Befreiung

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„Der Mensch ist ein Grenzgänger“. Hinweise zu einem religionsphilosophischen Salon

1. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Der Mensch ist ein Grenzgänger: Philosophische Hinweise aus aktuellem politischem Anlass

Diese 19 Thesen wurden im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 29.4. 2016 vorgetragen und diskutiert.

Von Christian Modehn.

1. Unser philosophischer Ansatz angesichts der aktuellen Verwirrungen hinsichtlich der Grenzen heute: Wir gehen von einer philosophischen Analyse des Daseins aus, um von dort aus begründet die Wirklichkeit der Grenzen zu verstehen. Jede Person ist immer eine bestimmte, d.h. eine begrenzte. Sie muss sich um sich selbst kümmern, will sie selbst ihr eigenes leben „führen“. Das heißt auch, dass wir uns um unserer selbst willen auch abgrenzen sollen. Wir können uns nicht selbst total ent-grenzen, indem wir uns etwa für unsere Arbeit auflösen, Wir müssen unsere persönliche Eigenart und Einmaligkeit pflegen und schätzen.

2. Jeder einzelne Mensch ist also – vermittelt durch sein Bewusstsein und Selbstbewusstsein – immer ein einzelner, begrenzter. In dieser Einmaligkeit hat er, wie es in der Erklärung der Menschenrechte heißt, eine absolute Würde und einen absoluten Wert. Aber diese Begrenztheit, Bestimmtheit des einzelnen, wächst, wandelt sich im Laufe des Lebens. Diese Wandlung, Reifung, ist nur durch Überschreitung seiner bisherigen Begrenztheiten möglich. Wir sind immer mehr als nur einzelne; wir sind keine Inseln, so sehr wir uns auch „abkapseln“, „ein-igeln“: Wir teilen immer gemeinsame Sprachen, leben im Mitsein mit anderen in der einen Welt: Also Kommunikation, Lernen, Verwerfen bisheriger Überzeugungen ist die ständige Grenzüberschreitung geistvollen Lebens. Wir sind immer schon, sofern wir leben, Grenzgänger im Sinne von „Grenzen Überwinder“. Und stehen so von vornherein vor der Aufgabe der Pflege des eigenen, nun einmal begrenzten Wesens und der GLEICHZEITIGEN Offenheit für die ständige Grenzenüberwindung. Die Reflexion auf unser Bewusstsein zeigt: Wir sind immer schon ins Grenzenlose des Bewusstseins verwiesen. D.h.: Der Mensch ist in seinem Geist immer schon „offene Grenze“, „offene Begrenztheit“. Wir sind mit der Grenzen sprengenden Weite des Bewusstseins konfrontiert, wenn wir wahrnehmen, dass wir VOR aller Reflexion auf uns selbst, also noch vor dem Wissen und dem Selbstbewusstsein, bereits und immer schon auf eine weite „Ebene“ des Bewusstseins als einer ständig fließenden Gefühlswahrnehmung verwiesen sind. Diese immer anwesende weite Ebene des Bewusstseins noch vor aller Reflexivität ist für uns immer vorgegeben, nicht machbar, „ungreifbar“ und nicht zu umgreifen. „Ich weiß mit unerschütterlicher Gewissheit, dass ich bin, und dies kraft meiner Selbstvertrautheit. Aber weder weiß ich mit ebensolcher Gewissheit, woraus und woher ich bin, noch weiß ich, wozu und woraufhin ich bin“. So Saskia Wendel in ihrem Buch „Religionsphilosophie“, Reclam, S. 36, darin folgt sie den Einsichten des große Philosophen Dieter Henrich. Das heißt, im wachen Selbstwahrnehmen und der elementaren Selbstvertrautheit bin ich über mein kleines Ego, auch über mein im Augenblick aufblitzendes Selbstbewusstsein bezogen auf eine offene Dimension, die größer ist als ich und mein Ego. Ich bin sozusagen verwiesen in einen ganz anderen, einen gründenden Grund. Mit den Worten von Dieter Henrich: „Ich bin in meiner eigenen Beschränktheit also Begrenztheit verwiesen auf mein Bewusstsein, aus etwas begründet zu sein, dem eine ganz andere Verfassung (anders als meine Begrenzheit CM) zuzuschreiben ist“. Ludwig Wittgenstein wird in seinem späteren Werk zeigen, dass die Tendenz der Naturwissenschaften, uns in ihre enge wissenschaftliche und „beweisbare“ Welt einzuschließen, falsch ist, sie führt geradewegs in ein „Gefängnis“. “Der tiefe Denker bringt uns zu der Erkenntnis, dass es etwas gibt, was nicht gesagt werden kann“, so Wittgensteins Freund Drury über Wittgenstein. Das wahre Wesen kann nicht (definierend) gesagt werden, aber es zeigt sich. Das heißt: Im geistigen Erkennen werden immer schon Grenzen gezogen, um sie zu überwinden. (zu Wittgenstein, siehe Friedo Rocken, Religionsphilosophie, S. 34 ff.)

3.Entscheidend ist: Das menschliche, geistvolle Leben ist ständige Suche nach der Balance im Umgang mit Grenzen.

Erst in der Auseinandersetzung mit meiner Grenze (über die ich immer schon hinaus – lebe und hinaus – schaue) wächst ein immer wieder neues lebendiges, strukturiertes Ich. Auch das Sich Abgrenzen geschieht nur um der Lebendigkeit des eigenen Daseins willen. Im Dasein geschehen ständig Grenzverschiebungen des eigenen Selbstverständnisses.

4. Geistige (und politische) Erstarrung tritt ein, wenn ein Mensch sich definitiv in bestimmte Grenzen, die er etwa in der Jugend festgelegt hat, für die ganze Lebenszeit einschließt. Da werden die anderen zu Fremden und Feinden. Darüber später mehr im Zusammenhang des Nationalismus.

5. Sich selber bestimmen und sich abgrenzen ist ein ständiger Prozess des gleichzeitigen Sich-Öffnens und damit alte Grenzen Überwindens. Das verlangt Unterscheiden lernen. Und diese Unterscheidung wird geleistet, indem ich nur bestimmte neue Wirklichkeiten in mein strukturiertes Bewusstsein einlasse, andere eben nicht. (Ich kann mich z.B. begrenzen, indem ich Pop-Musik absolut nicht hören will). Ich muss mich auch mit Grenzen sprengenden, oft unerwarteten Ereignissen auseinandersetzen, darf sie nicht abwehren und aus-grenzen, etwa wenn sie mein bisheriges Dasein in seinen alten Grenzen erschüttern: Etwa das Leiden von Angehörigen, eigene Krankheiten, Rentnersein, Alleinsein usw.

6. Dabei muss vor einem zeitlosen Verständnis von Definition, also Festlegungen des Selbst, Begrenzungen des Selbst, gewarnt werden: Auch in den Naturwissenschaften sind Definitionen immer vorläufige Grenzziehungen; um so mehr im geistigen, philosophischen Zusammenhang: Da hat eine und dieselbe „Sache“ immer mehrere gleichberechtigte „Definitionen“, auch im Laufe der eigenen Lebenszeit: Der Mensch als animal rationale, Da-Sein, Subjekt, Person, „Ebenbild Gottes“ sind alle zeitlich bedingte und deswegen begrenzte „Definitionen“, an die man sich selbstverständlich nicht dogmatisch binden darf. Die jeweiligen Inhalte ändern sich, je nach dem, wie ich meine geistigen Grenzen weite und öffne, auch bezogen auf die Inhalte von Staat, Heimat, Nation, Fremde usw.

7. In der Auseinandersetzung mit der Kunst, der Literatur, der Religion geschieht Erweiterung der je eigener Grenzen. Wer die Schönheit islamischer Kunst wahr – nimmt, ihre Symbole, Farben, ihre Abstraktheit, wird auch sein begrenztes Verstehen „des“ Islam überwinden. Das heisst: Wir überschreiten unsere Grenzen, wenn wir als einzelne Menschen mit unserem nun einmal begrenzten Weltbild ein Kunstwerk eines einzelnen Malers betrachten, der vielleicht vor 500 Jahren lebte, aber ein universal ansprechende Werk geschaffen hat, man denke etwa an Mona Lisa, vielleicht auch Nofretete: Beim Betrachten dieser Kunst geschehen Grenzüberwindungen unseres begrenzten Menschenbildes. Kunst ist immer lokal bezogen und auch global.

8.Wichtig zur Religion: Der einzelne kann heute nicht mehr nur einer und das heißt immer einer begrenzten Religion/Spiritualität „angehören“. Er sollte die eigene jeweils vertraute Religion/Weltanschauung, auch Atheismus, entgrenzen im Dialog. Entgrenzte Religion/Weltanschauung wird „multireligiös“. Wir sind immer schon, oft unbewusst, multi-religiös, indem etwa fromme Christen doch an die Astrologie glauben oder zu Maria beten usw. Heute kommt es auf eine anspruchsvollere multireligiöse Entgrenzung an, etwa durch Übernahme buddhistischer Meditationspraxis.

9.Dialog geschieht ständig, Dialog ist Überwindung meiner bisherigen Grenzen und dies ist mehr als Konfrontation und Dahersagen unterschiedlicher Meinungen, was leider meistens in „Dialog – Konferenzen“ geschieht. Dialog ist vielmehr Öffnung und Lernen und reflektierte, kritische Übernahme (!) des bisher Fremden. Das nennt man „Grenzen überwindendes Wachstum“.

10.Wer nur das begrenzte Ich (im Sinne von unwandelbar, immer dasselbe erleben, sich klammern an seinen Besitz, „Stammtisch-Ideologie“ usw.) fördert, möchte eine Gemeinschaft von vielen Ichs, aber kein vielfältig geprägtes Wir. Die populistischen (oft rechtsextremen) „Kameradschaften“ sind nur EGO – Ansammlungen zur Verteidigung des routinierten Immer Selben, d.h. des Erstorbenen. Sie suchen aber auch ideologische Grenzen überschreitend Bündnispartner, etwa AFD und FPÖ, Le Pen und Putin usw. Hintergrund ist die Angst vor Verlusten, auch materiellen Verlusten. Diese Angst drückt sich aus als Hass und unsägliche verbrecherische Aggression gegenüber Fremden und Flüchtlingen, etwa in der Gewalt gegen die Unterkünfte usw.

11. Bestimmung im Leben bleibt hingegen immer die Lebendigkeit, als immer zu suchende, nie total zu erreichende Balance zwischen der immer notwendigen Abgrenzung (gegen den Selbstverlust) und dem Austausch als Grenzüberschreitung. Vorbild dafür die NGOs, die bezeichnenderweise die Titel haben „Ärzte OHNE GRENZEN“, „Reporter OHNE GRENZEN“, „Ingenieure OHNE GRENZEN“ usw. „Philosophen OHNE GRENZEN“ sind jene, die die universal und immer gültigen Menschenrechte verteidigen.

12. Durch die Ankunft von Flüchtlingen wird das Thema Grenzen plötzlich politisch neu äußerst brisant. Dieses Ereignis der Fluchtbewegungen ist wohl DAS bestimmende Ereignis der nächsten Jahrzehnte. Die Fluchtbewegungen sind auch Resultat verfehlter, geistig begrenzter Politik des Westens, siehe George W. Bushs Irak-Krieg; siehe das kurzsichtige Verhalten Obamas, nicht schon sehr früh Assad schon auszuschalten usw…

13.Es ist seit Anfang 2016 längst Tatsache, dass sich heute Europa, die EU, einmauert, also neu ein – grenzt. Dabei droht die EU zu zerfallen. (Mauernbau ist in jeder Weise tödlich auch für die Mauerbauer selbst, siehe DDR – Führung). Auch die einzelnen europäischen Länder mauern sich ein, siehe etwa jetzt Österreich, dort wird z.B. sogar am Brenner-Pass ein „Grenzmanagment –Leitsystem“ (mit Zaun) errichtet. „Grenzmanagment –Leitsystem“: Dieser Begriff der bürokratischen Gewalt sagt alles über die nationalistische Mentalität. EU Staaten haben im Alleingang nationale Grenzen als wichtiger durchgesetzt als die Verbundenheit mit der EU. Die stramm rechtslastigen Parteien fördern in ihrer populistischen Propaganda stark den Nationalstaatsgedanken. So sagte Alexander Gauland in einem Interview mit DIE ZEIT vom 14.4. 2016 Seite 7 auf die Frage: Wo ist ihr Limes, also ihre Grenze, heute: „Der Limes ist an jeder nationalen Staatsgrenze. Dass Österreich in der Lage war, die Balkanroute zu schließen, war eine große Tat“. Dann auf die Frage: Nun sitzen aber die Flüchtlinge in Griechenland fest, wo ist denn da der Vorteil? Da heißt die Antwort Gaulands: „Dass die Flüchtlinge nicht in Deutschland sind und nicht in Österreich sind, ist der Vorteil“. Damit ist indirekt gesagt: Also kann es doch durchaus zu Auseinandersetzungen kommen zwischen Griechenland und Deutschland, wenn dieses alte/neue nationalistische Denken sich weiter durchsetzt.

Das Wort Ober-Grenze markiert in aller Deutlichkeit die bewusste Eingrenzung und Abgrenzung eines Nationalstaates, das Sich-Verklammern angstvoller Art in die eigenen Begrenztheiten, das Wort Obergrenze markiert, ideologiekritisch betrachtet, eine gewisse Hoffnungslosigkeit eines europäischen Nationalstaates. Das Wort Obergrenze wird sicher zum Unwort des Jahres 2016 erklärt werden. Zu diesem Begriff gibt es bei Google bereits 2,3 Millionen Einträge, gezählt am 26.4.2016.

14. Es wird wieder die Vorstellung vom „Nationalstaat“ in ganz Europa und weltweit herrschend. Die Geschichte zeigt: Jeder Nationalstaat muss per definitionem kriegerisch und gewalttätig sein. Wir erleben einen Rückfall ins 19. Jahrhundert. „Der Nationalismus wurde zum treibenden Faktor bei einer Neuordnung der politischen Grenzen, die nicht selten mit Krieg und Vertreibung verbunden war… Der Nationalismus legte auf eine einheitliche Sprache wert, es wurde eine mentale Nationalisierung der Bürger gepflegt bei der Durchsetzung nationaler Zugehörigkeiten“, so Herfried Münkler u.a. in „Politische Theorie und Ideengeschichte“, Beck Verlag, 2016, S. 75,

15. Die europäische Politik heute folgt ängstlich den Ängstlichen und uninformierten Populisten, die nur in ihren vertrauten und vermauerten mentalen Grenzen verweilen wollen. Damit wird die zu Beginn genannte Balance zwischen Selbstbewahrung UND Öffnung einseitig und gefährlich in die Richtung der Selbstbewahrung verlagert. Es gibt keine Balance mehr im Umgang mit Grenzen.

16. Die vielen noch kommenden Flüchtlinge (in Libyen warten noch ca. 1 Million Menschen auf die Flucht) zeigen mit aller Deutlichkeit: Die Menschen in Afrika z.B. sind heute nicht länger bereit, ihre extreme Armut in ihren Ländern zu ertragen. Das mögliche Ertrinken im Mittelmeer erscheint ihnen als ein geringeres Übel, als in den Ländern Afrika vor Hunger dazudämmern… Die Balance muss wieder gefunden werden. Die Tatsache, dass Europa auf Dauer mit Flüchtlingen leben wird, ist anzuerkennen. Das bedeutet nicht, dass nun total offene Grenzen geschaffen werden soll, das würde zu einem Selbstverlust Europas führen, aber es kommt auf eine Öffnung gegenüber den Flüchtlingen an, die den Menschenrechten entspricht und nicht dem nationalen Egoismus der Bewahrung des alten Besitzstandes.

17. Aus der Verklammerung des EGO-Europa, der sich Abschließenden und erneut Begrenzenden, gilt es sich wieder zu befreien, indem man sich an die Grundstruktur des Daseins erinnert: Ohne Öffnung als ständige eigene Grenzüberschreitung gibt es kein geistvolles, menschenwürdiges Leben für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft, den Staat. Die Flüchtlinge sind nun einmal da! Und weitere werden kommen. Wir sollten die Chance ergreifen, mit ihnen zu leben, sie zu integrieren und auch eigene Selbstverständlichkeiten (unseren Wohlstand, warum und wodurch haben wir ihn eigentlich (?) in Frage zu stellen… Wenn sich rechtsextreme Populisten auf das (tatsächlich angebliche) christliche Abendland berufen, sollte man sie an die philosophische Einsicht (und religiöse Einsicht) von Selbstliebe und der gleichzeitigen Nächstenliebe erinnern.

18. Zwei Aufgaben sind besonders dringend: Qualitative Verbesserungen der politisch-sozialen Verhältnisse etwa in Afrika, mit der Erkenntnis der Mitschuld Europas an diesen Verhältnissen. Kritik an den verbrecherischen Politikern in Afrika selbst. Veränderung einer kolonialen Wirtschaftspolitik Europas, die immer noch die Wirtschaften dieser afrikanischen Länder schwächt und die Menschen ins Elnd führt. Die Flüchtlinge kommen nach Europa, auch wegen der heutigen kolonialen Wirtschaftspolitik Europa. Zynisch gesagt: Europa ist selber schuld, dass diese Menschen ihre Länder verlassen müssen.

Es geht also um die weitere Aufnahme der Bedrohten und Verfolgten in Europa. Im Sinne der Weitung des eigenen Bewusstseins, auch der Anerkennung, dass wir Einwandererland sind, dass wir viele Menschen „brauchen“, wenn sie denn die universal gültigen Menschenrechte verstehen lernen und anerkennen.

19. Das Thema „Wir sind Grenzgänger“ gehört in die Mitte einer Philosophie der Lebens-Kunst, des Leben-Könnens. Deutlich ist meiner Meinung nach: Weder die angstvolle Verkapselung (Borniertheit) noch die totale Freigabe jeglicher Grenze (Auflösung des Selbst, des Eigenen) entsprechen der Balance zwischen Selbstsein und Offensein. Diese Balance muss immer neu gesucht und miteinander besprochen werden. Wenn man in der Sprache der Theorie der philosophischen Ethik will: Es kommt auf einen Ausgleich an zwischen der Gesinungsethik und der Verantwortungsethik. Wobei bei der Verantwortungsethik eine gewisse Vorsicht geboten ist: Hinter einer nach außen dargestellter Verantwortungsethik kann sich ideologische nationale Borniertheit verbergen.

Copyright: Christian Modehn

 



Meinungsfreiheit – die Basis aller anderen Freiheiten. Zum „Internationalen Tag der Pressefreiheit“

1. Mai 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Meinungsfreiheit – die Basis aller anderen Freiheiten.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Freiheit der Presse ist weltweit immer mehr bedroht, darauf macht die NGO „Reporter ohne Grenzen“ auch zum 3. Mai 2016 wieder aufmerksam, dem Welttag der Pressefreiheit. Mit der Einschränkung und dem Verbot der Pressefreiheit wird die Meinungsfreiheit insgesamt schrittweise abgeschafft;  Meinungsfreiheit aber ist die Basis ALLER Freiheiten. Wir leben also in einer Situation, in der weltweit mit der Abschaffung der Meinungsfreiheit auch die Menschenrechte insgesamt in Frage gestellt, bedroht und abgeschafft werden. Die „Errungenschaften“ der philosophischen Aufklärung werden nur noch in einigen Staaten respektiert. Eine schlimme Erkenntnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Der „Welttag der Pressefreiheit“ ist also ein Tag des kritischen politischen Nachdenkens … und der Aktion, d.h. in dem Fall: der helfenden Unterstützung für Journalisten, die um der Menschenrechte willen in zahllosen Ländern bedroht sind und ermordet werden. Man beachte und beobachte auf Dauer, in welcher Weise heute populistische und rechtslastige Gruppen und Parteien (AFD, FPÖ, Le Pen Partei, Putin und CO. usw.)  in Europa mit dem Respekt vor der Pressefreiheit und den Journalisten umgehen. Man beachte, wie etwa in Brasilien durch die Übermacht einer bestimmten Presse („O GLOBO“, TV und Print, erreicht mit seiner Propaganda über die Hälfte der Bevölkerung) der Staatspräsidentin so zugesetzt wird, dass sie aus ihrem Amt vertrieben werden soll – aus parteipolitischen Gründen. Die Lage ist insgesamt dramatisch. Ein Auszug aus einem Interview mit Christian MIHR von Reporter ohne Grenzen: „Pressefreiheit: Die Lage ist viel schlimmer“    © Reporter ohne Grenzen

Frage: Die neue Rangliste der Pressefreiheit 2016 zeichnet ein düsteres Bild. In allen Weltregionen sind im Jahr 2015 die Freiräume zurückgegangen. Ist das nur eine Verstetigung eines bereits bestehenden Trends?

