Die unbekannte Dimension der Vernunft

Philosophisches Wort zur Woche ....
durchaus passend zur philosophischen Gestaltung der Weihnachtszeit, die ja als Zeit der Kindheit, der Nostalgie, der „verlorenen Heimat“, der Naivität beschrieben wird.

Eine unbekannte Dimension der Vernunft: die Naivität erkennen und annehmen.

„Die Vernunft kann nicht anders als ergründen, erklären, interpretieren, d.h. in die Vielfalt Einheit, ins Disparate Zusammenhang, Ordnung, Sinn bringen. Das tut die Vernunft selbst dann noch, wenn sie behauptet, dass alles sinnlos sei. Ihr Tun dementiert dann ihren Inhalt. Ihr Bedürfnis nach Konsistenz, nach Auflösung von Ungereimtheiten, nach Überwindung von Widersprüchen ist von Metaphysik nicht keimfrei sauber zu bekommen.
Metaphysik ragt ins alltägliche Tun der menschlichen Vernunft hinein. Metaphysik hat eine Naturbasis, die Kreatur weiß nichts davon. Der Zusammenhang zwischen Triebleben und Ewigkeit ist ihr verborgen, aber das Seufzen der Kreatur stellt den Zusammenhang her. Vernunft, die diesen Zusammenhang ignoriert, statt ihm Sprache zu verleihen, ist weder über die Natur noch über sich selbst genügend aufgeklärt.

Das Bedürfnis nach Konsistenz, nach Stimmigkeit, ist insgeheim das Bedürfnis nach einer heilen Welt. Ohne dieses Bedürfnis zu haben, kann Vernunft nicht rückhaltlos aufklären: über die Welt wie über sich selbst.

Ohne die blauäugige, durch nichts verbürgte Hoffnung, dass noch nicht aller Tage Abend sei, kann die Vernunft den gegenwärtigen Weltzustand nicht auf den Begriff bringen.

…Den religiösen Kinderwunsch noch in seinen verstohlensten Formen als unausrottbares Moment des Denkens aufzuspüren und in Vernunft zu übersetzen: das ist Aufklärung. Der Versuch, der Vernunft alle Naivität ohne Rest auszutreiben, treibt die Vernunft selbst aus“.

Der Philosoph Christoph Türcke, in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kassensturz. Zur Lage der Theologie“. Fischer Taschenbuch, 1992, S 139 f.. Der Beitrag hat den Titel: „Naivität“.

Wird die Kirche zum Grab Gottes?

Das „philosophische Wort zur Woche“ bezieht sich aus aktuellem Anlaß (Papstreise nach Deutschland, Ratzingers Anspruch, erneut dokumentiert in seinem Interviewbuch, als Papst die Wahrheit zu besitzen usw. usw.) auf einen Impuls Friedrich Nietzsches.

Wird die Kirchen zum Grab Gottes?
Der Hinweis bezieht sich auf die Erkenntnis Friedrich Nietzsches, in seinem Buch: Die fröhliche Wissenschaft, 1887, III. Buch, Nr 125.

Der tolle Mensch fragt:
„Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? […] Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“[1
Das Entscheidende ist:
Am Ende dieses Kapitels schreibt Nietzsche die berühmten Worte von den Kirchen als den Grabmälern Gottes:
„Man erzählt noch, dass der tolle Mensch des selbigen Tages in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“

Kirche als Grab Gottes – dieser Erkenntnis Nietzsches hat sich bislang fast kein Theologe gestellt, geschweige denn ein Bischof oder gar ein Papst. .
Der niederländische Augustiner und Theologe Robert Adolfs hat allerdings 1966 ein Buch verfasst, das den Titel trägt: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“, auf Deutsch erschien es 1967 im Styria Verlag. Darin sah Pater Adolfs sehr deutlich, dass die Kirchenreformen des unmittelbar beendeten 2. Vatikanischen Konzils viel zu kurz greifen und viel zu oberflächlich sind. Robert Adolfs plädierte darum als wahre Lebensrettung der Kirche für eine „kenotische“ Kirche, also für eine Kirche, die den Abstieg von allen Machtgelüsten, auch theologischer Art, aufgegeben hat. „Das ärgste Hindernis des Dialogs mit den anderen christlichen Kirchen war die kirchliche (katholische) Machtgestalt. … Die kenotische Kirche erhebt ja keinen Exklusivanspruch auf Offenbarung und Gnade“ (S 191)
Es ist interessant zu sehen, dass dieser Begriff der „Kenotischen Kirche“ heute im Mittelpunkt des Denkens des berühmten italienischen Philosophen Gianni Vattimo steht, vor allem in seinem Buch „Glauben – Philosophieren“, Reclam Verlag, 1997. Vattimo schreibt dort auf Seite 64: „Was ich wiederentdecke ist eine Lehre, die ihren Grundpfeiler in der Kenosis Gottes hat, und damit im Heil, das als Auflösung des natürlich gewaltsamen Sakralen verstanden wird.“.
Noch wichtiger ist:
Pater Adolfs hat seinem Buch „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ ein Zitat des Jesuiten Alfred Delp vorangestellt, der als Widerstandskämpfer gegen die Nazis am 2. 2. 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde.
Alfred Delp schrieb kurz vor seinem Tod: „Die Kirche steht durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise sich selbst im Wege. Ich glaube, über all da, wo wir uns nicht freiwillig um des Lebens willen von dieser Daseinsweise trennen, wird die geschehende Geschichte uns als richtender und zerstörender Blitz treffen“.

