar machen. Da zeigt sich nicht „das Böse“, sondern da handeln bestimmte böse Menschen, die die Weltgemeinschaft und die Staaten zur Rechenschaft ziehen müsste. Aber der Amazonas ist weit entfernt, was interessieren uns die „Indianer“ in den Urwäldern in Peru. Sehr oft sind es noch die dort lebenden katholischen Gruppen, katholischen Priester und Ordensleute, die am Amazonas den aussichtslosen Kampf gegen die bösen multinationalen Industriellen des Nordens (Europa, Kanada, USA, China usw.) führen und dabei ihr Leben riskieren.

10.

Der Kampf gegen das Böse als ein Kampf gegen die extrem Bösen bedeutet: Die ethische Bildung aller Menschen zu fördern, die Erkenntnis und das Erleben des Gewissens zu bilden. Kant sagt: Es geht im Kampf gegen „das“ Böse um den praktischen Respekt des Kategorischen Imperativs. Wer es etwas schlichter will: Es geht um den Respekt der „goldenen Regel“, die von allen großen Religionen gelehrt, aber von ihnen selbst selten respektiert wird.
Kategorischer Imperativ und „goldene Regel“ erschließen sich nur im Nachdenken eines jeden Menschen, in der Entwicklung der eigenen kritischen Urteilskraft, die zur Basis humanen Lebens gehört.
Philosophie muss an solche elementaren Erkenntnisse erinnern, die alles andere als „Sonntagsreden“ sind.

11.
Hören wir also auf, vom „dem Bösen“ als einer mysteriösen Realität zu sprechen. Wenden wir uns der Analyse und Kritik DER Bösen zu. Das könnte diese zerstörte Welt etwas menschlicher machen. Man könnte sie besser verstehen, und die politische Aktivität wäre nicht erstickt vor der Angst vor “DEM” Bösen.  Es geht um den Kampf gegen extrem böse Menschen. Maßstab bleiben die universell geltenden Menschenrechte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Eine neue Hymne der “Republikaner” in den USA: “Ich bete an die Macht der Lüge”. Anläßlich der „Midterm – Wahlen“ in den USA am 8. November 2022.

Mehr als eine philosophische Satire!
Von Christian Modehn. Zuerst veröffentlicht 2017.

1. Lüge und Wahrheit lassen sich nicht unterscheiden in den Äußerungen von Politikern und Wählern der TRUMP Partei, der Republikaner. Zweifelsfrei dominiert dort die Lüge. Trump selbst schämt sich natürlich auch jetzt nicht, wie vor kurzem schon als Präsident, Lügen lautstark einzuhämmern. Und das Volk zu Schandtaten aufzuhetzen.
Die Lügen der Trump-Leute und ihres Führers vergiften die Menschlichkeit, zerstören die Kultur, spalten die Gesellschaft.

2. Die vielen fundamentalistisch – naiven Frommen unter den Republikanern sollten aus ihrem „eifrigen“ Bibel-Studium wissen: Der Teufel, an den diese Leute ja glauben, wird von Jesus von Nazareth „der Vater der Lügen“ genannt (Johannes Evangelium, 8, 44). Aber diese Frommen, die Lügner, lassen dieses Bibelwort für sich selbst nicht gelten, sie sind im klassischen theologischen Sinn „Häretiker“, d.h. „Auswähler“.

3. Die demokratische Welt weltweit schaut hilflos zu, wie das Lügen Normalität in den USA wird, nicht nur dort freilich, in diesem so genannten christlichen Land. Als Meister der Lügen sind Trump und Putin ganz enge Verwandte.

4. Vielleicht tröstet es die demokratischen Menschen weltweit, wenn sie sich mit einer Satire etwas entspannen können. Es geht also um einen neuen TEXT einer speziellen für Republikaner gedachten US – Hymne.

Diese Hymne hat den Titel: Ich bete an die Macht der Lüge.

5. Ich bete an die Macht der Lüge,
die sich in Trump und andren zeigt;
Ich geb mich hin den Lügenworten,
wodurch ich Wurm verblödet werd;
ich will, anstatt mal nachzudenken,
im Meer der Lügen mich versenken…

Für die Trump-Hymne gilt auch diese Neufassung der 4. Strophe vo “Ich bete an die Macht der Liebe”:

O Trump, dass dein Nam verschwinde
Im Geiste aller ausgelöscht
Möcht deine triste Lügenwelt
Aus Herz und Sinn vernichtet sein.
Im Wort, im Werk, in allen Wesen
Sei Wahrheit und sonst nichts vorhanden.