Antwort: Unsere jährliche Rangliste der Pressefreiheit vergleicht in erster Linie den Zustand der Pressefreiheit in den verschiedenen Staaten miteinander. Insofern zeigt er vor allem, ob sich die Lage in den einzelnen Ländern im Verhältnis zu Ländern mit einer ähnlichen Ausgangslage verbessert oder verschlechtert hat. Da spielen ja sehr viele Entwicklungen in den derzeit 180 bewerteten Staaten hinein: zum Beispiel Änderungen in der Gesetzgebung, in der Rechtspraxis, in den Rahmenbedingungen für Medienunternehmen und natürlich Fragen der Sicherheit für Journalisten. Seit 2013 errechnen wir aus den Daten der Rangliste allerdings auch einen Indikator für den weltweiten Stand der Pressefreiheit. Und der zeigt tatsächlich eine eindeutige Verschlechterung – allein seit dem vergangenen Jahr um 3,7 Prozent und seit 2013 um insgesamt 13,6 Prozent. Am deutlichsten ist der Rückgang beim Teilindikator für die Produktionsmittel von Medien. Einige Regierungen schrecken nicht vor Blockaden des Internets oder der Zerstörung von Redaktionsräumen, Sendetechnik oder Druckpressen zurück, um unliebsame Berichterstattung zu unterbinden. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich weltweit gesehen verschlechtert. Dies spiegeln die vielen Gesetze wider, die Präsidentenbeleidigung, Blasphemie oder Unterstützung des Terrorismus unter Strafe stellen und damit in einigen Ländern zu zunehmender Selbstzensur beitragen.

Frage: Ein Grund für die Verschlechterung sind die zunehmend autokratischen Tendenzen in einigen Ländern und die vielen Bürgerkriege. Besteht da immer ein direkter Zusammenhang: Also alle autoritären Regime handeln repressiv und in allen Bürgerkriegen werden Reporterinnen und Reporter ermordet?

Antwort: Einerseits kann man das wohl tatsächlich so sagen. Unser altes Motto lautet ja „Keine Freiheit ohne Pressefreiheit“, und das lässt sich immer wieder sehr anschaulich beobachten. Wo Regierungen einen autoritären Weg einschlagen wie derzeit etwa in Ägypten, Russland oder der Türkei, da werden unabhängige Journalisten als Störenfriede oder Verräter behandelt. Präsidenten wie Abdelfattah al-Sisi, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan reagieren sehr empfindlich darauf, wenn kritische Kommentatorinnen oder hartnäckige Rechercheure an ihrer Fassade als stets erfolgreiche, allseits beliebte Staatsmänner kratzen. Im Fall der Türkei erfahren die ständig neuen Auswüchse dieser repressiven Grundhaltung derzeit ja viel Aufmerksamkeit, aber in Ägypten zum Beispiel ist die Lage noch viel schlimmer. Und in Kriegen stellt sich die Frage der Repressionen natürlich noch viel schärfer – zumal dann, wenn sich die Kriegsparteien wie in Libyen oder Syrien nicht um das Völkerrecht scheren und Journalisten im Zweifelsfall als lästig oder als Faustpfand für internationale Aufmerksamkeit betrachten…

Frage: Deutschland hat sich von Rang 12 auf Rang 16 verschlechtert. Wie ist das zu erklären?

Antwort: Deutschlands aktuelle Verschlechterung ist ganz klar auf die erschreckend gestiegene Zahl von gewaltsamen Übergriffen auf Journalisten, aber auch von Anfeindungen und Drohungen zurückzuführen – vor allem bei den Pegida-Demonstrationen und ihren Ablegern, aber auch bei rechtsextremistischen Aufmärschen und gelegentlich bei Gegenkundgebungen. Dass in manchen Städten regelmäßig Hunderte, manchmal Tausende Menschen „Lügenpresse“ skandieren, fassen manche Menschen offenkundig als unmittelbare Aufforderung zum Handeln auf. Sorge bereiten uns aber auch Entwicklungen wie die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung und die immer neuen Erkenntnisse über geheimdienstliche Überwachung, die die Vertraulichkeit journalistischer Recherchen ganz grundsätzlich in Frage stellen. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr gegen den Bundesnachrichtendienst geklagt und sind nun sehr gespannt auf die Reaktion der Justiz…

Wir empfehlen dringend, dauernd die Publikationen von Reporter ohne Grenzen zu lesen und zu diskutieren.

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Wir haben im Religionsphilosophischen Salon Berlin von unserem Interesse für die Religionen und Kirchen dauernd das Problem: In den Kirchen z.B. wird die Pressefreiheit und Meinungsfreiheit nicht umfassend respektiert. Fast alle Publikationen, die von den Kirchen selbst herausgegeben sind, zeigen sich eher als Propaganda-Informationen, nicht aber als unabhängige, einzig der Freilegung von Wahrheiten verpflichtete Veröffentlichungen. Mit anderen Worten: Pressefreiheit gibt es in den Kirchen weitgehend auch im Jahr 2016 nicht. Und darüber wird öffentlich kaum gesprochen.

Interessant ist sicher noch die philosophische Überlegung zur primären Bedeutung der Meinungsfreiheit für alle weiteren Freiheiten. Diese Stellungnahme haben wir im Jahr 2015 veröffentlicht:

Salman Rushdie hat in seiner Rede auf der Frankfurter Buchmesse am Dienstag, den 13. Oktober 2015, in aller Deutlichkeit erklärt: „Ohne die Meinungsfreiheit muss jede andere Freiheit scheitern“. Die Freiheit des Wortes, selbstverständlich des angstfreien, des öffentlichen Wortes, sei überhaupt kein kulturelles Konstrukt, also von einigen Kulturen gutgeheißen, von anderen eben nicht. Diese relativistische, angeblich klug und angeblich höflich auf kulturelle Differenzen bedachte Haltung, ist falsch! „Wir Menschen sind sprechende Tiere. Wir erzählen, und das macht uns aus. Darum sollte Redefreiheit wahrgenommen werden wie die Luft, die wir atmen: als selbstverständlich“. Meinungsfreiheit ist ein absolut geltendes Menschenrecht. Die Angst, sich frei zu äußern, auch unbequem zu den Menschenrechten zu äußern, ist weit verbreitet. Noch schlimmer ist die Angst in den westlichen Ländern, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber autoritären (arabischen) Staaten, Kritik an diesen Regimen in den eigenen westlichen Ländern besser zu unterlassen.

Meinungsfreiheit als Basis aller Freiheiten, auch der Religionsfreiheit, ist eine evidente philosophische Erkenntnis.  Wird die Meinungsfreiheit als Basis demokratischen Lebens respektiert, dann heißt das nicht, dass die Aussagen aller Feinde der Meinungsfreiheit und damit der Menschenrechte unwidersprochen (und ohne strafrechtliche Verfolgung) hingenommen werden dürfen. Das gilt etwa im Zusammenhang der rechtslastigen Feind der umfassenden Meinungsfreiheit. Maßstab der Kritik bleibt die universale Gültigkeit der Menschenrechte.Und diese Kritik muss öffentlich geäußert werden.

Wir haben in drei Beiträgen im Februar und im April 2015 ausführlicher diese philosophische Evidenz auf dieser website erläutert: Meinungsfreiheit ist die Basis aller anderen Freiheiten.

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Panama Papers und Legionäre Christi

7. April 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien

Die Panama Papiere und die Legionäre Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Religionskritik ist eine philosophische Aufgabe, gemäß den guten Traditionen der Aufklärung. Bisher ist es den Forschungen des Religionsphilosophischen Salons Berlin nicht gelungen zu klären, (Stand 6.4.2016), in welcher Weise auch kirchliche und andere religiöse Institutionen von den Briefkastenfirmen in Panama profitieren. Das ist eigentlich ein Thema für einen investigativen Journalismus, der sich mit Religionen selbstverständlich kritisch und im Abstand befasst…Gibt es diesen umfassend kritischen, kirchenunabhängigen Journalismus en in Deutschland? Carsten Frerk vom Humanistischen Verband Deutschlands hat das viel Wichtiges Erhellendes publiziert.

Man muss sich nur mal die Mühe machen und die Bücher des mexikanischen investigativen Journalisten Raul Olmos lesen (2015 publiziert: „El Imperio financiero de los Legionarios de Cristo“, Grijalbo), um festzustellen: Eigentlich ist das Thema Steueroasen bzw. Panama-Papiere auch ein Thema, das den einflussreichen und äußerst finanzstarken, gleichzeitig theologisch äußerst konservativen katholischen Orden der Legionäre Christi betrifft. Details zu diesem Orden und zu Pater Marcial Maciel, ihrem, gelinde gesagt, „unmoralischen“ (so nannte ihn Papst Benedikt XVI.) Gründer und Freund von Papst Johannes Paul II., kann man in meinen Beiträgen seit 2009 auf dieser website nachlesen.

Im Dezember 2015 wurde ein neuer Beitrag über das Buch von Raul Olmos publiziert, auch zur Tatsache, dass diesem Orden, extra,  von Papst Franziskus der päpstliche Ablass gewährt wurde. Klicken Sie hier.

Jetzt nur so viel, noch einmal, zu den Recherchen von Raúl Olmos, es sind Ergebnisse fünfjähriger Arbeit. Zweifelsfrei, und von den Legionären Christi selbst unwidersprochen hingenommen, ist das Recherche-Ergebnis: Dieser Orden (mit nur ca. 1000 Mitgliedern) verfügt über ein Vermögen von mehreren Milliarden Dollar. „Die Legionäre Christi könnten bei ihrem Finanz-Vermögen den ganzen Hauhalt des Vatikans finanzieren… Der Orden der Legionäre Christi verfügt über mindestens 500 Organisationen und Unternehmen, die viel Vermögen erzeugen“, so Raul Olmos in „Aristegui CNN“ am 27.1.2016. Olmos noch einmal wörtlich: „Diese Unternehmen haben nichts mit einer pastoralen Aufgabe zu tun haben, Unternehmen wie etwa in Panama, die schon von Marcial Maciel gegründet wurden. Es handelt sich dabei auch um Unternehmen imaginärer Art („empresas fantasma“, sagt Olmos), es gibt Unternehmen auf einer Insel, und dies wegen der Steuerflucht oder um Geld zu waschen“ („es para evasion fiscal o lacado de dinero“, so Olmos wörtlich).

In einem weiteren Beitrag, publiziert in Eldiario, Madrid, vom 6.1.2016, wird Raul Olmos genauso deutlich: „Im übrigen arbeitet der Orden mit Steuerparadiesen zusammen, etwa mit Jersey oder Panama bis in die Schweiz. Der Orden der Legionäre Christi hat seine Milliarden investiert in die United Technologies Corporation und Ametec Inc.; in die Alkoholproduktion, wie Diageo und Constellation Brands und Heineken sowie in die Produktion von Antibabypillen, wie Johnson & Johnson sowie Pfizer, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die Frage, die immer noch nicht umfassend beantwortet wurde: Warum wurde der Orden de Legionäre Christi nach den Enthüllungen zahlreichen sexuellen Missbrauchs, nicht nur durch den Ordensgründer, sondern durch etliche andere Legionäre Christi, nicht aufgelöst, wie man es im 17. Jahrhundert schon einmal mit dem Orden der Piaristen, der Priester der frommen Schulen für einige Jahre getan hatte, weil auch dieser Orden des heiligen José de Calasanz von pädophilen Vergehen geprägt war.

Bei den Legionären kommt hinzu: Sie haben aufrund der Geldgier Pater Maciels Millionen durch Erbschaften und Schenkungen erhalten. Wer würde diese Milliarden dann erhalten, wenn der Orden aufgelöst worden wäre? Die verbliebenen Mitglieder? Oder vielleicht der Vatikan? Aber der Vatikan und mit ihm der Papst haben doch selbst ein Milliarden schweres Vermögen, allein schon durch den Immobilienbesitz in der „heiligen Stadt“ Rom… Nebenbei: Trotzdem sollen die Katholiken aber bitte brav für den Vatikan weiter spenden, den so genannten „Peterspfennig“ entrichten. Und auch die Legionäre Christi erlauben es sich noch, um Spenden zu bitten, etwa durch Einlagen in Kirchenzeitungen.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Camilo Torres lebt: Seine Bedeutung 50 Jahre nach seinem Tod.

29. März 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Camilo Torres lebt: 50 Jahre nach seinem Tod

Ein Interview mit Juan Camilo Biermann López. Er ist Wissenschaftler am „Centro de Pensamiento Camilo Torres Restrepo de la Universidad Nacional de Columbia“.

Ein Vorwort von Christian Modehn am 29.3. 2016: Angesichts der schwierigen und immer wieder scheiternden Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla dort ist es wichtig, an einen Priester, Theologen und Soziologen zu erinnern, der in Kolumbien 1966 als Mitglied einer damals noch ganz anderen „Befreiungsbewegung“ von Regierungstruppen erschossen wurde. Camilo Torres Restrepo gilt heute bei denen, die sich um eine objektive Sicht bemühen, als wichtiger Soziologe und als Befreiungstheologe, der mit der Allmacht eines konservativen Systems in Kirche und Staat zu kämpfen hatte. Camilo Torres war ein Intellektueller, der dem Evangelium gemäß die Armen über alles liebte und sich deswegen den Zorn einer reaktionären Kirchenführung zuzog. Dass er sich einst auch in Berlin aufhielt, darauf haben wir – danke der Hinweise von Juan Camilo Biermann Lopez – schon hingewiesen. Wir sind dankbar für das Exklusiv-Interview mit dem jungen kolumbianischen Historiker Juan Camilo Biermann Lopez.

Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin.

Anlässlich des 50. Todestages von Camilo Torres gibt es jetzt ein breites Interesse unter den KolumbianerInnen an seiner Person und seinem Denken? Gibt es möglicherweise eine neue, nicht-polemische Einschätzung seiner Person?

Jede Dekade der Erinnerung an den Tod von Camilo Torres Restrepo (im folgenden wird der Name der Einfachheit halber oft mit den Buchstaben CTR abgekürzt) führt zu einer Zunahme des Interesses an seinem Leben und Werk. (In der Fußnote wird eine Übersicht geboten, mit der man gut einschätzen kann, wie viele Zeitschriften-Beiträge außerhalb und innerhalb Kolumbiens über CTR geschrieben wurden. In dieser Übersicht kann auch man erkennen, dass sich in den Gedenk-Jahren 1976, 1986, 1996 und 2006 die Zahl der Publikationen über ihn ständig vermehrt hat. Diese Daten entnehme ich einem Buch, das kürzlich unter dem Titel „ Bibliografía general sobre Camilo Torres Restrepo“, veröffentlicht wurde, verfasst von Professor Alberto Parra Higuera von der Universität Hamburg). Aber in dieser Geschichte der Erinnerungen ist das Gedenken an den Tod von CTR vor 50 Jahren durchaus größer als zuvor. Der erste, eher oberflächliche Grund für das große Interesse an CTR ist, dass es jetzt nun einmal um die Erinnerung an den Tod vor genau 50 (!) Jahren geht. Jetzt sind die Menschen, die ihn kannten und seiner Generation angehörten, schon gestorben oder eben sehr alt. Diese Tatsache erleichtert es, dass man jetzt Themen behandeln kann, die vorher noch Groll erweckten oder von einigen Bereichen der kolumbianischen Gesellschaft als Störung empfunden wurden. Ein noch wichtigerer Grund für die Erinnerung an CTR jetzt ist die Tatsache, dass die kolumbianische Regierung und die Guerilla der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Columbia) einen Ausweg suchen, indem man über den bewaffneten Konflikt verhandelt. Obwohl die FARC und der ELN (Ejército de Liberación Nacional; zum ELN gehörte CTR am Ende seines Lebens, der Übers.) zwei verschiedene Guerilla-Organisationen sind. So haben diese Friedensdialoge die Frage nach einem möglichen Dialog zwischen der Regierung und dem ELN aufgeworfen. So kommt der Gestalt von CTR von neuem eine Bedeutung zu, da er ja die intellektuell bedeutendste Figur des ELN war. Und sein politisches Projekt, das reflektiert wurde in „Plataforma del Frente Unido del Pueblo“ kann die Basis sein, um die Verhandlung zu beginnen. Einen dritten Grund für das starke Interesse an CTR ist darin zu sehen, dass seine sterblichen Überreste noch immer verschwunden sind. Das aber ist ein Verbrechen der Menschlichkeit und es gibt einen Gerichtsprozess, der international gültig ist. Und der hat die kolumbianische Regierung verpflichtet, nach den sterblichen Überresten von CTR zu suchen, um diese dann den Verwandten zu übergeben. Jedoch haben die Kommunikationsmedien ein wenig diese Tatsche verdreht, sie haben behauptet, dass der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos die Überreste von CTR suchen lässt wie in einer Art freundschaftlichen Geste gegenüber dem ELN.

Jede neue Erinnerung bringt neue Interpretationen und Forschungen über Leben und Werk von CTR mit sich. Es ist sehr schwierig, dass in eine Land, das mehr als 50 Jahre den Krieg erlebt, nun mit Leichtigkeit erkannt wird: Camilo Torres Restropo war mehr als ein Guerillero. Es gibt viele Sektoren, auf der Linken wie auf der Rechten, die das Bild von Camilo Torres als einem Guerilla-Priester aufrechterhalten wollen, obwohl klar ist: Priester sein und Guerillerosein bedeuten heute etwas anderes als vor 50 Jahren, als CTR sich der ELN anschloss. Vonseiten verschiedener Universitäten und religiöser und akademischer Kollektive haben wir versucht, neue Erkenntnisse anzubieten, damit CTR nicht nur als Guerilla-Priester gesehen wird. Vielmehr soll man auch anerkennen, dass er Beiträge geliefert hat etwa zu Themen der Stadt-Soziologie. Wichtig ist seine christliche Solidarität mit den Ärmsten der Armen, seine akademische Arbeit mit dem Ziel, die Gesellschaft zu verändern usw. Trotzdem, das wiederhole ich, haben es diese Erkenntnisse schwer, anerkannt zu werden. Denn die Gesellschaft ist sehr polarisiert. Und wenn man dann anerkennt, dass Camilo Torres mehr ein sozialer und politischer Führer war denn ein Guerillero: Dann kann man seinen Tod nicht mehr als einen Sieg des kolumbianischen Militärs über „die Guerillas“ betrachten. Dann kann man Camilo Torres Tod eher interpretieren als ein Beispiel mehr für die Tatsache, dass sich der kolumbianische Staat der bewaffneten Gewalt zuwandte als einer Antwort auf die Gruppen, die politische Veränderungen herbeiführen wollten zugunsten der marginalisierten Gruppen.

