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Und wozu Denken in dürftiger Zeit: Wie kann Vernunft in der gegenwärtigen Welt wirksam werden?

19. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denkbar

Und wozu Denken in dürftiger Zeit:

Wie kann Vernunft in der gegenwärtigen Welt wirksam werden?

Ein Impuls – Referat von Prof. Petra von Morstein anlässlich des Welttages der Philosophie 2011

Mein Ausgangspunkt ist: Wir befinden uns auf diesem Globus in einer Krise. Und wir wissen mehr oder weniger, was deren Inhalt ist. In einer Krise sind die Denksysteme und die Formen zu leben zutiefst erschüttert. Wir werden dann auf uns zurückgeworfen und wollen uns neu orientieren. D.h. wir sind uns selbst ganz akut zum Problem geworden. Das hat nun damit zu tun, dass wir als Personen des Selbstbewusstseins fähig sind, ganz im wörtlichen Sinne. D.h. wir sind fähig, uns selbst zum Gegenstand unseres Bewusstseins zu machen und darüber zu reflektieren, wie wir in der Welt leben und leben wollen. Und diese Reflexion wird überwältigend notwendig, wenn wir in einer Krise desorientiert sind. Das hat auch in der Philosophiegeschichte einen ganz prägnanten Hintergrund: Descartes ist z.B. ein Philosoph, der in einer ganz anderen Art von Krise, nämlich der Krise, die die kopernikanische Revolution verursacht hat, ganz von vorne anfängt zu denken, alle bisherigen Voraussetzungen für nichtig erklärte und von Grund auf neu zu denken anfängt. Dieses „neu denken“ will ich hier fokussieren.

Neu-Denken ist deshalb möglich, weil eine Person, also im Prinzip jeder Mensch, zugleich Subjekt und Objekt ist. Das bedeutet nicht: Wir sind  zwei verschiedene Dinge, sondern wir sind eine Einheit, die einen subjektiven und einen objektiven Aspekt hat. Als Subjekt sind wir imstande, neu zu beginnen, willentlich etwas ganz Neues zu tun. Deswegen weist die Philosophin Hannah Arendt sehr deutlich darauf hin, dass wir mit unserer „Gebürtlichkeit“, mit der Tatsache, dass wir geboren werden, neues Potential in die Welt bringen; dass wir damit die Möglichkeit von Weltveränderung in die Welt bringen, wenn wir denn zu denken anfangen. Ein Mensch fängt zu denken an, wenn er sich seiner selbst bewusst wird.

Mir meiner selbst bewusst werden, bedeutet ja, dass ich mir, in meiner Welt , in meinem Verhältnis zu meiner Welt, meiner selbst bewusst werde. Da kann ich auf den Philosophen Kierkegaard verweisen, der davon spricht, dass der Mensch Geist ist.  Das ist nichts etwas Abstraktes.  Vielmehr bedeutet es ganz konkret: Der Mensch findet sich unmittelbar in einer Lebenswelt, wir finden uns IN der Welt. D.h. wir be-finden uns in einem Verhältnis zur Wirklichkeit, wie sie uns umgibt, zu der  kulturellen, der physischen, der klimatischen, zur historischen Wirklichkeit. Über dieses Verhältnis, in dem wir uns finden, können wir nachdenken, d.h. wir können fragen: Wie verhalte ich mich in meiner schöpferischen Subjektivität als Ich authentisch zu dem Verhältnis, in dem ich mich in der Welt befinde. Will ich es so? Will ich es anders? Als Subjekt bin  ich schöpferisch, und kann gestalten, wie ich mit dem, was der Fall ist, lebe. Geist besteht also im Nachdenken über mich in meiner Lebenswelt und der schöpferischen Gestaltung meines Verhältnisses zu meiner Lebenswelt. Gestaltung impliziert Handeln, Ausübung meines ‚gebürtlichen’ Potentials. Sie sehen schon, dass Denken und Handeln eng verbunden sind.

Ich reflektiere also über mein Verhalten,  über mein Denken, über mein Handeln, über mein Fühlen in der Welt. Das heißt, dass ich nach Selbsterkenntnis strebe, wobei aber Selbsterkenntnis zugleich und unabtrennbar auch Wirklichkeitserkenntnis bedeutet, da ich mich ja erkennen will als jemand, der sich schon immer unmittelbar verhält zur Wirklichkeit. Mein aktualer Lebensbereich hat keine festen (raum-zeitlichen und begrifflichen) Grenzen, er hat vielmehr einen Horizont, der schwinden  oder wachsen kann, der unbestimmbar ist. Sein Schwinden und Wachsen hat zu tun mit mir als Geist im eben besprochenen Sinne, mit meiner reflektierenden und handelnden Gestaltung meines Lebens mit dem was, der Fall ist.

Wenn ich derart denke, dann bedeutet das ja, dass ich mich in der Welt verstehen will. Das gilt für jede Person. Wir alle leben in gewissen Sinne in derselben Welt und jeweils im Zentrum verschiedener konzentrischer Kreise, die in einander übergehen wie Wellen auf dem See, wenn Regentropfen darauf fallen,  und  jeder Tropfen verursacht konzentrische Kreise und  die konzentrischen Kreise erweitern, vernetzen sich, verschmelzen sozusagen in einander.

Wenn ich derart denke, denke ich über etwas nach, was ich noch gar nicht verstehe. Das ist besonders akut in Krisenzeiten, also gerade auch in unserer Zeit   –  und natürlich  in persönlichen Krisen, z. B. wenn man von einer schlimmen Krankheit befallen wird oder wenn ein geliebter Mensch stirbt. Es sind Krisen, die einen ontologischen Schock, einen Schock in der Seinsweise von Menschen, verursachen. Und dann ist es ganz wichtig, zu denken anzufangen, weil ich verstehen will, wie ich jetzt lebe und was die Welt, mein Leben in der Welt im Innersten zusammenhält.

Das Denken ist etwas, das keinen endgültigen Schluss anvisieren kann, sondern es ist ein Lebensvorgang. Ich verweise noch mal auf Hannah Arendt, denn sie hat emphatisch immer wieder betont, dass es ihr ums Verstehen-Wollen geht, mit allem Nachdruck auf dem Wollen. Das erfordert aber auch eine gewisse Demut. Denn ich kann nicht damit rechnen, dass ich zu einem endgültigen oder auch nur lange gültigen Verständnis komme. Sondern dass das Verstehen, das Denken im Leben, ein immer wieder zu erneuernder Vorgang ist, der nicht aufhört und der keinen definitiven Anfang und kein definitives Ende hat.

Infolge dessen will ich betonen, dass das Subjektsein in jeder Person auch etwas Mysteriöses ist; es gibt natürlich objektive Identitätskriterien in Bezug auf unsere raumzeitlichen Koordinaten, genetischen Faktoren, etc. Aber in Bezug auf das Subjektsein und der Fähigkeit etwas Neues zu beginnen, sozusagen aus der Kausalkette auszubrechen, gilt: Diese Fähigkeit beruht in unserem Subjektsein.

