Heute, am Mittwoch, 14. 9., findet um 20 Uhr im Kulturzentrum Radialsystem Holzmarktstr. 33, nahe Ostbhf, nahe Kreuzberg, an der Spree…
eine Veranstaltung statt, die dafür plädiert: Die Spiritualität sollte aus der Nische des Exklusiven befreit werden, sie kann das Zusammenleben in der Stadt beleben, weil sie Kritik und Toleranz oberste Priorität gibt und sich Fundamentalismen widersetzt.
Es diskutieren mit dem Publikum: Die Autorin Ursula Richard, der Zen Lehrer Dr. Wilfried Reuter, In Sun Kim von interkulturellen Hospiz Berlin und Christian Modehn, Journalist und Initiator des Religionsphilosophischen Salon.
Der Eintritt ist frei. Herzliche Einladung.
Denkbar
Unter diesem Titel bietet der Religionsphilosophische Salon regelmäßig ein Stück aus der DENKBAR. Vielleicht ein philosophisches „Wort zum Tage“…
Wohin führt die Stille? Eine philosophische Meditation
Wohin führt uns die Stille?
Eine „philosophische Meditation“
Von Christian Modehn
Stille ist eine Wirklichkeit, sie ist räumlich und zeitlich.
Wir erleben Stille immer in einem Raum, einem Umfeld, an einem Ort.
Auch wenn wir die Augen von dem Ort abwenden und schließen, erleben wir einen stillen Raum in uns selbst, wenn wir denn auf unsere eigene Stille selbst achten, diese Stille reflektieren.
Stille erleben heißt still werden. Wir „gehen“ immer in die Stille. Das heißt: In eine stille Zeit eintreten. Diese Zeit kennt keine lineare Zeitstruktur.
Es entsteht reine Gegenwart. Der Bezug zur Vergangenheit schwindet, Zukunft hat keine Relevanz.
Stille ist Gegenwart, Präsenz.
Was ist aber Stille? Keine Rede, kein aktives Tun, keine geräuschvolle Bewegung.
Nur die Natur ist noch vernehmbar oder der ferne Lärm des Geschehens, auf den wir keinen Einfluss haben.
In dieser Welt gibt es keine absolute Stille. Selbst der leere Raum, „abgeschottet“, hat noch den Klang der Stille.
Die Stille ist also für die Lebenden keine „Totenstille“.
Stille entsteht im Zur – Ruhe – Kommen, zu dem einen Entscheidenden kommen: Den eigenen Atem wahrnehmen; ihn hören, vielleicht als das einzige Lebenszeichen in der Stille.
Stille ist Zeit des Atmens.
Also Zeit der „ewigen“ Wiederkehr des Einatmens und Ausatmens.
Dies ist der Vollzug des Lebendigen.
Dies ist kein bewusstloser Vorgang.
Im Vollzug des Atmens ist fraglos Bewusstsein, ist Selbst – Bewusstsein, also Sich Wissen.
„Versinken“ in die Stille mag es geben, aber in der Rückkehr ins selbstbewusste Leben erinnern wir uns dann an das „Versunkensein“, können darüber sprechen. Also ist im Versunkensein in die Stille immer auch Selbst – Bewusstsein, „schlummernd – aktiv“.
Sich der Stille bewusst stellen heißt: Sich der eigenen „Tiefe“ innewerden, die im Lärm des Alltags verdeckt ist.
Die eigene Tiefe wird entdeckt, wenn ich mich als Gesetztsein wahrnehme. Ich bin nicht aus mir.
Ich bin gesetzt.
Was setzt mich?
Das, was mich gesetzt hat, lässt mich atmen; „will“ offenbar, dass ich bewusst lebe.
Das, was mich setzt, ist also „lebenswillig“, stiftet Leben.
Ein dermaßen Leben – Setzendes kann selber nur Lebendiges sein. Will Lebendiges weitergeben.
Dieses mich und andere und die Welt Setzende, Gründende, selbst aber schweigt.
Das Gründende ist selbst Stille und wird nur in der Stille als solches wahr – genommen.
Die Stille ist das „Wesen“ , die „innere Kraft“, des Setzenden.
Im Stillwerden „erreiche“ ich das Setzende.
Stille ist wie die „Sprache“ zwischen dem Setzenden (Gründenden) und mir.
Das Setzende, das Schöpferische, hat mich über die Stille an sich gezogen, sich mir gezeigt, als Nähe.
Ich bin mit dem Schöpferischen verbunden – über die gemeinsame Stille.
Ich habe diese schöpferische Stille in mir als „Tat“ des Schöpferischen.
Die Stille spricht also.
Meine Kraft still zu werden, ist die Kraft des Schöpferischen in mir; es gibt mir seine ureigene Lebendigkeit weiter als Stille in mir, wie es mir auch das Atmen und das Bewusstsein gibt.
Diese innere Stille wird in der bewusst gesuchten Alltagsstille lebendig. Es ist die Existenz- Stille. Sie hat in verschiedenen Lebensphasen ein eigenes Gesicht. Sie ist kulturell vielfältig, kennt nicht nur „einen“ Ausdruck, ist nicht dogmatisch.
Die philosophische Meditation eröffnet also Spiritualität:
Ich komme also aus dem Schöpferisch – Lebendigen, das selbst Stille ist.
Ich gehe im Tod in das Stille.
Ist dann Totenstille als Nichts?
Oder ist es Einkehr in die ewig schöpferische und alles gründende lebendige Stille?
Copyright: Christian Modehn 20.8.2011
Ein Weg in die Heiterkeit? Beim Lesen des „Feldweg“ von Martin Heidegger
Ein Weg in die Heiterkeit?
Beim Lesen von „Der Feldweg“ von Martin Heidegger
Am 26. Juli 2011 haben wir in unserem „Religionsphilosophischen Salon“ den wohl kürzesten Text Martin Heideggers „Der Feldweg“ gelesen und interpretiert, unterstützt und beraten von dem Heidegger Spezialisten Michael Braun, Berlin.
Ein Teilnehmer schickt uns einige persönlichen Beobachtungen und Reflexionen.
„Der Feldweg“ (1948 geschrieben) weckt den Eindruck, als würde er sich in einer leichten, schnell zugänglichen Lektüre erschließen.
Tatsächlich nimmt Heidegger in einfachen Worten den Leser mit auf seinen seit Jugendzeiten vertrauten Spaziergang gleich hinter dem Schloss von Messkirch.
Einzelne Worte erscheinen merk – würdig: „der Feldweg half“, eine „hohe Eiche grüßt“: Die Natur wird nicht als fremdes Gegenüber erlebt, sie steht im Gespräch mit dem nachdenklichen Menschen. Natur und Mensch können noch „kommunizieren“.
Es ist ein „karges Land“, durch den der Feldweg führt. Ist diese Kargheit bereits Metapher für das karge Leben insgesamt? Heidegger spricht später, in „Holzwege“, von der „dürftigen Zeit“ der Seins – Vergessenheit.
Welche Worte in dem Text gelten unmittelbar als solche in einem noch vordergründigen Verständnis, welche müssen „tiefer“ verstanden werden?
Kann man einer ersten, „schlichen“ Lektüre vertrauen? Dann erzeugt die meditierende Lektüre des Feldweges eine gewisse Geborgenheit, eine Sehnsucht nach Verwurzelung, einen Wunsch, wesentlich zu leben, achtsam zu sein auf die Natur, den Wechsel der Jahreszeiten, die Erinnerung zu pflegen, den göttlichen Gott zu suchen (von ihm spricht Heidegger im Verweis auf Meister Eckart).
Darüber hinaus wird der Leser in tiefere, zum Teil schockierende Fragen „geschleudert“: Heidegger spricht von Wanderungen, auf denen „alle Ufer zurückbleiben“. Oder: „Wachsen heißt, der Weite des Himmels sich öffnen und zugleich in das Dunkel der Erde wurzeln“. In einer Heimat verwurzelt sein, d.h. die konkrete Endlichkeit in einem zugewiesenen Lebensraum annehmen, UND: in die Weite des Himmels sich öffnen, also eine eigene Form des Transzendierens über alles Begrenzte leben.
In dieser Verbundenheit mit Immanenz und Transzendenz wird das „Einfache“ erlebt. Da stellt sich besinnliches Denken ein, wird die Herrschaft des Rechnens und Verfügens und Machens unterbrochen. In der technischen Welt, so Heidegger, denken die Menschen, der Lärm der Apparate sei die „Stimme Gottes“. Die Technik, absolut genommen, kann das Göttliche ersetzen und verdrängen.
Auf den Feldweg wird der Denkende befreit von den Üblichkeiten der herrschenden Kultur. Das Gehen auf diesem eher unspektakulären Weg kann eine letzte Heiterkeit fördern. „Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen“. Das heißt: Dieser philosophische Text ist keine „abstrakte Abhandlung“, viele Menschen halten ja Philosophie irrtümlich für „abstrakte Abhandlungen“. Nein: „Der Feldweg“ erschließt Lebensmöglichkeiten, er IST Philosophie für ein „besseres“, eigentliches Leben. Und dieses Leben ist voller Fraglichkeit, die ausgehalten werden soll: „Spricht die Seele? Spricht die Welt? Spricht Gott?“. Danach zu fragen und zu suchen ALS Dasein ist, wenn man so will, der Auftrag des Feldweges als des Daseins – Weges. Philosophieren kann also eine Lebenshaltung sein, daran lag ja den antiken und spätantiken Philosophen sehr viel.
Wir empfehlen anschließend an den „Feldweg“ den Vortrag „Gelassenheit“ ( 1955) zu lesen, auch dieser Text ist als Einzelausgabe preiswert im Neske Verlag erschienen.
copyright: christian modehn, berlin.
Von der Notwendigkeit der Muße
Von der Notwendigkeit der Muße
Vom zweckfreien Genießen des Daseins
Von Christian Modehn
(Diese „philosophische Meditation“ geht auf eine Radiosendung im NDR Juli 2011 zurück)
Eine meiner Freundinnen beschäftigt sich mit der europäischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Sie ist davon so begeistert, dass sie mich gelegentlich zu privaten Führungen in Museen einlädt. Vor einigen Wochen traf ich Karla in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel. „Heute habe ich eine Überraschung für dich“, sagte sie. Und wir gingen gleich los, vorbei an den Arbeiten von Menzel, Feuerbach und den Meistern des Impressionismus. „Jetzt sind wir am Ziel“, sagte sie und wies auf das Gemälde „Der Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich. „Du hast es sicher schon mehrfach in Büchern gesehen“, flüsterte sie mir zu. „Aber jetzt schalte mal ab und schau das Gemälde an“.
Überrascht von ihren pädagogischen Anweisungen setzte ich mich brav auf eine Bank direkt dem Bild gegenüber. Je länger ich mich auf das Gemälde konzentrierte und das Spiel der Farben betrachtete, um so mehr glaubte ich, in die Welt des Bildes einzutreten. War ich mit ihr eins geworden? War ich aus der Zeit ausgestiegen? Später, in der Cafeteria, merkten wir, dass wir eine gute halbe Stunde mit dem Gemälde „Der Mönch am Meer“ verbracht hatten. „Ich wollte, dass du dir mal einen Museumsbesuch in Ruhe und Beschaulichkeit gönnst“, sagte Karla. „Das oberflächliche Rennen von Bild zu Bild ist doch ein Graus. Es bringt keine neuen Erkenntnisse“.
Wir tauschten unsere Eindrücke aus, wie z.B. die Mitte des Bildes von dem bedrohlichen Meer mit dem schwarzen Wolkenhimmel erfüllt ist. „Aber das Dunkel wird vom Licht begrenzt“, meinte Karla, „das ist mir so wichtig. Diese Helligkeit lebt! Sie entsteht, geht auf … und trotzt der Finsternis“. „Und der Mönch?“, fragte ich. „Er ist wie alle Menschen im Ganzen des Kosmos nur eine winzige Gestalt“, sagte sie. Der Mönch stehe zwar aufrecht, sei aber doch leicht gekrümmt. Er wirkt zerbrechlich inmitten einer bedrohlichen Welt.
An diese Unterbrechung des Alltags denke ich noch oft. Es war eine Zeit, ausgefüllt mit stillem Sitzen, Nichtstun und Warten. Ob mir eine kluge Inspiration kommt oder nicht, war mir wohl in dem Augenblick egal. Im Verweilen vor dem Gemälde sammelte sich der Geist, konzentriert einen Punkt hin. Das habe ich selten erlebt. Diese halbe Stunde der Muße war ein Geschenk, alles andere als vergeudete Zeit.
Seit dem Zeit schaue ich die Menschen um mich herum aus einer anderen Perspektive an als zuvor: Die Leute auf der Straße hetzen aneinander vorbei, sie haben offenbar nur eins im Sinn: Bloß keine Zeit zu verlieren! Pünktlich zu sein, damit ihr so genanntes Zeitmanagement nicht durcheinander gerät. Denn „Zeit ist Geld“. Dieser Spruch wurde von dem amerikanischen Politiker und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin vor 250 Jahren formuliert; seine Maxime gilt seitdem als Inbegriff der Weisheit für die moderne Gesellschaft.
Auf den 100 Dollar Scheinen ist Franklin, einer der Gründervater der Vereinigten Staaten, abgebildet. So werden die Menschen ständig daran erinnert, die ihnen geschenkte Lebenszeit effektiv zu nutzen, und das heißt: in Geld zu verwandeln. Wie oft hört man im Elternhaus und in der Schule: Trödle nicht herum! Hör auf zu dösen, lass das Träumen am helllichten Tag. Mein Vater forderte: Mach was aus deiner Zeit: Lese, übe Klavier. Meine Tage und Stunden waren schon in der Jugend voll gestopft von Terminen. Nichtstun, Ruhigwerden, Muße, dies waren Fremd -Worte, die nur für Einsiedler und Mönche Gültigkeit hatten. Heute weiß ich: Manchmal dauert es Jahre, ehe man sich aus dieser von Hektik und Stress geprägten Welt befreit. Du musst immer schnell sein, effektiv und erfolgreich. Dieses Dogma gilt heute unerschütterlich weltweit.
Der amerikanische Psychologe Robert Levine hat eine „Landkarte der Zeit“ veröffentlicht; ein Buch, das inzwischen als Standartwerk gilt. Es untersucht die Frage: Wie gestalten Menschen in unterschiedlichen Staaten die eigene Lebenszeit. Am schnellsten, so Robert Levine, laufen die Menschen in West – Europa, Nordamerika und Ostasien. Spitzenleistungen im hastigen Gehen vollbringen Schweizer, Iren und Deutschen, vor allem aber Japaner.
Wenn diese vom Dauerstress geplagten Menschen gefragt werden, wie denn ihre Zukunft aussieht, denken sie an die bevorstehende Arbeit, hat Levine beobachtet. Und Vergangenheit ist für sie vor allem Erinnerung an erledigte Arbeit und erfolgreiche Leistung. Diese Menschen antworten auf die Frage, ob sie Mittwoch in zwei Wochen eine Einladung annehmen können, mit den Worten: „Das klappt, da habe ich noch nichts“. Sie sind glücklich, wenn ein leerer Fleck auf dem Terminkalender gefüllt wird. Der Soziologieprofessor Hartmut Rosa von der Universität Jena hat beobachtet, dass immer mehr Menschen wie in einem sich ständig drehenden Hamsterrad lebten: Das läuft und läuft und erzeugt nur Leerlauf, keiner weiß eigentlich, warum sie das Rad ständig drehen.
Handys und Blackberrys verführen zu permanenter Ruhelosigkeit. Die Journalistin Elisabeth von Thurn und Taxis, 29 Jahre alt, hat kürzlich im „Zeitmagazin“in aller Offenheit ein Bekenntnis abgelegt:
„Nur in einigen wenigen Momenten, im Urlaub, gelingt es mir, das Handy für ein paar Tage auszuschalten. Ich bin eine von diesen Blackberry – Abhängigen. Wenn ich es mal schaffe, in einer freien Minute nicht auf meinen Blackberry zu starren, vermerke ich das als gelungene Meditation“.
Ob ein paar freie Minuten ausreichen, zu einem anderen Lebensstil zu finden, der nicht von permanenter Hektik geprägt ist? Können wir es noch lernen, uns über Zeiträume zu freuen, die nicht gefüllt sind mit Arbeiten und Beschäftigungen oder Freizeitaktivitäten? Mit einem guten Bekannten, der eine philosophische Praxis der Lebensorientierung leitet, habe ich kürzlich über diese Frage gesprochen. Er meinte zu meiner Überraschung: „Das liegt daran, dass wir Langeweile nicht ertragen können“.
Aber Langeweile… ist das nicht ein trauriger Zustand, fragte ich. Da sitzt man zum Beispiel auf dem Bahnhof und muss zwei Stunden auf den nächsten Zug warten. Man läuft hin und her, schaut zwanzig mal auf den Fahrplan, versucht dann sogar den architektonischen Charme der schlichten Wartehalle zu entdecken, trinkt einen Tee nach dem anderen im stickigen Bistro, blättert in Illustrierten, schaut immer wieder erwartungsvoll auf den Bahnsteig: Diese zwei Stunden können zur Qual werden, wenn man sich vorstellt, was man alles verpasst: Termine müssen abgesagt, interessante Gespräche verschoben werden. Ist Langeweile nicht immer eine sinnlose Zeit?
„Das muss nicht sein“, meinte der Philosoph. „Wenn wir einmal freie Zeit haben, wenn uns also leere Stunden bevorstehen, wie ich gern sage, dann sollten wir sie zulassen und nicht aus Angst vor dem Untätigsein wieder mit Aktivitäten voll stopfen. Die Langeweile kann wirklich zu einer angenehm langen Weile werden, zu einer ausgedehnten freien Zeit, über die man sich freuen kann. Du hast doch jetzt noch über eine Stunde frei, sagte sie dann unvermittelt. Lies mal nicht, telefoniere mal nicht, mach gar nichts. Genieße diese bevorstehende lange Weile. Geh also in den Park, da ist es ziemlich ruhig. Setz dich auf eine Bank und tu nichts“.
Schon wieder bin ich an einen „Pädagogen“ geraten, dachte ich. Dabei fiel mir aber ein, wie gut mir der Museumsbesuch mit meiner energischen Kunst – Freundin getan hatte. Und so setzte ich mich auf eine Parkbank, umgeben von Rhododendron Sträuchern; eine leicht geschwungene Holzbrücke vor Augen. In dem kleinen See sah ich zwei Entenpärchen schwimmen, und, auch dies, ein paar Amseln piepsten. Und ich erinnere mich an den Gedanken: Jetzt bloß nicht sentimental werden. Darum schloss ich lieber die Augen und saß einfach nur da, still meinem Atmen folgend. Irgendwelche belanglosen Gedanken gingen mir zuerst noch durch den Kopf, doch dann wurde ich ganz ruhig. Ich dachte an nichts mehr. Und, so erinnerte ich mich später, die Zeit insgesamt war für mich stehen geblieben. Ich erlebte reine Gegenwart. Meine Verbindung mit der Zukunft wie auch mit der Vergangenheit war unterbrochen. Ich lebte ganz im Jetzt, in einer langen Weile, die nur Gegenwart bedeutete. Und diese stille Gegenwart war für mich nichts als wirkliches Lebendigsein.
Ich weiß noch, wie ich die Augen öffnete, und ich ein Gefühl der Dankbarkeit spürte, in diesem schönen Park einfach nur da zu sein, leben zu dürfen. Kann man das Leben selbst schmecken? Die Frage hätte ich früher albern gefunden, jetzt konnte ich sie bejahen. Später musste ich an den Philosophen Michael Theunissen denken, er hatte die Erfahrung der Muße und des kreativen Nichtstuns ein Verweilen genannt. Er dachte dabei an unsere Offenheit für das, was unser Leben trägt. Sinngemäß hatte er einmal geschrieben:
Das Verweilen ist der Versuch, ganz präsent, ganz gegenwärtig zu sein. Wenn wir uns auf diese Gegenwart hin sammeln, erleben wir eine Art Glückserfahrung, das Gefühl, aufgehoben, geborgen zu sein. Der Philosoph meinte sogar: Ewiges werde dann sichtbar.
Ich ging zurück zu meinem philosophischen Lehrmeister, um von meinen Eindrücken zu berichten. Er wollte aber gleich noch Grundsätzliches mitteilen: „Wir Menschen brauchen Auszeiten, wie wir heute etwas salopp sagen, also Stunden oder Tage, in denen wir aus der Zeit heraustreten und gewissermaßen außerhalb der Zeit sind“, sagte sie in leidenschaftlichem Ton. Nur so kann sich unser Geist regenerieren und unser Körper neue Vitalität entwickeln“.
Mein Philosoph kam dann fast ins Schwärmen, als er dann von ihrem letzten Urlaub berichtete: „Morgens überlegte ich nur, wohin ich so ungefähr wandern will“, erzählte sie, „aber da gab es auch keinen Druck, keine Pflicht. Manchmal ging ich nur ein paar hundert Meter, weil mich eine Landschaft so begeisterte, dass ich einfach sitzen blieb und nur schaute. Dann war der halbe Tag vorbei. Ich hatte in diesen Stunden das Gefühl, lebendig zu sein. Muße gelingt nur in der Langsamkeit, im eher zögernden als zielstrebigen Gehen, im Innehalten und Verweilen.
Die freie Zeit wie ein Geschenk annehmen. Das gelingt nicht von selbst; offenbar muss man den Umgang mit diesem Geschenk lernen. Muße ist ja nicht nur das stille Sitzen im Museum oder im Park, Muße ist auch das ruhige Gespräch, der Dialog, wo man einander zuhört, wo man sich Pausen gönnt, Zeichen dafür, dass man nachdenkt und gemeinsam eine bessere Erkenntnis sucht. Einfach um zu provozieren, hatte ich kürzlich einen Kollegen gefragt: „Na, hattest du denn heute schon etwas Muße?“ Er schaute mich groß an, dann sagte er. „Heute nicht. Aber gestern, da habe ich ehrenamtlich, wie man so sagt, in einem Hospiz zwei Stunden verbracht. Und bei einer Schwer – Kranken gesessen; still, ohne viele Worte, gelegentlich berührte ich Ihre Hand, manchmal befeuchtete ich ihre Lippen. Das ist für mich Muße! Übrigens, eine wunderbare Zeit auch für mich, eine Zeit zum Nachdenken, eine gute Möglichkeit, sich dem eigenen Tod zu stellen“.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich aus dem System der Hektik, der Schnelligkeit, der Atemlosigkeit zu befreien. Aber, so bemerkt der Soziologe Hartmut Rosa, dies gelingt nur mit einer gewissen Anstrengung. Er empfiehlt die so genannte Odysseus Strategie: Wie der Held der griechischen Sage muss man sich in gewisser Weise selbst fesseln, um den unendlichen Möglichkeiten des Freizeit Betriebes und der Unterhaltungsindustrie nicht zu verfallen. Odysseus musste sich vor den verführerischen Fabelwesen, den Sirenen schützen, sie waren seine tödliche Bedrohung. Heute bedrohen uns die vielen Angebote der Unterhaltungsindustrie seelisch, sie lassen uns nicht zum Nachdenken kommen, verhindern jegliche Form der Selbstwahrnehmung, sie beeinträchtigen unsere Lebensqualität erheblich.
Wenn Menschen offenbar freie, leere Zeiten so schwer ertragen können: Sollten sie sich dann vielleicht an verhaltenstherapeutische Übungen gewöhnen? Diese Überzeugung hatte kein geringerer als der vielseitig begabte französische Philosoph Blaise Pascal. In seinen Pensées, Gedanken, notierte er im Jahr 1660:
„Als ich es unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit zu betrachten, denen sich die Menschen zu Hofe und bei Kriege aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften erwachsen, hab ich mir gesagt: Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“.
Also schließ dich ruhig einmal in deinem Zimmer ein, meide die Welt der Vergnügungen und Unterhaltungen und denke über deine Lebenszeit nach. Ob diese eher rabiate Therapie, wie sie Blaise Pascal vorschlägt, hilfreich ist, um die Muße zu lieben zu lernen, ist fraglich. Der Philosoph Martin Heidegger setzte auf die Kraft der Erkenntnis: Und die beginnt mit dem Satz:
„Die dir gegebene Zeit ist dein Leben. Denn das menschliche Dasein ist zeitlich geprägt, mehr noch: Das Dasein ist selbst Zeit. Deswegen gilt: Sinnlos verbrachte Zeit ist sinnlos verbrachtes Leben“.
Kürzlich sah ich mich genötigt, diese Erkenntnis ein paar Jugendlichen verständlich zu machen. Ich hatte mich erneut auf meine meditative Parkbank an der hübschen Holzbrücke gesetzt und einfach nur die Natur betrachtet. Da kamen drei Jungs, vielleicht 16 Jahre alt, vorbei und grölten: O, da langweilt sich aber einer. Ich rief ihnen zu: Was ist denn für euch Langeweile? Da meinte einer: Wenn uns langweilig ist, gehen wir raus, machen irgendetwas Spontanes, wir müssen ja die Zeit irgendwie totschlagen.
Ich war darüber erst einmal tief bestürzt. Dann sagte ich: Wenn ihr eure Zeit totschlagt, dann schlagt ihr euch irgendwie auch selber tot, den die Zeit ist doch euer Leben. Die drei Jungs starrten mich einige Augenblicke an. Ob sie mich verstanden hatten? Ich will es hoffen. Sie zogen dann kleinlaut weiter.
Darin sind sich Pädagogen einig: Kinder sollten schon früh mit dem Gedanken vertraut gemacht werden: Langeweile muss man nicht vertreiben. Wenn das eine Spiel beendet ist, kommen Kinder oft laut schreiend zu den Eltern oder den Geschwistern und sagen: Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Da sollte man bloß nicht den Kindern das nächste Spiel zeigen oder gar zu, Zeitvertreib an den Computer schicken. Langeweile können auch Kinder schon aushalten. Sie kommen dann selbst auf neue Ideen, wollen ein Bild malen, ein paar Zeilen krakeln oder einfach nur auf dem Teppich liegen und träumen.
Oder sind diese Überlegungen schon längst überholt, gar naiv und idyllisch? Darüber sprach ich kürzlich mit dem türkischen Psychologen Kazim Erdogan im Berliner Bezirk Neukölln. „Langeweile voller Phantasie gestalten, genau darauf kommt es an, auch hier bei den türkischen und arabischen Jugendlichen“, meinte er. „Nicht die Mädchen, die Jungen müssen lernen, ruhig zu werden; sie müssen lernen, in kleinen Gruppen zu plaudern, zu musizieren, Sport zu treiben, sonst rennen sie bloß auf der Straße rum und dann machen sie irgendwelchen Unsinn“.
Lass die Langeweile zu, fliehe nicht vor ihr, hab keine Angst vor der leeren Zeit. Mit dieser Überzeugung begeleitet die Psychotherapeutin Verena Kast aus Zürich ihre Patienten, die „ausgebrannt sind“, unter burn out leiden und am Dasein zweifeln und verzweifeln, weil sie sich aus dem von Stress geprägten Arbeitsleben nicht befreien können. Der therapeutische Ansatz heißt dann: Hab Mut zur Langeweile. Verena Kast schreibt:
Um mit Langeweile umgehen zu können, müssen wir sie akzeptieren als ein sinnvolles Gefühl, als Übergang, zu neuen Interessen. Wenn es uns gelingt, uns mal darauf zu konzentrieren, dass uns jetzt gar nichts anspricht, dann kann eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von Innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht es eben einen Mut zur Langeweile. Das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind; die haben etwas gemacht, die haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Und dann langweilen sie sich. Und sie wissen aber aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, dann wird wieder etwas Neues. Darum nutze die Muße, die du jetzt empfindest, lass diese Unterbrechung deines Lebensrhythmus zu, halte jegliche Aktivität fern. Dann lebst du auf.
Die Einsichten von Therapeuten, Philosophen und Soziologen lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Ohne Muße ist das Leben nicht lebendig. Ohne das Verweilen hat alles Tun keinen Sinn. Deswegen hat die radikale Forderung „Muße muss sein“ auch ihre Berechtigung. Natürlich ist es problematisch, in Fragen praktischer Lebensgestaltung, also auf dem weiten Feld der Ethik, das Wort Müssen zu verwenden. Nur in Freiheit und ohne Zwang können Menschen ein gutes Leben führen und wahrhaftig werden.
Aber heute haben wir eine extrem belastende Situation: Der Mangel an Muße, an Verweilen, an zweckfreiem Ruhen, führt zu schweren Erkrankungen, vor allem zum so genannten „Seeleninfarkt“. Davon spricht zum Beispiel der Psychotherapeut Joachim Galuska; er hat in Kliniken für psychosomatische Medizin aufgebaut. Mit anderen Therapeuten weist er darauf hin: Auch die Seele braucht intensive Pflege, sie braucht Ruhe, Stärkung; und die beste Medizin, die schon präventiv wirkt, ist die Muße. Ein Infarkt der Seele äußert sich in Depression, Angststörung, Schlaflosigkeit, Sucht. Um diese Seeleninfarkte zu behandeln mussten zum Beispiel im Jahr 2008 fast 29 Milliarden Euro ausgegeben werden.
Aber die Muße als Lebenshaltung wird natürlich nicht empfohlen, um die Krankenkassen zu entlasten. Muße muss sein, weil nur sie das Leben in seiner ganzen Fülle erlebbar macht, weil sie erfahrbar macht: Wir Menschen sind weder perfekt funktionierende Robotter noch Arbeitstiere.
„Ora et labora“, bete und arbeite, hieß das Lebensprinzip der Mönche im Mittelalter. Man könnte es modern formulieren: Genieße deine Muße und verweile in der Gegenwart. Und Arbeiten bleibt eine Not – Wendigkeit; aber pflege das zweckfreie Nichtstun. Nur so findest du deine Balance.
Copyright: christian modehn.
Zwischen Verstand und Gefühl – Ein Interview
Als „Gast – Interview“ stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Religionsphilosophischen Salon zur Verfügung:
Zwischen Verstand und Gefühl
Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin.
„Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel.
Als Philosoph und Diplom-Psychologe betreibt er in Berlin eine philosophische Praxis und begleitet dort Menschen mit unterschiedlichen Problemen. Das Interview führte Monika Herrmann, Berlin, für die Wochenzeitung „Die Kirche“, Berlin.
Herr Künkel, Philosophen wird nachgesagt, sie würden in erster Linie denken und weniger handeln. Ist das so?
Nein, das ist ein Vorurteil. Seit Anfang der 80-er Jahre bieten sie auch Beratung in eigenen Praxen an: Es geht dort um existentielle Fragen, die Menschen haben: Wie kann mein Leben gelingen? Wie können wir verstehen, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen? Aber auch um Anleitung zum Denken, um Entscheidungssuche und Meinungsfindung. Diese praktischen Philosophen wollen eine Alternative bieten zu therapeutischen, theologischen und religiösen Angeboten. Das heißt: Philosophische Praxen sind offen für Menschen, die Fragen haben zu sich selbst oder zur Welt.
Wen beraten und begleiten sie?
Manche meiner Klienten wollen einfach ihren Lebensweg neu bestimmen. Also Fragen nach der Gestaltung der Lebenszeit spielen eine Rolle. Es kommen auch Menschen, die Probleme mit ihrem sozialen Umfeld haben. Andere leiden an Sinnkrisen oder massiven seelischen Problemen.
Sind dafür nicht Psychotherapeuten zuständig?.
Ich glaube, dass die Psychotherapeuten in erster Linie die Verletzungen der Seele als Krankheit sehen. Man kann aber psychologische, Sinn bezogene, theologische und philosophische Fragen nicht von einander trennen.
Deshalb therapiere ich auch nicht im klassischen Sinn, sondern führe mit meinen Klienten einen Dialog mit dem Ziel, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und letztlich sich selbst verstehen. So kann ich Paaren helfen, die nicht mehr weiter wissen, oder Menschen, die Probleme im Berufsleben haben. Aber auch Familien, die in Krisen geraten sind, oder alten Menschen, die mit ihrem Ruhestand unzufrieden oder einsam sind und den Sinn des Lebens verloren haben. Philosophische Praxis ist nicht nur etwas, das mit Intellekt und Verstand zu tun hat, wie oft vermutet wird. In der Philosophie geht es auch um Emotionen. In meiner Praxis spielen sie eine große Rolle.
Das bedeutet, ihre Klienten dürfen weinen, klagen, schreien
Man darf alles. Denn die Gespräche, die ich mit meinen Klienten führe, sollen zur Klarheit des eigenen Seins führen. Dass man seine Gefühle auch verstehen lernt, ist wichtig. Ein Balanceakt zwischen Verstand und Gefühl ist das. Wenn Menschen nur mit dem Verstand reagieren, verstehen sie nicht viel von sich. Anders herum geht es auch nicht. Also eine gesunde Balance, die aber für jeden individuell verschieden ist.
Wenn es Ihnen so sehr um die Seele der Menschen geht, verstehen sie sich auch als Seelsorger?
Natürlich. Schon in der Antike, bei Platon beispielsweise, wurde die Philosophie als die Sorge um die Seele betrachtet.
Das heißt, sie ist ein primäres Anliegen der Philosophie. Seelsorge wird heute weit gehend von Religionsgemeinschaften angeboten. Das Problem ist: Menschen werden dort im Sinne der jeweiligen Träger beraten. Ich will das nicht kritisieren. Aber der Gesprächsrahmen steht fest. In der philosophischen Praxis ist das anders. Dort bestimmt der Klient, in welche Richtung er gehen möchte und zu welchen Räumen er eine Tür geöffnet haben möchte.
www.philosophische-praxis-kuenkel.de
Stille in der Stadt – Ein Interview mit Ursula Richard
Stille in der Stadt – Interview mit Ursula Richard
Ursula Richard ist Autorin und Mitbegründerin der „Edition Steinrich“ in Berlin. Im August erscheint von ihr ein wichtiges Buch im Kösel Verlag über „Stille in der Stadt“, ein Thema, das viele religionsphilosophisch Interessierte sicher bewegt. Ursula Richard hat dem religionsphilosophischen Salon schon vorweg ein Interview gegeben.
Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Stille in der Stadt“.
Warnen Sie also indirekt vor der Stadtflucht, die so viele erfasst, die gern meditieren und zur Ruhe kommen.
Ich warne vor falschen Sichtweisen und Trennungen, (die ich natürlich selbst gut kenne) – hier die Stadt als energie- und kräftezehrender Vampir, da das Land, das Natur, Zur-Ruhe- oder Zu-Sich-Kommen verspricht. Dieser Sicht zufolge muss ich so oft wie möglich der Stadt entfliehen, um in ländlichem Umfeld die Energie aufzutanken, die ich dann in der Stadt wieder so schnell verbrauche. Mein Vorschlag: Diese Sichtweisen und Trennungen einmal fallenlassen und schauen, wie viele Möglichkeiten doch in der Stadt selbst gegeben sind, Ruhe, Stille und vielleicht noch viel mehr zu finden.
Aber mussten Sie sich in der Stadt die Stille erst einmal „erobern“?
Ich musste nur die Fluchtbewegung aufgeben und dann sehen: die Stille ist auch in der Stadt zu finden, ja letztlich ist sie immer und überall da. Sie ist auch in den Geräuschen zu finden. Stille ist nicht zu erobern, sondern zu entdecken als eine Qualität, die alles durchdringt. Aber natürlich sind solche Entdeckungen an Hauptverkehrsstraßen zur Rushhour schwieriger als auf dem eigenen Balkon zu machen. Christian Herwartz, der in Berlin Straßenexerzitien leitet, erzählte von einer Frau, die die Erfahrung tiefer Stille am Kottbusser Tor machte, einem sehr lauten, belebten Ort in Berlin, vor dem sie sich zudem fürchtete, da er von vielen Drogenabhängigen und alkoholkranken Menschen bevölkert wird.
Ich finde es aber auch faszinierend, dass man die Stille auf dem Land meist als so wohltuend wahrnimmt, aber wenn man genau hinhorcht, ist es ja gar nicht still; es zirpt und schilpt, Vögel zwitschern, Frösche quaken, Kühe muhen, Trecker fahren, aber man empfindet das nicht als Lärm. Der Geräuschpegel kann im Städtischen mancherorts viel niedriger sein, aber da ist man viel schneller dabei, sich gestört zu fühlen. Und so kann man erkennen, wie viel unseres Erlebens vor allem von unseren Wertungen abhängt.
Wo haben Sie denn in Berlin, mitten in der Stadt, Ruhe und Stille gefunden?
Ruhe und Stille in einem eher vordergründigen Sinne habe ich in Berlin an vielen Orten gefunden: auf dem eigenen Balkon, auf Friedhöfen, in Parks, in Kirchen, in Meditationszentren, mit einem Boot auf dem Wannsee, früh morgens auf den Straßen … Aber ich habe auch schon Ruhe und Stille gefunden, als ich z. B. offenen Sinnes den Kudamm entlang gegangen bin, auch Ruhe und Stille in den vielfältigen Blickkontakten oder Begegnungen, die an solchen belebten Orten so einfach möglich sind.
Sie sprechen auch von urbaner Spiritualität. In den Bergen und den Wüsten bin ich allein. Ist urbane Spiritualität eine „Frömmigkeit“, die den anderen, die andere, wahr – nimmt? Eine Spiritualität des Antlitzes?
Ja, für eine urbane Spiritualität ist m. E. die Dimension der Verbundenheit sehr wichtig und damit ist sie sicherlich eine Spiritualität des Antlitzes. Ursula Baatz spricht davon, das Antlitz des Anderen wahrzunehmen und zu ehren; bei den Straßenexerzitien von Christian Herwartz kann ein Leitimpuls sein, im Anderen Gott zu finden. Ich nehme den anderen Menschen nicht mehr als jemanden wahr, der potenziell meine Ruhe und meine Kreise stört, mir fremd und suspekt ist, sondern schaue und handle aus einer Haltung der Verbundenheit heraus und das ermöglicht ganz neue faszinierende Begegnungen, in der U- oder S-Bahn, auf der Straße usw.
Es gibt „stille Abteile“ bei der Bahn. Wünschen Sie sich ähnliches, etwa „stille Cafés“ z.B. in denen von 4 bis 8 Ruhe herrscht?
Ich denke, dass Großstädte vielfältige „Räume der Stille“ brauchen. Das können „stille Cafés“ sein oder in Restaurants ein Raum, in dem in Stille gegessen werden kann. Oder geöffnete Kirchen; denn Kirchen erscheinen mir immer noch mit die machtvollsten Kraftorte der Stille zu sein. Und es gibt noch so viele Kirchen bei uns, doch sie sind viel zu selten geöffnet. Aber für mich sind auch „Räume der Stille“ am Potsdamer Platz z. B. denkbar in Räumlichkeiten, die von Hotels oder Daimler Benz oder der Deutschen Bahn zur Verfügung gestellt werden, oder leer stehende Läden in Neukölln oder im Wedding, Räume, in denen man allein oder mit anderen für eine Weile in Stille sein kann. Da ließe sich vieles vorstellen. Ich würde gerne mit anderen an Konzepten und der Realisierung von Räumen der Stille arbeiten.
Wie geht es weiter mit dem Buch: Wünschen Sie sich, dass LeserInnen ihre Ruhe Momente in der Stadt mit Ihnen austauschen?
Ja, im letzten Teil meines Buches entwerfe ich eine Art Utopie, wie ich mir eine Stadt in einigen Aspekten wünsche (und da spielen die Räume der Stille eine große Rolle), und ich lade die LeserInnen ein, auch ihre Phantasie spielen zu lassen, um ihre Stadt oder ihr näheres städtisches Umfeld zu entwerfen. Und dann für sich zu schauen, was kann ich oder will ich persönlich tun, um diese Stadt Wirklichkeit werden zu lassen. Und über solche Ideen, Phantasien würde ich mich gerne austauschen, aber auch über die Qualität von Begegnungen aus einer Haltung der Verbundenheit heraus und natürlich auch über Ruhe-Momente in der Stadt, gern an ausgefallenen Orten. Im Moment bin ich noch dabei, einen blog zum Thema einzurichten als einer Möglichkeit des Austauschs. Das Thema einer urbanen Spiritualität hat mich wirklich gepackt. Im Prozess des Schreibens habe ich so viele neue interessante Erfahrungen machen können mit der Stadt, mit mir, mit meinen Mitmenschen, einfach dadurch, dass ich mir meiner gewohnten Sichtweisen, Trennungen und Wertungen über sie bewusster geworden bin und diese immer wieder auch habe loslassen können, und einfach neu geschaut und ganz viel spannendes entdeckt habe.
religionsphilosophischer-salon.de, publiziert am 12. 6. 2011
Ursula Richard und die Edition Steinrich: Arndtstr. 34, 10965 Berlin.
Das Buch „Stille in der Stadt“ hat den Untertitel: Ein City – Guide für kurze Auszeiten und überraschende Begegnungen, ca. 160 Seiten, Kösel verlag, August 2011.
Europa im Hausflur: Zum internationalen „Tag des Nachbarn“
Philosophie als Orientierung und Lebensgestaltung kann nicht darauf verzichten, auch praktische Beispiele eines humaneren Miteinanders vorzustellen. Alleinsein und Einsamkeit sind Themen der Philosophie. In der Praxis werden am „Tag des Nachbarn“ Brücken gebaut, Verbindungen gestiftet für mehr Nähe und Solidarität unter den Menschen.
Europa im Hausflur
»Das Fest der Nachbarn« – damit die Stadt menschlicher wird
Von Christian Modehn
Sieben Jahre wohne ich in dem Hochhaus zusammen mit 80 anderen Mietern. Im Fahrstuhl schauen die meisten eher weg, wenn jemand einsteigt. An der Haustür ist ein zaghaftes Nicken schon eine Meisterleistung der Kommunikation. Seit ein paar Monaten ist das anders: Ich kenne die Namen einiger Mitbewohner; eine afrikanische Familie hat mich zum Aperitif eingeladen; als ein Pärchen verreiste, habe ich die Blumen gegossen; an einem Sonntag hat mich ein älteres Ehepaar gebeten, sie zur Ambulanz zu begleiten: Allmählich wird das Leben hier menschlicher, freundlicher.«
Gisèle Perroux, 46 Jahre, sie lebt in Paris und ist Versicherungsangestellte, Single, wie die meisten Bewohner ihres Hauses. Vom Charme der Seine-Metropole ist hier, im 13. Stadtbezirk, wenig zu spüren: Ein Wohn-Turm steht neben dem anderen, es gibt wenig Grünflächen, durch die Straßen donnert der Verkehr, die typischen »Pariser Bistros« muss man anderswo suchen. Auf engstem Raum wohnen hier 300 000 Menschen zusammen aus 45 Nationen. »Vor einem Jahr hatten wir in unserem Hausflur ein kleines Fest veranstaltet: Mit einem Plakat an der Eingangstür hatte ich alle Mieter eingeladen, am Abend zu einer kleinen Stehparty zusammenzukommen: Immerhin: 30 Nachbarn fanden sich ein; vier Leute brachten Rotwein mit, eine Familie aus Spanien hatte gleich drei Flaschen Sherry dabei, ich hatte für etwas Käse gesorgt, eine Dame aus Vietnam brachte Frühlingsrollen: Drei Stunden feierten wir gemeinsam.«
Gisèle Perroux hatte im Radio von einer neuen »Bürgerbewegung« gehört. Sie heißt »Immeubles en fete«, »Wenn Mietshäuser feiern«: Einmal im Jahr, immer im Mai, werden die Bürger in ganz Frankreich eingeladen, den Tag der guten Nachbarschaft zu feiern. In diesem Jahr, am 25. Mai, haben mehr als drei Millionen Menschen in 210 verschiedenen Städten zusammen gefeiert. »Bei unserem Haus-Fest in der Rue Barni hatten wir sogar einen Akkordeonspieler dabei, wir haben im Hof etwas gegrillt, eine marokkanische Familie war ganz glücklich, dass sie dabei sein konnte, zum ersten Mal hat sie sich mit jungen Chinesen aus unserem Haus unterhalten. Eine pensionierte Lehrerin hat mit meinem Sohn lange Zeit diskutiert; sie will ihm jetzt Nachhilfeunterricht in Mathematik geben. Ich konnte von meiner Vorliebe für die Homöopathie vielen Nachbarn erzählen«, berichtet Carole Minois aus Lille. Sie ist begeistert: »Das Leben in unserem Haus macht wieder Spaß.«
Für die Initiatoren von Immeubles en fete ist das schon eine Überraschung: Viele tausend Franzosen lassen sich von der Idee ansprechen, etwas Sinnvolles für ein menschlicheres Zusammenleben in den Städten zu tun. Vor fünf Jahren hatte der Sozialwissenschaftler Atanase Périfan ganz bescheiden in seinem Wohnbezirk in Paris seine Nachbarn zum gemeinsamen Fest eingeladen. Bürgermeister hörten von der Initiative, Journalisten meldeten sich, Städteplaner, Pfarrer, Ärzte, Lehrer, alle wollten Näheres wissen. Sie alle fanden die Idee »ganz toll«. Ein Jahr später war Immeubles en fete längst in ganz Frankreich bekannt: Im Jahr 2002 waren bereits 126 Städte beteiligt, ein Jahr später machten auch Städte in Belgien, Spanien, Rumänien, Österreich, Irland, Italien mit. Immer mehr Europäer lassen sich von der französischen Kunst, zu improvisieren, begeistern: Einen ganzen Abend im Haus zu feiern, im Flur, im Hof, im angrenzenden Garten oder auf der Straße. Jeder bringt etwas mit. Wichtig ist nur, dass sich jemand für diese Feier verantwortlich fühlt.
Immeubles en fete« ist inzwischen ein professionell arbeitender Verein mit eigenen Büros in Paris. Atanase Périfan versorgt mit seinem kleinem Team aus sechs hauptamtlichen und vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern inzwischen europaweit die Bürger mit allen nötigen Informationen. Der Verein ist politisch unabhängig und weltanschaulich neutral. »Wir wollen von der Basis her, von den Interessen der Bewohner, das Leben in der Stadt etwas menschlicher machen. Jammern nützt nichts, auf bessere Zeiten warten auch nichts. Wir Bürger können jetzt was tun, können jetzt unser Zuhause freundlicher gestalten, können uns aus den Zwängen der Anonymität und des Individualismus befreien. Unser Motto heißt: Wir überlassen unser Viertel nicht der Gleichgültigkeit. Wir ermuntern die Menschen, den anderen wieder wahrzunehmen, aus der Einsamkeit der eigenen vier Wände herauszukommen.«
Im August 2003 sind bei der großen Hitzewelle in Paris einige tausend alte Menschen in ihren Wohnungen umgekommen, sie sind verhungert, verdurstet, haben den Schlaganfall nicht überstanden. Angesichts der Opfer der Hitzewelle wurde den Franzosen einmal mehr bewusst, wie es um die Menschlichkeit in den großen Städten bestellt ist. Darum fördern jetzt Politiker aller Parteien die große Volksbewegung »Immeubles en fete«. Die Bürgermeister sind voll des Lobes für diese Basisbewegung, die den Städten »das menschliche Herz« wiedergeben kann. Und Sozialwissenschaftler fragen sich, warum eigentlich noch niemand vorher auf diese Idee gekommen ist: »800 000 Singles wohnen in Paris, dass die Einsamkeit groß ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Viele ältere Leute haben niemanden. Die gute Nachbarschaft wieder zu entdecken ist geradezu lebensrettend, sie führt zur Vitalisierung des urbanen Lebens«, sagt Robert Rochefort, er ist Direktor des »Pariser Studienzentrums für die Lebensbedingungen in den großen Städten«.
Um die aufwändige Werbung und die nötige Lobbyarbeit zu fördern, haben sich Firmen als Unterstützer gemeldet. In den Filialen der Supermarktkette Monoprix liegen Informationen aus; auch das katholische Verlagshaus Bayard-Presse mit seiner Tageszeitung La Croix macht ordentlich Werbung. Der menschliche Zusammenhalt ist in Metropolen wie Paris mit seinen 9 Millionen Einwohnern, Marseille oder Lyon (jeweils mit mehr als einer Million Bewohner) längst zerbrochen. Verbindung mit den Kirchengemeinden haben nur noch verschwindende Minderheiten, die Kneipe als Treffpunkt ist für viele längst zu teuer. Die gute Nachbarschaft kann das soziale Netz wieder stärken, das Gefühl der Verantwortung wecken: So wird selbst eine schlichte Sozialwohnung ein Stück Zuhause, vielleicht sogar »Heimat«.
Kontakt: Immeubles en fete. 1 bis, Rue Descombes, F-75017 Paris; www.immeublesenfete.com
copyright:Christian Modehn, Berlin