Haben die Führer der Katholischen Kirche in Kolumbien die theologische und hohe menschliche Qualität von Camilo Torres inzwischen anerkannt?

Bevor ich diese Frage direkt beantworte, ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass CTR sein Priesteramt aufgab, weil die hohe Hierarchie zu der Zeit (damals geleitet von Kardinal Luis Concha Cordoba) ihn verpflichtete, zwischen der priesterlichen Tätigkeit und der politischen Aktivität zu wählen. Es ist schon komisch: Eine Figur wie Monsignore Angel Builes Gomez hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versichert: „Liberale zu töten ist keine Sünde“, er hat vonseiten der Kirche konservative gewalttätige Gruppen unterstützt. Und jetzt ist dieser Prälat ein Kandidat für die Kanonisierung, also die Heiligsprechung im Vatikan. Hingegen gilt CTR nach wie vor als eine Art „outsider“ der katholischen Kirche in Kolumbien. Mehr Informationen über Builes und seine Heiligsprechung bietet: http://www.las2orillas.co/el-obispo-mas-violento-de-colombia-puede-terminar-de-santo/ )

Das zeigt, dass die katholische Kirche in Kolumbien verbunden war mit den Gruppen, die an der politischen Macht waren und die nicht interessiert waren, auf ihre Privilegien zu verzichten.

Trotzdem und über diese Tatsachen hinaus, gibt es doch einige Gestalten in der kolumbianischen Kirche von heute, die versuchen, das Vermächtnis von CTR zu befreien, neu zu lesen, und neu zu sehen, indem man ihn als einen engagierten Christen präsentiert, engagiert für die ganz armen Menschen. Das beste Beispiel dafür ist Bischof Jesus Dario Monsalve aus der Stadt Cali. Er hat nicht nur von der Regierung verlangt, dass sie sich um die sterblichen Überreste von CTR kümmert und diese ausliefert, er hat auch zahlreiche Events gestaltet um dessen Andenken zu ehren. Das hat dazu geführt, dass Bischof Monsalve Drohungen erhalten hat und dass er von der Rechten als ein Freund der Guerilla qualifiziert wurde, was in Kolumbien schon etwas sehr Schwerwiegendes bedeutet.

Dann beantworte ich also die Frage: Es fehlt noch ziemlich viel an Einsicht, dass die hohe Hierarchie in Kolumbien die Leistungen und die hohen menschlichen Qualitäten von Camilo Torres anerkennt. Sie tut das deswegen nicht, weil dies bedeuten würde: Dass die Kirche eben auch Fehler und Fehleinschätzungen begangen hat und dass sie nicht verstanden hat, was CTR damals als Thema aufwarf, das noch immer gültg ist, nämlich die Solidarität der Kirche mit den Ärmsten der Armen. Hingegen ist das Bild von CTR anerkannt von den Basisgemeinden, das sind Gruppen von Christen, die ihn verehren und in ihm einen „Martyrer“ sehen.

Ist der Gedanke der Hingabe für das leidende Volk DAS Lebensmotiv von Camilo Torres? Ist sein Eintreten für die ELN ein Akt der Verzweiflung gewesen?

Ich glaube das Lebensmotiv bzw. die zentrale Idee seines Lebens war die „amor eficaz“, also die wirksame Liebe. Und die ist sehr viel umfassender als nur die Sorge um die Menschen, die leiden. Diese wirksame Liebe ist die Basis seiner Haltung als Christ, als Akademiker, als Priester, als politischer Führer und … endlich auch als Mensch! Das ist sehr wichtig, da nur dieses Verständnis es erlaubt, in CTR nicht einen Marxisten zu sehen. Sondern er hat begriffen, dass der Marxismus helfen kann, die christliche Liebe eben als eine wirksame Liebe zu gestalten, und zwar dank einer wissenschaftlichen Methode, die das Verständnis und die Umformung der Gesellschaft garantiert zugunsten der breiten Mehrheit.

Wenn man von der wirksamen Liebe ausgeht, dann bietet CTR drei große Aufrufe bzw. Appelle.

Es ist der Aufruf zur Einheit der Volksklasse (clase popular), also der armen Bevölkerung. Es ist der Aufruf zur Solidarität mit dieser Klasse. Und der Aufruf, diese Klasse zu organisieren. Wenn CTR von dieser clase popular sprach, bezog er sich auf die Armen auf dem Land und in den Städten. Es handelt sich um einen sehr weiten Begriff, er ist ein bisschen zwiespältig, denn CTR benutzte zu seiner Zeit diesen Begriff, um von der großen Mehrheit der Leute damals verstanden zu werden. Und dann wollte er damit auch den Unterschied zwischen der Volksklasse und der herrschenden Klasse etablieren, diese herrschende Klasse wurde auch die Oligarchie genannt.

Diese drei Aspekte und Aufrufe fassen sehr gut zusammen, was seine politische Arbeit in den letzten 2 oder 3 Jahren seines Lebens betrifft. Im übrigen suchte er mit diesen drei Appellen alle Parteien, die nicht so mächtig waren und alle Menschen innerhalb der herrschenden Macht-Parteien (also der liberalen und der konservativen Partei) zu vereinen. Er wollte diese Menschen vereinigen ringsum eine „Frente Unido del Pueblo“, eine vereinte Front des Volkes. Aus verschiedenen Gründen fand diese Koalition von Parteien keinen großen Erfolg, vor allem deswegen, weil die Idee verteidigt wurde, nicht an den Wahlen teilzunehmen (man nennt das Absentismus). Und das in einem Moment, als die Präsidentschaftswahlen näher rückten und es Parteien gab (wie die Kommunisten oder die Christlichen Demokarten), die sehr interessiert waren, an diesen Wahlen teilzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Camilo Torres Entscheidung dem ELN beizutreten aus Verzweiflung geschah. Ich glaube, es war eine Entscheidung, die er unter großem Druck getan hat, da es ja bekannt ist, dass er im Jahr 1965 zahlreiche Todes-Drohungen erhalten hat. Es ist wichtig, um besser seine Entscheidung zu verstehen, im ELN mitzumachen: Zu dieser Zeit damals war die sozialistische Revolution als nahe bevorstehend erwartet worden. Der Triumph der Revolution in Cuba überzeugte viele, dass sie glaubten: Der bewaffnete Weg sei tauglich, um an die Macht zu kommen, besonders in Ländern wie Kolumbien, wo die Oligarchie überhaupt nicht bereit war, irgendetwas von der eigenen Macht anderen Gruppen der Gesellschaft zu überlassen.

Woran man sich immer erinnern muss ist: Die Idee der Guerilla in den 1960 Jahren ist sehr verschieden von der aktuellen Guerilla!! In der Dekade der 1960 Jahre hatte die Guerilla überhaupt keine Verbindung mit dem Drogenhandel. Zudem, auch wenn der sowjetische sozialistische Block existierte, gab es keine ideologische Rechtfertigung, um die bewaffnete Revolution zu verteidigen. Aber alle diese Zusammenhänge haben sich geändert. Das Problem heute ist: Viele Forscher und vor allem viele Massenmedien präsentieren die Guerilla der 1960 Jahre so, als wäre sie identisch mit der Guerilla von heute. So wird die Gestalt von Camilo Torres falsch verstanden und stigmatisiert!

Ist der ELN, der sich Camilo Torres angeschlossen hatte, überhaupt vergleichbar mit heutigen „Guerilla-Bewegungen“ in Kolumbien?

Es sind wenige Dinge, die noch heute mit dem ELN zur Zeit von CTR gemeinsam sind. Ich glaube, ein Element, das sich durchgehalten hat, ist die Verachtung für den Geistige (la intelectual). Die Guerilla des ELN ist eine solche, die vor allem von Campesinos geformt ist, die ohne große ideologische Bildung sind. Sie entscheiden sich, beim ELN mitzumachen, nicht nur, um „die Revolution zu machen“, sondern um etwas zum Leben zu haben. Ich beziehe mich nicht darauf, dass der ELN ein irreguläres Söldner Heer ist. Ich beziehe mich auf eine ideologische Schwäche, sie hält sich im ELN. Wenn der ELN noch Personen anzieht, dann wegen der Möglichkeit, sich vor den Misständen der Regierung zu verteidigen und um die Territorien zu kontrollieren, zu denen das Militär der Regierung nicht viel Zugang hat.

Kann die Beschäftigung mit der „ganzen“ Person von Camilo Torres ein Beitrag sein, dass Kolumbien zum inneren Frieden und zur Gerechtigkeit findet?

Es wäre geradezu ideal , wenn die Gestalt des Camilo Torres mehr Berücksichtigung fände in der aktuellen politischen Debatte in Kolumbien. Trotzdem: Es ist schwierig. Denn die großen Massenmedien und die katholische Kirche Kolumbiens stellen ihn nicht so dar, dass er mehr ist als einn „Guerilla-Pfarrer“. Man darf auch nicht vergessen, dass CTR in einer reichen kolumbianischen Familie geboren wurde und dass er in seinem Leben nicht nur ein großes Interesse und eine Sorge für die Armen hatte, sondern dass er auch die die Oligarchie attackiert hat. Deswegen wird er von vielen wie ein Verräter betrachtet.

Ich glaube, dass Camilo Torres eine Persönlichkeit ist aus der Generation der 1960 Jahre. Diese Generation suchte die Veränderung Kolumbiens. Es gibt mehrere andere auch, die wie CTR dachten. In diesem Sinne glaube ich, dass man damit beginnen muss, sich nicht nur auf Camilo Torres zu konzentrieren. Man sollte ihn hingegen als Mitglied einer Generation sehen (einer Generation, die für viele als gescheitere Generation gilt)… Diese Generation suchte die Veränderung, die Gerechtigkeit, die Gleichheit. Und noch heute sind seine Ideen gültig, weil er zeigte: Der Konflikt in Kolumbien wird von strukturellen Ursachen bestimmt, und diese Ursachen verpflichten uns auch …zu strukturellen Veränderungen.

Copyright: Juan Camilo Biermann López und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siehe auch das Dokument: Publicaciones sobre CTR 1957-2015.doc

 



Unduldsam gegenüber Ungleichheiten. Ein Salon über Privateigentum und Gemeinwohl

27. Februar 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Unduldsam gegenüber Ungleichheiten: Von der Beziehung „Privateigentum – Gemeinwohl“

Ein Salonabend am 26. 2. 2016

Einige Hinweise für ein Gespräch von Christian Modehn. Über den Zusammenhang von individualistischem Klammern an den Besitz und der Spiritualität lesen sie einen Hinweis am Ende dieses Beitrags.

1. Zur aktuellen Situation

Das Thema steht in aktuellem Zusammenhang: Nach Oxfam- Recherchen (2015) besitzen die 62 reichsten Menschen der Erde genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, also 3,6 Milliarden Menschen.

Es ist klar, dass diese Menschen zusammen mit den ca. 17 Millionen Millionären weltweit heute Ökonomie und Politik bestimmen. Einem Milliardär (Herrn Trump) in den USA gelingt es aus dem Stand, auch mit dem Einsatz eigener Millionen Dollar, sich als Präsidentschaftskandidat zu präsentieren. „Dieses Land, die USA, darf nicht einer Handvoll Milliardären gehören“, sagt Bernie Sanders von Demokraten. Die Reichen werden auch dort immer reicher, „es findet eine schleichende Aushöhlung der amerikanischen Mittelklasse statt, sie verarmt“: „1971 gehörten zur Mittelklasse 61 % der amerikanischen Bevölkerung,  2015 nur noch 50 %. So „Der Tagesspiegel“, 28. 2. 2016, Seite 22.

Eine umfassende Reichtums-Forschung, etwa in der Soziologie, gibt es bis heute auch in Deutschland nicht; anders als die umfassenden Studien zur Armut und zum weltweiten Elend. Woran liegt das wohl?

Das übliche Sprichwort gilt eben nicht: „Geld regiert die Welt“. Es muss heißen: „Es regieren die wenigen Menschen, die das Geld haben, über die Mehrheit.“.
Zu Deutschland: Die Kernaussage des so genannten Armuts- und Reichtumsberichts des Bundesarbeitsministeriums heißt: Die privaten Vermögen in Deutschland werden immer größer. In den letzten Jahren sind sie um 1,4 Billionen Euro gestiegen. Die obersten zehn Prozent der Bevölkerung verfügen über mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens. Die Differenz zwischen Armen und Reichen wird auch in Deutschland immer größer.

2.Zum Begriff Gemeinwohl

In der Philosophie, seit Platon, wird darüber gestritten, wie ein gerechtes Verhältnis zwischen dem einzelnen, dem besitzenden Menschen als Bürger eines Staates, und dem Staat als dem Zusammenleben der verschiedenen Menschen zu bestimmen ist. Als höchster Zweck des Staates wurde das Gemeinwohl definiert. Das allen gemeinsame Wohl wurde dann der Philosophie des Thomas von Aquin folgend zum Mittelpunkt der katholischen Soziallehre. Das geht soweit, dass der offizielle katholische Katechismus (aus dem Vatikan 1993) in § 1903 betont: „Die staatliche Autorität wird nur dann rechtmäßig ausgeübt, wenn sie das Gemeinwohl der betreffenden Gemeinschaft anstrebt…Wenn ungerechte Gesetze gegenüber dem Gemeinwohl erlassen werden, „können solche Anordnungen das Gewissen nicht verpflichten“. Thomas von Aquin nennt solche ungerechten Gesetze „eine Gewalttat“.

Ein anderes Beispiel: Jean Jacques Rousseau sprach von der volonté générale, dem Gemeinwillen. Darunter verstand er einen gemeinsamen kollektiven Willensausdruck aller Bürger, der verschieden ist von der Verfolgung individueller Ziele des einzelnen. Es dachte an eine Einheit des gebündelten humanen Interesses aller Bürger. Dieser Gemeinwille könnte den gerechten Staat schaffen (Gemeinwohl). Das war ein Projekt, das die Französische Revolution inspirierte.

Heute wird unter dem Begriff Gemeinwohl auch die Zielvorstellung einer Politik verstanden, in der nicht die Durchsetzung individueller Machtinteressen im Vordergrund steht.. Im Artikel 14 des Grundgesetzes wird recht allgemein formuliert: (Absatz 2)“ Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen“. Und dann wird sogar an mögliche Enteignungen gedacht: Da heißt es in Absatz 3: „Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt…“

Das Gemeinwohl wird sich heute immer im Diskurs der gesellschaftlichen Gruppen, bei Gleichberechtigung aller Gruppen, ermitteln lassen, wobei es durchaus auch a priori, sozusagen vom „Wesen“ des Menschen her gedacht, Kennzeichen des Gemeinwohls gibt, die sich etwa in den Menschenrechten ausdrücken.

3.Warum ist das Thema von philosophischer Bedeutung heute?

Es handelt sich um eine Frage der philosophischen Anthropologie (wer ist der Mensch, ist er wesentlich ein besitzender?), um eine Frage der Ethik (Wie viel sollte der einzelne sein Eigen nennen in einer Welt, die das Gemeinwohl respektiert ?) und auch ein religionsphilosophisches Thema (Wird Privat-Eigentum mit göttlichen, absoluten Qualitäten ausgestattet?)

Einige Hinwiese zum Zusammenhang von Ethik und Privatbesitz-Gemeinwohl:

Das Thema gewinnt Deutlichkeit, wenn man fragt, welche Gültigkeit die Gleichheit aller Menschen heute hat. Es geht um die Geltung von humanen Maßstäben, es geht um die Wiedergewinnung von Gesetzen, die gerecht sind und um die Moralität, die einen jeden vernünftigen Menschen leiten sollte, sofern er sich als Mensch unter Menschen versteht. Es geht also um die Wiedergewinnung der Selbstachtung, auch unserer eigenen, und um das Gespür für menschliches Miteinander und Verantwortung.

Die schwere Frage: Was ist Gleichheit? Es geht hier nicht um die Gleichheit der formalen Logik, sondern um die qualitative Gleichheit im sozialen Zusammenhang, um eine Gleichheit, die immer in einer bestimmten Hinsicht besteht:
Alle Menschen sind gleich, in der nicht zu bezweifelnden Hinsicht, dass alle Menschen, aber wirklich alle, eine absolut zu schützende Würde haben.

Das ist eine relativ neue Erkenntnis, man denke an die Selbstverständlichkeit, mit der früher Sklaverei für normal gehalten wurde.

Aber die menschliche Würde als das alle Menschen Verbindende ist kulturell immer inhaltlich geprägt, deswegen auch verschieden gestaltet. Aber es ist immer von der gemeinsamen Würde der Menschen die Rede. Ein Mensch ist kein Tier. Sondern der Mensch ist Vernunftwesen mit je konkreter Ausprägung. Das heißt: Alle Personen sind als Gleiche zu behandeln; aber nicht alle Personen sind genau gleich zu behandeln, wenn wir etwa von einem demokratischen Zusammenleben ausgehen: In einem Fall von Katastrophe, etwa Erdbeben, gilt die erste Fürsorge den Verletzten, nicht denen, die in gut erhaltenen Häusern leben können. Hungernde müssen zuerst versorgt werden, erst dann kommt die Sorge für die, die in der Katastrophe wohlhabend und gut ernährt geblieben sind. Zuerst sollten die Menschen in Not unterstützt werden, eine Einsicht, die im praktischen Verhalten spontan gelebt wird.

Welcher Umgang mit den Milliardären ist in einem Staat grundsätzlich richtig, also mit Milliardären, die vom Sozialstaat nichts erwarten, von ihm nichts brauchen, außer polizeilichen Schutz und gut erhaltene Straßen.

Die Antwort auf diese Frage von der Seite der Reichen ist klar: Wir spenden, geben Almosen, gründen Stiftungen, aber verteilen als die großen (oft religiösen) Gönner unsere Gelder nach eigenem Gusto. Deswegen geben wir als Multimillionäre unsere Spenden lieber zugunsten der Renovierung alter repräsentativer Gebäude, sagen wir Barock-Schlösser. Dabei sparen wir noch mal Steuern. Nicht alle Stiftungen der Superreichen sind a priori sozial und Gemeinwohl fördernd, eine banale Erkenntnis. Und die Sozialgesetze in den USA sind bis jetzt so angelegt, dass förmlich vom Staat selbst mit den Spenden der Millionäre gerechnet wird für die so genannte Sozialpolitik siehe etwa die Suppenküchen der Hungernden in den USA, gesponsert von Millionären. Ganz nett, aber Sozialpolitik eines Staates könnte anders aussehen!

Und zweitens wünschen sich dann die Reichen und Superreichen am dringendsten: Möglichst wenig Steuern, vor allem möglichst wenig Erbschaftssteuer. Und, man weiß es längst, dieser Wunsch wird den (Super) Reichen von den demokratisch gewählten Regierungen gern gewährt. Wenn man als Millionär nicht Steuerflucht begeht oder den Firmensitz nach Panama verlagert, bleibt ja immer noch der Weg nach Russland frei: Nur ein Beispiel: Typisch ist, dass der sicher nicht ganz arme Schauspieler, Koch und Weinbergsbesitzer Gérard Depardieu sich 2013 einen russischen Pass von Putin geben ließ, damit er, nun russischer Bürger, die hohen Steuern in Frankreich umgehen kann. In Russland gilt der für Millionäre geradezu traumhafte Steuersatz von 13 Prozent.

Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner 2018, M. Trump, der Multimillionär, will den Spitzensteuersatz für alle auf nur 25 % setzen.

4.Die (Super) Reichen betreiben Separatismus

Die Superreichen wollen sich möglich ihrer eigenen Verantwortung für ihren Staat und fürs Gemeinwohl entziehen, indem sie Steuern verteufeln. Typisch ist die Äußerung des Philosophen Peter Sloterdijk in seinem Manifest vom 10. Juni 2009: „Der Staat ist für mich nur ein (Steuern) nehmendes Ungeheuer und die Institution der Einkommenssteuer nichts anderes als ein funktionales Äquivalent zur sozialistischen Enteignung, im Wohlfahrtsstaat leben die Unproduktiven aufkosten der Produktiven“. Herr Sloterdijk fühlt sich als Elite, der es, als den wertvollen Menschen, besser zu gehen hat: Das zeigt auch sein Interview in der Kulturzeitschrift CICERO im Februar 2016. Dort nennt er die Flüchtlinge als die viel zu vielen Leute, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“ (S. 22). Und er seufzt mit dem Schriftsteller Stefan George über die Fremden: “Schon eure Zahl ist ein Frevel“. Auf den engen Zusammenhang von Finanz-„Elite“ (Elite in Anführungszeichen!) und der sich fast „rassisch“ abgrenzenden Herren-Menschen-Rasse“ ist evident: Da wird die Ideologie verbreitet: Reiche haben Talent und Fleiß, so die uralte These der Vermögenden, Arme eben nicht, sie sind faul und selbst schuld an ihrem Elend. Das ist gängige Ideologie der Superreichen seit Jahrhunderten…

Wir beobachten also heute bei den Super-Reichen, aber nicht nur dort, eine völlige Verachtung dessen, was man Gemeinwohl, oder den Sozialstaat usw. nennt. Was sagt ein höchst erfolgreicher Schriftsteller über seine Bindung und Verantwortung für sein eigenes Land, es sagt Michel Houellebecq 2010: „Ich bin kein Bürger, und habe keine Lust, einer zu werden. Man hat keine Pflichten gegenüber seinem Land, so etwas gibt es nicht. Wir sind weder Bürger noch Untertanen, sondern Individuen. Frankreich ist ein Hotel, mehr nicht“ (in Rosavallon, Die Gesellschaft der Gleichen, S.329).

Der französische Philosoph und Historiker Pierre Rosanvallon (Paris) nennt in seinem grundlegenden Buch „Die Gesellschaft der Gleichen“ Hamburger Edition 2013, diese Ignoranz allgemeiner Werte einen „umfassenden sozialen Separatismus“ (S.331). Und das ist für ihn mehr als nur ein neuer aggressiver Individualismus. Wer sich separiert aus seiner Gesellschaft, aus seinem Staat um des Privateigentums willen ausziehen will, der möchte eigentlich in einem anderen Land leben, auf einem imaginären Planeten der Reichen, aber bitte ohne Steuern. Zur Not begnügen sich die Ultra-Reichen eben mit „gated communities“, mit abgeriegelten Bezirken innerhalb einer Stadt. Also mit Luxus Oasen, die nur wenigen Erwählten Zutritt gewähren.

In jedem Fall wollen diese Privateigentums-Fanatiker und also Separatisten sich aus der Verantwortung für ihr eigenes Land (man denke auch an die Steueroasen usw.) förmlich wegstehlen. Sie halten sich, wie einst und heute der Adel, für die Privilegierten. Die Besonderen. Die wichtigeren, wertvolleren Menschen. Das ist, nebenbei, eine Form des Rassismus.

Der reiche Bürger eines Landes versteht sich nur noch als Besitzbürger, nicht mehr als politischer Bürger, der auch für die Allgemeinheit, für die anderen, Verantwortung übernimmt.

5.Kritik der gelebten Unmoral

Wir erleben also den totalen Verlust an Verantwortung für andere, das Fehlen von Empathie. Dahinter steht die Haltung: Uns soll es bestens gehen, nach uns die Sintflut. Und diese Kreise werden durch die Parlamente der westlichen Demokratien bestens bedient. Warum? Weil offenbar in diesen Parlamenten die Freunde dieser Privatbesitz-Fanatiker herrschen. Das meiste an demokratischer Kulisse ist schöner Schein. Einer der führenden kritischen Manager, Tobias Busch, schreibt am 24.2.2016 in der webite „Migazin“: „Selten in den letzten Jahrzehnten sind politische Entscheidungen so unverblümt egoistisch und unsolidarisch getroffen worden wie in diesen Tagen und Wochen. In Europa wird nicht einmal mehr die Fassade der Scheinheiligkeit gewahrt, wenn es um das Flüchtlingsthema geht. Dass jeder konsequent seine Interessen verfolgt und brutale Selbstoptimierung betreibt, ist in der Politik wohl völlig normal. Aber die Gnadenlosigkeit im Auftritt ist neu…“

Der Philosoph Norbert Copray, Herausgeber der Zeitschrift PUBLIK FORUM, schreibt in seinem Buch (2015): „An Widersprüchen wachsen“, S. 19: “Das System, wie Geld gehandhabt und wofür es eingesetzt wird, haben sich diejenigen geschaffen, die damit die Welt regieren. Mehr denn je. Und diejenigen, die das System meisterlich beherrschen, beherrschen auch die Welt zu ihrem eigenen Vorteil. Alle anderen sind ihnen egal. Das bekommen die Menschen in Afrika usw. schon viel länger zu spüren als die Menschen in der westlichen Industrie- und Finanzwelt“ (S. 19).

Wir erleben heute das Sich – Absolutsetzen des Privateigentums global. Das extreme Vermehren des Privateigentums – wie ein selbstverständlicher Selbstzweck betrieben wie aus Sucht und Gewohnheit bei den Reichen – führt zu einer Vernachlässigung dessen, was man früher Gemeinwohl nannte oder auch Verantwortung für eine staatliche Ordnung oder die Verantwortung für das, was auf dieser Welt allen Menschen gemeinsam ist, nämlich das Recht, menschenwürdig zu leben. Das ist etwa angesichts des Hungers von vielen Millionen Menschen dringendste Aufgabe, die auch finanziert werden kann, das Geld ist ja prinzipiell da. Ich empfehle das Buch des argentinischen Forschers und Journalisten Martin Caparrós „Der Hunger“, Suhrkamp Verlag, 2015.

Wichtig ist die Erkenntnis, die sich wenigstens herumsprechen sollte, auch wenn sich wohl kaum ein Millionär davon betroffen fühlt: Es gibt so etwas wie eine soziale Schuld. Das heißt: Jeder einzelne lebt von der akkumulierten Arbeit anderer. Wer zur Welt kommt, kommt in eine Welt, die ihm bereits vieles schenkt, vieles bietet, von der er lebt, ohne auch vorher etwas gearbeitet zu haben. Wir profitieren von einander, die einen etwas oder gar nicht; einige wenige hingegen sehr.

Wer große Vermögen ansammelt, bezieht sich auf die Arbeitsleistungen anderer, die schlecht bezahlt wurden. Wer viel verdient, genießt nicht das, was er sich allein erarbeitet hat.

Léon Bourgeois, ein Jurist und Gründerväter des Völkerbundes mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet, 1851 bis 1925, sagt: „Der Mensch begeht einen Betrug, einen Diebstahl, wenn er für sich behält, was er nur durch die Arbeit und Mühe früherer Generationen hat erwerben können“ (S. 227).

Es gilt heute ein klares philosophisches Verständnis für eine Ethik des Eigentums wiederzugewinnen: Der Kategorische Imperativ Kants ist heute auch in dieser Frage ein bleibender universeller Maßstab, um die Moralität, also die Qualität der Menschwürde, in allen subjektiven Lebenshaltungen (Maximen) zu beurteilen. Gilt der Grundsatz einiger Leute, Millionäre usw., dass sie selbst unter allen Bedingungen immer reicher werden wollen, so kann diese Maxime vor einer menschlichen Moral, also der Menschenwürde, nicht bestehen. Wer an dieser Maxime festhält, verabschiedet sich, philosophisch gesehen, aus der gemeinsamen Menschenwelt (die gated communities sind dafür architektonischer Ausdruck). Fazit: Wir leben heute weithin in einem unmoralischen, d.h. im Sinne Kants, unvernünftigen und menschenunwürdigen Zustand.

Die grundlegende Frage wird nicht mehr gestellt, geschweige denn beantwortet: Warum ist es gut, gut zu sein? Also etwa dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen oder konkreter: den Menschenrechten zu entsprechen als Form der Moralität. Die Antwort ist einfach: Es ist gut, gut zu sein, um die moralische Selbstachtung zu finden und zu bewahren. Nur wer noch Interesse hat, die grundlegende Selbstachtung zu bewahren, wird die Spaltung von Privateigentum und Gemeinwohl unerträglich finden.

Der Philosoph Helmut Rittstieg schreibt in der „Enzyklopädie Philosophie“, Hamburg 2010, Band I, S. 454:
„Es gibt keine pauschale Rechtfertigung für die eigentumsrechtlichen Strukturen der gegenwärtigen Marktgesellschaften. Eben sowenig ist der jeweilige konkrete Bestand an erworbenen Eigentumsrechten sakrosankt. Es gibt wohl erworbene und schlecht erworbene Eigentumsrechte, und auch die wohl erworbenen Eigentumsrechte müssen dem politischen Zugriff offen stehen, wenn sie der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung schädlich sind, wie der Übergang der Feudalgesellschaft zur bürgerlichen

6.Die Passivität der Geschädigten und der „ungleich“ Gemachten

Der Philosoph Pierre Rosanvallon kommt zum dem Gesamteindruck: „Es sieht ganz so aus, als gäbe es heute eine Art stillschweigender Toleranz gegenüber diesen Ungleichheiten (der Privateigentümer)“ (S 14). Es gibt etwa in Frankreich Umfragen mit widersprüchlichen Aussagen: 90 % meinen, die Kluft der Einkommen müsste verringert werden; gleichzeitig sagen sie zu 57 %, dass Einkommensungleichheiten unvermeidlich seien, um wirtschaftliche Dynamik zu gewährleisten“ (S. 14).

Es gibt da und dort den Willen zur Veränderung, man denke an die Versuche der Podemos-Partei, an ATTAC usw. Aber die Mentalitäten sind durch die Allmacht des Geldes so verdorben, dass die Zuversicht, Veränderungen zum Gerechten hin zu bewirken, doch fast geschwunden sind. Insofern leben wir in einer menschlich sehr traurigen Situation. Der Einsatz für die COMMONS ist sicher ein Lichtblick…

Wahrscheinlich kann das Eintreten für eine gerechte Steuerpolitik noch hilfreich sein für eine gerechte Gesellschaft:

Hier nur ein kleiner historischer Hinweis zur Einkommenssteuer: Von Bismarck wurde sie 1891 eingeführt. Die Steuerprogression erstreckte sich damals in Deutschland von 0,5 % bis 4%.

Schon 1924 war der Spitzensteuersatz in Frankreich 60%! Und er wurde selbstverständlich akzeptiert! Es wurde einst die Steuerpolitik verwendet als Instrument zur Überwindung von Ungleichheiten. Der Labour Abgeordnete Snowden (GB) sagte: „Die wenigen können nicht reich sein, ohne die große Masse ärmer zu machen“. (S. 202). Darum forderte er eine andere Steuerpolitik.

Vielen Regierungen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts zweifelsfrei klar, dass sie Reformen einleiten müssen, auch in der Verteilung des Reichtums, um Revolutionen zu verhindern (S. 206). Dieser Gedanke fehlt heute völlig in der Öffentlichkeit. Viele ahnen ihn wohl, aber keine demokratische Regierung handelt danach. Revolutionen, so wusste man damals, sollten durch zeitgemäße Reformen verhindert werden (S. 208).

Das heißt: Die Begrenzung des Privateigentums muss durch bessere Gesetze durchgesetzt werden. Sicher auch mit Begrenzungen des Kapitaleigentums. Aber es ist wohl schon zu spät, denn die Reichen haben nicht nur die Ökonomie in der Hand, sondern auch die Politiker. Wir reden von Obergrenzen für Flüchtlinge, besser wäre es, von Obergrenzen von Millionärs- und Milliardärseigentümern zu sprechen und diese Obergrenzen rechtlich durchzusetzen und darüber zu diskutieren.

Meine zusammenfassende These heißt: Noch nie wurde so viel von Ungleichheit geredet, und so wenig von den Geschädigten getan, diese Ungleichheit zu korrigieren. Die Ungleichheit wird heute wie ein Gott verehrt, sagt Pierre Rosavallon. „Alles wissen und alles sagen, ohne dass sich das Geringste verändert“, das ist die Formel heutiger Zeitgenossenschaft.

Ein wichtiger Hinweis ist dem Buch „Esprit de la Révolution“ entnommen, darin schreibt im Jahr 1815 der gemäßigte Politiker Pierre Louis Roederer: “Der erste Beweggrund der Revolution von 1789 war die Unduldsamkeit gegenüber den Ungleichheiten“. (S. 12 in Rosavallon) .

Eine Ergänzung am 1.3.2016 über Besitz und Spiritualität (Frömmigkeit):

Das Denken in Besitz-Kategorien hat sich auch im religiösen Verhalten durchgesetzt. Die bürgerliche Frömmigkeit vor allem folgte, etwa im katholischen Raum, den weit verbreiteten theologischen Propaganda-Sprüchen: „Rette deine Seele“, so immer noch zu lesen auf Kreuzen, die an so genannte „Volksmissionen“, also Predigtreihen intensiver Art, erinnern. Natürlich soll man als religiöser Mensch sich um seine eigene Seele, also um den „Kern“ der eigenen Würde als Person, „kümmern“. Aber niemals in der Fixiertheit auf das eigene und nur eigene Wohl und die eigene Rettung, noch dazu auf Kosten anderer. Wahrscheinlich ist die Kontemplationslehre auch im Mittelalter schon stark ego-fixiert, auf das Sichern de eigenen Heils. Nebenbei: Dass später (ab 1970) die Befreiungstheologie verteufelt wurde von konservativen Kreisen hat sicher damit zu tun: Die Befreiungstheologie deutete, biblisch sehr treffend, Erlösung als gemeinsame soziale Befreiung.

Der Philosoph (und „Mystiker“), der Dominikaner Meister Eckart (1260-1328) wollte in seinen Schriften und Predigten aus dieser Ich-Fixierung herausführen. Für ihn zählt allein die offene Existenz, die sich befreit von der Besitzstruktur, sogar von dem Verklammertsein an einen Gott, den man meint zu „haben“: Also „Gott um Gottes willen lassen“, ist das Motto Eckarts.

Meister Eckart steht in starken Kontrast zu dem viel gelesenen und sicher auch schneller zu verstehenden Erbauungsbuch „Die Nachfoge Chrsti“ des Thomas von Kempen. „Er befürchtet vom sozialen Bereich die Behinderung persönlicher Vervollkommung. Weltflucht ist für Thomas von Kempen oft Menschenflucht“, schreibt der Eckart-Spezialist Dietmar Mieth, in „Christus – das Soziale im Menschen“, Mainz 1972, S. 51, Mieth bezieht sich dabei auf das 20. Kapitel der „Nachfolge Christi“.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn

 

 



Camilo Torres: 50 Jahre tot und lebendig

12. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Camilo Torres: 50 Jahre tot und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Der Beitrag wurde am 1. März 2016 ergänzt mit einem Hinweis zu dem bislang nicht beachteten Thema: „Camilo Torres in Berlin„, mitgeteilt von dem columbianischen Historiker Juan Biermann Lopez. Den interessanten Beitrag finden Sie weiter unten.

Am 15. Februar 1966, vor 50 Jahren, wurde ein Priester als Guerillero im kolumbianischen Urwald erschossen, in „Patio Cemento“ im Nordosten des Landes. Er hatte sich als Theologe und Soziologe, der Befreiungsbewegung ELN erst ein paar Tage zuvor angeschlossen. Camilo Torres ist sein Name, er ist einer der ersten lateinamerikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der das bestehende Elend der Massen als – von den Herrschenden- gewolltes und gemachtes Elend begriffen hatte und anklagte. Viele Menschen in Europa aber haben von ihm nur „irgendwie“ „etwas Schlimmes“ gehört, zumeist durch die abwertenden Urteile, wenn nicht Verteufelungen seiner Person durch katholischen Erzbischöfe, Kardinäle und Rom-ergebene Theologen im Rahmen des „Anti-Kommunismus“… als Ergebenheit gegenüber dem Imperiuim, den USA. Diese Kirchenführer sahen in Camilo Torres vor allem einen Gewalttäter, einen Revoluzzer, einen üblen Burschen, der zu den Waffen griff usw. usw. Dabei wurde und wird verschwiegen, dass Camilo Torres als einer der ersten Theologen in Lateinamerika, und noch dazu in dem ultra-konservativen Katholizismus in Kolumbien damals, die Verpflichtung der Christen deutlich formulierte: Es gilt nicht zuerst, fromme Seelen zu bilden und treue und gehorsame Kirchenschäfchen zu formen, sondern mündige Bürger, die im Geist des armen Jesus von Nazareth die Sache der Armen praktisch vertreten, und deswegen fordern: Nicht mehr caritative Hilfe, sondern bessere und gerechterer politische und soziale Strukturen in einem Staat, der den Namen Demokratie verdient. In Kolumbien damals wechselten sich Konservative und Liberale in der Regierung ab, eine dritte Möglichkeit war ausgeschlossen. Wenn es gerecht zuginge, müßte Camilo Torres, der hochbegabte Theologe und Soziologe, ein Prophet genannt werden. Gerecht geht es aber nicht zu…

Inzwischen wissen jedoch viele Menschen in Kolumbien und Lateinamerika sehr viel besser, wer Camilo Torres war: Er war Theologe und Soziologe; er war einer der ersten, der Erlösung, dieses spiritualistisch verwendete Wort, als reale Befreiung, als soziale Befreiung, als Gültigkeit der universalen Menschenrechte, verstand und selbst lebte. Er wollte zum Schluss erst dann die Messe wieder feiern, wenn die Gerechtigkeit wenigstens elementar gilt und real ist in Staat und Gesellschaft. Vorher muss eben aufgeklärt, diskutiert und informiert werden… Wohl aus Verzweiflung griff dann Camilo Torres zu den Waffen und wurde, kaum kämpfend, erschossen. Eine Tragik, die bisher keine Erklärung gefunden hat.

Camilo Torres wurde am 3. Februar 1929 in Bogotá geboren, die biografischen Daten lassen sich leicht finden. Erste Übersichten bietet wikipedia. Wichtig ist die Erkenntnis, dass die „Radikalisierung“ des Studentenpfarrers Camilo Torres (zum Priester geweiht 1954) vor allem durch die „Blockadehaltung der kolumbianischen Bischöfe“ verursacht wurde, davon spricht Hubert Frank in seiner Kolumbien-Studie in „Kirche und Katholizismus seit 1945, Band 6, Seite 312, 2009 Paderborn). Das heißt: Es waren die Kirchenfürsten selbst, in ihrem blockierten Denken, die einen klugen Theologen wie Camilo Torres zur politischen Radikalität führten! 1965 verzichtete er auf den offiziellen priesterlichen Dienst, hatte aber immer das Bewußtsein, weiterhin „priesterlich“ (d.h. für die anderen lebend) zu wirken. In Kolumbien galt für engagierte Leute nur die abstrakte Gegenüberstellung, entweder die Mitwirkung in der Kirche (und dem Staat) in der gegebenen korrupten Form oder eben in der Guerilla. Von dem damaligen Kardinal von Bogotá, Luis Concha, wird berichtet, dass er die völlig abwegige und falsche Lehre vertrat, das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) verpflichte nur zu liturgischen, nicht aber sozialen Reformen im Land. (siehe Hubert Frank, ebd.). Solche Bischöfe haben den Status quo der himmelschreienden Ungerechtigkeit nur verlängert. Sie waren Ideologen, und was Kardinal Conchas Meinung zum Konzil betrifft, eben Irrlehrer, Irrlehrer im Bischofsamt.

Interessant ist, dass sich Camilo Torres schon als Kind in BERLIN aufhielt, sein Vater war Kolumbianischer Konsul; ein zweites Mal war er im Jahr 1959 für einige Wochen in BERLIN. Von diesem Berlin-Aufenthalt hier ist meines Wissens fast nichts Näheres bekannt. Jedenfalls kehrte er danach wieder nach Bogotá zurück. Es wäre eigentlich für eine Religions – und Theologie-Geschichte Berlins doch hoch bedeutend, darüber mehr zu wissen. Berlin, ein bißchen auch die Camilo Torres Stadt, warum denn nicht? Wäre ein Thema für eine sich katholisch, also „allumfassend“ nennende Akademie hier… Oder für den neuen Titel einer Kirche, vielleicht anstelle des kriegerischen Kaisers Wilhelm? Und seiner „Gedächtniskirche“ (An welche vorbildliche Haltung soll man bei diesem Kaiser eigentlich spirituell denken?, … aber das ist ein anderes Thema). „Camilo Torres Gedächtniskirche“: Warum sollte es solche Kirchen nicht geben? Vielleicht in Berlin, wo es mindestens schon 10 mal Luther- oder 5 mal Herz-Jesu-Kirchen usw. gibt…

Inzwischen, dank Papst Franziskus wieder mal und möglicherweise, wer weiß es, wird selbst in der römschen Kirche Kolumbiens etwas objektiver über die große humane Gestalt, den großen Theologen Camilo Torres anders, nämlich objektiver, gedacht. Der Erzbischof von Cali, Dario de Jesus Monsalve, meint gar, Camilo Torres sei heute ein „Symbol der Versöhnung für diese Zeiten des Friedens in Kolumbien“. Die Prälaten erinnern sich an das zentrale Projekt ihres neu entdeckten Helden, an die von Camilo mehrfach besprochene „amor eficaz“, die wirksame Liebe, also jene Nächstenliebe, die gerechtere Strukturen tatsächlich schafft und nicht nur bespricht.

Heute gibt es – außerhalb Deutschlands – bereits zahlreiche Orte, Häuser und Studienzentren, die nach Camilo Torres  benannt sind, in Kolumbien sogar schon und in Santander, Spanien, in Louvain, Belgien, wo Torres studierte,  ist ein Studentenheim der katholischen Uni nach ihm benannt. Inzwischen gibt es ein Studienzentrum Camilo Torres (Mitarbeiter dort ist der Historiker und Camilo Torres Spezialist Juan Biermann), das Theater La Candelaria in Medellin, Kolumbien, führt ein Torres Stück auf.

Man merke also: Die üble Anti-Torres-Propagada, vertreten durch das allmächtige Opus Dei in Kolumbien und ihren CIA-Freund, den kolumbianischen Kardinal Lopez Trujillo, (Medellin, später im Vatikan,) all diese Verleumdungen haben nicht den Sieg errungen: Camilo Torres lebt heute, sein theologisches Denken inspiriert, abgesehen von seinem späten Gang zu den Waffen. Das war eine Verzweiflungstat, der kein Verzweifelter nachfolgen darf.

Aber Camilo Torres hat schon unmittelbar nach seinem Tod inspiriert, als sich in der Kirche kritische Gruppen bildeten: So trafen sich 1968 auf dem Landgut Golconda (Kolumbien) viele Priester (mit dem Bischof von Buenaventura) zur Gründung einer eigenen Priestergruppe, die später als „Golconda-Gruppe“ internationale bekannt wurde. Sie hatte auch bis nach Argentinien gewirkt und wurde von dem damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Bergoglio, und dem insgesamt konservativen Episkopat dort, attackiert…

CAMILO TORRES UND BERLIN: Als Camilo Torres in Berlin war….

Hinweise von Juan Biermann, Bogota.

Der Historiker und Spezialist für Camilo Torres, Juan Biermann Lopez, Bogotá, schreibt dem Religionsphilosophischen am 1. 3. 2016 über den bislang völlig unbekannten Aufenthalt von Camilo Torres in Berlin.

„Camilo Torres hat sich in Ost-Berlin aufgehalten, für mich vom Datum her noch nicht genau zu sagen, irgendwann in den Jahren 1957 bis 1959; er besuchte Luis Villard Borda, der damals der letzte kolumbianische Botschafter war in der DDR.

Die Begegnung mit Luis Villard Borda war darin begründet, dass beide alte Freunde waren, sie studierten am Liceo Cervantes in Bogotá. Camilo Torres besuchte Berlin, um eine Gruppe junger Kolumbianer zu bilden, die gemeinsam die sozialen Probleme des Landes studieren wollten. Es bildete sich dann auch die Gruppe „Equipo Colombiano de Investigación Socio-Económica“ (ECISE), die wohl ein Jahr existierte, aber keine große Bedeutung erreichte.

Andererseits ist es wichtig, daran zu erinnern, dass Camilos Mutter, Isabel Restrepo Gaviria, zuerst mit einem Deutschen verheiratet war, mit Herrn Westendorp, mit ihm hatte sie zwei Kinder, Edgar und Gerda. Dann heiratete die Mutter Calixto Torres, und mit ihm hatte sie die beiden Söhne Fernando und Camilo. Mit Gerda und Edgar lernte Camilo Deutsch auf dem Colegio Aleman, bevor er zum Liceo Cervantes überwechselte“.

……………………..

Ein weiteres Thema, das wir intensiver bearbeiten sollten, heißt: „Camilo Torres und Thomas Müntzer“ bzw. „Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und Thomas Müntzer“.

Copyright: Christian Modehn

Zur Vertiefung:
http://www.unperiodico.unal.edu.co/dper/article/camilo-torres-restrepo-mucho-mas-que-un-cura-guerrillero.html

http://razonpublica.com/index.php/cultura/8665-en-los-zapatos-de-camilo-torres

1986 veröffentlichte die Züricher Zeitschrift des Jesuiten-Ordens ORIENTIERUNG einen sehr informativen Beitrag über Camilo Torres, leider wurde diese kritische Zeitschrift eingestellt! Aber den Beitrag von Mario Calderon kann man noch und sollte man  nachlesen, klicken Sie bitte hier.

Unter dem Titel „Camilos Erbe“ hat der katholische Theologe Prof. Norbert Mette am 12. 2. 2016 einen Beitrag in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM einen aktuellen Beitrag verfasst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon. .

 

 



Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik, Termine

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Lektürempfehlung für alle, die Spanisch lesen können: Ein Beitrag (2014 publiziert)  von dem berühmten Recherche-Journalisten Raul Olmos (Mexiko)  über das Finanzimperium der Legionäre Christi, klicken Sie hier, auch mit hübschen Fotos.

Papst Franziskus besucht vom 12. bis 18. Februar 2016 Mexiko, sicher mit wichtigen Begegnungen in der Drogen-Stadt Ciudad Juarez oder in Chiapas, wo die Indigenas heftigsten Verfolgungen der Regierungen ausgesetzt waren. Und der „Indio-Bischof“ Ruiz vom Vatikan bedrängt, wenn nicht verfolgt wurde. Aber Papst Franziskus besucht auch das Land, das die Opfer des sexuellen Mißbrauchs in der römischen Kirchewelt stets im Kopf und in der verwundeten, zerstörten Seele haben, das Land, in dem der immer noch existierende Orden „Legionäre Christi“ von dem mexikanischen jungen Mann Marcial Maciel vor 60 Jahren gegründet wurde. Fehlt nur noch, dass der Papst an Legionärs-Geburtstagsparties in Mexiko-Stadt, etwa an der edlen Privatuni des Ordens, teilnimmt.

Der Ordensgründer Marcial Maciel wurde selbst von dem eher feinsinnigen und moderaten Papst Benedikt XVI. als unwürdiges Geschöpf und gar als Verbrecher bezeichnet, zu lang ist die Liste seiner Jahrzehnte langen Verbrechen an Knaben, zu lang die Liste seiner Betrügereien, seiner grenzenlosesten Habgier .. und die Liste seiner dem Anschein nach frommen Bücher usw. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat über die Gestalt Pater Maciels, eines ganz dicken Freundes von Papst Johannes Paul II. und etlicher Kurien-Kardinäle, seit 10 Jahren berichtet.

Wir weisen anläßlich der Reise des Papstes nach Mexiko, förmlich DAS Legionärsland immer noch, auf ein wichtiges Buch über den Milliarden Dollar-reichen Orden eines mexikanischen TOP-Journalisten hin…. und fragen uns, warum denn eigentlich kein Verlag deutscher Sprache, kein ARD Sender, kein kompetenter Regisseur wie etwa Ulrich Seidl sich dieses Themas annimmt. Nirgendwo ist die Korruption im römischen System deutlicher mit Händen zu greifen als bei den Legionären Christi. Der mexikanische Recherche-Journalist Raul Olmos hat inzwischen (2015) eine umfangreiche Studie als e book über das Finanzimperium der Legionäre Christi publiziert. Bisher hat sich kein Verlag in Deutschland für diese Studie interessiert…Wir erinnern noch einmal daran, dass schon 2001 der spanische Journalist Alfonso Robles Torres in seiner Studie („La prodgiosa aventura de los Legionarios de Cristo, Madrid FOCA) darauf hinwies, dass der mexikanische (aus dem Libanon stammende) MultiMILLIARDÄR Carlos Slim und seine Familie mit dem korrupten Ordensgründer Marcial Maciel eng freundschaftlich verbunden war, „como el sacerdote de cámara de la familia Slim“, Seite 51, also „wie ein Hausgeistlicher der Familie Slim“. Das Vermögen der mexikanischen Familie Slim wird auf 60 Milliarden Dollar (2008) geschätzt, so die Pariser Zeitschrift aus dem Haus Le Monde, „Manière de voir“, Juin 2008, Seite 45).

Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.



Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

3. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

Hinweise von Christian Modehn

Im Umfeld des Weihnachtsfestes haben wir in kleinem Kreis versucht, einige Elemente einer Philosophie der Gabe und des Gebens deutlicher zu sehen. Damit versuchten wir, dieses besonders unter französischen Philosophen der Gegenwart diskutierte Thema uns näher zu bringen.

Wir sind als Menschen immer schon Gebende (und Nehmende) und manche deuten das Dasein, ihr eigenes Dasein, nicht in der objekthaften Weise des bloßen Vorhandenseins, sondern eben als Gegebensein, als Gabe, bzw., wie bei Heidegger (und dann auf andere Art auch) bei Sartre, als „Geworfensein“. Auf die Unterschiede der beiden Daseinverständnisse (Gegebensein/Geworfensein) folgen weiter unten einige Fragen und Hinweise.

Die Frage nach der Gabe und dem Geben ist also kein philosophisches und religionsphilosophisches (auch theologisches) Sonderthema etwa einer speziellen Anthropologie, die sich mit „allerhand“ Nebenaspekten des Daseins befasst…Vielmehr: Diese Frage ist fundamental für das Selbstverständnis der Menschen. „Ich bin eine Gabe“, ist ein beinahe poetisches Selbst-Bekenntnis zu einer Wirklichkeit, die über alles Technisch-Fixierte hinausgeht, die in eine Herkunft „von weither“ verweist…

Dabei bleibt offen, warum sich Menschen etwa in buddhistisch geprägten Kulturen nicht als Gegebene, nicht als Gabe, verstehen. Es hängt wohl damit zusammen, dass die Vorstellung einer Schöpfung, einer schaffenden und gebenden (göttlichen) Kraft in buddhistischen Kulturen nicht in den Blick gerät. Daraus können wir schließen, dass der Gabe-Begriff und die Realität des Gebens und des Gegebenseins in den europäischen Raum gehört, der von biblischen Vorstellungen geprägt bleibt, zumindest in der Annahme, auch bei vielen ernstzunehmenden Denkern, dass es einen schlechthin Gebenden, einen „Schöpfer“ der Erde und damit der Menschen „gibt“. Aber inwieweit dieses „Gegebensein“ des „Göttlichen“ von den anderen Gebenden verschieden ist, muss noch geklärt werden. Es „gibt“ Gott in einer alltäglichen Form, außerhalb jedes Analogiedenkens, natürlich nicht!

Damit gibt es dennoch die Vermutung, dass Gabe, Geben, Gegebensein, ja selbst Geworfensein (Wer wirft?) mit einer Vorstellung einer göttlichen schöpferischen Kraft verbunden sein können. Wer aufmerksam die Texte des Neuen Testaments liest, wird an vielen Stellen auf die Gabe als Zentralbegriff christlicher Spiritualität stoßen. Die Texte der Weihnachtsliturgie aktivieren alttestamentliche Texte, wenn es etwa heißt: “Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt (gegeben), und die Herrschaft liegt auf seinen Schultern. Man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“. (Aus dem Buch des Propheten Jesaja 9, 6 in der Einheits-Übersetzung).

Zahlreiche Weihnachtslieder beziehen sich sehr direkt auf diese Zusage des Propheten; diese sehen die Christen in der Gestalt des Jesus von Nazareth erfüllt. Und das ist „eigentlich“ Weihnachten, das Fest, in der die Gabe des göttlichen Kindes, besser des von Gott geprägten Menschen Jesus von Nazareth gefeiert wird.

Alle Geschenke, die an diesem Tag ausgetauscht werden, wenn sie denn Ausdruck der Freude sind, also mehr sind als ein banaler Konsumrausch, der sich schon selbst nicht mehr versteht, beziehen sich (oder bezogen sich) auf diese Gabe Gottes! Wegen der „Gabe“ Gottes geben wir Menschen weiter. Unser Geben ist Antwort. Für die kapitalistische Konsum-Unkultur sind diese Sätze unbrauchbar, wenn nicht lächerlich.

Es ist letztlich die Erhöhung „des“ Menschen als Menschen, die da Weihnachten gefeiert wird. Diese Erhöhung des Menschen als Menschen, Religionsphilosophen, auch Mystiker sprechen von dem „göttlichen Kern, göttlichen Funken“, ist DIE Gabe schlechthin. Auf dieser Basis können sich Menschen als „gegeben“ (also geschaffen) und beschenkt erfahren und deuten.

Die religionsphilosophische Basis fürs Schenken ist die Erkenntnis: Dass jeder Mensch sich selbst als Gabe versteht: Ich bin jemand, der von anderen Menschen gegeben wurde; ich bin selbst ein Geschenk, das sagen ja Eltern oft von ihren Kindern, wenn sie sich denn über ihre Kinder freuen. Aber nun sind die Eltern selbst wiederum Geschenke für ihre damaligen Eltern usw. Das heißt, jeder Mensch ist eigentlich ein Geschenk. Diese unendliche Reihe von Schenkenden (Eltern) und Beschenkten (Kinder als Geschenk) kann durch die Hebung auf eine neue, qualitativ andere Ebene verstanden werden: Indem ein prinzipiell Schenkender, den die Menschheit auch Schöpfer nennt, gedacht wird: Die konkrete Gestalt dieses ursprünglich, gründend Schenkenden, kann natürlich im Detail nicht exakt, schon gar nicht wissenschaftlich beschrieben werden, weil diese Wirklichkeit des ursprünglich Schenkenden, alles weitere Schenken erst stiftenden, nicht in die materielle Welt der Forschungs-Objekte gehört. Wenn dieser Schöpfer also nicht wissenschaftlich, d.h. für alle Leute ja immer noch „naturwissenschaftlich“ beweisen werden kann, ist das auch richtig so: Dieser alles gründende Schöpfer kann nicht bewiesen, er kann nur als notwendige „Ursache“ gedacht und vor allem erfahren werden, als erstaunlicher, sagen wir ruhig, wunderbarer Stifter des Lebens. Welche Eltern meinen denn im Ernst, sie allein seien die Schöpfer und die Macher (und damit dann wohl auch die Herren) ihres Kindes? Wahrscheinlich kann nur Poesie, kann nur Musik umfassend diese Einsicht ausdrücken…

Von daher ergeben sich weitere Konsequenzen: Wir erleben uns selbst und damit die Welt im ganzen als eine gegebene. Wir leben also in einem vor-gegebenen Umfeld, über das wir wesentlich nicht verfügen können. Selbst wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir die uns gegebene (und uns anvertraute) Natur. Und wenn bald Roboter an unserer Seite stehen mit einer angeblichen Intelligenz, dann sind es eben von uns gemachte Wesen, von uns gemacht, die wir selbst „gemacht“, also gegeben sind. Erst wenn die von uns gegebenen Roboter sich selbst vermehren, wird es problematisch, aber dann sind es doch immer noch Roboter, die wir so gemacht haben, dass sie sich selbst vermehren…Dies nur als kleiner Ausblick zum Thema Relativität und Beschränktheit unserer Autonomie.

Jean-Paul Sartre sprach in „Das Sein und Nichts“ von dem Geworfensein als der alles gründenden Existenzform des Menschen. Darin durchaus Heidegger folgend, siehe Sein und Zeit. Geworfenheit bei Heidegger bedeutet „die konstitutive Form jedes Lebens, ungefragt und ohne persönliche Zustimmung in die Welt gekommen zu sein. Diese Struktur der Faktizität bedeutet für jeden Lebenden, `sein Da sein zu müssen`“, so Thomas Rentsch, in „Heidegger Handbuch“, Stuttgart-Weimar, 2003, Seite 63). Thomas Rentsch schreibt: „Die formale Grundstruktur menschlicher Existenz, wie sie Heidegger freigelegt hat, trägt Züge einer gottlosen Theologie: Der (christlichen) Lehre von der Schöpfung entspricht die von der Geworfenheit….“ (ebd. S. 74).

Bei Sartre wird der Gedanke zur Freiheit (also zum eigenen Leben) verurteilt zu sein, mit eigenen Erfahrungen verbunden. In seiner Kindheitsbiografie schreibt Sartre: “Er lernte einen Gott kennen, den seine Seele gerade nicht erwartete, ich brauchte einen Weltschöpfer, aber man gab mir einen obersten Chef“. Sartre erlebte also einen Gott als einen obersten Polizisten, dies empfang Sartre so wörtlich „als grobe Taktlosigkeit“ (vgl. Lexikon der Religionskritik, Herder-Verlag, S. 270).

Es lohnt sich vielleicht, die inhaltlichen Bestimmungen von Geworfensein und Gegebensein weiter zu bedenken. Ich meine: Mit dem Wort „Geworfen“ klingt mit das Hingeschleudert-, Abgelagert-, Hingelegtsein. Tiere werfen bekanntlich, wenn sie Junge zur Welt bringen. Die Mutter Tiere ziehen die Kleinen auf, aber wenn sie stark sind, verliert man sich aus den Augen. Der Mensch als Geworfener weiß eigentlich nicht, wer oder was da ihn warf. Er MUSS sein Leben gestalten, so recht und schlecht. „Jeder Existierende fühlt sich überflüssig alles ist grundlos, exstieren ist nur einfach Dasein“, so Sartre (zit. in Lexikon der religionskritik, S. 272). Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft. Soweit Sartre…

Zur aktuellen französischen Philosophie der Gabe:

Sie ist sehr vielfältig, aber meist beziehen sich die Philosophen auf den grundlegenden Text des Ethnologen und Soziologen Marcel Mauss, er hat 1924 – auf Französisch – das Werk veröffentlicht: „Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften“.

Nur ein erster kurzer Hinweis für das weitere Studium: Mauss zeigt, wie das Geben und Nehmen, dann das Antworten mit Geschenken auf die Gabe, eine Art gründende Funktion hat für den Aufbau einer Gesellschaft in archaischen, frühen Zeiten der Menschheit. Es läuft darauf hinaus, dass sich Menschen als Gebende gegenübertreten und dadurch in dieser Form der Bekundung von Nähe, wenn nicht Freundschaft, dann Feindseligkeiten, ja Gewalt überwinden. Es wird durch die Gabe ein soziales Band gestiftet. Dabei geht es nicht zuerst um Tausch, also um ein Zurückgeben einer Sache im gleichen Wert, sondern die Gabe kann durchaus als selbstloses Geschenk verstanden werden. So können Formen von Verbindungen, Bündnisse, entstehen, auch Formen der wechselseitigen Anerkennung.

Das Thema Geben wird in Frankreich heute vertieft. Wir können hier nur andeuten zur weiteren Vertiefung: Etwa Marcel Hénaff, „Der Preis der Wahrheit“, Hénaff ist sicher einer der ganz großen Denker der Gabe heute. Kritisch dagegen Pierre Bourdieu, etwa in seiner „Praktischen Vernunft“: Beim Geben werden die realen Interessen verschleiert. Geben und Gabe beschönigen nur die Verhältnisse.

Ich meine: In unserer kapitalistischen Gesellschaft ist der großzügige Mensch, der schenkende Mensch, eigentlich ein Narr. Diese Gesellschaft will keine Schenkenden. Sie liebt nicht die freie Gabe, die Großzügigkeit, das Nicht-Berechnete, sie liebt nicht die überraschend eintretende Freiheit als Handlung der Liebe. Alles wird in Geld-Beträge umgerechnet. „Wie du mir, so ich dir“, heißt dann das Prinzip, das auch bis ins Militärische sich ausweitet. Kann die freie Gabe diese Gesellschaft noch „retten“? Sie wertet den Menschen auf, befreit von der materiellen Verwertbarkeit, schafft Raum für ein befreites Dasein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 



Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Soldalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale, der Dialog mit den indigenen Religionen sehr bedroht), dagegen konnte (und wollte) der Freund Müller offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutérret, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik?

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge: Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

14. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge

Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

Von Christian Modehn

Diese Hinweise bieten einige zentrale Aspekte meines Vortrags und der Diskussion. Das Thema „Leben wir in einer sich totalisierenden Schein-Welt“ bedarf noch weiterer Überlegungen.

Kürzlich sprachen Herr Baumeister, Leiter des schönen und empfehlenswerten Weingeschäftes „Sinnesfreude“ (Jonasstr. 32) und ich über ein neues gemeinsames Salon-Projekt. Und da fiel uns das Thema „Der reine Wein“ ein. Im Mittelalter schon galt die Forderung „Wir wollen uns reinen, d.h. unverfälschten Wein einschenken“, d.h. wir wollen uns nicht permanent belügen und etwas vorgaukeln. „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“, sagte in diesem Sinne der im Mittelalter noch geschätzte Apostel, genannt Paulus, im Epheserbrief des NT. Aber das nur am Rande.

Es gibt jetzt immer mehr Winzer, die, wie sie sagen, authentischen Wein produzieren, also nicht nur ökologisch sauberen, sondern auch nach alten Gebräuchen hinsichtlich der Platzierung der Weinstöcke, der handverlesenen Ernte usw.; sie produzieren reinen Wein von außergewöhnlichem Geschmack. Herr Baumeister ließ uns probieren, diesen reinen Wein aus dem Friaul.

Beginnen wir also mit der Frage nach dem „echten“ Wein: Was ist mit den Leuten, die im Supermarkt eine Flasche mit der Etikette „Chablis“ oder „Chateau Neuf du Pape“ für etwa 4 oder 5 Euro kaufen. Wir wissen, dass die genannten französischen Weinregionen als die besten gelten. Und im Ernst kann man eigentlich keine dort produzierte Flasche unter 18 Euro kaufen. Natürlich muss man auch dort den „großen Namen“ mitbezahlen…

Was ist aber los, wenn diese Leute mit ihrem 5 Euro-Chablis glücklich sind? Wenn sie glauben, es wäre tatsächlich ein Wein aus Chablis, es würde also kein Etikettenschwindel vorliegen? Diese Konsumenten, so werden Menschen in der Konsum/Geschäftswelt fixiert, werden wohl so lange Chablis für 5 Euro weiter trinken, als er ihnen schmeckt, vielleicht können sie gar keinen Vergleich mit echtem Chablis herstellen bzw. ihn sich finanziell nicht leisten. Und vor allem: So lange sie morgens, nach einer Flasche Supermarktwein, nicht mit Kopfschmerzen aufwachen, werden sie bei ihrem preiswerten Komsum, Genuss (?), bleiben.

Wenn sie aber erfahren, dass der billige „Chablis“ ein Verschnitt von anderen sauren Landweinen ist, werden sie sich betrogen fühlen und sich vielleicht anderem Wein zuwenden. Und den Betrüger des sauren „Chablis“ am liebsten bestrafen. Aber die Mixer und Panscher kennt fast niemand. Vielleicht der Großhändler? Also: Der Wein kam aus anderen Regionen, hatte bestenfalls Landwein Niveau, und wurde nur in der Nähe von Chablis abgefüllt… Den Täter, moralisch gesprochen: den Lügner, kann man also kaum greifen, zumindest nicht als kleiner und dumm gemachter Konsument…

Erst die Krise führt uns aus einer Scheinwelt heraus, lässt uns ahnen, dass es eine andere, wahre Welt eigentlich geben sollte.

Diese Art von Betrug und Erzeugung von Scheinwelten durch die Manipulation der großen Unternehmen ist nahezu uferlos. Solange der Konsum billig sein soll und als Wegwerfware produziert wird, werden wir dem Echten nicht mehr begegnen. Aber der Zweifel ist da: Die schöne Hose soll also „made in Italy“ sein? Das glaubt keiner mehr! Tatsächlich wurde sie z.B. in Bangladesh auf ausbeuterische Art unter kriminellen Methoden mit der miesesten Bezahlung zusammen geschneidert und in Italien mit dem Gütesiegel versehen. Jeder und jede kann da weitere Beispiele aus seinem Erleben finden.

Interessant ist ja, dass der Schein des Authentischen, des Echten, von den lügnerischen Produzenten unbedingt gewahrt werden soll. „Chablis“ muss auf der billigen Fusel-Flasche verstehen. Eine Flasche mit dem Etikett „Eine Mixtur von Landweinen aus Böhmen, Ungarn und Rumänien“ (nichts gegen diese Länder!) würde wohl niemand kaufen. Oder doch? Und eine Hose, eine Bluse, was auch immer, mit dem Vermerk „Made in Bangladesh“ würde man auch so schnell kein Mensch kaufen. Da steckt zudem ein gewisser Rassismus dahinter: Kann aus diesem „armen“ Land des Elends Gutes kommen? Oder ein ethisches Bewusstsein meldet sich zaghaft, aber folgenlos: „Mein Gott, da werden ja Frauen ausgebeutet….“ Das heißt: Die Authentizität, das Wahre, wird als Bezugspunkt von Produzenten und Konsumenten als Ideal vorausgesetzt. Sie, die Betrüger, und wir, die Konsumenten, wollen eigentlich das Wahre und Echte, heißt die philosophische Erkenntnis. Wir können uns nur nicht an das Wahre und Echte in der Lebenspraxis halten, weil wir alles möglichst billig wollen, bequem, vielleicht wollen wir sogar belogen werden? In jedem Fall ist Authentizität, wenn man das schwierige Wort verwenden will, nicht der oberste und erste absolut zu respektierende „Wert“ für die meisten. Sondern Sparsamkeit und Bequemlichkeit….

Philosophisch könnte man ja die gesamte uns begegnende Wirklichkeit als Erscheinung, als Phänomen, ansprechen. Da zeigen sich die Dinge, die Phänomene nun genannt, von sich aus, so wie sie sind. Und wir können mit kritischer Reflexion diese echte Erscheinung als solche auch annähernd erkennen, zumindest den schön genannten Schein als Lüge entlarven.

Aus den Phänomen, den Erscheinungen, kann schnell der Schein werden, der so genannte  schöne Schein, der von Menschen in Gang gesetzte manipulative Eingriff in die Gestalt der Erscheinungen, der „Dinge“. Dann wird daraus der Schein, die Lüge. Diese aber erkennt man nicht sofort, weil man ja ohne eine elementare Form von Glauben nicht leben kann, etwa, indem man sich sagt: „So wird es schon sein, was der oder die da sagt“. Oder: „Diese Flasche wird schon Chablis sein“ usw. Wenn wir prinzipiell jede Äußerung, jede „Erscheinung“, exakt auf die Echtheit hin überprüfen würden, dann könnten wir gar nicht mehr leben, wir hätten nur noch damit zu tun, unsere Skepsis zu falsifizieren usw. Wir müssen also förmlich auch in der Konsumwelt an die Konsumwelt „glauben“, d.h. ihr vertrauen.

Dieses Verhalten prägt uns aber auf Dauer,verdirbt förmlich den Charakter, man macht es sich in der Scheinwelt bequem: Ich will hier an Thomas Bernhard erinnern:, an seinen großen Roman „Holzfällen“ von 1984. Der Ich-Erzähler schildert darin seine Eindrücke von einem Abendessen in Wien, bei einem Ehepaar, mit dem er einst befreundet war, den „Auersperger“. Er beschreibt, wie verlogen, wie nicht-authentisch, die Gastgeber sind: „Den Anschein von allem haben sich diese Leute immer gegeben, wirklich gewesen sind sie nichts. Diese Leute haben keine Existenz, sondern nur eine nachempfundene Existenz“. Aber die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Gastgeber. Der Icherzähler ist selbstkritisch genug, er sagt von sich selbst: „Ich habe allen alles immer nur vorgespielt, ich habe mein ganzes Leben nur gespielt und vorgespielt, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, ich lebe kein tatsächliches, kein wirkliches, ich lebe und existiere nur ein vorgespieltes Leben, ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gehabt, niemals ein tatsächliches, wirkliches, sagte ich mir, und ich trieb diese Vorstellung soweit, dass ich schließlich an diese Vorstellung glaubte“ (zit. aus „Thomas Bernhard, Eine Biografie. Von Manfred Mittermayer, Wien-Salzburg 2015, Seite 372 f.). Einen Menschen erwähnt Thomas Bernhard als einen authentischen, wahrhaftigen Menschen, die Dichterin Ingeborg Bachmann: „In jeder Zeile, die sie schreibt, ist sie ganz, ist alles aus ihr“ (ebd. S. 409).

Das ist wieder die Sehnsucht: Ein authentischer Mensch möchte ich eigentlich sein…Kann ich aber in dieser mich selbst schon völlig umfassenden Scheinwelt selbst noch ein echter Mensch sein? Wo udn wer ist eigentlich mein Selbst? Wer bin ich eigentlich bei der Vielzahl der Funktionen und Rollen, die ich im Laufe eines Tages spiele und wohl auch spielen muss. Ist meine eigene Mitte nur noch das Bewusstsein, dass ich viele Rollen spiele und diese jeweiligen Rollen transzendiere? Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder dem anderen seinen subjektiven Eindruck von der Wahrheit des anderen direkt sagen würde? Könnten wir das ertragen? Gäbe es dann Gewalt-Exzesse als Ausdruck des Beleidigtseins oder wäre man einander dankbar, dass die Lügerei mit Notlügen und das Schöngetue und die Ausreden usw. ein Ende haben? Andererseits: Kann meine Meinung über eine Person ja auch nach einem Monat wieder eine andere Meinung sein? Wie geht man dann gesprächsweise mit der neuen „Wahrheit“ um? Ist, anders gesagt, nicht auch die Lügerei, das Schöngetue, die Ausrede, eine Rettung vor allzu viel Verwirrung?

Philosophen waren da anderer Meinung. Im Christentum, etwa durch Augustinus, galt die Überzeugung: Lüge ist in jedem Fall böse. Die Begründung ist metaphysisch: Denn Gott hat bekanntlich die Welt allein durch sein Wort geschaffen. So schafft die Lüge als Wort auch eine gewisse neue Welt, die Welt der Lüge. Da werden plötzlich neue Zusammenhänge gestiftet, alte Überzeugungen geraten in Unordnung usw. Bekanntlich wird der Teufel der Fürst der Lüge genannt. In der Lüge findet also eine Art neue Weltschöpfung durch Menschen statt. Und das ist eine Lästerung Gottes.

Erst bei dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gab es dann eine größere Toleranz für die Lüge: Es wurden Abstufungen der Lüge eingeführt.

Selbst die Notlüge wollte Kant in seiner Ethik nicht zulassen. Er konnte die Lüge auch als Ausnahme nicht gelten lassen. Denn wenn sie möglicherweise üblich wird, dann gerät alles Wirkliche ins Wanken. Denn es kann ja sein, dass ich mit meiner Notlüge einen anderen Menschen schütze, der es nicht verdient hat und der selbst mich noch belügt. Allerdings sah Kant nicht, dass es wirklich schützenswerte Personen gibt, die nur durch Notlügen gerettet werden. Aber Kant bleibt dabei: Nur die absolute Abwehr der Lüge schafft ein menschliches Klima der Wahrhaftigkeit und des Echten.

Anders dachte der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch das kann hier wieder angedeutet werden: Er neigte dazu, die gesamte Wirklichkeitserfahrung als Schein und als Lüge zu interpretieren. Nietzsche hat gegen die übliche Wahrheitserkenntnis (=Phänomene als solche erkennen) gekämpft, er sagte: „Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr ist als Schein“ (Nietzsche Handbuch S. 258). Alle unsere Erkenntnisse sind für ihn auf Schein bezogen. Schein ist das Lebendige überhaupt. (Aber er behauptet diesen Satz dann doch als Wahrheit und gerät damit in einen Selbstwiderspruch).

Nietzsches Philosophie ist der Versuch, die umfassende Kritik als Zweifel auch auf die Vernunft anzuwenden. Was die Vernunft zeigt, das Gute und das Wahre etwa, ist für ihn nur eine Form der Lüge, des Falschen. Es gibt eigentlich nur Irrtümer, nur Lügen, „die Irrtümlichkeit der Welt ist das Sicherste und Festeste“ (in Nietzsche Handbuch S. 258). Man handelt moralisch, sagt also die übliche Wahrheit, nicht etwa, weil es die Vernunft gebietet, sondern weil es bequemer ist, sich dieser Wahrheit als der allgemein vorherrschenden Lüge anzuschließen. Der grundlegende Impuls alles Menschlichen ist für Nietzsche die eigene Machterweiterung. Jede moralische Handlung folgt entweder der Gewohnheit oder der Berechnung, „davon selbst etwas in Besitz zu nehmen“. Eine private Lüge auf Dauer zu verteidigen, erfordert zu viel Aufwand. „Wir lieben die Wahrheit also nur, weil wir für die Lüge zu träge sind“. Wer eine Lüge erfindet, muss zu ihrer Plausibilität 20 andere dazu erfinden). (vgl. Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche, 1992, S. 125, und Nietzshce, „Menschliches Allzumenschliches, Nr. 54)..

Aber indem Nietzsche doch noch von Schein als solchem sprechen konnte, wurde doch deutlich, dass auch er in seiner Vernunft über die angeblich absolute Scheinwelt hinausgelangt war. Eine totale Bindung in einer Schein-Welt gibt es also nicht.

Das ist auch politisch von höchster Bedeutung. Wir leben in einer Welt, selbst in den so genannten Demokratien des Westens, in denen der schöne Schein uns von allen Seiten, durch die Medien, eingeredet wird. Das ist eine Tatsache, die evident ist, auch wenn sie jetzt von rechtsextremen Kreisen aus ganz anderen Motiven hoch gepuscht wird. Wenn die US-Amerikaner etwa Libyen von der Diktatur befreien wollten, sagten sie das nach außen, zum Schein: Der Diktator muss weg. Entscheidend war die (falsche) Erwartung, danach ganz leicht an das libysche Erdöl „heranzukommen“. Warum hat denn der George W. Bush den Irak-Krieg gegen alle Vernunft und gegen alle internationalen Verabredungen angefangen? Weil er …. ja weil er das Öl und den Einfluss in der Nachbarschaft vom Iran haben wollte. Dies alles ist tausendfach von den seriösesten Politologen beschrieben worden: In jedem Fall: Auch die „Demokratien“ erzeugen allzu oft und aus diplomatischen Gründen immer mehr den schönen Schein und versuchen die Bürger für blöd zu erklären. Was ihnen sehr oft ja gelingt.

Aber immer wieder passiert es or allem unter extremen Bedingungen, dass die Bürger genug vom lügenhaften Verhalten der Herrscher haben. Sie wollten „In der Wahrheit leben“, wie ein Buch des großen Intellektuellen, des tschechischen Politikers Vaclav Havel, heißt. Diese Menschen in Prag hatten genug von den staatlichen Lügen der Kommunisten, von dem Gerede vom Sieg und vom Glanz des Sozialismus. Sie durchschauten diese perfide Welt des Scheins. Die Lügner-Politiker, die sich Sozialisten nannten, mussten also entfernt werden, durch die samtene Revolution in Prag gelang es. Havel wurde zu einem der Initiatoren der „Charta 77“: Und „Havel wurde zu einem ihrer Sprecher. Das Dokument forderte die Einhaltung der Menschenrechte und der bürgerlichen Grundfreiheiten. Die Charta 77 pochte dabei lediglich darauf, die geltenden Gesetze zu respektieren. Die Unterzeichner nahmen die Regierenden beim Wort und entlarvten so das formale Rechtssystem als bloßen Schein. Sie demaskierten den Unrechtsstaat. Sie zeigten mit dem ausgestreckten Finger auf des Kaisers neue Kleider und riefen: „Der Kaiser ist nackt.“ (So ein Radiobeitrag des Tschechischen Maria Hammerich-Maier. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-in-wahrheit)

Wer gegen den schönen falschen Schein politisch kämpft, macht sich das Leben schwer: „Hunderte Bürger unterzeichneten die „Charta 77“. Sie nahmen dafür den Verlust des Arbeitsplatzes in Kauf, wurden schikaniert, ihre Familien verfolgt. Václav Havel verbrachte über vier Jahre hinter Gittern. Ein greifbarer Erfolg der Charta 77 war nicht in Sicht, doch die Bürgerrechtler gaben sich nicht geschlagen“. (ebd.)

So bleibt in jedem Fall die Sehnsucht nach der wahren Erscheinung, der Befreiung von falschem Schein, diese Sehnsucht ist nicht klein zu kriegen.

Alle politischen, ökonomischen und aus Verbraucherkreisen stammenden Widerstandsbewegungen leben von der Erkenntnis: Der Schein beherrscht uns, er ist Lüge. „Wir wollen die wahre Erscheinung. Das Echte“. Man analysiere unter dieser Rücksicht die Reden von Politikern, etwa die Reden der rechtsextremen Marine Le Pen, wie sie von Frankreich, Nation, von Wiederherstellung der Identität, von Republik usw. spricht. Ich will hier auf den ungewöhnlich großen Wahlerfolg der Partei Front National in diesen Tagen hinweisen. In der Pariser Tageszeitung Le Monde, Ausgabe vom 9. Dezember 2015, Seite 16, heißt es: „Von einer Wahl zur anderen hatte die Partei Front National Erfolg mit ihrer „Aktion Verschleierung, Tarnung“, camouflage“ heißt es im Text. Diese Strategie hat das Ziel, sich als normalisierte Partei darzustellen, verjüngt lächelnd… als Partei mit einem extremistischen Programm“. Die meisten Menschen können diesen schönen Schein nicht ertragen.

Man könnte auch von Religionen und kirchlichen Institutionen sprechen, die auch den schönen Schein erzeugen, etwa heilige Menschen als Vorbilder hinstellen, wie etwa im Falle des angeblich stigmatisierten Paters Pio in Italien. Oder denken wir daran, wie noch Papst Johannes Paul II. den pädophilen Verbrecher und Erbschleicher und Drogenkonsumenten, den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, als Vorbild der Jugend öffentlich lobte und pries. Oder man denke an den Luxus so vieler Kardinäle im Vatikan, die so gern über Bescheidenheit predigen und sogar noch um Spenden bitten für den Vatikan („Peterspfennig), man denke also all diese religiösen Scheinwelten, an die sich Gott sei Dank immer weniger halten, sie wurden jetzt wieder von dem großartigen Journalisten Gianluigi Nuzzi dokumentiert: Nur mit Skepsis und mit kritischem Bewusstsein kann ein frommer Mensch heute noch den falschen Schein in den Religionen und großen machtvollen Kirchen-Bürokratien von den wenigen echten Lehren unterscheiden! Und sich seine eigene, einfache Spiritualität förmlich zusammenfügen.

Das Thema wird noch brisanter: Es geht um den immer stärkeren Trend, echte Erscheinung und falschen Schein zu verwischen, frisierte Fiktion und Realität ins Schwimmen zu bringen, Nebel zu erzeugen. Wir wissen alle, dass für Kinder und Jugendliche die brutalen Computer-Spiele eine enorme Attraktivität haben. In dem Computerspiel „Gran Theft Auto“ kann der imaginäre Beifahrer eines Autos, also das Kind, „einfach so“ reihenweise die Leute am Straßenrand abknallen. Das ist eine imaginäre Welt, in der es Spaß macht, von einem gemütlichen Stuhl aus per Computer die halbe Welt zu erschießen. Nach diesen beliebten Spiele-Vorlagen inszeniert der Islamische Staat seine technisch gutgemachten Terror-Videos, die per Internet verbreitet sind. Wer diese realen IS-Videos anschaut, so versichern uns kompetente Medienwissenschaftler, der glaubt sich in der Spielwelt, der Scheinwelt, von „Grand Theft Auto“ zu befinden. Tatsächlich aber sieht er Bilder aus der realen Welt, der echten Erscheinungen, Phänomene, in Syrien und anderswo. Man betrachtet Enthauptungen, und weiß nicht: Ist das jetzt spielerische Scheinwelt oder ist es der raffiniert technisch gemachte IS-Werbe-Film. Die Exekutionen des IS aus diesen Propaganda-Filmen sehen nicht real aus, heißt es in einem Bericht des „Tagesspiegel“ vom 8. Dez. 2015, Seite 3, sondern man glaubt in einem spielerischen Film zu sein. Wer das spielerische Töten mag, ist wohl auch motiviert, die Seite zu wechseln, und das reale Töten aufseiten des IS zu praktizieren. Das sind die grausamen Konsequenzen, wenn Scheinbares und Erscheinung, also Realität, in einander fließend übergehen. Wie durch Gewöhnung an den schönen spielerischen Schein auch die Bereitschaft wächst, die Tötungen real zu vollziehen. Denn die Werbefilme des IS zeigen etwa Mörder, die sich eine kleine Kamera vor den Bauch schallen und ihr Abschlachten life drehen und dann ins Netz stellen, zum Nachspielen förmlich. Die gängige Qualifizierung dieser widerwärtigen Mordfilme, ob spielerisch oder real, ist COOL.

Die Klarheit wiederzugewinnen, was ist Erscheinung, also Realität, und was ist Schein, was ist Machwerk, also Lüge: Das ist der Sinn unserer Veranstaltung. Objektiv gesehen, ist der angeblich schöne Schein nicht wahr, auch wenn er sich schön frisiert. Wir müssen zur skeptischen Haltung finden und uns untereinander in der Skepsis, jeder von anderen Einsichten aus, bestärken, nicht auf die Lügen reinzufallen und selbst das Schönreden und Lügen zu beenden.

Aber aus dieser Doppelstruktur von Erscheinung und Schein werden wir uns als einzelne nie ganz befreien können. Ich deutete an, dass wir manchmal förmlich gezwungen sind, im Schein zu leben oder scheinbar zu leben. Retten und helfen kann dann nur allein das Wissen, dass wir im Scheinbaren uns aufhalten … um dann zur Erscheinung, als der Realität, wieder zurückzukommen.

Andererseits: Wir können nie total „ganz“ und eindeutig leben. Aber wir sollten danach streben, da ist ja unsere tiefe Sehnsucht nach einem echten Leben. Aber es gilt, diese existentiale Doppelbödigkeit anzuerkennen, dies ist auch eine Form, gegen den Wahrheitswahn vorzugehen als Form des Fundamentalismus. Der da meint, immer und überall richtig zu handeln, voll in „der“ Wahrheit zu sein.

Darum ist der Spruch von Adorno auch problematisch, ich möchte sagen, falsch, wenn er sagt: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“. Es gibt so viele wahre Menschen, die in einem falschen System doch wahr geblieben sind, etwa Vaclav Havel. Und es gibt so viele Menschen, die lieber reinen Wein trinken als gepanschten, weil sie die kritische Unterscheidungsgabe bewahrt haben und lieber weniger echten Wein trinken als oft den preiswerten schlechten Wein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

2. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Legionäre Christi - Kritische Studien, Theologische Bücher

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Hinweise von Christian Modehn am 2.12.2015

Der Religionsphilosophische Salon arbeitet von seinem philosophischen Anspruch der Aufklärung und der Religionskritik seit einigen Jahren auch kritisch über die katholische Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ und über die mit ihm verbundene Bewegung für Laien „Regnum Christi“. Einige wichtige neue Entwicklungen haben in der deutschen Öffentlichkeit bisher (2.12.2015) wenig Aufmerksamkeit gefunden. CM.

1.

Der katholische Orden „Legionäre Christi“ wird erneut – diesmal aber noch gründlicher und umfassender recherchiert – „ein Finanzimperium“ genannt. Sein Gesamtvermögen beträgt jetzt 43.600 Millionen Dollar. Die Ordensgemeinschaft (1941 gegründet, von dem mexikanischen Marcial Maciel, damals im jugendlichen Alter von 21 Jahren) zählt heute 950 Priester als Mitglieder, hinzukommen ca. 700 junge Männer in der Ausbildung, die man nicht als „vollständige Mitglieder“, also in „ewigen Gelübden“, bezeichnen kann. Mit anderen Worten: 950 Männer, die als Ordensleute wie alle anderen katholischen Ordensleute sonst auch „Armut“ als Gelübde gelobt haben, sind Multi-Milliardäre. Diese Fakten werden reich belegt von dem mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Recherche-Journalisten Raul Olmos in seinem neuesten Buch (erschienen am 13. November 2015) „ Una mafia empresarial disfrazada de congregación“, „Ein Mafia-Unternehmen, das sich als religiöse Kongregation verkleidet“. Das Buch ist im Verlag Grijalbo (Madrid und Barcelona) erschienen. Es zeigt das weite Netz der Verbindungen des Ordens zu den Zentren politischer, ökonomischer und kultureller (Medien-) Macht. Hunderte von „Gesellschaften“, „Stiftungen“, „Vereinen“ und Privaten – Hochschulen gehören den Legionären Christi. Zur Ersparnis von Steuern halten sich die Ordensbrüder auch gern in so genannten Steuer-Paradiesen auf. Diese Fakten werden von Raúl Olmos ausführlich beschrieben.

Die schon populär „Milliardäre Christi“ genannten Priester können also hübsche Feierlichkeiten ausrichten zum 75. Geburtstag ihres Ordens bzw. Finanzimperiums im Jahr 2016 und können wie üblich ihre zahlreichen Gönner, auch im Vatikan, reich beschenken. Der Orden wie auch das Finanzimperium wurden aufgebaut von dem Mexikaner, Pater Marcial Maciel, der 2006 (als 86 Jähriger) von allen seinen Funktionen der seit 1941 dauernden (!) Ordensleitung befreit wurde, und zwar auf Druck von Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hatte zudem 2010 das Leben des Ordensgründers von einer katholischen Priestergruppe untersuchen lassen, und kam zu dem Schluss:“ „Es ist ein Leben, das jenseits des Moralischen liegt, ein abenteuerliches, vertanes, verdrehtes Leben“. Mit anderen Worten: Der notorische pädophile (vornehm ausgedrückt) Täter Pater Maciel ist in der Sprache der Justiz ein Verbrecher. Er hat zudem viele Millionärswitwen um deren Vermögen erleichtert, weil er sich als charmanter Liebhaber ausgab usw… Aber den (staatlichen) Gerichten wurde der Verbrecher vom Vatikan, wie üblich, nicht übergegeben. Papst Benedikt bat den Ordensgründer im Jahr 2006 nur, Maciel möge sich zur Buße still und schweigend dort zurückziehen… Gestorben ist Maciel nicht als stiller Büßer in seinem römischen Kloster, sondern wie auf der Flucht, im warmen Florida. All das wurde auch von uns dokumentiert, ebenso die vatikanischen „Untersuchungen“ über den Orden insgesamt, nach dem Tod Maciels. Eigentlich hätten die „Untersuchungen“ von 2010 zur Auflösung des Ordens führen müssen. Das forderten viele prominente Katholiken. Denn welcher Orden soll in alle Zukunft einen Verbrecher als Gründer haben, der zudem einst, überall sichtbar, wie ein Heiliger verehrt wurde, obwohl dessen weit reichende finanziellen, sexuellen und drogenabhängigen Aktivitäten allen Mitglieder und vielen Prälaten in Rom bekannt waren. Nur die zahlreichen ehemaligen Mitglieder, die Missbrauchs-Opfer, meldeten sich im Vatikan seit 1989, (!), aber man hörte sie nicht. NICHTS wurde von amtlicher vatikanischer Seite gegen Maciel unternommen, auch nicht von Kardinal Ratzinger damals als Chef der Glaubenskongregation. Maciel hatte tatsächlich zu viele Freunde unter den Kardinälen, und selbst der polnische Papst pries den Verbrecher offiziell und lautstark explizit „als Vorbild der Jugend….“ Die Reisen von Papst Johannes Paul II. wurden immer von dem kundigen Mexikaner Pater Maciel begleitet. Ob die Reise von Papst Franziskus nach Mexiko in 2016 auch wieder von den Legionären betreut wird?  Aber der Orden wurde eben nicht aufgelöst. Er besteht weiter, wenn auch die Begeisterung junger Männer für diesen Orden etwas gebremst ist: Seit 2008 ist die Zahl der Mitglieder in Ausbildung befindlichen Mitglieder von 1.081 auf 693 zurückgegangen, berichtet El Pais. Aber die Geldquellen scheinen trotzdem bestens zu fließen, siehe oben.

2.

Diese Mitglieder dieses Milliardärsordens haben jetzt von Papst Franziskus die Zusage erhalten, in dem nun begonnen Jahr der Gnade den vollkommenen Ablass zu gewinnen. Damit entspricht Papst Franziskus dem Wunsch von Pater Eduardo Robles Gil, dem gegenwärtigen Ordensoberen, der sich, wie für ein Imperium eben passend, wie auch schon sein Vorgänger Pater Maciel, „Generaldirektor“ nennt. Der vollkommene Ablass wird den Mitgliedern der Milliardäre Christi gewährt, „wenn sie ihre Gelübde erneuern, also auch das Armutsgelübde, wenn sie beten, wenn sie sich den Werken der Spiritualität widmen und die christliche Lehre verbreiten“, heißt es in dem päpstlichen Indulgenz – (Ablass) – Schreiben.

Erstaunt ist man abermals, dass der Ablass, DAS Thema Martin Luthers, 2 Jahre vor dem Reformationsgedenken 2017, wieder und wieder selbst von apst Franziskus aufgewärmt wird. Kann man angesichts dieser Vorlieben diesen Papst im Ernst „progressiv“ nennen? Wohl kaum, meinen wir. Will man so für eine neue Ökumene mit den Protestanten sorgen? Warum spricht kein prominenter Protestant von dem aufgewärmten Ablass-Wahn des Katholizismus? Das Heilige Jahr mit Pilger/Touristen-„Strömen“ nach Rom hat gerade begonnen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die sexuellen Missbrauchsopfer des vom Papst Benedikt so genannten Verbrechers Pater Maciel sehen in dieser überflüssigen Ablass- Gewähr eine Art Anerkennung und Reinwaschung des Ordens. Denn im Jahr der Gnade kann doch eigentlich jeder Katholik, eben auch ein Legionär, sowieso bei Respekt der Vorschriften den Ablass gewinnen. Warum also diese Sonder-Gewähr eines Ablasses für diesen Orden? Besteht ein Grund für den Papst, sich mit dem Orden gut zu stellen?

3.

Viele Beobachter fragen sich erneut bei dieser Entscheidung, wie widersprüchlich eigentlich die theologische Linie des so vielfach gerühmten Papstes Franziskus ist. Wie sehr steht er offenbar unter Druck einer vatikanischen Mafia, dass er diesem „Club“, den Legionären, diese außergewöhnliche Gnade explizit gewähren muss? Kann Papst Franziskus nur noch im Vatikan wohl auch physisch überleben, wenn er auch den umstrittensten Orden, theologisch zudem extrem konservativ, also den Legionären Christi, sein Wohlwollen zeigt? Die Indulgenz-Ablass-Entscheidung des Papstes von Ende Oktober 2015 wirft auch ein Licht auf die dunklen Verhältnisse in den Palästen des Vatikans. Herrschen dort, wieder einmal, vor-reformatorische Zustände? In jedem Fall sind die neuesten Entwicklungen/Erkenntnisse ein interessanter Beitrag zu dem offiziell propagierten „Jahr der Orden 2015“.

4.

Eine Einschätzung des Ordens „Legionäre Christi“, der bekanntermaßen in Mexiko besonders mächtig ist, von dem mexikanischen Religionswissenschafter Elio Masferrer, mitgeteilt in der spanischen Tageszeitung El Pais vom29. Oktober 2015, siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/10/28/mexico/1446071736_323939.html

Zu Elio Masferrer: http://www.revistaacademica.com/consejo.asp

Zuerst der spanische Text aus El Pais: „Elio Masferrer, presidente de la Asociación Latinoamericana para el Estudio de las Religiones y profesor e investigador emérito de la Escuela Nacional de Antropología e Historia. “[La Orden] es uno de los problemas más graves del catolicismo. Maciel fue un impresentable, un criminal, y es el paradigma de una Iglesia corrupta, alejada de los feligreses”.

Die Übersetzung ins Deutsche: „Elio Masferrer, Präsident der lateinamerikanischen Vereinigung zum Studium der Religionen und Professor (und Forscher emeritus) de „Nationalen Schule der Anthropologie und Geschichte, sagt in der spanischen tageszeitung El Pais vom 29. Okrober 2015: „ Der Orden der Legionäre Christi ist eines der schwersten Probleme des Katholizismus. Maciel (der Gründer) ist ein „nicht gesellschafäftsfähiger“, d.h : eigentlich ein öffentlich gar nicht vorzeigbarer Mensch gewesen, er war ein krimineller und er ist das Modell einer korrupten Kirche, weit entfernt von den treuen Gläubigen (eigentlich: Pfarrkindern)“.

5.

Die Millionärsfamilie Oriol (Madrid) will ihr Landgut von den Legionären Christi zurückhaben.

Die einflussreiche Unternehmer-Familie Oriol fordert vor Gericht die Rückgabe einer Millionenerbschaft an die Legionäre Christi von diesem Orden zurück. Es handelt sich um die Rückgabe des Landsitzes Cerro del Coto, eines Landgut (9,7 Hektar groß), am Rande von Madrid, im reichsten Viertel der Stadt, in Majadahonda. Besonders interessant ist, dass dieser Prozess der Rückgabe eines Geschenks an den Orden von drei ehemaligen Priestern der Legionäre Christi und einer Frau, die als „geweihte Frau“ dieser Gemeinschaft angehörte, verlangt wird, gerade jetzt, nach den bekannt gewordenen Skandalen des Gründers, Pater Maciel. Diese 4 Personen sind Geschwister, sie gehören zur Familie Oriol, die als eine der besonders begüterten Familien Spaniens gilt. 4 Kinder aus ein und der selben Familie bei den Legionären, und alle 4 treten aus dem Orden aus! Dabei hatte die ultrareiche Familie Oriol dem jungen Pater Marcial Maciel geholfen, als er von Mexiko aus in Spanien Fuß fasste … Daran wird deutlich, dass schon um 1945, als Maciel von Spanien aus nach Rom zog, die reichsten Leute auf ihn „hereinfielen“. Maciel ist von Anfang an planmäßig vorgegangen und sich nur um die Reichsten gekümmert. Sozialarbeit war ein Alibi, sagen Beobachter.

Ob es rechtlich möglich ist, eine Schenkung wieder rückgängig zu machen, ist sehr die Frage. Das Beispiel zeigt nur, in welchen höchsten Finanzkreisen sich die Legionäre Christi immer schon bewegen und wie es ihnen gelingt, z.B. prächtige Ländereien als Erbschaften zu „übernehmen“…

Ein Zitat aus der angesehenen Tageszeitung El Pais, Madrid:

„Promotores de Iberdrola y del tren Talgo, los Oriol encarnan a una de las principales riquezas latifundistas españolas. La fortuna de los cinco hermanos Oriol Muñoz superaría los 30 millones de euros, según el periodista de EL PAÍS Jesús Rodríguez, autor de La Confesión (Debate, 2011). De ese dinero, la familia habría entregado 16 millones al movimiento de Maciel durante tres décadas. Su patrimonio se completa con la finca de 957 hectáreas Los Peñones en Hornachuelos (Córdoba) valorada en 14 millones que gestiona la Fundación San Miguel. Y las inversiones inmobiliarias administradas por Javier Oriol, uno de los cinco hijos de Íñigo María de Oriol que no perteneció a la legión. Según el libro de Rodríguez, la orden urdió una campaña “de acoso y derribo” en 2004 para que los Oriol entregaran a Maciel el resto de una fortuna que suma 25 millones. Esta donación se habría frustrado tras destaparse que Maciel (1920-2008) fue un depredador sexual de seminaristas“.

Eine Zusammenfassung auf Deutsch: Die Familie Oriol ist in Iberdrola und im Unternehmen des Express-Zuges Talgo finanziell beteiligt; die 5 Geschwister haben ein Vermögen größer als 30 Millionen Euro; während drei Jahrzehnten hat die Familie Oriol dem Pater Maciel 16 Millionen Euro geschenkt; nach einer journalistischen Recherche zettelten die Legionäre Christi 2004 sogar eine Kampagne voller Belästigungen an, mit dem Ziel, dass die Familie Oriol noch mal eine Summe von 25 Millionen Euro den Legionären übergab…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 



Schuldig. Und mit-schuldig? Philosophische Fragen, um den Terrorismus in Europa besser zu begreifen

20. November 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

siehe den Beitrag: http://religionsphilosophischer-salon.de/7106_den-terrorismus-philosophisch-begreifen_denkbar

oder klicken Sie hier.

 

 

 



Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Religionsphilosophischen Salon am 30.10.2015

31. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Religionsphilosophischen Salon am 30.10.2015

Von Christian Modehn

Das Thema „Herr und Knecht“ bei Hegel hat in der weiteren Philosophie (u.a. Karl Marx) wie in der Literatur (etwa Bert Brecht) eine herausragende Rolle gespielt. Hegels Überlegungen können auch heutige Verhältnisse klären…Sie zeigen und das ist der zentrale Punkt: Es ist der Knecht, der trotz und wegen seiner untergeordneten Stellung das entwickeltere Selbst-Bewußsein sich „erobert“, der den Herrn auch als Individuum wahrnehmen kann, der bewusstseinsmäßig weiter ist als Herr und der als Knecht die Herr-Knecht-Beziehung aufbrechen und verändern kann. Zu einer Anerkennung der Menschen als gleichberechtiger Menschen, die gemeinsam an der Vernunftteil haben.Das ist das Ergebnis der Ausführungen Hegels.

Im einzelnen geht es Hegel um die Beschreibung der Dialektik an einem idealtypischen Verhältnis:

Der Herr ist in seiner Ich-Fixiertheit gar nicht in der Lage, den Knecht als Menschen wahrzunehmen. Er sieht ihn eher als Ding. Zu wahrer Menschlichkeit im Sinne von Respekt vor dem anderen wird der Herr durch den Knecht geführt.

Der Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung ist im Sinne Hegels ein Kampf auf Leben und Tod. Nur der wird den Respekt erlangen, der den eigenen Tod wagt, betont Hegel. Freiheit muss errungen werden. Und Tod muss ja nicht immer als physisches Ende verstanden werden, sondern auch als Zustimmung zu einem einschränkenden Lebensentwurf, in dem es keine Freiheit gibt.

Das Motto Hegels könnte sein: „Die Menschen müssen sich ineinander wieder finden wollen“ (Enzyklopädie III, 220, § 431). Das heißt sich als gleichwertige Teilhaber des einen universalen Geistes anerkennen.

Und Hegel fährt fort: „Dies kann aber nicht geschehen, solange die Menschen in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Natürlichkeit (also in ihrem Egozentrismus), befangen sind. So können die Menschen nicht als freie Menschen füreinander sein. Denn diese Natürlichkeit ist es, dass die Menschen nicht als freie für einander da sein können“,

Mit dem Thema, „Herr und Knecht“ als Kampf um Anerkennung, hat sich Hegel schon sehr früh, etwa in Jena 1802, dann in der „Phänomenologie des Geistes, 1807, befasst, bis hin zu den Vorlesungen über die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (noch einmal in den Vorlesungen 1830).

Das Thema der Herrschaftsüberwindung war damals schon philosophisch und politisch en vogue: Fichte hatte erkannt: Es gibt eine Wechselseitigkeit der Aufforderung: Dass ich frei sein will UND die Begrenzung meiner Freiheit durch den anderen als Bedingung meiner Freiheit respektiere, siehe Fichte: „Grundlage des Naturrechts“ 1796. Das sind eher abstrakte Überlegungen, die aus der Reflexion auf die Ich-Struktur allein zustande kommen.

Anders denkt Hegel: Er verortet das Anerkanntwerden der Menschen in der konkreten Geschichte. Er weiß, dass die Anerkennung des anderen ein Kampf ist, ein politischer Kampf, der einst stattgefunden hat, nun aber im Staat mit den Gesetzen ein gewisses Ziel erreicht hat. Hegel hat die Französische Revolution als das tiefste und einschneidende Ereignis seiner Gegenwart gedeutet. Und er kannte den Sklavenaufstand in Haiti und die Gründung der ersten „Schwarzen“ – Republik 1804. Die Philosophie wollte ihre eigene Zeit in Gedanken fassen, das versucht er bei unserem Thema. Wobei er durchaus seine intellektuellen Grenzen hatte, und von Schwarzen nicht gerade immer wohlwollend sprach.

 Ich fasse einige Gedanken aus der Enzyklopädie, Band III, zusammen: § 431:

Zwei Subjekte sind da, sie sind jeweils noch nicht entwickeltes Selbstbewusstsein. Aber in ihrem Wesenskern als an sich seiende geistvolle Menschen ist Wahres angelegt. Die Menschen sind nicht bloß natürlich, also nicht selbst bewusste Wesen, sie können ein Selbstbewusstsein, ein Sich als Individuum wissen, erwerben. Und sie begreifen sich als freie Wesen erst nach einem langen Prozess.

Frei bin ich, wenn ich in gewisser Weise (als Geistwesen wie der andere) identisch mit dem anderen bin, wenn der andere frei ist wie auch ich frei bin.

Beide sind in ihrer wechselseitigen Freiheit vereint.

Die Menschen sind innerlich in der Freiheit verbunden. Wenn man sich nur sieht als bedürftiges Wesen, als Not leidendes Wesen sieht, dann ist die Beziehung zu dem anderen nur äußerlich, noch nicht geistig, noch nicht als einander zu Freiheit herausrufend. Wenn ich dem anderen nur helfe, mitleidig, sehe ich ihn noch als Objekt. Es kommt darauf an, als freie Menschen für einander frei als gleichberechtigt dazusein. Die Natürlichkeit, also den nicht selbstbewussten, noch unfreien Zustand, kann ich nur überwinden im Kampf.

Nur durch Kampf kann Freiheit erworben werden, dieser Kampf um die Freiheit kann die Gefahr (!) des eigenen und des fremden Todes einschließen. Es gilt also um der Freiheit willen das Leben zu riskieren.

Es geht darum, sich in die Gefahr des Todes zu bringen, also alles zu riskieren, um die Freiheit zu gewinnen, also alles zu wagen, letztlich auf alles zu setzen: Dann erlangt man die Freiheit.

§ 432

Aber der wirkliche Tod des anderen kann gar keine Freiheit der Anerkennung mehr bringen. Die Anerkennung muss also geistig geschehen. Indem man einander als Geistwesen anerkennt. Dieser Kampf auf Leben und Tod findet in der bürgerlichen Welt, im Staat, in dieser Weise nicht mehr statt, mein Hegel, jetzt gibt es vernünftige Gesetze, die das Miteinander der Freiheit regeln.

§ 433

Die wahre Entwicklung zum Selbstbewusstsein macht der Knecht durch. Der Knecht bezieht sich schon auf den Herrn, er nimmt ihn als solchen ernst, zwar noch in der Position der Unterdrückung. Aber der Knecht sieht schon über seinen eigenen engen Horizont der eigenen Einzelheit hinaus. Indem er auch auf den Herrn schaut, arbeitet er sich hoch zu einem wahren Selbstbewusstsein „hoch“. Der Knecht überwindet das Auf-sich-selbst-Fixiertsein, das den Herrn noch bestimmt. Hegel meint: Man muss seine eigene Selbstsucht nichtig finden, als nur auf sich fixiert sein, darum ist der Knecht auf dem Weg der Freiheit. Der Knecht, der Unterlegene, ist also im dialektischen Fortgang der Stärkere.

§ 435 Der Herr bleibt in seiner Selbstsucht befangen.

Ziel dieser Bewegung zwischen Herr und Knecht, dass beide sich als freies vernünftiges Selbstbewusstsein anerkennen. Als Geistwesen, als Menschen, die den gemeinsamen Geist haben in ihrer jeweiligen Individualität.

Damit ist ein Weg beschritten, der zur Überwindung der Einzelheit führt und hin zur Vernunft, die auch im anderen den Geistvollen Menschen sieht. Auch der Herr muss erkennen, dass er seinen egoistischen Willen dem allgemeinen vernünftigen Geist unterwirft.

Der Knecht führt den Herrn zur Freiheit Siehe III., § 436, S. 227.

„Wer für die Erringung der Freiheit das Leben zu wagen, den Mut nicht besitzt, der verdient es, ein Sklave zu sein“ (§435 Zusatz).

Der Kampf kann beendet werden, wenn beide Seiten, die ja nun das Selbstbewusstsein gefunden haben, aufhören, ihre jeweiligen „Rollen“ aufgeben und aufhören eben „Herren“ und „Knechte“ zu sein. Wenn also als neue Menschen aus diesem Prozess hervorgehen.

Hingegen gibt es historisch gesehen immer wieder Entgleisungen in diesem Prozess des Wandels: Der Knecht kann dann der (neue) Herrschende werden und die Rolle des Herrn übernehmen. Dann beginnt die fatale Entwicklung von neuem, es gibt wieder neue Herren und neue Knechte. Diese möglicherweise ständige Wiederholung gilt es zu beenden. Indem beide anerkennen: Wir sind beide gleichwertige, vom gemeinsamen Geist geprägte Wesen, Personen. Wir wollen vernünftig, d.h. geistvoll mit einander leben, im Wissen, dass wir beide Teil haben an demselben universalen Geist, der die Menschheit als Menschheit und letztlich die Welt im ganzen auszeichnet.

Entscheidend ist nun im Blick auf die Flüchtlinge in Europa, in Deutschland, heute:
Es gibt immer noch die Herren, die gerade aus der Nichtanerkennung der anderen, der Sklaven, leben; das gilt für die Verbrecher-Politiker in den arabischen Ländern selbst, aber auch für jene, eigentlich human gesinnten Politiker, die diesen Zustand der Sklaverei in bestimmten Ländern der arabischen Welt oder der „3.Welt“ einfach hinnehmen, weil dieser Zustand den Europäern ökonomischen Vorteil bringt.

Nun brechen sehr viele Oppositionen, „Knechte“ aus diesen Ländern nach Europa auf. Europa weiß selbstverständlich, dass es selbst an dieser Fluchtbewegung mitschuldig ist, indem man eben die Verbrecher-Regierungen in den genannten Ländern aus ökonomischen Profitstreben gewähren ließ und gewähren lässt. Beispiele sind auch Waffenlieferungen aus Europa in diese Verbrecherstaaten.

Jetzt sind also die Opfer, die Knechte, eben als Flüchtlinge aus diesen Ländern, Syrien, Irak usw. bei uns. Gilt dann jetzt hier weiter die Haltung: Ich, der Europäer, bin der Herr, ihr, die Opfer und Flüchtlinge, ihr seid die Knechte. Also die Minderwertigen, über die ich Europäer bestimme und verfüge. „Ich gebe euch Taschengeld, ich lasse euch in Zelten frieren, ich verfüge, wohin ihr geschickt werdet“ usw.

„Ich bin ich, und ich bleibe ich; und die anderen sind eben die anderen, die Fremden, die Minderen“. Ist das die Haltung, die Devise der Herren in Europa?

Genauso abwegig wäre die andere Haltung der Flüchtlinge, der Knechte: Wir mit unserem Glauben (etwa Islam) wollen herrschen und werden eines Tages herrschen als die neuen Herren. Wir haben recht, unsere Religion ist die einzig wahre usw. Solche Positionen haben keine Wahrheit und kein politisches Recht. Toleranz ist das Mindeste.

Wird also der Kampf um die Herrschaft auch hierzulande weitergehen? Wird es immer weitergehen, auch unter veränderten Strukturen, mit der Herrschaft und Unterdrückung?

Hegel lehrt uns und damit die allgemeine Einsicht der Vernunft: Der Prozess des Respekts muss beginnen, der Prozess der wechselseitigen Anerkennung. Also Aufgabe der Herrschaftsgesten der „Herren“ (Europäer) und Sich Einlassen auf die neue Kultur der Gastgebenden Länder als der neuen Heimat der Flüchtlinge.

Es kommt also, Hegel folgend, auf die Veränderung des Bewusstseins im Miteinanders des nun ehemaligen Herrn und des nun ehemaligen Flüchtlings an.

Die Dialektik legt frei: Wir werden im Prozess des veränderten Selbstbewusstseins zu anderen; wir wandeln unsere alte, selbstverständliche Rolle und Identität.

Wir werden neue Menschen, können und sollten jedenfalls neue Menschen werden, wenn wir nicht die alte Welt der Unterdrückung bequemer finden als die eigene Freiheit und Verantwortung für sich und andere.

Noch ein Hinweis zur historischen Genese des philosophischen Motivs „Herr und Knecht“ bei Hegel:

Es geht um die Erkenntnis der Tatsache, dass Hegel schon von den Aufständen der Schwarzen in Haiti und der Gründung der „Schwarzen EX-Sklaven“ Republik Haiti (als erste Republik der „Schwarzen“ seit dem 1.1.1804 unabhängig) gehört hatte. Dafür bietet das überaus spannende und lehrreiche Buch „Hegel und Haiti“ der us-amerikanischen Philosophin Susan Buch-Morss viele Belege. (erschienen auch bei Suhrkamp, 2011, 16 €).

Aus der Geschichte des Befreiungskampfes der Schwarzen Sklaven auf Haiti nur kurz einige Stichworte: Haiti war damals die wichtigste Kolonie Frankreichs, mit Unmengen an Zucker und Kaffee, die von dort durch Sklavenarbeit nach Europa kamen.

Der Hauptakteur der Schwarzen Befreiung war Toussaint L-Ouverture. 1791 organisierte er die Revolte. Dabei spielte die Religion der schwarzen Sklaven aus Afrika, der Voodou, eine zentrale Rolle. „Lauscht der Stimme der Freiheit, die in unser aller Herzen spricht“ , sagten Voodou Priester in Haiti.Erstaunliche Worte aus dem Voodou.

Die Französische Revolution hatte – nicht zuletzt durch den entschiedenen Einsatz des Demokraten, des katholischen Priesters Abbé Grégoire, die Sklaverei abgeschafft. Das hörten die Sklaven in Haiti.

1794 wurde von Ihnen erzwungen, die bereits nun de facto bestehende Abschaffung der Sklaverei in Paris anzuerkennen.

So konnten die freigelassenen Sklaven auf französischer Seite gegen die Engländer kämpfen.

Napoléon wollte die Abschaffung der Sklaverei auf Haiti rückgängig machen, er holte den Schwarzen Führer Toussaint nach Frankreich … und kerkerte ihn ein. Er starb in Frankreich.

Jedoch der Kampf gegen Napoléon ging auf Haiti weiter: Unter dem Schwarzen Jean Jacques Dessalines. Am 1. 1. 1804 führte sein Kampf gegen Napoleon zur Unabhängigkeit Haitis von Frankreich. „Freiheit oder Tod“ war sein Wahlspruch. Die Geschichte Haitis begann mit einem Freiheitskampf der Knechte, der Sklaven. Einige Schwarze (bzw. Mulatten) sahen sich als führende Politiker in Haiti nur als die neuen Herren … und sorgen bis heute den politischen und ökonomischen Niedergang des eigenen freien Landes. Und Europa? Es konnte nicht ertragen, dass die europäischen Herrscher, die Herrenmenschen, von Sklaven besiegt wurden. Die Herren taten alles, um diesen Befreiungskampf zu behindern und die neue Republik der einstigen Knechte, der Sklaven, ab 1804 zu behindern bzw. zu attackieren.

 

Copyright: Christian Modehn

 

 

 



Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

30. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine

Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

Ein Hinweis auf drei Beiträge, die gerade im Umfeld des Reformationstages von Interesse sein könnten.

-Prof. Wilhelm Gräb in einem Interview über Reformation und die Flüchtlinge heute: Klicken Sie hier.

-Über einen Reformator, der wieder in Vergessenheit gerät, Thomas Müntzer, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn.

-Über die Aktualität und Gegenwart des Ablasses, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn

 

 



Franzosen, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen…

16. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Franzosen, die in den „heiligen Krieg“ ziehen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein Wort vorweg:

Es gibt in Frankreich eine angesehene Zeitschrift, die sich unabhängig von konfessionellen Bindungen –das Blatt ist selbstverständlich an den großen Kiosken zu kaufen – der Welt der Religionen widmet: „Le Monde des Religions“ ist der Titel. Da klagen immer noch Leute in Deutschland, die von Frankreich wenig (bzw. gar keine) Ahnung haben, dass dort der totale Laizismus herrscht und religiöse Themen in der Öffentlichkeit nicht vorkommen. Das ist natürlich falsch, diese Meinung wird allein schon widerlegt, dass in Frankreich an jedem Sonntag seit Jahrzehnten von 8.30 bis 12 Uhr alle großen Religionen in eigener Verantwortung ! (also Buddhisten, Juden, Muslime, Orthodoxe, Protestanten und Katholiken) ihr eigenes religiöses Programm gestalten können, auf France 2. Und nebenbei nur ganz schnell: Es gibt in Frankreich immer noch eine lesbare, sogar zitierfähige, dogmatisch nicht allzu enge katholische Tageszeitung, La CROIX mit Namen, Auflage ca. 90.000. Zu solchen Leistungen ist die Milliarden-reiche deutsche katholische Kirche gar nicht in der Lage. Bekanntlich sind die Kirchen aufgrund der Trennung von Kirchen und Staat eher „arm“.

Zurück zu dem Heft „Le Monde des Religions“. Dort wurde am 22. 9. 2015 ein interessanter Beitrag auf der website des Blattes publiziert über die jungen Leute, die aus Frankreich in den angeblich „heiligen Krieg“ in Syrien etwa ziehen. Wir wollen den deutschen LeserInnen einige Erkenntnisse dieses Artikels nicht vorenthalten, weil ja leider (!) Französisch eine Sprache in Deutschland (und fast überall) ist, die nur noch Minderheiten sprechen.

Es gibt in Paris ein Zentrum, das sich mit der Prävention gegen das Abgleiten ins Sektiererische im Islam befasst. Es heißt CPDSI, siehe: http://www.cpdsi.fr/. : Dounia Bouzar leitet, vom Innenminister beauftragt (!), diese „Association“, also dieses auf für französische Verhältnisse üblicherweise vereins-mäßig organisierten Präventionszentrum.

Heute haben die jungen Leute, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen wollen, ein sehr unterschiedliches Profil, betont Dounia Bouzar. Sie stammen aus muslimischen, christlichen und atheistischen Familien, und „meme juifs“, also selbst aus jüdischen Familien, betont die Leiterin.

Die meisten sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. „In diesem Alter haben junge Menschen das Gefühl, gesandt zu sein zur Rettung der Welt“.

Diejenigen, die diese jungen Leute anwerben, sind ganz ins französische Leben integriert. Sie gaukeln den jungen Leuten die wahren Werte der Brüderlichkeit und Solidarität vor.

Das Ziel der seelischen Bearbeitung durch die „Werber“ ist: Die jungen Leute sollen jegliche Vertrauen verlieren in die Welt, in der sie groß geworden sind. Das Motto heißt: „Alle sind hier verdorben, alle lügen. Nur eine Art blutiger Endkampf könne die reale Welt heute noch retten“.

Für diesen Kampf werden die jungen Leute vorbereitet: Sie müssen mit ihrer ganzen bisherigen „Welt“ brechen, mit ihren musikalischen Vorlieben etwa, vor allem aber mit der Familie. In dieser äußerst kritischen Situation hilft es nach Dounia Bouzar gar nichts, noch einen „verständnisvollen Imam“ zu bewegen, mit dem Jugendlichen zu sprechen, um den Jugendlichen von seinem Vorhaben abzubringen. Wichtiger ist die Mitarbeit der Familie, Dounia Bouzar nennt das – in Anlehnung an die Erinnerungs“arbeit“, wie sie Marcel Proust beschreibt, „la madelaine de Proust“. Bekanntlich war beim Erleben, Riechen, Genießen einer Madelaine die Erinnerung bei Proust wach geworden, wie denn die früheren, längst vergangenen Jahre waren. Diese Methode soll versuchen, den betroffenen Jugendlichen an die schönen Zeiten in der Familie und unter Freunden zu erinnern. Es sollen Gefühle geweckt, wie die gemeinsame Vergangenheit früher aussah, es waren doch angenehme gemeinsame Stunden. Erst dann kann ein tieferer religiöser Dialog beginnen.

Dounia Bouzar hat 2015 in dem Verlag “Editions de l Atelier“ (Paris) das Buch veröffentlicht: „Comment sortir de l emprise djihadiste ?“. 160 Seiten, 15 Euro.

Zu dem Beitrag in „le Monde des Religions“ siehe: http://www.cpdsi.fr/actu/dounia-bouzar-le-registre-de-la-raison-est-inefficace-pour-parler-a-un-jeune-embrigade-le-monde-des-religions-fr/