Erwachen zum Alltag

Erwachen zum Alltag
Ein philosophisches „Wort zur Woche“ anlässlich des Welttages der Philosophie am 18.11. 2010

In diesem Jahr hat die UNESCO ein Motto zum Welttag der Philosophie vorgeschlagen, das deutlich den interkulturellen Dialog fördert. Es geht um die Anerkennung des anderen, die Anerkennung der „anderen“ Kulturen. Dies bedeutet auch: Respekt für außer -europäische Philosophien. Wir weisen gern auf das Buch des Philosophen Byung – Chul Han „Philosophie des Zen- Buddhismus“ (Reclam) hin, da wird unseres Erachtens deutlich die Differenz zwischen europäischem und zen buddhistisch geprägten Philosophieren herausgearbeitet. Dies Differenz wahrzunehmen und anzuerkennen, ist ein entscheidender Schritt interkulturellen Philosophierens. Dadurch wird Philosophieren „relativiert“.

Byung – Chul Han scheibt:
„Die Erleuchtung (Satori) bezeichnet keine Entrückung, keinen ungewöhnlichen ekstatischen Zustand, in dem man doch „sich“ (selbst) gefiele. Sie ist vielmehr das Erwachen zum Gewöhnlichen. Man erwacht nicht in ein extraordinäres Dort, sondern in uraltes Hier, in eine tiefe Immanenz. Der Raum, den der alltägliche Geist bewohnt, ist auch keine göttliche Wüste Meister Eckarts, keine Transzendenz, sondern eine vielfältige Welt. Der Zen- Buddhismus ist beseelt von einem Urvertrauen ins Hier, von einem ursprünglichen Weltvertrauen…Das Zen Wort „Nichts Heiliges“ verneint jeden extraordinären, extraterrestrischen Ort. Es formuliert einen Rückschwung ins alltägliche Hier“. (s. 32 f.)

„Die Gottesvorstellung, die Meister Eckarts Mystik zugrunde liegt, ist dem Zen – Buddhismus, dieser Religion der Immanenz, grundsätzlich fremd“. (S. 26).

Abschied vom Gott der Macht

Das philosophische Wort zur Woche beruhigt nicht, es soll das Denken anstoßen, anstößig sein

Abschied vom Gott der Macht
Von Richard Rorty

Die allmähliche Entwicklung hin zu den sozialen Idealen der Aufklärung, die das Christentum im Laufe der letzten Jahrhunderte durchlebte, ist ein Zeichen dafür, dass die Anbetung des Gottes der Macht sich nach und nach abschwächte und allmählich durch die Anbetung des Gottes der Liebe ersetzt wurde. Mir stellt sich der Niedergang des metaphysischen Logos als ein Nachlassen der Intensität dar, mit der wir an Macht und Größe teilzuhaben versuchen. Der Übergang von der Macht zur Liebe und der Übergang vom metaphysischen Logos zum postmetaphysischen Denken sind beide Ausdruck der Bereitschaft, sein Glück in die eigene Hand zu nehmen, statt zu versuchen, der eigenen Endlichkeit zu entfliehen, indem man sich etwas Allmächtiges anschließt.

In: R. Rorty und G. Vattimo, Die Zukunft der Religion. Verlag der Weltreligionen, 2009, S. 68.