Jetzt möchte ich einen logischen Punkt zu bedenken geben, was mein Subjektsein angeht und was Ihr Subjektsein angeht: In dieser Hinsicht und nur in dieser Hinsicht sind wir nicht objektiv voneinander zu unterscheiden. Das Subjektive ist nicht objektivierbar. Das heißt aber nicht, wir sind in dieser Hinsicht genau dieselben. Vielmehr sind wir im Subjektsein untrennbar miteinander verbunden, so dass jeder einzelne Mensch dieses Subjektsein, in dem wir miteinander verbunden sind, auf jeweils einzige, nicht zu verallgemeinernde Weise manifestiert. Das bedeutet, dass jede Person zugleich aus Einzigkeit,  aus völliger Unverallgemeinerbarkeit, Singularität einerseits und Pluralität, Gemeinschaft,  andererseits besteht. Also eine Person ist singulär, einzig und gemeinschaftsfähig. Das „und“ betone ich.

Innerhalb dieser conditio humana, innerhalb dieser Gegebenheit,  findet das Denken statt. D.h. ich denke immer mit vom Subjekt her und denke nie nur das rein von mir getrennte,  empfindungslose Objektive. Diese Art des Denkens setzt voraus, dass wir das Subjektsein in uns wahr-nehmen und wahr-haben und nicht verneinen, nicht verstecken.

Es gibt aber viele Tendenzen von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis in unsere jetzige Zeit in verschiedenen Strömungen, wo das Denken, das vernünftige Denken, ganz sachlich, kühl, empfindungslos war, nur regelgebunden und logisch sein sollte.

Mit diesen Überlegungen will ich nun im Hinblick auf die Tatsache, dass wir Vernunftwesen sind, vier Arten von Denken unterscheiden. Ich skizziere im Folgenden vier Arten (der Ausübung) von Vernunft:

1.   Die erste Art ist die reine, nur auf den logischen Gesetzen der Kohärenz basierende Vernunft. Sie wissen von Kants berühmtem Werk Die Kritik der reinen Vernunft. Da kritisiert er die reine Vernunft, –  nicht, indem er sie verwirft, sondern indem er sie für allenfalls spekulativ hält, d.h. für unfähig, Erfahrung in irgendeinem Sinne verständlich zu machen. Also die reine  Vernunft sagt nichts aus über unser Leben in der Welt, über uns selbst und über Wirklichkeit.

2.   Zweitens vollzieht sich Vernunft nach Regeln, so, dass die Regeln abgeleitet sind von unleugbaren Tatsachen, die Erfahrung betreffen, d.h. von grundlegenden Erfahrungsmustern. Damit meine ich: Obwohl wir immer als Subjekt gegenwärtig sind, sind wir imstande, zwischen wahr und falsch innerhalb unseres Subjekt – und Objektseins zu unterscheiden. Das Wichtige ist, dass diese Vernunft, deren Regeln logisch von Erfahrungen, von Grunderfahrungsmustern, abgeleitet sind, das Subjektsein in uns allen einbezieht. Doch das einzelne Subjekt kann diese Art von Vernunft nicht in Betracht ziehen. Auch sie kann deshalb keine vollständigen Ergebnisse erlangen.

3.   Drittens gibt es Vernunft, die ganz auf bestimmte definitive Zwecke hin fokussiert ist, etwa auf den Zweck wirtschaftlichen Wachstums, auf den Zweck beherrschender Macht, wo eine Gruppe von Menschen unterworfen und beherrscht werden soll. Dies ist die ganz zweckgebundene Vernunft, die in unserer gegenwärtigen Gesellschaft sehr weit verbreitet und vorherrschend ist. Und das ist eine empfindungslose, rein an objektive Zwecke gebundene Vernunft, derart, dass diese Zwecke von dem gemeinschaftlichen Lebens- und Erfahrungskontext von Menschen und der Mitmenschlichkeit getrennt sind und nur dem Individuum als definitivem Objekt dienlich sein können. Es ist also eine Vernunft, die moralisch nicht viel bringen kann.

4.   Viertens geht es um die Vernunft, die ausgeübt wird im Erleben und untrennbar ist vom Erleben und Erfahrung. Das bedeutet, jedes Erleben, jede Erfahrung, die wir aktual machen, ist unablösbar verbunden mit Empfindung, mit Wahrnehmung mit emotionalen Empfindungen. Es gibt keine Erfahrung, die nicht eine Gefühlskomponente unablösbar mit sich führt, so dass die Vernunft im Denken diese Empfindung immer mitnehmen muss. Daraus folgt, dass die vierte Art der Vernunft nie nur durch Regeln erschöpft werden kann. Diese Vernunft nenne ich empfindungsträchtig, erfahrungsträchtig. Ich nenne sie auch leidempfindlich, weil Leidempfindungen besonders in Krisenzeiten häufig und unvermeidlich sind, so wie Desorientierung, Nichtweiterwissen, Nichtverstehen.

Diese vierte Vernunft muss also not-wendig ihre regelgebundenen Grenzen überschreiten. Sie ist daher mitmenschliche Vernunft, die sich u.a. am undeterminierbaren Subjektsein aller Personen orientiert und somit das Einzige und Singuläre eines jeden Erlebens mit ein- bezieht. Wenn ich mit der empfindungsträchtigen Vernunft über etwas, was Sie mir aus Ihrem Leben erzähle, nachzudenken beginne, dann denke ich aus dem Subjektsein heraus, was uns alle verbindet und versuche mich hineinzudenken in den Raum Ihrer singulären Erlebens und sozusagen darin mit ihnen herumzugehen, um gemeinsam mit Ihnen für Sie lebbare Perspektiven zu entwickeln.

Das heißt aber auch, dass diese Vernunft kohärent sein muss, Plausibilität erzielen muss, einsehbare Zusammenhänge erbringen muss, aber dies kann nie nur nach Regeln geschehen, sondern es muss immer das Element der Intuition aktiv sein. Das ist mir wichtig zu betonen, denn das ist die eigentliche mitmenschliche Vernunft, und es ist genau diese Vernunft, die für einige Philosophen, etwa Spinoza, Nietzsche, Hannah Arendt auf ganz verschiedene Weise die eigentliche politische Vernunft ist. Hannah Arendt bringt das ganz deutlich heraus, indem sie sagt, dass diese Art des Denkens auf dem Grund und Boden lebt, der selbst keinen Grund mehr hat, und dies ist unsere Freiheit, unsere Fähigkeit zum Neubeginn.

Das in uns allen gegebene Subjektsein ist der Ort der menschlichen Freiheit. Freiheit ist also im Mitsein – und nicht im durch Zwecke objektivierten und gefangenen Individuum. Daraus folgt, dass Freiheit und Gerechtigkeit von Grund auf zusammengehören. Also ist die empfindungsträchtige Vernunft die, wenn sie denn idealerweise von allen ausgeübt würde, die auch in Krisen hilfreich ist, denn wer sich an sie hält, könnte sogar Kriege vermeiden helfen.

