111 Tugenden und Laster. Eine philosophische Revue

Ein philosophisches Buch zum Weiter – Denken. Ein Begleiter für das ganze Jahr:

Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue.

Aus der großen Fülle philosophischer Einführungen ragt jetzt ein Buch ganz wunderbar hervor: Der in Frankfurt/M. lehrende Philosoph Martin Seel, einigen schon bekannt, etwa durch seine Studien „Paradoxien der Erfüllung“, hat nun ein neues Buch vorgelegt, das alle interessieren, ja begeistern kann (im Sinne von inspirieren), die auf dem Weg des kritischen Reflektierens sind. Und das sollten und könnten ja alle Menschen sein….
Dass Martin Seel sein Buch durchaus auch unterhaltsam meint, zeigt schon der Untertitel an: „Eine philosophische Revue“. Tatsächlich präsentiert er in seiner Revue in 111 kürzeren oder längeren „Auftritten“ (Kapiteln) 111 Tugenden, also für den Menschen positive Lebenseinstellungen bzw. „Dispositionen“ (wie Mitgefühl, Besonnenheit) und dazwischen gemischt, aber doch inhaltlich verbunden, Laster bzw. Untugenden (wie Aberglaube, Fanatismus).
Der Clou dieser positiv wie negativ besetzten Revue ist, dass alle Werte und alle Tugenden auch – ohne die vernünftige Mitte gelebt – in Untugenden umkippen können, aus Mut kann schnell „Übermut, Tollkühnheit, Draufgängertum werden“, (S. 179). Ebenso haben Untugenden und Laster auch positive Aspekte. Mit einer Ausnahme meint Martin Seel: Im Laster der Grausamkeit gibt es keinerlei noch positiv zu verstehenden Entwicklungslinien. Auf die Ambivalenz aller anderen Tugenden und Laster hingewiesen zu werden, bringt den Leser, die Leserin, sehr zu recht ins Schleudern und dann ins weitere Nachdenken, das zu einem Neu – Verständnis führen kann. So ist etwa die Faulheit (Seite 69ff) sicher eine milde Form des Lasters: „Faulheit kann aber ein Mangel an Selbstsorge sein“, andererseits kann sie auch den „ausgelassenen Genuss des Daseins“ signalisieren. Faulheit kann ein Mittel sein, sich vom destruktiven Zwang der Selbststeigerung zu befreien, wie es schon Theodor W. Adorno (S. 71) andeutete. Faulheit als Müßiggang verstanden kann sogar „aller Liebe Anfang“ sein, schreibt Martin Seel (ebd).
Wer an der Revue teilgenommen hat oder immer wieder beinahe beliebig wieder einsteigt, kann dann auf gut 40 Seiten sozusagen die innere Struktur der einzelnen Auftritte erkunden, also in das innere Leben der Tugenden hineinschauen, so, wie es Philosophen in der langen Geschichte gedeutet haben. Diese Seiten, etwas anspruchsvoller, handeln etwa von den Kardinaltugenden, das sind ja nicht jene, die etwa katholische Kardinäle haben (sollten), sondern die von lateinischen Worte CARDO herstammen und die alles entscheidenden Angelpunkte meinen, also in dem Falle unentbehrliche Tugenden, ohne die ein menschliches Leben kein menschliches Leben ist (Weisheit, Besonnenheit, Mut und Gerechtigkeit). Außerdem zeigt Martin Seel sehr schön, dass kein Mensch alle Tugenden in seiner Person vereint leben kann, ja, dass kein Mensch also „nur“ tugendhaft sein kann. Immer gibt es im Einzelleben diese Melange aus Tugend und Laster, natürlich auch bei den so genannten Heiligen der Kirche, wobei den Frommen stets von offizieller Seite vorenthalten wird, wo denn die Laster dieses Heiligen waren. Erst Journalisten kümmern sich darum und weisen etwa auf die Scharlatanerie des heiligen Pater Pio (Süditalien) hin, aber dies nur als Beispiel des Rezensenten.
Insgesamt empfehlen wir nachdrücklich das neue Buch von Martin Seel, es kann hoffentlich einen Durchbruch bewirken im Verstehen, dass Philosophie populär ist und dass dieses Thema nicht von einem ständig in allen Medien herum gereichten Star reserviert sein kann.
Hoffentlich kann man bald die 10. usw. Auflage dieses Buches melden und eine Herausgabe als sehr preiswertes Taschenbuch!
Copyright: christian modehn, religionsphilosophischer Salon.
Martin Seel, „111 Tugenden und 111 Laster“.
Eine philosophische Revue. S. fischer verlag 2011, 285 Seiten.18,95 Euro