Gegen den stillen Völkermord

Das philosophische Wort zur Woche:
Gegen den stillen Völkermord

Die von der ARD veranstaltete „Woche des Essens“ ist beendet. Haben wir damit unsere Pflicht und Schuldigkeit getan? Sind wieder so genannte wichtigere Themen im Vordergrund? Aber gibt es etwas Wichtigeres, wenn heute mehr als eine Milliarde Menschen hungert? Es bleibt die Frage, wie Philosophien ihre kritische Kompetenz einsetzen und für die Überwindung des Hungers arbeiten/denken. Bisher ist Hunger noch kein philosophisches Thema. Liegt das an der traditionellen Beziehungslosigkeit zwischen Geist und Körper, Denken und Leib in der Philosophiegeschichte?
Jean Ziegler schreibt:
„Der Worldfood-Report“ stellt fest, dass die Weltlandwirtschaft beim gegenwärtigen Stand der Entwicklung der Produktionskräfte ohne Problem 12 Milliarden Menschen normal ernähren könnte. Wobei normal heißt, eine individuelle Tagesration von 2.700 Kalorien. Der tägliche STILLE VÖLKERMORD des Hungers, der sich in eisiger Normalität abspielt, ist keine Fatalität. Er ist von Menschen gemacht. Jedes Kind, jede Frau, jeder Mann, die an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen zu Grund gehen, werden ermordet.
Der Mensch allein ist das Subjekt der Geschichte, für die Philosophie der Aufklärung gibt es keine Naturgesetze des Kapitals. Jean Jacques Rousseau schreibt: =Zwischen dem Starken und dem Schwachen ist es die (willkürliche) Freiheit (des Stärkeren), die unterdrückt, und das Gesetz (das soziale Gesetz) ist es, das befreit=“.

Jean Ziegler in seinem Beitrag „Gier gegen Vernunft“ in dem Buch: „Tugenden und Laster“, Hg. vom ZDF Nachtstudio, 2004, Suhrkamp Vl, S. 249 und 252.

Philosophieren weltweit

Das philosophische „Wort zur Woche“: Alle Philosophien sind gleichberechtigt

— „Das philosophische Wort zur Woche“ ist keine erbauliche Sonntagsrede, sondern ein kurz gefasste Provokation, wieder nachzudenken und die Verunsicherung als den Weg zu neuer, aber wiederum nur vorübergehender Sicherheit zu verstehen—

„Philosophie gehört – wie die Kunst – zur conditio humana und ist in allen Kulturen anzutreffen. Die Philosophien der verschiedenen Kulturen sind dem Rang nach gleich und dem Inhalt nach verschieden. Jedenfalls ist keine Höherentwicklung von früheren zu späteren Philosophien und kein grundsätzliches Höher- oder Tieferstehen gleichzeitig nebeneinander bestehender Kulturen und ihrer Philosophien anzunehmen…Von europäisch – westlicher Seite aus erscheint für den Umgang der Philosophien verschiedener Kulturen miteinander der Weg von Dialogen am angemessensten zu sein, da der Dialog am stärksten Offenheit für den anderen und Gleichrangigkeit der verschiedenen Partner ermöglicht“ …Die eine Weltphilosophie gibt es nur im Chor der vielen Stimmen kulturspezifischer Philosophien“.

Der Philosoph Heinz Kimmerle, in seinem Buch „Interkulturelle Philosophie“, Junius Verlag, Hamburg, 2002, S. 80 und 128.

Das eigene Leben

Das philosophische Wort zur Woche

Das eigene Leben…

„Die wichtigste Aufgabe aber, die wir haben, ist für jeden die eigene Lebensführung. Denn ebendarum sind wir hier auf dieser Erde. ..Ich habe mich auf öffentliche Ämter einzulassen vermocht, ohne auch nur einen Fingerbreit von mir abzuweichen und mich anderen hingeben können, ohne mich preiszugeben“.

Michel de Montaigne, Essais, in der Übersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main 1998, S. 507.

Montaigne war einer der ersten Philosophen, die allen Wert auf die persönliche Lebensführung legten, auf das Ablegen von Schablonen und Masken….

Kant und die „wahre Religion“

Philosophisches Wort zur Woche:
Kant und die „echte Religion“

„Der Kern echter Religion besteht für Kant gemäß den bereits im Buch „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ erarbeiteten Thesen ganz einfach im guten Lebenswandel; die Menschen, die so lebten, machten eine unsichtbare Kirche aus, die allein die wahre allgemeine Kirche sein könne. Sonst sei alles bloß Lohnglaube, Aberglaube, Frondienst an einem Gott, den man sich naiverweise nach dem Bild eines irdischen Herrschers vorstelle, der vorrangig Zeremonien und Unterwürfigkeit verlange. Sämtliche Forderungen und historischen Bräuche seien frommes Spielwerk und Nichtstuerei, alles Ersatztätigkeiten, die sich leichter vollziehen ließen als das tugendhafte Handeln. Der radikale Humanist Kant verwirft die gesamten christlichen Praktiken als Ablenkungen von der wahren Religion“.