6. Der Text dieser neuen Trump – Hymne ist inspiriert von einem Choral von Gerhard Tersteegen aus dem Jahr 1750. Dieses Kirchen-Lied spielte schon im 18. Jahrhundert eine “grandiose” Rolle beim militärischen Zapfenstreich. Ohne diesen Song kommt auch heute kein großer Zapfenstreich der Bundeswehr aus.
Eigentlich ist dieser Song eine Schande. Denn in diesem frommen Erguss von Herrn Tersteegen wird der “Mensch als Wurm” bezeichnet. Sicher fühlten sich und fühlen sich viele Soldaten als „arme Würmer“ angesichts bevorstehender, tödlicher Kämpfe gegen „den Feind“. Man denke auch an die russischen Soldaten im Krieg Putins gegen die Ukraine.

7. Dies ist die bekannte Strophe des vertrauten Kirchenliedes von Gerhard Tersteegen:

Ich bete an die Macht der Liebe,
 die sich in Jesus offenbart;

ich geb mich hin dem freien Triebe,
 wodurch ich Wurm geliebet ward;

ich will, anstatt an mich zu denken, 
ins Meer der Liebe mich versenken.

Nebenbei: Das Lied ist noch immer im „Evangelischen Gesangbuch“, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe als Nr. 661 vertreten. Arme Würmer, kann man dann nur sagen, die solches noch singen…

Die vierte Strophe dieses Liedes heißt im Evangelischen Gesangbuch:

O Jesu, dass dein Name bliebe

im Herzen tief gedrücket ein;

möcht deine süße Jesusliebe

in Herz und Sinn gepräget sein.

Im Wort, im Werk und allem Wesen

sei Jesus und sonst nichts zu lesen.

Für die Trump-Hymne gilt auch diese Neufassung dieser 4. Strophe:

O Trump, dass dein Nam verschwinde
Im Geiste aller ausgelöscht
Möcht deine triste Lügenwelt
Aus Herz und Sinn vernichtet sein.
Im Wort, im Werk, in allen Wesen
Sei Wahrheit und sonst nichts vorhanden.

8. Trump der Lügner: George Packer, weltweit bekannter Journalist und Autor von “The Atlantic Magazine”, schreibt in der “ZEIT” vom 29.4.2020: “Trumps wichtigstes Werkzeug beim Regieren war die Lüge…”
Der „Tagesspiegel“ hat am 19.1.2020 auf Seite 3 die Anzahl der Lügen dokumentiert, die Trump in der Zeit seiner Herrschaft verbreitet hat: Im Oktober 2018 waren es zum Beispiel 1.288 von Mister Trump verbreitete Lügen; im November 2019 “nur” 900 Fake News. Dabei sind die Lügen nur ein Aspekt dieser insgesamt “unmoralischen, soziopathischen Persönlichkeit”, wie ein hochrangiger Trump-Mitarbeiter in dem neuen Buch “Warnung aus dem Weißen Haus” (Quadriga-Verlag 2020) schreibt: “Trump missbraucht und pervertiert die Demokratie“.9

9. Auch diese neue Hymne kann selbstverständlich in der alten Melodie gesungen werden, die der in St. Petersburg wirkende ukrainische Komponist Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) ursprünglich für Tersteegens Text verfasst hat.

10. Auch dieser Tipp noch: Diese neue Lügen-Hymne “zu Ehren” von Trump sollte Übersetzungen haben ins Türkische, Russische, Englische, Italienische, Österreichische, Koreanische, Chinesische usw.

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin. Die Erstveröffentlichung 2017 fand viel Interesse der LeserInnen dieser Website, deswegen aus aktuellem Anlass eine Neufassung dieses Beitrags.

Das Zweite Vatikanische Konzil ÜBERWINDEN. In Richtung: Reformation der Katholischen Kirche!

Warum das Konzil heute kaum noch inspiriert.     Veröffentlicht schon einmal zu einem “Konzilsgedenken”, vor 10 Jahren, am 5.Okt.2012.

Von Christian Modehn.

Schon wieder wird jetzt (Oktober 2022) an das Zweite Vatikanische Konzil erinnert, man klammert sich förmlich in “progressiven Kreisen” angestbesessen an jeden runden Gedenktag, um noch einmal die Leistungen dieses Konzils zu preisen. (Das Zweite Vatikanische “Reformkonzil” wurde am 11. Oktober 1962 eröffnet, es endete am 8. Dezember 1965).