WDR 5 brachte am 13.1.2012 ein Gespräch mit Martin Seel:

Zur Buchmesse: Island: Wer glaubt da noch an Feen?

Die Buchmesse in Frankfurt am Main hat als Schwerpunktthema in diesem Jahr: ISLAND. Über diesen Link können Sie zu einem Interview mit der ISLAND Spezialistin Marie Krüger Berlin, kommen. Das Interview wurde in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM gedruckt. Wir weisen gern darauf hin, dass im Verlag Publik-Forum Probeexemplare der alle 14 Tage erscheinenden Zeitschrift bestellt werden können.

Das Interview mit Marie Krüger:

http://www.publik-forum.de/spiritualitaet-lebenskunst/artikel/ich-glaube-nicht-an-feen-20532

Ein Weg in die Heiterkeit? Beim Lesen des „Feldweg“ von Martin Heidegger

Ein Weg in die Heiterkeit?
Beim Lesen von „Der Feldweg“ von Martin Heidegger

Am 26. Juli 2011 haben wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ den wohl kürzesten Text Martin Heideggers „Der Feldweg“ gelesen und interpretiert, unterstützt und beraten von dem Heidegger Spezialisten Michael Braun, Berlin.

Ein Teilnehmer schickt uns einige persönlichen Beobachtungen und Reflexionen.

„Der Feldweg“ (1948 geschrieben) weckt den Eindruck, als würde er sich in einer leichten, schnell zugänglichen Lektüre erschließen.
Tatsächlich nimmt Heidegger in einfachen Worten den Leser mit auf seinen seit Jugendzeiten vertrauten Spaziergang gleich hinter dem Schloss von Messkirch.

Einzelne Worte erscheinen merk – würdig: „der Feldweg half“, eine „hohe Eiche grüßt“: Die Natur wird nicht als fremdes Gegenüber erlebt, sie steht im Gespräch mit dem nachdenklichen Menschen. Natur und Mensch können noch „kommunizieren“.

Es ist ein „karges Land“, durch den der Feldweg führt. Ist diese Kargheit bereits Metapher für das karge Leben insgesamt? Heidegger spricht später, in „Holzwege“, von der „dürftigen Zeit“ der Seins – Vergessenheit.

Welche Worte in dem Text gelten unmittelbar als solche in einem noch vordergründigen Verständnis, welche müssen „tiefer“ verstanden werden?

Kann man einer ersten, „schlichen“ Lektüre vertrauen? Dann erzeugt die meditierende Lektüre des Feldweges eine gewisse Geborgenheit, eine Sehnsucht nach Verwurzelung, einen Wunsch, wesentlich zu leben, achtsam zu sein auf die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, die Erinnerung zu pflegen, den göttlichen Gott zu suchen (von ihm spricht Heidegger im Verweis auf Meister Eckart).

Darüber hinaus wird der Leser in tiefere, zum Teil schockierende Fragen „geschleudert“: Heidegger spricht von Wanderungen, auf denen „alle Ufer zurückbleiben“. Oder: „Wachsen heißt, der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln“. In einer Heimat verwurzelt sein, d.h. die konkrete Endlichkeit in einem zugewiesenen Lebensraum annehmen, UND: in die Weite des Himmels sich öffnen, also eine eigene Form des Transzendierens über alles Begrenzte leben.

In dieser Verbundenheit mit Immanenz und Transzendenz wird das „Einfache“ erlebt. Da stellt sich besinnliches Denken ein, wird die Herrschaft des Rechnens und Verfügens und Machens unterbrochen. In der technischen Welt, so Heidegger, denken die Menschen, der Lärm der Apparate sei die „Stimme Gottes“. Die Technik, absolut genommen, kann das Göttliche ersetzen und verdrängen.

