Befreiung

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Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik, Termine

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Lektürempfehlung für alle, die Spanisch lesen können: Ein Beitrag (2014 publiziert)  von dem berühmten Recherche-Journalisten Raul Olmos (Mexiko)  über das Finanzimperium der Legionäre Christi, klicken Sie hier, auch mit hübschen Fotos.

Papst Franziskus besucht vom 12. bis 18. Februar 2016 Mexiko, sicher mit wichtigen Begegnungen in der Drogen-Stadt Ciudad Juarez oder in Chiapas, wo die Indigenas heftigsten Verfolgungen der Regierungen ausgesetzt waren. Und der „Indio-Bischof“ Ruiz vom Vatikan bedrängt, wenn nicht verfolgt wurde. Aber Papst Franziskus besucht auch das Land, das die Opfer des sexuellen Mißbrauchs in der römischen Kirchewelt stets im Kopf und in der verwundeten, zerstörten Seele haben, das Land, in dem der immer noch existierende Orden „Legionäre Christi“ von dem mexikanischen jungen Mann Marcial Maciel vor 60 Jahren gegründet wurde. Fehlt nur noch, dass der Papst an Legionärs-Geburtstagsparties in Mexiko-Stadt, etwa an der edlen Privatuni des Ordens, teilnimmt.

Der Ordensgründer Marcial Maciel wurde selbst von dem eher feinsinnigen und moderaten Papst Benedikt XVI. als unwürdiges Geschöpf und gar als Verbrecher bezeichnet, zu lang ist die Liste seiner Jahrzehnte langen Verbrechen an Knaben, zu lang die Liste seiner Betrügereien, seiner grenzenlosesten Habgier .. und die Liste seiner dem Anschein nach frommen Bücher usw. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat über die Gestalt Pater Maciels, eines ganz dicken Freundes von Papst Johannes Paul II. und etlicher Kurien-Kardinäle, seit 10 Jahren berichtet.

Wir weisen anläßlich der Reise des Papstes nach Mexiko, förmlich DAS Legionärsland immer noch, auf ein wichtiges Buch über den Milliarden Dollar-reichen Orden eines mexikanischen TOP-Journalisten hin…. und fragen uns, warum denn eigentlich kein Verlag deutscher Sprache, kein ARD Sender, kein kompetenter Regisseur wie etwa Ulrich Seidl sich dieses Themas annimmt. Nirgendwo ist die Korruption im römischen System deutlicher mit Händen zu greifen als bei den Legionären Christi. Der mexikanische Recherche-Journalist Raul Olmos hat inzwischen (2015) eine umfangreiche Studie als e book über das Finanzimperium der Legionäre Christi publiziert. Bisher hat sich kein Verlag in Deutschland für diese Studie interessiert…Wir erinnern noch einmal daran, dass schon 2001 der spanische Journalist Alfonso Robles Torres in seiner Studie („La prodgiosa aventura de los Legionarios de Cristo, Madrid FOCA) darauf hinwies, dass der mexikanische (aus dem Libanon stammende) MultiMILLIARDÄR Carlos Slim und seine Familie mit dem korrupten Ordensgründer Marcial Maciel eng freundschaftlich verbunden war, „como el sacerdote de cámara de la familia Slim“, Seite 51, also „wie ein Hausgeistlicher der Familie Slim“. Das Vermögen der mexikanischen Familie Slim wird auf 60 Milliarden Dollar (2008) geschätzt, so die Pariser Zeitschrift aus dem Haus Le Monde, „Manière de voir“, Juin 2008, Seite 45).

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Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

3. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Der Mensch als Gabe, die Welt als Gabe

Hinweise von Christian Modehn

Im Umfeld des Weihnachtsfestes haben wir in kleinem Kreis versucht, einige Elemente einer Philosophie der Gabe und des Gebens deutlicher zu sehen. Damit versuchten wir, dieses besonders unter französischen Philosophen der Gegenwart diskutierte Thema uns näher zu bringen.

Wir sind als Menschen immer schon Gebende (und Nehmende) und manche deuten das Dasein, ihr eigenes Dasein, nicht in der objekthaften Weise des bloßen Vorhandenseins, sondern eben als Gegebensein, als Gabe, bzw., wie bei Heidegger (und dann auf andere Art auch) bei Sartre, als „Geworfensein“. Auf die Unterschiede der beiden Daseinverständnisse (Gegebensein/Geworfensein) folgen weiter unten einige Fragen und Hinweise.

Die Frage nach der Gabe und dem Geben ist also kein philosophisches und religionsphilosophisches (auch theologisches) Sonderthema etwa einer speziellen Anthropologie, die sich mit „allerhand“ Nebenaspekten des Daseins befasst…Vielmehr: Diese Frage ist fundamental für das Selbstverständnis der Menschen. „Ich bin eine Gabe“, ist ein beinahe poetisches Selbst-Bekenntnis zu einer Wirklichkeit, die über alles Technisch-Fixierte hinausgeht, die in eine Herkunft „von weither“ verweist…

Dabei bleibt offen, warum sich Menschen etwa in buddhistisch geprägten Kulturen nicht als Gegebene, nicht als Gabe, verstehen. Es hängt wohl damit zusammen, dass die Vorstellung einer Schöpfung, einer schaffenden und gebenden (göttlichen) Kraft in buddhistischen Kulturen nicht in den Blick gerät. Daraus können wir schließen, dass der Gabe-Begriff und die Realität des Gebens und des Gegebenseins in den europäischen Raum gehört, der von biblischen Vorstellungen geprägt bleibt, zumindest in der Annahme, auch bei vielen ernstzunehmenden Denkern, dass es einen schlechthin Gebenden, einen „Schöpfer“ der Erde und damit der Menschen „gibt“. Aber inwieweit dieses „Gegebensein“ des „Göttlichen“ von den anderen Gebenden verschieden ist, muss noch geklärt werden. Es „gibt“ Gott in einer alltäglichen Form, außerhalb jedes Analogiedenkens, natürlich nicht!

Damit gibt es dennoch die Vermutung, dass Gabe, Geben, Gegebensein, ja selbst Geworfensein (Wer wirft?) mit einer Vorstellung einer göttlichen schöpferischen Kraft verbunden sein können. Wer aufmerksam die Texte des Neuen Testaments liest, wird an vielen Stellen auf die Gabe als Zentralbegriff christlicher Spiritualität stoßen. Die Texte der Weihnachtsliturgie aktivieren alttestamentliche Texte, wenn es etwa heißt: “Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt (gegeben), und die Herrschaft liegt auf seinen Schultern. Man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens“. (Aus dem Buch des Propheten Jesaja 9, 6 in der Einheits-Übersetzung).

Zahlreiche Weihnachtslieder beziehen sich sehr direkt auf diese Zusage des Propheten; diese sehen die Christen in der Gestalt des Jesus von Nazareth erfüllt. Und das ist „eigentlich“ Weihnachten, das Fest, in der die Gabe des göttlichen Kindes, besser des von Gott geprägten Menschen Jesus von Nazareth gefeiert wird.

Alle Geschenke, die an diesem Tag ausgetauscht werden, wenn sie denn Ausdruck der Freude sind, also mehr sind als ein banaler Konsumrausch, der sich schon selbst nicht mehr versteht, beziehen sich (oder bezogen sich) auf diese Gabe Gottes! Wegen der „Gabe“ Gottes geben wir Menschen weiter. Unser Geben ist Antwort. Für die kapitalistische Konsum-Unkultur sind diese Sätze unbrauchbar, wenn nicht lächerlich.

Es ist letztlich die Erhöhung „des“ Menschen als Menschen, die da Weihnachten gefeiert wird. Diese Erhöhung des Menschen als Menschen, Religionsphilosophen, auch Mystiker sprechen von dem „göttlichen Kern, göttlichen Funken“, ist DIE Gabe schlechthin. Auf dieser Basis können sich Menschen als „gegeben“ (also geschaffen) und beschenkt erfahren und deuten.

Die religionsphilosophische Basis fürs Schenken ist die Erkenntnis: Dass jeder Mensch sich selbst als Gabe versteht: Ich bin jemand, der von anderen Menschen gegeben wurde; ich bin selbst ein Geschenk, das sagen ja Eltern oft von ihren Kindern, wenn sie sich denn über ihre Kinder freuen. Aber nun sind die Eltern selbst wiederum Geschenke für ihre damaligen Eltern usw. Das heißt, jeder Mensch ist eigentlich ein Geschenk. Diese unendliche Reihe von Schenkenden (Eltern) und Beschenkten (Kinder als Geschenk) kann durch die Hebung auf eine neue, qualitativ andere Ebene verstanden werden: Indem ein prinzipiell Schenkender, den die Menschheit auch Schöpfer nennt, gedacht wird: Die konkrete Gestalt dieses ursprünglich, gründend Schenkenden, kann natürlich im Detail nicht exakt, schon gar nicht wissenschaftlich beschrieben werden, weil diese Wirklichkeit des ursprünglich Schenkenden, alles weitere Schenken erst stiftenden, nicht in die materielle Welt der Forschungs-Objekte gehört. Wenn dieser Schöpfer also nicht wissenschaftlich, d.h. für alle Leute ja immer noch „naturwissenschaftlich“ beweisen werden kann, ist das auch richtig so: Dieser alles gründende Schöpfer kann nicht bewiesen, er kann nur als notwendige „Ursache“ gedacht und vor allem erfahren werden, als erstaunlicher, sagen wir ruhig, wunderbarer Stifter des Lebens. Welche Eltern meinen denn im Ernst, sie allein seien die Schöpfer und die Macher (und damit dann wohl auch die Herren) ihres Kindes? Wahrscheinlich kann nur Poesie, kann nur Musik umfassend diese Einsicht ausdrücken…

Von daher ergeben sich weitere Konsequenzen: Wir erleben uns selbst und damit die Welt im ganzen als eine gegebene. Wir leben also in einem vor-gegebenen Umfeld, über das wir wesentlich nicht verfügen können. Selbst wenn wir die Natur zerstören, zerstören wir die uns gegebene (und uns anvertraute) Natur. Und wenn bald Roboter an unserer Seite stehen mit einer angeblichen Intelligenz, dann sind es eben von uns gemachte Wesen, von uns gemacht, die wir selbst „gemacht“, also gegeben sind. Erst wenn die von uns gegebenen Roboter sich selbst vermehren, wird es problematisch, aber dann sind es doch immer noch Roboter, die wir so gemacht haben, dass sie sich selbst vermehren…Dies nur als kleiner Ausblick zum Thema Relativität und Beschränktheit unserer Autonomie.

Jean-Paul Sartre sprach in „Das Sein und Nichts“ von dem Geworfensein als der alles gründenden Existenzform des Menschen. Darin durchaus Heidegger folgend, siehe Sein und Zeit. Geworfenheit bei Heidegger bedeutet „die konstitutive Form jedes Lebens, ungefragt und ohne persönliche Zustimmung in die Welt gekommen zu sein. Diese Struktur der Faktizität bedeutet für jeden Lebenden, `sein Da sein zu müssen`“, so Thomas Rentsch, in „Heidegger Handbuch“, Stuttgart-Weimar, 2003, Seite 63). Thomas Rentsch schreibt: „Die formale Grundstruktur menschlicher Existenz, wie sie Heidegger freigelegt hat, trägt Züge einer gottlosen Theologie: Der (christlichen) Lehre von der Schöpfung entspricht die von der Geworfenheit….“ (ebd. S. 74).

Bei Sartre wird der Gedanke zur Freiheit (also zum eigenen Leben) verurteilt zu sein, mit eigenen Erfahrungen verbunden. In seiner Kindheitsbiografie schreibt Sartre: “Er lernte einen Gott kennen, den seine Seele gerade nicht erwartete, ich brauchte einen Weltschöpfer, aber man gab mir einen obersten Chef“. Sartre erlebte also einen Gott als einen obersten Polizisten, dies empfang Sartre so wörtlich „als grobe Taktlosigkeit“ (vgl. Lexikon der Religionskritik, Herder-Verlag, S. 270).

Es lohnt sich vielleicht, die inhaltlichen Bestimmungen von Geworfensein und Gegebensein weiter zu bedenken. Ich meine: Mit dem Wort „Geworfen“ klingt mit das Hingeschleudert-, Abgelagert-, Hingelegtsein. Tiere werfen bekanntlich, wenn sie Junge zur Welt bringen. Die Mutter Tiere ziehen die Kleinen auf, aber wenn sie stark sind, verliert man sich aus den Augen. Der Mensch als Geworfener weiß eigentlich nicht, wer oder was da ihn warf. Er MUSS sein Leben gestalten, so recht und schlecht. „Jeder Existierende fühlt sich überflüssig alles ist grundlos, exstieren ist nur einfach Dasein“, so Sartre (zit. in Lexikon der religionskritik, S. 272). Der Mensch ist eine nutzlose Leidenschaft. Soweit Sartre…

Zur aktuellen französischen Philosophie der Gabe:

Sie ist sehr vielfältig, aber meist beziehen sich die Philosophen auf den grundlegenden Text des Ethnologen und Soziologen Marcel Mauss, er hat 1924 – auf Französisch – das Werk veröffentlicht: „Die Gabe. Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften“.

Nur ein erster kurzer Hinweis für das weitere Studium: Mauss zeigt, wie das Geben und Nehmen, dann das Antworten mit Geschenken auf die Gabe, eine Art gründende Funktion hat für den Aufbau einer Gesellschaft in archaischen, frühen Zeiten der Menschheit. Es läuft darauf hinaus, dass sich Menschen als Gebende gegenübertreten und dadurch in dieser Form der Bekundung von Nähe, wenn nicht Freundschaft, dann Feindseligkeiten, ja Gewalt überwinden. Es wird durch die Gabe ein soziales Band gestiftet. Dabei geht es nicht zuerst um Tausch, also um ein Zurückgeben einer Sache im gleichen Wert, sondern die Gabe kann durchaus als selbstloses Geschenk verstanden werden. So können Formen von Verbindungen, Bündnisse, entstehen, auch Formen der wechselseitigen Anerkennung.

Das Thema Geben wird in Frankreich heute vertieft. Wir können hier nur andeuten zur weiteren Vertiefung: Etwa Marcel Hénaff, „Der Preis der Wahrheit“, Hénaff ist sicher einer der ganz großen Denker der Gabe heute. Kritisch dagegen Pierre Bourdieu, etwa in seiner „Praktischen Vernunft“: Beim Geben werden die realen Interessen verschleiert. Geben und Gabe beschönigen nur die Verhältnisse.

Ich meine: In unserer kapitalistischen Gesellschaft ist der großzügige Mensch, der schenkende Mensch, eigentlich ein Narr. Diese Gesellschaft will keine Schenkenden. Sie liebt nicht die freie Gabe, die Großzügigkeit, das Nicht-Berechnete, sie liebt nicht die überraschend eintretende Freiheit als Handlung der Liebe. Alles wird in Geld-Beträge umgerechnet. „Wie du mir, so ich dir“, heißt dann das Prinzip, das auch bis ins Militärische sich ausweitet. Kann die freie Gabe diese Gesellschaft noch „retten“? Sie wertet den Menschen auf, befreit von der materiellen Verwertbarkeit, schafft Raum für ein befreites Dasein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 



Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Soldalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale, der Dialog mit den indigenen Religionen sehr bedroht), dagegen konnte (und wollte) der Freund Müller offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutérret, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik?

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge: Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

14. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Von der Herrschaft des Scheins und der Lüge

Hinweise zu einem philosophischen Salon in der Weinhandlung „Sinnesfreude“ am 11.12.2015

Von Christian Modehn

Diese Hinweise bieten einige zentrale Aspekte meines Vortrags und der Diskussion. Das Thema „Leben wir in einer sich totalisierenden Schein-Welt“ bedarf noch weiterer Überlegungen.