Dabei sind die Grenzen dieser absolut klerikalen Veranstaltung von 1962-1965 evident.

Nun also der 60. Geburtstag dieses Konzils.

Das ist meine These: Entweder wird die römische Kirche demokratisch – synodal, den Menschentrechten verpflichtet, oder, sie wird zur großen Sekte.

Das gilt genauso für die Entrümpelung überholter Dogmen, wie der so genannten “Erbsünde”, diesem dogmatischen Skandal der Christenheit. Oder es gilt auch für die Abschaffung des Papsttums, wie es vom 1. Vatikanum theologisch sehr dreist  von Papst Pius IX. formuliert wurde..

Nur unter den Bedingungen der Reformation und Entrümpelung haben aus religionsphilosophischer Sicht diese ganzen Konzils – Erinnerungen überhaupt noch einen gewissen einen Sinn. Das Thema interessiert ja ohnehin kaum noch die Leute.

Ich veröffentliche hier noch einmal den Text, der von mir genau vor 10 Jahren veröffentlicht wurde, und die LeserINNen werden sehen: Der Text ist nach wie vor gültig. So vieles wurde dann in den letzten Jahren doch nicht reformiert. Fast gar nichts. Trotz Papst Franziskus. Wollte er wirklich eine Reformation dieser Kirche? Oder war er, ist er,  ein Jongleur, der es allen (am Hofe, im Vatikan, in Kreisen der Reaktionäre), recht machen wollte? Wahrscheinlich ist das so.

………………………………………………..

Am 11. Oktober vor 50 Jahren begann in Rom/Vatikanstadt das 2. Vatikanische Konzil, es hatte vier “Sitzungsperioden” und endete am 8. 12. 1965. Dieses Konzil mit der Teilnahme fast aller katholischen Bischöfe damals ist auch für philosophisch interessierte LeserInnen etwas interessant, weil es einen beachtlichen Wandel des römischen Katholizismus anzeigt, vor allem den Übergang aus einer absoluten Moderne–feindlichen Haltung zu einer offeneren Annahme der modernen, aufgeklärten Welt. Mit Jubeltönen sollte man sich allerdings sehr zurückhalten, wie der folgende Beitrag von Christian Modehn zeigt, der in kürzerer Fassung in der Zeitschrift PUBLIK FORUM am 5. 10. 2012 veröffentlicht wurde.

1.

Die verriegelten Fenster wurden aufgestoßen, der stickige, morbide Geruch der Inquisition wurde vertrieben, der Staub der Jahrhunderte etwas hinweggefegt. Bilder, die heute „progressive, reformerische Katholiken“ faszinieren, wenn sie an das 2. Vatikanische Konzil denken. Die Attacken reaktionärer Kreise, vor allem der traditionalistischen „Piusbrüder“, stärken den Willen, das Konzil unbedingt als „Sprung vorwärts“ (Johannes XXIII.), als „Einschnitt und Wende“ zu bewerten. Reformkatholiken klammern sich an das Konzil, verehren es wie eine Art Heiligtum. Tatsächlich: Das Konzil hat den mittelalterlich geprägten Katholizismus unterbrochen. Die bislang verteufelte Religionsfreiheit wurde anerkannt, von Dialog war die Rede, von Öffnung der Kirche zur Welt.

2.

Aber „progressive Kreise“ sind naiv, wenn sie dieses Konzil zum wichtigsten Bezugspunkt ihrer Erneuerungsvorschläge machen. Denn die theologischen Grenzen dieses Konzils liegen deutlich vor Augen; dabei soll dieses Ereignis nicht unbedingt „klein geredet“ werden. Schon gar nicht geht es darum, ins Fahrwasser reaktionärer und dummer pauschaler Konzilskritik zu geraten. Das Konzil hatte damals tatsächlich seine Bedeutung in der Ablösung aus der offiziell – amtlichen, feudal geprägten Mentalität. Aber kann dieses Konzil noch die theologischen, religiösen, philosophischen, kulturellen und globalen Probleme und Fragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts beantworten? Wir sind der Meinung: Sicher nicht.