Auf den Feldweg wird der Denkende befreit von den Üblichkeiten der herrschenden Kultur. Das Gehen auf diesem eher unspektakulären Weg kann eine letzte Heiterkeit fördern. „Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen“. Das heißt: Dieser philosophische Text ist keine „abstrakte Abhandlung“, viele Menschen halten ja Philosophie irrtümlich für „abstrakte Abhandlungen“. Nein: „Der Feldweg“ erschließt Lebensmöglichkeiten, er IST Philosophie für ein „besseres“, eigentliches Leben. Und dieses Leben ist voller Fraglichkeit, die ausgehalten werden soll: „Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott?“. Danach zu fragen und zu suchen ALS Dasein ist, wenn man so will, der Auftrag des Feldweges als des Daseins – Weges. Philosophieren kann also eine Lebenshaltung sein, daran lag ja den antiken und spätantiken Philosophen sehr viel.

Wir empfehlen anschließend an den „Feldweg“ den Vortrag „Gelassenheit“ ( 1955) zu lesen, auch dieser Text ist als Einzelausgabe preiswert im Neske Verlag erschienen.
copyright: christian modehn, berlin.

Können Philosophen Revolutionen auslösen? Hinweise zu einem Salonabend.

Gibt es Revolutionen, die von Philosophen in Gang gesetzt werden?

Einige Hinweise zum Thema unseres Salons am 24. 6. 2011 um 19.00 in der Galerie Phantom, Hektorstr. 

Die Frage „Gibt es Revolutionen, die von Philosophen ausgelöst werden?“ mag weit her geholt erscheinen und im Streit der Historiker unterzugehen.

Dennoch hat diese Frage eine Bedeutung: Nicht nur anlässlich des neuen Buches von Philipp Blom „Böse Philosophen“. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, erschienen im Hanser Verlag 2011.

Die Frage lässt uns nicht los: Welche praktische Bedeutung, politische Wirkung, hat Philosophie? Hat kritisches Denken die Kraft, so viele geistige Energien zu mobilisieren, dass eine Revolution im Sinne einer grundlegenden Veränderung zugunsten der Menschenrechte möglich wäre?

Ein Hinweis zu dem Salon in Paris, in dem u.a. d Holbach und Diderot „Stammgäste“ waren: Das Buch von Blom bezieht sich tatsächlich auf das regelmäßige Diskutieren, Lesen, Essen und Trinken, im Hause Baron d Holbach in Paris um 1760. Einer der wichtigsten Gesprächspartner dort war der Philosoph Denis Diderot. Sie diskutierten die Entwürfe einer neuen Gesellschaft: Ohne Hierarchie, ohne die damals unerträgliche Allmacht und Gewalt der Katholischen Kirche; sie dachten an eine Welt der Solidarität, des Respekts, aber auch der Lust, der Befreiung des einzelnen zu seiner auch körperlich gelebten Lust. Bei aller Unterschiedlichkeit der Salon – Teilnehmer war deren Philosophie anti – metaphysisch, anti – kirchlich und stark gebunden an die Auffassung: Das materielle, auch das leibliche Leben ist die Basis für alles Erkennen überhaupt. Über den Streit mit Rousseau wäre eigens zu diskutieren.
Interessant wäre es, die Frage zu erörtern: Kann dies die philosophische Basis für eine Weltveränderung sein? Oder: Ist im menschlichen Bereich alles Materielle immer schon in geistige Strukturen „eingelassen“? Sind wir über den Körper – Geist Dualismus hinaus?

