Wenn die Kirche einen Tyrannen liebt: Ein Hinweis auf die Geschichte der Dominikanischen Republik

Am 30. Mai 1961 wurde Rafael Leonidas Trujillo, Dominikanische Republik, erschossen.
Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 29.5.2011.

Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, gestorben am 13.4.2025 , hat auch den vielfach beachteten Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ verfasst (2000, auf deutsch 2001), in dem die politischen Verhältnisse unter dem Diktator Rafael Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik beschrieben werden. Wir haben 2011 einen Beitrag veröffentlicht – anläßlich der Ermordung Trujillos fünfzig Jahre zuvor -, einen Beitrag, der sich vor allem mit der merkwürdigen, d.h. skandalösen Beziehung des Diktators Trujillo mit der katholischen Kirche, auch mit dem Vatikan, befasst. Dies als ein Beispiel für die Verbundenheit des Vatikans unter Papst Pius XII. mit  rechtsextremen Diktaroren, wenn sie denn nur heftig antikommunistisch sind und nach außen hin alles tun, um die katholische Kirche im Land zu fördern. Kircheninteressen sind wichtiger als Menschenrechte, war das Motto, dem Papst Pius XII. schon im Umgang mit Hitler folgte.

1.

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist immer Raum für Religionskritik. Und manchmal reicht es aus, anlässlich von „Gedenktagen“ an Tatsachen und Zusammenhänge zu erinnern, die z.B. die enge Verquickung von diktatorischen Regimen mit den Religionen bzw. Kirchen aufzeigen. Etwa die äußerst freundschaftliche Beziehung zwischen der katholischen Hierarchie sowie den meisten Priestern in der Dominikanischen Republik mit dem Regime des Diktators Rafael Trujillo. Er beherrschte das Land von 1930 bis zu seiner Ermordung am 30. Mai 1961. Er wird in Publikationen aus der Dominikanischen Republik heute meist „Tyrann“ genannt, ein Titel, der an die übelsten römischen Willkürherrscher der Kaiserzeit erinnert… In dem dokumentarischen Roman von Vargas Llosa „Das Fest des Ziegenbocks“ wird anschaulich ein Eindruck geboten von den Lebensumständen zur Zeit des Diktators, vor allem in den letzten Wochen vor seinem Tod.

2.

Die Erinnerung an Trujillo ist aus mehreren Gründen wichtig:
Viele Millionen Touristen haben die Dominikanische Republik in den letzten 30 Jahren besucht; die Kenntnis der Geschichte dieses Landes zu vertiefen scheint deswegen eine Notwendigkeit zu sein.
Für religionskritische Fragestellungen ist der Zusammenhang zwischen der Trujillo Diktatur und der Katholischen Kirche des Landes bzw. des Vatikans hoch aktuell, weil dort eine Art Musterbeispiel erlebt werden kann, wie die katholische Kirche bzw. der alles bestimmende Vatikan/Papst einen Diktator duldet und ihn sogar jubelnd unterstützt aus dem einzigen Grund, weil dieser sich finanziell äußerst großzügig gegenüber der Kirche als Institution verhält. Hinzukommt, dass die kirchliche Überzeugung, der Kommunismus sei der allerböseste Feind, das Interesse gefördert wird, einen sich extrem antikommunistisch gebenden Tyrannen zu unterstützen.
So war der Katholizismus in der Dominikanischen Republik damals „doppelt“ gläubig; er glaubte an die Macht seiner immer weiter auszubauenden Institution – selbst mit Geldern des Tyrannen – und er glaubte, dass der Kommunismus der böse Feind sei.

3.

Wir erinnern an einige Fakten:
Rafael Leonidas Trujillo Molina (geb. 1891) war unstrittig einer der extrem brutalen und in vielfacher Hinsicht „gerissenen“ Diktatoren Lateinamerikas; sein Geheimdienst und sein Spitzelwesen haben wahrscheinlich weitere Diktatoren inspiriert…Trujillo betrachtete die Dominikanische Republik als seinen Privatbesitz; die „demokratischen Institutionen“ waren nichts als Kulisse; Menschrechte galten nichts, Oppositionelle wurden verfolgt und bestialisch ermordet; der Diktator beanspruchte den „Zugriff“ auf jede Frau seiner Wahl; die Presse war gleichgeschaltet, das Volk musste diesem grausigen „Benefactor“, dem sich Wohltäter nennenden Herrscher, zujubeln; beinahe jeder Tag des Jahres war ein Gedenktag der Familie Trujillo, die Hauptstadt Santo Domingo wurde nach seinem Namen umbenannt.
Er war nicht nur ein Freund General Francos, sondern auch respektiert von westlichen Politikern, weil er dem Credo der Zeit entsprach, den Kommunismus als den teuflischen Feind schlechthin ausrotten zu wollen. US – amerikanische Politiker unterstützten ihn und er bot ihnen Unterstützung an. Kardinal Spellman (New York) lobte ihn öffentlich in höchsten Tönen. Mit dem Vatikan (Pius XII.) schloss Trujillo am 16. 6.1954 ein Konkordat, Papst Pius XII. empfing ihn persönlich; das Konkordat erklärte den Katholizismus zur offiziellen Religion.

4.

Es ist Ausdruck für Naivität und Dummheit  auch in den „theologischen und kirchenrechtlichen Studien“ in Deutschland, wenn etwa Pater Josef Funk SVD in seinem Buch „Die Religion in den Verfassungen der Erde“ (1960, Kaldenkirchen) auf Seite 135 voller Lob das Konkordat des Vatikans mit dem Diktator Trujillo bewertet:  „Das Konkordat ist ein wahres Musterbeispiel dafür, wie einträchtig Kirche und Staat miteinander verkehren und wie sie zusammenarbeiten können zum Besten des Volkes“. Pater Funk war Jahre lang, bis ca 1975  Dozent, aber „Professor“ genannt an der Ordenshochschule St. Augustin bei Bonn. Ein Foto dokumentiert die Privataudienz, die Pius XII. dem Diktator Trujillo am 16. 6. 1954 gewährte anläßlich der Konkordatsunterzeichnung: LINK:

5.

Vor dem Konkordatsabschluß im Vatikan hatte Trujillo seinen Freund Franco in Spanien besucht, dort erklärte er feierlich: Das dominikanische Volk gehöre zur spanischen Rasse, es sei dadurch zutiefst mit dem katholischen Europa verbunden. Damit grenzte er sich von den „Negern“ im Nachbarland Haiti ab. Dieser Rassismus, diese abgründige Verachtung der Schwarzen, wurde zur volkstümlichen nationalen Ideologie, die das Denken vieler Politiker und so genannter Eliten, aber auch des „einfachen Volkes“ dort bestimmt. So wird den in der Dominikanischen Republik geborenen Haitianern bis heute die gesetzlich zustehende dominikanische Staatsbürgerschaft nicht zuerkannt… „Noch immer kommt es vor, dass Kindern (haitianischer Eltern) in der Dominikanischen Republik die Taufe verweigert wird, damit nicht mit der Taufurkunde die Tür zur Staatsbürgerschaft geöffnet werden könnte“, schreibt Michael Huhn, ein Kenner der Verhältnisse.

6.

Als Trujillo 1930 die Macht übernahm, war die katholische Kirche institutionell und personell äußerst schwach. Der Diktator förderte von Anfang an den Klerus, um im Land Schulen zu errichten; er brauchte die Kirche insgesamt, damit sie in Predigten und caritativen Projekten die Einheit der Nation fördere. Gerade im Grenzland zu Haiti (etwa in Dajabon) setzt er seit 1936 Jesuiten ein, damit sie die „spanische Kultur“ dort verteidigen gegen die ungebildeten „Neger“ im Nachbarland Haiti. Bezeichnenderweise hielt der Diktator dort am 2. Oktober 1937 die Rede, in der die „Bereinigung der Lage“ angekündigt wurde, einen Tag später begann der Massenmord an mindestens 18.000 Haitianern… Die Kirche in der Dominikanischen Republik „bedauerte diese Ereignisse und rief diffus zur Vergebung auf, „als ob nicht klar gewesen wäre, wer Opfer war und wer Täter“, schreibt der Kenner des Landes, der Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks ADVENIAT Michael Huhn.

7.

Trujillo ließ es sich nicht nehmen, jede große „kulturelle“ Propaganda – Festivität mit einem Segen des Klerus zu krönen. Er förderte den Bau eines Priesterseminars, „um einen Klerus heranzubilden, der den Kommunismus bekämpft“. Trujillo kümmerte sich persönlich um den Bau des neuen Marienwallfahrtsbasilika „Alta Gracia“ in Higüey, die allerdings erst 1971 eingeweiht wurde, aber er finanzierte den massiven Betonklotz (französischer Architekten), der heute noch von Touristen besichtigt, vor allem aber von frommen Katholiken aus der ganzen Karibik besucht wird.
Der Jesuit Oscar Robles Toledano, Vizerektor der Universität von Ciudad Trujillo und enger Vertrauter Trujillo, wurde 1953 sogar als Mitglied der dominikanischen Delegation zur UNO entsandt; Erzbischof Ricardo Pittini aus dem Salesianerorden (seit 1935 in Ciudad Trujillo) wagte es nie, eine Stimme des Protests in der Öffentlichkeit gegen das brutale Regime zu erheben. „Pittinis öffentliches Verhalten war von totaler Unterwerfung unter die Diktatur geprägt und darüber hinaus lobte er den Diktator öffentlich“, schreibt der Politologe Jesus de Galindez, er wurde nach der Veröffentlichung seiner kritischen Studien vom Diktator umgebracht…
Wer noch einen Rest Glauben sich bewahrt hatte, wurde von dem gleichgeschalteten Klerus enttäuscht.
Dass die Katholische Kirche heute im Land wenig enthusiastisch ist, keine Theologen der Befreiung kennt, rührt von dieser tiefen Entfremdung zwischen den Menschen und der Kirche aus dieser Zeit…

8.

In dem Konkordat verpflichtete sich die Kirche, sonntags in jeder Messe zu beten: „Herr, schütze die Republik und seinen Präsidenten“ (Artikel 26, Protokoll). Katholischer Religionsunterricht wurde nun in allen Schulen obligatorisch; andererseits wurde es der Kirche zugestanden, aus eigener Entscheidung auch ausländische Priester ins Land zu holen. Dadurch hatte sie sich einen letzten Freiraum bewahrt.
Es waren ausländische Priester, Spanier und US Amerikaner, die dann 1960 massiv das Regime kritisierten. Der angeblich so fromme Diktator versuchte, die endlich einmal aufmüpfigen Bischöfe von La Vega und San Juan aus dem Wege zu schaffen. Sie hatten vor allem dafür gesorgt, dass am 25. Januar 1960 von den Kanzeln aller Kirchen ein Hirtenbrief verlesen wurde: Er erinnerte nach dreißig Jahren kirchlichen Schweigens an die Menschenrechte .“Obwohl die Regierung in dem Hirtenbrief mit keinem Satz erwähnt wurde, verstanden die Gläubigen die Kritik“, schreibt Michael Huhn. Als sich allerdings danach der Konflikt zuspitzte, bekamen sie es dann doch mit der Angst zu tun: In einem Brief vom 10. Januar 1961 boten sie dem Diktator als Versöhnungsgeste an, „die Priester aufzufordern, sich nicht weiter zu politischen Fragen zu äußern“, schreibt Michael Huhn, sofern dadurch die Attacken des Diktators auf den Klerus unterbleiben…Diese Ängstlichkeit konnten viele progressive Priester der Hierarchie kaum verzeihen…

9.