Das 2. Vatikanische Konzil beantwortete für die brave katholische Welt einige Fragen des 17. und 18. und 19. Jahrhunderts, die – nebenbei gesagt – protestantische Theologen läängst beantwortet hatten. Diese Konzils – Antworten waren also nur noch für bestimmte katholische Kreise “sensationell”, weil endlich die mittelalterliche Welt des römischen Systems ein wenig „angekratzt“ wurde.

3.

Was sind einige wichtige Begrenztheiten des Konzils?

Es war eine reine Männerveranstaltung, meist greiser Herren, die noch in den Zeiten des „eingemauerten Katholizismus“ (so der Mentalitätshistoriker Jean Delumeau) denken gelernt hatten. Laien, schon damals 95 Prozent der Katholiken, hatten bei dieser drei Jahre währenden Veranstaltung absolut nichts zu sagen und auch gar nichts zu entscheiden. Einige wenige Laien, etwa zwei Frauen, waren als “ZuhörerInnen” zugelassen. „Für“ die Laien wurde vom Klerus entschieden, nicht mit ihnen, es war also eine extrem patriarchale Runde, die sich da traf. Es war alles andere als ein von demokratischem Geist bestimmtes Ereignis. Insofern war es schon damals Vergangenheit! Von „Frauen“ ist nur an 5 Stellen der offiziell verabschiedeten Konzilsdokumente die Rede. Ihnen wird die „häusliche Sorge der Mutter“ zugewiesen. Gleichzeitig wird unvermittelt die „gesellschaftliche Hebung“ ihres Statuts gefordert.

– Die offiziellen Konzils –  Dokumente sind fast immer in einer Sprache verfasst, die „klerikal – pathetisch“  genannt werden kann. So wird die Kirche etwa „Braut des fleischgewordenen Wortes“ genannt. (Dokument: Offenbarung § 23). Wer kommt da – als ein Nichtmystiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts – nicht ins Schmunzeln? Wie viel Unsinn (Mißbrauch usw.) hat diese “Braut” inzwischen begangen? Ist  diese “mystische Überhöhung” der Kirche nicht ein radikaler Fehler? Diese “mystisch” – nebulöse Selbstdefinition der Kirche (durch den Klerus definiert!) verstellt den Blick auf reale Zustände in der römischen Kirche, etwa Korruption oder auch “Priestermangel”, bedingt durch den Mangel an zölibatären Männern, die dieser “Braut” ihre ganze (!) Hingabe geben sollen.

– Diese offiziellen, also maßgeblichen Konzils – Texte sind für sehr viele Leser von heute schon sprachlich Ausdruck einer „fremden Welt“. Sie berühren, das ist langst empirisch nachgewiesen, nur noch Insider, vielleicht nur noch Kirchenangestellte, die den Jargon einüben mussten. In jedem Fall bewegen diese Formeln  wohl wenige Menschen, die jünger als 60 Jahre sind. Man schaue in die Runden der heute debattierenden „Konzilsfreunde“ und mache einmal dort einen Altersdurchschnitt. Die viel beschworene Liebe zum Konzil ist, mit Verlaub gesagt, vielleicht eine Art katholischer Seniorenveranstaltung, besonders in Europa.  Diese Liebe zum Konzil ist sehr verständlich, weil man in einer immer reaktionärer werdenden römischen Kirche noch retten will, was zu retten ist… in dem berühmten reformerischen “Dauer – Lauf” gegen die hohen (vatikanischen) Festungsmauern. Aber diese (masochistisch?) eingefärbte “Liebe zum Konzil” könnte erkennen: Sie lebt aus der dialektischen Verklammerung mit den Feinden des Konzils, den reaktionären Piusbrüdern und anderen (!), viel einflussreicheren Kreisen im Katholizismus. Die “reformerischen Kreise” sehen aber nicht, dass auch dieses Konzil ein neuer Ausdruck einer Klerus – Herrschaft war. Ist das so wirklich so attraktiv für das “Volk Gottes”?