Interessant wäre es, die Frage zu erörtern: Hätte die Kirche damals auch nur einen Funken Offenheit gezeigt und Sinn für Vernunft, hätte dann zumindest die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Diderots anders ausgesehe? Freilich, solche Fragen sind eher müßig…

In jedem Fall hat der Salon um Baron Holbach und Diderot in größter persönlicher Bedrohtheit existiert, immer mussten diese Freigeister Angst vor Verhaftungen, letztlich vor der Todesstrafe haben. Trotzdem (oder gerade deswegen?) haben sie mit einer unglaublichen Intensität an dem umfangreichen Werk der ENZYKLOPÄDIE gearbeitet, die dann doch noch vor der Revolution erscheinen konnte, eine Art Lexikon, das deutlich genug kritische Hinweise zu Gesellschaft und Kritik bietet.
Dieser Salon war ein Ort der „radikalen Aufklärung“. Gleichheit ohne Hierarchie – hieß das Ideal.
Die Revolutionäre von 1789 bis 1795 hatten diesen Mut nicht. Robespierre z.B. förderte den Kult des höchsten Wesens, weil er nicht glaubte, dass die radikale Aufklärung auch als Atheismus politisch hilfreich sein kann.
Gilt diese Auffassung noch heute? Wie tief ist das Misstrauen in die ethische Qualität von Atheisten? In den USA haben Atheisten z.B. nicht die geringste Chance, Präsident zu werden…
Was bedeutet das ethische Prinzip der „radikalen Aufklärung“: „Tu, was für dich und die Allgemeinheit gut ist. Vermeide, was dir und anderen schadet“?
Zur Frage der praktischen Wirkung, der revolutionären Bedeutung, der Philosophie: Das ist aktueller denn je: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die gegenwärtige ökonomische (und damit auch eine erstarrte Form politischer) Ordnung in der gegebenen Verfasstheit keine Zukunft hat und haben darf, angesichts der tiefen Ungleichheit, die da erzeugt wird. Wo sind die Denker des Umbruchs, der Erneuerung von Demokratie? Diese „revolutionären Subjekte“ – gibt es die? Sind es die jungen Leute in Madrid (Occupy) und anderswo, die das gegenwärtige ökonomische System korrigieren wollen? Welche Rolle spielen dabei die Religionen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wenn Arbeit zum Götzen wird

Wenn Arbeit zum Götzen wird

Das „philosophische Wort zur Woche“ fällt diesmal etwas kürzer aus; es ist wieder ein provokativer Anstoß nicht nur zum Nachdenken, sondern zur „Lebensorientierung“, d.h. zur Veränderung bisheriger Praxis.
Der bekannte Philosoph Byung – Chul Han, Berlin –Basel, inzwischen in Karlsruhe, hat im Jahr 2009 ein äußerst lesenswertes Buch veröffentlicht mit dem Titel „Duft der Zeit“. Der Untertitel: Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens.
Das Buch ist eine anspruchsvolle philosophische Meditation über die Wiedergewinnung der Muße und der Kontemplation. Dass es ohne die üblichen schnell formulierten Tipps und Ratschläge auskommt, braucht eigentlich nicht eigens betont zu werden. Es geht um Philosophie.
In seinem Schlusskapitel schreibt Han über die vita contemplativa, das kontemplative, das besinnliche Leben. Es ist eine ganz und gar nicht veraltete Haltung, sie bietet Impulse, die so selbstverständliche Hochschätzung, wenn nicht Vergötterung von Arbeit, neu, d.h. kritisch zu sehen.