So schreibt Terence James Reed in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Mehr Licht in Deutschland“. Eine kleine Geschichte der Aufklärung. Becksche Reihe, 2009, S. 152 über Kant, bezogen auf dessen Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“.

Erasmus kontra Luther

Erasmus kontra Luther

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon wird immer wieder auf entscheidende Diskussionen zwischen Theologen und Philosophen hingewiesen. Eine für die „lutherische Welt“ alles Weitere prägende Debatte fand im 16. Jahrhundert statt zwischen Luther und Erasmus. Religionspolitisch hat sich Luther gegen über dem mehr philosophisch argumentierenden Erasmus durchgesetzt; der Hinweis auf diese Debatte ist deswegen von besonderer Dringlichkeit: Denn sie berührt den Kern lutherischen Denkens, von besonderer Aktualität angesichts der bevorstehenden bzw. längst begonnenen Feierlichkeiten und „Gedenkveranstaltungen“ zum großen Luther Jubiläum 1517 (500 Jahre „The­sen­an­schlag“) in Wittenberg und anderswo.

Luther wurde zu recht als Befreier begrüßt im Hinblick auf die persönliche Glaubensentwicklung des einzelnen, die Bibelübersetzung und die Überwindung der Bindung ans Papsttum. Aber in einem zentralen Aspekt ist die theologische Überzeugung Luthers höchst und äußerst problematisch: Darauf weist der Philosoph Kurt Flasch in seinem äußerst lesenswerten Buch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008) hin (S. 248 ff):

„Erasmus brach mit Luther, denn er hielt (im Gegensatz zu Luther) die Willensfreiheit für die Voraussetzung aller Moralität und aller Religion. Als Philologe und Kenner des Neuen Testaments stellte Erasmus klar, dass der Wortlaut der Schrift die radikal – antihumanistische Interpretation Luthers nicht erzwinge…Angesichts der Erbsündenlehre Luthers verweist Erasmus darauf: Ein Gott, der so wahllos straft und grundlos vernichtet, verliert alle ethischen Prädikate, er wird zum Ungeheuer… Genau genommen sprach Luther nicht einfach von der „Schwäche“ unserer Vernunft, er sah sie im Besitz des Satans“, soweit Kurt Flasch.

Wir sind gespannt, wie sehr es den Jubiläumsfeierlichkeiten zu 2017 gelingt, die kritische Distanz zu Luther auszubauen. Bezeichnend und sympathisch und äußerst bedenkenswert für eine tiefere und menschliche Spiritualität finden wir einen Hinweis von Kurt Flasch (S. 251): „Nach Egon Friedell war Luthers Reformation Mönchsgezänk im Vergleich mit der intellektuellen Revolution Meister Eckharts“. Mit anderen Worten: Wie hätte sich der christliche Glaube, wie hätten sich die christlichen Kirchen entwickelt, hätte sich Meister Eckhart im 13. Jahrhundert durchgesetzt mit seiner Überzeugung: Der unbegreifliche Gott als Geheimnis zeigt sich in Geist und Seele eines JEDEN Menschen ohne die Notwendigkeit einer „Vermittlung“ durch kirchliche Institutionen. Die Frage „Was wäre wenn“ ist natürlich müßig, aber sie verweist erneut auf die absolute Zeitgebundenheit (und deswegen wohl auch Überwindbarkeit) des Denkens Luthers an dieser Stelle…

Ewiges Leiden? Zum 150. Todestag von Arthur Schopenhauer

Das philosophische Wort zur Woche:
Ohne Illusionen leben
Anlässlich des 150. Todestages von Arthur Schopenhauer am 21. Sept. 2010.

Philosophie ist (zumeist) wahrhaftig, sie kann schönen Schein und leere Verströstungen nicht ertragen. Sie sagt oft Verstörendes, manchmal Verwirrendes, vielleicht kann gerade in der Erschütterung ein anderes, ein „reiferes“ Leben möglich werden. Der Philosoph Arthur Schopenhauer kann mit seinen Erkenntnissen erschüttern.

„Schopenhauer zielt aufs Prinzipielle, auf einen gänzlich dunklen Seinsgrund. Im Widerspruch zur abendländischen Tradition erklärt er: =Das Sein ist nicht das Gute, wie es seit Platon die Metaphysik will. Das Wahre ein ist vielmehr das Leiden=. Glück gibt es, jedoch nur episodisch. Das Leiden aber, so lautet Schopenhauers negative Ontologie, bleibt fatal unnachgiebig, der Schmerz penetrant. =Denn alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht. Darum wäre es besser, dass nichts entstünde“, wie Schopenhauer mit Goethes Mephistopheles sagt. Konsequent wird der alte Gott, dem selbst die Theodizee der Leibnizschen Aufklärung nicht mehr aufhelfen konnte, als der angebliche Schöpfer aller guten Dinge aus der verpfuschten Welt verjagt…..
Soweit ein Text von Lüdger Lütkehaus. „Die Zeit“, vom 26. August 2010, S. 18.

Schopenhauer gehört zu den Philosophen, die aus dem eigenen Erleben ihre eigene Philosophie entwickelten, diese Grundlagen des Selbst Erlebten wird man nicht mit allgemeinen und abstrakten Erkenntnissen und Prinzipien kritisieren können. Dennoch bleibt die Frage: Ist der Lebenselan nicht doch größer als die Einsicht ins Negative, ins Leiden? Offenbart nicht Leiden immer auch diese die Dimension: So sollte es eigentlich nicht sein? Verhüllt diese Sehnsucht nur das andere, das „glückliche“ Leben? Welche prägende Bedeutung haben denn die „episodischen“ Glücksmomente? Sie sind doch offenbar keine Illusion? Sollten diese Glücksmomente nicht „eigentlich“ sein? Gibt es das Göttlich Gute und Göttlich Schöne nur in der Weise der Sehnsucht?

Die Beziehung zum Geheimnis – das ist Religiosität. Albert Einstein

Das philosophische Wort zur Woche am 12. 9. 2010

Albert Einstein. Über das Geheimnisvolle im Leben

„Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferem Streben, Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erscheint, da ist Religiosität. In diesem Sinne bin ich religiös. Es ist mir genug, dies Geheimnisse staunend zu ahnen und zu versuchen, von der erhabenen Struktur des Seienden in Demut ein mattes Abbild geistig zu erfassen“.

Albert Einstein sprach diese Sätze eines längeren Textes für die Deutsche Liga der Menschenrechte im September 1932. Der Text trägt den Titel: „Mein Glaubensbekenntnis“.
Philosophisch interessant ist vielleicht der Hinweis, dass diese Äußerungen diskussionswürdig erscheinen, weil sie Albert Einstein formuliert hart. Sie sind aber von tausenden Ungenannten und Unbekannten in ähnlicher Form immer wieder formuliert worden. Aber sie finden Beachtung, weil sie „von Einstein stammen“. C.M.

Menschenrechte sind keine “exklusiv christlichen Werte”: Das “Wort zur Woche”

„Worte zum Sonntag“ haben eine lange Tradition, sie pflegen die Erbaulichkeit, sind meist auf biblische Traditionen bezogen, wollen den Glauben wecken.
Die neue Serie „Das philosophisches Wort zur Woche“ will nicht Erbaulichkeit, sondern Denken und Dialog, Kritik und Selbstkritik fördern. Es werden meist knappe Texte von Philosophen oder philosophierenden Wissenschaftlern vorgestellt, Texte, die hoffentlich provieren, zur positiven Verunsicherung führen.

Die Menschenrechte sind universal
„Die Behauptung, die Menschenrechte seien quasi kulturgenetisch im Abendland verankert, ist historisch unsinnig. Historisch entstanden sie zwar erstmals im Westen, entscheidend ist aber das in dieser Geschichte Erlernte. Dieses ist durchaus auch übersetzbar in andere Kontexte und Konflikte. Deshalb geht es weder darum, ein spezifisches Kulturgut des Westens zu verteidigen, noch darum, ein solches quasi als Implantat in fremde kulturelle Kontexte zu übertragen. So ist es auch schlichter Unsinn, die Menschenrechte als exklusiv christliche Werte zu verkaufen. Das kann nur, wer von der Kirchengeschichte, nämlich dem heftigen Widerstand der Kirche gegen die Menschenrechte nichts weiß. Den Ursprung der Menchenrechte bilden vielmehr geschichtliche Unrechtserfahrungen…es gibt keineswegs eine eherne Unvereinbarkeit dieser Werte aufgrund unterschiedlicher Kulturen. Es geht bei den Menschenrechten immer um mühsame, noch nicht abgeschlossene Lernprozesse, hinter denen als Triebkraft letztlich Unrechtserfahrungen stehen. Übrigens: Die Kenntnisse zu den Menschenrechten sind in Deutschland schlicht mangelhaft – selbst innerhalb der juristischen Zunft“.
Der Rechtsphilosoph Heiner Bielefeldt, in: Herder – Korrespondenz, Freiburg, 2004, Seite 558.