Aber als dann nach der Ermordung des Tyrannen in freien Wahlen der eher linke Politiker und Schriftsteller Juan Bosch zum Präsidenten gewählt wurde, unternahm die Hierarchie alles, um ihn als kommunistische Gefahr zu diffamieren. “Noch mehr Ärgernis erregte, dass viele Priester ankündigten, allen Anhängern Juan Boschs die Absolution in der Beichte zu verweigern“, schreibt Michael Huhn…Der Schatten der Tyrannei bestimmte noch Jahre kirchliches Handeln. An einer „Aufarbeitung“ der Vergangenheit zeigt sich die Kirche kaum interessiert… Nach einer nur 8 Monate dauernden Regierungszeit wurde Juan Bosch, auch mit Hilfe des CIA, im September 1963 gestürzt. Ein alter Vertrauter des Tyrannen, Joaquin Balaguer, ein frommer Katholik und Antikommunist, übernahm dann viele Jahre die höchste politische Verantwortung…

10.

30 Jahre lang hat die Kirche der Dominikanischen Republik geschwiegen; sie hat sich unter Trujillo recht wohl gefühlt, weil er den Klerus reich beschenkte, ständig neue Kirchen baute und kirchliche Bildungszentren finanzierte. Bei so viel Wohlwollen war die Kirche bereit zu schweigen, mehr noch: Entgegen aller sonst geltenden rigiden Moralvorstellungen drückten die Bischöfe alle Augen zu, wenn der Diktator seine dritte Ehe nach der Scheidung kirchlich feiern wollte. Und des Diktators unehelichen Kinder wurden kirchlicherseits nicht, wie damals sonst üblich, ausgegrenzt, sondern gefeiert.
Erst als sich weltweit die Stimmung gegen Trujillo drehte, zog die Kirche bzw. der Vatikan mit und entdeckte das Eintreten für die Menschenrechte (auf einmal) als göttliche Pflicht.
Ohne eine Revolution des Denkens, die ein Papst, in dem Fall Johannes XXIII., vollzieht und auch gegen Widerstände durchsetzt, ändert sich nichts Grundlegendes in der römischen Kirche weltweit…

11.

Am 30. Mai 2011 wurde in der Altstadt von Santo Domingo endlich ein Museum eröffnet, das den Widerstand gegen die Trujillo Tyrannei dokumentiert. Es handelt sich um das „Museo Memorial de la resistencia dominicana“, es befindet sich in der Calle Arzobispo Nouel 210, und ist immer dienstags bis sonntags von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet; Luisa de Peña Díaz ist die Direktorin des Museums. Dort sind zahlreiche Dokumente des Widerstands gesammelt, es zeigt u.a. die berüchtigte Folterkammer „La 40“ in dem Gefängnis des Tyrannen, es bietet ein Verzeichnis von 50.000 Opfern aus dieser Zeit. Die dominikanische Regierung hat das Museum zusammen mit 5 privaten Stiftungen finanziert. 50 Jahre nach dem Tod Trujillos kann eine Zeit der kritischen Besinnung weiter gefördert werden. Ob die Rolle der Kirche dabei kritisch zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten.
Jedenfalls wurde eine staatliche Kommission gebildet, die bis zum Jahr 2012 verschiedene Veranstaltungen organisiert, um vor allem den Schülern und Studenten die Zeit der Tyrannei nahezubringen, „denn sie ist der Ausgangspunkt der dominikanischen Demokratie“, sagte Eduardo Diaz, der Präsident der „Stiftung 30. Mai“. Er sprach an dem „Monumento a los Heroes del 30 de Mayo“, und nannte den Tag der Auslöschung des Tyrannen „la noche luz“, „die Licht Nacht“.

Literaturhinweise:
Der Beitrag von Michael Huhn erschien in dem Buch „Kirche und Katholizismus seit 1945“, Band 6: Lateinamerika und Karbik, 2009, Schöningh Verlag, dort die Seiten 229 bis 247.

Jesús de Galindez, La era de Trujillo, Editorial Americana, Buenos Aires, 1958.
Der baskische Hochschullehrer Galindez wurde von Mitarbeitern Trujillos (in Zusammenarbeit mit dem CIA) in New York entführt, in Santo Domingo wurde er, der Oppositionelle, den Haien zum Fraß vorgeworfen. Er gilt noch heute als „verschwunden“. Manuel Vaszquez – Montalban hat über Galindo einen Roman verfasst.

Wir empfehlen außerdem den dokumentarischen Roman von Julia Alvarez, einer Dominikanerin, die in den USA lebt, über die vier Schwestern Mirabal, die sich dem Widerstand gegen Trujillo widmeten und dabei ihr Leben riskierten. Auf Deutsch erschienen im Piper Verlag. Nur eine der Schwestern überlebte den Widerstand. Der Titel: „Die Zeit der Schmetterlinge“.

Hulio Rodriguez Grullon, Trujillo y la Iglesia, Santo Domingo 1991

Jose R. Cordero Michel, Analisis de la era de Trujillo, Santo Domingo 1999.

Lauro Capdevilla, La dictatura de trujillo, Santo Domingo 2000. (aus dem Französischen übersetzt, dort bei Harmattan).

Esteban Rosario, Iglesia catolica y oligarchia, Santiago de los Caballeros, 1991.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Salon Kultur wieder beleben

Die Salon Kultur wiederbeleben – auch im Radio.

Kann ein Gespräch im „Salon“ 26 Minuten dauern?
Wir machen das Experiment im RBB, in der Redaktion Religion. Und es scheint erfolgreich zu sein, was das große Interesse der HörerInnen angeht. Die Sendungen wurden immer Sonntags um 9.04 bis 9.30 Uhr im Kulturradio des RBB ausgestrahlt.
Seit 2007 versuche ich, Philosophen oder Theologen im Radio als Gastgeber zu präsentieren; sie lassen sich von kompetenten Gesprächspartnern in einen Dialog verwickeln. So wird ein kleiner Ausschnitt philosophischen Denkens und theologischen Fragens hörbar, es werden Perspektiven gezeigt, weiter an dem Thema „dran zu bleiben“.