„Das Leben, das sich dem maschinellen Arbeitsprozess angleicht, kennt nur Pausen, die arbeitsfreie Zwischenzeit, in der man sich von der Arbeit erholt, um sich dem Arbeitsprozess wieder voll zur Verfügung zu stellen. So stellen auch =Entspannung= und =Abschalten= kein Gegengewicht zur Arbeit dar. Sie dienen der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit…
In Wirklichkeit ist die Arbeitsgesellschaft eine Gesellschaft, in der die Arbeit sich, abgelöst von der Lebensnotwendigkeit, zu einem Selbstzweck verselbständigt und absolut setzt. …Die Totalisierung der Arbeit verdrängt andere Lebensformen und – entwürfe. (S 92 f).
(Darum ist das nicht mehr Arbeiten können, das nicht mehr Arbeiten müssen, für so viele Menschen auch Ursache für eine tiefe Krise: diese Menschen sind sozusagen den Gott Arbeit losgeworden, müssen „gottlos“ leben;, werden aus der Gemeinde der Arbeitsgläubigen rausgeschleudert; dass dieser Gott auch Geld beschafft, ist natürlich eine Tatsache. Aber die kapitalistische Gesellschaft ist so gebaut, dass sie an eine der Menschenwürde entsprechende Verteilung des Geldes an die Nicht – Arbeitenden gar nicht denkt. Wer den Gott Arbeit losgeworden ist, soll sozusagen mit Hartz IV in einer Art Vorhölle schmoren, der Vorhölle, die die Gott (Arbeits – ) Gläubigen geschaffen haben, diese Zeilen sind ein ergänzender Kommentar von Christian Modehn)
Aber noch einmal zu Byung – Chul Han: Worauf kommt es dem Philosophen an? Auf das Innehalten, das Verweilen. „In der Konsumgesellschaft verlernt man das Verweilen. Die Konsumgegenstände werden so schnell wie möglich verbraucht und verzehrt, damit Platz für neue Produkte und Bedürfnisse geschaffen wird. Das kontemplative Verweilen setzt Dinge voraus, die dauern“. (ebd).

Das anregende Buch „Duft der Zeit“ ist im Transcript Verlag , Bielefeld, erschienen.

Gottesrechte und Kirchengebote contra Menschenrechte

Gottesrechte und Kirchenrechte contra Menschenrechte

Das philosophische Wort zur Woche

Von Christian Modehn

Über das Verständnis und die universale Gültigkeit der Menschenrechte, dargestellt in der Präambel und den 30 Artikeln der „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ vom 10. Dezember 1948, wird auch heute noch heftig gestritten. Wer sich in diktatorischen Regimen oder Pseudodemokratien für diese Menschenrechte einsetzt, lebt gefährlich. An die weltweite Ermordung von MenschenrechtsaktivistInnen haben sich breite Kreise der westlichen Öffentlichkeit längst gewöhnt, die Namen der (nicht immer „prominenten“) Opfer werden in den Medien nicht einmal erwähnt. Global geschätzt leben etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern, in denen die Menschenrechte nicht absolut gelten. Haben wir „aufgeklärte Europäer“ uns daran gewöhnt?

Vor allem in stark religiös geprägten Staaten und Gesellschaften, zu denen nicht nur muslimisch oder hinduistisch geprägte gehören, sondern etwa auch der „Vatikan“ bzw. die katholische Kirche, wird die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ nicht bedingungslos akzeptiert und respektiert und „positiven“, also historisch gewachsenen Gesetzen vorgeordnet. Diese menschenrechtsfeindlichen Staaten und Gesellschaften argumentieren meist so: Diese Menschenrechte passen nicht in „unsere Kultur“, sie seien gegenüber den angeblich göttlichen Geboten (bzw. Kirchengeboten) relativ und zweitrangig.

In dieser Situation ist es überaus erfreulich und wichtig, von kompetenter philosophischer Seite Argumente zur Vertiefung dieser Diskussion zu erhalten. Die Philosophin und Theologin Katharina Ceming (Augsburg) hat eine umfangreiche, leicht lesbare und brillante Studie über „die Würde des Menschen und die Weltreligionen“ (so der Untertitel) vorgelegt. Der Titel des 510 Seiten umfassenden Buches ist: „Ernstfall Menschenrechte“ (erschienen im Kösel Verlag, München 2010. ISBN 978-3-466-36822-8).

In unserem, diesmal etwas länger ausfallenden „philosophischen Wort zur Woche“ wollen wir vor allem auf das (von Katharina Ceming behandelte) philosophische Hauptproblem eingehen: Auf die Frage der universellen Geltung der Menschenrechte, wo sie doch, so sagen die Gegner der Menschenrechte, in historisch geprägten, „konkreten“ Kulturen Europas entstanden sind; also aufgrund dieser angeblich „begrenzten“ Herkunft könnten diese Menschenrechte, so meinen diese Kreise, nicht universell sein. Man nennt sie oft „Kulturrelativisten“.