Wir sollten die Vernunft nicht nur retten, sondern auch darauf bestehen, dass sie unbedingt notwendig ist. Dabei ist immer zu erinnern: Das regelgebundene Denken ist notwendig, um an die Grenzen eben dieses regelgebundenen Denkens zu gelangen, diese zu überschreiten und gewahr zu werden, was darüber hinaus in der Realität konstitutiv ist, so dass wir auf den Grund kommen, auf dem wir eigentlich schon immer stehen. Es ist der Grund der Freiheit und damit der Gerechtigkeit.

(Gesprochener Text, transskribiert und korrigiert)

© Petra von Morstein, Dezember 2011

 

 



Die „liberale Theologie“ ist aktuell. Perspektiven von Prof. Wilhelm Gräb

18. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Über die „liberale Theologie“

Einige Perspektiven anlässlich einer Begegnung mit Remonstranten in Berlin am 5. 11.2011

Von Prof. Wilhelm Gräb, Theologe an der Humboldt Universtität zu Berlin

Bedeutung und Aktualität der „liberalen Theologie“ sind für mich deutlich auf die säkulare Situation einer Stadt wie Berlin oder anderer Großstädte in Europa und Amerika bezogen. Dort haben die  Kirchen Mühe, ihre Mitglieder an die Kirche zu binden.

Andererseits bekommen die Menschen von heute die Religion nicht aus dem Blick. Es ist ein Bedürfnis da nach letzter Vergewisserung des Lebenssinns, auch an den Bruchstellen des Lebens, in Krisensituationen z.B.  Aber nicht nur dort. Es ist vielmehr ein Verlangen da, das Leben gesteigert zu erfahren, etwa in der so genannten Eventkultur. Aber auch die Präsenz religiöser Themen in den Medien ist deutlich, etwa in den Talkshows. Also, dass es mit der Religion bergab ginge, so lautet ja eine Interpretation unserer säkularen Gesellschaft, das ist für mich nicht zutreffend. Es gibt sicher einen Resonanzverlust des kirchlichen Christentums, vor allem in der Reformierten Kirche oder der Lutherischen Kirche, und derer, die man in den USA „main line churches“ nennt.

Aber dieser Resonanzverlust der Kirchen liegt daran, dass dort eine Sprache gesprochen wird, die die Menschen nicht mehr verstehen.

Da ist der Glaube in Formeln eingepackt, die nur Insidern noch zugänglich sind. Der große Sozialphilosoph Niklas Luhmann hat das einmal „Gruppensemantik“ genannt, die in den Kirchen gesprochen wird.

Für „liberale Theologie“ ist also eine Unterscheidung wichtig: Es gibt  einerseits das religiöse Interesse bzw. es gibt Religion im christlichen Gesamtkontext. Und andererseits gibt es die Art, wie in Predigten, Theologien, kirchlichen Texten usw. darüber gesprochen wird. Dort wird der Glaube immer noch mit der Anerkennung bestimmter Glaubenslehren und Bekenntnissätzen gleichgesetzt.

Die „liberale Theologie“ meint: Dieser Glaubensausdruck ist nicht vorgeschrieben, er ist nicht durch Bibel und Bekenntnis vorgeschrieben, sondern der Glaubensausdruck muss in einer bestimmten Zeit und im Blick auf die eigene Person immer wieder neu gefunden werden. Jeder hat die Freiheit, wie er seinen Glauben ausdrückt und welche Konsequenzen er daraus in seiner Lebenspraxis zieht. Nicht auf das autoritativ Vorgegebene kommt es an, sondern auf die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen.

Ich muss als liberaler Theologie nicht glauben, was die Kirche zu glauben von mir verlangt, sondern das jenige, wovon ich selber persönlich überzeugt bin. Das ist der Grundsatz liberaler Theologie.

Glaube ist eine persönliche Angelegenheit eines jeden Menschen.

Und die Kirche? Sie ist  im Grunde nur dazu da, dass wir über diesen Glauben miteinander ins Gespräch kommen, dass wir ihn nicht allein leben, dass wir andere als Gesprächspartner haben über das, was uns allen persönlich wichtig ist, wenn es um Gott geht, wenn es darum geht, woran wir uns in letzter Instanz orientieren. Die Kirche ist eine Kommunikationsgemeinschaft des Glaubens. Sie ist dem Glauben der einzelnen nicht vor geordnet, sondern die Kirche folgt aus der Tatsache, dass der Glaube den einzelnen so wichtig ist, dass sie mit den anderen darüber sprechen möchten und ihn feiern wollen. Da wird nichts von oben und anderswoher vorgeschrieben.

Wenn Diskussionen entstehen und nach Kriterien gefragt wird, dann sind die Kriterien nicht dogmatischer Natur, sondern es sind eher ethische Kriterien des Umgangs mit einander; es sind Kriterien, wo die Frage aufbricht: Gibt es auch destruktive Glaubensüberzeugungen, solche, die den Menschen menschlich nicht gut tun, etwa, wenn sie an den Teufel glauben oder an böse Mächte, von denen sie dann befallen sein können.

Für liberale Theologie ist auch die Kultur ganz wichtig: Denn persönlicher Glaube kann überall dort entstehen, wo ich Erfahrungen mache, die eine tiefe Resonanz in mir auslösen, wo ich mich angesprochen finde gegenüber dem, was in meinem Leben wichtig ist, wo Sinn – Perspektiven erschlossen werden. Das kann die Erfahrung in einem Konzert sein, so, dass ich merke: Ich bin Teil eines größeren Ganzen, da entstehen Resonanzen in mir, die mich sehr tief mein Dasein in dieser Welt spüren lassen; da erfahre ich das, was der Theologe  Friedrich Schleiermacher das Universum genannt hat, also die alles bestimmenden Wirklichkeit, die wir dann Gott nennen, die Erfahrung also, dass wir uns aufgehoben fühlen in einem großen Ganzen.

Diese Erfahrung kann sich auch beim Hören einer Symphonie von Mahler ereignen, die ein solches Empfinden in mir weckt, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, dass es eine Dimension der Transzendenz gibt, von der wir uns getragen wissen können. Diese Erfahrung kann in der bildenden Kunst geschehen oder auch im Kino, wo ich spüre: Diese Geschichte geht auch mich an.

Darum noch einmal: Alle Lehren über Glaubenssätze sind sekundär gegenüber dem – eben nur angedeuteten – Erlebten, das ist Kern liberaler Theologie. Mit der religiösen Erfahrung fängt die Religion an, also mit der Erfahrung, dass ich einer umfassenden Wirklichkeit zugehöre, einem größeren Ganzen, das mich im Leben trägt. Da spüre ich mich lebendig, wenn ich schwierige Erfahrungen zu verarbeiten habe usw. Also diese Dimension einer inneren Gewissheit, ist zentral.

Das religiöse Erleben ist immer das primäre, welche Sprache dann gefunden wird, ist sekundär. Allerdings meine ich, dass liberale Kirchen in ihren Gottesdiensten nicht so berücksichtigen, was andere Glaubensgemeinschaften praktizieren, nämlich eine Form der Emotionalität. Es geht nicht nur darum, über den Glauben zu „räsonieren“. Wir sollten auch in gewisser Weise „Erlebnis“ bieten im Gottesdienst, wenn wir das nicht schaffen, dann müssen wir bereit sein anzuerkennen, dass junge Leute heute im Pop Konzert das finden, was früher in der Religion oder in der Kirche gefunden wurde.

Für liberale Theologie kommt es nicht in Frage, den Religionsbegriff zu verengen, man neigt ja oft dazu, den Religionsbegriff abhängig zu machen von bestimmten Glaubensinhalten. So dass man sagt: Jemand ist gläubig, wenn er zur Kirche geht und bestimmte Dogmen glaubt. Wir vertreten ein weites Verständnis von Religion: Es ist das Berührtwerden von einer Dimension des Unbedingten in der Kultur. Liberale Kirchen nehmen deswegen Abstand von eher fundamentalistischen Theologien und Kirchen, die ja noch stark am Paradigma der Mission festhalten, also der Bekehrung der Menschen hin zur vorgegebenen Überzeugung der eigenen Kirche.  Wir als liberale Theologen gehen hingegen nicht davon aus, dass die Menschen erst zum Glauben kommen müssen, wie es das Missionsparadigma vorsieht. Als liberale Theologen setzen wir voraus: Da ist immer schon eine religiöse Erfahrung in den Menschen, da ist immer schon eine Erfahrung mit dem Unendlichen, diese haben die Leute längst gemacht. Jeder hat seine eigenen religiösen Gedanken, im religionsleeren Raum lebt keiner hier zulande, in den Gebieten der ehemaligen DDR ist das vielleicht anders, das ist ein eigenes Thema.

Liberale Theologie unterstreicht: Die Menschen haben bereits ihren Glauben. Die Kirche wird aber deswegen nicht überflüssig, wir brauchen Orte, wo man das Erlebte miteinander gestalten kann, wo man etwa an den großen Stationen des Lebens religiöse Feiern gestaltet, etwa bei der Geburt oder bei der Trauung. Wer sich den Menschen religiös zuwendet, redet so, dass die Menschen auf ihre Art Glaubende sind. Ich mache ihnen bewusst, was sie glauben, biete ihnen Vorschläge an, das Erfahrene sprachlich auszudrücken.

Ich bin sozusagen die „Hebamme“ für die anderen, den eigenen Glauben auszudrücken. Auch das Beten kann dann neu verstanden werden: Beten heißt, dass ich mich ausspreche, sage, was mich zutiefst bewegt, und zwar in letzter Hinsicht, bezogen auf die Transzendenz, auf Gott. Im Beten geschieht eine gesteigerte Form der Selbstreflexion, ich verstehe mich dann im Horizont des Unbedingten, spreche mich aus. Ich brauche das als religiöser Mensch.

copyright:religionsphilosophischer-salon.de

 

 

 

 

 

 

 

 



Die Götter müssen verschwinden. Warum die neuen Atheisten den Glauben fördern

13. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Religionskritik, Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?

Der folgende Text ist die ungekürzte Fassung eines Beitrags für den NDR (Kultur) am 30.10.2011, die Form entspricht der für Hörfunk – Produktionen üblichen Gestaltung.

NDR  Glaubenssachen

Die Götter müssen verschwinden

Warum die „neuen Atheisten“ den Glauben fördern

Von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

SPRECHERIN

1.SPR.:

In Europa und Amerika machen Missionare der besonderen Art von sich reden. Sie gehen nicht werbend von Tür zu Tür und sie stehen auch nicht mit ihren Druckschriften geduldig wartend auf der Straße. Kanzeln werden sie wohl niemals betreten. Sie werben im Internet, organisieren Konferenzen, treten in Talkshows auf. Aber wie alle Prediger haben sie ein festes Ziel vor Augen: Sie wollen bekehren. Dabei ist ihre Botschaft alles andere als religiös. Sie propagieren, wie sie sagen, eine „Alternative“ zu den bestehenden Religionen. Im „Manifest des evolutiven Humanismus“ heißt es:

2. SPR.:

Es geht um die Entlarvung des realen Unsinns, der sich hinter den religiösen Sinnstrukturen verbirgt. Wir gehen davon aus, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht, dass also weder Götter noch Geister noch Kobolde oder Dämonen in die Naturgesetze eingreifen.

1.SPR.:

Mit diesen Worten formuliert die religionskritische „Giordano Bruno Stiftung“ ihr Grunddogma: Die Natur mit ihren Gesetzen sei „die“ Wirklichkeit. Philosophen nennen diese Überzeugung „Naturalismus“. Das heißt: Auf die Naturgesetze kommt es entscheidend an. Deswegen können auch nur die Naturwissenschaften erklären, was die Welt „letztlich“ bedeutet. Weil sich Gott mit naturwissenschaftlich – empirischen Methoden nicht wahrnehmen lässt, gibt es ihn auch nicht. So einfach ist das. Wer auf der Höhe der Zeit leben will, sollte darum eine Art Bekehrung vollziehen und dem religiösen Glauben abschwören. Die Attacken gegen den Glauben sind heftig und radikal; sie treffen das Herz der Religionen:

2. SPR.:

Es ist unverzichtbar, dass wir die lebensfeindlichen, kindlichen Mythen über Bord werfen. Wer dabei auf verletzbare religiöse Gefühle Rücksicht nimmt, zementiert nur die weltanschauliche Borniertheit.

1. SPR.:

So formuliert Michael Schmidt – Salomon, der Vorstandssprecher die Überzeugung der religionskritischen „Giordano Bruno Stiftung“. Unentwegt, immer unterwegs, versucht der promovierte Erziehungswissenschaftler diese Botschaft zu verbreiten. Die „Giordano Bruno Stiftung“, im Jahr 2004 gegründet, versteht sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Inzwischen ist sie fest im kulturellen Leben verankert, nicht nur in Deutschland. Die Giordano Bruno Stiftung hat mehrere Regionalgruppen eingerichtet. Der internationale Förderkreis zählt mehr als 2000 Mitglieder aus 25 Ländern. Zum wissenschaftlichen Beirat gehören 54 zum Teil prominente Forscher und Universitätsprofessoren.

Die Zentrale der „Denkfabrik“ befindet sich in Mastershausen im Hunsrück, genauer gesagt auf dem Grundstück des Unternehmers Herbert Steffen. Nach seinem Austritt aus der katholischen Kirche stellt er schon seit vielen Jahren sein gesamtes Vermögen der Werbung für den Atheismus zur Verfügung. Seine Stiftung bezieht sich in ihrem Titel auf den Dominikaner Mönch Giordano Bruno. Er war zwar kein Atheist, dafür aber dachte er naturwissenschaftlich modern und, das ist wichtig: Er war ein unnachgiebiger Kritiker des kirchlichen Glaubens. Deswegen wurde er im Jahr 1600  auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von dieser Leidenschaft für die kirchenkritische Vernunft ist der Vorstandssprechers Schmidt Salomon erfasst:

2. SPR.:

Heute kommt es vor allem auf Eines an: Kämpferischen Einsatz und öffentlich Farbe zu bekennen.  Gefordert ist eine globale Konversion, also Bekehrung, von der religiösen Überheblichkeit zum schlichten Menschsein.