– Die Mehrheit der Konzilsväter war wohl „reformgesinnt“, aber es handelte sich um eine bunte, „mehrdeutige“ (so der Historiker Giuseppe  Alberigo) Reformergruppe. So verteidigten etwa die US – Bischöfe damals noch die Todesstrafe… Der Pluralismus macht die offiziellen Konzilsdokumente widersprüchlich und deswegen offen für alle möglichen Interpretationen. Es gibt nicht „das“ Reformkonzil. Der Konzilsberater P. Giulio Girardi SDB spricht deswegen von „zwei Vatikanums“ zur gleichen Zeit. „Ich erinnere mich an gemeinsame Sitzungen mit Bischof Karol Wojtyla bei der Redaktion des Dokuments =Kirche in der Welt von heute=: Da zeigte er eine kämpferische Haltung gegen die offene Position der Mehrheit“. Im ganzen gilt: „Die Konzilstexte sind Kompromisse; die Beurteilung der vom Konzil gewollten Erneuerung kann gar nicht einheitlich sein“ (so der Historiker Daniele Menozzi). Auch der Papst hat heute seine eigene Lesart, und die sei absolut gültig, sagt er. Der Papst allein bestimmt die einzig legitime Interpretation des Konzils – und kann sich dabei auf die Konzilstexte selbst berufen. Schließlich sind diese Dokumente ja geschaffen von der Hierarchie selbst. Das nennt man “Zirkel” – Argumentation…und Ideologie.

– „Niemals wurde der Widerstand reaktionärer Anti –Konzils – Bischöfe gebrochen“, betont G. Alberigo. Papst  Paul VI. ließ sich für ihre Zwecke instrumentalisieren. Von brüderlicher Kollegialität wollte er nichts wissen. Paul VI. war alles andere als eine “progressive Figur”… Kann man da allen Ernstes von einem „Konzil der Freiheit“ (Karl Rahner) sprechen? Wie viel Ideologie verbirgt sich in der modernen Konzils – Theologie? Eine unbeantwortete Frage… Giovanni Franzoni nahm als Benediktiner – Abt von St. Paul (Rom) an den beiden letzten Sitzungsperioden als „Konzilsvater“ teil. Er schreibt: „Papst Paul VI. hat alles getan, dass der Konzilsgeist zuerst gezähmt und später eingefroren wurde. Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger setzten dieses Werk fort“.  Kollegialität wird in den Konzilstexten nur im Zusammenhang der „vorrangigen Gewalt des Papstes“ besprochen. Paul VI. als der „Herr der Kirche“ verfügte: Eine die absolute Macht des Papsttums stärkende Ausführung sollte der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ noch ergänzend folgen. Später hat er gegen den ausdrücklichen Willen der Konzilsväter „Maria als Mutter der Kirche“ proklamiert: „Achtung, ihr Bischöfe“, so deutet G. Franzoni die Eigenmächtigkeit des Papstes, „ihr könnt diskutieren, was ihr wollt. Ich entscheide“. „Die Konzilsväter hatten nicht den Mut zu fordern, dass gründlich diese Frage in der Konzilsaula besprochen wird“. (D. Menozzi).

– Das Konzil war europäisch geprägt, trotz der Anwesenheit etlicher afrikanischer oder asiatischer Bischöfe. „Die Beteiligung der gesamten lateinamerikanischen Kirche am Konzil war, von Ausnahmen abgesehen, bescheiden“, so der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez.

Es war eine Veranstaltung, die unkritisch an den europäisch geprägten Fortschritt glaubte: Das Dokument „Über die Kirche in der Welt von heute“ lobt etwa die „Herrschaft (!) der Menschheit über die Schöpfung“! Der Krieg wird zwar als großes Übel dargestellt. Aber: “Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes (sic!) steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker“.

– Es war eine Veranstaltung, die das wohlhabende Europa repräsentierte und weithin in dessen Kategorien dachte: „Die Reflexion über die Kirche der Armen übte keinen gewichtigen Einfluss auf die Konzilstexte aus“, so der Konzilstheologe und Dominikaner Edward Schillebeeckx. Die Forderung von Kardinal Lercaro, Bologna, ein offizielles Bekenntnis zur Kirche der Armen zu formulieren, fand kein Gehör. Nach dem Konzil wurde Lercaro in die “Wüste geschickt”. Nur sehr halbherzig wurde an einigen Stellen der Konzilstexte von der armen Kirche gesprochen. Der Reichtum der europäisch/amerikanisch/vatikanischen Kirche mit ihren (Vatikanischen) Banken und den entsprechenden, heute öffentlichen Schiebereien, war überhaupt kein Thema des Konzils. Alles verlief gehorsam – würdevoll, wie es der Papst wünscht. Alles war irgendwie noch “Barock”, eine Aufführung des “Hofes” (Curia, Hof, ist ja der offizielle Titel des Papst – Staates).