Katharina Ceming schreibt:
„Wenn Menschenrechte nur als das Produkt einer historischen Entwicklung des Abendlandes gesehen werden, die keine universelle Gültigkeit durch einen naturrechtlichen Status haben, stellt sich zudem die Frage, wie die Menschenrechte dann selbst innerhalb der westlichen Welt noch verbindliche Gültigkeit haben können. Versteht man die Idee der Menschenrechte ausschließlich als Resultat eines historischen Prozesses, dann könnten die Menschenrechte jederzeit durch neue geschichtliche, ökonomische oder politische Entwicklungen modifiziert, ja sogar aufgehoben werden – auch im Westen“. (S 377)

„Gültigkeitskriterien (zu den Menschenrechten) sind, weil es sich hier um meta – empirische Fragen handelt, weder von geschichtlichen noch von politischen oder soziologischen Phänomenen abhängig. Letztere bestimmen lediglich, ob die Gültigkeitskriterien der Menschenrechte tatsächlich Anwendung in einer Gesellschaft finden oder nicht. Auf eine universelle Begründung ethischer Normen kann also nicht verzichtet werden. Diese Begründung lässt sich aber nur über etwas bewerkstelligen, was allen Menschen gemeinsam ist: ihre Vernunfthaftigkeit, selbst wenn sie über diese nur potentiell verfügen“. (ebd).
Wo sind die Ursachen für die Zurückweisung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte zu suchen ? Katharina Ceming nennt vor allem eine Ursache: die Übermacht religiösen, mythologischen Denkens in religiösen Staaten und Gesellschaften. „Wo man verstanden hat, dass heilige Texte interpretiert und ausgelegt werden müssen, da sie in einem bestimmten Zeitkontext entstanden sind, fällt es auch leichter, mit =problematischen= Textstellen umzugehen, die mit bestimmten Artikeln der Menschenrechte kollidieren. Solange heilige Schriften als unveränderlich gelten, …, ist der Konflikt mit den Menscherechten unvermeidlich. Denn die Welterschließung der mythologischen Bewusstseinsstufe (also schlichter Wunderglaube z.B., CM) ist mit anderen Werten verbunden als die mental – rationalen Werte, zu denen die Menschenrechte gehören“ (S. 379).
Das Buch von Katharina Ceming ist ein Plädoyer für die Durchsetzung eines vernünftigen (was etwas anderes ist als eines bloß verstandesmäßigen, technisch – praktischen !) Denkens in den Religionen; ein Projekt, von dem die Menschheit mit ihren Religionen noch meilenweit entfernt ist. Ausführlich wird z.B. dokumentiert, wie in hinduistischen geprägten Kulturen die Frauen permanent aufs übelste missachtet und diskriminiert und gequält werden; wie das Kastensystem in Indien zwar offiziell verboten ist, aber immer noch von der herrschenden Clique zu eigenem Vorteil respektiert wird, etwa gegenüber den Dalits (siehe Seite 289 ff).
Und im Katholizismus? Auch da ist der Bericht Katharina Cemings deutlich und kritisch: „Wirft man einen Blick in das römisch-katholische Gesetzbuch, den Codex Iuris Canonici von 1983, dann zeigt sich, dass dem katholischen Kirchenrecht Grundrechte (also Menschenrechte) eher fremd sind“. Die Zurückweisung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte im inneren Leben des Katholizismus folgt dem Muster, dass „sich das kirchliche Gemeinwohl am Schutz der Glaubenswahrheiten und an der Einheit des Glaubens orientiert“ (S. 161). Man fragt sich: Wer will da wen „schützen“? Der Papst die dummen Laien? Und was ist das für eine Religion, die angebliche Gottesgesetze gegen die (doch wohl auch von Gott geschaffene) Vernunft und ihre Erkenntnis der Menschenrechte ausspielt? Was ist das für eine Religion, die sogar kirchliche Bestimmungen (den „codex“) für relevanter hält als die Menschenrechte.
Religion contra Vernunft, dieses alte Thema ist immer noch nicht gelöst, zumindest auf theologischer Ebene.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de

Jesus der Hund: War Jesus ein Zyniker?

War Jesus ein Zyniker?