Kürzlich sprachen Herr Baumeister, Leiter des schönen und empfehlenswerten Weingeschäftes „Sinnesfreude“ (Jonasstr. 32) und ich über ein neues gemeinsames Salon-Projekt. Und da fiel uns das Thema „Der reine Wein“ ein. Im Mittelalter schon galt die Forderung „Wir wollen uns reinen, d.h. unverfälschten Wein einschenken“, d.h. wir wollen uns nicht permanent belügen und etwas vorgaukeln. „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit“, sagte in diesem Sinne der im Mittelalter noch geschätzte Apostel, genannt Paulus, im Epheserbrief des NT. Aber das nur am Rande.

Es gibt jetzt immer mehr Winzer, die, wie sie sagen, authentischen Wein produzieren, also nicht nur ökologisch sauberen, sondern auch nach alten Gebräuchen hinsichtlich der Platzierung der Weinstöcke, der handverlesenen Ernte usw.; sie produzieren reinen Wein von außergewöhnlichem Geschmack. Herr Baumeister ließ uns probieren, diesen reinen Wein aus dem Friaul.

Beginnen wir also mit der Frage nach dem „echten“ Wein: Was ist mit den Leuten, die im Supermarkt eine Flasche mit der Etikette „Chablis“ oder „Chateau Neuf du Pape“ für etwa 4 oder 5 Euro kaufen. Wir wissen, dass die genannten französischen Weinregionen als die besten gelten. Und im Ernst kann man eigentlich keine dort produzierte Flasche unter 18 Euro kaufen. Natürlich muss man auch dort den „großen Namen“ mitbezahlen…

Was ist aber los, wenn diese Leute mit ihrem 5 Euro-Chablis glücklich sind? Wenn sie glauben, es wäre tatsächlich ein Wein aus Chablis, es würde also kein Etikettenschwindel vorliegen? Diese Konsumenten, so werden Menschen in der Konsum/Geschäftswelt fixiert, werden wohl so lange Chablis für 5 Euro weiter trinken, als er ihnen schmeckt, vielleicht können sie gar keinen Vergleich mit echtem Chablis herstellen bzw. ihn sich finanziell nicht leisten. Und vor allem: So lange sie morgens, nach einer Flasche Supermarktwein, nicht mit Kopfschmerzen aufwachen, werden sie bei ihrem preiswerten Komsum, Genuss (?), bleiben.

Wenn sie aber erfahren, dass der billige „Chablis“ ein Verschnitt von anderen sauren Landweinen ist, werden sie sich betrogen fühlen und sich vielleicht anderem Wein zuwenden. Und den Betrüger des sauren „Chablis“ am liebsten bestrafen. Aber die Mixer und Panscher kennt fast niemand. Vielleicht der Großhändler? Also: Der Wein kam aus anderen Regionen, hatte bestenfalls Landwein Niveau, und wurde nur in der Nähe von Chablis abgefüllt… Den Täter, moralisch gesprochen: den Lügner, kann man also kaum greifen, zumindest nicht als kleiner und dumm gemachter Konsument…

Erst die Krise führt uns aus einer Scheinwelt heraus, lässt uns ahnen, dass es eine andere, wahre Welt eigentlich geben sollte.

Diese Art von Betrug und Erzeugung von Scheinwelten durch die Manipulation der großen Unternehmen ist nahezu uferlos. Solange der Konsum billig sein soll und als Wegwerfware produziert wird, werden wir dem Echten nicht mehr begegnen. Aber der Zweifel ist da: Die schöne Hose soll also „made in Italy“ sein? Das glaubt keiner mehr! Tatsächlich wurde sie z.B. in Bangladesh auf ausbeuterische Art unter kriminellen Methoden mit der miesesten Bezahlung zusammen geschneidert und in Italien mit dem Gütesiegel versehen. Jeder und jede kann da weitere Beispiele aus seinem Erleben finden.

Interessant ist ja, dass der Schein des Authentischen, des Echten, von den lügnerischen Produzenten unbedingt gewahrt werden soll. „Chablis“ muss auf der billigen Fusel-Flasche verstehen. Eine Flasche mit dem Etikett „Eine Mixtur von Landweinen aus Böhmen, Ungarn und Rumänien“ (nichts gegen diese Länder!) würde wohl niemand kaufen. Oder doch? Und eine Hose, eine Bluse, was auch immer, mit dem Vermerk „Made in Bangladesh“ würde man auch so schnell kein Mensch kaufen. Da steckt zudem ein gewisser Rassismus dahinter: Kann aus diesem „armen“ Land des Elends Gutes kommen? Oder ein ethisches Bewusstsein meldet sich zaghaft, aber folgenlos: „Mein Gott, da werden ja Frauen ausgebeutet….“ Das heißt: Die Authentizität, das Wahre, wird als Bezugspunkt von Produzenten und Konsumenten als Ideal vorausgesetzt. Sie, die Betrüger, und wir, die Konsumenten, wollen eigentlich das Wahre und Echte, heißt die philosophische Erkenntnis. Wir können uns nur nicht an das Wahre und Echte in der Lebenspraxis halten, weil wir alles möglichst billig wollen, bequem, vielleicht wollen wir sogar belogen werden? In jedem Fall ist Authentizität, wenn man das schwierige Wort verwenden will, nicht der oberste und erste absolut zu respektierende „Wert“ für die meisten. Sondern Sparsamkeit und Bequemlichkeit….

Philosophisch könnte man ja die gesamte uns begegnende Wirklichkeit als Erscheinung, als Phänomen, ansprechen. Da zeigen sich die Dinge, die Phänomene nun genannt, von sich aus, so wie sie sind. Und wir können mit kritischer Reflexion diese echte Erscheinung als solche auch annähernd erkennen, zumindest den schön genannten Schein als Lüge entlarven.

Aus den Phänomen, den Erscheinungen, kann schnell der Schein werden, der so genannte  schöne Schein, der von Menschen in Gang gesetzte manipulative Eingriff in die Gestalt der Erscheinungen, der „Dinge“. Dann wird daraus der Schein, die Lüge. Diese aber erkennt man nicht sofort, weil man ja ohne eine elementare Form von Glauben nicht leben kann, etwa, indem man sich sagt: „So wird es schon sein, was der oder die da sagt“. Oder: „Diese Flasche wird schon Chablis sein“ usw. Wenn wir prinzipiell jede Äußerung, jede „Erscheinung“, exakt auf die Echtheit hin überprüfen würden, dann könnten wir gar nicht mehr leben, wir hätten nur noch damit zu tun, unsere Skepsis zu falsifizieren usw. Wir müssen also förmlich auch in der Konsumwelt an die Konsumwelt „glauben“, d.h. ihr vertrauen.

Dieses Verhalten prägt uns aber auf Dauer,verdirbt förmlich den Charakter, man macht es sich in der Scheinwelt bequem: Ich will hier an Thomas Bernhard erinnern:, an seinen großen Roman „Holzfällen“ von 1984. Der Ich-Erzähler schildert darin seine Eindrücke von einem Abendessen in Wien, bei einem Ehepaar, mit dem er einst befreundet war, den „Auersperger“. Er beschreibt, wie verlogen, wie nicht-authentisch, die Gastgeber sind: „Den Anschein von allem haben sich diese Leute immer gegeben, wirklich gewesen sind sie nichts. Diese Leute haben keine Existenz, sondern nur eine nachempfundene Existenz“. Aber die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Gastgeber. Der Icherzähler ist selbstkritisch genug, er sagt von sich selbst: „Ich habe allen alles immer nur vorgespielt, ich habe mein ganzes Leben nur gespielt und vorgespielt, sagte ich mir auf dem Ohrensessel, ich lebe kein tatsächliches, kein wirkliches, ich lebe und existiere nur ein vorgespieltes Leben, ich habe immer nur ein vorgespieltes Leben gehabt, niemals ein tatsächliches, wirkliches, sagte ich mir, und ich trieb diese Vorstellung soweit, dass ich schließlich an diese Vorstellung glaubte“ (zit. aus „Thomas Bernhard, Eine Biografie. Von Manfred Mittermayer, Wien-Salzburg 2015, Seite 372 f.). Einen Menschen erwähnt Thomas Bernhard als einen authentischen, wahrhaftigen Menschen, die Dichterin Ingeborg Bachmann: „In jeder Zeile, die sie schreibt, ist sie ganz, ist alles aus ihr“ (ebd. S. 409).

Das ist wieder die Sehnsucht: Ein authentischer Mensch möchte ich eigentlich sein…Kann ich aber in dieser mich selbst schon völlig umfassenden Scheinwelt selbst noch ein echter Mensch sein? Wo udn wer ist eigentlich mein Selbst? Wer bin ich eigentlich bei der Vielzahl der Funktionen und Rollen, die ich im Laufe eines Tages spiele und wohl auch spielen muss. Ist meine eigene Mitte nur noch das Bewusstsein, dass ich viele Rollen spiele und diese jeweiligen Rollen transzendiere? Wie sähe unsere Gesellschaft aus, wenn jeder dem anderen seinen subjektiven Eindruck von der Wahrheit des anderen direkt sagen würde? Könnten wir das ertragen? Gäbe es dann Gewalt-Exzesse als Ausdruck des Beleidigtseins oder wäre man einander dankbar, dass die Lügerei mit Notlügen und das Schöngetue und die Ausreden usw. ein Ende haben? Andererseits: Kann meine Meinung über eine Person ja auch nach einem Monat wieder eine andere Meinung sein? Wie geht man dann gesprächsweise mit der neuen „Wahrheit“ um? Ist, anders gesagt, nicht auch die Lügerei, das Schöngetue, die Ausrede, eine Rettung vor allzu viel Verwirrung?

Philosophen waren da anderer Meinung. Im Christentum, etwa durch Augustinus, galt die Überzeugung: Lüge ist in jedem Fall böse. Die Begründung ist metaphysisch: Denn Gott hat bekanntlich die Welt allein durch sein Wort geschaffen. So schafft die Lüge als Wort auch eine gewisse neue Welt, die Welt der Lüge. Da werden plötzlich neue Zusammenhänge gestiftet, alte Überzeugungen geraten in Unordnung usw. Bekanntlich wird der Teufel der Fürst der Lüge genannt. In der Lüge findet also eine Art neue Weltschöpfung durch Menschen statt. Und das ist eine Lästerung Gottes.

Erst bei dem mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gab es dann eine größere Toleranz für die Lüge: Es wurden Abstufungen der Lüge eingeführt.

Selbst die Notlüge wollte Kant in seiner Ethik nicht zulassen. Er konnte die Lüge auch als Ausnahme nicht gelten lassen. Denn wenn sie möglicherweise üblich wird, dann gerät alles Wirkliche ins Wanken. Denn es kann ja sein, dass ich mit meiner Notlüge einen anderen Menschen schütze, der es nicht verdient hat und der selbst mich noch belügt. Allerdings sah Kant nicht, dass es wirklich schützenswerte Personen gibt, die nur durch Notlügen gerettet werden. Aber Kant bleibt dabei: Nur die absolute Abwehr der Lüge schafft ein menschliches Klima der Wahrhaftigkeit und des Echten.

Anders dachte der Philosoph Friedrich Nietzsche, auch das kann hier wieder angedeutet werden: Er neigte dazu, die gesamte Wirklichkeitserfahrung als Schein und als Lüge zu interpretieren. Nietzsche hat gegen die übliche Wahrheitserkenntnis (=Phänomene als solche erkennen) gekämpft, er sagte: „Es ist nicht mehr als ein moralisches Vorurteil, dass Wahrheit mehr ist als Schein“ (Nietzsche Handbuch S. 258). Alle unsere Erkenntnisse sind für ihn auf Schein bezogen. Schein ist das Lebendige überhaupt. (Aber er behauptet diesen Satz dann doch als Wahrheit und gerät damit in einen Selbstwiderspruch).

Nietzsches Philosophie ist der Versuch, die umfassende Kritik als Zweifel auch auf die Vernunft anzuwenden. Was die Vernunft zeigt, das Gute und das Wahre etwa, ist für ihn nur eine Form der Lüge, des Falschen. Es gibt eigentlich nur Irrtümer, nur Lügen, „die Irrtümlichkeit der Welt ist das Sicherste und Festeste“ (in Nietzsche Handbuch S. 258). Man handelt moralisch, sagt also die übliche Wahrheit, nicht etwa, weil es die Vernunft gebietet, sondern weil es bequemer ist, sich dieser Wahrheit als der allgemein vorherrschenden Lüge anzuschließen. Der grundlegende Impuls alles Menschlichen ist für Nietzsche die eigene Machterweiterung. Jede moralische Handlung folgt entweder der Gewohnheit oder der Berechnung, „davon selbst etwas in Besitz zu nehmen“. Eine private Lüge auf Dauer zu verteidigen, erfordert zu viel Aufwand. „Wir lieben die Wahrheit also nur, weil wir für die Lüge zu träge sind“. Wer eine Lüge erfindet, muss zu ihrer Plausibilität 20 andere dazu erfinden). (vgl. Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche, 1992, S. 125, und Nietzshce, „Menschliches Allzumenschliches, Nr. 54)..

Aber indem Nietzsche doch noch von Schein als solchem sprechen konnte, wurde doch deutlich, dass auch er in seiner Vernunft über die angeblich absolute Scheinwelt hinausgelangt war. Eine totale Bindung in einer Schein-Welt gibt es also nicht.

Das ist auch politisch von höchster Bedeutung. Wir leben in einer Welt, selbst in den so genannten Demokratien des Westens, in denen der schöne Schein uns von allen Seiten, durch die Medien, eingeredet wird. Das ist eine Tatsache, die evident ist, auch wenn sie jetzt von rechtsextremen Kreisen aus ganz anderen Motiven hoch gepuscht wird. Wenn die US-Amerikaner etwa Libyen von der Diktatur befreien wollten, sagten sie das nach außen, zum Schein: Der Diktator muss weg. Entscheidend war die (falsche) Erwartung, danach ganz leicht an das libysche Erdöl „heranzukommen“. Warum hat denn der George W. Bush den Irak-Krieg gegen alle Vernunft und gegen alle internationalen Verabredungen angefangen? Weil er …. ja weil er das Öl und den Einfluss in der Nachbarschaft vom Iran haben wollte. Dies alles ist tausendfach von den seriösesten Politologen beschrieben worden: In jedem Fall: Auch die „Demokratien“ erzeugen allzu oft und aus diplomatischen Gründen immer mehr den schönen Schein und versuchen die Bürger für blöd zu erklären. Was ihnen sehr oft ja gelingt.

Aber immer wieder passiert es or allem unter extremen Bedingungen, dass die Bürger genug vom lügenhaften Verhalten der Herrscher haben. Sie wollten „In der Wahrheit leben“, wie ein Buch des großen Intellektuellen, des tschechischen Politikers Vaclav Havel, heißt. Diese Menschen in Prag hatten genug von den staatlichen Lügen der Kommunisten, von dem Gerede vom Sieg und vom Glanz des Sozialismus. Sie durchschauten diese perfide Welt des Scheins. Die Lügner-Politiker, die sich Sozialisten nannten, mussten also entfernt werden, durch die samtene Revolution in Prag gelang es. Havel wurde zu einem der Initiatoren der „Charta 77“: Und „Havel wurde zu einem ihrer Sprecher. Das Dokument forderte die Einhaltung der Menschenrechte und der bürgerlichen Grundfreiheiten. Die Charta 77 pochte dabei lediglich darauf, die geltenden Gesetze zu respektieren. Die Unterzeichner nahmen die Regierenden beim Wort und entlarvten so das formale Rechtssystem als bloßen Schein. Sie demaskierten den Unrechtsstaat. Sie zeigten mit dem ausgestreckten Finger auf des Kaisers neue Kleider und riefen: „Der Kaiser ist nackt.“ (So ein Radiobeitrag des Tschechischen Maria Hammerich-Maier. http://www.radio.cz/de/rubrik/geschichte/des-kaisers-neue-kleider-vaclav-havel-und-das-leben-in-wahrheit)

Wer gegen den schönen falschen Schein politisch kämpft, macht sich das Leben schwer: „Hunderte Bürger unterzeichneten die „Charta 77“. Sie nahmen dafür den Verlust des Arbeitsplatzes in Kauf, wurden schikaniert, ihre Familien verfolgt. Václav Havel verbrachte über vier Jahre hinter Gittern. Ein greifbarer Erfolg der Charta 77 war nicht in Sicht, doch die Bürgerrechtler gaben sich nicht geschlagen“. (ebd.)

So bleibt in jedem Fall die Sehnsucht nach der wahren Erscheinung, der Befreiung von falschem Schein, diese Sehnsucht ist nicht klein zu kriegen.

Alle politischen, ökonomischen und aus Verbraucherkreisen stammenden Widerstandsbewegungen leben von der Erkenntnis: Der Schein beherrscht uns, er ist Lüge. „Wir wollen die wahre Erscheinung. Das Echte“. Man analysiere unter dieser Rücksicht die Reden von Politikern, etwa die Reden der rechtsextremen Marine Le Pen, wie sie von Frankreich, Nation, von Wiederherstellung der Identität, von Republik usw. spricht. Ich will hier auf den ungewöhnlich großen Wahlerfolg der Partei Front National in diesen Tagen hinweisen. In der Pariser Tageszeitung Le Monde, Ausgabe vom 9. Dezember 2015, Seite 16, heißt es: „Von einer Wahl zur anderen hatte die Partei Front National Erfolg mit ihrer „Aktion Verschleierung, Tarnung“, camouflage“ heißt es im Text. Diese Strategie hat das Ziel, sich als normalisierte Partei darzustellen, verjüngt lächelnd… als Partei mit einem extremistischen Programm“. Die meisten Menschen können diesen schönen Schein nicht ertragen.

Man könnte auch von Religionen und kirchlichen Institutionen sprechen, die auch den schönen Schein erzeugen, etwa heilige Menschen als Vorbilder hinstellen, wie etwa im Falle des angeblich stigmatisierten Paters Pio in Italien. Oder denken wir daran, wie noch Papst Johannes Paul II. den pädophilen Verbrecher und Erbschleicher und Drogenkonsumenten, den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, als Vorbild der Jugend öffentlich lobte und pries. Oder man denke an den Luxus so vieler Kardinäle im Vatikan, die so gern über Bescheidenheit predigen und sogar noch um Spenden bitten für den Vatikan („Peterspfennig), man denke also all diese religiösen Scheinwelten, an die sich Gott sei Dank immer weniger halten, sie wurden jetzt wieder von dem großartigen Journalisten Gianluigi Nuzzi dokumentiert: Nur mit Skepsis und mit kritischem Bewusstsein kann ein frommer Mensch heute noch den falschen Schein in den Religionen und großen machtvollen Kirchen-Bürokratien von den wenigen echten Lehren unterscheiden! Und sich seine eigene, einfache Spiritualität förmlich zusammenfügen.

Das Thema wird noch brisanter: Es geht um den immer stärkeren Trend, echte Erscheinung und falschen Schein zu verwischen, frisierte Fiktion und Realität ins Schwimmen zu bringen, Nebel zu erzeugen. Wir wissen alle, dass für Kinder und Jugendliche die brutalen Computer-Spiele eine enorme Attraktivität haben. In dem Computerspiel „Gran Theft Auto“ kann der imaginäre Beifahrer eines Autos, also das Kind, „einfach so“ reihenweise die Leute am Straßenrand abknallen. Das ist eine imaginäre Welt, in der es Spaß macht, von einem gemütlichen Stuhl aus per Computer die halbe Welt zu erschießen. Nach diesen beliebten Spiele-Vorlagen inszeniert der Islamische Staat seine technisch gutgemachten Terror-Videos, die per Internet verbreitet sind. Wer diese realen IS-Videos anschaut, so versichern uns kompetente Medienwissenschaftler, der glaubt sich in der Spielwelt, der Scheinwelt, von „Grand Theft Auto“ zu befinden. Tatsächlich aber sieht er Bilder aus der realen Welt, der echten Erscheinungen, Phänomene, in Syrien und anderswo. Man betrachtet Enthauptungen, und weiß nicht: Ist das jetzt spielerische Scheinwelt oder ist es der raffiniert technisch gemachte IS-Werbe-Film. Die Exekutionen des IS aus diesen Propaganda-Filmen sehen nicht real aus, heißt es in einem Bericht des „Tagesspiegel“ vom 8. Dez. 2015, Seite 3, sondern man glaubt in einem spielerischen Film zu sein. Wer das spielerische Töten mag, ist wohl auch motiviert, die Seite zu wechseln, und das reale Töten aufseiten des IS zu praktizieren. Das sind die grausamen Konsequenzen, wenn Scheinbares und Erscheinung, also Realität, in einander fließend übergehen. Wie durch Gewöhnung an den schönen spielerischen Schein auch die Bereitschaft wächst, die Tötungen real zu vollziehen. Denn die Werbefilme des IS zeigen etwa Mörder, die sich eine kleine Kamera vor den Bauch schallen und ihr Abschlachten life drehen und dann ins Netz stellen, zum Nachspielen förmlich. Die gängige Qualifizierung dieser widerwärtigen Mordfilme, ob spielerisch oder real, ist COOL.

Die Klarheit wiederzugewinnen, was ist Erscheinung, also Realität, und was ist Schein, was ist Machwerk, also Lüge: Das ist der Sinn unserer Veranstaltung. Objektiv gesehen, ist der angeblich schöne Schein nicht wahr, auch wenn er sich schön frisiert. Wir müssen zur skeptischen Haltung finden und uns untereinander in der Skepsis, jeder von anderen Einsichten aus, bestärken, nicht auf die Lügen reinzufallen und selbst das Schönreden und Lügen zu beenden.

Aber aus dieser Doppelstruktur von Erscheinung und Schein werden wir uns als einzelne nie ganz befreien können. Ich deutete an, dass wir manchmal förmlich gezwungen sind, im Schein zu leben oder scheinbar zu leben. Retten und helfen kann dann nur allein das Wissen, dass wir im Scheinbaren uns aufhalten … um dann zur Erscheinung, als der Realität, wieder zurückzukommen.

Andererseits: Wir können nie total „ganz“ und eindeutig leben. Aber wir sollten danach streben, da ist ja unsere tiefe Sehnsucht nach einem echten Leben. Aber es gilt, diese existentiale Doppelbödigkeit anzuerkennen, dies ist auch eine Form, gegen den Wahrheitswahn vorzugehen als Form des Fundamentalismus. Der da meint, immer und überall richtig zu handeln, voll in „der“ Wahrheit zu sein.

Darum ist der Spruch von Adorno auch problematisch, ich möchte sagen, falsch, wenn er sagt: „Es gibt kein wahres Leben im falschen“. Es gibt so viele wahre Menschen, die in einem falschen System doch wahr geblieben sind, etwa Vaclav Havel. Und es gibt so viele Menschen, die lieber reinen Wein trinken als gepanschten, weil sie die kritische Unterscheidungsgabe bewahrt haben und lieber weniger echten Wein trinken als oft den preiswerten schlechten Wein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 



Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

2. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Legionäre Christi - Kritische Studien, Theologische Bücher

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Hinweise von Christian Modehn am 2.12.2015

Der Religionsphilosophische Salon arbeitet von seinem philosophischen Anspruch der Aufklärung und der Religionskritik seit einigen Jahren auch kritisch über die katholische Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ und über die mit ihm verbundene Bewegung für Laien „Regnum Christi“. Einige wichtige neue Entwicklungen haben in der deutschen Öffentlichkeit bisher (2.12.2015) wenig Aufmerksamkeit gefunden. CM.

1.

Der katholische Orden „Legionäre Christi“ wird erneut – diesmal aber noch gründlicher und umfassender recherchiert – „ein Finanzimperium“ genannt. Sein Gesamtvermögen beträgt jetzt 43.600 Millionen Dollar. Die Ordensgemeinschaft (1941 gegründet, von dem mexikanischen Marcial Maciel, damals im jugendlichen Alter von 21 Jahren) zählt heute 950 Priester als Mitglieder, hinzukommen ca. 700 junge Männer in der Ausbildung, die man nicht als „vollständige Mitglieder“, also in „ewigen Gelübden“, bezeichnen kann. Mit anderen Worten: 950 Männer, die als Ordensleute wie alle anderen katholischen Ordensleute sonst auch „Armut“ als Gelübde gelobt haben, sind Multi-Milliardäre. Diese Fakten werden reich belegt von dem mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Recherche-Journalisten Raul Olmos in seinem neuesten Buch (erschienen am 13. November 2015) „ Una mafia empresarial disfrazada de congregación“, „Ein Mafia-Unternehmen, das sich als religiöse Kongregation verkleidet“. Das Buch ist im Verlag Grijalbo (Madrid und Barcelona) erschienen. Es zeigt das weite Netz der Verbindungen des Ordens zu den Zentren politischer, ökonomischer und kultureller (Medien-) Macht. Hunderte von „Gesellschaften“, „Stiftungen“, „Vereinen“ und Privaten – Hochschulen gehören den Legionären Christi. Zur Ersparnis von Steuern halten sich die Ordensbrüder auch gern in so genannten Steuer-Paradiesen auf. Diese Fakten werden von Raúl Olmos ausführlich beschrieben.

Die schon populär „Milliardäre Christi“ genannten Priester können also hübsche Feierlichkeiten ausrichten zum 75. Geburtstag ihres Ordens bzw. Finanzimperiums im Jahr 2016 und können wie üblich ihre zahlreichen Gönner, auch im Vatikan, reich beschenken. Der Orden wie auch das Finanzimperium wurden aufgebaut von dem Mexikaner, Pater Marcial Maciel, der 2006 (als 86 Jähriger) von allen seinen Funktionen der seit 1941 dauernden (!) Ordensleitung befreit wurde, und zwar auf Druck von Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hatte zudem 2010 das Leben des Ordensgründers von einer katholischen Priestergruppe untersuchen lassen, und kam zu dem Schluss:“ „Es ist ein Leben, das jenseits des Moralischen liegt, ein abenteuerliches, vertanes, verdrehtes Leben“. Mit anderen Worten: Der notorische pädophile (vornehm ausgedrückt) Täter Pater Maciel ist in der Sprache der Justiz ein Verbrecher. Er hat zudem viele Millionärswitwen um deren Vermögen erleichtert, weil er sich als charmanter Liebhaber ausgab usw… Aber den (staatlichen) Gerichten wurde der Verbrecher vom Vatikan, wie üblich, nicht übergegeben. Papst Benedikt bat den Ordensgründer im Jahr 2006 nur, Maciel möge sich zur Buße still und schweigend dort zurückziehen… Gestorben ist Maciel nicht als stiller Büßer in seinem römischen Kloster, sondern wie auf der Flucht, im warmen Florida. All das wurde auch von uns dokumentiert, ebenso die vatikanischen „Untersuchungen“ über den Orden insgesamt, nach dem Tod Maciels. Eigentlich hätten die „Untersuchungen“ von 2010 zur Auflösung des Ordens führen müssen. Das forderten viele prominente Katholiken. Denn welcher Orden soll in alle Zukunft einen Verbrecher als Gründer haben, der zudem einst, überall sichtbar, wie ein Heiliger verehrt wurde, obwohl dessen weit reichende finanziellen, sexuellen und drogenabhängigen Aktivitäten allen Mitglieder und vielen Prälaten in Rom bekannt waren. Nur die zahlreichen ehemaligen Mitglieder, die Missbrauchs-Opfer, meldeten sich im Vatikan seit 1989, (!), aber man hörte sie nicht. NICHTS wurde von amtlicher vatikanischer Seite gegen Maciel unternommen, auch nicht von Kardinal Ratzinger damals als Chef der Glaubenskongregation. Maciel hatte tatsächlich zu viele Freunde unter den Kardinälen, und selbst der polnische Papst pries den Verbrecher offiziell und lautstark explizit „als Vorbild der Jugend….“ Die Reisen von Papst Johannes Paul II. wurden immer von dem kundigen Mexikaner Pater Maciel begleitet. Ob die Reise von Papst Franziskus nach Mexiko in 2016 auch wieder von den Legionären betreut wird?  Aber der Orden wurde eben nicht aufgelöst. Er besteht weiter, wenn auch die Begeisterung junger Männer für diesen Orden etwas gebremst ist: Seit 2008 ist die Zahl der Mitglieder in Ausbildung befindlichen Mitglieder von 1.081 auf 693 zurückgegangen, berichtet El Pais. Aber die Geldquellen scheinen trotzdem bestens zu fließen, siehe oben.

2.

Diese Mitglieder dieses Milliardärsordens haben jetzt von Papst Franziskus die Zusage erhalten, in dem nun begonnen Jahr der Gnade den vollkommenen Ablass zu gewinnen. Damit entspricht Papst Franziskus dem Wunsch von Pater Eduardo Robles Gil, dem gegenwärtigen Ordensoberen, der sich, wie für ein Imperium eben passend, wie auch schon sein Vorgänger Pater Maciel, „Generaldirektor“ nennt. Der vollkommene Ablass wird den Mitgliedern der Milliardäre Christi gewährt, „wenn sie ihre Gelübde erneuern, also auch das Armutsgelübde, wenn sie beten, wenn sie sich den Werken der Spiritualität widmen und die christliche Lehre verbreiten“, heißt es in dem päpstlichen Indulgenz – (Ablass) – Schreiben.

Erstaunt ist man abermals, dass der Ablass, DAS Thema Martin Luthers, 2 Jahre vor dem Reformationsgedenken 2017, wieder und wieder selbst von apst Franziskus aufgewärmt wird. Kann man angesichts dieser Vorlieben diesen Papst im Ernst „progressiv“ nennen? Wohl kaum, meinen wir. Will man so für eine neue Ökumene mit den Protestanten sorgen? Warum spricht kein prominenter Protestant von dem aufgewärmten Ablass-Wahn des Katholizismus? Das Heilige Jahr mit Pilger/Touristen-„Strömen“ nach Rom hat gerade begonnen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die sexuellen Missbrauchsopfer des vom Papst Benedikt so genannten Verbrechers Pater Maciel sehen in dieser überflüssigen Ablass- Gewähr eine Art Anerkennung und Reinwaschung des Ordens. Denn im Jahr der Gnade kann doch eigentlich jeder Katholik, eben auch ein Legionär, sowieso bei Respekt der Vorschriften den Ablass gewinnen. Warum also diese Sonder-Gewähr eines Ablasses für diesen Orden? Besteht ein Grund für den Papst, sich mit dem Orden gut zu stellen?

3.

Viele Beobachter fragen sich erneut bei dieser Entscheidung, wie widersprüchlich eigentlich die theologische Linie des so vielfach gerühmten Papstes Franziskus ist. Wie sehr steht er offenbar unter Druck einer vatikanischen Mafia, dass er diesem „Club“, den Legionären, diese außergewöhnliche Gnade explizit gewähren muss? Kann Papst Franziskus nur noch im Vatikan wohl auch physisch überleben, wenn er auch den umstrittensten Orden, theologisch zudem extrem konservativ, also den Legionären Christi, sein Wohlwollen zeigt? Die Indulgenz-Ablass-Entscheidung des Papstes von Ende Oktober 2015 wirft auch ein Licht auf die dunklen Verhältnisse in den Palästen des Vatikans. Herrschen dort, wieder einmal, vor-reformatorische Zustände? In jedem Fall sind die neuesten Entwicklungen/Erkenntnisse ein interessanter Beitrag zu dem offiziell propagierten „Jahr der Orden 2015“.

4.

Eine Einschätzung des Ordens „Legionäre Christi“, der bekanntermaßen in Mexiko besonders mächtig ist, von dem mexikanischen Religionswissenschafter Elio Masferrer, mitgeteilt in der spanischen Tageszeitung El Pais vom29. Oktober 2015, siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/10/28/mexico/1446071736_323939.html

Zu Elio Masferrer: http://www.revistaacademica.com/consejo.asp

Zuerst der spanische Text aus El Pais: „Elio Masferrer, presidente de la Asociación Latinoamericana para el Estudio de las Religiones y profesor e investigador emérito de la Escuela Nacional de Antropología e Historia. “[La Orden] es uno de los problemas más graves del catolicismo. Maciel fue un impresentable, un criminal, y es el paradigma de una Iglesia corrupta, alejada de los feligreses”.

Die Übersetzung ins Deutsche: „Elio Masferrer, Präsident der lateinamerikanischen Vereinigung zum Studium der Religionen und Professor (und Forscher emeritus) de „Nationalen Schule der Anthropologie und Geschichte, sagt in der spanischen tageszeitung El Pais vom 29. Okrober 2015: „ Der Orden der Legionäre Christi ist eines der schwersten Probleme des Katholizismus. Maciel (der Gründer) ist ein „nicht gesellschafäftsfähiger“, d.h : eigentlich ein öffentlich gar nicht vorzeigbarer Mensch gewesen, er war ein krimineller und er ist das Modell einer korrupten Kirche, weit entfernt von den treuen Gläubigen (eigentlich: Pfarrkindern)“.

5.

Die Millionärsfamilie Oriol (Madrid) will ihr Landgut von den Legionären Christi zurückhaben.

Die einflussreiche Unternehmer-Familie Oriol fordert vor Gericht die Rückgabe einer Millionenerbschaft an die Legionäre Christi von diesem Orden zurück. Es handelt sich um die Rückgabe des Landsitzes Cerro del Coto, eines Landgut (9,7 Hektar groß), am Rande von Madrid, im reichsten Viertel der Stadt, in Majadahonda. Besonders interessant ist, dass dieser Prozess der Rückgabe eines Geschenks an den Orden von drei ehemaligen Priestern der Legionäre Christi und einer Frau, die als „geweihte Frau“ dieser Gemeinschaft angehörte, verlangt wird, gerade jetzt, nach den bekannt gewordenen Skandalen des Gründers, Pater Maciel. Diese 4 Personen sind Geschwister, sie gehören zur Familie Oriol, die als eine der besonders begüterten Familien Spaniens gilt. 4 Kinder aus ein und der selben Familie bei den Legionären, und alle 4 treten aus dem Orden aus! Dabei hatte die ultrareiche Familie Oriol dem jungen Pater Marcial Maciel geholfen, als er von Mexiko aus in Spanien Fuß fasste … Daran wird deutlich, dass schon um 1945, als Maciel von Spanien aus nach Rom zog, die reichsten Leute auf ihn „hereinfielen“. Maciel ist von Anfang an planmäßig vorgegangen und sich nur um die Reichsten gekümmert. Sozialarbeit war ein Alibi, sagen Beobachter.

Ob es rechtlich möglich ist, eine Schenkung wieder rückgängig zu machen, ist sehr die Frage. Das Beispiel zeigt nur, in welchen höchsten Finanzkreisen sich die Legionäre Christi immer schon bewegen und wie es ihnen gelingt, z.B. prächtige Ländereien als Erbschaften zu „übernehmen“…

Ein Zitat aus der angesehenen Tageszeitung El Pais, Madrid:

„Promotores de Iberdrola y del tren Talgo, los Oriol encarnan a una de las principales riquezas latifundistas españolas. La fortuna de los cinco hermanos Oriol Muñoz superaría los 30 millones de euros, según el periodista de EL PAÍS Jesús Rodríguez, autor de La Confesión (Debate, 2011). De ese dinero, la familia habría entregado 16 millones al movimiento de Maciel durante tres décadas. Su patrimonio se completa con la finca de 957 hectáreas Los Peñones en Hornachuelos (Córdoba) valorada en 14 millones que gestiona la Fundación San Miguel. Y las inversiones inmobiliarias administradas por Javier Oriol, uno de los cinco hijos de Íñigo María de Oriol que no perteneció a la legión. Según el libro de Rodríguez, la orden urdió una campaña “de acoso y derribo” en 2004 para que los Oriol entregaran a Maciel el resto de una fortuna que suma 25 millones. Esta donación se habría frustrado tras destaparse que Maciel (1920-2008) fue un depredador sexual de seminaristas“.

Eine Zusammenfassung auf Deutsch: Die Familie Oriol ist in Iberdrola und im Unternehmen des Express-Zuges Talgo finanziell beteiligt; die 5 Geschwister haben ein Vermögen größer als 30 Millionen Euro; während drei Jahrzehnten hat die Familie Oriol dem Pater Maciel 16 Millionen Euro geschenkt; nach einer journalistischen Recherche zettelten die Legionäre Christi 2004 sogar eine Kampagne voller Belästigungen an, mit dem Ziel, dass die Familie Oriol noch mal eine Summe von 25 Millionen Euro den Legionären übergab…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 



Schuldig. Und mit-schuldig? Philosophische Fragen, um den Terrorismus in Europa besser zu begreifen

20. November 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

siehe den Beitrag: http://religionsphilosophischer-salon.de/7106_den-terrorismus-philosophisch-begreifen_denkbar

oder klicken Sie hier.

 

 

 



Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Religionsphilosophischen Salon am 30.10.2015

31. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Religionsphilosophischen Salon am 30.10.2015

Von Christian Modehn

Das Thema „Herr und Knecht“ bei Hegel hat in der weiteren Philosophie (u.a. Karl Marx) wie in der Literatur (etwa Bert Brecht) eine herausragende Rolle gespielt. Hegels Überlegungen können auch heutige Verhältnisse klären…Sie zeigen und das ist der zentrale Punkt: Es ist der Knecht, der trotz und wegen seiner untergeordneten Stellung das entwickeltere Selbst-Bewußsein sich „erobert“, der den Herrn auch als Individuum wahrnehmen kann, der bewusstseinsmäßig weiter ist als Herr und der als Knecht die Herr-Knecht-Beziehung aufbrechen und verändern kann. Zu einer Anerkennung der Menschen als gleichberechtiger Menschen, die gemeinsam an der Vernunftteil haben.Das ist das Ergebnis der Ausführungen Hegels.

Im einzelnen geht es Hegel um die Beschreibung der Dialektik an einem idealtypischen Verhältnis:

Der Herr ist in seiner Ich-Fixiertheit gar nicht in der Lage, den Knecht als Menschen wahrzunehmen. Er sieht ihn eher als Ding. Zu wahrer Menschlichkeit im Sinne von Respekt vor dem anderen wird der Herr durch den Knecht geführt.

Der Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung ist im Sinne Hegels ein Kampf auf Leben und Tod. Nur der wird den Respekt erlangen, der den eigenen Tod wagt, betont Hegel. Freiheit muss errungen werden. Und Tod muss ja nicht immer als physisches Ende verstanden werden, sondern auch als Zustimmung zu einem einschränkenden Lebensentwurf, in dem es keine Freiheit gibt.

Das Motto Hegels könnte sein: „Die Menschen müssen sich ineinander wieder finden wollen“ (Enzyklopädie III, 220, § 431). Das heißt sich als gleichwertige Teilhaber des einen universalen Geistes anerkennen.

Und Hegel fährt fort: „Dies kann aber nicht geschehen, solange die Menschen in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Natürlichkeit (also in ihrem Egozentrismus), befangen sind. So können die Menschen nicht als freie Menschen füreinander sein. Denn diese Natürlichkeit ist es, dass die Menschen nicht als freie für einander da sein können“,

Mit dem Thema, „Herr und Knecht“ als Kampf um Anerkennung, hat sich Hegel schon sehr früh, etwa in Jena 1802, dann in der „Phänomenologie des Geistes, 1807, befasst, bis hin zu den Vorlesungen über die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (noch einmal in den Vorlesungen 1830).

Das Thema der Herrschaftsüberwindung war damals schon philosophisch und politisch en vogue: Fichte hatte erkannt: Es gibt eine Wechselseitigkeit der Aufforderung: Dass ich frei sein will UND die Begrenzung meiner Freiheit durch den anderen als Bedingung meiner Freiheit respektiere, siehe Fichte: „Grundlage des Naturrechts“ 1796. Das sind eher abstrakte Überlegungen, die aus der Reflexion auf die Ich-Struktur allein zustande kommen.

Anders denkt Hegel: Er verortet das Anerkanntwerden der Menschen in der konkreten Geschichte. Er weiß, dass die Anerkennung des anderen ein Kampf ist, ein politischer Kampf, der einst stattgefunden hat, nun aber im Staat mit den Gesetzen ein gewisses Ziel erreicht hat. Hegel hat die Französische Revolution als das tiefste und einschneidende Ereignis seiner Gegenwart gedeutet. Und er kannte den Sklavenaufstand in Haiti und die Gründung der ersten „Schwarzen“ – Republik 1804. Die Philosophie wollte ihre eigene Zeit in Gedanken fassen, das versucht er bei unserem Thema. Wobei er durchaus seine intellektuellen Grenzen hatte, und von Schwarzen nicht gerade immer wohlwollend sprach.

 Ich fasse einige Gedanken aus der Enzyklopädie, Band III, zusammen: § 431:

Zwei Subjekte sind da, sie sind jeweils noch nicht entwickeltes Selbstbewusstsein. Aber in ihrem Wesenskern als an sich seiende geistvolle Menschen ist Wahres angelegt. Die Menschen sind nicht bloß natürlich, also nicht selbst bewusste Wesen, sie können ein Selbstbewusstsein, ein Sich als Individuum wissen, erwerben. Und sie begreifen sich als freie Wesen erst nach einem langen Prozess.

Frei bin ich, wenn ich in gewisser Weise (als Geistwesen wie der andere) identisch mit dem anderen bin, wenn der andere frei ist wie auch ich frei bin.

Beide sind in ihrer wechselseitigen Freiheit vereint.

Die Menschen sind innerlich in der Freiheit verbunden. Wenn man sich nur sieht als bedürftiges Wesen, als Not leidendes Wesen sieht, dann ist die Beziehung zu dem anderen nur äußerlich, noch nicht geistig, noch nicht als einander zu Freiheit herausrufend. Wenn ich dem anderen nur helfe, mitleidig, sehe ich ihn noch als Objekt. Es kommt darauf an, als freie Menschen für einander frei als gleichberechtigt dazusein. Die Natürlichkeit, also den nicht selbstbewussten, noch unfreien Zustand, kann ich nur überwinden im Kampf.

Nur durch Kampf kann Freiheit erworben werden, dieser Kampf um die Freiheit kann die Gefahr (!) des eigenen und des fremden Todes einschließen. Es gilt also um der Freiheit willen das Leben zu riskieren.

Es geht darum, sich in die Gefahr des Todes zu bringen, also alles zu riskieren, um die Freiheit zu gewinnen, also alles zu wagen, letztlich auf alles zu setzen: Dann erlangt man die Freiheit.

§ 432

Aber der wirkliche Tod des anderen kann gar keine Freiheit der Anerkennung mehr bringen. Die Anerkennung muss also geistig geschehen. Indem man einander als Geistwesen anerkennt. Dieser Kampf auf Leben und Tod findet in der bürgerlichen Welt, im Staat, in dieser Weise nicht mehr statt, mein Hegel, jetzt gibt es vernünftige Gesetze, die das Miteinander der Freiheit regeln.

§ 433

Die wahre Entwicklung zum Selbstbewusstsein macht der Knecht durch. Der Knecht bezieht sich schon auf den Herrn, er nimmt ihn als solchen ernst, zwar noch in der Position der Unterdrückung. Aber der Knecht sieht schon über seinen eigenen engen Horizont der eigenen Einzelheit hinaus. Indem er auch auf den Herrn schaut, arbeitet er sich hoch zu einem wahren Selbstbewusstsein „hoch“. Der Knecht überwindet das Auf-sich-selbst-Fixiertsein, das den Herrn noch bestimmt. Hegel meint: Man muss seine eigene Selbstsucht nichtig finden, als nur auf sich fixiert sein, darum ist der Knecht auf dem Weg der Freiheit. Der Knecht, der Unterlegene, ist also im dialektischen Fortgang der Stärkere.

§ 435 Der Herr bleibt in seiner Selbstsucht befangen.

Ziel dieser Bewegung zwischen Herr und Knecht, dass beide sich als freies vernünftiges Selbstbewusstsein anerkennen. Als Geistwesen, als Menschen, die den gemeinsamen Geist haben in ihrer jeweiligen Individualität.

Damit ist ein Weg beschritten, der zur Überwindung der Einzelheit führt und hin zur Vernunft, die auch im anderen den Geistvollen Menschen sieht. Auch der Herr muss erkennen, dass er seinen egoistischen Willen dem allgemeinen vernünftigen Geist unterwirft.

Der Knecht führt den Herrn zur Freiheit Siehe III., § 436, S. 227.

„Wer für die Erringung der Freiheit das Leben zu wagen, den Mut nicht besitzt, der verdient es, ein Sklave zu sein“ (§435 Zusatz).

Der Kampf kann beendet werden, wenn beide Seiten, die ja nun das Selbstbewusstsein gefunden haben, aufhören, ihre jeweiligen „Rollen“ aufgeben und aufhören eben „Herren“ und „Knechte“ zu sein. Wenn also als neue Menschen aus diesem Prozess hervorgehen.

Hingegen gibt es historisch gesehen immer wieder Entgleisungen in diesem Prozess des Wandels: Der Knecht kann dann der (neue) Herrschende werden und die Rolle des Herrn übernehmen. Dann beginnt die fatale Entwicklung von neuem, es gibt wieder neue Herren und neue Knechte. Diese möglicherweise ständige Wiederholung gilt es zu beenden. Indem beide anerkennen: Wir sind beide gleichwertige, vom gemeinsamen Geist geprägte Wesen, Personen. Wir wollen vernünftig, d.h. geistvoll mit einander leben, im Wissen, dass wir beide Teil haben an demselben universalen Geist, der die Menschheit als Menschheit und letztlich die Welt im ganzen auszeichnet.

Entscheidend ist nun im Blick auf die Flüchtlinge in Europa, in Deutschland, heute:
Es gibt immer noch die Herren, die gerade aus der Nichtanerkennung der anderen, der Sklaven, leben; das gilt für die Verbrecher-Politiker in den arabischen Ländern selbst, aber auch für jene, eigentlich human gesinnten Politiker, die diesen Zustand der Sklaverei in bestimmten Ländern der arabischen Welt oder der „3.Welt“ einfach hinnehmen, weil dieser Zustand den Europäern ökonomischen Vorteil bringt.

Nun brechen sehr viele Oppositionen, „Knechte“ aus diesen Ländern nach Europa auf. Europa weiß selbstverständlich, dass es selbst an dieser Fluchtbewegung mitschuldig ist, indem man eben die Verbrecher-Regierungen in den genannten Ländern aus ökonomischen Profitstreben gewähren ließ und gewähren lässt. Beispiele sind auch Waffenlieferungen aus Europa in diese Verbrecherstaaten.

Jetzt sind also die Opfer, die Knechte, eben als Flüchtlinge aus diesen Ländern, Syrien, Irak usw. bei uns. Gilt dann jetzt hier weiter die Haltung: Ich, der Europäer, bin der Herr, ihr, die Opfer und Flüchtlinge, ihr seid die Knechte. Also die Minderwertigen, über die ich Europäer bestimme und verfüge. „Ich gebe euch Taschengeld, ich lasse euch in Zelten frieren, ich verfüge, wohin ihr geschickt werdet“ usw.

„Ich bin ich, und ich bleibe ich; und die anderen sind eben die anderen, die Fremden, die Minderen“. Ist das die Haltung, die Devise der Herren in Europa?

Genauso abwegig wäre die andere Haltung der Flüchtlinge, der Knechte: Wir mit unserem Glauben (etwa Islam) wollen herrschen und werden eines Tages herrschen als die neuen Herren. Wir haben recht, unsere Religion ist die einzig wahre usw. Solche Positionen haben keine Wahrheit und kein politisches Recht. Toleranz ist das Mindeste.

Wird also der Kampf um die Herrschaft auch hierzulande weitergehen? Wird es immer weitergehen, auch unter veränderten Strukturen, mit der Herrschaft und Unterdrückung?

Hegel lehrt uns und damit die allgemeine Einsicht der Vernunft: Der Prozess des Respekts muss beginnen, der Prozess der wechselseitigen Anerkennung. Also Aufgabe der Herrschaftsgesten der „Herren“ (Europäer) und Sich Einlassen auf die neue Kultur der Gastgebenden Länder als der neuen Heimat der Flüchtlinge.

Es kommt also, Hegel folgend, auf die Veränderung des Bewusstseins im Miteinanders des nun ehemaligen Herrn und des nun ehemaligen Flüchtlings an.

Die Dialektik legt frei: Wir werden im Prozess des veränderten Selbstbewusstseins zu anderen; wir wandeln unsere alte, selbstverständliche Rolle und Identität.

Wir werden neue Menschen, können und sollten jedenfalls neue Menschen werden, wenn wir nicht die alte Welt der Unterdrückung bequemer finden als die eigene Freiheit und Verantwortung für sich und andere.

Noch ein Hinweis zur historischen Genese des philosophischen Motivs „Herr und Knecht“ bei Hegel:

Es geht um die Erkenntnis der Tatsache, dass Hegel schon von den Aufständen der Schwarzen in Haiti und der Gründung der „Schwarzen EX-Sklaven“ Republik Haiti (als erste Republik der „Schwarzen“ seit dem 1.1.1804 unabhängig) gehört hatte. Dafür bietet das überaus spannende und lehrreiche Buch „Hegel und Haiti“ der us-amerikanischen Philosophin Susan Buch-Morss viele Belege. (erschienen auch bei Suhrkamp, 2011, 16 €).

Aus der Geschichte des Befreiungskampfes der Schwarzen Sklaven auf Haiti nur kurz einige Stichworte: Haiti war damals die wichtigste Kolonie Frankreichs, mit Unmengen an Zucker und Kaffee, die von dort durch Sklavenarbeit nach Europa kamen.

Der Hauptakteur der Schwarzen Befreiung war Toussaint L-Ouverture. 1791 organisierte er die Revolte. Dabei spielte die Religion der schwarzen Sklaven aus Afrika, der Voodou, eine zentrale Rolle. „Lauscht der Stimme der Freiheit, die in unser aller Herzen spricht“ , sagten Voodou Priester in Haiti.Erstaunliche Worte aus dem Voodou.

Die Französische Revolution hatte – nicht zuletzt durch den entschiedenen Einsatz des Demokraten, des katholischen Priesters Abbé Grégoire, die Sklaverei abgeschafft. Das hörten die Sklaven in Haiti.

1794 wurde von Ihnen erzwungen, die bereits nun de facto bestehende Abschaffung der Sklaverei in Paris anzuerkennen.

So konnten die freigelassenen Sklaven auf französischer Seite gegen die Engländer kämpfen.

Napoléon wollte die Abschaffung der Sklaverei auf Haiti rückgängig machen, er holte den Schwarzen Führer Toussaint nach Frankreich … und kerkerte ihn ein. Er starb in Frankreich.

Jedoch der Kampf gegen Napoléon ging auf Haiti weiter: Unter dem Schwarzen Jean Jacques Dessalines. Am 1. 1. 1804 führte sein Kampf gegen Napoleon zur Unabhängigkeit Haitis von Frankreich. „Freiheit oder Tod“ war sein Wahlspruch. Die Geschichte Haitis begann mit einem Freiheitskampf der Knechte, der Sklaven. Einige Schwarze (bzw. Mulatten) sahen sich als führende Politiker in Haiti nur als die neuen Herren … und sorgen bis heute den politischen und ökonomischen Niedergang des eigenen freien Landes. Und Europa? Es konnte nicht ertragen, dass die europäischen Herrscher, die Herrenmenschen, von Sklaven besiegt wurden. Die Herren taten alles, um diesen Befreiungskampf zu behindern und die neue Republik der einstigen Knechte, der Sklaven, ab 1804 zu behindern bzw. zu attackieren.

 

Copyright: Christian Modehn

 

 

 



Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

30. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Termine

Reformation neu denken, über Luther hinaus für eine neue Reformation

Ein Hinweis auf drei Beiträge, die gerade im Umfeld des Reformationstages von Interesse sein könnten.

-Prof. Wilhelm Gräb in einem Interview über Reformation und die Flüchtlinge heute: Klicken Sie hier.

-Über einen Reformator, der wieder in Vergessenheit gerät, Thomas Müntzer, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn.

-Über die Aktualität und Gegenwart des Ablasses, klicken Sie hier. Ein Beitrag von Christian Modehn

 

 



Franzosen, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen…

16. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Franzosen, die in den „heiligen Krieg“ ziehen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein Wort vorweg:

Es gibt in Frankreich eine angesehene Zeitschrift, die sich unabhängig von konfessionellen Bindungen –das Blatt ist selbstverständlich an den großen Kiosken zu kaufen – der Welt der Religionen widmet: „Le Monde des Religions“ ist der Titel. Da klagen immer noch Leute in Deutschland, die von Frankreich wenig (bzw. gar keine) Ahnung haben, dass dort der totale Laizismus herrscht und religiöse Themen in der Öffentlichkeit nicht vorkommen. Das ist natürlich falsch, diese Meinung wird allein schon widerlegt, dass in Frankreich an jedem Sonntag seit Jahrzehnten von 8.30 bis 12 Uhr alle großen Religionen in eigener Verantwortung ! (also Buddhisten, Juden, Muslime, Orthodoxe, Protestanten und Katholiken) ihr eigenes religiöses Programm gestalten können, auf France 2. Und nebenbei nur ganz schnell: Es gibt in Frankreich immer noch eine lesbare, sogar zitierfähige, dogmatisch nicht allzu enge katholische Tageszeitung, La CROIX mit Namen, Auflage ca. 90.000. Zu solchen Leistungen ist die Milliarden-reiche deutsche katholische Kirche gar nicht in der Lage. Bekanntlich sind die Kirchen aufgrund der Trennung von Kirchen und Staat eher „arm“.

Zurück zu dem Heft „Le Monde des Religions“. Dort wurde am 22. 9. 2015 ein interessanter Beitrag auf der website des Blattes publiziert über die jungen Leute, die aus Frankreich in den angeblich „heiligen Krieg“ in Syrien etwa ziehen. Wir wollen den deutschen LeserInnen einige Erkenntnisse dieses Artikels nicht vorenthalten, weil ja leider (!) Französisch eine Sprache in Deutschland (und fast überall) ist, die nur noch Minderheiten sprechen.

Es gibt in Paris ein Zentrum, das sich mit der Prävention gegen das Abgleiten ins Sektiererische im Islam befasst. Es heißt CPDSI, siehe: http://www.cpdsi.fr/. : Dounia Bouzar leitet, vom Innenminister beauftragt (!), diese „Association“, also dieses auf für französische Verhältnisse üblicherweise vereins-mäßig organisierten Präventionszentrum.

Heute haben die jungen Leute, die in den angeblich heiligen Krieg ziehen wollen, ein sehr unterschiedliches Profil, betont Dounia Bouzar. Sie stammen aus muslimischen, christlichen und atheistischen Familien, und „meme juifs“, also selbst aus jüdischen Familien, betont die Leiterin.

Die meisten sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. „In diesem Alter haben junge Menschen das Gefühl, gesandt zu sein zur Rettung der Welt“.

Diejenigen, die diese jungen Leute anwerben, sind ganz ins französische Leben integriert. Sie gaukeln den jungen Leuten die wahren Werte der Brüderlichkeit und Solidarität vor.

Das Ziel der seelischen Bearbeitung durch die „Werber“ ist: Die jungen Leute sollen jegliche Vertrauen verlieren in die Welt, in der sie groß geworden sind. Das Motto heißt: „Alle sind hier verdorben, alle lügen. Nur eine Art blutiger Endkampf könne die reale Welt heute noch retten“.

Für diesen Kampf werden die jungen Leute vorbereitet: Sie müssen mit ihrer ganzen bisherigen „Welt“ brechen, mit ihren musikalischen Vorlieben etwa, vor allem aber mit der Familie. In dieser äußerst kritischen Situation hilft es nach Dounia Bouzar gar nichts, noch einen „verständnisvollen Imam“ zu bewegen, mit dem Jugendlichen zu sprechen, um den Jugendlichen von seinem Vorhaben abzubringen. Wichtiger ist die Mitarbeit der Familie, Dounia Bouzar nennt das – in Anlehnung an die Erinnerungs“arbeit“, wie sie Marcel Proust beschreibt, „la madelaine de Proust“. Bekanntlich war beim Erleben, Riechen, Genießen einer Madelaine die Erinnerung bei Proust wach geworden, wie denn die früheren, längst vergangenen Jahre waren. Diese Methode soll versuchen, den betroffenen Jugendlichen an die schönen Zeiten in der Familie und unter Freunden zu erinnern. Es sollen Gefühle geweckt, wie die gemeinsame Vergangenheit früher aussah, es waren doch angenehme gemeinsame Stunden. Erst dann kann ein tieferer religiöser Dialog beginnen.

Dounia Bouzar hat 2015 in dem Verlag “Editions de l Atelier“ (Paris) das Buch veröffentlicht: „Comment sortir de l emprise djihadiste ?“. 160 Seiten, 15 Euro.

Zu dem Beitrag in „le Monde des Religions“ siehe: http://www.cpdsi.fr/actu/dounia-bouzar-le-registre-de-la-raison-est-inefficace-pour-parler-a-un-jeune-embrigade-le-monde-des-religions-fr/



Trotz allem: Der Glaube an eine bessere Zukunft – Perspektiven des Überlebens in Haiti … und der Dominikanischen Republik

14. September 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Bücher

Trotz allem: Der Glaube an eine bessere Zukunft – Perspektiven des Überlebens in Haiti … und der Dominikanischen Republik

Interview mit Frederic Maeder, Zürich, Autor und Haiti-Spezialist

Die Fragen stellte Christian Modehn

Sie haben einige Jahre in Haiti gelebt und Sie besuchen das Land bis jetzt regelmäßig. Die Lebensqualität (Bildung, Ernährung, Wohnung, Gesundheit usw.) der meisten Menschen in Haiti ist, so wird übereinstimmend berichtet, katastrophal. Was gibt Ihrer Meinung den Menschen dort die Kraft, überhaupt noch einen Lebenswillen zu bewahren?

Mir kommt dazu spontan das kreolische Sprichwort pito nou lèd, nou la in den Sinn. Dieses besagt, dass das Leben zwar hart ist, aber dass man immerhin überhaupt noch lebt. Mit anderen Worten: Solange man am Leben ist, hat man die Möglichkeit, sein Leben zu verbessern. Der Glaube an eine bessere Zukunft ist sehr stark, und man ist überzeugt, dass einem die eigenen Kinder ein besseres Leben werden garantieren können, wenn diese erst einmal erwachsen sind. Der Glaube an Gott ist äußerst ausgeprägt, und man ist der Auffassung, dass der Mangel an Lebensqualität eine Prüfung darstellt, vor welche der Herr einem stellt, und dass man diese meistern wird, wenn man stark genug an ihn glaubt.

Bemerkenswert ist, wie stark offenbar immer noch die kreative Energie bei Künstlern und Schriftstellern in Haiti ist. Wen erreichen die Künstler in Haiti? Hat Kunst dort eine „soziale Bedeutung“?

Erstaunlicherweise stößt die haitianische Kunst vor allem außerhalb Haitis auf großes Interesse. Zum Beispiel bei ausländischen Entwicklungshelfern, Mitarbeitern von internationalen Organisationen im Allgemeinen oder auch bei Vertretern der haitianischen Diaspora. Bei der Literatur gilt es zu beachten, dass diejenigen Haitianer, die des Lesens mächtig sind, überaus fleißige Leser und dementsprechend stolz auf ihre eigenen Schriftsteller sind. Die alljährlich stattfindende Buchmesse «Livres en folie» etwa erfreut sich außerordentlicher Beliebtheit in Haiti wie auch in der Diaspora. Zeitgenössische Autoren, wie Lyonel Trouillot, Yannick Lahens oder Kettly Mars, aber beispielsweise auch Jacques Roumain, der Urheber des Werkes »Herr über den Tau«, des wohl bedeutendsten haitianischen Klassikers überhaupt, wurden alle ins Deutsche übersetzt. Die bildende Kunst auf Haiti dient vielen als eine Art Therapie oder Ventil, um der eigenen Existenz Ausdruck zu verleihen und den oft schwierigen Alltag erträglicher zu machen. Quasi: Aus Schmerz und auch aus langer Weile geht gute Kunst hervor.

Welche Rolle spielt der viel besprochene Voodoo-Kult mit dem Ziel, eine humanere Gesellschaft aufzubauen?

Hier gälte es wohl zunächst zu unterscheiden zwischen den Leuten, die den Voodoo offen praktizieren (hauptsächlich die Landbevölkerung), denjenigen, die den Voodoo leugnen, ihn aber neben dem Katholizismus oder Protestantismus insgeheim trotzdem praktizieren (der Grossteil der urbanen Bevölkerung), sowie jenen, die den Voodoo überhaupt nicht praktizieren. Die letzten beiden Gruppen schämen sich in der Regel für den Voodoo, setzen ihn gleich mit einem Mangel an Bildung und Zivilisiertsein, woraus häufig Konflikte mit der ersten Gruppe resultieren. Diese wird dementsprechend als böse und rückständig stigmatisiert. Unter solchen Voraussetzungen ist es natürlich schwierig, eine humanere Gesellschaft aufzubauen.

Im Jahr 1950 gab es 3 Millionen Einwohner in Haiti, 2004 waren es 9 Millionen, jetzt sind es 10, 6 Millionen, auf einer Fläche von 27.000 Quadratkilometern, das ist etwas mehr als das Bundesland Hessen. Welche Bedeutung hat die Geburtenkontrolle, damit wenigstens die jetzt lebende Bevölkerung vor dem Hungertod bewahrt werden kann?

Die Grundhaltung vieler Haitianer ohne Bildung steht in krassem Gegensatz zu einer im westlichen Sinne erfolgreichen Geburtenkontrolle. Sie denken, je mehr Kinder man hat, desto sicherer ist die eigene Zukunft. Eine Einstellung, die auf Grund einer hohen Kindersterblichkeit sowie wegen des Fehlens einer staatlichen Altersvorsorge sogar zu verstehen ist. Pitit se richès malere, Kinder sind der Reichtum der Armen, wäre das passende kreolische Sprichwort dazu. Natürlich wäre eine funktionierende Geburtenkontrolle der Linderung des Hungers im Land förderlich. Persönlich hielte ich es indes für effizienter, vermehrt in die Bildung der breiten Bevölkerung zu investieren, um die zahlreichen Probleme des Landes zu lösen.

Wer die Möglichkeit hat, als gebildeter Haitianer das Land zu verlassen, tut das auch, siehe die großen Communities in Kanada, den USA, Frankreich, der Dominikanischen Republik usw. Ist diese Flucht ins Ausland nicht auch fürs Land eine Katastrophe, weil die so genannte Elite keine Hoffnung mehr hat, Haiti aus dem multiplen Elend herauszuführen?

Hier sollte man vielleicht zuerst differenzieren, von welcher Elite die Rede ist. Das Interesse der finanziellen Elite ist es, das Volk arm und ungebildet zu halten, um es besser auszubeuten und kontrollieren zu können. Die intellektuelle Elite dagegen wäre um authentische Verbesserungen im Land bemüht. Ihr fehlt es jedoch an finanziellen Mitteln, um ihre Ideen zu verwirklichen, und die finanzielle Elite ist ihrerseits bestrebt, unter allen Umständen zu verhindern, dass die intellektuelle Elite zu Geld kommt, um deren Visionen umzusetzen. Gelingt dies einem ihrer Vertreter trotzdem, so läuft er oftmals Gefahr, umgebracht zu werden. Vielfach entscheiden sich Angehörige der intellektuellen Elite daher, schweren Herzens das Land zu verlassen, um im Ausland zu Wohlstand zu kommen, den sie dann nach Jahren in der Diaspora in der Heimat zu investieren hoffen. Das Ganze als Katastrophe fürs Land zu bezeichnen, ist letztlich durchaus legitim.

Die Bürger der benachbarten Dominikanischen Republik haben gleich nach dem schrecklichen Erdbeben Haiti großzügig geholfen. Jetzt gibt es wieder neue Auseinandersetzungen zwischen beiden Staaten. Die Dominikanische Republik will die starke Präsenz der Haitianer im eigenen Land jetzt einschränken, auch durch rabiate Ausweisungen. Gibt es Spuren der Hoffnung, dass die beiden Nationen doch noch zu einem menschlichen Miteinander aufraffen?

Eine sehr schwierige Frage, wenn man bedenkt, dass die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) in der Angelegenheit schon vermittelnd helfen muss. Ich hoffe nicht, dass es einer weiteren großen Naturkatastrophe bedarf, so dass die Differenzen, welche die beiden Länder mit wechselnder Intensität schon seit Anbeginn miteinander austragen, wieder ein wenig in den Hintergrund gedrängt werden. Der so genannten »bi-nationalen, gemischten Kommission«, welche theoretisch schon seit den neunziger Jahren existiert und die für die Pflege der bilateralen Beziehungen ins Leben gerufen worden war, die indes viel zu selten tagt, neues Leben einzuhauchen, könnte ein Ansatz sein. Auch dass der alle zwei Wochen stattfindende bi-nationale Markt der haitianisch-dominikanischen Schwesterstädte Ouanaminthe und Dajabón trotz migrationspolitischer Differenzen weiterhin stattfindet, könnte man als Versinnbildlichung der gegenseitigen wirtschaftlichen Abhängigkeit sowie als positives Zeichen deuten. Schließlich jedoch glaube ich, dass die Differenzen der beiden Länder, die sich die Insel Hispaniola teilen, hüben wie drüben vor allem ein Problem der ungebildeten Massen ist, die von den eigenen finanziellen Eliten instrumentalisiert werden, indem sie ihnen ein Feindbild im Anderen suggerieren, derweil die oberen paar Hundert auf beiden Seiten der Insel eigentlich stets von der haitianischen Migration profitiert haben.

Frederic Maeder, Zürich, hat das Buch „Hochzeit haitianisch – Goudougoudou ex-ante!“ publiziert, er erzählt von einer Reise in erdbebenzerstörte Port-au-Prince. BoD ISBN 978-3-7357-0485-6, 16,90 Euro. Das Buch ist überall im Online-Handel erhältlich.

Copyright: Frederic Maeder, Zürich.



Gibt es heute moralische Politiker? Eine Frage, die Kant stellte

11. September 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Politiker, die sich einen „Völkerbund“ wollen, sollten moralisch handeln. Ein Hinweis von Immanuel Kant zur aktuellen Diskussion über den Zusammenhalt der EU

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nicht nur philosophisch gebildete Menschen wissen: Immanuel Kant hat sich 1794 ausdrücklich mit der Frage befasst: Wie ist Friede, sogar im weitesten Sinne „utopisch“ gedacht (im Sinne einer Zielbestimmung) als „ewiger Friede“ möglich?

Sein Text ist wichtig, weil er einmal mehr zeigt: Wie Reflexionen von Kant auch heute von bleibender Inspiration sind. Wer sagt: „Ach der Kant, der ist doch alt und veraltet“, irrt gewaltig und redet aus Unkenntnis! Oft sind die „Alten“ aus der Aufklärungs-Philosophie des 18. Jahrhunderts in Fragen der Ethik z.B. wichtiger und „weg-weisender“ als Philosophen des 20. Jahrhunderts, die etwa wie Martin Heidegger in keiner Weise Fragen der universalen Menschenrechte „angedacht“ haben. Aber das nur am Rande.

Kant ist in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ klar, deutlich und für seine Zeit schon radikal. Er schlägt zur Friedenssicherung eine Art Völkerbund vor. Voraussetzung für ein dauerhaftes Funktionieren eines „Völkerbundes“ ist: Die Staaten und damit die „nationalen“ Politiker müssen ihre eigene nationale Staatsräson dem gemeinsamen ZIEL unterordnen, d.h. sie müssen den praktischen Willen haben, auf ihre eigene Staatsräson zu verzichten zugunsten des großen Friedensprojekts! Nur dann können Streifragen im Disput geklärt werden, nur so kann Krieg unter den Mitgliedern des „Völkerbundes“ verhindert werden.

Wichtig ist: Kant ist mit guten Begründungen überzeugt: Auch Politiker müssen wie alle anderen aufgeklärten Menschen moralisch handeln. Auch für Politiker gilt das Gesetz, aus Pflicht moralisch zu handeln. Ohne die gelebte Moral der Politiker hat ein „Völkerbund“ keinen Sinn, keine verbindende Kraft. Ohne ein moralisches Bewusstsein und ohne die tatsächlich geleistete Pflichterfüllung gegenüber dem moralischen Bewusstsein (nämlich die eigene Nation relativ zu finden gegenüber dem „Völkerbund – und modern – auch zur EU) kann es keinen Zusammenhalt in einem „Völkerbund“ geben. „Ohne dieses moralische Moment der Pflicht (den Frieden zu wollen) verliert Kants Völkerbund seine moralische Kraft“, so Manfred Geier, „Aufklärung – das europäische Projekt“, Reinbek bei Hamburg 2013, Seite 279.

Angesichts der offensichtlichen Krise der EU, sichtbar in der arroganten Ablehnung etlicher Mitgliedsstaaten, Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak usw. ins eigene Land aufzunehmen, stellt sich die Frage: Wie moralisch sind diese EU-Politiker? Diese Frage muss, Immanuel Kant folgend, erlaubt sein, ohne dabei eine „Schlammschlacht“ zu inszenieren oder gar jemanden an den Pranger zu stellen: Aber die Frage ist virulent: Sind Politiker – damals wie heute – bloß Funktionäre, nur Technokraten, nur „Führergestalten“, die letztlich bloß die alten nationalen Interessen vertreten (oder auf Stimmen für die eigene Partei schielen) und also nur so tun „als ob“ sie ein ernsthaftes Interesse an einem „Völkerbund“ hätten. Die Frage im Sinne Kants heißt: Haben die Politiker überhaupt die Fähigkeit, die BürgerInnen ihres jeweiligen Landes über das traditionelle, vorgegebene Niveau, also die nationale Ideologie, hinauszuführen zu einer größeren friedlichen Vereinigung in einem „Völkerbund“. Wer stellt heute diese Fragen? Wer verlangt eine Art häufigen „Fähigkeitscheck“ von Politikern, die in anderen Berufen, wie etwa bei den Ärzten, inzwischen selbstverständlich sind. Aber ob die Moralität eines Politikers dabei festgestellt werden kann, bleibt offen. Kant jedenfalls hat nur die Hoffnung, dass es moralische Politiker geben kann. Heute stehen wir vor der Aufgaben unmoralische Politiker zu entfernen, also abzuwählen, oder im Falle von Diktaturen, die unmoralischen Politiker ins Abseits zu drängen. Aber so lange angeblich moralische Politiker (des Westens) mit den tatsächlich unmoralischen Politikern (in den Diktaturen) beste Geschäfte machen, ist diese Veränderung in den Diktaturen schwierig. Die westlichen, angeblich moralischen Politiker, könnten hingegen durch ihr Verhalten, durch ihr Nein zu den unmoralischen Diktatoren, vieles verändern dort. Vor allem: Sie würden sich selbst verändern, also wirklich moralisch werden… und die Länder verändern, den Menschenrechten zuführen. Warum tun das die angeblich moralischen Politiker des Westens nicht? Kant würde hart sein und sagen: Sie tun das Richtige nicht, weil sie nicht moralisch sind. Aber allen „Moralisten“ heute sei eingeschärft: Für Kant hat moralisches Handeln nichts mit Kirchentreue zu tun, nichts mit Staats-Ergebenheit, nicht mit absolutem Respekt vor Dogmen usw. Moralisches Handeln ist einzig ein solches, das vor dem „Kategorischen Imperativ“ bestehen kann.

Copyright: Christian Modehn



Wenig Licht – viel Schatten Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

7. September 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Wenig Licht – viel Schatten. Ein Kommentar des Jesuiten Flüchtlingsdienstes Berlin vom 7. September 2015

Ein Hinweis des Religionsphilosophischen Salon Berlin vorweg:

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst ist einer der international hoch angesehenen, bewährten und umfassend helfenden Institutionen für Flüchtlinge. Und eine Stimme der Flüchtlinge, die sich an Menschen wendet, die in privilegierten Verhältnissen leben, z. B. in Deutschland.  Der Jesuiten Flüchtlingsdienst hat auch in Berlin eine Filiale, das sollten Berliner immer mehr zur Kenntnis nehmen…Wie schon öfter, geben wir gern eine Pressemitteilung weiter, zur Diskussion … und zur Förderung kritischen Nachdenkens. Denn kritisches Nachdenken einüben: Das ist ein Ziel des Religionsphilosophischen Salon. Für den sich die religiöse Frage natürlich nicht nur dort „abspielt“, wo Religion/Konfession/Kirche draufsteht. Meistens ist „das Religiöse“ und auch das Christliche ganz woanders lebendig, man muss es nur suchen…

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Nach der wegweisenden Entscheidung vom Wochenende, Flüchtlingen aus Ungarn die Weiterreise nach Deutschland zu gestatten, sind die jüngsten Beschlüsse der Regierungskoalition enttäuschend: Sie bleiben die Antwort auf viele drängende Fragen vor Ort schuldig. Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst begrüßt, dass mehr Geld für die Unterbringung Asylsuchender bewilligt wurde und sie früher Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.

Scharf verurteilt er die Rückkehr zum Sachleistungsprinzip und die Erweiterung der sicheren Herkunftsländer. „Vielen konkreten Herausforderungen laufen die Entscheidungen zuwider: Wir brauchen mehr Unterstützung für Ehrenamtliche, die die Arbeit vor Ort leisten, und nicht mehr Bürokratie im Verfahren“, kommentiert Pater Frido Pflüger SJ, Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, in Berlin. Grundsätzlich begrüßt er, dass Länder und Kommunen mehr Hilfe vom Bund für die Unterbringung und Versorgung von Asylsuchenden bekommen sollen, auch wenn noch nicht fest steht, wofür genau das Geld verwendet werden soll.

Positiv ist auch, dass der Bund die Länder und Kommunen beim Aufbau von etwa 150.000 winterfesten Plätzen in menschenwürdigen Erstaufnahmeeinrichtungen unterstützen und das Arbeitsverbot für Asylsuchende und Menschen mit Duldung auf drei Monate reduzieren will. „Man fragt sich aber, warum die Menschen nicht sofort arbeiten dürfen“, meint Pflüger. Scharf verurteilt er die Ausweitung der Liste „sicherer“ Herkunftsländer.

Selbst nach offiziellen Statistiken ist die Zahl der Asylsuchenden aus Albanien, Kosovo und anderen Westbalkan-Staaten in den letzten Monaten bereits stark gesunken. Viele Gründe für die Flucht dieser Menschen, etwa drohende Blutrache, werden von den deutschen Behörden und Gerichten nicht ernst genommen – anders als etwa in Frankreich oder der Schweiz. „Die drei Staaten als ‚sicher‘ zu erklären, ist eine reine Symbolpolitik zu Lasten der betroffenen Menschen“, kritisiert Pflüger. Das Geld für 3.000 zusätzliche Stellen bei der Bundespolizei wäre anderswo besser angelegt: Die vielen Hilfsorganisationen und Ehrenamtlichen, die die Arbeit für und mit den Flüchtlingen leisten, hätten damit gefördert werden sollen. „Das hätte ein wichtiger Beitrag des Bundes für die Willkommenskultur vor Ort sein können“, merkt Pflüger an.

Dass Asylsuchende in den Erstaufnahmeeinrichtungen nur Sachleistungen statt Bargeld bekommen sollen, hält der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für sinnlos und verfassungswidrig. „Mit der Wiedereinführung von Sachleistungen geht die Koalition genau den falschen Weg – auf der Grundlage der absurden und lebensfernen Annahme, irgendwer würde seine Heimat wegen eines Taschengelds verlassen“, so Pflüger. Das Bundesverfassungsgericht hat 2012 klargestellt: Zur Menschenwürde gehört auch der Kontakt mit der umgebenden Gesellschaft. „Das geht nicht, wenn man nur Essenspakete und ein Bett bekommt“, meint Stefan Keßler, Politik- und Rechtsreferent beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst. Auch sind Sachleistungen wesentlich teurer als Bargeldzahlung.

Die Höchstdauer einer Duldung von sechs auf drei Monate zu reduzieren, hält Keßler für Unsinn: „Die Menschen werden noch häufiger zur Ausländerbehörde gehen müssen, um ihre Duldung zu verlängern. Das vergrößert ihre Belastung, aber auch den Verwaltungsaufwand.“

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Der „Jesuit Refugee Service“ (Jesuiten-Flüchtlingsdienst, JRS) wurde 1980

angesichts der Not vietnamesischer Boat People gegründet und ist heute als

internationale Hilfsorganisation in mehr als 50 Ländern tätig. In

Deutschland setzt sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für

Abschiebungsgefangene ein, für geduldete Flüchtlinge und für Menschen ohne

Aufenthaltsstatus („Papierlose“). Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind

Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache.

 

Wer sich helfend, informierend mit dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten beschäftigen will:

Jesuiten-Flüchtlingsdienst Deutschland, Jesuit Refugee Service (JRS)

Dr. Dorothee Haßkamp, Öffentlichkeitsarbeit

Witzlebenstr. 30a

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Menschlichkeit zuerst: Der katholische Bischof Jacques Gaillot wird 80 Jahre alt

31. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Gott in Frankreich

Zu Beginn ein Buchtipp: „Die Freiheit wird euch wahr machen“. Eine Festschrift zum 75. Geburtstag von Bischof Jacques Gaillot. Herausgegeben von Roland Breitenbach, Katharina Haller und Christian Modehn. 2010. Reimund Maier Verlag, Schweinfurt, 223 Seiten mit vielen Beiträgen, die das theologische und politisch-praktische Profil Gaillots deutlich machen. Dies ist die neueste Studie zu Bischof Gaillot in deutscher Sprache.

„Menschlichkeit zuerst“: Jacques Gaillot, katholischer Bischof, wird 80 Jahre

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der Religionsphilosophische Salon muss sich gelegentlich auch mit Bischöfen befassen. Aber nur mit solchen, die außergewöhnlich sind. Bischof Jacques Gaillot (ehemals Evreux, Normandie, jetzt Paris) gehört dazu. Ich habe ihn als Journalist für die ARD in Deutschland bekannt gemacht, zuerst 1985 mit der Radiosendung und dem etwas ironischen Titel: “Ein Bischof auf dem Lande“ (SR), dann immer wieder mit regelmäßigen Berichten in meiner ca. 40 Halbstundensendungen umfassenden Sendereihe „Gott in Frankreich“ für den Saarländischen Rundfunk SR, Red. Norbert Sommer, auch zwei 30 Minutenfilme fürs Erste, 1989 und 2005 (WDR), gehören dazu usw…

Am 11. September 2015 wird Bischof Jacques Gaillot 80 Jahre alt.

An ihn zu erinnern ist geradezu Pflicht, wenn man Interesse hat an der Frage: Gab es und gibt es noch einen katholischen Bischof, der einen katholischen Glauben im Gespräch mit der Moderne und im Respekt vor den heutigen Kulturen gestalten will. Für den Menschen mehr zählen als Dogmen und Kirchentraditionen, der keine Angst hat vor deutlichen und wahrhaftigen Worten; der keine Angst hat, dadurch sich seine klerikale Karriere zu beschädigen. Gaillot ist ein Bischof, der Nein sagt zu kleinrarierter klerikaler Ambition, der Nein sagt zu einer kapitalistischen Welt und deren Religionen, die den Gott Geld als den größten Wert verehrt.

Jacques Gaillot wurde 1995 vom Papst als Bischof von Evreux abgesetzt, aus dem „einfachen“ Grund: Weil er zu progressiv war. Die Liste seiner außergewöhnlichen Aktivitäten ist lang und wurde an anderer Stelle dokumentiert, klicken Sie hier.

Nur so viel: Gaillot wollte im Sinne Jesu von Nazareth eine menschenfreundliche Kirche aufbauen, die über ihre eigenen veralteten Gesetze und Gebote hinweggeht. Er war politisch sehr system-kritisch, empfand z.B. mehr (praktisch gelebte !) Sympathien für Wehrdienstverweigerer als für konservative (oft rassistisch angehauchte) Politiker. Bischof Jacques Gaillot lebt seit Ende der 1990 Jahre im Kloster der Ordensgemeinschaft „Väter vom Heiligen Geist“ (Spiritaner) in Paris; bis vor 5 Jahren noch als weltweit aktiver Bischof von Partenia, mit einer immer noch bestehenden mehrsprachigen Archiv-website. Seit 5 Jahren lebt Jacques Gaillot etwas mehr zurückgezogen, sozusagen als „pensionierter Bischof“ von Partenia, einem Ort in der algerischen Wüste: Diesen Ort hatte Rom für ihn als Bischofssitz ausgesucht. Ein imaginärer Titel. Deutlicher Ausdruck dafür, dass da ein progressiver und in den 1980 Jahren sehr beliebter Bischof in die Wüste geschickt wurde. Bischof Gaillot verstand es wie kein anderer in Europa, den Glauben, auch in der katholischen Variante, mit den Denk- und Lebensformen der europäischen Moderne zu versöhnen, wobei die Moderne ernst genommen wird, als Welt, als Kultur, als Demokratie mancherorts, von der es auch katholisch-christlich zu lernen gilt! Die website des „Wüstenbischofs“ Gaillot  und des „Wüstenbistums“ Partenia (die website wurde vor 5 Jahren geschlossen) ist noch in mehreren Sprachen, auch auf deutsch, erreichbar, klicken Sie hier.

In Deutschland ist jetzt in den Medien von Jacques Gaillot nichts bzw. fast gar nichts mehr zu hören und zu lesen. Kardinal Meisner verfügte einst ein Redeverbot für Bischof Gaillot, seit der Zeit wird er von den Bischöfen Deutschlands und auch Frankreichs wie ein Paria behandelt. Auch in der französischen Bischofskonferenz spielte er und spielt er keine Rolle mehr. Die Macht in Rom hat sich durchgesetzt und einen kreativen Bischof, sozusagen einen Hoffnungsträger, ins Abseits gedrängt. Wie sehr sich die Kirchenführung dabei selbst schadet, scheint ihr gar nicht bewusst zu sein. Oder es ist ihr egal! Seit der Absetzung von Bischof Gaillot haben sich tausende progressiver Katholiken eben ihrerseits „abgesetzt“, also von der Kirche verabschiedet. Zur Zeit sollen noch 4 Prozent aller französischen Katholiken (noch ca. 60 Prozent der Bevölkerung) an den Sonntagsmessen teilnehmen. Tendenz: Sehr stark (altersbedingt) sinkend. Bald ist es vorbei mit dem französischen Katholizismus…

Nur in kleinen progressiven katholischen Kreisen ist Gaillot noch willkommen. Seine wahre spirituelle und politische Heimat sind hingegen Menschenrechtsbewegungen in Franreich.

Wir dokumentieren aus verschiedenen französischen Zeitschriften einige der jüngsten Aktivitäten und Statements Bischof Gaillots aus den letzten 5 Jahren

Bischof Gaillot besucht im August 2015 die von Ausweisung bedrohten Roma in Saint Ouen. „Sie sind Menschen wie wir. Wie kann man eine menschliche Gesellschaft aufbauen, wenn man nicht die Schwächsten respektiert?“

In der Tageszeitung „L Humanité“ (Organ des PCF, auch da kennt Gaillot keine Berührungsängste) äußert er sich im November 2014 kritisch zur Synode der Bischöfe in Rom. Die zölibatären Herren debattierten dort über Familien, Homosexuelle und Geschiedene, die noch einmal heiraten wollen! Gaillot sagte dem Blatt der französischen Kommunisten: “Die katholische Kirche soll Menschen so annehmen und aufnehmen wie sie sind und nicht wie sein sollten. Sie soll nicht von Prinzipien ausgehen. Sie soll wohlwollend die Liebe anerkennen, die unter den Paaren besteht, die außerhalb der alten katholischen Normen leben. Am Rande der Kirche (an der Basis) gibt es bereits ein Klima der Toleranz und des Respektes für jene, die von den kirchlichen Reglementierungen ausgeschlossen sind“. Weiteres lesen Sie hier.

Gegenüber der Tageszeitung „Le Parisien“ sagte er im Januar 2015: „Im Sommer habe ich selbst ein homosexuelles Paar gesegnet und später auch mit einem heterosexuellen Paar eine Trauungszeremonie in einem großen Garten gestaltet, diese Menschen konnten nirgendwo kirchlich heiraten, weil sie geschieden waren. Ich selbst lebe außerhalb der kirchlichen Institution („hors le murs“), darum finde ich es auch sehr gut, auch außerhalb der Kirchengebäude Gottesdienste zu feiern“.

Zur Kirche in Frankreich heute sagte Gaillot:
„Sie ist zu konservativ, da passiert nichts Besonders mehr. Ich habe anlässlich der großen Demonstrationen für die „Ehe für alle“ (also auch für Homosexuelle) demonstriert, die Kirche hat sich absolut dagegen gewendet. Ich meine: Wenn sich die Gesellschaft entwickelt, muss sich auch die Kirche entwickeln. Wenn sie diese Entwicklung nicht mit-vollzieht, wird sie verschwinden. Wenn die Kirche sich nur für sich selbst interessiert, wird sie verschwinden. Die Bischöfe verwenden viel Energie darauf, nur die Strukturen neu zu organisieren. Sie bleiben gegenüber der Moderne misstrauisch. Sie blicken nur in die Vergangenheit und lieben pompöse Zeremonien.

Während ich dem Pontifikat von Papst Benedikt XVI. sehr reserviert gegenüber stehe, bewundere ich doch Papst Franziskus. Aber ist ein bisschen isoliert. Dennoch war die Leistung von Benedikt XVI. beachtlich, dass er zurückgetreten ist! Ich wünsche mir, dass die Päpste eine fest begrenzte Regierungszeit haben und das Ende eines Pontifikates nicht vom Willen des einzelnen Papstes abhängt. Der Papst ist kein Monarch. Er ist ein Diener. Man muss die Person des Papstes entsakralisieren“. Papst Franziskus hat er einen Brief geschrieben, auf den dieser sogar geantwortet hat, berichtet Gaillot. Manche Formulierungen/Sprüche  des Papstes erinnern unmittelbar an ältere Äußerungen Gaillots, auch an seine Buchtitel, etwa: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“ (sogar bei Herder erschienen)… Aber an eine Rehabilitierung, für eine Entschuldigung Roms für seine brutale Absetzung als Bischof, glaubt Gaillot nicht. Er will sich darum auch nicht selbst bemühen.

Weitere Berichte in der französischen Presse (auf die wir nur hinweisen, um die vielen Aktivitäten Bischof Gaillots wenigstes anzudeuten) beziehen sich auf seine Teilnahme an der großen Demonstration im Januar 2015 nach der Tötung der Redakteure von „Charlie Hebdo“ (weitere Informationen klicken Sie hier) und der Opfer aus der jüdischen Gemeinschaft. Außerdem tritt Gaillot für eine gerechte Gesetzgebung für ein Sterben in Würde berichtet: Er fordert, dass – in Ausnahmefällen- schwerkranke Menschen die rechtliche Möglichkeit haben, um Sterbehilfe zu bitten. Es wird auch berichtet, dass Gaillot in der Kirche St. Sulpice in Paris im September 2013 eine Bestattungsfeier für seinen atheistischen Freund Prof. Albert Jacquard gehalten hat. Mit ihm zusammen hat Gaillot Jahre lang für die Rechte der Obdachlosen und Wohnungslosen gekämpft.

Zur christlichen Spiritualität im engeren Sinne wurde er auch befragt: „Seit meinem 76. Lebensjahr nehme ich etwas Abstand von allem. Ich spüre sehr stark die Anwesenheit Gottes in jedem Menschen. Die Messe feiere ich im Haus der Spiritaner-Patres hier. Aber hier in Paris ruft man mich ständig, lädt ich ein, man braucht meine Hilfe“. Menschlichkeit, Solidarität, Teilen des alltäglichen (armen) Lebens der absoluten Mehrheit der Bevölkerung: Das ist für Jacques Gaillot am wichtigsten. Das ist christlich. Spirituell. Religiös.

copyright: christian modehn, Berlin

 

 



„Ethik ist wichtiger als Religion“. Zu einer These des Dalai Lama

30. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

„Ethik ist wichtiger als Religion“: Hinweise zu einer These des Dalai Lama

Von Christian Modehn

Der Dalai Lama hat in Gespräch mit Franz Alt die These vertreten: „Ethik ist wichtiger als Religion“. Dieser neueste Beitrag des Dalai Lama vom April 2015 wird international verbreitet, der Text steht auch als pdf Datei gratis zum Herunterladen bereit.

In unserem Religionsphilosophischen Salon am 28.8.2015 haben sich –im Gespräch mit 26 TeilnehmerInnen – einige Fragen und Perspektiven ergeben. Aus meiner Sicht der Hinweis:

Es ist außergewöhnlich, dass einer der prominentesten religiösen Führer/Meister, der immer noch als „Seine Heiligkeit“ angesprochen wird, behauptet: „Ethik ist wichtiger als Religion. Ethische Bildung ist wichtiger als religiöse Bildung. Religion ist tendenziell gewalttätig“.

Relativiert der Dalai Lama damit die Religion? Handelt es sich um eine Art Selbst-Herabstufung des Religiösen durch einen religiösen Meister? Diese Überzeugung wäre ja angesichts der vielen Krisen dieser Welt verständlich, wo die Religionen oft keine konstruktive Rolle spielen (Islam) und die Sehnsucht nach einer wirklichen allumfassenden Menschlichkeit enorm ist.

Die Frage bleibt: Ist die Lage der Welt, Krieg, Gewalt, Fundamentalismus, Wahn, Vertreibung usw. so zum Verzweifeln, dass schon gar nicht mehr damit gerechnet werden kann, Religionen könnten dabei behilflich sein? Haben die Religionen kein Potential der Hilfsbereitschaft mehr? Wer sich unbefangen umsieht, wird heute eher des gegenteiligen Eindrucks gewiss: Die Kirchen helfen diakonisch, auch muslimische Organisation sind caritativ tätig. Schwierig bzw. nicht hinzunehmen ist hingegen, wenn aus religiösen Offenbarungsprinzipien weltliche Gesetze abgeleitet werden! Das geschieht noch in vielen islamischen Ländern. Der Dalai Lama plädiert ausdrücklich mehrfach für eine säkulare Ethik, also eine solche, die sich der allgemeinen, der menschlichen Vernunft erschließt, also auch Atheisten und Agnostikern, wie ausdrücklich betont wird. Diese hat Gewissheiten, wenn nicht Evidenzen zu bieten, etwa der Kategorische Imperativ! Aber: Welche konkreten Vorschläge hat de Dalai Lama, um dieser säkularen Ethik als Realität entgegen zu gehen? Er schlägt das Übliche vor: Meditieren, meditieren, meditieren… Aber, eher nebenbei: Der Dalai Lama scheint Ethik und Moral zu verwechseln. Moral ist das gute Leben des einzelnen, Ethik die Reflexion auf die gelebte Moral. Er spricht dauernd nur von Ethik als der Lehre der Moral!

Gibt es auch „böse Ethiken“? Natürlich, aber das wird vom Dalai Lama nicht thematisiert. Die ideologischen Traktate der Nazis oder der Stalinisten gaben sich als so genannte „Ethiken“ aus.

Und nicht alle Religionen sind „unvernünftig“ und tendenziell bzw. faktisch gewalttätig. Mit der Reformation begann das Bemühen, den christlichen Glauben vernünftig zu betrachten, die Bibel vernünftig zu lesen, vielen Hokus Pokus aus dem Christentum zu vertreiben. Dabei haben Philosophen für eine Reinigung des obskuren christlichen Glaubens gesorgt. Es gibt bis heute kleine explizit theologisch-liberale protestantische Kirchen! Und auch die Mystiker, die von dem unsichtbaren Gott, dem göttlichen Geheimnis sprechen. Das sieht der Dalai Lama (in dieser Schrift) nicht.

Er sieht auch nicht, dass Religion selbst sich ALS Ethik versteht, etwa, wenn Jesus von Nazareth im Gleichnis des Barmherzigen Samariters diese gute Tat ALS den wahren Gottesdienst versteht.

Die abstrakte Trennung hier Ethik, da drüben „jenseits“, getrennt die Religion, gilt nicht, sie ist sogar falsch! Ein Beispiel: Heute sind (katholische) Basisgemeinden in ihrem Engagement für die Menschenrechte (auch für die Arm-Gemachten, Elenden) bester Ausdruck dafür: Religion ist selbst Ethik (als Eintreten für Menschenrechte).

Und hat Religion als (reflektiertes) religiöses Gefühl, das sich entwickelt auch in Auseinandersetzung und im Erleben von Kunst, Musik, Literatur, Poesie, nicht nur sehr gutes und manchmal – in seelischen Krisenzeiten etwa – ihr vorrangiges Recht?

So ist diese Broschüre des Dalai Lama mit Franz Alt interessant, inspirierend, durchaus, aber auch inspirierend zur Kritik und der Feststellung von Fehlern. Aber das will der Dalai Lama zweifellos!

Bei aller Kritik jedoch gilt: Die Broschüre des Dalai Lama bleibt wichtig. Sie zeigt den richtigen Weg: In dieser zerrissenen und chaotischer werdenden Welt kommt es zuallererst auf Kräfte an, die das Verbindende der Menschheit fördern willen. Die zuerst an den Menschen als Menschen denken, an sein „Glück“, wie der Dalai Lama sagt, und alle gewagten/neurotischen Konstruktionen und Ideologien, auch religiöse Ideologien, auf die zweite Stelle setzen.

Und diese Kräfte sollten, so bescheiden auch immer, diese säkular – ethische Haltung leben, in kleinen Gruppen oder allein. Die protestieren, wenn Religionen, Ideologien, esoterische Fantastereien wichtiger genommen werden als die allgemeine Vernunft, also die für alle (!) geltenden Menschenrechte, die absolut vorrangig bleiben, auch wenn unbegabte Politiker sie missbrauchen.

Es wird die Frage dringend angesichts dieser Schrift des „Anführers“ der Buddhisten:

Wann wird denn ein Papst – dem Dalai Lama folgend – sagen: Auch für uns Katholiken und für den Vatikan, alle Bistümer und den päpstlichen Hof (Kurie) ist die vernünftige Ethik wichtiger als die katholische Religion und ihre rigiden religiösen/klerikalen Gesetze? Und wir sprechen darüber IN den Gottesdiensten, gestalten „Feiern der Ethik“ am Sonntag anstelle der ewig selben Messen mit ewig denselben Worten etc…

Wann wird denn dies der Ökumenische Weltrat der Kirchen in Genf sagen? Wann die Verantwortlichen der Reformationsfeierlichkeiten 1517 in Wittenberg: Ethik ist wichtiger als eure Religion!

Wann die Putin ergebenen und verblendeten Popen und Patriarchen in Moskau? Gibt es Hoffnungen angesichts einer reaktionären orthodoxen Kirche, die nur als angepasste Staats-Ideologie existiert?

Wann all die vielen Islam-Organisationen: Wann werden sie mit einer Stimme bekennen und in allen Moscheen laut schreiend bei einem Freitagsgebet jeweils in den Landessprachen sagen: Vernünftige (!) Ethik ist wichtiger als Religion und religiöse Traditionen?

Wann werden dies militante Hindus und militante Buddhisten usw. sagen? Und die Anhänger jener Religion, die die eigene Nation bzw. den eigenen Staat und den Kurs der Börse heilig sprechen? Darf man das hoffen? Erwarten dürfen wir es nicht, weil die Macht der religiösen Verblendung auch heute enorm ist, weil Religion das eigene Nachdenken erspart und nicht fördert. Und viele Religion (als Ideologie)  wichtiger finden als pure Menschlichkeit.

ABER: Wir müssen hoffen und daran arbeiten, damit wir nicht völlig verzweifeln: Säkulare Ethik ist wichtiger als unvernünftige Religion, aber nicht jede Religion ist unvernünftig, siehe oben!

Der Dalai Lama hat jedenfalls einen klaren Schritt vollzogen und er hat einen radikalen SCHNITT vollzogen. Merken wir es uns: Ethik ist ab sofort wegen des Überlebens der Menschheit wichtiger als (unvernünftige) Religion.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther? Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator Thomas Müntzer

14. August 2015 | Von | Kategorie: Befreiung, Theologische Bücher

Ohne Müntzer gäbe es keinen Luther?

Ein Hinweis auf den heute (fast) vergessenen Reformator

Thomas Müntzer (1489 bis 27.5.1525)

Von Christian Modehn am 14.8.2015

Bei aller aktuellen Gedenkfeier-Begeisterung im Blick auf das „große“ Jahr 2017, also auf den öffentlichen Start der Reformationsbewegung vor 500 Jahren durch Martin Luther, fehlt immer ein Name: Thomas Müntzer. Selbst an Jan Hus wird jetzt zu recht in dem Zusammenhang manchmal (!) erinnert und es wird gefordert, den Reformator aus Böhmen, bei lebendigem Leibe als angeblicher Ketzer verbrannt zu Konstanz 1415, doch bitte etwas ins Gedenken 2017 einzubeziehen. Aber einer fehlt immer: Thomas Müntzer. Er hat am Ende seines kurzen, bewegten Lebens in aller Deutlichkeit gesehen: Die Reformation wird einseitig, wenn man nur eine evangeliums-gemäße, also reformierte Kirche anpeilt, und nicht auch für Gerechtigkeit, für sozialen Ausgleich und möglichst auch Herrschaftsfreiheit in der Welt (!) eintritt.

Offensichtlich sind in der jetzigen Gesellschaft die Vorurteile gegen Müntzer (wieder) auch in den Kirchen so dominant, dass zu einem unbefangenen und selbstverständlich auch kritischen Müntzer-Reformationsgedenken kein Wille zu spüren ist. Die Vereinnahmung Müntzers durch die DDR hat dem radikalen, auch die soziale Gerechtigkeit mit-bedenkenden und für die Armen kämpfenden Reformators („Beteiligung am Bauernkrieg“) sicher nicht gut getan, auch wenn nur so etwa bestimmte großartige Kunstwerke, wie das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen (geschaffen durch Werner Tübke) zustande kamen. In den neuen Bundesländern gibt es immer noch Thomas Müntzer Straßen, in Bad Frankenhausen trägt eine Neubausiedlung seinen Namen, wie lange diese Namensgebungen bleiben, weiß wohl keiner genau… Zutreffend ist sicher die Meinung, Müntzer sei sozusagen der Repräsentant des „linken Flügels der Reformation“, unzutreffend ist die Propaganda Behauptung der DDR, er hätte sich als (früher) „Sozialist“ der ausgebeuteten (Bauern-) Klasse als „Führer“ zur Verfügung gestellt.

Es wäre also jetzt Zeit, mit Vorurteilen aufzuräumen und den originellen Müntzer – bei aller Kritik, die ja auch für Luther gilt – herauszustellen.

Eine evangelische oder gar ökumenische Kirche ist nach ihm nicht (mehr) benannt. Und das Wissen über die vielen Verdienste Müntzers, etwa für die deutsche Liturgie, die er als erster feierte, seine Übersetzungen von Liedern usw., ist praktisch kaum verbreitet.Dabei hat Müntzer in Allstedt 1523 die erste deutschsprachige Messe gefeiert, sie rituell gereinigt und zu einem Erlebnis der verständlichen (!) Gottesbegegnung gemacht.

An dieser Stelle wäre die Verbundenheit Müntzers mit mystischen Traditionen aufzuarbeiten. Sein Insistieren auf die Unmittelbarkeit Gottes in der Seele des glaubenden Menschen, diese Erfahrung aber verlangt nach gesellschaftlichem, politischen  Ausdruck.

Das alles wird nicht gesehen, weil im Reformationsgedenken Luther so sehr im Mittelpunkt steht. Dabei hat der Luther-Spezialist, Prof. Bernhard Lohse, in seinem kompakten Lutherbuch (1982, München, Beck-Verlag) kurz und bündig (Seite 67 bis 69) daran erinnert: „Ist Müntzer im entscheidenden auch nicht von Luther geprägt, so hat doch die Kritik an Luther stärker als andere Faktoren zur Profilierung von Müntzers eigener Theologie beigetragen. Auch das Umgekehrte gilt, dass nämlich Luther an Müntzer exemplarisch zu sehen meinte, wohin das „Schwärmertum“ (also die spirituelle Haltung Müntzers in der Bewertung Luthers, CM) zwangsläufig führt, nämlich zur Verfälschung des Evangeliums, zur Aufhebung der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, zu Aufruhr und Verleugnung des Auftrags der Obrigkeit und insofern zur Gefährdung jeglicher weltlicher Ordnung und damit auch des öffentlichen Friedens“… Damit beschreibt Lohse, wie durch Luther sozusagen eine biedere, jegliche Ordnung eher bejahende Theologie sich durchsetzte. Etwas später schreibt Lohse zusammenfassend: „Insofern hat Luthers Konflikt mit Müntzer zu einer Verfestigung und auch Verengung bei Luther geführt“ (S. 68). Das Recht auf Widerstand konnte es für Luther nur gegen den Papst geben, so Lohse auf Seite 197 und dann wörtlich: “Eine Revolution käme nach Luther nur dann in Frage, wenn ein Herrscher wahnsinnig ist. Die Pervertierung staatlicher Macht ist im ganzen außerhalb seines Gesichtskreises“ (S. 197). Eher als Entschuldigung für die brave und biedere und gehorsame Einschätzung des Politischen und deren fürstlichen Führer durch Luther wird immer wieder die großartige Gestalt Friedrichs des Weisen angeführt, dabei wird aber vergessen, dass diese eine mögliche Lichtgestalt keinen Anlass gibt, die Korrumpierung sonstiger vieler Fürsten usw. damals wie heute theologisch zu ignorieren. Es ist interessant, dass der ursprünglich katholische Lutherforscher und Lutherfreund Prof. Otto Hermann Pesch auch die offensichtliche „Staatsnähe“ Luthers durch die positive Erfahrung mit Friedrich dem Weisen begründet sieht. Pesch deutet denn auch die sozialpolitische Radikalität Müntzers in „den schlimmen Erfahrungen begründet“, die dieser mit der Obrigkeit machte, so Pesch in seinem Buch „Hinführung zu Luther“, Mainz 1982, Seite 238, dies ist übrigens die einzige ultrakurze Erwähnung Müntzers durch Pesch in seinem Buch von 358 Seiten!

Und wenn man schon im Bereich des Spekulativen gelandet ist: Wie wäre die Reformation verlaufen, hätte sich Luther wie sein Kollege Thomas Müntzer auch explizit der sozialen Frage auch praktisch geöffnet? Dass das Luthertum (im Unterschied manchmal zu den Calvinisten) eigentlich fast immer zu den staatstragenden und von Staaten (siehe die extremen Kirche-Staat-Beziehungen einst in Schweden, Dänemark usw.) getragenen Kirchen gehörte,  ist allseits bekannt. Der lutherische Bischof und Befreiungstheologe Dr. Ernesto Medardo Gómez Soto in El Salvador ist wohl eine absolute Ausnahme. Es ist wohl bezeichnend, dass Gómez ursprünglich katholisch war, ehe er in Mexiko zum lutherischen Theologen ausgebildet wurde und als Freund des 1980 von katholischen Militärs ermordeten Erzbischof Oscar Romero gilt.

Thomas Müntzer wird heute in der Forschung eindeutig als selbständiger Theologe (nicht etwa bloß als Radikalinski, als „Führer im Bauernkrieg“) wahrgenommen. Das Profil Müntzers ist komplex, nur wenige Hinweise für das weitere Studium: Er hält sich an eine wort-wörtliche Interpretation der Bibel, auch die Weisungen des Alten Testaments versteht er im Wortsinne, als unmittelbare Ansprache und Aufforderung. Dabei wäre zu untersuchen, wie dieses unmittelbare Sich-Verpflichtetfühlen durch einzelne Bibelsprüche auch bei anderen Reformatoren, etwa auch Luther, üblich und fraglos war. Ohne jetzt moderne Begrifflichkeit diesen doch oft noch mittelalterlich denkenden Theologen überzustülpen: Kann man doch deren Bibel-Betroffenheit und dann Bibelinterpretation fundamentalistisch nennen! Um bei Müntzer zu bleiben: Wer etwa seine Fürstenpredigt zu Allstedt liest, wird sich heute wundern, wie diese Predigt voller ständiger Bibelzitate sozusagen gespickt ist, besonders solcher, die auf das Ende der Welt hindeuten, die Opferbereitschaft, den Endkampf, die Berufung der Auserwählten usw. Davon ist ja in der Bibel, AT und NT, so furchtbar oft die Rede. Auch vom Endkampf der Erwählten gegen die „Übeltäter“. In der Bibellektüre fand Müntzer – leider – einen Aufruf zu tötender Gewalt. Und die Überzeugung, dass er der Gerechte und Erwählte ist, der töten darf. Solcher Glaube ist selbstverständlich widerwärtig. Auch die sich christlichen nennenden Fürsten und die Päpste als Landesherren haben oft eine solche gewalttätige Bibelinterpretation respektiert…und praktisch umgesetzt. Also: Nicht Müntzer allein ist der große „Übeltäter“. Die allgemeine biblische Begründung von Gewalt und Mord und Totschlag ist eines der dunkelsten Kapitel der Christentums-Geschichte; der späte Müntzer (im Bauernkrieg) ist nur ein (!) Beispiel für viele andere irregeleitete Bibelinterpreten. Eines ist uns heute klar: In der Bibel, AT wie NT, sind äußerste Verwirrung stiftende Texte enthalten, die niemals ohne einen umfangreichen kritischen Kommentar gelesen werden sollten, wenn sie denn heute überhaupt noch spirituell Beachtung finden sollen. Warum kann eine Kirche solche Texte nicht beiseite legen? Und sich wichtigeren Aufgaben der Lebensdeutung zuwenden? Darüber könnte man doch „2017“ debattieren.

Es wäre also eine wichtige Aufgabe im Reformationsgedenken, den Fundamentalismus und die entsprechende Bibelinterpretation bei Luther und Müntzer und den zeitgenössischen Katholiken usw. zu untersuchen. Damit nicht im populären Verständnis nicht allein bestimmte Leser des Koran als Fundamentalisten allein da stehen. Und die Frage wäre dann zu stellen: Wer hat eigentlich direkt oder indirekt für den Unfrieden gesorgt: Müntzer, am Ende seines kurzen Lebens aufseiten der Bauern? Oder sogar auch – indirekt – Luther in seinem Vertrauen, die „guten Fürsten“ werden schon politisch alles recht machen? Tatsächlich aber konnten sie als protestantische Fürsten Kriege und Gewalt auch nicht verhindern, um es einmal moderat auszusagen. Luthers später so genannte Zwei Reiche Lehre überlässt zu schnell das Weltliche den „Herren“ und deren machtpolitischen(Un)-Vernunft…Luther glaubt an eine Art unverändliche Ordnung der Welt mit einer ziemlich unbeschränkten fürstlichen Gewalt. An dieser Stelle könnte heute der Dialog mit Müntzer neu aufgenommen und auch zu einer Kritik Luthers führen.

Noch einmal: Problematisch bzw. unerträglich bleibt bei Müntzer am Ende seines Lebens die Überzeugung, sozusagen Handlanger Gottes zu sein und um des Evangeliums willen die leidende Menschheit von den gewalttätigen Fürsten eben gewalttätig zu befreien, siehe etwa die letzten Verse der Fürstenpredigt. Aber der zentrale Gedanke Müntzers, dass zur Reformation eben auch eine grundlegende Veränderung der sozialen Verhältnisse gehört, ist nach wie vor gültig … und längst nicht eingelöst.

In jedem Fall ist das Ausblenden der umfassenden Gerechtigkeit, der christlichen Brüderlichkeit im Politischen durch Luther und durch Lutheraner später ein enormes Manko der Religionsgeschichte. Menschenrechte haben sich außerhalb der Kirchen durchgesetzt. Innerhalb der römischen Kirche sind sie bis heute ohne Geltung.

Die Erinnerung an Müntzer heute macht aus ihm selbstverständlich keinen Heiligen! Aber er ist und bleibt einer der ersten, die den reformierten Glauben nur im Zusammenhang sozialer Gerechtigkeit denken und leben wollten. Er ist an der Starrheit Luthers, an dem völligen Mangel an kompetenten Bündnispartnern, an seiner eigenen Fixierung auf seine besondere Erwählung gescheitert. Aber Müntzer hat eine Verbindung von Glauben und Gerechtigkeit gesucht in einer Radikalität, wie niemand vor ihm.

Müntzers Thema, seine Sache, bleibt grundsätzlich aktuell. Sie muss nur aus der fundamentalistischen Bibellektüre befreit werden. Gerechtigkeit ist jedenfalls auch dann eine Grundlinie der christlichen Botschaft! Und das sollte heute in einer Welt zunehmender Ungerechtigkeit diskutiert werden! In Lateinamerika war man da einmal weiter, etwa, als die katholischen Bischöfe in der Bischofsversammlung von Medellin 1968 von der „strukturellen Ungerechtigkeit“ sprachen (später war die Rede auch von struktureller Sünde) und der selbstverständlichen Überwindung dieses himmelschreienden Skandals! Später wurde dieses Projekt durch Leute rund um das Opus Dei, wie Erzbischof Lopez Trujillo, Medellin, zurückgefahren und neutralisiert (als angeblich kommunistisch). Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. hat diesen Kurs fortgesetzt, so dass heute sozialkritisch und katholisch sich in Lateinamerika nicht mehr reimt. Dabei ist der Name Müntzers unter Lateinamerikas Befreiungstheologen nicht unbekannt. Ob ihn auch Camilo Torres kannte?

Ist die Erwartung illusorisch, dass im Rahmen der „Reformationsfeierlichkeiten“ 2017 auch wenigstens ein Tag Thomas Müntzers und seiner Nachfahren (in Lateinamerika) gedacht wird? Wann werden Katholische und Evangelische Akademien Müntzer Tagungen gestalten?

Es gibt in eine sehr anregende Thomas Müntzer Gesellschaft, klicken Sie hier.  Sie veröffentlicht interessante Publikationen!!

Kürzlich erschien noch einmal, überarbeitet,  das Müntzerbuch von Hans Jürgen Goertz, klicken Sie zu weiteren Informationen hier.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon