Karsamstag – Gedenken an den toten Gott?

Jesus von Nazareth, der „Sohn Gottes“:  Tot in seinem Grab. Und auch Gott ist tot?

Ein Hinweis von Christian Modehn (6.4.2023)

Am 2.4.2026: Dieser Hinweis hat zur Voraussetzung, dass man tatsächlich Jesus von Nazareth als „Gott“ betrachtet. Diese Überzeugung teilen wir NICHT, für uns ist Jesus ein Weisheitslehrer, ein Mensch, „mehr“ nicht. Aber es ist interessant, den Implikationen nachzugehen, wenn bei so vielen Jesus als Gott gilt, und dann auch als „toter Gott“ am Karsamstag  verehrt wird..

2023 publiziert: Es wird Zeit, der Gedankenlosigkeit oder Oberflächlichkeit zu widerstehen. Wir sollten vernünftig verstehen, was christliche Gedenk-Tage und Feier-Tage bedeuten können… etwa der „KARSAMSTAG“. Das ist, so wird hier gezeigt, keine spekulative Spielerei. Wenn Gott wenigstens für kurze Zeit tot war, können sich doch Atheisten freuen. Und Christen mit ihnen.

1.
Einige haben den Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag den Samstag des „toten Gottes“ genannt. Was für ein treffender Titel! Vielleicht zeigt sich da ein für Atheisten und Christen gemeinsamer Feiertag, ein gemeinsamer Gedenktag? Welch eine Herausforderung für eine wirklich umfassende Ökumene aller Menschen, also einer Gemeinschaft, die sich nicht durch enge konfessionelle Strukturen, sondern von der menschlichen Situation angesichts von Leben und Tod bestimmt. Eine Utopie? Vielleicht.

2.
Zu der Überzeugung, dass Gott selbst tot im Grab liegt, sind religiöse Menschen gekommen durch theologische Poesie, ein Lied des Mainzer Jesuiten Friedrich von Spee. Er, der Feind aller Hexenverfolgungen, hat seine Verse 1628 geschrieben, zu Beginn des allgemeinen Abschlachtens der Christen untereinander im „Dreißigjährigen Krieg“. Die Strophe des Jesuiten hat den theologisch wahrlich umwerfenden Text: „O Traurigkeit, o Herzeleid, ist das denn nicht zu klagen! Gottes Vaters einigs Kind wird zu Grab getragen.“
Gott des Vaters „einigs Kind“ – es ist jenes „Kind Gottes“, das ganz „EINS“ ist mit Gott dem Vater im Himmel… dieses „Kind“ ist in der klassischen Theologie Jesus von Nazareth. Mit dem sterbenden und toten Kind Gottes, Jesus, liegt also auch Gott selbst im Grab. Sind doch Christen wie auch der Jesuit von Spee vom Einssein Gottes mit Jesus überzeugt. So liegt also Gott selbst tot im Grab. Und noch zugespitzter gesagt im Denken der klassischen Theologie: Zwei „Personen“ der Trinität sind tot. Nur der Heilige Geist, in der klassischen Theologie die dritte „Person“ der Trinität, lebt weiter, der Geist ist ewig.

3.
Es ist die Mühe wert, sich auf ein Intermezzo einzulassen und die Rezeption dieser Strophe und des dann weiter gedichteten Liedes „O Traurigkeit, o Herzeleid“ zu bedenken. Der protestantische Theologe und Poet Johann Rist hat 1641 die Strophen 2 bis 6 hinzugefügt.

Christen, selbst die „rechtgläubigen“, die dogmatisch korrekten Protestanten und Katholiken, haben diese Strophe des Jesuiten Friedrich von Spee in ihre Gesangbücher aufgenommen. In dem katholischen Gesangbuch „Ehre sei Gott“, Berlin 1958, ist es unter der Nr. 58 mit diesem Text aufgeführt. Auch die späteren Neuauflagen (etwa „Gottlob 1975) haben den Text so, wie er ist, beibehalten, das gilt auch für die evangelischen Gesangbücher (1993), dort die Nr. 80.
Hingegen wurde die zweite Strophe dieses Liedes, geschrieben von dem protestantischen Pfarrer und Dichter Johann Rist, von Katholiken verändert. In der ursprünglichen Fassung von Johann Rist heißt es in der zweiten Strophe „ O große Not! Gottes Sohn liegt tot…“, so im „Evangelischen Kirchen-Gesangbuch von 1951 wie auch in der Neuausgabe des evangelischen Kirchengesangbuches von 1993.

Theologische Angst vor einem „toten Sohn Gottes“ bekamen hingegen die Katholiken. Und so folgen sie nicht dem Text des Protestanten Johann Rist. Und behaupten in ihrer katholischen Fassung der 2. Strophe: „O höchstes Gut, unschuldiges Blut. Wer hätt dies mögen denken, dass der Mensch seinen Schöpfer sollt an das Kreuz aufhenken“.
Diese katholische Formulierung „der Mensch hängt seinen Schöpfer ans Kreuz“ ist für fromme Gemüter auch sehr irritierend und äußerst gewagt: Nicht mehr nur Gottes Sohn (Jesus) ist tot, sondern nun auch sogar der Schöpfer selbst, also Gott Vater! Und zwar wurde Gott selbst von Menschen ans Kreuz gehängt, wie es in der zweiten Strophe heißt. Gott ist also durch die Tat der Menschen gestorben. Diese hier zitierte zweite Strophe von „ O Traurigkeit, o Herzeleid“ ist tatsächlich die Nr. 188 im offiziellen katholischen Gesangbuch für Deutschland, Österreich, Brixen und Lüttich enthalten!

4.
Dieser Hinweis war notwendig, um Probleme beim Verstehen des Karsamstag deutlich zu machen. Dieser Samstag heißt immer noch der Karsamstag, das Wort „Kar“ stammt vom althochdeutschen Kara und bedeutet: Kummer und Trauer. Der Karsamstag ist also der Kummer-Samstag, der Trauersamstag. Wenigstens für diesen einen Tag ruht tatsächlich auch heute noch der ganze übliche kirchliche Betrieb, also auch das Feiern von Messen und Gottesdiensten, wenigstens an diesem einen Tag, dem Karsamstag, so will die katholische Kirchenführung, soll in ihren Kirchengebäuden förmlich „toten Stille“ oder besser „Stille des Toten Christus oder des toten Gottes“ herrschen. In den katholischen Kirchen ist der Altar leer geräumt, es gibt keinen Blumenschmuck, in manchen Kirchen wurde früher sogar ein Sarg, als Symbol des Grabmals Jesu, aufgestellt.

5.
Der Karsamstag ist also eingefügt zwischen dem Kar-Freitag, dem Kreuzestod Jesu, und dem Sonntag, dem Tag der Auferstehung Jesu, dem Tag, an dem Jesus siegreich den Tod überwunden hat und mit verklärten Leib der Gemeinde erscheint. So formuliert die klassische Theologie der Rechtgläubigen, der Katholiken und Protestanten, das Oster-Geschehen – in dem eigenes konstruierten „Kirchenjahr“. In diesem kirchlichen Jahresablauf hat der tote Jesus von Nazareth als „Gottes eigenes Kind“ nur einen einzigen Tag der Toten-Ruhe, nach dem Tod am Kreuz geht es nach dem Intermezzo des Karsamstags gleich siegreich und erfreulich und voller Wunder mit Jesus weiter, wie es die vier Evangelisten sehr bildhaft und extrem, unkontrolliert enthusiastisch beschreiben.

6.
Der Karsamstag als Tag der Leere und des toten Jesus (bzw. des toten göttlichen Weltenschöpfers, wie es das Lied sagt) war und ist den Kirchen immer irgendwie peinlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass dieses Lied in der Zeit vor Ostern in den Messen oft gesungen wurde. Es ist ein Fremdkörper. Der tote Jesus, oder kirchlich-dogmatisch, der tote Jesus Christus oder sogar der „ans Kreuz gehenkte Schöpfer“, stören den Betrieb einer runden, alles wissenden und immer positiv gestimmten Theologie. Es gibt fast keine theologischen Studien zum toten Jesus (Christus) im Grab als Leiche. Es gibt also keine ausgebreitete und aktuelle Theologie des Karsamstags, die doch inspirierend sein könnte angesichts der Erfahrung vieler Menschen vom toten Gott.

7.
Denn der Gedanke könnte doch sein: Die Menschen haben „Gottes eignes Kind“ getötet, sie haben sogar den Schöpfer der Welt ans Kreuz gehenkt, wie es im Lied heißt. Die Menschen als Mörder Gottes, oder allgemeiner gesagt: Die Menschen als Mörder des Göttlichen, des Ewigen, des Heiligen – welche Provokation. Die Menschen haben die Idee Gottes ausgelöscht. Ist dieser Gedanke heute so abwegig, wenn wir an die Allmacht der Menschen in anderen Bereichen denke, in der Technik, der atomaren Rüstung, der systematischen Zerstörung der Natur, des Klimas, der Umwelt. Drückt „die letzte Generation“ nicht genau diese Erfahrung aus?