Um die Antwort – für möglicherweise beunruhigte Leser – gleich vorwegzunehmen: Jesus war wohl kein Zyniker, sondern ein Kyniker. Aller Wahrscheinlichkeit nach. Aber, wie in der neuen „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010, S.3137) betont wird, gibt es durchaus einen sachlichen und nicht nur sprachlichen Zusammenhang zwischen Kynismus und Zynismus.
Worum geht es?
In vielen unterschiedlichen Bildern und Begriffen wird von Jesus von Nazareth gesprochen. Gerd Theißen, der „Neutestamentler“, nennt ihn z.B. einen „Wandercharismatiker“. Jetzt legt der bekannte Paderborner „Alttestamentler“ Bernhard Lang in einer Art Zuspitzung dieser These eine neue, sehr ernsthafte Diskussionsebene vor: Jesus war ein Kyniker, also ein Weiser, der nach Art der damaligen „Kyniker“ Schule lebte, und das Lebensprinzip war die Bedürfnislosigkeit, die Feindesliebe, die Unruhe, in dieser Welt keinen Platz zu haben, was man gern „Unbehaustheit“ nennt. Bernhard Lang ist also als Historiker der Meinung, dass diese philosophische Orientierung, wenn nicht die „Schule“ der Kyniker, durchaus präsent und prägend war im damaligen Israel; der Kulturaustausch war damals – nebenbei gesagt – sehr viel größer, als sich heutige Menschen vorstellen, die meinen, die Globalisierung sei ihre Erfindung des 20. Jahrhunderts…Griechenland und Israel, oft gegeneinander als unvermittelbare Konzepte ausgespielt, scheinen doch einander gar nicht so fern zu sein…“Jesus und die griechischen Kyniker haben vieles gemeinsam: Sie verzichten auf Besitz, Ehe und Lebensvorsorge, sie verstehen Gott als Vater aller Menschen, ….sie lehnen Vergeltung ab, und sind bereit zum Leiden. Mit traditionellen religiösen Geboten gehen sie unbefangen um“, schreibt Bernhard Lang.
Im Rahmen unseres religionsphilosophischen Salons ist es äußerst interessant zu sehen, dass Jesus offenbar nicht nur in Johannes dem Täufer einen „Vorläufer“ hat, sondern wahrscheinlich eine Art (mythischen) Vorläufer in der Gestalt des Diogenes von Sinope (400 – 328), er wurde wegen seines sehr alternativen Lebensstils von der Öffentlichkeit verächtlich „Kyon“ auf Griechisch, also Hund, also Kyniker, genannt. Später wurde Antisthenes, dein Schüler des Sokrates, zum Inspirator der kynischen Bewegung erklärt. Kyniker haben sich vom Staat und der bürgerlichen Ordnung abgewandt, sie wollten als Bettler das Ideal der völligen Unabhängigkeit verkörpern. „Um die Zeitenwende erfährt der Kynismus ein Wiederaufleben in Rom und hält sich dort bis ins 5. Jahrhundert“, schreibt Josef Fellsches in dem überaus empfehlenswerten Buch „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010) auf Seite 3137. Jesus als Kyniker – das könnte eine heiße theologische und philosophische Debatte von 2011 werden. In dem modernen Begriff „zynisch“, von „Kynisch“ abgeleitet, wird nur noch eine Seite des Kynismus festgehalten, die Moralverachtung, alles Spöttische und Schamlose wurde in der späteren kirchlichen Entwicklung erst „cynisch“, dann „zynisch“ genannt, darauf hat der Philosoph H. Niehues – Pröbsting hingewiesen. Interessant wäre die Frage: Wie könnten sich Kirchenführer, Päpste und Bischöfe z.B., neu orientieren, wenn sie sich auf Jesus den Kyniker einließen? Diese Frage ist nicht zynisch, sondern kynisch gemeint. Trotzdem: Würde Jesus von Nazareth als Kyniker heute vielleicht auf die real existierenden Kirchen in ihrer z.T. barocken Macht und ihrem Reichtum doch ein bißchen zynisch reagieren? Wer weiß.

Bernhard Lang, Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers. C H Beck Verlag, 2010.