– Es war ein Konzil, das den Dialog hochtrabend forderte, aber eigentlich nicht anstrebte. Z.B: Die Überzeugungen der Atheisten werden „verderbliche Lehren“ genannt, sie werden „mit aller Festigkeit verurteilt“. Daraus folgt, ziemlich dreist: “Für die Glaubenden verlangt die Kirche Handlungsfreiheit (in Gesellschaft und im Staat), damit sie in dieser Welt auch den Tempel Gottes errichten können. Die Atheisten aber lädt die Kirche schlicht ein, das Evangelium unbefangen zu würdigen“…Die Gruppen für den „Dialog mit den Ungläubigen“ wurden schon in den achtziger Jahren aufgelöst…Theologen in Indien, Japan, Sri Lanka, Peru usw., die den vom Konzila geforderten Dialog tatsächlich lebten, wurden ihrer Ämter entfernt…Sie erkannten dann die “große Illusion”.

– Es war ein Konzil, das die „Autonomie der Welt“ nur oberflächlich akzeptierte: Es sagt Ja zur Eigengesetzlichkeit der Welt. ABER damit sei gemeint, dass der Mensch die Autonomie „nicht ohne Bezug auf den Schöpfer“ gebrauchen darf. Wer aber lehrt den rechten Bezug zum Schöpfer? Das oberste Lehramt!

Freiheit der theologischen Wissenschaft ist ausgeschlossen. Über historisch – kritisch arbeitende Exegeten heißt es: „Sie stehen unter Aufsicht des kirchlichen Lehramtes“.

– Es werden widersprüchliche Symbole für das Selbstverständnis der Kirche beschworen: Das „Volk Gottes unterwegs“ und der „mystische Leib Christi“. Das „Volk“ kennt die Gleichheit der Mitglieder. Der Leib Christi wird beherrscht vom alles bestimmende Haupt, dem Klerus.

– Es wird eine Ökumene konzipiert, die vorausgesetzt, dass Gott selbst die katholische Kirche gestiftet hat. Die “anderen Kirchen”, vor allem die protestantischen,  sind bloß “christliche Gemeinschaften”. Was Benedikt XVI. heite sagt, ist in den Konzilstexten grundgelegt.

– „Mission“ bedeutet für das Konzil Bekehrung zur Katholischen Kirche. Von interreligiösem Dialog ist nur ganz am Rande die Rede.

– Das Konzil begnügte sich, die Texte der Messe in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Das führte zu lebensfern klingenden Formeln und Floskeln in den Gottesdiensten. Der gemeinte Inhalt hätte ganz neue sprachliche Gestalt finden müssen. Unter der weltfremden Sprache leiden Katholiken noch heute…Zudem wurde die Messfeier derartig als absolutes Zentrum katholischer Frömmigkeit überhöht, weil eben nur der zölibatäre Klerus, die Männer, die Messe feiern darf. So wird über die Spiritualität der sogenannten “absolut wichtigen Messfeier” nur  die absolute Bedeutung  des zölibatären Klerus verteidigt und festgeschrieben…

Das 2. Vatikanische Konzil gilt es also zu „überholen“, vor allem, weil es – wie die Konzilien zuvor – viel zu viel von Gott,  Christus, Maria, der Trinität, der Kirche, den Sakramenten und so weiter und so weiter weiß. Das Konzil gibt sich nahezu allwissend der Gottesfrage und den genannten anderen Fragen gegenüber. In einer die heutige Skepsis und vor allem die mystische Erfahrung aufgreifenden Theologie ist sehr viel mehr intellektuelle Bescheidenheit angebracht. Diese Alleswisserei damaliger Bischöfe wird nicht erst heute eher als störend denn als Inspiration empfunden. Könnte man den Kern der christlichen, auf Jesus von Nazareth bezogenen Erfahrung, nicht auch auf 10 Seiten sprachlich nachvollziehbar ohne klerikales Pathos (s.o.) mitteilen?

Kirchenreformer sollten ihren Enthusiasmus für dieses Konzil sehr bremsen und seine grundgelegten Begrenztheiten anerkennen. Sie werden dieses Konzil wohl überwinden müssen, wenn sie für einen ökumenischen Katholizismus der Zukunft eintreten, also für eine tatsächlich andere, “evangelische” und dialogische Kirche mit sehr wenig Hierarchie, aber viel mehr Mitbestimmung und Gleichberechtigung, vor allem von Frauen. Die offiziellen Konzilstexte sind theologisch ein Stück Vergangenheit. Es gibt dringendere Themen der religiösen Menschheit und der nicht – religiösen Menschheit von heute…

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