8.
Könnte Karsamstag nicht ein Tag werden, an dem das Schweigen in den Kirchengebäuden für eine Stunde unterbrochen werden sollte, etwa durch Lesungen, etwa aus Nietzsches Rede des tollen Menschen in dem Buch „Also sprach Zarathustra“: Nur ein kurzer Auszug:

„Wohin ist Gott?“ rief der tolle Mensch, „ich will es euch sagen! 
Wir haben ihn getötet – ihr und ich!  
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?  
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?  
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? 
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?
Wohin bewegen wir uns? 
Fort von allen Sonnen? 
Stürzen wir nicht fortwährend?  
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? 
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?  
Haucht uns nicht der leere Raum an? 
Ist es nicht kälter geworden? 
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?…..

9.
Friedrich Nietzsche könnte also der Philosoph des Karsamstags sein. Und der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider könnte mit seinen Notizen „Winter in Wien“ ein Theologe des Karsamstags werden. LINK. Als musikalische Inspiration zu Veranstaltungen an Karsamstag könnte die „Liturgie pour un Dieu mort“ („Liturgie für einen toten Gott“) wichtig sein, siehe die CD unter diesem Titel, der Komponist ist Charles Ravier (1934-1984).

Auch andere Philosophen haben von Karsamstag gesprochen, etwa der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Er spricht in seiner Frühschrift „Glauben und Wissen“ (1802) von Karfreitag, ausführlicher dann wieder in seinen „Vorlesungen zur Philosophie der Religion“, die er viermal in Berlin vorgetragen hat. Dort sagt Hegel: „Gott ist gestorben. Gott ist tot. Dieses ist der fürchterlichste Gedanke, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist, die Negation selbst in Gott ist; der höchste Schmerz, das Gefühl der vollkommenen Rettungslosigkeit, das Aufgeben alles Höheren ist damit verbunden“ (Suhrkamp, Theorie Werkausgabe, Band 17, S. 291). Man sollte diese Worte einmal mit Nietzsches „tollem Menschen“ vergleichen….Aber für Hegel ist der Tod Gottes nur ein vorübergehendes Moment im Leben Gottes: Und dieses Leben des göttlichen Geistes ist von der Dialektik der Vernunft bestimmt: Das Negative (Tod) muss also sein, aber es wird überwunden, „aufgehoben“! Gott erhält sich selbst in seinem Tod, er ist stärker als der Tod, so dass der Tod Gottes förmlich nur ein kurzfristiger Irrtum des Betrachters ist. Hegel schreibt im Anschluss an das genannte Zitat: „Es findet eine Umkehrung statt: Gott nämlich erhält sich in diesem Prozess, und dieser ist nur der Tod des Todes. Gott steht wieder auf zum Leben!“ (ebd.) Und später sagt Hegel. „Es ist die unendliche Liebe, dass Gott sich mit dem Fremden (d.i. dem Tod) identisch gesetzt hat, um es, das Fremde, also den Tod, zu töten“ (S. 292).

10.
Der Philosoph Hegel denkt die Lehre des protestantischen Christentums seiner Zeit in philosophischen Begriffen, so hofft er, auch die unkirchlichen, die skeptischen Zeitgenossen für den zentralen Inhalt des christlichen Glaubens interessieren zu können. Einige Jahre vor Hegel hat der Dichter Jean Paul (1763-1825) eine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ formuliert (1797), aber Jean Paul hat den Toten Christus vorsichtshalber nur als Traumgestalt beschrieben. LINK

11.
Eine starke Bedeutung für aktuelle Reflexionen und Diskussionen haben freilich die oben genannten Ausführungen Nietzsches. Von ihm stammt auch die aktuelle Frage: „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ Auch diese Frage stammt aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ (1887, III, Buch, Nr. 125: Dort heißt es: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“
Mit diesem Thema hat sich als einer der wenigen Theologen der niederländische Augustinerpater Robert Adolfs auseinandergesetzt: LINK  Robert Adolfs  Buch erschien 1966 unter dem Titel „Wird die Kirche zum Grab Gottes?“ (Styria Verlag auf Deutsch).
Robert Adolfs hat seinem Buch ein Zitat des Jesuiten Alfred Delp vorangestellt, der als Widerstandskämpfer gegen die Nazis am 2. 2. 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde. Alfred Delp schrieb kurz vor seinem Tod: „Die Kirche steht durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise sich selbst im Wege. Ich glaube, über all da, wo wir uns nicht freiwillig um des Lebens willen von dieser Daseinsweise trennen, wird die geschehende Geschichte uns als richtender und zerstörender Blitz treffen“.
Die katholische Kirche wird für viele spirituelle Menschen besonders heute zum Grab Gottes: Das ist eine empirisch belegbare Tatsache. Man denke an den sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute, an die vielfache Korruption in den so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“, an den immer noch herrschenden Klerikalismus und die ungebremste unkontrollierbare Allmacht des Klerus: All das vertreibt die Gläubigen aus der Kirche, sie sehen in ihrer dogmatisch erstarrten Kirche „Das Grab Gottes“. Und wollen auferstehen…

12.

Und was ist mit dem Grab Jesu? Ist es leer seit dem Ostermorgen? Vernünftige und kritische Theologen sagen nein. Die Überzeugung, dass Jesus von Nazareth auferstanden ist und lebt, kommt ohne den „Glauben“ an das leere Grab aus. Jesu Körper bleibt im Grab, so ist es bei allen anderen Menschen. Aber: Jesu Geist lebt, sein Geist hat den Tod überwunden, so wie der Geist eines jeden Menschen den Tod überwindet. Wie genau der Geist im Ewigen lebt, das wissen wir nicht. Aber es bleibt dabei: Der Geist ist das Ewige im Menschen. Auch im Menschen Jesus von Nazareth.  Siehe auch den Hinweis zur „Auferstehung Jesu – vernünftig verstehen“: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Sexueller Missbrauch durch einen hochrangigen Priester im Spanien des 17. Jahrhunderts: „Der Prozess versandete“…

Eine historische Studie zum sexuellen Missbrauch.

Ein Hinweis von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht 2021, aktualisiert am 23.7.2023

1. Zur Einführung:

Die Geschichte der Homosexuellen war und ist eine von der heterosexuellen Mehrheit ignorierte Leidensgeschichte. In 69 Staaten wird auch heute noch, 2023, Homosexualität strafrechtlich verfolgt, in 11 Staaten droht Homosexuellen die Todesstrafe. Quelle: LINK   
Ohne körperliches Leiden, ohne Verfolgung, ohne Scheiterhaufen konnten nur einige wenige prominente Homosexuelle, modern gesprochen ohne „Outing“, überleben, es waren Fürsten und Päpste, Bischöfe und Pfarrer und Ordensobere und „einfache Mitglieder“ von Ordensgemeinschaften.
Und wie bei der jeder Geschichte von unterdrückten Minderheiten gibt es, abgesehen vom Judentum, auch keine ausgebreitete, gründliche Forschung zur Geschichte der Verfolgung der Homosexuellen, obwohl etwa in Spanien und Italien viele Dokumente zur Verfolgung und Ausrottung der Homosexuellen durch die katholische Inquisition in den Archiven vorliegen.

2.

Es ist förmlich ein Glückstreffer, wenn man in Deutschland Beiträge kirchenunabhängiger Historiker findet zu dem Thema. Ich empfehle die Lektüre des Aufsatzes von Prof. Raphael Carrasco „Sodomiten und Inquisitoren im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts“. Die Studie ist erschienen in dem Sammelband „Die sexuelle Gewalt in der Geschichte“, hg. von dem Historiker Alain Corbin, Wagenbach Verlag, 1992, dort S. 45-58. Die französische Ausgabe erschien 1989. Das Buch ist auf Deutsch nur noch antiquarisch verfügbar…

3. Über den sexuellen Missbrauchs eines spanischen Priesters aus dem Merzedarier-Orden im 17. Jahrhundert , dargestellt von Raphael Carrasco, siehe die ausführliche Darstellung:  LINK.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Papst Johannes Paul II.: In Krakau, schon als Erzbischof, ignorierte er den Missbrauch im Klerus. Als Papst war er mit dem Täter P. Maciel befreundet.

Es gibt keine (klerikalen) Vorbilder: Der 2. Teil.   Der 1. Teil weist auf Kardinal Karl Lehmann, Mainz, hin.

Von Christian Modehn am 10.3.2023

Die katholische Journalistin Christine Pedotti (Paris) schreibt in der Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ (16.3.2023): „Man müsste nun im Kirchenrecht die Kategorie der Rückgängigmachung der Heilig-Sprechung festlegen“.  Konkret meint sie:  Johannes Paul II. dürfte eigentlich nicht länger als „Heiliger“ verehrt werden.

Er wurde als Papst wie ein Heiliger verehrt: PAPST JOHANNES PAUL II. (geb. 1920, als Papst gestorben 2005). Sofort nach seinem Tod forderten sehr viele Fromme, „santo subito“, er sollte sofort heilig gesprochen werden. Und das taten seine Nachfolger dann auch: Seit 2013 dürfen alle Katholiken den heiligen Papst Johannes Paul II. im Himmel um Fürsprache bei Gott anflehen. Zahlreiche, zum Teil monumentale Statuen und Denkmäler wurden vor allem in Polen zu Ehren des polnischen heiligen Helden und Papstes errrichtet.

Aber auch gegen ihn werden nun begründete Vorwürfe laut: Karol Wojtyla soll als Erzbischof von Krakau sexuellen Missbrauch von Priestern in „seinem“ Erzbistum vertuscht haben. Das Motto heißt also immer wieder: Der Klerus schützt zuallererst den Klerus. Nicht die Opfer.

In Polen, dem Land des in die Kritik geratenen Papstes, werden diese Erkenntnisse wie erwartet zurückgewiesen.

Einige Zitate aus einer aktuellen Meldung des Bayerischen Rundfunks vom 6.3.2023:

Johannes Paul II. soll Missbrauch vertuscht haben
Der spätere Papst Johannes Paul II. soll ihm unterstellte Missbrauchstäter in Polen gedeckt haben. Das berichtet ein polnischer Investigativjournalist. Bereits zuvor hatte es ähnliche Vorwürfe gegeben, die aber in Polen zurückgewiesen wurden.
Von der Redaktion des Bayer. Rundfunks „Religion und Orientierung“. Am 6.3.2023.

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. soll einem polnischen Medienbericht zufolge vor seiner Papstwahl Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche Polens vertuscht haben. In seiner Zeit als Kardinal und Bischof von Krakau habe Karol Wojtyla von Pädophilie-Fällen gewusst, berichtete der Privatsender TVN am Sonntag unter Berufung auf Recherchen des Journalisten Marcin Gutowski.

Bericht: Karol Wojtyla war über Missbrauchstäter informiert
Dem Bericht zufolge soll Wojtyla Priester seiner Diözese, über deren Taten er informiert war, in andere Gemeinden versetzt haben, um Skandale zu vermeiden. Einer der Priester wurde demnach von dem späteren Papst nach Österreich geschickt. Kardinal Wojtyla habe für ihn ein Empfehlungsschreiben an den Wiener Kardinal Franz König geschrieben, ohne ihn über die Vorwürfe gegen den Priester zu informieren.
Bereits Anfang Dezember 2022 erhob der niederländische Journalist Ekke Overbeek in einem Enthüllungsbuch schwere Vorwürfe gegen den früheren Papst und Vorgänger von Benedikt XVI. In Dokumenten hätte Overbeek Informationen zu konkreten Fällen gefunden, in denen Wojtyla wissentlich Missbrauchspriester in andere Bistümer versetzt habe.
Polnische Medien wiesen Vorwürfe gegen Papst Johannes Paul II. 2022 zurück
Polnische Medien gelangten damals zu einer anderen Einschätzung über die Rolle des späteren Papstes in seiner Zeit als Erzbischof. Kardinal Wojtyla sei „nach Aktenlage entschieden gegen einen Priester vorgegangen, der mehrere Kinder sexuell missbraucht hat“, schrieb die Zeitung „Rzeczpospolita“. Als Beispiel wird ein Fall genannt, in dem Wojtyla schnell und wachsam reagiert habe.
Der polnische Investigativjournalist Gutowski sprach nun für seine Recherchen mit Opfern pädophiler Priester, deren Angehörigen und ehemaligen Angestellten der Diözese. Er stützte sich auch auf Dokumente der ehemaligen kommunistischen Geheimpolizei SB und Dokumente der Kirche. Bereits vor zwei Jahren habe er die ersten Hinweise bekommen, dass Wojtyla vom sexuellen Missbrauch der ihm unterstellten Pfarrer gewusst und sie gedeckt haben soll, sagte Gutowski gegenüber TVN24. Die Diözese Krakau habe ihm allerdings den Zugang zu ihren Archiven verweigert, sagte der Journalist.

Katholische Kirche verweigerte Herausgabe von Dokumenten
Die katholische Kirche in Polen hatte sich bereits in der Vergangenheit geweigert, Dokumente herauszugeben – selbst an die Justiz oder an eine öffentliche Kommission, die Missbrauchsfälle untersuchte. Ein Zeuge, der anonym bleiben wollte, bestätigte, er habe Kardinal Wojtyla persönlich von pädophilen Handlungen eines Priesters im Jahr 1973 berichtet. „Wojtyla wollte zuerst sichergehen, dass es sich nicht um Bluff handelt“, sagte der Zeuge. „Er sagte, er würde sich darum kümmern und bat, es nirgendwo zu melden.“

Thomas Doyle, ein ehemaliger katholischer Priester aus den USA, nannte die Enthüllungen des Journalisten „revolutionär“ Sie zeigten, „was viele Menschen schon seit Jahren vermutet haben: Dass Johannes Paul II. von diesem Problem wusste, bevor er Papst wurde“, sagte der Experte für Kirchenrecht, der als einer der Ersten über Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche in den USA berichtet hatte. (Quelle: Mit Informationen von AFP und KNA, BR)

Ergänzung am 16.3.2023 von Christian Modehn:

Wir werden zurecht von einigen LeserInnen daran erinnert: Auch als Papst hat Karol Wojtyla sexuellen Missbrauch durch Priester ignoriert. Mit dem bekannten Täter Pater Marcial Maciel , Gründer und Chef („Generaldirektor“) des Ordens der Legionäre Christi, war Johannes Paul II. eng verbunden, wenn nicht befreundet.  Dieser  vielfache Täter sexuellen Missbrauchs, an Seminaristen, aber auch an den eigenen Söhnen, Pater Marcial Maciel, war den vatikanischen Behörden spätetstens seit 1970 „einschlägig“ bekannt. Diese Tatsache war dem ja sonst sehr aufmerksamen Papst Johannes Paul II. sicher nicht unbekannt. Aber er ignorierte diese Tatsache, weil er diesen Orden und seine vielen jungen Priester angesichts des Priestermangels einfach für seine klerikalen Ambitionen („Neuevangelisierung“ etc.) „brauchte“.

„Der Klerus zuerst“ war also offenbar das Leitprinzip des Papstes. Verheimlichen, vertuschen, mit den Tätern befreundet sein, das war päpstliches Prinzip.

Pater Marcial Maciel erläutert in seinem Buch, mit dem, auf seine Petson bezogen, geradezu skandalösen Titel, „Christus ist mein Leben“, 2005, Edizioni ART, Roma, etwa S.180, ausführlich die enge Vertrautheit zwischen ihm und  Papst Johannes Paul II… Den Chef der Legionäre Christi erlaubte sich dann Papst Benedikt XVI., nach dem Tod des polnischen Papstes, einen Verbrecher zu nennen.

Johannes Paul II. hatte den Chef der Legionäre Christi ausersehen, ihn auf den Papstreisen nach Mexiko zu begleiten, der Legionär war auf päpstlichen Wunsch hin Teilnehmer an lateinamerikanischen Bischofskonferenzen und an römischen Bischofssynoden. Der Generaldirektor der Legionäre Maciel schreibt in dem genannten Buch: „Bei anderen Gelegenheiten wurde mir die Gnade zuteil, mit dem Heiligen Vater im Apostolischen Palast zu Mittag oder zu Abend zu essen…Der Heilige Vater brachte den Legionären Christi und unserer Laienorganisation Regnum Christi stets vorbehaltlose Unterstützung (sic) entgegen“ (S- 180). Und der Ober-Legionär erinnert sich an die vielen gemeinsamen Gottesdienste und Empfänge für ihn und die Seinen in wunderbarer Herzlichkeit und Vertrautheit mit dem „Heiligen“ Vater… Infos zu den Legionären Christi und deren Generaldirektor Pater Marcial Maciel.

 

Copyright:BR und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Es gibt keine Vorbilder mehr. Kardinal Karl Lehmann (Mainz) wird ein Heiligenschein genommen. 1. Teil.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 8.3.2023.  Siehe auch den Hinweis auf Papst Johannes Paul II. LINK

Der Anlass dieses philosophischen Hinweises zum Thema Vorbilder:

Nun distanzieren sie sich offiziell von ihrem zuvor hoch verehrten, vorbildlichen Mainzer Bischof (dort von 1983-2016) und Kardinal Prof.Dr. theol. und phil. Karl Lehmann: Der heutige Bischof von Mainz Peter Kohlgraf sagte am 8.3.2023:
Lehmanns fehlende Verantwortungsübernahme habe sexuellen Missbauch begünstigt. Lehmann, der „ein menschenfreundliches Gesicht gezeigt“ habe, der habe in der Begegnung mit Betroffenen sexualisierter Gewalt „unglaubliche Härte und Abweisung“ an den Tag gelegt. Zugleich kritisierte Kohlgraf Gemeinden, die bis heute Priester auf ein Podest gehoben haben, das sie unangreifbar macht“. (Quelle: https://www.domradio.de/artikel/mainz-waechst-die-distanz-zu-kardinal-lehmann)

1. Bischof und Kardinal Karl Lehmann – Lobeshymnen für einen „klaren Kopf“
Wer Verstand hatte, musste doch sehr schmunzeln, als am 16. Mai 2016 in der „Rheingold-Halle“ in Mainz (vom SWR übertragen) zu Ehren Kardinal Lehmanns eine pompöse Festveranstaltung stattfand. Es war wie ein Witz: Ein großer Chor auf der Bühne schmetterte ein selbst verfasstes Loblied auf seine Eminenz, es war fast zum Schunkeln: „Karl Kardinal Lehmann, wir danken dir“, und immer wieder: „Karl Kardinal Lehmann wir danken dir“. Und kaum jemand konnte sich sich vor Freude und Rührung bremsen bei dieser Fast-Heiligsprechung eines lebenden Klerikers. Das alles fand seinen festlichen Höhepunkt in dem genannten Lied, es wurde zu der populären Melodie Edward Elgars für den Song „Land of Hope and Glory“ gesungen. Die Lobeshymnen auf den Kardinal, auch von Politikern aller Couleur und einem katholischen Theologieprofessor, Thomas Söding (Bochum), waren fast ein kleiner Akt der Heiligsprechung. Söding sagte u.a.: „Erst lernen, dann lehren – das ist Ihre(Lehmanns) Devise: mit einem großen Herzen und einem klaren Kopf.“ (Quelle:https://bistummainz.de/organisation/ehemalige-mainzer-bischoefe/kardinal-lehmann/aktuell/nachrichten/nachricht/Unterwegs-auf-der-Suche-nach-Gott/)
Diese Huldigung Södings stimmt nicht mehr … spätestens seit März 2023.

Auf You tube ist der Song „Karl Kardinal Lehmann wir danken dir“ (ab 1.2.00 49″ ) unter dem Titel „Geburtstagsfeier Kardinal Karl Lehmann“  noch zu „bewundern“, siehe: https://www.youtube.com/watch?v=ONdOT3RSo44   (gesehen am 8.3.2023)

Vom „Vorbild Kardinal Lehmann“ sprach auch Bischof Fürst von Rottenburg-Stuttgart anläßlich des Todes von Karl Lehmann:  Als „glaubwürdiges Vorbild in Glauben und Leben“ hat Bischof Gebhard Fürst den am Sonntag verstorbenen Mainzer Alt-Bischof, Kardinal Karl Lehmann, gewürdigt. Lehmann habe als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz unermüdlich unterschiedliche Positionen zusammengeführt und damit unschätzbare Beiträge zur Einheit der katholischen Kirche in Deutschland geleistet, erklärte der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart. (11. März 2018, 10:13 Uhr. Süddeutsche Zeitung.

5 Jahre später musste die Süddeutsche Zeitung  (Seite 7, am 4/5. März 2023) diesen Titel zu Kardinal Lehmann durcken:“ Abwehren, vortäuschen, rausreden“. „Die Missbrauchsstudie bescheinigt Kardinal Lehmann nun schwere Fehler.“

2. Bischof Lehmann schützte die Täter
Das Bistum Mainz ist nämlich jetzt alles andere als ein Land von „Hope and Glory“. Denn nicht nur Kardinal Lehmann, auch seine Vorgänger in Mainz, die Bischöfe Stöhr und Volk, sind nun des heftigen Versagens in der Aufklärung von sexuellem Missbrauch durch Priester im Erzbistum Mainz überführt worden, durch Rechtsanwalt Ulrich Weber in Mainz. „Laut Gutachten hätten bei Kardinal Karl Lehmann die Betroffenen von Missbrauch fast nie eine Rolle gespielt,“ heißt es in der wissenschaftlichen Studie zum sexuellen Missbrauch im Bistum Mainz, „und Kardinal Karl Lehmann wird ein Gegensatz zwischen seinem öffentlich-medialen Auftreten und seinem persönlichen Handeln attestiert. Betroffene spielten fast nie eine Rolle, vielmehr wurde darauf geachtet, das System katholische Kirche zu schützen.“ Dies berichtet übereinstimmend die Presse, unser Zitat: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/missbrauch-im-bistum-mainz-studie-wirft-bischoefen-schweres-versagen-vor.
„Die Mitarbeiter der Missbrauchs – Studie untersuchten 25.000 Seiten an Akten – und Archivmaterial und führten 246 persönliche, schriftliche oder telefonische Gespräche. Nach einer statistischen Analyse waren für den Zeitraum von 1945 bis 2019 zunächst 657 Betroffene und 392 Beschuldigte ausgemacht worden. Dann wurde genauer geprüft, wie sich der jeweilige Tatbestand genau darstellt und wie plausibel der Fall erscheint. Letztlich blieben für die weitere Untersuchung 401 Betroffene und 181 Beschuldigte übrig“. (Zeit-Online)

3.„Karl Kardinal Lehmann wir danken“ – ein insgesamt peinlicher Song
Den Sängerinnen und Sängern der fast ins Blasphemische abrutschenden Hymne „Karl Kardinal Lehmann, wir danken dir“ haben sich gewaltig geirrt, wie so viele treue KatholikInnen waren sie zu sehr Klerus-ergeben und Klerus-treu, es waren doch die Hochwürden, die Herren Pfarrer, die Herren aus dem geistlichen Stand… Sie freuten sich über jedes progressiv erscheinende Wort ihres Kardinals Lehmann, das im Vatikan allerdings nie langfristig erfolgreich war. Aber allein die Tatsache des maßvollen und letztlich devoten Widerspruchs machte den Herrn Bischof und sehr späten Kardinal beliebt. Sie feierten ihn als Vorbild, denn sie brauchten vielleicht ein klerikales Vorbild: Aber das haben sie nun nicht mehr. Sie müssen nun selber denken.

4. Vorbilder und der Kult um Vorbilder
Uns interessiert hier vor allem die große Problematik des „Vorbildes“: In Zeiten, in denen sich die Menschen, auch die Gläubigen, nicht selbst durch eigene Vernunft und Überlegung orientieren können oder wollen, klammern sie sich an Autoritäten, etwa an einen Bischof, der ja wie im Falle Karl Lehmanns tatsächlich intellektuell so klug und gebildet war. Die Fußnoten zu seinen vielen Vorträgen waren kaum zu zählen. So konnte er auch mit seiner Belesenheit (Heideger, Rahner…) bei den anderen Bischöfen glänzen, deswegen war er ja viele Jahre Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz.
Es ist schon traurig, wie Menschen sich begeistern und irreführen lassen, und sich die Zeit noch nehmen, so dumme Songs wie „Karl Kardinal Lehmann, wir danken dir“ zu ersinnen. Wenn schon etliche Menschen„Objekte“ ihrer Verehrung brauchen, dann sollten diese nie offiziellen Autoritäten, nie Stars und Berühmtheiten sein, schon gar nicht katholische Kleriker. Bestenfalls kann eine Person in einer sehr begrenzten, bestimmten Hinsicht Vorbild sein. Kinder brauchen vielleicht Vorbilder, aber alle Erziehung legt wert darauf, dass älter werdende Kinder, Jugendliche, sich von der Bindung an die Vorbilder wieder lösen. Schrecklich für mich, wenn erwachsene Männer, wie Kinder, Fussball Stars „ihrer“ vergötterten Mannschaft, etwa Hertha BSC, verehren und jedes Tor jedes ihres Star noch herbeizitieren können. Eine geistig arme Fussball-Welt, würde ich sagen.
Vorbilder können, ethisch gesehen, immer nur vernünftige humane Werte sein, Freundschaft, Solidarität, Gerechtigkeit, denen es auf je eigene Art nachzustreben gilt. Und das ist mühevoller und verlangt mehr Nachdenken als die Verehrung eines Fussball-Clubs oder eines Bischofs.

5. Ein Hinweis auf Erich Fromm

Der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm (1900 – 1980) hat sich mit der Bindung an Vorbilder in seinen Studien zur „analytischen Sozialphilosophie“ auseinandergesetzt. Erich Fromms Erkenntnisse gelten auch für die „Vorbild-Bindungen“ frommer katholischer Laien an „ihre Pfarrer“, die sie oft noch „Hochwürden“ nennen oder Exzellenzen und Eminenzen oder, auch das noch,„heiligen Vater“: Tatsächlich werden prinzipiell alle Priester, vor allem in der romanischen Sprachwelt, mit dem problematischen Titel „Pater“, Père, Padre, in England auch Father genannt. Zölibatäre Kleriker sollen also als die „wahren Väter“ gelten, so väterlich, zuverlässig, ohne Interesse an sexuellen Übergriffen usw…Allerdings waren und sind diese „Patres“, trotz des Zölibatsgesetzes, oft, sozusagen leiblich gesehen, Väter von eigenen Kinder. Diese Tendenz kindlicher Aussagen „Mein Vater ist Pater“ nimmt allerdings ab, weil immer mehr Homosexuelle Priester sind. Dadurch sparen sich die Bischöfe die Zahlung von Alimenten an die allein gelassenen Mütter mit Kind. Schlimmer ist jetzt der in allen Ländern geradezu massenhaft aufgedeckte sexuelle Missbrauch durch diese vorbildlichen Patres, Fathers, Exzellenzen, Eminenzen usw.

Schon in seinen Studien über Autorität und Familie (1936) hat sich Erich Fromm mit der Bindung an Vorbilder kritisch auseinandergesetzt.
Hier nur diese seine Hinweise zum weiteren Studium, etwa in der „Gesamtausgabe“ der Werke Erich Fromm Band I. (Stuttgart, 1980).

„Es gehört zu den schwersten Erschütterungen im kindlichen Leben, wenn das Kind allmählich sieht, dass die Eltern in Wirklichkeit den eigenen Anforderungen (als Vorbild) nur wenig entsprechen. Aber indem das Kind später durch die Schule, durch die Presse etc. neue Autoritäten an die Stelle der Alten setzt, und zwar solche, die es nicht durchschaut, bleibt die ursprünglich erzeugte Illusion von der Moralität der Autorität bestehen. Dieser Glaube an die moralische Qualität der Macht wird wirkungsvoll durch die ständige Erziehung zum Gefühl der eigenen Sündhaftigkeit und moralischen Unwürdigkeit ergänzt. Je stärker das Schuldgefühl und die Überzeugung der eigenen Nichtigkeit ist, desto heller strahlt die Tugend der Oberen! Der Religion und der strengen Sexualmoral kommt die Hauptrolle bei der Erzeugung der für das Autoritätsverhältnis so wichtigen Schuldgefühle zu“ (S. 184).

6. Klerikale Vorbilder verlieren ihren „Heiligenschein“ – zum Beispiel in Frankreich
Der katholischen Kirche gehen jedenfalls jetzt die Vorbilder absolut verloren. Und damit sicher auch die Heiligen. Wie viele angeblich heilig mäßige, „ganz großartige“ Kleriker und Laien wurden in den letzten Monaten vom Thron der Vorbildlichkeit gestürzt….Beispiele aus Frankreich: Da hat der Sturz der vielen angeblichen Vorbilder in den letzten Monaten, 2022, 2023, die Kirche um ganzen selbst erschüttert. Ich nenne nur das bis vor kurzem von vielen hoch verehrte Brüderpaar Philippe, beide waren Priester im Dominikanerorden, sie wurden der „heftigen Pflege von sexueller Abhängigkeit“ gegenüber Laien und Priestern überführt. Oder man denke an den zu Lebzeiten fast heilig gesprochenen Freund der geistig Behinderten (in seinen ARCHE-Gemeinschaften), den Laien Jean Vanier, der seine Mitarbeiterinnen heftigst sexuell belästigte. Ich denke an die hoch verehrte Mystikerin Marthe Robin mit ihren angeblichen Wundmalen Christi, ich denke an den allgemein noch hoch geschätzten Gründer der neuen, jetzt international agierenden Mönchsgemeinschaft „Jerusalem“ in Paris, Père Pierre Marie Delfieux, oder man denke an den in ganz Frankreich bekannten Pater und Buchautor JeanFrancois Six, den Spezialisten für Mystikerinnen (Theresia von Lisieux!), der etliche seiner ihm treu ergebenen Anhängerinnen missbrauchte.
Sie alle, die Hochverehrten, hatten eines gemeinsam: Sie lebten angeblich zölibatär, waren also offiziell weder mit einer Frau noch einem Mann verheiratet. Und bedienten sich des klerikalen Schutzschirms.
Von dem berühmten Priester-Künstler, dem Jesuiten Marko Ivan Rupnik in Slowenien wäre zu sprechen oder dem engsten Freund der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., dem Kölner Kardinal Joachim Meisner. Er führte einen eigenen Aktenordner mit dem Titel „Brüder im Nebel“, darin sammelte er Papiere zu seinen Priestern, die mit sexuellem Missbrauch zu tun hatten. Den Gerichten übergab er seine „Brüder im Nebel“ nicht, es waren ja seine MITbrüder!
In Berlin wurde der Name eines Pfarrers der St. Ludwig Gemeinde aus einer Gedenkplakette an seiner Kirche ausgelöscht, weil er, der berühmte Stadtpfarrer Benno F., des sexuellen Missbrauchs überführt wurde…

7. „Bediene dich deines eigenen Verstandes, dann brauchst du keine Vorbilder, schon gar nicht klerikale Vorbilder“
Die Liste der nicht-vorbildlichen „Vorbilder“ ließe sich endlos fortsetzen, sie muss hier beendet werden. Unsere Hinweise dienten dem Zweck, ein für alle mal einzuschärfen: Nehmt bloß niemanden zum „totalen“ Vorbild, schon gar nicht zölibatäre Kleriker, ihr irrt euch gewaltig. Denkt lieber selber nach, wie ihr euer Leben menschlich mit anderen gestalten könnt. „Bediene dich deines Verstandes“, ein nahezu heiliges Wort des Philosophen Immanuel Kant.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Putin wird auch in Afrika kirchlich unterstützt: Die Russisch-orthodoxe Kirche wird auch in Südafrika aktiv

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3.3.2023

Die meisten Südafrikaner und ihre PolitikerInnen freuen sich jetzt über Putins Beistand. Nun können sich diese Leute in der Republik auch Putins russisch-orthodoxer Staatskirche in Südafrika anschließen. Die Macht Putins über ein Land muss eben total sein. Und dieser Griff des russischen Herrschers nach Afrika ist auch Teil seines Angriffskrieges gegen die Ukraine und die Demokratien des Westens.

1.
Im Zusammenhang der aktuellen Bindung der Regierung der Republik Südafrika an Putins Russland hat auch die Putin-treue und Putin-hörige Russisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill I. offiziell in Johannesburg eine Diözese errichtet, gleichzeitig eine weitere russisch-orthodoxe Diözese in Kairo.
Dies hatte die „Heilige Synode“ des Moskauer Patriarchats schon am 29.12. 2021 beschlossen. Außerdem wurden mehr als 100 Priester aus acht afrikanischen Ländern, die bisher dem (griechischen) Patriarchen von Alexandria unterstanden, in die russisch-orthodoxe Kirche übernommen, auf deren „Wunsch“, wie es in Moskau heißt. (Quelle: https://www.cath.ch/newsf/le-patriarcat-de-moscou-accompagne-la-presence-russe-en-afrique/)

2.
Wegen der aktuellen politischen Ambitionen Russlands in der Republik Südafrika wird hier nur auf die Etablierung des russischen Bistums Johannesburg hingewiesen.

Bislang waren auch orthodoxe Kirchen in Afrika als Missionare tätig, wie die Katholiken, die Protestanten, die Evangelikalen, Pfingstler und so weiter. Aber diese orthodoxen Missionen wurden vor allem von der griechisch-orthodoxen (!) Kirche geleitet, vor allem in Kenia gibt es eine große orthodoxe Kirche.
Dass nun die russisch-orthodoxe Kirche die Tätigkeit der griechisch-orthodoxen Kirche offenbar in ganz Afrika zurückgedrängt, hängt auch mit inner-orthodoxen Streitereien zusammen. Denn die griechisch-Orthodoxen (unter der Leitung des Patriarchen von Alexandria) unterstützen offiziell die Ukraine und die dortige von Russland unabhängige ukrainisch-orthodoxe Kirche. Das kann die Putin-hörige russisch-orthodoxe Kirche nicht hinnehmen. Zwei orthodoxe Kirchen kämpfen also um den Einfluß in Afrika, siegreich ist die russisch-orthodoxe. Sie wird nie mehr ihre Präsenz in Südafrika aufgeben…Jede orthodoxe Kirche, die – wie die Griechen – die Ukraine unterstützt, wird drangsaliert von dem Putin Freund, dem russischen Patriarchen. Wie Putin, ein KGB Mitglied (einst).

3.
Aber dies ist nur ein Motiv für die Etablierung einer russisch-orthodoxen Institution in Südafrika. In diesem Staat geht es auf die Dauer um die Etablierung einer südafrikanisch-russischen Partnerschaft.

Das neue Exarchat in Afrika Ist der Bischof von Jerewan in Armenien, Leonid Gorbacev.

Leonid Gorbacev ist nun der neue russisch-orthodoxe Bischof für Afrika, er ist schon dabei, in Südafrika neue, mächtige Kirchen zu bauen oder einzuweihen: Wie etwa die Pfarrei „Saint John of The Ladder“, gegründet 2022, https://www.theladderon136.com/blank-page.

Schon im Januar 2022 hatte der ökumenische „Südafrikanische Kirchenrat“ die „Russisch-orthodoxe Kirche in Südafrika“ herzlich willkommen geheißen. Die Provinz Gauteng (mit Johannesburg und Pretoria) sei wohl der beste Platz für die Russen, meinte der Generalsekretär dieses offiziellen südafrikanischen ökumenischen Dachverbandes, Bischof Malusi Mpumlwana. Er hat sich auch offen „für eine Mitgliedschaft der Russen im südafrikanischen Kirchenrat“ ausgesprochen. (Quelle: https://www.urdupoint.com/en/world/south-african-council-of-churches-recognizes-1447731.html). Und er zeigte sich angesichts der allgemeinen Sympathie Südafrikas für Putins Russland optimistisch und hilfsbereit: „Als Mitglied in unserem Kirchenrat kann die russisch-orthodoxe Kirche uns ansprechen, welche Ratschläge sie benötigt“, sagte Bischof Malusi Mpumlwana.

4.
Der neue, für Südafrika zuständige russiche Bischof Leonid Gorbacev hat jedenfalls seit langem Verbindungen zu privaten russischen Militärgruppen – darunter die „Firma Wagner“. „Diese Wagner-Leute kämen dem Projekt des Bischofs zugute, weil er damit einflussreiche Fürsprecher und auch eine Schutzmacht habe“, sagt Natallia Vasilevich. (Quelle: https://www.evangelisch.de/inhalte/209622/16-12-2022/orthodoxe-kirchen-im-konflikt-russische-kirche-will-afrika-expandieren, 16.12.2022). Natallia Vasilievich war Leiterin des Zentrums „Ecumena“ in der belarussischen Hauptstadt Minsk.

5.
Und die Konsequenz in Südafrika: Fast niemand will es sich mit einer russisch-orthodoxen Kirche anlegen, die solche Verbündete hat, sagt die Frau Vasilevitch, Spezialistin für orthodoxe Kirchen, jetzt lebt sie in Bonn als Dozentin an der Universität.
Vielleicht gilt diese Angst vor kritischen Äußerungen gegenüber der Putin-Kirche auch für Südafrikaner, die z.B. im Ökumenischen Weltrat der Kirchen (ÖRK) in Genf arbeiten. Werden die Südafrikaner in Genf eher nationalen, südafrikanischen Gefühlen folgen oder werden sie erkennen, dass die Führung der russisch-orthodoxen Kirche sich soweit von christlichen Grundsätzen entfernt hat, dass für sie kein Platz in einem „Weltrat der CHRISTLICHEN Kirchen“ sein kann.

6.
Nicht nur Putin, auch die Putin-Kirche mit ihrer „Mission“ in Afrika wird die Welt noch lange beschäftigen. Wie sagte doch der für Südafrika zuständige Bischof, jetzt mit dem Titel geehrt „Metropolit Leonid von Klin“ (alias Gorbacech), am 12.1.2022, der offiziellen Website des Moskauer Patriarchats „Russian Orthodox Church“: „Jetzt arbeiten wir an einem voll-umfänglichen Programm nicht nur für die Entwicklung der Pfarreien, sondern auch zur Sicherstellung einer vollwertigen Präsenz des Russisch-orthodoxen Kirche auf dem afrikanischen Kontinent, das schließt liturgische, erzieherische und humanitäre Komponenten ein“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophioscher Salon Berlin

 

Bertolt Brecht – Dimensionen seines (Un)Glaubens

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Das fromme Elternhaus

Zum 125. Geburtstages von Bertolt Brecht (am 10.2.2022) ist uns die Frage wichtig: Welche Aspekte von Glauben, religiös bzw. christlich oder atheistisch bzw. kommunistisch, zeigen sich in Brechts Leben und in seinem Werk?
Dass sich Bertolt Brecht nicht gerade als kirchlicher Christ verstand, ist bekannt. Aber was ist Brechts eigene Spiritualität, diese Wort kann man wohl verwenden, trotz einer Philosophie, die man materialistisch nennen kann. Brecht ist skeptisch, kirchenkritisch und atheistisch geprägt, auch wenn er, der spätere Dichter („Stückeschreiber“) aus einer christlichen Familie in Augsburg stammt: Vater katholisch, Mutter protestantisch, als Kind evangelisch getauft … und später greift er immer wieder Motive der christlichen Tradition in seinen Stücken auf. Offenbar hat ihn auch die fromme protestantische Mutter mit ihren biblischen Geschichten bleibend geprägt.

2. Die Bibel

In der Evangelischen „Barfüßerkirche“ in Augsburg nahm der junge Brecht an Gottesdiensten teil. Die Bibel schätzte er auch später als Sammlung literarischer und poetischer Texte, als Anregung fürs eigene Dichten.
An „Brechts über Jahrzehnte biblisch durchsetzte Sprache, in Anspielung, Ironie, Satire, Überstieg“ erinnert der Literaturkritiker Paul Konrad Kurz (Orientierung, Zürich, 1978, S 57). „Brecht hat die Lutherbibel tatsächlich zeit seines Lebens fleißig, ordentlich und aufmerksam studiert, ihrer Bedeutung und ihrer Sprachform nach“, schreibt Thomas O. Brandt in “Brecht und die Bibel“ , (Zeitschrift PMLA, Vol. 79, No. 1 (Mar., 1964), pp. 171-176 Published by: Cambridge University Press).
Der Brecht – Spezialist Prof. Jan Knopf betont: „Die Bibel wurde ihm auch – und wohl ganz wesentlich – durch seine Großmutter mütterlicherseits (Friederike Brezing) auf nacherzählende Weise vermittelt. Die genauere Luther-Bibel-Lektüre dürfte erst in die Zeit des Halbwüchsigen und dann auch jungen Mannes fallen, der die Bibel nicht als Gottes Wort, sondern als Geschichten-Buch rezipierte und vor allem deshalb schätzte, weil sie vor allem im Alten Testament brutal und offen ins volle Menschenleben griff und deshalb von ihm auch als „böse“ u. a. eingeschätzt wurde: eine Fundgrube an Stoffen, Menschenschicksalen und Menschentypen (Archetypen), die er – wie später auch andere Stoffe und Ereignisse – in seinen Werken umsetzte“. (https://www.ekiba.de/detail/nachricht-seite/id/5842-bertolt-brecht-und-die-religion-die-bibel-als-geschichtenbuch/?cat_id=328)

3. Kirchenkritik

Brecht wusste von dem mörderischen Wahnsinn des 1. Weltkrieges, er hat auch später über die Kriegsbegeisterung der Kirchen reflektiert. Und auch die politisch-reaktionären Kräfte in den Kirchen nach 1919 waren ihm bekannt. Der „Atheismus“ von Brecht ist also, biographisch gesehen, Widerspruch zu den sich mehrheitlich politisch reaktionär verhaltenden Kirchen. Man muss Brechts Ablehnung des kirchlich-dogmatischen Glaubens an den Kirchen-Gott also im Kontext sehen. Er lehnt ein ideologisch geprägtes Gottesbild ab, das verbreitet wird vom herrschenden Klerus zugunsten der (kapitalistisch) Herrschenden. Brecht lehnt die Bindung an ein Bild einer göttlichen Wirklichkeit ab, weil sie nicht (die Armen) befreit, sondern unterdrückt. „Die Kirche kollaboriert mit weltlichen Herrschaftsinteressen. Ihr Gott dient als Lückenbüßer, als Tatsachenverschleierung, als Handlungsersatz. Mit Gottesbildern vertrösten die Herrschenden die Beherrschten auf ein fernes Jenseits“ (Paul Konrad Kurz, Brechts Kritik an Gottesbildern, Orientierung, Jesuitenzeitschrift, Zürich, 1978, S.57). Aber auch dies ist wichtig: „Brecht hat die Person des armen Jesus von Nazareth nie ins Blickfeld bekommen“, ders. in: „Religionskritik von der Aufklärung bis zur Gegenwart“, Freiburg 1979, S. 49).

4. Gottesfrage

„Brecht war auf alle Fälle kein Atheist, denn die Atheisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehr als alle Gläubigen dauernd von Gott reden, weil sie offenbar ein Bedürfnis haben, ihn abzuschaffen. So lässt sich etwa auch Nietzsche besser verstehen, der ständig von etwas redete, von dem er behauptete, das gäbe es gar nicht“, betont Prof. Jan Knopf. (a.a.O).
Brecht fühlte sich durchaus befreit und entlastet, als er ein göttliches Gericht im Jenseits ablehnte. In seinem Gedicht „Gegen die Verführung“ (1925) gibt es keine Angst mehr vor der Hölle, denn „es gibt kein Morgen mehr“. Auf die Hoffnung der Auferstehung zu verzichten ist sozusagen der Preis, um nicht mehr länger an die Hölle gebunden zu sein. Um so heftiger ist sein Plädoyer für das Leben jetzt: “Das Leben ist am größten, es steht nichts mehr (Weiteres, CM) bereit“. Dann wird Brecht allerdings dogmatisch, wenn es am Schluß dieses Gedichtes heißt: „Ihr sterbt mit allen Tieren, und es kommt nichts nachher“. Auch dies eine Aussage eines Glaubens, woher seine Überzeugung stammt, sagt Brecht nicht.
Brecht legte aber doch wert auf die religionskritische Differenzierung: In seinem Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ als einem Stück zur Praxis des Klassenkampfes, stehe nicht „die Existenz Gottes, der Glaube zur Diskussion, sondern (nur) das Verhalten des religiösen Menschen“ (in: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden Suhrkamp. Frankfurt/Main 1967. Band 17: Schriften zum Theater 3. S. 1021.)
Als Johanna Dark von den „Schlachthöfen“ sich von ihrem Glauben abgewandt hat, sagt sie am Ende des Stückes: „Die aber unten sind, werden unten gehalten, damit die oben sind oben bleiben…“ Und unmittelbar danach sagt Johanna:
„Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht, und es helfen nur Menschen, wo Menschen sind“ . Das Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ konnte als gekürzte Hörspielfassung noch 1932 aufgeführt werden, Theaterinszenierungen wurden von den Nazis danach verboten.

5. Alte chinesische Weisheit

Was bedeutet Brecht die offensichtliche Verbindung mit alten chinesischen Philosophien und Weisheitsbüchern, eine Nähe, die etwa in dem Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches des Taoteking…“ deutlich wird … oder auch noch heute zu sehen ist in der Ausstattung seiner Ost-Berliner Wohnung (Chaussseestr. 125) mit klassischen „chinesischen Rollbildern“?
Die „Spiritualität“ Brechts ist vielschichtig. Aber sie hat eine Mitte: Sie ist gebunden an das Bekenntnis, für die Sache der Unterdrückten mindestens vor allem verbal, mit den Mitteln der Dichtung und des Theaters, einzutreten. Er konnte als Stückeschreiber eben nur mit seinen Stücken „praktisch“ wirken, selbst in Ost-Berlin lebte er vergleichsweise privilegiert, ein österreichischer Pass bot ihm eine gewisse Sicherheit vor möglichen Einschränkungen des DDR – Staates. Es gab also eine gewisse „DDR-Skepsis“ bei Brecht!

6. Spiritualität bei einem Materialisten

„Spiritualität“ als eine Philosophie des eigenen Lebens wird bei Brecht anschaulich in seinen Äußerungen zugunsten des (theoretischen) Mitleidens mit den Armen. Davon spricht Hanna Arendt ausdrücklich: „Brecht litt an der Leidenschaft des Mitleids“, schreibt sie, das Mitleid leuchte aus seinen Theaterstücken hervor. Brechts Interesse und Leidenschaft fürs Mitleid mit den Armen führten ihn, so Arendt, zu einer sehr deutlichen Sympathie für die kommunistische Ideologie, selbst wenn er kein „Marx-Spezialist“ war, aber Marx und Engels doch als die „Klassiker“ bezeichnete. Aus seiner (theoretischen) Leidenschaft für die Armen wird, Arendt, verständlich, „der Entschluss, sich der kommunistischen Partei anzunähern, der Entschluss wird nicht nur verständlich, sondern beinahe selbstverständlich“, „wo anders hätte er denn sonst unterkommen können?“ (Arendt, S. 297). Nebenbei gefragt: Er hätte sich ja die Frage stellen können, ob er nicht auch in der SPD (oder in der etwas radikaleren USPD) hätte „unterkommen“ können, aber die waren eben nicht „richtig“ revolutionär… Immerhin gab es aber auch seit 1920 christlich-sozialistische Gruppen, etwa um den Theologen Paul Tillich, aber davon wusste Brecht wohl nichts.
Was Brecht mit elementarer christlicher Spiritualität grundsätzlich verbindet, ist, „die Wunder des Lebens zu lieben“, darauf weist auch Hannah Arendt ausdrücklich hin (S. 284): Brecht interessierte die elementare Verbindung von Himmel und Erde, die Unschuld des einfachen Lebendigseins. „Den Wundern des Lebens jenseits aller Zivilisation galt Brechts erste Liebe“.

7.  Brechts Kommunismus

Daran hat zumindest Hannah Arendt keinen Zweifel: „Brecht hielt an der kommunistischen Ideologie mit einem oft das Groteske streifenden, doktrinären Eigensinn fest“ (,S. 261). Mitglied der Partei wurde er nicht! Es verfasste aber eine „Lobpreisung Stalins“ (S. 262). Und auch dies: „Unmittelbar nach Stalins Tod schrieb Brecht, dieser sei =die Verkörperung der Unterdrückten von fünf Erdteilen gewesen= (so schrieb Brecht in der Zeitschrift `Sinn und Form`, Ost-Berlin 1953, S. 10), von Arendt auf S. 390 zitiert)…Verstörend auch Brechts Lied „Lob der Partei“ (1930, in: „Die Maßnahme“) … dieses Lied erinnert an das bekannte KP-Kampflied „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ (von Louis Fürnberg, 1949)

8. Skepsis

Jan Knopf nennt einen entscheidenden Mittelpunkt von Brechts Lebensphilosophie: „Das Sichere ist nicht sicher“ (und noch nicht einmal das ist sicher) kennzeichnet wohl verbunden mit dem Satz „Die Widersprüche sind die Hoffnungen“ am besten Brechts Haltung. (Quelle: https://www.ekiba.de/detail/nachricht-seite/id/5842-bertolt-brecht-und-die-religion-die-bibel-als-geschichtenbuch/?cat_id=328)
Dazu gehört auch das (selbstkritische) Bewusstsein, das in dem Stück „Aufstieg und Untergang der Stadt Mahagoni“ zum Ausdruck kommt. Nachdem von Fressen und Saufen und sinnlichen Genüssen in dieser Stadt der Oberflächlichkeiten die Rede ist, kommt der Satz: „Aber etwas fehlt“.
Skepsis lehrte Brecht auch gegenüber der unbegrenzten Begeisterung fürs ungebremste Forschen: Im „Leben des Galilei“ sagt der verfolgte Forscher: „Ich halte dafür, dass das einzige Ziel der Wissenschaft darin besteht, die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern. …Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tage so groß werden, dass euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte. (Suhrkamp S. 537).

9. Der Mittelpunkt

Die Skepsis mag ein entscheidender Mittpunkt in Brechts Lebensphilosophie sein. Aber bekanntlich kann jeder der eigenen Skepsis skeptisch gegenüberstehen. Und was zeigt sich dann dem skeptischen Skeptiker, welche erste, alles grundlegende Gewissheit? Bei aller Skepsis denkt Brecht zugunsten des leidenschaftlichen, aber theoretischen Interesses an der Befreiung der Unterdrückten, der arm Gemachten, er denkt und schreibt und arbeitet als „Stückeschreiber“, dass ihnen Gerechtigkeit zuteil wird. Es ist das Engagment eines „Aktivisten des Wortes“.
Ein Ausgegrenzter, ein Verfolgter, insofern ein Leidender, war Brecht selbst in der Zeit seiner Vertreibung aus Deutschland, aber materiell elend erging es ihm in diesen Jahren vergleichsweise nicht. Es war das Leiden an den politischen, den faschistischenVerhältnissen, das ihm zusetzte.
Aber wie kommt es eigentlich, dass wir von einem linken Dichter und „Stückeschreiber“ sozusagen eine makellose Übereinstimmung von theoretischer Erkenntnis und praktischem Lebensstil erwarten? Also höhere moralische Erwartungen haben, als die, die man bei rechten, bürgerlichen, „liberalen“ Autoren äußert? Vielleicht enthält das Bekenntnis eines Autors , kritisch, links oder gar revolutionär gesinnt zu sein, eine sich fast von selbst einstellende Vermutung: Der Typ müsste dann doch eine Art „Held“ sein, könnte sogar doch ein authentischer Christ sein – trotz aller eigener gegenteiliger Behauptungen. Christsein ist bekanntlich nicht automatisch mit einer dogmatischen Kirchenbindung verbunden. Und : „Gott ist kein Christ“, wie der südafrikanische Bischof Tutu einmal treffend sagte, Gott ist der Gott der Gerechtigkeit.

Mit anderen Worten: Wer für Gerechtigkeit eintritt, auf seine ihm individuell mögliche Art, und sei es die des „Stückeschreibers“, ist, wenn man den Begrif mangels besserer Begriffe noch will, mit Gott oder „Gott“ oder der „Gottheit“ verbunden. ( Desmond Tutu, Gott ist kein Christ. Mein Engagement für Toleranz und Gerechtigkeit, Ostfildern 2012. Siehe dazu auch Wilhelm Gräb, „Vom Menschsein und der Religion, Tübingen 2018, S. 215. )

Literaturhinweise:

„Die Stücke von Bertolt Brecht in einem Band“, Suhrkamp, 1978.

Hanna Arendt, „Menschen in finsteren Zeiten“, München 2012, Kapitel über.Brecht, 2012, als Vortrag im BR 1969 gesendet.

Karl-Josef Kuschel, „Im Fluss der Dinge“. Hermann und Bertolt Brecht im Dialog mit Buddha, Lotse und Zen, 2008.

Merle Clasen, „Wie hast du s mit der Religion,“ (über Brecht, https://kobra.uni-kassel.de/bitstream/handle/123456789/2008030720662/DissertationMerleClasen.pdf?sequence=10&isAllowed=y

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Aktuelle Beiträge    Der Religionsphilosophische Salon Berlin. Einige Hinweise von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus.

Wer sich zunächst für die Vielfalt der Themen interessiert, die wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ besprochen und diskutiert haben: LINK

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist seit 2007 eine Initiative von Christian Johannes Modehn und Hartmut Wiebus. (Biographische Hinweise: Fußnote 1.)
 Übliche, also öffentliche Salon – Veranstaltungen fanden monatlich von 2007 – 2020 statt. Jetzt gestalten wir philosophisch – theologische Gespräche in kleinerem Kreis. Regelmäßig werden neue Beiträge als Hinweise zur philosophischen und theologischen Debatte auf unserer Website publiziert, bis jetzt sind es 1.800 Beiträge, „Hinweise“ genannt, Stand 26.9.2025.

2.
 Titel und „Sache“ eines „(religions-)philosophischen Salons“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre eines Salons, ist evident. Das gilt, selbst wenn viele Interessierte beton(t)en, „Philosophie“ sei schwierig. Das ist sie vielleicht, nicht aber Philosophieren: Es ist das Lebenselement eines jeden Menschen.
 In unserem religionsphilosophischen Salon wird das möglichst eigenständige Philosophieren (kritische Nach – Denken) geübt.
 Philosophische Religionskritik gehört elementar zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Philosophische Religionskritik kann zeigen, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.

3.
 Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-)Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine relevante Frage, auch angesichts der Zunahme von christlichem und muslimischem Fundamentalisten. Dringend ist die Frage: Inwieweit ist philosophisches Denken Europas eng mit dem kolonialen Denken verbunden?

4. 
In unseren Gesprächen wird oft erkannt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien bieten in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt.

5.
 Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten und das Göttliche, das Transzendente, erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend und dieses denkende Transzendieren ermöglichend. Die auf das Wesentliche reduzierte Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie von Kant gilt uns als wichtige Inspiration für eine heutige vernünftige (!) christliche Spiritualität.

6.
 Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. Der Widerspruch und der Kampf gegen alle Formen des Rechtsradikalismus (AFD, FPÖ, Le Pen, usw.) und Antisemitismus muss zum Mittelpunkt nicht nur unserer, sondern der philosophischen Arbeit insgesamt werden. Es gilt, die Demokratie zu retten.

7.
 Die „Entdeckungsreisen“ der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus, Kapitalismus. Mit anderen Worten: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie findet eigentlich immer – oft umthematisch – in allen Lebensbereichen statt.

8.
 Wo hat unser religionsphilosophischer Salon seinen „materiellen“ Ort? Als Treffpunkt, als Raum, eignet sich nicht nur eine große Wohnung oder der Nebenraum eines Cafés, sondern auch eine Kunst – Galerie. In den vergangenen 7 Jahren fanden wir in der Galerie „Fantom“ in Charlottenburg freundliche Aufnahme. Zuvor in verschiedenen Cafés. Kirchliche Räume, Gemeinderäume etwa, sind für uns keine offenen und vor allem keine öffentlichen Räume.

9. 
In unserem religionsphilosophischen Salon sind selbstverständlich Menschen aller Kulturen, aller Weltanschauungen und Philosophien und Religionen willkommen. Unser Salon ist insofern hoffentlich ein praktisches Exempel, dass es in einer Metropole – wie Berlin – Orte geben kann, die auch immer vorhandenen „Gettos“ überwinden.

10.
 Darum haben wir in jedem Jahr im Sommer Tagesausflüge gestaltet, mit jeweils 10 – 12 TeilnehmerInnen: Etwa nach Erkner (Gerhart Hauptmann Haus), Karlshorst (das deutsch-russische Museum), Jüterbog als Ort der Reformation, das ehem. Kloster Chorin, Frohnau (Buddhistisches Haus), das Dorf Lübars… Außerdem gestalteten wir kleine Feiern in privatem Rahmen anlässlich von Weihnachten. Auch ein Kreis, der sich mehrfach schon traf, um Gedichte zu lesen und zu meditieren, hat sich aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon entwickelt. Aber alle diese Initiativen waren (und sind wohl) mühsam, u.a. auch deswegen, weil letztlich die ganze Organisation von den beiden Initiatoren – ehrenamtlich selbstverständlich – geleistet wurde und wird. Das ist der Preis für eine völlige Unabhängigkeit.

11.
 Anlässlich der „Welttage der Philosophie“, in jedem Jahr im November von der UNESCO vorgeschlagen, haben wir größere Veranstaltungen mit über 60 TeilnehmerInnen im Berliner AFRIKA Haus gestaltet, etwa mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb, dem Theologen Michael Bongardt. Der Berliner Philosoph Jürgen Große hat in unserem Salon über Emil Cioran gesprochen, der Philosoph Peter Bieri diskutierte im Salon über sein Buch „Wie wollen wir leben?“, die Politologin Barbara Muraca stellte ihr Buch „Gut leben“ vor, Thomas Fatheuer von der Heinrich – Böll- Stiftung vertiefte das Thema; der evangelische Pfarrer Edgar Dusdal (Karlshorst) berichtete über seine Erfahrungen in der DDR; der Theologe der niederländischen Kirche der Remonstranten, Prof. Johan Goud (Den Haag), war zweimal bei uns zur Diskussion, öfter dabei waren Dik Mook und Margriet Dijkmans-van Gunst aus Amsterdam…

Die Liste unserer Gäste und Refernten: Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören  Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Buddhismus-Lehrer Michael Peterssen (Berlin), der Komponist Joachim Gies (Berlin), Dr. Dorothea Hasskamp vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst (Berlin)……

12.
 Es ist uns leider deutlich, dass innerhalb der philosophischen Studiengänge an Hochschulen und Universitäten nicht im entferntesten daran gedacht wird, auch das Berufsbild eines Leiters, einer Leiterin besser „Inspiratorin“ philosophischer Salons zu entwickeln. Damit PhilosophInnen freilich ,als Salonnières arbeiten können, müsste die Kulturpolitik entsprechend handeln. Aber die interessiert sich offenbar absolut vor allem für die so genannte Hochkultur der Oper und der Theater, nicht aber für eine Form der „Basis-Philosophie“ als Möglichkeit, vor Ort unter den vielfältigen Menschen tiefere Kommunikation zu ermöglichen.
Eigentlich bräuchte es etwa in Berlin in jedem Stadtbezirk mindestens einen philosophischen Salon, besser noch ein philosophisches „Haus“ mit öffentlich zugänglicher kleiner Fach – Bibliothek , Lesezimmer, Meditations- Denk-Raum und Tee/ Kaffee-Stube.Viele leerstehenden Kirchen könnten entsprechend umgestaltet werden. Dass dort auch philosophisch – literarische Debatten oder Diskussionen zu Grundfragen der Politik, der Kunst und Musik und Spiritualität stattfinden können, ist keine Frage.

13.
 Die Bilanz: Einige wenige Interessenten außerhalb von Berlin haben die Idee des religionsphilosophischen Salons aufgegriffen. Aber wir können nicht sagen, dass etwa im kirchlichen Bereich, evangelisch wie katholisch, die Idee des freien und undogmatischen und offenen Salon-Gesprächs aufgegriffen und realisiert wurde.
Je mehr Christen aus den Kirchen austreten, um so ängstlicher und dogmatischer werden die Kirchen(führer), also auch ihre Pfarrer usw. Der Weg der Kirche in ein kulturelles Getto scheint vorgezeichnet zu sein, zumindest für die katholische Kirche. Tatsächlich haben sich über all die Jahre unserer Arbeit sehr sehr wenige „Vertreter“ der großen Kirchen für unsere Initiative überhaupt interessiert. Wir haben diese Ignoranz auch als Freiheit erlebt.

14.
 Hinweis zu unseren Themen:
Eine Übersicht unserer Themen im Salon von Februar 2020 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert. Die bisher 1.750 religionsphilosophischen und religionskritischen Hinweise von Christian Modehn, publiziert auf der Website www.religionsphilosophischer-salon.de, hatten bis zum  8.1.2026  3.007.000 „Zugriffe“, wie die Statistik dokumentiert.

15.
 Unser letztes öffentliches Salongespräch vor der Corona – Pandemie fand am Freitag, den 14.Februar 2020 , wie immer um 19 Uhr, statt, über das Thema: „Das Kalte Herz“. Mehr als ein Märchen (von Wilhelm Hauff). „Das kalte Herz“ offenbart die „imperiale Lebensweise“. 22 TeilnehmerInnen waren dabei. Leider mussten wir – wie öfter schon – acht Interessierten absagen, weil der Raum eben klein ist und nur eine überschaubare Gruppe eine Gesprächssituation ermöglicht. Aber das große Interesse, ohne jede öffentliche Werbung, allein im Internet, und ohne jede Finanzierung von außen, ist immer wieder bemerkenswert. Für einige vertiefende Hinweise zur imperialen Lebensweise: Beachten Sie diesen LINK.

16. Zu unseren Gästen, auch als Referenten, gehören etwa: Der Philosoph Prof. Peter Bieri, der Philosoph und Theologe Prof. Michael Bongardt, der Theologe Prof. Wilhelm Gräb, die Soziologin Prof. Barbara Muraca, Pfarrer Edgar Dusdal (Berlin), der Studienrat für Kunst Gerd Otto (Berlin), der Theologe und Kulturwissenschaftler Prof. Johan Goud (Den Haag), der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich (Leipzig), der Philosoph Prof. Lutz von Werder (Berlin), der Philosoph Dr. Jürgen Große (Berlin), der Physiker Dr. Hans Blersch (Berlin)…

17. Wir haben unsere philosophischen, religionsphilosophischen und theologischen Gespräche im Salon als Ausdruck der Spiritualität der freisinnigen protestantischen Remonstranten – Kirche (in Holland) verstanden. Dabei haben wir, ebenfalls der offenen, freisinnigen Theologie der Remonstranten entsprechend, keine Werbung für diese protestantische Kirche „betrieben“.

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Dieser Hinweis vom 7.2.2023 wurde am 3.2.2025 überarbeitet.

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FUßNOTE 1: 
Gründer und Initiatoren des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“:

Christian (Johannes, 2. Vorname) Modehn,  1948 in Berlin (Ost) – Friedrichshagen geboren, nach dem Abitur im Februar 1968 am Goethe – Gymnasium in Berlin – Wilmersdorf, Studium der katholischen und evangelischen Theologie (Staatsexamen nach 6 Jahren Studium) in Berlin, St. Augustin bei Bonn und München sopwie gleichzeitig  der Philosophie in Bonn und vor allem in München (Magister Artium in München, über Hegel). Christian Modehn war einige Jahre Mitglied einer katholischen Ordensgemeinschaft.  Christian Modehn arbeitet seit 1973 immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie früher auch für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM: LINK, sowie auch für „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ (Hamburg), „Informations Catholiques Internationales“ (Paris), „de bazuin“ (Utrecht)  usw.. Zur Information über einige Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen und zu einigen Buchpublikationen: LINK.  Seit 2010 ist Christian Modehn Mitglied der freisinnigen protestantischen Kirche der Remonstranten (Niederlande). 

Hartmut Wiebus, 1944 in Seehausen/Altmark geboren, hat in Berlin (F.U.) Pädagogik (Diplomarbeit über Erich Fromm) und Psychologie studiert, und vor allem als evangelischer Klinikseelsorger gearbeitet. Er hat u.a. viele unserer Themen angeregt und immer als Moderator die Gespräche begleitet.

Copyright: Christian Modehn und Hartmut Wiebus. Religionsphilosophischer Salon Berlin