1. SPR:

Bis vor etwa 10 Jahren war der dezidierte Atheismus in Deutschland eher in kleinen philosophischen Zirkeln beheimatet. Wenn sich Philosophieprofessoren wie Herbert Schnädelbach und Hans Blumenberg zum Atheismus bekannten, dann waren ihre Stellungnahmen differenzierte, sachlich abwägende Essays über den Unglauben, ohne jeden propagandistischen Ton.

Nun aber gibt es einen neuen Trend: Die Zahl der erklärten Atheisten nimmt weltweit zu, 700 Millionen sind es weltweit. Sie beziehen ihre Kraft vor allem aus dem Kampf gegen die Glaubenseiferer von der anderen Seite: den radikal Frommen, den islamistischen und christlich – evangelikalen Kreisen mit ihren fundamentalistischen Überzeugungen. Diese interpretieren ihre heiligen Texte im wortwörtlichen Verständnis. Ultra – konservative Christen in den USA glauben daran,  dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Sie fordern auch, dass dieser Glauben in den Schulen gelehrt wird. Wie in einem dialektischen Gegenschlag starten nun die neuen Atheisten ihre Propaganda.  Mit besonderer polemischer Schärfe wirbt der englische Biologe Richard Dawkins für den Atheismus. Sein Buch „Der Gotteswahn“  kam vor 5 Jahren auf den Markt, es wurde weltweit mehr als 3 Millionen Exemplaren mal verkauft, allein 300.000 in Deutschland. Dawkins formuliert sein Credo kurz und bündig:

2. SPR.:

Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.

1. SPR.:

Diese Behauptung wird  von den amerikanischen Philosophen Sam Harris und Daniel Dennett – wiederum in Bestsellern – unterstützt. In Italien wettert der Mathematiker Professor Pieregiorgio Odifreddi gegen das Christentum. Er hält den religiösen Glauben für eine Form des Schwachsinns, der nur geistigen Zwergen zusteht. In Frankreich polemisiert der Philosoph Michel Onfray in zahlreichen Büchern gegen die Religionen. Auch Onfray steht dem so genannten „Meister Atheisten Richard Dawkins“ nahe. Im „Humanistischen Verband Deutschlands“, der Vertretung konfessionsfreier Menschen in Deutschland, grenzt man sich von diesen polemisch auftretenden Herren ab. Man spricht dort von „Krawall – Atheisten“.  Andere, weltweit geachtete Philosophen hingegen, wie Peter Sloterdijk, haben sich von der neuen atheistischen Welle distanziert:

2. SPR.:

Für mich ist Dawkins Buch ein Ausdruck von Seichtheit, deswegen lege ich es beiseite. Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen,. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können.

1. SPR.:

Die am Potsdamer „Einstein Forum“ lehrende Philosophin Susan Neiman  verteidigt ausdrücklich die Überzeugungen religiöser Menschen:

SPRECHERIN:

Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.

1. SPR.:

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der sich ausdrücklich atheistisch nennende Philosoph Joachim Kahl aus Marburg. Er wirft dem von Dawkins inspirierten Buch „Manifest des evolutionären Humanismus“ gedankliche Dürftigkeit vor.

2. SPR.:

Dieser bilderstürmerische Atheismus ergeht sich in einer eifernden Antithese zur Religion, und er erschöpft sich darin. Die ganze Welt soll als „religionsfreie Zone“ erlöst werden, wo nur die wahre Lehre der vermeintlich Aufgeklärten gelten soll. Dawkins hat von den Ambivalenzen der Religion keine Ahnung, sie hat menschenverachtende und menschenfreundliche Züge, sie enthält Sinn und Unsinn, Vernunft und Unvernunft.

1. SPR.:

Die christlichen Kirchen, vor allem die Theologen, können und wollen die Thesen der neuen Atheisten nicht einfach ignorieren. Denn deren einprägsamen Sprüche und griffigen Formeln prägen das Bewusstsein vieler Menschen. Es ist vielfach chic, sich als Atheist zu outen; in manchen großstädtischen Milieus ist man sich des Beifalls sicher.

Viele Theologen wollen ohne Polemik und seriös argumentierend auf die Herausforderung der „neuen Atheisten“  reagieren.  Sie sind überzeugt: Trotz aller Polemik weisen die atheistischen Eiferer auf Schwachstellen der christlichen Lehre hin. Ein Beispiel für die beginnende Auseinandersetzung ist die Internationale Zeitschrift für Theologie CONCILIUM. Sie hat vor einem Jahr in einem Heft vierzehn Autoren aus verschiedenen Kirchen zu Wort kommen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem „Neuer Atheismus“ sei zumindest in den USA en vogue, meint Philip Clayton, protestantischer Theologe aus Kalifornien:

2. SPR.:

Die Zahl der aktuellen Bücher, die die Argumente der neuen Atheisten erschüttern, ist inzwischen Legion.

1. SPR.:

Theologen und Philosophen leisten zunächst elementare Aufklärungsarbeit: Und die beginnt damit, an die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung zu erinnern. Darin sind sich die Autoren der Zeitschrift Concilium einig:

2. SPR.:

Naturwissenschaft hat nichts mit Gott zu tun. Sie kann mit ihren Methoden Gott nicht erreichen und auch Gott nicht erkennen. Deswegen lässt sich naturwissenschaftlich weder der Theismus noch der Atheismus beweisen. Naturwissenschaft fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, sie kann von daher keine Antwort geben auf religiöse oder metaphysische Fragen. Der Versuch, den Atheismus, naturwissenschaftlich zu begründen, muss scheitern. Auch der Atheismus ist eine Glaubenshaltung mit dem Bekenntnis: Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott.

1.SPR.:

Atheismus wie Theismus haben also eins gemeinsam: Sie sind Glaubenshaltungen und naturwissenschaftlich nicht begründbar. Auf dieser Basis können Philosophen und Theologen die neuen Atheisten ernst nehmen. Sie können sogar dankbar sein, dass die neue Bewegung der Ungläubigen für die nötige Unruhe der Selbstkritik in den Kreisen der Gläubigen sorgt, wie der protestantische Philosoph Paul Ricoeur betont:

2. SPR.:

Der Atheismus ist der Boden für einen neuen Glauben, für einen Glauben des nachreligiösen Zeitalters.

1. SPR.:

Dawkins und seine Mitstreiter haben eindringlich gezeigt, dass es populäre und manchmal infantile Vorstellungen unter den Gläubigen gibt. Theologen können dies nicht gutheißen und müssen sich dagegen wehren. So wird es zur dringenden Aufgabe, zeitgemäß und in der Sprache von heute die wichtigen Grundlagen der christlichen Religion zu erläutern, meint der Theologe Philip Clayton:

2. SPR.:

Ich sage nicht, dass alle theologischen Aussagen über Gott überflüssig geworden sind. Doch die traditionellen Kategorien und Begriffe, mit denen Gott beschrieben wurde, verlieren an Halt. Darum müssen neue Formulierungen gefunden werden.

1. SPR.:

Der amerikanische Theologe Clayton weist etwa den traditionsreichen Begriff „übernatürlich“ zurück. Früher war er selbstverständlich, die besondere, die himmlische, also nicht – irdische  Existenzform Gottes mit dem Wort übernatürlich zu beschreiben:

2. SPR.:

Aber diese Trennung von natürlich und übernatürlich, von weltlich und göttlich, ist theologisch gesehen ein komplettes Desaster. Gott wird in weite Ferne gerückt, ein solcher ferner himmlischer Gott kann die Welt nur durch sein Eingreifen in die Natur beeinflussen, indem er z.B. in Wundern die Naturgesetzte durchbricht. Aber für diese Eingriffe Gottes gibt es im modernen Bewusstsein keinen Platz mehr.

1. SPR.:

Ähnliche Probleme gibt es, wenn die Frommen ihren Gott als eine Person ansprechen, und dabei so tun, als wäre Gott sozusagen der gute Kumpel von nebenan, eine Person wie wir. Theologen revidieren darum missverständlich personale Beschreibungen Gottes. Sie werden vorsichtiger in der allzu menschlich gefärbten Anrede Gottes und nennen Gott nicht mehr so selbstverständlich wie in Kirchenliedern gerecht und gütig, barmherzig und strafend. Wie kann ein gerechter Gott auch gütig sein, und ein barmherziger Gott auch strafend? Es macht sich heute eine neue Scheu bemerkbar, von dem Unbedingten, dem Absoluten und dem ewigen göttlichen Geist allzu menschlich zu sprechen. Theologen bekennen, wie leichtfertig sie von Gott bisher gesprochen haben. Der Protestant Paul Tillich warnte schon vor 50 Jahren, dass der allzu vertraute und allzu bekannte Gott zu einem Götzen wird, einem Objekt, das in die Verfügbarkeit der Menschen gerät. An diese Warnung halten sich heutige Theologen. Sie nehmen Gott als das Unendliche wahr, als das Geheimnis, das wir nicht umfassen und deswegen auch nicht definieren können. Wir können es im Denken lediglich „berühren“, ahnend ertasten. Darin beziehen sich die Theologen auf die Einsichten des Mystikers Meister Eckart oder die Erkenntnisse des Philosophen Karl Jaspers:

2. SPR.:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Geheimnis erfahren wir als Grenze unserer Vernunft, aber wir nehmen es in das Licht unserer Vernunft auf“.

1.SPR::

Die Berliner Philosophin Petra von Morstein führt Jaspers Gedanken weiter:

Sprecherin

Das Göttliche entzieht sich unserer objektiven Erkenntnis. Aber doch erleben wir etwas über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus. Wir wollen das artikulieren. Aber wie tun wir das? Natürlich auch in Begriffen. Aber wir drücken diese Erfahrung symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre „Gott der Vater“ ein Symbol, aber es ist nicht wörtlich zu nehmen.

1. SPR.:

Vor allem über das Beten und Bitten muss angesichts eines „reiferen“ Gottesbild neu nachgedacht werden. Kann Gott, der das alles gründende, das ewige Geheimnis ist, unsere egoistischen Wünsche erhören und befriedigen?  Der spanische Theologieprofessor Andrés Torres Queiruga fragt in der Zeitschrift Concilium:
2. SPR.:

Schon der Kirchenlehrer Augustinus und der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrten, dass wir im Gebet nicht etwa bitten sollen, um Gott zu unseren Gunsten zu verändern und umzustimmen, sondern vielmehr sollen wir beten und bitten, dass wir selbst uns ändern. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat diesen Gedanken weitergeführt: Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden. Wenn wir beten: Gottes Reich möge kommen, dann wollen wir dieses Reich des Friedens nicht herbeizwingen. Dann bestärken wir lediglich unsere eigene Sehnsucht nach diesem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.

1. SPR.:

Im Gebet wollen sich die Betenden also selbst ändern, ihr Denken und ihr Verhalten. So gesehen führt die theologische Auseinandersetzung mit den neuen Atheisten zur Überprüfung bisheriger kirchlicher Überzeugungen. Etliche Beobachter haben den Eindruck, als seien die neuen Atheisten –trotz ihrer Polemik – provozierende, prophetische Stimmen. Für diese von außen, aus der kritischen Distanz, formulierte Kritik kennt die kirchliche Tradition den Begriff der „Fremdprophetie“: Sie sollte ernst genommen werden, weil sie auf „wunde Punkte“ der traditionellen Lehre hinweist.

So macht sich angesichts der Provokationen der „neuen Atheisten“ eine neue theologische Bescheidenheit breit. Diese Haltung wird nachdrücklich unterstützt von Christen, die im ständigen Austausch mit Atheisten, Agnostikern und Skeptikern stehen, z.B. von dem katholischen Priester Tomas Halik. Er leitet in Prag die „Christliche Akademie“ und arbeitet als Professor für Soziologie an der Karls Universität. Sein besonderes Interesse gilt der Studentengemeinde, in der ausdrücklich atheistische und skeptische Menschen willkommen sind. Wenn Tomas Halik von Gott spricht, dann nie in der Position des Wissenden, schon gar nicht des „Besserwissenden“. Seine theologisch – spirituellen Überzeugungen hat er kürzlich in seinem Buch „Geduld mit Gott“ veröffentlicht. Darin heißt es:

2. SPR.:

Auch Glaubende erfahren, dass Gott mehr abwesend als greifbar nahe ist. Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses. Der suchende Glaube kann im schmerzlichen, leidenschaftlichen, protestierenden Atheismus seinen Bruder erkennen. Auch wir Christen bleiben manchmal im Schmerz unbeantworteter Fragen vor dem Geheimnis des Bösen stehen. Auch unser Glaube erlaubt uns nicht, im Frieden endgültiger Antworten zu ruhen, sollte die Antwort der billige Trost des ‚religiösen Opiums‘ oder das stoische Akzeptieren der Sinnlosigkeit der Welt sein. Diesen Atheismus – den leidenschaftlichen Protest-Atheismus – können Christen nicht anders „besiegen, als dass wir ihn umarmen.

1. SPR.:

Diese „Umarmung“ von Glaubenden und Nichtglaubenden hat nur Sinn, wenn sie sich über alle Debatten hinaus auch gemeinsamen Aufgabe zuwenden: Und entdecken, dass sie z.B. vereint für die Menschenrechte eintreten können, für den Schutz der Umwelt, die Überwindung der Armut. In diesem Sinne haben sich z.B. in Frankreich Gruppen gebildet, in denen Glaubende und Nichtglaube alle ideologischen Differenzen hinter sich lassen. Dieses gemeinsame Engagement ist für den atheistischen Philosophen und Publizisten André Comte Sponville aus Paris genauso dringlich wie die religiösen Debatten:

2.SPR.:

Für mich geht die Grenze nicht zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Sie verläuft vielmehr zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite sind die dogmatischen, die fanatischen Geister, die gibt es unter Glaubenden wie Nichtglaubenden. Wir kämpfen gegen die Fanatiker und gegen die Nihilisten. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen den anderen, Glaubenden wie Nichtglaubenden,  ein Bündnis vorschlagen: Wir sollen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen, vor allem die Menschenrechte.

1. SPR.:

Ob es zu einer praktischen Zusammenarbeit von Christen und Mitgliedern der Giordano Bruno Stiftung kommen wird, ist offen. Auszuschließen sind Formen der praktischen Kooperation allerdings nicht, zumal Theisten wie Atheisten entdecken: Es gibt längst die neuen Götter oder besser: die Götzen, die da heißen: Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Herrschaft der Reichen. Diesen Göttern opfern sich die meisten Menschen auf. Der Dichter Christoph Hein hat sich mit diesen neuen Göttern auseinandergesetzt, er hat kürzlich erklärt:

2. SPR.:

Alle Regierungen haben entschieden, es sei wichtiger das Kapital zu schützen als das Klima, deswegen sie kümmern sich verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken.

1. SPR.:

Darüber hinaus ist es auffällig, dass die Atheisten aus dem Umfeld der Giordano Bruno Stiftung nun differenzierter über die Kirchen denken. Haben sie die von den theologischen Repliken gelernt? So wird endlich zugegeben, dass es vernünftig argumentierende Christen gibt. Noch wichtiger ist, dass die neuen Atheisten in ihren neuesten Publikationen anerkennen:

2. SPR.:

Es gibt einen „poetischen Überschuss des Lebens“.

1.SPR.:

Und der zeigt sich, wenn Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen, dann werde die Alltagswelt überschritten zugunsten dieses poetischen Überschusses In der Kunst findet er seinen Ausdruck. Beschreibt dieser poetische Überschuss eine Art Transzendenzerfahrung? Wird die Kunst zur Plattform für Gespräche zwischen Christen und Atheisten? Vielleicht könnte die Einsicht Goethes hilfreich sein:

2. SPR.:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.

 

copyright: christian modehn, berlin.

 

 



Advent – ein philosophisches Thema?

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher von  dem Warten und Suchen nach der Realisieung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

Vielleicht ist die Occupy Bewegung Ausdruck eines solchen aktiven Wartens und Suchens nach dem neuen Menschen? Der neue Mensch, der Schöpfer einer gerechten Ordnung für alle im Rahmen einer neuen demokratischen Wirtschaftsordnung könnte das Symbol der Sehnsucht in diesen Wochen und Monaten sein. Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent eher als Zeit egozentrischer Wünsche. Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 



Guadelupe – Perspektiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Guadalupe, Persepktiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko-Stadt, im Dezember 2011

Vorweihnachtliches Marketing überschwemmt auch die  Strassen, Geschäfte und Massenmedien in den Großstädten Mexikos, dort leben inzwischen 80 % der Bevölkerung. Überall gibt es üppig geschmückte Weihnachtsbäume, Lichterketten, Nikolaus Figuren und die obligate europäische und nordamerikanische Weihnachtsmusik. Kaufen und Verkaufen ist oberstes Gebot. Besonders die Unterhaltungselektronik stellt sich riesig heraus mit verführerischen Sonderangeboten. Kreditmöglichkeiten werden gleich genannt: “Auch wenn Du es nicht (bezahlen) kannst, mit uns kannst Du doch alles!” Das ist “Kommerz – Philosophie”.

Insbesondere in der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat deshalb ein beängstigender Stress begonnen. In Gesprächsrunden über “kritischer Konsum” versicherten mir in diesen Tagen verschiedene Eltern: Es gibt eine Art “affektive Erpressung” durch die heranwachsenden Kinder, die die neuesten Versionen von Videospielen, iPad, I Phone, MP3 Player mit Touchscreen u.s.w. nicht nur wünschen, sondern glasklar erwarten, mit Argumenten wie  “… meine Freundinnen bekommen auch und wie stehe ich dann da?” Bei den Eltern wächst zugleich das schlechte Gewissen. So erzählt eine Mutter von drei Heranwachsenden: “Wir Eltern, wir müssen beide arbeiten, sonst reicht’s nicht. So haben wir zu wenig Zeit für die Kinder… Zumindest mit diesen Geschenken können wir’s wieder gut machen, auch wenn wir uns weiter verschulden!” – Geht das wirklich so: Wieder gut machen?!

Beim weiteren Nachdenken über dieses “wieder gut machen”, kommen die beiden tieferen religiösen Wurzeln der Dezemberfeiern in Mexiko ins Gespräch. Das ist zuerst und vor allem das wohl wichtigste religiöse Fest des Jahres, das “Fest der Guadalupe”. Vorbereitet durch eine Novene (9 Tage) wird es am 12 Dezember bundesweit gefeiert. Und anschliessend beginnen die “Posadas” (Herbergssuche), wiederum eine Novene, um in der Weihnacht am 24. Dezember dann die “Menschwerdung Gottes” mitten unter den armen Menschen zu feiern.

Das Guadalupefest benötigt für Deutsche eine etwas ausführlichere Deutung. Die Eroberung Mexikos durch spanische Truppen, die mit den Fall der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan (jetzt Mexiko – Stadt) 1521 endete, war für die Bevölkerung wie eine Katastrophe, sie war traumatisch. Das seit undenkbaren Generationen geschaffene integrale Kultursystem, das dem Ganzen (= Kosmovision) wirtschaftlich, sozial, politisch und religiös Zusammenhalt und Sinn gegeben hatte, lag zerstört am Boden. Es war nicht nur ein verlorener Krieg, sicher schlimm genug, sondern tatsächlich “das Ende” einer Kultur, und zwar total!  In diesem “Chaos” erscheint das “göttliche Geheimnis” der zerstörten und verstörten Indio – Bevölkerung: eine weiblich – mütterliche Gestalt: “Unsere Frau von Guadalupe”, “Tonantzin” (in der Nahua – Sprache der Azteken), “la Morena” (unsere Dunkelhäuige, wie sie die einfachen Leute nennen).  Die Erscheinungslegende berichtet, dass “die Frau” dem Indio “Sprechender Adler”, getauft auf  “Juan Diego”,  Anfang Dezember 1531 ingesamt viermal begegnet. Diese Gestalt Juan Diego selbst ist eine Legende. Die Frau stellt sich ihm vor als “Eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen!” Das ist das Herz der Botschaft, und es gibt fast keine Mexikanerin und keinen Mexikaner, der diese Worte nicht in seinem Herzen hat. Damit diese Zusage eine institutionelle “Dauererfahrung” werden kann, bittet sie Juan Diego, vom Bischof die Erlaubnis zu erwirken, genau an diesem Erscheinungsort eine “Begegnungsstätte” zu errichten, dort, wo ein (zerstörtes) Heiligtum der göttlichen “Mutter Erde” war. Gesagt, getan. Der misstrauische Bischof bittet jedoch den Indio um einen Beweis. In einer erneuten Erscheinung gibt die geheimnisvolle Dame ihm die Anweisung, auf dem nahen Hügel Rosen zu pflücken und seinen Umhang damit  zu füllen. Juan Diego findet sie dort unter großem Vogelgezwitscher: “Blumen und Gesang”, in der indigenen Symbolsprache bedeutet es “das ist wahr und gut!” Mit dieser Wahrheit als Beweis, kehrt Juan Diego zum Bischof zurück, berichtet die Legende. Als er seinen Umhang mit den Blumen öffnet, wird im Stoff das Bild der “Frau von Guadalupe” sichtbar. Der Bischof ist ergriffen, er kniet sich voller Ehrfurcht hin: Die Amts – Kirche bekehrt sich und muss anerkennen: Die gesamte indianische Religion ist nicht einfach nur Teufelswerk, das zerstört werden muss. Das göttliche Geheimnis offenbart sich inmitten der Besiegten, in deren Symbolsprache. Ein Neuanfang kann nun beginnen von den eigenen indigenen Wurzeln, der eigenen Kultur, Philosophie und Religion her. So erzählt es die Legende, aufgeschrieben im Nican Mopohua, es ist wohl eine der tiefsinnigsten poetisch – philosophisch – theologischenen Schriften in der damaligen Nahua – Sprache.

Wir wissen natürlich aus der Geschichte, dass dann doch die offizielle Religion iberischer Ausprägung auf die Indio – Religion draufgesetzt und durchgesetzt wurde mit all dem, was das schmerzvoll beinhaltete, nämlich die Zerstörung der alten Kultur, auch wenn diese in vielen Elementen bis heute weiter präsent ist .  Zugleich jedoch entstand ein komplexer Synkretismus, wie immer bei kultureller Mischung, ob friedlich oder gewaltsam. So war es schon beim Eindringen des ursprünglich jüdischen Christentums in die griechische, dann römische, dann germanische Welt. Immer ergibt sich ein Vermischen mit der jeweiligen Kultur, Religion und Philosophie. Unser Weihnachtsfest ist ein typisches Beispiel solchen Synkretismus. Aber immer gibt es dabei Sieger und Besiegte, auch in der Verschmelzung religiöser Traditionen.

In Mexiko wurde “Guadalupe” immer mehr zum Symbol der langsam wachsenden nationalen Identität: die indigenen Völker haben sie als die Ihrige angenommen und ebenso auch die wachsende Zahl der Mestizenbevölkerung. Mit dem Bild der Guadalupe als Standarte rief 1810 der Pfarrer Miguel Hidalgo zum Unabhängigkeitkrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft auf: eine Offenbarungserfahrung des Trostes und der Ermutigung im brutalen Alltag wird Botschafterin politischer Befreiung! Diese beiden Elemente sind bleibend präsent. Heute gibt es in Mexiko sicher kein Dorf und keine Stadt, wo nicht zumindest eine Kapelle, ein Weiler oder ein Wohnviertel “Guadalupe” heisst und wo sie am Abend zum 12. Dezember gefeiert wird – besinnlich, gemeinschaftlich und herzlich-  als Fest des Trostes und der Ermutigung zum Neubeginn in allen Lebensdimensionen. “Guadalupe” als Wallfahrtsort inmitten der Riesenstadt Mexiko zählt jährich etwa 20 Millionen Pilger und ist somit mit Abstand der grösste Wallfahrtsort der Welt. An diesem 12. Dezember werden erneut mehr als 3 Millionen Pilger erwartet. “Mexiko ist sicher mehr guadalupanisch als katholisch”, urteilt ein bekannter mexikanischer Religionsforscher. “Wer Mexiko in seiner Tiefendimension verstehen will, muss zuerst und vor allem dieses “Guadalupe – Phänomen” begreifen versuchen”.

Aber nun zurück zum Weihnachtskommerz, dem Konsumkult als dem “Tanz um das goldene Kalb”. Da treffen zwei Welten konträr aufeinander: Zum einen ist es die materialistische Logik der Gewinnmaximierung als Motor von Fortschritt mit immer raffinierteren Verführungsinstrumenten (Symbolsprache) zu noch höherem Konsum, was auch immer er koste. Zum anderen ist es die kulturell – religiös gewachsene Wertewelt mit anderer Symbolsprache, die inmitten eines oft harten oder sogar brutalen Lebensalltag kollektive “himmlische” Begegnungen ermöglicht als Trost und Ermutigung, die auch befreiend werden kann. Genau hier ist der sensible “Ort” menschlicher Betroffenheit, wo “das tut weh” sich umformt in “wir machen es zusammen anders und besser”: Nachbarschaftsgruppen, Bürgerinitiativen, soziale, zivile oder kirchliche  Basisgemeinden praktizieren “anders besser leben” und das schließt Konsumkritik ein: Sich Befreien von Abhängigkeiten und sich neu solidarisch verknüpfen!

Es ist zudem sinnvoll, über weiteres nachzudenken: Alle Völker und Kulturen haben Mythen und Legenden, die Wesentliches ihrer Identität in Symbolsprache ausdrücken: für Israel war es die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für die Römer die Gründung Roms durch Romulus und Remus, für die Christen die Geburt von Jesus von Nazareth in Bethlehem. Ähnliches wäre anzugeben vom indischen Buddhismus oder dem arabischen Islam. Mythen und Legenden haben immer auch Historisches im Ursprung und darüber gibt es wissenschaftliche Forschungen. Dieses Besser- Verstehen erfasst jedoch nicht unbedingt das notwendige Begreifen der Herzensbotschaft, z.B. einer Ursprungslegende, die Millionen von Herzen bewegt. Denn diese tröstet und ermutigt und schafft damit reale Veränderung im Alltag: es sind Lebens- (verändernde) Philosophien.

Möglicherweise ist hier auch die derzeitige Krise eurozentrierter Logik einzuordnen: Eine einseitige, instrumentelle Rationalität mit technologischer Kapazität, die dem nicht mehr hinterfragbaren Fortschritt anhängt, hat unsere Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Bilanz ist erschreckend: Industrialisierung mit Ausbeutung der Arbeiter, 2 Weltkriege mit atomarer Zerstörung und Aufbau einer Vernichtungswaffenindustrie (sie hat z.B. in Mexiko in den Drogenkartellen finanzkräftige  Kunden der High – Tech Maschinengewehre), Zerstörung der Umwelt, genmanipulierte Lebensmittel usw.

Es gibt historisch gewachsene andere Logiken. Sie zu begreifen (Empathie), zu bedenken (Philosophie) und wertzuschätzen und dann zu bewerten (Ethik), ist die derzeitige und künftige Lernaufgabe für die okzidentale (westliche) Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr weltweit anerkannt wird, dass wir auf einem pluriökologischen und plurikulturellen Planeten leben. Alle Kulturen haben ihre Geschichte, einschließlich der Mythen und Religionsformen und alle haben darin auch ihre Weisheitsdeutungen, ihre je eigene Philosophie. Diese Vielfalt ist Reichtum und ihre wechselseitige Wertschätzung kann alle bereichern und ist damit eine nicht versiegende Quelle der Zukunftsfähigkeit der Menscheit. Solches Verständnis von Reichtum und Wertschätzung ist wie ein brutaler Widerspruch zu den “Werten”, die an Wertpapier – Börsen gehandelt werden und die Ratingagenturen “bewerten”. Genau darin wird der Kern der derzeitigen Zivilisationskrise sichtbar.