Die Gastgeber der bisherigen Radio – Salons:
– Michel de Montaigne, 2007
– Georg W.F. Hegel, 2008
– Martin Heidegger, 2009
– Immanuel Kant, 2010
– Friedrich Schleiermacher, 2010
– Rudolf Bultmann, 2011

Manuskripte können bestellt werden:
religion@rbb-online.de
Redaktion: Anne Winter.

„Das echte Leben“. Monat der Philosophie in Holland

Was ist das „echte, das authentische Leben“?
Zum 10. Mal findet in Holland der „Monat der Philosophie“ statt.
Alle Freundinnen und Freunde der Philosophie können aufatmen: Während in Deutschland die Philosophie und das Philosophieren gesellschaftlich immer noch ein eher marginales Dasein fristen, trotz einiger „philosophischer Praxen“ und einiger philosophischer Cafés: In Holland sind die Menschen von der Philosophie begeistert. Immer mehr Verlage drucken philosophische Bücher; die sehr ansehnliche Monatszeitschrift „filosofie magazine“ erscheint nun schon im 20. Jahr und hat eine Auflage von 17.000 Exemplaren, das ist für den relativ kleinen Leserkreis der Niederlande (16 Millionen Einwohner) sehr beträchtlich. Zur „Nacht der Philosophie“ im klassischen Kulturzentrum „Felix Meritis“ in Amsterdam kamen am 8. April 800 Teilnehmer zusammen, junge und ältere Menschen, in Holland geborene „Autochthone“ wie auch viele Menschen anderer Kulturen. Gäste waren u.a. Peter Bieri, Berlin und Susan Neiman, Direktorin des Einstein – Forums Potsdam. Von abends um 8 bis bis nachts um 2 wurde diskutiert und nachgedacht; ab Mitternacht sorgten Musiker für eine Auflockerung des Denkens. Der finanzielle Rahmen für solche äußerst erfolgreichen Termine scheint gesichert zu sein: In jedem Jahr wird ein eigens geschriebener philosophischer Essay unters Volk gebracht, in diesem Jahr hat die junge Philosophin Stine Jensen ein äußerst anregendes Buch über Intimität und Freundschaft durch „facebook“ geschrieben, „Echte Vrienden“ ist der Titel des 122 Seiten umfassenden Buches, es liegt stapelweise in den Buchhandlungen und kostet nur 4, 95 Euro. Im ganzen Land finden insgesamt 200 philosophische Veranstaltungen im April statt, die Themen sind alles andere als abstrakt und verstaubt, es geht um Philosophie und popmusik, um Wahrheit und Lüge, die Auseinandersetzung mit dem Tod, Philosophie und Arbeit usw… Oft sind philosophische Cafés die Träger dieser Initiative, wie etwa die Gemeinde der protestantischen freisinnigen Kirche der Remonstranten in Haarlem, die allein vier Veranstaltungen im April anbieten. Der Philosoph Marc de Kesel diskutierte dort z.B. über die Notwendigkeit des Zweifels in jeder monotheistischen Religion. Vor 10 Jahren hat dieser Monat der Philosophie bescheiden gestartet, heute ist er aus dem kulturellen Leben in Holland nicht mehr wegzudenken. Der Erfolg verdankt sich einer kleinen, energischen Gruppe von Philosophen, die das Denken aus dem Elfenbeinturm der Universitäten befreien wollen. Sie haben Erfolg gehabt! Sie haben eine Stiftung gegründet, die ohne öffentliche Unterstützung auskommt. Den diesjährigen Preis im philosophischen Monat erhielt der Philosoph Hans Achterhuis (Universität Twente), vor allem als Anerkennung für sein neuestes Buch: „De utopie van de vrije markt“. (Die Utopie vom freien Markt).

Siehe www.filosofiemagazine.nl
www.maandvandefilosofie.nl

„Wo war Gott in Japan am 11.März ?“

Im „Philosophischen Wort zur Woche“ diesmal einige Reflexionen aus aktuellem Anlaß. Von Christian Modehn.
„Wo war Gott in Japan am 11. März 2011?“
Als Motto für diese Überlegungen wurde am 23.3. 2011 noch ein Satz des Sozialphilosophen Oskar Negt eingefügt, aus einer Rede, die er anläßlich der Verleihung des „August Bebel Preises“ am 21. 3. in Berlin hielt. Oskar Negt sagte:
„Fortschritt heißt heute, sich einem verhängnisvollen Lauf in den Weg zu stellen, die Notbremse zu ziehen“.

Im religionsphilosophischen Salon wird die Frage diskutiert, in welcher Weise das Erdbeben in Japan mit dem Tsunami und der AKW Katastrophe (am 11. 3. 2011) auch ein philosophisches Thema ist. Hat die Katastrophe etwas mit der klassischen philosophischen „Theodizee“ zu tun?
Wahres Philosophieren ist immer auf gegenwärtige Ereignisse bezogen. Denn das grundsätzliche Nachdenken stellt sich JETZT ein und verlangt Aufklärung, so sehr auch Philosophen gern den (abschließenden?) Überblick behalten und die „Eule der Minerva“ lieben, die in der Dämmerung aufsteigt, wenn die Ereignisse in weiterer Ferne sind (Hegel liebte dieses Bild).
Ein katastrophales Erdbeben war schon einmal Thema der Philosophie: Das große Erdbeben von Lissabon (1755) nahmen auch prominente Philosophen zum Anlass, ihre Philosophie der kritischen Aufklärung zu vertiefen und auch unters Volk zu bringen; bestes Beispiel dafür ist der Roman „Candide“ von Voltaire (1759). Darin wird mit der populären Vorstellung (von Leibniz entwickelt) abgerechnet, die Menschen „lebten in der besten aller denkbaren Welten“.
Nach dem Erdbeben von Lissabon hat die Philosophie der Aufklärung einen neuen Schwung erhalten, bis hin zur Überzeugung Kants, von Gott und seinem Verhalten zur Welt nichts wissen zu können (was für Kant nicht heißt, dass wir darüber nicht vernünftig denken (!) können). Aber Kant überließ die Verdeutlichung dieser Fragen der Welt des Glaubens (die freilich auch von gewissen Grundregeln der Vernunft strukturiert sein muss, will sie sich nicht lächerlich machen).
Das Thema bleibt: Was ist das für ein Schöpfergott, der solche Naturkatastrophen mit so vielem Leiden zulässt?
Der Philosoph Theodor W. Adorno dachte auch zeitbezogen, als er im Blick auf eine von Menschen (!) angerichtete Katastrophe, auf den Holocaust, meinte: Dieser würde eine grundlegende Transformation der Philosophie bedeuten. Seine „Negative Dialektik“ (1966) ist von dieser Stimmung geprägt.
Selbst in der Theologie wird jetzt oft der Topos „nach Auschwitz“ verwendet, etwa von J.B. Metz; eine konkrete, spürbare und deswegen schmerzhafte Umstellung der Kirchen zugunsten der Leidenden und der neuen „Holocausts“ (vom Westen zugelassenes Hungersterben z.B. in Darfur, in Ruanda usw.) hat freilich nicht stattgefunden. „Nach dem Holocaust“ blieb ein hübscher Topos für Sonntagsreden und Dissertationen.
Welche Perspektiven kann denn das Philosophieren bieten angesichts der Natur – Katastrophe und der Atom Katastrophe in Japan vom 11. März 2011?
Bleiben wir bei dem Erdbeben und dem Tsunami:
Alles Denken muss „unten“, beim Menschen, beim Selbstbewusstsein des Subjekts, ansetzen. Wir können doch nicht bei irgendwelchen Eigenschaften des himmlischen Gottes beginnen und ihn mit seiner Welt konfrontieren, das wäre obsolet.
Es ist also unsinnig, von vornherein den Topos der „gütige Gott“ ins Feld zu führen und ihn mit der Katastrophe unmittelbar zu konfrontieren: „Wo war Gott in Japan am 11. 3. 2011?“ ist also eine dumme, weil unvernünftige Frage. Sie kann nur von den einzelnen Betroffenen je für sich persönlich beantwortet werden.
Philosophisch gilt: Wer bei der Selbstreflexion des einzelnen ansetzt, muss zuerst feststellen: Das Subjekt selbst und die ihn umgebende Welt, ja die Welt im ganzen, sind endlich, sind begrenzt, sind unvollkommen. Wir leben definitiv in einer unfertigen und einer nicht restlos beherrschbaren Welt. Die von uns erkannten Naturgesetze gelten offenbar nur für einen begrenzten Rahmen, nicht aber für die Berechnung und Abwehr von Erdbeben und Tsunamis.
Den Gedanken an Gott gilt es in diesem Zusammenhang immer noch fernzuhalten.
Diese unvollkommene und endliche Welt ist die Basis für alle weiteren philosophischen Reflexionen. Diese Situation hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis des Menschen: Seine Autonomie, also Selbstbestimmung, ist begrenzt. Es wäre aber ein Fehlschluss, häufig von Frommen propagiert, nun gegen jegliches Bemühen um die begrenzte Autonomie zu verteufeln.
In den verschiedenen religiösen Texten haben Menschen vor vielen hundert Jahren ihre Träume und Visionen zur Weltschöpfung durch einen Gott oder Götter niedergeschrieben und diese Texte wurden dann von den religiösen Führern Gottes Wort genannt, diese religiösen Führer beanspruchen, diese Texte authentisch zu interpretieren. Diese Texte über den guten Gott und die böse Welt sind poetische Texte und sollten als solche behandelt werden, auch in historisch –kritischer Methode. Es wäre deshalb ein Wahnsinn, im Gefolge unmittelbar verstandener religiöser poetischer Texte das Erdbeben am 11. 3. 2011 eine Strafe Gottes zu nennen.
Grundlegend gilt: Diese frommen Texte können philosophisch kein Leitfaden sein. Einzelne Menschen mögen in diesen Texten ihre private Befriedigung und ihren privaten Trost durchaus finden. Sie sollen ihren privaten Glauben aber nicht als Welt-Auslegung für alle verkaufen.
Zu den AKW Katastrophen am 11. 3. 2011 und danach:
Es gibt allerdings die Möglichkeit, dass die Macht der kritischen Vernunft unterschätzt wird und nicht zur vollen Entfaltung gelangt. Im Falle enthusiastischer AKW Bauten spielt offenbar die kritische Vernunft keine große Rolle. Die grundsätzliche Bedrohung durch AKWS wird überspielt und verdrängt.
Konkret: Die Warnungen eines breiten Stroms kritischer Wissenschafter vor AKWS wurde nicht respektiert, ja selbst als unvernünftig zurückgewiesen von der Lobby der AKWS.
Sie woll(t)en ausschließlich ihren Profit machen. Der Gedanke des permanenten Fortschritts und des permanenten Wirtschaftsbooms dank AKWs wurde von weiten Kreisen konservativ Gesinnter unbefragt als der „allgemeine Glaube“ übernommen. Es wurde die fast religiös gefärbte Ideologie des permanenten Wachstums wie ein heiliges Dogma, wie ein Gott, verehrt. Man denke an die „Wallfahrten“, die stolze Franzosen gern zu ihen AKWS unternahmen…
Philosophie „nach Japan am 11. 3. 2011″: Sie muss also die Götter des Wachstums kritisieren.
Und die vielen Leidenden, die Opfer, die Verstrahlten? Was hat das Philosophieren denen zu sagen?
Zu sagen erst einmal gar nichts, sondern beizustehen, sofern das aus der Ferne möglich ist. Auch Philosophen können die Hinterbliebenen und Leidenden ermuntern, die eigene persönliche und private spirituelle Ressource zu beleben, die kann theistisch, atheistisch, skeptisch, buddhistisch wie auch immer sein.
Und im Umkreis der Philosophierenden müsste eine Art Selbstverpflichtung ausgesprochen werden, die Markt- und Wachstums Götter der Gegenwart anzukratzen, wenn nicht zu entthronen.
Finden sie dabei Unterstützung von seiten der Frommen? Der Kirchen? Oder sind sie selbst schon direkt oder direkt Verehrer dieses Wachstums Gottes und des Marktes und seiner Gesetze?
Ist Gott also böse, wenn man auf die Ereignisse in Japan am 11. 3. 2011 schaut? Diese Frage stellt sich philosophisch nicht. Philosophisch wissen wir so wenig von Gott, dass wir bestenfalls von einem göttlichen Geheimnis sprechen können und unsere eigene Sehnsucht nach Transzendenz und „Heil“ bzw. „grundlegender Rettung“ formulieren. Die philosophisch durchaus begründbare Form des Transzendieren kann das Dasein in guter Weise beruhigen und von Ängsten befreien, ohne dabei „Opium“ zu werden; diese Sehnsucht nach einer nicht endlichen Transzendenz muss alle konkreten Bestimmtheiten Gottes offen lassen. Sie befreit nicht vom politischem Eintreten gegen den Götzen des Wachstums in einer endlichen, unvollständigen und kaputten Welt im ganzen und zur Ausbildung tiefer Empathie mit den Leidenden … und deren Toten.
COPYRIGHT:christian modehn, religionsphilosophischer-salon-berlin.
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Einige eher zufällig gefundene Stellungnahmen zur Katastrophe in Japan 11.3. aus der religiösen Welt. Sie zeigen, wie Theologen und Gläubige eine Beziehung herstellen zwischen Gott und der Katastrophe bzw. den Supergau. Die philosophischen Leser können die Schlüssigkeit der Argumente sowie die verwendeten Begriffe selbst beurteilen.

„Gott, du hast unseren Glauben auf die Probe gestellt. Warum zeigst du dich als Todesengel?“
So Pfarrer Richard Horn, Evangelische Kirchengemeinde Alt – Schönberg, Berlin. Mitgeteilt in „Der Tagesspiegel“ vom 14. März 2011, Seite 12.
In einem Kirchenlied, so wird an derselben Stelle weiter berichtet, sang die Gemeinde: “Führ uns an atomarer Nacht vorüber, hilf der Hoffnung auf“.

Der evangelische Theologieprofessor Werner Thiede (Erlangen) schreibt unter anderem in einem konservativen katholischen Forum aus Österreich mit dem Namen kath net in der Ausgabe vom 15.3.
„Gerade am Kreuz des einen Gottessohnes ist darum auch ablesbar, dass Gott trotz und inmitten größten Leids sich als Liebe erkennen und festhalten lässt. Der Tod des von Gott Gekommenen offenbart, dass Gott dort nicht fern ist, wo gelitten wird. Und seine Auferstehung offenbart, dass Gott unterwegs ist, die Vergänglichkeit seiner Schöpfung zu besiegen. Am Ende wird sich zeigen, dass die vollendete Schöpfung in ihrer ewigen Herrlichkeit alles zuvor geschehene Leid weit mehr als aufwiegt…
Möge das Wort vom Kreuz nun im heimgesuchten Japan vermehrt Gehör finden – und auch hierzulande die nachdenklich Gewordenen neu bewegen!“

In demselben Dienst mit dem Namen kath net wird die Meinung einer Leserin verbreitet:
Lesermeinung, Deutzia, vor 7 Stunden
„Preiset den Herrn! Es ist seine Zeit jetzt. Die Japaner bekommen jetzt eine große Chance, sich zum Herrn hin zu wenden, alles andere hat versagt“. ( 15. März).

Die Botschaft von Papst Benedikt XVI.
„Die Bilder des tragischen Erdbebens und des folgenden Tsunamis in Japan haben bei uns allem tiefe Betroffenheit hervorgerufen. Ich möchte erneut meine geistliche Nähe mit der geliebten Bevölkerung dort ausdrücken, die mit Würde und Mut sich den Folgen dieses Unglücks stellt. Ich bete für die Opfer und ihre Angehörigen und für alle, die an den Folgen dieser schrecklichen Ereignisse zu leiden haben. Ich ermutige alle Hilfskräfte, die sich mit lobenswerter Schnelligkeit aufgemacht haben um dort Hilfe zu leisten. Bleiben wir im Gebet verbunden. Der Herr ist uns nahe!

„Wir stehen fassungslos vor der Katastrophe in Japan. Unsere Trauer verbindet sich mit der Trauer der Menschen in Asien. Ich kann nicht beantworten, warum Gott das zulässt. Aber ich bin mir sicher, dass Gott bei den Menschen ist – bei Opfern und Angehörigen und all jenen, die Angst vor der atomaren Katastrophe haben.“
Erzbischof Robert Zollitsch von Freiburg im Interview mit der Tageszeitung ‘Westfälische Rundschau’.

RWE Vorstand Jürgen Großmann im Interview:
Frage: Welcher Gedanke begleitet Sie in den nächsten Tagen?
Großmann: Wir alle können nur hoffen und beten, dass ein GAU verhindert werden kann (publiziert am 17. März 2011)
Vorher sagte er: „Die Gesellschaft muss (!) anerkennen, dass man in einem Industrieland nicht einfach so auf Kohle und Kernenergie verzichten kann, wenn man Wohhlstand und Versorgungssicherheit erhalten will“.
In: DIE ZEIT vom 17. März, s 23.

„Die Identität der Japaner ist die Selbstsucht. Es ist notwendig, diesen Tsunami als Chance zu nutzen, um die Japaner ein für alle mal zu davon zu reinigen. Das war eine Strafe des Himmels“.
So Shintaro Ishihara, rechtspopulistischer Gouverneurin Tokio, am Am Montag 14. März..
Zwei Tage später entschuldigte er sich für diese Äußerungen. Quelle: TAZ 16. März S. 5.

Helmut Schmidt (Alt- Bundeskanzler) in „Die Zeit“ vom 17. März 2011, Seite 2:
Frage: Finden Sie den Begriff „biblische Heimsuchung“ (im Zusammenhang der Katastrophe von Fukushima und Umgebung) völlig deplaziert?
Antwort: Für jemanden, der bibelgläubig ist oder aus anderen Gründen sich als Christ empfindet, ist das Wort nicht ganz abwegig. Für mich ist das ziemlich abwegig.

Wenn Arbeit zum Götzen wird

Wenn Arbeit zum Götzen wird

Das „philosophische Wort zur Woche“ fällt diesmal etwas kürzer aus; es ist wieder ein provokativer Anstoß nicht nur zum Nachdenken, sondern zur „Lebensorientierung“, d.h. zur Veränderung bisheriger Praxis.
Der bekannte Philosoph Byung – Chul Han, Berlin –Basel, inzwischen in Karlsruhe, hat im Jahr 2009 ein äußerst lesenswertes Buch veröffentlicht mit dem Titel „Duft der Zeit“. Der Untertitel: Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens.
Das Buch ist eine anspruchsvolle philosophische Meditation über die Wiedergewinnung der Muße und der Kontemplation. Dass es ohne die üblichen schnell formulierten Tipps und Ratschläge auskommt, braucht eigentlich nicht eigens betont zu werden. Es geht um Philosophie.
In seinem Schlusskapitel schreibt Han über die vita contemplativa, das kontemplative, das besinnliche Leben. Es ist eine ganz und gar nicht veraltete Haltung, sie bietet Impulse, die so selbstverständliche Hochschätzung, wenn nicht Vergötterung von Arbeit, neu, d.h. kritisch zu sehen.

„Das Leben, das sich dem maschinellen Arbeitsprozess angleicht, kennt nur Pausen, die arbeitsfreie Zwischenzeit, in der man sich von der Arbeit erholt, um sich dem Arbeitsprozess wieder voll zur Verfügung zu stellen. So stellen auch =Entspannung= und =Abschalten= kein Gegengewicht zur Arbeit dar. Sie dienen der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit…
In Wirklichkeit ist die Arbeitsgesellschaft eine Gesellschaft, in der die Arbeit sich, abgelöst von der Lebensnotwendigkeit, zu einem Selbstzweck verselbständigt und absolut setzt. …Die Totalisierung der Arbeit verdrängt andere Lebensformen und – entwürfe. (S 92 f).
(Darum ist das nicht mehr Arbeiten können, das nicht mehr Arbeiten müssen, für so viele Menschen auch Ursache für eine tiefe Krise: diese Menschen sind sozusagen den Gott Arbeit losgeworden, müssen „gottlos“ leben;, werden aus der Gemeinde der Arbeitsgläubigen rausgeschleudert; dass dieser Gott auch Geld beschafft, ist natürlich eine Tatsache. Aber die kapitalistische Gesellschaft ist so gebaut, dass sie an eine der Menschenwürde entsprechende Verteilung des Geldes an die Nicht – Arbeitenden gar nicht denkt. Wer den Gott Arbeit losgeworden ist, soll sozusagen mit Hartz IV in einer Art Vorhölle schmoren, der Vorhölle, die die Gott (Arbeits – ) Gläubigen geschaffen haben, diese Zeilen sind ein ergänzender Kommentar von Christian Modehn)
Aber noch einmal zu Byung – Chul Han: Worauf kommt es dem Philosophen an? Auf das Innehalten, das Verweilen. „In der Konsumgesellschaft verlernt man das Verweilen. Die Konsumgegenstände werden so schnell wie möglich verbraucht und verzehrt, damit Platz für neue Produkte und Bedürfnisse geschaffen wird. Das kontemplative Verweilen setzt Dinge voraus, die dauern“. (ebd).

Das anregende Buch „Duft der Zeit“ ist im Transcript Verlag , Bielefeld, erschienen.

Jeder Mensch lebt seine eigene Philosophie

Philosophieren ist eine kritische Lebensform

Statement am Welttag der Philosophie im AFRIKA HAUS Berlin.

Wir, d.h. mein Freund Hartmut Wiebus und ich, haben vor etwa 4 Jahren in Schöneberg einen Salon gegründet, einen Gesprächs – Kreis. der sich Religionsphilosophischer Salon nennt. Und wir haben seit der Zeit etwa 25 Gesprächsrunden gehabt. Zu diesem vielleicht etwas merkwürdig klingenden Titel Religionsphilosophischer Salon werde ich gleich noch ein Wort sagen.

Vorweg aber ein Wort zu der philosophischen Perspektive, die uns leitet, und die ist nicht „unsere“ im engeren Sinne, sondern sie verdankt sich einer breiten philosophischen Tradition. Und die lässt sich auf den Punkt bringen: Jeder Mensch als ein Wesen, das Geist hat, Verstand und Vernunft, denkt immer schon im Alltag. Jeder Mensch entscheidet sich immer schon im Alltag, entwickelt in dieser Dialektik von Freiheit und Abhängigkeit, etwa schon durch die Herkunft bedingt, sein eigenes Leben, seine Individualität, die man als gesammelte und über die Jahre geformte unausdrücklich und indirekte leibhaftige Philosophie nennen könnte. Da gilt dann bei einem das Naturerlebnis als höchster Wert, bei dem anderen die Solidarität, bei einem die ständige Gesprächsbereitschaft, bei anderen die Lust, andere Länder kennen zu lernen usw. Überall da lebt bereits unausdrücklich Philosophie, man muss sie im Gespräch nur ausdrücklich machen. Da kann dann der einzelne sich viel besser in seinem Lebensentwurf erkennen und dadurch besser leben, wenn er auch die Grenzen seines Lebensentwurfes z.B. erkennt. Das alles klingt sehr gundsätzlich, wir haben diese Fragen diskutiert etwa im Zusammenhang von Achtsamkeit, Glückserfahrungen, Respekt vor den anderen usw.

Was hat das nun alles mit religionsphilosophischen Fragen zu tun? Wir gehen von einer zweiten Vermutung aus, dass jeder Mensch in diesem beschriebenen alltagspraktischen Leben bestimmte oberste oder höchste Prioritäten setzt: Etwa die Selbstbehauptung um jeden Preis oder die Verehrung des (Neo) Kapitalismus als der höchsten und schönsten Wirtschaftsform. Oder die Fürsorge für die eigene Familie, oder die Fürsorge für die Fremden, oder das Geld oder den Sex oder die Kunst usw…In diesen oft unbewusst vorgenommenen Absolutsetzungen lebt unserer Meinung nach, das was man Religion nennt: die oft stillschweigende Absolutsetzung. Kann man darin etwas „Göttliches“ erkennen?

Ich will mich kurz zu einem uns alle sicher auch viele TeilnehmerInnen persönlich bewegenden Thema äußern:

Warum Spiritualität kritisches Denken braucht.

Es ist ja philosophisch heute eine beinahe allgemeine Überzeugung, dass die Säkularisierung der Moderne nicht zu einem Verschwinden des Religiösen, der Religionen und Konfessionen und Spiritualitäten geführt hat. Das war ja eine starke Vermutung in den neunzehnhundert siebziger und achtziger Jahren, dass die immer deutlichere Weltlichkeit der Welt zum definitiven Tod Gottes führt. Die Welt ist Gott sei Dank weltlich geblieben, in einigen europäischen Ländern legt man immer richtigerweise noch wert auf die Autonomie der Welt und damit auf die Trennung des Religiösen vom Weltlichen, aber Gott und die Götter haben sich zurückgemeldet. Je weltlicher die Welt desto stärker der Boom der Spiritualitäten. Im „entchristlichten“ Paris gibt es bereits mehr Wahrsager und Handleser als katholische Priester. Das ist eine Feststellung, keine Bewertung.

Philosophen müssen fragen: Welche Götter sind es, die da ein Come back erleben? Natürlich bleiben die klassischen Götter der christlichen Konfessionen, natürlich muss die Rede sein von Allah im vielfachen Sinne, von der Sufi Mystik bis zu den Fundamentalisten; oder auch von dem letzten Nichts der Buddhisten bis zu absoluten und beinahe heiligen Werten der Humanisten und bis hin zu den Esoterikern, die man vor kurzem noch New Age nannte.

Was hat damit Philosophie zu tun?

Ich gehe davon aus, dass Philosophie in guter aufklärerischer Tradition Glaubenslehren und religiöse oder esoterische Überzeugungen konfrontiert mit den Grundsätzen der allen gemeinsamen, deswegen sagen wir ja, all – gemeinen Vernunft, so wie wir sie in der europäischen Tradition ausgebildet haben. Also Menschenrechte werden mit den praktischen Auswirkungen religiöser Dogmen im Individuum, in der Gesellschaft und im Staat konfrontiert. Jeder kann in seinem stillen Kämmerlein glauben, was er will, etwa im Himmel sei Jahrmarkt, philosophisch interessant wird der private Glaube dann, wenn jemand diesen himmlischen Jahrmarkt hier in unseren Gesellschaften aufziehen will.
Da gibt es genug zu tun, den neuen Göttern auf die Spur zu kommen, die können sich ja auch in den begriffen Geld, Wirtschaftswachstum oder auch Erfolg und Arbeit verstecken. Deswegen nennen wir unseren philosophischen Salon in Schöneberg religionsphilosophisch, weil wir auch diesen versteckten Göttern verstehend, d.h. nicht: akzeptierend, auf die Spur kommen wollen.

Noch kurz eine 2. Überzeugung: Für mich ist Philosophie kein neutrales Handwerkszeug des Denkens, so, als wäre Philosophie eine gute Schere, die vernünftige von unvernünftigen Stoffen trennt. Philosophie ist kein neutrales Instrument, sie ist eine ganzheitliche Lebenshaltung, das sagen die alten, die griechischen Philosophen deutlich, das hat kant gelebt, das hat Heidegger gesagt. Darum gibt es eine Frömmigkeit des Denkens, eine Art philosophischen Innewerdens des Göttlichen im Geist. Dieser philosophische Glaube wie Karl Jaspers sagte, kann durchaus auf klassische und dogmatische Religionen verzichten. Philosophie schenkt Freiheit, wenn sie in Freiheit vollzogen wird. Dieser „philosophische Glaube“ lebt von der sich stets weiter entwickelnden Vernunft. Seine Kennzeichen sind: Empathie, Liebe, Respekt. Dass es da und dort, etwa in Holland, kleine christliche Kirchen gibt, die die lebendige, sich entwickelnde Vernunft und den lebendigen, sich entwickelnden und niemals statischen Glauben verbinden (wie die Remonstranten), soll hier nur erwähnt werden.

Wie viel Denken braucht der Mensch?

Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO –
Wie viel Denken braucht der Mensch?

Eine Veranstaltung im AFRIKA – HAUS Bochumer Str. 25
in Berlin – Tiergarten
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr.

– Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“

– Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein
– Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn
– Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski
– Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in
Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn

– Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?

– Intermezzo, Speisen und Getränke

– Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen

– Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.

Das AFRIKA HAUS
Bochumer Straße 25 in
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit, gut zu erreichen.

Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski